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»Satans erster Apostel«

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Cover 2009 von Wolfgang Brandt
Titelbild von Ralph Haselberger

EPISODE 16

»Satans erster Apostel«

von Dean Thorn

New York, Anfang Dezember 1966

»Mein Klient möchte nichts weiter, als was bereits ihm gehört, Mrs Ranowski.«
Auf der anderen Seite des Panoramafensters glitzerten auch an diesem frühwinterlichen Abend die Lichter der amerikanischen Metropole. Die Temperaturen waren stark gefallen in den letzten Tagen, und der Geruch von Kälte und Schnee hing in der Luft.
Im Penthouse jedoch war es behaglich warm. Im Kamin loderten die Flammen, krachend barst immer wieder ein Scheit. Der getäfelte Raum, die dunklen Möbel und das gedämpfte Licht taten ihr Übriges, um ein heimeliges Ambiente zu erzeugen.
Betont langsam drehte sich die blonde Frau um, deren Blick bisher starr auf das Glas gerichtet gewesen war, ohne die herrliche Aussicht wahr zu nehmen. Schemenhaft spiegelte sich ihre schlanke Gestalt auf der Scheibe. Sie trug ein eng anliegendes rotes Kleid, das ihr bis zu den Knöcheln reichte. Ihr weizenblondes Haar bedeckte die freien Schultern und einen Teil des Brillantkolliers, welches ihren Hals zierte.
Eileen Ranowskis hübsches Gesicht hatte sich zu einer säuerlichen Grimasse verzerrt, die ihre ganze Verachtung für ihre späten Besucher ausdrückte. Ihre Augen funkelten ungehalten, und wenn Blicke töten würden, hätten sich die Beiden röchelnd auf dem Parkettboden gewunden.
Die 27-jährige hielt ein Glas Bourbon in ihrer Rechten, die sie nun aus- und den Zeigefinger abstreckte, um damit anklagend auf den dunkel und elegant gekleideten Typen zu deuten, der neben dem Sofa stand. Die zwei Eiswürfel in dem Getränk klirrten.
»Sie behaupten also nach wie vor, dass mein Mann etwas aus Ihrem Besitz ausgeliehen hat. Können Sie das beweisen?«
William Cavanaughs Gesicht bliebt unbewegt. Der junge aber erfolgreiche Rechtsanwalt war gerade mal zwei Jahre älter als Ladiszlav Ranowskis Witwe und von kräftiger Statur. Seine breiten Schultern und seine harten und kantigen Züge verleiteten Beobachter immer wieder dazu, in ihm Porters Leibwächter und nicht seinen rechtlichen Beistand zu vermuten. Außerdem war er 1,96 m groß und überragte die Ranowski um fast zwei Köpfe.
Und obwohl Eileen sich zierlich und zerbrechlich gegen ihn ausnahm, versprühten ihre blauen Augen eine Wildheit, die ihm gefiel – insbesondere, da sich darin auch eine gewisse Angst widerspiegelte. Wie ein in die Ecke gedrängtes Tier, das zum Äußersten bereit war. Sie war genau sein Typ.
Ich wollte, ich könnte sie mir nehmen, dachte er. Sicher würde sie heftige Gegenwehr leisten, mit Kratzen und Beißen. Und damit seine sexuelle Erregung und Gier noch steigern.
Langsam und fast unmerklich zogen sich die Finger seiner behandschuhten Linken zur Faust zusammen, als er sich die Szene bildlich vorstellte. Aber sein Gesicht zeigte nicht die geringste Regung; nach außen hin blieb er vollkommen kühl.
»Machen Sie es uns doch nicht schwerer, als es bereits ist, Mrs Ranowski«, sagte er nun. »Es ist ein altes Buch, das für Sie vollkommen ohne Wert ist.«
Eileen lächelte – mit dem Selbstbewusstsein eines gierigen Raubkätzchens, das sich seiner Beute bewusst ist.
»So ganz wertlos scheint es aber dennoch nicht zu sein. So, wie Sie darauf drängen, es wieder zurück zu bekommen.«
Wie sein Brötchengeber befürchtet hatte: Die Ranowschke Witwe war ein geld- und vergnügungssüchtiges Biest. Nun, wegen seinem Aussehen hatte sie Ladiszlav Ranowski bestimmt nicht geheiratet; er war einer der hässlichsten Menschen gewesen, die Cavanaugh je begegnet waren. Und er hatte gut vierzig Jahre mehr auf dem Buckel gehabt als seine junge Frau.
Nur zu empfänglich war der Rechtsanwalt für die Verruchtheit und die mit Skrupellosigkeit einhergehende Gefahr, welche diese Frau ausstrahlte. Das Drängen in seinen Lenden wurde stärker, und schnell warf er einen Blick auf seinen Arbeitgeber auf dem Sofa, um sich abzulenken.
Eliah Porter wurde von den meisten Menschen unterschätzt, da er ein gebrechliches Bild bot. Er war 1,76 groß und 51 Jahre alt – wirkte aber ungemein betagter: Seine Haut war faltig, ihr Teint war von kränklichem Gelb. Leberflecken verteilten sich auf seiner kahlen Stirn, von einem schütteren Kranz aus weißem Haar umgeben. Er schien chronisch unterernährt, die Kleidung schlotterte um seinen Körper – ein Eindruck, der durch das permanente Zittern seiner Hände noch verstärkt wurde. Eine weitere markante Auffälligkeit waren die beiden Narben auf den Handrücken, jeweils ein weißlicher Kreis.
Nun hatte er die Beine angezogen und aneinander gepresst. Deutlich waren unter dem dunklen Stoff der Hose die spitzen Knie auszumachen. Die linke Hand lag unruhig auf dem Knie, die rechte hielt den goldenen Knauf eines schwarz lackierten Gehstocks umklammert. Wie immer trug er eine Sonnenbrille, durch deren schwarze Gläser seine Augen nicht zu sehen waren.
»Nun?«, fragte Eileen ungeduldig, als keine Antwort erfolgte. Ihr war unheimlich, wie die beiden Herren sich anscheinend nur mit »Blicken« (immerhin konnte dieser Rechtsverdreher die Augen von Porter ja auch nicht sehen) verständigten.
»Wenn das alles war, dann möchte ich Sie bitten, jetzt zu gehen.«
»Im Buch ist ein Vermerk, dass es Mister Porter gehört. Wenn Sie uns nur den Gefallen tun könnten, es zu holen? Dann sehen Sie selbst, dass wir im Recht sind.«
»Nein«, antwortete die Ranowski bestimmt. »Am Besten machen Sie einen Termin mit dem Nachlassverwalter meines Mannes aus. Er wird Ihnen weiter helfen.«
Weder in Cavanaughs Gesicht noch in dem des alten Herren zeigte sich eine Regung. Und noch etwas störte sie: warum trug der Anwalt auch im Haus noch die dünnen schwarzen Handschuhe? Irgendetwas stimmte mit den Beiden ganz und gar nicht!
Nach kurzem Zögern setzte Eileen hinzu:
»Wie, sagten Sie, heißt das Buch?«
»Das Iter tenebrarum«, antwortete der – wie sie zugeben musste, durchweg attraktive – Mann, der sich mit dem Namen Cavanaugh vorgestellt hatte. Sie runzelte die Stirn.
»Na, ich werde es dem Nachlassverwalter selbst ausrichten. Haben Sie eine Karte, wo ich Sie erreichen kann?«
Eliah Porter hob die linke Hand, als Cavanaugh in die Tasche seines Anzugs greifen wollte.
»Sie verstehen nicht, Mrs Ranowski.«
Seine Stimme war heiser, krächzend und schwach. Sie musste sich anstrengen, um ihn zu verstehen.
»Wir brauchen das Buch – jetzt.«
Eileen zuckte mit den Schultern.
»Tut mir leid. Ich kenne mich in der Bibliothek meines Mannes nicht aus. Es könnte Stunden dauern, bis ich es finde.«
»Es würde für uns kein Problem darstellen, wenn Sie uns den Zugang erlauben«, mischte sich nun wieder William ein.
»Nichts zu machen. Ich hätte dieses Treffen gar nicht erlauben sollen. Bitte gehen Sie nun, sonst muss ich den Sicherheitsdienst rufen.«
Diese Drohung veranlasste Cavanaugh, wieder seinen Arbeitgeber anzusehen. Dieser schüttelte leicht den Kopf und sah Eileen Ranowski an. Dann gab er William einen Wink, und dieser half dem gebrechlichen Mann beim Aufstehen.
Auch wenn Porter sichtlich Mühe hatte, gab er keinen Laut von sich.
Eileen atmete erleichtert auf. Es sah so aus, als schaffe sie es doch, die Beiden abzuwimmeln.
Der ältere Herr wandte sich ihr noch ein Mal zu. Seine zitternde Linke hob sich zur Sonnenbrille, die unruhigen Finger fassten nach dem Bügel und zogen das Gestell von den Augen. Das siegessichere Lächeln der Witwe gefror.
Blanke weiße Murmeln schienen sie anzustarren; wo sich normalerweise die Pupillen befanden, wiesen Porters Augäpfel eine gräuliche Färbung auf. Und obwohl Eileen von Eliahs Blindheit überzeugt war, schien er sie dennoch deutlich wahrzunehmen. Ein kalter Schauer kroch über ihren Rücken.
Sie wollte ihr Gesicht abwenden und einen Schritt rückwärts tun – aber sie war wie gebannt. Ein feines Lächeln umspielte die Lippen des alten Herren.
»Gehen Sie, William«, flüsterte er. Der Rechtsanwalt nickte und ging auf die Tür zu, die über einen Flur zur Bibliothek ihres verstorbenen Mannes führte.
Sie wollte protestieren, schaffte es aber nicht, sich zu rühren, so lange diese toten Augen ihren Blick gefangen hielten. Sie bemerkte, wie Schweißtropfen an Porters Schläfen austraten, um dann träge über die leicht stoppelige Haut der Wangen in den Kragen seines Anzugs zu rinnen. Die austretende Flüssigkeit war nicht klar, sondern milchig gefärbt.
Eileen konnte nicht lange darüber rätseln; ihr Kopf schien mit einem Mal in einen Schraubstock gesteckt, und der Druck auf ihren Schädel verstärkte sich zusehends. Austretendes Tränenwasser ließ die Umgebung verschwimmen.
Einzig Porters leblose Augen konnte sie noch immer klar erkennen.

Eliah Porters Lächeln war ein wenig breiter geworden und verzerrte sein hageres Gesicht zu einer Grimasse. Er hatte mit dem Widerstand von Ladiszlav Ranowskis Witwe gerechnet. Und sie damit ihr Todesurteil unterschrieben.
Er hatte Cavanaughs sexuelles Verlangen wohl erspürt – ihn selbst ergriff nun eine ähnliche Erregung bei der Vorstellung, wie hilflos und ausgeliefert die Ranowski seinem Bann war. Seine freie Linke strich bedachtsam über seinen Schritt, während seine blinden Augen nach wie vor auf die Frau gerichtet waren. Sein Atem ging etwas heftiger.
In seinem Geist konnte er ihre Machtlosigkeit erkennen, riechen und hören. Er sah ihr hübsches Puppengesicht vor seinem geistigen Auge, ihre prallen Brüste, über die sich der Stoff ihres Kleides spannte. Fast war Porter versucht, William den Vorzug zu geben, es ihr zu besorgen. Er konnte sich direkt vorstellen, wie sie nach dem ersten Mal nach mehr wimmern würde.
Oft genug hatte er schließlich schon Cavanaughs Qualitäten und seine Wirkung auf Frauen erlebt. Sein Lächeln wurde zu einem hässlichen Grinsen.
Dennoch – er brauchte keine Rücksicht auf seinen treuesten Untergebenen zu nehmen. Was zählte, war in erster Linie sein eigenes Vergnügen, so war das Gesetz. Der Rechtsanwalt genoss schon genug Privilegien.
Porter verstärkte den Zwang auf Ranowskis Witwe. Eines Tages würde ihn der Einsatz dieser Gabe wahrscheinlich vollkommen entkräften und ihm so den Tod bringen; jedes Mal, wenn er sie benutzte, alterte er um mehrere Tage. Der Verschleiß an Energie war immens. Und dennoch wandte er sie immer wieder an. Es war wie eine Sucht.
Eileen besaß nicht die Willensstärke, Porters Impulsen etwas entgegen zu setzen. Langsam wandte sie sich von Eliah ab. Barfuß machte sie kleine Schritte über den Bärenfellteppich auf den Kamin zu.
Anstrengung und Konzentration trieben den milchigen Schweiß aus Porters Poren, die Rechte krampfte sich um den Griff seines Gehstockes, bis die Knöchel weiß hervor traten.
Die Ranowski brachte ihr Gesicht näher an die Flammen im Kamin. Wächserne Teilnahmslosigkeit lag auf ihren Zügen, nur ihre Augen wanderten unruhig umher; in ihnen zeichnete sich ihre Angst, nein, das Entsetzen, das sie fühlte, ab.
Die Distanz zwischen dem Feuer und ihrem Puppengesicht verringerte sich zusehends. Als ihre Haut nur noch Zentimeter von den hoch leckenden Flammen entfernt war, roch es bereits nach verschmorten Haaren. Ihre Stirn und Wangen glühten und röteten sich bereits von der starken Hitze. Sie stöhnte auf und versuchte, sich gegen den unheimlichen Druck zu wehren – aber sie schaffte es nicht, auch nur einen Schritt zurück zu weichen.
Sie zog die heißen Lippen über ihre zusammen gebissenen Zähne zurück. Das Atmen fiel ihr schwer, und die Luft, die sie einsog, brannte in ihren Lungen. Ihre Haut begann Blasen zu werfen, sich abzulösen. Der Schmerz wurde unerträglich, der Drang, sich die überhitzte Oberfläche des Gesichts abzureißen, schier übermächtig; aber immer noch konnte sie sich weder abwenden noch die Hände bewegen.
Eileens Augen verdrehten sich, bis nur noch das Weiße zu sehen war. Nase und Wangen begannen, sich zu schwärzen. Ein unkontrolliertes Zittern durchlief ihren Körper.
Porters Erregung indes steigerte sich. Trotz seiner Blindheit stand das Geschehen deutlich vor seinem inneren Auge. Sein Atem ging schwer und keuchend.
Als er Ladiszlaws Witwe die Hände in die Flammen strecken ließ, hörte er aus der Bibliothek Williams Ruf:
»Ich hab’s, Sir.«
Zufrieden nickte der ältere Herr, machte zwei, drei Schritte näher an den Kamin und ließ Eileen gleichzeitig ihre Hände zurück ziehen. Der Geruch verbrannten Fleisches lag nun intensiv und aufdringlich in der Luft.
Mit einer geschmeidigen Bewegung, die man ihm nicht zugetraut hätte, schwang Eliah seinen Gehstock durch die Luft. Der Knauf fuhr zwischen die brennenden Scheite und beförderte einige glühende Kohlenstücke auf das Bärenfell. Rauch kräuselte auf, dann entflammte die Bodenbedeckung.
Die Ranowski hatte sich noch weiter vom Kamin entfernt. Ihre Wahrnehmung schien komplett ausgesetzt zu haben, ihr toter Blick wanderte ziellos umher. Trotz der Schmerzen, die sie quälen mussten, drang kein Laut über ihre verschorften Lippen. Ihre stark verbrannten Hände zitterten heftig, ihr Körper wurde in kurzen Abständen regelrecht durchgeschüttelt.
Die Flammen auf dem Bärenfellteppich schlugen höher, das Feuer griff um sich. Porter wich mit unsicheren Schritten zurück, aber da war bereits Cavanaugh bei ihm und stützte ihn.
Auch wenn der Rechtsanwalt bereits Einiges gewohnt war: beim unschönen Anblick Eileens packte selbst ihn ein dumpfes Grausen.
Porter hatte sie noch nicht aus dem Zwang entlassen und drängte sie nun in Richtung Panoramafenster. Trotz ihrer Verletzungen wehrte sie sich dagegen, begann um sich zu schlagen. Dann rannte sie mit einem Mal direkt auf die Glasfront zu.
Die Scheiben waren dem Ansturm nicht gewachsen; in einem Regen aus Scherben stürzte Ranowskis Witwe hinaus in die kalte Nachtluft – die tiefen Schnitte, die ihr einige der Splitter beibrachten, spürte sie nicht mehr.
Haltlos fiel sie über mehrere Stockwerke in die Tiefe.
Sie kam mit Schulter und Kopf zuerst auf dem harten Asphalt auf; Schlüsselbein, Oberarm und Gelenkpfanne wurden bei dem Aufprall zertrümmert, die Schädeldecke zerschmettert. Rundherum prasselten Glassplitter zu Boden.
Aber davon bemerkte Eileen Ranowski bereits nichts mehr.
Vereinzelte Passanten, die um diese Zeit noch unterwegs waren, schrien auf und rannten auf das vermeintliche Unfallopfer zu, um das sich langsam eine Blutlache ausbreitete.
Zwanzig Stockwerke höher verließ Cavanaugh mit Porter das Penthouse. Der Rechtsanwalt musste seinen Arbeitgeber stützen. Hinter ihnen griff das Feuer um sich. Das Buch, weswegen sie hergekommen waren, befand sich in Williams Aktentasche.
Im Aufzug angekommen wischte Cavanaugh Eliah die eintrocknenden (und auffälligen) Schweißspuren von der Stirn.
Porter lächelte zufrieden und mit der Gewissheit des Fanatikers. Die dunklen Mächte würden ihre schützende Hand über ihn und Cavanaugh halten, und sie würden den Tatort ungehindert verlassen können. Niemand würde sich an die beiden in dunkle Anzüge gekleideten Herren erinnern.


Dallas, 6. Februar 1967

Nachdem der Januar mit eher milden Temperaturen aufgewartet hatte, zeigte sich der zweite Monat des neuen Jahres von seiner kalten – wenn auch fortwährend trockenen – Seite.
Howard Barker hatte die Schultern hoch gezogen und blies in seine Hände. Wieder einmal war er viel zu spät auf dem Weg nach Hause. Ob seine Frau schon Verdacht schöpfte? Seit fast 14 Jahren war er nun schon mit ihr verheiratet, und das eigentlich glücklich. Aber Cynthia, dieses Luder von Sekretärin, hatte schon vor Wochen damit begonnen, ihn zu bezirzen. Und irgendwann hatte er nicht mehr widerstehen können. Sie war gut 15 Jahre jünger als er – und seine Frau, die nie besonders hübsch gewesen war. Jetzt, im Alter von 38, ertappte er sich immer wieder bei dem Gedanken, was er eigentlich für sie empfunden hatte, als er um ihre Hand anhielt.
Er wusste es nicht mehr.
Und nun befand er sich in einer äußerst unangenehmen Situation. Wie lange würde seine Gattin ihm die Ausrede mit den Überstunden noch abnehmen? Den Blicken nach, die sie ihm beim Vorbringen seiner Entschuldigungen zuwarf, schöpfte sie bereits Verdacht.
Barker hatte sich in einen dicken Mantel gepackt und den breitkrempigen Hut tief in die Stirn gezogen. In Gedanken versunken bemerkte er die beiden Gestalten gar nicht, die plötzlich hinter einem geparkten Wagen hervortraten.
Erst, als ihn einer der Männer am Mantel packte, schaute er auf. In dem kurzen wachen Augenblick, der ihm blieb, konnte er nicht viel erkennen: der Eine, der Barker festhielt, war ein bulliger, schwerfälliger Typ, und der andere hatte ein äußerst hässliches Gesicht.
Dann traf ihn der erste harte Schlag gegen die Wange. Sein Kopf wurde herum geworfen, der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen. Der Geschmack von Blut lag plötzlich in seinem Mund.
»Wa ...«, war alles, was er noch hervorbringen konnte. Der zweite Hieb zielte mitten ins Gesicht. Seine aufplatzenden Lippen brannten, ebenso seine Nase. Sterne tanzten vor seinen Augen, dann wurde es Nacht um Howard.
William Taylor hatte reichlich zugelangt; McCrery wurde der spätabendliche Passant fast aus den Armen gerissen. Michael, der Gewichtigere von Arthur Sanfolds nächsten Vertrauten, ließ den Bewusstlosen zu Boden gleiten.
Taylor, dessen Gesicht von Pockennarben verunziert war, kniete sich neben Barker nieder und durchwühlte seine Taschen. Als er die Brieftasche fand, reichte er sie an seinen Kumpan weiter.
»Schau nach, was wir im Lotto gewonnen haben.«
Michael McCrery tat, wie ihm geheißen, und pfiff dann leise durch die Zähne.
»Zweihundert Dollar! Welcher Verrückte trägt nachts so viel Geld mit sich rum?«
Er wollte die um die Moneten erleichterte Brieftasche zurück auf die Brust des Bewusstlosen werfen, als er bemerkte, wie William sein Klappmesser aus der Tasche seiner Jacke holte und es aufschnappen ließ.
»Hey, was tust du da?«, rief er aus.
»Du weißt doch, was der Prof gesagt hat«, knurrte Taylor unwillig ob der Störung und schaute zu McCrery auf.
Als er dessen unschuldig-belämmerten Gesichtsausdruck sah, verdrehte er die Augen. Mit heiserer Stimme sagte er:
»So lange wir uns nicht erwischen lassen, wird uns auf unseren Zeitreisen niemand zur Verantwortung ziehen können. Wenn wir erst mal weg von hier sind, wer soll dann noch erfolgreich nach uns fahnden?«
»Sanfold hat aber auch gesagt, dass wir’s nicht übertreiben sollen!«, erwiderte Michael trotzig.
»Ich will ihm doch nur sein Gesicht ein wenig verschönern«, grinste William. Die Messerspitze hatte er bereits in das linke Nasenloch des Mannes geschoben.
McCrery erschauerte leicht. Er hatte Taylor bereits als skrupellosen Typen kennengelernt – aber seit dieser Japs ihm die Gabel in die Kehle gestoßen hatte, war er noch aggressiver geworden. Gerade in Situationen, bei denen der Pockennarbige an seine Grenzen kam, loderte die Wut in seinen Augen auf. Eine Wut, die sich Michael McCrery nicht erklären konnte.
Und dann kam es ab und zu auch zu einem Ausraster. So wie jetzt.
Seit dem Missgeschick im Harper’s Inn machte Taylor das Reden Mühe. Seine Stimme klang heiser und kratzig, und zwischendurch versagte sie ganz.
»Wir sollten möglichst schnell wieder verschwinden, Taylor. Wir sind dieses Mal zwar nahe an unserer Zeit, aber die Bullen werden auch nicht zimperlich mit uns umgehen, wenn sie uns erwischen.«
»Angsthase«, murrte William, klappte sein Messer dann aber zusammen und steckte es ein, während er sich aufrichtete.
McCrery verzichtete auf eine Antwort, um nicht noch mehr Zeit mit unnötigen Streitereien zu verlieren.
Der Mann am Boden hatte bis auf die zwei Fausthiebe nichts abgekriegt.
Sie gingen zu dem dunkelblauen Ford Galaxie mit Baujahr 1964, den Michael am späteren Nachmittag geknackt hatte. Er stieg auf der Fahrerseite ein, Taylor machte es sich als Beifahrer gemütlich.
McCrery schloss den Wagen erneut kurz, und gleich darauf waren sie unterwegs zu dem Motel, wo sie sich mit Sanfold treffen wollten.

