
EPISODE 18
»Die Schwarze Fregatte «
von
Amanda McGrey

Der Sturm riss an ihrer Kleidung.
Claire und Dan drückten sich eng in den Torbogen nahe von San Marco.
Der Regen peitschte und das Meer vor der Lagune zeigte sich in wahrem Aufruhr. Überall im Dogen-Palast flackerte Licht.
Verflucht!, blitzte es durch Claires Kopf. Wo war die Silver Star?
Sie mussten sie erreichen, bevor die Corsarin auslief.
Estrella Avilla de Aragon war die Einzige, die ihnen helfen konnte.
Durch das Tosen des Windes vernahmen sie das Getrampel der Wachsoldaten. Man war ihnen dicht auf den Fersen.
Claire dachte zurück. Vor acht Wochen hatte das Abenteuer begonnen.
Mit einer Notiz der englischen Admiralität aus dem Jahre 1763 …


Burg Rauenfels / Kommandozentrale
»Hallo Claire, hallo Dan! Eure Entspannungstage sind vorbei.«
Markui Becker begrüßte die beiden ungeduldig auf Rauenfels.
»Ihr gönnt einem auch gar nichts! Wir können nicht pausenlos dem Professor hinterher sprinten. Was ist denn los?«, wollte Dan nach den sarkastischen Worten wissen. Er sah das nervöse Flackern in Markuis Augen.
»Sanfold ist verschwunden!«, platzte da Müller heraus.
Dan schaute von einem zum anderen. Claire ließ sich in einen der Drehsessel gleiten und schlug die langen Beine übereinander. Ihr modischer Rock und die High Heels machten Markui noch nervöser.
»Wart ihr auf einer Tanzshow?«, grunzte er.
Claire lächelte nur. Sie war sich der Wirkung ihres ungewöhnlichen Outfits bewusst.
»Mal langsam«, kam es von Dan. »Jetzt mal in Ruhe! Worum geht es? Was heißt das: Sanfold ist verschwunden … Er ist doch in Kansas City. Sicher ist er nur kurz abgetaucht, um seine nächsten Untaten zu planen.«
Markui setzte sich auf einen Hocker und knetete seine Hände. »Nein, ist es anders. Er hat uns gelinkt. Ich weiß nur nicht wie. Wir haben festgestellt - rein routinemäßig - dass unser Professor seit zehn Tagen wie vom Erdboden verschluckt ist. Du weißt, dass wir ihn überwachen. Der letzte Stand der Dinge ist der, dass er sein Haus betreten hat und nicht wieder herauskam. Auch keiner seiner … äh … Lakaien.«
Dan nickte. »Schön - dann hat er einen Zeitsprung vollzogen. Wieso ruft ihr uns erst jetzt?«
Markui schlug mit der flachen Hand auf den Labortisch. »Himmel - Dan … unsere Geräte hätten Alarm geschlagen. Aber es ist nichts verzeichnet. Nicht die geringste Unregelmäßigkeit in Raum-Zeitgefüge!«
Claire fuhr sich mit den Schneidezähnen über die Unterlippe. »Das ist sehr merkwürdig. Demnach kann er keinen Sprung gemacht haben.« Sie richtete den Blick fragend auf Dan.
Der zog hörbar die Luft ein. »Dem Prof traue ich alles zu!« Er stand auf. »Es gibt nur eine Möglichkeit - wir müssen in seine Wohnung!«
Claire machte große Augen. »Du willst …«
Dan nickte. »Ich will! Komm! Bevor Sanfold irgendeinen Blödsinn anstellt.«
Der Sprung wurde vorbereitet.
»Dabei wollt ich heute Mittag shoppen. Du hattest den Sprung genehmigt. Hier geht man langsam ein«, stöhnte Claire. »Man kommt zu nichts mehr!«
Markui verzog das Gesicht. »Es gibt Prioritäten.«
Die Inspektion der Wohnung des Professors ergab nichts. Sie wirkte, als sei er mal eben verreist. Der Schreibtisch aufgeräumt - alles ordentlich - kein Hinweis.
»Holla! Was ist denn das?«, murmelte Dan plötzlich und angelte den Papierkorb unter dem Schreibtisch hervor. »Ganz so sorgsam war der Prof nicht.«
Claire schaute Dan über die Schulter, als er das kleine Papierzettelchen auseinander faltete.
»Was ist denn das?«
Dan starrte auf die Zahlen und Potenzen. »Der Teil einer Formel.«
Markui blickte später gleichfalls ratlos auf den Zettel. »Das ist zweifelsohne Sanfolds Schrift. Aber was soll das?«
Plötzlich räusperte sich Müller. »Entschuldigung … darf ich mal?!« Er wartete nicht ab, sondern ergriff den Zettel und marschierte zu seinem PC hinüber.
Alle blickten den Techniker erwartungsvoll an. Es brauchte zehn Minuten, dann stahl sich ein Lächeln über Müllers Züge. »Manchmal muss man einfach nur technisches Verständnis aufbringen. Hier! Eine Erweiterung der Einsteinschen Ableitung zur Relativitätstheorie.«
Claire, Dan und Markui liefen um den Tisch zu Müller. Sie blickten auf den Bildschirm.
Markui knirschte mit den Zähnen. »Unglaublich! Sanfold will durch die Nutzung von Rissen im Raum-Zeit-Tunnel reisen und so keine Erschütterung verursachen«, murmelte er. Dann richtete er sich auf. »Aber das ist doch blanke Theorie!«
»Aber Sanfold ist weg und ihr habt nichts gemerkt«, kam es trocken von Dan. Markui blickte ihn an wie einen Alien.
»Und jetzt?«, kam es tonlos.
Dan zuckte die Achseln. »Wir wissen, dass er etwas mit dem Tabula Smaragdina ausheckt. Was auch immer. Vielleicht verfolgt er neue Hinweise zur Deutung.«
Müller schaute über den PC hinweg. »Na - da werden wir ihn nicht so schnell ausfindig machen.«
Claire hob den Finger. »Nicht so rasch aufgeben, Jungs. Wir müssen in historischen Dokumenten forschen, ob sich irgendwo ein Hinweis über die Nutzung der Schrift ergibt.«
Dan seufzte. »Da müssten wir alle Geheimschriften dubioser Orden durchleuchten.«
Claire lief ein paar Schritte in dem Raum auf und ab. »Langsam - langsam. Was hat Sanfold gemacht, bevor er zuletzt seine Wohnung betreten hat?«
Markui schaute in die Computeraufzeichnungen. »Er besuchte die Bibliothek der Universität.« Er zog die Augen zusammen. »Merkwürdig …«, brummte er dann.
»Was?«, wollte Claire wissen.
»Er interessierte sich für die aktuelle Venedig-Ausstellung in der Sonderabteilung.«
Claire winkte Dan zu. »Dann sehen wir sie uns auch an. Komm!«
Universität Kansas City / Venedigausstellung
Claire und Dan schauten sich aufmerksam die Vitrinen und Bildwände an.
»Was kann denn hier die Aufmerksamkeit Sanfolds erregt haben?«, murmelte Dan und schüttelte den Kopf. Aufzeichnungen von Seeschlachten gab es da. Nachbildungen von Hafenanlagen und diverse Logbücher. Protokolle von Kapitänen, die im Auftrage der Seemacht Venedig unterwegs gewesen waren.
Claire seufzte. »Himmel - wie sollen wir hier einen Hinweis finden?! Wir wissen ja nicht mal, wonach wir suchen sollen!«
Sie stampfte mit dem Fuß auf. »Jetzt sind wir in Kansas City und ich hatte eigentlich anderes vor!« Sie war innerlich wütend.
Dan blickte ratlos. Nach einer Stunde erreichten sie einen Raum, in dem es von alten Schriften nur so wimmelte. Aufgelockert von liebevoll erstellten Schiffsmodellen.
Vor einem imposanten Modell blieb Dan stehen. Eine Fregatte aus der Zeit um Mitte 1700 - auffällig durch seine pechschwarzen Segel. Darunter ein Schildchen: DIE SCHWARZE FREGATTE.
Dan machte »Hm«. Claire runzelte die Stirn.
»Das sieht aus wie ein Geisterschiff«, murmelte sie. »Vielleicht das Vorbild für den Fliegenden Holländer?«
Dan zuckte mit den Achseln. »Es gab vor allem Piraten, die durch solche Äußerlichkeiten Furcht einjagen wollten.« Er beugte sich vor und überflog ein Protokoll. Es trug das Siegel der Britischen Admiralität. Plötzlich zogen sich seine Brauen zusammen. Er stieß Claire an. »Schau mal … was sagst du dazu?«
Claire betrachtete das Pergament und fragte dann: »Eine Zusammenkunft der Seekapitäne … und?«
»Lies doch weiter!«, forderte Dan.
Claire zuckte gelangweilt die Schultern. Dann las sie den Text. Je mehr sie las, um so aufgeregter wurde sie.
»Während der Konferenz der Venezianischen Kapitäne im Dogenpalast kam es zu einem Anschlag auf den Dogen. Zeugen wollen danach eine pechschwarze Fregatte vor der Lagune gesehen haben.« Sie schüttelte den Kopf. »Nun ja … aber weiter bringt uns das nicht.«
Doch in Dans Kopf arbeitete es. »Mal langsam. Hinter diesem Protokoll steckt noch ein weiteres Blatt. Ich bin davon überzeugt, dass die Geschichte noch weiter geht.«
Claire nickte. »Sicher! Aber was hilft es uns?«
»Ich muss den Rest auch lesen«, stieß Dan hervor.
Claire lachte kurz auf. »Die Security wird dir sicher die Vitrine öffnen, wenn du lieb fragst!«
Dan warf ihr einen vernichtenden Blick zu. Doch dann grinste er schelmisch.
»Du könntest strippen und die Wachen ablenken. Dann sehe ich mir das Protokoll an.«
Aus Claires Augen schienen Blitze zu schießen. Doch dann bemerkte sie: »Ist vielleicht gar nicht so dumm.«
»Wie …?« Dan sperrte vor Verblüffung den Mund auf.
Unauffällig tasteten Claires Finger an dem Vitrinenrand entlang. Dann erfühlte sie den Verschluss.
»Hier!« Sie kramte in ihrer Handtasche und drückte Dan eine Haarnadel in die Hand. Über ihre Armbanduhr nahm sie Kontakt mit Burg Rauenfels auf.
»Was gibt es?«, kam leise die Stimme von Markui.
Claire hielt ihren Arm, als reibe sie sich den Nacken und brachte so ihren Mund ganz dicht an den Chronometer. »Wir klauen jetzt ein Dokument. Du musst uns in vierzig Sekunden hier raus holen.«
»Was?«, kam es von Markui verblüfft.
»Frag nicht - mach’s!«
Ob der unwirschen Stimme Claires ersparte sich Markui jegliche Diskussion.
Claire ging zu einer anderen Vitrine, die etwa drei Meter entfernt stand, streifte die High Heels ab, ging etwas in die Knie und schrie laut und schmerzhaft auf.
Sogleich wandten sich zahlreiche Blicke zu der jungen Frau. Auch ein Security-Bediensteter näherte sich. Dies nutzte Dan, um mit der Haarnadel das Schloss der Vitrine vor sich zu knacken. Er hob den Glasdeckel an.
Eine Alarmsirene dröhnte los. Dan überlegte nicht lange, sondern griff nach dem Dokument.
Jetzt merkte der Sicherheitsbeamte, was er da tat.
»He!«, rief er und zog seine Waffe. Claire stieß den Mann zur Seite, als er an ihr vorbei zu Dan wollte. Dann machte sie einen Satz, ergriff Dans Hand.
Zwei weitere Sicherheitsbeamte stürzten herbei. Einer wollte Claire festhalten. Die junge Frau stieß ihn vor die Brust, dass er taumelte und stolperte.
Da sprangen direkt zwei Beamte auf das Paar zu und … griffen ins Leere.
Verdattert blickten sie sich an. Durch die Menschenmenge ging ein ungläubiges Raunen.
Rauenfels
»Das war knapp!«, japste Dan.
Claire seufzte und machte barfuß ein paar Schritte. »Jetzt sind meine schönen Schuhe weg. Dabei habe ich sie erst zweimal anziehen können.«
Dan verhielt mitten in der Bewegung und sah seine Kollegin an. Dann brach er in helles Lachen aus. »Das kann auch nur von einer Frau kommen!« Er hielt die rechte Hand mit den Papieren hoch. »Das ist doch wohl etwas Wichtigeres.«
Claire verdrehte die Augen. »Falls es uns weiterbringt.«
»Können wir mal zur Sache kommen?«, kam es knurrend von Markui.
Dan nestelte das Protokoll aus seiner Jackentasche. Er breitete es auf dem Tisch aus und alle vier - Markui, Roger, Claire und Dan - beugten sich darüber.
In verschnörkelter Federhandschrift - aber gestochen scharf - lasen sie das Protokoll eines Schreibers der Britischen Admiralität vom 1. Juni 1763.
Es handelte sich um die kurzfristig einberufene Konferenz der Seekapitäne. Der Doge selbst hatte sie einberufen. Es ging um eine Neuregelung von Frachtsteuern. Im Verlauf der Konferenz kam es zu einem nicht näher bezeichneten Anschlag auf den Dogen in seinen Privaträumen. Dabei wurde ein Buch beschädigt. Ein Buch aus dem Jahre 1150, das der Doge persönlich unter Verschluss hielt.
»Das Buch ist ein wertvolles und einzigartiges Exemplar. Der Anhang zu einem Geheimnis, so lautete es aus den engsten Kreisen des Palastes. Die Minister vermuten einen Zusammenhang zwischen dem Diebstahl und dem Anschlag«, las Markui halblaut.
»Aus der Bevölkerung wurde bekannt, dass eine schwarze Fregatte ohne Hoheitskennzeichen zum Zeitpunkt der Ereignisse vor der Lagune gekreuzt haben soll. Die mit bei der Konferenz anwesende Corsarin Estrella Avilla de Aragon machte sich an die Verfolgung der Fregatte.«
Markui richtete sich auf. »Wieso nahm eine Corsarin an der Konferenz teil?«, murmelte er und schüttelte den Kopf.
Claire runzelte die Stirn. »Estrella Avilla de Aragon … irgendwie sagt mir das was aus der Geschichtsprüfung.«
»Mir nicht«, machte Dan.
Claire machte eine unwirsche Handbewegung. »Du bist ja auch eine historische Null.«
»He! He!«, begehrte Dan auf.
Claire rannte schon um den Tisch und bemächtigte sich eines der Geschichtsbücher. »Moment mal …«
Nach knapp sechs Minuten hatte sie es. »Hier! Estrella Avilla de Aragon …
Estrella Avilla de Aragon, die Corsarin, gehörte zu den schillernsten Persönlichkeiten in der ersten Hälfte des Kampfes der amerikanischen Siedler um die Unabhängigkeit. Etwa 1762 kreuzte sie mit der Silver Star durch den Atlantik - kaperte englische und französische Schiffe und versorgte mit den erbeuteten Waffen einzelne Gruppen von Freiheitskämpfern. Tiefe Freundschaft verband sie mit den Dogen von Venedig. Sie rettete außerdem George Washington zweimal das Leben.«
»Aha«, machte Markui. »Du denkst, dass diese Estrella von … egal … etwas zur Aufklärung der Fregatte beitragen kann?«
Claire zuckte die Achseln. »Ich bin allerdings überzeugt, dass wir eine Spur von Sanfold haben.«
Markui blickte Dan an. »Denkst du das auch?«
Der junge Mann holte tief Luft. »Ich weiß nicht … wenn ich aber an das Herz der Göttin denke … damals hatte Claire mit ihrer Schlussfolgerung auch hundertprozentig recht.«
Markui nickte. »In Ordnung! Ich spreche sofort mit Ken. Wenn er auch für den Sprung ist, leiten wir ihn innerhalb einer Stunde ein. Welches Datum setzt ihr?«
Dan räusperte sich. »Dann den 1. Juni 1763. Etwa 18 Uhr unserer Zeit.«
Markui schürzte die Lippen. Dann nickte er erneut. »Gut! Bis gleich!«
Damit verschwand er.
Claire fuhr sich mit den Schneidezähnen über die Unterlippe. »Falls Ken zustimmt, sollten wir uns schon jetzt um entsprechende Kleidung kümmern.«
Nach zwanzig Minuten kehrte Markui zurück ins Labor. »Ken befürwortet den Sprung. Er vertraut auf Claires Eingebung.«
Die bekannte ‚Maschinerie’ lief an.
Venedig, 1. Juni 1763 - 18 Uhr Ortszeit
Der Ostwind blies ihnen schneidend ins Gesicht. Dazu kündigte sich Nieselregen an.
Untypisch für diese Jahreszeit hier.
Claire und Dan beobachteten aus einer Torbogennische nahe des Dogenpalastes den Trupp venezianischer Seesoldaten.
Dan rieb sich das linke Knie. Bei der Materialisierung war er gestürzt.
»Man sollte doch die Sprungtechnik noch etwas verbessern. Irgendwann knallen wir noch direkt mit den Köpfen vor eine Mauer.«
Claire nickte zustimmend. »Das Problem ist, dass wir keine absolut richtige Karte des Ankunftsortes besitzen. Jeder Sprung bisher war ein Unikat.«
Dan raffte den Mantel gegen den stärker werdenden Regen zusammen. Ihre Kleidung wies sie als Mitglieder der venezianischen Oberschicht aus.
»Jetzt müssen wir uns mit der Frage befassen, wie wir in den Palast hereinkommen. Sieh dir nur das Aufgebot der Wachen an. Es sind bestimmt mehr als fünfzig Seesoldaten.«
Claire seufzte. »Ein großes Aufgebot. Daher frage ich mich, wie konnte es trotzdem zu dem Anschlag auf den Dogen und zu dem Diebstahl kommen?«
»Tja«, brummelte Dan, »einer der Gründe, weshalb wir hier sind.«
Claire deutete über den Vorplatz. Hinter einem der gewaltigen Löwen-Monumente hatte sie ein kleines Tor entdeckt. Dort stand kein Wächter.
»Hm«, machte Dan. »Wer weiß, wo das hinführt. Ich kann mir nicht denken, dass so ein Zugang unbeaufsichtigt bleibt. Wahrscheinlich laufen wir einer ganzen Horde Wachen in die Arme.«
»Sehen wir uns das aus sicherer Entfernung an«, schlug seine Gefährtin vor.
»Ken könnte eine Drohne fliegen lassen.«
Claire schüttelte den Kopf. »Lass uns erst selbst nachsehen.«
Ergeben seufzte Dan und sie schlenderten los. Niemand nahm Notiz von ihnen. Der unangenehme Nieselregen verstärkte sich. Sie zogen die Kapuzen ihrer Umhänge enger um die Gesichter.
Bald standen sie gegenüber der kleinen Pforte.
»Ich denke, sie wird verschlossen sein«, merkte Dan an und betrachtete die eiserne graue Tür. Sie zeigte sich sehr niedrig.
»Ich nehme an, sie dient zur Aufnahme von Dingen, die direkt in einen Keller rutschen«, fuhr er fort.
Claire schlenderte wie zufällig näher an diese Pforte heran. Dan blieb nichts anderes übrig, als zu folgen. Bald hüllte sie der Schatten des großen Löwen ein. Claire zog an dem kleinen runden Griff. Die Tür bewegte sich nicht. Nun versuchte sie, den Griff zu drehen. Es klackte halblaut, dann konnte man die Pforte nach innen drücken. Tiefe Finsternis blickte ihnen entgegen.
Dan stieß die Luft aus. »Ich steige doch nicht … Himmel! Wer weiß, in welchem Rattenloch wir landen. Möglicherweise in einem unterirdischen Kanal. Ganz Venedig ist in einer Lagune erbaut. Auf Stelzen!«
Claire hatte bereits ihre kleine, aber leistungsstarke Taschenlampe aus dem Umhang geangelt. Der Strahl erhellte einen niedrigen, waagerechten Gang. Allerdings konnte man in dem Schein der Lampe nur maximal fünf Meter weit sehen.
»Los! Komm! Irgendwo wird der Gang schon hinführen.« Claire zog Dan mit sich.
»Moment!«, flüsterte der. »Ich will die Tür hinter uns wenigstens anlehnen.«
Nun folgten sie vorsichtig, Schritt für Schritt in gebückter Haltung dem Gang.
Es roch moderig. Von irgendwo vernahmen sie das Plätschern von Wasser.
Der Gang schien ihnen endlos.
Aber dann erweiterte er sich und man konnte aufrecht gehen. Ein Gittertor tauchte im gebündelten Strahl von Claires Lampe auf. Ein dickes, überdimensionales Schloss mit einer Kette sicherte das Gitter.
»Na wunderbar!«, stieß Dan aus. Seine Stimme klang hohl. »Das war’s dann.«
Claire leuchtete durch die Gittertür und erkannte diffus eine Art kleines Hafenbecken nebst einer Gondel.
»Das scheint ein geheimer Hafen des Dogen zu sein«, flüsterte sie.
»Und?«, kam es von Dan. »Was nützt es uns?«
»Hier! Halte die Lampe!«
Claire drückte ihrem Gefährten die Taschenlampe in die Hand. »Leuchte auf das Schloss.«
»Was hast du vor?«
Claire kicherte. »Jedenfalls nicht hier stehen bleiben.«
Sie zog ein kleines Ledersäckchen aus den zahlreichen eingenähten Taschen ihres Umhanges. Daraus zog sie eine Büroklammer.
»Man muss immer vorsorgen«, zischte sie.
Dan bewunderte mal wieder Claires Weitsicht.
Es dauerte länger, als Claire gedacht hatte, doch dann klackte es vernehmlich. Das unförmige Schloss sprang auf.
Zur selben Zeit - etwa vier Seemeilen vor Venedig
»Viertel Leinwand, Mr. Bush!«
Die Stimme der Corsarin hallte über das Deck. »Die Silver Star macht zu viel Fahrt.«
»Ay, ay, Lady Captain!«, kam es vom Ersten Offizier.
Estrella Avilla de Aragon - auch einfach nur Die Corsarin genannt - marschierte auf ihre Kajüte am Heck des Dreimasters zu. Helen, ihre Halbschwester, blickte von der Seekarte auf. »Wir müssen in einer Stunde Venedig erreicht haben.«
Estrella nickte. »Gerade noch rechtzeitig, um zur Konferenz nicht zu spät zu kommen. Die Flaute vor Sizilien hat uns den Zeitplan durcheinander geworfen.«
Helen grinste schief. »Besser eine Flaute als eine britische Fregatte.«
Die Corsarin winkte ab. »Diese verfluchten Inglis wagen sich nicht hierher. Venedig ist immer noch eine respektable Macht.«
»Leider nur noch auf die Stadt begrenzt«, merkte Helen an.
»Trotzdem ist der Doge geachtet.« Estrella zog eine der zahlreichen Kisten zu sich heran und öffnete sie.
»Ah - Madame will sich in Schale werfen!«, witzelte ihre Schwester.
Der Ruf: »Schiff voraus!« verhinderte eine spitze Bemerkung.
Estrella und Helen stürmten gleichzeitig an Deck. Sam Bush lehnte an der Backbord-Reling und hatte sein Fernrohr angesetzt.
»Was gibt es?«, wollte die Corsarin wissen.
Der alte Sam deutete nach Nordwest. »Eine Fregatte«, grunzte er.
»Nationalität?«
»Nicht erkennbar«, kam es vom Ersten.
Estrella nahm ihm das Fernrohr ab und fixierte den von Sam beobachteten Bereich.
»Mierda!«, stieß sie aus. »Keine Flagge! Pechschwarze Segel …«
»Lass mich mal sehen«, sagte Helen und nahm ihrer Schwester das Fernrohr aus der Hand. Gut eine Minute schaute sie angestrengt hindurch.
»Weder Engländer noch Franzosen würden sich hier so anschleichen. Die Briten sind stolz auf ihre Flagge und die Franzosen sind im Mittelmeer zu Hause. Letztere mögen die Venezianer nicht, haben aber auch keinen direkten Konflikt mit ihnen. Außer dem üblichen Geplänkel.«
Sie setzte das Fernrohr ab. »Fazit: ein böser Bube, der sich anschleicht.«
»Hm«, kam es von der Corsarin. »Aber weshalb? Will er die Konferenz der Kapitäne stören? Dazu braucht es mehr als diese Fregatte.«
Helen stützte die Arme auf die Reling. »Die Venezianer werden schon aufpassen. Trotzdem schadet es nichts, wenn du den Dogen informierst.«
Estrella fuhr sich durch das bald hüftlange blauschwarze Haar. »Mr. Bush - die Fregatte beobachten.«
»All right«, kam es vom Ersten.
Die Corsarin kehrte in die Kajüte zurück und suchte sich ein passendes Kleid aus ihrem Fundus aus.
»Nicht wiederzuerkennen«, murmelte Helen anerkennend. Sie suchte in diversen Holzkisten herum und brachte ein paar Schuhe zum Vorschein, die klar die Handarbeit Granadas aufwiesen.
»Diese hier dazu?«, fragte sie. »Stiefel passen nicht so recht und als barfüßige Schöne willst du sicher nicht in den Palast.«
Estrella verzog das Gesicht. »Bei Neptun! Darauf breche ich mir die Beine. Wenn ich nun fechten muss?«
Ihre Schwester lachte laut auf. »Das ist unwahrscheinlich, aber dann kannst du sie immer noch abschleudern.«
Die Corsarin betrachtete sich in dem verzierten Spiegel. »Überredet, Schwesterherz.«
Sie zog die Schuhe an und begab sich an Deck. Sam Bush blieb im wahrsten Sinne des Wortes die Spucke weg.
»Ei der Daus!«, stieß er hervor.
»Was macht das fremde Schiff?«, erkundigte sich die Corsarin sachlich.
»Ist an Venedig vorbei gesegelt.«
Estrella nickte. »Bueno! Dann Kurs auf den Hafen.«


