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»Fahr zur Hölle, Okumoto«

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Cover 2009 von Tommy Tohang,
Titelbild von C.C. Slaterman

EPISODE 15

»Fahr zur Hölle, Okumoto«

von C.C. Slaterman

Prolog

Ihr Anblick traf ihn wie ein Faustschlag in den Magen.
Verdammt, was passiert hier mit mir, durchzuckte es Ken Okumoto, während sich in seinem Kopf alles zu drehen begann und ihm beinahe schwarz vor Augen wurde.
Eben noch waren sie alle in stiller Eintracht nebeneinander gesessen. Sie, das waren Claire Bancroft, die Frau für die historischen Details ihrer Missionen, Dan Simon, der Sportstudent, Markui, Roger Müller und er, Ken Okumoto. Sie hatten ihm das Rückenteil seiner Schlafstatt hochgeklappt, damit er fast aufrecht im Bett sitzen konnte und dann hatte man versucht, gemeinsam das letzte Abenteuer zu analysieren. Insbesondere den Defekt an der Zeitmaschine und die Sache mit den Drohnen.
Man hatte Behauptungen aufgestellt, sie wieder verworfen, Fragen aufgebracht und stundenlang diskutiert. Bis schließlich alle vor lauter Hunger, Durst und Müdigkeit resignierten. Als Claires Magen sich als erster lautstark zu Wort meldete, hatten sie noch alle gelacht. Obwohl Ken bei Dans Anmerkungen hierzu das Gefühl hatte, soeben einen Schlag ins Gesicht verpasst bekommen zu haben.
Dieser Arsch, dachte er bei sich. Was musste er auch um Claire so herumschleimen, er weiß doch genau, was wir beide für einander empfinden.
Aber das war nicht der Grund für sein Gefühlschaos, der kam erst danach. Kurze Zeit später nämlich, als Claire, Roger und Dan gegangen waren und Markui irgendetwas von einem Happen Essen besorgen murmelte. Nachdem er für einen Moment das Zimmer verlassen hatte, brachte man ihnen eine Viertelstunde später ein Tablett mit gekochtem Gemüse und würzig angebratenen Fleischstückchen. Serviert wurde ihnen das Ganze von eben jener Person, welche der Anlass für Kens ungewöhnliches Benehmen war.
„Hallo, Burg Rauenfels an Ken, bitte melden!” Markuis spöttischer Tonfall riss ihn jäh wieder in die Wirklichkeit zurück. Verwirrt blickte sich Ken im Raum um. Sie waren inzwischen wieder allein und beiläufig bemerkte er, dass er sein Essen überhaupt nicht angerührt hatte.
„Was zum Teufel ist plötzlich los mit dir?”
„Was meinst du damit?”
„Na was wohl”, entgegnete Markui, während er Ken anblickte wie ein Kalb mit zwei Köpfen. „Du hast dich Sheila gegenüber benommen wie der letzte Arsch. Wenn das deine Art ist Frauen anzumachen, dann frage ich mich ernsthaft, wie du bei Claire landen konntest.”
„Wieso ... ich ... äh ... was habe ich denn getan?”
„Was du getan hast?”, schnaubte Markui aufgebracht. „Wie heißt du, woher kommst du, wer sind deine Eltern ... also dämlicher kann man ja wohl eine fremde Frau nicht ansprechen. Ich hoffe, du entschuldigst dich nachher bei Sheila, sonst kündige ich dir die Freundschaft. Blamieren kann ich mich nämlich auch alleine.”
Ken wurde blass, so allmählich kamen die Erinnerungen zurück. „Sorry”, entgegnete er kleinlaut. „Sollte ich mich tatsächlich wie ein Idiot benommen haben, dann bitte ich um Entschuldigung. Ich werde auch nachher gleich mit Sheila reden. Ich wollte sie auf keinen Fall dumm anquatschen, es ist nur so, ich ... sie …”
„Spar dir dein Herumgestottere”, unterbrach ihn Markui schroff. „Ich werde mich Morgen bei ihr für dein Benehmen entschuldigen und danach sollten wir uns nur noch über dienstliche Dinge unterhalten.”
„Okay, okay, ich habe mich vielleicht etwas dumm angestellt”, gestand der Japaner ein. „Aber verdammt noch mal, was kann denn ich dafür, dass mich dieses Mädchen so abrupt mit meiner Vergangenheit konfrontiert.”
Markui horchte auf und bedachte Ken mit einem fragenden Blick. „Moment mal, was hat Sheila denn mit deiner Vergangenheit zu tun? Ihr Vater war ein amerikanischer Diplomat, der die Tochter eines japanischen Geschäftsmannes geehelicht hatte und die hier im alten Europa lebten. Sheila hat in diesem Deutschland hier Physik und Chemie studiert und wir sind auf sie aufmerksam geworden, weil ihre Noten vom ersten Semester an nie schlechter als eine Eins Komma Null waren. Du hingegen bist meinem Wissen nach im mittleren Westen von Amerika aufgewachsen. In deiner Welt, wohlgemerkt. Also was bitte hat sie mit deiner Vergangenheit zu tun?”
Ken seufzte. „Sie ist im Grunde genommen Japaner so wie ich. Sie trägt den gleichen Vornamen wie die erste Frau, die in Amerika in unsere Familie einheiratete und sie sieht, wenn ich den Erzählungen meiner Eltern glauben darf, genauso aus wie meine Ururgroßmutter amerikanischer Seite. Außerdem stammt ihre Mutter aus dem gleichen Ort in Japan, wo auch einst meine Familie lebte. Ein bisschen viel an Gemeinsamkeiten unsererseits, vor allem hier in der Abgeschiedenheit auf Burg Rauenfels, oder meinst du nicht auch?”
„Kann auch Zufall sein”, warf Markui ein.
„Bei normalen Familien schon, aber nicht, wenn der größte Teil meiner Vorfahren eines gewaltsamen Todes gestorben ist und der Mädchenname von Sheilas Mutter Sakuro lautet. So hieß nämlich jener Samurai, der einer der Lehrmeister jenes Okumoto war, welcher vor beinahe einhundertfünfzig Jahren von Japan aus nach Amerika floh.”
„Oha, da bekommt die Geschichte ja plötzlich eine ganz andere Wendung. Warum hast du über diese Sache nicht schon früher etwas verlauten lassen?”
„Es macht keinen Spaß, vom Sterben seiner Vorväter zu erzählen. Sheilas Name und ihr Aussehen haben mich erst wieder daran erinnert.”
„Das wird ja immer interessanter. Los erzähle, auf die Story bin ich jetzt aber echt gespannt.”
„Willst du nicht auch langsam schlafen gehen? Das Ganze ist nämlich eine ziemlich lange Geschichte.”
„Das macht nichts, Ken. Ich habe Zeit. Wenn es sein muss die ganze Nacht, also fang endlich an zu erzählen.”
Ken nickte und bereits nach seinen ersten Worten hatten ihn die Bilder der Vergangenheit wieder eingeholt.

