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»Semper Augustus«

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Cover © 2010 by Wolfgang Brandt

EPISODE 17

»Semper Augustus«

von Gloomy Tomb

Die geschichtlichen Hintergründe, die die Kulisse für diesen Roman bilden, wurden sorgfältig recherchiert. Ereignisse und Personen, die im Zusammenhang mit der Suche nach dem Stein der Weisen stehen, sowie einige Details bezüglich des Malers Jan van Goyen sind ein Produkt der Fantasie des Autors.

Burg Rauenfels in einer anderen Welt

»Wie siehst du denn aus?« Roger Müller starrte auf Dan, der nur mit einem Mantel bekleidet unter einer braunen Schicht stinkenden Schlamms steckte. Vom Kopf bis zu den Füßen war er voll davon und auch an Claire klebte die übel riechende Masse.
»Claire, was ist denn nur passiert?«, wollte Markui sofort wissen. Die Studentin winkte nur ab, zu sehr stand sie noch unter dem Schock des gerade Erlebten. Tränen schossen ihr in die Augen, als Markuis simple Frage die Bilder der Frauen heraufbeschwor, deren Sterben sie soeben zusehen musste, ohne dagegen etwas unternehmen zu können.
»Schon gut«, antwortete Dan an ihrer statt, »gebt uns ein paar Minuten, damit wir uns dieses stinkende Zeug abwaschen können, dann reden wir.«
Damit verschwanden die Zeitreisenden, um kurze Zeit später frisch geduscht und gekleidet das letzte Abenteuer mit ihren Freunden auszuwerten. Wie so oft taten sie dies in Kens Krankenzimmer. Glücklicherweise ging es dem Japaner an diesem Tag gut, der Arzt hatte ihm ohne sein Wissen ein leichtes Beruhigungsmittel verabreicht, was nun seine Wirkung tat.
Dan und Claire berichteten von ihrer Reise. Als Dan an den Punkt kam, Roger den Verlust seiner technischen Geräte zu beichten, kam er leicht ins Stottern.
»Also … ähm … nun, ich wurde gefangen genommen. Und dieser Cavanaugh hatte nichts Besseres zu tun, als meine Uhr ins Feuer zu werfen. Wo der Tempotronenscanner abgeblieben ist, weiß ich nicht. Als Claire mich fand, hatte ich nichts weiter als ein paar Fesseln an den Handgelenken am Leib. Tut mir leid …« Dan senkte den Blick, denn er rechnete mit einem Donnerwetter. Was allerdings ausblieb.
»Keine Panik, ein bisschen Schwund ist immer, gerade bei einer Mission, welche ihr gerade zu erfüllen versucht. Ich habe mich sowieso schon gewundert, dass es nicht schon früher passiert ist. Diese kleinen Geräte sind für euch wahrscheinlich noch ein technisches Wunder, für mich gehört es zu den leichtesten Übungen, da für Ersatz zu sorgen. Und wenn ich ehrlich bin, ich habe schon dafür gesorgt. Der Tempotronenscanner ist das kleinste Problem und Claire hat ihre Uhr ja noch. Drohnen kann ich ebenfalls noch zur Verfügung stellen. Also, daran wird die nächste Reise nicht scheitern.«
»Sie wird dennoch scheitern, denn wir wissen nicht, wohin Sanfold gereist ist. Ohne Tempotronen können wir kein Ziel bestimmen«, wandte Markui sofort ein.
»Oh Shit, daran habe ich noch gar nicht gedacht.« Dan schlug sich an die Stirn.
»Na, wie denn auch, du Schlauberger«, rief Claire. »Berichte mal noch den Rest unserer Reise, dann werden die beiden Herren verstehen, dass wir gar nicht mehr scannen konnten, selbst wenn wir es gewollt hätten.«
Dan erzählte das Erlebte nun bis zum Schluss. Die Augen seiner Zuhörer wurden immer größer, indes Claire wieder Tränen in die Augen traten, als Dan zu den unheimlichen Veränderungen kam, die mit dem Haus und dadurch den Frauen passierten. Auf Einzelheiten verzichtete der Sportstudent, auch ihm war das Geschehene und Gesehene nicht einerlei.
»Dann bleibt uns nur das Notizbuch. Wir müssen versuchen, uns in Sanfolds Lage zu versetzen und zu denken wie er.« Markui versuchte, die Anspannung nach Dans Bericht zu entschärfen. Sanfolds Notizbuch hatte er schon griffbereit.
»Moment«, protestierte Claire, »zuerst einmal habe ich Hunger.«
»Da können wir doch Abhilfe schaffen.« Damit stand Roger auf und verließ den Raum. An der Tür sagte er noch: »Ich organisiere was zu essen. Bin gleich zurück.«
Die vier Freunde schwiegen sich an. Sie wussten, dass ihre Mission ein weiteres Mal gescheitert und eine Rückkehr in ihre Zeit und Welt dadurch noch immer ungewiss war.
Nach kaum zwei Minuten kam Roger Müller zurück. »Auf, Freunde, lasst uns mal sehen, wohin die nächste Reise gehen könnte.«
Nun blätterte Markui in Sanfolds Notizbuch, las immer wieder Ausschnitte daraus vor, bis nach kurzer Zeit die Tür geöffnet wurde und Xarina mit einem Servierwagen voller Speisen und Geschirr das Zimmer betrat. Während des Essens diskutierten sie immer weiter, hakten ab, welche Ziele Sanfold schon aufgesucht hatte und grenzten das nächste Reiseziel anhand des Ausschlussverfahrens ein.
»Wir können nur raten«, meldete sich da Ken. »Lässt sich mit den Drohnen was machen?«
»Nein, dazu muss jemand dabei sein, der sie aktiviert«, meinte Müller.
Ken überlegte. Er hatte die kleinen Biester von seinem Laptop aus gesteuert, nachdem die Zeitreisenden sie eingeschaltet hatten.
»Was spricht dagegen, wenn sie im On-Modus losgeschickt werden … ich halte den Kontakt und steuere sie …«
Roger überlegte. »Hm … so gesehen hast du recht. Aber ich glaube nicht, dass ich die kleinen Dinger allein auf Reisen schicken kann. Das ist zu wenig Fläche …« Man sah dem Techniker an, dass er schon an einer Lösung rätselte. »… ich habe da eine Idee«, sagte er noch, bevor er in seinem Labor verschwand.
»Na also«, äußerte sich Ken noch genugtuend, »man muss diesen Genies nur mal auf die Sprünge helfen.« Markui lachte, Dan gähnte ungeniert, während Claire schon die Augen zufielen. Nach den Anstrengungen taten die Dusche und das gute Essen ihr Übriges, sodass ihre Körper die notwendige Erholung einfach einforderten.
Am nächsten Morgen wussten alle Beteiligten, wohin die nächste Reise gehen würde. Roger, Markui und Ken hatten die halbe Nacht getüftelt und probiert, einige der kostbaren Drohnen waren dabei draufgegangen, bis sie die Spur des verrückten Professors gefunden hatten. Was sie in den Büchern, die Markui aus der Universitätsbibliothek der Avila-Universität in Kansas City während seines Kurzausfluges gestohlen hatte, nicht fanden, war ein Hinweis darauf, warum Sanfold genau diese Zeit, diesen Ort und diese Person aufsuchen wollte. Sie fanden keine Verbindung zur Suche nach dem Stein der Weisen.
Dan und Claire würden es herausfinden müssen …

's-Gravenhage, Januar 1637

Die Herren saßen im Hinterzimmer des Gasthauses. Vor ihnen auf dem großen runden Tisch lag eingebettet in einem Tontopf voller Erde das Objekt der Begierde, eine braune Zwiebel, nicht größer als eine blaue Hauspflaume, aus deren Spitze bereits der Hauch eines grünen Etwas ragte. Die Zwiebel lagerte bisher in einem viel zu warmen Keller und versuchte deshalb, ihr Wachstum schon in die Wege zu leiten. Doch noch wusste keiner der Anwesenden, in wessen Garten, Blumenkasten oder Topf sie ihre volle Pracht entfalten würde. Denn zuvor wurde um eben diese Zwiebel verhandelt.
Es handelte sich bei dieser Zwiebel um eine der Begehrtesten, eine von der Sorte Semper Augustus. Man wusste zum Zeitpunkt der Verhandlung nur, dass diese Tulpe zu denen gehörte, die ihre Pracht in einer gemusterten Blüte hervorbringen würde. Über die Farbe konnte man zu diesem Zeitpunkt nur spekulieren. Anhand der Färbung der Zwiebel vermuteten die potenziellen Käufer, dass es sich um eine dunkelrote Tulpe handelte. Doch letztendlich musste der zukünftige Besitzer die Zeit der Tulpenblüte abwarten.
Zu den Käufern gehörte wie so oft auch Jan van Goyen. Jan lebte seit 5 Jahren in 's-Gravenhage und im Ausbruch des Tulpenwahns sah er seine Chance gekommen, endlich zu etwas Reichtum zu gelangen. Vom Malen allein konnte er kaum leben, kaum jedenfalls mit einer Frau und Töchtern, die hohe Ansprüche an das Leben stellten. Besonders Annetje, seine Frau, legte großen Wert auf ihren Stand in der Gesellschaft, weshalb Jan neben den Tulpenspekulationen auch mit Immobilien handelte und als Kunstschätzer und -händler zu Geld zu kommen versuchte. Momentan sah seine finanzielle Lage aber eher besorgniserregend aus, denn er hatte irgendwann begonnen, seine Geschäfte miteinander zu verweben und zu finanzieren. So passierte es schon mal, dass er sich mit dem Geld eines Immobilienkäufers zu einer Tulpenauktion begab und letztendlich zwar seiner Familie einen bunten Garten, dem Käufer einer Immobilie jedoch nicht sein neues Eigentum übergeben konnte. Das waren dann die Zeiten, in denen Jan wie besessen malte und seine Bilder verkaufte. Doch in einer Zeit, in der neben Tulpen auch Landschaftsgemälde wie Pilze aus dem Boden schossen, brachte der Verkauf eines Bildes nicht sonderlich viel Geld ein. Irgendwie schaffte es van Goyen dennoch, sich mit seinen Geschäften über Wasser zu halten. Im Zweifelsfall verkaufte er eben selbst einige seiner geliebten Tulpenzwiebeln, die sich manchmal noch gar nicht in seinem Besitz befanden, und in dieser Beziehung hatte er bisher meist Glück. Erwarb er mehrere Zwiebeln zu einem Preis von 3000 Gulden, so konnte er sie oft gewinnbringend weiterverkaufen. Jan van Goyen vertraute auf sein Glück und spekulierte auch noch mit Tulpen, als die Preise langsam am Verfallen waren.

Die drei Männer in den schwarzen Kutten schlichen durch die Straßen von 's-Gravenhage. Professor Arthur Sanfold war dabei in tiefes Grübeln verfallen. Er folgte diesmal einem nur vagen Hinweis, eigentlich nur einer unhaltbaren Vermutung über den Verbleib des Steins der Weisen, oder besser Azoths, wie er ihn lieber nannte. Er wusste nicht mehr, wer ihm den Hinweis auf 's-Gravenhage gegeben, noch, woher er den Namen Jan van Goyen bekommen hatte. Er wusste nur, dass der Vermerk bei seinen als wichtig markierten Notizen in seinem alten Tagebuch stand, welches ihm die Studenten gestohlen hatten. So jedenfalls glaubte er und war davon auch überzeugt.
Nun fehlte Sanfold ein wenig die Orientierung. Er wusste nicht, wo er ansetzen sollte. Und vor allem wusste er nicht, welche Rolle Jan van Goyen in der Angelegenheit um sein Objekt der Begierde spielte. Waren es die derzeit heiß begehrten und teuer gehandelten Tulpen? Oder barg der Maler ein ganz anderes Geheimnis? Sanfold wollte es herausfinden, doch dazu musste er zunächst van Goyen finden.
William Taylor und Michael McCrery folgten ihrem Boss mürrisch durch die dunklen Straßen. Wie üblich hatte der Professor die Beiden nicht in seine Pläne eingeweiht, sondern nur blinden Gehorsam erwartet. Sowohl Taylor als auch McCrery kannten die Macht des Professors und gehorchten ihm. Auf eine Demonstration von Macht und vor allem Magie legten die beiden Männer keinen Wert, zu schmerzhaft waren die Erinnerungen an frühere Vorführungen der selbigen.
Als die Männer zum dritten Mal das kleine Rathaus im Zentrum der Stadt umrundeten, wagte McCrery dann doch eine Frage.
»Boss, wie lange wollen wir hier eigentlich noch im Kreis laufen?«
»Halt's Maul!«, grummelte Sanfold leise. Doch er wurde sich bewusst, dass er etwas unternehmen musste. Wenn er seine Gehilfen nicht bald in das Ziel dieser Reise einweihte, konnte er nicht voraussehen, was passieren würde. Sanfold hasste seine Begleiter, vor allen Dingen hasste er die Neugier von Michael McCrery. Der Mann fragte einfach zu viel. Sanfold musste sich bald etwas einfallen lassen, um ihn gefügig zu machen.
Neben dem Rathaus gab es ein Gasthaus, hinter dessen Fenstern schwaches Licht schimmerte. Sanfold sah ein, dass er nichts erreichen konnte, wenn er weiterhin ziellos durch die Stadt lief. Er zeigte auf die Tür und bedeutete seinen Begleitern damit, dass sie dort hineingehen würden. Auf einen Wink hin betrat Taylor als Erster die Gaststube, gefolgt von McCrery. Nach kurzem Zögern folgte Sanfold, der erst abwartete, ob ihr Erscheinen für Aufsehen sorgen würde. Als nichts dergleichen geschah, sondern die drei schwarz gewandeten Männer außer ein paar neugierigen Blicken keine weitere Aufmerksamkeit erregten, setzten sie sich an einen Tisch an der hinteren Wand des Schankraumes. Dort waren sie vor den Blicken der anderen Besucher etwas geschützt und vor allem saßen sie außer Hörweite der anderen Gäste.
Sanfold ließ seinen Blick zunächst erst einmal durch den Gastraum schweifen. Außer ihnen waren noch sechs weitere Männer anwesend, allesamt gepflegt gekleidet. Der Professor schloss daraus, dass dieses Gasthaus zu den gehobeneren Etablissements der Stadt gehörte.
Nun trat der Wirt an ihren Tisch und redete in einer ihnen unbekannten Sprache auf sie ein. Taylor und McCrery sahen sich nur erstaunt an, verstanden aber kein Wort. Sanfold bellte dem Wirt das Wort »Wijn« zu, woraufhin dieser verschwand, um einen Augenblick später drei Becher auf den Tisch zu knallen. Dann hielt er seine Hand auf. Die Geste war unmissverständlich, er wollte, dass die Gäste sofort zahlten. Nun wurde die Situation ein wenig brenzlig. Der Professor wusste zwar, dass in Holland Gulden das Zahlungsmittel waren, aber er hoffte natürlich, dass auch hier Gold als solches akzeptiert wurde. Wie überall auf der Welt und in beinahe jeder Zeit. Er kramte aus den Tiefen seines Umhangs eine Goldmünze hervor und legte sie dem Wirt gönnerhaft in die ausgestreckte Hand. Dieser schaute zuerst verwirrt, dann mehr und mehr verblüfft auf die Münze, schüttelte den Kopf und sagte mehrmals hintereinander: »Nee, nee, nee.«
Sanfold schaute ihn mit grimmiger Miene an und blaffte: »Prüf es nach!« Der Wirt tat, als verstünde er kein Wort, was der Mann ihm sagen wollte. Also sah er Sanfold noch einmal wütend an und begab sich zu einem der anderen Gäste und hielt ihm die Münze hin. Dabei sprachen sie leise in der unbekannten Sprache. Der Gast nahm die Münze und untersuchte sie eingehend, am Ende biss er sogar noch auf das gelbe Metall. Dann nickte er wohlwollend und gab die Münze dem Wirt zurück. Dabei flüsterte er ihm noch etwas zu, wobei sich die Augen des Wirtes weiteten. Geschäftig eilte er zu seinen sonderbaren Gästen und redete auf sie ein. Sanfold verstand zwar nicht jedes Wort, konnte sich den Sinn aber weitestgehend zusammenreimen und nickte. Der Wirt lief aufgeregt davon und rief Hände wedelnd Anweisungen, die wohl an eine Person in dem Raum gerichtet waren, der sich an den Schankraum anschloss. Sanfold vermutete dort die Küche und freute sich auf das Essen, welches der Wirt ihnen eben angeboten hatte. McCrery und Taylor staunten nicht schlecht, als eine dralle Mittvierzigerin ihnen ein warmes Abendmahl servierte. Beim Anblick der dampfenden Speisen lief ihnen das Wasser im Mund zusammen und alle drei langten herzhaft zu.