Burg Rauenfels, irgendwo in der Zeit

Sachte schloss Claire Bancroft die Tür zu Kens Zimmer. In ihren Augen schimmerte es feucht.
Nach ihrem letzten Einsatz hatte sie der Begegnung mit ihrem Freund mit gemischten Gefühlen entgegen gesehen. Seit er angeschossen worden war und in der Folge der Verletzung von den Hüften abwärts gelähmt war, hatte er sich verändert. Zum Einen gab er sich seinen Freunden gegenüber unnahbar und ablehnend, zum Anderen wurde er – Markuis Aussagen zufolge – schnell jähzornig, wenn die Technik mal wieder nicht funktionierte und er nicht wusste, ob sich Dan und insbesondere Claire in Gefahr befanden.
So war auch keine rechte Freude über ihr Wiedersehen aufgekommen; sie hatten einander angeschwiegen, und Ken Okumoto, der gebürtige Amerikaner mit japanischen Wurzeln, hatte demonstrativ den Blickkontakt vermieden. Und selbst wenn er das verdächtige Glitzern in Claires Augen bemerkt hätte, wäre es vermutlich an ihm vorbei gegangen.
Es schien, als hätte er jeglichen Lebensmut verloren. Und Claire tat es weh, ihn so zu sehen; vor allem, da sie nicht zu ihm durch kam und ihm ergo auch nicht helfen konnte.
Nach zwei Stunden, als sie endlich aufstand und das Zimmer verließ, fühlte sie sich ausgelaugt, obwohl sie nichts weiter getan hatte als da zu sitzen und ihre Hand auf seiner Schulter ruhen zu lassen – seine eigene Hand hatte er ihr entzogen, sobald sie danach hatte greifen wollen.
Sie rieb sich über das Gesicht und trocknete ihre Augen, so gut es ging.
Im Korridor herrschte dämmriges Licht. Niemand war in der Nähe, als sie sich gegen die Wand lehnte und die Nase hochzog.
Es schien eine Ewigkeit her zu sein, dass sie in das Zeitreise-Abenteuer gestürzt waren, und eigentlich ... eigentlich hatte alles ganz harmlos angefangen, als Ken und sie in der Universitätsbibliothek in Kansas City auf Professor Evans’ Notizen gestoßen waren.
Markus Becker, den sie damals für einen Austauschstudenten aus Deutschland gehalten hatten, war ihnen behilflich gewesen, das Geschreibsel zu entziffern. Von Neugierde getrieben, waren sie zu Evans’ Institut gefahren und hatten sich dort umgesehen – und auch die Zeitmaschine gefunden, die Matthew Evans entwickelt hatte.
Nur, um kurz darauf festzustellen, dass noch andere Leute hinter der Erfindung her waren. Zwielichtige Elemente, die keine Skrupel kannten. Dan Simon half Claire aus der Patsche, als sie von einem dieser Ganoven bedrängt wurde.
Zurück in Evans’ Institut, jetzt zu viert, zeichnete sich eine erneute Konfrontation ab. Für die vier Studenten gab es nur eine Fluchtmöglichkeit, um dieser mit Sicherheit tödlichen Auseinandersetzung zu entgehen: die Zeitmaschine.
Und tatsächlich brachte sie diese in die Vergangenheit, ins Ägypten des Jahres 1923. Nur ... die Bedingungen stimmten nicht. Die Geschichte schien an ihrem Zielort vollkommen aus den Fugen geraten zu sein, denn sie waren mitten in einem Krieg gelandet, den Ägypten mit England führte.
Ein weiterer Sprung – ebenfalls ziemlich hastig ausgeführt, da die Lage in der englischen Garnison brenzlig wurde – brachte sie zurück nach Kansas City im Jahre 2006. Und dort bewahrheitete sich ihr erster Verdacht: die Zeitmaschine brachte sie wohl in die richtige Zeit, aber nicht in die gewünschte Welt, sondern in eine Parallel-Welt. In eine von vielen.
Aber damit begann ihre Odyssee erst.
In dem anderen Kansas City kam die Zeitmaschine mit Magie in Berührung – und schleuderte sie in ein Zwischenreich, in dem nur Tote existierten und ein seltsames Dasein fristeten. Nur mit einiger Mühe schafften sie es, dieser Welt zu entkommen.
Danach war es nicht mehr möglich, gezielte Sprünge durch die Zeit und Welten vorzunehmen. Sie landeten in einem fremden Deutschland und kämpften gegen riesige Ameisen. In Sevilla zu Beginn des 19. Jahrhunderts gerieten sie in das Intrigennetz eines Alchimisten und in die Fänge der noch andauernden Inquisition. Ein weiterer Sprung brachte sie in eine düstere Zukunft, in der außerirdische Wesen ihr Unwesen trieben.
Und schließlich erreichten sie Markus’ Heimatwelt: ein verödeter, sterbender Planet.
Und Markus (oder Markui, wie er hier genannt wurde) trug an dieser Entwicklung Mitschuld. Er hatte bei einem Waffenprojekt mitgearbeitet, an dessen Ende Strahlen als Massenvernichtungsmittel standen. Das Ganze geriet aus dem Ruder, und die Menschheit stand auf dieser Parallelwelt vor dem Aus.
Für die drei Reisegefährten des vermeintlich deutschen Physikstudenten waren diese Offenbarungen ein Schock. Erst recht, als sie erfuhren, dass Markus nur an die Zeitmaschine kommen wollte, um seine Heimat zu retten – was überhaupt noch zu retten war.
Markus modifizierte die Zeitmaschine, um mit ihr die letzten 200 Überlebenden in eine andere Welt mitzunehmen.
Der Zeitsprung klappte und brachte sie in eine mittelalterliche Zeit (oder Welt – das Jahr, in dem sie strandeten, konnten sie immer noch nicht mit Sicherheit festlegen). Jedoch kam über die Hälfte der Menschen aus New Hope nicht am Zielpunkt an. Darunter auch Beckers Schwester Lindsy. Der klägliche Rest siedelte sich schließlich in dieser Welt an, während die vier Studenten weiter reisten.
Und in London im 19. Jahrhundert landeten, wo ein verrückter Puppensammler sein Unwesen trieb und mitunter ihren Gastgeber bedrängte. Dennoch konnten sie ein paar geruhsame Tage einlegen.
Und schließlich und endlich kamen sie in diese Welt, mitten hinein in einen grausamen Krieg, fanden auf Burg Rauenfels Unterschlupf und Roger Müller, der ihnen bei ihrer Rückreise in ihre eigene Welt behilflich sein wollte. Markus – oder Markui, wie er sich nun wieder nannte – wollte Müller und seinen Wissenschaftlern bei der Entwicklung von Strahlen helfen, die im Prinzip ähnlich waren wie jene, die sich für das Sterben seiner eigenen Welt verantwortlich zeigten. Was bei seinen Gefährten zu erneutem Misstrauen führte, hatte Becker dem Kriegsgeschäft doch erst kurz davor abgeschworen.
Ihre Hoffnung, endlich heimkehren zu können und das Abenteuer Zeitreise hinter sich zu lassen, wurde jedoch sehr schnell wieder zerschlagen.
Denn die Leute, welchen sie dank ihrer Flucht durch die Zeit entkommen waren, hatten auf der Lauer gelegen. Bei der Auseinandersetzung im Harper’s Inn verletzte Ken zwar einen ihrer Widersacher, wurde anschließend jedoch von einer Kugel getroffen. Nur Dan Simons schneller Reaktion war es wohl zu verdanken, dass sie Professor Arthur Sanfold und seinen Häschern entkamen und wieder auf Burg Rauenfels zurückkehrten.
Die Zeitmaschine jedoch war in Sanfolds Hände gefallen ...
In hilfloser Wut ballte Claire bei diesen Gedanken ihre Fäuste. Wann würde diese Odyssee, dieser Alptraum ein Ende nehmen? Wann würden sie Sanfold erwischen und ihm die Zeitmaschine abnehmen – und vernichten – können?
Sie ging taumelnd ein paar Schritte weiter und konnte die Tränen kaum noch zurückhalten. Warum musste es so enden? Am Anfang war es noch ein Abenteuer gewesen, gefährlich zwar, aber sie als Geschichtsstudentin hätte es in Entzücken versetzen sollen. Aber inzwischen war sie der Sache müde und wollte nur noch Eines: nach Hause und sich ins Bett legen, am Liebsten für mehrere Tage. Und der Verantwortung, die auf ihnen lastete, entfliehen.
Sie bemerkte nicht, wie sich Dan Simon ihr von hinten näherte. Erst als er ihr die Hand auf die Schulter legte, schreckte sie zusammen und wirbelte herum. Um ein Haar hätte sie ihm einen kraftvollen Schwinger verpasst, schaffte es aber jedoch rechtzeitig, die Wucht des Schlages abzubremsen. Ihre Knöchel berührten gerade noch den Stoff seines T-Shirts.
Beide starrten sich aus großen Augen an, dann begann Dan zu grinsen.
»Hey, hey, nicht so stürmisch.«
Seine Heiterkeit machte jedoch gleich einem belämmerten Ausdruck Platz, als sich Claire unvermittelt und aufschluchzend an seine Brust warf. Trotz – oder gerade wegen – der überraschenden Situation unterließ der Sportstudent jeglichen spöttischen Kommentar. Instinktiv spürte er, dass Claire momentan einfach eine starke Schulter brauchte; auch wenn er sie in den letzten Wochen als festen Charakter kennengelernt hatte, so war auch sie nur ein Mensch.
Und nur zu gut verstand er ihre Situation, war sie doch seiner ziemlich ähnlich. Nur stand sie Ken um einiges näher, und sein Zustand stellte eine weitere Belastung für sie dar.
Also hielt er sie einfach fest, während er spürte, wie ihr Körper an seinem bebte.
Die Berührung war ihm nicht unangenehm. Dennoch hütete er sich, irgendwelche Hoffnungen aufkeimen zu lassen. Nicht so lange Ken und Claire ein Paar waren.
Er redete sanft auf sie ein, erzählte ein paar lustige Beobachtungen, die er auf Burg Rauenfels angestellt hatte, Belanglosigkeiten, um die Geschichtsstudentin von ihren Sorgen abzulenken. Es gelang.
Claire atmete tief durch und löste sich dann von Dan.
»Danke«, hauchte sie leise. »Du bist ein echter Freund, Dan.«
Der konnte bereits wieder grinsen – und ihre Worte waren Balsam für seine Seele.
»Markus – Markui – will den nächsten Einsatz mit uns besprechen«, meinte er dann. Den Namen Markui hatte Becker zwischenzeitlich abgelegt, als er nach Claires und Dans Kansas City gekommen war, und erneut angenommen, als er sich hier wieder mit den Z-Strahlen zu beschäftigen begann. Das Markui sprach Simon mit einigem Abscheu aus.
Claire seufzte.
»Muss das jetzt sein?«
Dan zuckte mit den Schultern.
»Ich mag mir ehrlich gesagt sein Gelabere auch nicht anhören. Aber wenn wir irgendwann mal wieder nach Hause wollen, bleibt uns wohl nichts anderes übrig ...«
»Du nimmst es ihm noch immer krumm, dass er bei der Entwicklung der Strahlenwaffe mit hilft, wie?«
»Sorry, aber er hat uns ein Mal zu oft angelogen. Hat er denn nicht selbst gesagt, er wolle sich aus Kriegshändel heraus halten?«
»Er hat uns doch seine Gründe dargelegt. Er will nicht, dass hier dasselbe passiert wie auf seiner Heimatwelt.«
»Was er will und nicht, ist doch egal. Tatsache ist, dass er sein Fähnchen wohl eher ein wenig nach dem Wind dreht. Beziehungsweise wie’s ihm gerade beliebt. Und das gefällt mir nicht. Ich trau ihm nicht weiter, als ich einen Kirschstein spucken kann.«
Claire nickte stumm – was hätte sie dazu auch sagen sollen? Selbst wenn Markui behauptete, er würde die Forschung an den tödlichen Strahlen zum Wohl der hiesigen Menschen tun, blieb doch ein gewisses Unbehagen bei seinen Gefährten zurück.
»Immerhin schaut ihm Müller ein wenig auf die Finger. Und Ken ist ja auch hier. Aber das sind halt auch keine Garantien.«
Claire legte dem Sportstudenten die Hand auf den Oberarm und sprach leise:
»Dan ... ich will einfach nur noch eines. Sanfold die Zeitmaschine abjagen und dann zurück nach Hause.«
Er nickte.
»Wir kriegen ihn. Schon bald. Davon bin ich überzeugt.«
Sein Gesicht hatte sich bei diesen Worten verkantet, seine Augen blickten ungewohnt hart.

Dallas, 6. Februar 1967

Arthur Sanfold, der bis vor Kurzem zur Tarnung als Professor an der Universität von Kansas City tätig gewesen war, saß mit unterschlagenen Beinen auf dem Bett. Seine Augen waren geschlossen, die äußeren Einflüsse (die Geräusche von der nahen Straße und aus den anderen Räumlichkeiten) verdrängte er und konzentrierte sich nur auf seine wesentlichen Gedanken.
Das Motelzimmer hatte er mit Geld bezahlt, das er aus der Zukunft (bzw. der Gegenwart und Realität von Taylor und McCrery) mitgenommen hatte – peinlichst darauf bedacht, keine Scheine darunter zu haben, die erst nach 1966 gedruckt worden waren.
Es war ihm nicht daran gelegen, Aufmerksamkeit zu erregen. Ein paar Eier würden sie dennoch zerschlagen müssen, aber je weniger, desto besser.
Besinne dich auf das Wesentliche, wiederholte er in stummem aber unablässigem Kanon.
Er hatte in ferner und näherer Vergangenheit viele Fehler gemacht. Damit musste Schluss sein. Er musste systematischer vorgehen. Kühler, mit Distanz, und sich nicht allein von der Gier treiben lassen.
Ein Problem dabei war: er hatte das Buch mit seinen Notizen, die er über lange Jahre hinweg gesammelt hatte, bei der Auseinandersetzung im Harper’s Inn verloren. Immerhin hatte er den vier vermaledeiten Studenten die Zeitmaschine abnehmen können. Dennoch war er bis jetzt eher überstürzt und ziellos vorgegangen.
Auch für ihn hatte das Abenteuer Zeitreise in Kansas City begonnen. Wenn auch nicht in der Welt der vier Studenten, die seine Pläne frecherweise durchkreuzt hatten – und das nicht nur ein Mal.
Im Jahre 2006 hatte er sich im Ordo hereticus bereits ziemlich hochgearbeitet gehabt. Von seinen finsteren Plänen zur Machtübernahme ahnten die anderen Mitglieder indes nichts. Und – Ironie des Schicksals – ausgerechnet drei der Studenten, deren Doppelgänger aus der anderen Welt all seine Bemühungen zunichte machen würden, waren ihm in seiner Heimat hörig: Dan, Claire und Ken. Der Ordo hereticus wurde zerschlagen, als die vier Zeit- und Weltenreisenden auftauchten, ihre Ebenbilder getötet.
Um Gefolgsleute war es nicht schade, man bekam sie überall, sei es mit dem Versprechen von Geld und Macht oder mit Druckmitteln.
Aber es verbaute seine Absichten, den Ordo hereticus für seine Zwecke zu benutzen. In der Not benutzte er seinen eigenen – gestohlenen – Prototyp einer Zeitmaschine und versetzte sich in die Heimatwelt der vier Zeitreisenden. Er strandete im Jahr 1990, aber seine Maschine wurde dabei zerstört.
Während der ersten zwei Jahre schlug er sich mit Gelegenheitsjobs rum, bis er die Chance erhielt, in die Rolle eines Professors zu schlüpfen, der sich an der Avila Universität in Kansas City beworben hatte. Das Original, das ihm zumindest stark ähnelte, brachte er skrupellos um, der Mann hatte keine Angehörigen mehr. Fortan lebte Sanfold in der Identität eines andern.
Und während der nächsten zwei Jahre beobachtete er zum Einen Matthew Evans, zum Andern reiften in ihm neue Pläne, wie er aus seiner Situation das Beste machen und wieder in eine bessere Position kommen konnte. Das Studium okkulter Schriften brachte ihn bald auf Azoth, den Stein der Weisen.
Im Winter 1994 folgte dann aber erst die Abrechnung mit Evans. Dummerweise wollte der Professor, der sich ausgiebig mit der Zeit beschäftigt hatte, seine Pläne für die Zeitmaschine nicht herausrücken. Auch nicht im Angesicht des Todes. Lieber nahm er sein Geheimnis mit ins Grab.
Sanfold war dennoch zuversichtlich, die Notizen sowie die Apparatur zu finden – aber weit gefehlt. Auch als die von ihm angeheuerten Ganoven Evans’ Institut durchsuchten, fand sich nicht die geringste Spur.
Waren nun alle seine Vorhaben zunichte gemacht, weil er sich dazu hatte verleiten lassen, Evans abzumurksen?
Verbissen las er weitere Berichte zum Stein der Weisen, auf lateinisch lapis philosophorum, auf arabisch El Iksir.
Und dann, als er sich schon fast mit seiner hoffnungslosen Lage abgefunden hatte, die Begegnung mit einem Menschen, den er noch aus der Zeit in seiner eigenen Welt kannte: Claire Bancroft. Ihr Gesicht hatte er ebenso wenig vergessen wie diejenigen des blonden Amerikaners und des Japaner-Abkömmlings.
Die Geschichtsstudentin erkannte ihn bei der zufälligen Begegnung auf dem Korridor nicht, was Sanfold zuerst ein wenig irritierte. Außerdem blockierte der auflodernde Hass im ersten Moment alle Überlegungen, und fast wäre er versucht gewesen, sie in ein leer stehendes Zimmer zu zerren und auszufragen. Aber er beherrschte sich.
Stattdessen setzte er seine Magietalente ein und sondierte sie gedanklich. Sie kümmerte sich nicht um ihn, gab sich mit Sorgen ab, die jeden Teenager plagen. Als ihm durch den Einsatz seiner Kräfte leicht schwindelig wurde, lenkte er sogar ihre Aufmerksamkeit auf sich, und sie fragte, ob mit ihm alles in Ordnung sei.
Natürlich, meine Liebe, hatte er freundlich gelächelt, und damit gerade noch ein höhnisches Grinsen kaschieren können.
Sie hatte ihn nicht erkannt!
Und kurz darauf ging Arthur ein Licht auf: natürlich, sie war mit ihren Freunden noch nicht durch die Zeit gereist. Längere Überlegungen ließen ihn Folgendes vermuten:
Einer der vier Zeitreisenden musste über einen Hinweis von Evans gestolpert sein. Sie hatten – beziehungsweise würden es in nächster Zukunft – die Zeitmaschine entdeckt und mit ihr herum experimentiert. So waren sie vermutlich auch in seine Welt geraten.
Er setzte Taylor auf Claire an, um sie zu beobachten. Und tatsächlich: es dauerte nicht einmal ein ganzes Jahr, als sich die vier Jugendlichen zu Evans’ Institut aufmachten.
Vorsichtigerweise hatte Sanfold Taylor nicht in Alles eingeweiht. Und der Mann mit den Pockennarben reagierte zu langsam mit der Information, die Lage verkomplizierte sich ein wenig, und die vier Studenten konnten durch die Zeit entfliehen.
Erst im Nachhinein wurde Arthur Sanfold bewusst, dass dies sogar gut war. Denn wenn die Bancroft, Simon und Okumoto (und jener Deutsche) dieser Welt nicht durch Zeiten und Welten reisten – hätte er nie von dieser Erde erfahren, wäre nie hierher gelangt.
So schloss sich der Kreis wieder.
Arthur Sanfold hatte nur abzuwarten gebraucht – früher oder später, dieser Überzeugung war er gewesen, würde er seine Hände auf die Zeitmaschine legen können.
Und so war es gekommen ...

Draußen wurden die Geräusche eines Wagens laut, der auf den Parkplatz des Motels fuhr. Sanfold öffnete die Augen. Für einen Moment wanderte das Licht der Scheinwerfer durch das Zimmer. Türen schlugen.
Der Professor warf einen Blick auf seine Uhr. Wenn dies seine beiden Handlanger waren, hatten sie sich mächtig beeilt – und wohl auch Glück gehabt.
Sanfold erhob sich vom Bett, während er sich immer noch über den Verlust seiner Notizen ärgerte. Sie alle erneut zusammenzutragen, hätte viel zu viel Zeit gekostet. Wenigstens hatten sich die wichtigsten Details und Daten in sein Gedächtnis gebrannt. So konnte er zumindest noch Spuren verfolgen.
Er hatte sich ja auch wirklich wie ein Idiot benommen: wie war er bloß auf die Idee gekommen, die vier Studenten mitten in einer Kneipe stellen zu wollen? Außerdem hatte er frei heraus seine Identität preisgegeben. Was hatte er sich bloß dabei gedacht? Der Teufel musste ihn geritten haben. Er hätte besser abgewartet und die Vier irgendwo gestellt, wo sie weniger Aufsehen erregt hätten.
Nun, der Schaden war nicht wieder gut zu machen. Die Bancroft und Simon waren hinter ihm her, auch wenn er keine Ahnung hatte, wie sie das anstellten – gab es irgendwo noch eine weitere Zeitmaschine?
Er erinnerte sich an den Sprung, den sie vom Harper’s Inn aus gemacht hatten. Nur für kurze Augenblicke hatte er etwas von der Umgebung wahrnehmen können, und es hatte ausgesehen wie ein hochtechnisch eingerichtetes Labor oder eine Schaltzentrale.
Inzwischen traute er diesen vier Studenten alles zu. Vielleicht waren es inzwischen auch nur noch drei. Einen von ihnen, den Japaner, hatte eine Kugel erwischt. Sanfold hoffte, dass er daran krepiert war.
Die Tür öffnete sich, und William und Michael traten ein.
»Zweihundert Dollar«, grinste McCrery, ohne ein Wort des Grußes zu verlieren. Taylor nickte bloß und schaute düster drein.
Sanfold pfiff durch die Zähne.
»Gut gemacht, Jungs. Das dürfte für unsere Vorhaben weitaus reichen.«
»Wie genau sieht das aus, Boss? Sie haben uns mal wieder gar nichts erzählt.«
Dem Professor war bereits aufgefallen, dass Michael McCrery ziemlich neugierig war. Eine schlechte Eigenschaft für einen Ganoven. Taylor, der seit einigen Tagen nur noch vor sich hin brütete, machte ihm jedoch langsam aber sicher auch Sorgen. Es war schwierig, den Mann einzuschätzen. Vielleicht war es an der Zeit, ihn – und auch McCrery – zu sondieren und herauszufinden, wie ergeben ihm die beiden waren. Und vielleicht war es auch an der Zeit einer neuerlichen Demonstration seiner telekinetischen Fähigkeiten.
»Wir müssen nach Wills Point«, ließ er sich schließlich zu einer Antwort herab.
»Das sind ungefähr 40 Meilen in östlicher Richtung, über die US Route 80. Wir brauchen ein ruhiges Plätzchen, von wo aus wir unsere Operation starten und leiten können. Dabei handelt es sich in erster Linie um die Observation eines Anwesens. Und das Verhalten des Besitzers. Wann er das Haus verlässt, in die Stadt fährt, aber natürlich auch, wie das Anwesen frequentiert wird. Das wird Taylor übernehmen.
Und bei einer günstigen Gelegenheit ... Wamm! Schlagen wir zu und entführen den Besitzer.
Ich muss mit ihm reden.
Während du, William, das Anwesen überwachst, suchen Michael und ich nach einem leer stehenden Haus oder einer Scheune. Etwas, wo uns niemand stören oder hören kann. Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass unser ›Gast‹ nicht freiwillig plaudern wird.«
Dabei grinste Sanfold böse. Auch Taylors Gesicht schien sich ein wenig aufzuhellen.
Nur McCrery fühlte sich unbehaglich. Er war wohl ein Ganove, aber wenn etwas nicht sein Ding war, dann Folter. Und danach roch das hier ganz gewaltig.

Burg Rauenfels, irgendwo in der Zeit

Claire und Dan betraten den Konferenzraum gemeinsam. Markui hatte es sich bereits in einem Sessel gemütlich gemacht.
In dem Saal standen mehrere Tische und Stühle, die Platz für etwa zwanzig Leute boten. Eine große Leinwand nahm eine Wand ein.
Die beiden Amerikaner setzten sich zu Becker an den Tisch. Einige bedruckte Blätter lagen auf der Kunststoffplatte, handgeschriebene Notizen, das Buch von Sanfold, und ein aufgeklapptes Notebook.
Becker räusperte sich.
»Wir haben die Daten der von euch gescannten Tempotronen ausgewertet. Es sieht ganz so aus, als sei Sanfold nach Kansas City zurück gereist.«
»Aber wieso?«, warf Claire ein. »Er hat doch sein Ziel nicht erreicht.«
»Der Stein der Weisen«, murmelte Simon.
Markui nickte.
»Davon können wir ausgehen«, antwortete er auf Claires Einwurf. »Sehr wahrscheinlich ist er nur zurück gekehrt, um sich für den nächsten Einsatz vorzubereiten.«
»Dann müssen wir ebenfalls zurück nach Kansas City?«
Becker wiegte den Kopf leicht hin und her.
»Jein.
Rein theoretisch könnten wir euch zurück schicken, damit ihr Sanfolds Wohnung beobachtet – aber ob das wirklich Sinn macht? Von außen könnt ihr ja nicht sehen, wann er eine weitere Reise durch die Zeit antritt.
Außerdem habe ich mir inzwischen Sanfolds Notizbuch gründlich vorgenommen. Es scheint, als würde er einem bestimmten Muster folgen. Ich bin mir also ziemlich sicher, wo sein nächstes Ziel sein wird. Er sucht nach einem Mann – offenbar ein Okkultist – mit dem Namen Eliah Porter. Dazu muss er nach Dallas am 6. Februar 1967 reisen. Zumindest ist dies das Datum, welches er vermerkt hat. Wir werden euch also direkt dorthin schicken.«
»Du hast meine Frage mit Jein beantwortet, Markui«, erinnerte Claire.
Becker zögerte.
»Das Ziel liegt ziemlich nahe an eurer eigenen Zeit. Um nicht allzu viel Aufsehen zu erregen, solltet ihr euch der Mode nach kleiden und vielleicht auch ein wenig Geld dabei haben – wobei das dann keine Scheine sein dürfen, die nach 1966 gedruckt wurden. Ihr wollt ja nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen.«
Er grinste schwach.
»Und nach gut vierzig Jahren vielleicht noch irgendwo eine Akte von euch rumliegen haben. Das könnte durchaus unangenehme Folgen haben. Ihr solltet bei diesem Einsatz also doppelt so vorsichtig sein.«
»Naja, nach vierzig Jahren wird sich doch kaum mehr einer an uns erinnern«, warf Claire ein, »Außerdem liegt Dallas in einem andern Bundesstaat.«
Markui zuckte die Schultern.
»Manchmal ereignen sich die ungünstigsten Zufälle zur denkbar schlechtesten Zeit. Das wollen wir doch vermeiden.«
»Du meinst wohl so Zufälle wie der, dass wir in einer Welt landen, wo du deine alten mörderischen Forschungen wieder betreiben kannst, Markui
Den Namen des jungen Wissenschaftlers spuckte Simon regelrecht aus, als würde er von einer üblen Krankheit reden.
Claire sah, wie Becker die Faust ballte und die Knöchel weiß hervor traten. Sein Gesicht verkantete sich. Bevor er zu einer Erwiderung ansetzen konnte, die unweigerlich einen Streit vom Zaun brechen würde, intervenierte sie:
»Wo ist der Haken, Markui?«
Dieser blickte sie irritiert an.
»Der Haken? Bei was?«
»Bei dem Ausflug nach Kansas City.«
Becker guckte etwas verlegen auf die Notizen, während Claire Dan einen giftigen Blick zuwarf, der alles sagte: Beherrsch dich, wir brauchen ihn!
Der Sportstudent grinste nur böse zurück.
»Es gibt da ein geringes Problem: Je mehr ich euch nach Kansas City schicke, umso später kann ich euch dann erst heim bringen, wenn ihr Sanfold die Maschine abgejagt habt.
Wenn ihr euch nämlich selbst begegnet, besteht die Gefahr von Paradoxen. Außerdem ist das Risiko zu groß, dass ihr euch – sollte tatsächlich mal eine solche Begegnung stattfinden – selbst Dinge verratet, die besser ungesagt bleiben würden.
Stellt euch vor, einer von euch trifft auf Claire und kann ihr mitteilen, was mit Ken geschehen wird. Würde Claire dann nicht versuchen, Ken im entscheidenden Moment im Harper’s Inn zu helfen? Und damit unweigerlich in den Zeitablauf eingreifen?
Die Auswirkungen sind nicht absehbar.«
»Komm zur Sache, Mann«, knurrte Dan. »Ich bin nicht zum Philosophieren her gekommen.«
Markui nickte.
»Kurz gesagt: die Reisen zurück in eure Zeit und eure Heimat müssen chronologisch ablaufen. Überschneidungen müssen vermieden werden.«
»Ja, ja, das wissen wir doch bereits«, wurde nun auch Claire ungeduldig.
»Die Gefahr, dass eure Abwesenheit von der Schule auffällt, wird dadurch erhöht. Und selbst wenn ihr euch immer wieder bei euren Eltern meldet – was ist mit Ken? Wenn er über längere Zeit nicht mehr auftaucht, wird man ihn vermissen.«
Dan bemerkte, wie es in Claires Gesicht arbeitete, als die Sprache auf ihren Freund kam.
»Kens Situation ist ein generelles Problem, das wir noch in den Griff kriegen müssen, bevor wir zurückkehren. Aber uns jetzt schon damit zu belasten, ist kein guter Zug, Holzkopf!«
Simon spannte seine Muskeln an und schien nahe davor, auf den Physiker loszugehen. Claire legte ihm eine Hand auf den Oberarm.
»Lass gut sein, Dan. Warum sollten wir das Kind nicht beim Namen nennen? … Pssst. Bitte«, fügte sie hinzu, als der Sportstudent aufbegehren wollte. Sie wandte sich wieder an Becker:
»Etwas Anderes beschäftigt mich gerade noch, Markui. Du hast es gerade selbst angestoßen. Als du und Roger uns das erste Mal nach Kansas City zurückgeschickt habt, kamen wir nur wenige Stunden nach unser Flucht aus Evans’ Institut an, obwohl unsere Odyssee durch die Parallel-Welten ja mehrere Tage gedauert hat.«
»Das ist richtig«, antwortete Markui, unschlüssig darüber, worauf Claire hinaus wollte.
»In unserer Eigenzeit und -heimat muss also nicht zwangsläufig gleich viel Zeit vergehen wie hier auf Rauenfels. Theoretisch könnten wir noch Jahre hier bleiben und dann nach Kansas City im Jahre 2006 zurück kehren, ja?«
»Das ist ebenfalls korrekt, nur dass man euch dann kaum noch für Studenten halten würde, weil ihr biologisch diese paar Jahre gealtert seid.«
»Wenn Dan und ich nun also wieder in eine andere Welt und Epoche reisen – könntet ihr uns nicht auch früher zurückholen? So, dass für euch weniger Zeit verstreicht als für uns?«
Dan glotzte blöde aus der Wäsche. Er verstand rein gar nichts. Und Becker starrte die Geschichtsstudentin mit offenem Mund an.
»Daran ... habe ich noch gar nicht gedacht ...«