1. Kapitel

Der Überfall auf den Hof begann mit der dunkelsten Stunde der Nacht.
Jener Stunde, in der alles stillzustehen schien und in der selbst der Wind sich niederlegte. Das erste Licht des Tages hatte noch nicht die Kraft, die dunklen Schleier der zurückweichenden Nacht zu verdrängen und für die Posten war es die Stunde, in der sie glaubten, nie mehr durch das Ende der Dunkelheit von ihrer Wache erlöst zu werden.
Schattenhafte Gestalten tauchten urplötzlich auf jenem schmalen Weg auf, der sich schlangengleich von dem kleinen Anwesen aus hinunter bis ins Tal wand.
Lautlos huschten sie über den Pfad und tauchten in den hüllenden Schatten der mannshohen Lehmmauer ein, welche den Hof von allen Seiten umgab.
Ninja!
Fünf Männer, von Kopf bis Fuß in eng anliegendes, schwarzes Tuch gekleidet. Sogar ihre Gesichter waren bis auf einen kleinen Schlitz, hinter dem die Augen funkelten, gänzlich mit dunklem Stoff bedeckt.
Mehrere mit Fell und Leinen umwickelte Greifhaken segelten durch die Luft und krallten sich mit kaum hörbarem Knirschen im Lehm des Mauerwerks fest. Die Stricke, welche an die Haken gebunden waren, baumelten einen Moment von der Lehmwand herab. Doch schon zuckten rußbeschmierte Hände vor und die Schatten begannen lautlos an den Seilen hochzuklettern.
Während sie den Mauersims erklommen, verkündeten unten in der Stadt die Glocken mit leisem Bimmeln den Beginn der vierten Stunde nach Mitternacht. Beinahe gleichzeitig mit dem letzten Glockenschlag glitten weitere, nur mit Schwertern und Shuriken (männerhandgroße, sternenförmige, nadelscharfe Wurfscheiben, die oftmals auch vergiftet waren) bewaffnete Männer von den Bergen herab. So leise, das nicht einmal die Nachtvögel von ihren Schritten aufgescheucht wurden. Schweigend verteilten sie sich hinter den Büschen und Sträuchern, die zu beiden Seiten des Weges vor dem großen Eingangstor wucherten. Als ein Laut ertönte, der an das leise Zirpen einer Grille erinnerte, wurden die Männer von einem Moment zum anderen nahezu unsichtbar.
Im Innern des Anwesens, zwischen Gesindehaus und Stallungen, hockte neben einem niederbrennenden Feuer ein einsamer Wachposten auf dem Hof. Behutsam schob er sein Schwert in den Gürtel zurück. Dann streckte er beide Arme von sich, legte den Kopf zurück und gähnte. Genau in dem Moment, als unter dem Fuß eines der Ninja der Lehm zu knirschen begann. Der Kopf des Postens ruckte herum, während er versuchte, mit den Augen die Dunkelheit zu durchdringen. Als er die Männer auf der Mauer entdeckte, riss er den Mund auf und versuchte einen Warnschrei auszustoßen.
Aber es blieb bei dem Versuch.
Der erste Schatten, der die Mauerkrone erreicht hatte, warf ihm zwei sternenförmige, rasiermesserscharfe Wurfscheiben ins Gesicht und brachte ihn damit auf furchtbare Weise zum Schweigen. Während sich der Oberkörper der Wache langsam zur Seite neigte, kletterten die Angreifer lautlos in den Hof. Zwei der Schwarzgekleideten rannten auf das schwere Eingangstor zu, die anderen näherten sich vorsichtig dem Herrschaftshaus, welches sich auf der Südseite des Anwesens an die Lehmmauern schmiegte.
Vorsichtig wurde der eisenbeschlagene Riegel am Tor zurückgeschoben und augenblicklich quollen fast zwei Dutzend bewaffnete Männer in den Hof.
Plötzlich waren Stimmen zu hören und hinter den mit Reispapier verschlossenen Fenstern des Herrschaftshauses leuchtete Kerzenlicht auf. Im nächsten Augenblick waren die Ninja mit den dunklen Schatten der umliegenden Häuser verschmolzen und alles schien wieder so still und friedlich wie noch wenige Augenblicke zuvor. Selbst das Hoftor war wieder verschlossen und der Wachposten saß am Feuer.
„Ihr habt euch bestimmt geirrt”, sagte eine helle, männliche Stimme im Haus. „Außerdem hat Shiko heute Nacht Wache. Er ist euer zuverlässigster Mann. Er hätte sich bestimmt schon gemeldet, wenn er etwas Ungewöhnliches bemerkt hätte.”
Mit leisem Scharren wurde eine Bambustür zur Seite geschoben und im Kerzenlicht des dahinter liegenden Raumes zeichneten sich die Umrisse zweier Männer am Eingang ab.
„Trotzdem, ich drehe selber noch mal eine Runde”, sagte der andere Mann. „Ich kann mir nicht helfen, aber irgendetwas gefällt mir nicht an dieser Nacht.”
„Glaubt mir, da ist nichts”, erwiderte die helle Stimme. „Bestimmt haben euch eure überreizten Sinne einen Streich gespielt. Aber das ist ja auch kein Wunder, wer kann denn in diesen Tagen noch ruhig schlafen?”
Nach diesen Worten trat der Sprecher aus dem Haus, lief ein Stück über den Hof und blieb schließlich breitbeinig stehen. „Seht ihr”, sagte er und machte eine weit ausholende Handbewegung. „Hier ist nichts, absolut nichts. Ihr …”
Was er sonst noch sagen wollte, ging in dem unheimlichen Laut unter, mit dem der Ninja auf ihn zusprang. Die Rechte des Schwarzgekleideten zuckte vor und seine Handkante zertrümmerte zwei Rippen des anderen. Der Mann stöhnte schmerzvoll auf und krümmte sich. Als er seinen Kopf und den Oberkörper dabei nach vorne beugte, riss der Ninja den Fuß hoch und trat ihm ins Gesicht. Mit einem hässlichen Knirschen brachen gleichzeitig Nase und Oberkiefer des Mannes. Sein ebenmäßig geschnittenes Antlitz verwandelte sich augenblicklich in einen formlosen roten Brei aus rohem Fleisch, Hautfetzen und zertrümmerten Knochen. Blut spritzte wie aus einem Schlauch. Dann sackte der Mann nach vorn und starb, weil ihm der Tritt Teile des zersplitterten Nasenbeins mit geradezu unvorstellbarer Wucht ins Gehirn gejagt hatte. Das Ganze hatte sich in einer Zeitspanne abgespielt, die ein Herz benötigte, um zweimal zu schlagen.
Mittlerweile war ein weiterer Ninja aus dem Dunkel der Häuserschatten herausgesprungen und rannte auf den anderen Mann zu, der im Hauseingang stand und scheinbar immer noch fassungslos auf den Hof starrte.
Aber eben nur scheinbar.
Als der Ninja den Mann fast erreicht hatte, riss dieser mit einer schwungvollen Bewegung sein Kurzschwert hoch und bohrte es dem Schwarzgekleideten oberhalb der Leiste tief in den Bauch. Der Ninja blieb abrupt stehen, als ob er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen wäre und sah mit weit aufgerissenen Augen zu, wie sein Gegner das Schwert nach oben durchzog und dann zur Seite riss. Noch während er die Waffe aus dem leblosen Körper zog, begannen die Eingeweide des Ninja in milchig weißen, blutverschmierten Schlieren aus seinem Bauch hervorzuquellen. Dann erst drehte der andere den Kopf zur Seite und schrie ins Haus hinein:
„Ninjaaa!”