Im Hinterzimmer des Gasthauses gipfelte die Auktion um die Tulpenzwiebel in ihren Höhepunkt. Natürlich handelte man nicht nur um eine einzige Zwiebel, aber diese eine war es, die den Preis in die Höhe trieb. Jan van Goyen bot noch immer mit, der Preis lag unterdessen bei 4500 Gulden. Mehr Geld konnte der Maler nicht mehr setzen, also bot er einige seiner neusten Gemälde. Andries Schuyt überbot van Goyen lächelnd, er hatte sein Limit für diese Auktion sehr hoch angesetzt. Die anderen Herren hatten unterdessen ihre Gebote beendet.
Nun wurde der Verbleib der Zwiebeln unter Schuyt und van Goyen abgemacht.
Andries überbot jeden weiteren materiellen Einsatz van Goyens mit Geld, sodass er letztendlich die Ware für 5200 Gulden bekam. Jan van Goyen behielt für heute sein Geld, aber er würde es schon bald wieder setzen, um endlich auch in den Besitz einer weiteren Semper Augustus zu kommen. Einige der begehrten Pflanzen besaß er bereits, für die er sich beinahe ruiniert hatte, doch leider wusste kein Käufer, in welcher Farbe die Tulpe erblühen würde. Und van Goyen hatte das Pech, dass er bisher nur rote Tulpen dieser Sorte erworben hatte. Für seine Frau Annetje wollte er aber unbedingt eine dunkelrote oder besser noch lilafarbene Blüte ersteigern. Aber an diesem Abend sollte es noch nicht soweit sein.
Als er Andries Schuyt nicht mehr überbieten konnte, verließ er das Hinterzimmer und betrat den Schankraum. Dort genehmigte er sich noch einen Wein, musterte die Gäste und wunderte sich über die drei Fremden, die voller Appetit ein Mahl zu sich nahmen. Van Goyen kann alle Einwohner 's-Gravenhages, auch Besucher blieben ihm nie lange verborgen, aber diese drei Gestalten hatte er noch nie gesehen. Vielleicht hatte er ja Glück, und sie wollten entweder ein Haus oder Bilder von ihm kaufen. Mit diesem Gedanken leerte Jan sein Glas und verließ das Gasthaus. Wenn die Fremden zu ihm wollten, würden sie ihn finden. Jan van Goyen war in 's-Gravenhage überall bekannt.
Jan ging nach Hause. Noch war es sein Zuhause, aber einen Großteil seines Besitzes hatte er bereits in Tulpenzwiebeln angelegt. Wenn es gar nicht mehr anders ging, würde er die Zwiebeln wieder verkaufen. Das Geschäft mit den Tulpen reizte van Goyen, dieser Kick während der Auktionen war viel aufregender als der Verkauf seiner Bilder. Früher einmal, da hatte ihm das Malen Freude bereitet, hatte ihm eine innere Ruhe gegeben. Doch seit er wusste, dass man mit ein paar Zwiebeln viel schneller zu Geld kommen konnte, hatte die Malerei ein wenig ihren Reiz für ihn verloren. Was sich zum Glück für ihn nicht in der Qualität seiner Bilder niederschlug. Van Goyens Gemälde waren nach wie vor gefragt, brachten ihm aber eben nicht genug ein.
Zu Hause angekommen, inspizierte van Goyen seine Tulpenkäufe der letzten Wochen. Viele waren es nicht, aber es waren zwei dabei, über deren Farbe er nur spekulieren konnte. Sie waren nicht ganz so dunkel gefärbt wie die Zwiebel, die ihm Andries heute Abend weggeschnappt hatte, ließen aber dennoch ebenfalls auf eine dunklere Färbung der Blüte schließen. Diese beiden Zwiebeln waren es gewesen, für die er sein Haus gesetzt hatte. Van Goyen betete inbrünstig, dass sich der Kauf gelohnt hatte. Wenn er sie gewinnbringend weiterverkaufen konnte, wäre er im Herbst alle seine finanziellen Probleme los. Und Annetje würde ihm nicht mehr ständig in den Ohren liegen.
Annetje.
Jan liebte seine Frau. Als er sie im Jahr 1618 heiratete, versprach er ihr, dass es ihr niemals an etwas fehlen würde. Heute schämte van Goyen sich dafür. Tief in sich drin wusste er, dass die Sache mit den Tulpen nicht mehr lange gut gehen konnte, aber noch waren die Preise hoch und die Ware begehrt. Doch was wäre, wenn?, fragte sich Jan. Was nützten ihm die teuer gekauften Knollen, wenn er sie nicht mehr gewinnbringend weiterverkaufen könnte? Jan hasste Momente wie diesen, wenn er sich über seine eigene Zukunft Gedanken machte. Bisher hatte er es immer geschafft, seinen Kopf aus der sprichwörtlichen Schlinge zu ziehen. Aber wie lange noch?
Tief in sich drin hoffte Jan auf ein Wunder.

Die beiden Timetraveller fanden sich am Rande eines mittelalterlich anmutenden Städtchens wieder. Umrahmt wurde die Ansammlung der Häuser von Erdwällen und seichten Gräben, aber es waren auch die Reste einer steinernen Stadtbefestigung zu erkennen, die deutlich beschädigt war und den Eindruck erweckte, als sei sie vor ihrer Zerstörung noch gar nicht fertiggestellt gewesen.
»Hier sieht es aus wie nach einem Krieg«, stellte Dan fest.
»Das sieht nicht nur so aus, wie befinden uns im Krieg«, belehrte Claire ihn.
Dans Augen weiteten sich. »Davon war bisher aber keine Rede«, verteidigte er sein Unwissen.
»Nun bleib mal ganz locker. Wenn alles stimmt, dann befinden wir uns im Jahr 1637, also mitten im Achtzigjährigen und Dreißigjährigen Krieg. Und da wurde nicht pausenlos gekämpft. Wenn ich mir die Mauer hier so ansehe, dann war diese Stadt schon Schauplatz des Krieges und im Moment sieht es doch ganz friedlich aus. Die Niederländer haben derzeit andere Sorgen, die legen ihr Geld und manchmal auch ihr Hab und Gut in Tulpen an.«
»Wie bitte?«, hakte Dan nach. »Hast du gerade Tulpen gesagt?«
»Ja, aber genau genommen geht es um Tulpenzwiebeln. Wir stehen kurz vor dem ersten Börsencrash der Neuzeit, mein Lieber, und wenn wir lange genug hier bleiben, werden wir bald ein paar sehr verzweifelte Gesichter sehen. Unter anderem auch das von Jan van Goyen, auf den es Sanfold abgesehen hat.«
»Du meinst, wir befinden uns genau in diesem sogenannten Tulpenfieber?« Dan konnte es noch immer nicht glauben, aber zumindest wusste er von dieser Epoche, die nicht wenige Niederländer in den Ruin getrieben hatte. »Aber, was will Sanfold hier?«, fragte er nach kurzem Überlegen. »Ich habe über den Tulpenwahn mal was gelesen, sehe aber keinen Zusammenhang zu Sanfolds Suche nach dem Stein.«
»Hm, das weiß ich auch nicht, aber wir werden es herausfinden. Deshalb sind wir ja auch hier. Und ehrlich gesagt, ich für meinen Teil bin sehr gespannt, was uns erwartet.« Es war schon immer Claires Wunsch gewesen, einmal in die Niederlande zu reisen. Neben Geschichte interessierte sie sich auch ein wenig für Kunst, und die Malerei des 17. Jahrhunderts hatte sie schon als Kind begeistert. Besonders Jan Vermeers »Briefleserin am offenen Fenster« hatte es Claire angetan, denn dieses Bild zierte das Wohnzimmer ihrer Eltern und hatte sie von klein auf fasziniert. Dieses Bild malte Vermeer zwar erst in einigen Jahren, aber für die Epoche war es doch bezeichnend. Aus Erzählungen ihres Vaters wusste Claire, dass derzeit in den Niederlanden, genau genommen in der Republik der Sieben Vereinigten Niederlande oder Republiek der Zeven Verenigde Provinciën das Goldene Zeitalter herrschte, welches zahllose Meisterwerke der Malerei hervorbrachte.
Plötzlich hörten sie Stimmen, die allmählich lauter wurden. Erst da fiel den beiden Timetravellern die Stille auf, die vorher in der Luft gelegen hatte. Das Fehlen der Geräusche, die sie aus ihrer Zeit kannten und die zu jedem Atemzug dazugehörten, war ihnen zunächst gar nicht bewusst gewesen. Da es Januar war, schien auch die Natur vollkommen im Winterschlaf zu liegen, obwohl es nicht so kalt war, wie die beiden erwartet hatten. Die Nähe des Meeres sorgte für eine relativ milde Temperatur.
Die Stimmen kamen näher und Dan und Claire versteckten sich eilig hinter einem Stück Mauer, das noch erhalten war. Als sie die Worte verstehen konnten, weiteten sich Dans Augen.
»Die reden ja englisch!«, flüsterte er.
»Hm«, machte Claire nur, denn sie konzentrierte sich ganz auf die Worte der beiden Männer in der Hoffnung, vielleicht eine wichtige oder nützliche Information zu erhalten. Aber wie sich schnell herausstellte, ging es nur um Frauen. Leicht angewidert verzog die Studentin das Gesicht, denn bei den abwertenden Worten schossen ihr ihre eigenen Erfahrungen durch den Kopf, als sie von einem Ryk missbraucht wurde. Claires Innereien verkrampften sich. Als Dan sie ansprach, fauchte sie ihn nur gereizt an. Sie wollte auf gar keinen Fall Kontakt zu diesen beiden Männern ... Monstern! herstellen. Dan schüttelte nur den Kopf. Er sah eine Chance, sich in dieser Zeit verständigen zu können, unternahm aber nichts. Claire Reaktion war eindeutig gewesen. Und nach ihrer letzten Reise, als Dan seinen Willen durchsetzte und dabei beinah ihre beiden Leben aufs Spiel gesetzt hatte, fügte er sich diesmal anstandslos der jungen Frau.
Die beiden Männer gingen vorüber und folgten der Straße, die nun ins Zentrum der Stadt zu führen schien. Dan und Claire schauten ihnen nach. Anhand der Kleidung vermutete Claire, dass es sich um englische Seeleute handelte. Besonders das verwegen auf dem Kopf sitzende Tuch des Kleineren ließ diesen Schluss zu.
»Folgen wir ihnen?«, fragte Dan. Claire überlegte, schüttelte aber den Kopf.
»Nein. Sanfold befindet sich irgendwo hier in der Nähe. Wir müssen herausfinden, was er hier will. Außerdem wird es bald dunkel. Wenn wir nicht erfrieren wollen, brauchen wir einen Platz für die Nacht.«
»Was meinst du, ob es hier ein Hotel gibt?«, fragte Dan daraufhin.
Claire lachte. »Ein Hotel bestimmt nicht, aber vielleicht ein Gasthaus mit Fremdenzimmern. Komm, sehen wir uns mal um.«
»Wir müssen aber vorsichtig sein. Sanfold kann überall sein«, warnte Dan, als sie ihr Versteck schon verließen.
»Worauf du einen lassen kannst«, erwiderte Claire, die ihren Schrecken schnell überwunden hatte. Dan schaute sie an, solche Worte war er von der Freundin gar nicht gewohnt.
Nun betraten sie 's-Gravenhage und der Blick, der sich ihnen bot, überraschte sie dann doch. Vor ihnen lag eine saubere Straße, die von hübschen kleinen Häusern gesäumt wurde. Zur Stadtmitte hin wurden die Häuser größer und das Ende der Straße schien in einen Platz zu münden, der vielleicht als Markt diente. Heute jedoch war dort kein buntes Treiben, überhaupt schien die kleine Stadt auf den ersten Blick wie ausgestorben. Als Claire und Dan der Straße allerdings ein Stück folgten und die ersten Seitenstraßen abzweigten, sahen sie sich mit etlichen Einwohnern konfrontiert. In den Seitengassen war Leben, da spielten Kinder, waren Frauen unterwegs, Männer standen in Gespräche vertieft vor Hauseingängen. Claire und Dan blieben vorsichtig und gingen die Hauptstraße weiter in Richtung des Platzes. Sie waren noch nicht weit gekommen, als es hinter ihnen rumpelte. Auch das typische Geräusch von trabenden Pferden war zu vernehmen. Claire sah sich erschrocken um und sah eine Kutsche, die von zwei Pferden gezogen wurde, auf sich zurollen. Der Kutscher wedelte aufgeregt mit den Armen, zügelte die Pferde aber nicht.
»Weg! Weg! Ik heb haast«, rief er ihnen zu. Dan erkannte ihre Lage schneller als Claire, zog die junge Frau unsanft aus dem Weg und drückte ihren und seinen Körper an die nahe gelegene Hauswand. Die Kutsche rollte nur knapp einen halben Meter an ihnen vorbei.
»Nun ... das erklärt wohl, warum diese Straße so leer ist. Wenn die alle so fahren wie der, dann sucht man sich freiwillig einen anderen Weg«, sagte die Studentin aufatmend.
»Wir sollten dennoch diesen Weg nutzen und die Seitengassen meiden. Je weniger Leute uns sehen, umso besser. Wir fallen trotz unserer Mäntel immer noch auf.«
Claire griff automatisch an den Kragen ihres Mantels und befühlte ihn, während sie zu Dan sprach. »Naja, vielleicht sorgen wir ja für den nächsten Modetrend hier, aber im Ernst, diese Soldatenmäntel sind schon in Ordnung. Da brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Schwierig wird es erst, wenn die Menschen bemerken, dass in einem von ihnen eine Frau steckt.«
Dan grinste. Dann fiel ihm Claires Verhalten an der Stadtmauer wieder ein. »Vielleicht ist es sogar besser, wenn dich die Männer hier für Ihresgleichen halten. Man weiß ja nie ...« Die letzten Worte flüsterte er nur noch, als er Claires entsetzten Blick sah.
Sie folgten der Straße nun weiter, bis sie den Platz erreichten. Dort schauten sie sich zunächst erst einmal um. Einige Passanten waren unterwegs, im Haus gegenüber von ihnen brannte schwaches Licht, obwohl die Dämmerung gerade erst eingesetzt hatte. Ein Schild über der Tür wies darauf hin, dass es sich um ein Wirtshaus handelte. Des Weiteren glaubte Claire, so etwas wie ein Rathaus zu erkennen, was sie aus der Fülle der Anschläge an der Haustür und den unteren Fenstern schloss.
Die Beiden wollten sich gerade wieder in Bewegung setzen, als Dan seine Begleiterin in einen Hauseingang zog.
»Was ...?«, fragte sie.
»Psst. Hör mal.« Mehr brauchte Dan nicht zu sagen, denn nun hörte auch Claire das Scharren und Schaben vieler Schuhe und das Gemurmel mehrerer Leute in der ihr fremden Sprache.
Und dann sahen sie sie auch schon. Etwa zwanzig Menschen, die Hälfte davon Kinder, kamen aus einer Seitengasse, überquerten den Platz und verschwanden in einer Gasse auf der gegenüberliegenden Seite.
Die Zeitreisenden waren schockiert. Die Armut, die diese Gruppe ausstrahlte, war beinahe greifbar und stand in krassem Gegensatz zu den Leuten, die sie bisher in dieser Zeit gesehen hatten.
»Armenspeisung.« Das Wort schoss Claire beim Anblick der Menschen durch den Kopf und sie wunderte sich, als Dan reagierte. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie das Wort ausgesprochen hatte. Der Anblick erinnerte sie spontan an ein Seminar, welches sie besucht hatte, und in dem es um die Gesellschaftsordnung in Europa im Zeitalter der Renaissance ging. Dort hatte sie unter anderem erfahren, dass während des Goldenen Zeitalters einige Länder recht fortschrittlich im Umgang mit der armen Bevölkerungsschicht waren und damit Aufstände und vor allem Diebstahl und Seuchen eindämmen konnten. Allerdings war das beim Anblick der erbarmungswürdigen Menschen dort nur schwer vorstellbar.
Dan überlegte unterdessen, wie sie die Situation für sich nutzen konnten. Fakt war, dass die Nacht unweigerlich hereinbrach. Des Weiteren ahnte er, dass Sanfold nicht unvorbereitet in diese Zeit gereist war und sich irgendwo eine Bleibe erkaufen konnte. Da die Auswahl nicht sehr groß war, schätzte der Student, dass der Professor die Gastfreundlichkeit des Wirtes im Haus gegenüber in Anspruch nehmen würde.
»Wir brauchen Hilfe.« Dans Feststellung riss Claire aus ihren Gedanken.
»Was? Was meinst du?«, fragte sie.
»Nun, wir können da nicht einfach rein spazieren.« Dan zeigte auf das Gasthaus. »Zwar würden wir dort sicher die Zeitmaschine und vielleicht einen Hinweis auf den Stein der Weisen auf einmal finden, aber für unsere Gesundheit wird das nicht gerade förderlich sein. Und nach unserem letzten Ausflug neige ich doch zu etwas mehr Vorsicht, wenn du verstehst, was ich meine.«
Claire nickte. Sofort hatte sie wieder das Bild vor Augen, wie Dan nackt und gefesselt vor ihr stand. »Was schlägst du vor?«, fragte sie deshalb.
»Wir müssen herausfinden, wo dieser van Goyen wohnt. Und zunächst ihm allein einen Besuch abstatten. Tulpen hin oder her, ich kann mir nicht vorstellen, dass das Geheimnis des Steins in den Tulpenzwiebeln zu finden sein soll.«
»Stimmt, das habe ich mir auch schon überlegt«, pflichtete Claire ihm bei. »Wenn es während der Tulpenmanie zu irgendwelchen Unstimmigkeiten gekommen wäre, dann hätte ich davon gehört oder gelesen. Das einzig Erstaunliche an dieser Zeit waren die übermäßig hohen Preise, die für diese Zwiebeln ausgegeben wurden.«
»Eben«, stimmte Dan zu. »Preise! Wäre es nur selten zu solch hohen Summen gekommen, dann könnte man das als Hinweis deuten, aber die Menschen hier waren ja so bekloppt und haben für eine Unmenge an Tulpenzwiebeln Unsummen an Geld fließen lassen. Irgendwie unvorstellbar ...«
»Da hast du recht. Aber vergiss nicht, diese Blume gelangte erst Ende des 16. Jahrhunderts nach Holland. Das ist von der jetzigen Zeit aus gesehen erst gut 40 Jahre her. Alle wollten sie haben, diese Blume hat sich zu einem Statussymbol entwickelt.«
»Trotzdem bekloppt.« Dan schüttelte nur den Kopf. Für ihn war diese Manie einfach nicht nachvollziehbar.
Die Zeitreisenden hatten während ihres Gespräches gar nicht gemerkt, dass sie unbewusst der Menschengruppe gefolgt waren, deren Anblick sie vor wenigen Momenten noch so entsetzt hatte. Als sie sich mehr auf ihre Umgebung konzentrierten, erkannten sie, dass sie sich wieder dem Stadtrand näherten. Die Straßen waren hier längst nicht mehr so sauber, an den Häusern nagte der Verfall. Im Fokus ihres Blickfeldes erkannten sie ein großes Gebäude, in welchem die Armengruppe nach und nach verschwand.
Dan schaute Claire an, sie nickte. Die Neugierde hatte sie gepackt, sie wollten ergründen, wie fortschrittlich die Versorgung der Armen im Goldenen Zeitalter tatsächlich war. Und außerdem brauchten sie Informationen. Warum sollten sie diese nicht hier bekommen? Schließlich mussten sie irgendwo mit ihrer Suche beginnen.

