
EPISODE 19
»Von Huren, Mördern
und
Zeitreisenden«
von
Thomas Tippner

Im ersten Augenblick war da ein Nichts.
Im zweiten Augenblick glaubte Claire nebelhafte Umrisse, langsam dahinschreitende Personen zu erkennen.
Im dritten Augenblick fühlte sie einen unsagbaren Schmerz.
Dann hörte sie sich selber stöhnen.
Jemand berührte sie an der Schulter!
Dann war alles aus!

Dan Simon erging es nicht anders.
Er konnte im ersten Moment nicht sagen, wo, wie und wann er war. Er öffnete nur kurz die Augen, um sie gleich wieder zu schließen, als ein greller, sich in seinen Kopf bohrender Lichtstrahl aufflammte und den muskulösen Mann das Gesicht verziehen ließ.
Ein abgestandener, unangenehmer Geruch lag in der Luft, der Dan die Nase krausziehen ließ.
Alle Eindrücke, alle Empfindungen waren in diesem Augenblick bis an ihre Belastbarkeit gegangen. Dan war sich nicht einmal sicher, als er schwerfällig die Hand hob und sie sich über die Augen legte, ob er die immer stärker werdenden Kopf- und Gliederschmerzen ertragen konnte.
Ihm war es, als ob sich all seine Organe zusammenzogen, sich seine Muskeln in einem unkontrollierten Rhythmus kontrahierten und wieder entspannten. Dan war sich sicher, als die Kopfschmerzen unerträglich wurden, dass er jeden Augenblick sterben würde.
Warum?
Was war geschehen?
Dan konnte es nicht einmal sagen. Er wusste nicht, wo er war.
War er noch immer auf Rauenfels, in der Kommandozentrale, damit beschäftigt, mit Markus darüber zu diskutieren, was Sanfold noch alles tun und lassen würde, um endlich wieder in seine Zeit zurückkehren zu können?
Oder hatten sie eine Party gefeiert und zu viel getrunken, um sich an die zurückliegenden Ereignisse erinnern zu können?
Dan schluckte kurz, um die störende Trockenheit aus seinem Hals zu vertreiben.
Vergebens.
Es war, als ob das trockene Schlucken ihm noch mehr zusetzte und die schon angegriffenen Schleimhäute noch mehr reizte.
Erst als er unter völliger Körperspannung stand, jeder Muskel in seinem Körper zum Zerreißen gespannt war, drang ein leises, ihm unbekanntes Flüstern an die Ohren. Irgendjemand versuchte, sich mit ihm zu unterhalten, ohne dass Dan begriff, worüber.
Auch schaffte er es nicht, sich zu konzentrieren, als sich ein nasser, übel riechender Lappen auf seine Stirn legte und sanft über diese strich.
Ebenso empfand er die sanfte, beinahe liebevoll streichelnde Berührung als störend.
Dan wollte sich bewegen. Er wollte hochschnellen, dem in die Augen schauen, der ihn auf sonderbare Art und Weise zu helfen versuchte.
Sonderbar?
Dan begriff seine eigenen Gedanken nicht.
Alles wirbelte und drehte sich um ihn herum, und als er die weiche Stimme hörte, die sanft mit ihm sprach, schien es, als ob eine Art Wall durchbrochen worden war, der ihn bis eben davon abgehalten hatte, in die Realität eintauchen zu können.
Als er noch einmal die Augen öffnete, das immer noch viel zu grelle Licht beiseite zu blinzeln versuchte, hoben sich schattenhafte Konturen vor seinem Auge ab und bewegten sich langsam und träge, wirkten, als ob sie wie eine Nebelschwade jeden Augenblick auseinanderfasern würde.
Dan keuchte.
Er schluckte.
Dann wurde es Nacht um ihn.

»Lord Wallington?«
»Ja?«
Der hagere, spitzgesichtige Mann mit dem ausladenden Kinn und den hoch angesetzten Wangenknochen hob kurz den Kopf, um zu dem in einen Parka gekleideten, jungen Mann schauen zu können, der schüchtern in das Arbeitszimmer des Lords getreten war.
»Die Zielperson ist gesichtet worden.«
»Wo?«
»East End!«
»Zwischenfälle?«
»Noch keine!«
»Zugriffe?«
»Wir wollten auf Ihren Befehl warten, Sir!«
Lord Wallington lehnte sich in seinem reich verzierten Stuhl zurück, legte die Hand ans Kinn und dachte für einen kurzen Moment nach.
»Sir?«
»Moment«, murmelte Wallington und hob den Blick. »Nur einen kurzen Moment!«
Dem jungen Mann, der in das geräumige Dienstzimmer des Lords getreten war, sah man an, dass er ungeduldig wurde. Auf seinem blassen, beinah krankhaft wirkenden Gesicht lag eine Spannung, die Wallington körperlich zu spüren glaubte.
Er durfte sich jetzt keine Fehler erlauben. Es würde eine Hysterie geben, wenn auch nur eine seiner Planungen eine Schwachstelle aufwies.
Schließlich, als der junge Mann einen unsicheren Schritt nach vorne tat und wieder zum Sprechen ansetzte, nickte der Lord kurz und flüsterte: »Weiter beobachten!«
Die Haltung des jungen Mannes brach wie ein Kartenhaus in sich zusammen.
»Beobachten?«, wollte er wissen und schüttelte irritiert den Kopf.
Lord Wallington gab keine Antwort. Er las schon den nächsten Bericht.

»Wie geht es ihm?« Lizzie Albrook schaute zu ihrer Freundin Mary Jane Kelly, die die ganze Nacht an dem Bett des seltsamen, fremden Mannes gesessen und ihre Freundin erheblich bei der Arbeit gestört hatte.
Beide Frauen teilten sich ein kleines Zimmer in einem dreckigen, von Wanzen heimgesuchten Mietshaus, in dem die Miete viel zu teuer war und die hygienischen Bedingungen gleich null gingen. Es gab kein Wasser, eine Feuerstelle war nur notdürftig in die Wand eingelassen und die Wände waren von Feuchtigkeit und Schimmelpilzen durchzogen.
Auf die Bitte der Frauen an den Vermieter John McCarthy, doch etwas angenehmere Wohnbedingungen zu schaffen, hatte der fettleibige, immer schwitzende Mann nur mit einem Schulterzucken geantwortet. »Dann werden auch die Mieten höher. Und das könnt ihr Mädels euch erst recht nicht leisten!«
»Er ist bisher noch nicht wach gewesen.«
»Ich hatte vorhin den Eindruck, dass er aufwachen würde!«
Die rothaarige, aus Irland stammende Mary schüttelte sanft den Kopf und presste die Lippen aufeinander. Sie machte sich Sorgen um den muskulösen, irgendwie fremd und doch faszinierend aussehenden Mann, der wie aus dem Nichts erschienen war.
Mary konnte es sich nicht einmal richtig erklären, woher der blonde Mann kam.
Er war plötzlich da gewesen.
Im ersten Moment, als Mary erschrocken zusammenzuckte und einen Satz in die Dunkelheit Whitechapels hinein tat, war sie der Meinung gewesen, der Fremde war einer der vielen Zuhälter, Halsabschneider, Betrüger oder Schläger. Erst, als der Blonde taumelnd auf sie zugekommen war, die Hand beinah flehend ausstreckte und auf die Knie sank, war Mary bewusst geworden, dass sie es hier mit einem noch ärmeren und bemitleidenswerteren Menschen zu tun hatte, als sie einer war.
Damals, als sie noch in Irland wohnte und ihre Eltern es sich leisten konnten, nach Wales umzuziehen, war die Welt freundlicher zu der rothaarigen, schönen Frau gewesen. Heute aber, wo sie sich ein Loch mit einer Freundin teilen und sich Nacht für Nacht von stinkenden, nach Alkohol riechenden und perversen Freiern durchnehmen lassen musste, schien es, als ob ihr Leben der buchstäblichen Hölle glich.
Auch wenn sie verhärtet war, ihr Herz nur noch an sich selber dachte und selbst ihr Sohn immer mehr in Vergessenheit zu geraten schien, hatte sich etwas in ihr geregt, als der Fremde vor ihr zusammengebrochen war.
Ein verloren gegangenes Gefühl.
Ein kurzer, kaum wahrgenommener Hauch von Mitleid, der Mary jetzt noch, gut zehn Stunden später, schüttelte und ihr gelegentlich, wenn sie sich unbeobachtet fühlte, Tränen in die Augen trieb.
Wieder tauchte sie den schmutzigen Lappen ins Wasser und wieder tupfte sie die Stirn des Blonden.
»Ich hoffe, der hat genug Kohle dabei. Das Bett gebe ich nicht umsonst her«, meinte Lizzie schließlich, nachdem das Schweigen unangenehm geworden und Mary glücklich darüber war, aus ihren trübseligen Gedanken gerissen zu werden.
»Es war Schicksal!«
»Was war Schicksal?«, wollte Lizzie patzig wissen, während sie sich das Band aus den Haaren löste und ihre blonde, lockige Haarpracht ausschüttelte, um die fettigen Strähnen auseinander wirbeln zu können.
»Er!«
»Warum?«
Mary zuckte mit den Schultern: »Ich hab das so im Gefühl. Der Knabe hier kann uns nützlich sein. Ganz bestimmt!«
»Er soll Kohle ranschaffen, damit wir die Miete bezahlen können«, schnaufte Lizzie, die alles andere als bärbeißig war. Aber in dieser Nacht war sie an drei Freier geraten, die alles andere als sanft mit ihr umgegangen waren. Der Erste hatte auf harte Schläge gestanden – solange er sie verteilen konnte. Der Zweite war so analfixiert, dass Lizzie nach dem Schäferstündchen kaum noch sitzen konnte und der dritte Freier hatte es unbedingt am offenen Fenster treiben wollen, um seinen grölenden und jubelnden Freunden zeigen zu können, aus was für einem Holz er geschnitzt war.
Auch jetzt noch war sie sichtlich mitgenommen und sah schlagartig um mehrere Jahre gealtert aus.
Mary hatte diese Nacht mehr Glück gehabt – wenn man die Begegnung mit dem Fremden als Glück bezeichnen konnte. Aber dadurch hatte sie mit niemandem ins Bett gehen müssen.
Sie hatte gleich mit dem Blonden den Heimweg angetreten. Zu ihrem Glück war der Fremde kurz wieder zu sich gekommen, nachdem Mary ihn mit Straßenwasser wachgespritzt hatte. Danach, als sie kurz vor dem Mietshaus angekommen waren, war der Fremde wieder zusammengebrochen und Mary Ann Nichols, von allen nur Polly genannt, hatte freundlicherweise ihre Hilfe angeboten.
Zusammen hatten sie den jungen Mann aufs Zimmer gebracht und Lizzie bei der Arbeit mit ihrem zweiten Freier gestört – nicht dass der Freier sich hatte stören lassen.
Nun aber ergab sich das Problem, mit dem Mary sich in der gestrigen Nacht schon herumgeplagt hatte.
Wie sollte sie den Fremden versorgen?
So, wie der aussah, verputzte der alleine einen Laib Brot.
Mary seufzte leise, als Lizzie sich auf ihre Matratze warf, sich bis zur Nasenspitze zudeckte und sofort in tiefen Schlaf fiel.
»Du wirst nützlich sein, da bin ich mir sicher!«

»Abwarten?«
Stuart Mitchel schaute den langsam näher kommenden, von einem grauen Parka eingehüllten Patrick Living entgegen. Der junge Patrick zuckte mit den Schultern, machte ein missgünstiges Gesicht und leckte sich kurz über die spröden Lippen.
»Abwarten!«
Stuart Mitchel holte kurz Luft, bevor er wieder den immer dichter werdenden, sich in den schmalen Straßen Whitechapels ausbreitenden Nebel beobachtete und sich seine Gedanken darüber machte, warum Wallington solch eine irrsinnige Anweisung gab.
Schon lange waren sie dem durch die Schatten Londons huschenden Mann auf den Fersen.
Einen Beweis nach dem anderen hatten sie gesammelt und beinah alles über den Fremden herausgefunden, der seit Wochen das East End durchwanderte, gelegentlich hier und da mit einer Prostituierten sprach und sich dann wieder mit den Zuhältern, Schlägern und Halsabschneidern zusammentat.
Stuart schauderte es, wenn er daran dachte, dass ein Mann wie der, den sie verfolgten, noch weiter frei herumlaufen durfte.
So etwas musste gestoppt werden.
»Sollen wir unsere Positionen beibehalten?«
»Alles wie immer«, knurrte Living und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Ich sag dir ganz ehrlich, Theo, ich bin froh, dass ich so leben darf, wie ich lebe. Ehrlich. Da draußen, auf den Straßen des East Ends, hätte ich keine Lust, auch nur eine Minute meines kostbaren Lebens zu verbringen. Das sind keine Menschen, das sind Tiere!«
Theo Kampitsch hob kurz den Blick, als sein bester Freund Louis Marquart zu ihm an den Frühstückstisch trat und sich ohne Aufforderung setzte. Louis nahm sich eine Scheibe Toast und bestrich sie mit etwas Marmelade.
»Wie kommst du da ausgerechnet jetzt drauf?«, fragte Theo kauend, während er nach der Tasse mit gut aufgebrühtem schwarzen Tee griff und einen genießerischen Schluck nahm.
»Weißt doch«, sagte Louis kauend, »das ich mit Scott Kontakt habe.«
»Der Polizist vom Revier in Whitechapel?«
»Genau!«
Theo musste schmunzeln, als er seinen besten Freund dabei beobachtete, wie er noch einmal, beinah gierig, in den Toast hineinbiss und dabei schon nach dem zweiten griff, um ihn sich auf den Teller zu legen.
Louis hatte schon immer das zügellose Talent besessen, sich bei anderen Leuten durchzufuttern, ohne dass die, bei denen er es tat, böse auf ihn waren. Irgendwie war bei Louis immer alles eine Selbstverständlichkeit.
»Willst du was trinken?«, wollte Theo wissen und beugte sich schon vor, um die Teekanne aus gutem Porzellan zu greifen und Louis einzuschenken.
»Danke«, nickte Louis und schluckte den letzten Bissen herab, um sich den nächsten Toast mit Honig zu bestreichen. »Sehr nett von dir!«
»Für dich doch nur das Beste«, schmunzelte Theo und versuchte, den beginnenden Tag mit einem Lächeln zu begrüßen.
Was ihm von Tag zu Tag schwerer fiel – das gab er ehrlich zu.
Denn seit einiger Zeit fühlte er, wie sich sein Gemüt immer mehr zu verdunkeln schien.
Träge, manchmal sogar quälende Gedanken wanderten hinter seiner Stirn und ließen Theo glauben, in eine tiefe Depression zu verfallen.
Trotzdem lächelte er, als er Louis fragte: »Was hat Scott dir denn erzählt?«
»Ach ja, Scott. Stimmt ja. Hätte ich beinah vergessen. Der Toast ist vorzüglich, wirklich. Wie deine Haushälterin das immer wieder hinbekommt.«
»Louis!«
»Ja?«
»Der Grund deines Besuchs!«
»Oh, Mann, ja …« Louis lachte leise. »Ich schon wieder. Du kennst ja das East End und so, oder?«
»Viel zu gut«, seufzte Theo und versuchte, die in ihm aufsteigenden Erinnerungen an seine damalige Ankunft vor acht Jahren zu unterdrücken.
Es gelang ihm nicht sofort.
Er konnte sich nicht gegen die damals gesammelten Eindrücke wehren und er verfluchte sein Schicksal noch heute dafür, dass es ihn nach seiner Ankunft in London auf solch eine harte Probe gestellt hatte.
Die ersten Tage und Wochen waren die Hölle gewesen.
Der Moloch London hatte beinah den smarten, immer freundlichen und gut rasierten Theo Kampitsch verschlungen.
»Entschuldige«, meinte Louis und schaute schuldbewusst zu dem in sich zusammengesunkenen Theo, dem die zurückkehrenden Erinnerungen dermaßen zugesetzt hatten, dass er meinte, sein Kreislauf würde kollabieren.
Erst, als er einen Schluck des schwarzen Tees getrunken und zwei Mal Luft geholt hatte, verschwand die schwarze Woge der Erinnerungen und ließ Theo wieder klar denken. Noch immer fühlte er sich matt, etwas abgeschlagen und müde, aber dann konnte er sich wieder konzentrieren und die noch immer in ihm wohnenden Bilder der Vergangenheit wieder fein säuberlich in seinem Seelengefängnis verstecken.
»Geht es wieder?«
»Ja, ja. Nun erzähl schon, was sich im East End zugetragen hat!«
Alle Sorge, die Louis eben noch für seinen Freund empfunden hatte, war verschwunden. Ein breites Lächeln legte sich auf seine fein geschwungen Lippen, über denen ein fein säuberlich gewichster Bart wuchs. In die blauen Augen Louis’ schlich sich ein begeisterter Schimmer und seine Worte waren von soviel Faszination begleitet, dass sie leicht vibrierten.
»Man erzählt sich Geschichten von Menschen, die aus dem Nichts erscheinen!«
»Bitte?«
»Ich sag es dir doch. Ja. Scott hatte heute Nacht mehr als zehn Meldungen dieser Art. Stell dir das mal vor.« Louis begann zu kichern, während er sich den dritten Toast machte. »Menschen, die einfach so erscheinen. Schwups, da sind sie. Und das alles noch unter den kritischen und abergläubischen Blicken der Tiere aus dem East End.«
»Nenn sie nicht Tiere!«, verlangte Theo mit grollender Stimme. »Sie können für ihr Schicksal nicht. Und sag, warum meintest du vorhin, dass sie sich wie Tiere benehmen?«
»Ach ja. Weil sich alle um den Mann gestritten haben, der aus dem Nichts erschienen ist.«
»Gestritten? Wie meinst du das?«
»Weil jeder ihn für sich haben wollte. Scott sagte, dass die Polizei dazwischen gehen musste, um die Streitenden auseinanderzuhalten.« Louis lachte wieder. »Da will ich meine Arbeit wirklich nicht verrichten.«
»Du schreibst über das East End, vergiss das nicht!«
»Er präsentiert mir wunderbare Geschichten, klar, aber ist es nicht pervers zu sehen, wie die Menschen sich verhalten und ich dadurch reich werde? Mit jeder kleinen Notiz von mir in einer Zeitung verdiene ich Geld. Eine Schlägerei in den Schatten, huch, wieder einige Pfund mehr in meiner Hand. Die Menschen sind meine Schauspieler, ohne dass sie es merken!«
Theo kannte die Einstellung von Louis zu den Menschen aus dem Armenviertel der Stadt. Schon immer hatten sie unterschiedliche Meinungen deswegen gehabt, und auch jetzt schien es, als ob zwischen ihnen eine Mauer entstand, die beide nicht überwinden konnten.
Theo hatte sich damals, als er nach London kam, keine Gedanken darüber gemacht, wie schlecht es einigen Menschen wirklich ging.
Für ihn war es selbstverständlich gewesen, dass seine Eltern ihm ein Studium finanzierten, dass er Sport machen konnte und sich ausgewogen ernährte.
Dann aber war London gekommen und der oberflächliche und immer etwas arrogante Theo Kampitsch war ein nachdenklicher, manchmal melancholischer Mann geworden, der nach dem Übel der Welt fragte, ohne jemals eine Antwort zu erhalten.
So saßen die beiden Freunde sich kurz gegenüber; Theo in Gedanken, Louis damit beschäftigt, sich eine weitere Tasse mit Tee aufzugießen.
»Du schweigst?«, bemerkte Louis schließlich, nachdem Theo aus dem Fenster schaute und das gutbürgerliche London betrachtete, das sich vor ihm ausbreitete. »Willst du nicht auch einen Bericht schreiben und etwas Geld verdienen? Ich habe von Maxwill gehört, dass du seit gut zwei Wochen nichts mehr zu Papier gebracht hast!«
»Ich mache mir meine Gedanken!«
»Wie man die Ärmsten der Armen retten kann?«
Theo zuckte mit den Schultern.
Beide waren sie Reporter. Beide schrieben sie über das East End. Beide interessierten sich für die Menschen, die dort lebten, die dort liebten, hausten und vegetierten. Nur auf völlig unterschiedliche Art und Weise. Während Louis nichts weiter wollte, als eine Sensation nach der anderen zu veröffentlichen, setzte Theo sich kritisch mit den dort lebenden Menschen auseinander.
Er besuchte Bälle, veranstaltete Bälle und versuchte, die arrogante und abgehobene Ober- und Mittelschicht davon zu überzeugen, dass das jetzige System Londons nicht funktionierte. Die Menschen des East Ends waren keine Marionetten, die man hin und her schieben konnte. Sie waren nicht nur billige Arbeiter, die man Tagein und Tagaus in den Fabriken der neuen Industriellen schuften lassen durfte.
Jeder dieser Menschen hatte Träume. Jeder wollte etwas erreichen.
Alle mussten die gleiche Chance erhalten!
Theo wusste, dass er mit diesen Forderungen auf taube Ohren stieß.
Zunächst!
Vor mehr als fünf Jahren, nachdem er sich vom einfachen Straßenbettler zu einem erfolgreichen Reporter gemausert hatte, war er mit seinem Anliegen zu den Menschen nach Hause gegangen – über seine Artikel. Erst hatte es von Kollegen und Adligen eine große Schelte gegeben.
Alle hatten Theo für verrückt erklärt und das gottgegebene Recht angeführt, adlig zu sein.
Ja, sie sollten alle blauen Blutes sein, wenn sie wollten. Sie durften ihre Stellungen weiter behalten – aber sie durften niemals vergessen, warum sie so reich und unabhängig waren.
»Theo?«
»Ja?«
Theo hob den Kopf und merkte, dass er wieder einmal in seinen Gedanken abgeschweift war.
»Wollen wir zusammen den Tag verbringen?«
»Wo willst du ihn verbringen?«
»East End!«
»Und da?«
»Eine Reportage über den Mann aus dem Nichts für mich und eine für dich, wie liebevoll sich Mary Jane Kelly um den bemitleidenswerten Kerl kümmert …«