Schritte hatten ihn geweckt, das Klirren von Schwertern und unterdrücktes Fluchen.
Als die Shoji-Tür (ein Raumteiler aus Bambusholz und Reispapier, der in Japan zu dieser Zeit nahezu in jedem Haus zu finden war) zu seinem Zimmer zur Seite geschoben wurde, war er längst wach.
Mit beinahe einem Meter achtzig war er ungewöhnlich groß für einen Japaner. Sein wohlgepflegtes, eingeöltes Haar war streng nach hinten gekämmt und dadurch wirkte sein blasses Gesicht wie ein großer, heller Fleck in dem dunklen Raum.
Er hatte die dicke, wattierte Decke seiner mit Reismatten unterlegten Schlafstelle zur Seite geschlagen und stand jetzt mit leicht gebeugten Knien barfuß und nur mit einer Schlafhose bekleidet in Reichweite der Tür. Der Warnruf seines Vaters, das Ninja im Haus waren, hatte schlagartig jedwede Müdigkeit aus seinem Körper vertrieben. Als die Tür mit einem Ruck ungestüm geöffnet wurde, hatte Takashi Okumoto die Finger seiner Rechten bereits gekrümmt, um mit seiner Hand im nächsten Augenblick zuzuschlagen. All seine Muskeln und Sehnen waren zum Zerreißen gespannt und deshalb war er umso erleichterter, als er die Gestalt, die jetzt ins Zimmer stürmte, im letzten Augenblick doch noch erkannte.
Der gedrungene, außerordentlich kräftig wirkende Mann mit dem blutverschmierten Kimono und den beiden Schwertern in den Händen war niemand anderes als sein Vater.
„Fang!”, sagte Sugura Okumoto nur und warf mit einer kaum wahrnehmbaren Handbewegung das größere der beiden Schwerter seinem Sohn zu.
Obwohl es im Raum stockdunkel war und nur das Licht einer Handvoll draußen im Gang aufgestellter Kerzen die Szenerie beleuchtete, fing Takashi das Schwert mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit noch in der Luft auf. Er hatte die Waffe sofort erkannt, trotz der Tatsache, dass sie noch in einer Lederscheide steckte. Ein bis dahin nie gekanntes Gefühl von Macht und Stärke durchflutete seinen sehnigen Körper, als er jetzt das Katana, das zweischneidige Samuraischwert seines Vaters, in den Händen hielt. Ehrfürchtig legte er seine Linke auf die Scheide, während die Finger seiner Rechten den lederumwickelten Griff so fest umspannt hielten, dass die Knöchel weiß unter seiner Haut hervortraten. Langsam zog er die Lederscheide zurück, bis die leicht gekrümmte Klinge in ihrer ganzen Länge von etwa achtzig Zentimetern sichtbar war.
„Warum …?”
„Du musst weg, sofort!”, unterbrach ihn sein Vater barsch. „Das Shogunat hat sich gegen den Kaiser gestellt. Jeder, der Meiji die Treue hält, soll noch in dieser Nacht getötet werden. Dabei sind es die Shoguns, die keine Ehre im Leib haben, denn sie schicken uns die Ninja.”
Suguras Gesicht hatte sich verächtlich verzogen, während er das letzte Wort förmlich ausspuckte.
Für einen Moment erfasste Takashi die Angst wie eine heiße Welle. „Was ist mit dir, mit Mutter?”
„Es sind zu viele und sie sind bereits im Haus”, erwiderte Sugura ausweichend und hielt einen Augenblick inne, während er seinen Sohn fest anblickte.
In diesem Moment drängten sich drei schwarz gekleidete Gestalten durch die offene Tür und stürmten sofort auf die beiden zu. Mit unerwarteter Behändigkeit warf sich der untersetzte Samurai herum, riss sein Schwert hoch und schlug sofort zu. In einem Regen aus Blut rollte der Kopf des vordersten Ninja über den Boden, währenddessen Takashi beinahe leichtfüßig auf die anderen beiden Angreifer zulief. Das Katana in seiner Rechten beschrieb einen blitzenden Bogen und zuckte danach wie der Kopf einer zustoßenden Schlange nach links und rechts. Einer der Ninja lag in einer Blutlache rücklings auf dem Boden, während sein roter Lebenssaft stoßweise aus der zerfetzten Gurgel spritzte. Der andere kniete wie zum Gebet bereit vor ihnen nieder und versuchte mit haltlosem Schluchzen mit den Fingern seine hervorquellenden Eingeweide wieder in den Bauch zurückzuschieben. Takashi, der jetzt an der Seite seines Vaters stand, schien nicht heftiger zu atmen als vor dem Kampf.
„Hai, Takashi-san”, sagte Sugura voller Respekt.
„Mein Katana hat einen würdigen Nachfolger gefunden. Ich glaube sogar, dass du mich in der Schwertkunst bereits übertroffen hast.“
Takashi nickte ob des Lobes. „Dann lass uns jetzt gemeinsam die Ninjahunde vom Hof jagen.”
Sugura schüttelte den Kopf und wankte leicht. Erst jetzt erkannte Takashi, dass das viele Blut auf seinem Kimono nicht nur von den erschlagenen Feinden stammte. Er schob das Schwert rasch hinter die weiche Seidenschärpe, welche seine weite Schlafhose um die Hüften festhielt und streckte beide Hände aus, um seinen Vater zu stützen.
„Lass das!”, zischte Sugura beinahe wütend, während draußen im Gang die Schritte unzähliger Männer immer näher kamen. Offensichtlich hatte seine Dienerschaft dem Angriff der Ninja nicht länger standhalten können.
„Geh jetzt! Du und das Schwert, ihr seid alles, was nach diesem Morgen noch von dem Namen Okumoto übrig bleiben wird.”
Der Samurai wischte die Hände seines Sohnes mit einer harschen Bewegung zur Seite und durchquerte das Zimmer. An der Schlafstelle angelangt stieß er mit den Füßen die Reismatten zur Seite und zeigte ungeduldig auf die schmale Holztür, die darunter fast unsichtbar im Zimmerboden eingelassen war. Keuchend riss Sugura die Falltür auf und dahinter wurde eine weitere, verborgene Tür sichtbar, diesmal allerdings aus Eisen.
„Dies ist das geheime Schlupfloch unserer Familie. Der Gang führt ins Tal, nach etwa zweihundert Schritten wirst du hinter einer Gruppe junger Rotkiefern wieder ins Freie gelangen. Wenn du von innen die Riegel vorschiebst, wird es eine Zeitlang dauern, bis sie dir wieder folgen können. Bis dahin solltest du in Edo sein. Geh zum Hafen, ins Haus des Amerikaners. Nur dort bist du in Sicherheit.”
Einen Moment lang starrte Takashi ungläubig zuerst auf die Tür und dann auf seinen Vater. Kein Muskel regte sich im Antlitz des Samurais, als der die Eisentür öffnete, ihn am Arm packte und mit eisenhartem Griff in Richtung Geheimtür zerrte. Als er den Mund zu einem Protest öffnen wollte, stürmten die Ninja ins Zimmer und schwärmten sofort fächerförmig aus.
In diesem Augenblick erhielt er von seinem Vater mit der offenen Hand einen kräftigen Hieb, der ihn die Falltür hinunter stolpern ließ und die Ereignisse überschlugen sich.
„Verriegle die Tür!”, schrie Sugura, als ihn das erste Schwert in den Rücken traf. Takashi hatte sich in dem Fluchtgang wieder aufgerappelt und musste hilflos mit ansehen, wie sich eine weitere Klinge in die Brust seines Vaters fraß. Mit einem Röcheln fiel Sugura auf die Knie, direkt neben der Falltür. Blut schoss aus seinem Mund und mit aus den Höhlen quellenden Augen blickte er seinem Sohn ein letztes Mal ins Gesicht, verzweifelt, flehentlich.
Mit Tränen in den Augen schloss Takashi die eiserne Tür und schob die beiden Riegel vor. Keinen Moment zu spät, denn kaum war der erste Riegel eingerastet, als auch schon die Schwerter und Shuriken der Ninja dagegen prasselten.
Er wandte sich um und begann zu laufen.
Ein neunzehnjähriger junger Mann, ohne Eltern und ohne Heimat.
Sein einziger Besitz waren eine dunkle Schlafhose und das Schwert seines Vaters.