Später, am Abend

»... haben wir nicht bedacht, dass sich die beiden Gruppen auf zwei verschiedenen Zeitebenen befinden.«
Markui stand am Flipchart und hatte am oberen Rand des Papiers zwei Namen eingetragen: Rauenfels und Dallas.
Claire Bancroft und Dan Simon waren inzwischen von ihrem Ausflug nach Kansas City zurückgekehrt. Während sich Claire um die Kleidung gekümmert hatte, war Dan mit einem kleinen Bündel Geldnoten losgezogen, die er gegen solche eintauschte, die vor 1967 gedruckt worden waren. Kein allzu leichtes Unterfangen, aber er hatte einer jungen Bankangestellten die Geschichte aufgetischt, er brauche die Noten, weil sein Onkel Geburtstag habe – und da dieser von den 60er Jahren begeistert sei ... den zweifelnden Blicken der Kleinen war er mit strahlendem Lächeln und Charme begegnet; das hatte schlussendlich wohl mehr bewirkt als das Märchen vom kauzigen Verwandten.
Zudem hatten sie in Sachen Eliah Porter recherchiert. Die Ausbeute war nicht sonderlich groß gewesen, aber interessant.
Die ganze Aktion hatte nicht viel länger als dreieinhalb Stunden gedauert.
Becker hatte eine weitere Konferenz mit den Beiden einberufen und erklärte nun seine Überlegungen zu Claires Gedankenanstoß. Ken befand sich ebenfalls im Raum. Er sollte mit dabei sein, um wieder ein wenig mehr Anschluss an das Geschehen zu erhalten, unter seinen Freunden sein. Denn allen war aufgefallen, wie er sich langsam aber sicher abkapselte und einigelte. Zwei Pfleger hatten sein Bett in das Sitzungszimmer gerollt. Er hatte einen guten Blick auf die vordere Hälfte des Raumes, aber Beckers Vortrag schien ihn kaum zu interessieren. Claire, die immer wieder zu ihm hinüber schaute, hatte ein würgendes Gefühl in der Kehle, wenn sie sein teilnahmsloses Gesicht betrachtete.
»Angenommen, ich schicke Dan und Claire um 13:02 von Burg Rauenfels«, er schrieb die Uhrzeit auf die linke Seite, unter die entsprechende Überschrift, »nach Dallas, am 6. Februar 1967, Ortszeit 17:20.«
Rechts und etwas nach unten versetzt kritzelte er das Datum hin und die Uhrzeit. Mit einer roten Linie verband er die beiden Eintragungen und fügte dann auf der Dallas-Seite einen Pfeil nach unten hinzu.
»Angenommen, die beiden erledigen den Auftrag am nächsten Tag um 14:18.«
7. Februar 1967, 14:18 stand gleich darauf unter dem Pfeil. Markui drehte sich zu seinem Publikum um.
»Wenn wir davon ausgehen, dass die Zeit auf beiden Ebenen gleich verläuft, erhalten wir hier auf Burg Rauenfels das Rückholsignal am nächsten Tag um ...«
Er wandte sich wieder dem Flipchart zu, kritzelte +1 auf der Rauenfels-Hälfte ein und dahinter nach kurzem Nachrechnen: »... 10:00, richtig?«
Dan und Claire nickten, obwohl sie die Zahlen nicht überprüften. Aber Becker schien auch gar keine Antwort zu erwarten, er war vollkommen auf das Papier konzentriert. Der rote Stift zog eine gestrichelt-gewellte Linie zwischen diesen beiden Daten. Anschließend nahm er Grün zur Hand und zog eine weitere Linie in der Mitte des Blattes durch, um sich dann wieder seinen Zuhörern zu widmen.
»Legen wir jetzt fest, dass wir auf Rauenfels gegenwärtig sind. Hier muss die Zukunft noch stattfinden, während Dallas bereits Vergangenheit ist.«
Er umrahmte das Wort Rauenfels grün.
»Gehen wir zurück auf die Uhrzeit 13:02 und nehmen wir an, dass dies gerade die aktuell laufende Zeit ist. Auch wenn wir um 13:03 Dan und Claire bereits nach Dallas geschickt haben, haben wir laufend Zugriff auf andere Zeitabschnitte. Das heißt, ich könnte um 13:04 mit Xarina nach Dallas reisen, um Dan und Claire zu helfen, sagen wir, um 17:45.«
Auch diese beiden Zeiten vermerkte Markui auf dem Papier, wenn auch etwas kleiner geschrieben. Dan gähnte verhalten.
»Genau so gut könnte ich aber bereits um 13:06 die beiden aus der anderen Zeitebene zurück holen, wenn ich um die Zeit bereits weiß, wo ihr seid. Wenn wir uns also im Vornherein geeinigt haben, dass wir euch um 15:00 am 7. Februar – Dallas-Zeit – zurück holen, und zwar um 13:10 Rauenfels-Zeit, dann wärt ihr nach unserem Stand nicht länger als acht Minuten unterwegs gewesen, obwohl für euch fast ein ganzer Tag vergangen ist.
Das Problem ist jedoch, dass wir mit dem Rückholsignal arbeiten und dieses abwarten müssen. Und wann dieses eintrifft, ist nicht berechenbar.«
Er legte eine Pause ein.
»Bisher haben wir nicht kontrolliert, wie die Zeitunterschiede sind. Roger Müller und ich werden versuchen, das noch zu ändern. Wir werden messen, wie viel Zeit für euch drüben vergeht – ihr kriegt dafür auch spezielle Uhren in eure Signalgeber eingebaut – sowie hier für uns.
Die Messungen erscheinen mir deshalb sehr wichtig, weil wir bisher immer Kommunikationsschwierigkeiten hatten. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese durch die Unabhängigkeit der Zeitebenen voneinander abhängen. Habt ihr Fragen?«
Dan und Claire schüttelten beide den Kopf. Ken lag auf seinem Bett und starrte den Flipchart an, gab aber keinen Laut von sich.
»Gut«, meinte Markus. »Dann wird es Zeit, dass ihr euch ausruht. Morgen startet dann der Einsatz.«

Wills Point, 6. Februar 1967, fortgeschrittener Nachmittag

Claire und Dan verließen den Bahnhof. Niemand schenkte ihnen besondere Beachtung; beide trugen lange Mäntel, um sich vor der Kälte zu schützen. Claire trug darunter legere Hosen, eine Bluse sowie einen Pullover, während sich Dan – eher widerstrebend – in einen hellbeigen Anzug hatte stecken lassen. Er hatte das Gefühl, als würde der Stoff ihn an allen möglichen Stellen zwicken und kneifen, und tat seinen Unmut mit entsprechenden Grimassen kund.
Claire verlockte sein Getue immer wieder zu Lachanfällen.
Insbesondere jetzt, da er auch noch den schweren altmodischen Koffer mit sich herum schleppte. Ein paar Köpfe drehten sich nun doch in ihre Richtung, und die Geschichtsstudentin verstummte nach einem letzten verhaltenen Kichern.
»Was, zum Teufel, hast du da drin?«, knurrte Dan, während er sich eine Pause gönnte und beide Hände von dem Griff löste.
»Nur das Nötigste«, antwortete Claire. Und als sie seinen ungläubigen Gesichtsausdruck sah, fügte sie hinzu:
»Der Koffer selbst ist so schwer. So glaub mir doch.«
Dan streckte seinen Rücken durch.
»Da wären wir also. Nachdem wir die Stunden des Morgens unnötig mit der Suche nach Sanfold in Dallas vertrödelt haben, geht’s jetzt direkt ans Eingemachte.«
»Erst müssen wir herausfinden, wo Eliah Porter überhaupt lebt.«
»Das dürfte doch das geringste Problem sein. Lass uns erst mal ein Hotel suchen, damit wir für die Nacht unterkommen. Allzu viel können wir heute eh nicht mehr ausrichten.«
Er sah seiner Gefährtin an, wie sehr ihr die Zeit auf den Nägeln brannte – und konnte dies auch verstehen. Wenn nämlich Sanfold sein Ziel bereits heute erreichte, würden sie morgen zu spät dran sein. Aber er tröstete sich mit dem Gedanken, dass der Professor kaum viel mehr wissen konnte als sie. Auch er würde Zeit brauchen, um das Objekt seines Interesses ausfindig zu machen.
»Na gut«, murmelte Claire, »machen wir uns auf die Suche nach einer Unterkunft.«
Gesagt, getan.
Etwa zwei Stunden nach ihrer Ankunft hatten sie ein Zimmer gefunden, das ihnen von einer älteren Dame um die 60 vermietet wurde.
Ken hatte für Dan einen gefälschten Ausweis hergestellt, der zumindest einer oberflächlichen Prüfung standhalten würde, und Markui hatte den beiden – wohlweislich nicht in Kens Anwesenheit – zwei Ringe mitgegeben, damit sie sich als Ehepaar ausgeben konnten – ein Doppelzimmer würde sie billiger kommen als zwei Einzelräume. Das blöde Grinsen von Dan hatte Claire mit »Wage nicht einmal daran zu denken« kommentiert.
Beides tat ihnen jetzt gute Dienste, nur war Dan nun nicht mehr zu Scherzen und zu Anspielungen aufgelegt. Stattdessen murrte er:
»Ich hoffe bloß, wir müssen nicht häufiger solche Aktionen durchführen. Eher früher als später dürfte unser Budget dann an seine Grenzen kommen.«
»Bisher haben wir’s doch immer geschafft, uns durchzuschlagen. Das schaffen wir auch dieses Mal. Und wenn wir Glück haben, können wir Sanfold hier endlich die Zeitmaschine abjagen.«
»Das glaubst du ja selbst nicht«, murmelte Dan weiterhin pessimistisch. Diese ganze Geschichte mit den Zeit- und Weltenreisen hatte inzwischen Dimensionen angenommen, die er nicht mehr zu überblicken vermochte. Er begann bereits daran zu zweifeln, dass sie jemals wieder ein normales Studentenleben führen würden. Nun, zumindest Claire würde auf ihrem Gebiet eine Menge Erfahrungen aus erster Hand sammeln können.
Sie stiegen die Treppen hoch und bezogen ihr Zimmer, um sich frisch zu machen.
Anschließend begab sich Dan nach unten, um ein paar Worte mit der Hausbesitzerin zu wechseln. Miss Pearson, die nie geheiratet und das Gebäude von ihren Eltern geerbt hatte, zeigte sich als durchwegs mürrische und lebensunfrohe Natur, die sich von Dans gemütlichem Plauderton nicht beeindrucken ließ.
Er erzählte ihr, dass er Reporter sei und für eine Zeitschrift einen Artikel über okkulte Bewegungen zu schreiben habe. Bei der Erwähnung von Eliah Porters Namen verriet sie zwar das Blitzen ihrer Augen, sie wich dem Thema jedoch geschickt aus.
Als Dans drängende Fragen ihr lästig zu werden drohten, sagte sie schlicht:
»Fragen Sie den alten Cowles, der kennt sich mit dem Zeug aus. Er hängt jeden Morgen vor dem Bruce & Human Drug Store rum. Kaut dieses eklige Zeug und schert sich den Teufel, wo er es hin spuckt. Sie werden ihn daran sofort erkennen.«
Miss Pearsons Gesicht drückte sämtlichen Abscheu aus, den sie für diesen Mr. Cowles zu empfinden schien.
Dan brachte nichts weiter mehr aus ihr raus. Er ging zurück aufs Zimmer, um Claire das Wenige zu erzählen, das er erfahren hatte. Viel weiter als bei ihrer Ankunft in Wills Point waren sie jedenfalls nicht.

In der Nähe von Wills Point, 7. Februar 1967, gegen Mittag

»Was ist so Besonderes an diesem Porter, Boss?«, fragte McCrery, als sie auf das verlassen aussehende Haus zugingen. Sanfold warf dem übergewichtigen Mann einen scharfen Blick zu.
»Du kennst doch das Sprichwort: Neugierde tötet die Katze, oder?«
Michael zuckte zusammen und biss sich auf die Lippen. Arthurs Antwort war eine unverhohlene Drohung. Schweigend erreichten sie die Vordertür.
Sie waren den ganzen Morgen lang in der Gegend rumgekurvt, hatten auch diverse Nebenstraßen abgefahren, um ein für ihr Vorhaben geeignetes Gebäude zu finden – bisher erfolglos.
Und Sanfold hatte – für McCrerys Geschmack – übertrieben viel Sorgfalt walten lassen. Natürlich konnte ein Fahrzeug, welches die gesamte Nachbarschaft durchkämmte, irgendwem auffallen, aber Teufel noch mal, sie wollten doch höchstens noch ein, zwei Tage in der Gegend (und in dieser Zeit) verweilen. Aber nein, sie hatten auch einen guten Teil des Morgens zu Fuß gehen müssen.
Und inzwischen brannten Michaels Fußsohlen wie Feuer. Er hoffte inständig, sie würden endlich fündig werden. Die Zeichen standen immerhin gut. Kein Auto stand in der Nähe (ihr eigenes hatten sie etwa 300 Meter entfernt zwischen ein paar Bäumen abgestellt), Menschen waren ebenfalls keine in Sicht, aus dem Kamin drang kein Rauch, kein Vieh und keine Haustiere waren zu sehen. Und – obwohl sie bereits direkt vor dem Haus standen, bedrohte sie noch niemand mit einer Schrotflinte.
Sanfold erklomm die Veranda und berührte die Scheibe eines Fensters, bevor er sich vorbeugte und versuchte, im Innern etwas zu erkennen. Aber das Glas war zu verdreckt. Sein Gesicht hellte sich ein wenig auf. Ein gutes Zeichen, ließ es doch darauf schließen, dass sich schon längere Zeit niemand mehr in diesen vier Wänden aufhielt.
Die Tür war verschlossen. McCrery brach sie auf.
Im Innern des Hauses roch es muffig, nach abgestandener Luft. Michael, der nach Sanfold eintrat, ließ die Tür offen stehen. Die Räume, die sie betraten, waren kahl: keine Bilder hingen an den Wänden, die Möbel waren zum großen Teil verschwunden. Eine dicke Staubschicht hatte sich gebildet, und die beiden Eindringlinge hinterließen ihre Spuren darin.
Sanfold steuerte zuerst die Küche an, obwohl bereits jetzt gewiss war, dass hier niemand mehr wohnte. Dennoch – er wollte auf Nummer Sicher gehen.
Aber auch dieser Raum war aufgeräumt, das Geschirr mitgenommen worden. Der Kühlschrank war ohne Strom und leer. Aus den Hähnen kam kein Wasser.
Erst jetzt nickte Arthur mit einem zufriedenen Grinsen.
»Gut. Durchsuchen wir noch den Rest des Hauses. Nicht, dass sich noch irgendwo ein Landstreicher einquartiert hat.«
Auch diese Inspektion verlief zufriedenstellend. Als sie sich auf den Weg zum Wagen zurück machten, war Sanfold sichtlich bester Laune.
»Du wolltest doch wissen, warum ich mir ausgerechnet Porter ausgesucht habe, nicht, McCrery?«
Der große Dicke zuckte mit den Schultern.
»Ist nicht wirklich so wichtig, Boss«, sagte er mit gesenktem Blick.
Arthur schlug ihm auf die Schulter.
»Ach was, da gibt’s nichts, was du nicht wissen dürftest.«
Die Jovialität, mit der Sanfold ihn plötzlich behandelte, kam McCrery verdächtig vor. Er hielt lieber den Mund. Wenn der Chef tatsächlich etwas über seine Ziele verraten wollte, würde er das schon tun. Der Satz »Neugierde tötet die Katze« war Michael eben doch unter die Haut gegangen, und er fröstelte erneut, als er an Sanfolds düsteren Blick von vorhin dachte.
Der begann indes munter drauflos zu plaudern:
»Eliah Porter wurde am 17. August 1915 in der Nähe von Houston, Texas geboren. Heute ist er der Kopf einer landesweiten, wenn auch kleinen und kaum bekannten okkulten Bewegung. Der tiefe Bekanntheitsgrad liegt möglicherweise auch daran, dass sich einige prominente Persönlichkeiten unter seinen Anhängern tummeln. Und zum anderen sicher auch daran, dass die Lebenserwartung derjenigen, die etwas über diese Sekte verlauten lassen, drastisch sinkt.
Porter behauptet, der Satan selbst habe ihn berührt und zum Apostel der Hölle berufen. Nun ja, zumindest verbreitet er diese Geschichte seit Mitte der Fünfziger Jahre, seit er nach Wills Point gezogen ist.
Aus seiner Jugendzeit ist nicht viel bekannt. Muss wohl ein Junge wie jeder andere gewesen sein. Es gibt ein paar spärliche Hinweise darauf, dass er 1935 am so genannten Rawley-Vorfall beteiligt war. Mehrere Quellen erwähnen dieses Ereignis, aber nirgends ist mehr darüber zu erfahren außer ein paar Gerüchten, dass irgendwo auf einer Farm in dem Kaff, in dem Porter aufgewachsen ist, etwas Einschneidendes in seinem Leben passiert sein muss. Möglicherweise der ausschlaggebende ›Kontakt‹ mit dem Teufel. Ein Journalist, der Anfang der Sechziger Jahre in diese Richtung recherchiert hat, soll mit durchgeschnittener Kehle aufgefunden worden sein. Wobei Porter an diesem Ereignis keine Schuld nachgewiesen werden konnte. Der Reporter hatte die Nacht bei einer Nutte verbracht, deren Zuhälter der Mord schließlich angelastet wurde.
Nun, abgesehen vom Rawley-Vorfall ist aus Porters Vergangenheit nichts weiter bekannt. Bis nach dem zweiten Weltkrieg spielte er anscheinend keine Rolle im amerikanischen Okkultismus. Da er blind war, dürfte der Krieg für ihn auch kein großes Thema gewesen sein.
1946 zog Porter nach New York, um gut ein Jahrzehnt dort zu verbringen. Hier begann er, Seancen durchzuführen. Mal als Leiter, mal selbst als Medium. Es gelang ihm, Kundschaft aus immer höheren Kreisen zu gewinnen. Und jetzt wird es auch interessant für uns:
1952 hatte er – einem Augenzeugenbericht zufolge – bei einer Geisterbeschwörung Kontakt zu einem gewissen Hieronymus Scotus.«
McCrery hatte Sanfold bisher ungestört erzählen lassen – selten genug, dass dieser mal so lange Reden schwang. Aber nun konnte er sich einen Einwurf nicht verkneifen:
»Scotus? Müsste das nicht Bosch heißen?«
Arthur verdrehte leicht die Augen.
»Banause. Hieronymus Bosch war ein niederländischer Maler. Scotus – oder Scotto – hingegen ein Alchemist, häufig auch als der italienische Faust bezeichnet. Er hat im späten 16. Jahrhundert sein Unwesen getrieben, mitunter auch am Hof der Katharina von Medici.«
»Und dieser Typ ist Porter erschienen?«
Sanfold grinste böse.
»Genau. Und nicht nur das. Der Geist Scottos soll die Manifestation eines alten Pergaments verursacht haben, mit dem Ratschlag an Porter, das darauf niedergeschriebene Geheimnis gut zu wahren.«
»Und was soll das Ganze mit uns zu tun haben?«
»Verstehst du denn nicht? Scottos erklärtes Ziel war dasselbe wie bei den meisten Alchemisten: den Stein der Weisen zu finden. Wenn es sich bei der Schrift um die Anleitung zur Herstellung von Azoth handelt, dann bin ich meinem Ziel nahe!«
Michael kratzte sich am Kopf.
»Na ja ...«
»Was?«
»Ich bin mir nicht sicher, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Weil, wenn es sich dabei wirklich um ein ›Rezept‹ für den Stein der Weisen handelt – warum hat Porter ihn dann nicht bereits selber hergestellt?«
Sanfolds Miene wurde missmutig.
»Was weiß ich. Vielleicht hat er Angst davor. Scottos Geist soll in Rätseln gesprochen haben, die wie eine Warnung klangen.
Aber genug jetzt. Immerhin bin ich derjenige, der denkt und plant.«
McCrery öffnete den Mund, um etwas zu erwidern. Immerhin hatten sie bereits einige Versuche gestartet, in den Besitz von Azoth zu kommen – aber keiner davon hatte gefruchtet. Er zweifelte auch jetzt an einem Erfolg. Aber der düstere Blick, mit dem ihn der Professor maß, ließ ihn schweigen. Es war überhaupt schon ein Wunder, dass Sanfold so viel preisgegeben hatte – und ihn weiter reizen, konnte verheerende Folgen haben. Für Michaels Gesundheit.
Sie stiegen in den Wagen und fuhren los.

Wills Point, 7. Februar 1967, gegen Mittag

Etwa zur selben Zeit, als Sanfold und McCrery auf das verlassene Haus aufmerksam wurden, konnten Claire und Dan Mr. Cowles ausfindig machen.
Nachdem sie bereits gegen neun Uhr morgens vor dem Drug Store aufgetaucht waren, hatten sie dort noch nicht sonderlich viel Betrieb ausmachen geschweige denn diesen Cowles entdecken können. Nach fast einer halben Stunde Wartens hatte Dan mit dem Verkäufer gesprochen; der hatte ihm aber auch nicht weiter helfen können. Anscheinend hätte der alte Mann bereits hier sein müssen.
So war ihnen nichts weiter übrig geblieben als zu warten. Um nicht vollkommen hibbelig zu werden, hatten sie sich die Stadt angeschaut. Dennoch war beiden anzumerken, wie nervös sie waren. Immerhin, die Zeit brannte ihnen ja auch auf den Nägeln.
Aber erst, als sie zum dritten Mal beim Drug Store ankamen, nickte der Verkäufer, der gerade in der Tür stand, in die Richtung eines älteren Mannes, der langsam die Straße hinunter geschlurft kam.
»Na, da ist er doch«, meinte er und winkte dem Alten zu. »Mor’n, Bernie!«
»Mor’n«, knurrte dieser leicht missmutig zurück. Er trug ein kariertes Hemd und dunkle Hosen und wirkte, obwohl nur unwesentlich kleiner als Dan, irgendwie zerbrechlich. Woran seine traurig wirkenden hellblauen Augen wohl auch mit schuldig waren. Das schüttere weiße Haar war ordentlich gekämmt, und auch sonst machte der Mann einen recht gepflegten Eindruck – von den grauen Stoppeln in seinem Gesicht mal abgesehen, über die er sich nun mit der Hand fuhr, als er vor dem Eingang zum Laden stehen blieb.
»Wir haben schon auf dich gewartet. Insbesondere die jungen Leute hier«, grinste der Verkäufer.
»Ihr glaubt gar nicht, wie mich heut Morgen der Scheißer geplagt hat«, brummte Cowles. »Entweder war’s Albertas Früchtekuchen oder der Braten von letzter Woche. Verdammich noch mal! Ich hätt’ das Zeug fortschmeißen soll’n.
’tschuldigung, Ma’am«, fügte er hinzu, als er sah, wie sich Claires Gesicht verzog, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Dan hingegen grinste breit und fröhlich. Der alte Kauz war ihm auf Anhieb sympathisch. Auch noch, als dieser ein Päckchen Kautabak aus der Tasche kramte und sich etwas davon in den Mund stopfte.
»Auch was, Jungchen?«
Bernie Cowles hielt dem Sportstudenten das Suchtmittel hin. Durch das Reden mit vollen Backen lief dem Alten brauner Speichel übers Kinn, den er aber eilig mit einem – noch – sauberen Taschentuch abwischte. Dan lehnte dankend ab, nicht zuletzt, weil er Claires bösen Blick förmlich auf sich brennen fühlte.
»Tja, die heutige Jugend. Verträgt auch nichts mehr. Ihr seid wohl aus der Stadt?«
»Ähm, ja. Dallas«, antwortete Simon schnell und hielt sich an die Geschichte, die er mit Claire abgesprochen hatte.
»Wir recherchieren für ein Buch über Okkultismus.«
Cowles nickte, als wäre dies die offenkundigste Tatsache der Welt. Dan wurde aus dem Konzept geworfen und schwieg erstmal, während der alte Bernie zielsicher in einen an der Wand stehenden Napf spuckte.
»Aha«, meinte er dann nach einer Weile, in der sich Claire und Dan etwas hilflose Blicke zuwarfen, weil sie nicht genau wussten, wie sie an die Sache herangehen sollten. »Und was hat das Ganze mit mir zu tun? Ich bin bestimmt kein Satansjünger.«
Cowles grinste.
»Na ja«, machte Dan etwas verlegen. »Wir wollten eigentlich etwas über Eliah Porter erfahren, und Sie wurden uns als Quelle angegeben.«
Bernies Grinsen wurde noch breiter.
»Ihr habt bei Roseanne Pearson Quartier bezogen, nich’? Sie kann mich nich’ leiden.«
Die beiden Zeitreisenden nickten. Bernie kratzte sich am stoppeligen Kinn.
»Hm, ich weiß nich’, ob ich dafür wirklich der Richtige bin ...«
»Sie sind bis jetzt unser einziger Anhaltspunkt«, warf Dan ein.
»Nun ja, ich erledige für das Porter’sche Anwesen ab und zu ein paar Gartenarbeiten. Die bezahlen recht gut. Aber Porter selbst ... den hab’ ich noch nie geseh’n. Außer, wenn er ausfährt. Sein Rechtsanwalt chauffiert ihn inner Gegend ’rum, aber die hinteren Fenster des Wagens sind immer verdunkelt. Da seh’ ich manchmal Porters Schatten – mehr aber auch nich’.«
»Können Sie uns ein bisschen mehr über Eliah Porter erzählen? Vielleicht auch ein bisschen was, was man sich in der Gegend über ihn erzählt?«
Cowles kratzte sich am Kopf.
»Da gibbet’s nich’ viel, Mister. Ich weiß nur, dass Porter nich’ gern unter die Leute geht. Er schottet sich in seinem Haus ab und geht kaum raus. Die meisten Geschäfte erledigt sein Rechtsanwalt für ihn, Mr. Cavanaugh. Der hat auch mich angeheuert. Ich find’ das ein wenig seltsam, dass der Mann anscheinend auch den Butler und den Chauffeur macht, aber wahrscheinlich zahlt Porter ziemlich gut.«
»Sie meinen, er hat Geld? Wissen Sie, wie er sich’s verdient hat?«
Der alte Mann zuckte mit den Schultern.
»Keine Ahnung, hatte entweder mal reiche Eltern oder den Zaster sonst wie gemacht. Aber an seinem Lebensstil sieht man, dass er kein Kind von Armut is’. Großes Haus, dickes Auto ... und eingerichtet isses auch nich’ von schlechten Eltern. Hab’ bei meinem Einstellungsgespräch die Empfangshalle geseh’n ...«
Cowles pfiff leise durch die Zähne.
»Was ist mit anderen Bediensteten?«
Der alte Bernie schüttelte den Kopf.
»Nich’, dass ich wüsste. Obwohl – es hat ein paar Mädchen da. Blutjunge Dinger, die ich ab und zu an den Fenstern sehe, wenn ich im Garten arbeite. Und wie die angezogen sind – wenn überhaupt. Das geht nich’ so recht katholisch zu, wenn Sie mich fragen.
Aber vor dem Haus hab’ ich nie eins von den Mädchen gesehen. Die sind nur im Haus drin.«
Die beiden Studenten starrten den Mann an.
»Er hat jede Menge Geld, aber keine Wachen? Ist das Anwesen denn sonstwie gesichert? Mit Hunden?«
Cowles zuckte mit den Schultern.
»Nich’, dass ich wüsste. Aber mal ehrlich ...«
Er beugte sich vor und senkte seine Stimme: »... von den Einheimischen hier würde sich keiner näher an das Haus trauen. Die denken wirklich alle, dass da Satansmessen abgehalten werden. Alles Humbug, sag’ ich Ihnen. Mister Porter mag ein wenig verschroben sein, und sich nich’ an die zehn Gebote halten, aber es is’ ein feiner Zug von ihm, ’nem alten Kerl wie mir Arbeit anzubieten. Und als reicher Mann hat er wohl auch das Recht, ausschweifend zu leben.
Und Mister Cavanaugh is’ ebenfalls ein feiner Kerl. Egal, ob er nun abends sein Gebet zum Teufel oder Gott spricht.«
Dan und Claire behielten ihre Gedanken wohlweislich für sich, da sie Bernie nicht kränken oder verärgern wollten.
»Empfängt denn Mister Porter überhaupt Gäste? Haben wir ’ne Chance auf ein Gespräch mit ihm?«
Cowles zuckte mit den Schultern.
»Ich denk’, die Mühe könnense sich sparen. Hab’ ja schon gesacht, dass er nich’ so ’n Freund der Öffentlichkeit is’. Wenn Sie ein Buch über ihn schreiben wollen, wird er davon nix wissen woll’n. Gäste empfängt er eh nur selten. Die kommen dann aber auch in feisten Schlitten, sind wohl auch alle so stinkreich wie er. Und auch von weiter her.«
»Hm, vielleicht könnten wir da ansetzen«, erwiderte Dan, einer Eingebung folgend. »Wissen Sie, ob er momentan Besuch hat? Vielleicht ließe sich ja von seinen Gästen jemand dazu herunter, mit uns zu reden?«
Cowles kratzte sich hinter dem Ohr und entblößte seine gelben Zähne beim Grinsen.
»Mal abgeseh’n davon, dass momentan niemand bei Porter zu Gast ist – nein, also, ich glaub’ nich’, dass einer von den Schnösels mit Ihnen plaudern würde.«
Das reichte Dan bereits. Er steckte dem Alten ein paar Dollarscheine zu, welche dieser dankend in seiner Hosentasche verschwinden ließ.
Simon zog Claire an der Hand über die Straße, weg vom Laden. Die Geschichtsstudentin machte ein saures Gesicht.
»Na toll, viel weiter sind wir jetzt auch nicht«, murrte sie.
»Doch«, grinste Dan. »Wir wissen jetzt, dass sich im Haus nur Porter und sein Rechtsanwalt aufhalten. Wir werden uns das Anwesen mal aus der Nähe ansehen. Mit ein wenig Glück entdecken wir auch Sanfold, während wir auf der Lauer liegen. Oder finden einen Hinweis darauf, was der Professor sucht.«
»Du vergisst die Mädchen«, warf Claire ein.
Der Sportstudent grinste.
»Die stellen wohl kaum eine Gefahr dar. Mir kommt es eher so vor, als würde Porter hier ein Liebesnest für sich und seine Kumpels unterhalten. Mit den paar zierlichen Mätressen werden wir schon fertig, sollte es hart auf hart kommen.«
Sie gingen zurück zu ihrer Unterkunft, um sich auszurüsten.