Die beiden englischen Seeleute, denn um genau solche handelte es sich tatsächlich, steuerten zielgerichtet auf das Wirtshaus zu. Sie betraten den Gastraum und noch ehe sie Platz genommen hatten, rief der Größere der beiden nach Wein.
Der Wirt schüttelte den Kopf. »Nee, eerst betalen«, wies er sie zurecht.
Der mit dem Kopftuch bewegte sich drohend auf den Wirt zu und wies mit dem Zeigefinger auf ihn. »Du bekommst dein Geld schon, Halsabschneider. Und jetzt her mit dem Wein, sonst ...« Er machte eine unmissverständliche Geste, die überall auf der Welt verstanden wurde, indem er sich mit dem Daumen einmal quer über den Hals fuhr. Dass der Wirt ein paar grundlegende Worte der englischen Sprache verstand, hatte er bisher nicht preisgegeben und nun deutete er die Worte und die Geste des Engländers als genau das, was sie waren – eine unmissverständliche Drohung. Da er die beiden Raufbolde kannte – sie hielten sich schon einige Wochen in 's-Gravenhage auf – kam er ihrer Aufforderung doch zähneknirschend nach.
Sanfold und seine Kumpane hatten die Auseinandersetzung mitbekommen, sich aber nichts anmerken lassen, sondern sich weiter ihrem Essen gewidmet. Der Professor überlegte allerdings schon fieberhaft, wie er sich die Anwesenheit dieser beiden Engländer zunutze machen konnte. Während er weiter aß, ließ er sie nicht mehr aus dem Blick. Nach einiger Zeit sah er die Gelegenheit gekommen. Die Becher der Engländer waren leer und als sie nach dem Wirt riefen, mischte Sanfold sich ein.
»Darf ich euch auf einen Becher einladen?«, fragte er geradeheraus. Die Augen der beiden Männer weiteten sich, als sie ihrer Heimatsprache gewahr wurden.
»Sieh mal an, da hat es noch jemanden in diese Einöde hier verschlagen.« Sie standen auf und setzten sich ungefragt zu den Zeitreisenden an den Tisch.
»Na, was ist?«, fragte der mit dem Tuch. »Bekommen wir noch Wein?«
Sanfold rief nach dem Wirt und bellte ihm wieder nur das Wort »Wijn« zu. Dieser nickte und brachte umgehend fünf gefüllte Becher an den Tisch. Da er sogleich wieder verschwand, war der Wert der Goldmünze wohl immer noch nicht erschöpft.
»Was treibt ihr hier?«, wollte der Größere der beiden nun wissen.
»Geschäfte«, erwiderte der Professor kurz.
»Geschäfte ... so.«
»Ja, Geschäfte. Und ihr könnt mir helfen.« Sanfold griff in die unergründlichen Tiefen seines Umhangs und förderte eine weitere Goldmünze zutage. »Damit könntet ihr schon mal eure Schulden beim Wirt begleichen«, sagte er anzüglich und ließ die Münze zwischen seinen Fingern kreisen.
Die Engländer nickten. In ihren Blicken lag Gier, aber auch eine gewisse Neugierde konnten sie nicht verbergen.
»Wie heißt ihr?«, wollte Sanfold als erstes wissen.
»Edward, Eddie«, stellte sich der mit dem Tuch vor. »Und das ist John.« Dabei wies er auf seinen größeren Begleiter.
»Eddie und John, gut. Das sind Will und Mike, mein Name tut nichts zur Sache. Ihr könnt mich Professor nennen.« Sanfolds Tonfall ließ keinen Widerspruch zu.
»Auf gute Geschäfte«, ließ sich Eddie vernehmen und hob den Becher. Sie prosteten sich zu und besiegelten damit ihre soeben gegründete Partnerschaft.
»Also, Professor, dann rück mal raus mit der Sprache, was sollen wir für dich tun?«
»Genau, und wie viele Münzen springen dabei für uns raus?«, legte John sofort nach.
»Ihr werdet euch umsehen nach zwei Fremden. Ein junger Mann, blondes Haar, schlank, und eine junge Frau, dunkle Haare, ebenfalls sehr schlank und recht appetitlich, wenn ihr wisst, was ich meine.« John und Eddie lächelten anzüglich.
»Ihr haltet mir die beiden vom Leib. Wenn ihr sie findet, setzt sie fest, sorgt dafür, dass sie meinen Weg nicht kreuzen. Wie ihr das anstellt, ist mir egal, sie dürfen mir auf keinen Fall ins Handwerk pfuschen. Ist das klar?«
»Wenn's weiter nichts ist, Professor ...«
»Vielleicht solltet ihr noch wissen, dass die beiden gefährlich sind. Und bewaffnet. Also seid vorsichtig.« Sanfold sprach nun sehr eindringlich, was Eddie sich gleich zunutze machte.
»Dann kostet das aber eine Münze mehr, Gefahrenzulage sozusagen«, meinte er lapidar.
»Wenn ihr euren Job gut macht, bekommt ihr sogar zwei Münzen mehr. Und eine obendrauf, wenn ihr mir sagt, wo ich Jan van Goyen finde.«
»Was willst du denn von diesem Spinner? Der ist doch beinahe jeden Abend hier und verzockt sein Hab und Gut.« John tippte sich an die Stirn. »Tulpen … die sind doch derzeit alle nicht ganz dicht hier in diesem Land. Geben ein Vermögen aus für ein paar Blumen ... das verstehe, wer will.«
»Gab es denn da schon mal ... na ... besondere Vorkommnisse? Ich meine, übermäßig hohe Summen, größere Streitigkeiten oder so etwas?« Sanfolds Frage sollte nebensächlich klingen, doch Eddies Spürsinn ließ ihn aufhorchen.
»Wie meinst du das, Professor?«, hakte er nach.
»So, wie ich es gesagt habe«, blaffte Arthur. »Ich will nur wissen, ob es gefährlich werden könnte, wenn ich in den Tulpenhandel einsteigen will.«
»Hä?«, ließ John sich vernehmen. Als er Sanfolds Blick begegnete, zog er es vor, lieber nichts mehr zu sagen.
»Und wo finden wir die beiden?«, fragte Eddie stattdessen.
»Sie sind hier in dieser Stadt. Mehr weiß ich nicht, außer, dass sie versuchen werden, mich zu finden. Also sucht nach ihnen, ihr werdet sie finden. Ich schätze, dass beide die Sprache nicht beherrschen, daran werdet ihr sie erkennen.« Damit war für Sanfold alles geklärt. Er bestellte nochmals eine Runde Wein, danach schickte er die Engländer los, ihren Auftrag zu erfüllen. Zum Abschied drückte er beiden eine Goldmünze in die Hand und ließ sie wissen, dass sie ihn hier im Wirtshaus finden würden.
William Taylor und Michael McCrery hatten der gesamten Unterhaltung stumm, aber wohlwollend zugehört.

»Sag mal, sollten wir uns nicht zuerst kurz auf Rauenfels melden? Nicht, dass Ken wieder ausrastet«, sagte Dan unvermittelt.
Claire schlug sich an die Stirn. »Oh, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Das liegt ja wohl jetzt in meiner Hand«, meinte sie.
»Eher an deinem Handgelenk«, erwiderte Dan darauf. In der Kürze der Zeit war es Roger Müller unmöglich gewesen, eine neue Uhr zu fertigen. Also hatte man Dan lediglich mit einem neuen Tempotronenscanner ausgestattet. Man war auf Rauenfels übereingekommen, nur ein Signal zu senden, von einer sprachlichen Meldung jedoch Abstand zu nehmen. Die Drohnen sollten ebenso wie ein sprachlicher Austausch nur im äußersten Notfall zum Einsatz kommen, denn ihre Reise nach San Salvador de Verdera hatte ihnen gezeigt, dass der Einsatz der modernen Technik zu unvorhersehbaren Gefahren führen konnte. Seit Sanfold von den Drohnen wusste, würde er sicher genauer danach Ausschau halten und die Anwesenheit der Timetraveller daran erkennen. Jedoch war es in jedem Fall günstiger, das Überraschungsmoment auf der eigenen Seite zu haben.
Claire drückte also nacheinander zwei der kleinen Knöpfe, die sich seitlich an der Uhr befanden, und ein kleines grünes Licht bestätigte ihr, dass das Signal erfolgreich versendet war.
In einer anderen Zeit und Welt atmete Augenblicke später Ken Okumoto auf, als sein Laptop ihm den Eingang des Signals meldete.
Die Timetraveller betraten nun das heruntergekommen wirkende Haus. Das restliche Tageslicht reichte kaum mehr aus, den Eingangsbereich zu erhellen und die Gerüche, die die Luft erfüllten, luden ebenfalls kaum zum Eintreten ein. Neben den Ausdünstungen vieler ungewaschener Leiber und Kleidung lag der Geruch von gekochtem Kohl in der Luft. Dazu die unterschwelligen Geräusche, die viele Menschen zusammen in einem Raum verursachten. Dan und Claire folgten den Geräuschen und blieben an der Tür zu einem großen Saal, aus dem Geräusche und Gerüche drangen, stehen. Fasziniert aber auch ein bisschen angewidert schauten sie auf die Szene, die sich ihren Augen darbot. In dem Saal saßen sicher an die sechzig Menschen auf dem Boden und schlangen aus den unterschiedlichsten Gefäßen einen undefinierbaren Brei in sich hinein. Dem Geruch nach war eine Hauptsubstanz Kohl.
An der rechten Wand des Saales war ein etwa 10 Meter langer Tisch aufgebaut, auf dem Töpfe standen, aber auch große Holztröge voller Wasser. Der Tisch endete dort, wo ein Kamin in die Wand eingebaut war, der zu einer Kochstelle umfunktioniert worden war. An einem Dreibein hing ein großer Kessel über dem Feuer. Nahe dem Kamin drängten sich viele Kinder, die etwas von der wohligen Wärme erhaschen wollten, die das Feuer ausstrahlte.
Zwischen den am Boden sitzenden Menschen, die aufgrund ihres Aussehens zu den Ärmsten der Armen gehören mussten, gingen vier gut gekleidete Frauen umher und verteilten Wasser. Jeder, der einen Becher oder Krug oder etwas Ähnliches besaß, hielt ihn wortlos hin und ließ ihn sich von einer der Frauen füllen. Dabei wechselten die Frauen mit jedem der Bedürftigen ein paar Worte oder schenkten ihnen ein Lächeln. Nur die jüngste der Frauen, sie mochte vielleicht 15 oder 16 Jahre alt sein, versah ihre Arbeit wortlos und mit grimmigem Gesicht.
Claire und Dan waren so sehr vom Anblick dieser Armenspeisung gefangen genommen, dass sie beide erschraken, als sie von der Seite her angesprochen wurden.
»Vlug!«, sagte eine der Frauen zu ihnen. »Daarheen.« Sie zeigte mit dem Finger zum Tisch. Dann hielt sie einen Krug Wasser so, als wollte sie ihnen davon einschenken. Als ihr keine Gefäße hingehalten wurden, ging sie einfach weiter.
Dan nickte Claire zu. Er wollte es nun genau wissen und das Essen probieren. Die Studentin war einverstanden und beide gingen in Richtung des Tisches.
Die Blicke vieler der Anwesenden richtete sich auf die beiden Neuankömmlinge, was nicht zuletzt daran lag, dass sie sauber gekleidet waren. Niemand kam aber auf die Idee, dass sie hier fehl am Platz sein könnten, denn ein ungeschriebenes Gesetz besagte, dass nur diejenigen eine Armenküche aufsuchten, die sich tatsächlich kein warmes Essen am Tag leisten konnten. Freiwillig, ohne Not, würde niemals ein Einwohner 's-Gravenhages diesen Ort aufsuchen. Wer nicht hierher musste, machte einen großen Bogen um dieses Armenviertel am Rand der Stadt.
Eine der Helferinnen klatschte den Neuankömmlingen etwas von dem Brei in zwei Holzschalen. Besteck gab es keines. Dan und Claire suchten sich einen Platz nahe einer Gruppe von Menschen, die sie vorhin auf dem Weg hierher gesehen zu haben glaubten. Sie setzten sich ebenfalls auf den nackten Boden und probierten vorsichtig von dem unappetitlich aussehenden Brei. Zeige- und Mittelfinger dienten als Gabel. Als Claire den ersten Happen zum Mund führte, verzog sie ob der Farbe des Gemisches den Mund. Augen zu und durch, dachte sie noch, als sie das Gemenge in den Mund schob. Plötzlich hellten sich ihre Gesichtszüge ein wenig auf. Was da so unappetitlich vor ihr in der Schale lag, hatte tatsächlich Geschmack. Wie vermutet, enthielt die Pampe verkochten Kohl, aber auch einige Fleischfasern waren zu spüren. Das Ganze schmeckte sehr urtümlich, da es nicht durch Gewürze beeinflusst war.
»Nicht schlecht«, murmelte sie leise und dann langte auch Dan zu. Sie waren beide nicht sonderlich hungrig, wussten aber, dass sie ihre Portionen nun vertilgen mussten, um den Schein zu wahren, dass sie aus der Not heraus die Armenspeisung aufgesucht hatten.
Während sie aßen, spitzten die beiden die Ohren. Im Stimmengewirr hatten sie neben der hier meistgesprochenen Sprache auch andere Worte gehört, aber nichts, was ihrer Muttersprache auch nur nahe kam. Claire schob sich gerade den letzten Bissen in den Mund, als eine der Frauen, die das Essen ausgaben, damit begann, die Armen zu verabschieden und mehr oder weniger nach draußen zu drängen. Das war auch für die beiden Zeitreisenden das Zeichen, das Armenhaus zu verlassen. Leider hatten sie hier außer einer neuen Erfahrung und einem warmen Essen nichts Relevantes für ihre Suche bekommen. Als sie durch dir Pforte traten, änderte sich das jedoch schlagartig.