»Das ist tatsächlich ein kleiner Hafen!«, staunte Dan.
Sie standen vor einer Mole, an der zwei vornehme Gondeln festgemacht hatten. Leicht bewegten sie sich im Wellengang.
»Ich vermute einen Fluchtweg des Dogen«, bemerkte Claire und leuchtete in einen Tunnel. »Sieh mal, Dan - von dort gelangt man bestimmt in den Canale Grande.«
Dan teilte die Ansicht. »Okay - dann wird es von hier aus einen Zugang zum Palast geben.«
Claire entdeckte die Treppe zuerst. Nach neun Stufen endete der steinerne Aufgang vor einem Gitter. Claire lächelte. »Kein Problem für Mutter.«
Bald schwang das Gittertor auf und Marmorstufen führten gewunden aufwärts. Plötzlich hielt Claire - die voranging - Dan zurück. Gerade noch rechtzeitig, denn die Treppe mündete in einen breiten Flur. Zwei Wachen standen mit dem Rücken zu den geheimen Eindringlingen.
»Hier geht es nicht weiter«, hauchte Dan.
Claire schürzte die Lippen. »Abwarten. Vielleicht stehen die Jungs nicht den ganzen Abend hier.«
Sie zogen sich etwas nach unten zurück.
Dan setzte sich auf eine der Stufen. »Was sollen wir eigentlich tun? Wir können ja nicht in die Konferenz marschieren und sagen: Hallo erstmal, wir sind die Zeitreisenden und wissen, dass sowohl ein Anschlag auf den Dogen stattfindet, sowie dass eine Seite aus einem Buch geklaut wird.«
Claire grinste. »Wäre ein Gag!«
»Ernsthaft«, knurrte Dan. »Wie gehen wir vor?«
Claire setzte sich neben ihn und zuckte mit den Schultern. »Wir suchen Sanfold zwischen den Kapitänen.«
»Hm«, machte ihr Gefährte. »Er kann sich auch unter dem Personal verstecken.«
Claire schaute auf ihre Spezialuhr. »Es wäre Zeit für eine Drohne.«
Sie stiegen noch zwei Stufen tiefer und versuchten, Kontakt zu ihrer Kommandozentrale aufzunehmen.
Nach zehn Minuten gab Claire es auf. »Funktioniert nicht. Vermutlich schirmt dieser Bereich hier die Funkstrahlen ab.«
Dan schüttelte den Kopf. »Das ist eigentlich nicht möglich.«
Claire blickte ihn an. »Denk mal an den Kometen, als wir bei Genevier weilten.«
Dan seufzte. »Das war was anderes!«
Er richtete den Blick zur Decke. »Claire - leuchte mal da rüber. Dort, wo es leicht grau schimmert.«
Seine Gefährtin bündelte den Strahl der Lampe noch etwas und richtete ihn dann zu dem von Dan ausgewiesenen Bereich.
»Dachte es mir«, murmelte der junge Mann. »Blei! Der gesamte Grottenraum ist mit Blei ausgelegt.«
Claire staunte. »Wieso das?«
Dan zuckte die Schultern, was man in der Dunkelheit aber nicht sah. »Keine Ahnung.«
Da vernahmen sie das Geräusch von Rudern. Schwacher Lichtschein spiegelte sich auf dem leicht gekräuselten Wasser. Claire und Dan suchten Deckung hinter zwei Fässern, auf denen allerlei Seile und Lappen lagen. Das Boot näherte sich. Nur eine Person saß darin. Die beiden Zeitreisenden sahen sie nur als Schattenriss. Mit dumpfem Blopp stieß das Boot an die steinerne Mole. Die Person verstaute die Ruder und sprang auf die schmale Hafenmauer. Nur für den Bruchteil eines Moments geriet das Gesicht dabei in den Schein der Laterne.
Claire hielt sich den Mund zu, um nicht laut Sanfold zu rufen.
Kein Zweifel - der heimliche Besucher war der Professor. Und er kannte sich aus. Er lief zielsicher die Steintreppe hinauf. Die Beobachter vernahmen das Klicken eines Schlüssels und das leise Knirschen einer Tür.
Claire sprang auf. »Wenn wir etwas tun wollen, dann müssen wir uns beeilen!«, raunte sie.
Dan sah das auch so. Sie liefen gleichfalls die Stufen hinauf, die zuvor der Professor genommen hatte, und standen bald vor einer kleinen Pforte.
»Mist!«, knurrte Dan. »Er hat wieder abgeschlossen!«
Doch auch hier stellte das Schloss für Claires Fingerfertigkeit kein Problem dar.
Hinter der Tür führte ein schmaler Gang direkt zu einem breiten Korridor. Ein dicker Teppich schluckte alle Schritte. Claire sah vorsichtig um die Ecke. Nach rechts führte der Gang zu einer breiten Freitreppe. Sie blickte nach links und sah Sanfold gerade noch am Ende des breiten Korridors um eine Ecke verschwinden.
»Los!«, zischte Dan.
Bedingt durch den dicken Teppich konnten sie dem Professor rasch und unhörbar folgen. Da vernahmen sie das Klappen einer Tür. Als Claire und Dan dort ankamen, standen sie erst mal ratlos. Hinter der Gangbiegung gab es drei Türen. Durch welche war Sanfold verschwunden?
Ehe sie weiter überlegen konnten, vernahmen sie Stimmen aus dem Korridor hinter sich.
»Verdammt!«, zischte Dan und ließ nervös die Augen schweifen.
Die Stimmen näherten sich. Claire atmete tief durch und riss dann eine der Türen auf. Ein komfortables Arbeitszimmer verbarg sich dahinter. Rund um Wände mit Büchern bis zur Decke. Ein dicker flauschiger Teppich, dem man sein Ursprungsland Persien ansah und rechts ein ausladender Schreibtisch.
Der hochgewachsene Mann mit der weißen Puderperücke - er mochte wohl um die Fünfzig sein - blickte erstaunt von seiner Schreibarbeit auf.
Claire blieb bald das Herz stehen, doch es gab kein Zurück mehr.
»Verzeihung«, sagte sie und sammelte rasch im Kopf ihre Kenntnisse der italienischen Sprache zusammen. Wobei sie befürchtete, dass man in Venedig 1763 einen ganz anderen Dialekt sprach.
Umso überraschter war sie, als der Mann sich lächelnd erhob.
»Comtessa!«, rief er erstaunt aus. »Sie hier? Das ist eine Freude für mich!«
Claire schluckte und brachte etwas unsicher hervor: »Die Freude liegt ganz auf meiner Seite.«
Der Blick des Mannes glitt zu Dan. Er verbeugte sich leicht. »Möchten Sie mir Ihren Begleiter nicht vorstellen?«
Dan merkte, wie Claire nach Worten suchte, und rettete die Situation. Er sagte in englischer Sprache: »Daniel Lord of Athenbourg - zurzeit Zweiter Offizier seiner Majestät Schiff Bristol.«
Ist der jetzt komplett wahnsinnig?!, durchschoss es Claire. Doch ihre Gedanken wurden unterbrochen.
»Na - das nenne ich eine zweite Überraschung. Gestatten, Trevor Saxon, Generalsekretär der britischen Admiralität.« Er reichte Dan die Hand und drückte sie kräftig. Dann glitt sein Blick wieder zu Claire.
»Comtessa de Lagio kenne ich bereits, seit sie fünf Jahre alt war. Meine Tante ist ihre Gouvernante in Plymouth gewesen. Leider haben wir uns dann aus den Augen verloren. Ich nehme an, sie nehmen in Vertretung von Lord Grand an der Konferenz teil? Man sagte mir, er sei in Indien erkrankt.«
In Claires Kopf begann sich alles zu drehen.
Oh lieber Gott hilf!, schrie es in ihr. Sie saßen auf einem Pulverfass.
Stumm nickte sie und versuchte einen vernünftigen Satz zu formulieren. Dan rettete die Situation. »Sir - die Comtessa, meine Verlobte (er warf Claire einen verliebten Blick zu) - bat mich, sie bei der Konferenz zu unterstützen. Ihre Spezialität ist das nationale Handelsrecht, während ich ihr mit meinem Wissen der Seefahrt zur Seite stehe. Es ist ein Unglück, dass seine Lordschaft nicht selbst kommen kann. Aber sein Gesundheitszustand bessert sich, wie wir noch kurzfristig erfahren konnten.«
Claire glaubte ohnmächtig zu werden.
Doch Dan war in seinem Element. »Sir - es gibt aber noch einen Grund, weshalb wir hier sind. Sicherlich hat man Ihnen noch nicht mitgeteilt, dass die Admiralität einen Anschlag auf den Dogen befürchtet.«
Saxon wurde bleich. »Was?«, stieß er heiser hervor.
»Wir sind sozusagen in geheimer Mission hier. Ich bitte Sie, das auch so zu behandeln. Nur zwei Personen der Admiralität wissen davon. Nun auch Sie, Sir.«
Saxon lief nervös um seinen Schreibtisch herum. »Ich … bin für die Sicherheit der Konferenz verantwortlich … wieso …«
»Mit Verlaub, Sir - man befürchtete wohl, dass Sie aus Sorge Maßnahmen ergreifen würden, die … sagen wir mal … dem Attentäter auffallen könnten. Die Admiralität weiß, dass Sie der zuverlässigste Mann hier vor Ort sind. Ihre Sorge würde Sie zu den schärfsten Maßnahmen der Geschichte zwingen. Aber das soll vermieden werden. Man will den Täter vor der Tat stellen. Bei den Vorbereitungen. Denn man benötigt Beweise. Daher sollten wir mit Ihnen in aller Stille Kontakt aufnehmen.«
Saxons Gesicht hatte sich verfinstert. »Denkt man, ich könnte die Lage nicht beherrschen?«
»Sie beherrschen sie so gut, dass man uns beauftragt hat, mit Ihnen jedes Detail abzustimmen. Sie - Sir - haben den Oberbefehl.«
Trevor Saxon wippte auf den Zehenspitzen. Der letzte Satz schien sein Ego zu befriedigen. Er ging zurück zu seinem Sessel und wies mit einer Handbewegung auf die beiden Besucherstühle.
»Gibt es Hinweise auf den möglichen Attentäter?«
Inzwischen hatte sich Claire wieder gefangen. Ken hatte sich diesmal so gut vorbereitet wie nie zuvor.
Es darf uns nicht der geringste Schnitzer passieren, sonst landet ihr am Galgen und wir können von Rauenfels vielleicht nicht eingreifen, hatte sie Kens Worte im Ohr.
Die junge Frau zog aus ihrem Brokatbeutel eine feingezeichnete Miniatur hervor. »Das ist er, Sir. Allerdings wissen wir nicht, unter welchem Namen und welchen Umständen er sich hier einschleichen wird.«
Sie reichte Saxon das Bild.
»Dieser Mann ist mir schon einmal begegnet. Aber wann …?« Er grübelte und schüttelte dann den Kopf.
Dan beugte sich vor. »Er kann in der Uniform eines Kapitäns auftauchen oder als einfacher Lakai. Er ist ein Meister der Verkleidung.«
Saxon lehnte sich zurück und schaute nachdenklich auf die dunkle Tischplatte. »Welches Motiv hat der Mann?«
»Eine bestimmte Information aus der Bibliothek des Dogen. Woher die Information stammt, wissen wir allerdings nicht. Vermutlich soll zum einen die Konferenz gesprengt - zum anderen der Aufruhr dann zu dem Diebstahl genutzt werden.«
Saxon schüttelte den Kopf. »Unfassbar! Ich werde einen Boten zur Admiralität senden.«
Claire sprang auf und ergriff Saxons Hand. »Sir - wir wissen nicht, wer die Helfer des Attentäters sind. Daher wissen nur wir drei hier in Venedig von der Sache!«
Dan setzte sofort nach: »Deshalb sind wir auf uns gestellt. Wir beide und Ihre weitreichende Erfahrung in der Organisation.«
Damit hatten sie Saxon nun völlig auf ihrer Seite. Er nickte. »Gut! Dann werde ich überlegen, wie wir vorgehen können.«
Claire erhob sich. »Wir werden uns unauffällig unter den Ankömmlingen der Konferenz umsehen.«
Die beiden Zeitreisenden hatte bereits die Tür erreicht, als Saxon rief: »Moment!«
Unwillkürlich versteifte sich Claire. Langsam wandte sie sich um. Saxon stand hinter seinem Schreibtisch. »Haben Sie schon Quartier bezogen?«
Dan verneinte das.
»Mein Diener Delvot wird Sie gleich treffen. Es ist besser, wenn Sie mit mir gemeinsam hier im Südflügel wohnen.«
Dan nickte. »Sie haben sicher recht, Sir.«
Draußen auf dem Gang lehnte sich Claire an die Wand und schloss die Augen. Auch Dan begannen plötzlich die Knie zu zittern.
»Mein lieber Herr! James Bond ist ein Waisenknabe gegen uns. Ich hätte nie gedacht, dass sich die Dinge so entwickeln würden.«
Claire schluckte. »Ich glaube, alles was wir bisher gemacht haben, war ein Erholungsurlaub gegen das hier.«


Der Mann in der Uniform eines portugiesischen Galeonenkapitäns zwirbelte seinen schwarzen Schnurrbart. Seine kalten Augen musterten die anwesenden Männer in dem Ballsaal des Dogenpalastes. Er spürte ihre angespannten Gedanken. Es ging hier um ein weltumspannendes Abkommen. Eine Allianz - die einer Eigenständigkeit der amerikanischen Siedler entgegenwirken sollte. Es gab in der Neuen Welt Aufstände, die ein gewisser ehemaliger britischer General angeblich für seine Zwecke nutzte. Immer wieder fiel der Name Washington. Doch das interessierte den Beobachter nur am Rande. Sein Ziel lag ganz woanders. Er tastete vorsichtig unter seine Uniformjacke. Dort steckte die von ihm selbst konstruierte Laserpistole.


Das Stimmengewirr verstummte spontan, als der Doge mit großem Gefolge den Saal betrat.
Claire und Dan standen in der Nähe des Eingangs. Ihre Augen glitten über die Gesichter der Anwesenden. Sie entdeckten aber auf Anhieb niemanden, der verdächtig wirkte oder mit Sanfold eine Ähnlichkeit aufwies.
Der Doge blieb in der Mitte des Saales stehen. Seine Diener, die den langen, mit Goldfäden durchwirkten Mantel ordneten, entfernten sich schweigend.
»Das alte Venedig lebt noch einmal auf«, flüsterte Dan.
Claire lächelte und entgegnete: »Nicht so sarkastisch, mein Freund. Der Doge besitzt mehr Macht, als man oft denkt.«
In diesem Augenblick öffnete sich eine Seitentür. Ein Raunen ging durch die Versammlung der Männer.
Die Frau, die hereinschwebte - anders konnte man es nicht nennen - zog die Aufmerksamkeit aller Blicke auf sich. In dem blauen, mit Silberbiesen durchwirkten langen Kleid und dem aufgesetzten Seidenkragen - das schwarze Haar hochgesteckt und darin eingeflochten ein Silberband - kam sie einer Königin gleich.
Der Doge vergaß alle seine Etikette und lief auf die junge Frau zu.
»Estrella Avilla de Aragon! Ich bin entzückt, Euch hier zu sehen.«
Er küsste ihr galant die Hand. Zu den Anwesenden gerichtet sagte er:
»Meine Herren - wir sind vollzählig!«
Erstaunte Bemerkungen erklangen um die beiden Zeitreisenden herum. Vor allem aus den Reihen der Engländer und der Franzosen vernahm man Verblüffung über die Teilnahme der Corsarin an der Konferenz.
Der Doge kam allen Vorbehalten zuvor. »Senora Avilla de Aragon ist eine gute Freundin. Sie hat mir mehrmals in … sagen wir … prekären Situationen geholfen.«
Damit war für ihn das Thema abgehandelt.
Er bat nun alle Anwesenden in den Konferenzraum.
Claire und Dan hielten sich im Hintergrund.
»Verdammt!«, zischte die junge Frau. »Wo ist Sanfold?«
»Keine Ahnung«, gab Dan zurück. »Wir sollten uns eventuell in der Nähe der Bibliothek aufhalten. Dort will er ja hin.«
»Aber der Anschlag auf den Dogen …?«
»Der hat vielleicht gar nichts mit dem Buch zu tun«, flüsterte Dan. »Was ist, wenn wir auf den Dogen aufpassen und der Diebstahl doch stattfindet?«
Er ballte die Fäuste. »Merde!« Dann seufzte er. »Okay - es gibt nur eine Möglichkeit. Wir trennen uns.«
Da vernahmen sie Stimmen aus dem Gang. Während sich die Saaltür vor ihnen schloss, drückten sie sich hinter einen Wandvorhang, der ein großes Bild von Venedig umrahmte. Zwei orientalisch aussehende Männer und eine Frau bogen um die Ecke des Korridors.
»Denk daran, Evita - dein Auftritt soll von Georgio ablenken. Wenn alles auf dich starrt, können wir das Bild Madame übergeben.«
Dann waren sie auch schon um eine zweite Gangbiegung verschwunden. Dan und Claire sahen sich an.
»Na«, kam es trocken von Dan. »Da haben wir ja ein spannendes Stelldichein.«
Da kam Claire ein verrückter Einfall. Dan machte runde Augen.
»Das ist jetzt nicht dein Ernst?!«
»Doch mein Lieber«, kam es zurück und über Claires Züge huschte ein unverschämtes Grinsen. »Außerdem«, fuhr sie fort, » bin ich in der Nähe des Dogen. Du versuchst, die Burschen im Auge zu behalten. Vielleicht gehört das ja auch zur Ablenkung unseres Professors.«
Ehe Dan weitere Einwände erheben konnte, huschte die junge Frau an ihm vorbei und folgte den Dreien.
Während die Männer weiter ihren Weg den Gang entlang nahmen, verschwand die Frau hinter einer Tür. Claire wartete einen Moment, dann drückte sie langsam die Bronzeklinke herunter. Durch den kleinen Türspalt sah sie in ein gemütliches Zimmer. Wertvoll ausgestattet mit zahlreichen Gobelins und feingearbeiteten Möbeln. An einem Fenster, mit dem Rücken zur Tür, stand die Frau, die mit Evita angesprochen worden war.
Lautlos huschte Claire in das Zimmer, schloss die Tür und stand in wenigen Sekunden hinter der Frau.
»Guten Abend«, sagte Claire halblaut.
Erschreckt wirbelte die Fremde herum. »Wer … sind Sie? Was wollen Sie hier?«
»Mit Ihnen reden«, kam es sachlich zurück.
Die Frau schluckte und fing sich dann wieder. Etwas hochmütig fragte sie dann: »Worüber?«
»Über Ihren Auftritt. Wissen Sie, ich denke, Sie sollten nicht auftreten.«
Die Fremde zog eine Augenbraue hoch. »Sollte ich nicht? Weshalb?«
»Ach …« Claire verfiel lächelnd in einen leichten Plauderton. »… vielleicht wäre es besser für … welches Bild sollte es noch sein?«
Die Fremde lief rot an.
Claire zuckte mit den Achseln. »Ich denke, ich hole die Palastwachen und lasse Sie erst einmal hinter Schloss und Riegel bringen.«
Claire wandte sich halb um. Sie sah noch, wie die Frau bleich wie eine Leiche wurde.
»Es sei denn«, nahm Claire das Gespräch wieder auf, »Sie sagen mir alles und ich lasse Sie laufen. Was mit Ihren Kumpanen passiert, kann uns beiden dann egal sein.«
Sie bemerkte, wie es in der Fremden arbeitete. Die Aussicht auf den Kerker schien ihr gar nicht zu gefallen.
»Wissen Sie«, merkte Claire noch an, »mit dem Verließ ist es ja nicht getan. Der Doge lässt Dieben auf dem Markus-Platz in der Regel erst die Fußsohlen verbrennen und die Übeltäter dann vierteilen.«
Als Claire sah, wie die Fremde am ganzen Körper zu zittern begann, musste Claire an sich halten, um nicht zu lachen. Sie hatte einfach ‚in die Luft geschossen’.
Aber es hatte gewirkt.
Die Fremde zögerte noch etwas, aber als Claire sich erneut zur Tür wandte, rief sie: »Warte!«
»Ich höre«, kam es kalt von Claire.
»Mein Tanz dient als Lockvogel. Als Ablenkung. Dann will Georgio das Bild von Sandro Botticelli abhängen und Ernesto wird es unserem Auftraggeber bringen.«
Claire kam einen Schritt auf die Fremde zu. »Interessant! Um welches Bild handelt es sich?«
»Das Bildnis von Simonetta Vespucci als Nymphe. Sie trägt ein Medaillon.«
Claire wurde ungeduldig. »Und? Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen!«
Evita wedelte mit den Armen. »Es geht um das Medaillon. Mehr weiß ich nicht!«
»Wer ist euer Auftraggeber?«
Die Frau, die mit Evita angesprochen worden war, zögerte.
»Gut - dann doch die Wachen!«, rief Claire und ging zurück zur Tür.
»Eine Frau! Eine Madame Lange. Mehr weiß ich wirklich nicht!«
Claire runzelte die Stirn. »Madame Lange? Eine Deutsche?«
Evita schüttelte den Kopf. »Eine … Französin.«
»Wo hängt das Bild?«
»Im Arbeitszimmer des Dogen.«
Claire zog die Augen zusammen. »Ich lasse dich laufen, wenn …«
Sie setzte der Frau ihren Plan auseinander. Diese stimmte zögernd zu.
Wenig später saß sie gefesselt und vorsichtshalber geknebelt in einem Schrank.
Claire huschte aus dem Zimmer, um Dan zu informieren. Sie fand ihn in der Nähe der Bibliothek.
»Du meinst, beides - das Bild und das Buch - hängen zusammen?«
Claire machte eine vage Handbewegung. »Keine Ahnung. Aber du solltest das Bild bewachen.«
Sie grinste. »Aber vorher bewachst du diese Tür.«
Als sie zehn Minuten später auf den Flur trat, blieb Dan die Luft weg.


Vor Beginn der Konferenz hatte der Doge ein Festmahl servieren lassen.
Nun klatschte er in die Hände und fremdartige Rhythmen ertönten. Zwei Diener zogen einen roten Vorhang zur Seite und heraus trat eine betörende junge Frau.
Der Klang der Zimbeln und Trommeln verstärkte sich.
Mit einem Satz sprang die Tänzerin auf den Tisch.
Ihr Haar wehte wie die Mähne eines wilden Pferdes, als sie in ihrem orientalischen Kostüm über das kostbare Tischtuch wirbelte, ohne mit ihren nackten Füßen auch nur ein Glas umzustoßen.
Sie bemerkte die teils lüsternen Blicke der Männer, konzentrierte sich dann aber auf eine ganz andere Person.
Ein Satz über den vierarmigen silbernen Leuchter, eine Drehung, dann ging sie - mit rasantem Schwingen ihrer Hüften - vor der Corsarin auf die Knie. Sie drehte sich und wandte der Frau den Rücken zu, bog sich aber dann akrobatisch nach hinten und ihr Gesicht näherte sich dem Estrellas bis auf nur wenige Zentimeter.
»Ich muss euch sprechen«, hauchte sie in spanischer Sprache, sodass nur Estrella es verstehen konnte. »In fünf Minuten an der Porta della Carta.«
Die Augenbrauen der Corsarin zogen sich erstaunt nach oben. Doch da war die Tänzerin auch schon einige Meter weiter - tanzte vor dem Dogen und wirbelte mit einem Salto vom Tisch und verschwand mit einem Sprung hinter dem Vorhang.
Gleichzeitig erstarb die Musik.
Tosender Beifall drang noch an Claires Ohr, doch sie rannte bereits über den Korridor auf das Zimmer zu, in dem sie Evita zurückgelassen hatte. Statt aber sich umzuziehen, ließ sie lediglich den durchscheinenden Schleierumhang zu Boden gleiten und lief zum Fenster. Sie öffnete den hohen Flügel. Kühle Nachtluft drang herein und Claire fröstelte. Doch zum Umziehen hatte sie keine Zeit.
Jetzt nicht!
Sie sprang auf die Fensterbank. Ken hatte darauf bestanden, dass sie sich vor dem Zeitsprung den Grundriss des gesamten Dogenpalastes gut einprägten. Claire beglückwünschte ihn zu dieser Eingebung. So wusste sie, dass der Außensims direkt zur Porta della Carta, das »Papiertor«, dem Durchgang zum Cortile, dem Innenhof des Dogenpalastes führte. Da sie sich im ersten Stockwerk befand, musste sie über dem Tor rauskommen.
Richtig! Niemand von den Wachen der anderen Tore würde sie sehen können. Kleine Vorbauten und Erker verdeckten ihnen die Sicht.
Claire spürte die Kälte des Mauerwerks unter den nackten Sohlen, als sie vorsichtig - Schritt für Schritt - begann, an der Außenmauer entlangzuhangeln. Mit ihren sensiblen Fingern ertastete sie jeden Mauervorsprung. Es regnete immer noch leicht und der Sims fühlte sich feucht an. Obwohl inzwischen eiskalte Füße, war sie froh, sich nicht erst umgezogen zu haben. Barfuß konnte sie nicht so schnell abrutschen und erfühlte jede Unebenheit.
Innerhalb kürzester Zeit hatte sie die Ecke erreicht, die sie nur noch bewältigen musste, um das Tor zu erreichen.
Vorsichtig schob sie sich um die Neunziggradkante.
Da sah sie auch bereits die Corsarin auf das Tor zugehen. Sie trug einen langen Umhang über dem Kleid. Ihr Kopf bewegte sich wachsam von rechts nach links. Sie war auf der Hut.
Claire erreichte die Ummauerung des Tores. Für die durch zahlreiche Abenteuer inzwischen sportlich trainierte junge Frau stellte es kein Problem dar, an der hervorstehenden Einfassung abwärts zu klettern. Sie setzte auch eben den rechten großen Zeh in einen breiteren Spalt zwischen den Steinquadern, als sie innehielt. Bewegungslos blieb sie an der Mauer kleben.
Acht vermummte Gestalten waren auf die Corsarin zugesprungen und griffen diese mit gezückten Degen an.
Estrella Avilla de Aragon reagierte blitzschnell. Ihren Degen hatte sie unter dem Mantel versteckt. Die Klingen prallten aufeinander, dass zwischendurch die Funken stoben. Das metallische Klirren der Degen drang überlaut zu Claire herauf. Die Corsarin - so wusste sie aus den Aufzeichnungen - galt als brillante und gefürchtete Degenfechterin. Doch der Übermacht war sie nicht gewachsen. Claire musste mit ansehen, wie sie überwältigt, gefesselt und fortgezerrt wurde.
Für Claire gab es keine Chance des Eingreifens. Doch sie musste herausfinden, wohin man die Corsarin brachte. Jemandem schien ihre Anwesenheit bei der Konferenz ein Dorn im Auge zu sein.
Oder gab es noch einen anderen Grund, sie zu überfallen?
Claire stutzte.
Wieso hatte man Estrella gerade hier aufgelauert?
Zufall?
Beobachtung?
So musste es sein! Die Gegner befanden den Zeitpunkt als günstig.
Die junge Frau zog sich wieder an der Mauer bis zu dem Sims hoch. Sie blickte nach oben. Dort erkannte sie mehrere Vorsprünge. Flink hangelte sie sich nach oben und konnte nun von einer Art Balustrade aus zum Markusdom schauen. Sie sah noch, wie man die scheinbar bewusstlose Corsarin durch ein Seitenportal zerrte.
Claires Gedanken wirbelten. Sie musste erst zurück.
Als sie das Fenster wieder erreicht hatte, blickte sie vorsichtig in den Raum.
Da passierte es!
Sie rutschte ab - fing sich wieder und blieb mit dem Armband ihrer Spezialuhr an einer Kerbe des Mauerwerks hängen. Sie fühlte, wie das Armband riss - dann sah sie die Uhr abwärtsfallen. Es klirrte hell, als sie auf dem Pflaster aufschlug und in mehrere Teile zersprang.
Claire schloss für einen Moment erschreckt die Augen. Doch dann atmete sie tief durch. Sie hatte keine Zeit zu verlieren.
In dem Zimmer hielt sich niemand auf. Rasch sprang sie hinein, schloss den Fensterflügel fest und streifte das Tanzgewand ab. Das Umziehen kostete lediglich zwei Minuten, dann öffnete sie die Tür zum Korridor und spähte hinaus. Niemand zeigte sich.
Dan schreckte zusammen, als Claire ihm im Arbeitszimmer des Dogen auf die Schulter tippte. Er hatte sich neben einem ausladenden Schrank verborgen.
»Oh Gott!« zischte er. »Erst deine Aufmachung … dann das … du bringst mich noch um!«
Claire grinste schalkhaft. »Das Kostüm hat dir gefallen?«, fragte sie feixend.
Dan kam nicht umhin zu nicken. »Werde das als neue Dienstkleidung vorschlagen.«
Claire zog ihn leicht am Ohr. »Dann würdest du dich kaum noch auf das Wichtige unserer Aufgaben konzentrieren.«
Doch dann wurde sie ernst. »Bisher nichts Auffälliges?«
Dan verneinte. »Wenn das mal nicht eine Finte gewesen ist.«
Claire brachte ihr Ohr ganz nahe an das ihres Gefährten und berichtete von dem Überfall auf Estrella Avilla de Aragon.
»Das wird ja richtig mysteriös«, schnaufte er unterdrückt.
In diesem Moment öffnete sich millimeterweise die hohe Tür des Arbeitszimmers. Eine Gestalt huschte hinein. Ob Mann oder Frau konnten die Zeitreisenden noch nicht ausmachen.
Sie vernahmen ein Rascheln. Typisch für die in dieser Zeit üblichen Röcke. Demnach eine Frau!
Claire und Dan hielten den Atem an. Die Fremde lief zielsicher auf das Bild zu.
Es blitzte auf.
Digitalkamera!, durchzuckte es die beiden Zeitreisenden gleichzeitig. Wer war die Frau?
Noch einmal blitzte es auf. Dann verließ die Frau ebenso fast lautlos das Zimmer.
»Hinterher!«, raunte Dan.
Sie öffneten vorsichtig die Tür zum Korridor. Sie sahen die Fremde gerade noch um eine Biegung verschwinden. Sie trug ein langes blaues Kleid. Das Unterteil schien aus einem Reifrock zu bestehen. Dazu trug sie eine weiße, hochgesteckte Puderperücke.
Die beiden Zeitreisenden eilten hinter ihr her.
»Sie nimmt den Weg zur Bibliothek«, flüsterte Claire. Dan nickte nur. Sie vernahmen das Klappen einer Tür. Als die beiden ankamen, war die Frau bereits vom Gang verschwunden.
Claire hielt Dan am Arm fest. »Sie ist in der Bibliothek!«
»Zounds! Was jetzt?«
Da bewegte Claire bereits sachte und einfühlsam die Klinke. Schwaches Licht drang ihnen entgegen. Die Fremde beugte sich über etwas.
Die beiden Zeitreisenden schlängelten sich durch den schmalen Türspalt und nahmen sogleich hinter einem ausladenden Schreibtisch Deckung.
Nun sahen sie, dass die Fremde ein großes Buch aufgeschlagen vor sich liegen hatte.
Wer war sie? Eine Komplizin des Professors? Verflucht! Wo steckte Sanfold überhaupt?!
Die Frau hielt nun die kleine silberne Digitalkamera hoch und das Blitzlicht flammte auf. In diesem Moment wurde die Tür des Arbeitszimmers geöffnet und in der Öffnung stand der Doge. Die Frau schreckte zusammen und starrte den Dogen an.
»Madame Vaubernier … was tut Ihr hier?«
Statt einer Antwort wandte sie sich wieder dem Buch zu und riss kurzerhand eine Seite heraus.
Der Doge stürzte mit entsetztem Gesicht auf die Frau zu.
»Was macht Ihr da?« Entsetzen klang in der Stimme des Herrschers von Venedig mit.
Die Fremde scherte sich nicht daran. Sie rannte auf den Dogen zu - warf dabei die Digitalkamera in seine Richtung und erreichte dann den Korridor. Der Doge knickte in den Knien ein. Die Kamera hatte ihn am Kopf getroffen.
Claire und Dan eilten auf den Mann zu. Er sackte ganz zusammen.
»Er ist ohnmächtig«, rief Claire aus.
»Was nun?«, fragte Dan atemlos. »Die Wachen werden doch denken, wir seien das gewesen …«
Statt einer Antwort ergriff Claire die Kamera und riss den Gefährten mit sich. Sie hasteten den Flur entlang und erreichten eine breite Treppe. Von dort gelangten sie im Untergeschoss in eine Halle.
»Draußen werden sicher Wachen stehen«, vermutete Dan.
»Ich habe den Grundriss auswendig gelernt. Komm!«
Sie zog Dan mit sich und durch ein Gewirr von großen und kleinen Gängen erreichten sie eine kleine Pforte. Claire zog sie auf und schaute vorsichtig nach draußen. Kühle nasse Nachtluft drang herein.
»Die Luft ist rein. Los!«
Sie liefen über den kleinen Hof und drückten sich dann in den Schatten eines Torbogens.
»Himmel Claire!«, japste Dan. »Was machen wir jetzt?«
»Die Corsarin befreien!«