In der Nähe von Wills Point, 7. Februar 1967, gegen 13:30

McCrery war zweimal am Porter’schen Anwesen vorbei gefahren, bis er endlich einen einigermaßen geschützten Platz gefunden hatte, an dem er den Wagen parken konnte. Hinter dem Erdwall und den Sträuchern würde er anderen vorbeifahrenden Vehikeln kaum auffallen, hatte aber dennoch einen raschen und guten Zugang zur Straße.
Beim Passieren des Hauses hatten sie Taylors Versteck nicht ausmachen können, und Sanfold hatte zufrieden gebrummt. Nun, an diesem ruhigen Plätzchen, nahm er ein modernes Walkie-Talkie zur Hand und versuchte, den Pockennarbigen zu erreichen. Es dauerte fast eine Minute, unterbrochen von Rauschen und Knacken, bis William endlich antwortete.
»Alles klar bei mir.«
»Wie sieht’s aus? Hat sich im oder ums Haus etwas getan?«
Wieder vergingen einige Sekunden.
»Nichts. Porter hat weder Besuch erhalten noch das Haus verlassen. Es scheint aber jemand zu Hause zu sein. Hinter den Vorhängen konnte ich Silhouetten und Bewegungen ausmachen.«
»Gut«, erwiderte Sanfold. »Bleib auf deinem Posten und melde uns sämtliche Veränderungen.«
»Alles klar.«
Sie hatten keine Codes abgemacht und hielten sich auch nicht an die allgemein gültigen Funkerausdrücke; für diese leichte Übung hatte der Professor es nicht für nötig erachtet, spezielle Vorsichtsmaßnahmen vorzunehmen.
Arthur lehnte sich zurück und versuchte, sich zu entspannen. McCrery tat es ihm gleich, aber der Dicke mochte sich in dem für ihn doch eher beengenden Gefährt nicht wirklich wohl fühlen. Es vergingen keine fünf Minuten, und er öffnete die Tür und stieg aus, um sich draußen auf einen Stein zu setzen. Sanfolds verächtlicher Blick entging ihm.
Wenige Minuten nach vierzehn Uhr knackte es in Arthurs Funksprechgerät, und Taylors heisere und verzerrte Stimme erklang:
»Das Garagentor öffnet sich. Ich glaube, da verlässt jemand das Haus.«
Bereits bei den ersten Worten war Michael aufgeschossen und saß bereits hinter dem Lenkrad, als William nach einer kurzen Pause weiter sprach:
»Tatsächlich, der Wagen rollt heraus. Sieht ganz so aus, als würde Porter ausfahren. Moment.«
Wahrscheinlich nahm der Pockennarbige jetzt seinen Feldstecher zur Hand. Gleich darauf:
»Ja, Cavanaugh sitzt am Steuer.«
Der Professor hatte auf seiner Suche nach Informationen auch seltene Fotos von dem Rechtsanwalt sowie Eliah Porter gefunden und diese seinen Gehilfen nicht vorenthalten. Dies zahlte sich jetzt aus.
»Die hinteren Sitze der Limousine sind verdunkelt. Ich kann nichts erkennen. Aber wir können wohl davon ausgehen, dass Porter mit drin ist. Und wenn nicht, haben wir immerhin ein Druckmittel in der Hand, wenn wir Cavanaugh in unsere Gewalt bringen.«
Genau so sah es Sanfolds Plan vor. Der Professor nickte zufrieden.
»Gut gemacht, Taylor. Bleib auf deinem Posten und gib uns Bescheid, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Wir holen dich dann ab.«
»Verstanden.«
Und nur wenige Sekunden später: »Der Wagen fährt in Richtung Dallas. Viel Glück.«
Sanfold legte das Walkie-Talkie zur Seite.
»Also los.«
McCrery startete den Wagen und fuhr mit durchdrehenden Reifen aus dem Versteck. Sand wurde aufgewirbelt, und sie zogen bis zur Straße eine dichte Staubfahne hinter sich her.
Sie fuhren erneut an Porters Anwesen vorbei. Wahrscheinlich wurden sie dabei von Taylor beobachtet, aber der Pockennarbige gab kein Lebenszeichen von sich.
Es dauerte nur wenige Minuten, bis McCrery das Heck des Zielwagens ausmachen konnte. Er gab ein wenig mehr Gas und holte rasch auf. Sanfold auf dem Beifahrersitz hielt die Augen geschlossen und konzentrierte sich.
Michael hängte sich an die dunkle Limousine und wartete auf die Anweisungen des Professors. Er brauchte nicht lange zu warten.
»Jetzt«, sagte Arthur. Woher sein Boss die Gewissheit nahm, dass nun der günstigste Moment für das abgesprochene Manöver war, vermochte der Dicke nicht zu sagen. Aber er wusste um die magischen Fähigkeiten Sanfolds und vertraute ihnen – zumindest hatte er gar keine andere Wahl.
Er setzte zum Überholen an, blinkte auch vorschriftsmäßig und lenkte den Ford auf die linke Fahrspur. Die Straße verlief hier gerade und war ziemlich übersichtlich. McCrery zog an Porters Wagen vorbei, der sogar ein wenig langsamer wurde. Michael warf einen Blick auf den Fahrer des anderen Vehikels, aber Cavanaugh schenkte ihm keine Beachtung. Ein kurzer Blick nach links, das war alles.
Als sich die Schnauze ihres eigenen Autos nur wenig vor derjenigen des anderen befand, zog McCrery das Lenkrad nach rechts. Metall kreischte, und Cavanaugh zuckte erschrocken zusammen. Er verlor die Kontrolle über seinen Wagen. Die schwarze Limousine schlingerte, und McCrery setzte noch einmal nach.
Cavanaugh schaffte es nicht mehr, sein Auto auf der Straße zu halten. Er trat auf die Bremse, aber das verschlimmerte ihre Situation nur noch. Der Wagen kam ins Schleudern und wurde abrupt von einem Baum gestoppt.
McCrery brachte sein Gefährt etliche Meter nach der Unfallstelle zum Halten und wendete. Der Professor hatte die Augen noch immer geschlossen, während sein Gehilfe langsam zurück fuhr und schließlich auf der anderen Straßenseite parkte.
»Hol Porter, und dann nichts wie weg hier«, sagte Sanfold leise und sanft – als wäre er in Trance. Michael wusste, wie wichtig jede Minute, nein, Sekunde, war, und beeilte sich, aus dem Ford und über die Straße zu kommen.
Es war fast unheimlich still. Als einziges – und fremdartig erscheinendes – Geräusch war nur das Knacken von erkaltendem Metall zu vernehmen. Michael fröstelte, als er den Wagen erreichte. Der Wagen hatte sich in einer innigen Umarmung an den nun etwas schief stehenden Baum geschmiegt. McCrery zog schnüffelnd die Luft durch die Nase, bemerkte aber keinen Brandgeruch. Er blickte durch die Scheibe der Fahrertür. Die Windschutzscheibe war zersplittert, überall lagen kleine glitzernde Scherben wie Perlen.
Cavanaugh war über das Lenkrad gesunken. Er war nicht angegurtet gewesen, und aus einer hässlichen Platzwunde an seiner Stirn lief Blut und tropfte auf das Armaturenbrett und von dort auf die Knie des Rechtsanwalts und in den Fußraum. Sein Brustkorb hob und senkte sich, wie McCrery bei einer raschen Überprüfung feststellte.
Der Dicke wandte sich dem hinteren Wagenschlag zu und öffnete die Tür.
Im ersten Moment glaubte er, Porter sei bei Bewusstsein. Der Mann saß kerzengerade da, der Kopf war leicht geneigt, aber das Gesicht Michael zugewandt. Aufgrund der Brille mit den dunklen Gläsern konnte McCrery jedoch nicht sehen, ob die Augen geöffnet waren oder nicht.
»Sir?«, fragte er fast scheu. Die Situation hatte etwas Unwirkliches – als würden Porter und er sich in einer Blase befinden, in der die Zeit viel zu langsam ablief.
Unheimlich wurde es McCrery, als der alte Mann die Lippen zu einem feinen Lächeln zu verziehen schien – oder hatte dieses Lächeln schon vorher auf seinen Zügen gelegen? Noch immer hatte Porter kein Wort gesagt.
Michael streckte die Hand aus und berührte den gebrechlich wirkenden Mann vorsichtig an der Schulter. Dessen Körper sackte ohne Vorwarnung in sich zusammen, und McCrery zuckte erschrocken zurück.
Dann war der Bann gebrochen, und Sanfolds Gefolgsmann griff rasch zu, zog Eliah Porter aus dem Wagen und hievte ihn wie eine Puppe aus Stroh auf seine Schulter. Er hastete über die Straße zurück zum wartenden Professor.
Cavanaugh war immer noch bewusstlos, als sie davon fuhren. Und niemand sonst war Zeuge der Ereignisse geworden. Es lief alles wie am Schnürchen.

Die einzigen Geräusche in dem karg eingerichteten Raum waren das unregelmäßige Rascheln von Kleidung und das Atmen der drei Männer: das von Sanfold ruhig und kontrolliert, jenes von McCrery noch immer schwer, da er Porter die Treppe hoch getragen hatte, und das ihrer Geisel leicht rasselnd.
Eliah war nach wie vor bewusstlos.
McCrery und der Professor hatten nach der Entführung William Taylor bei seinem Versteck abgeholt und waren dann zu dem verlassenen Haus gefahren. Dort hatte der Pockennarbige mit professionellen Handgriffen Porter an einen Stuhl gefesselt. Das Seil saß straff und würde dem alten Mann keine Bewegungsfreiheit lassen, wenn er aufwachte.
Taylor hatte sich danach nochmal zum Wagen begeben, um den Koffer mit den Utensilien zu holen, die sie für die Befragung Porters benötigten. Und jetzt warteten Sanfold und McCrery darauf, dass er zurückkam – und dass der Entführte endlich aufwachte.
Als Taylors schwere Schritte auf der Treppe zu hören waren, sagte der Professor plötzlich:
»Er ist wach.«
Eliah Porter saß immer noch gleich wie zuvor auf dem Stuhl: sein Körper hing schlaff in den Fesseln, sein Kopf war leicht zur Seite geneigt. McCrery hätte keinen Unterschied feststellen können, aber der Dicke wusste auch um die besonderen Fähigkeiten Sanfolds.
»Wer sind Sie?«, fragte ihr Gefangener mit heiserer, flüsternder Stimme.
»Wir sind ein paar Freunde.«
Sanfold lachte böse.
»Wenn Sie uns ein paar Dinge verraten, Mister Porter. Wenn nicht, werden wir uns auf andere Art und Weise verständigen müssen.«
Taylor trat ein, den Koffer in der Hand. Eliah wandte den Kopf in die Richtung des Pockennarbigen und verfolgte dessen Gang durch den Raum. Dann richtete sich das Gesicht wieder nach Arthur Sanfolds Standort aus. Es schien tatsächlich so, als würde er die Menschen in seiner Umgebung sehen und sie eingehend mustern, obwohl sein Augenlicht doch verlöscht sein musste.
Michael fröstelte, obwohl er sich dieses Gefühl nicht erklären konnte. Was konnte dieser alte blinde Mann denn schon gegen sie drei ausrichten? Zumal er ja auch noch am Stuhl festgezurrt war.
»Was wollen Sie?«, fragte Eliah. Seine Stimme klang schwach und müde.
»1952 hielten Sie in New York eine Seance ab«, sagte der Professor.
»1952 hatte ich mehrere spirituelle Sitzungen«, erfolgte die kühle Antwort. Porters Augen, wenn auch hinter der Sonnenbrille nicht sichtbar, schienen auf Sanfold gerichtet.
»Ich rede von einer ganz bestimmten. Sie hatten damals Kontakt zum Geist von Hieronymus Scotus.«
Ein leichtes Lächeln überflog das Gesicht des Gefesselten.
»Tatsächlich. Ich erinnere mich noch sehr gut daran. Eine außergewöhnliche Sitzung. Wir waren zu siebt im Zirkel, draußen tobte ein Gewitter. Die Atmosphäre war düster und voller spiritueller Spannung. Perfekte Voraussetzungen für eine außerordentliche Konfrontation. Scotto ...«
Für einen Moment glaubte sich Michael mitten in die von Porter beschworene Erinnerung versetzt:
Ein enges, düsteres Zimmer, an dessen Wänden schwere Möbel aus dunklem Holz standen, mit einem runden Tisch in der Mitte. Ein schwarzes Tuch mit einem gestickten weißen Symbol, ein von einem Kreis umschlossenes Pentagramm, lag über der Platte. Sieben Personen saßen darum und hielten sich bei den Händen. Der Raum war nur spärlich von Kerzen erleuchtet, die Gesichter der Anwesenden lagen zum großen Teil im Schatten.
Das hohe Fenster war geöffnet, die schweren dunkelblauen Vorhänge, die bis zum Boden reichten, bauschten sich im Wind. Kühle Luft drang herein. Draußen zuckten Blitze vom Himmel, gefolgt von grollendem Donner. Das Klatschen des Regens war gedämpft zu hören – die Räumlichkeit befand sich zwei oder drei Stockwerke über der Straße.
Es wurde noch kälter in dem Zimmer. Einige der Menschen auf den Stühlen krampften ihre Finger stärker um die Hände ihrer Tischnachbarn.
Ein blasses bläuliches Leuchten erschien zwischen den Vorhängen, dann schälte sich ein Schemen in menschlicher Gestalt aus den Schatten und trat näher an den Tisch. Die Augen sämtlicher Anwesender richteten sich auf die Erscheinung. Die ungünstigen Lichtverhältnisse ließen kaum zu, Details zu erkennen, aber die Figur war altmodisch gekleidet, mit einer Halskrause und einem Barret, an dem eine Straußenfeder steckte. Das Gesicht war länglich und schmal, das Kinn zierte ein Spitzbärtchen. Der stechende Blick des unheimlichen Gesellen schien jeden der Teilnehmer zu mustern, bis er schließlich an Eliah Porter hängen blieb. Es schien, als würden der Geist und der Blinde stumm ihre Kräfte messen.
Dann, nachdem ein nahe niedergehender Blitz das Zimmer für Sekundenbruchteile erleuchtet hatte und das Krachen und Bersten des Donnergrollens in der Ferne verhallte, raschelte es, als die Erscheinung sich leicht verbeugte und ein vergilbtes Stück Pergament unter ihrem Gewand hervorholte. Er redete in einer Sprache, die McCrery nicht kannte, und dennoch verstand er den Sinn der Worte
»Hieronymus Scotus. Zu Euren Diensten, Herr.«
Eliah, der an diesem Abend als Medium fungierte, brachte kein Wort heraus. Der Geist des Alchemisten lächelte wissend.
»Dies kann Eure Macht steigern, doch seid gewahr, Ihr verpfändet Eure Seele für dies Geheimnis.«
Porters Gesichtsausdruck wirkte entrückt, als er mit gedämpfter Stimme antwortete:
»Hinter heißbegehrten Lippen soll es liegen, im Herzen dunkler Liebe versiegelt bleiben, solange mein Leben andauert.«
Nach der Seance würden ihn die anderen Teilnehmer an diese Worte erinnern, an die er sich selbst nicht mehr entsinnen konnte.
Die Gestalt Hieronymus’ verschmolz mit den schweren Vorhängen, das schwache Leuchten verschwand.
Gleichsam fand auch McCrery wieder in die Realität zurück. Sie waren wieder – oder immer noch – in dem kahlen und kalten Raum, an dessen Wänden die Farbe abblätterte und sich Feuchtigkeitsflecken abzeichneten. Langsam zogen sich die Schatten der Vision zurück und wichen der Helligkeit des draußen herrschenden Tages.
Noch etwas verwirrt von den Eindrücken, bemerkte er, wie Taylor benommen den Kopf schüttelte. Nur Sanfold wirkte gefasst. Möglicherweise hatte er seine Hände mit im Spiel bei dem gerade erlebten Wahrtraum aus Porters Vergangenheit. Michael traute ihm Derartiges durchaus zu.
Sein Blick fiel auf den Gefesselten, der leicht lächelte. Der alte Mann wurde ihm immer unheimlicher.
»Was stand auf dem Pergament?« wollte Arthur wissen.
»Ist das der Grund unserer unschönen Begegnung?«, stellte Porter die Gegenfrage. »Wenn Sie mich deswegen entführt haben, ahnen Sie doch bereits, um was es sich handelt.«
»Azoth ...« flüsterte der Professor.
»Der Stein der Weisen, ja.«
Für ewige Sekunden herrschte drückende Stille im Zimmer. Selbst das Ungeziefer schien in seiner Wanderschaft inne zu halten.
»Wo ist es?«, fragte Sanfold schließlich.
Eliah zuckte leicht mit den Schultern. So viel Bewegungsfreiheit ließ ihm die Verschnürung gerade noch.
»Sie werden es nicht finden.«
»Sie werden es mir sagen – früher oder später. Wir können es auf die leichte oder die harte Tour machen.«
»Wollen Sie mir drohen, Mister? Sie können mir keine Angst machen. Ich habe Schlimmeres erlebt, als Sie sich vorstellen können.«
Die Kälte in Porters Stimme brachte Sanfold für einige Augenblicke aus dem Konzept. Dann verzerrte sich sein Gesicht vor Wut.
»Na gut«, sagte er, und begann, sich zu konzentrieren. Er starrte den Gefangenen unverwandt an, die Anstrengung begann, sich auf seinem Gesicht abzuzeichnen.
Um Porters Lippen spielte immer noch ein leichtes Lächeln, aber auf seiner Stirn erschienen die ersten Schweißtropfen. Er spürte Arthurs magische Kräfte und begann, sich dagegen zur Wehr zu setzen.
Mit einem raschen Ruck seines Kopfes zur Seite entledigte er sich der lästigen Sonnenbrille; sie flog in weitem Bogen durch den Raum und landete auf dem staubigen Boden. Sofort richtete er seine blinden Augen wieder auf Sanfold. Der Schweiß, erst noch klar, wandelte seine Konsistenz, wurde milchig.
Und der Ausdruck auf des Professors Gesicht wandelte sich. Weit riss er seine Augen auf, Erschrecken spiegelte sich in ihnen, als sich ein mentaler Griff wie eine Klammer um seinen Verstand legte, sein Denken zu lähmen, nein, in andere Bahnen zu lenken drohte.
»Schnell«, keuchte er und brachte die Worte nur mühsam und abgehackt hervor. »Schlagt ... ihn ... nieder ...«
McCrery begriff nicht, was vor sich ging – sein Blick wanderte verwundert zwischen den beiden Kontrahenten hin und her, und er zögerte, etwas zu unternehmen. Taylor hingegen reagierte schnell und befehlsgewohnt. Er trat auf den Okkultisten zu, holte aus und schlug zu.
Die linke Faust krachte seitlich gegen Porters Kiefer und riss seinen Kopf herum. Die Rechte folgte sogleich und traf ebenfalls, dieses Mal den Wangenknochen. Es knackte vernehmlich.
Porter verdrehte die ausdruckslosen Augen und sackte in sich zusammen. Ein kleines Blutrinnsal lief aus seinem Mundwinkel über das Kinn.
Taylor trat einen Schritt zurück, die Fäuste noch immer erhoben. Die Wildheit in seinen Augen glich der eines Raubtiers.
Sanfold brach würgend in die Knie und fasste sich an den Hals. Erst Momente später brachte er einen Satz heraus.
»Verdammt, er ist stark.«
Der Professor war bleich, als er sich schwankend wieder erhob.
»Verbindet ihm die Augen. Das unterbindet hoffentlich die Auswirkungen seiner Kräfte.«
Taylor tat wie geheißen. Danach schüttete er dem Gefesselten kaltes Wasser aus einer Flasche ins Gesicht und schlug ihm leicht auf die Wangen.
Etwa zwei Minuten später war der Okkultist wieder einigermaßen bei Sinnen.
Sanfold hielt die Fäuste geballt, während Eliah den Kopf zielstrebig wieder in die Richtung des Professors drehte. Beide wirkten sie angespannt, aber während Sanfolds Züge von Hass verzerrt waren und seine Augen glühten, lag auf Porters Lippen ein höhnisches Lächeln.
Inzwischen war auch McCrery auf eine Wiederholung der vorhergehenden Szene gefasst und bereit, sofort einzuschreiten, wenn sich Ähnliches anbahnen sollte.
Aber nichts geschah. Anscheinend waren es tatsächlich Porters Augen, die seine Kräfte kanalisierten.
Arthur hingegen schien genug von der Anwendung magischer Mittel zu haben – genau so gut konnten sie zu physikalischer Gewalt greifen. Er nickte William Taylor mit einem bösen Grinsen zu, das dieser erwiderte, sich hinkniete und den herauf gebrachten Koffer öffnete.
Eliah Porter konnte nicht sehen, wie der Mann mit dem pockennarbigen Gesicht eine akkubetriebene Bohrmaschine zwischen den diversen Werkzeugen hervorholte und den Einsatz einsteckte. Aber er konnte das hässliche Sirren hören, als Taylor kurz den Schalter betätigte und überprüfte, ob das Gerät überhaupt funktionierte. Und er vernahm Sanfolds Stimme:
»Nun denn, Mister Porter. Das Knie ist eine der empfindlichsten Stellen des menschlichen Körpers. Mal sehen, wie viel Schmerz Sie wirklich ertragen.«
Da war wieder dieses grässlich schrille Geräusch, das sich ihm nun näherte. Die Maschine verstummte noch einmal, und Eliah spürte den Druck von etwas Spitzem aus kaltem Metall, als Taylor den Bohrer auf dem rechten Knie aufsetzte. Und gleich darauf zerfetzte die scharfe Spirale den Stoff seiner Hosen, die Haut darunter und fräste sich in den Knochen der Kniescheibe. Der glühende Schmerz brachte Porter fast um die Besinnung, aber er schrie nicht.
Blut lief warm über sein Schienbein und tränkte den Stoff, aber davon bemerkte Eliah nichts. Er versuchte, in der wohltuenden Dunkelheit der Bewusstlosigkeit zu versinken. An ihrer Statt jedoch warteten die Schatten der Vergangenheit.
Und die ängstigte ihn mehr als jede zu erwartende Folter ...

