
EPISODE 20
»Blutiger Zeitstrom«
von
Gunter Arentzen
Hinweis: Dieser Roman ist im Serien-Universum um Christoph Schwarz und Jaqueline Berger angesiedelt.
Er spielt nach den Ereignissen, die in Band 2/2010 erzählt werden.

You‘ll see him in your nightmares,
You‘ll see him in your dreams.
He‘ll appears out of nowhere but
He ain‘t what he seems.
You‘ll see him in your head
on the TV screen.
And hey buddy, I‘m warning
you to turn it off.
He‘s a ghost, he‘s a god,
he‘s a man, he‘s a guru.
You‘re one microscopic cog
in his catastrophic plan.
Designed an directed by
his red right hand
(Nick Cave – Red Right Hand)
Prolog
I
Burg Rauenfels/ Parallelwelt
Ken starrte aus dem Fenster seines Zimmers. Tränen rannen über seine Wangen, sein Herz schien sich zu verkrampfen.
Er war alleine mit sich, seinem inneren Schmerz und der bitteren Erkenntnis, für alle Zeiten ein Krüppel zu bleiben.
Die Sekunden dehnten sich zu Minuten, während er nichts anderes tat, als seine Hände in den Stoff der Decke zu krallen, als wolle er diese zerfetzen.
Nicht einmal Claire war an seiner Seite. Obwohl sie auf Rauenfels weilte, ebenso wie Dan. Er selbst hatte seine Freundin aus dem Zimmer geschickt.
Er wollte alleine sein.
Wochen waren vergangen, seit ihm jemand eine Kugel in die Wirbelsäule gejagt hatte. Wochen, in denen er an das Bett und an einen Rollstuhl gefesselt seinen Freunden nur aus der Ferne hatte helfen können. Wochen aber auch, in denen er darauf hoffte, dass sich die Verletzung seines Rückenmarks bessern würde, sodass er eines Tages wieder stehen und laufen konnte.
Die Mediziner auf Rauenfels hatten eine Heilung nie ausgeschlossen; bis heute.
Nun jedoch stand die Diagnose und sie war unumstößlich. Er würde niemals wieder gehen können. Der Rollstuhl würde von nun an sein stetiger Begleiter sein.
Ein Krüppel, wichtiger Körperfunktionen beraubt. Das war er.
Ich muss mich von Claire trennen, dachte er. Sie hat ihr Leben noch vor sich, während meines faktisch vorbei ist. Was soll sie mit einem wie mir? Einer, der nicht einmal in der Lage ist …
Ein Schrei der Enttäuschung und des haltlosen Zorns entrang sich seiner Kehle. Der Hass, den er auf den Schützen empfand, wuchs ins Unermessliche. Am liebsten hätte er den Mann eigenhändig erwürgt. Oder besser noch – ihm die Wirbelsäule gebrochen, damit er genauso zu leiden hatte, wie er in diesem Moment litt.
Sein Schrei ging in Schluchzen über, das schließlich zu einem Wimmern wurde, ehe es verstummte. Müdigkeit übermannte den jungen Mann. Das Adrenalin, welches zuvor durch seine Adern gerauscht war, verebbte.
Leere breitete sich aus, die von der Dunkelheit des Schlafs ausgefüllt wurde. Ein unguter Schlaf, gepaart mit Alpträumen, die ihm seine Ausweglosigkeit vor Augen führten.
II
»Du liebst ihn wirklich, nicht wahr?«, fragte Xarina leise.
Die Amazone saß neben Claire und hielt deren Hand. Die beiden Frauen hatten Kens Ausbruch gehört. Sie ahnten, wie sehr der junge Mann unter der Diagnose litt.
»Ich liebe ihn, ja«, erwiderte Claire. »Auch wenn wir uns in den letzten Wochen mehr und mehr entfremdet haben. Es ist, als würde eine Barriere zwischen uns entstehen. Eine Barriere, die wir nicht durchstoßen können.«
»Du lebst dein Leben, bestehst Abenteuer in fremden Zeiten und triffst außergewöhnliche Menschen. Er hingegen ist an einen Rollstuhl gefesselt. Hinzu kommt, dass du mit Dan unterwegs bist, seinem einstigen Widersacher. Kein Wunder, dass sich da eine Barriere auftut.« Xarina pustete sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Die Amazone konnte den Schmerz in Claires Augen sehen.
»Ich wollte studieren, einen guten Job finden und irgendwann eine Familie gründen«, flüsterte die Zeitreisende. »Ich hatte nie geplant, in fremde Epochen zu reisen, um dort einen verrückten Professor zu jagen. Und ich hatte nie geplant, mein Leben in fremden Welten zu riskieren oder von einem Ryk missbraucht zu werden.«
»Ich wurde in eine Welt des Krieges geboren. Träume, wie du sie hattest, waren mir stets fremd. Ich wollte eine Amazone werden, seit ich von ihnen hörte. Ein Wunsch, der in Erfüllung ging und mein Leben blutrot färbte.« Sie zögerte einen Moment, ehe sie in die Tasche ihrer Uniform griff und eine kleine Phiole hervorholte, gefüllt mit einer smaragdgrünen Flüssigkeit.
»Was ist das?«, fragte Claire neugierig, während sie die Phiole betrachtete.
»Medizin«, wisperte Xarina. »Sie ist imstande, jede noch so kleine oder große Verletzung zu heilen. Bei Ares, sie lässt sogar die Zähne eines Patienten nachwachsen.«
»Du meinst …« Aufgeregt wollte Claire nach dem Fläschchen greifen, doch Xarina war schneller und hielt ihre Hand fest.
»Diese Medizin stammt von den Feindwesen. Sie ist nicht menschlich, sondern wurde geschaffen, um verwundete Ryk zu heilen. Sie kann Ken heilen, aber der Preis könnte hoch sein.«
»Wie meinst du das?«, wollte die Zeitreisende wissen.
»Er wird stärker, schneller und gesünder als ein Mensch sein. Sein Verstand jedoch wird der alte bleiben, sodass er plötzlich mit völlig neuen Gegebenheiten konfrontiert wird. Das könnte ihn verändern!«
»Alles ist besser, als ihn auch nur eine Stunde länger in diesem Zustand zu lassen. Du musst ihm die Medizin geben.«
»Nein«, erklärte die Amazone bestimmt, während sie die Hand der jungen Frau losließ. »Das werde ich nicht. Wenn du möchtest, dass Ken das Zeug schluckt, dann gib du es ihm. Es ist deine Wahl und deine Verantwortung.«
»Ich nehme an, ihr Amazonen habt Erfahrung gesammelt mit dieser Medizin?«
Abermals schüttelte Xarina den Kopf. »Wenn uns Ares zu sich ruft, dann folgen wir ihm. Wir nehmen keine Medizin der Feindwesen, um unser Leben zu verlängern oder um unsere Körper aufzuwerten. Das würden unsere Anführerinnen niemals zulassen. Allein schon, dass ich dir diese Phiole gebe, würde Nadine auf die Palme bringen.«
Sie stand auf. »Markui wird bald die Z-Strahlen perfektioniert haben. Der Krieg geht auch für mich weiter, obwohl ich mich gerne auf Rauenfels aufhalte.«
»Ich kenne Markui schon eine Weile. Dass sich jemand wie du für ihn interessiert, ist mir ein Rätsel«, murmelte Claire. Sie wurde rot, als sie sich ihrer Worte bewusst wurde.
»Du kennst ihn offenbar nicht gut genug. Er ist schüchtern und zurückhaltend. Aber hast du jemals mit ihm geschlafen?«
»Nein!«, rief die Zeitreisende. »Ich … Nein, habe ich nicht. Ehrlich gesagt verspüre ich auch nicht das Verlangen danach.« Auch sie stand auf. »Ich gebe Ken die Medizin. Er muss eine Perspektive haben. Wir müssen eine Perspektive haben …«
»Viel Glück.« Xarina lachte leise, während sie den Raum verließ. Sie hatte versucht, aus Claire eine Amazone zu machen. Eine Kämpferin.
Es war ihr nur ungenügend gelungen.
Claire war eine nette Frau, die das Leben achtete und Milde schätzte. Auch dort, wo Härte angesagt war. Dies konnte die Amazone den Berichten entnehmen, die Markui nach jedem Abenteuer der Zeitreisenden verfasste.
Einen Moment ließ Claire noch verstreichen. Dann sprang sie auf, verließ ihr Zimmer und eilte über den Flur.
»Ken!«, rief sie, kaum dass sie das Zimmer ihres Freundes betreten hatte, »wach auf! Du kannst später schlafen, jetzt ist nicht die Zeit dazu!«
»Hm?«, murmelte der junge Japaner schlaftrunken, »was ist los? Wisst ihr, was aus Sanfold wurde? Wo er sich aufhält?«
»Nein, keine Ahnung. Aber das ist jetzt auch nicht wichtig!« Claire setzte sich auf das Bett. »Ich habe etwas, das dir helfen wird.« Sie hielt die Phiole in die Höhe.
»Was ist das?«, fragte Ken misstrauisch. »Gift, um mich von meinem Elend zu erlösen?«
Sie gab ihm einen empörten Klaps auf den Arm. »Ich würde dich niemals vergiften.«
»Also?«
»Es ist Medizin!«, erklärte Claire aufgeregt. »Medizin, die man diesen widerlichen Ryk gibt, wenn sie sich verletzt haben. Xarina sagte, dass es jede verdammte Wunde heilt. Jede, verstehst du?«
Die Augen des jungen Mannes wurden groß. »Das heißt, ich könnte wieder … Gib her!«
Claire zog ihre Hand zurück. »Die Amazone warnte mich aber auch, dass es dich verändern könnte. Dass du mit neuen Herausforderungen konfrontiert wirst, weil es dich stärker und schneller macht. Du musst lernen, mit den Veränderungen umzugehen.«
Ken hätte alles versprochen, um an die Medizin heranzukommen. Er hätte auch dem Teufel sein erstes Kind gegeben, nur um nicht länger ein Krüppel zu sein.
Darum nickte er, nicht ahnend, was das bedeutete.
Claire reichte ihrem Freund das Fläschchen. »Trink. Und dann sag mir, wie du dich fühlst.«
Ken entkorkte die Phiole und kippte die grüne Flüssigkeit hinunter, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wie die Medizin wirken würde.
»Schmeckt nicht einmal schlecht«, konstatierte er nach ein paar Sekunden. »Obwohl sie ein leichtes Brennen in der Kehle und im Magen verursacht. Aber das tut ein guter Scotch …«
Er schaffte es nicht, den Satz zu beenden. Plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, kam der Schmerz. Etwas schien seine Eingeweide zusammenzustechen. Er rang um Atem, sein Blut jagte durch die Arterien. Sein Körper schien plötzlich in Flammen zu stehen, jeder Muskel verkrampfte sich.
Ein Schrei kam über seine Lippen, während sich sein Körper unnatürlich verkrümmte.
Claire wich erschrocken zurück. Fahrig wischte sie sich über das Gesicht. Hatte sie ihn doch vergiftet?
Ken warf seinen Kopf hin und her, Schaum trat vor seine Lippen. Er würgte, konnte sich aber nicht übergeben.
Die Tür des Zimmers wurde aufgestoßen. Ein Arzt eilte herbei, ebenso Dan.
»Was ist passiert?«, fragte der Mediziner. Dann sah er die Phiole, schnupperte daran – und warf sie wütend zu Boden. »Es gibt einen guten Grund, warum die HDG den Einsatz dieser Mittel untersagt«, schrie er. »Sie ist nicht für Menschen gemacht.«
Xarina trat ebenfalls ein. Sie griff nach Claire, die schockiert zurückgewichen war. »Es ist bald vorbei. Keine Angst …«
Die junge Frau drehte den Kopf, um die Amazone zu mustern. Hinter ihr brüllte Ken seine unsagbaren Schmerzen hinaus. Sie wollte Xarina anschreien, sie fragen, warum sie nichts von den Nebenwirkungen gesagt hatte.
Doch kein Wort kam über ihre Lippen, denn plötzlich wurde sie von einer eisigen Kälte erfasst. Etwas zerrte an ihr, die Welt um sie herum verschwamm.
Eine Zeitreise, dachte sie. Verdammt, wie kann das sein? Ich dachte, wir hätten Sanfolds Maschine. Und jetzt …
Undeutlich nahm sie wahr, dass Dan ebenfalls von dem Phänomen erfasst wurde. Auch sah sie die erschrockenen Blicke von Markui und Roger, die beide herbeigeeilt waren, als Ken zu schreien begonnen hatte.
Dann trat sie ein in den Zeitstrudel, jagte in der Dunkelheit dahin, einem ungewissen Ziel entgegen.
Kapitel 1
I
New York City, 20.01.2001
Die Nacht war hell erleuchtet. Die Menschen im Big Apple kannten die Dunkelheit, welche die Stunden zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang brachte, meist nur aus Filmen oder aus Urlauben. Nicht umsonst hieß New York City auch Die Stadt, die niemals schläft. Und wer wach ist, der braucht Licht.
Es drang aus den Gebäuden auf die Straße, wurde von der Neonreklame gespendet oder entstammte schlicht den unzähligen Lampen der Wagen, die sich durch die Straßen wälzten.
Auch im Central Park war es nicht völlig dunkel, denn in regelmäßigen Abständen erhellten Lampen die Wege. Obwohl sich hier dunkle Inseln bildeten; vor allem hinter Büschen und Sträuchern, zwischen den Bäumen oder auch am Ufer der Seen.
Die Sterne konnte man von dort dennoch nicht sehen, denn NYC war eine Lichtinsel, die dem Betrachter die Sicht auf die Gestirne nahm.
Etwas, das nicht wenige Menschen bedauerten …
Doktor Jaqueline Berger gehörte nicht dazu. Sie brauchte die Sterne nicht, wenn sie durch die grüne Lunge der Stadt joggte. Die Schatzjägerin und Agentin der UKUSA musste darauf achten, in Form zu bleiben. Zwar hatte sie nie einen Dienstvertrag der Agency oder des MI6 unterschrieben, sich dafür aber freiwillig in die Hände der Geheimdienste begeben. Nicht für Ruhm und Ehre, sondern als Gegenleistungen für Hilfen, die sie von den Schlapphüten erhielt. Informationen waren auch in ihrem eigentlichen Metier ein wertvolles Gut. Zudem konnte es sehr wirkungsvoll sein, den Ausweis eines westlichen Geheimdienstes zu tragen.
Es war ein Arrangement, das sie oft, viel zu oft, bedauerte, es aber auch nicht aufkündigen konnte. Sie sah ihren Werdegang als unabänderliches Schicksal an. Was am Ende des Weges stand, vermochte die deutsche Archäologin, die sich inzwischen auch mit dem Unfassbaren, Göttern und metaphysischen Fragen befasste, nicht zu sagen.
Etwas Gutes, so argwöhnte sie, konnte es jedoch nicht sein. Dazu hatte sie in ihrem Leben zu viele teils sehr grauenvolle Dinge getan, auf die sie nicht besonders stolz war.
Nun ja, auf manche war sie stolz, hätte dies aber bei keiner Dinner-Party zugegeben. Die Abscheu ihrer Gastgeber wäre ihr gewiss gewesen …
An jenem Abend dachte Jaqueline nicht an die zurückliegenden Aufträge der UKUSA, nicht an Tod und Verderben.
Kurz zuvor hatte sie gemeinsam mit Christoph Schwarz aus Deutschland den Schatz der Likedeler gehoben. Einmal mehr war sie ihrem Ruf, die beste Schatzjägerin der Welt zu sein, gerecht geworden. Obwohl sie zu dem Schatz gekommen war wie die Jungfrau zum Kinde, genoss sie wie all die anderen Beteiligten die Aufmerksamkeit, die sie in der Presse genoss.
Noch mehr jedoch würde sie das Geld genießen, welches die Münzen, der Schmuck und das wertvolle Geschirr einbringen konnten. Obwohl sie es nicht für sich beanspruchte. Gemeinsam mit Christoph Schwarz und Roger Müller war sie Teilhaberin eines Konsortiums, und diesem würde das Geld zugute kommen. Am Ende jedoch würde das Geld dennoch auf ihrem Konto landen. Dann nämlich, wenn das Konsortium gewisse Erfindungen aus einer fremden Welt in klingende Münzen verwandeln konnte.
Jack, wie sie von ihren Freunden und Feinden genannt wurde, sog die Luft tief in ihre Lungen, während sie das Reservoir passierte, den größten See des Parks und zudem ein Süßwasserspeicher für die Stadt.
Ihre zu einem Zopf gebundenen Haare schwangen im Takt ihrer raschen Schritte.
Sie wollte gerade auf einen schmalen Pfad einbiegen, der um den See herumführte, als ihr am Gürtel befestigtes X-Gerät, ein PDA mit verschiedenen, sehr bemerkenswerten Funktionen, einen melodischen Dreiklang hören ließ.