Claire war es nicht anders ergangen als Dan.
Erst hatte sie nicht verstanden, was um sie herum passierte, dann waren ihr die Sinne geschwunden, und schließlich war sie an einem spät vorangeschrittenen Morgen erwacht und hatte sich in einem weichen, ausladenden Bett wiedergefunden und zu einer reichlich verzierten Decke geschaut. Bisher hatte Claire nur von Stuck und den schönen, künstlerischen Bildern des ausgehenden 19. Jahrhunderts gehört. Jetzt aber, wo sie sich in ihrem Bett aufrichtete, den Spiegel genauer musterte, der ihrer Liegestätte gegenüber auf einer sich weit ausbreitenden Kommode stand, wusste sie, warum so viele Menschen fasziniert waren von dem Glamour der damaligen Zeit.
Es schien, als ob die Kostbarkeiten niemals zu Ende gehen konnten.
Die Decken des Hauses waren unglaublich weit über ihr angebracht und der Fußboden war mit samtigen, weichen Teppich ausgelegt, der jeden Schritt dämpfte.
Claire betrachtete sich im Spiegel und bemerkte, dass sie in einem seidenen Nachthemd steckte.
Die weichen Rüschen umspielten beinah aufdringlich ihr Dekolleté.
Claire schluckte.
Wo war sie hier?
Was sollte das?
Sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, dass sie einen Sprung vollzogen hatten.
Was war nur geschehen?
Claire zuckte zusammen, als ein leises, klimperndes Geräusch an ihre Ohren drang und jemand etwas unbeholfen die Tür zu ihrem Zimmer aufdrückte. Die junge Studentin aus Kansas schaute mit schreckgeweiteten Augen zu der jungen Frau in Bedienstetenkleidung, die die Tür mit ihrem Hintern aufstieß und über den Flur rief: »Ich sehe nur kurz nach unserem Findel, Mister Thomson, danach komme ich zu Ihnen in die Bibliothek!«
Mit diesen Worten schlüpfte die klein gewachsene, etwas stämmige Frau durch den entstandenen Türspalt, drehte sich auf dem Absatz herum und erstarrte in ihrer Bewegung. Ihr rundliches Gesicht, in das einige, braune Locken fielen, war wie erstarrt. Die braunen Augen weiteten sich leicht und ihre vollen Lippen formten sich zu einem überraschten Oh.
Für einige Sekunden herrschte absolute Stille.
Das Tablett, welches das Dienstmädchen bei sich hatte, begann leicht zu zittern.
Die Tasse und die Kanne, ebenso der Teller und das bereitgelegte Besteck begannen leise zu klimpern.
»Wo bin ich hier?« fragte Claire und schaute weiterhin zu der jungen Frau, die sich auf dem Absatz herumdrehte und mit einem Schrei auf den Lippen, das Tablett fallen lassend, aus dem Zimmer davonlief …

Wallington versuchte sich zu konzentrieren. Die letzte Nacht war er kaum zum Schlafen gekommen. Die erneute Beobachtung des Zielobjektes hatte ihm mehr zugesetzt, als er zugeben wollte.
Wallington war noch nie ein Mann gewesen, der sich von Vorahnungen oder gar Gefühlen leiten ließ. Deswegen hatte er dem jungen Living auch nicht den Auftrag erteilt zuzugreifen. Nein, sie mussten weiter Beweise sammeln.
Wichtige Beweise.
Denn nur dann, wenn alles hieb- und stichfest war, konnte er es wagen, seinen Verdacht zu äußern.
Es hatte einen weiteren Beweis gegeben – das wusste Wallington.
Er musste nur noch auf den Bericht von Living warten …

»Hallo? Ist hier jemand?«
Claire hatte sich nur schweren Herzens dazu entschieden, die Beine aus dem Bett zu schwingen und langsamen Schrittes auf die noch immer offen stehende Tür zuzugehen. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte, und zweifelte auch daran, ob es richtig war, durch ein wildfremdes Haus zu schleichen.
Erst hatte sie überlegt, ob es vielleicht besser wäre, im Bett liegen zu bleiben und der Dinge zu harren, die da auf sie zukommen würden.
Sie hatte sich gegen ihre Zweifel und den leichten Druck im Magen gestellt.
Leicht hatte sie die Tür aufgestoßen, einen Blick in den langen Flur geworfen, in dem viele kunstvolle Bilder und einige Rüstungen und Vasen auf Sockeln beziehungsweise kleinen Anrichten standen.
Alles war stilvoll eingerichtet.
Die Bilderrahmen harmonierten mit dem sandig schimmernden Teppich, dieser wiederum passte ausgezeichnet zu den braunlackierten Anrichten.
Die Wände waren ebenso hoch wie in ihrem Zimmer und die an der Wand hängenden Bilder zeigten eine lange Ahnenreihe sowie Landschaften, die in einem sommerlichen Teint gehalten waren, der in einem sofort die Sehnsucht nach Palmen, Strand und Meer erwachen ließ.
Claire aber kümmerte sich nicht um die an der Wand hängenden Bilder.
Sie wollte jemanden finden, um endlich zu erfahren, wo sie war.
»Sie … sie ist wach, Mister Marquart, wirklich.«
»Und Sie haben die junge Lady auch nicht geweckt?«
»Das würde ich niemals wagen!«
Claire war stehen geblieben, als sie die leicht hysterische, fast überkippende Stimme des Dienstmädchens hörte. Und sie erwischte sich dabei – als sie sich umschaute und einen Ort suchte, an dem sie sich verstecken konnte –, dass ihr die tiefe, maskuline Stimme ihres Gastgebers gefiel.
Sie konnte sich gegen das Bild eines durchtrainierten und gut aussehenden Mannes nicht wehren.
Braune Haare – bestimmt. Sanfte Hände, ein alles versprechender Blick.
Claire hielt die Luft an, als der Hausherr mit dem Dienstmädchen in ihren Flur einbog und mit schnellen Schritten auf sie zukam.
Bisher war Claire alles andere als zielsicher gewesen und sie hatte bisher auch kein sonderlich gutes Gespür dafür gehabt, einen Menschen nur anhand seiner Stimme zu erkennen, sich ein Bild von ihm zu machen.
Jetzt war es so.
Zwar war Mister Marquart nicht braunhaarig, dafür aber blond, leicht sonnengebräunt und das eckige Kinn ließ ihn energisch wirken. Bekleidet war der Herr des Hauses mit einer weißen Hose. Er trug schwere, schwarze Stiefel, einen langen Anorak, der reichlich bestickt war mit einem Wappen, goldenen Abzeichen und einigen Orden. Die Hände trug er auf dem Rücken gefaltet, den Blick hatte er streng geradeaus gerichtet.
»Da … da ist sie ja!«, stammelte das Dienstmädchen und zeigte mit den Finger auf Claire, die abrupt stehen blieb, als ob man eine Waffe auf sie gerichtet hätte.
»Junge Dame, Sie sollten das Bett hüten und das schnell!«, stieß Marquart hervor und lief auf Claire zu, um sie mit einem festen Griff am Oberarm zu packen. Behutsam schob er Claire auf ihr Zimmer zu, stieß die Tür auf und befehligte sie geradezu ins Bett. »Wir wissen doch noch nicht, was mit Ihnen ist!«
»Mit mir ist?«, fragte Claire unsicher, als sie auf der Bettkannte saß und es nicht lassen konnte, in die hellen, blauen Augen ihres Gegenübers zu schauen.
»Legen Sie sich hin«, forderte Marquart sie auf und lächelte dabei sanft – so sanft, als ob eine weiche Frühlingsbrise über eine Wiese wehte. »Der Arzt wird nach Ihnen sehen wollen. Gestern sagte er mir nur, dass ich auf Sie achtgeben soll, da er nicht wüsste, wie schwer es um Ihren seligen Zustand stünde.«
Claire starrte zu dem jungen Mann. Sie bekam kein Wort heraus.
»Geht es Ihnen nicht gut? Soll ich nach dem Arzt rufen lassen?«
»Kein Arzt«, stammelte Claire verlegen und erwischte sich dabei, dass sie wieder in die hellen Augen ihres Gegenübers starrte.
»Dann geht es Ihnen gut?«
»Ich weiß nicht«, murmelte Claire, noch immer von sich selbst erschrocken, dass sie einen wildfremden Mann so unbeholfen anstarrte und sich nicht dafür schämte. Ihr war, als ob sie Marquart schon lange kennen würde und sie konnte sich gegen das laute Klopfen ihres Herzens nicht wehren.
Was war nur los mir ihr?
So kannte sie sich gar nicht.
So war sie noch nie gewesen.
Nein, Claire hatte schon immer einen Schlag bei Männern gehabt. Ein kurzes Lächeln, ein aufregender Hüftschwung, dazu ein lockerer Spruch und schon war sie mit dem anderen Geschlecht im Gespräch.
Hier aber war es, als ob sich alles drehen würde und sie nichts weiter wäre als ein dummes, naives Ding, das gerade auf den Mann ihrer Träume gestoßen war.
Noch immer saß Claire auf dem Bett, ohne dazu in der Lage zu sein, sich zu bewegen.
»Ich werde Ihnen noch einmal etwas zu essen bringen lassen«, lächelte Marquart und schaute über die Schulter hinweg zu seinem Dienstmädchen, das sofort Haltung annahm und schuldbewusst auf das am Boden liegende Tablett starrte.
»Ich habe keinen Hunger«, murmelte Claire.
»Essen stärkt«, belehrte Marquart Claire und winkte seiner Angestellten kurz zu, die daraufhin hastig die am Boden liegenden Teller, Untertassen, Tassen und dergleichen aufsammelte und eiligen Schrittes aus dem Zimmer verschwand.
Claire wusste nicht warum, aber es schien, als ob die etwas rundliche junge Frau eine gewisse Angst vor ihr hatte.
»Danke, für alles«, flüsterte Claire, als sich ein unangenehmes Schweigen ausgebreitet hatte, das sie nicht ertragen konnte.
»Ich habe zu danken!«
»Warum?«, wollte Claire unsicher wissen und kam sich plötzlich so nackt vor, wie sie so auf der Bettkante saß, mit nicht mehr bekleidet als einem Spitzennachthemd, das nicht einmal sonderlich hübsch aussah – in Claires Augen.
Auf die Augen Marquarts schien es einen gewissen Reiz auszuüben. Denn der hochgewachsene, gutaussehende Mann schüttelte plötzlich den Kopf und wurde rot.
»Ich … ich … äh …« Marquart räusperte sich kurz, wischte seine peinliche Berührtheit beiseite und sagte dann mit gefestigter Stimme: »Ich habe zu danken, weil Sie etwas Abwechslung in mein Leben gebracht haben, Mylady. Auf sehr sonderbare Weise, gewiss, aber doch genügend Aufregung, dass ich davon sicherlich noch einige Tage in meinem Club berichten kann!«
»Was habe ich denn getan?
»Sie sind in meiner Bibliothek in ein Bücherregal gestolpert.«
»Oh …!«
»Ja, es war eine Überraschung. Besonders deswegen, weil ich Ihnen nicht einmal sagen kann, wie Sie es angestellt haben, unbemerkt in meine Bibliothek zu gelangen!« Marquart verzog kurz das Gesicht und fügte mit einem Lächeln hinzu: »Und Sie können mir sicherlich auch bald erklären, wie Sie es angestellt haben, eine sehr kostbare, von mir hochgeschätzte und von vielen Sammlern der Literatur als ausgesprochen wertvolle Sammlung an Übersetzungen des Aristoteles verschwinden zu lassen!«
»Unbemerkt Bücher verschwinden lassen?«, murmelte Claire leise und versuchte sich zu erinnern, was vorgefallen war.
Natürlich, sie waren aus der Vergangenheit zurück nach Burg Rauenfels gekommen. Das Abenteuer um die Schwarze Fregatte hatten sie mit Mühe und Not bestanden. Dan und sie hatten einige ruhige Tage verbringen wollen.
Hatten sie einen neuen Sprung geplant?
Claire konnte sich nicht daran erinnern.
Warum war sie dann jedoch in einer fremden, ihr unbekannten Zeit?
»Ihr habt mich sehr erschreckt«, erklärte Marquart etwas steif. »Mir ist es noch nie passiert, dass jemand wie aus dem Nichts erschien!«
»Wie aus dem Nichts?«
»Oh ja. Ich las gerade Robert Louis Stevensons
›Jekyll & Hyde‹, als es einen plötzlichen Schlag gab. Das Bücherregal fiel um und Sie lagen am Boden. Bewusstlos.«
»Wie aus dem Nichts«, murmelte Claire und versank für einen kurzen Moment in Gedanken.
Als Marquart sanft nach ihrer Hand griff und sie anhob, war es ihr, als ob eine Gefühlsbombe in ihrem Bauch explodierte.
»Sie sind so nachdenklich. Habe ich Ihnen keine guten Informationen geliefert?«
»Es ist alles gut.«
»Wie heißen Sie?«
»Claire Bancroft!«
»Angenehm!«
Dann breitete sich wieder ein unangenehmes Schweigen aus.