Irgendwo in der Umgebung von Houston, Spätsommer 1935

Das Innere der Scheune wurde von mehreren Fackeln erleuchtet, die in eisernen Halterungen an den Wänden steckten.
Achtzehn Personen befanden sich in dem großen Raum. Es gab keine ausgeprägt vertretene Altersgruppe, von der 17- bis zum 72-jährigen war alles zu finden, elf davon waren männlich, sieben weiblich. Die meisten davon waren nackt oder nur spärlich bekleidet und gaben sich bereits ausgiebigem Kopulieren hin. Entsprechend stank es nach Schweiß, aber auch nach Urin, Ruß und weiteren – nicht genau definierbaren – Düften.
Sally Decker, mit Siebzehn die Jüngste der seltsamen Gesellschaft, hatte sich eng an Eliah gepresst. Der 20-jährige spürte das Beben ihres Körpers – und dessen Wärme, welche durch ihre Kleidung drang. Es machte ihn schier verrückt, die Blonde so nah bei sich zu wissen. Er hatte sie nur aus einem Grunde hierhin mitgenommen, und er war sich sicher, das Richtige getan zu haben. Die Szenen, die sich vor den Augen des jungen Paares abspielten, schienen sie gleichermaßen anzuekeln – wie auch zu erregen. Ihre Finger krallten sich in den Stoff seines Hemdes über seiner linken Brust, und er sog tief den betörenden Duft ihres Haares ein.
Porter hatte Sally nur einen geringen Teil der Ereignisse geschildert, die sich in Rawleys Scheune abspielten.
Natürlich waren auch einige Gerüchte im Umlauf, aber niemand wusste, wie ernst sie zu nehmen waren. So hatte Eliah es geschafft, die Neugier des Mädchens zu wecken. Und immerhin hatte sie ja auch bereits Interesse an dem gut aussehenden jungen Mann bekundet.
Was sich ihren Augen darbot, musste sie jedoch zuerst verdauen:
Da war der hagere alte Mister Broyd, der sich ungestüm auf viehische Art mit der korpulenten Mrs Tweed vereinigte; und die ebenfalls schon sehr betagte Mrs Parker, die geil vor Lust ihren Oberkörper mit den faltigen Brüsten vorstreckte, während sie gleich zwei jungen Burschen mit ihrer flinken Zunge sexuelle Freuden bereitete.
Allesamt Leute, die sie kannte – und die einen tadellosen Ruf in der Gesellschaft genossen.
Aber noch etwas anderes zog immer wieder ihren Blick an:
Im hinteren Teil der Scheune stand ein länglicher Altar aus Holz, über den ein schwarzes Tuch geworfen worden war. Und auf dem weichen Stoff lag ein nacktes farbiges Dienstmädchen, an Hand- und Fußgelenken gefesselt, sodass ihr Körper gestreckt war. Ihre Beine waren leicht gespreizt, ihr Busen gespannt. Der Brustkorb hob und senkte sich unter schweren, heftigen Atemzügen. Die dunkle Haut glänzte vor Schweiß im flackernden Lichtschein. Die Augen waren weit aufgerissen, zwei weiße Murmeln, in denen sich die Angst spiegelte. Ihr Haar fiel in langen Locken über das Tuch, ihr Leib schien mit dem Altar verschmolzen zu sein.
Kurz nach Beginn der Zeremonie, nachdem sie aus ihrer Bewusstlosigkeit aufgewacht war, hatte sie zu schreien begonnen. Aber da sich niemand um den Lärm geschert hatte und ihre Kräfte langsam erlahmt waren, hatte sie es bald aufgeben. Inzwischen lag sie nur noch zitternd da und wartete apathisch auf ihr Schicksal.
Der Meister trat nun hinter den Altar, und Eliah merkte, wie sich Sally an seiner Seite verkrampfte. Keiner der Anwesenden wusste, wer sich hinter der dunkelvioletten Kutte verbarg; die Kapuze war tief genug ins Gesicht gezogen, um die Züge unter Schatten zu verstecken. Selbst Jacob Rawley, der seine Scheune für die nächtlichen Orgien, die etwa fünf bis sechs Mal im Jahr stattfanden, zur Verfügung stellte, hatte keine Kenntnis über die Identität des Zeremonienmeisters.
Dieser hob nun die Arme hoch über seinen Kopf. Auch diejenigen, die von ihrem obszönen Treiben vollkommen beansprucht schienen, hielten inne, erhoben sich aus ihren Positionen und wandten sich in Richtung Altar.
»Ave Satani!«. hallte die kräftige Stimme des Meisters durch den Raum.
»Ave Satani!«, wiederholten seine Jünger.
Mehrere kurze Sätze in Latein folgten, die alle den Fürsten der Finsternis beschworen, das Opfer gnädig anzunehmen. Die Versammelten antworteten jeweils im Chor. Das dunkelhäutige Mädchen schien zu spüren, dass eine Entscheidung nahte, und begann sich in ihren Fesseln zu winden – ergebnislos. Tränen rannen über ihre Wangen, ihr Schluchzen wurde von dem Sprechgesang der Teufelsanbeter übertönt.
Porter warf einen Blick auf Sally. Ein eigenartiges Leuchten war in ihre Augen getreten – als würde sie bereits ahnen, was bald folgen würde. Und als würde sie an dem Gedanken morbiden Gefallen finden. Ein leichtes Lächeln schlich sich auf die Lippen des jungen Mannes.
Der Satanspriester beendete die letzte Formel, und noch während das Echo seiner Gefolgschaft nachhallte, griff er unter seine Kutte und holte einen langen silbern glänzenden Dolch hervor.
Das schwarze Mädchen begann wieder zu schreien und sich zu winden, als er die Klinge gleich oberhalb ihres Bauchnabels ansetzte. Durch die plötzlichen und heftigen Bewegungen drang die Spitze bereits durch die Haut, und ein kleines Rinnsal Blut lief an der Seite des Körpers nach unten. Der Meister zögerte den Moment noch ein wenig heraus – seine Haltung reflektierte die sadistische Freude, die er dabei empfand.
Dann, als die Gegenwehr des Opfers ein wenig erlahmte, glitt die scharfe Klinge ins Fleisch. Der Satanspriester zog sie langsam nach oben, während Blut aus der sich immer weiter öffnenden Wunde quoll und in schmalen Bächen über die dunkle Haut rann, um dann vom Stoff des Altartuches aufgesogen zu werden.
Der Schnitt zog sich in einer fast perfekt geraden Linie vom Bauchnabel bis zum Ansatz des Brustkorbes. Das Mädchen hatte die Augen verdrehte, aber seine Glieder zuckten noch. Der Meister legte den Dolch beiseite und langte mit der Rechten in den aufgeschlitzten Leib. Ein letztes ersticktes Schluchzen drang aus dem Mund des Menschenopfers, danach gab sie kein Lebenszeichen mehr vor sich.
Die Hand des Meisters befand sich immer noch in ihrem Körper, begann sich mit einem Mal etwas heftiger zu bewegen, sodass auch der Leichnam plötzlich wieder von Leben erfüllt schien. Schließlich zog er seine bluttriefende Hand wieder hervor und zeigte seiner Gefolgschaft das Herz der Toten. Indem er es mit den Fingern zusammendrückte und wieder los ließ, erschuf er die Illusion, es würde noch schlagen.
Wie immer nach der Opferung wallte dichter Nebel – oder Qualm – hinter ihm hoch und begann, ihn einzuhüllen.
Ein Schauder lief eisig über Eliahs Rücken. Es schien merklich kühler geworden zu sein in der Scheune, und auch den anderen Teilnehmern schien dieser Umstand aufzufallen. Sie wurden unruhig.
Etwas war anders als sonst ...
In den hellgrauen Qualmwolken zeichnete sich schemenhaft eine große unförmige Gestalt ab. Sie überragte den Satanspriester um mindestens einen Meter.
Jetzt bemerkte auch der Meister die Veränderung in der Atmosphäre. Ein kalter Zugwind war aufgekommen, die Fackeln flackerten, das Licht wurde dunkler, schummriger. Er sah die Furcht in den Gesichtern seiner Anhänger.
»Was ist?«, fragte er mit unsicherer Stimme.
Es waren seine letzten Worte.
Noch ehe er sich umdrehen konnte, packte ihn etwas aus dem Nebel heraus und zerriss ihn förmlich in zwei Hälften. Blut spritzte über die starre Leiche des Mädchens, den Altar und den Boden davor. Seine Innereien klatschten mit einem hässlich feuchten Geräusch auf den Boden, die beiden Hälften seines Körpers wurden zur Seite geschleudert.
Die Kreatur trat knurrend aus den wirbelnden Schwaden.
Dann brach die Hölle los.

Der Mond stand beinahe voll am Himmel – seit vier Tagen war er wieder am Abnehmen. Sein fahles Licht ergoss sich über die Scheune und das umliegende Gelände. Auf dem sandigen Boden vor dem Gebäude parkten mehrere Wagen. Das Licht von Petroleum- und Taschenlampen drang durch die Ritzen zwischen den Brettern.
Drinnen herrschte emsiger Betrieb. Stimmen redeten durcheinander, Befehle ertönten.
Sheriff Binford stieg zeitgleich mit seinem Begleiter, einem jungen Deputy, aus dem Wagen. Sie warfen sich über die Motorhaube einen kurzen Blick zu, ehe sie auf das Gebäude zu marschierten. Etwas abseits stand eine Gruppe von Farmern, die wild untereinander diskutierten.
Binford wusste, dass einer von ihnen – Fuller – bereits um zehn Uhr auf der Wache angerufen hatte, um ›unseliges Treiben‹ bei Jacob Rawley zu melden. Der diensthabende Deputy hatte den besorgten Nachbarn wenigstens etwas beruhigen können.
Aber anscheinend hatte Rawley es dann noch ärger getrieben. Fuller hatte sich erneut gemeldet und damit gedroht, den ›Sauladen‹ mit einigen Freunden auseinander zu nehmen. Das war gegen halb eins mitten in der Nacht gewesen. Inzwischen war es zwei Uhr.
Thomas Binford stiefelte auf die Scheunentür zu und achtete nicht auf die Rufe aus der Gruppe der wartenden Männer. Natürlich wollten sie wissen, was drinnen los war, aber er war nicht gewillt, ihnen dies zu sagen, bevor er sich nicht selbst ein Bild verschafft hatte. ›Uncle T‹, wie er auch genannt wurde, schickte den Deputy in seiner Begleitung zu den Farmern rüber, damit dieser die Gemüter etwas beruhigen konnte.
Binford selbst zog den einen Flügel des Scheunentors etwas auf und trat ein.
Es stank wie in einem Schlachthaus.
Der Sheriff des Harris County hielt sich die Hand vor die untere Hälfte des Gesichts, deckte Mund und Nase ab. Mehrere Einsatzkräfte bewegten sich im Raum und waren allesamt käsig im Gesicht. Einer von ihnen stützte sich an der Scheunenwand ab und würgte, ohne erbrechen zu können. Nur Speichel und bittere Galle tropften zäh aus seinem Mund.
Binford holte ein großes Taschentuch hervor und band es sich über die untere Gesichtspartie. Die meisten der Polizisten hatten sich ähnlich beholfen – auch wenn es nicht wirklich gegen den penetranten Gestank von Blut und Fäkalien half.
Der Anblick selbst war entsetzlich und reichte aus, jedem Betrachter den Magen umzudrehen. Selbst über Kopfhöhe befanden sich an den Wänden in einem wirren Muster rotglänzende Spuren, die langsam eintrockneten. Über den Boden verteilt lagen abgerissene Körperglieder in dunklen Lachen – der fest gestampfte lehmige Untergrund sog das Blut nur langsam auf. Zerfetzte Leiber, in welche Richtung Binford auch sah, bleich schimmernde zersplitterte Knochenstücke, die aus kaum noch definierbaren Fleischbrocken stachen...
Die Eindrücke waren so unfassbar, dass die Sinne schlichtweg überreizt wurden. Es gelang Binford kaum, sich auf ein Detail zu konzentrieren – und darüber war er gar nicht so unfroh.
Ein Deputy in seiner Nähe sagte gerade zu einem Kollegen:
»Ich glaube, das gehört zusammen.«
Uncle T’s Blick folgte der ausgestreckten Hand des Mannes zu einem Paar Beinen, die in der Nähe eines selbst gezimmerten Altars lagen. Von den Hüften weg führte eine fast vier Meter lange Spur von Gedärmen und Eingeweiden zum ausgehöhlten Oberkörper mit aufgesprengtem Brustkorb. Bleich stachen mehrere gebrochene Rippen durch zerrissenes Fleisch in die Höhe. Die Haut des Gesichts war nach oben hin weggezogen worden und lag wie ein feuchter, blutiger Lappen neben dem Schädel.
Binford unterdrückte das würgende Gefühl in seiner Kehle, so gut es ging.
Der aufgebotene Arzt trat zu ihm. Er war einen Kopf kleiner als der Sheriff, ein Mittfünfziger mit ergrautem Haarkranz. Schweiß glänzte auf seiner kahlen Stirn. Die Augen hinter den kleinen runden Brillengläsern spiegelten sein Unverständnis über die grausame Tat wieder.
»Hallo, Sheriff.«
»Howdy, Doc Haligan. Schöne Bescherung, was?«
Der Doktor nickte. Seine Stimme klang müde und erschöpft.
»Ich weiß gar nicht, warum Sie mich aus dem Bett geholt haben. Hier ist Niemandem mehr zu helfen. Der – oder die – Mörder haben ganze Arbeit geleistet.«
Binford nickte.
»Wie viele Opfer haben wir?«
Der Arzt zuckte mit den Schultern.
»Bis jetzt kann ich nur schätzen. Abgesehen von dem Negermädchen auf dem Altar sind sämtliche Leichen verstümmelt.«
Binford nickte erneut. Er beobachtete einen der Männer, der die Leiter hoch stieg, welche auf den Zwischenboden führte, der ungefähr bis in die Hälfte der Scheune reichte.
»Etwas mehr als ein Dutzend, würde ich meinen. Schwer zu sagen, da fast alle Körper zerstückelt sind. Mein Gott, man könnte meinen, ein Rudel Bären hätte hier gewütet.«
Der Sheriff grinste, wenn auch nicht gerade fröhlich.
»Bären sind in der Regel Einzelgänger. Und ein Tier – oder mehrere Tiere – würden kaum nur so zum Spaß töten. Und genau danach sieht es mir hier aus.
Schon jemanden identifiziert?«, wechselte Binford das Thema.
»Ja. Elisabeth Tweed. Lester Miller. Paul Foster jr. Ihre Gesichter«, bei diesen Worten schauderte der Arzt, »sind zum großen Teil erhalten geblieben. Und der Besitzer der Scheune. Jacob Rawley.«
Er deutete zur Wand in der Nähe des Altars. Der Sheriff ging hin und zog Haligan am Ärmel mit sich.
Rawleys Mörder hatte dem Farmer mit Wucht eine Forke in den Oberkörper gerammt und ihn regelrecht an die Wand genagelt. Dabei waren wohl auch einige Rippen zu Bruch gegangen, denn Jacobs Brust sah merkwürdig gequetscht aus. Der Tote hing in den Knien leicht durch, seine Füße berührten den Boden. Die Augen waren weit aufgerissen.
Die untere Partie des Gesichts bot einen grässlichen Anblick: der Unterkiefer fehlte, und Fleisch und Haut hingen in Fetzen über den oberen Teil des Gebisses. Das Hemd hatte das heraus sprudelnde Blut aufgesogen und hing nun schwer und feucht am Körper.
Thomas sah Haligan an. Dieser deutete mit dem Kinn Richtung Boden: etwa einen halben Meter vom Körper entfernt lag der andere Teil des Gebisses, wie achtlos hingeworfen. Die kleinen, schief stehenden und schlecht gepflegten Zähne waren blutverschmiert, der rechte Gelenkknochen geborsten.
»Was für eine Bestie tut so was, Doc?«, fragte Binford. Der Arzt zuckte mit den Schultern.
Staub und Holzspäne rieselten durch die Ritzen in den Brettern des Zwischenbodens. Uncle T blickte hoch und sprach dann einen in der Nähe stehenden Deputy an.
»Wer ist da oben, Miller?«
»Henson, Sheriff.«
»Alleine?«
»Ich glaube ja.«
»Schicken Sie noch zwei Leute hoch!«
Sheriff Thomas Abner Binford hatte John Henson dabei beobachtet, wie dieser die Leiter hoch gestiegen war – aber weder Uncle T noch der Beamte hatten einen Gedanken daran verschwendet, dass sich der Mörder unter Umständen auf dem Zwischenboden verstecken könnte.
So war Henson ohne Begleitung auf der Suche nach weiteren Spuren. Tatsächlich hatten sich auch an den Holmen und Sprossen Blutflecken befunden, ebenso im Bereich um das obere Ende der Leiter – jedoch weit spärlicher als unten im großen Raum.
Johns schwache Taschenlampe reichte nicht aus, die dunklen Ecken auszuleuchten. Dennoch entfernte er sich vom Rand des Zwischenbodens und damit auch von dem von unten herauf dringenden Licht.
Als er diesen Umstand bemerkte und ihm langsam doch ein wenig mulmig zumute wurde, befand er sich bereits in der Mitte des abgeteilten Raumes. Links und rechts von sich konnte er die schrägen Wände nur erahnen.
Als er seine Taschenlampe im Halbkreis schwenkte, riss ihr Lichtkegel mehrere Strohballen aus der Dunkelheit, die ohne besondere Ordnung herumlagen.
Henson scharrte unruhig mit den Füßen. Unter sich hörte er die Stimmen seiner Kollegen, und das gab ihm wieder ein wenig Mut – außerdem wollte er nicht als Schisser dastehen, der sich nicht getraut hatte, alleine das obere Stockwerk zu untersuchen.
Er richtete das Licht wieder auf den Boden und suchte weiter nach Spuren, umrundete dabei mehrere übereinander getürmte Ballen – und blieb abrupt stehen.
Er hatte noch einen Toten entdeckt!
Der Schein von Johns Taschenlampe wanderte langsam über den splitternackten bleichen Körper, auf dem das verschmierte Blut dunkle Spuren zeichnete. Der Deputy schluckte hart.
Der junge Mann mit den etwas länger gehaltenen hellbraunen Haaren hing schräg in der Luft: Seine Hände lagen flach auf dem Boden, etwa einen Meter auseinander – der Peiniger hatte dem Opfer lange Nägel durch die Handrücken getrieben, wohl, damit sich der Mann nicht zu sehr bewegte oder Gegenwehr leisten konnte.
Um die Fußknöchel war jeweils ein Strick gebunden worden, deren andere Enden um Dachsparren gewickelt worden waren. So war der Unterleib hoch gezogen und die Beine weit gespreizt worden.
John Henson umrundete den Leichnam. Das Licht seiner Funzel fiel auf den Genitalbereich. Der Anus war blutverkrustet, und Henson wurde allein bei dem Anblick und der Vermutung übel, was hier wohl passiert sein mochte.
Während sich unten zwei Männer daran machten, ebenfalls die Leiter hoch zu steigen, entschied sich John, den Toten zu melden, als er plötzlich ein leises Wimmern hörte. Sofort erstarrte er und tastete die Umgebung mit seinem Licht ab. Spielten ihm seine überreizten Sinne einen Streich? Hatte er sich das Geräusch nur eingebildet?
Er lauschte, konzentrierte sich. Die Taschenlampe hielt er nach unten gerichtet – als plötzlich ein Zittern durch den hängenden Körper neben ihm ging und der vermeintliche Tote geräuschvoll, aber gequält, die Luft einsog.
Henson machte einen Riesensatz von dem Mann weg.
»Himmelherrgott nochmal!«, stieß er erschrocken hervor. Sein Herz raste.
»Schnell«, rief er, noch bevor er sich beruhigt hatte, »hier lebt noch einer!«

Houston, Spätsommer 1935 (2 Tage später)

»Wie geht es ihm, Doc?«, fragte Sheriff Binford und verzichtete gleich auf irgendwelche Begrüßungsfloskeln.
Er stand mit Haligan auf dem kahlen, langgezogenen Flur im zweiten Stock des Krankenhauses. Es war früher Abend. Das Tageslicht, welches nur spärlich durch ein schmales Fenster am Ende des Korridors fiel, erzeugte eine eigentümliche, leicht beklemmende Atmosphäre.
Der Arzt zuckte bedauernd mit den Schultern.
»Unverändert, Sheriff. Eliah reagiert zwar darauf, wenn er angesprochen wird, zeigt aber nicht, ob er die Fragen überhaupt versteht. Genau so gut könnten Sie einen weiteren Toten haben.«
Binford schaute Haligan schief an, dann seufzte er.
»Den Witz versteh ich nicht, Doc.«
Den indignierten Blick des Arztes ignorierte er.
»So langsam werde ich wirklich zu alt für diesen Job.
Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen müsste? Außer, dass es ihm die Sprache verschlagen hat und er blind ist?«
Haligan zögerte.
»Raus mit der Sprache, Doc!«
»Das mit den Augen ist seltsam, Sheriff. Es lassen sich keine äußeren Verletzungen feststellen. Es ist, als wäre er über dem Entsetzlichen, das er mit ansehen musste, erblindet.
Und etwas, worauf Sie vielleicht auch noch Rücksicht nehmen sollten: Wie bereits vermutet, wurde er vergewaltigt. Ich weiß nicht, ob es gut ist, ihn darauf anzusprechen.«
Thomas schluckte schwer.
»Okay, Doc. Vielen Dank. Und ich nehm Sie noch mal ins Gebet, wie all meine Leute: Ich will nicht, dass auch nur das kleinste Detail dieses Falles an die Öffentlichkeit gerät. Die Schweinerei, die wir am Hals haben, ist schon groß genug.«
Der Arzt nickte und wandte sich dann ab. Kurz darauf stand der Sheriff des Harris County alleine auf dem Korridor. Es war eigentümlich still in diesem Teil des Krankenhauses – keine Stimmen waren zu hören, kein Klappern von Schuhen oder irgendwelchen Gerätschaften. Binford nahm sich die Zeit, seine Gedanken zu sammeln.
Erst nach einigen Minuten betrat der Sternträger das Zimmer, in dem der junge Porter lag. Der 20jährige war bis zum Hals zugedeckt. Das einst attraktive Gesicht war eingefallen und bleich.
Auf einem Tischchen neben dem Bett stand eine Vase mit Blumen – wahrscheinlich hatte die eine Krankenschwester hin gestellt. Eliah hatte keine näheren Verwandten, abgesehen von einem Onkel, bei dem er lebte und dem er auf dem Hof half. Der Farmer war über den Zustand des jungen Mannes informiert worden, hatte bisher aber keine Zeit gefunden (oder finden wollen), um seinen Neffen zu besuchen.
»Eliah, Junge. Kannst du mich hören?«
Im Gesicht des jungen Mannes regte sich nichts. Binford atmete tief durch. Hatte ihn Porter überhaupt gehört? Die Augen waren jedenfalls offen und stierten zur Decke.
Der Sheriff wollte bereits erneut zum Sprechen ansetzen, als der Verletzte den Kopf zur Seite sinken ließ. Die blinden Pupillen richteten sich auf Binford und schienen ihn eingehend zu mustern. Ein leichter Schauder überlief den Rücken des Sheriffs.
Er beugte sich vor und senkte unwillkürlich die Stimme:
»Hör zu, Eliah. Ich weiß, dass du Schreckliches erlebt hast. Hilf mir, dieses kranke Schwein zu finden, welches das Blutbad in Rawleys Scheune angerichtet hat!«
Die erloschenen Augen blickten ihn ausdruckslos an. Und dennoch schien darin eine stumme Anklage zu liegen.
Das Licht der Glühlampe flackerte für einen kurzen Moment, und Binford wurde abgelenkt. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, auf der sich Schweißtropfen gebildet hatten.
Und zuckte heftig zusammen, als ein Deputy an die Tür klopfte und unaufgefordert eintrat.
»Sheriff«, begrüßte er seinen Vorgesetzten und tippte dabei mit dem Finger gegen seinen Hut.
»Myers«, antwortete dieser ungehalten. »Was gibt’s?«
»Wir haben eine Vermisstenmeldung, Sir.«
»Kann sich niemand anders darum kümmern? Ich hab momentan bereits alle Hände voll zu tun mit dem Rawley-Fall.«
»Gerade deshalb dürfte Sie das brennend interessieren, Sheriff«, fuhr Myers unbeeindruckt fort. »Es handelt sich um Sally Decker.«
Binford starrte den Deputy verständnislos an, und dieser wurde jetzt doch ein wenig unsicher.
»Ähm ... sie war öfters mit Porter zusammen, und die beiden hatten wohl auch was laufen. Und sie wurde vorgestern das letzte Mal gesehen – zusammen mit Porter.«
Binford schoss hoch. Seine Hände fuhren aufgeregt durch die Luft.
»Warum sagst du mir das nicht vorher? Ich will, dass das Mädchen gefunden wird. Um jeden verdammten Preis!«
Myers zuckte ob der heftigen Reaktion Binfords zurück.
»Ja, Sir!«, brachte er hervor und eilte aus dem Zimmer, gefolgt vom Sheriff.
Keiner der Beiden bemerkte weder die angespannten Züge Porters, noch, wie sich seine Finger in den Bettüberzug verkrallten.