2. Kapitel

Die Straße, die ins Tal hinunter nach Edo führte, war gepflastert und deshalb kam Takashi rasch voran. Als er nach Atem ringend die ersten Häuser erreicht hatte und von den Ninja immer noch nichts zu sehen war, wusste er, dass er in Sicherheit war, vorläufig jedenfalls.
Graue Schwaden schoben sich vom Meer her durch die Straßen am Hafen, als er verstohlen durch die verwinkelten Gassen eilte. Er musste sich beeilen, denn im Osten schimmerte bereits der Schein der aufgehenden Sonne durch den Frühnebel und die Stadt erwachte allmählich zum Leben. Sein Ziel waren die Lagerhäuser und der hochragende, fremdländisch wirkende Gebäudekomplex der amerikanischen Frachtgesellschaft, die hier in Edo ihren Hauptsitz hatte.
Noch waren nur wenige Menschen unterwegs. Fette Marktweiber in einfachen Gewändern und Riemensandalen, die prallgefüllte Körbe mit Fischen, Krebsen und Muscheln mit sich herumschleppten. Vereinzelte, von harter Arbeit gebeugte Männer, die Handkarren vor sich herschoben, auf denen sich allerlei Waren auftürmten und immer wieder Bettler, Tagelöhner und anderes lichtscheues Gesindel kreuzte den Weg.
Aber Takashi wusste ganz genau, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis die engen Straßen wieder mit Menschen, Frachtwagen und Tieren überfüllt waren. Danach musste er ständig damit rechnen, dass irgendwer nach der Stadtwache schrie, denn schon jetzt rief sein Erscheinen seltsame Blicke unter den Leuten hervor. Ein Mann in dunklen Schlafhosen mit einem Katana bewaffnet war selbst im Hafenviertel einer so großen Stadt wie Edo ein nicht alltäglicher Anblick.
Deshalb beschleunigte er nochmals seine Schritte, obwohl er bereits in Schweiß gebadet war. Geräuschlos huschte er über das Kopfsteinpflaster einer großen, breiten Straße, an deren westlichem Ende er die Häuser der Amerikaner ausgemacht hatte. Schattenhaft wich er dabei dem trüben Lichtkreis einiger Lampen aus, die eine Lagerhalle beleuchteten, in der bereits gearbeitet wurde.
Unvermittelt zuckte Takashi zusammen, als vor ihm plötzlich harte Stiefeltritte auf dem Pflaster erklangen. Geduckt versuchte er in einer stinkenden Seitengasse unterzutauchen, aber es war zu spät.
„Halt! Stehen bleiben!” Der Befehl kam aus dem Dunkel vor ihm, eine Fackel wurde entzündet und sofort umringten ihn drei Soldaten der Stadtwache.
„Wo wolltet ihr denn soeben hin?”
„Nach Hause, in den Westen der Stadt”, erwiderte Takashi mit trockenem Mund.
„Ach, und dabei rennt ihr immer in solch einem Aufzug durch die Straßen?”
„Nein, ihr müsst wissen, ich komme von dem Haus einer verheirateten Dame”, sagte Takashi stockend. „Aber leider kam ihr Mann früher von einer Geschäftsreise zurück als erwartet.”
Zwei der Soldaten lachten und machten ein paar obszöne Bemerkungen.
Nur der Sprecher gab sich mit dieser Antwort anscheinend nicht zufrieden. Mürrisch trat er einen Schritt vor und hielt die Fackel näher an Okumotos Gesicht.
„Weißt du was? Ich glaube, du lügst. Irgendetwas an deiner Geschichte stimmt nicht. Aber das werden wir schnell herausfinden. Du kommst mit uns.”
Takashi versteifte sich und trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
Es war schon lange kein Geheimnis mehr, das die Stadtoberen von Edo mit dem Shogunat sympathisierten, mit jenen Leuten also, die den Tod seiner Familie befohlen hatten. Er wusste genau, dass er ein toter Mann war, sobald er den Soldaten folgte. Panik ergriff ihn, es durfte nicht sein, dass sein Weg so kurz vor dem Ziel in dieser stinkenden Gasse enden sollte. Die Häuser der Amerikaner waren im ersten Licht des Tages bereits zum Greifen nahe.
„Ich habe gesagt, du sollst mitkommen!”, zischte der Soldat streitsüchtig.
Die anderen beiden hatten jetzt aufgehört zu lachen.
Takashi handelte.
Als die drei Soldaten auf ihn zukamen, wich er ihnen mit einer fast elegant anmutenden Seitwärtsbewegung aus, sein rechter Fuß zuckte hoch und dann flog die Fackel des Soldaten in hohem Bogen auf die Straße hinaus, wo sie in einer Pfütze erlosch. Er trat einen weiteren Schritt in die Dunkelheit der Gasse hinein und als ihm die Männer fluchend folgten, umspielte ein überlegenes Lächeln seine Lippen. Der erste Hieb traf den vordersten der Soldaten völlig unvorbereitet. Der Mann wurde an eine gegenüberliegende Hauswand geschleudert, an der er langsam zu Boden rutschte.
„Was ... wie ...”, keuchte er vollkommen verwirrt und verlor das Bewusstsein.
Aber da war Takashi schon wieder in Bewegung und der nächste Mann ging zu Boden. Der letzte drehte sich mit einem gurgelnden Laut um und versuchte wegzulaufen. Bevor der Soldat die große Straße erreicht hatte, hörte er ein fauchendes Geräusch neben sich und verließ die Welt mit dem Gefühl, als ob sein ganzer Brustkorb plötzlich in Flammen stünde. Takashi zog die Soldaten tiefer in die dunkle Gasse, blieb einige Minuten reglos stehen und lauschte in die Morgendämmerung hinein, um dann schließlich befriedigt weiter zu gehen.
Das amerikanische Frachtkontor rückte dabei immer näher.