Zeit, den Lauf abzubrechen. Sie musste nach Hause und dort unter die Dusche, wollte sie nicht zu spät zu einer Verabredung kommen, die sie an jenem Abend noch hatte.
Mit einem schwachen Lächeln dachte sie an Nancy Draco. Die junge Krankenschwester hatte um kurz nach Elf Feierabend. Ein kleines, leichtes Essen in einem verschwiegenen Restaurant nicht weit von ihrem Appartement auf der Upper West Side, anschließend ein Schlummertrunk bei ihr zu Hause und dann …
Die Nacht versprach aufregend zu werden.
Wie aufregend sie tatsächlich werden würde, erlebte Jaqueline kaum zwei Minuten später. Sie hatte sich umgewandt, um einem Pfad zu folgen, der sie aus dem Park hinaus zu einem Taxistand führen würde, als sie plötzlich ein seltsames, hohles Wimmern vernahm. Die Luft schien sich unmittelbar vor ihr zu verdichten.
Neugierig setzte sie ihre Datenbrille auf. Dieses Multifunktionswerkzeug diente nicht nur als Nachtsichtgerät, sondern stellte verschiedene Ansichten zur Verfügung, darunter auch einen Infrarot-Modus. Zudem diente die Brille als Kamera, Headset und Monitor für das X-Gerät, da es die Daten des PDA wiedergab.
Durch das Spezialglas der Brille konnte Jaqueline deutlich Luftwirbel erkennen. Es waren vier an der Zahl, die teils über dem Wasser, teils über den Wegen entstanden waren.
Mit der Hand tastete Jaqueline nach ihrer Sig. Sie wusste nicht, was unmittelbar vor ihr geschah. Keinesfalls aber wollte sie sich mit heruntergelassener Hose erwischen lassen. Besser, eine Pistole in Händen zu halten …
Ein Schatten zeichnete sich innerhalb einer der Wirbel ab. Sekunden später taumelte ein Mann hervor, strauchelte und konnte sich gerade noch an einem Baum halten, sonst wäre er zu Boden gestürzte.
Nach ein, zwei Sekunden huschte sein Blick in die Runde. Er sah Jaqueline, ignorierte sie jedoch. Ein krächzendes, Unheil verkündendes Lachen kam über seine Lippen, noch während neben ihm, durch einen zweiten Wirbel, ein weiterer Mann taumelte.
Auch dieser schaute sich verblüfft um, ehe er zu lachen begann. »Wir sind in New York. Scheiße, Taylor, ich bin wieder zu Hause. Wenn das nicht geil ist …«
»Und so wie die Schlampe vor uns aussieht, sind wir nicht einmal allzu weit von unserer Zeit entfernt.« Der Mann, der von seinem Freund Taylor genannt worden war, deutete auf Jaqueline. »Was für ein Datum haben wir heute?«
»20. Januar 2001. Und wenn du mich noch einmal Schlampe nennst, trete ich dir in den Arsch, Taylor. Damit wir uns klar verstehen.«
Sie hätte den beiden Männern gerne ein paar Fragen gestellt, doch noch gab es zwei weitere Wirbel. Durch einen stürzte just in diesem Moment ein junger Mann, ruderte mit den Armen und landete wütend fluchend im Reservoir.
Eine junge Frau, ausgespuckt vom letzten Wirbel, hatte es da schon besser. Sie stolperte neben Jaqueline über den Weg, knickte ein und ließ ein leises Stöhnen hören.
Die Schatzjägerin drehte nicht den Kopf, um zu ihr zu schauen. Sie behielt die beiden Männer im Blick. Dennoch nahm sie aus dem Augenwinkel zwei bemerkenswerte Details wahr – die Fremde, die gerade neben ihr erschienen war, trug nicht nur eine D-Drex-Pistole im Holster, sondern auch den unverkennbaren Dolch der Amazonen!
»Die Hexe und ihr Freund!«, rief Taylor, als er die beiden Zeitreisenden sah. Er riss seine Waffe aus dem Holster und wollte sie auf Claire richten, hielt aber inne, als er in die Mündung von Jaquelines Sig schaute.
»Waffe runter!«, donnerte die Schatzjägerin. »Los, wird‘s schon? Runter mit der Pistole, oder das hier ist deine letzte Nacht!«
Taylor schien von der Situation überfordert. Zumal Dan prustend aus dem Wasser kam, die Hand ebenfalls nahe seiner Pistole.
»Du machst einen Fehler, Schlampe«, zischte Taylor. »Du hast keine Ahnung, mit wem du dich anlegst. Also hör auf mit dem Scheiß!«
Jaqueline ließ sich von den Worten des Mannes nicht einschüchtern. Sie hielt die Waffe auch weiterhin in Händen und zielte auf ihn. Gleichzeitig behielt sie auch Taylors Kumpan im Blick. »Die Waffe runter! Ist das so schwer zu verstehen?«
»Fick dich! Du magst zwar eine große Waffe tragen, aber am Ende …«
Seine Hand mit der Pistole beschrieb einen Bogen. So, als wolle er nun auf Jaqueline zielen.
Das reicht!, beschloss die Schatzjägerin. Ihr Blick wurde kalt, während sie den Abzug betätigte.
Der Knall hallte laut durch den Central Park, Vögel stoben erschrocken auf.
Taylor hingegen wurde durch die Wucht des Geschosses zu Boden geschleudert. Er spürte die Kraftlosigkeit, die sich seines Körpers bemächtigte, und nahm die Schwärze wahr, die nach ihm griff. Scheiße, da bin ich an die falsche Schlampe geraten, dachte er noch, bevor sein Leben nach einem letzten, verkrampften Zucken seines teils zerstörten Herzens aus seinem Körper wich.
Michael McCrery starrte fassungslos auf die Leiche seines Kumpels. Sie hatten so viele Abenteuer gemeinsam durchgestanden, fremde Zeiten bereist und allen Gefahren getrotzt; auch dank der Magie des Professors.
Doch nun, von einer Sekunde auf die andere, war Taylor tot; erschossen von einer Frau, die ihre Waffe nun auf ihn richtete.
»Nicht schießen, Ma‘am«, brachte er hervor. »Bitte, ich habe nicht vor, Ihnen oder den beiden anderen etwas zu tun!«
»Wo ist der Professor?«, zischte Claire, noch bevor Jaqueline etwas erwidern konnte. »Los, sag schon! Wo ist Sanfold?«
McCrery zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. In dem einen Moment sitze ich vor einem Steak, im nächsten Moment reise ich schon wieder durch die Zeit.«
»Du lügst!«, giftete Dan, während er auf McCrery zuging. Wasser lief von ihm herab. In der Ferne war bereits die Sirene eines Polizeiwagens zu hören. Jemand musste die Polizei verständigt haben.
Jaqueline wandte den Kopf und schaute zu Claire. »Ihr beide verschwindet jetzt, und zwar schnell. Ich gebe euch meine Adresse, wartet in der Lobby auf mich.«
Sie nannte ihre Anschrift.
Anschließend schaute sie zu McCrery. »Und was dich anbelangt, du verschwindest ebenfalls wie der Wind. Komm nicht auf den Gedanken, irgendwelche Scheiße zu bauen. Dein Leben geht mir am Arsch vorbei.«
Sie ließ die Waffe sinken. Sofort drehte sich McCrery um und verschwand in der Dunkelheit.
»Warum lässt du ihn laufen?«, fragte Claire aufgebracht, schwieg aber dann, als sie Jaquelines verärgerten Blick auffing.
Sie schaute noch einmal zu Taylor. Wie McCrery konnte sie nicht fassen, dass der Mann tot war. Von einer Sekunde auf die andere ausgelöscht. Kens Gabel hatte diesen durch und durch bösen Mann nicht aufhalten können.
Eine Kugel aus der Waffe der Fremden, die noch immer ruhig neben ihr stand und ihnen sogar ihre Adresse genannt hatte, hingegen schon.
Dan und Claire eilten davon, während sich ein Polizeiwagen näherte. Jaqueline nutzte die Zeit bis zum Eintreffen der Beamten, um ihr Date abzusagen. Sie würde es nicht mehr rechtzeitig schaffen, das war ihr klar.
Minuten später stand sie zwei Uniformierten gegenüber, die fassungslos auf die Leiche starrten. Jack zeigte ihnen ihren Ausweis, der sie als Mitarbeiterin der CIA auswies und schon hatten beide kein Interesse mehr an weiteren Befragungen.
II
»Also, dann erzählt mal eure Geschichte«, bat Jaqueline knapp zwei Stunden später. Sie saß den beiden Zeitreisenden gegenüber in ihrem bequemen Sessel und musterte beide aufmerksam.
Dan trug inzwischen einen trockenen Bademantel, da seine Kleidung völlig durchnässt war. Auch hatten er und Claire duschen dürfen.
Die Zeitreisende trug ebenfalls frische Wäsche, hatte sich jedoch aus Jaquelines Schrank bedienen dürfen. Dabei waren ihr die sündhaft teuren Designerstücke aufgefallen, die dort hingen. Das Appartement schrie regelrecht nach Geld und Luxus; angefangen von der Unterhaltungselektronik bis hin zu den Tassen auf dem Tisch, in denen heißer Tee dampfte.
Besonders fasziniert war Claire jedoch von den Artefakten, die in kleinen Vitrinen lagen. Sie sah einen Chepri aus Ägypten, eine Götterstatue aus Kusch und kleine Steintafeln der Maya.
Sie zweifelte keine Sekunde daran, dass jedes dieser Stücke echt war.
»Unsere Geschichte?«, fragte Claire. Dabei lachte sie freudlos. »Ich fürchte, Sie lassen uns in die nächste Anstalt einliefern, wenn wir die erzählen.«
»So schnell lasse ich niemanden einliefern«, schmunzelte die Schatzjägerin. »Also schön, dann mache ich den Anfang.« Sie nahm einen Schluck Tee. »Ihr beide habt eine Weltenreise hinter euch. Euer Startplatz befindet sich wahrscheinlich auf Burg Rauenfels, einer der Stützpunkte der HDG.« Sie blickte zu Claire. »Du trägst zwar die Waffen einer Amazone, machst mir aber nicht den Eindruck, eine zu sein.«
Die beiden Zeitreisenden starrten Jaqueline fassungslos an.
»Der Dolch.« Die Schatzjägerin deutete auf die Waffe, die Claire neben sich auf das Sofa gelegt hatte. »Ist Hippolyte Catrina noch immer die Führerin der Amazonen? Oder ist sie inzwischen verstorben?«
»Ähm … ja. Nein, also – ich bin keine Amazone. Aber woher weißt du das alles?«
»Ich weiß eine ganze Menge. Was genau wollt ihr hier in dieser Welt? Einen Weg finden, die Feindwesen auszuschalten?«
»Wir entstammen nicht der Parallelwelt, sondern dieser«, schaltete sich Dan in das Gespräch ein. »Es ist eine lange Geschichte …«
Jaqueline hörte gespannt zu. Sie unterbrach Dan nicht, bis dieser mit seiner Erzählung am Ende war und sich seufzend zurücklehnte.
»Das ist ja mal ein hübscher Schlamassel, in den ihr reingeraten seid.« Sie leerte ihre Tasse. »Wenn ich das richtig verstanden habe, befindet sich dieser Professor Sanfold aller Wahrscheinlichkeit nach hier in New York City?«
Claire nickte. »So war es auch in London. Er wollte uns durch die Zeit schleudern, schaffte es aber nur, uns in seine Nähe zu ziehen. Ich nehme an, dass es hier wieder so ist. Auch wenn ich nicht begreife, warum er es schon wieder getan hat. Er weiß doch, dass wir ihn jagen.«
»Das werden wir ihn selbst fragen müssen.« Sie schenkte der Studentin ein Lächeln. »Zumindest, wenn wir ihn finden.«
»Das klingt, als wollten Sie uns helfen«, staunte Dan. »Woher kommt diese Hilfsbereitschaft?«
»Ich mag keine Menschen, die nach der Weltherrschaft gieren. Und ich mag keine Magier, die anderen Menschen schaden. In den letzten Jahren kam ich mit Themen in Kontakt, die ich retrospektiv besser nie gesehen hätte. Aber wie das so ist – die Straße des Lebens kennt viele Abzweigungen, aber keinen U-Turn.«
»Hm«, brummte Dan. »Ich dachte mehrfach an die Möglichkeit, zu den Anfängen unserer Reisen zurückzukehren und mir die Sache mit der Zeitmaschine auszureden. Aber wie Roger Müller schon anmerkte, ist das Raum-Zeit-Gefüge in sich stabil. Es verfügt über Schutzmechanismen, die eine solche Tat verhindern.«
Jaqueline schaute auf, als es an der Tür klingelte. Es war inzwischen nach Mitternacht, doch sie ahnte, wer Einlass begehrte.
Sie entschuldigte sich, öffnete und kurz darauf betrat eine junge Frau mit schwarz geschorenen Haaren das Appartement.
»Mein Überraschungsbesuch«, stellte Jaqueline die Zeitreisenden vor. »Sie kommen aus Kansas City.«
Sie deutete auf die Schwarzhaarige. »Nancy Draco.«
Sie nickten einander zu.
»Wenn ich ungelegen komme, kann ich auch wieder gehen«, flüsterte Nancy. »Ich dachte nur … ich wollte den Abend nicht alleine verbringen. Es war eine stressige Schicht und mir war nach etwas … Nähe.«
»Schon okay.« Jaqueline schenkte den beiden Zeitreisenden ein aufmunterndes Lächeln. »Ihr bleibt die Nacht über hier. Im Kühlschrank stehen Getränke, das Bad kennt ihr und das Bett im Schlafzimmer ist ohnehin frisch bezogen. Morgen treffen wir uns und besprechen, wie es nun weitergehen soll. Ich habe ein paar Freunde, die uns vielleicht helfen können. Wenn Sanfold hier in New York weilt, um den Stein der Weisen zu suchen, dann gibt es für ihn nur eine Adresse. Aber das müssen wir erst eruieren.«
»Wir können hier bleiben?«, fragte Dan erstaunt. »Du hast keine Angst, dass wir dir die Bude ausräumen und verschwinden?«
»Nein.« Sie griff nach Nancy Hand. »Fahren wir zu dir?«
Die Krankenschwester lächelte schüchtern. »Kein Problem.«
»Das also ist Doktor Jaqueline Berger«, murmelte Claire, als die Schatzjägerin den Raum verlassen hatte. »Himmel, das ist ein Ding!«
»Du kennst sie?«, fragte Dan erstaunt.
»Ich kenne ein paar ihrer Bücher. Man kann nicht Geschichte oder Archäologie studieren und sie nicht kennen.«
»Warum hast du ihr das nicht gesagt?«, fragte Dan.
»Weil wir das Jahr 2001 schreiben, ich aber im Jahr 2006 studiere. Ich kenne Bücher von ihr, die sie bislang nicht einmal geschrieben hat. Zum Beispiel jene um die Großen Alten – Götter, welche die Geschicke der Menschen lenkten und noch immer im Verborgenen existieren.«
»Lovecraft!«
»Nein, nicht Lovecraft«, widersprach Claire. »Ist aber auch egal. Ich finde ihre Werke spannend, hielt sie aber für Unsinn. Seit wir jedoch mit der Weltenreise begannen, begreife ich, dass sie vollkommen richtig liegt.« Sie winkte ab. »Wie dem auch sei – wir sind in ihrer Wohnung. Es wäre besser, wenn wir eine Mütze Schlaf nehmen.«
Dan nickte, ehe er sich über das Kinn strich. »Wenn du sie kennst, dann weißt du vielleicht, was es mit dieser Nancy Draco auf sich hat?«
»Wahrscheinlich eine ihrer Freundinnen. Sie macht sich nichts aus Männern. Wenn du also ein Auge auf sie geworfen haben solltest, hast du Pech gehabt.«
»Nein, schon okay.« Er schenkte Claire einen langen Blick, ehe er aufstand. »Schauen wir uns das Schlafzimmer an.«
Kapitel 2
I
New York City, 21.01.2001
Dan nieste, ehe er zu einem Burger griff, der vor ihm stand. Der Orangensaft war bereits leer, doch er hatte angekündigt, sich einen Nachschlag zu holen.
»Gesundheit«, wünschte Nancy Draco fröhlich, ehe sie ihm eine Serviette reichte, damit er sich die Nase putzen konnte. »Ich hoffe, du hast dir keine Erkältung eingefangen.«
»Kann schon sein«, näselte der Zeitreisende. »Immerhin ist es kalt und ich hatte ein unfreiwilliges Bad im Reservoir.«
»Jack erzählte mir bereits davon.« Nancy griff nach der Hand der Schatzjägerin. »Auch wenn sie mir nicht verriet, wie es dazu gekommen war.«
»Lange Geschichte«, brummte Dan. Er biss in seinen Burger.