»Deibel und Geschütze!«
Sam Bush - der Erste Offizier der Silver Star - spie es aus. »Ich habe ein miserables Gefühl! Da stimmt was nicht!«
Diego, der erste Kanonier, blickte den Alten fragend an. Sam schlug mit der rechten Faust in die linke Handfläche. »Ich muss an Land! Diego - trommle fünf Leute zusammen.«
Der Spanier kam dem Befehl nach. Er wusste, dass Sams Ahnungen niemals grundlos gewesen waren.
Wenig später betrat Sam mit fünf ausgesuchten zuverlässigen Kameraden den Pier.
Sprühregen wehte ihnen hier auf dem breiten Anlegeplatz ins Gesicht. Sam zog den Hut tiefer ins Gesicht. Nach fünf Minuten erreichten sie San Marco. Mächtig erhoben sich Palast und Dom.
Leichtes Donnergrollen drang aus der Ferne herüber. Kein Mensch hielt sich auf dem Platz auf.
Oder?
Sam kniff die Augen zusammen. Huschten da nicht zwei Gestalten zur Kirche hinüber?
Seine rechte Hand umfasste den Griff des Degens. Er machte seinen Männern ein Zeichen. Man verstand sich nach all den Jahren auf Kaperfahrt ohne Worte.
Wie verwehte Schatten verteilten sie sich.
Claire und Dan zuckten zusammen, als sie Degenspitzen im Genick spürten.
»Was schleicht ihr hier rum?«, kam es in breitem Yorkshire-Dialekt.
Die beiden Zeitreisenden benötigten einige Sekunden, um sich von dem Schreck zu erholen. Claire wandte vorsichtig den Kopf und konnte ein zerfurchtes bärtiges Gesicht ausmachen. Mehr ahnend als sehend.
Dan, der sich wehren wollte, steckte inzwischen in Diegos eisernem Griff.
»Verflucht! Was soll das? Elende Verräter!«
»So, so …« kam es wieder in dem breiten Slang, »… Verräter nennt ihr uns. Weshalb, wenn man fragen darf?«
Claires Verstand arbeitete auf Hochtouren. Diese Männer gehörten zweifelsfrei nicht zur Palastwache. Deshalb kam eigentlich nur die SILVER STAR infrage.
»Ihr seid von der Silver Star?«, fragte sie denn auch.
»Wer will das wissen?«, kam es zurück.
»Ich bin Claire Bancroft und wir haben gesehen, wie Estrella entführt worden ist.«
Sie fühlte förmlich die Überraschung in dem Fragesteller.
»Claire Bancroft …« Dann lockerte sich der Griff etwas und auch die Degenspitze verschwand aus ihrem Genick, als die Yorkshire-Stimme leise sagte: »Dann erzähle dem alten Sam das mal genauer, Claire Bancroft.«
In raschen Worten berichtete sie von der Konferenz und dass sie sich mit der Corsarin treffen wollte.
»So … und dann hast du gesehen, wie Estrella überfallen worden ist? Warum wolltest du sie sprechen?«
»Wir wissen von einem Anschlag auf den Dogen und Estrella sollte uns helfen ihn zu vereiteln.«
Sie spürte, wie sich bei dem Mann, der sich Sam nannte, Glauben und Misstrauen einen Kampf lieferten.
»Herrgott!« kam es nun von der jungen Frau lauter, als sie es beabsichtigt hatte. »Estrella ist da drin! Wir sollten etwas tun, Sir!«
Nun erst ließ Sam los. Er fasste Claire unter das Kinn und nickte. »Das werden wir. Solltest du mich belogen haben, werde ich dich höchstpersönlich an deinen großen Zehen an der obersten Rahe der Silver Star aufknüpfen. It’s clear!«
Sams Begleiter wussten, dass dies ein Schwur war.
Der Erste Offizier der Silver Star sah sich um. »Wie kommen wir da rein?«
Claire atmete tief durch. »Etwas weiter hinten ist eine Pforte. Sie führt zum Glockenbereich. Von dort gelangt man zu einer Empore und wir können den gesamten Dom übersehen.«
»Du kennst dich aus, Mädchen«, murmelte der Alte. »Irgendwie … zu gut …«
Trotz des immer noch herrschenden Misstrauens folgten die Männer Claire und Dan.
Es gab einen leicht dumpfen Ton ab, als sie die Pforte öffneten. Alle hielten die Luft an. Es war völlig finster. Doch dann zeichnete sich ein Widerschein ab. Er mochte von zahlreichen Kerzen im Hauptschiff stammen.
Sie erreichten die Empore und blickten vorsichtig nach unten. Kein Mensch war zu sehen. Allerdings stand eine Tür hinter dem Hauptaltar offen.
»Der führt zur Krypta«, flüsterte Claire.
Im Geheimen bewunderte Dan die Gefährtin, die sich so gut vorbereitet hatte. Dan war da eher für’s Grobe.
»All right«, knurrte Sam Bush. »Sehen wir uns das an!”
Über eine schmale steile Treppe erreichten sie das Hauptschiff. In einer Zweierreihe schlichen sie zum Hauptaltar. Von der geöffneten Tür dort führte eine steile Steintreppe abwärts in eine ungewisse Dunkelheit.
Claire nestelte ihre Stablampe aus den vorsorglich in ihre Kleidung genähten Taschen. Sam staunte. »Was ist das? Eingekapseltes Griechisches Feuer?«
Claire stutzte, erwiderte dann aber: »So ähnlich. Kommt jetzt!«
So unhörbar wie möglich schlichen sie abwärts. Endlich erweiterte sich ein Gang vor ihnen. Hier steckten Fackeln in eisernen Halterungen. Sie gelangten zu einer Gabelung.
»Rechts geht es zur Krypta - links zum Gefängnis des Palastes«, flüsterte sie Sam ins Ohr.
Der griff seinen Degen fester. »Gefängnis?«
Claire schüttelte den Kopf. »Das hätte man einfacher haben können. Hier lang!«
Sie folgten dem Weg zur Krypta und schon bald vernahmen sie Stimmen.
»… ich hielt sie für intelligent. Da habe ich mich wohl getäuscht.«
Claire und Dan blickten sich an. Diese verächtliche Stimme kannten sie.
»Sanfold!«, zischte Dan.
Sam Bush wandte den Blick zu dem jungen Mann. »Wer ist das?«
»Jemand, dem wir auf der Spur sind. Der Grund unseres Hierseins«, erklärte Claire leise.
»Ihr könnt euch euren magischen Kasten irgendwo hinschieben«, geiferte eine weibliche Stimme. »Ich hätte das Bild, wie ursprünglich geplant, stehlen lassen sollen.«
»Madame Vaubernier …« kam es erstaunt von Sam.
Claire hielt ihn am Arm fest. »Wer soll das sein?«
»Eine Intrigantin und Feindin von Estrella. Auch als Madame Lange bekannt und protegiert vom Grafen Dubarry. Eine Mätresse von Louis.«
Nun fügte sich für Claire ein Bild zusammen. »Sanfold hat diese Dame auf seine Seite gezogen«, murmelte sie. »Wie hat er das geschafft?«
Die Antwort hörten sie sogleich.
»Wie kann Louis sich nur mit euch einlassen«, rief der Professor.
»Ha«, kam es zurück. »Nur weil Ihr euch damals als Wunderdoktor bei Louis XIV eingeschlichen habt, solltet ihr nicht auf dem hohen Pferd sitzen. Vielleicht gibt es diesen Schatz gar nicht, den ihr mit der Seite des Buches und dem Amulett finden wollt?!«
»Es gibt ihn und die Gravur des Medaillons ist eine Karte.«
Einen Moment war es still, dann erklang wieder die Stimme der Vaubernier:
»Dazu müssen wir erst diese Corsarin ausschalten. Sie ist mir immer auf den Fersen.«
»Ich denke, sie war eher zufällig auf dieser Konferenz. Ihr seht Gespenster und das bringt uns in eine gefährliche Lage«, geiferte Sanfold. »Bringt sie um und gut ist’s!«
Da stürmte Sam vor. »Da sei Neptun vor!«, schrie er.
Den beiden Zeitreisenden blieb nichts anderes als zu folgen.
Die Vaubernier und Sanfold zuckten herum und starrten völlig entgeistert auf die Anstürmenden.
»Ich wusste es!«, geiferte die Frau.
Sam setzte Sanfold den Degen an die Kehle. »Was führt Ihr im Schilde, Schurke?!«, schrie Sam ihn an. Dann erfasste sein Blick die leblose Estrella. Sie lag gefesselt auf einer rohen Holzbank.
Da begannen die Augen des Professors zu glühen und sein Körper wechselte ins Transparente.
Dann war er verschwunden.
Einfach weg!
Die Männer der Silver Star konnten es nicht glauben.
Dan fasste sich zuerst. »Er war nicht wirklich hier. Nur sein Astralkörper.«
»Sein … was?«, knurrte der bodenständige Sam Bush.
Dan setzte zu einer Erklärung an, da stöhnte die Corsarin auf.
»Sie kommt zu sich!«, rief Dan.
Da rief einer der Männer: »Die Vaubernier ist weg!«
»Bullshit!«, stieß Sam aus. Dann winkte er ab. »Estrella ist wichtiger und dann nichts wie auf’s Schiff!«
In kürzester Zeit war Estrella befreit. Da trampelten zahllose Stiefelsohlen durch die unterirdischen Gänge.
»Mist! Die Palastwache!«, raunte Dan nervös.
»Dann sollten wir verschwinden!«, grunzte Sam und ergriff die noch etwas wacklige Estrella am Arm.
Sie hasteten den Weg zurück, doch die Flucht durch das Kirchenschiff wurde ihnen versperrt. Es wimmelte von Soldaten.
»Da sind sie!«, rief einer der bewaffneten Soldaten.
Die Männer der Silver Star, Estrella und die Zeitreisenden rannten zurück in den Gang.
»Wie kommen wir hier heraus?«, rief Dan seiner Gefährtin zu.
Claires Gedanken wirbelten. Sie erinnerte sich nur an ein Gewirr von Gängen auf dem Plan. Alles in ihrem Kopf lief plötzlich durcheinander.
Sie erreichten wieder die Gabelung. »Da lang!«, rief die junge Frau.
Der Gang zog sich eng und gewunden durch den Untergrund. Das Geräusch der trampelnden Schritte hinter ihnen verebbte. Vermutlich hatten die Soldaten einen anderen Abzweig genommen. Claire lief weiter und zeigte dann auf eine Klappe im Boden.
»Soweit ich mich an den Plan erinnere, führt hier eine Leiter zu einem Abwasserschacht. Er wird benötigt, um ab und zu die Zisterne zu entleeren. Der Schacht führt zum Hafen.«
Sie sollte recht behalten. Sie erreichten eine Öffnung und konnten so auf einen abgelegenen Teil der Lagune sehen.
»Da!«, rief Dan aus und zeigte nach vorn.
Wie ein Scherenschnitt zeichnete sich die SCHWARZE FREGATTE ab. Der Mond hatte sich einen Weg durch die Wolkendecke gebahnt und beschien das Meer. Doch nur eine halbe Minute später wurde das Schiff wieder von der Schwärze verschluckt.
»Teufel!«, rief Claire. »Wir müssen dem Schiff folgen. Sanfold ist mit Sicherheit dort!«
Die Corsarin hielt Claire am Arm fest.
»S-a-n-f-o-l-d ..? Wer ist das?«
»Ein Verrückter … ich kann dir das jetzt nicht erklären!«
Estrella ließ nicht locker. »Wer bist du? Weshalb wolltest du mit mir sprechen?«
Claire seufzte. »Um möglicherweise das zu verhindern, was jetzt geschehen ist.«
»W a s weißt du?«, kam es gefährlich von der Corsarin.
Claire verdrehte die Augen, was Estrella jedoch in der Dunkelheit nicht sehen konnte. »Leider viel zu wenig«, kam es leise über Claires Lippen.
Estrella befahl Sam die beiden Zeitreisenden an Bord der Silver Star zu bringen. »Ich muss zum Dogen!«
Sam hielt sie fest. »Captain! Das ist gefährlich!«
»Haben Sie meinen Befehl nicht verstanden, Mr. Bush?«, knurrte die Corsarin nur.
»All right, Lady Captain«, entgegnete der Alte. »Abmarsch!«
Man nahm die beiden Zeitreisenden in die Mitte.
»Mit Sanfold stimmt etwas nicht«, raunte Claire ihrem Gefährten zu.
»Das ist bekannt!«, kam es trocken zurück.
»Quatsch!«, stieß Claire aus. »Mit seinem Astralkörper! Ich habe nie gehört, dass ein Astralkörper sprechen kann.«
»Hm«, machte Dan. »Da ist was dran. Er könnte eine Art Dopplereffekt beherrschen.«
Claire bestätigte die Vermutung. »Er ist in der Lage, seinen Körper zu duplizieren. Allerdings wird ihn das viel Kraft kosten. Das wäre unsere Chance.«
»Es wäre Zeit, eine Drohne loszuschicken.«
Claire winkte ab. »Die Fregatte ist schon zu weit draußen. Später!«
Sie folgten mit den Männern der Silver Star dem Pfad, der an der Lagune entlang zum Hafen führte.
Wie aus dem Nichts stürmten Bewaffnete auf die Gruppe zu.
»Hell and Damnation«, schrie Sam und riss seinen Degen aus dem Futteral. Ein wilder Kampf entbrannte. Die Waffen klirrten und die Luft erfüllte sich mit wilden Flüchen. Instinktiv waren Claire und Dan hinter ein Strauchwerk gesprungen.
»Wir haben keine Waffen«, flüsterte Claire.
Dan griff in die Innentasche seines kurzen Umhangs. »Wir haben das hier!«
Claire staunte. »Ein Elektroschocker? Ich wusste gar nicht, dass du mit so was herumläufst.«
»Ist auch nicht meine Art, aber während du den Palastgrundriss auswendig gelernt hast, dachte ich eher an etwas Praktisches.«
Sie saßen eng geduckt hinter dem Busch, während sie sahen, wie die Männer der Silver Star alle Register der Kampfkunst zogen. Tatsächlich schafften sie es, von den mindestens fünfzehn Mann - niemand hatte die Angreifer genau gezählt - wenigstens acht auszuschalten.
»Der Alte kämpft wie ein Löwe«, bemerkte Dan mit voller Hochachtung, als er Sam kämpfen sah.
Den Männern gelang es, sich langsam vorzuarbeiten und näherten sich dem Hafen. Als nur noch zwei Angreifer voll einsatzfähig waren, rannten sie los. Die SILVER STAR zeichnete sich in der Ferne ab.
Die beiden Zeitreisenden blieben in ihrem Versteck. Der Hauptmann der Palastwache wischte sich fluchend Blut von der Stirn und versuchte seine Leute zu sammeln. Missmutig zogen sie ab.
Claire und Dan warteten noch.
»Was tun wir?«
Claire wies nach links. »Da hinüber. Zu dem Haus.«
In einer Entfernung von vielleicht fünfzig Metern stand ein einsames Haus mit einem vornehmen Säulenportal. Ein weiter, dicht bewachsener Vorgarten lag hinter einer niedrigen Einfassungsmauer.
Rasch hatten beide den Vorgarten erreicht. Ein Fenster im Erdgeschoss des Hauses wies Licht auf. Die Zeitreisenden schlichen sich an. Behutsam versuchten sie einen Blick ins Innere zu erhalten. Claire stieß Dan an.
»Das ist doch diese Frau … Madame Lange oder …«
»Ja«, machte Dan fast unhörbar. »Mit einem Mann, dem sie einen versiegelten Umschlag überreicht.«
Tatsächlich sprach die Frau auf einen Mann in vornehmer Kleidung ein. Der nickte mehrmals und verließ das Zimmer. Die beiden jungen Leute hatte eben noch Zeit hinter einem Oleander zu verschwinden, als sich auch schon die Haustür öffnete.
»Mit der Dame stimmt eine Menge nicht«, flüsterte Dan.
Claire konnte das nur bestätigen. »Wir sollten dem Burschen folgen.«
»Das ist gefährlich!«
»Sicher - aber vielleicht führt uns das dem Rätsel etwas näher. Hier scheinen zwei Parteien dieselben Interessen zu haben. Wenn auch unabhängig voneinander.«
Der Mann zog gegen den immer noch anhaltenden Regen den Umhang fester um die Schultern.
Claire und Dan warteten noch einen Moment, dann hefteten sie sich an seine Spur. Der Unbekannte überquerte den Markusplatz und schwenkte zur Basilica San Marco, um dann zur Kirche San Zaccaria zu wenden. Hohl klangen die Schritte des Mannes in der Gasse. Claire und Dan lebten ständig in der Angst, auf Soldaten des Dogen zu stoßen.
»Wieso sind die Palastwachen eigentlich hinter den Freunden der Corsarin her? Ich denke, sie ist mit dem Dogen befreundet?«, fragte Dan halblaut.
Claire hob ein wenig die Arme. »Entweder unser Professor hat das eingefädelt oder diese merkwürdige Dame.«
Der Fremde verschwand durch ein Seitenportal der Kirche. Die Zeitreisenden beschleunigten ihre Schritte. Sie schafften es, ungehört und ungesehen die Kirche zu betreten. Auf dem Altar und in den Säulenhalterungen brannten Kerzen. Es roch stark nach Weihrauch.
Sie nahmen hinter einer mächtigen Säule Deckung. Von hier aus konnten sie sehen, dass der Mann einem Priester den Umschlag übergab.
»Das muss mit einem Geheimkurier auf dem schnellsten Wege nach Versailles«, sagte der Mann und drückte dem Priester einige Geldscheine in die Hand. Dann verließ er die Kirche raschen Schrittes.
»Was nun?«, wollte Claire ratlos wissen.
»Abwarten«, flüsterte Dan.
Der Priester ließ den Umschlag unter seiner Soutane verschwinden und ging durch eine Tür, die wohl zur Sakristei führte. Die Zeitreisenden überlegten einen Moment, ob sie dem Priester folgen sollten.
»So nützt uns die Information überhaupt nichts«, zischte Claire und zog Dan mit sich.
Als sie unter allen Vorsichtsmaßnahmen die Sakristei betreten hatten, hielt sich hier niemand auf.
»Shit!«, stieß Dan aus.
Die Möblierung des Raumes bestand nur aus einem rohen, wacklig aussehenden Tisch, zwei Stühlen und einem staubigen Regal. Letzteres beherbergte vier Gesangbücher. Doch Claires Augen saugten sich an dem versiegelten Umschlag fest, der auf dem Tisch lag. Der Priester musste ihn dort abgelegt haben.
Aber wo war der Mann?
Rasch machte die junge Frau zwei Schritte auf den Tisch zu, ergriff den Umschlag und steckte ihn unter ihren Umhang.
»Was denkst du, was darin ist?«, flüsterte Dan fragend.
»Die Seite des Buches, was sonst?!«, kam es zurück. »Lass uns verschwinden.« Claire lief auf die Tür zur Kirche zu und öffnete sie. Da prallte sie zurück.
Direkt vor ihr stand … Sanfold!
Geistesgegenwärtig knallte sie die Tür wieder zu, drehte den klobigen Schlüssel herum und fasste Dan fest am Arm, sodass er einen unterdrückten Schrei von sich gab. Sie zerrte den Gefährten zu einer anderen, bogenartigen Pforte. »Da hinauf!«
Eine Treppe führte in den Glockenturm. Sie hasteten die Stufen hinauf. Von unten vernahmen sie kräftige Schläge gegen die versperrte Tür.
Die hölzernen Stufen zum Glockenraum knarrten protestierend. Es roch muffig. Nach altem Holz und feuchtem Gemäuer.
Ein Krachen ertönte dumpf. Sanfold musste die Tür unten gesprengt haben. Da hörten sie auch bereits hastige Schritte und Keuchen. Der Professor war hinter ihnen her.
Die beiden Zeitreisenden hasteten weiter aufwärts. Ein Podest kam in Sicht.
Dan, der jetzt voraneilte, blieb plötzlich stehen, als sei er vor eine Wand gelaufen. Claire stieß gegen ihn.
»Was ist …?«
Dann sah auch sie es und mochte es nicht glauben.
Oben auf dem Podest stand … der Professor. Er grinste ihnen dämonisch entgegen.
Claire wirbelte herum. Sie schaute über das dünne hölzerne Geländer abwärts.
Die Person, die ihnen von unten folgte, schaute auf und sie blickte direkt in die rötlich glühenden Augen von Sanfold.
»Er hat sich wieder dupliziert!«, japste sie.
Sanfold Eins setzte sich nun von oben in Bewegung und kam Schritt für Schritt auf knarrenden Stufen auf die Zeitreisenden zu, während Sanfold Zwei ebenfalls langsam von unten heraufstieg.
Die beiden ‚Sanfolds’ wollten sie in die Zange nehmen.
»Siehst du das?«, flüsterte Dan.
»Was?«
Dans Augen blickten leicht fiebrig. »Er kann die Schnelligkeit der beiden Körper nicht separat steuern.«
»Das hilft uns jetzt wenig«, zischte Claire zurück.
»Vielleicht doch!«
Dan stürmte plötzlich vor und rammte Sanfold, der von oben kam. Der Professor war auf diese Aktion nicht gefasst. Er strauchelte. Dan zog an seinem linken Arm und Sanfold stürzte die Treppe hinab. Haarscharf an Claire vorbei.
Da geschah Seltsames. Auch der andere Sanfold verlor das Gleichgewicht und beide polterten die Treppe hinunter.
»Komm!«, schrie Dan und rannte weiter aufwärts.
Claire sah noch aus den Augenwinkeln einen Lichtblitz. Doch sie kümmerte sich nicht darum.
Sie erreichten das Podest, direkt unter den Glocken.
Sie schauten nach unten. Von den beiden Körpern des Professors sahen sie nichts mehr.
»Sie sind beide verschwunden«, keuchte Dan.
Doch dann begannen die Glocken zu schwingen.
Langsam erst - dann immer schneller.