Eddie und John verließen das Gasthaus. Mit den Goldmünzen in der Tasche fühlten sie sich an diesem Abend reich und unwiderstehlich. Ihnen stand eine ganze Stadt offen, doch Eddie drängte seinen Begleiter, dass sie einen Auftrag erfüllen mussten.
»Dieser Professor ist unheimlich«, sagte er zu John.
»Hm, der hat so was … hast du seine Augen gesehen?«
»Das meine ich ja. So viel Kälte hat nicht mal Käpt'n Edgerton ausgestrahlt.«
»Hey, fang jetzt nicht mit dem an. Der hat uns einfach hier sitzen lassen«, erwiderte John darauf. »Wenn ich den in die Finger bekomme …«
Eddie lachte dreckig. »Was dann? Was glaubst du, was du dann tust?«
John winkte ab. Er wusste selber, dass er vor dem Käpt'n im Dreck kriechen würde, wenn er das nächste Mal vor 's-Gravenhage vor Anker ging. Doch das war nichts, worüber sich die beiden Seemänner heute Gedanken machen wollten, heute ging es um einige Goldmünzen.
»Und wo fangen wir mit der Suche an?«, fragte John, statt auf die Frage zu antworten.
»Was weiß ich? Lass uns die Lage mal sondieren. Wo, außer bei Willem, könnten sie für die Nacht unterkommen?«
John überlegte. Es gab noch einige Gasthäuser in dieser Stadt, heruntergekommene Spelunken, die die beiden Engländer mieden, solange es ging. Und dann war da noch Marieke mit ihrem Etablissement, was aber ausschied, da eine Frau zu den beiden von ihnen gesuchten Personen gehörte. Und Frauen gingen bestimmt nicht freiwillig zu Marieke, außer … sie wohnten und arbeiteten dort.
»Bei Marieke sind sie bestimmt nicht, aber wir könnten ja trotzdem mal nachschauen«, sprach John süffisant und drehte die Goldmünze zwischen den Fingern.
Eddie lächelte zwar, schüttelte aber den Kopf. »Keine Chance. Erst erledigen wir unseren Auftrag.« Eddie konnte sich nicht erklären, warum er immer noch eine unterschwellige Angst spürte, wenn er an den Professor dachte. Er konnte nicht ahnen, dass dieser seinen Auftrag an die Beiden mit einem kleinen Hauch von Magie bereichert hatte. Der kalte Blick, den Sanfold zur Schau getragen hatte, war nichts weiter, als ein Blick in den Abgrund von Eddies Seele gewesen, eine Warnung, dass er sich einem Sanfold zu fügen hatte.
John, der nach Sanfolds Einschätzung der Willensschwächere der beiden war, hatte den Blick des Professors zwar gesehen, aber nicht gespürt. Und obwohl er der Größere war, sah er in Eddie dennoch seinen Anführer und passte sich ihm meistens an. Damit kam John bisher gut durchs Leben und er sah keinen Grund, warum das dieses Mal anders sein sollte.
»Also, bei Willem waren sie nicht, bleiben zunächst die Spelunken.« Eddie hatte wenig Lust, die kleinen, lauten und schmutzigen Wirtshäuser abzuklappern, aber etwas Besseres fiel ihm nicht ein. So zogen die Beiden los und begaben sich in die Randgebiete der Stadt. Sie hatten den Marktplatz noch nicht ganz überquert, als ihnen eben jene Armengruppe entgegenkam, die zuvor unter den Augen der Timetraveller zur Speisung gegangen war.
»Dieses Pack, das gehört doch verboten«, regte sich John auf.
»Mach mal halblang. Besser, die fressen sich im Armenhaus satt, als dass sie überall rumbetteln würden. So behelligen sie uns wenigstens nicht.« Eddie betrachtete viele Dinge pragmatisch, und in seinen Augen wurde das Problem mit diesem Gesinde hier in Holland recht einfach aber auch nachhaltig gelöst. Bisher fühlte er sich in 's-Gravenhage jedenfalls sicherer als auf heimischem Boden.
»Stimmt auch wieder«, gab John daraufhin zu. Doch plötzlich weiteten sich seine Augen. Sie passierten gerade das Haus der Armenspeisung, als ihm an der Tür zwei Gestalten auffielen, die ganz bestimmt nicht hierher gehörten. Eingehüllt in saubere Mäntel machten sie nicht den Eindruck, den Rest des Tages unter einer Brücke oder in einem Stall verbringen zu müssen.
»He, sieh dir das mal an«, flüsterte John seinem Freund zu.
Eddie brauchte den Hinweis nicht, denn auch ihm waren die beiden sofort aufgefallen. »Los, die greifen wir uns«, meinte er nur.
»Aber … und was dann?« John wirkte auf einmal unsicher. »Dieser Professor hat gesagt, die sind gefährlich.«
»Und deshalb benehmen wir uns so, dass sie uns nicht gefährlich werden. Tu einfach so, als wären das Freunde von uns. Und, John … überlass das Reden mir. Klar?«
»Klar.«
»Hey, habt ihr euch verlaufen?« Eddie sprach die Fremden einfach an, als würde er sie schon lange kennen. Meist hatte er damit Glück, denn seine Gegenüber überlegten erst einmal, ob sie sich schon einmal begegnet waren. In diesem Fall jedoch war diese Begegnung sehr einseitig verlaufen, denn Claire verkrampfte sich sofort, als sie die beiden Männer von der Stadtmauer her wieder erkannte. Auch Dan glaubte seinen Augen nicht zu trauen.
»Ruhig«, hauchte er Claire ins Ohr, »ich erledige das.«
»Verlaufen? Wie kommt ihr darauf?«
»Junge, das hier ist die Armenküche. Und nun sieh dich mal an. Hast du es denn nötig, die Armenküche aufzusuchen?«
»Was geht dich das an? Wir kennen uns nicht, warum also fragst du?« Dan fühlte sich mehr als unsicher, denn die beiden Männer machten den Eindruck, als würden sie alles über ihn und Claire wissen. Soviel Selbstsicherheit konnte nicht gespielt sein. Auch Claire fühlte sich unwohl.
»Naja, ihr sprecht unsere Sprache. Das hört man hier nicht alle Tage. Da kommen Heimatgefühle auf, oder etwa nicht?« Eddie zwinkerte Claire anzüglich zu.
»Aha. Und woher wusstet ihr das?« Erst jetzt fiel Dan auf, dass er sich allein damit verraten hatte, dass er auf die Worte des Fremden reagiert hatte.
»Junge, das habe …«
»Nenn mich nicht Junge, verstanden?«, fiel ihm der Student gereizt ins Wort.
»Schon okay, Ju … Mister …?«
»Fuck«, zischte Claire unterdessen leise. Auch sie hatte ihren Fehler soeben bemerkt.
»Smith«, antwortete Dan laut. »Mein Name ist Smith.« Claire verdrehte kaum sichtbar die Augen.
»Mister Smith also, na gut. Also, um auf deine Frage einzugehen, ich erkenne einen Engländer, wenn er vor mir steht. Allerdings … du redest nicht wie ein Engländer … wo kommt ihr also her?« Eddie war der besondere Dialekt des Blonden nicht entgangen.
»Oh … wir sind mehr aus dem Norden … also … dem Norden Englands, da spricht man eben so wie ich«, stotterte Dan als Antwort. Verdammt, welche Stadt liegt im Norden der Insel? Ihm wollte nichts einfallen, doch es war auch überflüssig, denn die Männer gaben sich offensichtlich mit der Antwort zufrieden.
»So, so«, erklang auch schon die Stimme des Kerls mit dem Tuch. »Aus dem Norden also. Na gut. Und was hat euch hierher verschlagen?«
»Wir wollen in das Tulpengeschäft einsteigen«, meldete sich da Claire kurzerhand zu Wort.
Der größere Kerl verdrehte die Augen, der mit dem Tuch grinste dreckig.
»Tulpen!«, sagte er und lachte.
»Genau. Was ist daran so lächerlich?«, fragte Claire verärgert. Sie hatte geglaubt, dass sie mit dieser Ausrede am ehesten glaubhaft erscheinen könnte, handelte doch momentan fast jeder hier mit Tulpen.
»Ihr wollt mit Tulpen spekulieren und schlagt euch vorher in der Armenküche den Bauch voll. Das ist wirklich …« Eddie lachte immer noch, während John nur den Kopf schüttelte. Spätestens jetzt waren sich die beiden Engländer sicher, dass sie die richtigen Personen gefunden hatten.
Claire wurde über das Verhalten der Männer immer wütender, Dan immer ratloser.
»Was ist, könnt ihr uns helfen?«, fragte Claire nun dazwischen.
»Ähm, naja, wie stellt ihr euch das vor? Wenn ihr mit Tulpen handeln wollt, braucht ihr etwas mehr Geld als das, was ihr heute beim Essen gespart habt.« Als Eddie das sagte, musterte er die beiden jungen Leute von oben bis unten. »Viel mehr Geld«, fügte er noch hinzu.
»Das lasst unsere Sorge sein«, gab sich Dan nun selbstsicher. »Wisst ihr, wo wir Jan van Goyen finden?«
Die Augen der Engländer weiteten sich.
»Schon wieder van Goyen«, rutschte es John heraus. Zuerst konnten die Timetraveller mit der Bemerkung nichts anfangen, doch dann dämmerte es Claire.
»Ihr seid heute schon einmal nach diesem Maler gefragt worden, richtig? Von einem Kerl, möglicherweise befanden sich zwei weitere Männer in seiner Begleitung. Und sie sprachen ebenfalls unsere Sprache.« Claires Vermutung hörte sich wie eine Feststellung an, weshalb John und Eddie auch nichts einfiel, um zu widersprechen. Also sagten sie nichts.
»Wo sind diese Kerle? Könnt ihr uns zu ihnen bringen?« Dan redete nicht lange um den Brei herum. Warum sollten sie den Umweg über van Goyen gehen, wenn sich hier gerade eine Möglichkeit bot, Sanfold auf direktem Weg zu finden.
»Das wissen wir nicht«, antwortete Eddie, konnte Dan dabei aber nicht anschauen. Auch John bemerkte zu seinen Füßen augenblicklich einen unglaublich interessanten Stein, dem er all seine Aufmerksamkeit widmete.
»Wie viel?«, fragte Claire geradeheraus.
»Wie viel was?«, entgegnete der mit dem Tuch, obwohl er genau wusste, worauf die Frage hinauslief.
»Wie viel kostet es, wenn ihr uns zu den Männern bringt?«
»Ich glaube nicht, dass ihr euch das leisten könnt.« Während Eddie antwortete, kreiste plötzlich eine Goldmünze durch seine Finger.
»Ah, nur Bares ist Wahres«, rutschte es Dan beim Anblick der Münze heraus. »Nun, mal sehen, ob wir da mithalten können.« Dan griff in die Taschen seines Mantels, so, als ob er nun ebenfalls nach etwas suchte, womit er die Engländer bestechen konnte. Als er die Hände wieder hervorzog, umfasste seine Rechte den kleinen Revolver, den ihnen Roger Müller für den absoluten Ernstfall mit auf den Weg gegeben hatte.
Die Engländer erkannten die Gefahr nicht, denn sie konnten den kleinen schwarzen Gegenstand in Dans Hand nicht als das identifizieren, was er war.
Claire sog erschrocken die Luft durch die Zähne.
»Dan, nicht …«, wisperte sie.
»Keine Angst, ich werde nichts tun, was ich später bereue.« Er wollte beruhigend klingen, erreichte aber nur das Gegenteil bei der Freundin. Sie kannte die Impulsivität ihres Partners nur zu gut.
»Und was soll das nun sein, Mister Smith?« Eddie zeigte auf die Waffe. »Nach Gold sieht das nicht aus und auch nicht nach Gulden. Dafür erfahrt ihr von uns gar nichts.«
»Oh, vielleicht sollte ich erklären, um was es sich hierbei handelt.« Dan fuchtelte mit der Waffe herum. »Also, wenn ich hier drauf drücke und diese Öffnung auf dich richte, dann … Peng! Du verstehst?« John lachte dreckig, aber Eddie wurde nach dieser zweiten seltsamen Begegnung an diesem Abend klar, dass es dieser Smith genauso ernst meinte wie der Professor. Deshalb brachte er seinen Kumpel mit einem Seitenhieb zur Ruhe.
»Also, wo finden wir die Männer?« Dan richtete den kurzen Lauf der Waffe auf Eddie. Dieser wurde bleich. Auch Johns unechte Fröhlichkeit war Unsicherheit gewichen.
»Na los, nun raus mit der Sprache, aber flott«, mischte sich nun auch Claire ein.
»Ähm … also … naja …« Eddie druckste noch herum, aber es fiel ihm keine Lösung ein. Sollte er lügen? Dann riskierte er vielleicht sein Leben. Sagte er die Wahrheit, riskierte er etliche Goldmünzen, die noch auf einen Besitzerwechsel warteten. Sein Leben wog mehr, wie er schnell für sich feststellte, als der Blonde drohend einen Schritt auf ihn zutrat.
»Bei Willem«, spuckte er deshalb schnell die Worte aus.
»Und wo ist dieser Willem?«, hakte Dan nach.
»Das Wirtshaus am Marktplatz. Ihr könnt es nicht übersehen, es gibt dort nur ein Wirtshaus und um diese Zeit ist es das einzige Haus am Platz, dessen Fenster erleuchtet sind.«
»Dann bringt uns hin«, forderte Dan.
Die Engländer wurden noch bleicher, sofern das überhaupt möglich war.
»Nein! Das nicht. Wenn der Professor das erfährt, sind wir des Todes …« Eddies Tonfall war beinahe flehend.
»Du Idiot«, keuchte John nun. »Ob tot oder lebendig, unseren Lohn hast du verwirkt. Wir werden nicht ein Goldstück mehr zu Gesicht bekommen …«
Claire spürte die Angst der Männer, aber auch deren Wut. Dan hatte ihnen soeben ein Geschäft vermasselt, von dem die beiden Männer sicher eine lange Zeit gut hätten leben können. Mitleid hatte sie aber keines.
»Komm, Dan, lass uns gehen. Und ihr … ihr macht euch ab sofort unsichtbar, wenn ihr auch nur in unsere Nähe kommt. Ansonsten …« Nun zückte auch Claire kurz ihre Waffe und hielt sie diesmal aber auf den größeren Mann gerichtet. »Ist das klar?«
Eddie und John nickten. Auf einen Wink von Dan hin verschwanden sie, so schnell sie konnten, um die nächste Hausecke. Das war einfach nicht ihr Tag heute.

»Meine Güte, wo sind wir hier bloß hingeraten?«, fragte Claire. »In dieser Stadt leben bestimmt einige Tausend Einwohner, und kaum kommen Fremde wie wir oder unser Professor her, da müssen es ebenfalls zwei Fremde sein, denen wir alle über den Weg laufen. Irgendwie seltsam, meinst du nicht auch?«
»So seltsam finde ich das nicht«, gab Dan zu bedenken. »Fremde gehören hier nicht her und bleiben deshalb unter sich. Das war offenbar vor knapp 400 Jahren schon so und eigentlich ist es doch heutzutage bei uns zu Hause auch nicht anders.«
»Stimmt, gerade in kleineren Orten bleiben die Einheimischen gern unter sich. Naja, die beiden sind wir jedenfalls fürs erste los. Schade eigentlich …« Claire wirkte nachdenklich.
»Wie bitte?«, fragte ihr Begleiter erstaunt. »Ich dachte …«
»Schon gut. Die Kerle hätten vielleicht gute Dolmetscher abgegeben. Aber wenn wir Sanfold bei diesem Willem finden, dann brauchen wir die nicht. Unser Professor wird unsere Sprache nur zu gut verstehen.«
»Sag mal, was hast du denn vor? Willst du da wirklich rein marschieren und die Zeitmaschine verlangen?«
»Was denn sonst, Dan? Und zur Not habe ich noch ein schlagkräftiges Argument in meiner Manteltasche.« Für die Studentin schien die Sache fast schon geklärt.
»Claire«, Dans Stimme klang eindringlich, »wir können da nicht einfach reingehen, ein bisschen mit den Pistolen fuchteln und dann mit der Zeitmaschine verschwinden. Was wird aus Sanfold und diesen anderen Kerlen, die er sehr wahrscheinlich wieder im Schlepptau hat?«
»Das ist mir doch egal, soll er hier verrotten. Jede Zeit ist für ihn besser als unsere eigene.« Als sich ihre Blicke trafen, erkannte die junge Frau, dass es nicht so einfach war. Sie konnten weder Sanfold noch sonst irgendjemanden aus ihrer Zeit hier zurücklassen. Die Personen würden in den Lauf der Geschichte eingreifen, ob sie es wollten oder nicht. Einen Sanfold konnte man schon gar nicht zum Nichtstun in einer fremden Zeit verdammen.
»Und nun?«, fragte Claire nach einer kurzen Pause.
Die Timetraveller hatten sich während ihres Gespräches in Richtung Marktplatz bewegt und sahen nun schon die Lichter hinter Willems Gaststube leuchten.
»Ich weiß es nicht«, gab Dan zu. »Wir müssten den Professor allein erwischen, am besten in seinem Zimmer. Ich schätze, dass er sich in dieser Herberge eingenistet hat. Schließlich hat er ja noch etwas vor in dieser Zeit. Und wir wissen, dass er nach Jan van Goyen sucht.«
»Und wenn er dort unterkommt?«, warf Claire ein.
»Dann werden wir diesem Maler wohl oder übel einen Besuch abstatten müssen. Aber lass uns erst einmal hier nachsehen …«
Die beiden Studenten näherten sich dem Gasthaus. Dabei schlichen sie am Rand der Häuser entlang, der direkte Weg über den Platz war zu einsehbar. Auch aus dem Inneren des Gasthauses heraus. Als sie das Haus erreicht hatten, lugten sie zunächst vorsichtig durch eines der Fenster. Da saßen ein paar Männer, aber nicht die, die sie suchten. Dan ging zum nächsten Fenster, wieder nichts. Von Arthur Sanfold und seinen Begleitern war keine Spur zu sehen.
»Verdammt!«, entfuhr es Claire leise. »Sie sind nicht da.«
Dan nickte nur. Nun bereute er, dass er die Engländer nicht nach dem Haus des Malers gefragt hatte. Es wäre wohl zu einfach gewesen …
»Gehen wir trotzdem rein?«, fragte er.
»Und dann? Wir erregen doch bloß Aufmerksamkeit. Verstehen wird uns niemand und Geld, um etwas zu bestellen, haben wir auch keines.« Claire überlegte, ihr fiel keine Lösung ein.
»Wenn wir da jetzt reingehen, dann erfährt Sanfold über kurz oder lang, dass wir hier sind«, sinnierte sie.
»Claire, der Professor ist doch nicht blöd, der weiß ganz genau, dass wir ihm auf den Fersen sind. Die Frage ist nur, was er tun wird, um uns abzuhängen. Meine größte Sorge ist, dass er seine Bluthunde auf uns ansetzt.«
»Nun, die sind aber auch nicht hier …«
Während die Timetraveller noch vergebens nach einer Lösung suchten, bemerkten sie nicht, dass sich im Inneren des Schankraumes jemand der Ausgangstür näherte. Erst als diese aufgestoßen wurde, schraken die beiden zusammen und wurden sich ihrer Unvorsichtigkeit bewusst.
»Goedenavond«, ließ der Mann vernehmen. Mit seiner Schürze, die er sich um den Bauch geschlungen hatte, ließ er sich unschwer als der Wirt identifizieren.
»Ähm … hallo«, antwortete Dan.
»Spreekt u Engels? … Ach was, sprecht ihr englisch?«, wollte der Mann wissen, von dem die Zeitreisenden annahmen, dass es sich um Willem handelte.
»Ja.« Claire nickte dabei und lächelte den Wirt an.
»Da seid ihr heute Abend nicht die ersten. Ist etwa wieder ein Schiff eingelaufen?« Der Mann schüttelte leicht den Kopf. »Was wollt ihr? Essen, Wein? Ein Zimmer?«
Wie abgesprochen schüttelten die Studenten die Köpfe.
»Nein, nein, wir dachten … wir suchen …« Dan wusste nicht, wie viel er preis geben sollte.
»Heute Abend waren schon mal Engländer hier zu Gast, stimmt's?«, fragte Claire da den Wirt.
»Wenn ihr die beiden Matrosen von Käpt'n Edgertons Schiff meint, ja, die waren hier. Was habt ihr denn mit diesem Pack zu tun, wenn ich fragen darf?« Willem wurde seinem Ruf als Wirt gerecht. Freundlich aber geradeheraus hakte er nach, um seine Neugierde zu stillen.
»Ach die … nein, die meinen wir nicht«, antwortete Claire. »Waren da nicht noch … drei … Männer, die unsere Sprache gesprochen haben?«
»Gehört ihr etwa zu denen? Ja, hier waren noch drei merkwürdige Männer. Eingehüllt in schwarze Umhänge haben sie sich an einen Tisch gehockt, getrunken und gegessen und dabei kaum ein Wort geredet. Unheimlich waren sie, jawohl. Aber … sie haben gut gezahlt, und dafür habe ich ihnen dann auch gesagt, wie sie direkt … ach was, das geht euch nichts an.«
»Haben sie nach Jan van Goyen gefragt?« Die Augen des Wirtes weiteten sich, als Claire so rundheraus fragte, was er eigentlich verheimlichen sollte. Dieser unheimliche Mensch, der mit der Goldmünze gezahlt hatte, nahm ihm das Versprechen ab, niemandem zu verraten, wohin ihn sein Weg führen würde.
»Nein«, erwiderte Willem deshalb auch, »danach hat er nicht gefragt.« Etwas pikiert, weil er sich erwischt fühlte, wozu es für den Wirt aber gar keinen Grund gab, wollte er sich schon von den jungen Leuten verabschieden. »Also dann …« begann er, wurde nun aber von Dan unterbrochen.
»Dann frage ich nun, wo finden wir Jan van Goyen? Wo wohnt er?«
Willem überlegte. Dieser Mann in Schwarz hatte ihm lediglich untersagt zuzugeben, dass er selbst nach dem Maler gefragt hatte. Es war aber keine Rede davon gewesen, dass er jemand anderem nicht sagen durfte, wo van Goyen wohnte. Nach einem Augenblick antwortete er dann und beschrieb den Timetravellern den Weg.
»Eine letzte Frage noch, weißt du, ob van Goyen unsere Sprache spricht?« Claire wollte vorbereitet sein.
»Ein wenig. Schließlich verkauft er ja nicht nur an Holländer …« Damit drehte der Mann sich um und verschwand wieder im Inneren seiner Schänke. Die Tür warf er dabei geräuschvoll ins Schloss.