»Ich fahre Nancy zum Mount Sinai, anschließend führe ich ein paar Telefonate. Es gibt Freunde, die uns helfen können.« Jaqueline wischte sich den Mund ab. »Ihr könnt inzwischen im Internet recherchieren. Mein Rechner verfügt über einen Gast-Account. Habt ihr Geld?«
»Nein«, gestand Claire. »Unsere Konten …« Sie vollendete den Satz nicht, denn Nancy Draco wusste nichts von Zeitreisen und den Problemen, die damit einher gingen.
Jaqueline nahm vier Fünfziger aus dem Geldbeutel. »Das dachte ich mir bereits. Gebt es mir irgendwann zurück.« Dabei zwinkerte sie den beiden zu.
»Danke, Doktor Berger. Das ist wirklich sehr nett«, flüsterte Claire.
Sie hatten während ihrer Reisen immer wieder hilfsbereite Personen getroffen. Ob es eine Korsarin war, ein englischer Journalist oder eine keltische Königin.
Jaqueline Berger jedoch versprach nicht nur, ihnen zu helfen. Sie hatte die Macht, tatsächlich etwas zu bewegen. Zumindest, wenn sich Claire nicht in der Archäologin und Schatzjägerin täuschte.
»Es ist nur Geld.« Jack schob ihr Tablett zur Seite und stand auf. »Der Stau wird mörderisch sein. Wollen wir?«
Nancy nickte und erhob sich ebenfalls. »Viel Glück bei dem, was ihr plant«, wünschte sie den Zeitreisenden. »Ich fürchte, wir sehen uns frühestens in zwei Tagen wieder. Ich habe Bereitschaft.« Das letzte Wort sagte sie voll Bedauern, es galt jedoch eher Jaqueline als Dan und Claire.
»Dann viel Erfolg«, echoten die beiden Zeitreisenden.
Wieder schauten sie den Frauen nach, während diese das Schnellrestaurant durchquerten.
»Ich möchte mir das World Trade Center anschauen«, rief Dan plötzlich. »Es wurde zerstört, bevor ich das erste Mal hierher kam.«
»Gute Idee.« Claire schloss kurz die Augen. So viele Menschen würden sterben, noch bevor das Jahr zu Ende ging. Sie wussten es. Hatten sie nicht die Pflicht, das Grauen zu verhindern? Jemandem zu sagen, was geschehen würde?
Andererseits waren sie sich in einem stets einig gewesen – die Geschichte darf nicht geändert werden. Abgesehen davon, dass dies laut Roger ohnehin nicht ging.
Oder doch?
Claire nahm sich vor, mit Jaqueline darüber zu sprechen. Sie konnten nicht die Hände in den Schoß legen. Sie waren hier, sie hatten die Chance, so viele Leben zu retten.
»Gehen wir«, murmelte sie und stand ebenfalls auf. »Ich will jedoch zurück zum Appartement. Fahr du ruhig zu Ground … zum WTC.«
Dan streckte sich. Doch dann schüttelte er den Kopf. »Nein, es wäre unpassend«, murmelte er dabei.
Er sprach aus, was auch Claire bei dem Gedanken empfand, das World Trade Center zu besuchen. Es wäre unpassend gewesen …
II
»Das ist das Siegel der Central Intelligence Agency«, rief Claire, als sie das Symbol auf Jaquelines Computer erkannte. »Was hast du mit der CIA zu tun?«
»Ich arbeite hin und wieder für westliche Geheimdienste. CIA, MI5 und Mossad. Man kommt rum in der Welt, trifft diesen oder jenen.« Manchmal trifft man sie auch zwischen den Augen. Alles, was der Dienst befiehlt …
»Cool!«, ließ sich Dan vernehmen. Er saß auf dem Sofa in Jaquelines Wohnzimmer und aß einen Donut. Dieser hatte jedoch nicht die typisch flache Form, sondern ähnelte einem Ballen und war mit Schmok-Creme gefüllt. Dan mochte diese Form der Donuts deutlich lieber als jene, die meist anzutreffen waren.
»Wie man es nimmt.« Jaqueline gab Benutzername und Passwort ein, um sich auf der Seite der Agency zu legitimieren. Gleichzeitig griff sie jedoch nach ihrem X-Gerät, setzte die Datenbrille auf und wählte die Nummer einer Frau, von der sie sich weitergehende Informationen erhoffte.
Es dauerte nicht lange, bis sich eine tiefe, weibliche Stimme meldete.
»Florence?«, fragte Jaqueline. »Hier spricht Jaqueline Berger. Du erinnerst dich an mich?«
»Die glorreiche Anführerin, die den Befehl zum Atombombenabwurf gab. Glaub mir, jemanden wie dich vergesse ich nicht.«
Die beiden Frauen lachten kurz, ehe sich die Irin nach dem Grund des Anrufs erkundigte.
»Hast du noch immer Kontakte zur SSSK?«, wollte die Schatzjägerin wissen.
»Nicht offiziell. Nach meiner Kündigung zeigten sie sich recht unfreundlich, sperrten meine Zugänge und versuchten, mich wegen Vertragsbruchs zu verklagen. Inzwischen hatte die SSSK aber derart viel Scheiße gebaut, dass sie keine Chance hatten.«
»Und inoffiziell?« Jaqueline war die Wortwahl der Irin nicht entgangen.
»Inoffiziell könnte ich ein paar Quellen anzapfen. Wonach genau suchst du denn?«
»Die SSSK versucht seit einer Weile, Zeit- und Weltentore zu generieren. Ein gewisser Professor Arthur Sanfold tut dies ebenfalls – es könnte sein, dass er bei der SSSK ein neues Heim gefunden hat. Zumal der letzte Versuch der Society kläglich scheiterte.«
»Du willst also nur wissen, ob dieser Sanfold für die SSSK arbeitet?«, versicherte sich Florence. »Nun, das weiß ich in einer Minute. Warte kurz …«
Jaqueline hörte, dass die Irin etwas über eine Tastatur eingab, dann einen Moment wartete und schließlich wieder tippte. Dann pfiff sie leise durch die Zähne.
»Da ist er ja. Arthur Sanfold, seit knapp einem Monat in Diensten der SSSK. Er wird als VIP behandelt und leitet das Projekt Lapis Philosophorum.«
»Wo wird dieses Projekt betrieben?«, fragte die Schatzjägerin.
»Im Moment in New York City. Ich lasse dir zukommen, was ich finden kann.« Sie zögerte einen Moment. »Ich habe nächsten Monat ein paar Tage im Big Apple zu tun. Vielleicht könnten wir uns treffen, einen Kaffee trinken und über Zeiten sprechen, die wir beide nie erlebt haben und die doch in meinem Kopf präsent sind?«
»Einverstanden«, erkälte Jaqueline sofort. Nicht nur, weil sie der Frau dankbar war. Auch sie hatte das Gefühl, Florence sehr viel besser zu kennen, als es tatsächlich der Fall war.
Und dies irritierte sie.
»Was hat deine Kontaktperson gefragt?«, fragte Claire gespannt, während sich Dan einen zweiten, diesmal eher traditionellen Donut aus der Schachtel holte, die auf dem Wohnzimmertisch stand.
»Dass Donuts dick machen«, replizierte Jaqueline mit einem Augenzwinkern in Dans Richtung. »Außerdem sagte sie noch, dass Sanfold für die SSSK arbeitet und dort das Projekt Lapis Philosophorum, also den Stein der Weisen leitet.«
»Wer oder was ist die SSSK?«, fragte der Zeitreisende, ohne auf den Seitenhieb einzugehen. »Eine Forschungseinrichtung?«
»Sie selbst sehen sich als solche. Andere halten sie für eine kriminelle Organisation. Die Society for Supernatural Science and Knowledge, wie die SSSK ausgeschrieben heißt, hat viel Elend und Leid über die Menschen gebracht, besitzt jedoch sehr starken Einfluss.«
»Dann ist das genau die richtige Organisation für Sanfold«, giftete Claire. »So eine Gruppe sucht er, um seine Ziele zu verfolgen. Wir sollten ihn einfach aufsuchen und …«
»Und?«, fragte Jaqueline. »Ihn erschießen?« Sie lächelte schwach. »Ich kann nicht ohne handfesten Grund in das Hauptquartier der SSSK marschieren und Sanfold ausschalten. Ganz abgesehen davon, dass ich das nicht überleben würde, wären weder die Agency noch das NYPD sonderlich begeistert. Von den Kollateralschäden ganz abgesehen.«
»Natürlich nicht!«, stimmte ihr Claire zu. »Aber wir müssen ihn stoppen. Was, wenn er dank SSSK sein Ziel erreicht und mit dem Stein die Weltherrschaft an sich reißt?«
»Dann gibt er sie nach ein paar Tagen frustriert wieder ab. Wer will schon ein Tollhaus regieren?«, scherzte Jaqueline. Sie winkte ab, ehe ihre Gäste reagieren konnten. »Mir ist das Problem bewusst. Nur – im Moment fehlt mir noch eine Lösung.«
»Da geht es dir wie uns seit Wochen. Auch wir haben keine Lösung außer die eine – Sanfold ausschalten, sobald sich die Möglichkeit ergibt.« Er nieste wieder. Das Bad im kalten Wasser rächte sich nun.
Kapitel 3
I
New York City, 21.01.2001
Jaqueline warf einen Blick auf die Speisekarte des kleinen Restaurants. Die Auswahl war nicht groß, aber erlesen, wie sie rasch feststellte.
Der Mann ihr gegenüber hatte bereits gewählt – eine leichte Vorspeise, gefolgt von Pasta und einem recht süßen Pudding.
Sie entschied sich, es ihm gleichzutun.
»Sie haben mich nicht aus Langley hierher gebeten, um mir dieses Restaurant zu zeigen, Agent Berger. Was kann ich für Sie tun?« Ein Lächeln umspielte das Gesicht des Mannes.
»Da haben Sie recht«, bestätigte die Schatzjägerin. Sie wusste, dass sie sich einmal mehr auf ein gefährliches Spiel einließ. John Harvey, Leiter der CIA-Abteilung Stargate, hatte keine Geschenke zu vergeben; trotz der Tatsache, dass sie ihn zum Essen einlud. Wenn sie ihn um einen Gefallen bat, würde er sie bei Gelegenheit daran erinnern.
Das Gedächtnis der Agency war in solchen Belangen schier grenzenlos.
Sie wartete, bis eine Kellnerin die Bestellung aufgenommen hatte. Erst dann schilderte sie in knappen Sätzen, was sie von den Zeitreisenden und auch von Florence O‘Brien erfahren hatte.
»Teufel auch«, knurrte Harvey, nachdem sie mit ihrem Bericht fertig war, »schon wieder die SSSK. Ich könnte einen Agenten dauerhaft nur für diese elende Organisation abstellen. Man sollte sie auflösen, die Verantwortlichen nach Rikers schicken und den Schlüssel ihrer Zellen in den Hudson werfen.«
»Ich bin dabei«, erwiderte Jaqueline sarkastisch. »Könnte aber ziemlich schwierig werden. Schließlich werden die von oberster Stelle geschützt.«
Der Geheimdienstmann nickte betrübt. »Wenn wir gegen sie vorgehen, dann nur situativ. Auch wenn Stargate sehr viele Freiheiten genießt, gibt es Grenzen.«
Er wartete, da die Kellnerin die Vorspeisen servierte.
»Ein Professor, der nach dem Stein der Weisen sucht und die Herrschaft über die Welt erringen will, ist eine Frage der nationalen und internationalen Sicherheit. Ich denke, das rechtfertigt das Eingreifen meiner Abteilung.«
»Umso mehr, als dass Sanfold kein Amerikaner im eigentlichen Sinne ist.« Jaqueline grinste schwach. Auf eine solche Reaktion hatte sie gehofft.
»Dennoch sollten wir darauf achten, dass es zu keinen Kompetenzstreitigkeiten kommt. Ich spreche mit dem Field Office der Feds1, damit sie Ihnen keine Steine in den Weg legen. Alles, was notwendig ist, diese drohende Gefahr abzuwenden, gilt als genehmigt.«
»Danke, Mister Harvey.«
Der CIA-Abteilungsleiter hob abwehrend die Hand. »Danken Sie mir nicht zu früh. Es könnte sehr gefährlich für sie werden. Die SSSK lässt nicht mit sich spaßen. Zudem wissen Sie, dass wir erneut auf Sie zukommen werden, sollte es notwendig sein.«
Jaqueline nickte. Erneut hatte sie ihre Seele dem Teufel verkauft, um anderen Menschen helfen zu können.
Altruistisch auf der einen, mörderisch auf der anderen Seite. Seit Jahren lebte sie ein sehr bizarres Leben, immer nahe am Abgrund. Eines Tages, so fürchtete sie, würde sie bei einem Einsatz sterben. Irgendwo, in einem kleinen und korrupten Land, ohne dass ihre Eltern oder Freunde wüssten, was ihr widerfahren war.
Der Preis, den sie für das Leben, das sie führte, zahlen musste. Ein Leben, das sie sich so nicht vorgestellt hatte.
II
Jaqueline saß in der Wohnung der Krankenschwester Nancy Draco und starrte auf den Monitor ihres kleinen Notebooks. Abermals hatte sie den Zeitreisenden ihr Appartement überlassen. Nancy war es recht, dass sich Jaqueline ein paar Tage bei ihr einquartierte. Mehr noch – Jack hatte den Eindruck gewonnen, dass es Nancy gefiel.
Die Schatzjägerin ging die Informationen durch, die ihr Florence O‘Brien geschickt hatte. Es waren Daten zu dem Projekt, welches Sanfold betreute, sowie Pläne verschiedener Einrichtungen der SSSK in und um New York City.
Bislang war Jaqueline nur das Hauptquartier bekannt gewesen, nicht aber die beiden kleineren Einrichtungen die sich BA-1 und BA-2 nannten. Erstere befand sich in Brooklyn, der zweite Komplex auf Staten Island. Daneben gab es noch eine dritte Einrichtung, die den Namen Sub-Terra BA trug.
Laut der beiliegenden Pläne befand sich diese Einrichtung im Untergrund der Stadt.
Tief unter den Füßen der Menschen existierte eine zweite, dunkle Welt, von der nur wenige wussten. Schienensysteme, Bahnhöfe und Shops waren den meisten Bürgern bekannt. Daneben existierten jedoch auch aufgelassene Netze, in denen seit Jahren keine Bahnen mehr fuhren. In manchen hausten so genannte Maulwürfe; Penner, die es unter die Erde verschlagen hatte. Dort war es dunkel, warm und meist trocken. Vor allem aber sahen sie sich nicht den angewiderten Blicken der Geschäftsleute und Passanten ausgesetzt, die Polizei vertrieb sie nicht und sie mussten auch nicht um ihr Leben fürchten, weil ein verrückter auf sie einschlug.
Nachdem die Bahngesellschaften die regulären Strecken gesäubert hatten, war den Maulwürfen keine Alternative geblieben, wollten sie weiterhin im Verborgenen existieren.
Sie hatten sich in die aufgegebenen Streckenabschnitte und stillgelegten Tunnel verzogen, um dort ihr Leben zu fristen.
Wollte die SSSK im Verborgenen forschen und zudem unerwünschte Nebenprodukte ihres Tuns vor den Augen der Welt verbergen, dann war dort unten, tief unter der Erde, der richtige Platz.
Ich muss hinab. Elender Mist, genau das will ich eigentlich nicht. Das wird kein Spaziergang ...
Jaqueline war sich der Tatsache bewusst, dass sie keinesfalls alleine hinab in die Tiefe steigen konnte. Die SSSK verfügte über einen eigenen Wach- und Sicherheitsdienst. Obwohl Söldnertruppe besser beschrieb, mit was sich die Wissenschaftler und Führungskräfte der Society umgaben.
Sie schaute auf, als die Tür der Wohnung in Lower Manhattan geöffnet und gleich wieder geschlossen wurde. Schritte erklangen in dem kleinen Flur, ehe sie eine Wolke frisch aufgetragenen Parfüms streifte. Hände legten sich auf ihre Schultern, sie spürte den weichen Körper von Nancy Draco, der sich an sie schmiegte.
»Sagtest du nicht, du hättest Bereitschaft?«, fragte Jaqueline erstaunt, aber erfreut. Sie griff nach den Händen der Frau und küsste die Finger.
»Ich konnte meinen Dienst tauschen. Betty braucht das Geld, ich hingegen verbringe lieber etwas mehr Zeit mit dir.«
»So?«, fragte die Archäologin kess. Sie drehte den Kopf und konnte die grünen Augen der irisch-stämmigen Frau sehen, die noch immer hinter ihr stand und sie umarmte.