Die Corsarin drückte sich eng an die Wand des kleinen Flures.
Direkt vor ihr befand sich eine geöffnete Tür und von dort vernahm sie deutlich zwei Stimmen.
Eine gehörte zweifellos dem Dogen.
»Madame Aragon hat nichts damit zu tun.«
»Da bin ich anderer Auffassung, Exellence«, erwiderte eine andere männliche Stimme, die Estrella nicht kannte. »Die Corsarin unterstützt die Aufständischen in Amerika und da ist ihr jedes Mittel recht. Wenn sie euch ausschaltet, kommt es zu Spannungen zwischen England und Frankreich. Jede Macht wird der anderen den Anschlag anlasten wollen. Das kann Washington zum Vorteil gereichen. Er ist dabei, eine Armee zu sammeln.«
»Unsinn!«, kam es wieder vom Dogen. »Außerdem lebe ich noch!«
»Das ist vielleicht nur ein Glück.«
Einen Moment war es still. Dann sagte die Stimme: »Außerdem hat die Mannschaft der Silver Star die Palastwache angegriffen.«
»Ich … kann es nicht glauben«, antwortete der Doge mit brüchiger Stimme.
»Sicher ist sie auch für den Tod von Trevor Saxon verantwortlich.«
»Was?«, kam es erschreckt. »Saxon ist tot?«
»Ja Exellence. Wir fanden ihn vor einer halben Stunde. Ihm wurde die Kehle durchtrennt. Mit einem Entermesser.«
Estrellas Gedanken wirbelten. Da trieb jemand ein ausgekochtes Spiel. Steckte Madame Vaubernier dahinter?
Aber wer war dieser andere Kerl - dieser Sanfold? Englischer Agent? Stand er im Dienste der Vaubernier und machte doppeltes Spiel?
»Di Vagio - nehmt die Corsarin fest. Blockiert den Hafen!”
Estrella setzte zur Flucht an. Sie musste zum Schiff, dann würde man weiter sehen.
Sie rannte auf das Treppenhaus zu. Es zeigte sich leer. Sie sprang seitlich auf das breite Geländer und rutschte zum Untergeschoss herab.
Hinter einer gewaltigen griechischen Amphore konnte sie sich eben noch verstecken, als zwei Wachsoldaten durch das Hauptportal stürmten. Sie rannten die Treppe hinauf. Estrella sprang hoch und stand wenig später auf dem Hof.
Auf Umwegen erreichte sie nach zwanzig Minuten die Silver Star.
»Volle Leinwand, Trossen kappen. Avanti Mr. Bush!«, schrie sie über das Deck.
Dann fiel ihr ein: »Wo sind die beiden jungen Leute?«
Der Erste Offizier hob hilflos die Arme.
»Später! Wir müssen weg! Der Doge lässt den Hafen blockieren!«
Jetzt kam Leben in die Mannschaft.
Binnen Rekordzeit legte das Schiff ab. Als die ersten Palastwachen den Hafen erreichten, schwamm die Silver Star schon weit draußen in der Lagune.
»Kurs?«, erkundigte sich Sam Bush kurz.
»Südost - später halbe Leinwand und Ost.«
»Ay, ay - Lady Captain!«
Burg Rauenfels - zeitgleich
»Keine Reaktion vom Team?«
Markui trommelte nervös auf der Tischplatte herum. Müller starrte auf den PC.
»Wie abgeschnitten.«
Markui sprang aus dem Drehsessel auf. »Das hatten wir schon einmal. Erinnern Sie sich? Als die beiden auf Königin Geneviers Burg weilten. Da hing dieser Komet über der Erde.«
»Ja«, gab Müller zurück. »Aber zu dieser Zeit jetzt gibt es keine kosmischen Einflüsse zu verzeichnen. Allerdings habe ich hier ein Signal, dass Claires Uhr außer Funktion ist.«
Markui starrte den Sprecher an. »Wie das?«
Müller zuckte mit den Achseln. »Entweder ein Defekt oder sie hat sie verloren.«
»Das fehlt auch noch. Gehen Sie auf Suchfrequenz! Können wir eine Drohne starten?«
»Sicher, aber das könnte für das Team im ungelegensten Moment sein.«
Markui nickte. »Okay! Warten wir noch etwas ab.«
Venedig 2. Juni 1763 / 4 Uhr morgens
Die Glocken begannen zu dröhnen.
Claire und Dan hielten sich die Ohren zu. Ihre Gehirne vibrierten trotzdem schmerzhaft. Dabei hatte das Geläut längst noch nicht seine gesamte Kapazität entwickelt.
»Wir müssen hier raus!«, signalisierte Dan mit flackernden Augen.
Claire beugte sich aus dem schmalen Fenster. In scheinbar unendlicher Tiefe lag die Straße. Glatt schien ihr die Turmwand höhnisch entgegenzulachen. Oder befand sich das Lachen in ihrem Kopf? War es Sanfold?
Fest stand, dass ihnen in weniger als drei Minuten das Blut aus Ohren und Nase schießen würde, wenn sie nicht aus dem Bereich der Schallwellen herauskamen.
Claire blickte nach oben. Dort der Dachfirst. Eine Kante. Mit etwas Geschick konnte man sie erreichen. Wenn es nicht abwärtsging, dann eben weiter hinauf. Hauptsache aus dem Geläut heraus.
Die junge Frau schwang sich auf die Fensterplattform und krallte sich mit einer Hand am Mauerwerk fest. Dazu musste sie die Hände von den Ohren nehmen. Sogleich gewann sie den Eindruck, ein riesiger Hammer würde auf ihren Kopf schlagen. Rasch schob sie den Oberkörper durch die Öffnung, reckte sich und konnte mit den Fingerspitzen der anderen Hand den First greifen. Langsam zog sie sich hoch. Vor ihren Augen drehte sich alles. Ihr Magen rebellierte. Doch dann zog sie sich hoch. Das Geläut wurde erträglicher.
Dan hatte seine junge Gefährtin beobachtet und erkannte, dass sie das einzig Richtige unternahm.
Bald saßen sie auf der Mauer des flachen Daches. Von unten musste es wie ein römischer Wehrturm aussehen.
Das Mauerwerk vibrierte mächtig, aber es bestand nicht die Gefahr eines platzenden Trommelfells.
»Wir können nicht ewig hier sitzen bleiben«, schrie Dan gegen den Lärm an.
Claire fuhr sich durch das Haar. »Das Geläut wird ja auch mal aufhören.«
Tatsächlich spürten sie, wie die Glocken unendlich langsam ausschwangen.
Nachdem der letzte Ton verklungen war, wirkte die Stille paradiesisch. Der Kopfschmerz ließ nach.
»Jetzt schnell!«, rief Dan. »Wir rutschen an den Glockenseilen herunter.«
»Bist du lebensmüde?« Claires Gesicht drückte wahres Entsetzen aus.
»Lebensmüde bin ich, wenn ich hier oben sitzen bleibe.«
Von oben zurück durch das Fenster zu kriechen stellte sich weit schwieriger dar als umgekehrt. Beinahe wäre Claire abgerutscht, wenn Dan sie nicht im letzten Augenblick festgehalten hätte.
»Du willst mich doch hier nicht allein lassen?!« stieß er hervor.
Endlich hatten sie es geschafft. Dan sprang als Erster auf eines der Glockenseile zu. Die Glocke gab ein leichtes Klong von sich.
Claire atmete mehrfach tief und sprang gleichfalls. In rasanter Fahrt ging es abwärts. Dabei ließ es sich nicht vermeiden, dass sich die beiden die Handflächen verbrannten.
»Das heilt wieder«, knurrte Dan, als sie glücklich auf dem Boden ankamen.
Von dem Professor fanden sie keine Spur. Ungesehen konnten sie die Kirche verlassen.
Durch enge, verwinkelte Gassen suchten sie den Weg zum Hafen.
Beinahe hatten sie den Kai erreicht, als jemand rief: »Da sind sie!«
Nur mit einer wahnsinnigen Portion Glück hatten sie die Soldaten abhängen können.
Jetzt duckten sie sich hier in den Hauseingang, völlig ausgepumpt und nass und die Silver Star war weg.


Blitzschnell eilten die letzten Ereignisse vor Claires geistigem Auge vorbei, als sie Dan’s Hand spürte. »Grübel nicht! Wir müssen was tun, bevor die Bande uns doch noch erwischt.«
Claire schreckte hoch.
Himmel - es war wie ein Film. Doch jetzt spürte sie die Kälte und Nässe wieder. Die gerufenen Befehle, das Stampfen von Stiefeln und Klirren von Waffengehängen drang an ihre Ohren.
»Dan - wir sitzen in der Falle. Zurück geht es nicht und dort ist das Wasser.«
»Markui muss uns hier herausholen!«, stöhnte Dan. Er legte die Uhr an seinem Handgelenk frei. Er schluckte. Sein Mund wurde trocken wie die Wüste Sahara. »Oh nein ...«
»Was ist?«, fragte Claire mit einem Zittern in der Stimme.
Dan zeigte auf das Gehäuse der Spezialuhr. Das Zifferblatt wies Risse auf und ein Zeiger war abgebrochen. »Das muss bei dem Zusammenstoß mit Sanfold passiert sein. Ich bin mit dem Arm gegen das Geländer gestoßen.«
»Ich denke, die Uhren sind stoß- und bruchfest?«, krächzte die junge Frau.
»Ja, aber alles hat Schwachpunkte.«
Die Stimmen der Verfolger kamen näher.
Da vernahmen sie eine unterdrückte Stimme. Sie kam von der Mole her. Claire sah es zuerst. Eine Hand. Sie ragte über die Mauer und machte ihnen Zeichen. Dazu ein Stück eines Hutes, dass sie erkannte.
Sam Bush!
»Rasch!«, rief sie ihrem Gefährten zu.
Gleichzeitig sprangen sie hoch, rannten über das grobe Pflaster und katapultierten sich förmlich in das Boot. Sie saßen noch nicht ganz, da legten Sam und Diego bereits ab. Gischt spritzte ihnen entgegen. Der Wind nahm erschreckend zu. Die ersten Musketenschüsse sausten ihnen um die Ohren. Die Projektile klatschten aber ungefährlich ins aufgewühlte Wasser. Die beiden Männer ruderten wie besessen und bald befanden sie sich außer Reichweite der Schützen. Die wilde Fahrt dauert wohl zwanzig Minuten, da tauchte wie ein Schemen aus einer anderen Welt die Silver Star im Frühdunst auf.
»Wir müssen uns beeilen!«, rief Sam. »Estrella muss hier weg!«
Über eine Strickleiter ging es an Deck.
»Was ist mit der schwarzen Fregatte?«, wollte Dan schwer atmend wissen.
»Genau darum geht es. Aber Estrella hat ein paar Fragen an euch. Kommt!«
In der Kapitänskajüte standen Estrella und ihre Schwester Helen am Kartentisch und blickten im Schein einer flackernden Laterne den beiden Zeitreisenden entgegen.
Estrella kam aus der gebeugten Haltung hoch und musterte beide eingehend. Dann kam sie auf Claire zu.
»Es wäre gut, wenn du mir einige Fragen beantworten würdest«, sagte sie leise, aber mit einem nicht zu überhörenden drohenden Unterton.
Claire nickte. »Zuerst … wir sind nicht euer Feind, Madame Aragon. Wir jagen jemanden, der Unheil anrichtet und auch mit dem Angriff auf den Dogen zu tun hat. Mit dabei ist eine gewisse Madame Vaubernier, die ihr ja kennt.«
Claire sprach das Spanische mit unverkennbarem amerikanischem Akzent.
Estrella hob die Augenbrauen und auch Helen kam etwas näher.
»Eure Sprache hört sich merkwürdig an. Es hat einen Einschlag, den ich nicht einordnen kann, der mir aber doch etwas bekannt vorkommt. Ihr seid Engländerin?«
Claire lächelte. »Amerikanerin.«
Estrella und Helen sahen sich an. Dann wandte die Corsarin den Blick wieder zu der jungen Frau. »Ihr bezeichnet euch als Amerikanerin?«
Claire lächelte freundlich. »Es überrascht euch?«
»Allerdings!«
Dan stieß seine Gefährtin an, doch diese schüttelte den Kopf. »Dan«, sagte sie zu ihm. »Estrella Avilla de Aragon können und müssen wir vertrauen. Sonst kommen wir keinen Schritt weiter und Sanfold erreicht sein Ziel.«
Die Augen der Corsarin hatten sich zu Schlitzen zusammengezogen. Claire sprach sie direkt an.
»Madame, ich weiß sehr viel über Sie. Das, was Sie bisher getan haben und … was Sie tun werden.«
Als Estrella eine wütende und gleichzeitig ungläubige Reaktion zeigte, hob die junge Frau beruhigend die Hand. »Captain - geben Sie Anweisung der schwarzen Fregatte zu folgen. Danach werden wir Ihnen alles erzählen. Es wird bei Ihnen den Anschein erwecken, als seien wir verrückt, aber ich schwöre Ihnen - es ist die Wahrheit. Bei ihrer Mutter Albany.«
Nachdem Claire den Namen ausgesprochen hatte, wechselte Estrellas Gesichtsfarbe von blass nach rot und wieder zurück. Auch Helen starrte die Zeitreisende sprachlos an.
»Vertrauen Sie mir, wie ich Ihnen vertraue«, setzte Claire nach.
»Was … weißt … du … von Albany?«, stammelte die Corsarin.
»Madame! Die Zeit eilt!«, warf Claire ein.
Helen schaltete rascher.
Sie stürzte zur Kajütentür, riss diese auf und schrie über das Deck: »Mister Bush! Volle Leinwand! Kurs Süd! Vielleicht erreichen wir die Fregatte noch. Sie ist sehr schwerfällig bei der rauen See.«
Dann kehrte sie in den Raum zurück. Sie legte ihrer Schwester die Hand auf die Schulter und deutete mit der anderen Hand auf zwei Stühle vor einem antik wirkenden Schreibtisch.
»Lasst uns einen Becher Wein trinken und dann erzählen Sie uns Ihre Geschichte.«
Sie nahmen Platz.
»Es wird Ihnen haarsträubend vorkommen«, erklärte Dan.
Während die Corsarin schwieg, schenkte Helen Wein ein. »Wir werden sehen.«
Eine halbe Stunde später blickten Estrella und Helen die beiden Zeitreisenden an wie Gespenster.
Dan rettete die Situation. Er nahm seine Spezialuhr mit dem geborstenen Glas ab und legte sie auf den Tisch.
»Haben Sie so etwas schon einmal gesehen?«
Estrella und Helen beugten sich vor. Zögernd nahm die Corsarin die Uhr in die Hand.
»Das ist kein … Kompass …«
»Nein!«, erklärte Dan. »Eine Uhr. Aber zu Ihrer - ähm … dieser Zeit noch nicht in solcher Art erfunden.«
Plötzlich sprang die Corsarin auf und rannte zur Kajütentür. »Mister Bush!«
Wenig später tauchte der Erste Offizier der Silver Star auf. Sein Blick war fragend.
Estrella hielt ihm die Armbanduhr hin. »Du besitzt doch so eine Uhr an einer Kette.«
Der Alte nickte und zog den Chronometer hervor. Das goldfarbene Gehäuse zeigte sich sehr abgestoßen. »Hab ich mal einem Pfeffersack abgenommen. Ist an Land sehr nützlich. Auf dem Meer verlasse ich mich mehr auf die Sterne und die Sonne.«
Dann blickte er auf die Armbanduhr. »Nanu?« Er griff danach. »Sehr klein. Eine neue Erfindung? Habe ich noch nie gesehen. So viele Zeiger und Zahlen …«
Dan war aufgestanden. »Drücken Sie auf den Knopf an der Seite.«
Sam blickte kurz auf, dann tat er es. Sogleich blinkten die Digitalziffern der Stoppuhr auf.
Der Alte zuckte verblüfft zusammen. »Thunderstorm! Was ist das?«
Er starrte mit geöffnetem Mund von der Uhr zu Dan und wieder zurück.
Als Claire langsam aufstand und den Begriff Aalbanys Land nannte, rastete die Corsarin aus.
»Verfluchte englische Brut! Ihr seid verdammte Spione! Niemand kennt Albanys Land!« Sie wollte Claire an die Gurgel. Helen konnte noch rechtzeitig hinzuspringen.
»Halt, Estrella! Beruhige dich!«
Es gelang ihr, sowohl die Schwester wie auch Sam an den Tisch zu bugsieren.
Dan, dem der Schweiß auf der Stirn stand, kramte in seinen Taschen. Dann hatte er seinen Ausweis gefunden und warf ihn auf den Tisch. Claire bekam kugelrunde Augen, glaubte sie doch, dass sie alle vier nichts mehr aus ihrer Zeit vor den Zeitreisen besaßen. Wie Dan es geschafft hatte, seinen Ausweis über alle Reisen hinweg zu retten, war ihr ein Rätsel, momentan aber nebensächlich.
Helen nahm das Dokument und blickte total irritiert auf das Foto und dann auf das, was dort verzeichnet war.
»Washington wird siegen und Amerika wird unabhängig werden. Es ist in unserer Zeit eine der größten Weltmächte«, sagte Dan mit beherrschter Stimme.
Es brauchte noch längere Zeit, bis Estrella, Helen und Sam alles verdaut hatten.
Dann zog Claire den versiegelten Umschlag aus ihrem Umhang. Sie öffnete ihn und zog die Seite des Buches heraus.
»Auf das sind einige Leute scharf. Vor allem unser Professor Sanfold, der ebenfalls ein Zeitreisender ist.«
Sam schnaufte. »Wenn ich das richtig sehe - wobei in meinem Kopf alles wirbelt - seid ihr so eine Art Zeitpolizei …«
Dan lachte. »Das wäre übertrieben zu sagen, aber wir versuchen Unheil zu vermeiden.«
Helen zog die Buchseite zu sich herüber. Sie beugte sich darüber und murmelte: »Das sieht aus wie magische Formeln …« Sie schüttelte den Kopf.
Claire griff nach dem Blatt. »Ich habe es mir auch noch nicht so genau angesehen.«
Dan beugte sich zu ihr. Dann schüttelte er den Kopf. »Einiges kommt mir irgendwie bekannt vor, aber ich kann es so nicht einordnen.«
Claire hob den Kopf und schloss die Augen.
»Himmel! Dan … es handelt sich bei dem Buch des Dogen um die Urfassung des Tabula Smaragdina.«
»Was?« Dan machte runde Augen. »Wie kommst du darauf?«
»Denke mal nach.«
Nun erzählte Claire die Geschichte, die sie Semper Augustus genannt hatten.
Als sie geendet hatte, fiel es auch Dan wie Schuppen von den Augen. »Das Tabula Smaragdina brachte ihn nicht weiter, weil einige Angaben fehlen, die hier verzeichnet sind.«
»Genau das ist es«, bekräftigte Claire.
Dan fuhr sich mit den Händen durch das bereits wirre Haar. »Aber was hat Sanfold vor?«
»Tja - das müssen wir herausfinden. Dazu benötigen wir aber die Hilfe von Madame Aragon und ihren Gefährten.«
Helen, Estrella und Sam schauten die beiden Zeitreisenden immer noch verwirrt an. Helen fasste sich zuerst.
»Die ganze Geschichte ist absolut verrückt. Wirr! Abstrus! Aber ich glaube euch.«
Estrella schnaubte. »Sollte sich herausstellen, dass ihr englische Spione seid, lasse ich euch zwanzigmal Kielholen, bis nichts mehr von euch übrig ist.« Sie stand auf. »Mister Bush - weisen Sie unseren Gästen ein Quartier zu.«
»Ay, ay - Lady Captain.«


Markus Becker schlug mit der Faust auf den nierenförmigen, ausladenden Tisch.
»Immer noch kein Kontakt! Ich werde wahnsinnig! Hoffentlich ist da nichts passiert!«
Seine Sorge war nicht unberechtigt. Schließlich wusste man nie, in welche Situationen man bei einem Zeitsprung kommen konnte. Zum Beispiel könnte man mitten in einem Aufstand landen. Oder einer gewaltigen Schlacht. Bei aller Vorrecherche gab es ja immer noch Lücken in der Historik und viele Dinge der Archäologen stellten lediglich Arbeitshypothesen dar. Das geschichtliche Wissen besaß jede Menge Lücken.
»Fehlsprung?«, fragte Markui knapp. Techniker Müller schüttelte den Kopf.
»Nein - das Datum des Ziels ist korrekt.«
»Okay, okay … langsam und ruhig.« Markuis Finger trommelten nervös. Er musste sich innerlich zur Ordnung rufen. Er richtete den Blick auf Müller. »Recherchieren, ob es etwas gibt in Bezug auf die Ereignisse in Venedig, was wir nicht wissen. Sagen wir … ein halbes Jahr später.«
Müller atmete scharf aus. Dann ging er über den PC in sein selbst entwickeltes Spezialprogramm. Damit hatte er auf gewisse Suchworte Zugang zu allen historischen Archiven und Bibliotheken der Welt der Timetraveller. Er gab die Suchworte Doge, Schwarze Fregatte, Venedig und Unruhen ein.
Rasend schnell liefen die Informationen über den Bildschirm. Dann blieb er auf einer Zeile stehen.
Doge schickt Flotte nach Ägypten, stand da.
»Ägypten? Weshalb?«, fragte Markui gedehnt.
Müller recherchierte weiter, wurde aber nicht fündig.
»Wann wurde die Flotte geschickt?«
»Am 18. Juni 1763.«
Markui ließ sich in den Drehsessel sinken. »Also hat der Doge den Anschlag überlebt. Aber, was zum Teufel, sollte eine venezianische Flotte in Ägypten?«