Andrew Wallace stand in großen Buchstaben auf dem Messingschild zu lesen, das neben dem Klingelzug auf der wuchtigen Eingangstür angebracht war. Darunter, etwas kleiner, ein Zusatz, aus dem hervorging, dass er der Leiter der Frachtgesellschaft war.
Takashi betätigte die Klingel und ein hohles Scheppern hallte durch das weitläufige Haus. Als sich nach einer Weile immer noch nichts getan hatte, klingelte er ungeduldig ein zweites Mal. Jetzt näherten sich schlurfende Schritte und ein Mann fluchte unterdrückt.
„Ja, doch, verdammt noch mal, was soll denn der Krach um diese Zeit?”
Ein Riegel wurde zurück geschoben und dann öffnete sich der rechte Flügel des Eingangsportals knarrend einen Spalt breit. Ein kräftiger Endfünfziger mit einem gewaltigen Backenbart und kleinen wasserhellen Augen, die jetzt ärgerlich funkelten, streckte den Kopf aus der Tür und musterte den frühen Besucher missmutig.
„Sind sie Mister Wallace?”
Der Bärtige nickte. „Wer zum Teufel will das wissen?”
„Mein Vater hat gesagt, dass Sie mir helfen könnten, wenn ich in Schwierigkeiten bin.”
„Und wer zum Teufel ist dein Vater?”, fluchte Wallace. „Sorry mein Junge, nimm es mir bitte nicht übel, aber für mich seht ihr Japaner alle gleich aus.”
„Mein Vater war Sugura Okumoto und …”
„Okumoto?”, unterbrach ihn Wallace erstaunt.
Rasch wurde die Tür weiter aufgerissen und der bärtige Leiter des amerikanischen Frachtkontors zerrte den halbnackten Besucher hektisch ins Innere des Hauses. Bevor Wallace die Tür wieder verschloss, starrte er noch einmal links und rechts die Straße entlang. Sein Blick wirkte dabei seltsam gehetzt und auf seiner hohen Stirn hatten sich jetzt dicke Schweißperlen gebildet.
„Warum zum Teufel sagst du das nicht gleich?”, fragte er Takashi düster und geleitete den Japaner umgehend in sein Arbeitszimmer.
Trotz seiner hohen Stellung war das Büro von Andrew Wallace eher spartanisch eingerichtet. Ein wuchtiger, zerschrammter Schreibtisch nahm fast die Hälfte des viereckigen Raums ein. Dahinter stand ein einfacher Holzstuhl, an der Wand hingen eine unvollständige Karte Japans und daneben ein Bild von Andrew Johnson, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten. Zwei wurmstichige Regale mit unzähligen Büchern und ebenso viele Besuchersessel vervollständigten die Einrichtung. Auf der Schreibtischplatte stapelten sich unzählige Formulare und eng beschriebene Papiere mit Eselsohren und den eingetrockneten Rändern einer Kaffeetasse.
Während der Japaner auf einem der Sessel Platz nahm und scheinbar gleichgültig den abgeschabten Teppichstoff musterte, mit dem dieser überzogen war, lief Wallace unruhig im Zimmer umher. Er hatte seine breiten Hände auf dem Rücken übereinander gelegt und schritt wie ein gefangener Tiger auf und ab.
„Es herrschen üble Zeiten im Land. Es ist nicht gut, wenn ein Anhänger des Kaisers am helllichten Tag in unser Frachtkontor kommt. Die Macht Meijis ist noch nicht gefestigt und gerade hier in Edo ist das Shogunat immer noch einflussreich genug, um uns ständig Schwierigkeiten zu machen. Was zum Teufel ist passiert, dass du um diese Zeit trotzdem hier auftauchst?”
Zum Teufel schien offensichtlich der Lieblingsspruch des Amerikaners zu sein. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte Takashi darüber sicher gelächelt, aber jetzt war sein Gesicht eine einzige starre Maske.
„Sie haben meine Familie umgebracht”, sagte der Japaner leise.
Andrew Wallace’ Kopf ruckte blitzartig herum. Aus weit aufgerissenen Augen musterte er den Japaner ungläubig.
„Wer?”
„Ninja”, entgegnete Takashi. „Sie handelten im Auftrag des Shogunats.”
„Wie zum Teufel bist du entkommen?”
„Mein Vater gab sein Leben, damit ich durch einen Geheimgang fliehen konnte.”
Der Amerikaner nickte wissend. „Ich verstehe. Und jetzt sind die Bastarde natürlich hinter dir her. Deshalb bist du auch zu uns gekommen, weil hier im Moment wohl der einzige Platz in dem ganzen verdammten Land ist, wo du deines Lebens noch halbwegs sicher sein kannst.”
„Da ist aber noch etwas”, entgegnete der Japaner zögerlich und als er Wallace von der Begegnung mit den Soldaten berichtete, wurde das Gesicht des Amerikaners bleich.
In diesem Moment schepperte erneut der Klingelzug an der Eingangstür und als kurz darauf eine befehlsgewohnte Stimme im Namen des Shoguns von Edo Einlass verlangte, wurde Wallace noch eine Spur blasser.