»Ich muss unter die Dusche. Es war eine harte Schicht. An manchen Tagen ist mir, als hätten die Verrückten Ausgang. Zum Kotzen.«
Nancy Draco wandte sich ab und ging zum Badezimmer. Jaqueline schaute ihr nach, lachte dann leise und wandte sich noch einmal ihrem aktuellen Problem zu. Ich kann es nicht alleine machen. Das wäre selbstmörderisch. Wenn ich da runter gehe, dann brauche ich Hilfe. Aber wer kommt dafür in Frage? Das FBI scheidet aus. Ich will nicht mit fremden Leuten arbeiten.
Es gab zwei Ermittler, die auf paranormale Fälle spezialisiert waren. Beide gehörten eigentlich zu Stargate, waren aus formalen Gründen jedoch dem Navy CIS zugeordnet worden. Maria Martinez, eine der Ermittlerinnen, war jung, taff und unerschrocken.
Sie wäre eine gute Wahl gewesen.
Oder ich nehme Claire Bancroft mit. Sie weiß, wie man eine Waffe hält und hat ein persönliches Interesse daran, diesem Sanfold auf die Zehen zu treten. Zudem brachte ihr eine Amazone bei, wie man mit der D-Drex und dem Dolch umgeht. Ja, das mache ich. Aber zuvor muss ich Waffen ordern. Waffen, die Claire vertraut sein dürften, hier in dieser Welt jedoch ...
Als die Krankenschwester mit feuchtem Haar und nur mit einem schmalen Handtuch bekleidet das Badezimmer verließ, hatte Jaqueline ihre Vorbereitungen zumindest geistig abgeschlossen. Nun musste sie den Plan nur noch in die Tat umsetzen – und überleben.
Kapitel 4
I
New York City, 23.01.2001
Dan nieste zum x-ten Mal an diesem Morgen. Er saß auf dem Sofa in Jaquelines Appartement, vor sich eine Großpackung Taschentücher, heißer Tee und ein paar Pillen, die angeblich jede Erkältung vertreiben konnten.
Neben ihm stand eine Papiertüte, in die er die benutzten Taschentücher werfen konnte. Er wirkte mit seiner geröteten Nase und den triefenden Augen mitleidserweckend.
»Scheiße«, knurrte der junge Mann, während sein Blick über die Waffen glitt, die Jaqueline auf dem Schreibtisch ausgebreitet hatte. Neben einer D-Drex lagen dort auch eine Armbrust sowie ein Energie-Gewehr.
Bis auf die Armbrust waren ihm diese Waffen vertraut, denn mit ihnen wurde in der Parallelwelt gekämpft. Vor allem das Energiegewehr ließ ihn erschauern, wenn er nur daran dachte. Neben Laser verfügte die Waffe auch über Pulsenergie. Sie zerstörte Haut, Fleisch und Muskeln und tötete so auf grauenvolle Weise.
»Wie meinst du das?«, wollte Claire wissen, während sie fast ehrfürchtig über das Gewehr strich. Sie würde niemals eine Amazone werden, das stand für sie fest. Etwas, was sie nicht sonderlich schade fand. Sie wollte sich ihre Menschlichkeit behalten, ihren Glauben an das Gute und ihre Hoffnung.
Nichts von alledem hatte sie bei den Amazonen gefunden. Weder Nadine Weyer noch Xarina hatten sonderlich menschlich agiert.
Im Gegenteil.
Obgleich sie Nadine unendlich dankbar war für ihre Rettung, wollte sie doch nicht sein wie sie. Lieber blieb sie ein wenig zurückhaltend.
»Ich finde es nicht gut, dass du da hinunter gehst und ich hier oben bleiben muss. Das kotzt mich an! Ich sollte die Waffe tragen, nicht du.«
»Dann weißt du jetzt, wie sich Ken bei all unseren Abenteuern fühlte«, replizierte Claire. Sie schenkte ihrem Freund einen kurzen Blick. »Du hast nun die Rolle, die er hatte. Der Operator, der von seinem Platz aus technische Unterstützung leistet.«
»Großart...tschi«
»Gesundheit«, murmelte Jaqueline geduldig, ehe sie Dan eine Datenbrille reichte. »Du siehst, was wir sehen und du hörst, was wir hören. Zudem bist du dank meiner EDV-Anlage mit dem Internet verbunden und hast Zugriff auf Pläne, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Was immer wir brauchen, du kannst es uns geben.«
»Das wird ein Spaß«, näselte Dan. Er setzte die Brille auf. »Darf ich die behalten?«, fragte er nach ein paar Sekunden aufgeregt. »Das nenne ich mal cool!«
»Kostet 2500 Dollar das Stück. Ich spreche mit Roger Müller, er verkauft dir sicher eine Brille. Das X-Gerät kostete aber noch einmal 5000 Dollar.«
»So dringend ist es nicht!«, rief Dan erschrocken. »Cool ist es trotzdem. Und ich kann alles sehen, was ihr seht?«
»Yepp!« Jaqueline steckte die D-Drex in ein Holster an ihrer Seite, ehe sie sich die Armbrust über die rechte Schulter hängte. »Wir brauchen knapp eine halbe Stunde, bis wir vor Ort sind. Du hast also Zeit, deinen Tee zu trinken und ein paar Pillen einzuwerfen. Sobald wir in die Tiefe steigen, brauchen wir deine volle Aufmerksamkeit. Kein Fieber, keine sonstigen Krankheitssymptome.« Jaqueline klang nun autoritär, während sie zur Tür ging. »Wir melden uns.«
»Viel Glück!«, näselte Dan, ehe er wieder niesen musste. »Pass auf dich auf. Wenn dir was geschieht, macht mir Ken die Hölle heiß. Und tritt Sanfold sowie seinem unterbelichteten Assistenten kräftig in den Arsch!«
Claire nickte nur, denn nichts anderes hatte sie vor.
II
»Durch mich geht man hinein zur Stadt der Trauer, durch mich geht man hinein zum ewigen Schmerze, durch mich geht man zu dem verlornen Volke. Gerechtigkeit trieb meinen hohen Schöpfer, geschaffen haben mich die Allmacht Gottes, die höchste Weisheit und die erste Liebe.
Vor mir ist kein geschaffen Ding gewesen, nur ewiges, und ich muss ewig dauern. Lasst jede Hoffnung, wenn ihr eingetreten.«
Jaqueline zitierte den Spruch, während sie eine schwere Eisentür passierte, die hinab in die Unterwelt New Yorks führte.
»Hu?«, fragte Claire.
»Komm schon, das kennst du«, lockte die Schatzjägerin. »Die meisten Menschen kennen nur den letzten Teil und viele wissen nicht einmal, aus welchem Werk er stammt. Aber du solltest das wissen.«
Die junge Frau kniff die Augen zusammen und blieb kurz stehen.
»Dante?«, fragte sie dann zögerlich. »Die Göttliche Komödie?«
»So ist es.« Jaqueline klopfte ihrer Begleiterin auf die Schulter. »So steht es auf dem Tor zur Hölle. Ich hoffe, wir haben ein bisschen Hoffnung.«
Die Studentin nickte, während sie die grün lackierte Metalltür hinter sich schloss. Jeder konnte durch sie hindurchgehen, da jemand ihr Schloss schon vor langer Zeit geknackt hatte. Wahrscheinlich war es den Verantwortlichen schlicht egal, ob jemand in die Tiefe stieg und sich den Maulwürden anschloss oder nicht. Auch der Bürgermeister legte keinen Wert darauf, allzu genau zu wissen, was sich hier tat. Er hatte die Stadt gesäubert, mehr war nicht wichtig für ihn.
Sie gingen staubige Betonstufen hinab. An den Wänden brannten Neonröhren. Einige von ihnen zuckten, andere waren ausgefallen. Dennoch spendeten die verbliebenen Röhren genug Licht.
Die beiden Frauen passierten ein paar obszöne Zeichnungen. Jemand hatte einen erigierten Penis an die Wand gesprüht. Darunter stand in roter Farbe: Ich habe den Schwanz vom Bürgermeister gelutscht. Er schmeckte nach Scheiße!
Neben den Zeichnungen waren Tags verschiedener Gangs zu erkennen, aber auch künstlerisch wertvolle Darstellungen der Stadt sowie von ein paar VIPs, die der Big Apple hervorgebracht hatte. Sänger, Schauspieler …
»Es ist, als würden wir eine fremde Welt betreten«, murmelte Claire. Sie besah sich die Abbildungen und schüttelte den Kopf. »Ich war schon in New York City. Aber das hier …«
»Wenn du wieder in deiner Zeit bist, kommst du noch einmal her und schaust dir alles an.« Jaqueline nahm einen Kugelschreiber aus der Tasche und schrieb das Datum sowie ihr Kürzel an die Wand. Anschließend reichte sie Claire ihren Stift, die es ihr gleichtat.
»Sind wir verflucht oder ist es ein Geschenk, all das zu sehen, zu tun und zu kennen?«, fragte die Studentin nach ein paar Sekunden. Sie hatten inzwischen ihren Weg fortgesetzt.
»Das kannst nur du wissen«, erwiderte die Schatzjägerin. »Ich habe vor ein paar Jahren etwas gefunden, das kein anderer Mensch jemals finden sollte. Mein Leben ist ständig in Gefahr, ich arbeite für die Geheimdienste und meine Freundinnen sterben oftmals, noch bevor ich eine echte Beziehung zu ihnen aufbauen kann. Auf der anderen Seite des Styx warten mehr Freunde auf mich als diesseits des Flusses, ich schlage mich mit Alpträumen herum und ohne Xanax kann ich nicht mehr einschlafen. Ist es eine Strafe, ein Fluch? Oder ist es ein Geschenk, dass ich all die Dinge weiß, die ich inzwischen weiß? Manchmal verzweifele ich, manchmal fühle ich mich wie die Königin der Welt. Du musst deine Entscheidung treffen, sonst frisst es dich auf.«
»So, wie es dich auffrisst.« Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
Jaqueline nickte, ehe sie auf eine weitere Tür deutete. »Dahinter liegt der eigentliche Untergrund. Nun also geht es los.«
III
Die Männer und Frauen, die im trüben Licht einer batteriebetriebenen Lampe auf einem ehemaligen Bahnsteig hausten, sahen völlig verwahrlost aus.
Sie blickten Jaqueline und Claire mit einer Mischung aus Widerwille, Hass und Neugier entgegen.
Der Gestank, der in dem aufgelassenen Streckenabschnitt der U-Bahn herrschte, raubte den beiden Frauen fast den Atem. Es roch nach Schweiß und Fäkalien, nach Nikotin und offenem Feuer, nach verrottendem Fleisch und Ammoniak.
»Puh«, murmelte Claire, während sie den Griff ihrer D-Drex umfasste, als müsse sie sich vor den Obdachlosen schützen, »das treibt einem die Tränen in die Augen.«
»Aber wirklich!« Jaqueline rümpfte die Nase.
Staub bildete einen feinen Schleier, während sie über den Bahnsteig gingen. Jeder Schritt wirbelte etwas davon auf.
Rechts von ihnen befanden sich die alten Schienen. Unkraut wucherte zwischen ihnen, Ratten liefen über die Schwellen. Die Schienen führten keinen Strom mehr, und auch die alten Lampen an den Decken waren tot. Manche existierten nur noch als rudimentäre Trümmer, anderen wirkten alt, aber intakt.
Fließendes Wasser gab es, da jemand eine Leitung angezapft und einen Hahn installiert hatte. Es reichte, um Essen zu kochen, sich zu waschen oder auch um davon zu trinken.
Mehr aber nicht.
»Hier unten hausen sogar Kinder«, wisperte die Studentin, als sie ein kleines Mädchen sah, das mit einer schmuddeligen Puppe spielte.
»Wahrscheinlich hier unten gezeugt und geboren«, erwiderte Jaqueline. Sie kämpfte den Widerwillen nieder, den sie in sich spürte. »Die Menschen haben nichts, außer sich selbst. Sex gibt es auch in den ärmsten Gegenden der Welt.«
Ein älterer Mann trat vor. Er trug einen blauen Anzug, der vor ein paar Jahren teuer gewesen sein musste, nun aber vor Dreck und Schweiß strotzte. Der stoppelige weiße Bart des Mannes, das dünne Haar und die trüben Augen unterstrichen den armseligen Eindruck, den der Maulwurf machte. »Was wollt ihr?«, fragte er mit leiser, abweisender Stimme. »Das ist kein Platz für zwei Frauen. Auch wenn sie Waffen tragen.«
»Vielleicht hat die Stadt zwei Killerinnen geschickt, um uns beiseite zu schaffen!«, rief eine deutlich jüngere, ironisch klingende Stimme aus dem Hintergrund. »Ist es so? Seid ihr gekommen, um uns alle zu töten?«
»Nein!«, erwiderte Claire entrüstet. »Wir wollen nichts von euch. Wir suchen etwas ganz anderes.«
»Und was?«, fragte der Alte. »Was könnten zwei Frauen hier unten suchen?«
»Einen Bereich, der von einer Gesellschaft für Forschungszwecke missbraucht wird. Laut Plan müsste es sich um einen Streckenabschnitt von etwa zwei Meilen Länge und gut einer Meile Breite handeln.« Jaqueline drückte eine Taste an ihrem X-Gerät. Sofort wurde das Bild des PDA nicht allein auf ihre Brille gesendet, sondern erschien als Projektion in dem düsteren Zwielicht.
Die Karte des Untergrunds hing förmlich in der Luft, was die Maulwürfe zu erstaunten Rufen veranlasste.
»Wir sind hier …« Jaqueline deutete auf zwei rote Punkte, die auf der Karte deutlich zu erkennen waren. Ihr Zielgebiet war hingegen grün markiert. »Und dorthin müssen wir. Wie kommen wir dorthin?«
Der Alte besah sich die Karte. Dann kniff er die Augen zusammen. »Was springt für uns raus, wenn wir euch helfen?«
Mit einer solchen Reaktion hatte die Schatzjägerin gerechnet. Sie griff in die Tasche ihrer Jacke und nahm ein Bündel Geldscheine heraus. »Zehn für jeden hier unten und zusätzlich einen Hunderter für dich.«
»Fair«, murmelte der Alte und streckte die Hand aus. »Wir sind 35 Personen, die Kinder eingeschlossen.«
Jaqueline drückte dem Mann 450 Dollar in die Hand. Sie hätte sich die Informationen auch mit Gewalt holen können, wollte sich jedoch keine Feinde unter den Maulwürfen machen.
»Ich führe dich, das ist einfacher. Es gibt ein paar Wege, die nicht auf deiner schicken Karte zu finden sind. Wege, die wir im Laufe der Zeit angelegt haben.« Er kniff die Augen zusammen. »Arbeitest du für die Feds oder das NYPD?«
»Ich arbeite für die Agency. Aber das braucht dich nicht zu stören. Wir haben nicht das geringste Interesse an euch oder an den anderen Maulwurfgruppen hier unten.«
»Dann ist es ja gut …«
Kapitel 5
I
New York City, 23.01.2001
»Wir sind gleich da!«, wisperte der Maulwurf, während er sich durch einen schmalen, in eine Betonwand gebrochenen Spalt zwängte. »Auf der anderen Seite könnt ihr sehen, was diese Organisation hier unten errichtet hat.«
Jaqueline folgte dem Mann. Auch sie musste sich durch die Lücke zwängen. Scharfe Steine rieben über ihre Kleidung, die D-Drex verhedderte sich kurz.
Verärgert zog sie an der Pistole, schob sich weiter und schaffte es, die Wand zu überwinden.
Claire folgte ihr mit wenigen Sekunden Abstand.
»Schau dir das an«, wisperte die Schatzjägerin. »Da war aber jemand fleißig!«
Der Alte grinste. »Das dachten wir damals auch, als wir die Scheiße hier sahen. Es heißt, sie hätten ein paar Maulwürfe einfach abgeschlachtet, um ungestört ihre Arbeit verrichten zu können. Wer kümmert sich schon um das Schicksal einfacher Menschen?«
»Wir, und darum verschwindest du jetzt besser. Sie sollen nicht wissen, wer uns hierher geführt hat.«
Der Alte nickte und zog sich zurück, während sich Jaqueline und Claire auf den Boden legten und ihre Blicke schweifen ließen.
Vor ihnen gähnte ein Abgrund von gut fünf Metern Tiefe und gut fünfzig Metern Breite. Auf dem Grund erhob sich eine moderne, vor gar nicht allzu langer Zeit gegossene Betonwand, in die ein Tor eingelassen war. Schienen, neu und glänzend, führten hinein.
Neben dem Tor befand sich ein Wachhäuschen, in dem ein einzelner Mann Dienst tat. Er trug die Uniform der SSSK – jene, die Jack aus früheren Begegnungen kannte.