Polly war schon immer etwas schwierig gewesen.
Nicht nur, dass sie immer wieder zu viel Alkohol trank, nein, sie schaffte es auch nicht, auch nur einmal in ihrem Leben einen konstanten Punkt zu schaffen. Die Anstellung im besser gestellten London als Hausmädchen hatte sie schnell wieder aufgegeben. Die Ehe mit ihrem Mann William Nichols war geschieden worden. Bei ihrem Vater war sie wegen unüberbrückbaren Streitigkeiten wieder ausgezogen.
Polly konnte nicht einmal sagen, warum es so war.
Sie legte es niemals auf Schwierigkeiten an. Niemals. Nun ja, sie lachte vielleicht zu laut, konnte ihre vorlaute Klappe nicht halten und es fiel ihr auch schwer, das Eigentum anderer nicht als ihr eigenes anzusehen.
Aber sonst ging sie allen Streitigkeiten aus dem Weg.
So auch in dieser Nacht. Sie hatte sich ordentlich einen gegeben, hatte mit zwei Freiern geschlafen und hoffte, dass sie die letzten vier Pence zusammenbekam, um ihre Miete begleichen zu können.
Jetzt erst einmal galt es aber, sich richtig zu positionieren. Ein ordentlicher Bordstein, eine gut besuchte Gasse, am besten eine Straße vor einer Kneipe. Die Männer waren williger und auch schneller bei der Sache, wenn sie betrunken waren.
Das Problem dabei war nur, dass viele andere Prostituierte die gleiche Idee hatten.
Als Polly in die Gasse abbog, hörte sie schon die ersten lockenden Rufen ihrer Konkurrentinnen und sie war sich sicher, dass es an diesen Abend nicht leicht für sie werden würde.
Schließlich hatte sie schon wieder getrunken und auch ihr Kleid war nicht gewaschen worden.
Polly hatte keine Zeit gehabt. Erst hatte sie Mary Jane helfen müssen, diesen attraktiven und äußerst hübschen jungen Mann nach Hause zu schleppen, um sich dann am frühen Morgen mit ihrem Vermieter streiten zu müssen.
Nicht einfach nur streiten.
Es war zu einer handfesten Auseinandersetzung gekommen, die Polly verloren hatte und nach der sie sich auf der Straße wiederfand. Erst als sie weinend und sich entschuldigend zurückgekehrt war, hatte ihr Vermieter zugestimmt, ihr das abgerissene und feuchte Zimmer noch einmal zur Verfügung zu stellen. Er hatte nur die Miete sofort haben wollen.
Unmöglich für Polly, die chronisch pleite war.
Und eben in dieser Nacht sollte es dazu kommen, dass sie mehr als nur läppische vier Pence einnahm.
Sie richtete ihr Kleid, fuhr sich mit der Zunge über die Zähne und versuchte ihr dunkles, fettiges Haar etwas herzurichten.
»Hier ist heute nicht viel los!«, begrüßte Linda Poyle sie, eine Hure aus Schottland, die nicht alle Tassen im Schrank hatte. Schon oft hatte sie davon erzählt, dass ihr Onkel sie bald aus dem Elend befreien würde, um ihr endlich die Würde zukommen zu lassen, die ihr zustand. Keine der hier lebenden Prostituierten glaubte ihr mehr. Klar, Linda hatte ein Taschentuch bei sich, das das Wappen eines Adelshauses zeigte. Welches es genau war, wusste keiner, denn niemand hier unten im Elend interessierte sich für die hohen Herren der Adelsschicht.
Das, was hier zählte, war das blanke Überleben. Mehr nicht.
»Lass Polly mal machen«, sagte Polly und lachte schief. »Bei mir kommen die Männer reihenweise!«
»Kommen! Den hab ich verstanden!«
Polly ging weiter, ignorierte die eine oder andere Schlampe, und ließ sich andererseits von einigen Feindinnen anpöbeln.
Sie bezog vor dem Harolds Inn ihre Position.
Sie musste sich durchsetzen, den Ellenbogen einsetzen und sich mit Ruth Machowski prügeln, bevor sie ihren Platz erkämpft hatte. Ruth hatte versucht, Polly ins Gesicht zu schlagen, was diese mit einem Tritt in den Unterleib quittierte.
Als sie keuchend am Boden lag, wutentbrannt zu Polly hinaufstierte, hatte sie etwas davon gestammelt, dass Rick sich um Polly kümmern würde – und Polly wusste, was das bedeutete.
Rick war einer der vielen Zuhälter hier unten und verstand keinen Spaß, wenn eines seiner Mädchen die Nacht nicht arbeiten konnte.
Auch wenn Polly sich davor fürchtete, in die Hände von Rick zu fallen, freute sie sich doch darüber, der arroganten und blöden Ruth eine verpasst zu haben.
Kaum einer mochte die Ziege.
Niemand wäre traurig, wenn sie für immer verschwinden würde.
Und so bezog Polly siegreich ihren Arbeitsplatz und begann, ebenso wie die anderen, mit ihrem Körper zu reizen. Sie zeigte viel Haut, ließ gelegentlich ihre Brustwarze aus dem Dekolleté schauen und hatte Erfolg damit.
Ein angetrunkener, dickleibiger Mann, unrasiert und nach Schweiß riechend, wankte auf Polly zu, schaute sie mit einem Silberblick an und fragte, wie viel sie kosten würde.
»Was willst denn?«
»Alles«, schnaubte der Betrunkene und fasste sich in den Schritt.
»Alles ist teuer!«
»Hab Geld!«
»Das wollte ich hören!«
Polly nahm den Betrunkenen mit sich …

»Da ist er wieder!«
Stuart Mitchel zeigte mit einem kurzen Nicken auf den Mann, der aus einer schwarzen Kutsche gestiegen kam, seinen Zylinder leicht korrigierte und sich den schweren Mantel etwas fester um den Hals zusammenzog. Dann verschwand der Verfolgte im dichten Nebel, der wieder durch die Gassen und Straßen Londons kroch und eine unangenehme, eine verzerrte Realität darbot, die Stuart Mitchel noch immer mit einer Art Schauer erfüllte. Der junge Mann konnte sich nicht daran gewöhnen, im Dunkel dazusitzen, in den Nebel zu starren und die Menschen zu beobachten, die gelegentlich in sein Blickfeld gerieten.
Sie alle wirkten wie lange verschollene Erinnerungen, die kurz darauf, nachdem man sie erblickte, wieder zerfaserten.
»Ich will nicht mehr warten!«
»Wallington wird dich umbringen, wenn du seinen Befehlen nicht folgst!«
Patrick Living senkte den Kopf und trat nach einem lose auf der Straße liegenden Stein.
»Ich folge ihm trotzdem!«
»Das darfst du nicht!«
»Wenn du wüsstest, was ich alles darf!«
Mit diesen Worten zog er sich den Bowler tiefer in die Stirn und vergrub die Hände in den Manteltaschen seines Parkas.
»Patrick!«, rief Stuart seinem davon gehenden Freund nach und setzte sich ebenfalls in Bewegung. »Du kannst doch nicht alleine losgehen. Wer weiß, was dir passieren könnte!«
Living lächelte, als Stuart zu ihm aufschloss.

»Na, endlich wach?«
Dan blinzelte, richtete sich auf und schaute in das ebenmäßige, aber doch verbrauchte Gesicht einer rothaarigen Frau, die in ein billiges, schmutziges Kleid gehüllt war. Ihre Hände waren grob, und doch zart. Es war ein Zwiespalt, in dem Dan sich befand, als er in das weiche Gesicht der jungen Frau schaute, unter deren Augen tiefe Falten saßen und sie älter machten, als sie wirklich war.
»Wer bist du?«, wollte Dan wissen und schloss für einen kurzen Moment die Augen, um den aufkommenden Schwindel zu unterdrücken, der sich in seinem Kopf ausbreitete und in seinem Magen Übelkeit aufsteigen ließ.
»Mary Jane. Und du?«
»Dan!«
»Klingt nett«, meinte Mary Kelly und strich sich verlegen über die Schürze, die sie sich umgebunden hatte.
»Wo bin ich hier?« Dan holte schwer Luft, während er versuchte, seine immer weiter steigende Verwirrung abzustreifen und wenigstens für einen kurzen Moment begreifen zu können, wo er hier nur hineingeraten war.
»Bei mir zu Hause«, erklärte Mary Jane Kelly etwas verlegen und senkte den Kopf. Es schien, als ob die vor Dan stehende Frau sich das erste Mal seit Langem wieder bewusst wurde, was für ein Leben sie führte. Nicht, dass Dan etwas dagegen hatte, wie jemand lebte, aber in diesem Augenblick, als er sich im Bett aufrichtete und in die zu Boden gerichteten Augen von Mary Kelly schauen wollte, fiel ihm auf, dass sie sich beschämt umschaute. Ihre Blicke wanderten über die schmutzige Schürze hinauf zu den groben Händen, um dann eine kurze Wanderschaft durch das karg eingerichtete Zimmer zu beginnen.
Ebenso wie Dan sah Mary Kelly nun die lose an die Wand angebrachten Regale. Die lieblos übereinandergestapelten Teller und die wenigen Bestecke. Der Fußboden knirschte und knarrte bei jedem Schritt und auch der muffige und abgestandene Geruch von verbrauchter Luft war jetzt so unerträglich, dass Mary sich schnell in Bewegung setzte und das Fenster öffnete.
Laute Stimmen drangen ins Zimmer.
Pferde wieherten, einige Kutschen fuhren rumpelnd und zuckelnd über das Kopfsteinpflaster und hier und da meinte Dan, die Stimmen von Betrunkenen zu hören.
Dann drangen aufgeregte Stimmen zu Dan hinauf und er verstand nicht, was sie sagten.
Schließlich aber, als die Aufregung sich gelegt hatte, schien es, als ob eine fremde, eine bedrückende Stille sich ausgebreitet hatte, die alles zu erdrücken schien.
Dan schluckte. Er fühlte sich plötzlich matt, ausgelaugt und am Ende seiner Kräfte.
Nun, wo er die beschämten Blicke Marys beobachtete, tat es ihm beinah selber leid, die Frage gestellt zu haben.
»Es tut mir leid«, flüsterte er bedrückt und blickte noch einmal auf, um zu Mary zu schauen.
»Man ist das, was man ist«, antwortete Mary und wischte sich die Hände an der Schürze ab. »Da gibt es nichts zu rütteln!«
»In welcher Stadt bin ich?«
»In welcher Stadt?«
Eine deutlich sichtbare, steile Falte breitete sich auf der Stirn Marys aus, als sie ihre Gegenfrage stellte und nicht zu verstehen schien, wie man solch eine blöde Frage überhaupt stellen konnte. Dan wusste, wie die Menschen auf ihn reagierten und ihm war klar, dass es nicht immer leicht für seine Gegenüber war, sich mit ihm zu unterhalten. Zu seltsam mutete der Fremde an, der wie aus dem Nichts erscheinen konnte, eine Aufgabe erfüllte und sich dann wieder in Nichts auflöste.
Dan lächelte schief, als er zaghaft zu erklären versuchte und nach einer Notlüge griff. »Ich bin bei Nacht angekommen – ziemlich betrunken!«
Kelly kicherte und nickte. »Betrunken warst du wirklich!«
»Ohne genau zu wissen, wo mich mein Fahrer abgesetzt hat!«
»Du bist aus keiner Kutsche gestiegen!«
Dan kaute kurz auf der Unterlippe. »Ich, äh … nun ja, ich … wie gesagt, ich war sehr betrunken.«
»Du bist in Whitechapel!«
»Oh!« Dan zog die Augenbrauen hoch und versuchte fieberhaft an seinen Geografieunterricht zu denken.
Hatte ihm irgendjemand schon einmal von dieser Stadt etwas berichtet? Er hatte den Namen doch gehört, kannte ihn … aber in diesem Moment fiel es ihm nicht ein. Oder er verdrängte vielmehr die Erinnerung …
Deshalb fragte er zögerlich: »Welche größere Stadt liegt in der Nähe?«
Mary schaute Dan an, als ob er nun völlig verrückt geworden wäre. Sie lächelte unsicher und beäugte den noch immer im Bett sitzenden, durchtrainierten jungen Mann und lachte dann zaghaft. »Du willst mich auf den Arm nehmen, nicht wahr?«
»Schwer siehst du mir nicht aus«, antwortete Dan, der seine eigene Unsicherheit mit Arroganz zu übertünchen versuchte. »Es wäre mir ein Leichtes, dich über die Schulter zu legen. Aber das wollen wir beide nicht, oder?«
Mary zuckte mit den Schultern und schaute wieder unsicher zu Boden, als sie Dans fragende Blicke bemerkte.
»Du weißt wirklich nicht, wo du bist?«
»Nein. Ich habe keinen blassen Schimmer!«
»Whitechapel liegt in London!«

Theo und Louis waren mit einer Kutsche in das Elendsviertel gefahren und standen nun vor dem Haus, in dem Mary Jane Kelly seit mehr als 6 Monaten lebte. Theo, der sich plötzlich unwohl zu fühlen begann, griff kurz nach dem Arm seines Freundes und hielt ihn zurück, an der Tür zu klopfen.
»Was ist?«, fragte Louis, wandte den Kopf und bemerkte nun auch, was Theo aufgefallen war.
Die Straße war ausgesprochen ruhig.
Kaum jemand zeigte sich auf ihr.
Es schien, als ob eine unbekannte Furcht die Leute von den Straßen fernhielt.
»Das ist mir bis eben gar nicht aufgefallen«, meinte Louis, schaute sich um und sah in der Ferne, durch den dichten Nebel stechend, seine Kutsche davonfahren. »Wo sind die Leute alle hin?«
»Sie haben sich zurückgezogen«, flüsterte Theo und schaute sich noch einmal um. Er sah, dass einige Leute aus ihren Wohnungen heraus die Straße beobachteten. Einige Fensterläden schlossen sich, als Theos Blicke über sie glitt.
»Warum?«
Theo zuckte mit den Schultern. »Ich kann es dir nicht sagen!«
»Es ist«, bemerkte Louis leise, »als ob etwas geschehen wäre!«
Theo kaute auf der Unterlippe und dachte angestrengt nach. Damals, als er nach London gekommen war, hatte er beinah jedes Ereignis, jeden bevorstehenden Krieg oder jede Debatte im Voraus gewusst. Seit einigen Wochen aber fiel es ihm immer schwerer, sich an die zukünftigen Ereignisse erinnern zu können. Es war, als ob nicht nur sein Körper, sondern auch sein Geist endgültig in London angekommen war.
»Etwas macht den Leuten Angst!«
»Das gefällt mir nicht. Ich werde gleich, wenn wir den Mann aus dem Nichts gesehen habe, das hiesige Revier aufsuchen und mich einmal mit Scott unterhalten.«
»Okay, machen wir das!«
»Wir?«
Theo lächelte verkrampft. »Das interessiert mich auch!«
Dann breitete sich zwischen den beiden Freunden ein kurzes Schweigen aus, und Louis war es, der dann zaghaft, für seine Verhältnisse viel zu leise, anklopfte. Dem jungen Reporter fehlte plötzlich die Leichtigkeit. Seine ganze Lebenslust schien sich auf einen klitzekleinen Punkt minimiert zu haben und jeder Impuls von außen ließ diesen noch mehr schrumpfen.
Erst als der knurrige Mister Hunter die Tür öffnete und mit bärbeißiger Stimme fragte, was das Begehr sei, normalisierte sich der Zustand Louis’ wieder.
Allerdings war sein Lächeln noch immer recht kantig und in seinen Augen fehlte der spöttische Ausdruck, mit dem er jeden vor ihm Stehenden bedachte.
»Wir wollen zu Mary Kelly«, lächelte Louis und sah, ebenso wie Theo, das misstrauische Heben der linken Augenbraue von Hunter.
»Sie schläft!«
»Wegen uns wird sie schon aufstehen!«
»Nicht in meinem Haus!«
»Bitte?«
Louis, der gerade einen Schritt nach vorne gemacht hatte, um sich an dem stinkenden und schwitzenden Hunter vorbei zu schieben, bremste seine Bewegung ab und warf Theo einen verwunderten Blick zu.
»Kelly ist heute Abend wieder auf der Straße!«
»Heute Abend habe ich eine Verabredung«, entgegnete Louis naiv und schien nicht zu begreifen, was Hunter von ihm wollte. »Außerdem möchte ich jetzt mit Mrs Kelly sprechen.«
»Wie gesagt, nicht in meinem Haus. Es mag nicht schön sein, aber es ist sauber. Hier treibt man es nicht!«
»Was soll ich treiben?«
»Louis, bitte«, seufzte Theo augenverdrehend, schob seinen Freund ein kleines Stück zurück und setzte nun seinerseits das freundlichste Lächeln auf, welches er besaß und zog, wie beiläufig, seine Geldbörse hervor. »Tun es 5 Pence?
»Und dann?«
Die Gier lag deutlich in den Augen Hunters und Theo wusste, dass er den fetten Kerl soweit hatte, dass er alles für ihn machen würde.
»Wir wollen nur kurz zu Mrs Kelly!«
»Ihr werdet es nicht mit ihr treiben!«
»Gar kein Interesse«, lächelte Theo und schob sich an Hunter vorbei und war schon auf der ersten Stufe des feucht-nassen Treppenhauses, als er Louis sagen hörte: »Ich gebe Ihnen kein Geld. Mein Freund hat schon bezahlt!«
»Nur für sich!«
»Er hat für uns beide gesprochen!«
»Ist mir gar nicht aufgefallen!«
Louis schnaufte ärgerlich, stampfte mit dem Regenschirm auf und beschwerte sich, dass es eine Unverschämtheit sei, einen treuen und rechtschaffenen Mann so auszunehmen und zu betrügen.
»Ich muss auch von etwas leben!«
»Sie nehmen Miete!«, erinnerte Louis und fasste in die tiefe Manteltasche, um nun seinerseits die Geldbörse hervorzuholen und einige Pence aus ihr zu nehmen.
»Das ist schon lange kein erträgliches Geschäft mehr!«
Louis drückte Hunter das Geld in die Hand, schob sich an dem fetten Mann vorbei und kam schnaubend zu Theo getreten: »Ich sagte dir ja: Tiere!«
»Tiere nehmen keinen Wegzoll. Das tun Menschen!«
»Menschen dieser Klasse!«
Theo drehte sich für einen kurzen Moment der Magen um. Ihm war, als ob er einen Schlag in diesen bekommen hatte und er warf seinem besten Freund einen verzweifelten Blick zu.
»Deine Königin nimmt ebenfalls Zölle!«
»Sie muss auch den Staat am Leben erhalten!«
»Hunter muss sich am Leben erhalten!«
Louis schüttelte den Kopf, während er mit Theo die Treppe hinaufstieg, um dann vor der Tür Mary Kellys stehen zu bleiben.
Er klopfte.
»Moment«, drang es hinter der Tür hervor und dann quietschte ein Bett verräterisch und einige Gegenstände wurden rumpelnd herumgeschoben.
Schließlich öffnete sich die Tür und eine müde und blasse Mary Kelly zeigte sich.
»Ja?«, fragte sie misstrauisch und schien erleichtert, dass es nicht Hunter war, der vor ihrer Tür stand.
»Es geht um den Mann, den Sie bei sich aufgenommen haben«, begann Louis leise und verschwörerisch.
Mary Kellys Gesicht wurde noch blasser. Ihre Lippen bebten und für einen kurzen Moment glaubte Theo, dass sie anfangen würde zu weinen.
»Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen, Mister …?«
»Marquart. Und das ist mein Kollege Kampitsch!«
»Und?«
Louis lächelte wieder; diesmal holte er, ohne großes Theater zu machen, die Geldbörse hervor und reichte Mary Kelly einen ganzen Pfund.
»Sie erinnern sich?«
»Was wollen Sie von ihm?«
»Mich mit ihm unterhalten«, meinte Theo, der eine gewisse Nervosität nicht unterdrücken konnte. Er fühlte, dass sich etwas Entscheidendes ereignen würde und er fragte sich ehrlich, als er ebenfalls begann an seiner Geldbörse herumzuhantieren, warum er plötzlich so aufgeregt war.
Der Mann, der aus dem Nichts kam – es hörte sich lächerlich an, ja, sogar nach übelster Boulevardpresse.
Aber was, wenn doch alles stimmte?
Was, wenn seine längst erloschene Hoffnung neue Nahrung bekommen sollte?
»Nur für einen kurzen Moment«, pflichtete Theo Louis bei und lächelte wieder so sanft und zart, dass er sich vor sich selber zu schämen begann.
»Weiß Hunter was davon?«
»Nein. Er glaubt, dass wir Freier wären!«
Mary lächelte traurig. »Sind Sie nicht?«
»Nicht in diesem Fall!«
»Kommen Sie!«
Mary öffnete die Tür leicht, legte dann den Finger an die Lippen und meinte leise: »Lizzie schläft. Stören Sie sie bitte nicht!« Dann flüsterte sie: »Dan, du kannst wieder hervorkommen!«
Ein muskulöser, durchtrainierter junger, blonder Mann kroch unter dem Bett hervor und machte ein bekümmertes Gesicht. »Länger hätte ich das unter dem Bett auch nicht ausgehalten!«
»Sie sind nicht von hier«, hauchte Theo erschrocken und schaute sich die gut geschnittene, gestylte Frisur des jungen Mannes an. Ebenso glitten seine Augen über die Jeans und das moderne, viel zu moderne T-Shirt.
»Sie sind ein helles Köpfchen«, bemerkte Dan und lächelte kantig.
»Wann sind Sie aufgebrochen?«
Dan legte den Kopf schief und schaute fragend zu Theo: »Was meinen Sie?«
»Von wann kommen Sie?«
»Du meinst von wo«, verbesserte Louis, der Dan ausgesprochen neugierig und durchdringend musterte.
»Nein, von wann! Dan, darf ich Sie auf ein Frühstück einladen?«
»Gerne«, antwortete der Angesprochene und schaute zu Mary, die nur mit den Schultern zuckte und ein verlegenes Gesicht machte. »Aber woher wissen Sie, dass ich hier bin?«
»Man hat seine Informationen«, lächelte Louis selbstgefällig.
»Und was seid ihr beide für Pappenheimer?«
»Pappenheimer?«, fragte Louis empört.
»Ich werde Ihnen alles erklären. Kommen Sie!« Mit diesen Worten reichte Theo Mary Kelly ein weiteres Pfund und bedankte sich artig bei ihr, dass sie ihnen keinerlei Schwierigkeiten machte.
Dann verließen sie das Zimmer – aufgeregt, gut gelaunt und etwas misstrauisch!