Die See schäumte und die Silver Star rollte mächtig.
Dan lag in der Koje und kämpfte mit der Übelkeit. Claire machte das weniger aus. Sie stand neben dem Ersten Offizier am Bug und blickte fasziniert auf die gewaltigen Wogen.
»Wie sollen wir die Fregatte bei diesem Inferno finden?«, rief Claire gegen den Wind an. Segel und Takelage knarrten und quietschten.
Sam Bush unternahm einen vergeblichen Versuch, seine alte Tabakspfeife in Gang zu bringen.
»Keine Ahnung, Mädel. Estrella hat weiter Kurs Süd angeordnet.«
»Weshalb?«
Sam steckte die Pfeife weg. »Frag sie besser selbst.«
Claire schaute zum Kapitänsdeck hinauf. Dort stand die Corsarin wie eine Göttin aus einer mystischen Welt. Das lange schwarze Haar flog im Sturm. Die Beine hielt sie gespreizt gegen das Rollen, die Arme hielt sie wie ein Feldherr vor der Brust verschränkt.
Den Blick hatte sie stur geradeaus gerichtet.
Claire hangelte sich zur Treppe und erklomm das sechsmal sechs Meter Deck.
Estrella sah sie nun an. »Kotzt dein Freund uns die Bude voll?«, kam es sarkastisch.
»Ich hoffe nicht«, gab die junge Frau zurück.
Sie hielt sich neben der Corsarin an der Reling fest. Die Silver Star schoss in ein Wellental hinab. Estrella änderte dabei ihre Haltung kein bisschen.
»Macht dir das nichts aus?«, rief Claire und hatte Mühe, einen festen Stand zu behalten.
Die Corsarin lachte laut auf. »Mädchen - das ist gar nichts! Fahre mal um das Kap Horn. Dann kannst du mich fragen!«
Claire presste die Lippen zusammen. Endlich wollte sie wissen: »Wieso hältst du Kurs auf Süden?«
Nun erst wandte die Corsarin den Kopf.
»Du willst doch diesen Sanfold erwischen - oder? Auch ich möchte ihm den Arsch versohlen.«
»Teufel! Woher willst du wissen, dass die Fregatte den Kurs nach Süden genommen hat?«
Erneut lachte die Corsarin und in ihren Augen schien ein Höllenfeuer zu glimmen. »Weil er nach Ägypten muss.«
Claire blickte Estrella nun an wie ein Weltwunder. »Ägypten? Wieso? Wie kannst du das wissen?«
»Er sucht doch den Stein der Weisen.«
»Ja … aber … wieso weißt du …?«
Estrella ergriff Claire am Arm. »Komm mit in die Kajüte.« Sie warf einen abschätzenden Blick auf die Zeitreisende und bemerkte dann noch: »Du solltest dir was anderes anziehen.«
In der Kapitänskajüte fühlte sich Claire trotz des Seegangs wohler. Hier pfiff ihr nicht der Wind um die Ohren.
Helen markierte gerade ihre Position auf einer Seekarte. »Wenn der Sturm so weiter bläst, sind wir in zwei Tagen am Nildelta. Wir müssen aber bald auf Ost wechseln.«
Ihre Schwester Estrella nickte. »In einer Stunde.«
Dann sagte sie zu Claire gewandt: »Zieh diese Stutzerkleidung aus.«
Mit diesen Worten stieß sie mit dem linken Fuß eine Kiste in die Mitte der Kajüte. »Such dir da was Zweckmäßiges raus.«
Kurz darauf steckte Claire in einer halblangen Hose, einer Rüschenbluse und trug einen breiten Gürtel um die Hüften.
Estrella grinste. »So gefällst du mir schon besser«, gab sie von sich.
Helen kam auf Claire zu und zupfte ihr die Bluse zurecht. »Jetzt könntest du beim Enterkommando mitmachen.« Dann meinte sie: »Leider haben wir keine passenden Stiefel für dich.«
Die Corsarin klopfte Claire auf die Schulter. »Wir fahren ja nicht nach Grönland. Außerdem hast du barfuß einen guten Halt auf den Planken.«
Claire schaute auf ihre nackten Füße herab und verzog das Gesicht. »Muss das sein? Ich fühle mich etwas entblößt.«
Estrella winkte ab. »Reine Gewohnheit. Du kannst dann auch mit mir gleich besser ins Krähennest klettern.«
Die junge Zeitreisende wurde blass. »Was? Da rauf? Bei dem Geschaukel?«
Die Corsarin machte ein höhnisches Gesicht. »Ha! Das Püppchen hat Angst!«
Claire wurde wütend. »Verdammt! Habe ich nicht! Aber ich bin auch nicht lebensmüde!«
Helen mischte sich ein. »Sie ist das nicht gewöhnt. Ich konnte das auch nicht von Anbeginn. Also reg dich ab.«
Die Corsarin schnaubte und verließ die Kajüte. Claire sank auf einen der französischen Stühle.
»Sie kann mich nicht leiden«, sagte sie leise.
Helen lachte glockenhell. »Ach was!«, meinte sie. »Meine Schwester ist etwas raubeinig. Immer wenn sie an Bord ist.« Sie reichte Claire einen Becher Wein. »Hier! Das beugt der Seekrankheit vor.«
Claire nahm einen Schluck. »Woher weiß sie, wohin Sanfold will?«
Helen nahm Claire gegenüber Platz. »Estrella kennt diesen Mann. Aus einer Zeit, als er sich noch Graf von Weldone nannte.«
Claire zog die Augen zusammen. »Graf von Weldone?«
Ihr Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Wo hatte sie den Namen schon mal gehört?
Es fiel ihr nicht ein.
»Was hat sie mit diesem Grafen zu tun?«
Helen zuckte leicht die Achseln. »Er scheint wohl maßgeblich an ihrer Verhaftung damals in London beteiligt gewesen zu sein. Daraus resultiert ihr persönlicher Hass auf die Engländer. Vor Dover wurde sie mit ihrem Schiff aufgebracht und in Ketten in den Tower geschleift. Sie wurde zum Tode durch den Strang verurteilt und vorher am Pranger fürchterlich gefoltert. Dass sie dem Pöbel entkommen konnte, hat sie nur Sam Bush und Diego zu verdanken. Die haben sie da raus gehauen.«
Claire starrte auf die Tischplatte. »Du liebe Zeit! So verstehe ich da einige Bemerkungen über die Engländer. Das muss tief sitzen.« Sie schaute Helen an. »Sie kannte diesen Grafen schon eher?«
Helen schob ihren Becher zur Seite. »Er muss wohl auch mit dem Mord an ihren Eltern was zu tun haben. Genaues hat sie nie erzählt.«
Claire verließ sehr nachdenklich die Kajüte und nahm den Niedergang zu ihrem Quartier. Dan lag stöhnend auf der Koje.
Was sie nicht wussten, war, dass Estrella misstrauisch die Kleidung ihrer beiden Passagiere untersucht hatte. In einem Beutel, den Dan mit sich führte, entdeckte sie eine Handvoll merkwürdiger Objekte. Sie beschloss, diese an sich zu nehmen und verstaute sie in einer schweren Holztruhe unter ihrem Diwan in der Kajüte.
»Wenn Gott mir bald festes Land unter die Füße gibt, werde ich papsttreu«, jammerte Dan unterdessen.
Claire lachte auf. Dann setzte sie sich neben ihn. »Der Sturm wird nicht ewig dauern.«
»Hoffen wir es«, kam es gequält. »Wohin fährt diese verfluchte Estrella überhaupt mit uns.«
Claire sagte es ihm.
Dan setzte sich mühsam auf. »Graf von Weldone«, kam es rau. »Man kennt ihn auch unter dem Namen Marquis de Betmar.«
Claire fuhr auf. Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen. »Er wurde später berühmt unter dem Namen Graf von Saint Germain!«
Dan bestätigte das.
Die junge Frau fuhr sich mit beiden Händen durch das Haar. Dann rannte sie an Deck zur Kajüte. Dort traf sie Helen und auch Estrella.
Claire baute sich vor der Corsarin auf, die sie abwartend ansah.
»Graf von Weldon oder Weldona - alias Graf von Saint Germain«, stieß sie aus.
Estrellas Züge nahmen einen Hauch von Achtung an. »Na so was? Gebildetes Frauchen.«
»Schluss jetzt!«, schrie Claire und staunte selbst über ihren Mut. »Komm von deinem hohen Ross herunter, Estrella Avilla de Aragon! Wir jagen denselben Verbrecher und da ist Hochmut wohl völlig fehl am Platz. Egal was er dir persönlich angetan hat - er plant ein Komplott mit deiner Feindin Vaubernier. Ich habe keine Ahnung, worum es geht, aber es wird gefährliche Auswirkungen auf die Zukunft haben.«
Die Corsarin blickte die Sprecherin nach diesem Ausbruch mit flackernden Augen an. Man wusste nicht, ob sie auf die junge Frau losgehen sollte oder nicht.
Claire beruhigte sich etwas und zischte: »Sollten wir nicht zusammenarbeiten?«
Man sah, wie die Kieferknochen der Corsarin malten. Dann schien ihr kühler Verstand die Oberhand über ihre Emotionen zu gewinnen. Sie stellte ihren persönlichen Hass zurück.
Sie setzte sich und forderte Claire ebenfalls auf, sich zu setzen. Doch der Ruf: »Schiff voraus!« unterbrach alle Planung.
Estrella, Helen und Claire stürmten an Deck. Sam Bush wies mit dem rechten Zeigefinger zur Backbordseite des Bugs. Gerade stampfte die Silver Star aus einem gewaltigen Wellental heraus, da sahen sie auch durch die Gischtschleier die Fregatte.
»Vielleicht zwei Seemeilen«, schrie Bush durch den Sturm. »Scheinen Probleme zu haben. Royalsegel hängt in Fetzen.«
In diesem Moment sackte die Silver Star wieder in ein Tal hinab. Wasser ergoss sich in einem riesigen Schwall über das Deck. Als das Corsarenschiff sich wieder auf einen Wellenkamm hinauf schob, war von der Fregatte nichts mehr zu sehen. Estrella wandte sich an ihre Schwester. »Zwei Mann in den Ausguck! Übernehmen, Commodore!«
Damit kehrte sie in die Kajüte zurück.
Claire folgte.
Dort griff sich die Corsarin eine Rumflasche aus dem Regal - entkorkte sie mit den Zähnen und nahm einen mächtigen Schluck. Danach hielt sie Claire die Flasche hin. Die winkte dankend ab.
Achselzuckend nahm Estrella einen weiteren Schluck und stellte die Flasche zurück.
»Du willst wissen, weshalb ich so genau weiß, dass dieser … Sanfold nach Ägypten will?«
Claire bejahte das.
Estrella nickte. »Gut! Ich sag’s dir! Weil ich den Wortlaut des Tabula Smaragdina kenne.«
Claire konnte ihr Erstaunen kaum zurückhalten.
Estrella lachte rau und wies auf die Sitzecke der Kajüte.
Gespannt nahm die junge Zeitreisende Platz. Gedankenverloren spielte sie mit der dünnen goldenen Kette an ihrem Hals.
Da spürte sie, wie der Blick der Corsarin sich förmlich dort festsaugte. Claire runzelte die Stirn. Estrellas Hand ruckte vor und ergriff den kleinen Anhänger an der Halskette.
»Madre Deo … wo hast du das her?« Ihre Stimme besaß einen aufgeregten Unterton.
Claire senkte den Blick. »Das Amulett? Das ist eine lange Geschichte.«
»Ich kenne das Symbol. Meine Mutter besaß es auch. Es bezieht sich auf eine uralte Göttin und das Mysterium des Heiligen Gral.«
Claire nickte mit großen Augen. »Du weißt gut Bescheid.«
Sie sah, wie alle Anspannung von Estrella wich. Sie sagte aber nichts weiter. Stattdessen räusperte sie sich nur. »Also zum Tabula Smaragdina«. Sie beugte sich weit zu Claire vor.
»Sein Vater ist die Sonne und seine Mutter der Mond; die Luft trägt es gleich als in ihrer Gebärmutter; seine Säugamme aber ist die Erde.« Estrella machte eine Pause. »An was erinnert es dich?« fragte sie.
Claire überlegte angestrengt. »Klingt eine Spur nach dem ägyptischen Sonnenritus.«
Die Corsarin nickte.
»Weiter - dies Ding ist der Ursprung aller Vollkommenheit der Sachen so in der Welt sind. Seine Kraft ist am vollkommensten, wenn es wiederum in die Erde eingekehrt ist. - Das heißt, jemand hat es wieder in der Erde oder vor den Blicken versteckt.«
Claire fuhr sich mit den Schneidezähnen über die Unterlippe. »Klingt logisch.«
Estrella goss sich aus der auf dem Tisch stehenden Karaffe Wein ein.
»Der Ursprung aller Vollkommenheit! Wo würde man so etwas Vollkommenes verbergen?«
Claire stützte das Kinn in die rechte Handfläche. »Vermutlich auch in etwas Vollkommenen.«
Estrella nahm einen Schluck. »Was fällt dir ein?« fragte sie dann.
»Die große Pyramide!«
Die Corsarin wiegte den Kopf. »Es ist aber auch von Wundern die Rede.«
Die junge Zeitreisende lehnte sich zurück. »Ist die Pyramide nicht ein Wunder?«
Die Corsarin schürzte die Lippen. »Ja … aber es gibt ein viel älteres Wunder. Wenn auch einige Leute es anders sehen - etwas ist viel älter und den Wundern näher.«
Claire blickte ungeduldig. »Was soll das sein?«
»Der Sphinx, meine Liebe! Inbegriff des Geheimnisses.« Die Corsarin stand auf. »Dort müssen wir suchen.« Sie wandte sich noch einmal um und beugte sich über den Tisch. Ihr Gesicht befand sich ganz nahe an dem Claires.
»Übrigens … Sanfold und Saint Germain … hat irgendwie Ähnlichkeit.«
Damit verließ sie die Kajüte und ließ eine etwas verwirrte Claire zurück.


»Neptun sei Dank!«
Sam Bush stieß es aus. Er schaute auf die glatte See und die Sonnenstrahlen, die sich durch die Wolken einen Weg suchten. Nicht weniger dankbar war Dan - der sich erstmals seit zwei Tagen aus der Koje wagte. Estrella begrüßte ihn spöttisch. »Na, großer Krieger? Wieder unter den Lebenden?!«
Dan zog es vor, darauf nichts zu antworten. Auf noch etwas unsicheren Beinen stakste er zu Claire herüber, die an der Steuerbordreling stand. Ganz entfernt zeichnete sich der graue Streifen von Land ab.
Dan lehnte sich neben sie. »Jetzt erzähle mir noch mal langsam, was die Corsarin meint.«
Claire lächelte und setzte ihm die Geschichte noch mal auseinander. Der junge Mann schaute nachdenklich über das Wasser.
»Die Schlussfolgerungen sind nicht völlig von der Hand zu weisen.« Er ballte die Fäuste. »Diese Formeln … woher kenne ich Ähnliches nur?«
Claire ergriff seinen Arm. »Wir sehen uns das noch mal an.«
Sie kehrten in ihr Quartier zurück und Claire zog das Blatt aus dem Umschlag.
»Vor allem interessiert es mich, weshalb es für die Madame Vaubernier so wichtig ist und sie es nach Frankreich schicken wollte?«
Dan stieß einen kleinen Pfiff aus. »Einmal denke ich, weil dieser Herr Graf - nehmen wir mal an, es ist unser Professor - ein inniges Verhältnis zu Madame Pompadour besitzt. Jeanne Vaubernier, die später Dubarry - will aber Madame als Mätresse des Königs an die Wand spielen.«
Claire strich sich über das Kinn. »Das hat was. Aber ist nicht ganz plausibel. Das würde Sanfold doch dann nicht zulassen. Er wird von einer einflussreichen Frau protegiert und lässt sich auf das vage Spiel einer ehemaligen Prostituierten ein, von der …« Sie hielt inne. »Himmel! Klar! Sie wurde Louis’ Mätresse. Er schob ja die alternde Pompadour ab. Das weiß Sanfold aus der Geschichte!«
»Ja«, machte Dan. »Vielleicht hat er in seiner Rolle als Graf sogar nachgeholfen.«
»Puh!«, machte Claire. »Das bringt uns nur bei diesen Formeln, die in die Zeilen gefügt sind, nicht weiter.«
Sie packte das Blatt wieder sorgfältig weg. »Hoffen wir, dass Estrella mit ihrer Auslegung des Textes recht hat.«
Die Silver Star näherte sich der Nilmündung. Von der Fregatte sahen sie nichts.
»Alexandrien ist zwar zur Bedeutungslosigkeit abgestiegen, es besitzt aber immer noch einen Hafen. Möglicherweise ist die Fregatte dort eingefahren«, vermutete Sam Bush.
Die Corsarin trat zu den Zeitreisenden und ihrem Ersten Offizier.
»Mr. Bush - wir segeln den Nil aufwärts.«
Claire machte runde Augen. »Geht das?«
Estrella lachte kurz. »Die Silver Star hat sehr geringen Tiefgang durch ihre Bauweise. Das hat uns schon immer Vorteile gebracht.«
Sie glitten an einer malerischen Landschaft vorbei. Alte Paläste ließen vor dem geistigen Auge längst vergangene Zeiten aufleben.
»Schade, dass wir keine Kamera mithaben«, sinnierte Dan, der fasziniert auf eine Tempelanlage schaute.
Claire zuckte wie elektrisiert zusammen. »Kamera …« hauchte sie. Dann raste sie los. Dan blickte ihr verständnislos nach. Blitzschnell war seine Gefährtin wieder an Deck.
»Was … Himmel, Claire! Du hast die Digitalkamera eingesammelt.«
»Genau! Und als du das Stichwort gabst, fiel es mir wieder ein. Ich hatte sie in dem Chaos ganz vergessen. Lass uns doch mal sehen, was Madame da beim Dogen fotografiert hat.«
Sie rief die Fotodatei auf. Dann hatte sie es. Simonetta Vespucci als Nymphe. Das Medaillon stach sogleich ins Auge. Zumal es im Blitz durch seine Farbgebung besonders reflektierte.
Claire stellte den Bildausschnitt auf Vergrößerung. »Na sieh mal an.«
Dan beugte sich über das Display. »Eine merkwürdige Gravierung - findest du nicht?«
»Das kommt darauf an - was man erwartet. Leider haben wir keine bessere Vergrößerungsmöglichkeit, aber ich denke das reicht. Lass uns in die Kapitänskajüte gehen. Da ist es etwas dunkler und sicherlich hat Estrella Kohlestift und eine entspreche Zeichenunterlage.«
Helen, die sich in der Kajüte aufhielt, schaute überrascht auf das leuchtende Display. »He - was ist das für ein Wunderkasten?«
Claire kicherte. »Etwas, was man erst in etwa 240 Jahren erfinden wird. Ich erkläre es dir später.« Dann äußerte sie ihren Wunsch. Helen reichte ihr das Material. Nun begann Claire die kleinen, feinen Linien des Medaillons großformatig auf die ‚Büffelhaut’ zu übertragen. Sie benötigte dazu etwa eine Stunde, doch dann lag das Abbild komplett vor ihnen.
Dan sperrte vor Staunen den Mund auf.
»Das … das ist …«
Claire nickte zur Bestätigung. »Estrella hatte recht. Hier oben siehst du die Andeutung des Kopfes des Sphinx. Diese Linien hier führen erst nach oben und dann abwärts. Es ist eine Karte.«
»Aber … aber woher wusste Botticelli das?«
Claire wiegte ein wenig den Kopf. »Ob er es wusste oder nicht - jedenfalls hat er sehr exakt gearbeitet. Deshalb sollte Madame das Foto für Sanfold beschaffen. Daraus wurde ja dann nichts. Außerdem schien sie ja wohl ganz eigene Pläne zu haben.«
Dan stand vor der Zeichnung. Seine Augen saugten förmlich die Linienstrukturen auf. »Was bedeutet das hier?«, fragte er und deutete auf zwei vertikale Doppellinien. »Man kann sie so auf dem Medaillon kaum ausmachen.«
Claire hob ein wenig die Arme. »Das weiß ich auch nicht. Sieht irgendwie … Moment! Ich erinnere mich an eine Risszeichnung des Weltraumlabors, die ich mal in einer Zeitschrift gesehen habe.« Sie knetete ihre Hände. »Richtig! So ähnlich hatte man dort die Zwischenschleusen eingezeichnet.«
Nun war es Dan, als habe ihn eine elektrischer Schock erwischt.
»Die Formeln!«, rief er. »Die Formeln! Es sind Luftdruck- und Stickstoffberechnungen. Ich Idiot! Weil das alles in diesen abstrusen Text gebettet war, bin ich nicht darauf gekommen.«
»Langsam«, kam es von seiner Gefährtin. »Erklär das mal genauer.«
Dan wies auf die Zeichnung. »Die alten Erbauer des Riesendenkmals haben diverse Unterbrechungen in den Abwärtsgang gebaut. Schleusen. Wozu auch immer. Aber man benötigt diese Formeln, um sie zu öffnen.«
Claire öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Endlich fragte sie heiser: »Du denkst doch nicht, dass die Ägypter etwas von Physik und Technik verstanden haben? In dieser Form, meine ich.«
Dans Gesicht überzog ein Lächeln. »Der Sphinx ist so alt wie die Welt. Er wurde erbaut, bevor der erste uns historisch bekannte Ägypter geboren wurde. Wer immer das Ding gebaut hat, er wusste mit moderner Physik umzugehen. Entweder es gab damals eine hochstehende Zivilisation oder …«
»Oder?«
»Na ja - Zeitreisen sind für uns beide ja schon normal.«
Claire schluckte.
Dan fuhr fort: »Aber das ist auch egal. Wir wissen, wo wir Sanfold suchen müssen. Denn hinter solchen Einrichtungen muss etwas Wertvolles versteckt sein. Nur - Sanfold hat diesen Plan nicht.«


Der Anblick der Pyramiden überwältige Claire und Dan.
»Die Stadt ist noch nicht herangerückt«, flüsterte der junge Mann ehrfurchtsvoll.
Estrella ließ weiterfahren. Erst einige Meilen weiter ankerten sie in einer Bucht.
Die Corsarin verließ das Schiff. »Ich kenne da einen Beduinenstamm, der hilft uns weiter«, hatte sie nur gesagt.
Claire hatte sich vom Bootsmann eine Hängematte besorgt und genoss den Sonnenschein.
»Vielleicht lösen wir ja auch das Rätsel, weshalb Estrella in Venedig entführt worden ist«, meinte sie.
Dan, der an der Reling lehnte, seufzte: »Erstmal müssen wir unserem Professor das Handwerk legen.«
Nach zwei Stunden - die Sonne senkte sich zum Horizont - tauchte die Corsarin wieder auf.
»Bisher ist kein Fremder am Sphinx gesehen worden. Besucher sind selten um diese Zeit.«
Innerlich musste Dan lachen. Die Touristenströme würden in zweihundert Jahren auftauchen. Davon hatte man jetzt noch keinerlei Vorstellung. Howard Carter war noch nicht hier.
Die Nacht brach herein. Man saß in der Kapitänskajüte beisammen. Die Mannschaft hielt sich unter Deck auf, sofern sie nicht zu den eingeteilten Wachen gehörten.
»Wie verfahren wir nun weiter?«, erkundigte sich Dan bei der Corsarin.
»Wir reiten morgen per Kamel zu den Pyramiden. Aber Sam und ich werden heute Abend noch mit einem kleinen Nilsegler nach Alexandrien aufbrechen und uns in den Spelunken umsehen. Es ist immer gut zu wissen, wo der Feind steckt.«
»Ich komme mit!«, rief Claire.
Dan wollte protestieren, aber Estrella legte der jungen Frau den Arm um die Schulter. »Bueno! Aber kannst du dich wehren, wenn es Hart auf Hart geht?«
»Ich bin eine der besten Fechterinnen … meiner Zeit.«
In Estrellas Auge begann es amüsiert zu funkeln. »Erstmals sprichst du von deiner Zeit. Später musst du mir mehr erzählen. Aber …« Sie stand auf. »… beweise mir deine Fechtkunst. Jetzt!«
Dan hielt die Luft an. »Himmel! Ihr wollt euch …«
Die Corsarin lachte hart auf. »Klar!«
Sie nahm einen der zahlreichen Degen von der Wand und warf ihn Claire zu.
»Auf dem Kapitänsdeck!«
Claire grinste. »Okay«, kam es dann mit zischendem Unterton. »Hoffentlich ist Madam Captain nicht zu sehr überrascht.«
Sam Bushs Augen verengten sich, als er die beiden Frauen - gefolgt von einem nervösen Dan - auf der Treppe zum Heck sah.
»Thunderstorm«, brummelte er. »Geht das schon wieder los!«
Er spuckte über Bord, trat einem der Matrosen in den Hintern, der ‚Maulaffen feilhielt’ und stapfte nach Achtern.
Estrella stand aufrecht - den Degen in der Linken - in der Mitte des Decks und winkte Claire zu. »Dann los - Püppchen aus der Zukunft. Beweise deinen Mut.«
Claire wusste sehr wohl, dass die Corsarin eine gefährliche Linksfechterin war. Sie stellte sich darauf ein.
Langsam umkreisten sich beide.
»Was ist? Doch nur den Mund voll genommen?«, höhnte Estrella um Claire zu reizen. Helen lehnte an der Reling. Das Ganze erinnerte sie an ihren Kampf mit Estrella, als diese noch nicht wusste, dass sie ihre Halbschwester vor sich hatte.
Urplötzlich vollzog die Corsarin einen Ausfallschritt. Claire konnte eben noch parieren. Estrellas Klinge rutschte scharf an ihrem rechten Ohr vorbei.
»Ha!«, kam es von der Corsarin.
»Claire! Hör auf!«, rief Dan verzweifelt. Aber diese kehrte sich nicht daran.
Sie hörte nur das Surren der Klinge in der Luft und duckte sich weg. Estrellas Schlag traf ins Leere. Claire setzte sogleich nach und zwei der langen pechschwarzen Haarsträhnen der Herausforderin segelten auf die Decksplanken.
Estrella stand wie versteinert. Dann kam Leben in sie. Sie jagte Claire über das Deck. Mit solcher Wucht in den Hieben, dass die Zeitreisende Mühe hatte, zu parieren. Ein Unterschlag Estrellas … Claire sprang über die Klinge und ließ sich dann fallen. Der Schlag der Corsarin wuschte über sie hinweg. Claire sprang hoch auf die Reling und katapultierte sich in die Wanten. Wie ein Wiesel sauste sie nach oben. Estrella folgte.
Alle Mannschaftsmitglieder hielten den Atem an.
Claire hangelte sich bis auf die oberste Rahe.
Estrella hielt kurz im Klettern inne und schaute nach oben. Dort stand Claire breitbeinig und freihändig balancierend und rief nach unten: »Wo bleibt denn die kühne Corsarin? Ist alles nur Mythos, was man sich erzählt?«
Estrella packte die Wut.
Sie verspürte keineswegs Lust, sich von der Pute vorführen zu lassen.
Sie jagte nach oben.
Claire grinste sie an.
Dan unten hielt die Luft an. »Sie spinnt!«, stieß er aus.
Hinter ihm kicherte Helen. »Ruhig bleiben, Boy - so was gehört zu einem Schaukampf.«
Claire wich auf der Rahe etwas zurück. Estrella ging in Position. Ihre Gegnerin blickte nach unten. Kurz blitzte es durch Claires Kopf, ob sie nicht eine Dummheit beging. Neben ihr gab es nur eine dünne Abspannung als Halt. Mindestens achtzehn Meter - so schätzte sie - lag das Deck tiefer. Doch Estrella ließ ihr kaum Zeit, den Gedanken zu Ende zu führen.
Sie griff an!
Claire parierte.
Estrella trieb sie weiter. Bald war das Ende der Rahe erreicht. Noch zwei Schritte und Claire würde in den Nil stürzen. Da packte sie der Ehrgeiz.
Sie setzte einen Fuß vor und vollzog einen Degenstoß. Die Corsarin wich mit dem Oberkörper zurück. Dann ging es blitzartig. Estrellas Degenspitze ritzte Claires Bluse. Diese spürte den kurzen Schmerz. Auf der Haut hinterließ die Waffe einen Kratzer. Etwas Blut rötete die Bluse. Claire kam eine Sekunde aus dem Takt. Das nutzte die Corsarin für einen Rundschlag, der Claires Oberarm traf.
Dan konnte nicht hinsehen.
»Na Püppchen? Den Mund doch zu voll genommen?«, höhnte die Corsarin.
Kaum hatte sie das ausgesprochen, stürmte Claire ohne Rücksicht auf Verluste vor, und ehe die Corsarin es recht begriff, wurde sie in die Defensive getrieben. Immer weiter drängte Claire vor - von Zorn gepackt. Immer wieder traf ihre Klinge den Degen Estrellas.
Diese erreichte das andere Ende der Rahe und…
Ihr linker Fuß hing plötzlich in der Luft.
Sie wankte.
Schwankte!
Der Degen entglitt ihrer Hand.
Claire ließ ebenfalls ihren Degen fallen, der auf das Deck segelte und dort wippend mit der Spitze in den Planken stecken blieb. Nur knapp zehn Zentimeter von Dan entfernt. Der stand wie zur Salzsäule erstarrt.
Claire ergriff mit der Kampfhand eine Brasse, mit der anderen Estrellas wedelnden Arm. Kräftig zog sie die Schwankende kurz vor dem Sturz auf die Rahe zurück.
»Du wirst noch gebraucht«, rief Claire dabei.
Völlig verdattert hing Estrella am Arm ihrer Gegnerin und griff fahrig gleichfalls zu der Brasse.
Aus großen Augen blickte sie Claire an. Dann schnaufte sie - stieß den Arm der jungen Frau weg und sprang in die Wanten.
Unten angekommen schritt sie erhobenen Hauptes - starr geradeaus sehend - den Niedergang herab.
Vernehmlich knallte die Tür der Kapitänskajüte.
»Uiih!«, machte Helen und lachte dann. Sie schaute zu Dan.
»Deine Freundin hat unserem Lady-Captain eine Lektion verpasst.«
Wenig später erreichte Claire das Deck. Sie konnte nicht verhindern, dass ihre Knie leicht zitterten.
Der alte Sam Bush klopfte ihr auf die Schulter. »Alle Achtung, Mädel.« Dann stapfte er davon. Einen der Corsaren, der ihm im Weg stand, pfiff er an: »Beweg den Hintern und such den Degen des Captains!«


Der Nilsegler hatte den Weg mittels gutem Wind und der Strömung in kürzester Zeit absolviert. Der Hafen von Alexandrien stellte sich klein und eng dar. Nichts verwies auf den alten Glanz Cleopatras.
Estrella verzog leicht das Gesicht, als sie auf den mit Unrat verunzierten Kai sprang. Auch Claire äußerte sich enttäuscht.
»Was hast du erwartet?!«, kam es leicht spöttisch von der Corsarin. »Weiße Tempel? Pretorianer?«
Claire zog es vor zu schweigen.
Sie hatte sich sowieso gewundert, dass Estrella auf sie zu gekommen war und einfach gefragt hatte: »Kommst du mit?«
Sie schlugen den Weg zu dem kleinen Stadttor ein. Es roch nach altem Fisch und einigen anderen nicht näher zu identifizierenden Dingen. Durch eine finstere Gasse - notdürftig mit einigen Fackeln beleuchtet, deren Licht nur die Trostlosigkeit noch hervorstechen ließ - gelangten sie auf eine breitere Straße. Grobes Pflaster schimmerte matt im Licht eines Feuerkorbes, der an der Ecke zu einem runden Platz schief in den Halterungen thronte.
Stimmengewirr drang an das Ohr der beiden Frauen. Es stammte aus einer Kellerkneipe.
»Du willst nicht wirklich da hinein?«, fragte Claire zaghaft.
Estrella grunzte nur etwas und sprang leichtfüßig die ausgetretenen Stufen hinab.
Der Dunst, der ihnen entgegenschlug, nahm Claire den Atem. Estrella schien solche Dinge gewöhnt zu sein. Nur schemenhaft erkannte man Gestalten, die sich um Tische aus Fässern drängten oder an der Holztheke.
Im Vorbeigehen angelte sich die Corsarin zwei Becher mit Wein, reichte einen Claire und steuerte auf einen Tisch zu. Dort saß nur in Mann. Man sah, dass er einiges intus hatte. Estrella schob ihn mit einer kräftigen Armbewegung von dem wackligen Schemel.
»Verpiss dich!«
Protestierend stolperte der Bursche davon. Irgendwo ins Dunkel des Raumes.
Estrella nahm einen Schluck Wein und verzog das Gesicht. »Deibel! Der Wirt hat mit Wasser gepanscht.« Hart stellte sie den Becher ab. Sie ließ den Blick schweifen. Mit einem Mal huschte ein Grinsen über ihre Mundwinkel. »Warte mal«, sagte sie zu Claire und stand auf.
Sie ging in eine der Nischen und sprach einen älteren, vierschrötigen Kerl an. Claire konnte nicht so genau sehen, was die Corsarin ihm in die Hand drückte. Sie kehrte aber nach einigen Minuten an den Tisch zurück.
Claire blickte sie erwartungsvoll an.
»Unser Mann ist tatsächlich von einer Fregatte hier abgesetzt worden. Sie konnte aber nicht in den Hafen einlaufen. Daher wurde er ausgebootet.«
»Wo ist er jetzt?«, wollte Claire aufgeregt wissen.
»Nicht weit. In einer Pension oberhalb der Straße. Er hat Yebel beauftragt, einen Führer für morgen anzuheuern.«
»Wir müssen ihn beobachten!«
Estrella zog eine dünne pechschwarze Zigarre aus ihrer Weste und steckte sie in den Mundwinkel. »Warum? Wir wissen doch, wo er hin will.« Sie entzündete die Zigarre an einer Kerze, die seitlich auf dem Fasstisch stand.
Sie paffte zwei dicke Rauchwolken, die Claire zum Husten reizte. »Nicht gewöhnt, was?«, witzelte Estrella. Sie stand auf. »Komm! Hier erreichen wir nichts mehr.«
Claire atmete tief durch, als sie wieder auf der Straße standen. Die Luft war kühl. Erfrischend.
»Kehren wir zum Schiff zurück«, knurrte die Corsarin.
Sie machten sich auf den Weg. Doch bald bemerkten sie, dass ihnen einige Männer folgten.
»Lass dir nichts anmerken«, flüsterte die Corsarin. Ruhig gingen sie weiter. Die Gasse verengte sich und sie konnten ein schmales Stück der Hafenmauer erkennen. Da stellten sich ihnen zwei Schatten in den Weg.
»Verdammte Strauchdiebe«, zischte Estrella. »Die hat uns Yebel auf den Hals gehetzt. Hätte es mir denken müssen.« Sie zog den Degen. Claire tastete nach ihrem Dolch.
Die Corsarin fasste ihre Begleiterin am Arm und flüsterte: »Drück dich eng an die Wand. Tu genau, was ich dir zurufe.«
Claire nickte nur, was Estrella nicht sah.
Die Corsarin stand mitten in der engen Gasse und sagte laut: »Ist eure Belohnung hoch genug, um dafür ins Jenseits zu reisen?«
Von einem der Männer hinter ihr erklang ein leises Lachen.
»Ins Jenseits marschierst du nur.«
Claire hatte die rasche Armbewegung der Corsarin kaum wahrgenommen. Doch der Sprecher schien plötzlich vor eine Wand gelaufen zu sein. Er fasste sich röchelnd an den Hals und kippte nach vorn um. Estrellas Dolch hatte sich in seinen Adamsapfel gebohrt.
»Komm!«, rief die Corsarin plötzlich und rannte vorwärts auf den Hafen zu. Claire folgte sofort. Einen der Männer am Ausgang der Gasse rannte die Corsarin einfach um. Dem anderen stieß sie den Degen in den Leib. Aufschreiend knickte er in den Knien ein. Ein dritter Mann wollte nach Claire greifen. Die trat um sich. Der Bursche musste loslassen.
Sie erreichten die Kaimauer. Das Boot lag noch da. Estrella sprang hinein. Claire wollte ihr folgen, doch da stürzte sie. Gleich tauchten wie aus dem Nichts sechs Männer auf, umringten die auf dem Boden liegende Frau und zerrten sie mit sich. Estrella sprang wieder auf die Kaimauer, musste sich dann aber gegen fünf Angreifer zur Wehr setzen. Mochte der Teufel wissen, wo sie plötzlich hergekommen waren.
Ein Schlag traf sie am Schädel. Estrella sackte zusammen. Es wurde Nacht um sie.