»Wir müssen da runter«, wisperte die Studentin. »Aber wenn wir das versuchen, sieht uns die Wache. Das wird nicht einfach.«
Jaqueline seufzte, während sie die Armbrust von der Schulter gleiten ließ. Dank der elektronischen Repetiervorrichtung brauchte sie die Sehne nicht von Hand zu spannen. Dies erledigte ein kleiner Motor, der zudem auch einen Bolzen auf die Ablage legte, sodass sie ohne Anstrengung mehrere Schüsse in rascher Folge abgeben konnte.
Eine weitere Erfindung von Roger Müller, dem genialen Tüftler, der seit vielen Jahren für sie arbeitete.
»Du willst ihn doch nicht erschießen!«, zischte Claire. »Jaqueline, das ist grausam und …«
Die Studentin schwieg erschrocken, als die Schatzjägerin die Armbrust anlegte, die Brille als Zielhilfe nutzte und dann, als sie den Kopf des Mannes deutlich im Visier hatte, abdrückte.
Der Bolzen jagte davon, raste durch die offene Tür des Wachhäuschens und traf mit tödlicher Präzision sein Ziel.
Der Wachmann stürzte zur Boden. Für ein, zwei Sekunden zuckten seine Glieder, dann lag er still. Dank ihrer Brillen, die auch als Ferngläser fungierten, konnten die beiden Frauen sehen, dass die Augen des Mannes gebrochen zur Decke starrten.
»Jack, das …«
»Jetzt sieht er uns nicht. Los, wir müssen da runter.« Jaqueline spannte ihre Armbrust erneut, legte diesmal jedoch einen Haken mit starkem Nylonseil auf. Diesen schoss sie in die Betonwand hinter ihr. Anschließend prüfte sie die Festigkeit, ehe sie in die Tiefe glitt.
Claire schaute ihr wie betäubt nach. Bislang kannte sie eine solche Kaltblütigkeit nur von jenen, die dem Professor halfen.
»Ich bin unten«, zischte Jaqueline in das Mikrophon der Brille. »Jetzt du, los!«
»O… okay.«
Claire glitt ebenfalls hinab und stand wenig später neben der Schatzjägerin. Diese zog dreimal kurz an dem Seil, um die Verankerung des Hakens zu lösen. Anschließend rollte sie alles zusammen und steckte es wieder ein.
»Du hast ihn einfach erschossen«, wisperte die Studentin. Sie griff nach Jaquelines Hand. »Du hast ihn wie einen räudigen Köter erschossen.«
»Ich weiß. Wieder einer mehr, der mir in meinen Träumen erscheinen und mich anklagen wird. Aber es gab keinen anderen Weg. Oder denkst du, er hätte uns einfach festgesetzt und das NYPD gerufen? Diese Männer sind Söldner mit einer klaren Vorgabe. Es ist nur ein paar Wochen her, da riss die SSSK ein Kreuzfahrtschiff ins Verderben. Ohne das Eingreifen einer Agentin der Deutschen Regierung wären Passagiere und Crew in eine fremde Dimension geschleudert worden. Das hier, Claire, das ist ein ganz großer Fisch. Wir sind dabei, in den Rachen einer Bestie vorzudringen. Es gibt die und es gibt uns. Wen wir leben lassen, der tötet uns.«
»Der Feind, dem du heute sein Leben lässt, ist der Feind, der dich morgen tötet«, wisperte Claire. »Einer der Sprüche der Amazonen.«
»Und ein verdammt wahrer dazu«, stimmte ihr Jaqueline zu. »Die Mafia ist nicht schlimmer als die SSSK. Im Gegenteil …«
II
Der Bereich hinter dem großen Tor war völlig leer, jedoch hell erleuchtet. Zahlen und Zeichen waren auf den Betonwänden zu sehen, die Schienen führten hinein in den Komplex, den die SSSK hier unten errichtet hatte.
»Dan, kannst du mich hören?«, fragte Jaqueline leise. Ihre Schritte hallten in der großen Halle wider, durch die sie sich bewegten.
»Laut und deutlich, man denkt nicht, dass ihr euch unter der Erde befindet, umgeben von Stahlbeton.«
»Die X-Geräte nutzen jede Möglichkeit, eine Verbindung mit der Außenwelt herzustellen. Ich nehme mal an, auch die SSSK muss mit ihren anderen Einrichtungen oder dem Hauptquartier kommunizieren. Also werden sie Verstärker, Sender und Transmitter eingebaut haben.«
»Ich nehme alles auf, was über die Brille kommt«, näselte der Student. »Auch den … Schuss.«
»Gut.« Jaqueline gab Claire ein Zeichen, vorsichtig zu sein. Sie hatten den Eingangsbereich hinter sich gelassen. Vor ihnen erstreckte sich nun eine deutlich schmalere Röhre, in der auch keine Schienen mehr verlegt waren. Dafür entdeckten sie Fenster rechts und links im Beton.
»Ich denke, hier sind wir ganz richtig. Hinter einer dieser Scheiben finden wir Sanfold. Mal sehen, was er sagt, wenn er mich sieht.« Claire schenkte Jaqueline ein grimmiges Lächeln. »Wir müssen ihn ausschalten, sonst können wir ihn nicht stoppen.«
»Ich weiß«, bestätigte die Schatzjägerin. »Den Guten schadet, wer die Schlechten schont. Mein Leitmotiv seit Jahren …«
Vorsichtig machten sie sich auf den Weg, den Tunnel entlang. Sie wussten, dass jederzeit eine Tür aufgehen und ein Angestellter der Society hinaustreten konnte. Sie bewegten sich auf des Messers Schneide, stets darauf gefasst, handeln zu müssen.
Neben dem ersten Fenster auf der rechten Seite blieb Jaqueline stehen, duckte sich und kroch auf dem Boden entlang, um nicht gesehen zu werden. Erst, als sie die Scheibe passiert hatte, stand sie auf, drückte sich an die Wand und warf einen raschen Blick ins Innere.
Links von ihr befand sich das Fenster, rechts die Tür, die in den Raum dahinter führte.
Sie sah drei Männer, die an einem Tisch saßen und Kaffee tranken. Zwei lasen Zeitung, einer hielt einen Gameboy in Händen und schaute konzentriert auf das kleine Display.
»Da ist ja der Clown aus dem Park«, wisperte Jaqueline, als sie jenen mit dem Gameboy erkannte. »Also sind wir goldrichtig.«
»Der hat Ken in den Rücken geschossen. Dieser elende …«
Jaqueline zog ihre D-Drex und aktivierte den eingebauten Schalldämpfer. »Willst du oder soll ich?«, fragte sie dabei kalt.
Claire erschauerte, als ihr klar wurde, was nun geschehen musste. Jaqueline würde den Raum betreten und jeden einzelnen erschießen.
»Ich kann das nicht«, wisperte die Studentin. »Es tut mir leid, aber …«
»Das muss dir nicht leid tun«, widersprach die Schatzjägerin. »Besser, du behältst ein reines Gewissen.« Sie trat vor die Tür, die mit einem Zischen zur Seite glitt.
Einer der Zeitungsleser schaute auf, sah die Waffe in Jaquelines Hand und wollte reagieren, kam aber nicht mehr dazu.
Die Kugel verließ den Lauf der D-Drex und schlug in den Kopf des Mannes ein – nur, um dort mit einem leisen Geräusch zu detonieren. Blut, Knochen und Hirn spritzten über den Tisch, an die Wand und an einen Getränkespender.
McCrery würgte, denn ein Batzen Hirn hing auf seinem Gameboy. Für einen Moment war er nicht in der Lage, adäquat zu reagieren.
Dann explodierte der Kopf des zweiten Wachmannes und plötzlich war McCrery über und über mit Gekröse bedeckt.
»Shit!«, keuchte er und sprang auf, setzte sich aber wieder, da er in den Lauf der D-Drex blickte. Er erkannte die Frau, die im Park für Taylors Ableben gesorgt hatte.
»Wo ist Sanfold?«, fragte Jaqueline ohne jedes Gefühl. Sie hatte dieses Spiel schon oft gespielt. Und doch war es eine Premiere, denn in New York City hatte sie bislang nicht aktiv werden müssen.
»Du elende Fotze«, brachte McCrery hervor. Wieder würgte er. »Was für eine Waffe ist das?«
»Eine, die dein Spatzenhirn im Raum verteilt, wenn du nicht redest Also noch einmal – wo finden wir Sanfold?«
Würgende Geräusche drangen aus dem Kopfhörer ihrer Brille. Nicht nur Claire, die inzwischen den Raum betreten hatte, kämpfte mit ihrem Mageninhalt, sondern auch Dan.
»Im Weltenlabor«, zischte McCrery. »Den Gang runter, das letzte Labor auf der linken Seite. Ich hoffe, er reißt dir den Arsch auf, Schlampe. Damit du …«
Er schaffte es nicht, den Satz zu Ende zu bringen. Die Kugel jagte aus nächster Nähe in seinen Kopf, detonierte und bereitete seinem Leben ein Ende, noch bevor er es begriff.
Claire übergab sich geräuschvoll. Sie konnte nicht mehr an sich halten.
Jaqueline steckte indes die Waffe ein und wandte sich um. Ihre Augen leuchteten, sie fühlte sich lebendig. Einmal mehr spielte sie das Spiel, Adrenalin rauschte durch ihre Adern. Sie würde den Tag verdammen, jeden einzelnen Toten.
Aber nicht jetzt, nicht in diesem Augenblick. Jetzt lief das Spiel und es gab nur eine Option … Sieg. Alles andere war nicht akzeptabel.
»Geht es wieder?«, fragte sie Claire, die am Eingang lehnte und sich den Mund abwischte.
Die Studentin nickte. »Er hat Ken in den Rücken geschossen. Ein elendes, feiges Schwein. Aber dieser Tod …«
»… war gnädig«, schnitt ihr Jack das Wort ab. »Er hatte nicht zu leiden, denn die Kugel war schneller als der Schmerz. Glaub mir, jedes andere Vorgehen wäre schmerzhafter gewesen.«
Zweifelnd schaute sich Claire um, würgte erneut und verließ rasch den Raum. Jaqueline leckte sich hingegen über die Lippen. Blut klebte an ihnen und in diesem Moment berauschte sie der Geschmack. Auch wenn sie wusste, wie gefährlich das war.
III
Entgegen aller Wahrscheinlichkeit erreichten die beiden Frauen das Ende des Gangs. Niemand hatte das Labor verlassen, keine Wache war aufgetaucht, um nach dem Rechten zu sehen. Mehr noch – niemand hatte bemerkt, was in der Anlage vor sich ging. Der Tod der Männer war bislang niemandem aufgefallen.
Abermals warf Jaqueline einen Blick durch das Fenster, welches sich links der Tür befand. Sie sah einen großen Raum mit mehreren Instrumenten, Tischen und Schränken. Auch einen Stapel mit Kisten konnte sie sehen; er erhob sich zwischen zwei Schränken.
In der Mitte des Labors jedoch befand sich die Hauptattraktion, wie Jack ironisch dachte, denn dort erstrahlte ein grüner Kreis, der zwischen Decke und Boden zu schweben schien. Ein Portal, wie die Schatzjägerin erkennen konnte.
Es maß knapp zwei Meter im Durchmesser. Hin und wieder verließen uniformierte Mitarbeiter der SSSK das Portal, nahmen jeweils eine der Kisten vom Stapel und kehrten zurück in den Kreis, um in ihm zu verschwinden.
Ein einzelner, älterer Mann saß auf einem Stuhl vor einem Computer und bediente diesen zögerlich. Er nahm kaum Notiz von den Männern, die ihrer Arbeit nachgingen. Sie schienen für ihn nebensächlich.
»Ist das Sanfold?«, fragte Jaqueline leise.
Claire huschte an das Fenster heran und warf einen Blick in das Labor. Sie sah den Mann – und nickte aufgeregt. »Das ist der Professor. Du meine Güte, er sieht genauso aus wie bei all unseren vorherigen Begegnungen. Wie sehr ich ihn hasse.«
»Dan, kannst du eruieren, ob hier unten ein Alarmsystem existiert?«, fragte Jaqueline leise. Sie ahnte, dass es diesmal nicht so heimlich, still und leise ablaufen würde wie bislang.
»Woher soll ich das wissen? Bin ich ein Hacker?« Tippende Geräusche erklangen. »Cool, ich habe ein Tool auf deinem Rechner gefunden, mit dem man sich in fremde Systeme einklinken kann.«
»Ach was?«, fragte Jaqueline ironisch.
»Der will eine IP-Adresse vom mir.«
»Ich glaube, damit kann ich dienen«, wisperte Claire. Sie nannte eine mehrstellige Nummer. »Sie steht auf einem großen, grauen Computer, an dem Sanfold arbeitet.«
»Ich glaube, ich bin drin. Himmel, ich kann mich wirklich auf deren Rechnern umschauen.«
»Das Alarmsystem!«, zischte die Agentin. Sie wünschte sich, mit einem echten Operator zu arbeiten.
»Ja, da ist es. Ich …« Dan nieste. »Abgestellt. Glaube ich …«
»Hoffen wir es.« Jaqueline wartete, bis ein Arbeiter mit seiner Kiste durch das Tor getreten war. Dann öffnete sie die Tür, trat ein und richtete die Pistole auf Sanfold.
»Hallo Professor!«, rief Claire. Auch sie hielt ihre Pistole in Händen. »Endlich sehen wir uns wieder!«
Sanfold starrte die Studentin an. Er stand auf, ganz langsam, die Hände erhoben. Sein Blick irrlichterte von Claire zu Jaqueline. Seine Lippen bebten, seine kalten Augen funkelten. »Du kleine Kröte!«, wisperte er. »Mut hast du, das muss ich dir lassen. Und Glück. Die vielleicht gefährlichste Frau dieser Zeit steht auf deiner Seite. Doktor Jaqueline Berger. Ich kenne Ihr Bild aus den Akten der SSSK. Beeindruckend, sehr beeindruckend. Ich nehme an, Sie haben meinen Assistenten getötet, kaum dass ich ihn in diese Welt holte?«
»Deine beiden Handlanger sind tot, Sanfold«, knurrte Claire. Ihr Zorn wurde übermächtig. »Taylor starb im Central Park, der andere ein paar Türen weiter vorne.«
Es fiel Sanfold schwer, seinen Zorn zu bändigen. Er ballte die Hände zu Fäusten. »In wenigen Sekunden ergießt sich eine kleine Armee in diesen Raum«, presste er hervor. »Ich habe den Alarm ausgelöst. Ihr solltet fliehen, so lange ihr könnt.«
»Du meinst den Alarm, den mein Operator ausgeschaltet hat?«, fragte Jaqueline leichthin. »Darauf würde ich nicht setzen.«
»So …?« Sanfold schaute zum Portal. Er hoffte darauf, dass wieder jemand kommen und eine Kiste holen würde.
»Wohin führt die Passage?«, fragte die Schatzjägerin. »Durch die Zeit? In eine fremde Welt? Wohin, Sanfold?«
»Das wirst du nicht erfahren.« Von einer Sekunde auf die andere wurde der Professor durchsichtig. Er löste sich vor den Augen der beiden Frauen auf.
»Nein!«, rief Claire und schoss. Keinesfalls wollte sie den Professor entkommen lassen. Doch die Kugel glitt durch die verblassende Gestalt des Magiers hindurch und hieb gegen die Wand.
Der Knall des Schusses hallte laut zwischen den Wänden des Labors wider.
»Das Portal!«, rief Jaqueline. »Ich wette, er ist auf der anderen Seite. Los, wir müssen …«
Noch bevor sie ihre Idee in die Tat umsetzen konnte, schloss sich das Portal. Es schnurrte zusammen wie ein zu heiß gewordener Gummi.
»Raus hier!«, befahl Jaqueline. »Gleich ist der Teufel los und ich will nicht Schuld an deinem Tod sein.«
Sie wirbelten herum und eilten in den Gang.
Schon sahen sie sich mit Gegnern konfrontiert.
Mehrere Männer eilten ihnen entgegen, warfen sich jedoch zu Boden, als sie die Frauen sahen, und eröffneten das Feuer.
Jaqueline und Claire blieb nur eine Wahl – sie mussten in eines der Labore fliehen. Obwohl sie wussten, dass sie dort in der Falle saßen.
»Dan, wir brauchen einen Ausweg!«, rief Claire, während sie sich in einen leeren Raum katapultierte und so dem Beschuss entging. Jaqueline, die ihr folgte, wurde getroffen. Die Kugel erwischte sie zwischen den Schultern, ließ sie aufschreien und in das Labor taumeln.
Zischend schloss sich die Tür hinter ihnen.
»Jack, bist du verletzt?«, schrie die Studentin panisch. Sie sah Jaqueline zu Boden gehen.