Taylor und McCrery machten es sich mit einem weiteren Krug Wein in dem Zimmer gemütlich, welches Sanfold für ein weiteres Goldstück für eine Nacht gemietet hatte. Es sollte lediglich als Versteck für die Zeitmaschine dienen, denn eines glaubte der Professor ganz genau zu wissen: Diese Studenten interessierten sich nicht dafür, was er suchte, sondern sie wollten ihm lediglich die Zeitmaschine abnehmen. Als er das Wirtshaus verlassen hatte, befand sich der Zylinder in einem sicheren Versteck, welches nur der Wirt und Sanfold kannten. McCrery und Taylor ahnten nichts von dem losen Stein in der Wand.
Nun saßen die beiden Männer also dort, weil Sanfold der Schankraum nicht sicher genug erschien, zumal man ihn durch die Fenster von außen in Augenschein nehmen konnte. Deshalb hatte er seine Begleiter auf das Zimmer geschickt. Dort saßen sie nun und warteten darauf, dass sie weitere Anweisungen erhielten.
»Warum sind wir eigentlich hier?«, fragte McCrery in die Stille des Raumes.
»Warum, warum … um dem Prof den Arsch zu retten, wenn es brenzlig wird. Darum.«
»Die Sache ist aber die, wie erfahren wir, wenn es brenzlig wird, hä? Wir wissen ja nicht mal, wo er hin ist. Theoretisch hätten wir auch zu Hause bleiben können, mal richtig ausschlafen … in einem richtigen Bett …« Mike sehnte sich sein altes Leben zurück. Die letzte Reise war ja recht spannend gewesen, aber was wollten sie in diesem Kaff? Unter all diesen Spinnern, die sich für ein paar Tulpen zielgerichtet in den Ruin trieben? Diese Reise war so gar nicht nach seinem Geschmack. Und der Professor, der trieb ihn mit seiner Geheimniskrämerei schlicht in den Wahnsinn. Manchmal bewunderte Michael William Taylor um seine Stupidität. Ihn schien nichts aus der Ruhe zu bringen, er war Sanfold offenbar hörig. So weit wollte McCrery es nicht kommen lassen. Und deshalb überlegte er auch schon wieder, was er unternehmen konnte, um diese Reise recht schnell zu Ende zu bringen.
Er goss sich und seinem Kumpel Wein nach. Beide leerten ihre Becher in einem Zuge.
Dann stand Michael McCrery auf und offenbarte William Taylor, dass er sich nun den Ort näher ansehen wolle. Taylor wollte protestieren, doch irgendetwas riet ihm dazu, McCrery nicht aus den Augen zu lassen. Folglich erhob er sich und verließ hinter McCrery das Wirtshaus.

Der Weg zum Haus von Jan van Goyen war nicht weit. Willem hatte dem Professor eine gute Wegbeschreibung geliefert, obwohl seine Englischkenntnisse eingeschränkt waren. Van Goyen wohnte nur zwei Straßen weiter.
Arthur Sanfold näherte sich dem Haus. Es war nicht groß, wirkte aber gepflegt. Ein Zaun umgab das Grundstück, neben einem kleinen Vorgarten konnte man auch ein wenig Fläche hinter dem Haus erahnen. Zur Eingangstür führten drei Stufen. Als Sanfold sie überwunden hatte, betätigte er den Türklopfer. Es war ein einfacher Ring, ohne Verzierungen.
Im Inneren des Hauses wurden Schritte hörbar, doch die Tür öffnete sich noch nicht. Erst hörte Sanfold eine Frauenstimme, ein Mann antwortete. Offenbar war es ungewöhnlich, dass mit Einbruch der Dunkelheit noch ein Besucher kam.
Nach einigen Momenten wurde die Tür ein kleines Stück nach innen gezogen.
»Kunt u me helpen?«, fragte Sanfold, noch bevor der unsichtbare Jemand hinter der Tür etwas sagen konnte.
»Wat?«, ertönte daraufhin eine männliche Stimme.
»Nun, vielleicht verstehen Sie, wenn ich in meiner Sprache rede?«, hakte der Professor nach, dessen holländischer Wortschatz sich mit diesem einen Satz beinahe erschöpft hatte.
Van Goyen witterte Kundschaft. Also zog er die Tür vollends auf und begrüßte seinen Gast nun in dessen Sprache. »Guten Abend, mein Herr, was kann ich für Sie tun?«
»Ich …«, Sanfold überlegte kurz, »… ich würde gern kaufen. Sie wurden mir empfohlen, Mr van Goyen?«
»Der bin ich. Und mit wem habe ich die Ehre?«, setzte der Angesprochene gleich nach.
»Sanfold, Professor Arthur Sanfold.«
»Mr. Sanfold, treten Sie ein, bitte.« Van Goyen trat zur Seite und gewährte seinem späten Gast Einlass.
Sanfold übertrat die Schwelle und sah sich ungeniert um. Vom schmalen Flur aus führte gleich rechts eine hölzerne Treppe in das obere Stockwerk. Links befanden sich zwei Türen, eine noch am Ende des Ganges. Van Goyen ging voraus und bat Sanfold durch die zweite Tür. Der Maler bot dem Besucher einen Platz an und ließ sich selbst auf einem gegenüberliegenden Stuhl nieder.
»Womit kann ich Ihnen dienen? Möchten Sie ein Bild kaufen oder … ein Haus?« Jan van Goyen kam sofort zur Sache.
»Nein, es geht um den Tulpenhandel.« Damit überraschte der Professor den Holländer dann doch. Dieser hatte allzu sehr noch auf ein abendliches Geschäft gehofft, konnte sich aber nicht vorstellen, dass dieser Fremde ausgerechnet bei ihm Tulpen kaufen wollte.
»Tulpen … nun, das ist eine andere Sache. Dafür müsste ich Sie morgen Abend in Willems Gasthaus bitten, dort können Sie einer Auktion beiwohnen. Haben Sie denn … nun … genügend Werte, die Sie setzen können?«
»Das geht dich einen Scheißdreck an!« Sanfold sprang auf, zog seine Waffe und baute sich drohend vor van Goyen auf.
»Was … aber …« Der Maler stammelte vor Schreck.
»Und jetzt, mein Lieber, verrätst du mir dein Geheimnis.« Der Professor beugte sich zu van Goyen hinab und zischte ihm die Worte nur so zu.
»Mein Geheimnis? Ich habe kein Geheimnis.« Van Goyens anfänglicher Schrecken wich langsam Wut. Angst hatte er keine, da auch er den kleinen schwarzen Gegenstand in Sanfolds Hand nicht zuordnen konnte.
»So, so, hast du nicht. Und warum habe ich dann davon erfahren? Wo hast du ihn versteckt?«
Jan van Goyen wollte aufstehen, wurde aber von seinem Gast sofort wieder auf den Stuhl niedergedrückt. Der Kraft des Professors hatte der Maler nichts entgegenzusetzen.
»Ik begrijp het niet.« Nun verfiel er in seine Muttersprache, was Sanfold dazu veranlasste, ihm die Waffe direkt an die Schläfe zu drücken.
»Pass gut auf, was du sagst, ansonsten puste ich dir dein Gehirn weg. Bumm! Und du bist weg. Ist das klar?«
Van Goyen nickte eifrig, obwohl er nicht verstand, was ihm Sanfold eigentlich hatte sagen wollen.
»Also schön«, fuhr der nun fort. »Du birgst ein Geheimnis und ich will wissen, was es ist.«
Wieder konnte der Maler nur den Kopf schütteln.
»Hast du schon mal etwas vom Stein der Weisen gehört? Manche nennen ihn auch Azoth oder Lapis philosophorum … na, dämmert's?«
»Stein der Weisen? Was soll das sein?«, fragte der Holländer. Er verstand immer weniger von dem, was Sanfold sagte, seine Kenntnisse der englischen Sprache waren gut, aber die besondere Aussprache und die Wortwahl, die der Fremde benutzte, erschwerten sein Verständnis sehr.
»Du hast eine Nacht, um darüber nachzudenken. Morgen Abend will ich wissen, warum dein Name in Verbindung mit dem Stein gebracht wird, ansonsten …« Sanfold machte mit dem Revolver noch eine unmissverständliche Geste, die der Maler ganz genau zu deuten wusste. Deshalb atmete er auch sichtlich erleichtert auf, als sein Gast ein paar Schritte zurücktrat. Sanfold hörte den kurzen Seufzer und ihm wurde klar, dass dieser van Goyen wahrscheinlich nicht wusste, was er eigentlich von ihm wollte. Aber er hörte noch etwas – Schritte auf dem Flur – was ihn auf eine Idee brachte.
»Stein der Weisen«, sagte er deshalb nochmals deutlich. »Ansonsten könnte es sein, dass deiner Frau etwas passiert, was du bereuen könntest.«
»Nein, nicht Annetje!« Van Goyen begriff langsam, dass er in Schwierigkeiten steckte, allerdings nicht, wie tief.
Volltreffer!, dachte Sanfold, denn er hatte nur vermutet, dass es sich bei der Person draußen um van Goyens Frau handelte. Dass dieser ihm auch gleich noch ihren Namen nannte, machte weitere Maßnahmen nur noch einfacher.
»Kein Wort zu irgendwem, dass ich heute hier war, verstanden? Ansonsten ... ich kenne den Namen deiner Frau ... Wir sehen uns morgen Abend bei Willem.« Mit dieser Drohung und einem falschen Lächeln im Gesicht verließ Sanfold das Haus des Malers.

Sanfolds Handlanger liefen ziellos durch die kleine Stadt. Den Weg zu van Goyens Haus kannten sie nicht. Sie hatten zwar gesehen, wie der Wirt dem Professor den Weg gezeigt hatte, doch genau aufgepasst hatte keiner der beiden. Sie konnten nur die ungefähre Richtung einschlagen. Wenn sie geahnt hätten, dass keine zwei Minuten nach ihrem Weggang die Studenten am Wirtshaus auftauchten, hätten sie es ganz bestimmt nicht verlassen. Aber nun hatten sie den Platz überquert und waren in eine der Gassen eingebogen. Während sie so liefen, hielten sie Ausschau nach dem Professor, blickten in jedes Fenster, hinter dem Licht brannte, konnten ihn aber nirgends entdecken.
Irgendwann kamen ihnen die zwei Engländer entgegen, die Sanfold auf die beiden Timetraveller angesetzt hatte.
»Hey, habt ihr nicht was zu tun?«
Die beiden Seemänner wollten zuerst die Flucht ergreifen, doch dafür war es zu spät. Eddie flüsterte seinem Begleiter schnell noch zu, dass sie so tun würden, als hätten sie die beiden Personen noch nicht gefunden.
»Sicher doch. Ihr könnt uns ja helfen, die beiden zu finden. Uns ist es noch nicht gelungen. Und ich schätze mal, daran wird sich heute auch nichts mehr ändern.«
»Ach, wie kommst du darauf?«
»Weil es Nacht wird? Kein Mensch bewegt sich Nächtens durch die Straßen der Stadt«, erwiderte John.
»Ach was, und was tut ihr hier gerade?«
»Na, unseren Job. Aber wie schon gesagt, bisher ohne Erfolg.« Eddie grinste. »Sagt mal, wisst ihr nicht, wo wir die beiden finden können?«
Während McCrery den Kopf schüttelte, antwortete Taylor ihnen. Als er sprach, lief es allen anderen eiskalt den Rücken runter, denn Taylors Stimme klang beinahe dämonisch durch die schwere Verletzung, die er erlitten hatte.
»Nein. Ihr habt das Gold kassiert, nun seht zu, dass ihr klarkommt. Verstanden?«
Nicht, was er sagte, sondern wie er es sagte, veranlasste Eddie und John dazu, sofort zustimmend zu nicken und sich aus dem Staub zu machen. Auf unangenehme Fragen wollten sie sowieso verzichten.
Taylor und McCrery setzten ihren Weg fort in der Hoffnung, dass sie Sanfolds nicht kreuzten. Doch diese Hoffnung war von kurzer Dauer, denn als sie um die nächste Ecke bogen, kam ihnen der Professor schon entgegen. Er schien in Gedanken vertieft und nicht gerade bester Laune zu sein.
»Was macht ihr denn hier?«, fuhr er seine Handlanger an, als er ihrer gewahr wurde. »Habe ich euch nicht eindeutig Anweisung gegeben, dass ihr im Wirtshaus auf mich zu warten habt?«
»Naja, es gab nichts zu tun und wir dachten ...«, setzte McCrery zu einer Antwort an.
»Stopp, du dachtest. Ich bin nur mitgegangen um ...«, unterbrach ihn Taylor.
»Haltet den Mund, beide«, schnauzte Sanfold dazwischen. Er überlegte kurz. »Wenn ihr schon mal hier seid, dann können wir diesem Maler auch gleich noch einen zweiten Besuch abstatten. Er tut nämlich so, als wenn er von nichts wüsste, aber ich weiß, dass es eine Verbindung zu meiner Suche gibt.«
»Apropos Suche«, wagte Taylor dazwischen zu reden, »wir haben gerade eben diese beiden Engländer getroffen, bisher haben sie von diesem Studentenpack angeblich noch keine Spur gefunden.«
»Und?«, hakte Sanfold nach.
»So nervös, wie die waren, glaube ich denen nicht. Ich vermute, dass da was faul ist. Entweder, die haben sich kaufen lassen, oder diese Typen sind noch gefährlicher, als wir bisher annahmen.«
Sanfold kratzte sich am Kinn. »Hm, vielleicht ist es tatsächlich besser, wenn wir schnell handeln. Ich hatte diesem van Goyen bis Morgen Abend Zeit gegeben. Pech für ihn. Also los, gehen wir zu ihm und helfen seinem Gedächtnis auf die Sprünge.«
Damit drehte der Professor sich um und schlug die Richtung zu van Goyens Haus ein. Dass sie seit ein paar Sekunden beobachtet wurden, ahnten die drei Zeitreisenden nicht.

Dan und Claire liefen durch die Gassen der Stadt. Sie glaubten, dass sie das Haus des Malers gefunden hatten, waren sich aber nicht sicher. Da niemand auf der Straße unterwegs war, den sie fragen konnten, schlichen sie noch geraume Zeit durch die Umgebung und hofften, noch irgendetwas in Erfahrung zu bringen, was für ihre Mission wichtig wäre. Natürlich bezog sich ihre Hoffnung diesbezüglich auf das Erscheinen des Professors. Dass er das Haus des Malers betrat, entging ihnen dann allerdings, dafür sahen sie die beiden Engländer wieder. Schnell drückten sie sich in einen Hauseingang, um von ihnen nicht gesehen zu werden. Auf eine nochmalige Konfrontation wollten sie verzichten, da sie nicht einschätzen konnten, inwieweit sie ihnen noch gefährlich werden konnten.
Dennoch wurde ihr Warten belohnt, als sie zurück zum Haus van Goyens schlichen und Sanfold mit seinen Bluthunden vor dessen Tür entdeckten.
»Mist! Wir kommen zu spät«, entfuhr es Claire.
»Ach was. Wir wissen aus Sanfolds Notizen, dass er selber nicht weiß, wonach er sucht. Er wird die Lage hoffentlich zunächst sondieren. Danach schlagen wir zu.« Dan war sich nicht so sicher, ob es wirklich an dem war, wollte sich und Claire aber zunächst beruhigen.
»Also warten wir, bis die wieder gehen?«
»Hast du eine bessere Idee? Wäre Sanfold allein, wäre es etwas anderes, aber gegen alle drei haben wir keine Chance.« Claire staunte mal wieder, wie vorsichtig die letzten Erlebnisse den Sportstudenten agieren ließen.
»Nein«, gab die junge Frau daraufhin zu. Auch ihr war klar, dass sie gegen Sanfolds Begleiter nicht die geringste Chance hatten. Zudem kam hinzu, dass sie mit ihrem Handeln ja nicht in den Lauf der Geschichte eingreifen durften. Das hieß, dass den Beteiligten aus dieser Zeit nichts passieren durfte. Ob Sanfold das allerdings genauso sah, wussten die Timetraveller nicht zu sagen. Wie sie nun in der kalten Dunkelheit warteten, hörten sie plötzlich Schritte, die sich rasch näherten. Dan und Claire schauten sich an, doch für eine Reaktion war es schon zu spät. Denn schon hörten und erkannten sie die Stimme, die zu vernehmen war.