Claire spürte die Kälte. Danach die Feuchtigkeit.
Um sie herum nur Finsternis.
Himmel! Was war geschehen?
Nur langsam gab ihr Gehirn die Erinnerung wieder frei. Sie hatte gesehen, wie die Corsarin niedergeschlagen worden war. Gleichzeitig hatte man sie - Claire - von hinten ergriffen und ihr etwas über den Kopf gestülpt. Sie hatte das Bewusstsein verloren.
Mühsam drehte sie ihren brummenden Kopf. Kein Lichtstrahl machte sich bemerkbar. Es roch stickig.
Sie atmete hektisch. Sie wollte aufstehen, doch etwas hielt sie fest.
Da spürte sie eine Bewegung neben sich. Sie hielt die Luft an. Etwas berührte ihre rechte Hand. Mehrmals kurz. Dann fühlte sie etwas Warmes, dass sich auf ihren Körper schob - erst leicht schiebend, dann aufbäumend, dann zusammenrollend.
Es zischte halblaut.
Claire glaubte, ihr Herz setze aus.
Kein Zweifel - eine Schlange.
Die machte es sich genau auf ihrem Bauch bequem.
Claires Mund wurde so trocken wie die Sahara. Sie wagte es nicht, auch nur einen Finger zu bewegen. Die Luft wurde ihr knapp, aber sie atmete nur ganz flach. Schweiß perlte auf ihrer Stirn.
Wie lange sie so lag, wusste sie nicht, aber plötzlich setzte sich das Tier wieder in Bewegung und verließ seinen Ruheplatz.
Irgendwann verfiel die junge Frau in einen Dämmerschlaf.
Das Rasseln eines Schlüssels weckte sie. Eine Tür öffnete sich und Licht drang in das Gefängnis. Sie erkannte eine Art Balkon, zu der die Tür gehörte. Eine Gestalt stand dort oben.
»Hallo«, kam es mit seidenweicher Stimme. Claire schluckte.
Sanfold!
»Wie gefällt dir dein Gefängnis?«
Nun erst konnte Claire etwas mehr erkennen und was sie sah, ließ ihre Haare zu Berge stehen.
Sie lag ausgestreckt auf einer Art Bank - Hände und Füße zwischen zwei Holzbrettern fixiert. Eine mittelalterliche Folterbank.
Doch das war es nicht allein, was Claire fast den Verstand raubte.
Um sie herum auf dem Steinboden und zwischen den groben Mauervorsprüngen wimmelte es nur so von Schlangen aller Schattierungen.
»Nette Tierchen - nicht wahr?«, kam es wieder von der Gestalt auf dem Balkon. »Alle sehr giftig. Auch angriffslustig.«
»Warum tun Sie das?«, kam es gequält von der Gefangenen.
Sanfold oben machte eine ausholende Armbewegung. »Du bist mir im Weg! Schon lange! Du und dein Freund seid richtig lästig!«
Der Professor wandte sich halb um und schien irgendetwas an der Wand hinter sich zu betätigen.
Claire schrie auf.
Die gesamte Bank hob sich vom Kopfende her in die Höhe. An einer rostigen Kette baumelnd schwebte sie aufrecht ein Stück auf die gewölbte Decke zu. Um sie herum zischte und züngelte es. Graue und farbige Schlangenleiber wälzten sich übereinander. Claire sah keinen Fußbreit unten, der nicht von diesem ekligen Gewürm besiedelt wurde.
»Hören Sie auf Sanfold! Bitte!«, schrie sie in Panik.
Der Professor lachte nur hohl. »Keine Sorge, bis eines der Tierchen sich über die Kette zu dir abseilt, wird noch etwas Zeit vergehen.«
Er verließ den Balkon - die Tür knallte zu und die Dunkelheit hüllte Claire wieder ein.
In ihrem Kopf breitete sich vor Angst der Wahnsinn aus.
Zu dieser Zeit fand auch Estrella in die Realität zurück.
Sie spürte schwere Eisenhandschellen an den Armen. Irgendwo plätscherte Wasser. Fahles Licht drang von irgendwo in ihren Kerker. Es dauerte noch einige Minuten, bis sich ihre Augen an das Halblicht gewöhnt hatten. Dann erkannte sie Konturen und bald auch mehr.
Der Raum, in dem man sie an die Wand gekettet hatte, schien halbrund zu sein. Von ihren Füßen aus zog sich sandiger Boden zu einer Art unterirdischem Tümpel.
Während sie noch darüber nachgrübelte, wo sie sich befinden könnte, tauchte aus dem brackigen Wasser der echsenartige Kopf auf.
Estrellas Atem stockte. Mit geweiteten Augen sah sie, wie sich das Nilkrokodil an Land wälzte.


Dan lief nervös an Deck der Silver Star auf und ab.
»Ruhig Blut, Junge«, mahnte Sam Bush und zündete seine alte Tabakspfeife an. »Die beiden werden schon zurückkommen.«
Doch Dans Unruhe steigerte sich. Er ergriff den Alten am Arm und sagte heiser: »Da ist was passiert! Ich fühle es!«
Sam blickte einer kleinen Rauchwolke nach, die sich in den geröteten Morgenhimmel schraubte. Er schnalzte mit der Zunge.
»Gut, mein Sohn - wir nehmen das Beiboot und rudern runter zur Stadt. Vielleicht erfahren wir etwas.«
Er pfiff fünf Mann zusammen.
Helen schaute aus der Kajüte und fragte, was los sei.
Sam sagte es ihr.
»Estrella ist nicht zurück?«, kam es scharf von seinem Commodore.
Da kam Leben in Helen.
»Diego!«, rief sie.
Der Spanier tauchte am Niedergang auf. »Commodore?«
»Du übernimmst das Kommando über das Schiff. Sam und ich müssen nach Alexandrien.«
Der Erste Kanonier und Zweite Offizier der Silver Star fragte nicht groß.
»Ay, ay!«, meinte er nur.
Bald trieb das Boot, unterstützt von den Ruderern rasch den Nil abwärts.
Mehrere Segler begegneten ihnen, aber auf keinem befanden sich Estrella und Claire.
Gegen Mittag liefen sie in den Hafen ein.
Ein kleiner Markt war aufgebaut und frische Meeresfrüchte wurden angeboten.
»Wie willst du hier etwas erfahren?«, erkundigte sich Dan nervös.
Sam winkte ab. »Ruhig, Junge! Mit Aufregung erreichst du gar nichts.«
Er marschierte auf das kleine Stadttor zu und ging auf weitere Fragen nicht ein. Sie erreichten den halbrunden Platz. »Ihr wartet!«, gebot der Alte. Er schlurfte die Treppe zu der Kellerkneipe hinab.
Dicker Tabaksqualm schlug ihm entgegen. Endlich konnte er durch den Dunst die Theke ausmachen.
Sam stakste auf den Wirt zu. »Hallo Alexandro - kennst du mich noch?«
Der Wirt wandte den Kopf und zwinkerte mit den verschlagen blickenden Augen.
»Sam Bush …«, kam es gedehnt.
Der Alte grinste und schlug dem Wirt auf die Schulter. »Sam Bush! Richtig! Der, der dir mal das Leben gerettet hat, als du auf Klautour warst. Jetzt erzähle mir nicht, du seiest ehrlich geworden?!« Sam grinste noch breiter.
Der Wirt reichte einem der anwesenden Männer einen Becher. Dann wischte er sich die Hände an seinem fleckigen Hemd ab und grunzte: »Was treibt dich in diesen Ort?«
Sam wiegte den Kopf. »Dieses und jenes.«
Dann beugte er sich weit vor und flüsterte dem Wirt ins Ohr: »Wenn du mir nicht sagst, wo meine Freundin Estrella abgeblieben ist, wird die Silver Star diesen Platz zusammenschießen und von deiner Spelunke bleiben dann auch nur Trümmer übrig.«
Sam schwenkte mit dem Oberkörper zurück und lächelte nun freundlich.
»Einen Becher Wein«, forderte er dann laut.
Der Wirt malte mit den Backenknochen und stieß leise aber für Sam vernehmlich heraus: »Ich kenne deine Freundin nicht.«
Sam behielt sein Lächeln bei und nahm den Becher entgegen.
»Mein Schiff kreuzt vor dem Hafen. Also verkaufe mich nicht für dumm.«
Er nahm einen Schluck.
»Ich könnte den Leuten hier auch erzählen, dass du ab und zu als antiker Grabräuber unterwegs bist«, merkte er danach beiläufig an.
Alexandro schluckte trocken.
»Mach mir hier keinen Ärger!«
Sam zuckte nur mit den Schultern. »Ist doch deine Entscheidung.«
Der Wirt beugte sich nun seinerseits vor und zeigte versteckt auf einen vierschrötigen Burschen, der sich mit einem Fischer im Gespräch befand.
»Frag Yebel. Ich weiß nichts Genaues!«
Sam nickte. »Dann erzähle mir das Ungenaue.«
»Verflucht … Yebel arbeitet für einen Fremden. Komischer Typ. Unheimlich! Hat immer solche glühenden Augen. Mehr weiß ich wirklich nicht!«
Sam lächelte wieder. »Okay - old friend - das war doch schon etwas.«
Der Erste Offizier der Silver Star nahm seinen Becher und schlenderte wie zufällig auf die beiden Männer zu, von denen einer dieser Yebel sein musste.
»… du wirst gut bezahlt. Also halte um Mitternacht dein Boot bereit!«, hörte Sam noch. Der Angesprochene drehte sich um und verschwand im Nebel der Kneipe.
Sam klopfte dem vor ihm stehenden Mann von hinten auf die Schulter.
»Hallo Yebel.«
Der Mann zuckte und fuhr herum. Er überragte Sam um einen halben Kopf.
»Wer bist du?«, knurrte er.
Sam setzte wieder sein freundlichstes Gesicht auf. »Ein guter Kumpel von dir.«
»Was heißt das?«, kam es lauernd.
Sam schürzte leicht den Mund. »Wie ich’s gesagt habe.«
Die Augen des Mannes flackerten verunsichert. Sam legte den Arm um ihn und meinte freundlich: »Lass uns mal dort rüber gehen. Es muss ja nicht jeder mitbekommen.« Damit bugsierte er Yebel in die hinterste dunkelste Ecke der Spelunke.
Kaum befanden sie sich dort, schlug Sam unerwartet zu. Yebel landete krachend an der gewölbten Wand. Sam setzte noch einen Hieb in die Magengrube nach. Yebel klappte wimmernd wie ein Taschenmesser zusammen.
»So!«, machte der Erste Offizier der Silver Star. »Jetzt erzähle mir mal, wo sich Estrella Avilla de Aragon und ihre Begleitung befinden. Und … für wen du Ratte arbeitest! Aber etwas hurtig - wir essen zeitig.«
Yebel schnappte keuchend nach Luft. Sam packte ihn am Kragen. »Ich machte doch deutlich, dass ich wenig Zeit habe. Entweder du spuckst es jetzt aus oder ich jage dir mein Entermesser in deine verfluchten Eingeweide. Dann kannst du alles dem Satan erzählen!«
Yebel hob abwehrend die Arme. »Nicht … ich …«
»Na?«, fragte Sam unwirsch.
Yebel redete wie ein Wasserfall.
Als er geendet hatte, tätschelte Sam dessen Wange. »Geht doch, mein Sohn.«
Er drückte ihm eine Geldmünze in die Hand. »Trink einen auf den Schreck. Solltest du aber deinen Auftraggeber warnen, hänge ich dich an deinen Gedärmen an den nächsten Baum. It’s clear!«
Damit stiefelte er aus dem Keller ans Tageslicht.
Helen kam ungeduldig auf den Freund zu. Der zeigte nach oben in die Hügel.
»Eine alte Festung. Dort hat man Estrella und Claire hingebracht. Im Auftrag dieses Sanfold.«


In diesem Moment nahm Claire einen schwachen Lichtschimmer wahr.
Er stammte von der Empore, auf der Sanfold gestanden hatte. Die Tür hatte sich wohl nicht richtig geschlossen und der Wind mochte sie aufgedrückt haben. Der Strahl reichte, um etwas in ihrem Kerker zu sehen. Was sie sah, gefiel ihr überhaupt nicht. Sie hing etwa acht Meter über dem Gewimmel von Schlangen und genau über ihr befand sich ein grob vergittertes Schachtfenster. Von dort züngelte sich eine in Regenbogenfarben schimmernde Schlange auf die rostige Kette zu, an der sie mit der gesamten Bank hing. Gleichzeitig knirschte es in dem blockartigen Gestell, in das ihre Hände eingeschlossen waren.
Es begann sich zu lösen.
Himmel!, durchzuckte es die junge Frau. Auch die Fußfessel lockerte sich unter ihrem Gewicht. Sie würde in Kürze in die Tiefe stürzen. Was dann passierte, konnte sie sich ausmalen. Die Giftwürmer würden über sie herfallen, und mit gebrochenen Knochen hätte sie nicht mal eine Chance sich zu wehren.
Aber vielleicht war das auch gut so. Der Tod käme dann erlösend rasch.
Haarscharf flog ein länglicher Körper an ihr vorbei. Ihr Kopf zuckte nach oben. Die Schlange hatte sich einfach fallen lassen.
Claires Selbsterhaltungstrieb erwachte.
Sie krallte sich mit den Fingern an dem Brett oben fest. Sie schluckte. Sie musste versuchen, sich zu befreien. So oder so konnte sie der Tod erreichen.
Sie versuchte ruckartig die Füße zu bewegen und … sie kamen frei. Das Oberteil des Blockbrettes polterte in die Tiefe. Zorniges Zischen stellte von unten die Reaktion dar. Nun versuchte Claire vorsichtig ihre Hände freizubekommen. Als auch dort das Sperrbrett fiel, konnte sie eben noch die fast schon tauben Finger um den Rand der Bank krallen. Ihr Atem ging schwer. Sie blieb eine halbe Minute in der Haltung, wobei sie immer den Schacht oberhalb der Kette im Auge behielt. Nun stützte sie die bloßen Füße an dem Rest des blockartigen unteren Brettes ab und reckte sich, um die rostige Kette zu erreichen.
Es gelang im zweiten Anlauf. Mit allen Kraftreserven hangelte sie sich an der Kette hoch.
Doch was nun?
Durch das Gitter konnte sie nicht fliehen. Vermutlich würden dort oben jede Menge Giftschlangen auf sie warten.
Es gab nur eine winzige Chance: Sie musste die Kette in Pendelbewegung bringen und hoffen, dass sie nicht riss. Vielleicht konnte sie bis zu dem Balkon heranpendeln. Er befand sich wohl acht bis zehn Meter entfernt. Wenn sie den Absprung schaffen würde …
Sie schloss für einen Moment die Augen. Dann begann sie mit Beinbewegungen zu schaukeln. Knirschend setzte sich die Kette mit dem Gewicht der Bank in pendelnde Bewegung. Langsam nahm der Ausschlag zu. Claire atmete rasselnd. Sie betete, nicht die Kraft in den Armen zu verlieren.
Immer weiter stellte sich der Ausschlag dar. Rost rieselte auf ihren Kopf herab.
Sie schwang hin und her. Im immer größeren Bogen. Bedrohlich nahe kam sie an der rückwärtigen Wand einem Steinsims, auf dem vier Kobras ihren Hals reckten.
Die Brüstung der Empore schien unter ihr zum Greifen nahe.
Da schlug die Tür zu und völlige Finsternis umhüllte Claire wieder.


Estrella starrte auf das Krokodil.
Es lag seit geraumer Zeit bewegungslos auf dem groben Sand. Die Corsarin hatte kaum zu atmen gewagt. Versteinert blieb sie sitzen. Allerdings machte sich die Natur bemerkbar. Ihre Blase wollte sich entleeren.
Estrella besaß kein Zeitgefühl mehr. Waren Minuten vergangen? Oder schon Stunden?
Sie ließ die Augen jetzt über jeden Millimeter ihrer eisernen Fesseln gleiten. Patina und Rost bedeckten sie. Doch sie erweckten nicht den Eindruck, als könne man sie einfach lösen. Jedenfalls nicht ohne ein Brechstange oder ähnliches.
Es knallte und Sand wirbelte auf, als das Krokodil mit dem Schwanz plötzlich aufschlug. Ein unartikulierter Laut entrann dem aufgerissenen Maul.
Die Echse wälzte sich herum. Estrella blieb erstarrt. Die tückischen Augen des Krokodils blickten zu ihr herüber.
Dann schlug das Vieh erneut mit dem Schwanz, bäumte dann den vorderen Körper auf, setzte sich in Drehbewegung und ließ sich zurück in das Wasser gleiten.
In Estrellas Kopf drehte sich alles.
Sie hatte noch einmal Glück gehabt. Aber sie war sich dessen bewusst - dieses oder ein anderes Krokodil würde auf die Sandbank zurückkehren.
Die Corsarin versuchte an den Ketten zu zerren. Doch sie gaben nicht den Hauch nach.


Unterdessen nahm Claire allen Mut und Kraft zusammen. Sie konnte in der Finsternis nur schätzen, wann die Pendelbewegung den richtigen Ausschlag hatte.
Sie löste die Finger von der Kette - katapultierte den Körper vorwärts - flog - schlug mit den Füßen schmerzhaft an Steine - stürzte und prallte hart auf irgendetwas.
Benommen blieb sie liegen. Der Schmerz raste durch ihren Körper. Sie glaubte, den rechten Fuß und die rechte Schulter gebrochen zu haben. Aber nach und nach ebbte das Stechen ab und ihr Geist arbeitete wieder normal.
Sie tastete umher. Sie fühlte Stein. War es der Balkon? Griff sie gleich in einen Haufen Schlangen?
Langsam kam sie in die Senkrechte. Sie tastete sich die rohe Quadermauer entlang. Von irgendwo hörte sie ein böses Zischen. Dann berührten ihre Finger Holz.
Die Tür.
Claire schob sie auf.
Sie sah in ein gewölbeartiges Treppenhaus. Eine Treppe führte aufwärts - eine abwärts.
Ihre Augen suchten rasch die Umgebung ab. Nein - hier sah sie keine Schlangen.
Aber was war der richtige Weg?
Nach oben oder nach unten?
Sie entschied sich für aufwärts.
Humpelnd erklomm sie langsam die Treppe. Sie musste gegen den Wunsch einfach ohnmächtig zu werden ankämpfen. Stufe um Stufe arbeitete sie sich nach oben. Der Stein fühlte sich eklig feucht und kalt an, da sie immer noch barfuß war.
Der Lichteinfall verstärkte sich. Das leichte Zirpen von Wind erreichte ihre Ohren.
Dann schaute sie in blendendes Sonnenlicht.
Ein Geröllhang breitete sich vor ihren Augen aus. Unten erkannte sie Alexandrien.
Doch noch etwas sah sie und sie mochte es kaum glauben.
Ihre Augen saugten sich an der athletischen Gestalt fest.
»Dan …«, konnte sie nur hauchen. Dann fiel sie einfach um.
Dan Simon konnte die Gefährtin gerade noch auffangen.
»Claire! Dem Himmel sei Dank!« Er drückte die junge Frau an sich.
Sam räusperte sich. »Bei allem Respekt, Boy - wir müssen den Lady-Captain finden.«
Dan nickte nur. Claires Augenlider zitterten. Dann kam sie wieder zu sich. Doch sie benötigte noch knapp fünf Minuten, bis sie stockend berichten konnte, was geschehen war.
Dan wurde immer bleicher bei der Schilderung.
»Ich bringe den Professor um!«, spie er aus und es klang wie ein Schwur.
Sam drängte sich vor. »Hast du eine Ahnung, wo wir Estrella und die anderen Jungs finden können?«
Die junge Frau runzelte die Stirn. Dann nickte sie. »Ich denke, dass man von meinem Gefängnis die Treppe weiter abwärts muss. Es scheint nur zwei Wege zu geben.«
Helen und Sam rannten los. Immer tiefer ging es in den Berg. Vermutlich war unterhalb der alten Festung - mochte der Teufel wissen, wer sie angelegt hatte - ein verzweigtes Stollensystem.
Wasser tropfte von den Wänden.
»Hier scheint es ein Wasserreservoir zu geben«, vermutete Helen.
»Sicher«, machte Sam. »Festungen baut man an Wasserlagern. Die Wüste besitzt viele davon. Man muss sie nur finden.«
Je tiefer sie kamen, umso deutlicher vernahmen sie das Rauschen eines unterirdischen Flusses.
Dann stießen sie auf die erste Leiche.
»Jack - der zweite Bootsmann«, flüsterte Sam erschüttert. Man hatte ihm die Kehle durchgeschnitten.
Den Rest von Estrellas Begleitung entdeckten sie bald darauf.
Helens Herz klopfte bis zum Hals. Die Angst um die Schwester überwältigte ihr Denken.
Die Treppe endete auf einer Felsplatte.
Da entdeckten sie die angekettete Corsarin.
Genau in diesem Moment wälzten sich zwei mächtige Krokodile aus dem Wasser.
Sam und Helen blieben stehen, als seien sie vor eine Wand gelaufen. Helen zog ihre Pistole.
»Damit richtest du gegen die Viecher vermutlich wenig aus«, knurrte Sam.
Die Echsen legten sich platt in den Sand und schienen dann zu dösen.
»Halte die Teufel dort im Auge«, flüstere der Erste Offizier und schlich eng an die Felswand gedrückt auf Estrella zu. Er sah sogleich, dass sich die Handfesseln nicht problemlos lösen lassen würden. Er setzte sein Entermesser an einer Handschelle an. Es knirschte, aber dann brach das Messer ab. Das Geräusch führte dazu, dass die Krokodile aufmerksam wurden.
Helen kniete sich auf den Fels und visierte mit der Pistole ein Auge der am nächsten liegenden Echse an.
Der Schuss hallte wie eine Explosion in dem Gewölbe wider. Kleine Steine rieselten von der domkuppelartigen Decke.
Das Krokodil bäumte sich vor Schmerz und Zorn auf. Der gewaltige Schuppenkörper zuckte.
Da schnellte das zweite Krokodil auf Estrella und Sam zu. Helen hatte keine Zeit zum Nachladen. Sie zückte ihr Messer und sprang dem Tier auf den harten Rücken.
Sogleich schlug es mit dem Schwanz um sich. Der Kopf bäumte sich hoch. Helen hielt sich eisern fest. Das Tier wälzte sich. Nur knapp entkam Helen dem schweren Körper - sprang hoch und rammte das Entermesser tief in den weißen Bauch. Die Echse stieß einen schrillen Laut aus, zuckte noch mehrmals und der Schwanz schlug schwere Kerben in den Sand.
Noch ein letztes Zittern - das Krokodil war tot.
Sams Warnruf kam zu spät.
Helen traf ein mörderischer Schlag. Sie wirbelte durch die Luft und landete im Wasser. Das andere Krokodil hatte sich von seiner Benommenheit erholt und mit dem Schuppenschwanz um sich geschlagen.
Das Wasser schwappte über Helen zusammen. Sie sah Schatten auf sich zu rasen. Sie ruderte mit den Armen und vollzog eine Pirouette unter Wasser. Die dunklen Körper schossen an ihr vorbei. Doch um sie herum wimmelte es von Echsenkörpern. Trotz des Hiebes mit dem Krokodilsschwanz hielt sie ihr Messer noch umklammert. Sie wusste aber, dass sie gegen das Rudel, das hier unten hauste, keine Chance hatte. Die Krokodile würden sie in Kürze zerreißen.
Sie tauchte tief auf den sandigen Grund des Sees hinab. Nur diffus drang noch Licht bis hierher. Über sich sah Helen die suchenden Leiber der letzten Urtiere. Die Luft wurde ihr knapp.
Da sah sie verwaschen einen höhlenartigen Eingang. Sie streckte sich und schwamm in großen Zügen auf die Öffnung zu.
Gleichzeitig blitzte es in ihrem Kopf. Wenn hier ein Krokodil haust, ist es vorbei!
Dunkelheit umfing Helen. Sterne begannen bereits vor ihren Augen zu tanzen, die Lunge fühlte sich an, als sei ein Schiff über ihren Leib gefahren.
Licht!
Sie sah Licht!
Helen sauste einem Delfin gleich nach oben.
Luft! Luft!
Rasselnd schoss das Lebensgas in die Lungen. Ihr Blick klärte sich. Sie erkannte Palmen. Warmer, aber angenehmer Wind fächelte ihr Gesicht.
Sie schwamm an den seichten Strand und zog sich an Land. Darauf achtend, ob hier eventuell ein weiteres Krokodil oder eine Schlange auf sie wartete.
Doch nichts dergleichen zeigte sich.
Helen pumpte sich voll frischer Luft. Dabei kreisten ihre Augen. Sie befand sich in einer Oase. Der unterirdische See musste mit diesem Wasserreservoir verbunden sein.
Noch etwas unsicher kam die Frau auf die Beine. Sie hoffte, dass Estrella und die anderen aus der Höhle heil entkommen waren.
Helen fuhr sich durch das nasse und strähnige Haar.
Wo mochte sie sich befinden?
Weit entfernt erkannte sie eine Hügelkette.
Mit einem Mal vernahm sie Stimmen.
Sogleich warf sie sich in Deckung.
Ein Trupp - bestehend aus etwa zwanzig Beduinen auf Kamelen - näherte sich. Der Anführer zeigte sich sehr reich gekleidet. Auf einen Wink saß man ab. Helen machte sich so klein wie möglich. Da erkannte sie, dass ein Gefangener mitgeführt wurde. Ein magerer Ägypter mit verschlagenem Rattengesicht. Gefesselt wurde er vor dem Anführer des Trupps in den Sand geworfen.
Helen, die des Ägyptischen in ein paar Brocken mächtig war, verstand aus der geharnischten Rede, die der Anführer gegen den Gefangenen führte nur:
»Verräter … Bestrafung … Gesetz der Wüste … Magischer Meister.«
Dann musste sie entsetzt mit ansehen, wie der Gefangene völlig entkleidet wurde. Er schrie und wimmerte. Doch die Beduinen lachten lediglich.
Helen schloss die Augen, als man den Gefangenen mit brutaler Gewalt auf einen schmalen Kaktus setzte und festband.
»Allah helfe dir!«, kam es zynisch von dem Anführer. Dann saß der Trupp wieder auf.