»Geht gleich wieder. Schieß auf den Schließmechanismus der Tür, wir brauchen etwas Zeit. Mach schon«, keuchte die Schatzjägerin.
Claire kam dem Befehl nach. Sie schoss auf den grün blinkenden Kasten neben der Tür und löste damit die Notverriegelung aus.
»Dan, der Ausgang!«, erinnerte Jaqueline den Studenten. »Hilf uns aus der Klemme!«
»Ich versuche mein Bestes. Aber ich – oh nein, nicht jetzt. Schei …«
Der Ruf des jungen Mannes verwehte ebenso wie Claires Gestalt verschwand. Jaqueline sah sie verblassen, so wie der Professor zuvor verblasst war.
Dann war sie weg.
Großartig. Das ist wirklich toll. Die beiden machen eine kleine Reise und ich sitze in dieser beschissenen Falle. Wenn das kein Hohn ist.
Sie rappelte sich auf, während sich vor dem Labor der wütende Mob versammelte. Schüsse fielen, doch weder konnten die Kugeln das Glas des Fensters durchschlagen, noch gelang es den Söldnern der SSSK, die Tür zu öffnen.
Jaqueline schaute sich gehetzt um. Ihre Schulter schmerzte so sehr, dass sie sich am liebsten einfach in eine Ecke gesetzt hätte. Zwar war das Geschoss nicht durch die kugelsichere Kleidung gedrungen, doch den Schlag hatte der Spezialstoff nicht abfangen können.
Schließlich entdeckte sie eine Luftklappe an der Decke. Rasch rollte sie einen Stuhl zu der Stelle, erklomm diesen und schaffte es, die Klappe zu öffnen.
Sie drängte sich in den Schacht und schloss die Klappe wieder. Dann robbte sie los.
Weit kam sie nicht, denn ihre Flucht war nicht unbemerkt geblieben. Sie sah einen Wachmann der SSSK vor ihr in den Schacht klettern, die Waffe im Anschlag. Auch hinter ihr richtete einer der Söldner seine Waffe auf sie.
So also endet es, dachte sie bitter. Hier, unter der Erde. Elende Scheiße.
Sie hatte nicht vor, sich zu ergeben.
Vielleicht ist heute ein besonders guter Tag zum Sterben. Auf zu den Westlichen! Sie wollte ihre Pistole in Anschlag bringen, um ihr Leben in einem finalen Staccato automatischer Waffen auszuhauchen, als sie von eisiger Kälte erfasst wurde. Die Welt um sie herum verschwamm, der Schacht, in dem sie sich befand, löste sich auf.
Dann, von einer Sekunde auf die andere, lag sie in einem großen, hell erleuchteten und nach frischen Zitronen duftenden Labor, umringt von mehreren Männern und Frauen, sie die neugierig musterten.
Das ist nicht der Duat, stellte sie fest, und auch nicht die Anderswelt, die christliche Hölle oder das Paradies.
Sie sah eine junge Frau auf sie zukommen, Erleichterung im Blick.
»Claire?«
»Ich bat Roger Müller, dir aus der Patsche zu helfen. Du hast in der Falle gesessen, und er konnte dich da rausholen. Auch wenn du nun eine Weltenreise absolvieren musstest.«
Jaqueline sah einen Mann, der jenem Christoph Schwarz ähnelte, den sie kannte. Und auch Roger Müller war jenem Genie wie aus dem Gesicht geschnitten, das sie noch wenige Stunden zuvor kontaktiert hatte.
»Sanfold ist entkommen.« Jaqueline rappelte sich auf. »Wir müssen seine Spur verfolgen, wollen wir ihn stellen.«
»Markui arbeitet daran«, erklärte Claire sanft. »Im Moment können wir nichts anderes tun, als abzuwarten.«
Sie drehte sich um und schenkte einem Japaner einen liebevollen, glücklichen Blick. Der junge Mann betrat just in diesem Moment das Labor, gekleidet in einer grau-blauen Uniform mit dem Logo der HDG auf der Brust.
»Christoph Schwarz, wie ich annehme?«, fragte Jaqueline derweil. Sie reichte dem Mann die Hand. »Wir haben eine gemeinsame Bekannte – Nancy Higgins.«
»Ah, darum sind sie so wenig beeindruckt.« Schwarz schenkte ihr ein amüsiertes Lächeln. »Claire bestand darauf, dass wir Sie aus Ihrer misslichen Lage befreien. Sie verspüren keinen Wunsch, sofort zu Ihrem Ausgangspunkt zurückzukehren?«
»Nein, nicht zwingend«, gab ihm die Schatzjägerin recht. Dabei grinste sie ironisch. »Wie lange dauert es, bis wir die Spur von Sanfold haben?«
»Minuten, Stunden oder Tage. Spielt aber keine Rolle, da wir über eine Zeitmaschine verfügen.« Christoph Schwarz zuckte mit den Schultern. »Möchten Sie zurück in Ihre Welt, oder bleiben Sie unser Gast auf Rauenfels, bis wir die Spur haben?«
»Einfacher wäre es wohl, hier zu bleiben. Oder?«
Roger Müller nickte. »Auf jeden Fall, denn dann kann ich alle auf einmal zu Sanfold schicken. Wenn Sie jedoch nach Hause möchten, kann ich das verstehen.«
»Kann ich eine Verbindung zu meiner Welt herstellen? Ich müsste eine Verabredung canceln.«
Müller führte die Schatzjägerin zu einem Pult und betätigte ein paar Knöpfe. »Einfach die Rufnummer eingeben. Wir sind perfekt ausgerüstet.«
»Das sagte Nancy auch …« Jaqueline verschwieg, was ihr die Amazone noch erzählt hatte. Offenbar befand sie sich in einer Zeit vor der Katastrophe, welche die HDG und die Amazonen entzweien würde. Und damit auch vor einer Zeit, in der Christoph Schwarz die Amazonen hatte angreifen lassen.
Halt die Klappe, Jack. Du darfst die Abläufe nicht ändern. Mit der Zeit spielt man nicht! Darum müssen wir auch Sanfold stoppen …
Kapitel 6
I
Burg Rauenfels/ Parallelwelt
»Du glaubst gar nicht, wie glücklich ich bin«, wisperte Ken, während er Claire in seinen Armen hielt. »Diese Medizin – erst dachte ich, sie würde mich umbringen. Aber dann ging es mir von Sekunde zu Sekunde besser. Ich konnte meine Beine wieder bewegen, meine Muskeln waren stärker als je zuvor. Ich verließ das Bett und konnte stehen, gehen und laufen. Scheiße, ich rannte wie verrückt über den Burghof.«
»Dann hat sich das Risiko also gelohnt«, flüsterte Claire, während sie die Brust ihres Freundes liebkoste.
»Hat es«, bestätigte Ken. »Ab sofort bin ich wieder dabei. Zu dritt treten wir diesem Spinner in den Hintern.« Seine Hände glitten unter das Shirt der jungen Frau und schoben es nach oben. Er konnte den Duft ihres Parfüms ebenso wahrnehmen wie ihre leichte Erregung. Seine Sinne waren seit der Medizin geschärft, seine Libido ebenso gewachsen wie sein Appetit auf scharf gewürzte Speisen.
Kens Fingerkuppen glitten sanft über die harten Knospen der Studentin, während seine Zunge an ihrem linken Ohr spielte. Die Wärme ihrer Haut übertrug sich auf ihn, er konnte ihr erregtes Zittern spüren, ihren schweren Atem hören. Hin und wieder drangen leise Seufzer über ihre Lippen, während sie sich dem jungen Japaner hingab.
»Du bist so schön!«, flüsterte Ken heiser, während er sich über Claire beugte und mit seinen Lippen ihre Nippel liebkoste. Seine Hand glitt über ihren schlanken, muskulösen Bauch, bis sie den Saum der Jeans erreichte. Geschickt öffnete der Student die Hose, schob sie hinab und konnte schon bald ihren dünnen Slip spüren, und auch ihre Feuchte.
Ein sinnlicher Duft drang ihm in die Nase, seine eigene Erregung stieg. Er wurde fordernder, entkleidete seine Freundin und ließ zu, dass sie das gleiche bei ihm tat.
Wenig später versanken beide in leidenschaftlicher Ekstase, die sie vergessen ließ, welch beschwerliche, gefahrvolle und vor allem angsterfüllte Zeit hinter ihnen lag. Claire gelang es, die Stunden mit dem Ryk aus ihrer Erinnerung zu verbannen, so wie sie auch den Schmerz nach Kens Verletzung aus ihrem Gedächtnis strich. Vergessen waren die Zweifel und Ängste, vergessen auch die gemischten Gefühle, die sie während all der zurückliegenden Reisen auf der Jagd nach Sanfold empfunden hatte.
Sie war hier, und Ken war hier. Sie liebten einander, nichts anderes war wichtig. Auch nicht die Möglichkeit, dass ihre Laute gehört wurden. Es war ihnen egal, wer Ohrenzeuge ihrer Liebe wurde. Sie gaben sich einander hin in der Hoffnung, niemals wieder auf diese schreckliche Weise voneinander getrennt zu sein.
Stunden später lagen beide erschöpft in dem breiten Bett und schauten hinauf zu der in Braun gehaltenen Decke. Die Sonne war untergegangen, in der Luft klebte das Aroma von wildem Sex, Schweiß und Lust.
»Ich liebe dich«, flüsterte Ken. »Mehr als du dir vorstellen kannst.« Er griff nach ihrer Hand und drückte sie.
Claire schenkte ihm einen glücklichen Blick, ehe die Müdigkeit nach ihr griff und sie sich von Morpheus‘ Armen umfangen ließ. Es war der erste wirklich gute Schlaf seit vielen Wochen …
II
Jaqueline stieg aus der Flugscheibe und schaute sich nahezu ehrfürchtig um. Sie kannte Neustadt an der Weinstraße als kleines, nettes Städtchen, in dem man ein paar Einkäufe erledigen oder einen Zug zu den großen Städten der Region besteigen konnte.
Das alles traf auf dieses Neustadt nicht zu. Hier waren die Gebäude imposanter, die Lebensformen mannigfaltiger und die Umgangsformen rauer.
»Neustadt ist eine Freistadt«, erklärte Xarina, während sie auf einen Aufzug deutete, der vom Dach des Gebäudes, auf dem sie gelandet waren, in die Tiefe führte. »Hierher kommen Kämpfer beider Seiten, um sich zu entspannen.«
Sie betraten eine kleine Kapsel und jagten in ihr hinab.
Jaqueline wusste bereits, was eine Freistadt war. Sie kannte die Berichte ihrer Freundin Nancy, die hier nach Roger Müller gesucht hatte, als dieser verschleppt worden war. Ein Fall der Detektei Schwarz, der unter dem Titel »Der wilde Kaspar« in den Unterlagen Stargates zu finden war.
Und doch war es etwas anderes, nun durch die Straßen dieser Freistadt zu gehen. The map is not the territory, wie es in der Psychologie hieß.
Jaquelines Blick huschte in die Runde, kaum dass sie den Lift verlassen hatten. Sie sah Kreaturen, wie sie sie noch nie zuvor erblickt hatte. Schwarze, pelzige Wesen, die Spinnen ähnelten und sich auch wie Tiere benahmen.
Menschen mit ledriger Haut, als seien es Echsen.
Groß gewachsene Männer mit sportlichem Aussehen und einem Dauerlächeln im Gesicht. In der Luft flog eine Kreatur, die entfernt an einen Flugdrachen erinnerte. In einer Ecke kauerte eine große Spinne.
»Sind sie alle intelligent?«, wisperte die Schatzjägerin.
»Die meisten. Selbst wenn wir es nicht für möglich halten. Die Spinne zum Beispiel kann die kleinen, pelzigen Biester kontrollieren. Wären wir nicht in einer Freistadt, würden wir gegen sie und ihre Untertanen kämpfen müssen. Aber hier greift sie nicht an. Orte wie dieser sind ein fragiler, aber dauerhafter Versuch, ein Zusammenleben zu praktizieren. Schon mehrfach stand das Konzept auf der Kippe. Würde ich meine Pistole ziehen und solch ein pelziges Vieh über den Haufen schießen, würde es außer der Spinne keinen interessieren. Und auch ihr ginge es wohl höchstens darum, die Überreste aufsaugen zu können. Erschieße ich die Spinne, kann es passieren, dass hier das absolute Chaos ausbricht und die Freistadt keine mehr ist. Bis vor ein paar Monaten war das Tragen von Waffen in Neustadt verboten.«
Am Straßenrand glühten Steine und verströmten ein angenehmes und helles Licht. Sie beleuchteten den Weg mindestens so gut, wie es Lampen gekonnt hätten. Über ihren Köpfen jagten Flugscheiben dahin. Aus einer Kneipe drang schrecklich falscher Gesang. Zwei Soldaten wankten ins Freie.
»Hierher kommen auch Kämpfer, wenn sie Fronturlaub haben. Man kann es sich kaum vorstellen – hier trinken sie miteinander, und drei Tage später erschießen sie einander.« Xarina ging nun schneller. Sie passierten einen weißen Streifen, der mit Pflastersteinen gelegt quer über die Straße führte. »Wir sind im Lohmann-Viertel. Und da drüben ist Der Blaue Drache. Ein guter Ort, um einen Drink zu nehmen und etwas Spaß zu haben.«
»Lohmann-Viertel?«, fragte Jaqueline. »Eine Berühmtheit der Stadt oder des Krieges?«
»Er war Bürgermeister von Neustadt, als die City noch umkämpft war. In einem heldenhaften Versuch, 80 Kinder vor dem sicheren Tode zu bewahren, starb er. Man benannte jenes Viertel nach ihm, in dem er seinen Tod fand.«
Sie betraten den Der Blaue Drache und blieben kurz hinter der Tür stehen. Auf einer Bühne rechts von ihnen tanzten zwei nackte Frauen in lasziven Posen, an der Theke standen spärlich bekleidete Modellathleten. Dazwischen tummelten sich Männer und Frauen, Feindwesen und Kreaturen, die Jaqueline höchstens in einem Zoo erwarten würde, nicht aber in einer Spelunke wie dieser.
Barbusige Bedienungen eilten zwischen den Gästen hindurch. Manch einer der Männer hatte seine Hände nicht im Griff, sodass kaum eine der Bediensteten ungeschoren ihr Ziel erreichte.
»Da hinten sitzen zwei Schwestern. Zu denen gesellen wir uns!«, rief Xarina gegen die Musik und den Lärm unzähliger Stimmen an. Dabei deutete sie in jene Richtung, in die sie gehen wollte.
Jaqueline nickte nur.
Gemeinsam durchquerten sie den Gastraum und standen schließlich vor den beiden Amazonen, die hier ihren Abend genossen.
»Nadine Weyer!«, rief Jaqueline, als sie die Frau erkannte. Zumindest äußerlich hatte sie große Ähnlichkeit mit jener Nadine, die sie aus ihrer Welt kannte und die letztlich das Opfer eines wahnsinnigen Killers geworden war.
»Und du bist …?«, rief die Amazone, während sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht blies. Dabei musterte sie Jaqueline abschätzig.
»Jack Berger«, stellte sich die Schatzjägerin vor. »Ich komme aus jener Welt, aus der auch Nancy stammt.«
»Wie geht es ihr? Hast du sie in letzter Zeit gesehen?«
»Erst ein paar Wochen ist es her, da arbeiteten wir gemeinsam an einem Fall. Es geht ihr ziemlich gut.«
»Eine Freundin von Nancy ist auch meine Freundin«, rief Nadine gut gelaunt, ehe sie ihre Begleiterin vorstellte. »Das hier ist übrigens Lyntaia Derlo, meine geschätzte Partnerin.« Sie gab der Amazone, die ihren Blick kaum von der Bühne wenden konnte, einen Stoß mit dem Ellenbogen.
»Was?«, fragte die Amazone erschrocken und wandte sich um. »Oh, ein Gast. Und dazu ein so … hübscher.« Sie reichte Jaqueline die Hand. »Ist mir eine Freude.«
»Sie heißt Jack, kommt aus der gleichen Welt wie Nadine und hat wahrscheinlich kein Interesse an dir, liebe Lyntaia. Also hör auf, sie anzuschmachten.«
»Ich schmachte nicht!«, verteidigte sich die Amazone, wurde jedoch gleichzeitig rot. »Jedenfalls sabbere ich nicht auf den Tisch so wie du, wenn du einen Ryk siehst.«
»Ich hätte meine enge Lederkleidung anziehen sollen«, sagte Jaqueline. »Vielleicht würdest du dann auch sabbern?«
Nadine lachte laut, während Lyntaia verschämt den Blick senkte.