Sie waren zu acht und standen im Halbkreis vor der Eingangstür.
Bis auf ihren Befehlshaber trugen alle stählerne Brustharnische über den schlicht geschneiderten Gewändern, einfache Riemensandalen und lange Wurfspieße mit roten Seidenbändern.
Der Anführer der Soldaten selber, ein kleiner, pockennarbiger Bursche mit einem spitz zulaufenden Gesicht, das Wallace irgendwie an eine Ratte erinnerte, trug dagegen eine Hose, Holzschuhe und einen farbenprächtigen Kimono. Ein leicht gebogenes Schwert steckte in einer Seidenschärpe, die er sich anstelle eines Gürtels um die Hüften geschlungen hatte. Eingehend musterte er den Amerikaner, während er einen nicht enden wollenden japanischen Wortschwall an Wallace richtete.
Der Leiter des Frachtkontors hatte im Moment zwar keinen Dolmetscher um sich und seine Kenntnisse der Landessprache waren ebenfalls alles andere als ausreichend, aber dennoch konnte er deutlich die Drohungen heraushören, die zwischen den Worten mitschwangen.
„Wo ist er?”, fragte der Soldat plötzlich in fast fehlerfreiem Englisch.
„Wer?”, antwortete Wallace und gab sich dabei nach außen hin alle Mühe so zu tun, als wüsste er tatsächlich nicht, was die Soldaten von ihm wollten.
In Wirklichkeit spürte er, wie ihm der Schweiß ausbrach und kalt den Rücken hinunter rann, während ihn die Männer bösartig anstarrten.
„Ihr wisst genau, wen ich meine, und jetzt tretet zur Seite, damit wir nachsehen können, wo sich der Hund verkrochen hat.”
„Das werdet ihr nicht wagen”, erwiderte Wallace und versuchte seine Stimme fest und sicher klingen zu lassen. „Ich bin gerade dabei, dem ehrenwerten Shogun Takahara bis heute Mittag ein Angebot über eine Warensendung auszuarbeiten. Was glaubt ihr wohl, was der Shogun dazu sagt, wenn ich ihm erzähle, dass ich damit noch nicht fertig bin, weil ein paar von seinen Männern wie aufgescheuchte Hühner seit dem Morgengrauen in meinem Haus herumrennen?”
Der Pockennarbige schien einen Moment lang zu überlegen. Dann gab er den Befehl zum Rückzug. Wallace sah ihm deutlich an, dass er dabei vor Wut schier platzte, aber die Angst vor Takahara überwog. Als er mit seinen Männer wieder auf der Straße war, drehte er sich noch einmal um und musterte ihn aus hasserfüllten Augen.
„Wir kommen wieder und diesmal mit dem Shogun. Dann rettet niemand mehr deinen weißen Hals.”
Wallace sah den Soldaten nach, bis sie endgültig aus seinen Augen verschwunden waren. Erst dann wischte er sich mit einem erleichterten Schnaufen mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.
Bis du wieder zurückkommst, wirst du aber nichts mehr finden, du Sohn einer hässlichen, gelbgestreiften Ratte, dachte er wütend und schloss die Tür.
Er drehte sich um und rannte sofort in sein Arbeitszimmer zurück. Dort schien Takashi bereits alles mit angehört zu haben. Er hatte die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst und seine dunklen Augen funkelten vor Wut und Enttäuschung.
„Tut mir leid”, sagte Wallace. „Aber du hast es ja selber gehört. Wenn der Bastard mit dem Shogun zurückkommt, bist du selbst hier nicht mehr sicher. Und dass sie dich finden, ist so sicher wie das Amen in der Kirche, glaube es mir. Ich habe es dem Hurensohn förmlich angesehen, als er gegangen ist.”
Der Japaner senkte den Kopf und starrte düster auf die Waffe in seiner Hand. „Dann bleibt jetzt nur noch das Schwert.”
„Was zum Teufel hast du vor?”
„Takashi wird diesen Hunden zeigen, wie ein Okumoto stirbt. Noch bevor die Sonne untergeht, werde ich mit dem Katana meines Vaters knietief durch das Blut von Takaharas Männern waten.”
Wallace schüttelte den Kopf und verwarf mit wenigen Worten das Vorhaben des Japaners.
„Vergiss es, du hast nicht die geringste Chance. Du kommst keine fünf Schritte aus dem Haus, dann haben sie dich bereits mit ihren Schwertern zerhackt.”
„Was soll ich deiner Meinung nach sonst unternehmen? Hier bleiben kann ich nicht.”
Besorgt runzelte der Amerikaner die Stirn. Nein, hier bleiben konnte er wirklich nicht. Er wusste genau so gut wie der Japaner, dass sein Leben keinen Cent mehr wert war, wenn ihn nachher die Soldaten in seinem Haus aufspürten. Bei Gott, dachte Wallace verzweifelt, aber es muss doch einen Ausweg geben. Er konnte doch nicht einfach hier herumsitzen und tatenlos zusehen, wie der Sohn Okumotos in den sicheren Tod ging. Dafür hatte er Sugura viel zu viel zu verdanken.
Der Samurai war einer der wenigen Männer in diesem seltsamen Land, der sich offen und ehrlich für die Lebens- und Denkweise der Amerikaner interessiert hatte. Er war ein Mann, der über den Tellerrand hinaus blicken konnte und der wusste, dass sich Japan auf Dauer nicht vor der Welt verschließen durfte. Tradition und Geschichte waren wichtig für ein Land, hatte er einmal gesagt, aber nicht so wichtig, dass ein Land ihretwegen unterging. Sugura war sogar so weit gegangen, dass er seinem Sohn befohlen hatte, die Sprache der Fremdlinge zu lernen. Mit seinen für einen Japaner geradezu revolutionären prowestlichen Ansichten hatte er es fertig gebracht, bis zum Kaiser vorzudringen und sich dort Gehör zu verschaffen.
Sugura war in jeder Hinsicht ein bemerkenswerter Mann gewesen. Gewesen, dachte Wallace und kalte Wut stieg in ihm hoch, als er daran dachte, dass man den Samurai nur wegen seiner Einstellung zu den Amerikanern heimtückisch ermordet hatte. Entschlossen straffte er die Schultern und hob den Kopf. Er war es ihm einfach schuldig, wenigstens seinen Sohn vor dem gleichen Schicksal zu bewahren. Unruhig lief er hinter seinem Schreibtisch auf und ab. Als sein Blick dabei aus einer Laune heraus zufällig aus dem Fenster fiel und er die vielen Boote sah, die gut verankert im ruhigen Hafenwasser vor sich hin dümpelten, überzog plötzlich ein wissendes Lächeln sein Gesicht.