Erschöpft erreichten Estrella, Claire, Sam und Dan einen Strandabschnitt nahe des Hafens.
»Thunderstorm!«, spie der Erste Offizier der SILVER STAR aus und deutete nach vorn.
Am Horizont zeichnete sich eine Flotte von mindestens sieben Schiffen ab.
Die Corsarin schnaufte. »Den Segeln nach Venezianer.«
»Was wollen die hier?«, kam es verblüfft von Dan.
Estrella wandte den Kopf. »Jemand hat den Dogen entweder überredet, uns zu jagen oder es gibt jemanden, der eurem Sanfold auf die Finger klopfen will.«
Sam wurde ungeduldig. »Ganz gleich, wer und was es bedeutet! Wir sollten schleunigst unser Schiff erreichen!«
Die Corsarin lehnte sich an einen Stein. Tränen rannen ihre Wangen herab. »Denkst du, dass Helen wirklich …?«
Sam nahm sie in den Arm. »Wir haben über eine Stunde gesucht. Vielleicht konnte sie abtauchen. Aber es hatte wenig Zweck, an dem Tümpel zu wachen.«
Sie erreichten ihr Schiff nach einer Stunde.
Der Abend brach bereits herein. Da tauchte ein Schatten am Ufer auf. Als die Wache es der Corsarin meldete, rannte sie an Deck.
»Das ist Algossarah - der Sohn des Scheiks der Salam-Beduinen.«
Sie lief über die schmale Planke an Land.
Der junge Beduine verneigte sich.
»Was gibt es, mein Freund?«, erkundigte sich Estrella. »Schickt dein ehrwürdiger Vater dich?«
Der junge Mann bejahte das. »Einer unserer Nachbarstämme mit Scheik Estar scheint mit einem Magier zusammenzuarbeiten. Er hat dem Scheik großen Reichtum versprochen, wenn er ihm den geheimen Weg des Rätsels zeigt.«
Die Corsarin wurde hellhörig. »Magier? Geheimer Weg des Rätsels?«
Der junge Mann nickte. »Ein Weg durch den Leib des Sphinx. Nur wenn man alle Rätsel der Welt kennt, schafft man es die Fallen zu überwinden und in den Saal des Wissens zu gelangen. Dort findet man die Aufzeichnungen der Götter aus dem Anbeginn der Welt.«
Estrella malte mit den Kiefern. Sie wusste um die Jahrhunderte alte Legende, die immer wieder die Phantasien verwegener Abenteurer anfachte. Aber noch niemand, der einen Weg in den Sphinx gesucht hatte, war lebend zurückgekehrt.
»Der Scheik der Altasan kennt den Weg?«
Der junge Beduine nickte wieder. »Mein Vater auch. Beide Scheiks sind Brüder und sie kennen den Pfad von ihrem Vater und der von seinem Vater Scheik Methusala Davud ibn Halef.«
Der Verstand der Corsarin arbeitete präzise. Der Diebstahl in Venedig, von dem Claire erzählt hatte. Dann das Abbild des Medaillons in dem ‚Magischen Kasten’, den Claire Kamera genannt hatte. Dann die Venezianische Flotte …
Alles passte zusammen. Der Mann, den sie als Graf Weldone kannte und der sich am Hofe von Versailles San Germain betitelte. Protegiert von Madame Pompadour strebte er immer nach dem ewigen Leben. Nun tauchte er hier auf und Claire hatte ihn Sanfold genannt.
Er hatte es geschafft, durch die Zeit zu reisen. Nur schien ihm noch etwas zu fehlen?
Der geisterhafte Stein der Weisen? Was beinhaltete er?
Wissen?
Das geheime Wissen und die Erkenntnis der Götter um allmächtig zu sein?
»Wann will dieser … Magier in den Sphinx?«
»Morgen, wenn der Vollmond genau über der Spitze der großen Pyramide steht. Dann zeigt der Schatten den Eingang.«
Estrella atmete ein paarmal tief durch. »Kann dein Vater mir helfen?«
»Ich kenne den Weg ebenfalls!«
»Du?«
Der junge Mann lächelte und ein stolzes Glitzern stand in seine Augen. »Ich habe die Schriften der Götter gesehen.«


Claire, Dan und Estrella hockten im Schatten des Sphinx.
Der Mond schob sich immer näher an die große Pyramide heran.
Von Professor Sanfold und seinen Helfern keine Spur.
»Wenn dein Freund sich nun geirrt hat?«, flüsterte Claire der Corsarin zu.
Ehe diese eine Antwort geben konnte, vernahmen sie Hufschlag. Dumpf - näher kommend!
Vier Reiter.
Die Gruppe duckte sich enger in den Sand. Die Reiter hielten in einer Entfernung von vielleicht zwanzig Metern. Man konnte sie nur als Schattenrisse erkennen.
»Ihr wartet hier!«, sagte eine herrische, weibliche Stimme. Estrella zuckte zusammen.
»Bei Neptun! Jeanne Vaubernier! Was will die Hure Ludwigs hier?« Sie hatte es gehaucht, doch die Erregung drang durch.
»Ob sie mit der Flotte gekommen ist?«, flüsterte Claire zurück.
»Ich weiß es nicht! Aber wo Madame auftaucht, ist Intrige und Tod im Spiel. Sie will Frankreich beherrschen und man munkelt, Louis wolle sie sogar mit einem Grafen Dubarry verheiraten, damit sie adelig wird.«
Die Person, von der gesprochen wurde, näherte sich mit knirschenden Schritten ihrer Reitstiefel dem Monument der Rätsel - dem Sphinx.
Plötzlich flimmerte bläuliches Licht neben der Französin. Aus dem grellen Schein manifestierte sich eine Gestalt.
Professor Sanfold!
Estrella konnte gerade noch einen Ruf der Verblüffung zurückhalten.
»Wir kennen das schon«, hauchte Claire ihr ins Ohr. »Aber seine Magie besitzt Grenzen.«
Das blaue Licht erlosch und nun stand der Professor leibhaftig vor Madame.
»Ich dachte mir schon, dass ihr früher oder später hier auftauchen würdet«, kam es spöttisch von Sanfold.
»Denkt nicht, mit Euren Taschenspielertricks könntet Ihr mich beeindrucken. Das mag bei dem alten Mädchen Pompadour funktionieren. Ich sehe das realistischer.«
Wut schwang in der Stimme der Vaubernier mit. »Ich lasse mich nicht ausbooten.«
Sanfold kicherte kehlig. »Ihr wollt also das Geheimnis der alten Götter ergründen. Warum?«
»Warum?! Weil ich Europa beherrschen will!«
Erneutes kehliges Lachen. »Dann hättet Ihr nicht versagen dürfen. Die Seite des Buches ist verschollen und das Foto des Medaillons habt Ihr auch verloren.«
»Spielt Euch nicht auf! Ich habe erfahren, dass Ihr einen Führer angeheuert habt.«
»Ah … deshalb habt Ihr mich mit einer ganzen Flotte verfolgt?«
Nun lachte die Vaubernier auf. »Euch? Dazu seid Ihr ein zu kleines Licht.« Das kam triefend spöttisch. »Es gibt jemanden, der mir ins Handwerk pfuschen will. Diese verfluchte Corsarin.«
Der Professor winkte hochmütig ab. »Die habe ich bereits ausgeschaltet. Aber da kommt mein Führer.«
Estrella kannte den Scheik. Der kam mit zwei Begleitern herangeritten.
»Aljekum aleikum«, grüßte er.
»Aleikum jekum«, gab Sanfold zurück.
»Gleich ist es soweit.« Der Scheik blickte zum Vollmond. Dann richtete er die Augen auf den Sphinx.
»Da! Seht!«
Auch die Blicke der heimlichen Beobachter schauten auf das Gesicht der Riesenstatue. Direkt unter dem Kinn zeichnete sich ein Schatten in Form eines scharfen Pfeils ab.
»Dort ist der Zugang«, sagte der Scheik. »Kommt! Wir haben wenig Zeit.«
Sanfold zögerte. »Wie sollen wir dort hinaufkommen?«
»Es gibt verborgene Stufen. Aber man sieht diese auch nur, wenn der Mond in einem bestimmten Winkel steht. Das wird in der Zeit sein, die ihr zwei Minuten nennt. Danach ist ein Auffinden des Zugangs erst in acht Jahren wieder möglich. Also eilt euch!«
»Ihr Meeresgötter - wo bleibt nur Hassan?« Die Corsarin überkam Unruhe. Doch wie aus dem Nichts hockte der junge Beduine plötzlich neben ihr.
»Lasst sie gehen!«, flüsterte er. »Ich kenne den Weg.« Er wies auf die rechte Pfote des steinernen Fabeltiers. »Siehst du dort das Dreieck, das die Kante der Pyramide hinterlässt? Dort müssen wir hinein. Aber wenn der Mond weiterwandert, ist die Spalte nicht mehr zu sehen.«
Estrella hielt ihn am Arm fest. »Der Scheik hat gesagt, der Eingang sei dort am Kopf.« Sie zeigte aufwärts.
In Hassans Stimme klang Erstaunen. »Allah - dann will der Scheik der Altasan den Magier in die Irre führen. Es ist ein blinder Gang mit vielen Fallen.«
Als Estrella immer noch zögerte, drängte der junge Mann: »Wenn wir jetzt nicht gehen, ist es zu spät!«
Sie huschten zu dem Monument hinüber, während Sanfold, die Vaubernier und der Scheik ihren Blicken entschwanden. Der Sand knisterte unter ihren Füßen. Estrella hatte auch Claire inzwischen Stiefel organisiert.
Sie tauchten in einen höhlenartigen Gang ein. Erst jetzt entzündete Hassan eine Laterne. Er reichte Estrella eine zweite.
»Wenn wir ein Stück gegangen sind, zündest du sie an. Dann dringt kein Lichtschein mehr nach außen«, raunte er.
Die Schritte wurden als leichtes Echo von der gewölbten Wand des schmalen Ganges zurückgeworfen. Man konnte nur hintereinander gehen.
Hassan blieb stehen. »Jetzt kann die zweite Laterne angezündet werden«, sagte er. »Wir können nun auch wieder normal sprechen.«
Nachdem Estrellas Lampe auch Licht spendete, führte der Weg eine steile Treppe abwärts. Sie vollzog einen engen Rechtsbogen. Danach ging es waagerecht geradeaus und wieder unzählige Stufen nach oben.
»Wenn man sich nicht auskennt, verliert man rasch die Orientierung«, merkte der Beduine an. »Der Gang wurde absichtlich auf verschiedenen Ebenen angelegt, um zufällige Eindringlinge zu verunsichern. In Wahrheit führt aber auch der scheinbar waagerechte Weg leicht abwärts.«
So verlief bald ein Stunde. Da blieb Hassan stehen.
»Hier ist eine Falle aufgebaut«, mahnte er. »Ihr müsste einen großen Schritt machen und zwar mit dem linken Fuß. Dann den rechten genau vor den linken stellen. Dann bleibt die Platte in der Waage.«
»Was befindet sich unter der Falltür?« fragte Claire schaudernd.
»Schlangen!«, kam es kurz und die junge Frau bemerkte, wie sich ihre Haare sträubten.
Es gelang, das Hindernis zu bewältigen.
»Jetzt wird es stark abwärts gehen. Passt auf, dass ihr nicht ausrutscht«, erklärte Hassan in besorgtem Ton.
Mit einem Mal erweiterte sich der Gang und dann standen sie in einer domartigen Halle.
Fluoreszierende Steine boten ein überwältigendes Bild.
»Das sieht aus wie LEDs«, hauchte Dan überwältigt.
»Wie … was?«, fragte die Corsarin.
»Ach, nichts«, machte Dan.
Hassan ging auf die gegenüberliegende grünlich schimmernde Wand zu und gebot den anderen, ihm einfach zu folgen.
Claire und Dan wie auch Estrella machten große Augen, als der Beduine scheinbar einfach in der Wand verschwand. Doch dann erkannten sie, dass es sich um eine perfekte Spiegelung handelte.
»Wie hat man das gemacht?«, kam es völlig verdattert von Dan.
Hassan gab Auskunft. »Man sagt, es sei die Magie der Götter.«
Ein breiter Weg führte nun sanft immer weiter nach unten. Sie gelangten zu einer Gabelung. Hassan hielt sich links. Nach einigen Metern blieb er stehen. Er leuchtete in einen breiten Spalt. Der Weg wurde durch eine schmale Rinne unterbrochen.
»Bleibt stehen und bewegt euch nicht«, sagte er mit fester Stimme. »Egal was passiert!«
Dann setzte er einen Fuß über die Rinne und zog in sofort wieder zurück.
Ein Unheil verkündendes Rollen machte sich weit entfernt bemerkbar, dass zu einem Donnern anschwoll.
»Bleibt wo er seid!«, rief der Beduine noch einmal.
Dann brach es aus der Spalte hervor. Eine fast einen Meter durchmessende Steinkugel donnerte, aus dem Gang vor ihnen kommend, an ihnen - geführt durch die Rinne wie auf einer Schiene - vorbei und verschwand irgendwo in dem Spalt.
Das Rollen verebbte, doch Hassan gab keine Entwarnung. »Sie kommt zurück!«
Tatsächlich sauste die Kugel nun in der Gegenrichtung an ihnen vorbei den Gang wieder hinauf.
»Jetzt!«, kommandierte Hassan und sie sprangen über die Rinne.
»Was ist mit der Kugel?«, rief Dan ängstlich.
Hassan beruhigte. »Sie ist in ihre Ausgangsposition zurückgekehrt. Nur wer weiter geht, ohne die Rinne zu beachten, der wird zermalmt.«
»Sehr clever gemacht«, musste Claire zugeben.
Sie gingen weiter und die Laternen warfen bizarre Schatten an die glatte Sandsteinwand. Der Gang führte nun zahlreiche Stufen abwärts. Das Rauschen von Wasser drang an die Ohren der Gruppe. Estrella hielt Hassan fest. »Wasser? Hier unten?«
»Natürlich - die Wüste ist voller unterirdischer Wasserspeicher. Man muss sie nur auffinden.«
Erstaunt standen sie bald am Rande einer tiefen Schlucht. Eine wacklige Seilbrücke führte auf die andere Seite zu einer Art Galerie. Dort konnte man zwei höhlenartige Eingänge ausmachen.
Es war hell wie der Mittag und doch konnte man keine Lichtquelle ausmachen. »Niemand weiß, woher das Licht stammt«, flüsterte der Beduine.
Hassan zeigte auf den linken Eingang. »Dort hinter befindet sich der Dom der Götter. Er beherbergt das Wissen des Universums.«
»Der andere Eingang?«, wollte die Corsarin mit unterdrückter Stimme wissen.
Hassan zögerte etwas, ehe er sprach. »Der rechte Gang führt … ins Verderben.«
Estrellas Augen zogen sich zusammen. »Wie soll ich das verstehen?«
Hassan atmete schwer. »Ich wäre damals, als ich den Weg noch nicht im Schlaf kannte, beinahe dort weiter gegangen. Allerdings hatte mich auch die Neugier getrieben.«
»Und?«
»Ich gelangte an einen Punkt, der mir merkwürdig vorkam. Nur so ein Gefühl. Ich nahm einen der herumliegenden faustgroßen Steine auf und warf ihn in den Gang. Ein fürchterliches Poltern war das Ergebnis. Dann schossen Blitze aus den Wänden. Grüner und blauer Nebel breitete sich aus.«
Estrella blickte den Beduinen fest an. »Was geschah dann?«
Der schüttelte den Kopf. »Ich floh, als seien alle Kreaturen der Dschehenna (1) hinter mir her.«
Er schwieg einen Moment, ehe er fort fuhr. »Mein Vater sagte mir dann, ich könne von Glück sagen, dass ich entkommen sei. Der Nebel sei der Odem der Götter gewesen.«
Die Corsarin richtete den Blick auf die leicht schwankende Brücke. Man konnte nur hintereinander gehen. Tief unten rauschte ein wildes Wasser zwischen schroffen Felsen. Zahlreiche Vorsprünge zeichneten sich ab. Der Blick der Corsarin richtete sich nach oben. Eine milchig wirkende Kuppeldecke wölbte sich dort. Wie wabernder Nebel.
Plötzlich schrie Claire - die neben die Corsarin getreten war - auf. Mit zitternder Hand deutete sie schräg abwärts zu einem wie eine Nadel vorstehenden Fels.
Die Corsarin folgte dem Blick.
»Madre de Deo!«, stieß sie aus.
Auch Hassan schaute auf den zerschmetterten Körper dort.
»Der Scheik der Altasan«, würgte Hassan hervor. »Wie ist das möglich?«
Estrella riss ihren Degen heraus. »Sanfold hat einen Weg hierher gefunden«, flüsterte sie. »Aber weshalb tötete er den Scheik? Wo ist Sanfolds Begleitung?«
Hassans Augen flackerten ängstlich. »Es kann keinen anderen Weg durch die Fallen geben. Mein Vater sagte mir, der Zugang vom Kopf ist ein Irrgang!«
»Scheinbar ja nicht«, kam es trocken von Estrella. Sie zeigte auf die Brücke.
»Wir müssen hinüber!«
Sie merkte, dass Hassan zögerte.
»Was ist los?«, fragte sie.
»Nichts«, entgegnete er.
»Dann los!«
Der Beduine machte ein paar Schritte auf die Brücke zu, blieb dann aber wieder stehen.
»Ich denke, du bist diesen Weg schon oft gegangen?!«, herrschte Estrella den jungen Mann nun an. Sie sah den Schweiß auf seiner Stirn.
»Das Tragseil ist aufgesplittet!«, rief in diesem Moment Claire.
Der Kopf der Corsarin ruckte zu der Sprecherin. Da stieß Hassan Estrella zur Seite und rannte los. Zurück, auf den Gang zu, aus dem sie gekommen waren. Dan rannte hinterher. »Halt!«, schrie er.
Da krachte der Schuss!
Hassan warf die Arme hoch und wurde nach vorn geschleudert.
Estrella, Claire und Sam wirbelten herum.
Da stand - eine Arkebuse (2) im Anschlag - Jeanne Vaubernier.
Leichter Rauch kräuselte aus dem Lauf.
»Bei Neptun!«, schrie die Corsarin über die Schlucht. »Was soll das?«
Die Mätresse des französischen Königs ließ das Gewehr sinken und rief höhnisch: »Ich zahle keine unnötigen Löhne! Er hat seine Schuldigkeit getan. Wie der Scheik.«
»Wo ist Sanfold?«, rief Claire.
»Wer?«, kam es verblüfft.
»Weldona oder Saint Germain«, rief stattdessen die Corsarin.
»Ach … der - ich habe ihn ausgeschaltet«, kam es leichthin. »Das Wissen der Götter gehört mir allein!« Triumph klang beim letzten Satz in ihrer Stimme.
Doch da materialisierte der Professor aus dem Nichts hinter der Intrigantin.
»Mich schaltet niemand aus!«
Mit glühenden Augen blickte er die Vaubernier an.
Die Französin war erschreckt zurückgesprungen. »Verfluchter Satan! Du machst nur gemeinsame Sache mit der Pompadour. Aber das werde ich dir versalzen. Der König gehört mir! Frankreich gehört mir!«
Sanfold alias Saint Germain lachte laut auf. »Euch - Madame - gehört gar nichts!« Er hob die rechte Hand und eine blaue Feuerkugel bildete sich. Er schleuderte diese auf Jeanne Vaubernier. Die schrie auf, als sie plötzlich von einer gewaltigen Aura umgeben war. Mit weit geöffnetem Mund sackte sie zusammen. Nun wandte sich der Professor der Gruppe auf der anderen Seite der Schlucht zu.
»Ihr werdet niemals diese Brücke überschreiten! Niemals das Geheimnis der Götter erfahren! Aber ich … ich werde die Macht über die Welt erhalten!«
Das nun ertönende Lachen wäre eines Irren würdig gewesen. Kein Zweifel - Professor Sanfold rastete aus.
»Claire Bancroft!«, rief er dann. »Du besitzt etwas, das ich benötige. Die Kamera und das Blatt aus dem Buch des Wissens. Ich weiß, dass du sie bei dir führst. Das Medaillon wird mir zeigen, wie der Tempel der Götter wieder zum Leben erweckt werden kann.«
Dan blickte Claire an. »Was meint er?« Dann dämmerte es ihm. Die Formeln! Er brauchte sie. Zusammen mit den Schraffierungen des Medaillons ergaben sie einen Sinn. Dan wurde das klar. Nur die Seite des Buches, der Grundlage oder Ergänzung des Tabula Smaragdina, nützte ihm nichts.
»Wir haben die Dinge nicht bei uns!«, rief Dan.
»Doch«, rief der Professor. »In dem kleinen Lederbeutel deiner Gefährtin.«
Dan blickte Claire groß an. »Stimmt das?«
Die junge Frau nickte schwach. »Es schien mir sicherer als auf dem Schiff.«
Dann hob sie den Kopf und rief energisch herüber: »Da werden Sie Pech haben, Professor. Die Sachen sind hier, aber sie sind drüben.«
»Kein Problem«, erklang es da sanft hinter Claire.
Alle zuckten zusammen und schauten dorthin, von wo die Stimme gekommen war.
Hinter Claire stand … Sanfold.
Claire drehte sich wieder um. Sanfold stand aber auch drüben.
Er hatte wieder die Kunst der Duplizität angewandt.
Claire wich zurück. Die Corsarin zog ihren Degen. Da schleuderte der Professor von der anderen Seite der Schlucht eine blaue Feuerkugel auf Estrella. Diese warf sich flach auf den Boden. Die Kugel jagte auf Claire zu.
Dan stockte der Atem. Er war zu keiner Bewegung fähig. Auch Claire stand wie eine Steinsäule. Die Kugel jaulte heran und …
Was dann geschah, verfolgten die Begleiter der jungen Frau mit weit aufgerissenen Augen.
Claires Medaillon - dass sie einmal von der Königin Genevier erhalten hatte - schien zu glühen. Die Kugel traf das Amulett. Claire stürzte und schrie. Ein gleißender Ball - Höllenfeuer gleich - schoss aus dem Anhänger der Göttin Inanna. Das Feuer umschloss die blaue Kugel und schleuderte sie zurück. Sanfold schrie nun seinerseits auf. Sein Körper wurde von wabernden Flammen umschlossen.
Aber nicht nur drüben schrie der Professor auf. Auch sein Duplikat wand sich am Boden. Die Luft erfüllte ein Tosen.
Sanfold und sein Zweitkörper waren verschwunden.
Völlig verdattert und überrascht standen alle da und konnten nicht glauben, was passiert war.
»Wo … ist er?«, flüsterte Claire.
Estrella, die sich gerade aufrappelte, schluckte mehrfach trocken. »Ich weiß es nicht«, kam es krächzend.
Dan trat näher an Claire heran. Das Medaillon hing um ihren Hals. Nichts Außergewöhnliches ließ sich daran erkennen. In sanftem Gold strahlte das Wappen des Grals.
Dan fasste sich zuerst. Er blickte auf die Brücke. »Wir sollten den Rückweg antreten«, meinte er.
Da erfüllte ein ohrenbetäubendes Rollen das Umfeld um die Schlucht.
Dan blickte nach oben, denn von dort schien das Geräusch zu kommen. Unheil verkündend. Bedrohend.
»Weg hier!«, schrie er und gab sowohl Claire wie auch der Corsarin einen Stoß zu der wackligen Brücke.
Burg Rauenfels zur selben Zeit
Roger Müller und Markui standen am Krankenbett von Ken. Der hatte seinen Spezial-Laptop auf dem kleinen Tischchen zu sich herangezogen.
»Die Drohnen hängen irgendwo fest«, meinte er verzweifelt. »Ich kann sie nicht starten. Hier! Schaut mal! Als befänden sie sich in einem festen Behältnis.«
Markui kratzte sich hinter dem rechten Ohr. »Ihre Uhren scheinen auch beschädigt zu sein. Wir sind nicht in der Lage, irgendeinen Kontakt herzustellen.«
Ken knetete nervös die Hände. »Wir können sie auch nicht zurückholen, wenn die Empfänger in den Uhren defekt sind!«
Er schaute Müller an. »Roger - kannst du da nicht was drehen? Du bist doch der Techniker!«
Müller verzog die Mundwinkel. »Richtig - Techniker! Nicht Zauberer!«
Unter dem Sphinx in Ägypten
Der kugelförmige Fels krachte seitlich über die schräge Wand herab und rollte auf die Öffnung des Tunnels zu, der den Rückweg bildete.
Eine riesige Staubwolke wurde hervorgeschleudert, als der Stein den Gang fugendicht verschloss.
Die Gefährten lagen auf der Brücke, die mächtig in sich schwankte. Die Seile knirschten.
Der Staub legte sich.
Mühsam stützte sich Dan auf.
»Meine Güte …« stammelte er. »Das Ding hätte uns zermalmt.«
Estrella angelte ihren Degen zwischen zwei morschen Holzbrettern des Brückenstegs hervor und zog sich an einem der Halteseile hoch.
»Jetzt ist nur die Flucht nach vorn möglich«, zischte sie.
»Das schaffen wir nie!«, jammerte Claire.
»Es muss gehen!«, stieß die Corsarin hervor. »Ich gehe voran.«
Sie setzte vorsichtig ihren Fuß auf einen weiteren Meter der schwankenden Brücke. Dan und Claire schauten atemlos zu.
Die Bretter unter den Stiefeln der Corsarin knarrten. Unter ihr rauschte das Wasser, wie im tödlichen Reigen. Der Satan schien nach Estrella zu rufen. Je weiter sie sich der Mitte näherte, umso mehr vibrierte das Bauwerk.
»Keinen Schritt weiter«, hallte da eine schrille Stimme.
Estrella zuckte zusammen. Auch die Augen der anderen beiden ruckten dort hin, von wo dieser Ruf gekommen war.
Jeanne Vaubernier stand dort, die Arkebuse auf Estrella gerichtet.
»Ich habe nachgeladen und ich treffe ausgezeichnet!«
»Ich ebenfalls, französische Hure!«, donnerte es da von einem Felsen.
Die Vaubernier fuhr herum. Die Corsarin machte große Augen.
Auf einem Felsvorsprung hockte, eine Araberflinte im Anschlag … Helen.
»Madame«, kam es sachlich von der Vermissten. »Ich habe keine Skrupel, dem französischen König eine offizielle Trauernachricht zu überbringen.«
Die Vaubernier zerquetschte einen unverständlichen Fluch. Inzwischen hangelte sich die Corsarin über die Brücke und stand nun vor ihrer Gegenspielerin. Sie nahm ihr die Waffe aus der Hand. »Damit Sie sich nicht noch selbst verletzen«, sagte sie dabei spöttisch.
Die Augen der Französin schienen Funken zu sprühen.
»Wo ist … Saint Germain?« Estrellas Stimme klang rau.
»Woher soll ich das wissen?!«, spie die Intrigantin aus. »Vielleicht in der Hölle!«
Claire und Dan hatten nun auch das andere Ufer der Schlucht erreicht.
Die Corsarin zuckte die Achseln. »Nun gut … wo geht es zur Halle der Götter?«
»Ha! Weshalb sollte ich E u c h den Weg weisen?!«
Nun lächelte Estrella mild. »Weil - Madame - es die einzige Gelegenheit sein wird, die Halle zu sehen.«
Der Brustkorb der Vaubernier hob und senkte sich mit einem tiefen Seufzer. »Sie haben recht. Ich will sie sehen. Also kommen Sie!«
Helen war nun hinter ihre Schwester getreten. Auf deren fragenden Blick gab sie einen kurzen, aber präzisen Bericht. »Dann stellte ich fest, dass es von dieser Oase oder Wadi - keine Ahnung wie man das nun nennt - einen Eingang zu einem ausgedehnten uralten Höhlensystem gibt. Ich folgte kleinen eingeritzten Zeichen. Sie stellten eine geflügelte Sonne dar.«
»Das Zeichen des Grals und der Göttin Inanna!«, rief Claire und fasste an das Amulett.
Estrella wippte auf den Zehen. »Dann lasst uns sehen, welches Geheimnis der Sphinx noch preisgeben wird.«
Vorsichtshalber hielt die Corsarin ihre Pistole im Anschlag, als sie hinter der Französin herging.
»Ich bin mit dem Grafen nur bis zur letzten versiegelten Tür gelangt, dann spürte er die Gefahr von euch«, sagte die Vaubernier.
»Nun gut … wir werden sehen. Weiter!«
Der Weg führte geradlinig - dann über eine steinerne steile Treppe aufwärts, wieder abwärts und dann - nach einer Stunde etwa - befanden sie sich in einem weiteren domartigen Raum. Zwei merkwürdig geformte Fackeln spendeten Licht.
»Hat der Graf die Fackeln entzündet?«, wollte die Corsarin wissen. Die Vaubernier schüttelte den Kopf. »Sie brannten bereits.«
Claire trat an die außergewöhnlichen Gebilde heran.
»Elektrizität«, hauchte sie. Sie wandte den Kopf zu Dan. »Das ist Elektrizität!«
Dan betrachtete ebenfalls die Lichtspender. »Eines der Rätsel der Götter«, murmelte er.
Direkt vor ihnen befand sich eine auf Stein scheinbar gemalte Tür.
»Es sieht aus wie eine zeremonielle Tür«, merkte Claire an. »Wie in den Pharaonengräbern.«
Sie trat näher heran. In der Mitte der Tür befand sich ein Siegel und darin ein Rubin.
Claire wollte gerade über die Struktur der in Erdfarben gehaltenen Darstellung tasten, als aus dem Rubin ein gebündelter Lichtstrahl austrat und genau auf das Medaillon traf. Claire spürte die Hitze. Sie griff zu der Kette um ihren Hals.
Da schob sich knarrend und rasselnd die Felswand zur Seite.
Sphärische Musik erfüllte die Halle.
Rauenfels
Roger Müller stand der Schweiß auf der Stirn.
»Was ist?«, rief Markui ungeduldig.
»Moment!« Der Techniker machte eine unwirsche Armbewegung. Auf seinem Großbildschirm manifestierten sich ominöse farbige Spiralen und Kreise. Aus den Mittelpunkten schossen förmlich Zahlenkolonnen. Endlich blieb das Bild stehen und eine Formel zeigte sich in leicht pulsierender Art.
Müller lehnte sich zurück. Er angelte ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich über die Stirn.
»So - das wär’s!«, stieß er aus.
»Das wäre was?«, knurrte Markui.
»Mit dieser Formel - Euer Eminenz - ist eine Reparaturschaltung zumindest einer Spezialuhr möglich. Welche - das kann ich nicht sagen. Wenn einer der beiden seine Uhr verloren hat, werde ich hoffentlich ein Totalschaden-Signal bekommen.«
Markui ließ sich in einen Sessel fallen und angelte neben sich zu der Kaffeekanne. »Dann man Tau, großer Häuptling!«
Müller beugte sich wieder zur Tastatur vor. »Hauptsache, wir können einen Sender für den Rücksprung erreichen.«
Ägypten - eine Stunde später
Durch die getarnte Tür waren sie einem schmalen Weg gefolgt. Auch der war durch die Lampen der Götter erhellt.
»Ich hätte nie gedacht, dass das Amulett von Königin Genevier solche Auswirkungen beinhaltet«, flüsterte Claire.
Auch Dan musste das erst einmal verarbeiten. »Ob die Königin das gewusst hat, als sie es dir schenkte, nachdem du das Herz der Göttin retten konntest?«
Die junge Frau seufzte kurz auf. »Möglich ist es schon. Diese Frau wusste mehr, als wir jemals ahnen können.«
Sie erreichten eine Treppe, die spindelförmig steil abwärts führte. Doch hier endete auch das Licht. Die Treppe führte in die Finsternis.
Ein bedrohliches donnerartiges Rauschen drang herauf.
Dan holte tief Luft. »Wenn der Weg nun in eine Falle führt …?«, sinnierte er halblaut.
Claire trat an die erste Stufe heran. »Wir müssen es versuchen.«
Damit machte sie den ersten Schritt. Langsam und vorsichtig - jede Stufe prüfend. Hinter ihr ging die Corsarin.
Claire hatte ihre Taschenlampe angeschaltet. Doch der kleine Strahl reichte nicht weit in die Tiefe. Je weiter sie abwärts stiegen, umso mehr nahm das donnernde Rauschen zu.
»Ich will zurück!«, rief Jeanne Vaubernier. Estrella drehte sich kurz um und meinte spöttisch: »Oh - Madame haben die Hosen voll!«
Ab da schwieg die Französin.
Immer tiefer ging es abwärts und wäre das eiserne Geländer nicht gewesen, sie wären wegen des aufkommenden Schwindelgefühls und der Orientierungslosigkeit sicherlich längst abgestürzt.
Claire blieb stehen.
»Moment! Meine Beine müssen etwas ausruhen.«
»Es ist gar nicht abzusehen, wie weit es noch abwärts gehen soll«, murrte Dan.
Wie eine unbekannte Gefahr mischte sich das Rauschen mit einem tiefen Knurren. Dann begann es zu rumpeln und die Treppe durchzuckte ein Schwingen. Dann klackte es ohrenbetäubend.
»Die Stufen!«, schrie Helen, die als letzte ging. Claire richtete gehetzt den Strahl der Lampe nach oben. Sie sah gerade noch, wie zahlreiche Stufen sich aus dem eisernen Spindel-Gestell lösten und nach unten trudelten.
»Wir müssen weiter!«, schrie Claire hysterisch auf. Sie jagten abwärts, so rasch die Beine mitmachten. Da begann sich die Treppe wie eine Spirale zu drehen. Die Gefährten mussten sich am Geländer des Karussells festklammern.
Da machte Estrella eine entsetzliche Entdeckung. »Die Spindel dreht sich aufwärts!«
Gleichzeitig lockerten sich die Stufen unter ihnen.
»Lieber Gott hilf!«, schrie Jeanne Vaubernier.
Die Corsarin lachte lauthals. »Der schickt Sie direkt in die Hölle!«
Claire hielt den Atem an.
»Wir müssen springen«, japste sie.
»Bist du wahnsinnig?«, kreischte Dan.
»Sie hat recht!«, kam es da von der Corsarin.
»Weißt du, was uns da unten erwartet?«, rief Dan zurück.
Die Corsarin lachte wieder und es klang schaurig. »Nichts anderes als hier oben. Der mögliche Tod!«
Damit stieß sie sich von der Treppe ab und ließ sich einfach in die ungewisse Finsternis fallen. Sie wirbelte um die eigene Achse und sah - immer kleiner werdend - den Strahl von Claires Taschenlampe. Dann schlug eisiges Wasser über ihr zusammen.
Sie sah absolut nichts. Tief tauchte ihr Körper unter. Estrella versuchte den Sturz zu bremsen, doch die Wasserströmung riss sie mit. Immer weiter - irgendwo hin. Immer wieder schlugen Wogen über ihrem Kopf zusammen.
Wie lange das ging, vermochte sie nicht zu sagen, doch plötzlich wurde es hell und sie fand sich in ruhigem Gewässer wieder.
In einem See von unüberschaubaren Ausmaßen. Estrellas Blick richtete sich nach oben. Ein bizarrer, aus Stalaktiten bestehender, blau schimmernder Himmel wölbte sich über ihr. Es hatte den Eindruck, als wüchsen die Steingebilde aus den Wolken.
Da vernahm sie ein Prusten hinter sich und gab ihrem Körper einen Schwung um die eigene Achse. Hinter ihr schwamm Helen und etwas entfernt die anderen Gefährten … nur Jeanne Vaubernier konnte sie nicht entdecken. Doch sie hatte keine Zeit sich darum zu kümmern, denn direkt neben ihr begann das Wasser zu brodeln, als wolle ein Vulkan ausbrechen.
Fassungslos sahen alle, wie etwas riesiges Dunkles aus den Fluten auftauchte - hoch schoss - um dann auf das Wasser zurück zu prallen.
Die aufgeworfenen Wellen wirbelten ihre Körper herum. Aber das Wasser beruhigte sich rasch wieder. Was da vor ihnen schwamm, war eine Plattform.
Helen schwamm neben ihre Schwester. »Was soll das denn?«, keuchte sie.
»Keine Ahnung, Schätzchen«, stieß Estrella hervor. »Aber wir sollten das Ding entern.« Damit schwamm sie mit raschen Zügen darauf zu.
»Wenn dieses Ding nun wieder untertaucht?«, hörte sie hinter sich.
»Das denke ich nicht. Es hat einen Nutzen. Vermutlich haben wir durch den Sprung einen Mechanismus ausgelöst. Wir werden sehen!«
Sie zog sich als erste auf die Plattform hoch. Sie fühlte sich kühl und hart an.
Bald lagen alle - eben außer der Vaubernier - auf dem runden Ding.
Claire fasste mit der flachen Hand darüber. »Das ist kein Eisen«, flüsterte sie zu Dan. Der bestätigte das. »Eisen wäre längst verrottet.«
Ihre Gedanken wurden abgelenkt, weil diese merkwürdige Plattform sich mit einem Mal in Bewegung setzte und über den unterirdischen See glitt.
Schemenhaft zeichnete sich Land ab und bald konnte man es genau erkennen. Ein weiter Strand und eine Felsmassiv.
Die Plattform glitt ein Stück auf den weißen weichen Sand.
»Was machen wir jetzt?«, fragte Helen völlig irritiert.
Claire blickte auf einen etwa acht Meter hohen Felsstein, der wie von einer überdimensionalen Faust dort hingeworfen schien.
»Seht mal!«, rief sie aus.
Dan schüttelte den Kopf. »Das ist doch wieder dieses Zeichen …«
Claire nickte und ging langsam auf den Felsbrocken zu, auf dessen oberer Hälfte das Symbol der geflügelten Sonne prangte.
Da begann das Symbol zu leuchten. In dem Stein entstand eine Öffnung.
»Bin ich hier in einem Science-Fiction-Film?« Dans Stimme klang völlig fremd.
Eine melodische Stimme ertönte.
»Bis hierher habt ihr alle Prüfungen bestanden. Ihr seid auserwählt, die Halle der Götter zu betreten.«
Claire und Dan sahen sich an. »Ich glaub’s nicht!«, stieß die junge Frau hervor.
Die Corsarin fasste sich als erste. »Kommt schon«, sagte sie krächzend.
Wie in Trance traten sie durch das Tor, eingehüllt in sphärisches Licht.
Ein Raum, groß wie der Kölner Dom - beherrscht von Alabaster und Marmorsäulen. In der Mitte der Halle stand eine Art Thron. Darauf saß ein gläsernes, lebensgroßes Abbild einer weiblichen Gestalt.
Claire wusste, wer das nur sein konnte.
»Inanna«, sagte sie ehrfurchtsvoll.
»Heaven!«, machte Dan. »Das ist das, wonach Historiker und Archäologen seit Jahrzehnten … was sage ich … seit Jahrhunderten suchen? Was nur als Gerücht über den Ausgrabungsstätten schwebte?«
Claire nickte stumm.
Da begann die Figur auf dem Thron von innen in sanftem orangenem Licht zu leuchten.
Aber bald lauschten alle fassungslos der Stimme der Göttin - einer der Urmütter der Menschheit.
Rauenfels
»Geschafft!«
Roger Müller lehnte sich zurück. »Ich bin total fertig. Aber Dans Uhr - so zeigen die Symbole, ist bedingt funktionsfähig.«
»Was heißt bedingt?«, fragte Markui mit leicht vibrierendem Unterton.
»Das heißt, wir können sie zurückholen, wenn das Signal durchdringt. Momentan sind sie wieder abgeschirmt. Man sieht es hier an der Parabel.« Er zeigte auf den Schirm.
»Sind sie in Gefahr?«
Müller schüttelte den Kopf. »Nein - dann würde hier ein rotes Symbol leuchten. Die Uhr misst auch Dans Adrenalin. Allerdings hat er einen beschleunigten Herzschlag.«
»Hol sie zurück!«, gebot Markui.
»Das geht im Moment nicht. Der Traktorstrahl kommt zu schwach an. Ich könnte sie in eine falsche Zeitebene katapultieren.«
Markui raufte sich die Haare. »Was also?«
»Warten«, kam es ruhig von dem Techniker.
Ägypten
Was die Gefährten zu hören bekamen, überstieg sämtliches Auffassungsvermögen.
»Die Geschichte der Menschheit - der ganzen Evolution muss neu geschrieben werden«, hauchte Dan nur.
»Was ich tun werde!«, hallte es da hinter ihnen.
Die Gefährten hatten das Gefühl, als würde ein gewaltiger Hammer auf sie herabfallen.
Sanfold!
Da stand er leiblich und in seiner Hand hielt er eine Laserpistole.
»Ich bin am Ziel meiner Träume und niemand … n i e m a n d hält mich mehr auf. Ich werde der einzige Mensch sein, der jemals die geheimnisumwitterte Halle der Götter gesehen hat.«
»Wie Sie sehen, sind wir noch da«, kam es trocken von Dan.
Sanfold kicherte und es hatte den Eindruck, als würde sein Verstand vom Irrsinn blockiert.
Er hob den Kopf und wedelte mit den Armen.
»Selbst einem modernen Archäologen-Team würde man nicht glauben, wenn es von diesem Ort hier erzählen sollte.«
Dem mussten Dan und Claire innerlich zustimmen.
Der Professor richtete seine Waffe auf die Gruppe. Gegen den Laser würde niemand eine Chance haben. Das wussten die beiden Zeitreisenden.
Sanfold machte einige Schritte seitwärts auf eine vorstehende Felsnase zu, um ein besseres Schussfeld zu bekommen.
Da jagte der Schatten auf ihn zu. Niemand konnte hinterher sagen, wie alles so rasch geschehen konnte.
Der Professor schrie auf. Der Laserstrahl sauste in die hohe Decke der Götterhalle.
Sanfold stürzte. Auf ihm hockte - Jeanne Vaubernier.
Der Professor wehrte sich verzweifelt. Die Corsarin sprang herbei und setzte ihm ihr Messer an den Hals.
Dan ergriff die Laserpistole.
»Ein guter Techniker, der Gute«, brummelte der junge Mann anerkennend.
»Sie können von ihm herunterkommen, Madame«, sagte die Corsarin leise.
Die Französin rollte sich erschöpft zur Seite. Dan riss den Professor hoch. Er blutete. Jeanne Vaubernier hatte ihm einige empfindliche Kratzwunden im Gesicht zugefügt.
Sanfold wand sich unter dem Griff des athletischen Amerikaners.
»Bemühen Sie sich nicht, mein Bester. Diesmal habe ich Sie im Griff.«
Da entspannte sich Sanfold. Ein Lächeln huschte über seine Züge.
»Denkst du das wirklich?«
Dan spürte, wie der Hals unter seinem Griff schwammig wurde und nachgab. Der Körper des Professors wirkte glasig. Dan griff ins Leere. Sanfold war verschwunden.
»Verflucht!«, entfuhr es dem Zeitreisenden.
Aber es gab keine Zeit, sich weiter zu wundern. Die Halle der Götter begann zu beben. Dichter Nebel wallte aus diversen Felsspalten.
»Bei Neptun!«, schrie die Corsarin. »Wir müssen hier weg!«
Mit diesen Worten raste sie auch bereits auf den Ausgang zu.
Die Wogen des unterirdischen Meeres prallten gegen den Strand. Düstere Schaumkronen rollten heran.
Claire, die als letzte aus der Halle rannte, wurde beinahe von einem Stalaktiten von überdimensionalem Ausmaß getroffen. Er bohrte sich tief in den Boden und verschloss die Öffnung. Die Wucht schleuderte Claire auf den Strand.
Dann rollte eine Woge heran, von der Höhe eines doppelstöckigen Hauses. Ehe die Gruppe einen Fluchtversuch machen konnte, wurde sie mitgerissen.