»Kein Grund, sich abzuwenden.« Jaqueline griff wieder nach der Hand der Amazone. Ihr gefiel dieses kleine Spiel. Vor allem aber gefiel ihr die Amazone. Ihr sportlicher, trainierter Körper sprachen sie ebenso an wie ihre blitzenden Augen und die sinnlich geschwungenen Lippen. Zudem war Lyntaia noch recht jung; wieder etwas, das Jaqueline gefiel. »Vielleicht fange ja ich an zu sabbern, wenn ich noch eine Weile bei dir sitze.«
»Oh wunderbar«, rief Nadine gespielt theatralisch aus. »Da kommt eine Frau aus der Parallelwelt und schon bin ich meine Partnerin los. Ich sollte mir einen Ryk suchen und mir den Verstand aus der Birne vögeln lassen.«
»Das wäre aber ein kurzer Spaß«, witzelte Xarina. »Bei dem bisschen Verstand in deinem Kopf ist das ruck-zuck gegessen.«
»Ich verfüttere euch beide an schwarze Spinnen. Wartet nur ab …«
Die Frauen lachten.
Eine Kellnerin kam und nahm die Bestellung der beiden Neuankömmlinge auf, die Tänzerinnen auf der Bühne wechselten.
Jaqueline schenkte den beiden Stripperinnen, die sich nach allen Regeln der Kunst verbogen, keine Beachtung. Sie flirtete lieber mit Lyntaia, da diese greifbarer war.
»Mädels, geht in ein Hotelzimmer«, rief Nadine nach einer Weile. »Euch zuzuschauen ist ja grauenvoll. Mit einem Ryk treibe ich es nicht, mit Soldaten der HDG auch nicht. Also bleiben mir nur meine Finger. Da brauche ich keine Show von zwei Frauen, die den ganzen Abend turteln.«
»Du kannst uns ja begleiten«, bot Jaqueline an, während sie aufstand. »Dann sind es nicht deine Finger, sondern meine.«
»Wenn da nicht ein hübscher Schwanz in deiner Hose pocht, dann lehne ich das großzügige Angebot ab.« Nadine schüttelte amüsiert den Kopf. »Laug mir meine Partnerin nicht allzu sehr aus, wir haben morgen einen Einsatz.«
»Wirklich?«, fragte Jaqueline. »Worum geht es denn?«
»Willst du uns begleiten?«, fragte Xarina erstaunt. Dabei hob sie eine Braue. »Wir statten einem Lager der Feindwesen einen Besuch ab. Wird ziemlich blutig.«
»Sollte dieser Markui keine Spur von Sanfold haben, denke ich darüber nach. Wenn doch, dann muss ich meine eigene Schlacht schlagen.«
»So spricht eine Amazone!«, rief Nadine. »Also, schönen Abend euch.«
»Danke.« Lyntaia folgte Jaqueline durch die Bar. Kurz darauf traten beide in die Nacht.
»Ich habe keine Ahnung, wo wir ungestört sein können. Du bist hier zu Hause, also führe mich.« Die Schatzjägerin schenkte der Amazone ein vielsagendes Lächeln.
»Ich weiß ein kuscheliges Hotel. Aber sei gewarnt – ich hatte seit gefühlt eintausend Jahren keinen echten Sex mehr.«
»Umso besser.«
Kapitel 7
I
Burg Rauenfels/ Parallelwelt
Die Morgensonne schien in den Burghof. Jaqueline saß am Frühstückstisch, die Augen halb geschlossen. Sie war erst kurz zuvor auf die Burg zurückgekehrt. Ihr Leib schien noch immer in Flammen zu stehen, so leidenschaftlich war die Nacht mit Lyntaia gewesen. Leidenschaftlich, lustvoll und schmerzhaft. So, wie sie es mochte.
Ihr gegenüber hockten Claire und Ken. Beide glühten ebenso wie Jaqueline. Einzig Dan saß mit rot leuchtender Nase und triefenden Augen auf seinem Platz und schien unzufrieden.
Ein Koch hatte allerlei Köstlichkeiten aufgetischt. Der Duft von frisch gebratenem Speck erfüllte ebenso die Luft wie das Aroma von Kaffee, Tee und Omelette mit frischem Gemüse.
»Ich habe eine Spur von Sanfold!«
Markui eilte in den Raum, ließ sich auf seinen Stuhl fallen und griff nach einer Tasse Kaffee. Er wirkte völlig übernächtigt, sein Haar hing ihm wirr in die Stirn.
»Wo und wann ist er?«, fragte Claire elektrisiert. »Können wir ihn anspringen?«
Jaqueline lachte leise. »Ich glaube, du hast heute Nacht jemand ganz anderen angesprungen.« Sie blinzelte der Studentin zu, die sofort errötete.
»Hört, hört«, murmelte Xarina, die ihre Hand ganz ungeniert auf Markuis Bein legte. »Wer konnte es denn gar nicht erwarten, mit einer Amazone in ein Hotel zu entschwinden?«
»Jeder tut, was er tun muss«, replizierte Jaqueline ungerührt. »Also, du hast die Zieldaten?«
»Sicher. Er verschwand nicht in eine fremde Welt und auch nicht in eine fremde Zeit. Eigentlich teleportierte er sich lediglich an einen anderen Ort. Ganz schön gewieft. Hätte ich zuerst in der gleichen Zeit gesucht, er wäre mir eine Minute später ins Netz gegangen. Aber so ist das, wenn man zu umständlich denkt.«
»Dann brechen wir nach dem Frühstück auf«, rief Ken. »Ich will es endlich zu Ende bringen, verdammt. Ich will, dass dieser Wichser stirbt. Für alles, was er uns angetan hat und für alles, was er uns noch antun würde, wenn er nur könnte.«
»Das nenne ich leidenschaftlich.« Xarina seufzte. »Rache war nie ein guter Ratgeber. Wir Amazonen hätten viele Gründe, uns an den Feindwesen zu rächen. Tun wir aber nicht, sondern ziehen besonnen in den Kampf.« Sie stand auf. »Das ist mein Stichwort, denn der Einsatz wartet. Viel Glück euch. Vielleicht sehen wir uns wieder – irgendwann einmal.« Sie verbeugte sich kurz vor Jaqueline, ehe sie Markui auf den Mund küsste. Dann eilte sie davon.
»Unser Genie hat seine Liebe gefunden«, witzelte Dan näselnd. »Kann ich auch etwas von dieser Feindwesen-Medizin haben? Ich fühle mich elend, krank und schwach. Dabei muss ich stark sein, um Sanfold und seinen Schergen der SSSK in den Arsch zu treten.«
»Ich habe ein Mittel, das von Menschen für Menschen entwickelt wurde und dich stärkt, so lange der Kampf dauert. Ausruhen kannst du dich später.« Markui drückte seinem Freund eine Phiole in die Hand. »Außerdem bekommt ihr neue Armbänder, um die Rückreise hierher zu initiieren.« Er reichte jedem ein solches Gerät. Selbst Jaqueline erhielt ein derartiges Armband. Obwohl sie nicht plante, in die Parallelwelt zurückzukehren.
Dennoch nahm sie es. Zeit und Ort der Reise konnten über einen Touchscreen eingestellt werden, ein grüner Knopf initiierte die Weltenreise.
Sie legte das Armband um, leerte ihren Teller und stand auf, als es die anderen Zeitreisenden taten. Zu viert gingen sie in das Labor von Roger Müller und Markui, um dort die Heimreise anzutreten. Eine Reise in ihre Welt, in ihre Zeit.
»Bitte auf die Plattform stellen, die Luft anhalten und bis zehn zählen«, scherzte Markui, fing dann aber Kens Blick auf und grinste schief. »Schön, dich wieder bei den anderen zu sehen. Vielleicht wendet sich nun alles zum Guten.«
»Sobald wir Sanfold ausgeschaltet haben und wieder in unseren Zimmern sitzen, um uns zu langweilen …«, replizierte Dan. Er hatte das Medikament genommen und spürte bereits, dass es wirkte.
»Gute Reise!« Roger Müller initiierte die Weltenreise, Kälte ergriff von den vier Abenteurern Besitz – dann verschwanden sie im Zeitstrom.
Kapitel 8
I
Eine Insel im Pazifik, 23.01.2001
Jaqueline taumelte aus dem Zeitwirbel, sah vor sich einen dürren Baum und streckte die Hand aus, um sich festzuhalten.
Neben ihr erreichten Ken und Claire ihr Ziel. Auch Dan verließ den Zeitstrudel, stolperte und stürzte neben Jaqueline zu Boden.
Salzige Meeresluft wehte über die kleine, karge Insel, auf der sich die Zeit- und Weltreisenden wiederfanden. Sie standen auf einem Hügel und hatten einen guten Blick sowohl auf den Ozean als auch auf das, was um sie herum geschah.
Unter ihnen erstreckte sich ein großer Forschungskomplex der SSSK, wie die großen, rot leuchtenden Buchstaben auf einem Heliport bewiesen.
Männer und Frauen in den typischen Uniformen der Society eilten beschäftigt umher, auf einem Wachturm saßen zwei Männer und behielten den Komplex im Blick.
»Da unten ist Sanfold!«, zischte Claire, die ihre von Jaqueline geliehene Datenbrille trug. Sie deutete auf einen Mann, der vor dem Eingang der Forschungseinrichtung stand und die Arbeiten überwachte.
»Bringen wir es hinter uns!«, knurrte Ken. »Ich habe große Lust, ihm einen Schuss aus dem Energiegewehr überzubraten. Soll er doch krepieren, ohne auch nur im Entferntesten zu ahnen, woher der Schuss gekommen ist.«
»Nein, das machen wir nicht«, widersprach Jaqueline. »Ich will mit ihm reden. Auch wenn er gefährlich ist, interessiert er mich.«
Sie nahm ihre Armbrust von der Schulter, lud einen Bolzen und zielte.
Dann drückte sie ab.
Das Geschoss sirrte in die Tiefe, um sich nur Sekunden später in das Bein des Professors zu bohren.
Sanfold stürzte zu Boden. Ein erschrockener, schmerzerfüllter Schrei drang dabei über seine Lippen.
»Los!«
Jaqueline eilte den Hügel hinab. Sie lief geduckt, um den Wachen kein Ziel zu bieten.
Die drei Freunde folgten ihr.
Schüsse fielen, Kugeln pfiffen über die Insel. Mehrfach schlugen die Geschosse in der Nähe von Claire, Dan und Ken ein, doch sie ließen sich davon nicht beirren.
Sie hatten ein Ziel und sie wollten es endlich zu Ende bringen.
»Feuer einstellen!«, befahl Sanfold, während er sich wieder aufrappelte. Den Bolzen der Armbrust hielt er in Händen, seine Wunde war bereits wieder verheilt. Die Magie, die durch seine Adern floss, war sehr viel mächtiger als es sich die Zeitreisenden hatten vorstellen können. Eine Wunde wie jene, die Jaquelines Schuss verursacht hatte, konnte ihn nicht ausschalten.
Er trat auf einen freien Platz vor dem Wachturm, die Arme ausgestreckt.
»Feuer einstellen!«, wiederholte er. Ihm war klar, dass es kein Versteckspiel mehr geben würde, keine Flucht.
Er war hier, und seine Jäger ebenfalls.
Jaqueline blieb knapp fünf Meter vor Sanfold stehen, ebenso Dan, Claire und Ken.
Sie standen einander gegenüber. Zornig, kalt, berechnend.
Ihnen allen war klar gewesen, dass die letzte Konfrontation unausweichlich sein würde.
Sie hatten nicht gewusst, wo und wie sie sich treffen und dieses Rennen zu Ende bringen würden. Aber dass es so kommen musste, daran hatte keiner gezweifelt.
Nun war es so weit.
Jeder hoffte, ein letztes Ass im Ärmel zu haben, das Spiel mit einem geschickten Schachzug zu seinen Gunsten entscheiden zu können.
»Ihr seid also gekommen, um meine Pläne ein weiteres Mal zu vereiteln. Hier, auf der Insel soll es zu Ende gehen. Entweder ihr oder ich. Dieses Spiel, das wir seit Wochen spielen, hat heute ein Ende.« Sanfold kniff die Augen zusammen. »Wobei ich nicht ganz verstehe, was Sie hier tun, Doktor Berger.«
»Nein?«, fragte die Schatzjägerin. »Wann immer es gilt, der SSSK kräftig in den Arsch zu treten, bin ich zur Stelle. Mein liebstes Hobby, könnte man sagen. Kick die SSSK.«
»Witzig. Wenn ich mit Ihnen fertig bin, hat die SSSK eine Feindin weniger.«
»Ich würde gerne mit Ihnen plaudern, Professor. Vielleicht finden wir einen Weg jenseits purer Vernichtung.« Jaqueline neigte den Kopf zur Seite. Sie sah in Sanfold eine interessante Person. Auch wenn sie seine Pläne nicht mochte, war er doch ein Magier aus einer fremden Welt. Das interessierte sie.
»Nein, das glaube ich nicht. Sie und ich, wir haben einander nichts zu sagen, Doktor Berger. Es gibt nur eines, das ich möchte – dass Sie und Ihre Schützlinge sterben.«
Sanfold riss die Arme nach oben, um Magie zu wirken.
Jaqueline war schneller.
Ihre D-Drex spuckte ihre tödliche Ladung, noch bevor auch nur ein Wort über die Lippen des Magiers gekommen war.
Zwei Kugeln schlugen in den Kopf des Mannes ein, detonierten dort und beendeten sein unseliges Leben.
Doch nicht nur Jaqueline hatte geschossen, sondern auch Dan, Claire und Ken. Sie alle jagten Kugel um Kugel in den Leib des Mannes, den sie so viele Stationen lang gejagt hatten. Der Leib des Magiers wurde dabei völlig zerfetzt, Blut, Knochen und Innereien flogen in alle Richtungen davon.
Dann reagierten die Wachen und plötzlich erzitterte die Luft unter dem wütenden Schusswechsel.
»Wir müssen weg!«, rief Claire. »Unsere Aufgabe ist erfüllt, fliehen wir!«
Jaqueline war gewillt, ihr zuzustimmen. Doch dann schlug das Grauen zu, härter und gnadenloser, als sie es sich in ihren kühnsten Alpträumen hatten vorstellen können.
Die Magie des Professors wurde freigesetzt. Ein blauer Strahl jagte aus der Leiche, schoss hinauf in den Himmel und verfärbte diesen rot. Zeitwirbel entstanden rings um die vier Freunde, wilde Bestien tauchten scheinbar aus dem Nichts auf.
Blut würde fließen und den Zeitstrom rot färben.
»Was zur Hölle …« Dan sah sich plötzlich mit einer schwarzen Spinne konfrontiert, während Claire eine Frau sah, die das Aussehen von Queen Viktoria trug. Auch Guinevere und die Korsaren tauchten für einen Moment in den Zeitwirbeln auf. Sie sahen die Holländer, die sie während der Tulpen-Sache getroffen hatten, während Jaqueline mit Taylor konfrontiert wurde.
Für die Leute der SSSK war es nicht mehr wichtig, auf die Zeitreisenden zu schießen. Sie sahen sich mit einer Gefahr konfrontiert, die sie so noch nie erlebt hatten. Kreaturen jenseits des Vorstellbaren jagten aus heiterem Himmel auf sie zu.
Ein riesiges Vieh mit spitzen Krallen und einem enorm langen, gebogenen Schnabel flog über den Wachturm hinweg, drehte sich und griff einen der Wachmänner an. Nur Sekunden später schnappte der scharfe, lange Schnabel zu und zerteilte den Mann in der Mitte.
Ein grauenvoller Schrei hallte über die Insel, als der Mann seinen Unterleib zu Boden fallen sah, wohl wissend, dass er nun sterben würde. Sekunden später verlor er das Bewusstsein.
Schwarze Fellkugeln rollten über den Boden und suchten sich ihre Opfer, eine große Spinne stakste zwischen ihnen herum. Ihr Leib erzitterte unter den Schüssen von Schnellfeuergewehren, aber sie hatte dennoch die Kraft, eine Wissenschaftlerin mit ihrem Stachel aufzuspießen.
Jaqueline hörte ihren gurgelnden Laut, als der Stachel von unten in ihren Körper eindrang, die Gedärme durchstieß und aus dem Mund hervorkam. Ihre Augen verrieten, dass sie sich des Horrors bewusst war, der sie das Leben kostete.
Hinter Jaqueline stieß Claire einen Schrei aus. Sie sah einen Mann mit kahlem Schädel und brauner Haut auf sich zukommen. In seiner Hand hielt er einen Stab, auf dessen Spitze ein Kristall glitzerte.
Schweinepriester, dachte Jaqueline entsetzt. Sie kannte diese Feindwesen, denn schon einmal war sie von ihnen angegriffen worden. Damals, als eine fremde Insel im Pazifik auftauchte und die Feindwesen eine Invasion dieser Welt planten.