Sanfold schlug den Türklopfer gegen das Holz, als wenn er es durchschlagen wollte. Die Tür öffnete sich jedoch nicht.
»Mach auf, sonst trete ich die Tür ein«, sagte er dann zischend, ohne besonders laut zu werden, denn er war sich sicher, dass van Goyen hinter der Tür stand.
»Was wollen Sie? Morgen … morgen bei Willem haben Sie gesagt«, hörte daraufhin der Professor den Maler winseln.
»Ich habe es mir aber anders überlegt, also mach endlich die Tür auf«, bellte Sanfold nun.
Im Inneren des Hauses waren mehrere Stimmen zu vernehmen, etliche davon weiblich, dann wurde ein Riegel weggeschoben und die Tür öffnete sich einen Spalt. Mehr brauchte Sanfold nicht, um McCrery einen Wink zu geben, die Tür vollends aufzustoßen. Der Dicke ging dabei nicht zimperlich vor und fegte van Goyen mitsamt der Tür zur Seite. Der Maler knallte gegen die Wand, die Tür gegen den Maler und somit war der Weg für die drei Eindringlinge frei. Die Zeitreisenden betraten das Haus, Sanfold steuerte zielgerichtet wieder die zweite Tür links an.
Van Goyen schaute ängstlich auf die Straße, ob dort noch mehr ungebetene Gäste lauerten und schloss dann die Tür, um den drei Männern zu folgen. Diese hatten es sich unterdessen gemütlich gemacht.
»He, ruf Annetje, damit sie uns etwas zu trinken serviert«, forderte Sanfold.
»Das kann ich doch …«, wollte Jan van Goyen protestieren, doch in diesem Moment zückte William Taylor ein Messer. Das veranlasste den Holländer, schnell nach seiner Frau zu rufen.
»Wij willen graag Wijn, Annetje«, sagte Jan, als diese das Zimmer betrat. Annetje van Goyen erfasste die Lage mit einem Blick, ihr Mann war in Schwierigkeiten. Da sie nicht wusste, worum es ging, nickte sie nur und verschwand sofort wieder, nur um nach wenigen Augenblicken mit einem Krug Wein und vier Bechern wiederzukommen. Wortlos schenkte sie ein, lächelte Jan verängstigt zu und verließ den Raum. Während sie die Becher füllte, sagte niemand ein Wort. Die Spannung im Raum war jedoch beinahe greifbar.
»Auf dein Wohl«, sagte Sanfold süffisant zu Jan van Goyen. »Trink, damit dein Gedächtnis auf die Sprünge kommt.«
Jan trank einen winzigen Schluck, um den Schein zu wahren. Dabei grübelte er unentwegt, was diese Männer von ihm wollten. Er hütete ein Geheimnis, doch davon konnte kein anderer Mensch etwas wissen. Als er dieses Geheimnis damals anvertraut bekam, gab es keine Zeugen und nur er und sein damaliger Partner waren in die Sache eingeweiht. Das konnte es also nicht sein, was dieser Sanfold von ihm wollte. Aber was dann?
»So, mein Lieber, und nun würde ich vorschlagen, dass du schleunigst mit der Sprache rausrückst, bevor es hier für dich und besonders für Annetje sehr ungemütlich wird«, begann Sanfold nach einer kurzen Pause.
»Aber … was …?«, stammelte der Holländer.
»Genau das! Du besitzt etwas, woran ich interessiert bin. Ich weiß, dass du etwas besitzt, aber ich weiß leider nicht genau, was das ist. Und genau deshalb solltest du in den Tiefen deines Gehirns graben, damit es dir recht bald einfällt.« Sanfold gab sich noch gelassen.
»Ich weiß doch nicht …« Man sah van Goyen seine Ratlosigkeit regelrecht an. Zweifel wollten in Sanfold aufkeimen, doch diese schob er beiseite. Der Hinweis, den er bekommen hatte, stammte aus sicherer Quelle, sonst hätte er ihn nicht damals als wichtig markiert.
»Nun, dann will ich dir mal auf die Sprünge helfen. Was ist dein wertvollster Besitz … außer deiner kleinen Annetje, die du ja so zu schützen versuchst?«
»Nun … ich besitze eigentlich nicht viel von Wert. Aber …«, van Goyen überlegte kurz, »vielleicht meinen Sie ja meine Semper Augustus, die sich schon in meinem Besitz befindet?«
»Semper was? Willst du mich …«
»Nein, nein, Semper Augustus, für sie habe ich vor wenigen Monaten umgerechnet 5500 Gulden bezahlt. Ist es das, was Sie suchen?«
»Dann zeig mal her, deine Semper wie auch immer.« Nun verstand der Professor nicht so ganz, was van Goyen meinte, aber er wollte jeden Hinweis prüfen. Van Goyen stand auf und ging in Richtung Tür.
»Halt! Was glaubst du, was du jetzt tust?«, fragte Sanfold.
»Ich hole …« Weiter kam van Goyen nicht. Auf einen Wink des Professors hin erhob sich nun McCrery und schlug ebenfalls den Weg zur Tür ein. »Ich komme mit«, brummte er dabei.
Schweigend verließen die beiden Männer den Raum. Sanfold und Taylor hörten, wie eine andere Tür geöffnet wurde, dann Schritte auf knarrenden Holzstufen, die sich erst entfernten, alsbald wieder lauter wurden, und wenige Minuten später öffnete sich die Zimmertür wieder. Van Goyen trat als erster ein, in den Händen hielt er einen runden braunen Topf. McCrery folgte ihm mit kaum einem Meter Abstand.
»Hier.« Jan van Goyen stellte den Topf auf den Tisch. Er war voller Erde, in der Mitte sah man eine kleine Erhebung und als van Goyen vorsichtig die Erde zur Seite schob, kamen die frischen Spitzen einer Pflanze zum Vorschein.
»Und was soll das jetzt werden?«, fragte Arthur Sanfold, der zwar ahnte, worauf van Goyen hinauswollte, aber es nicht glaubte.
»Semper Augustus!« In Jan van Goyens Stimme klang trotz der bedrohlichen Situation, in der er sich befand, ein wenig Stolz mit.
»Aha. Und was hat das nun mit meiner Frage zu tun?« Sanfolds Stimme nahm einen drohenden Unterton an.
»Das … das ist noch ein Geheimnis. Keiner weiß bis jetzt, in welcher Farbe diese Tulpe blühen wird. Und sie war sehr teuer. Teurer, als ich mir hätte leisten können …«
»Jan, Jan, ich hätte dich für klüger gehalten.« Sanfold schüttelte den Kopf. Er machte den Eindruck, als hätte er soeben ein kleines Kind bei einer großen Dummheit erwischt. Dann gab er Taylor mit Blicken zu verstehen, dass ihr Gastgeber wohl Hilfe beim Nachdenken brauchte. Taylor verstand mittlerweile Sanfolds Blicke zu deuten und es dauerte den Augenblick eines Lidschlages, bis er sein Messer gezückt hatte und hinter van Goyen gesprungen war. Der kalte Stahl in seinem Nacken ließ den Maler erbleichen.
»Aber was ...« Jan van Goyen verstand nichts mehr. Er versuchte, absolut reglos zu verharren, konnte ein Zittern seines Körpers aber nicht unterdrücken. Dadurch veränderte sich der Druck in seinem Nacken, unmerklich nur, für Jan allerdings beängstigend.
»Mein lieber Jan, meine Geduld ist bald am Ende. Weißt du, was dann passiert?«, fragte Sanfold mit leiser, darum umso gefährlicherer Stimme. »Deine Annetje will sicher gar nicht wissen, was ich dir nun erzähle, doch sie wird es dafür spüren. Meine Männer hatten schon lange keine Frau mehr, du verstehst?« Der Professor lachte dreckig, als van Goyen heftig den Kopf schüttelte und dabei sein Gesicht schmerzlich verzog. Die heftige Bewegung kam zu schnell für William Taylor, er konnte das Messer nicht schnell genug zurückziehen, weshalb van Goyen seinen Hals in die Klinge bohrte. Nicht tief, dennoch lief ein einzelner, dicker Blutstropfen in seinem Nacken hinab und wurde vom weißen Kragen seines Hemdes aufgesogen. Vielleicht hatte es genau das gebraucht, um Jan van Goyen den Ernst seiner Lage deutlich vor Augen zu führen. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie, aber er ahnte nun, dass diese Männer irgendwoher um sein Geheimnis wussten. Ein Geheimnis, welches der Holländer hütete, von dessen Inhalt er aber nichts verstand. Er hatte lediglich den Auftrag bekommen, dieses Geheimnis unter allen Umständen zu wahren und keinem Menschen ein Sterbenswort darüber zu verraten. Die Bezahlung dafür erschien van Goyen damals überdimensional hoch, doch was wogen in diesem Augenblick das Haus und die Gulden gegen sein Leben?
Jan van Goyen gab sich einen Ruck. »Ich glaube, ich weiß, was Sie suchen. Es könnte mein Leben kosten, wenn ...«
»Ha, kapierst du es immer noch nicht? Es wird dich garantiert das Leben kosten, wenn du mir nicht bald sagst, was ich wissen will, verstanden?« Sanfold grinste, er glaubte, seinem Ziel ein gewaltiges Stück näher gekommen zu sein. »Also?«, fragte er van Goyen.
Da begann dieser zu erzählen.

Leiden, irgendwann im Dezember 1631

Jan und Annetje waren seit dreizehn Jahren verheiratet. Sie hatten unterdessen zwei Töchter und lebten noch in Leiden. Van Goyen besaß ein gut gehendes Atelier, sodass die Familie vom Erlös des Verkaufs seiner Bilder leben konnte. Außerdem verdiente van Goyen sich als Kunstschätzer ein wenig Geld dazu. Das Studium in Haarlem bei Esaias van de Velde hatte ihn beruflich sehr weit gebracht. Es fehlte an nichts, sie lebten glücklich, vielleicht zu glücklich.
Eines Tages bekam die Familie unerwarteten Besuch. Da stand ein Mann vor der Tür, ein Offizier, etwa in Jans Alter. Er kannte ihn nicht, wusste nicht, was er von ihm wollte. Van Goyen sah nur eines – diesen gehetzten Blick, mit dem er sich die ganze Zeit umsah.
Als er ihn fragte, was sein Begehr sei, bat er zunächst um Einlass. Van Goyen zögerte, denn er wusste Frau und Kinder im Haus, doch schließlich kam er zu dem Schluss, dass er vor einem Marineoffizier nichts zu befürchten hatte. Wenn man so zufrieden ist, wie die van Goyens damals, dann wird man innerlich auch irgendwann unzufrieden. Ein Gefühl von Langeweile stellt sich ein. Und so wusste Jan zum Zeitpunkt des Besuches dieses Fremden zwar noch nichts davon, aber im Nachhinein wurde ihm klar, dass er Abwechslung suchte, vielleicht sogar ein kleines Abenteuer. Das war wohl auch der Grund, weshalb er den Fremden ohne zu zögern ins Haus bat.
Kaum hatte er die Tür hinter ihm geschlossen, entspannte der Offizier sich sichtlich. Van Goyen kam das alles merkwürdig vor, aber nun war seine Neugierde endgültig geweckt.
Und dann begann der Fremde zu erzählen. Er stellte sich als Maarten Tromp vor, Flaggoffizier der niederländischen Marine. Jan sah keinen Zusammenhang, was er hier wollte und sagte ihm das auch. Da meinte der, dass der Maler ihm empfohlen worden sei.
»Ja, aber wofür denn?«, fragte van Goyen nach. »Wollen Sie Bilder kaufen oder schätzen lassen, dann könnte ich Ihnen natürlich gern helfen.« Doch danach sah das alles nicht aus.
Maarten Tromp schüttelte den Kopf und kam auf etwas zu sprechen, von dem Jan bislang noch kein Wort gehört hatte. Tromp fragte ihn, ob er von einem Elixier wüsste, einer Universalmedizin, die gegen jede Krankheit helfen könne.
Jan van Goyen lachte auf. Das durfte doch nicht wahr sein. »Wie kommen Sie denn auf diese Idee? Ich bin Künstler, Maler, aber doch kein Arzt.«
An Tromps Gesicht konnte Jan ablesen, dass der es verdammt ernst meinte. Und er fragte unbeirrt weiter. Dabei fielen Worte wie Astralstein, Magisterium, Rote Tinktur … van Goyen wusste nicht mehr, was sonst noch alles. Auch Namen nannte Tromp, die er noch nie in seinem Leben gehört hatte. Einen hatte er sich merken können, denn den nannte er noch öfter – Thomas Fendrich. Und dieser Thomas Fendrich lebte bei dem Baumeister Georg Robin, als der wiederum dem Grafen Wolfgang II. von Hohenlohe-Langenburg im Schloss Weikersheim ein Laboratorium errichtete. Das fand van Goyen später heraus, als er über diesen Thomas Fendrich Erkundigungen einzog.
Um diesen Thomas Fendrich ging es also letztendlich, denn der hatte den Vater von Maarten Tromp aufgesucht, und ihn um Hilfe gebeten. Nun war es an Maarten, die Aufgabe seines Vaters fortzusetzen.
»Thomas Fendrich … nein, den Namen habe ich noch nie gehört«, sagte Jan van Goyen zu diesem Zeitpunkt, was auch der Wahrheit entsprach.
»Gut, gut«, erwiderte der Offizier nur. »Das ist auch nicht von Belang. Worum es geht, nun, Sie sind mir als absolut vertrauenswürdige Person empfohlen worden, und darum bin ich hier.«
Van Goyen starrte den Besucher nur an, er hatte immer noch keine Vorstellung, worum es eigentlich ging. Die Fragen und Informationen, die er von Maarten Tromp bekommen hatte, trugen lediglich zu seiner Verwirrung bei, einen Reim konnte er sich darauf aber nicht machen. Seltsamerweise schien der Offizier mit dem Verlauf des Gespräches sehr zufrieden zu sein, denn er lehnte sich nun entspannt seufzend zurück.
»Wer hat mich Ihnen denn empfohlen, wenn ich fragen darf?«
»Das ist nicht von Bedeutung und ich verspreche Ihnen, es ist besser, wenn Sie so wenig Namen wie möglich kennen. Die Angelegenheit ist nicht ganz … nun, sagen wir … ungefährlich.«
Van Goyen wollte sogleich etwas erwidern, aber Tromp hob die Arme und ließ sein gegenüber nicht zu Wort kommen. »Mein Herr, ich sagte nicht, dass es für Sie gefährlich ist. Dennoch halte ich es für ratsam, dass Sie so wenig wie möglich über die Angelegenheit erfahren. Sie werden gut dafür bezahlt werden.«
Jan van Goyen schluckte. Über eine Bezahlung war bisher kein einziges Wort gefallen.
»Wie … wie darf ich das verstehen?«, fragte er sogleich.
»Nun, Herr van Goyen, ist es nicht Ihr inniger Wunsch, Ihrer Familie endlich ein eigenes Heim zu bieten? Nicht so ein kleines schäbiges Loch, wie Sie es hier bewohnen. Ich rede von einem richtigen Haus.« Tromp grinste. Er glaubte, dass van Goyen den Köder schlucken würde. Auch wenn er hier relativ gut lebte, jeder Mann und Vater hatte höhere Ziele, und die der van Goyens kannte er. Er hatte Annetje bespitzeln lassen, und die machte kein Geheimnis darum, dass sie von einem größeren und vor allem schöneren Heim träumte. Das dürfte auch ihr Mann Jan wissen, und wenn alle Informationen stimmten, dann liebte Jan seine Frau über alles. Und würde deshalb alles für sie tun.
»Und was müsste ich dafür tun?«, fragte Jan van Goyen nach einigen Augenblicken, die er benötigte, um das eben Gehörte auch zu verstehen.
»Ah, ich wusste, wir werden uns einig«, sagte Maarten Tromp mit einem zufriedenen Lächeln. »Wie gesagt, für einige Beteiligte, die Sie nicht kennen, ist die ganze Angelegenheit nicht ganz ungefährlich. Und um ihrer Sicherheit willen sind sie bereit, gut dafür zu zahlen, wenn Sie, Herr van Goyen, etwas für sie aufbewahren, wovon kein Mensch jemals etwas erfahren darf. Außer meiner Person und Ihnen selbst wird auch kein Mensch wissen, dass ich Sie darum bitte. Das heißt, Sie dürfen niemandem, und damit meine ich auch wirklich niemanden, etwas davon erzählen, warum ich Sie heute aufgesucht habe. Auch Ihrer Frau nicht.«
»Aber … ich habe keine Geheimnisse vor Annetje«, widersprach van Goyen sofort.
»Nun, in diesem Fall werden Sie wohl auf ewig in diesem …« Tromp machte eine abwertende Geste bezüglich des Zimmers, in dem sie saßen.
Jan van Goyen verstand.
»In Ordnung«, sagte er schlicht. »Kein Wort, zu niemandem.«
»Ich wusste doch, dass Sie ein vernünftiger Mensch sind, Herr van Goyen.« Tromp stand auf und wollte sich verabschieden.
»Und was ist nun …?«, fragte Jan. Er glaubte, dass er den Gegenstand oder was immer es war, was er aufbewahren sollte, nun bekommen würde. Doch da sah er sich getäuscht.
»Langsam, langsam. Ich komme in genau einer Woche wieder. Sorgen Sie dafür, dass Sie allein sind. Ich möchte keine … Überraschungen erleben. Und bis dahin überlegen Sie, wo sie das Dokument verstecken können, so, dass niemand es finden kann. Auch Ihre reizende Frau nicht.« Maarten Tromp zwinkerte Jan van Goyen zum Abschied zu und verließ das Haus.
Jan blieb noch eine Weile an der Tür stehen, um seine Gedanken zu ordnen.
Hatte er gerade einen Fehler gemacht?

Jan van Goyen überlegte hin und her. Er war aus dem Besuch des Marineoffiziers nicht ganz schlau geworden, lediglich die Aussicht auf eine gute Bezahlung ließ ihn überhaupt über die ganze Sache nachdenken.
Um was für ein Dokument könnte es sich nur handeln?, grübelte er. Und vor allem, wo kann ich es sicher verstecken?
Jan lief in seinem Atelier auf und ab. Zwischendurch arbeitete er an den Bildern, die auf eine Vollendung warteten, aber die Tätigkeit ging ihm nicht gut von der Hand und lenkte ihn auch nicht wirklich ab. Wie ein Tiger im Käfig fühlte er sich und wartete, dass die Woche des Wartens endlich vorübergehen würde.
Am vierten Tag dieses unruhigen Wartens bereitete Jan eine neue Eichenholzplatte für ein weiteres Gemälde vor. Dabei kam ihm eine Idee …

Maarten Tromp hielt Wort. Genau eine Woche später, fast genau zur gleichen Stunde, stand er wieder auf der Türschwelle zu Jan van Goyens Heim. Annetje und die Töchter verbrachten den Nachmittag bei einer befreundeten Familie, die ebenfalls Kinder hatten. Das war nichts Außergewöhnliches, denn um der Kinder Willen trafen sich die Frauen öfter.
Jan bat seinen Besucher dieses Mal sofort ins Haus, denn auch an diesem Tag wirkte Tromp wieder gehetzt und unsicher, solange er sich unter freiem Himmel befand.
»Ah, mein lieber van Goyen, ich hoffe, Sie sind immer noch mit meinem Angebot einverstanden?«, fragte der Besucher rundheraus.
Jan nickte nervös. Er wollte endlich wissen, worum es sich bei diesem geheimnisvollen Dokument handelte.
»Nun, haben Sie über ein sicheres Versteck nachgedacht?«, wollte Tromp nun wissen.
»Ich … ich denke schon«, antwortete ihm van Goyen. »Allerdings weiß ich das erst, wenn Sie mir zeigen, wie groß das Dokument ist.«
Maarten Tromp ließ sich nicht lange bitten, sondern zog einen versiegelten Umschlag aus seiner Jackentasche. Er war nicht groß, auch nicht besonders dick, was Jan ein wohlwollendes Lächeln abrang, sah er doch sofort, dass er seine Idee in die Tat umsetzen konnte.
»Ja … ja, das ist gut«, murmelte er deshalb und Tromp zog eine Augenbraue in die Höhe.
»Was ist gut?«, hakte er auch gleich nach.
»Nun, es passt. Ich weiß, wo ich das Ding verstecken kann. Sehen Sie …«
»Nein, nein, nein. Sagen Sie es mir nicht. Es ist besser, wenn ich es nicht weiß«, wehrte der Offizier ab.
»Gut, wie Sie wollen. Aber sollte nicht jemand wissen …«, fragte Jan etwas verunsichert. Die ganze Sache wurde ihm etwas unheimlich.
»Herr van Goyen, ich verlasse mich auf das Wort, das ich erhalten haben, dass Sie absolut vertrauenswürdig sind. Ich übergebe Ihnen dieses Dokument zur Aufbewahrung, bis ich selbst oder jemand in meinem Auftrag es eines Tages wieder einfordern wird. Und Sie dürfen diesen Umschlag nur mir persönlich oder einem Mittelsmann, der sich mit einem persönlichen Schreiben von mir autorisiert, aushändigen.«
»Und woran erkenne ich die Glaubwürdigkeit einer solchen Person?«
»Daran.« Tromp zeigte auf einen Siegelring, den er am rechten Mittelfinger trug. Das Siegel zeigte eine dreimastige Galeone, die trotz der geringen Größe gut zu erkennen war.
»Ein sehr … ungewöhnliches Siegel«, staunte van Goyen.
Tromp lächelte. Dieser Ring war sein wertvollster Besitz und er war sehr stolz darauf. Deshalb sagte er auch nichts weiter dazu.
»Sie wissen also, was zu tun ist?«, fragte er nur abschließend und erhob sich dabei.
»Ja, ich denke schon. Aber was … wie …« Bisher war noch kein Wort über die Bezahlung gefallen.
»Ah, ja, Herr van Goyen. Das Haus …« Jan blickte erwartungsvoll.
»Ihr neues Heim wartet auf Sie. Ich habe ein wunderbares Anwesen in 's-Gravenhage für Sie und Ihre Familie gefunden. Sie können es sofort beziehen. Cornelis Luyken, seines Zeichens Bankier in 's-Gravenhage, wird Ihnen alles zeigen.« Damit wandte Tromp sich um und verließ das Haus.
Zurück blieb ein ratloser Jan van Goyen.
's-Gravenhage??? Bisher war Jan davon ausgegangen, dass er in Leiden bleiben würde, nun eröffnete sich ihm eine völlig neue Chance.
's-Gravenhage!
Für Jan gab es nichts zu überlegen. Die Geschäfte liefen nicht besonders gut, hier in Leiden gab es kaum noch neue Käufer für seine Bilder …
Doch was würde Annetje dazu sagen?
Anfang des Jahres 1632, als der Winter die Stadt aus seinen eisigen Fängen zu entlassen begann, siedelte Jan van Goyen mit seiner Familie nach 's-Gravenhage in ein schönes und vor allem größeres Haus über. Im Gepäck des Malers befand sich das noch unvollendete Gemälde, welches Bauernhöfe mit Heustock an einem sandigen Weg darstellte. Für den Betrachter war es nichts weiter als ein Bild, und nur Jan wusste um das Geheimnis, welches dieses Gemälde barg.