Wills Point, 7. Februar 1967, um 16:00

Claire und Dan hatten die Abfahrt von Porters Limousine um gut eine Viertelstunde verpasst. Wohl bemerkten sie kurz nach ihrer Ankunft bei Porters Anwesen, wie ein Wagen ganz in der Nähe hielt – aber ihr Versteck war nicht günstig genug gelegen, um Details zu erkennen. Sie hörten eine Autotür schlagen, maßen dem Zwischenfall aber keine besondere Bedeutung bei. Sie blieben auf ihrem Beobachtungsposten und behielten vor allem den Eingang im Blickfeld.
Den Weg hatten sie zu Fuß auf sich genommen. Für einen Mietwagen reichte ihr Geld nicht aus, außerdem war ihnen das zu auffällig vorgekommen. Stattdessen hatten sie sich in einiger Entfernung der Straße fortbewegt, bis sie das Haus erblickt hatten, und sich erst dann genähert.
Die Zeit verstrich, ohne dass sich um das Haus etwas rührte. Erst einige Minuten nach 15 Uhr tat sich was. Ein Wagen näherte sich dem Anwesen, dessen blaue Farbe unter einer Schicht aus Staub kaum mehr auszumachen war. Das Vehikel hielt an und spuckte einen ziemlich lädiert drein sehenden Mann aus, der dem gleich darauf weiterbrausenden Wagen nachwinkte und sich dann hinkend ins Haus begab.
Und wieder warteten sie ab und observierten. Die Zeit floss träge dahin – insbesondere, da sich beim Gebäude immer noch nichts tat. Dan wurde zusehends unruhiger. Bis er es, kurz vor 16 Uhr, nicht mehr aushielt.
»Na gut«, murrte er, und stand auf. Claire schaute fragend zu ihm hoch.
»Was ist?«
»Mir langt’s. Weiß der Teufel, wann Sanfold hier auftaucht. Wenn er überhaupt kommt und nicht bereits hat, was er will. Lass uns in das Haus gehen und nachschauen, was wir so finden.«
»Ich halte das für keine gute Idee.«
Dan grinste fies.
»Es ist die beste, die ich momentan grad auf Lager hab.«
»Und wie willst du’s anstellen? Hingehen, klingeln und sagen: ›Leute, tut mir leid, da ist so ein verrückter Professor, der durch die Zeit reist und euch was stehlen will – wir wissen zwar nicht genau was, aber, so nebenbei: wir kommen auch aus einer andern Zeit und wollen die Welt retten‹?«
»Spar dir deinen Sarkasmus. Wenn dir was Besseres einfällt, hab ich ein offenes Ohr dafür. Aber nur hier rumhocken und warten macht mich ganz verrückt.«
Claire seufzte und verdrehte die Augen.
»Na gut. Und wie genau willst du’s nun anstellen?«
Simon zuckte mit den Schultern und sagte in beiläufigem Ton, als rede er übers Wetter:
»Das alte Indianer-Spiel. Anschleichen, zuschlagen, abhauen.«
Claire sah ihn zweifelnd an.
»Guck nicht so! Was für Alternativen haben wir denn? Vielleicht schaffen wir es endlich mal, Sanfold ein paar Züge voraus zu sein.«
»Ich weiß nicht recht.«
»Was haben wir denn schon zu befürchten? Im Haus befinden sich höchstens ein paar Mädels, und – wenn ich richtig vermute – dieser Cavanaugh, den wir vorhin etwas lädiert ins Haus haben humpeln sehen. Und selbst wenn es ein Kumpel ist, haben wir’s dann höchstens mit drei Männern zu tun. Und Porter ist blind. Wir können sie also mit Sicherheit mit unseren Waffen in Schach halten.«
Er sah, dass er Claire immer noch nicht überzeugt hatte. Aber da ihr selbst ein guter Plan fehlte, stand sie nun ebenfalls auf.
»Also gut. Aber wir gehen keine unnötigen Risiken ein.«
Sie überquerten die Straße und näherten sich dem Grundstück.

Das Anwesen wurde von einer etwa 2,5 Meter hohen Mauer umfriedet. Als sie in deren Schutz standen, brachte Claire erneut Zweifel vor.
»Verdammt, Dan, wir sind wie die Hasen über die Straße gelaufen. Wenn jemand aus dem Fenster geschaut hat, sind wir mit Sicherheit schon aufgefallen.«
Der Sportstudent zuckte bloß mit den Schultern und meinte grinsend:
»No risk, no fun.«
Seine Gefährtin fand das alles andere als lustig und fauchte:
»Wir sind aber nicht zum Spaß hier. Können wir nicht wenigstens warten, bis es dunkel ist?«
Dans Miene wurde ernst.
»Süße, ob du’s glaubst oder nicht – aber meine Intuition sagt mir, dass uns die Zeit davon läuft. Ich hab kein gutes Gefühl bei der Sache, wenn wir bloß abwarten. Ich kann’s dir auch nicht erklären, aber irgendwas treibt mich regelrecht dazu, ins Haus zu gelangen. Ob mit dir oder ohne dich.«
Diese Aussage verschlug Claire die Sprache, und sie antwortete lediglich mit einem leisen Knirschen der Zähne.
Im Sichtschutz der Mauer begannen sie, das Haus zu umrunden, um einen andern Eingang als das Haupttor zu finden. Claire folgte Dan widerstrebend, während er sich mit beiden Händen an der Mauer entlang tastete. An einigen Stellen war der Verputz abgebröckelt, die Mauersteine waren unregelmäßig groß und schlossen nicht immer sauber gegeneinander ab. Simon schien tatsächlich je länger je hektischer, nervöser zu werden.
Was, zum Teufel, ist bloß los mit ihm?, fragte sich Claire.
An der Mauer, die den rückseitigen Teil des Hauses abgrenzte, fand Dan eine Stelle, an der mehrere Steine heraus gebrochen waren; dadurch waren Griffe und Tritte entstanden, die der Sportstudent zum Hochklettern nutzen konnte. Er grinste Claire breit an.
»Na, siehst du?«
Sprach’s und hatte bereits die Hälfte des Hindernisses hinter sich gebracht.
»Warte«, murmelte Claire, die zwei, drei Schritte von der Mauer weg getreten war. Sie schätzte, dass die Stelle, die Dan benutzte, ziemlich genau in der Mitte lag. Und auf der anderen Seite der Einfriedung, exakt auf gleicher Höhe, befand sich ein Baum, der Hilfe bot, um in den Hof zu kommen.
Claire hatte ein mulmiges Gefühl im Magen; zu viel schien hier wie zufällig am rechten Platz zu sein, zu reibungslos verlief die Aktion.
»Kommst du?«, hörte sie Simon fragen, der bereits oben auf der Mauer stand. Sie seufzte und folgte ihm.
Sie ließen sich auf der anderen Seite der Mauer unter Zuhilfenahme des Baumstammes wieder herunter. Die kahlen, unbelaubten Äste boten kaum Sichtschutz zum Haus hin, und Claire rechnete jederzeit mit einer Entdeckung. Auch die gut fünfzehn Meter, die sie zu überwinden hatten, bevor sie im Schatten der Wand standen, boten keine Deckung.
Und wieder fragte sie sich, wie zum Teufel Dan so ruhig und gelassen bleiben konnten. Ihr Herz schlug heftig gegen die Rippen, als sie sich endlich gegen die Grundmauer lehnen konnte. Simon grinste sie spitzbübisch an, und allein dafür wäre sie ihm am liebsten an die Gurgel gegangen. Für ihren Geschmack gingen sie viel zu große Risiken ein.
Der Sportstudent widmete sich der schmalen Hintertür und probierte die Klinke aus.
»Wir sollten uns das wirklich noch mal überlegen«, zischte Claire.
Aber die Dunkelheit des Flurs auf der anderen Seite der Tür hatte Dan bereits verschluckt. Seine Gefährtin fluchte lautlos vor sich hin. Die Ahnung einer drohenden Gefahr wurde immer stärker in ihr.
Warum, verdammt noch mal, fiel Dan nicht auf, wie leicht ihnen das Eindringen ins Gebäude fiel?

Es war still im Haus. Der schmale Korridor lag verlassen und düster vor ihnen; bedrückendes Zwielicht füllte ihn aus. Staub tanzte vor ihren Augen in der Luft.
»Und was jetzt, du Held?«, murrte Claire flüsternd.
Dan zuckte mit den Schultern
»Wir durchsuchen das Haus, was sonst?«
»Söhnchen, deinen Optimismus möchte ich haben. Und was, wenn wir auf Widerstand stoßen?«
Simon zog – grinsend wie ein kleiner Junge – seinen Revolver.
»Wir haben doch schlagkräftige Argumente.«
Claire Bancroft seufzte ergeben. War das nun Macho-Gehabe, Draufgängertum oder schlichtweg nur akut auftretende Blödheit, die von Dan Besitz ergriffen hatte?
Dummerweise hatte sie selbst immer noch keinen besseren Vorschlag – außer, auf ihren Beobachtungsposten zurückzukehren, aber darauf würde sich der Sportstudent wohl kaum einlassen.
Mit grimmiger Miene holte sie ihre eigene Handfeuerwaffe hervor.
»Also gut, machen wir’s auf deine Art. Aber – fürs Protokoll – ich bin nicht damit einverstanden.«
»Zur Kenntnis genommen«, flüsterte Dan und wandte sich dem anderen Ende des Flurs zu. Claire schloss geräuschlos die Hintertür und musste sich dann beeilen, den Anschluss nicht zu verpassen.
Simon hatte sich bereits weiter vorne an der Wand niedergekauert und spähte in die Halle, die sich dem Gang anschloss. Gleich rechts von ihnen führte eine breite mit einem roten Läufer belegte Treppe in die Höhe. Die Wände zu allen Seiten waren schmucklos, kein einziges Bild war aufgehängt. Bei der Möblierung hatte sich der Hausbesitzer ebenfalls kein Bein ausgerissen. An einer Wand stand eine nicht mal hüfthohe Kommode, und damit hatte sich die Ausstattung erschöpft.
Auf der gegenüberliegenden Seite führte ein breiter Flur Richtung Haustür. Und rechts und links zweigten weitere Gänge ab, die vermutlich zu Wohnraum, Küche, Bibliothek und ähnlichen Räumen des gemeinschaftlichen Lebens führten.
»Was nun?«, flüsterte Claire, nachdem sie neben Dan in die Knie gegangen war. »Wo fangen wir mit unserer Suche an? Und was suchen wir überhaupt?«
»Nach etwas, das in diesem Haus versteckt ist und an dem Sanfold Interesse haben könnte. Erfahrungsgemäß ist das ein Gegenstand, möglicherweise der Stein der Weisen selbst. Vielleicht aber auch nur ein Buch, ein Hinweis.«
Claire verdrehte die Augen. »Selbst wenn wir exakt wüssten, was der beknackte Professor sucht, würden wir wahrscheinlich Stunden danach suchen müssen.«
Dan schüttelte den Kopf.
»Nicht, wenn wir systematisch vorgehen. Lass uns erst im Keller nachsehen. Da versteckt man doch am ehesten ›Leichen‹.«
»Warum bloß jagt mir dieses Wort Schauder über den Rücken ...«, murmelte Claire.
Aber Dan war bereits aufgestanden, hatte sich ein wenig vorgeschoben und schaute die breite Treppe hoch. Dann huschte er auf die andere Seite. Bancroft folgte ihm, ebenfalls in die Höhe guckend und rechnete voller Überzeugung damit, dass dort jeden Moment jemand auftauchen würde. Aber nichts dergleichen geschah. Sie waren nach wie vor ungestört.
In der zurückgesetzten Wand auf der anderen Seite war eine schmale, niedrige Tür eingelassen, die jedoch einen stabilen und schweren Eindruck machte. Sie hatte keine Klinke, aber ein kompliziert aussehendes Schloss. In die eisernen Beschläge waren engel- und dämonenhafte Gestalten ziseliert, sowie mehrere kabbalistisch anmutende Zeichen.
Dan sah Claire bedeutungsvoll an.
»Na, wer sagt’s denn?«
»Und jetzt? Willst du sie aufbrechen?«
Der Sportstudent schüttelte den Kopf.
»Wir suchen den Schlüssel. Und wenn wir die Bewohner zusammentreiben müssen. Wäre doch gelacht, wenn wir es dieses Mal nicht schaffen, Sanfold zuvorzukommen.«
Sprach’s, und war bereits auf dem Weg zu dem auf ihrer Seite abzweigenden Gang. Claire machte erneut die Nachhut, wenn auch immer noch zähneknirschend.
Simon wollte die erste, offen stehende Tür passieren, blieb dann aber abrupt stehen. Claire konnte nur sein Profil sehen; sein Mund klappte auf, seine Augen wurden groß. Die Geschichtsstudentin versuchte, in eine bessere Position zu geraten, um ebenfalls einen Blick in den Raum hinter der Tür zu erhaschen.
Und verstand sofort Dans Faszination, auch wenn sie ihm dafür am Liebsten in den Hintern getreten hätte.
Sie konnte an ihm vorbei in den Salon sehen. Im Gegensatz zur Halle war er mit teuren Möbeln ausgestattet – soweit Claire das beurteilen konnte. Ihr Augenmerk wurde schnell auf den großen bequemen Sessel gezogen, der gut sichtbar in ihrem Blickfeld stand.
In der Sitzgelegenheit räkelte sich ein Mädchen, etwa in Claires Alter, mit langen rotblonden Haaren. Sie war splitternackt, die Beine hatte sie gespreizt und über die Lehnen gelegt. Ihre rechte Hand rieb langsam und genießerisch zwischen ihren Schenkeln. Ihre üppigen Brüste hoben und senkten sich bei den schweren Atemzügen, die Augen hatte sie geschlossen; ein entrückter Ausdruck lag auf ihren Gesichtszügen.
Verärgert bemerkte Claire das debil wirkende Grinsen in Dans Gesicht. Sie hob ihre Waffe und zielte damit auf die junge Frau.
Simon bemerkte es. Seine Hand schoss vor. Er umklammerte mit schmerzhaftem Griff ihr Handgelenk, sein Mund formte die Worte: Was soll das?
Für einen Moment waren sie beide abgelenkt, und keiner von ihnen bemerkte, wie das Mädchen im Salon die Augen öffnete. Ein böses Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht, als sie die beiden Fremden sah, und ihre Zunge huschte über die vollen Lippen. Sie beendete ihr frivoles Spielchen.
Dan Simon fiel die Bewegung aus dem Augenwinkel auf. Als er sich umdrehte, war es bereits zu spät, und ein weicher warmer Körper prallte gegen ihn und riss ihn von den Füßen. Der Revolver fiel polternd zu Boden, als er in einem versuchte, das Gleichgewicht zu behalten und die Rotblonde abzuwehren – beides vergebens. Claire schrie vor Überraschung auf.
Hart prallte Dan auf dem Boden auf und kämpfte gegen die Benommenheit an. Das nackte Mädchen schnappte nach ihm, und mit Entsetzen registrierte der Zeitreisende ihre scharfen, angefeilten Zähne – und den wild entschlossenen Ausdruck in ihren Augen, diese auch todbringend einzusetzen.
In letzter Sekunde, bevor sie ihre Beißerchen in seine rechte Wange setzen und ihm das Fleisch vom Knochen reißen konnte, brachte er seine linke Handfläche unter das zierliche Kinn und konnte ihren Kopf nach oben drücken.
»Claire!«, keuchte er. »Hilf mir!«
Seine Angreiferin löste ihre in seine Kleidung verkrallten Finger und legte die Hände gegen seinen Kopf. Soviel Kraft hätte er den zarten Händen gar nicht zugetraut – aber der Druck auf seine Schläfen wurde stärker, vor seinen Augen verschwamm alles. Sie versuchte immer noch, in eine Position zu kommen, um ihn zu beißen.
Claire brauchte mehrere Sekunden, um den Schrecken zu verdauen, obwohl sie auf Burg Rauenfels auch ein Reaktionstraining absolviert hatten. Und bevor sie handeln konnte, fühlte sie plötzlich die linke Hand der Rotblonden, die sich von Dans Kopf gelöst hatte und nach ihrem Schienbein griff.
Ein kurzer, schneller Ruck, und auch sie verlor das Gleichgewicht und landete auf dem Hintern. Aber der aufflammende Schmerz weckte ihre Instinkte, und sie handelte. Im Gegensatz zu Dan hatte sie den Griff um ihre Waffe nicht gelockert – sie lag noch immer in ihrer Hand.
Sie nahm sich nicht die Zeit zum Zielen. Ohrenbetäubend krachte der Schuss.
Die Kugel durchschlug das Stirnbein oberhalb des linken Auges. Die rechte Seite des Schädels schien regelrecht zu explodieren. Die Wucht des Geschosses riss mehrere Knochenfragmente aus dem Schädel, die in einem Regen aus Blut, Stücken von Gehirnmasse und Hautfetzen mit rotblonden Haarbüscheln gegen Wand und Boden klatschten. Wie in Zeitlupe sank der Körper des Mädchens in sich zusammen und glitt seitlich von Dans Körper.
Der Revolver entfiel Claires Hand. Sie würgte und kämpfte gegen die Übelkeit an. Sie waren früher schon in Situationen geraten, in denen sie ihr Leben verteidigen und auch Menschen hatten töten müssen – aber die Vehemenz, mit der sie eben das Licht der nackten jungen Frau ausgelöscht hatte, machte ihr dennoch zu schaffen.
Wie durch Watte vernahm sie Dans hektisches Atmen. Sie musste sich zwingen, aufzustehen – der Schuss war bestimmt nicht unbemerkt geblieben. Aber ihr Blick war starr auf den toten, noch immer warmen Körper gerichtet, auf das lange Haar, welches sanft über Simons Brust fiel; als würde die junge Frau bloß erschöpft auf Claires Gefährten liegen.
Ihr Blick fiel auf Dan, der sich endlich regte und versuchte, die Tote von sich zu drücken. Claire kam auf die Knie, um ihm zu helfen.
»Wir sollten ...«, begann sie.
Dann zuckte ein kurzer scharfer Schmerz durch ihren Kopf, und es wurde dunkel um sie.

Zeitlich nicht genau zuordnungsbare Erinnerung Eliah Porters
(annähernd 1953/54)

Eliah Porter hatte Sally Decker nie ganz vergessen können. Über die Jahre hinweg hatte er immer wieder Versuche unternommen, sie zu finden. Was ihm aufgrund seiner Blindheit nicht leicht gefallen war – immerhin hatte die Polizei ebenfalls keinen Erfolg vorweisen können. Eine ernsthafte Suche über einen Privatdetektiv hatte er sich denn finanziell auch nicht leisten können.
Im Jahre 1952, nach der Beschwörung von Scotus’ Geist, hatte sich die Situation geändert. Zwei Tage nach der Seance wurde er von einem äußerst intensiven Traum heimgesucht, der sich um Sally drehte.
Dank seiner erfolgreichen Tätigkeit als Medium konnte er nun einen der besten Privatdetektive New Yorks engagieren und auf Sallys Spur ansetzen. Leider vergeblich – Wochen zogen ins Land, Monate, ohne dass der Mann eine brauchbare Fährte fand. Es schien tatsächlich, als sei seine ehemalige Freundin vom Erdboden verschluckt worden.
Immerhin konnte Porter sicher sein, dass der Mann über den Rawley-Vorfall (über den er naturgemäß gestolpert war) Schweigen bewahren würde.
Es war im Winter 53/54, als er einer Eingebung folgend nach einer nicht so erfolgreichen Sitzung nicht den Weg nach Hause einschlug – zu jener Zeit noch eine schäbige kleine Dachkammer mit zwei Zimmern und einer engen Küche.
Es hatte am frühen Abend geschneit, und eine weiche weiße Schicht hatte sich über die Stadt gelegt. Die Nacht war klar und kalt. Eliah Porter hatte einen Mantel übergeworfen und die Hände in die Taschen gesteckt. Er lauschte den knirschenden Schritten von Carl Leigh, einem Teilnehmer der Seance, der sich anerboten hatte, ihn den kurzen Weg vom Sitzungsort nach Hause zu begleiten. Ein Angebot, das Porter als Blinder in der Millionenstadt nur zu gerne annahm.
Sie hatten ungefähr die Hälfte des Weges hinter sich gebracht, als Eliah plötzlich stehen blieb. Leigh folgte gezwungenermaßen seinem Beispiel.
»Was ist?«, fragte der hochgewachsene Mann mit dem sandblonden Haar. Porter blickte kurz in seine Richtung und wandte seine Aufmerksamkeit dann wieder der Straße zu, die zwischen den Häuserschluchten nach Westen führte.
»Ich weiß nicht«, murmelte er. »Da ist irgendwas ...«
Er bemerkte die Nervosität Leighs, der zum Einen aus der Kälte in die warme Stube wollte, dessen Neugier zum Andern jetzt geweckt wurde.
»Was denn?«
»Ich ... ich muss nachsehen. Dieser Drang ...«
Leigh wusste, wie begnadet Eliah als Medium war. Deshalb fiel ihm der Entschluss nicht allzu schwer – kalte Winternacht hin oder her.
»Geben Sie ihm nach. Ich bleibe bei Ihnen.«
Porter nickte abwesend und überquerte dann die Straße, Carl an seiner Seite.
Sie brauchten eine Viertelstunde, bis sie an eine schmale Gasse kamen, wo der Blinde stehen blieb. Eine dumpfe, unbestimmte Furcht zeigte sich auf seinen Zügen.
»Es ist kalt hier, Carl.«
Leigh blickte in die Gasse – aber es war zu dunkel, um Genaueres zu erkennen. Auf beiden Seiten standen vermodernde Möbelstücke, lagen Stoffreste und Kleider in buntem Farbengewirr aufgehäuft, jetzt in der Nacht nur schemenhaft und in Grautönen vor ihren Augen.
»Was wollen wir hier?«, fragte Leigh, die Stimme zu einem Flüstern senkend.
»Es ist da drin«, antwortete Porter, ebenfalls leise, und deutete mit dem Kinn in Richtung Gasse.
Die beiden Männer atmeten tief durch und nahmen allen Mut zusammen, um die Gasse, welche diese eigenartige Stimmung von etwas Unheimlichem, Drohendem in ihnen erweckte, zu betreten.
Es lag nur wenig Schnee in der Mitte des Durchgangs, in dem sie ihre Spuren hinterließen. Sie brauchten nur wenige Meter zu gehen.
Eliah hörte das leise Rascheln zuerst.
»Da.« Seine Stimme war nicht mehr als ein Hauch. Die beiden Männer blieben stehen.
In einer frei gebliebenen Nische zwischen dem gestapelten vergammelnden Holz bewegte sich eine Gestalt, mit langen verfilzten Haaren und in mehrere Schichten von Lumpen gehüllt. Es schien, als wolle sie vor den beiden Männern zurückweichen, aber in ihrem Rücken befand sich bereits die Wand.
Eliah fasste sich ein Herz, trat noch einen Schritt vor und ging in die Hocke. Leigh beobachtete ihn und das weitere Geschehen gespannt.
Die in die Enge getriebene Gestalt hob den Kopf. Sie schien vorhin den Atem angehalten zu haben – nun ging er wieder schwer, keuchend und rasselnd. Allein das Zuhören schmerzte. Das Gesicht war schmutzig und eingefallen, die Augen lagen tief in den Höhlen und blickten verängstigt.
Porter, vor dessen innerem Auge ein ungefähres Bild erschien, konnte die Person vor allem riechen: es musste lange her sein, dass sie Wasser und Seife gesehen hatte. Er sog scharf die Luft ein. Aber sie war eindeutig weiblich. Und da war irgendwas ... Vertrautes?
Sein Herz begann schneller zu schlagen.
»Sally?«
Konnte es wirklich sein? Oder narrten ihn bloß seine Wunschvorstellungen?
Er spürte, wie die verwahrloste Frau zu zittern begann. Ein heiseres Krächzen entrang sich ihrer Kehle, aber er konnte nicht verstehen, was sie sagen wollte.
»Sally – ich bin’s, Eliah. Erinnerst du dich an mich?«
Ihr angestrengtes Keuchen wurde für Augenblicke weicher, ging fast zu normaler Atmung über. Dürre, welke Finger legten sich sachte auf seine Wange.
»Eliah ... Eliah Porter ...«, wehte das sanfte Flüstern ihrer Stimme an seine Ohren. Für Augenblicke sah er sie vor sich, wie er sie in Erinnerung hatte, wie vor zwanzig Jahren: Hübsch, fröhlich, mit leuchtenden blauen Augen und glänzendem blondem Haar.
Und konnte die Tränen erahnen, die nun über ihre Wangen rannen.
Er hatte eine Sterbende vor sich.
Leigh übernahm die Arbeit, Sally Decker in Porters Wohnung zu tragen. Sie war nur noch Haut und Knochen und hatte kaum noch Gewicht. Eliah erzählte Carl nur so viel wie nötig, nämlich, dass Sally eine Freundin aus vergangenen Zeiten war.
Leigh legte die Kranke in Porters Bett, und der Blinde kümmerte sich um sie, nachdem er Carl mit gebührendem Dank verabschiedet hatte.
Sallys Ringen mit dem Tode dauerte bis kurz nach Mitternacht. Als sie ihren letzten Atemzug tat, weinte Porter seit vielen Jahren wieder das erste Mal. Möglicherweise war sein Gebrechen an diesem Abend sogar ein Segen – so sah er seine einstige Liebe immer noch wie damals, bevor die Sache in Rawleys Scheune passiert war, und nicht als verhärmte und vom Schicksal gezeichnete Obdachlose.
Er hielt an ihrer Seite Wache bis in die frühen Morgenstunden.
Und wusste dann auch, was noch zu tun war.