»Lizzie! Lizzie, wach auf!«
Mary schüttelte leicht die Schulter ihrer Freundin und vernahm einen Fluch, der selbst ihr die Schamesröte ins Gesicht trieb. Trotzdem aber schüttelte sie weiter Lizzies Schulter.
»Was denn, zum Teufel?«, schnaubte Lizzie, als sie sich im Bett herumdrehte und Mary mit einem vernichtenden Blick bedachte. »Hab bloß einen guten Grund mich zu wecken, oder ich reiß dir deinen hässlichen Schädel vom Hals!«
»Hier schau!«
Mary hielt die drei Pfund in die Höhe und grinste übers ganze Gesicht.
»Wo hast du das her?«
»Ich hab doch gesagt, dass Dan unser Schicksal sein wird.«

»31. August 1888«, murmelte Claire fassungslos und schaute über den Tisch, der reichlich gedeckt war, zu Philipp Marquart herüber, der gerade damit begann, sein Ei aufzuschlagen. Vor ihm auf einem Teller lag ein mit Butter und Marmelade bestrichener Toast. »Und ich bin in London?«
Marquart lächelte und nickte: »Ja, warum fragen Sie, Claire?«
Claire konnte natürlich verstehen, dass Marquart etwas verwirrt war – schließlich war eine Metropole wie London kein kleines Dorf, in das man aus Versehen gelangen konnte, nachdem man sich im Wald verirrt hatte. London besuchte man aus freien Stücken und kam nicht einfach so hierher.
Na ja, es sei denn, man hieß Claire Bancroft und hatte die Möglichkeit, mit einer Zeitmaschine die unterschiedlichsten Zeitepochen der Menschheit zu besuchen.
Sie seufzte.
Ihre Gedanken kreisten und als sie sich an das eben gelesene Datum erinnerte, lief ihr ein eisiger Schauer über den Rücken.
»Ist sie schon umgebracht worden?«, fragte Claire leise und schaute in das erschrockene, beinah makellose Gesicht ihres Gegenübers.
»Ermordet? Wer?«
»Mary Ann Nichols, von allen auch Polly genannt!«
»Und wer soll das sein?«, wollte Marquart wissen und schaute noch immer mit einem erschrockenen Gesichtsausdruck zu seiner Tischnachbarin herüber.
»Sie … sie … sie ist eine Prostituierte«, flüsterte Claire und merkte in diesem Augenblick, dass sie begann, seltsam auf Marquart zu wirken. Der Adlige wischte sich mit einer Serviette den Mund ab, legte diese dann auf den Tisch und fragte mit herablassender, ja beinah kalter Stimme: »Und was, Liebste, haben Sie mit solchen Subjekten zu tun?«
»Gar nichts!«, entfuhr es Claire, die augenblicklich begriff, in was für eine missliche Lage sie sich bringen konnte.
»Für gar nichts scheinen Sie diese Person sehr gut zu kennen.«
»Nein, es ist nicht so, wie Sie denken, Mister Marquart.«
»Wie ist es dann?«
»Mary Ann Nichols ist das erste Opfer eines Serienmörders, der heute Nacht seinen ersten Mord verübt hat!«
»Ach. Natürlich. Und Sie kennen nicht zufälligerweise den Namen des Mörders?«
»Er wird sich selbst Jack the Ripper nennen!«

Wallington hielt sich das Taschentuch vor Nase und Mund und schritt die aus schweren Steinquadern gefertigte Treppe hinunter ins Leichenschauhaus. Der vor ihm herwatschelnde, dickleibige Mann, dessen weißer Kittel von Schmutz, Unrat und Blut befleckt war, hielt eine Öllampe in der Hand und blieb dann, als sie den Fuß der Treppe erreicht hatten, stehen und zeigte auf die leicht angelehnte, hölzerne Tür. »Dort, Mylord!«
»Haben Sie Dank, Miller!«
Der Dicke verbeugte sich noch einmal kurz und begann daraufhin, die Treppe wieder hinaufzuklettern.
Wallington stieß der üble Geruch ab. Er hätte sich am liebsten übergeben und wäre, ebenso wie Miller, schleunigst wieder nach oben gegangen, um sich nicht mit dem grausamen Fund abgeben zu müssen, der heute in den frühen Morgenstunden gemacht worden war.
Als der Lord die Tür vorsichtig aufstieß, hörte er schon das unpflegliche Fluchen von Duktor, einem Kroaten, der vor einigen Jahren nach London gekommen war und sich durch sein besonderes Geschick im Umgang mit Knochensägen, Skalpellen und dergleichen Handwerkszeug hervorgetan hatte.
»Das ist eine Sauerei!«, fluchte der Kroate, dessen Haare gänzlich ausgefallen waren und auf dessen Schädel sich eine lange Narbe bis in seinen Nacken zog. »Verfluchte Scheiße und dreimal durchgef***te Hurenpisse. Das macht man nicht. Und so etwas bearbeite ich nicht!«
»Ihre Ausdrucksform lässt wieder einmal zu wünschen übrig!«, bemerkte Wallington und presste sich das Taschentuch noch etwas fester an die Nase und den Mund.
»Ts, Sie müssen sich ja auch nicht mit diesen Dreck beschäftigen!«
»Sie haben mich rufen lassen«, meinte Wallington, nachdem seine Blicke über die einzelnen schweren Tragen und Ledertücher geglitten waren. Auf Hochbetten lagen viele unterschiedliche Leichen und jede sonderte einen unangenehmen, harten, abgestandenen Verwesungsgeruch ab, sodass Wallington meinte, jeden Augenblick in Ohnmacht fallen zu müssen.
»Deswegen!« Duktor zog an einer Bahre und ließ diese zurückschnellen.
Wallington schluckte.
»Das habe ich befürchtet«, murmelte er und drehte sich auf dem Absatz herum. »Ich will den Bericht. Noch heute!«

Schwere Schritte kamen auf Living zu. Der junge Mann, der nicht genau sagen konnte, wo er sich überhaupt befand, schauderte, als er das Quietschen der Türangeln hörte.
»Wer hat dich geschickt?«, fragte eine eisige, beinah frostige Stimme, die Living einen kalten Schauer über den Rücken jagte.
»Niemand!«
Ein schwerer Schlag ging auf das Gesicht des jungen Mannes nieder. Er schrie, als sein Kopf von links nach rechts flog und er jammerte leise, als man den Sack, der über seinen Kopf gestülpt worden war, noch enger zuschnürte.
»Ich mag es nicht, wenn man lügt! Also. Wer schickt dich?«
»Niemand. Wirklich. Es war nur ein Zufall, das ich an der gleichen Straßenkreuzung stand!«
»Deswegen ist dein Partner auch tot!«
»Stuart?«
»Wenn er so heißt!«
Patrick Living glaubte nicht nur, dass sein Schädel platzen würde, auch in seinem Magen begann sich alles schlagartig zu verkrampfen. Er konnte sich nicht einmal genau daran erinnern, was überhaupt vorgefallen war.
Natürlich, da war die Verfolgung des Unbekannten durch das neblige, nächtlich daliegende London.
Patrick glaubte sich daran zu erinnern, dass er den Mord an der Prostituierten Polly noch verhindern wollte.
Und dann?
Dann waren alle Lichter ausgegangen.
»Sie Schwein!«
Wieder eine schallende Ohrfeige.
»Also, noch einmal, wer hat dich geschickt? Wallington?«
»Niemand!«
»Wallington«, flüsterte der Fremde und verschwand dann wieder …

»Ihre Majestät lässt bitten!«
Der Würdenträger ließ Wallington in die Privatgemächer der Königin eintreten. Der alte Lord, der es gewohnt war, mit den hohen Herren beziehungsweise Damen des Staates in Kontakt zu treten, fühlte sich jetzt, wo die alternde Königin Viktoria den Kopf hob, unwohl. Es waren die stechenden, die alles erforschenden Blicke der Königin, die Wallington mit Unbehagen erfüllten.
Er wusste, dass Queen Viktoria einen sechsten Sinn dafür besaß, schlechte Nachrichten zu wittern.
So war es auch in diesem Augenblick, als sie sich von ihrem Stuhl erhob, die Hände ineinander legte und darauf wartete, dass Wallington zu ihr getreten war.
»Euer Majestät!«
»Setzt Euch«, bot die Königin an und ließ einen im Zimmer stehenden, schweigenden Pagen ein weiteres Gedeck und etwas Essbares holen.
Erst als Wallington einen Schluck Tee getrunken und etwas von dem vorzüglichen Weißbrot verspeist hatte, bemerkte die Königin: »Ihr habt Kummer!«
»Ja, leider«, antwortete Wallington und seufzte dabei. »Einer meiner Männer ist umgebracht worden, der Zweite wird noch vermisst!«
»Weswegen waren Eure Männer des Nachts in den Straßen Londons unterwegs?«
»Aus Gründen Eurer Sicherheit, Majestät!«
Die alternde Königin lächelte sanft und bedachte Wallington wieder mit einem durchdringenden langen Blick, bevor sie nickte und sagte: »Ich habe schon Kunde davon erhalten, dass Ihr einfach nicht locker lasst. Sanfold ist sehr erbost darüber, dass Ihr ihm dauernd nachspioniert!«
»Ich habe meine Gründe. Und ich habe Beweise!«
»Dann zeigt Sie mir, Mylord!«
»Es sind eher Indizien«, murmelte Wallington schließlich und kam sich wie ein kleiner Junge vor, der vor seiner Lehrerin saß, die ihn gerade tadelte, da er wieder einmal den Unterricht störte.
»Dann lasst ab von Sanfold. Er ist ein gescheiter Mann und er linderte mein Leiden!«
»Majestät, wie ich schon sagte, Sanfold ist nirgends bekannt. Niemand hat jemals von ihm gehört. Im ganzen Britischen Empire gibt es keinen Arthur Sanfold, der einen Doktortitel besitzt!«
»Er war sehr gescheit und auch sehr geschickt«, meinte die Königin noch immer lächelnd. »Außerdem plagt mich der Besuch des Repräsentanten des Preußischen Reiches, Wallington. Wie soll ich über die vorgebrachten Beschwerden reagieren? Könnt Ihr mir das sagen?«
Wallington deutete ein leichtes Kopfschütteln an und wusste nur zu genau, wovon die Königin sprach. Schon seit Längerem versuchte der englische Geheimdienst die strebsamen und unaufhörlich gefährlich werdenden Preußen in Schach zu halten.
Es war noch nicht lange her, da hatte die englische Regierung versucht, Fabriken in Osteuropa zu sabotieren und zu zerstören. Denn als das englische Königshaus erfahren hatte, dass die Preußen weitere Waffen- und Ausbildungslager errichten ließen, um ihre ohnehin schon starke Armee noch weiter zu fördern und auszubilden, hatte man sich dazu genötigt gefühlt, so schnell wie möglich etwas gegen das aufstrebende Kaiserreich zu unternehmen.
Die ersten beiden Sabotageakte waren erfolgreich gewesen. Einige Arbeiter hatten ihr Leben verloren, die Witwen waren geschockt, die Regierung erschüttert und das Projekt »Ausbildung« war zum Erliegen gekommen. Bis die englische Krone von weiteren Ausbildungsstätten hörte und davon in Kenntnis gesetzt wurde, dass man mit der Ausbildung weiterer Langer Kerls begann.
So hatte man einige Feuer in Offiziersheimen gelegt, dann waren einige Unterkünfte der Rekruten mit Schimmelpilzen befallen worden und zu guter Letzt hatten auch die Pferde der Reiterei an Koliken und Darmverschlüssen gelitten.
Und jetzt war ein Spion der Engländer in die Hände der Preußen gefallen.
Natürlich distanzierte man sich öffentlich von dem Mann.
Das aber, was er den Preußen verriet und was für Details er ausgeplaudert hatte, belasteten das interne Verhältnis der beiden Großmächte.
Und nun wollte auch noch ein Botschafter nach London kommen, um sich mit der Königin unter vier Augen zu treffen.
Nicht schlimm genug, dass ein unbekannter und gänzlich undurchsichtiger Mann den Posten des Leibarztes der Königin übernommen hatte, nein, es mehrten sich die Anzeichen, dass Sanfold alles andere als lupenrein war. Er unterhielt Kontakte in die Unterwelt, soviel stand fest.
Und er schien mit irgendetwas beschäftigt zu sein. Man hatte Wallington zugetragen, dass Sanfold sich mit einigen Vagabunden und Halsabschneidern getroffen hatte. Der Nachteil war nur, dass die Vagabunden und Halsabschneider nicht wieder auftauchten.
Wo waren sie geblieben?
Was plante Sanfold?
Alles Probleme, die Wallington beschäftigten und ihm schlaflose Nächte bereiteten.
»Ich werde mich den Preußen stellen müssen«, seufzte die Königin und fuhr sich mit einer müde wirkenden Handbewegung durchs Gesicht. »Mit allem, was dazu gehört!«
»Was dazu gehört?«, fragte Wallington überrascht, da er seinen Gedanken so intensiv und so tief nachgehangen hatte, dass er von der plötzlichen Aussage seiner Königin völlig überrascht worden war.
»Ich werde die Beschuldigungen öffentlich machen!«
»Euer Majestät, lasst mich kurz …«
Viktoria hob die Hand, deutete ein kurzes Kopfschütteln an und meinte: »Ich habe mir meine Gedanken darüber gemacht. Wir werden mit offenen Karten spielen und die Preußen dazu zwingen, sich bei uns für ihre Anschuldigungen zu entschuldigen!«
»Heinrich von Buxbaum ist ein einfacher Botschafter, Euer Majestät. Er besitzt nicht die Würde für einen Staatsempfang!«
Die Königin lächelte so, wie sie immer zu lächeln pflegte, wenn sie damit begann, politische Intrigen zu ersinnen. »Meine Entscheidung steht und ist nicht mehr zu ändern, Wallington.«
Wallington verstand die Aufforderung.
Er wischte sich noch kurz den Mund ab, bevor er die persönlichen Räume der Königin verließ.
Warum hörte sie nicht auf ihn?
Warum blockte sie alle Nachforschungen in Richtung Arthur Sanfold ab?
Wallington hätte das zu gerne gewusst.

Es gab nicht viele, die IHM gefährlich werden konnten.
Die meisten, die IHM begegneten, lächelten etwas verkrampft, nickten schnell und versuchten nicht in SEINE dunklen, undurchdringlichen Augen zu blicken.
Einen aber gab es, der IHM gefährlich werden konnte.
IHM wollte ER es zeigen.
Ein boshaftes Lächeln legte sich auf die Lippen von IHM, als er sanft an die Tür klopfte und eine weiche, aber doch bestimmende Stimme rief: »Herein!«
ER trat ein und lächelte.
»Euer Majestät!«