Ohne zu zögern jagte sie dem Mann eine Kugel in den Schädel und sah ihn fallen. Dann zog sie Claire zu sich, riss den Arm der Studentin in die Höhe und aktivierte die Rückkopplung.
»Nei …« Claire schaute Jaqueline erschrocken an, dann löste sie sich auf.
»Los, weg mit euch!«, befahl die Schatzjägerin den beiden Männern. Zieht euch zurück, ihr habt euren Job erledigt!«
»Und du?«
»Weg mit euch! Wird‘s bald?« Jaqueline schlug auf Kens Armband und startete die Rückkopplung. Dan nickte der Schatzjägerin zu, dann verschwand auch er.
»Also dann!« Jaqueline eilte los. Sie wollte sich nicht all den Feindwesen stellen, die plötzlich die Insel bevölkerten. Auch hatte sie kein Interesse daran, den Leuten der SSSK zur Hilfe zu eilen.
Sie spurtete den Hügel hinauf, eilte ihn auf der anderen Seite hinab und hielt damit auf einen kleinen Hafen zu.
Dort lag eine Yacht vor Anker. Sie wusste nicht, wem sie gehörte, nahm aber an, dass sich auf ihr ein hochrangiges Mitglied der SSSK aufhielt.
Hinter ihr erklang ein schriller Schrei. Jack drehte den Kopf und sah den großen Vogel kommen.
Kurz hielt sie inne, riss ihre D-Drex in die Höhe und feuerte zwei schnelle Schüsse auf den Kopf der Kreatur ab.
Eine Kugel ging fehl, die andere zerstörte den Schnabel.
Sofort drehte der Vogel laut kreischend ab.
Jaqueline nickte nur und setzte ihre Flucht fort.
Als sie sich der Yacht näherte, sah sie zwei Männer mit Waffen an der Reling stehen. Sie blickten ihr entgegen und schienen nicht zu wissen, was sie tun sollten.
Jaqueline nahm ihnen die Entscheidung ab. Aus dem Lauf heraus erschoss sie die beiden, lief über die Gangway an Bord und stürmte sofort die Brücke.
»Ablegen!«, befahl sie, die Pistole auf den Mann am Steuer gerichtete. »Los, sofort.«
»Aber wir können nicht …«, stotterte dieser. »Mister Hershey ist noch auf der Insel. Er wird …«
»Willst du dem Teufel die Hand schütteln?« Jaqueline spannte den Hahn der D-Drex. »Ablegen!«
»Schon gut.« Der junge Mann kam der Order nach, startete die Maschinen und holte den Anker ein.
»Und jetzt sieh zu, dass du von Bord kommst. Los, runter von der Yacht!« Mit der Waffe verlieh sie ihrer Order Nachdruck.
Kurz darauf sah sie den Steuermann an Land schwimmen. Die Leichen warf sie über Bord, anschließend durchsuchte sie das Schiff, welches bereits Kurs aufs offene Meer gesetzt hatte.
Sie stellte zufrieden fest, dass sich niemand sonst an Bord befand.
Zurück auf der Brücke ging sie zum Satellitenfunk. Harvey musste nicht nur wissen, was hier geschehen war, sondern auch Maßnahmen ergreifen.
Die Yacht war bereits mehrere Meilen entfernt, als ein Blitz den Horizont erhellen ließ. Ein Satellit, der offiziell nicht existierte, hatte mit einer Waffe, die ebenfalls nicht existierte, auf die Insel gefeuert und jedes Leben darauf vernichtet.
Der Spuk war endgültig vorbei.
II
»Sie hat uns alle hierher zurückgeschickt, um die letzte Schlacht alleine zu Ende zu bringen. Sanfold ist tot, seine Handlanger sind es. Und doch sah ich Taylor. Es war, als würde er Raum und Zeit überbrücken.« Claire wusste nicht, was sie von den letzten Minuten halten sollte. Sie stand im Labor von Roger Müller und schaute die anderen an. »Was denkt ihr?«
»Sanfold starb und gab seine Magie frei. Das führte zu all dem Chaos. Warum uns Jaqueline jedoch hierher geschickt hat, statt sich auf uns zu verlassen, weiß ich nicht.«
»Vielleicht hatte sie eine Idee. Oder sie suchte einen heldenhaften Tod. Ausschließen möchte ich das nicht«, wisperte die Studentin. »Sie litt so sehr unter dem, was sie zu tun gezwungen war. Ich möchte nicht in ihrer Haut stecken.«
»Das möchte wohl niemand.« Dan streckte sich. Sanfold war tot, die Jagd zu Ende. Sie hatten zu Ende gebracht, was hier, in diesem Labor begann.
»Und jetzt?«, fragte Ken. »Gehen wir nach Hause?«
Plötzlich änderte sich die Stimmung. Erst jetzt wurden den Freunden bewusst, dass es tatsächlich vorbei war. Dass sie gehen konnte; zurück nach Kansas. In ihre Zeit, in ihre Welt. Keine Reisen mehr, keine Jagd, keine Gefahren.
»Gehen wir nach Hause!«, bestätigte Claire. Sie griff nach der Hand ihres Freundes. »Ich will keine Sekunde länger in einer fremden Welt verbringen.«
»Ich auch nicht«, bestätigte Dan. Er blickte zu Markui. »Du wirst bleiben, oder?«
Der junge Wissenschaftler nickte. »Wir setzen bald die Z-Strahlen ein. Ich liebe Xarina, hier ist meine neue Heimat. Außerdem werde ich nicht ruhen, bis ich meine Schwester und all die anderen gefunden habe. Auch diese Möglichkeit bietet sich mir in diesem Labor.«
Die drei Freunde traten ein letztes Mal auf die Plattform und nickten Roger Müller zu. Dieser erwiderte den Gruß und programmierte die Maschine.
Kansas City, 2006 lautete das Ziel, ein Tag nach den Ereignissen, die zu den neuerlichen Abenteuern führten.
Dann verschwanden die drei in einem kalten Blau.
Kapitel 9
I
Kansas City, 2006
Wie knüpft man an ein Leben an, das man Monate nicht mehr führte? Wie wird man wieder zu einer Studentin, zu einer Bibliotheksmitarbeiterin, wie zu einer einfachen Frau, die ohne Waffen, ohne echte Aufgabe lebt?
Claire wusste es nicht. Sie spürte eine Leere in sich, mit der sie nicht gerechnet hatte. Die Abenteuer, das Adrenalin und die Aufregung – nichts war mehr übrig.
Wie belanglos erschienen ihr die Sorgen, die andere Studenten plagten. Zensuren, Geld, Nebenjob. Was war das im Vergleich zu dem, was sie getan, gesehen und erlebt hatten? Sie erinnerte sich an all die bemerkenswerten Begegnungen mit Personen der Zeitgeschichte, an die Kämpfe und Schmerzen, aber auch an das Glück, unbeschadet nach Rauenfels zurückgekehrt zu sein.
Sie saß in einem kleinen Diner und starrte gegen die Wand. John Denver dudelte aus einer Jukebox, es roch nach Burgern und Fritten. Vor ihr, auf dem Tisch, stand ein Milchshake, an der Decke drehte ein Ventilator träge seine Runden.
»Jaqueline lebt. Ich hatte heute ein langes Telefonat mit ihr«, murmelte Claire. Sie schaute erst zu Ken, dann zu Dan. »Sie hatte einen Plan, als sie uns auf die Reise schickte. Ein Plan, der aufging.«
»Shit, sie ist gut!«, lachte Dan. »Schade, dass sie nicht auf Männer steht. Wenn, würde ich sie besuchen. Was für eine Frau …«
»Ja …« Ken nippte an seiner Cola. Anschließend griff er nach Claires Hand und drückte sie sanft. »Wir sind zu Hause. Es ist …«
»Wunderbar?«, fragte die Studentin. »Tut mir leid, aber ich empfinde nicht so. Mir ist, als würde etwas Essentielles in meinem Leben fehlen. Als habe ich etwas Großes in Händen gehalten und es dann wieder verloren.«
»Ich weiß, wie es dir geht«, gestand Dan. »Als ich meine Tasche für die nächste Vorlesung packte, erschien es mir so fade. Ich glaube, ich werde ein Sabbatjahr einlegen, um ein paar Dinge auf die Reihe zu bekommen. Die Uni, der Sport, all das gibt mir nichts mehr. Vielleicht …«
»Was?«, fragte Ken leise. »Denkst du daran, dich zur Armee zu melden? Wenn, dann können wir die Papiere gemeinsam ausfüllen.«
Betretenes Schweigen breitete sich am Tisch der drei Freunde aus. Inzwischen sangen die Corrs aus Irland, aber auch das konnte die Stimmung der ehemaligen Timetraveller nicht heben.
»Hätte ich eine Zeitmaschine, ich würde den Knopf drücken«, erklärte Claire plötzlich. »Ich würde ihn drücken und schauen, wohin er mich verschlägt. Wir sind entwurzelt, süchtig nach dem Kick.«
»Ich glaube, wir alle würden den Knopf drücken. Aber wir haben keine Maschine mehr und …« Ken schaute auf, als ein Pärchen im mittleren Alter an ihren Tisch trat. »Können wir Ihnen helfen?«
»Claire Bancroft?«, fragte der männliche Part des Duos, ehe er sich an Ken und Dan wandte und auch deren Namen nannte.
»So ist es«, bestätigte der Japaner. »Und Sie sind …?«
»Agent in Charge Daniel Russo sowie Agent Francine Carpet, Central Intelligence Agency. Wir würden uns gerne mit Ihnen unterhalten.«
»Und worüber?«, fragte Claire misstrauisch.
»Über ein Projekt, bei dem Sie uns eventuell helfen können. Wir erhielten Ihre Namen von Agent Jaqueline Berger, die Ihnen ein Begriff sein dürfte?«
»Natürlich.« Die Studenten standen auf. Dan übernahm es, die Rechnung zu begleichen, ehe sie das Diner verließen.
II
Ken reichte den beiden Mitarbeitern der CIA jeweils eine Dose mit Cola, ehe er sich selbst in einen Sessel setzte. Sie hatten seine Wohnung gewählt, da sie in der Nähe des Diners lag.
»Worum geht es?«, fragte Claire.
»Sie kennen Projekt Stargate, wie ich annehme«, hob Russo an. »Seit dem Sanfold-Zwischenfall 2001, an dem Sie beteiligt waren, hat sich viel getan. Die CIA gründete eine Abteilung, die sich mit Zeit- und Weltenreise befasst. Unterstützung erhalten wir aus Deutschland, denn dort sitzen sehr fähige Forscher. Wie dem auch sei – unsere Abteilung heißt MTRD – Multiverse Travel Research Departement. Wir sind von Stargate unabhängig, unsere Labors befinden sich in San Francisco und dort in den Kellerräumen des Stanford Research Institutes.«
»Interessant.« Dan merkte, wie er unruhig zu werden begann. »Und?«
»Unsere Zeitkapseln befinden sich noch in der Erforschung. Dennoch finden Testläufe statt. Gestern nun kam es zu einem Unfall. Die Zeitkapsel verschwand, und mit ihr die Wissenschaftler, die in ihr saßen.«
»Das tut mir sehr leid«, merkte Ken an. »Aber ich verstehe nicht, was das mit uns zu tun hat. Wir sind nicht Schuld an dem Unfall.«
»Das wissen wir«, erklärte Agentin Carpet. »Wir sind nicht hier, um jemanden zu beschuldigen. Sehen Sie – wir rüsten einen Rettungstrupp aus. Jemand muss die Zeitkapsel ebenso finden wie die Wissenschaftler; tot oder lebendig. In unserer Abteilung verfügt niemand über derart weitreichende Erfahrung mit Zeit- und Weltenreisen wie Sie. Sie haben all das schon erlebt, getan und wissen, wie man sich in fremden Welten verhält. Darum bitten wir Sie um Ihre Hilfe.«
»Wir sollen in eine Zeitkapsel steigen, die sich noch in der Erprobung befindet, und nach den verlorenen Wissenschaftlern suchen? Bekommen wir jeder einen Reisschnaps, bevor Sie uns auf die Reise schicken? Die Kamikaze-Flieger im zweiten Weltkrieg bekamen einen.«
Ken klang entrüstet, doch auch er konnte seine Erregung nicht unterdrücken. Die Vorstellung, erneut das Abenteuer zu beginnen, sich in fremde Welten zu stürzen, wirkte überaus verlockend.
»Nun ja, wir geben unser Bestes, um Fehler auszuschließen. Aber wir sind Pioniere, nicht alles läuft, wie wir es uns wünschen.« Russo bemühte sich erst gar nicht, das Risiko herunterzuspielen.
»Für die Dauer der Operation sind Sie vollwertige Agenten der CIA, Sie erhalten ein gutes Gehalt und alle Sozialleistungen, die der Staat zu bieten hat«, lockte die Agentin. »Zudem werde ich Sie auf der Reise begleiten.«
»Warum?«, fragte Dan erstaunt. »Haben Sie Erfahrung in diesen Dingen?«
»Nein, aber ich bin eine Spezialistin für Linguistik. Abgesehen davon ist einer der verschwundenen Wissenschaftler mein Vater, Louis Auguste Carpet.«
»Machen Sie Witze? Ihr Vater heißt Louis Auguste Carpet?«, fragte Claire verblüfft. »Du meine Güte.«
»Meine Großmutter glaubte, meine Familie würde dem Haus der Karpetinger entstammen. Wir seien eine Nebenlinie jener Könige, die Frankreich einst regierten. Darum der Name. Eigentlich wollte ich den Namen meiner Mutter annehmen – Lacroix. Aber sie meinte, dies würde zu sehr an gewisse Suppen erinnern. Lange Geschichte.« Sie verzog den Mund.
»Ähm ja.« Die Studentin schüttelte den Kopf. »Wissen Sie, in welchen Welten wir nach der Kapsel suchen müssen?«
Russo nickte. »Wir haben eine Liste. Offenbar wurden die Trümmer in zehn Welten verteilt. Wie es dort aussieht, wissen wir jedoch nicht. Das herauszufinden wird Ihre Aufgabe sein.«
Dan sank in seinem Stuhl zurück. »Es wird gefährlich. Eine Reise ins Unbekannte. Okay, ich bin dabei!«
»Ich auch!«, bestätige Claire sofort. »Wir bekommen unseren Knopf, den wir drücken können.«
»Also dann – die drei Musketiere machen sich wieder auf den Weg.«
»Wir sind vier«, erklärte Agent Francine Carpet.
»Lesen Sie Dumas!«, gab Claire grinsend zurück. »Die Helden in seinem Roman waren auch zu viert. Aber einer musste sich erst das Privileg verdienen, ein Musketier zu werden. Also, Miss d’Artagnan, machen wir uns auf den Weg ins Ungewisse …!«
Selten zuvor hatten sich die drei Freunde derart auf ein Abenteuer gefreut. Und selten zuvor liefen sie derart blind in die größten Gefahren, denen sie bislang ausgesetzt gewesen waren.
Und doch, selbst wenn sie es gewusst hätten, wären sie mit den beiden Agenten nach San Francisco gefahren, um die Weltenreisen zu beginnen.
Sie waren süchtig danach. Sie waren süchtig nach einem Leben, das sich nur wenigen Menschen offenbarte.
Ein Leben als Timetraveller eben …
Ende der 2. Staffel

Fußnoten:
1Umgangssprachlich für Agenten des FBI
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Vorschau auf Episode 21
Erwartet mit Spannung die am 1. September 2010 erscheinende 21. Episode.
Der Titel lautet:
»Kemet«
von
Gunter Arentzen
In der Novelle »Tod am Ramesseum«, die am 5. Juni zum 4. Jubiläum des Geisterspiegels online ging, vermittelte Gunter Arentzen bereits einen Einblick in die Kulisse der nächsten Episode vom Timetraveller.
Nefer-Neferu-Anpu, die Sonderagentin des Königlichen Sicherheitsdienstes, wird einmal mehr zu Pharao gerufen. Doch diesmal sind es keine Dämonen des Duats, die ihm Sorgen bereiten, sondern ein Gerücht. Etwas Fremdes sei in Kemet gestrandet. Etwas Böses, aus einer anderen Welt.
Die junge Agentin verspricht, diesen Gerüchten auf den Grund zu gehen.
Noch während sie ihre Nachforschungen beginnt, stößt sie auf die drei Freunde und deren neue Begleiterin - Weltenreisende, die das, was in Kemet landete, bergen wollen. Sie machen sich auf die Suche nach den Trümmern und werden mit einer Sekte konfrontiert, die mit den Trümmern der Zeitmaschine Übles plant. Plötzlich steht nicht nur das Schicksal der vermissten Temponauten auf dem Spiel, sondern eine Monarchie und vielleicht sogar eine Kultur …