3. Kapitel

Ununterbrochen schlugen die hohen Wellen gegen den wuchtigen Holzrumpf der Queen of Sacramento. Die aufspritzende Gischt setzte ständig das gesamte Deck unter Wasser und fand auch immer wieder den Weg durch das kleine, geöffnete Bullauge an Backbord und damit in die Mannschaftskajüte hinein. Diese ging über die gesamte Breite des Schiffes und bot genügend Platz für die Kojen der sechsundfünfzig Männer der Mannschaft. In einer von ihnen lag Takashi Okumoto. Er hatte beide Arme auf seinen Bauch gepresst und sich tief in seine Koje gedrückt. Sein Gesicht war hohlwangig und eingefallen und kalter Schweiß glitzerte auf seiner Stirn. Der Geruch von nassem Holz, Fisch und Teer hatte sich mit den Ausdünstungen der Männer vermischt und hing durch die Wärme in der Kajüte schwer in der Luft. Der Japaner war deshalb trotz der Nässe dankbar für das kleine, geöffnete Fenster. Die frische, salzig schmeckende Brise des Meeres vertrieb wenigstens zum Teil den beißenden Gestank, der hier unten vorherrschte.
Seit einer Woche waren sie auf See und seit fünf Tagen hing der Japaner entweder über der Reling oder in seiner Koje und kotzte sich die Seele aus dem Leib. Takashi war so seekrank, wie ein Mann nur seekrank sein konnte, und wäre nicht die eiserne Disziplin seiner Samuraiausbildung gewesen, er hätte am liebsten wie ein kleines Kind geheult. So aber begann er zu meditieren und konzentrierte sich immer wieder auf das, was geschehen war, seit er Andrew Wallace’ Büro betreten hatte.
Nachdem die Stadtwachen das Gelände der amerikanischen Frachtgesellschaft verlassen hatten, war ihnen beiden klar, dass er nirgends mehr sicher war. Nicht in dieser Stadt, nicht in diesem Land, dazu reichten die Arme des Shogunats bereits zu weit. Obwohl er sich anfangs noch heftig dagegen gesträubt hatte, sah Takashi irgendwann dann doch ein, dass es für ihn das Beste war, wenn er Japan verließ. Die Queen of Sacramento, ein Schiff der amerikanischen Gesellschaft, lag im Hafen vor Anker und war mit dem Ziel San Francisco zum Auslaufen bereit. Er ging keine Minute zu spät an Bord. Das Schiff hatte den Hafen noch nicht ganz zur Hälfte verlassen, als auf der Straße, die neben den Kais verlief, eine Hundertschaft Soldaten aufmarschierte. Shogun Takahara persönlich führte sie an. Bis die Männer allerdings in Stellung gingen, war das Schiff bereits außerhalb der Reichweite ihrer Langbogen und Musketen. Zu gerne hätte Takashi das Gesicht Takaharas gesehen, stattdessen aber segelte er einer ungewissen Zukunft entgegen.
Ein unbekanntes Land erwartete ihn, eine Welt, deren Kultur und Lebensweise ihm fremd waren. Er kannte in Amerika keinen einzigen Menschen und alles, was er besaß, war das Schwert seines Vaters und ein bisschen Geld, das ihm Wallace ebenso geschenkt hatte wie das, was er im Augenblick am Leib trug.
In diesem Moment öffnete sich knarrend die Tür zur Kajüte. Mühsam hob er den Kopf und erkannte, dass der Schwede in den Raum kam. Eigentlich hieß er ja Peer Asmussen, aber alle an Bord nannten den Schiffskoch einfach den Schweden. Einen Augenblick lang sah sich der blonde Mann prüfend um, dann stapfte er zielsicher auf das geöffnete Bullauge zu und verschloss es.
„Ist nicht gut, wenn hier Wasser reinkommt”, meinte er mit einem raschen Seitenblick zu Takashi. „Die Sachen hier drin ziehen Feuchtigkeit und das Holz fängt mit der Zeit zu faulen an.”
Der Japaner nickte verstehend, obgleich ihn diese Dinge im Moment nicht im Geringsten interessierten. Er hatte genug mit sich und seiner Übelkeit zu tun. Erstaunt bemerkte er, wie der Schwede jetzt in den hintersten, dunkelsten Winkel der Kajüte ging und dort eine tönerne Schale, die er mitgebracht hatte, auf den Boden stellte.
„Hier”, sagte er in das Dunkel hinein. „Feinstes Butterschmalz aus der Schatzkammer meiner Kombüse. Kriegt sonst nur der Käpt’n auf den Tisch, aber ich denke mal, du kannst es heute besser gebrauchen. Schmier dich nur ordentlich damit ein, dann tut es heute Abend nicht so weh.”
Statt einer Antwort ertönte aus dem Dunkel heraus ein unterdrückter Laut, der Takashi an den Schmerzensschrei einer gequälten Kreatur erinnerte. Neugierig richtete er sich etwas in seiner Koje auf.
Erst jetzt erkannte er die Umrisse der kleinen, zerbrechlich wirkenden Gestalt, die sich dort im Dunkeln an die Kajütenwand gekauert hatte.
Es war Robert, der sechzehnjährige Schiffsjunge der Queen of Sacramento.
„Wieso soll sich der Junge denn mit Schmalz einreiben?”, fragte Takashi erstaunt.
„Na, weil er heute Abend die Braut ist, dämliche Frage”, brummelte der Schwede.
Ein weiterer qualvoller Laut folgte, der schließlich in ein haltloses Schluchzen überging.
„Weil er bitte was ist?”, fragte der Japaner, obwohl ihm allmählich die Erkenntnis dämmerte. Aber das konnte eigentlich gar nicht sein, redete er sich ein. Allein schon der Gedanke daran war ekelerregend und abstoßend. Doch die Antwort des Schweden machte Takashis Befürchtungen zur brutalen Realität.
„Black Jack, unser erste Steuermann, hält nichts von Weibern, Titten und Mösen, wenn du verstehst, was ich meine. Ihm ist ein anständiger Männerarsch lieber. Tja und heute Abend ist eben Robert die Braut.”
„Das dürft Ihr nicht zulassen”, erwiderte der Japaner empört. „Seht Euch doch den Jungen an, er wird daran zerbrechen.”
„Ach was”, sagte der Schwede und machte eine abwertende Handbewegung. „Einmal in den Arsch gefickt hat noch niemanden umgebracht. Und jetzt hört auf, Euch den Kopf über ungelegte Eier zu zerbrechen. Haltet Euch einfach aus der Sache raus, könnte sonst gut sein, dass Ihr Black Jack mit Eurer Jammerei auf Euch aufmerksam macht. Wer weiß, vielleicht findet der am Ende auch Gefallen an einem Schlitzaugenarsch.”
Voller Abscheu verzog Takashi das Gesicht und schwang seine Beine aus der Koje. Mühsam richtete er sich auf und trottete mit schweren Füßen auf den Kajütenausgang zu.
„Wo wollt ihr jetzt hin?”, fragte der Schwede erstaunt.
„Zum Kapitän, ich werde ihm erzählen was hier vorgeht. Einer muss ja diese Schweinerei verhindern und wenn Ihr kein Rückgrat dafür habt, dann werde es eben ich tun.”
„Seid Ihr verrückt geworden? Black Jack bringt uns um!”
Mit zwei weiten Sätzen war der Schwede an der Tür und stellte sich Takashi in den Weg.
„Ihr kommt gegen Black Jack nicht an. Keiner aus der Mannschaft nimmt es mit ihm auf, sogar der Käpt´n geht ihm lieber aus dem Weg.”
„Und warum ist er dann hier an Bord?”
„Als Mensch gesehen ist der Kerl zwar ein Schwein, aber gottverdammt leider der beste Steuermann, der jemals in Kalifornien das Licht der Welt erblickt hat. Nur deshalb heuert man ihn immer wieder an. Glaubt mir, Ihr habt keine Chance gegen Jack, er ist mindestens doppelt so groß und ebenso breit wie ihr. Er zerbricht Euch wie einen Zahnstocher, wenn Ihr ihm in die Quere kommt.”
Takashi lächelte milde. „Auch durch Nachgeben kann man einen Sieg erringen”, zitierte er eine Regel aus seiner Ausbildung. Dann schob er Asmussen sanft aber bestimmend aus dem Weg.
„Du verdammtes Schlitzauge, bleib hier!”, zischte der Schwede jetzt ärgerlich. „Ich habe keine Lust wieder miterleben zu müssen, wie Black Jack seine schlechte Laune an der Mannschaft auslässt. Verstehst du, keiner von uns ist scharf darauf, dem Schiffsarzt einen Besuch abzustatten.”
Er streckte seine Rechte vor, um den Japaner aufzuhalten, aber schon im nächsten Moment stieß er einen unterdrücken Schmerzensschrei aus, weil sein ganzer Arm von einem Augenblick zum anderen taub und gefühllos an seiner Seite herabhing. Der Japaner hatte ihm mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung die Handkante gegen den Ellbogen geschlagen und dabei irgendwelche Nerven getroffen. Rasend vor Schmerzen und Zorn versuchte er mit seiner Linken, einen hinterhältigen Treffer unterhalb der Gürtellinie zu landen. Aber alles, was er erreichen konnte, war, dass er sich unvermittelt in der Luft überschlug und einen Herzschlag später mit dem Rücken schmerzhaft auf die rauen Bodendielen krachte.
„Bei Gott, was war das?”, keuchte er halb betäubt.
„Der Flügelschlag des Schmetterlings”, sagte Takashi und verneigte sich vor dem Koch, wie es ihm sein Respekt gebot. Der Mann war ihm in keinster Weise gewachsen und einen Moment lang schämte er sich dafür, dass er sich überhaupt auf eine Auseinandersetzung mit dem Schweden eingelassen hatte. Dann half er dem immer noch benommenen Asmussen auf die Beine.
„Können wir jetzt wie Männer darüber reden?”
„Über was wollt ihr reden?”, bellte in diesem Augenblick eine harsche Stimme von der Tür her.
Beinahe gleichzeitig ruckten die Köpfe der Männer nach vorne und als der Schwede erkannte, wer da in der Tür stand, weiteten sich seine eisblauen Augen jäh vor Entsetzen.