Wills Point, 7. Februar 1967, fortgeschrittener Abend

Dan Simon stöhnte, als er wieder zu sich kam. Ein dumpfer pochender Schmerz erfüllte seinen Schädel. Er hielt die Augen noch geschlossen. Sein Körper schwankte leicht, und ihm war schwindlig und übel. Auf seinen Armen war ein unangenehmer Zug, und seine Handgelenke brannten. Seine Hände ...
Sie fühlten sich seltsam taub an. Panik ergriff ihn, und er riss die Augen auf – und zerrte zugleich an seinen Fesseln, was wieder scharfe Schmerzen an seinen Handgelenken hervorrief. Grelle Blitze zuckten in seinem Kopf auf, und einen Moment lang drohte ihm schwarz vor Augen zu werden. Bitterer Speichel lief aus seinem Mundwinkel.
Er konnte ihn nicht abwischen. Seine Hände waren gefesselt, die Schnüre liefen zur Decke, wo sie an Haken festgezurrt waren. Ihre Länge ermöglichte es ihm gerade, mit gestrecktem Körper auf den Füßen zu stehen.
Nur langsam schaffte er es, sich auf seine Umgebung zu konzentrieren. Langsam konnte er auch die Geräusche zuordnen: Stöhnen und schweres Atmen mehrerer Personen, jetzt auch ein leises Lachen.
»Seht, unser Gast ist wach«, sprach eine männliche Stimme. Dan antwortete mit einem Ächzen.
Er befand sich in einem großen Zimmer. Zu seiner Linken befand sich ein Kamin, in dem ein Feuer brannte, dessen warmer Schein die einzige Lichtquelle im Raum war. Auf der anderen Seite des großen Fensters lauerte die Dunkelheit der Nacht – er fragte sich, wie lange er bewusstlos gewesen war, aber man hatte ihm alles abgenommen: das Armband, die Kleider ... Splitternackt hing er in seinen Fesseln.
Genauso nackt waren die drei Gestalten auf dem geräumigen Himmelbett. Der Mann war ein Hüne, etwa um die dreißig, und sah sehr sportlich aus – wenn auch momentan ein wenig lädiert. Auf seiner Stirn klebte ein großes Heftpflaster.
Er hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt und genoss ganz offensichtlich die Aufmerksamkeit, welche die beiden Schönheiten zu beiden Seiten seinem erigierten Glied widmeten, die Blonde mit der Hand, die Brünette mit ihrem Mund.
Dan senkte den Blick.
»Entschuldigt, meine Süßen«, hörte er den Mann sagen, der niemand anders als William Cavanaugh war und nun über die Wangen der beiden Mädchen strich und sich dann aufrichtete. Die Brünette machte – wenn auch schmollend – Platz, damit er die Beine aus dem Bett schwingen und aufstehen konnte.
Langsam kam er auf Dan zu und umrundete ihn, bis er leicht seitlich rechts hinter dem Sportstudenten stand. Simon konnte den Schweiß und den Sex riechen – intensiv genug, als hätten die drei sich schon mehrere Stunden dem Liebesspiel hingegeben. Er versuchte, möglichst flach zu atmen.
Er hätte den Kopf wenden müssen, um Cavanaugh zu sehen. Aber es reichte ihm bereits, dessen unmittelbare Nähe zu spüren. Dass sie beide nackt waren, irritierte ihn und ließ ihn keinen klaren Gedanken fassen.
Warm hauchte es in seinen Nacken, als William sprach:
»Nun, mein Bester, hast du mir nichts zu sagen?«
Dan schüttelte den Kopf.
»Du hältst dich widerrechtlich in diesem Haus auf. Und ihr habt eine Bewohnerin erschossen, du und deine kleine Freundin.«
»Claire ...«, stöhnte Simon.
Ein harter Schlag traf ihn ins Kreuz und riss ihn fast von den Füßen. Seine Handgelenke wurden weiter aufgescheuert – der Schmerz brannte wie Feuer.
»Euer Eindringen und der Mord gibt mir jedes Recht, mit euch zu tun, was ich will.«
»Es ... es war Notwehr ...«
Cavanaugh lachte böse.
»Das Mädchen war unbewaffnet.«
Dan presste die Kiefer hart zusammen und schwieg. Er spürte starke Finger, die sich um seinen Nacken legte, fühlte den schweißnassen Körper des anderen nahe an seinem eigenen, spürte die heiße Erektion an seiner Hüfte. Er kämpfte gegen seinen Ekel und die Übelkeit an, wollte sich keine Blöße geben.
»Also«, fuhr Cavanaugh nach einigen Sekunden Schweigens fort. »Was habt ihr hier zu suchen?«
Dan blickte starr auf das Bett, wo die beiden jungen Frauen damit begonnen hatten, sich gegenseitig zu verwöhnen. Die Blicke, die sie ihm zwischendurch zuwarfen, waren voller obszöner Versprechungen. Der Zeitreisende konnte sich noch so sehr dagegen wehren – aber sein eigener Körper reagierte, für alle gut sichtbar.
Auch für William, der ein heiseres Lachen hören ließ.
»Keine Angst, meine Freundinnen werden sich schon noch um dich kümmern. Sie sind ziemlich einfallsreich. Nicht nur, wenn es um die Liebe geht, sondern auch beim Töten.«
Dan schauderte.
»Zurück zum Thema. Was wollt ihr hier? Warum seid ihr eingedrungen?«
Er hielt etwas vor Dans Augen.
»Und was ist das hier? Eine simple Uhr ist es nicht.«
Das Armband!
Was sollte Dan antworten? Die Wahrheit konnte er nicht sagen.
Cavanaugh schien es auch nicht weiter zu kümmern. Das Gerät, mit dem Markus sie auf Rauenfels ausgestattet hatte, flog in hohem Bogen zum Kamin – mitten in die Flammen!
Das Rückrufsignal!, durchschoss es Simon. Wenn Claires Armband ebenfalls zerstört wurde, wie würden sie dann zurückkehren können?
Die Frage war müßig – seine momentane Situation war prekär genug. Erst musste er sich daraus befreien. Aber der Gedanke an seine Gefährtin ließ ihn nach ihr fragen.
»Wo ist Claire?«
»Deine Freundin? Gut verwahrt. Aber keine Sorge, ich werde mich schon noch um sie kümmern. Sie wird ihre Freude daran haben.«
Dan konnte das Grinsen regelrecht hören.
»Na gut, na gut. Ich werde reden. Aber lassen Sie um Himmels Willen Claire in Ruhe.«
Sie hatte in der letzten Zeit genug durchgemacht. Als sie in der Welt von Roger Müller, Xarina und Nadine gelandet waren, hatten sie die Ryks zum Beischlaf gezwungen. Das hatte tiefe Narben in ihrer Seele hinterlassen.
»Wir werden sehen«, war Cavanaughs lapidare Antwort.
»Wir sind auf der Suche nach einem Verbrecher. Sein Name ist Arthur Sanfold. Er ist hinter etwas her, das sich in Mister Porters Besitz befindet.«
Und mit einem Mal war William ganz Ohr und forderte Dan auf, weiter zu erzählen. Der gab so viel preis als nötig – die ganze Geschichte konnte er nicht erzählen, damit würde er wohl auf Unglauben stoßen. Aber Cavanaugh zog bereits die richtigen Schlüsse und brachte Simons Andeutungen mit der Entführung seines Chefs in Verbindung.

Claire kam nur wenige Minuten vor Dan zu sich. Sie lag in einer unbequemen Haltung auf dem Boden, und es war dunkel und kalt. Ihre Zähne klapperten aufeinander, als sie versuchte, sich ein wenig zu strecken und sich aufzusetzen.
Ihre Füße waren gebunden, ihre Hände auf den Rücken gefesselt, was das Unterfangen nicht erleichterte. Dennoch schaffte sie es nach mehreren Versuchen, sich Richtung Wand zu schieben und sich dort hoch zu drücken.
Wer immer sie überwältigt hatte, er hatte ihr nicht die Augen verbunden. Inzwischen hatte sie sich an die sehr schwachen Lichtverhältnisse gewöhnt und vermeinte, die Umrisse eines Fensters sowie einer Tür wahrzunehmen. Möbel schienen sich keine in der Kammer zu befinden, aber mit Gewissheit konnte sie das nicht sagen. Die gegenüberliegende Wand verschwand völlig im Schatten.
Auch auf einen Knebel war verzichtet worden – hier draußen hatte es wohl keinen Sinn, um Hilfe zu schreien. Wer sollte sie schon hören denn die Bewohner des Hauses?
Sie versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Was war passiert? Insbesondere: was war mit Dan geschehen? Hatte man ihn umgebracht? Oder hatte man sie in getrennten Räumen untergebracht?
Denn alles deutete darauf hin, dass sie alleine in dem Zimmer war. Nichtsdestotrotz rief sie nach ihrem Gefährten:
»Dan? Bist du da?«
Angestrengt lauschte sie in die Dunkelheit, aber da war nicht das geringste Geräusch zu hören – abgesehen von denen, die ältere Häuser so von sich geben.
Tränen stiegen ihr in die Augen, die sie nicht unterdrücken konnte. Tränen hilfloser Wut und Hoffnungslosigkeit.
Sie hatte doch gewusst, dass ihr Vorhaben nicht gut gehen konnte! Hätte sie doch nur auf ihre innere Stimme gehört und Dan zurückgehalten. Früher oder später wäre Sanfold bestimmt aufgetaucht, und dann hätten sie ihn überrumpeln können.
Aber nein, sie hatte Dan seine Hauruck-Methode durchziehen lassen. Wusste der Himmel, was nun mit ihnen geschehen würde.
Aber sie wollte nicht so schnell aufgeben, auch wenn sie auf sich allein gestellt war. Sie bewegte vorsichtig die Hände und die Füße. Derjenige, der sie verschnürt hatte, war nicht mit besonderer Sorgfalt vorgegangen. Die Fesseln saßen ziemlich locker. Möglicherweise gingen ihre Widersacher davon aus, dass eine Flucht aus dem Gebäude eh unmöglich war. Oder es würde nicht allzu lange dauern, bis sich jemand um sie kümmern würde.
Sie schöpfte neuen Mut und begann wie besessen, an den Schnüren zu arbeiten.


Wills Point, 7. Februar 1967, nach 22 Uhr

Taylor zog das große schmiedeeiserne Tor wieder zu, nachdem der Ford Galaxie es passiert hatte. Der Wagen kam auf dem kiesbestreuten Platz vor dem Gebäude zum Stehen. William schloss zu seinen Genossen auf, noch bevor diese aus dem Vehikel stiegen.
»Was machen wir mit Porter, Chef?«, fragte McCrery, der noch immer bleich war. Über Stunden hinweg war er Zeuge von Torturen geworden, die er nicht einmal seinen meistgehassten Feinden gewünscht hätte. Sanfold und insbesondere Taylor waren mit äußerster Grausamkeit zu Werke gegangen.
Eliah Porter befand sich auf dem Rücksitz. Es war nicht feststellbar, ob er bei Bewusstsein war oder nicht. Michael konnte sich eh nicht vorstellen, wie ein Mensch die Folter überhaupt überstehen konnte, der Porter ausgesetzt gewesen war.
Der schmächtige Körper war geschunden, von blauen Flecken, Schürf- und Brandwunden übersät. Die zusammengepressten Lippen und das Kinn waren mit verkrustetem Blut bedeckt. Die Kleidung war zerknittert und an verschiedenen Stellen zerrissen. Auch auf dem Stoff hatten sich dunkle Flecken gebildet.
Irgendwann war es Sanfold schließlich gelungen, dem alten Mann das Geheimnis des Pergaments zu entreißen – weder McCrery noch Taylor hatten mitgekriegt, wie das passiert war. Vor etwa einer halben Stunde hatte der Professor plötzlich aufgesehen und gesagt:
»Okay. Brechen wir auf. Es ist in seinem Haus.«
Auch Sanfold war die Erschöpfung anzusehen. Die letzten paar Stunden hatte er immer wieder versucht, in Porters Geist einzudringen und war mit Abgründen konfrontiert worden, die selbst ihm Furcht einflößten.
Aber es hatte sich ausgezahlt – er war seinem Ziel näher denn je!
»Wir brauchen ihn nicht mehr«, sagte Arthur nun. »Lasst ihn im Wagen.«
Sie ließen den Ford stehen und gingen langsam auf das Haus zu. Hinter einigen wenigen Fenstern brannte Licht. Zwei davon gingen plötzlich aus, ein weiteres an. McCrery vermeinte, hinter den Vorhängen eine sich bewegende Silhouette zu sehen; da die andern beiden aber nicht reagierten, obwohl sie ebenfalls Blicke zur Fassade hoch warfen, sagte er nichts darauf.
Sie erreichten die verschlossene Haustür. Es bereitete Sanfold keine große Mühe, das einfache Schloss zu knacken. Mit einem klickenden Geräusch sprang der Bolzen zurück, und der eine Flügel glitt um Millimeter auf.
Taylor legte seine Hand auf die hölzerne Fläche.
»Vorsicht«, mahnte der Professor. »Mit ziemlicher Sicherheit hat man unsere Ankunft bemerkt.«
Seine beiden Gehilfen nickten und zogen ihre Waffen. Dann drückte Taylor die Tür auf.
Sie schauten sich sichernd um, als sie die Eingangshalle erreichten. Warmes gedämpftes Licht empfing sie, ausgehend von einem kleinen Leuchter, der von der Decke hing.
Der große Raum war ungeschmückt – ziemlich ungewöhnlich für einen Mann wie Porter, der doch in Kohle schwimmen sollte, dachte McCrery. Solche Bonzen liebten es doch sonst, mit ihrem Reichtum zu protzen. Auch okkulte Symbole oder Gegenstände waren keine zu sehen.
Das Wertvollste schien noch der dunkelrote Teppich zu sein, der als breiter Streifen den Flur von der Tür zur Halle bedeckte und ihre Schritte gedämpft hatte. Er schob sich etwa anderthalb Meter in den Raum hinein.
Auf der anderen Seite befand sich eine Treppe, die in den oberen Stock führte. Taylor und McCrery nahmen die Bewegung am oberen Ende fast gleichzeitig wahr und hoben ihre Pistolen.
Drei junge Frauen standen am oberen Ende: allesamt nackt, wie Gott sie geschaffen hatte, schlank und mit festen Brüsten. Sie zeigten ihre gut gebauten Körper ohne Scheu vor den Fremden und lächelten dabei lasziv. In den Augen von jeder glomm eine Wildheit, die McCrery trocken schlucken ließ.
Alle hatten lange Haare, die weit über die Schultern reichten. Die der Blonden und der Dunkelbraunen waren in Unordnung und sahen verschwitzt aus, ihr Schamhaar verklebt. Die beiden lehnten sich leger an die abschließenden Pfosten des Treppengeländers.
Die Schwarzhaarige in der Mitte, die nun auf dem roten Läufer die ersten paar Schritte nach unten machte, sah aus, als sei sie frisch dem Bad entstiegen. Ihr Haar hing nass und glänzend in den Rücken, vereinzelte Wasserperlen lagen auf ihrer alabasterweißen Haut.
»Bleib stehen!«, drohte William und zielte auf die Schwarzhaarige. Sie ging unbeeindruckt noch drei Stufen tiefer, bis sie die ungefähre Mitte der Treppe erreicht hatte. Dann hob sie die Hände. Ein schüchternes Lächeln lag auf ihrem Gesicht, als sei sie die Unschuld selbst.
Was für eine Gefahr sollte auch von einer nackten – sichtbar unbewaffneten – Frau ausgehen?
McCrery ließ die Waffe sinken. Er und Taylor standen etwa auf gleicher Höhe bereits in der Nähe der Treppe. Sanfold befand sich wenige Schritte hinter ihnen.
Und dann ging alles Schlag auf Schlag.
Selbst William, der die Waffe immer noch im Anschlag hatte, wurde überrascht, als die Dunkelhaarige mit einem Satz die restlichen Stufen überwand und gewandt wie eine Katze auf dem Parkettboden landete. Sie schnellte hoch und sprang Taylor an. Auch wenn das Mädchen zierlich aussah, die Wucht ihres Aufpralls brachte den Pockennarbigen aus dem Gleichgewicht, und schwer stürzte er mit seiner Last, die sich an ihn klammerte, zu Boden. Seine Handfeuerwaffe ließ er dabei nicht los – ein Schuss löste sich und schlug in den untersten Pfosten des Treppengeländers. Das Holz splitterte.
Die Schwarzhaarige gebärdete sich wie eine Furie auf William, und nun musste er die Pistole doch loslassen. Sie hätte ihm mit ihren langen Nägeln das Gesicht zerkratzt, wenn er es nicht geschafft hätte, ihre Handgelenke zu umklammern.
Schweißtropfen erschienen auf seiner Stirn.
Michael hatte sich inzwischen gefasst und rannte auf die beiden Kämpfenden zu. Dabei wechselte er die Waffe in die Linke und holte mit der rechten Faust aus.
Der harte Schlag traf die Dunkelhaarige an der Schläfe und riss sie regelrecht von Taylor runter. Unsanft landete sie auf dem Parkett und blieb reglos liegen.
McCrery stand keuchend und zitternd vor Aufregung da. Er warf einen kurzen Blick zu Sanfold, der mit geschlossenen Augen dastand und in sich hinein zu horchen schien.
Er bemerkte die Bewegung zu seinen Füßen, als Taylor nach seiner Pistole griff.
Im nächsten Moment waren die beiden anderen Frauen bei ihnen. Die Blonde sprang auf Michaels Rücken, schlang ihre Beine um seinen massigen Leib und klammerte sich fest. Die rechte Hand verkrallte sich in seinen Haaren und zerrte daran. McCrery brüllte wütend auf und versuchte, das Mädchen mit der freien Rechten zu greifen. Sie hingegen schlug mit der Linken drei, vier Mal in kurzer Folge auf seine Schulter auf der gleichen Seite. Der Arm wurde taub, die Waffe entglitt seinen kraftlosen Fingern.
Schüsse krachten, aber McCrery hatte keine Zeit, sich darum zu kümmern.
Der Lärm kam von Taylors Pistole. Er hatte sie gerade rechtzeitig greifen und sich aufsetzen können, bevor die Blonde sprang, mit zu Klauen gekrümmten vorgestreckten Händen, mit ihm selbst als Ziel. Er nahm sich nicht die Zeit, genau zu zielen, und schoss vier Mal rasch hintereinander.
Die erste Kugel durchschlug den Oberschenkel des Mädchens und veränderte durch den Schlag die Lage ihres Körpers.
Das zweite und dritte Geschoss verfehlten sie, als ihr Flug zu einem abrupten und schmerzhaften Ende kam. Sie landete hart neben Taylor auf ihren Knien. Ein wütender Aufschrei verzerrte ihr hübsches Gesicht, und das wilde Feuer in ihren Augen, ihre Besessenheit, das anvisierte Ziel zu töten, spiegelte sich in ihren Zügen wider.
Der vierte Schuss traf sie seitlich des Kinns, zerschmetterte den Unterkiefer und riss mehrere Zähne mit sich. Sie verdrehte die Augen, und Blut sprudelte aus der zerstörten unteren Hälfte ihres Gesichtes, benetzte ihre Brüste in einem bizarren Muster. Ohnmächtig sank sie zur Seite.
William richtete sich auf. Mit reglosen Zügen warf er der Bewusstlosen einen letzten kalten Blick zu und hielt dann Ausschau nach McCrery.
Dieser hatte bisher die Angriffe der langen Fingernägel seiner Widersacherin auf sein Gesicht mühsam, aber erfolgreich abwehren können. Aber die Brünette setzte alles daran, ihn zu verletzen, und er bemerkte bereits, wie seine eigenen Kräfte zu erlahmen begannen.
Er hatte sich inzwischen der Wand genähert und drehte sich mit dem Rücken zu ihr. Mit Wucht stieß er sich ab und krachte dagegen. Es knackte im Körper seiner Gegnerin, und sie stöhnte schmerzhaft auf. Der Klammergriff ihrer Schenkel lockerte sich bereits ein wenig, aber Michael ließ nichts anbrennen und wiederholte die Prozedur.
Diesmal spürte er, wie das Mädchen auf seinem Rücken erschlaffte und von ihm abglitt. Aufatmend trat er von der Wand weg und drehte sich um. Die Brünette lag bewusstlos und in unbequemer Haltung da.
Arthur Sanfold hatte die Augen inzwischen wieder geöffnet und schaute in die Richtung der Treppe. Beziehungsweise zu der kleinen Tür daneben, die bereits Dans Interesse geweckt hatte. Er nickte seinen beiden Männern zu, denen die Anstrengungen der kurzen, aber intensiven Auseinandersetzung deutlich anzusehen waren. Auf Taylors Mantel hatten Blutspritzer ihre Spuren hinterlassen.
Der Professor schritt auf die kleine Tür zu. Ein siegesgewisses Lächeln umspielte seine Lippen, die Erregung ließ seine Hände zittern.
»Keinen Schritt weiter!«, sagte da eine männliche Stimme, tief, markant und beherrscht. Sanfold blickte hoch und in die Richtung des Sprechenden. Auch die Köpfe von Taylor und McCrery zuckten herum. Beiden war anzusehen, dass sie ihre Unachtsamkeit verfluchten.
Cavanaugh stand auf der Treppe, bekleidet nur mit einer dunkelgrauen Hose. Mit einem kurzen Blick hatte er die Lage bereits überschaut – die Mädchen würden ihm nicht helfen können.
In seinen Händen hielt er eine doppelläufige Schrotflinte, die auf Arthur gerichtet war. Dies musste der Typ sein, von dem ihm der andere Eindringling erzählt hatte. Der Rechtsanwalt warf einen kurzen Blick zu den beiden anderen Männern und warnte sie:
»Eine falsche Bewegung, und euer Boss stirbt.«
Dan Simon hatte Cavanaugh alles erzählt, was er über Sanfold wusste, und Porters treuster Anhänger war weit davon entfernt, dessen Gefährlichkeit zu unterschätzen. Er wollte dem Professor keine Chance lassen. Was seine Gehilfen tun würden, wenn sie führerlos waren, spielte für Cavanaugh nur eine untergeordnete Rolle. Wichtig war, dass er schnell war.
Er hob die Flinte leicht an, ungefähr zielend, und krümmte den Finger. Sanfold hielt die Augen geschlossen, als würde er sein Schicksal ergeben erwarten.
Die feinen Schweißtröpfchen auf dessen Stirn bemerkte Cavanaugh nicht.
Dafür, dass der Abzug klemmte!
Er zerbiss einen Fluch zwischen den Zähnen und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
»Los, weg von ...«
»Macht ihn fertig!«, sagte Sanfold in diesem Moment. Gerade laut genug, damit seine Männer ihn hörten.
Wieder war es Taylor, der keinen Augenblick zögerte, seine Waffe hob und schoss. Cavanaugh reagierte zu spät. Noch während er sich umdrehte, um die Stufen hoch zu sprinten, traf ihn die Kugel über dem Becken in den Rücken. Er fiel vornüber auf die Treppe und krallte verzweifelt und schmerzerfüllt seine Finger in den roten Läufer.
Mit einigen langen Sätzen war Taylor bei ihm, trat die Schrotflinte außer Reichweite, bückte sich und drückte dem Rechtsanwalt die kalte Mündung in den Nacken. Dann drückte er erneut ab.
Sanfold nahm den Schuss kaum war. Er konzentrierte sich bereits auf die Tür. Das Schloss würde nicht einfach zu knacken sein, auch nicht mit seinen Fähigkeiten. Immerhin hatte er bereits den ganzen Tag über an seinen Kräften (und Reserven) gezehrt. Eher früher als später würde die Erschöpfung die Oberhand gewinnen und ihren Tribut fordern. Er konnte nur hoffen, bis dahin nicht mehr auf schwerwiegende Probleme zu treffen.

Claire atmete erleichtert auf, als sie endlich die gelockerten Schnüre abstreifen konnte. Sie massierte kurz ihre schmerzenden Handgelenke und machte sich dann daran, auch die Fesseln um ihre Füße zu lösen. Sie hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, aber es war ihr wie mehrere Ewigkeiten vorgekommen.
Ständig hatte sie damit gerechnet, dass jemand den Raum betreten würde, um sich um sie zu kümmern. Sie war sich sicher gewesen, draußen vor der Tür Geräusche gehört zu haben, hatte inne gehalten, um zu lauschen. Aber nichts war passiert.
Sie stand auf und versuchte, sich im Dunkeln zurecht zu finden. Innerhalb weniger Sekunden fand sie die Tür und probierte vorsichtig die Klinke. Es war nicht abgeschlossen.
Was für ein Leichtsinn!, dachte sie. Da muss jemand ja ziemlich selbstsicher sein ...
Vorsichtig zog sie die Tür ein wenig auf und linste nach draußen. Der Korridor lag still und verlassen vor ihr, nichts regte sich.
Sie zog sich in das Zimmer zurück und probierte, zu Ken Kontakt aufzunehmen. Das Armband hatte man ihr gelassen, ebenfalls sämtliche anderen Gegenstände – mit einer einzigen Ausnahme, ihres Revolvers. Aber damit konnte sie vorerst leben.
Sie schaffte es nicht, Verbindung aufzunehmen, und fluchte leise. Nur knackende Störgeräusche und Rauschen antworteten ihr.
Sie war auf sich allein gestellt.
Das Dringendste war, Dan zu finden. Ob er überhaupt noch lebte?
Sie verspürte ein würgendes Gefühl in ihrer Kehle bei dem Gedanken, ihr Gefährte könnte tot sein. Der kurze Kampf mit der jungen Frau, deren Tod auf ihrem Gewissen lastete, hatte nicht den Eindruck hinterlassen, als würden die Bewohner des Hauses großes Federlesen machen.
Sie begab sich wieder auf den Flur und begann, die Räume systematisch zu überprüfen – mit der entsprechenden Sorgfalt. Die ersten beiden Zimmer waren dunkel, im ersten stand ein unbenutztes Bett, das zweite fungierte wohl als Büro. Auf einem Schreibtisch lag unter anderem ein Brieföffner, mit dem sie sich – notdürftig – bewaffnete.
Als sie den Raum verließ, hörte sie einen Schuss durchs Haus hallen und duckte sich instinktiv. Was ging hier vor?
Dan! war der erste Gedanke, der ihr durch den Kopf schoss.
Sie richtete sich wieder auf. Als kurz darauf weitere Schüsse fielen, pfiff sie auf ihre Vorsicht und hastete den Korridor entlang. Sie warf in alle Räume einen Blick, jedoch darauf bedacht, nicht zur Zielscheibe zu werden.
Sie kam zu einer offen stehenden Tür, hinter der Licht brannte. Vorsichtig lugte sie um den Rahmen, zum Äußersten bereit. Keine feindselige Aktion erfolgte. Stattdessen:
»Dan!«
Sie stürmte in das Zimmer, nachdem sie sich mit einem kurzen Blick vergewissert hatte, dass sich niemand sonst in dem Raum befand. Das große Bett war zwar zerwühlt, wurde aber momentan nicht benutzt.
Dan hing mehr als er stand, an zwei Seilen, mit denen er an der Decke fest gezurrt war.
»Claire«, stöhnte er. »Verdammt, tut das gut, dich zu sehen. Mach mich bloß los! Bitte!«
Einen Moment lang zögerte sie. Immerhin hing er da splitterfasernackt vor ihr, und das berührte sie doch recht peinlich. Er seufzte, als er ihren Blick bemerkte.
»Nun mach schon. Es ist nicht gerade der Augenblick, um schüchtern oder gar prüde zu sein!«
Sie überwand sich und begann, die Fesseln zu lösen, achtete jedoch darauf, nicht zu nahe an gewisse Körperstellen zu kommen.
»Was ist passiert?« fragte sie, während sie sich mit den Knoten abmühte.
»Sanfold. Er ist hier. Cavanaugh hat mich über ihn ausgequetscht, und ich hab ihm soviel erzählt, wie ich verantworten konnte. Seinen Andeutungen nach wurde Porter entführt, wahrscheinlich vom Professor und seinen Männern. Und jetzt sind sie hier, um den Stein der Weisen zu finden.«
»Das müssen wir verhindern!«
Dan seufzte, als er endlich frei war, und ließ sich aufs Bett sinken. Er massierte ausgiebig seine Handgelenke und versuchte, wieder Gefühl in seine Finger zu kriegen. Es begann zu kribbeln, und er verzog schmerzhaft das Gesicht.
Claire zog ihren Mantel aus und warf ihn dem Sportstudenten hin.
»Bedecke dich, bitte.«
»Warum? Gefällt dir der Anblick nicht?«
Er konnte bereits wieder grinsen und Scherze machen. So schlimm kann Cavanaughs Verhör also gar nicht gewesen sein, mutmaßte Claire, sagte aber nichts. Vielleicht war es auch eine Schutzreaktion.
»Danke, mein Bedarf ist gedeckt.«
Simon wurde wieder ernst.
»Cavanaugh und seine Konkubinen haben sich bereits in die Schlacht gestürzt. Ich bin ehrlich gesagt nicht ganz sicher, wem ich den Vorzug gebe. Weder Porters Mädchen für alles noch Sanfold sind mir in irgendeiner Weise sympathisch. Ich würde lieber von hier verschwinden.«
»Und was, wenn Sanfold sein Ziel erreicht? Dann waren alle unsere Anstrengungen umsonst!«
»Wie willst du denn gegen ihn antreten? Mit dem Ding da?« Dan deutete auf den Brieföffner, den Claire wieder in die Hand genommen hatte.
»Sieh es ein, Claire. Wir haben keine Waffen, und ich bin erschöpft. Unsere Chancen stehen teuflisch schlecht.«
Sie schaute ihn entgeistert an.
»Und das von jemandem, der ohne Bedenken und Skrupel in eine wildfremdes Haus eindringt! Ich hab noch nie erlebt, dass aus einem Haudrauf so schnell ein Feigling wird!«
Dan knurrte irgendwas, das Claire nicht verstand, aber das Wort ›Feigling‹ verfehlte seine Wirkung nicht. Sein Gesicht nahm einen entschlossenen Ausdruck an, als er vom Bett hoch kam und sich den Mantel überwarf.
»Na gut. Versuchen wir, herauszufinden, wie die Karten inzwischen verteilt sind. Nötigenfalls werden wir wohl improvisieren müssen.«