's-Gravenhage, Januar 1637

»He, ihr«, ertönte die Stimme von Eddie hinter den beiden Timetravellern.
Claire und Dan fuhren herum.
»Was zum Teufel wollt ihr denn schon wieder! Hatte ich euch ...« Weiter kam Dan nicht, denn irgendetwas an Eddies Gesichtsausdruck hatte sich seit ihrer letzten Begegnung drastisch geändert.
»Was ist hier eigentlich los?«, wollte der kleine Engländer wissen. Er wirkte in keiner Weise bedrohlich, sondern nur ... irritiert. Claire sah ihm an, dass etwas ihn erschüttert hatte. Auch John machte den Eindruck, dass er nicht mehr verstand, was um ihn herum geschah.
»Genau das wollte ich euch auch gerade fragen. Was wird hier gespielt? Warum verfolgt ihr uns?« Dan setzte alles auf eine Karte, denn von einer Verfolgung waren sie doch ein Stück weit entfernt. Bisher waren sie den Engländern eher zufällig über den Weg gelaufen, oder nicht?
Eddie und John wirkten eingeschüchtert, verängstigt. Sie ahnten, dass die Fremden in der Stadt kein Zufall waren, kamen darüber während ihres letzten Gespräches auch überein. Erklären konnten sie sich die Anwesenheit der fünf Engländer, oder wo auch immer sie herkamen, allerdings nicht. Worin sich die beiden dann schnell wieder einig wurden, war die Tatsache, dass die beiden jungen Leute einen weit weniger gefährlichen Eindruck machten als die drei Männer. Obwohl auch die beiden sie bedroht hatten, wirkten sie bei weitem nicht so kalt und aggressiv wie dieser Professor und seine Handlanger. Dass mit denen etwas ganz und gar nicht stimmen konnte, hatten sie spätestens erkannt, als der Pockennarbige zu reden begann. Das war keine menschliche Stimme gewesen, das war ein Dämon, vielleicht sogar der Teufel selbst.
Nun wären Eddie und John eben nicht die beiden verwegenen Seemänner gewesen, die sie tatsächlich waren, wenn sie dem Geheimnis nicht auf die Spur kommen wollten. Also hatten sie entschieden, sich auf die Seite der jungen Leute zu schlagen, um herauszufinden, was hier gespielt wurde.
»Nun, verfolgen wollten wir euch gewiss nicht. In einer Stadt wie dieser läuft man sich doch zwangsläufig über den Weg, oder nicht?«, versuchte Eddie nun auf Dans Frage einzugehen.
»Ach, und wie kommst du darauf?«, schnappte der Student auch gleich.
»Diese Stadt ist klein, der Mann, den ihr alle sucht, wohnt ziemlich in der Mitte, da führen beinahe alle Wege dran vorbei. Eurer und auch unserer.« Dieser Logik konnte sich selbst Dan nicht gänzlich entziehen und Claire musste leise lachen wegen der Naivität, die der Engländer an den Tag legte.
»Nun, wie dem auch sei, wenn ihr schon mal hier seid, könntet ihr uns eigentlich helfen«, schlug die junge Frau kurzerhand vor.
Eddies Geschäftssinn war sofort alarmiert. »Und was ... ich meine ...« Er begann zu stottern, als er Claire ansah, die seinen Blick starr erwiderte.
»Nun, wenn ich mich recht entsinne, arbeitet ihr für Gold, richtig?«, fragte sie.
Eddie und auch John nickten. Ihre Augen schienen dabei gierig aufzuleuchten.
»Das ist richtig, zumal ihr uns heute Abend schon ein Geschäft vermasselt habt. Gegen das Doppelte, was wir dadurch verloren haben, helfen wir euch.«
»Dachte ich mir's doch, ihr seid nichts weiter als gierige kleine Gauner«, redete Dan nun dazwischen. Ihm gefiel die momentane Entwicklung nicht, denn er traute den Engländern nicht von der Tapete bis zur Wand. Aber er sah keine andere Möglichkeit, gegen Sanfold, Taylor und McCrery anzukommen. Allein hatten sie gar keine Chance, zu viert vielleicht eine geringe.
»Dan, wir haben keine Wahl. Wir müssen es versuchen, wenn auch diese Reise nicht wieder vergebens enden soll«, sagte Claire daraufhin. Auch ihr gefiel der Gedanke nicht sich den beiden Seemännern anzuvertrauen, aber es gab derzeit keine Alternative.
»Dann gibt es da nur noch ein Problem. Womit wollen wir die beiden hier bezahlen?« Dan sprach aus, worüber sich auch Claire schon Gedanken gemacht hatte. Glücklicherweise war Dan geistesgegenwärtig genug gewesen, die letzten Worte seiner Begleiterin leise ins Ohr zu flüstern.
»Wir tun erst einmal so, als ob. Dieser Sanfold wird ja wohl nicht mit genau zwei Goldmünzen unterwegs sein, also wird er die Bezahlung übernehmen.«
»Das wird er bestimmt nicht freiwillig tun, also Claire, wie stellst du dir das vor?«
»Ganz einfach. Wir gehen jetzt da rein, die beiden hier kümmern sich um Sanfolds Schläger und wir knöpfen uns den Professor vor. Neben der Zeitmaschine wird er uns gleich noch ein paar Goldmünzen überlassen, damit bezahlen wir unsere Helfer. Dann verschnüren wir unsere Fracht und bringen sie nach Kansas City, bevor wir ...«
»Sag mal, weißt du, wie du dich anhörst?«, fiel Dan ihr ins Wort.
»Ja, das weiß ich. Es ist riskant, aber zu viert haben wir eine Chance. Dann sind da schließlich auch noch van Goyen und seine Frau. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die gut auf ihre Besucher zu sprechen sind. Hast ja gesehen, wie die sich vorhin Einlass verschafft haben.«
Dan schüttelte resigniert den Kopf. Nach ihren letzten Erlebnissen hatten sie sich geschworen, vorsichtiger zu sein, keine unnötigen Risiken einzugehen, und kaum waren sie in einer anderen Zeit, waren alle guten Vorsätze schon wieder vergessen. Was den Sportstudent einwilligen ließ, war der Mangel an einer besseren Idee.
»Also gut, versuchen wir unser Glück. Mach du den beiden klar, was wir von ihnen erwarten. Und versprich ihnen meinetwegen den dreifachen Lohn, wir werden verschwunden sein, bevor sie merken, dass wir nicht ein einziges Goldstück besitzen.«
Claire verdrehte die Augen und ging auf die Engländer zu, die sich ein paar Schritte entfernt hatten, als Dan zu flüstern begann. Auch sie nutzten die Zeit, um das Für und Wider dieser Angelegenheit zu besprechen. Die Aussicht, ihren schon verloren geglaubten Lohn doch noch in die Hände zu bekommen, ließ Eddie und John schnell handelseinig werden. Sie vertrauten wie so oft auf ihr Glück, vor allem aber auf ihre Erfahrungen. Sie hatten zusammen schon andere Gegner im Nahkampf besiegt als diese drei Männer da drinnen bei Jan van Goyen. Auf Kapitän Edgertons Schiff wurde niemandem etwas geschenkt.

Verba Secretorum hermetis Trismegisti
Verum, sine mandacio, certum et verissimum
Quod est inferius, est sicut …

»Heilige Scheiße, was ist das denn? Sind wir etwa wegen dem Kauderwelsch hierher gereist?« McCrery konnte es immer noch nicht fassen und verlieh seinem Unmut lautstark Ausdruck.
»Halt dein Maul!«, blaffte Sanfold ihn deshalb auch gleich an. Die Augen des Professors waren ehrfürchtig auf das Papier gerichtet, welches er nun in den Händen hielt. Er las weiter, murmelte die Worte nun aber undeutlich vor sich hin. … Completum est quod dixi de operatione Solis.
Sanfold schloss die Augen und lehnte sich zurück.
Jan van Goyen hielt immer noch das Bild umklammert, welches das Geheimnis bis in alle Ewigkeit hätte bergen sollen. Er hatte vor fünf Jahren das Holz präpariert, indem er ein ganz dünnes Brett auf die Rückseite leimte und zwischen beiden das Dokument verschloss. Er vollendete das Bild, bot es aber niemals zum Kauf an, sondern verbarg es zunächst in seinem Atelier. Als ein neugieriger Käufer sich genauer im Atelier umsah und ihn wegen genau dieses Bildes ansprach, unterstrich er dessen Unverkäuflichkeit damit, dass er es noch am gleichen Tag in seinem Schlafzimmer an die Wand hing.
Nun hielt er es in Händen, doch sein Geheimnis war gelüftet. Jan hatte noch die Hoffnung, dass dieser Sanfold nun ein Schreiben von Maarten Tromp zückte, doch da sah er sich getäuscht. Von sich aus wollte er den Offizier aber nicht ins Spiel bringen, um ihn nicht irgendeiner Gefahr auszusetzen.
Arthur Sanfold lächelte immer noch selig, als Taylor wissen wollte, was es mit diesem Schreiben nun auf sich habe.
»Das ist eine alte Abschrift des Schlüssels zum Stein der Weisen, der Tabula Smaragdina
»Ja, und? Was ist daran nun so besonders?«, hakte William nach. Für ihn war das nichts weiter als ein Zettel mit lateinischen Versen.
»Mein lieber William, die Tabula Smaragdina ist ein Text, der auf Hermes Trismegistos, der dreimal Größte, zurückgeht. Der größte Philosoph, der größte Priester und der größte König. Er vereinte den griechischen Gott Hermes und den ägyptischen Gott Thot in sich, war eine lebende Verschmelzung der beiden. Wer, wenn nicht er, sollte das Geheimnis des Steins der Weisen denn sonst kennen?«
»Moment mal«, mischte sich nun McCrery ein und überraschte seine Zuhörer mit dem, was er sagte. »Tabula Smaragdina findet man heutzutage … ähm, also … bei uns … ohne Schwierigkeiten im Netz. Ich bin da zufällig mal drauf gekommen, habs gelesen und wieder vergessen. So gesehen hätten wir uns die ganze Show hier schenken können, oder nicht?«
»Ach McCrery, du verstehst nicht. Glaubst du denn, man würde eine … Bauanleitung für den Stein der Weisen einfach so zugänglich machen? Das, was bei uns davon übrig ist, sind doch nur die kümmerlichen Überreste. Die wesentlichen Dinge sind im Lauf der Jahrhunderte aus dem Text verschwunden. Das hier«, Sanfold wedelte mit dem Papier, »ist eine Abschrift des Originals, welches Sara, die Frau Abrahams, im Grab des Hermes Trismegistos bei Hebron gefunden hat.« Sanfolds Stimme klang bei den letzten Worten regelrecht theatralisch, rief bei seinen Zuhörern aber nur Unglauben hervor.
William Taylor machte gerade den Mund auf, um etwas zu sagen, als ein wuchtiges Hämmern die Haustür erschütterte und nur den Bruchteil einer Sekunde später aufkrachen ließ. Dan, Claire und die beiden Engländer stürmten in das Haus, rissen die erste Tür auf, dann die zweite … und Dan, der als erster ins Zimmer kam, sah sich einer blanken Messerspitze gegenüber. Überrascht war er nicht, denn er hatte seine Pistole schon entsichert in der Hand und richtete sie auf sein Gegenüber. Auch Claire hielt ihre Handfeuerwaffe in den Raum gerichtet, die Seemänner hingegen waren genau wie McCrery mit einem Messer bewaffnet.
»Sieh mal einer an, warum überrascht mich euer Erscheinen nicht?«, säuselte Sanfold beim Anblick der Eindringlinge.
»Das sollte es aber, Professor Sanfold.« Claire spie die Anrede regelrecht aus. »Und jetzt her mit der Zeitmaschine. Mit unserer Zeitmaschine!«
Sanfold lachte. Er schien der einzige im Raum zu sein, der den Ernst der Lage noch nicht erfasst hatte. Seine Bluthunde standen im Visier der Pistolen und rührten sich nicht, Jan van Goyen versuchte, sich auf seinem Stuhl unsichtbar zu machen, indem er immer weiter in sich zusammensank, John und Eddie fuchtelten nervös mit ihren Messern herum.
»Kleine Claire, soviel Mut hätte ich dir gar nicht zugetraut. Fühlst dich sicher mit dem Schießeisen in der Hand, oder? Aber kannst du damit auch umgehen, Mädchen?« Claires Blick flackerte kurz. Ihr war, als ob Sanfold gerade in ihren Gedanken herumgewühlt hätte.
»Das lassen Sie nur meine Sorge sein«, fauchte sie. »Her mit der Maschine, sonst könnte es schnell ungemütlich für Sie werden.«
Sanfold dachte gar nicht daran, die Zeitmaschine auszuhändigen. Und er hätte es auch gar nicht gekonnt. Im Gegenteil, er fuhr seine Handlanger an. »So tut doch etwas, ihr Idioten. Schafft mir dieses Pack vom Hals.«
Das war das Stichwort für Taylor und McCrery. Sie erwachten förmlich aus der Starre, die das Überraschungsmoment in ihnen ausgelöst hatte, und wollten sich zunächst auf die beiden Engländer stürzen.
Da krachte ein Schuss.
Im oberen Stockwerk des Hauses schrie eine Frau auf, doch das war für alle Beteiligten nebensächlich. Für alle, bis auf Jan van Goyen. Er nutzte das einsetzende Durcheinander, um sich an der Wand entlang in Richtung Tür zu schleichen. Nicht die Tür, durch die die Eindringlinge gekommen waren, sondern die Durchgangstür zum Nebenraum. Es waren nur wenige Schritte, die ihm zunächst unüberwindlich erschienen, doch keiner achtete mehr auf ihn. Jan van Goyen verließ das Zimmer unbeschadet und rettete sich in die obere Etage des Hauses zu seiner Frau und seinen Töchtern.
Der Schuss kam aus Dans Pistole. Unbeabsichtigt hatte er den Abzug gedrückt, als ihn McCrerys plötzliche Bewegung überraschte. Und dann brach ein Handgemenge los. Taylor und McCrery stürzten sich zuerst auf die Engländer und schlugen sie nieder. Die Messer wurden dabei weggeschleudert, das Ganze dauerte nicht länger als zwei Sekunden. Scheinbar hatten sich die Seemänner doch überschätzt, oder aber sie wurden völlig vom Kampfstil der ungebetenen Besucher van Goyens überrumpelt.
Claire nutzte diese zwei Sekunden, um ihre Waffe weiter auf Sanfold zu richten und sich ihm weiter zu nähern. Dan wollte ihr Rückendeckung geben, doch es war aussichtslos. Taylor nahm ihn in den Klammergriff, entwand ihm die Pistole und hielt ihn fest. Dan machte nicht den Fehler, sich zu wehren. Er hatte unterdessen gelernt, wann eine Situation für ihn aussichtslos war. Claire bekam davon nichts mit, ihr Blick haftete stur auf dem Professor, dem das Grinsen immer noch nicht vergangen war.
»Her damit!«, zischte sie.
Sanfold lächelte kalt. »Schieß doch, wenn du kannst«, erwiderte er süffisant. Der Professor war sich sicher, dass Claire Bancroft nicht in der Lage war, den Abzug zu drücken. Nicht auf eine lebende Person, auch wenn sie sie noch so sehr hasste. Er konnte ihre Unsicherheit und auch ihre Angst fühlen und in ihren Augen sehen. Je länger Sanfold reglos verharrte, umso nervöser wurde die junge Frau.
»Dan?«, fragte sie dann auch fast augenblicklich. Als er nicht antwortete, flackerten ihre Augen stärker. »Dan?«, rief sie nun schrill. »Was ist los? Komm und hilf mir.«
Der Student war dazu gar nicht in der Lage. Er konnte nicht mal antworten, weil Taylor ihm seine Hand auf den Mund presste. Langsam drehte Claire sich um. Sie erschrak … und eine Sekunde später wand auch sie sich im Klammergriff des anderen Kerls. Sie hatte den entscheidenden Moment, Sanfold in seine Schranken zu verweisen, verpasst.
Tränen traten der jungen Frau in die Augen. Noch nie waren sie ihrem Ziel so nahe gewesen. Die Zeitmaschine war fast greifbar und doch unendlich weit weg. Claire wand sich im Griff von McCrery, doch es half nichts. Der Kerl war zu stark, seine Hände wie Schraubstöcke.
»Fesselt sie, beide. Oder besser noch alle vier, wer weiß, wie schnell dieser Abschaum dort wieder zur Besinnung kommt«, befahl Sanfold.
Taylor und McCrery sahen sich um. Kurzerhand riss Taylor die Vorhänge von den Fenstern und versuchte, die Kordeln zu lösen. Mit einer Hand war das ein schwieriges Unterfangen, denn Dan nutzte die Gelegenheit natürlich sofort, um sich aus dem Griff des Pockennarbigen zu befreien. Er bekam auch einen Arm frei, bereute es aber sofort, als er einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf bekam, der ihm schwarz vor Augen werden ließ. Dan kämpfte darum, nicht ohnmächtig zu werden, schaffte es auch, war aber nun deutlich geschwächt.
Claire erkannte ihre Lage als das, was sie war: aussichtslos. Dennoch wollte sie noch nicht aufgeben. Sie überlegte krampfhaft, suchte nach einer Lösung aus diesem Dilemma, aber ein Blick in die Runde zeigte ihr, dass es keine gab. Wenn die Engländer erwachen würden … vielleicht. Doch die lagen weiterhin regungslos am Boden, ihre Messer waren außer Reichweite, genau wie die beiden Pistolen.
»Nein«, hauchte Claire. »So darf es nicht enden …«
Der Professor lachte. »Natürlich endet es so. Meine liebe Claire, ihr müsst lernen zu erkennen, wann ihr verloren habt. Und das habt ihr in dem Moment, als ich die Zeitmaschine in die Hände bekam. Und glaub mir, es wäre besser, wenn ihr mich nicht weiter verfolgen würdet. Und in jedem Fall auch gesünder …« Wieder lachte er dreckig, was die Wut in Claire nur weiter steigerte. Es half ihr aber nichts, denn nun spürte sie, wie ihre Handgelenke hinter ihrem Rücken verschnürt wurden, kurz darauf auch ihre Fußgelenke. Dan lag ebenso gefesselt am Boden, auch die beiden Engländer wurden auf diese Weise bewegungsunfähig gemacht.
Sanfold, Taylor und McCrery verließen in genau dieser Reihenfolge das Haus von Jan van Goyen. Sie machten sich nicht mehr die Mühe, nach dem Maler und seiner Familie zu schauen.