Dan hatte im ersten Moment nicht sagen können, was er von Kampitsch und Marquart hielt. Beide schienen sie etwas verschrobene, seltsame Einzelgänger zu sein, die ihr Herz doch am rechten Fleck hatten. Denn lange hatten sie nicht gezögert, um den jungen Sportler aus Kansas in eine Kutsche zu verfrachten und in eine vornehmere Gegend von London zu bringen, wo er in einem gastlichen Haus untergebracht wurde, dass Kampitsch bescheiden sein kleines Heim nannte.
Dan blieb die Spucke weg. Er sah schöne Skulpturen in dem weitläufigen Garten, er sah eine kleine Baumgruppe aus Erlen, die dicht aneinander gepflanzt waren und einem gelangweilten Journalisten für einen kurzen Moment das Gefühl verliehen, wenn er in ihrem Schatten stand, in einen Wald eintauchen zu können.
»Den vermisse ich am meisten«, erklärte Theo leise, nachdem er Dan erklärt hatte, wie sehr er seine kleine Baumgruppe liebte.
»Sie können es sich doch leisten überall hinzufahren«, kommentierte Dan etwas abfällig und merkte, wie sehr er Theo mit dieser Äußerung traf.
Es war nur ein kurzes Zucken in dem Mundwinkel des hageren Mannes gewesen, der seinen Bowler abnahm, ihn sich unter den Arm klemmte und etwas verlegen zu Louis schaute, der sich sein breites Grinsen nicht verkneifen konnte.
»Kann er nicht!«
»Nicht?« Dan schaute verwundert zu Louis und betrachtete den Journalisten etwas genauer. Man sah ihm an, dass er ein liebenswerter Mensch war. Aber dennoch besaß er etwas, das ihm auch etwas Verschlagenes, ja sogar Durchtriebenes verlieh. Es war nicht wirklich niederträchtig, aber er hatte eine Art zu sprechen, sich zu bewegen und sich zu verhalten, wie Dan es bei zahlreichen Studienkollegen kennengelernt hatte, die nichts anderes wollten, als schnell und ohne Kompromisse nach oben zu kommen.
Da war so etwas wie eine innere Feder, die auf egoistische Ziele zu sprang.
Ein seltsamer Vergleich für den Studenten, der sich eigentlich eher darauf spezialisiert hatte, Sport zu treiben, einige Feste zu feiern und schönen Mädchen hinterher zu rennen. Hier aber, in diesem Augenblick, in einer fremden Zeit, an einem völlig fremden Ort, schien sich in ihm so etwas wie eine innere Menschenkenntnis auszubreiten.
»Theo verlässt nur sehr selten das Haus. Meistens, um sich um die Ärmsten der Armen zu kümmern. Er hat London, soweit ich weiß, noch nicht einmal verlassen!«
Theo lächelte kantig. »Ich könnte hier was verpassen!«
»Und das wäre?«
»Ihn, zum Beispiel!«
»Mich?« Dan zeigte mit dem Finger auf sich, während sie über den Kiesweg hin zur Villa gingen, deren weiße Fassade etwas Unschuldiges besaß. Obwohl mit Prunk und Zierde nicht gespart worden war, machte das Haus nicht den Eindruck, andere Menschen beeindrucken zu wollen.
Nein, der Mann, der hier lebte, wusste, wie nett das Leben zu ihm gewesen war.
Er hatte alles, während andere sich im Dreck suhlten.
»Sie sind nicht von hier, ebenso wie ich!«
»Woher kommen Sie, Mister Kampitsch?«
»USA!«
»USA?«, fragte Louis überrascht und blieb mitten auf der Treppe stehen, die zum Eingang führte. »Mir hast du nie erzählt, woher du genau stammst!«
Louis schob beleidigt die Unterlippe nach vorne und deutete ein leichtes Kopfschütteln an. »Das ist nicht sehr nett von dir. Dan kennst du noch nicht mal zwei Stunden und offenbarst ihm deine ganze Lebensgeschichte!«
»Die wird nicht jetzt folgen«, antwortete Theo lächelnd, der die Überraschung in Dans Gesicht deutlich gesehen hatte.
»Von wo aus den USA?«
»Kansas!«
Dan schluckte. Er kniff die Augen zusammen und betrachtete den auf die Tür zuschreitenden Theo etwas genauer und versuchte, etwas Verräterisches, ja, etwas Unnatürliches zu entdecken.
Kansas? Konnte das sein? Dan holte kurz Luft, als er sich an seinen Geschichtsunterricht zu erinnern versuchte.
Gab es Kansas schon in dieser Zeit?
In welcher Zeit war er überhaupt?
Dan wurde schwindelig und er spürte einen nagenden, unangenehmen Hunger, der seine Gedanken für einen kurzen Augenblick zum Stocken brachte. Trotzdem fragte er, als Theo die Tür aufschloss: »Von wo genau?«
»Ich habe an der University of Kansas in Lawrence studiert.«
Dan schluckte. »Medizin oder Geowissenschaften?«
»Seit wann kann man in Kansas Geowissenschaften studieren? Wie allgemein bekannt ist, ist die University of Kansas eine staatliche Einrichtung mit dem Schwerpunkt auf Medizin. Das städtische Krankenhaus fungiert dabei auch gleich als Universität. Was werde ich also studiert haben?«
»Wer sind Sie?«, wollte Dan wissen, während er Theo beobachtete.
»Das würde mich auch interessieren«, meinte Louis, der nach Theo ins Haus trat und seinen Hut auf einen Ständer hing.
»Ich bin so wie Sie, Dan!«
»Aha!«
»Ich habe mit Matthew Evans zusammengearbeitet!«
»Nein«, hauchte Dan und schluckte hart.
Das konnte es nicht geben. War es wirklich so, dass Theo Kampitsch ein Zeitreisender war, ebenso wie er und Claire?
»Oh doch. Ich weiß auch, dass Matthew Evans im Jahre 1994 in einer dunklen Seitengasse erstochen worden ist. Ebenso weiß ich von seiner bahnbrechenden Erfindung, der Viele-Welten-Theorie und dass er Feinde hatte. Mächtige Feinde!«
»Wer sind Sie?«
»Ich bin der erste Zeitreisende der Weltgeschichte!«

Die Zeit war tropfend dahin gegangen. Langsam, zäh, unnatürlich dehnbar, wie Patrick Living es bisher noch nie in seinem Leben erlebt hatte. Es war unangenehm, es war quälend nur dazusitzen in diesem abgedunkelten, nach Unrat riechenden Raum.
Und wenn sich doch etwas draußen auf dem Flur tat, wünschte er sich, dass niemand zu ihm kommen würde.
Dann wollte er alleine in dem dunklen Zimmer sitzen, die Augen geschlossen halten und sich ausmalen, wie es wohl war, wenn die Sonne einem auf das Gesicht schien. Wie es sich anfühlte, wenn der Wind durch die Haare wehte und die lauten, ungehobelten und ungebildeten Stimmen der Menschen an sein Ohr drangen, während er durch die schmalen Gassen Londons ging.
Das alles wollte er fühlen und spüren.
Er würde es niemals wieder, das wusste er, als die Türe sich öffnete und niemand etwas sagte.
Man packte ihn einfach nur an den Armen und zerrte ihn heraus.
»Was soll das? Wo bringen Sie mich hin?«, fragte er mit zitternder, dumpf klingender Stimme, die aus dem über seinen Kopf gestülpten Sack drang und hohl klang.
Man stieß ihn einen Flur entlang, gegen dessen Wand er zweimal prallte.
Als er nach draußen trat, schrie er kurz um Hilfe, um dann einen unangenehmen, harten Schlag in den Bauch zu bekommen. Keuchend und von Schmerzen geplagt war er zusammengebrochen.
Am liebsten wäre er liegen geblieben.
Jemand zog ihn aber wieder in die Höhe und stieß ihn weiter, auf eine Kutsche zu, wie Living vermutete, da ihm das Schnauben der Pferde sowie das nervöse auf der Stelle Tänzeln vertraut an die Ohren drang.
Als er sich auf die weichen Polster setzte, schloss sich die Tür hinter ihm und jeweils links und rechts von ihm ließen sich zwei Männer nieder, die auffallend nach Parfüm rochen.
Dann begann die Fahrt.
Living überlebte sie nicht …

Claire hatte sich auf ihr zugewiesenes Zimmer zurückgezogen.
In ihrem Kopf schossen die Gedanken wie Pfeile hin und her. Sie hatte begriffen, als Marquart sie seltsam fremd und verwirrt angeschaut hatte, dass er an ihrer Geisteskraft zweifelte.
Konnte Claire es ihm verübeln?
Die junge Studentin zermarterte sich das Hirn, während sie die geschichtlichen Ereignisse des alten Londons innerlich abspulte und sich fragte, wie sie überhaupt hierher gekommen war. Es war ihr noch immer ein Rätsel, zumal sie allein war und ohne eine Kontaktmöglichkeit nach Burg Rauenfels.
Es schien, als ob sie ihre Reise nicht freiwillig gemacht hatte.
Erst zum Mittag, als sie müde war vom ganzen Nachdenken, kam Marquart zu ihr zurück.
Er lächelte knapp, als er die Tür zu Claires Zimmer leise hinter sich schloss, und sie mit einem angedeuteten Nicken begrüßte.
»Ich habe Erkundigungen eingezogen!«
»Das habe ich mir gedacht«, lächelte Claire sanft und fand wieder, dass Marquart ein ausgesprochen hübscher und sehr ansehnlicher Mann war. So wie er schritt und sich bewegte, schien es, als ob es für ihn gar keinen Widerstand auf dieser Welt gab.
Er war so leicht und ungezwungen, dabei von einer Spur Aristokratie behaftet, dass er auch etwas Männliches, Arrogantes besaß, ohne dass Claire dieses als negativ empfunden hätte.
»Ich muss Ihnen vorher mitteilen, dass ich ausgesprochen mächtige Freunde in der Politik habe. Man zeigt sich natürlich immer etwas neugierig und immer sehr misstrauisch gezielten Fragen gegenüber. Eben dieses Misstrauen habe ich auf mich gezogen, als ich mich nach einer Mary Ann Nichols, genannt Polly, erkundigte. Ja, es gab heute Nacht einen bestialischen Mord an solch einer Frau. Was mich und meine Freunde natürlich misstrauisch gemacht hat!«
Claire wurde heiß und kalt zugleich. »Sie wollen doch nicht sagen, dass ich etwas mit dem Mord zu tun habe?«
Marquart lächelte kurz: »Natürlich nicht. Wo denken Sie hin? Ein solch zierliches Kind wie Sie es sind, Miss Bancroft, hätte gar nicht die Kraft, einer Frau die Kehle bis zum Rückenmark zu durchtrennen und sie danach auch noch auszuweiden!«
Claire atmete erleichtert aus.
»Nur«, versetzte Marquart ihr den nächsten Schock, »hat man sich natürlich dafür interessiert, woher Sie die fundierten Kenntnisse haben. Bevor man Sie bei Scotland Yard vorstellig werden lässt, möchte ein guter Freund von mir mit Ihnen sprechen, wenn es genehm ist?«
»Ein guter Freund?«, fragte Claire bitter schluckend und versuchte dabei, die unangenehmen Bauchschmerzen zu unterdrücken. Sie wusste, in was für einer Zeit sie sich befand, und ihr war bewusst, dass man 1888 von der Genfer Konvention noch nichts gehört hatte und das Menschenrechte ebenso unbekannt waren wie das Verbot der Folter.
Nein, im ausgehenden London 1888 war man erpicht darauf, einen Menschen das sagen zu lassen, was man hören wollte – egal, ob er nun schuldig war oder nicht.
Claire hatte von Verhörpraktiken gehört, die ihr über 120 Jahre später noch die Haare zu Berge stehen ließen, wenn sie daran dachte, wie man gequält und gefoltert hatte.
»Ich habe mit den Morden nichts zu tun«, hauchte sie, als Marquart ihr nicht sofort antwortete und sie nur mit einem durchdringenden, langen Blick bedachte.
»Das hat auch niemand behauptet. Man ist solange unschuldig, bis die Schuld bewiesen ist«, zitierte Marquart einen alten, nie aus der Mode kommenden Spruch, der ebenso eine Farce war wie die Behauptung, man würde alles Menschenmögliche tun, um die Armut auf der Welt zu bekämpfen.
Claire schloss kurz die Augen, als sie noch einmal fragte: »Wer ist Ihr Freund, Mister Marquart?«
»Lord Wallington!«

»Verfluchte Scheiße, so schnell hatte ich nicht wieder mit Ihnen gerechnet, Mylord«, fluchte Duktor, während er genervt die Knochensäge auf die Trage fallen und den Toten, den er gerade bearbeitet hatte, liegen ließ, als ob es ihn niemals gegeben hätte.
»Deine Ausdrucksform«, erinnerte Wallington mit einem Taschentuch vor dem Gesicht und einem natürlichen Brechreiz im Leib.
»Ist doch alles Scheiße. Da, sehen Sie! Das ist er, oder?«
Duktor zog ein Leinentuch zurück und präsentierte Wallington das, womit er den ganzen Vormittag schon gerechnet hatte.
Patrick Living war tot.
Man hatte ihm, ebenso wie Stuart Mitchel, eiskalt und ohne mit der Wimper zu zucken, die Kehle durchgeschnitten.
Tief, bis hin zum Rückenmark.
»Wann hat man ihn gefunden?«
»Vor nicht einmal einer Stunde, Scheiße. Wer macht denn sowas?«
»Jemand, der sich ertappt gefühlt hat!«
»Was für ein Kreuzpisser fühlt sich ertappt?«
Wallington zuckte mit der Schulter. Er wusste es, aber das musste Duktor nicht erfahren.
Bestürzt davon, einen seiner besten Agenten verloren zu haben, drehte Wallington sich auf dem Absatz herum und wollte das Leichenschauhaus gerade verlassen, als Duktor hinter ihm herrief: »Einen Moment noch, Mylord!«
»Was gibt es noch?«
Duktor winkte den Lord verschwörerisch zu sich und wartete, bis Wallington sich bequemt hatte, zu ihm zu kommen.
»Und?«
»Muss Ihnen was zeigen, Mylord. Scheiße, ja, das muss ich. Eine kreuzverfluchte Hure, mehr nicht. Aber doch sehr interessant zu sehen!«
Wallington zog die Augenbrauen kraus. Was sollte das? Meinte Duktor denn wirklich, dass er, einer der obersten Häupter des British Empire, sich für eine Hure Zeit nehmen würde?
Wallington ließ den Leichenbeschauer seinen Unmut deutlich spüren und seufzte dabei genervt.
»Seht!«
Duktor zog eine Trage hervor, die, wie viele andere Tragen auch, übereinandergestapelt waren.
Die Leichen, die sich hier unten einfanden, wurden nicht sehr würdevoll behandelt. Eigentlich wurden sie nur aufgeschnitten, kurz inspiziert, um sie dann auf dem Friedhof zu verscharren. An den Menschen, der gestorben war, dachte hier unten niemand. Man machte nur seine Arbeit, verfasste einen Bericht mit unzählig vielen Rechtschreibfehlern und leitete diesen dann an die entsprechenden Behörden weiter.
»Und nun? Eine Frauenleiche. Was ist besonders an ihr?«
»Schaut euch den verfluchten Hals an!«
Wallington verdrehte die Augen, presste das Taschentuch noch einmal fester vor Mund und Nase und zuckte schließlich mit den Schultern: »Ich sehe nichts!«
»Der Schnitt geht sehr tief!«
»Aha!«
»Bis zum Rückenmark, Mylord!«

Claire hätte sich das altertümliche London mit Begeisterung angesehen. Aber in diesem Moment, wo sie wie eine Gefangene Marquart gegenübersaß, hatte sie keinen Blick für die wuchtigen Bauten, den Tower oder gar die Tower Bridge. Nein, ihre Gedanken drehten sich unablässig um nichts anderes als um das mögliche Verhör durch Lord Wallington.
Claire gab zu, dass sie von diesem Mann bisher noch nichts gehört hatte – was auch nicht sonderlich verwunderlich war.
Schließlich hatte Königin Viktoria einen ungeheuren, staatlich organisierten Apparat installiert, der sich um nichts anderes als um die Aufklärung von Morden, Verschwörungen und Attentaten kümmerte.
Und eben in diesen Positionen arbeiteten Männer, die man nicht in jedem Geschichtsunterricht serviert bekam. Nein, man musste schon einen bestimmten Teilabschnitt der englischen Geschichte studieren, um mit Namen und Personen konfrontiert zu werden, die sich einschlägig und nachhaltig in die Geschichte eingebrannt hatten.
Claire spielte nervös mit ihren Fingern und fühlte sich reichlich unwohl, wenn sie an das Kleid dachte, welches Marquart ihr gegeben hatte. Ebenso die seidenen Handschuhe gefielen ihr nicht.
Alles wirkte so falsch und so aufgesetzt, dass sie den Hut, den sie trug, am liebsten gleich aus dem Fenster geworfen hätte.
Erst als die Kutsche am Buckingham Palast anhielt und ein Page die Tür öffnete, meinte Marquart mit seiner ruhigen und liebevollen Stimme: »Ihnen wird nichts geschehen, Claire, dafür bürge ich!«
»Aber was, wenn Ihre Bürgschaft den Lord nicht interessiert?«
Marquart lächelte, wie nur ein Mann lächeln konnte, der wusste, dass sein Wort Gesetz war. »Er wird einer Freundin meines Hauses kein Haar krümmen. Es wäre doch viel zu schade um Sie, Miss Claire, wenn man Ihnen etwas zuleide tun würde. Schließlich habe ich ein solch interessantes Geschöpf, wie Sie eines sind, noch nie vorher kennenlernen dürfen.«
Claire wurde rot, als sie die Worte hörte und sie wusste nicht warum, aber der vor ihr stehende Mann, der ihr die Hand reichte, damit sie aus der Kutsche steigen konnte, hatte sie auf eine ihr unbekannte, sentimentale Art und Weise getroffen, dass sie sich über das angenehme Kribbeln im Bauch zu wundern begann.
Konnte es sein?
War es vielleicht wirklich so, wie ihr Unterbewusstsein es ihr seit ihrer ersten Begegnung mit Marquart zuhauchte?
»Ich danke Ihnen für Ihre lieben Worte!«
»Sie sind wahr«, meinte Marquart, nur um dann den Kopf zu drehen, da das Getrappel von Hufen und das Klappern von Rädern, die über Kopfsteinpflaster fuhren, zu ihnen drangen.
Marquart seufzte.
»Was ist?«
»Sanfold«, murmelte Marquart und zeigte auf die näherkommende Kutsche.
»Sanfold?«, hauchte Claire vor Aufregung und sprang gleich zurück in die Kutsche und ließ einen verwirrten Marquart zurück, der nicht wusste, wie er sich verhalten sollte.
»Claire, was tun Sie?«
»Er darf mich nicht sehen!«, flüsterte sie erschrocken und zog den Hut tiefer ins Gesicht.
Als die Kutsche von Sanfold zum Stehen kam, der hagere, unangenehme und hinterhältige Widersacher ausgestiegen war und Marquart mit keinem Blick würdigte, fragte Claire: »Ist er weg?«
»Woher kennen Sie Sanfold?«, wollte Marquart wissen, als er Claire erneut die Hand reichte, um ihr aus der Kutsche zu helfen.
»Das ist eine sehr lange Geschichte!«
»Ich habe Zeit, wie Sie wissen!«