Claire spuckte eine Portion Wasser aus. Sie blinzelte. Die Mondsichel zeichnete sich über ihr ab. Sanfter Wind berührte ihre Haut. Neben sich hörte sie Dan husten. Sie rollte sich auf die Seite. Dort rappelte sich gerade die Corsarin hoch. Sand und Wasser ließen ihr Haar wild ins Gesicht hängen.
Claire schaffte es sich aufzurichten. Sie sah in sitzender Stellung Helen.
»Wir haben Glück gehabt«, sagte sie leise. »Das Wasser hat uns in den Tunnel gedrückt, der zu dieser Oase hier führte.«
Nun sah Claire erst den See, dessen Wasserfläche sich aufgewühlt zeigte. Es gluckste wie bei einem Geysir.
Endlich schaffte Claire es aufzustehen.
Sie fühlte jeden Knochen im Leib. Sie machte ein paar unsichere Schritte und schaute dann durch die Stämme der Palmen auf eine Ebene. Still und rätselhaft - in das mystische, spärliche Licht des zunehmenden Mondes getaucht - stand dort der Sphinx.
»Habe ich das alles nur geträumt?«, fragte sie leise zu sich selbst.
»Den blauen Flecken nach an meinem Körper sicherlich nicht«, erklang die Stimme von Dan.
Da hörten sie Estrellas Stimme: »Wir sollten zur Silver Star zurückkehren. Sam wird sich sorgen.«
Der Rückweg durch die Nacht war beschwerlich. Tausend Gedanken kreisten durch die Köpfe der Gefährten. Nach vier Stunden Fußmarsch betraten sie erleichtert die Planken des Schiffes.
Jeanne Vaubernier verhielt sich am Fallreep zögerlich.
»Kommt schon, Madame!«, rief die Corsarin ungeduldig. »Wenn Ihr Euch anständig aufführt, nehme ich Euch bis Rhodos mit. Von dort könnt Ihr nach Frankreich gelangen.«
Sam war außer sich vor Freude und Erleichterung. »Ich wollte schon einen Suchtrupp losschicken.«
Estrella lächelte und umarmte den Alten. »Treuer Sam! Danke!«
Dann schaute sie ernst. »Habt ihr die Flotte beobachtet?«
»Yeah …«, dehnte der Erste Offizier. »Paolo meldete mir, dass vor einigen Stunden eine schwarze Fregatte vor der Küste aufgetaucht sei und die habe das Feuer auf die Flotte eröffnet. Es gab ein ziemliches Durcheinander. Als sich die Venezianer endlich formierten, um etwas zu unternehmen, hatte sich das fremde Schiff in Luft aufgelöst.«
»Aufgelöst …«, wiederholte die Corsarin murmelnd. Sehr nachdenklich steuerte sie auf die Kajüte zu. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. »Sam - zwei Mann ins Krähennest.«
In der Kajüte labten sie sich etwas später mit einem guten Rotwein. Auch Jeanne Vaubernier saß dabei.
Estrella blickte die Französin ernst an. »Wisst Ihr nun, was Ihr wissen wolltet?«
Die Vaubernier hob hilflos die Arme. »Dieses Wissen ist nicht gut für bestimmte Leute.«
Die Corsarin hob ein wenig die Augenbrauen. »Das erste wahre Wort aus Eurem Munde.«
Beim ersten Sonnenstrahl, der sich über dem Nil ergoss, setzte man auf der Silver Star die Segel. Vorsichtig näherte man sich der Mündung. Von der Venezianischen Flotte zeigte sich keine Spur. Trotzdem ordnete Estrella besondere Vorsicht an. Gegen Mittag befand sich das Schiff weit auf dem offenen Mittelmeer. Ziel: Rhodos.
In ihrer Unterkunft saßen Claire und Dan beisammen und ließen die Ereignisse Revue passieren.
»Was denkst du? Wo ist Sanfold abgeblieben?«, fragte Claire.
Dan hob etwas hilflos die Arme. »Ich habe wirklich keine Ahnung.«
Da zuckte er zusammen. Seine Armbanduhr gab ein vibrierendes Signal von sich.
»Heaven! Wir haben Kontakt zu Rauenfels!«, rief er enthusiastisch.


In einem muffigen Labor - im Keller einer alten Villa - robbte, sich vor Krämpfen krümmend, eine zerschundene Gestalt über den kalten Boden. Das Gesicht verkratzt. Ein Stöhnen brach über die aufgesprungenen Lippen.
Professor Sanfolds Atem rasselte wie ein Kettenpanzer.
Verflucht!, schoss es durch sein Gehirn. Die Formel war instabil. Er hätte es wissen müssen.
Unter Schmerzen versuchte er sich aufzurichten, sackte aber wieder zurück.
Das verdammte Amulett! Seine Gedanken wirbelten. Beinahe hätte es ihn in eine Zeitspirale ohne Wiederkehr geschleudert. Seine Moleküle aufgelöst. Es grenzte an ein wahres Wunder, dass er noch lebte.
Er musste alles neu berechnen … neu überdenken. Oder sollte er aufgeben?
Der ganze Körper schüttelte sich.
»Niemals!«, spie Sanfold aus.
Zwei Stunden später auf der SILVER STAR
Estrella stand auf dem Kapitänsdeck. Sie lehnte lässig mit dem Rücken an der Reling. Lächelnd blickte sie Claire entgegen, die den Niedergang heraufkam.
Der Wind knisterte in Wanten und Takelage. Er spielte im Haar der beiden ungleichen Frauen.
Claire blieb vor Estrella stehen und setzte zum Sprechen an. Da ergriff die Corsarin deren beide Hände. »Ich weiß - du musst zurück in deine Welt.«
Stumm nickte Claire.
Estrella wandte das Gesicht etwas und ließ ihre Augen über das weite blaue Meer gleiten. »Das hier ist meine Welt. Da bin ich glücklich.«
Sie ließ Claire los. Von ihrer rechten Hand zog sie einen Ring. Sanft steckte sie ihn Claire an. Diese schaute staunend auf das kostbare Stück. Massives Gold mit einem eiförmigen Diamanten. Darin eingelassen ein Wappen.
»Es ist das Siegel der Aragons«, flüsterte Estrella. »Es wird dich an mich erinnern und soll dich schützen. Hier und immer dar … Schwester.«
Ergriffen schaute Claire auf den Ring, in dem es wie tausend Sonnen zu strahlen schien. Sie drückte Estrella an sich.
»Niemals werde ich die große Corsarin vergessen«, flüsterte sie.
»Claire!«
Es war Dans Stimme. Er kam auf das Deck gerannt. »Das Signal!«
Irritiert nickte Claire. Sie spürte Dans Hand. Sie wollte Estrella noch etwas zurufen, doch da verschwamm das Bild vor ihren Augen.
Rauenfels
Ken, Markui und Roger Müller hatten gespannt dem Bericht der beiden Zeitreisenden gelauscht.
»Hm«, machte Ken. »Dann habt ihr nicht erfahren können, was mit unserem Professor passiert ist?«
Dan verneinte.
Markui erhob sich von dem Stuhl, den er sich an Kens Krankenlager gezogen hatte. »Ich denke, er wird uns bald wieder überraschen.«
Etwas später standen Markui, Claire und Dan in der gemütlichen Küche und tranken Kaffee. Markui musterte die junge Frau. Sein Blick fiel auf den Ring.
»Das Wappen der Aragons«, merkte er an.
Claire seufzte. »Ja - Estrella ist … war eine bemerkenswerte Frau.«
Markui nickte sinnend. Dann fragte er leise:
»Gibt es da noch etwas, was ich wissen sollte? Wart ihr am Sphinx?«
Dan bestätigte es.
»Und?«, wollte Markui wissen.
»Nichts! Die Halle der Götter ist einen Legende.«
Markui nickte und stand auf.
»Okay.« Damit verließ er wortlos die Küche.
Claire schluckte. Dann fiel ihr ein: »Wo sind eigentlich die Drohnen?«
»Die …?« Dan presste die Lippen zusammen.
Ja - wo waren sie?


1967 entdeckten Archäologen in New Hampshire (USA) einen Grabstein. Auf ihm stand der Name Estrella de la Varga. Sie fanden rasch heraus, dass es sich um die Corsarin Estrella Avilla de Aragon handelte. Jedoch rätselhaft blieben für die Wissenschaftler vier runde kleine Objekte, die in den Fels eingelassen worden waren.
ENDE
Anmerkungen:
(1) Hölle
(2) Vorderlader-Gewehr

Vorschau auf Episode 19
Erwartet mit Spannung die am 1. Mai 2010 erscheinende 19. Episode.
Der Titel lautet:
»Von Huren, Mördern und Zeitreisenden«
von
Thomas Tippner
Im dichten Nebel sahen sie die wie dahin schwebende Person. Den Zylinder tief in die Stirn gezogen, den Anorak über die Schultern geworfen, wirkte der Fremde wie aus einer anderen Welt.
Und er mordete wie man es noch nie erlebte.
Gezielt, eiskalt, ohne Gewissen.
Man würde ihn jagen, das wusste er.
Er freute sich darauf.
Sollten sie nur kommen.
Er hatte einen Plan.
Einen Plan, der das Zeitreisen für immer unterbinden sollte …