Die Timetraveller wanden sich in ihren Fesseln und versuchten, sich zu befreien. Eddie erwachte allmählich wieder, John lag noch immer reglos. Da waren plötzlich Schritte auf der Treppe zu hören. Claire rief: »Hilfe, Mister van Goyen, helfen Sie uns, bitte.«
Die Tür stand offen, sodass der Maler schon von der Treppe aus die Lage überblicken konnte. Was er sah, gefiel ihm gar nicht, und er hatte Angst.
»Mister … bitte …« Claire sah ihm entgegen. Tränen liefen ihr über das Gesicht. Jan van Goyen hatte aber auch nicht vergessen, wie selbstbewusst diese junge Frau vorhin in den Raum gestürmt kam und gedroht hatte. Er haderte noch mit sich, kam aber zu dem Schluss, dass es das Beste sei, allen vieren die Fesseln zu lösen, damit sie endlich alle sein Haus verließen. Wortlos ging er als erstes zu Claire und befreite sie von den Kordeln. Als sie sich wieder bewegen konnte, half sie als nächstes Dan, während van Goyen die Engländer aufschnürte.
»Danke, vielen Dank.«
»Niets te danken.« Vor Aufregung sprach Jan in seiner Muttersprache, doch alle vier wussten, was er meinte. Claire lächelte ihm noch einmal zu, dann gab sie das Zeichen, dass sie sich beeilen sollten. Noch hatte die Studentin die Hoffnung nicht begraben.
»Wo willst du denn hin?«, fragte Dan auch prompt.
»Überleg doch mal. Warum sind diese drei Spinner nicht direkt abgehauen? Ich habe genau aufgepasst, es gab kein Leuchten, nichts. Dann habe ich mich gefragt, wo Sanfold die Zeitmaschine haben könnte. Am Leib trug er sie nicht, aber als sie gingen, hatte er auch keine Tasche dabei, nichts. Und was schließt du daraus?«
»Dass die Zeitmaschine die ganze Zeit in diesem Wirtshaus war. Wir Idioten, wir hätten uns nur bedienen brauchen«, folgerte Dan Simon.
»Na, so einfach wäre das bestimmt nicht geworden, oder glaubst du, dass dieser Professor die Maschine da einfach so liegen lassen hat? Wenn es da nicht ein bombensicheres Versteck geben würde, hätte der sich niemals von dem Teil getrennt.« Dan nickte zustimmend.
»Wir … wir gehen dann mal«, ertönte plötzlich Eddies Stimme hinter ihnen.
»Wie … was?«, fragte Dan entgeistert.
»Nun, offensichtlich waren wir keine große Hilfe, und … ähm … nun, wir gehen dann jetzt.«
»Aber wir brauchen eure Hilfe«, rief Claire. »Wir müssen doch …«
»Nein, nein, ohne uns.« Eddie meinte es tatsächlich ernst.
»Dann gibt es auch keine Bezahlung«, versuchte es nun Dan.
»Das ist egal, bye, bye.« Damit nahmen die Seemänner die Beine in die Hand und waren verschwunden.
Dan und Claire schauten sich an. »Das verstehe, wer will«, schimpfte sie.
»Oh, da gibt es nicht viel zu verstehen. Die beiden haben es mit der Angst zu tun bekommen, weil sie gesehen haben, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Sie haben die Hosen so gestrichen voll, dass nicht mal mehr eine Münze in die Tasche passt.« Dan konnte die Flucht der beiden gut nachvollziehen. In ihrer Zeit gehörten die beiden Haudegen gewiss zu den größten Raufbolden der ganzen Stadt, und nun mussten sie erfahren, dass sie mit einem Schlag ausgeknockt wurden. Auf eine Wiederholung legten sie bestimmt keinen Wert. Ihre Ehre, jedenfalls was sie darunter verstanden, war scheinbar doch kostbarer als ein Goldstück, denn sie konnte man auch nicht mit Gold kaufen.
»Tja, und nun? Riskieren wir es?«, fragte Claire niedergeschlagen. Ihre Waffen hatten sie wieder, allerdings war dieses Ekel Taylor so schlau gewesen, die Munition zu entfernen. Damit konnten sie also noch nicht mal bluffen.
»Lass uns die Lage mal sondieren, dann sehen wir weiter, okay?«
»Okay, aber vorsichtig, ja?« Claire hatte keine Ahnung, wie sie es zu zweit schaffen sollten, die Zeitmaschine zu bekommen, wenn sie zu viert schon so jämmerlich versagt hatten.
Sie verabschiedeten sich von Jan van Goyen. Dan fragte den Holländer noch beiläufig, was Sanfold von ihm gewollt hatte. Jan überlegte einen kurzen Moment, ob er das Geheimnis, welches nun keines mehr war, noch mehr Leuten preisgeben sollte. Er hatte nichts mehr zu verlieren, aber vielleicht konnten diese beiden jungen Menschen ja noch etwas gewinnen.
»Er wollte ein Dokument, welches ich verwahrt hatte. Eine Abschrift der Tabula Smaragdina, wenn ich das richtig verstanden habe. Was das ist, weiß ich aber nicht. Ich wünsche euch viel Glück und hütet euch vor diesen Leuten.«
»Vielen Dank«, erwiderten die Zeitreisenden, verabschiedeten sich und machten sich auf den Weg zu Willems Wirtshaus.
Jan van Goyen atmete auf, als er sah, dass alle Eindringlinge endlich verschwunden waren.

Sanfold und seine Handlanger hatten das Wirtshaus längst erreicht. Er ging davon aus, dass die beiden Studenten diese Zeit wieder verlassen hatten.
Zuerst gingen sie in das für die Nacht gemietete Zimmer. Dort nahm der Professor die Zeitmaschine wieder an sich.
»Dann können wir doch endlich abhauen, oder?«, fragte McCrery hoffnungsvoll.
»Nun mal langsam. Erst will ich wissen, ob es das richtige Dokument ist. Nicht dass mich dieser Schmierfink betrogen hat.« Das glaubte Sanfold zwar selber nicht, doch er wollte Willems Gastfreundschaft und vor allem seinen Wein noch ein wenig genießen. So setzten sich die drei Männer in der Schankstube an den gleichen Tisch wie vorher auch schon und ließen sich Wein bringen. Der Professor prostete seinen Kumpanen zu und anschließend zog er das Schriftstück aus der Tasche. Ehrfürchtig betrachtete er es, las die eine oder andere Zeile und machte dabei einen rundum zufriedenen Eindruck.
McCrery wurde zusehends wütender. Er sah nicht ein, warum sie ihren Aufenthalt hier noch in die Länge ziehen mussten. Mike McCrery wollte endlich wieder nach Hause, nach Kansas City, wo er hingehörte.
»Worauf warten wir denn nun noch?«, fragte er. Seine Augen funkelten wütend, während seine Stimme immer lauter wurde. »Ich will endlich nach Hause …«
»Halts Maul, du Idiot«, schrie Taylor dazwischen. Er bekam es mit der Angst zu tun, weil er nie einschätzen konnte, wie Sanfold reagierte, wenn man ihn reizte. Und er war der Letzte, der hier und jetzt zurückgelassen werden wollte.
»Da wirst du dich noch ein wenig gedulden müssen.« Sanfold grinste diabolisch und programmierte die Zeitmaschine.

Claire und Dan beobachteten das Geschehen durch eines der Fenster.
»Und was machen wir jetzt?«, fragte die Studentin.
»Keine Ahnung«, gestand Dan. »Aber lass uns mal um das Haus gehen, vielleicht gibt es einen Hintereingang.« Er zwinkerte Claire aufmunternd zu und sie schlichen um die rechte Ecke zur Hinterseite des Gebäudes. Und sahen sich enttäuscht an. Das Haus verfügte über keinen weiteren Eingang, aber … da stand ein Fenster offen, hinter dem kein Licht flackerte.
Dan überlegte kurz und wog die Risiken ab.
»Ich gehe rein und sehe mich um.« Sein Vorschlag stieß auf taube Ohren.
»Spinnst du? Du weißt doch gar nicht, wie es da drinnen aussieht noch wie viele Leute sich im Haus aufhalten.«
»Wenn wir hier stehen bleiben, erfahren wir das aber auch nicht. Und noch befindet sich unsere Zeitmaschine in diesem Haus.«
»Das stimmt schon, aber wir sollten uns nicht trennen. Was, wenn dich jemand entdeckt?« Claire gefiel Dans Vorschlag überhaupt nicht, sie sah aber ein, dass sie diese Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen konnten.
»Wir gehen beide da rein«, schlug sie deshalb resolut vor, um keine Widerrede aufkommen zu lassen. Die Alternative, allein hier draußen zu bleiben, kam für sie gar nicht in Frage.
Dan sah Claire kurz an und trotz der Dunkelheit konnte er die Angst in ihren Augen erkennen.
»Also gut«, sagte er deshalb und schwang sich durch das Fenster. Als er sich umdrehte und nickte, kletterte Claire hinterher. Sie standen in einem Schlafraum, der nur mit einem Bett und einem Schrank möbliert war. Die Studentin vermutete, dass es sich um eines der Gästezimmer handelte. Sie schlichen zur Tür und legten die Ohren daran. Es war kein Laut zu hören, was Dan die Tür vorsichtig öffnen ließ. Vor ihnen erstreckte sich ein Gang, von dem noch zwei schmale Türen abgingen und der am anderen Ende in eine breite Holztür mündete.
Claire sah sich gehetzt um, während Dan schon die erste Tür aufschob, kurz in den Raum schaute und gleich darauf die andere Tür öffnete. Nachdem er auch in das zweite Zimmer geblickt hatte, schüttelte er den Kopf. Beide Zimmer ähnelten dem, durch welches sie das Haus betreten hatten.
»Damit bleibt nur noch diese Tür.« Dan deutete auf die breite Tür am Ende des Ganges.
»Das ist riskant, ich wette, wir landen direkt in der Schankstube«, vermutete Claire. »Und was dann?«
»Komm schon, wenn es brenzlig wird, lassen wir uns eben zurückholen. Aber versuchen müssen wir es.« Claire sah ein, dass sie den Freund nicht von dem Vorhaben abbringen konnte und nickte. »Also gut, aber ich sag dir, meine Finger sind schneller an der Uhr als du ›Aua‹ sagen kannst, wenn es sein muss.«
»Okay.« Damit griff Dan nach der eisernen Türklinke und drückte sie langsam nach unten. Er drückte die Tür einen kleinen Spalt auf und spähte hindurch. Was er sah, ließ ihn aufatmen und die Tür vollends aufstoßen. »Komm«, sagte er zu Claire.
Sie betraten den dahinter liegenden Raum. Darin standen drei Tische, um jeden herum etliche Stühle, ansonsten war der Raum leer. Es war die hintere Gaststube, in der an vielen Abenden die Tulpenauktionen stattfanden.
An der gegenüberliegenden Wand befand sich eine weitere Tür. Als sie sich dieser näherten, vernahmen sie Stimmengemurmel. Dahinter musste der Schankraum liegen. Sie gingen weiter, als die Stimmen plötzlich immer lauter wurden, es klang nach einem handfesten Streit.
Die Timetraveller lauschten, konnten aber nichts Genaues verstehen. Dan Simon streckte gerade die Hand nach dem Türgriff aus, als es geschah. Durch den Spalt am unteren Ende der Tür drang helles, bläuliches Licht.
»Nein …«, stieß Claire aus.
»Verdammt!«, rief Dan und riss die Tür auf. Den beiden Studenten bot sich ein furchtbarer Anblick. Willem und drei weitere Männer standen mit schreckgeweiteten Augen da und schienen den Verstand verloren zu haben.
»Was …?«, fragte Dan.
Willem war der erste, der seine Sinne wieder beisammen hatte und stürzte sich auf Simon. Er packte ihn bei den Schultern, schüttelte ihn und stieß immer wieder Worte wie Waar zijn … Wat betekent dat? … Ik begrijp het niet … aus. Sein Blick huschte dabei ziellos durch den Raum.
»Ruhig, beruhigen Sie sich«, redete Dan auf den Wirt ein. Dabei überlegte er krampfhaft, wie er die Situation erklären könnte.
Die anderen Gäste hatten sich unterdessen wieder auf ihre Stühle gesetzt und diskutierten lautstark.
Claire ging kurzerhand hinter die Theke und füllte mehrere Becher mit Wein. Diese trug sie an den Tisch zu den Männern, einen großen Becher brachte sie zu Willem. Während Dan noch grübelte, hatte Claire schon eine Lösung gefunden. Die Männer sollten so lange trinken, bis sie glaubten, dass alles nur ihrer Einbildung entsprungen war. Und es sah ganz danach aus, dass es funktionieren könnte. Nachdem Willem sich beruhigt hatte, bestand Claire darauf, dass er sich zu seinen Gästen an den Tisch setzte. Dan übernahm die Theke und Claire brachte immer wieder volle Becher an den Tisch. Dan vergaß zwischendurch nicht, die Tempotronen zu scannen, die Sanfolds Zeitsprung hinterlassen hatte.
Etwa eine Stunde später redete Claire den betrunkenen Männern ein, dass außer ihnen an diesem Abend niemand im Wirtshaus gewesen war. Willem war der Einzige, der ihre Worte halbwegs verstand. Während er immer und immer wieder übersetzte, begann das Geschehene seinen Schrecken zu verlieren. Dan und Claire nutzten die Gelegenheit, sich aus dem Staub zu machen. Sie liefen bis zum Stadtrand, um sicher zu gehen, dass ihr Verschwinden aus dieser Zeit nicht beobachtet werden konnte und nochmals für Verwirrung bei den Bewohnern sorgte.

Jan van Goyen setzte sein Haus in einer der nächsten Auktionen, um mehrere Zwiebeln der Sorten Semper Augustus und Vizekönigin in seinen Besitz zu bringen und zog mit seiner Familie in ein kleines Haus am Rand von 's-Gravenhage, wo er bis zu seinem Tod lebte und mit ca. 18.000 Gulden Schulden verstarb.
Über das Erlebte dieses Abends hat er niemals ein Wort verloren, auch seine Frau Annetje sprach mit keinem Menschen darüber.
Von Maarten Tromp hat Jan van Goyen in seinem ganzen Leben nichts mehr gehört.
Willem und seine Gäste wurden ausgelacht, als sie am nächsten Tag darüber erzählten, das sich drei Männer in seinem Wirtshaus in Luft aufgelöst hätten. Da ihnen niemand glaubte, redeten sie nie mehr darüber, und alles geriet bald in Vergessenheit. Nur wenn sich die Männer trafen, sprachen sie noch ab und zu darüber, doch letztendlich nahmen sie alle die Erinnerung an die drei seltsamen Besucher mit ins Grab.

ENDE

Vorschau auf Episode 18

Erwartet mit Spannung die am 1. März 2010 erscheinende 18. Episode.

Der Titel lautet:
»Die Schwarze Fregatte«

von Amanda McGrey

Professor Sanfold ist spurlos verschwunden. Die Messgeräte haben keinen Zeitsprung angezeigt. Wie kann das sein? Ist die Formel eine Lösung, die Dan und Claire bei der Durchsuchung von Sanfolds Wohnung finden?
Ist das Dokument der Englischen Admiralität vom 1. Juni 1763 die Lösung?
Was hat es mit der »Schwarzen Fregatte« auf sich, die just vor Venedig kreuzt, als ein Anschlag auf den Dogen verübt wird? Weshalb wird eine Seite aus einem Buch von 1150 gestohlen?
Fragen über Fragen. Vielleicht kann die Corsarin Estrella Avilla de Aragon Auskunft geben, die sich auf die Spur der Fregatte gesetzt hat.
Claire und Dan wagen den Zeitsprung.
Genau zum 1. Juni 1763 – zur Konferenz der Seekapitäne in Venedig.

 

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