Dan und Theo hatten sich in den großzügig eingerichteten Salon zurückgezogen. Louis, der dem Gespräch der beiden Zeitreisenden interessiert gelauscht hatte, zog sich nach gut zwei Stunden der Unterhaltung zurück und verabschiedete sich mit den flüchtigen Worten, dass er noch etwas Wichtiges zu erledigen hatte.
Nun, wo Theo und Dan alleine waren, breitete sich zwischen den beiden in der Zeit Gestrandeten so etwas wie eine heimische Atmosphäre aus.
Dan war es, der fragte: »Aus welchem Jahr stammst du, Theo?«
»Ich habe die Zeitmaschine 1995 entdeckt. Vorher fand ich die Aufzeichnungen von Evans und konnte die verschlüsselten Botschaften entwirren. Ich benutzte die Zeitmaschine nur einmal. Ich ließ sie beim Sprung los, Gott weiß, wie ich das getan habe. Und so strandete ich in London des Jahres 1880. Ein anderes London als ich es aus dem Geschichtsunterricht kenne. Es gibt die gleichen Protagonisten, aber auch andere, die mir so nie was gesagt haben. Ich hatte unglaubliches Glück, dass ich meinen Weg aus der Gosse hierher fand.«
»Du bist im East End gelandet?«
Theo nickte: »Ja, man fand mich, genau wie dich. Man half mir, versuchte mich an sich zu binden und verfolgte mich Tag und Nacht. Jimmy, die Hand, gibt es zum Glück nicht mehr. Seine Gang hat ihr Interesse längst an mir verloren. Ich bin jetzt ein freier Mann, der mit seinem Gedankengut die langsam aufkommende Gleichberechtigung aller Schichten erfolgreich und sehr lukrativ unterstützt. Es war kein leichter Weg hierher und ich habe das Gefühl, je länger ich in dieser Zeit bleibe, werde ich auch zu ihr!«
»Wie meinst du das?«
Theo zuckte mit den Schultern: »Als ich hier angekommen bin, konnte ich vorab über viele Erfindungen spekulieren, konnte Patente und dergleichen anmelden und wurde reich durch alle möglichen Ideen und Zukunftsblicke. Jetzt aber ist es so, als ob ich nicht mehr weiß, was morgen passiert. Dan, ich war ein ausgesprochen guter Student. Nicht nur, dass ich mich in Medizin gut auskenne, nein, ich habe auch ein fundiertes Geschichtswissen. Aber das kommt mir abhanden. Ebenso mein medizinisches Fachwissen. Ich kann nicht einmal mehr sagen, wie das Gerät heißt, mit dem ich damals Lungen durchleuchtet habe!«
»Ein Röntgengerät?«
»Wenn es so heißt …« Theo lächelte traurig und zuckte mit den Schultern. »Ebenso martert mich die Sorge, dass in den Tagen etwas Entscheidendes geschehen könnte. In mir schlummert der Verdacht, dass die Geschichte sich zu drehen beginnt, ohne dass ich sagen kann, wohin. Ich bin von der Zukunft ebenso abhängig wie jeder andere Mensch dieser Zeit auch!«
»Claire könnte dir sagen, was in den nächsten Tage und Wochen geschieht!«
»Claire?«
»Eine Mitstudentin. Sie war dabei, als wir damals die Zeitmaschine entdeckten. Sie ist Geschichtsstudentin und hat was im Köpfchen!«
»Ist sie hier?«
Dan zuckte mit den Schultern. »Das kann ich beim besten Willen nicht sagen. Ich bin hier erwacht, ohne zu wissen, wie ich den Sprung durch die Zeit absolviert habe!«
Theo zog die Augenbrauen kraus: »Du hast den Sprung nicht freiwillig vollführt?«
Dan schüttelte den Kopf: »Nicht dass ich wüsste!«
»Hmmm«, machte Theo und versank für einige Minuten in eisiges Schweigen. Dan, der nach gut fünf Minuten aufgehört hatte, nachdenklich zu dem vor ihm sitzenden Mann zu starren, hoffte inständig, dass Theo mehr wusste, als er zugeben wollte.
Auch wenn Dan bisher nicht wirklich begriffen hatte, worum es hier überhaupt ging, und was temporäre Sprungfelder waren oder wie man das mit diesen Zeitparadoxen erklären konnte, so war ihm doch bewusst, dass dieser ausgeführte, unfreiwillige Sprung nicht gut war.
Erst nachdem das Schweigen so unangenehm geworden war, dass man meinte, die Spannung fühlen zu können, erhob Theo sich von seinem Platz und tippte sich immer wieder mit dem Zeigefinger der linken Hand unter das Kinn.
Dabei schaute er gelegentlich zu dem Kamin, auf dessen Sims einige Pokale standen.
»Du bist einfach hier erwacht?«, fragte Theo leise, ohne zu Dan zu schauen.
»Ja«, antwortete Dan schnell und war insgeheim froh darüber, dass er endlich wieder etwas sagen konnte.
»Was ist deine letzte Erinnerung?«
Dan überlegte kurz, bevor er sagte: »Ich glaube, dass ich mit Claire auf Rauenfels war. Wir haben uns über belanglose Dinge unterhalten, danach waren die Lichter plötzlich aus!«
»Gab es irgendwelche Turbulenzen?«
»Was für Turbulenzen?«
»Ihr gehört einem Team an, wie du erzählt hast. Dieser Markui kennt sich mit der Zeitreise doch aus, oder etwa nicht?«
»Der hat viele Turbulenzen, weil er ein Eierkopf ist«, lachte Dan und sehnte sich plötzlich danach, in der Nähe von Markui zu sein, der immer etwas geschwollen sprach und sich mit Dingen beschäftigte, die einen Normalsterblichen nicht im Geringsten interessierten.
»Dan«, ermahnte Theo und machte auf den sportlichen jungen Mann plötzlich den Eindruck eines Mannes, den Dan sonst verabscheute: zu ehrgeizig, zu geradlinig, so wie viele Studenten auf dem Campus.
»Ist ja schon gut«, maulte Dan und versuchte sich daran zu erinnern, was geschehen war, bevor er im Jahre 1888 aufgetaucht war.
Ja, da war die kurze, neckische Unterhaltung mit Claire, dann das liebevolle, nur etwas boshaft gemeinte Ärgern mit Markui und schließlich die ernsthafte Diskussion mit Ken über japanische Traditionen. Dann war er hinausgegangen, um Xarina beim Schwertkampf zuzusehen …
Und danach?
Nichts!
Davor?
Nichts!
Dan dachte angestrengt nach und schüttelte schließlich den Kopf, als er meinte: »Ich kann mich an wirklich nicht erinnern!«
»Warst du in der Nähe der Zeitmaschine?«
»Nein. Das Ding fass ich allein nicht an!«
»Hmm!«
Wieder breitete sich ein längeres Schweigen aus, bevor Theo noch einmal fragte: »Gab es in der letzten Zeit irgendwelche Irritationen des Raumzeitgefüges?«
»Irritationen? Wie meinst du das?«
»Ich erinnere mich nur vage an eine Theorie, die Evans damals nur kurz aufgeschrieben hatte, um sie dann wieder zu verwerfen. Wir haben uns nur einmal flüchtig darüber unterhalten. Das war noch zu den Anfängen meines Studiums, als mir der Professor das eine oder andere Mal am Campus begegnete. Ich weiß gar nicht mehr warum, aber irgendwie waren wir damals ins Gespräch gekommen, wir hatten uns eigentlich immer sehr viel zu erzählen. Natürlich unterhielten wir uns über die Zeit und was sie alles mit uns anstellen kann und dass es schon immer den Wunsch gab, die Zeiten zu durchwandern und zu sehen, woher wir kamen und wohin wir gehen!«
Dan merkte jetzt schon, dass ihm langsam aber sicher das Interesse verloren ging. Es lag nicht daran, wie Theo erzählte, nein, es war eher das ständige Warten auf den richtigen Impuls, um nach vorne schnellen zu können, um zu begreifen, dass sich endlich etwas Entscheidendes ergeben hatte.
»Ich langweile dich, nicht wahr?«
»Hm«, machte Dan nur, was man als ja oder nein deuten konnte. »Ein Baseballspiel wäre interessanter«, rutschte es ihm heraus.
Theo seufzte und strich mit der Hand über den Sims des Kamins und nickte in sich hinein. Er wirkte plötzlich wie ferngelenkt und es schien, als ob er sich an Zeiten erinnerte, als er selbst noch ab und zu im Stadion war, um sich ein Heimspiel seiner Mannschaft anzusehen. Als Dan sich aber räusperte, nickte Theo und sagte: »Evans hatte die irrwitzige Idee, dass man Sprünge nachvollziehen und messen könnte!«
»Kann man auch. So verfolgen wir Sanfold!«
Theo leckte sich kurz über die Lippen: »Aber es gibt die Erweiterung der Einsteinschen Ableitung zur Relativitätstheorie. Nach ihr kann man Risse im Raum-Zeit-Tunnel nutzen, ohne das Raumzeitgefüge zu belasten!«
»Ja, davon hat Markui auch gesprochen. Verstehe davon nichts, aber genau das waren die Worte von Markui. Kennst du dich damit aus?«
Theo schüttelte den Kopf. »Leider nicht, nein. Ich habe keine Ahnung davon. Evans hatte damals nur davon gesprochen und die Möglichkeiten analysiert. Er hatte die eine oder andere Meinung dazu und auch, dass man durch die Risse im Raum-Zeit-Tunnel Materie schieben kann!«
»Ja, uns!«
»Nein, andere Materie. Gegenmaterie zum Beispiel!«
»Verstehe ich nicht!«
»Es ist ganz einfach. Etwas, dass genauso schwer ist wie ein Apfel, könnte den Apfel dort aus der Schale verschwinden lassen und seinen Platz einnehmen!«
»Soll das heißen …?«
Theo hob abwehrend die Hände und schüttelte nur kurz den Kopf. »Ich weiß es wirklich nicht, Dan. Aber es könnte so gewesen sein, dass man versucht hat, euch irgendwo, durch Raum und Zeit, verschwinden zu lassen!«
»Soll das heißen, dass jetzt da, wo ich eben noch stand, Wackelpudding liegen könnte!«
»Eine Menge Wackelpudding, sicherlich, aber ja, es könnte so sein. Auch wenn ich nicht begreifen würde, wer 80 Kilo Wackelpudding kochen sollte.«

»Herein!« forderte Wallington den vor der Tür Stehenden auf, nachdem dieser höflich angeklopft hatte.
Die Tür öffnete sich und eine in einen feinen Anzug gekleidete Gestalt trat in das Zimmer. Den Zylinder tief ins Gesicht gezogen, den Mantel eng um den Körper gelegt und die Halbschuhe fein säuberlich geputzt.
Das Gesicht des Fremden lag im Schatten der Zylinderkrempe und zeigte dem Lord nichts.
»Wer sind Sie?«
Der Fremde antwortete nicht.
»Ich habe Sie etwas gefragt!«, zischte Wallington und erhob sich erbost von seinem Stuhl, während der Fremde auf den Tisch zugetreten kam. »Antworten Sie mir!«
Wallington erhielt eine Antwort.
Nur anders, als er es vermutet hatte.
Er konnte nicht einmal sagen, was es war, das ihn da am Hals traf.
Das, was er wusste, als er die Augen vor Schreck aufriss, war, dass er die nächsten zwei Minuten nicht überleben würde.
Nicht mit einer aufgeschnittenen Kehle?

»Das können Sie auch beweisen, Miss Bancroft?«
Claire fühlte sich etwas unwohl, als sie zu Marquart schaute und in dessen angespanntem Gesicht eine gewisse Unzufriedenheit ausmachte. Nicht, dass er ihr nicht glauben würde, aber da war etwas in seinem Blick, dass Claire bitter schlucken ließ.
Konnte es sein, dass er ihr glaubte und sie dennoch für verrückt hielt?
Oder gar für die Mörderin?
Oder eine Komplizin?
Claire schluckte hart, als sie ein schwaches Nicken andeutete und mit weichen Knien aus der Kutsche trat.
»Dann erzählen Sie das meinem Onkel. Er hat mir nicht alles erzählt, aber er hatte ebenfalls einen Verdacht gegen Sanfold.«
Die beiden eilten durch die langen und geschmackvoll eingerichteten Gänge des Palastes der Königin und kamen schließlich in einen Trakt, dem man schon ansah, dass hier im Geheimen gearbeitet wurde. Nicht, dass er dunkler war oder ein sonderbares, fremdartiges Licht den langen Flur beleuchtete.
Nein, es war ein inneres Gefühl, das einem sagte, dass die Türen etwas zu dick erschienen, die Kerzen zu spärlich verteilt waren und dass die Teppiche eine ungeheure Tiefe hatten, die jeden Schritt zu schlucken schienen.
Claire schluckte und versuchte sich auszumalen, was wohl noch alles hinter den dicht verschlossenen Türen erdacht und ersonnen wurde und welche Machenschaften hier in Gang gesetzt wurden, um das Empire vor dem Zugriff unliebsamer Aggressoren zu verteidigen.
»Hier ist es«, sagte Marquart leise und drückte die Tür auf, um im gleichen Moment zu sagen: »Ich habe hier eine wirklich interessante junge Frau kennengelernt, die dir unbedingt etwas erzählen muss. Es geht um Sanfold!«
In dem Moment wurde die Tür aufgerissen und eine schwere, im fahlen Licht der brennenden Kerze blitzende Kling nach vorne gestoßen.
Marquart stieß einen erschrockenen Ruf aus und taumelte zurück.
Claire schrie ebenfalls.
Und dann raste die Klinge auf sie zu …

»Ihr seid ein ausgesprochen liebenswerter Gast«, lächelte die Königin und strahlte zu dem hageren Mann mit dem weißen Haar und konnte anscheinend ihre Blicke nicht von ihm nehmen. »Ich habe mich seit Wochen nicht mehr so köstlich amüsiert!«
»Oh, ich versuche immer ein besonders guter Unterhalter zu sein!«
»Der seid Ihr, der seid Ihr«, pflichtete die Königin ihrem Gast bei und bot ihm noch eine Tasse Tee an.
Der ältere Mann lehnte höflich ab, holte kurz die Taschenuhr hervor und schaute auf das Ziffernblatt.
Alles lief nach Plan.
»Gebäck?«
Der Mann hob den Kopf: »Wie bitte, Majestät?«
»Gebäck? Wollt Ihr noch was. Es ist gestern erst aus meiner französischen Küche importiert worden!«
»Einen Keks!«
»Gerne!«
Der Hagere klappte die Uhr wieder zu.

Claire warf sich zurück.
Die Klinge raste an ihr vorbei.
Der dunkel Gekleidete machte einen Ausfallschritt zur Seite, stieß den Ellenbogen nach vorne und hieb ihn Claire genau unter die Nase. Sofort begann ihre Welt zu verschwimmen und eine gnädige Ohnmacht breitete sich über ihr aus.
Ihr letzter Gedanke war, als sie zu Boden ging: Du bist verloren. Er wird dich töten!
Dann verlor sie das Bewusstsein …

»Ich habe mich für Euren Plan entschieden, mein Freund«, erzählte die Königin in einem für sie ungewohnten Plauderton und lächelte dabei so mädchenhaft, dass ihr Gegenüber für einen kurzen Moment meinte, einer jungen, attraktiven Frau gegenüberzusitzen. »Ich werde Buxbaum empfangen, wie es für eine Königin zutreffend ist!«
»Das freut mich zu hören«, lächelte der Hagere und frohlockte innerlich. »Wann wird die Zeremonie denn beginnen?«
»Buxbaum wird morgen in London eintreffen!«
Der Hagere nickte.
»Und die Kronjuwelen?«
Die Königin lächelte: »Ihr werdet sie zu Gesicht bekommen, mein lieber Freu …« Unter diesen Worten schlief die Königin ein.
Der Hagere lächelte.
Er liebte Opiate.
Besonders dann, wenn Sie im Tee der Königin schwammen …

Philipp Marquart war von dem ersten Angriff des Messerstechers überrascht gewesen.
Wie er der Klinge ausgewichen war, konnte er nicht sagen und es war ihm ebenso ein Rätsel, warum der Mörder sich nicht weiter auf ihn konzentrierte, sondern mit einer ungewöhnlichen Wut auf Claire losging.
Diese schrie noch, warf sich zurück und bekam dabei den Ellenbogen des Mörders ins Gesicht. Sie brach auf der Stelle zusammen und rührte sich nicht mehr.
Marquart reagierte so schnell, wie es ihm möglich war.
Er warf sich wieder nach vorne, schlug zu und traf den Unterarm des Angreifers.
Dieser stieß nicht einmal einen Schmerzensschrei aus, als er auf dem Absatz herumwirbelte und die ausgestreckte Faust von Marquart schlucken musste.
Marquart wusste sofort, als er den Treffer landete, dass der Kampf entschieden war.
Nicht, dass er den Fremden festsetzen konnte, aber dieser taumelte einen Schritt zurück, schüttelte den Kopf und musste einen weiteren Schlag hinnehmen. Das Messer, mit dem er eben noch nach Claire gestochen hatte, flog im hohen Bogen davon und rutschte dann, als es zu Boden gefallen war, über den Teppichboden von Wallingtons Büro.
Als Marquart dem Angreifer noch eine verpassen wollte, sah er, was sich im Büro seines Onkels zugetragen hatte.
Die Leiche von Wallington war vorne übergesackt, blutete den Schreibtisch voll und rührte sich nicht mehr.
Marquart schluckte und musste nun seinerseits einen Schlag hinnehmen, der ihn seitlich gegen den Kopf traf.
Sofort explodierte alles um Marquart herum.
Er machte einen Schritt zurück, versuchte sich am Türrahmen festzuhalten und ging dabei in die Knie.
Der Angreifer flüchtete.
Er schaute sich nicht einmal um und verschwand schnellen Schrittes den Flur hinab.
Marquart glaubte, sich übergeben zu müssen.
Er fühlte sich ausgelaugt und blinzelte, als er den sich in seinem Kopf ausbreitenden Schwindel vertreiben wollte.
Es gelang ihm nicht.
Er kippte vorne über und atmete schwer, als der Schwindel immer heftiger wurde und sich alles um Marquart zu drehen begann …
Auf Rauenfels
Ken hatte nicht wirklich verstanden, was sich plötzlich um sie herum ereignet hatte. Hatte er eben noch mit Claire und Dan zusammen im Bett gelegen und ihre warme Haut genossen, so war sie plötzlich verschwunden und nichts weiter als ein Stapel Bücher war neben ihm erschienen.
Ken hatte es nicht verstanden. Markui ebenfalls nicht. Auch Roger war ratlos.
Was sollte das?
Ken hatte Markui informiert, ohne dass dieser seine Beobachtung erklären konnte.
Dann hatten sie Dan gesucht. Ohne Erfolg.
Das, was sie vor Rauenfels fanden, war ein Eichenfass, auseinandergebrochen und zersplittert.
Sie standen vor einem Rätsel …