Der Raum hinter der kleinen Tür war vollkommen in Schwarz gehalten. Es gab kein elektrisches Licht, und die Drei mussten ihre Taschenlampen hervor holen. Die Dunkelheit war vollkommen: Wände und Decke waren mit schwarzem Samt verkleidet, der Boden mit einem Teppich in der gleichen Farbe belegt. Selbst die Möbel waren entsprechend angestrichen: mehrere Schränke an den Wänden, ein runder Tisch in der Mitte des Saales, die Stühle, die um ihn gruppiert waren. Und auch die Kerzen, die auf verschiedenen Abstelltischchen Platz gefunden hatten.
Die Konturen der Möbel verschmolzen mit den Wänden, und die Lichtstrahlen der Lampen schienen von der Schwärze verschluckt zu werden. Die Dimensionen des Raumes waren kaum auszumachen.
Sie begannen, die Kerzen anzuzünden. Es wurde heller, aber die dunkle Ausstattung drückte dennoch weiterhin aufs Gemüt, das Fehlen jeglicher Farbe verwirrte die Sinne.
»Wo ist es? Wo, zum Teufel, hat er es versteckt?«, fluchte Sanfold. Er schloss die Augen erneut, versuchte sich zu konzentrieren.
Seine beiden Gehilfen beobachteten ihn wortlos. Er schwankte, spürte die verderblichen Schwingungen, die den Raum erfüllten – und geriet ins Stolpern. Als er sich an der Wand abstützen wollte, fiel er einfach hindurch!
Erschrocken sprangen Taylor und McCrery hinzu und halfen ihm auf die Beine. Den Durchlass in der Mauer hatte keiner von ihnen bemerkt. Er war ebenfalls mit schwarzem Stoff verhängt gewesen und hatte sich vom Rest nicht unterscheiden lassen.
Ein rechteckiger Gang schloss sich an, ebenfalls schwarz ausgekleidet, aber nur sehr kurz, etwa drei Meter. Der folgende Raum war ebenfalls durch einen Vorhang abgetrennt.
Sanfold rappelte sich auf. Seine Taschenlampe war ihm aus der Hand gefallen. Der Boden war abschüssig, und so war die Lichtquelle abwärts gerollt, unter dem Vorhang durch, und beleuchtete ihn nun von der anderen Seite.
Arthur blickte seine beiden Männer an und ging dann weiter.
Hinter dem schwarzen Stoff erwartete sie eine völlig andere Welt. Der weiße Marmor bildete einen starken Kontrast zu der Schwärze des vorderen Raumes. Es war kühler hier drin.
Die Kammer maß fünf auf fünf Meter, schmucklose Säulen, ebenfalls aus Marmor, waren jeweils um anderthalb Meter eingerückt und bildeten ein Quadrat mit einer Seitenlänge von zwei Metern. Das Herz des Quadrats bildete ein geräumiger Sarkophag, mit rotem Samt ausgeschlagen und Platz genug für zwei Personen. Der Blick durch die gläserne Abdeckung ließ die Konturen eines Menschen unter einem weißen Laken erkennen.
Sanfold hob seine Taschenlampe auf und näherte sich dem makabren Behälter, wurde regelrecht von ihm angezogen.
Minutenlang starrte er auf die zugedeckte Gestalt. Dann, ohne Vorwarnung, hob er die Lampe und schlug mit ihr hart auf das Glas. Die Birne gab den Geist auf, das Licht erlosch. Feine Risse bildeten sich nach allen Seiten hin, und der Professor ließ die Taschenlampe ein weiteres Mal nieder sausen. Ein Regen aus Scherben prasselte auf das Laken.
Sanfold griff in den Sarkophag und zog den Stoff mit einem Ruck von dem darunter liegenden Körper.
Taylor sog scharf die Luft ein, und McCrery wurde blass.
Die mumifizierte Leiche einer Frau hatte hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Ledrige braune Haut spannte sich über die Knochen. Die Lippen waren zurück gezogen, ein hässliches Grinsen zierte das Gesicht. Leere Augenhöhlen starrten die drei Männer an, die grauen verfilzten Haare bildeten einen weiten Kreis um den Kopf. Die Tote trug kein einziges Kleidungsstück. Eine ihrer Hände lag auf dem unteren Teil ihres Bauches, die andere auf ihrer Scham.
»Das ist sie«, hauchte Arthur, als sei er besorgt, eine Schlafende nicht zu wecken. Er erinnerte sich an das, was er von Porter erfahren hatte, dessen an Scottos gerichtete Worte:
Hinter heißbegehrten Lippen soll es liegen, im Herzen dunkler Liebe versiegelt bleiben ...
Er beugte sich nach vorne und legte die Finger beider Hände auf das Brustbein. Er drückte die Kuppen in die Haut, bis diese einriss, fühlte den Widerstand der Knochen und übte noch mehr Druck aus, bis das morsche Material nachgab und knirschend brach. Staub wirbelte auf.
Sanfold schob beide Hände in den Leib der Mumie, suchte nach Halt an den Rippen, und zog dann kräftig nach oben. Die Haut wurde der Länge nach aufgerissen, Knochen splitterten.
Im Innern des Körpers lagen unansehnliche vertrocknete Klumpen, deren ursprüngliche Form und Zweck nur mehr zu erahnen war.
Und auf der Höhe des Herzens....
Ein vergilbtes Blatt Papier – nein, Pergament. Sanfolds Hände zitterten. War dies die Anleitung zur Herstellung des Steins der Weisen, das Vermächtnis von Hieronymus Scotus’ Geist an Eliah Porter?
Mit spitzen Fingern zog er es aus dem zerstörten Brustkasten der Leiche. Mit der Rechten hob er es hoch und warf einen Blick darauf. Endlich!
Die Anleitung war in sonderbaren Zeichen geschrieben, die ein wenig ans Griechische erinnerten – verschlüsselt, aber damit hatte Sanfold gerechnet. Es würde auch kein Problem darstellen, den Code zu knacken, wenn er erst wieder in Kansas City war und Zeit und Ruhe hatte.
Er spürte eine leichte Berührung an seinem linken Unterarm, der immer noch über dem mumifizierten Leichnam hing.
Und dann – Schmerz!
Hart umfassten die schwarzen dürren Klauenfinger der Toten sein Handgelenk. Die langen Nägel gruben sich brennend in sein Fleisch, Blut trat aus und lief in kleinen Rinnsalen über seine Finger, tropfte auf die lederne Haut.
Die Mumie begann sich aufzurichten. Taylor schrie irgendwas und hob seine Waffe. Mehrere Schüsse krachten. Die Tote wurde von den Einschlägen durchgeschüttelt, aber sie ließ nicht los. Ihr Mund öffnete sich und schien Worte formen zu wollen. Die leeren Augenhöhlen starrten Sanfold direkt an, und ihm lief ein kalter Schauder über den Rücken.
Das Pergament in seiner Rechten wurde plötzlich schmierig und drohte seinen Fingern zu entgleiten. Verzweifelt verstärkte er den Druck, um es festzuhalten. Und musste voller Entsetzen mit ansehen, wie sich das Schriftstück aufzulösen begann, in seiner Hand zerbröselte wie alter, vermoderter Stoff. Wie Schneeflocken rieselten die zu Staub zerfallenden Fetzen auf die Mumie herab.
Arthur tobte und versuchte verzweifelt, sich von dem zum Leben erwachten Leichnam zu befreien. Möglicherweise hätte er es aus eigener Kraft nicht geschafft – aber der Auflösungsprozess des Pergaments von Scotto griff auf die Tote über. Die Haut bröckelte von den Knochen ab, wurde zu feiner Asche. Die bräunlichen Knochen bekamen Risse und zersprangen.
Angewidert schüttelte Sanfold die haftenden Reste von seinem Handgelenk ab und trat von dem Sarkophag zurück. McCrery und Taylor standen fassungslos daneben, bis William in das Innere deutete und heiser flüsterte:
»Da. Seht!«
Die Staub- und Aschepartikel kamen nicht zur Ruhe. Es war, als würde ein Windstoß in sie fahren und sie aufwirbeln. Sie stiegen in die Höhe, Umrisse begannen sich zu bilden, wie von einer menschlichen Gestalt – oder, wie sie nach wenigen Sekunden feststellten, eher wie der Schatten eines rächenden Engels.
Ein schrilles Geräusch hallte durch die Grabkammer. Gepeinigt pressten die Eindringlinge die Hände auf die Ohren, so gut es mit den Gegenständen, die sie in den Händen hielten, ging.
Es knirschte, und ein großes Stück Marmor sauste knapp neben McCrery zu Boden, wo es krachend zerbarst.
»Wir sollten hier raus, Boss!«, schrie Taylor.
Sanfold nickte. Er hätte nicht so lange überlebt, wenn er sich nicht auf neue, veränderte Situationen hätte einstellen können.
Sie rannten zurück durch den kurzen Gang und in den Raum davor.
Professor Sanfold holte die Zeitmaschine hervor.
So nah war er seinem Ziel gewesen, und doch hatte er es wieder nicht geschafft. Noch gab es weitere Möglichkeiten, an den Stein der Weisen zu kommen – aber je mehr Misserfolge ihm widerfuhren, umso schwerer würde es werden, Azoth zu gewinnen. Und er wurde das dumpfe Gefühl nicht los, dass diese verdammten Studenten auch dieses Mal ihre vermaledeiten Finger wieder im Spiel hatten. Vielleicht war es wirklich an der Zeit, kurzen Prozess zu machen und ein für alle Mal mit ihnen abzurechnen. Dann würde ihm niemand mehr in seine Pläne rein funken.
Ein heftiges Beben erschütterte das Haus und warf sie alle drei von den Füßen. Nur mit Mühe schaffte es Sanfold, die Zeitmaschine nicht zu verlieren. Ihr Leben hing daran, dass er sie einschalten konnte.

Dan ging neben Cavanaugh in die Knie.
»Er ist tot«, sagte er überflüssigerweise. Claire schluckte schwer.
Der Sportstudent nahm die Schrotflinte an sich und richtete sich wieder auf.
»Dann hat Sanfold sein Ziel erreicht oder ist zumindest nahe dran. Wir müssen ihn aufhalten, um jeden Preis!«
Dan nickte grimmig und stieg die Stufen hinunter. Die drei Frauen rührten sich nicht. Um einen der reglosen Körper hatte sich eine Blutlache gebildet. Dan konnte von seinem Standpunkt aus nichts Genaueres erkennen, verzichtete aber darauf, näher ran zu gehen.
Ein Blick zur Wand neben der Treppe zeigte ihm die offen stehende schmale Tür. Sanfold war also in Porters Allerheiligstes vorgedrungen.
Er winkte Claire zu und schlich sich vorwärts, die Schrotflinte im Anschlag. Als Claire zu ihm aufschloss, erschütterte ein Beben das Gebäude. Es krachte und ächzte im Gebälk.
Claire konnte sich gerade noch halten und gegen die Wand stemmen, aber Dan wurde hart dagegen geprellt und ließ dabei die Schrotflinte fallen.
Aus der Dunkelheit hinter der Tür erklang ein Schrei, und für einen Augenblick sahen sie den wandernden Strahl einer Taschenlampe. Dan bückte sich und hob die Waffe wieder auf.
Drinnen zuckten plötzlich blaue Lichter durch die Schwärze, und die beiden Zeitreisenden hörten panische Stimmen.
Dan zögerte nicht länger und sprang durch die Tür.
Und landete knietief in zähem Schlamm. Auf dem rutschigen Untergrund konnte er sich nicht halten und begann, das Gleichgewicht zu verlieren. Verwirrende Lichtspiele erfüllten den Raum, und kalte Luft umwehte ihn, als er langsam nach hinten fiel. Mitten im Raum sah er drei schemenhafte Gestalten, die nah beieinander standen und von denen das Leuchten auszugehen schien.
Noch bevor Dan in der seltsamen Flüssigkeit landete, gab er einen ungezielten Schuss in Richtung der Dreiergruppe ab. Die Schrotflinte wurde ihm dabei aus der Hand gerissen und verschwand mit einem klatschenden Geräusch in der schlammigen Substanz. Er selbst tauchte unter, kam aber sogleich wieder hoch. Das Zeug war klebrig und haftete an Claires Mantel ebenso wie an seiner nackten Haut. Angewidert rieb er sich übers Gesicht, aber da seine Hände ebenfalls voll mit der schwarzen Flüssigkeit waren, brachte ihm das nicht viel ein. Er rappelte sich auf.
Das Leuchten und die drei Gestalten waren verschwunden.
Damit war Sanfold mal wieder schneller gewesen als sie. Dan hoffte nur, dass er mit dem einen Schuss noch ein wenig Schaden hatte anrichten können. Dummerweise wussten sie nun aber auch nicht, ob Sanfold den Stein der Weisen gefunden hatte oder nicht. Falls ja, dann brannte ihnen nun wirklich die Zeit unter den ...
Da war ein seltsames Ziehen an seinen Füßen und Waden. Er sah nach unten. Der eigenartige Schlamm schien Blasen zu werfen, wurde aber nicht heiß. Er ließ seinen Blick wandern und bemerkte in der Mitte des Raumes einen kleinen rötlich glimmenden Punkt. Langsam, aber stetig, schien sich der zu vergrößern – und an dessen Rand war deutlich zu sehen, wie er die zähe Flüssigkeit in einem Wirbel aufsog!
Das Ziehen an seinen Beinen wurde stärker. Er drehte sich zur Tür hin um.
»Claire«, rief er, mit mühsam unterdrückter Furcht. »Claire! Hilf mir!«
Der Rahmen war nur ein, zwei Handbreit aus seiner Reichweite, aber er schaffte es kaum, die Füße um einen Zentimeter in ihre Richtung zu schieben. Nicht mehr lange, und die Beine würden ihm unter dem Körper weggezogen werden. Keine angenehmen Aussichten.
Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, als er sich der Tür entgegen reckte. Eine schmale Hand griff nach seiner und begann, zu ziehen.
Claire stemmte sich gegen den Rahmen. Sie hatte die Not ihres Gefährten erkannt und stellte keine Fragen.
Nachdem er geschossen hatte, war sie in Deckung gegangen – und dann abgelenkt worden, als die Schwarzhaarige aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht war, sich kurz um die Brünette gekümmert und dann nach Cavanaugh gesehen hatte. Wahrscheinlich hatte sie auch Claire bemerkt – aber keine Anstalten gemacht, sie anzugreifen. Das andere Mädchen saß teilnahmslos an die Wand gelehnt und starrte vor sich hin.
Die Geschichtsstudentin schaffte es, Dan durch die Tür zu ziehen. Schwer atmend blieben sie nebeneinander liegen, dann rümpfte Claire die Nase, verzog angewidert das Gesicht und keuchte:
»Du stinkst.«
»Danke«, entgegnete Dan trocken. »Für die Rettung und das Kompliment. Ich revanchier mich bei Gelegenheit.«
»Jederzeit willkommen.«
Wieder ging ein Beben durch das Haus, etwas schwächer als das vorhergehende.
»Lass uns verschwinden«, meinte Dan. »Hier können wir nichts mehr ausrichten.«
Claire nickte. Sie standen auf, und Simon versuchte vergeblich, das ekelhaft klebrige Zeug los zu werden.
»Wir sollten das Haus verlassen.«
Dan stimmte Claire zu. Sie gingen die ersten paar Schritte. Der Sportstudent warf einen Blick zurück zur Treppe und erstarrte. Seine Hand griff nach Claires Oberarm und hielt sie fest. Auch sie drehte sich um.
Die Schwarzhaarige stand immer noch neben William Cavanaugh. Tränen rannen über ihre Wangen nach unten. Claire erschütterte der Anblick – sie hatte nicht erwartet, dass diese Furien Gefühle kannten.
Aber das gebrochene Mädchen mit den hängenden Schultern war nicht, was Dans Aufmerksamkeit erregt hatte.
Das Treppengeländer verformte sich, wurde biegsam und begann, sich langsam von den Pfosten zu lösen.
»Was geht hier vor?« flüsterte er. Erst das seltsame Erlebnis in dem fast nachtschwarzen Raum, und jetzt das hier. Er war versucht, Claire aufzufordern, ihn zu kneifen.
»Kneif mich, Dan«, sagte sie just in diesem Moment. »Ich muss träumen.«
Wie Tentakel begannen sich die beiden Geländerläufe nun von unten her auf die junge Frau zuzuwinden. Oben waren sie immer noch mit den Abschlusspfosten verbunden, der Rest schwebte frei in der Luft oder kroch über die Stufen. Die Löcher, in denen vorher noch die Pfosten gesteckt hatten, öffneten und schlossen sich wie kleine Münder.
Die Schwarzhaarige schien die Gefahr nicht zu bemerken. Erst, als sich das biegsame Holz um ihren Körper schlang, schreckte sie auf und sah mit großen Augen an sich herunter. Der eine Lauf hatte sich um ihren rechten Schenkel gewunden und rieb nun über ihre Scham entlang. Der andere fuhr unter ihren Armen durch und legte sich eng um ihre Brüste.
Ihre Furcht schwand, als sie bemerkte, wie angenehm die Umarmung war. Die Münder begannen, an ihrer Haut, an ihren Brustwarzen und an ihrem Geschlecht zu saugen.
Wohlig stöhnend schloss sie die Augen.
Dan und Claire sahen vor Entsetzen gebannt und zu keiner Regung fähig zu. Die hölzernen Tentakel zogen sich enger zusammen, und in den Mündern bildeten sich spitze Splitter, Zähnen nicht unähnlich.
Das dunkelhaarige Mädchen spürte den scharfen Schmerz zuerst an ihrer rechten Brustwarze, als die ersten Holzzähne sich in ihr weiches Fleisch gruben. Sie riss die Augen auf und schrie gellend vor Schmerz. Ihre Hände fuhren hoch und versuchten verzweifelt, den Geländerlauf von ihrem Busen weg zu zerren. Vergeblich. Mit konvulsivischen Bewegungen fraßen sich die Mäuler immer tiefer. Blut lief in dünnen Rinnsalen über ihre makellose Haut, bildete in bizarren Mustern einen scharfen Kontrast darauf.
Claire würgte, als sie bemerkte, wie der Tentakel zwischen den Beinen der jungen Frau in sie hinein glitt.
»Janine!«
Der gellende Schrei der Brünetten riss die beiden Zeitreisenden aus ihrer Erstarrung. Dan packte Claire am Oberarm und zog sie Richtung Haustür. Dennoch wurde sie noch Zeuge des mörderischen Dramas, das dem letzten Mädchen widerfuhr:
Sie rannte auf die Treppe zu, um ihrer Freundin zu helfen. Aber noch bevor sie die erste Stufe erreichte, brach der Boden direkt unter ihren Füßen auf. Zwei schmale Pfähle durchstießen ihren linken Oberschenkel von links und rechts. Blut spritzte über das Parkett und lief an den beiden speerartigen Auswüchsen nach unten.
Die Schreie des Mädchens mischten sich in jene der Schwarzhaarigen, die inzwischen immer schriller wurden, je tiefer sich die Tentakel in ihren Leib fraßen.
Die Brünette schaffte es wegen den gekreuzten Lanzen nicht, ihr Bein zu befreien. Ihre Züge waren schmerzverzerrt, während sich ihre Finger um die hölzernen Schäfte klammerten. Tränen liefen über ihr immer noch hübsches Gesicht, tropften vom Kinn auf ihre Brüste.
Unter ihr begann der Boden zu leben: das Holz des Parketts formte sich um, bildete weitere Pfähle aus, die langsam in die Höhe wuchsen. Jetzt, da ihr Opfer nicht entfliehen konnte, war Schnelligkeit nicht mehr nötig.
Die Brünette begann zu flehen.
»Nein... bitte, nicht! So helft mir doch!«
Nie würde Claire den Blick vergessen können, den das Mädchen in ihre Richtung warf. Sie sträubte sich gegen Dans Griff, der stur in Richtung Ausgang blickte und sie unerbittlich mit sich zog.
Die Pfähle drangen schräg von allen Seiten in die Brünette ein: durchstießen das weiche Fleisch der Pobacken und schoben sich gnadenlos langsam in ihrem Körper weiter hoch, punktierten ihre Seiten, drückten splitternde Rippen nach innen. Das Blut lief in Strömen über ihre nackte Haut und an dem Holz nach unten, wo sich kleine Lachen bildeten, die schnell größer wurden.
Dan riss Claire nach draußen, in die kalte Nachtluft.
»Wir müssen rein! Wir müssen ihnen helfen!«, kreischte sie, und wollte sich an ihm vorbei drängeln, um wieder ins Haus zurück zu kommen.
»Claire!« Er hielt sie mit seinen starken Armen fest. »Sie sind so gut wie tot! Wir können nichts mehr für sie tun.«
Es dauerte eine Weile, bis sie sich beruhigt hatte und schluchzend gegen Dans Brust lehnte. Er strich ihr sanft übers Haar.
»Claire«, sagte er leise. »Lass uns zurückkehren. Wir haben noch viel zu tun.«
Sie nickte stumm und schob den Ärmel ihres Pullovers hoch, um das Rückrufsignal auszulösen.
Dem Ford Galaxie, der im Hof stand, schenkten sie keine Beachtung.

Wills Point, 8. Februar 1967, irgendwann nach Mitternacht

Ein leichtes Lächeln huschte über Eliahs Lippen. Er war erschöpft, und ihm war kalt. Wahrscheinlich würde er die Nacht nicht überleben.
Die Augenbinde, die ihm seine drei Entführer aufgesetzt hatten, hatte sich gelockert und war nach unten gerutscht.
Im Haus brannten flackernde Lichter hinter den Fenstern. Jetzt, da seine blinden Augen frei waren, glaubte er sogar, sie sehen zu können. Das Gebäude schien erfüllt von Leben.
Er hoffte, William würde bald kommen, um ihn ins Haus zu holen. Er war müde, wollte sich zur Ruhe legen.
Aber tief drinnen wusste er, dass Cavanaugh nicht auftauchen würde. Nie mehr.
Der Rechtsanwalt würde sein Versprechen nicht einlösen können, Porters sehnlichsten Wunsch zu erfüllen: seine letzte Ruhe an Sally Deckers Seite zu finden. Wenn, dann musste Eliah dies aus eigener Kraft tun, bevor es ganz zu Ende ging. Die Wagentür öffnen, aussteigen, ins Haus gehen.
Er schaffte es nicht einmal, die Hand zu heben. Immerhin, die brennenden Schmerzen waren inzwischen verklungen.
Sally ...
Noch einmal erinnerte er sich an ihre letzten Atemzüge. In jener Nacht hatten sie keine Gelegenheit mehr gefunden, einander zu sagen, was sie empfanden, oder was sie ohne den anderen erlebt hatten. Aber der Tod war nicht das Ende gewesen.
Manche Stunde hatte Porter an ihrer Seite verbracht, nachdem er sie in den Sarkophag gebettet hatte. Und in einigen Nächten war sie zurückgekehrt, hatte ihr Geist, ihre immer noch existierende spirituelle Essenz Zwiesprache mit ihm gehalten. Denn ihre Präsenz war stark, schon immer gewesen.
Sally Deckers Gabe war verantwortlich gewesen für die grauenvollen Ereignisse in Rawleys Scheune. Sie hatte schon damals die Macht besessen, Gedanken wahr zu machen. Ihrer Anwesenheit wegen hatte sich der Teufel leibhaftig materialisiert an jenem Abend im Spätsommer 1935. Genau so grausam und lüstern, wie sie sich ihn vorgestellt hatte.
Die Auswirkungen ihres Wunsches, den Satan zu erfahren, zu spüren, waren verheerend – nicht nur für die Versammlung in der Scheune, auch für sie. Das Ereignis hatte sie zutiefst verstört, und sie floh – möglichst weit weg.
Hätte sie ihr psychisches Talent steuern können, hätte es sich gewiss als Segen erwiesen – so blieb es ein Fluch, ihr ganzes Leben lang. Sie brachte es nicht unter Kontrolle, und der Abgrund, in den sie gerutscht war, entpuppte sich als abwärts drehende Spirale, die sie nicht mehr los ließ.
Bis ans Ende ihres kummervollen Lebens, als sie im Winter ’53/’54 die erste Liebe ihres Lebens wieder traf – den Mann, dem sie ihr bitteres Schicksal zu verdanken hatte. Und dem sie am Ende doch vergab.
Es glitzerte feucht in Porters Augen. Wenn er sie nie zu der Versammlung mit genommen hätte ... wäre sie dann ein glückliches Mädchen geworden?
Er spürte eine leichte Bewegung neben sich. Der Sitz knirschte, obwohl er sich nicht bewegt hatte, kein Quäntchen. Er konnte spüren, wie es dunkler wurde, wie sich ein Schatten über den Platz neben ihm legte.
Etwas ergriff seine Hand, kalte Finger verschränkten sich in seinen. Er lauschte, konnte aber nichts hören. Aber er war sicher, dass sie neben ihm saß, das blonde Mädchen, das es ihm in seinen jungen Jahren so angetan hatte.
»Sally ...«, flüsterte er glücklich. Die Dunkelheit rückte immer näher. Es wurde wärmer.
Er spürte kühle Lippen auf seinem Mund, die ihn sanft küssten. Sie hinterließen einen seltsamen Geschmack nach Moder und Asche, der dennoch auf seltsame Art betörend war. Er hörte das Rauschen von Schwingen, die sich entfalteten. Sein Körper wurde seltsam leicht, als würde er sich auflösen.
Der dunkle Engel neben ihm griff nach ihm und führte ihn heim ... irgendwohin ...
Drüben beim Gebäude barsten die Fenster. Flammen leckten gierig nach der kalten Nachtluft und verzehrten das Anwesen.

ENDE

Vorschau auf Episode 17

Erwartet mit Spannung die am 1. Januar 2010 erscheinende 17. Episode.

Der Titel lautet:
»Semper Augustus«

von Gloomy Tomb

Arthur Sanfold erinnert sich, dass sein Tagebuch einen Eintrag enthielt, dass der Stein der Weisen mit dem niederländischen Maler Jan van Goyen in Verbindung gebracht wurde. Van Goyen lebte zur Zeit des sogenannten Tulpenwahns, doch welches Geheimnis barg der Maler?
Sanfold reist in das Jahr 1637 nach ‘s-Gravenhage. Das Tulpenfieber steht kurz vor dem großen Crash, doch die Preise für die begehrten Tulpenzwiebeln sind nach wie vor sehr hoch. Für eine Zwiebel werden oftmals Tausende von Gulden bezahlt, ganze Vermögen wechseln die Besitzer.
Aber was haben die Tulpen mit Azoth zu tun, bzw. gibt es da überhaupt eine Verbindung?

 

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