Wieder einmal erwachte Claire in einem weichen, warmen, frisch bezogenen Bett. Der Geruch nach frisch gebrühtem Tee, leckerem Brot und Kalbsfleischwurst lag in der Luft. Das Einzige, wie Claire fand, was fehlte, war das leise Anspringen des Radioweckers mit einem heiteren Lied aus dem vergangenen Sommer.
Draußen zwitscherten die Vögel und eine weiche Brise strich durch das Zimmer, in dem Claire lag.
Sie fragte sich wirklich, als sie den Kopf noch etwas fester in das Kopfkissen drückte und sich unter der wohlig warmen Bettdecke zusammenrollte, ob sie die zurückliegenden Ereignisse nicht nur geträumt hatte.
Ein sehr intensiver Traum, ja, das gab sie zu.
Aber diese innere Harmonie und das Gefühl, es würde nichts mehr weiter passieren, als dass irgendwann Ken, Markui oder Dan zu ihr ins Zimmer gestürmt kamen, ließ sie in einen kurzen, wohligen Dämmerschlaf übergehen, der erst dadurch gestört wurde, als jemand die Tür zu ihrem Zimmer vorsichtig öffnete und leise eintrat.
»Miss Bancroft?«, fragte eine vorsichtig agierende Stimme. »Sind Sie wach?«
»Jetzt ja«, schmatzte Claire und versuchte, die ihr eben entgegengeschwebte Stimme zu identifizieren.
Sie wusste, dass sie die Stimme schon einmal gehört hatte und sie fragte sich, warum sie keine guten Erinnerungen mit ihr verband.
Claire drehte sich auf die Seite, blinzelte und schaute in das rundliche Gesicht des Dienstmädchens, dass sie vor einigen Stunden – oder waren es schon Tage? –, mit schreckgeweiteten Augen angeschaut hatte.
Nun schien es, als ob jede Angst aus ihr verschwunden war und sie Claire nicht mehr als gefährlich oder gar magisch ansah.
»Ich habe Ihnen Frühstück bereitet, Mylady«, erklärte das Dienstmädchen und zeigte auf das vor Claire stehende Tablett. »Wenn Sie sich gestärkt haben, wünscht der Herr mit Ihnen in der Bibliothek zu sprechen!«
»Ist gut«, murmelte Claire und war insgeheim enttäuscht darüber, dass ihr kurzes Abenteuer im Jahre 1888 doch der Wirklichkeit entsprach und kein Traum war. Sie seufzte, als sie sich aufrichtete und sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht wischte. Sie griff lustlos nach dem Brot, legte sich eine Scheibe Wurst auf dieses und nippte, nachdem sie heruntergeschluckt hatte, an dem vorzüglich schmeckenden Tee.
Trotzdem fühlte sie sich elend.
Dann war der Angriff des Unbekannten wirklich geschehen und auch die Tatsache, dass im East End Polly umgebracht worden war.
Wer war der Unbekannte?
Was hatte Sanfold mit der ganzen Sache zu tun?
Claires Gedanken drehten sich unablässig, während sie ihr Frühstück verzehrte und sich fragte, ob sie denn alleine in die Zeit zurückgereist war?
Während sie noch einen Schluck Tee nahm, schwang sie die Beine aus dem Bett und richtete sich auf. Als sie sich einen bereitgelegten Morgenmantel übergezogen hatte, machte sie sich daran, in die Bibliothek zu gehen, in der Marquart auf sie wartete.
Zu ihrer Überraschung war ihr unfreiwilliger Gastgeber nicht alleine.
Vor ihm, in ebenfalls einen mit Leder überzogenen Sessel sitzend, saß ein junger, gut aussehender Mann, der sich sofort erhob, nachdem Claire eintrat.
Marquart lächelte und zeigte auf den unbekannten Besucher: »Das ist Louis Marquart, ein Vetter, mütterlicherseits!«
»Angenehm«, lächelte Louis und reichte Claire die Hand.
»Louis ist mit sehr interessanten Neuigkeiten zu mir gekommen«, erklärte Marquart etwas steif und betrachtete wieder einige vor ihm liegende Pergamente und las diese über den Rand seiner Brille hinweg.
»Was für Neuigkeiten?«
»Sag es ihr!«
»Ich habe einen Zeitreisenden getroffen!«

Der Mord an Wallington hatte Queen Viktoria mehr getroffen, als sie sich eingestehen wollte. Auch wenn sie keinerlei Miene verzogen hatte, als ihr Norfolk, der Stellvertreter Wallingtons, mit ernsten Blicken vom Tod ihres Geheimchefs berichtet hatte, fühlte sie sich jetzt, wo sie für einen kurzen Moment alleine war, wie gerädert und verloren.
Nicht nur, dass sie seit Tagen ununterbrochen müde war, nein, etwas ereignete sich auch am Königshof, was sie zunehmend mit Sorge betrachtete.
Es schien, als ob ihr die Zügel, die sie all die Jahre straff und ohne Kompromisse angezogen hatte, mehr und mehr entglitten.
Es war nur ein unbestimmtes Gefühl, welches sich in ihr äußerte. Ein Gefühl von nagenden Zweifeln, einen kurzen, intensiven Schauer, der ihr über den Rücken floss und der unangenehm hart im Bauch brandete.
Queen Viktoria schauderte, als sie sich daran erinnerte, wie sie gestern noch mit Wallington zusammengesessen hatte und sie darüber sprachen, wie sie Buxbaum empfangen sollten.
Und da war noch etwas …
Sie konnte es nicht genau sagen, nicht einmal bestimmen, aber sie hatte das ungute Gefühl, als ob sich über ihrem Kopf eine Wolke zusammenzog, die in sich Blitze trug und sich immer weiter aufheizte, um die Kraft des Himmels gen Erde zu entsenden.
Queen Viktoria seufzte, als sie das sanfte Klopfen hörte.
»Ja?«, sagte sie leise und richtete ihren Blick zur Tür, die sich langsam öffnete.
»Darf ich kurz um eine private Audienz bitten?«, fragte Sanfold, als er die Tür ein weiteres Stückchen öffnete und forsch, etwas zu aufdringlich, wie die Königin fand, ins Zimmer getreten kam.
»Was gibt es?«
»Ich habe mir meine Gedanken gemacht. Zu dem Bankett und dem Empfang des Preußen!«
Ein kurzes Lächeln huschte über das Gesicht Viktorias, als sie die ernste Miene ihres Leibarztes sah und sie war insgeheim froh, dass ein wahrer Freund zu ihr gekommen war, um in diesen schweren Stunden an ihrer Seite zu stehen.
»Kommt. Setzt Euch.«
Sanfold spielte wieder mit etwas in seiner Jackentasche, so wie er es immer tat, wenn er bei der Königin war. Viktoria war diese seltsame Eigenart schon mehrmals in den letzten Wochen aufgefallen und erst jetzt registrierte sie, dass es sie insgeheim störte.
»Was habt Ihr mir zu sagen, mein lieber Freund?«
Sanfold lächelte kantig, als die Königin ihn Freund nannte. Es schien sich etwas in seinem sonst sehr liebenswerten und stets freundlichen Gemüt verändert zu haben. Er strahlte plötzlich nicht mehr diese Liebenswürdigkeit aus, die ihn sonst so sympathisch gemacht hatte.
Nein, da war etwas, das der Königin mehr und mehr missfiel und sie für einen kurzen Moment zweifeln ließ, ob Wallington nicht vielleicht doch recht gehabt hatte mit seinen Vermutungen.
Schließlich hatte Wallington Sanfold seit seinem plötzlichen Auftauchen am königlichen Hof beschatten und bespitzeln lassen. Natürlich hatte Viktoria die meisten der Berichte gelesen und stets war sie es gewesen, die das Misstrauen Sanfold gegenüber immer wieder im Keim erstickte.
Ein Fehler?
Ihr letzter?
»Nun?«
Die Königin schaute noch einmal etwas intensiver zu ihrem Gesprächspartner, der ihre Bitte ausgeschlagen hatte, sich zu setzen. Nein, er besaß sogar noch die Frechheit, die Hand zu heben und zu sagen: »Bleibt nur sitzen, meine Königin. Im Sitzen verkraftet man Unannehmlichkeiten leichter.«
»Unannehmlichkeiten?« Queen Viktoria zog die Augenbrauen zusammen.
»Oh ja. Sehr unangenehm!«
»Was ist geschehen! Sprecht schnell!«
»Seht selbst!«
Die Königin folgte der ausgestreckten Hand mit ihren Blicken und schaute zu der Zimmertür, die in ihr Gemach führte.
Diese öffnete sich.
Langsam, bedacht, so, wie sie es immer tat, wenn jemand nicht genau wusste, was ihn in den privaten Räumen der Königin erwartete.
Nur das, was in dem Moment geschah, als die Tür sich öffnete, konnte und wollte Viktoria nicht begreifen.
Sie schluckte.
Nein, das konnte es nicht geben!

Claire konnte nicht sagen, wie glücklich sie war, als sie Dan wieder gegenüberstand. Es war, als ob sie jahrelang einen guten Freund vermisst hatte und ihn nun, aus einem Zufall heraus, endlich wieder getroffen hatte.
Beide umarmten sich lang, vielleicht etwas zu lang, wie Claire fand, aber die Freude darüber, Dan zu sehen, war so groß, dass sie sich vom sanften Druck nicht stören ließ und geduldig darauf wartete, dass Dan sie endlich losließ.
Als sie sich schließlich alle zusammengesetzt hatten, an dem gereichten Gebäck knabberten, das Marquart auftischen ließ, erzählte erst Dan seine Geschichte, dann berichtete Claire und am Ende war es Theo, der mit erklärenden Worten erzählte, was ihm alles zugestoßen war und was für eine Theorie er hatte.
Das alles hörten sich die beiden Cousins an, schauten sich, nachdem der Bericht geendet hatte, kurz, aber intensiv an und nickten sich schließlich zu.
Louis schien nicht so zielorientiert zu sein wie sein Vetter Philipp, und als der dann die Stimme erhob und auf ein Dokument zeigte, das mit dem königlichen Siegel verschlossen gewesen war, meinte er: »Mein Onkel Lord of Wallington hatte Sanfold ebenfalls in Verdacht, dass dieser etwas Fürchterliches plane.«
»Etwas Fürchterliches?«, fragte Dan.
»Mein Onkel ließ Sanfold überwachen und folgte ihm immer wieder über seine Agenten tief ins East End von London. Er erkundigte sich ungeheuer oft bei Schlachtern und Metzgern nach scharfen Klingen und wie man sie lange scharf halten konnte. Außerdem traf er sich immer wieder mit lichtscheuem Gesindel, das irgendetwas für ihn erledigen sollte, ohne dass mein Onkel hinter die Aufgaben gekommen ist. Das einzig Auffällige ist, dass Sanfold sehr oft alleine mit der Königin zusammengekommen ist.«
»Das sind alles nur sehr vage Andeutungen«, murmelte Theo leise und schaute erst zu Dan, dann zu Claire. »Damit können wir nichts anfangen. Gibt es eine Möglichkeit, an die Informanten heranzukommen, mit denen Sanfold sich getroffen hat?«
Marquart zuckte mit den Schultern: »In den Berichten steht, dass viele der Diebe und Halsabschneider nach einem Treffen mit Sanfold nicht wieder gesehen worden sind.«
»Sie sind tot?«
»Das weiß man nicht!«
»Irgendetwas plant Sanfold«, meinte Dan und schlug mit der Faust in die ausgestreckte Hand. »Und wir müssen herausfinden was. Er hat schon mehr als einmal versucht, die Zeit zu verändern, um in seine Zeit zurückkehren zu können. Und dann seine Suche nach dem Stein. Er geht über Leichen, das ist schon mal sicher!«
»Können wir die Gemächer von Sanfold aufsuchen?«, wollte Claire wissen und schaute hilfesuchend zu Marquart, der wieder mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf die Papiere vor sich tippte.
»Was meinen Sie da finden zu können?«
Claire zuckte mit den Schultern: »Keine Ahnung. Aber vielleicht hat er dummerweise irgendwelche Notizen oder so herumliegen lassen. Könnte doch sein!«
»Ich könnte uns sicherlich in den Buckingham Palast einschleusen. Nur wir fünf wären eindeutig zu viel!«
»Das ist kein Problem«, grinste Louis. »Ich würde mich solch einem Himmelfahrtskommando nicht anschließen wollen, wenn ich ehrlich bin. Mich interessieren eher die Machenschaften von diesem Sanfold im East End. Ich verfüge über ausgezeichnete Kontakte und kann sicherlich das eine oder andere Wissenswerte herausfinden!«
»Das wäre spitze«, freute sich Dan. »Soll dich jemand begleiten?«
»Theo?«
Theo nickte etwas vorsichtig, ja, sogar zögerlich. Claire wusste nicht genau, was Theo zurückhielt, mit seinem angeblich besten Freund ins East End zurückzukehren.
»Ich habe die Möglichkeit, mit Claire und Dan in meine Zeit zurückzukehren«, flüsterte Theo leise. »Was, wenn wir nun getrennt werden und ihr beide das Rätsel löst und ich nicht wieder zurückkehren kann?«
»Wenn es wirklich diese Raum-Tunnel-Zeitgeschichte mit austauschbaren Objekten oder so gibt, haben wir selbst gar keine Chance, den Zeitsprung auszulösen, Theo. Wir brauchen Sanfold dafür. Und wir würden auf dich warten, versprochen.«
Theo nickte. Er lächelte etwas schief: »Na gut, dann brechen wir ins East End auf. Welche Informanten hatte Ihr Onkel, Philipp?«

Viktoria stierte sich selber an.
Ihr Mund stand offen.
Das war unmöglich. Das konnte es nicht geben. In ein teures Kleid aus Seide gekleidet, eine Schärpe um die Hüfte gewickelt, einen glitzernden, weißlich schimmernden Diamantring am Finger, saß sie sich selbst gegenüber.
Sanfold, der noch immer hinterhältig und verstohlen grinste, meinte: »Euer Ebenbild, meine Königin. Ein Ebenbild, ebenso mächtig und zielgerichtet, so vernarrt darauf, das Königreich England an die Spitze der Welt zu führen und dort zu halten.« Sanfold hob nur kurz den Zeigefinger seiner linken Hand. »Es gibt nur einen Unterschied!«
»Unterschied«, wisperte Viktoria, die ihre Blicke nicht von ihrem Ebenbild lösen konnte und sich sicher war, jeden Augenblick in Ohnmacht zu fallen.
»Einen. Mehr nicht. Diese Königin da ist voller Skrupellosigkeit. In ihrer Welt geht sie über Leichen. London gleicht einem unglaublichen Scheiterhaufen. Die Welt hält den Atem an, wenn nur ihr Name fällt. Queen Viktoria wird in ihrer Welt nur die Rote Zofe Englands genannt!«
Viktoria wandte den Blick ab und stierte zu Sanfold, der vor ihr stand, die Hände in die Hüfte gepresst, die Lippen spöttisch verzogen und in seinen grauen Augen ein gieriges, ein infernalisches Feuer, das an Wahnsinn grenzte.
»Andere Welt«, flüsterte Viktoria, ohne zu begreifen, was das heißen sollte.
»Euer Ebenbild. Ebenso gefährlich wie mysteriös. So liebreizend und gefährlich. Eine Klapperschlange, die angsteinflößend ihre Schwanzspitze hebt!«
»Hört auf zu quatschen, Sanfold«, zischte die neu in den Raum getretene Viktoria. »Lass mich kurz mit mir alleine. Ich habe etwas zu erledigen!«
Sanfold grinste. »Natürlich!«
Viktoria spürte, wie sich alles in ihr zusammenzog. Sie kaute kurz auf der Unterlippe, als sie in die Höhe schnellte und lauthals um Hilfe zu schreien begann.

Marquart, Dan und Claire hatten sich auf den Weg zum Buckingham Palast gemacht. Keiner der Drei sagte etwas, während die Kutsche gemächlich über Kopfsteinpflaster zuckelte und das Klappern der Pferdehufe etwas Hypnotisches an sich hatte. Erst als sie vor dem mächtigen Herrschersitz ankamen, löste sich irrwitzigerweise die Spannung, wenigstens bei Dan.
Er fühlte sich das erste Mal seit Tagen wieder einigermaßen frisch und erholt.
Was er alleine darauf zurückführte, dass er mit Claire zusammengetroffen war. Er wusste nicht warum, aber als er sie fest in den Arm nahm, sie drückte und ihr einen hilflos wirkenden Kuss auf den Hals hauchte, war in ihm so etwas wie eine längst verschwundene Hoffnung zurückgekehrt.
Eine Hoffnung, die ihm soviel Mut machte, dass er sich keine Gedanken darüber machte, wie sie in die Gemächer Sanfolds gelangen wollten.
Das war nebensächlich.
Was zählte war, dass sie überhaupt in die Nähe des verrückten Professors kommen konnten, um etwas über seine Machenschaften herauszufinden. Dass er etwas im Schilde führte, war so sicher, wie das »Amen« in der Kirche.
Und so stiegen die Drei dann aus der Kutsche aus und wurden von den Wachen einfach durchgelassen.
»Aus dem Adel sollte man stammen«, flüsterte Dan mit einem breiten Grinsen und stieß Claire leicht an.
Claire, die schweigend neben Marquart hergegangen war, zuckte bei den Worten und der Berührung zusammen, als ob sie mit einer Peitsche geschlagen worden wäre. Ihre Blicke waren plötzlich hektisch, ihre Wangen rot und ihre Lippen zuckten unablässig, als ob sie etwas sagen wollte, ohne das sie es zulassen konnte.
Dan fiel diese Reaktion befremdlich auf. Natürlich hatte er gemerkt, dass Claire sich freute ihn zu sehen, ebenso war ihm aber auch aufgefallen, dass sie ungewöhnlich viel zu dem jungen Adligen schaute und an seinen Lippen hing, als ob sie aus Gold wären.
»Ja, ja, sollte man wohl«, flüsterte Claire und wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
»Hier entlang«, unterbrach Marquart die nicht in Gang kommen wollende Unterhaltung der beiden und ließ sie in eine Gegend des Palastes gehen, von der Dan noch nie in seinem Leben gehört hatte.
Okay, wenn er ehrlich war, hatte er nur am Rande mitbekommen, dass es in England eine Königin gab und das diese ein Volk zu regieren schien, das im Urlaub unangenehm laut auffiel, immer von dem Fußballthron träumte und schlechtes Essen verzehrte.
Dan wusste nicht viel von der Welt, und wenn er ehrlich war, interessierte ihn das meiste auch nicht. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, als er sich damit auseinandersetzen musste.
Er wollte, dass die Zeitreisen aufhörten und er wollte, dass die Welt endlich wieder so war, wie sie gehörte.
Dan hatte genug von Zeit-Raum-Theorien, von Viele-Welten-Mythen und so weiter. Es gab kaum etwas, was wirklich Bestand hatte. Es gab nichts, an das man sich halten konnte. Denn jede Welt, die sie bereisten, war anders als das, was man aus den Geschichtsbüchern kannte. Okay, Dan schränkte sich wieder gedanklich ein im Vergleich zu dem, was Claire alles wusste.
»Dieser Bereich ist für enge Vertraute der Königin«, klärte Marquart auf und riss Dan dadurch aus seinen Gedanken. »In der dritten Ebene, dicht bei den Privatgemächern unserer Königin, liegen die Räumlichkeiten des Leibarztes. Sanfold hatte eben diese bezogen, nachdem sein Vorgänger auf sonderbare Art und Weise aus dem Dienst ausgeschieden ist!«
»Ausgeschieden?«
»Das tut man bekannterweise, wenn man in der Themse ertrunken ist!«
Claire schwieg. Dan ebenfalls. Das passte nur allzu gut ins Schema von Sanfold.
Als Dan etwas sagen wollte, hallte ihnen der laute Schrei der Königin entgegen …

Theo und Louis hatten ebenso geschwiegen wie Claire, Dan und Marquart. Theo aus bekanntem Grund. Louis aber war sich nicht sicher, warum er nichts zu sagen hatte.
Schlechtes Gewissen?
Ja, das konnte sein. Er wusste nicht warum, aber in ihm nagte der Zweifel, alles richtig gemacht zu haben.
Natürlich, es lag auf der Hand, dass sie zusammen in das East End fuhren, aber war es auch die wirklich richtige Entscheidung gewesen? Hätte Theo nicht doch lieber mit diesen angeblichen Zeitreisenden aufbrechen sollen, um eine Chance zu erhalten, in seine Zeit zurückkehren zu können?
Seine Zeit?
Louis hatte das alles noch nicht wirklich begriffen und es fiel ihm auch weiterhin schwer, seine Gedanken in richtige Bahnen lenken zu können. Es war ihm etwas zu viel gewesen, das gab er ohne sich zu schämen zu. Und er war sich sicher, dass er bis zum Ende seiner Tage nicht ansatzweise begreifen würde, was in den letzten drei Tagen alles über ihn hereingebrochen war.
»Hast du dir schon jemanden überlegt, mit dem wir sprechen können?«, riss Theo seinen Freund aus den Gedanken.
»Was meinst du?«, wollte Louis stockend wissen, da er so tief in Gedanken versunken war, dass er nicht hörte, was Theo ihn gefragt hatte. Erst als sein bester Freund seine Frage wiederholte, nickte Louis bedrückt und seufzte, als er meinte: »Ich wollte mit Zack Halsentime sprechen. Der spricht für den einen oder anderen Pence gerne mal über das oder jenes!«
Theo nickte, als ob er Zack kennen würde, ohne dass dem so war. Schließlich hatte Louis den etwas abgemagerten und immer streng riechenden, kahlköpfigen Mann vor einigen Monaten selbst erst aufgetan, als er wieder mal im East End unterwegs gewesen war, auf der Suche nach der schrecklichsten Mutter Londons.
Es war eine Sensation in der Times gewesen, als Louis die Missstände aufdeckte, unter welchen Bedingungen die Kinder in Londons Elendsvierteln aufwuchsen. Nicht, dass er auch nur ein kritisches Wort über die Reichen verlauten lassen hatte, nein, er hatte nur die Mütter kritisiert, die ihre Kinder auf der Straße spielen ließen, sie zur Arbeit schickten oder ihnen nahe legten, so schnell wie möglich und so weit wie möglich von London wegzulaufen.
Da hatte er damals auch Zack kennengelernt, der, was sich erst später herausgestellt hatte, auch über gute Informationen über die Schläger und Halsabschneider verfügte.
So waren die beiden Reporter dann schließlich in einer engen, von Feuchtigkeit durchzogenen Gasse angekommen und hatten gegen eine schief in den Angeln hängende Tür geklopft, die nach wenigen Augenblicken aufgezogen wurde.
Ein absonderlich hässlicher Mann starrte Louis an, musterte Theo kurz und nickte schließlich, um die beiden Männer ins Haus zu bitten. Eine kleine, dreckige Behausung, die auffällig nach menschlichen Exkrementen roch und hinter dessen Wänden das leise Schaben von kleinen Pfoten zu hören war.
Theo wagte es nicht, sich auf das übel riechende Mobiliar zu setzen. Louis blieb ebenfalls stehen und fragte, nachdem sich Halsentime auf einen klapprig wirkenden Stuhl fallen gelassen hatte: »Was wissen Sie über Arthur Sanfold?«
Zack schaute kurz auf, zuckte mit den Schultern und drehte sich dabei eine Zigarette, die er mit viel Speichel benetzte.
Louis legte einige Pence auf den Tisch.
»Hat sich auffallend oft nach einigen Jungs aus der Gegend erkundigt!«
»Was wollte er von ihnen?«
Zack zuckte wieder mit den Schultern und sagte, nachdem er das auf den Tisch gefallene Geld eingestrichen hatte: »Hat sich nach ihren Härtegraden erkundigt und nach ihrer Skrupellosigkeit. Einige munkelten, dass Sanfold eine eigene Gang aufziehen will.« Zack lachte bitter. »Das glaube ich nicht!«
»Warum?«
Zack beugte sich leicht vor und schaute zu Theo, der die Frage gestellt hatte und lächelte nur schmierig.
»Bezahl ihn«, wisperte Louis und lächelte wieder vornehm.
Theo legte ebenfalls einige Pence auf den Tisch.
»Hier unten will niemand eine weitere Gang. Es würde zu viel Ärger geben. Die Jungs haben sich das East End schon ordentlich aufgeteilt. Und so dumm wäre Sanfold nicht. Der ist gescheit.« Zack tippte sich gegen die Stirn. »Das rieche ich gegen den Wind.«
»Was könnte er sonst planen?«
Zack beugte sich wieder leicht vor, schaute sich um, um ganz sicher zu gehen, dass er nicht belauscht wurde. »Ich habe mir sagen lassen, dass er jemanden gesucht hat, der ausgesprochen kaltblütig, skrupellos und eiskalt ist. Außerdem muss er gut mit einem Messer umgehen können!«
Theo und Zack warfen sich einen fragenden Blick zu: »Damit er Kehlen aufschneiden kann?«
Zack nickte. »Sieht ganz so aus. Außerdem wollte er noch jemanden, der anatomische Grundkenntnisse besitzt!«
»Jack the Ripper«, flüsterte Theo, dem es, als Claire von dem Mörder des East Ends erzählt hatte, wie Schuppen von den Augen gefallen war. »Warum schafft Sanfold einen eigenen Jack the Ripper?«
Zack lachte leise: »Das weiß hier kaum einer. Man weiß nur, dass die, die anscheinend nicht in Betracht gekommen sind, nicht mehr leben. Auf jeden Fall hat man niemanden mehr gesehen, der mit Sanfold zusammengekommen ist!«
»Hat es weitere Morde gegeben?«
»Es gibt immer Morde«, bemerkte Zack und steckte sich die Zigarette an.
»An Frauen?«
»Auch Frauen sterben sehr oft im East End!«
»Welche, die man anatomisch verstümmelt hat?«
Zack nickte: »Kann sein, dass heute Nacht Martha Tabram gestorben ist.«
»Hat man ihr die Kehle durchgeschnitten?«
Zack schüttelte den Kopf: »Nein, man hat ihr den Dolch mehrere Male tief in den Körper gestoßen.«
»Der Ripper schlitzt«, bemerkte Theo. »Was sagt die Polizei?«
»Die ist in Aufruhr, wie man hört. Man will den Mörder schnell finden – auch den von den vermissten Jungs. Es gibt schon einige, die sich zu einer Bürgerwehr zusammenschließen wollen. Da die Hohen Herren sich um uns Gesocks nicht kümmert.« Zack kicherte leise. »Wäre sicherlich fatal, wenn der Pöbel sich erheben würde und seine angestaute Wut gegen das Proletariat richten würde, oder?«
»Ich danke Ihnen«, murmelte Theo, reichte dem stinkenden Mann ein ganzes Pfund und wankte dann aus der Behausung. Er wurde erst zwei Straßen weiter von Louis eingeholt, der ihn an der Schulter packte und sanft herumriss.
»Was hast du?«
»Du hast gehört, was Sanfold plant!«
»Gar nichts, nach meiner Meinung. Man tötet immer im East End!«
Theo schüttelte den Kopf: »Nein, ja, natürlich tötet man immer im East End. Sanfold aber hat die heikle Situation eiskalt ausgenutzt, die in London herrscht, Louis.«
»Verstehe ich nicht!«
»Du hast gehört, was Zack gesagt hat. Die Stimmung ist heiß im East End. Leute verschwinden und tauchen nicht wieder auf. Die Polizei kümmert sich nicht richtig. Der Adel hat die Morde zu lange unbeobachtet gelassen. Der Mob fühlt sich nicht ernst genommen, Louis. Das ist es, was Sanfold wollte!«
»Dass der Mob nicht ernst genommen wird?«
»Den Mob aufrühren!«
»Oh«, flüsterte Louis. »Aber warum? Ich meine, es macht doch gar keinen Sinn. Was hat er davon, wenn der Mob im East End sich aufrühren lässt? Mag er Blutbäder?«
Theo kaute kurz auf der Unterlippe, als er meinte: »Er plant etwas anderes. Das hier ist alles nur ein Ablenkungsmanöver. Und dein Onkel ist dahinter gekommen. Deswegen musste er sterben. Wenn es nicht sowieso geplant war, dass Wallington sterben sollte. Auch das nimmt dem Geheimdienst für wenige Tage die Orientierung.«
Louis nickte. »Dieser Sanfold ist nicht dumm!«
»Ganz und gar nicht. Komm. Wir sollten zu deinem Vetter und den andern beiden …«

Marquart war der Erste, der die Gemächer der Königin erreichte.
Er war es auch, der am meisten darüber erschüttert war, dass die persönliche Leibgarde der Königin regungslos am Boden lag. Ob sie tot waren, hatten weder Claire noch Dan kontrolliert. Marquart war blass geworden und für einen kurzen Moment stehen geblieben, bevor Dan ihn mit harscher Stimme dazu aufgefordert hatte, ihm zu folgen.
»Man kann für die Männer nichts mehr tun«, war seine Reaktion auf die Morde – wenn es denn Morde waren – gewesen.
Marquart folgte ihnen und stieß die Tür auf.
Zwei Köpfe ruckten herum.
Sanfold und der der Königin!
Aber das, was Claire am meisten verwirrte, war, dass die Frau, die zu ihnen starrte, ebenso aussah, wie eine andere regungslos dasitzende Königin.
Sanfold hatte einen kurzen Schritt auf die Königin zugemacht und mit dem Finger auf sie gezeigt. Als die Tür aufflog, war er in der Bewegung erstarrt und stierte zu den beiden Zeitreisenden, die er aus zahlreichen Abenteuern kannte.
Er hatte sie zu hassen gelernt – ebenso andersherum. Claire verabscheute den Mann, der den Mund verzog und schrie: »Mach sie alle!«
Die Königin wirbelte herum und trat, für ihr Alter ausgesprochen gelenkig, nach Marquart und traf ihn an der Brust. Der Adlige taumelte zurück, keuchte und sackte zusammen. Claire war es, die Philipp zur Seite stand, während Dan sich um Sanfold kümmerte. Der Professor hatte unter seinen langen Mantel gegriffen und eine Pistole hervorgezogen, die er gleich auf Dan richtete.
Claire bekam nicht mehr mit, was genau geschah. Sie wich einem Handkantenschlag aus und versuchte ihrerseits, die Königin am Arm zu packen und sie über die Schulter hinweg zu hebeln.
Es blieb bei dem Versuch. Als Claire den Unterarm zu packen bekam, trat die Königin zu.
Claire wich gerade noch aus und hörte dann den Schuss peitschen.
Sie erstarrte für einen kurzen Moment.
Ein Moment, den die Königin ausnutzte. Sie schlug wieder zu, traf Claire an der Schläfe.
Claire taumelte zurück, blinzelte verwirrt und verlor kurz die Orientierung. Als sie gegen die Wand stieß und keuchend an dieser stehen blieb, rechnete sie damit, dass die Königin nachsetzen würde.
Das tat sie nicht. Nein, Claire sah, wie Philipp sich auf sie gestürzt hatte, sie zu Boden warf und ihr mit der Faust einmal auf die Nase schlug.
Blut spritzte.
Ein leises Stöhnen erklang und dann hörte Claire, wie Sanfold fluchte und seinerseits zu Boden ging.
Dan warf sich gleich auf ihn, packte ihn am Kragen und schüttelte den Professor durch, der leise keuchte und dann die Augen schloss.
Keuchend erhob sich Dan. »Das war es«, schnaufte er und lächelte Claire entgegen, die sich von der Wand abdrückte und taumelnden Schrittes auf Dan zu kam.
»Wie ist das möglich, dass es zwei Königinnen gibt?«, fragte sie benommen und schaute zu der noch immer wie erstarrt dasitzenden, alten Frau, die auf den Bildern, die Claire in Büchern und Galerien gesehen hatte, so autoritär und machtbewusst ausgesehen hatte. Jetzt wirkte sie klein, verstört und so unglaublich alt, dass man meinen konnte, sie würde jeden Moment sterben.
»Er sprach von einer anderen Welt«, murmelte Queen Viktoria leise und schaute das erste Mal auf. Ihre Blicke klärten sich leicht und es schien, als ob sie sich langsam wieder fing.
»Eine andere Welt«, flüsterte Claire und schien zu begreifen.
Im Gegensatz zu Dan, der fragte: »Andere Welt?«
»Er wird in einem London einer anderen Zeitebene unterwegs gewesen sein und eine zweite Queen Viktoria beschafft haben!«
»Das ist die Königin?«, wollte Dan mit weit aufgerissenen Augen wissen.
»Ja!«
»Oh«, murmelte er und verbeugte sich steif – weil er wohl glaubte, dass es sich so gehörte.
»Schon gut, junger Mann«, sagte die Königin mit brüchiger Stimme. »Es ist alles gut.«
»Warum tat er das?« Philipp hatte die falsche Königin an den Händen gefesselt und war nun neben Sanfold getreten, um ihm ebenfalls die Hände auf den Rücken zu binden.
»Er wollte sie an meiner statt«, erklärte Queen Viktoria. »Um den Zutritt zu meinen Kronjuwelen zu bekommen. Ich hätte es ihm verwehrt, mein Gegenstück aber hätte es zugelassen – soviel ist sicher!«
»Was wollte er mit den Kronjuwelen?«
Die Königin zuckte mit den Schultern: »Ich weiß es nicht!«
»Hmm … Das wird uns Sanfold sagen müssen!«, beschloss Dan, durchwühlte dessen Manteltaschen und holte eine Zeitmaschine hervor, die fast so aussah wie die, die Dan und Claire kannten. Nur mit einigen technischen Unterschieden. Es gab Kabel und Mechanismen, die es an ihrer Zeitmaschine nicht gab. Dan drückte auf ein paar Knöpfe und im gleichen Moment lösten sie sich beide auf …

Wieder fühlten sie sich ausgelaugt und schwach. Beide waren der festen Meinung, auseinandergerissen zu werden.
Dann wurde alles schwarz.
Und sie erwachten auf Rauenfels…

»Weg?«, fragte Theo bestürzt und stierte zu Marquart, der ihm freundschaftlich die Hand auf die Schulter legte und versuchte, dem Zeitreisenden etwas Trost spenden zu können.
»Ja, sie lösten sich auf. Von einem Moment zum anderen. Es schien, als ob sie ihre Mission hier erfüllt haben!«
»Scheint so«, flüsterte Theo leise. »Und mich haben sie hier vergessen!«
Theo ahnte ja nicht, was noch für Abenteuer auf ihn warten würden …

»Wir haben in Sanfolds Unterlagen gefunden, wie er die Zeitreisen unternimmt, ohne das Raum-Zeit-Kontinuum zu erschüttern. Und Markui hat gerechnet und gerechnet, um euch wieder zurückholen zu können. Irgendwann fand er in den Unterlagen Abweichungen des Zeitstrahls im ausgehenden London 1888. Na ja, er versuchte es mehrere Male, euch hierher zu holen, ohne dass es ihm gelang. Und dann hat er Schatten, wie er es nennt, von euch gefunden. Eure ungewollte Zeitreise scheint von Sanfold ausgegangen zu sein. Er hat versucht, euch in einer fremden Zeit stranden zu lassen, so erzählt auf jeden Fall Markui. Dabei muss Sanfold aber einen Fehler gemacht haben. Man kann anscheinend durch die Zeiten hindurch Menschen transportieren, ohne dass man es selbst beeinflussen kann. Dafür sind eben die Schatten zuständig, von denen ich eben erzählt habe. Sanfold wusste aber anscheinend nicht, dass man nur in die Zeit reisen kann, in der man selbst gerade feststeckt. Na ja, so konntet ihr seinen Plan vereiteln.«
»Habt ihr etwas über seine Hinrichtung lesen können?« fragte Claire, die noch immer ganz benommen war.
»Nein, nichts.«
»Irgendetwas anderes?«
Ken zuckte mit den Schultern: »Nein, nichts. Wir wissen nicht, was aus Sanfold geworden ist!«

Billy »the Brain« Calford war nicht gerade intelligent. Er hatte den Job im Tower nur deswegen bekommen, weil er ausgesprochen fleißig und leicht lenkbar war – ohne dass er es wusste.
Er wusste auch nichts davon, wer sich in der Zelle 765 befand.
Billy wusste nur, dass der Gefangene gefährlich war.
Eine gespaltene Zunge sollte er haben. Und über die Kunst der Täuschung verfügen.
Deswegen brachte Billy dem Mann nur sehr ungern etwas zu essen. Meistens schob er den Napf nur durch die Luke.
Heute aber war eine Zelleninspektion angesagt worden, der Billy beiwohnen sollte.
Er hatte Angst, das gab er zu.
Dieser Fremde war ihm unheimlich.
Und als Billy die Tür aufschloss und aufstieß, keuchte er erschrocken.
Die ihn beiden begleitenden Wärter bekreuzigten sich gleich.
Der Gefangene, der Sanfold hieß, war verschwunden …

Im Tower gab es noch mehr Gefangene, von denen die Öffentlichkeit nichts erfahren sollte. Eine davon war die exakte Kopie der Königin. Eine Frau, voller Wut, Hass und Zwietracht. Wenn sie nicht gerade tobte und zeterte, spuckte und fluchte sie so gotteslästernd, dass viele der Wärter einen großen Bogen um ihre Zelle machten. Als sie dann eines Morgens tot aufgefunden wurde, mit bis zum Rückenmark aufgeschnittener Kehle, war man insgeheim froh darüber, dass die alte Hexe endlich das Zeitliche gesegnet hatte.
Nun machten Gerüchte die Runde.
Wer hatte sie umgebracht?
Wie war der Mörder in den Tower gelangt?
Niemand fand darauf eine Antwort …

Der Mörder war allein.
Er hatte seinen letzten Mord begannen.
Und jetzt?
Was sollte er tun?
Wahllos weiter morden?
Oder den Mann suchen und finden, der ihn zu einer Bestie gemacht hatte?
Der Mörder spürte den unbändigen Hass in sich brennen und lodern. Er wollte Rache.
Er würde sie bekommen.
Sanfold würde büßen – für alles.
Wegen dieses Mannes hatte der Mörder nichts mehr. Keinen Reichtum, keinen Frieden, keine Villa in der schönen Karibik.
Nichts.
Dafür sollte Sanfold büßen.
Und der Mörder wusste, wie er an den Professor herankommen konnte.
Theo Kampitsch würde irgendwann einen Weg finden, um durch die Zeit reisen zu können.
Und wenn nicht, hatte der Mörder schneidende Argumente, die Sanfold überzeugen würden …
Da war er sich sicher.
ENDE

Vorschau auf Episode 20
Erwartet mit Spannung die am 1. Juli 2010 erscheinende 20. Episode.
Der Titel lautet:
»Blutiger Zeitstrom«
von
Gunter Arentzen
Ihnen allen war klar gewesen, dass die letzte Konfrontation unausweichlich sein würde.
Sie hatten nicht gewusst, wo und wie sie sich treffen und dieses Rennen zu Ende bringen würden. Aber dass es so kommen musste, daran hatte keiner gezweifelt.
Jeder hoffte, ein letztes Ass im Ärmel zu haben, das Spiel mit einem geschickten Schachzug zu seinen Gunsten entscheiden zu können.
Aber nichts hatte sie auf das vorbereitet, was nun folgte. Das Grauen schlug zu, härter und gnadenloser als sie es sich in ihren kühnsten Alpträumen hatten vorstellen können.
Blut musste fließen und den Zeitstrom in ein dunkles Rot tauchen …