4. Kapitel

Shogun Takahara saß auf der Stirnseite des Raumes allein auf dem Podest. Er trug einen seidenen Kimono mit gestärkten Schultern, der den nur mittelgroßen Mann wuchtig und gebieterisch erscheinen ließ. Die Rechte ruhte auf dem Griff seines Schwertes, während er sich gereizt umsah. Die im Halbkreis vor ihm auf dem Boden sitzenden Offiziere hatten alle die Köpfe gesenkt, niemand sprach ein Wort und nur die leisen Atemzüge der Anwesenden unterbrachen die unheilvolle Stille, die in dem Raum herrschte.
Der Shogun durchbohrte die Männer geradezu mit seinen Blicken.
Er hatte an diesem Mittag mehr als nur schlechte Laune. Trotz seiner Intrigen, die ihn ein halbes Vermögen gekostet hatten, war zwischen dem Kaiser und diesen bärtigen Barbaren ein weiteres Handelsabkommen zustande gekommen. Statt sie vor dem Kaiser bloßzustellen, musste er zähneknirschend mit ansehen, wie die Amerikaner ihre Position sogar noch entscheidend ausbauen konnten. Damit nicht genug war auch noch der Plan, die Familie Okumoto auszuschalten, fehlgeschlagen. Da fiel es beinahe nicht mehr ins Gewicht, dass seit dem Morgen in einem Zimmer nebenan seine Lieblingsfrau nackt unter der Bettdecke auf ihn wartete. Bei dem Gedanken an ihre weiche, weiße Haut und dem schwarz gelockten Dreieck zwischen ihren Schenkeln wurde der Druck in seiner Leistengegend immer stärker und gleichzeitig die Wut über das Versagen seiner Männer im gleichen Maße größer.
„Atami-san, (san bedeutet ehrenwert, man hängt das Wort aus Höflichkeit immer hinter den Familiennamen des Angesprochenen.) kommt her zu mir!”, befahl er schließlich, nachdem er sie alle fast eine halbe Ewigkeit schweigend gemustert hatte. Seine Stimme klang dabei nicht einmal besonders laut, aber trotzdem zuckte der Angesprochene zusammen, als ob ihn ein Peitschenhieb getroffen hätte. Auf Knien robbte er zu dem Podest vor, den Kopf demütig gebeugt. Dort verneigte er sich mehrmals vor dem Shogun und hielt den Blick gesenkt.
„Atami-san, erklärt mir doch bitte, warum Okumotos Sohn Euren Männern entkommen ist.”
Das Gesicht des Samurais wurde aschfahl und seine Worte waren kaum zu hören, als er zu reden begann. „Es waren nicht meine Männer, die Suguras Anwesen überfallen haben, es waren Ninja.”
„Ninja?! Habt Ihr denn keine Ehre im Leib? Sugura war ein Samurai und Ihr schickt ihm Ninja! Nun gut, das müsst Ihr selbst mit Eurem Gewissen ausmachen. Aber Ihr habt mir immer noch nicht erklärt, warum sein Sohn entkommen konnte.”
„Es gibt in dem Haus einen geheimen Gang, von dem niemand etwas wusste.”
„So, so, einen geheimen Gang”, wiederholte Takahara und sah den Mann kopfschüttelnd an.
„Und was ist mit dem Zwischenfall in der kleinen Gasse bei den Häusern der Amerikaner? Gab es da auch einen geheimen Gang, durch den er entkommen konnte?”
„Nein”, sagte Atami leise und schüttelte erneut den Kopf.
„Ich habe Euch nicht genau verstanden. Würdet Ihr das bitte noch einmal wiederholen?”
„Es waren nur einfache Soldaten. Okumoto hat sie mit seiner Samuraikampfkunst völlig überrascht.”
„Etwa so?”
Blitzartig sprang der Shogun auf und riss mit der Rechten das Schwert aus dem Gürtel. Atami kam nicht einmal dazu, einen Ansatz von Flucht zu zeigen. Der wuchtig ausgeführte Schwerthieb trennte ihm einen Herzschlag später den Kopf vom Rumpf und eine Blutfontäne spritzte durch den Raum. Die Köpfe der anderen Männer blieben tief gesenkt.
„Schafft mir diesen Unwürdigen aus den Augen, Schande über ihn und seine Familie.”
Er bellte ein paar Namen und während er sich wieder setzte, sprangen die drei Genannten auf und brachten Körper und Kopf des Getöteten aus dem Raum. Innerlich aufgewühlt versuchte Takahara Klarheit in seine Gedanken zu bringen. Er brauchte einen neuen Plan und er brauchte ihn schnell, denn im Moment sah alles danach aus, als würde sein ganzes Vorhaben scheitern. Dabei hatte er sich bis gestern noch als Oberhaupt des Shogunats gesehen, das den Kaiser ablösen und die Fremdlinge wieder aus Japan verjagen würde.
Unwillig sah er deshalb auf, als einer der Männer es wagte, sich zu räuspern. Doch als er den Samurai erkannte, welchem es ganz offensichtlich am nötigen Respekt zu fehlen schien, besserte sich seine schlechte Laune etwas.
Hai, ja, Yasuhito, sein Neffe, hatte schon immer recht brauchbare Ideen gehabt. Es konnte nicht schaden, wenn er sich anhörte, was der junge Mann vorzuschlagen hatte.
Gönnerhaft winkte er ihn mit einer knappen Handbewegung zu sich heran und schon nach wenigen Worten seines Neffen fing er an, sich wieder zu entspannen und neue Pläne zu schmieden.
„Du glaubst also, wenn wir den Leiter des amerikanischen Frachtkontors töten und den Verdacht auf den jungen Okumoto lenken, würde das von unseren Absichten ablenken und gleichzeitig die Fremden gegen den Kaiser aufbringen?”
„Hai”, erwiderte Yasuhito und verneigte sich. „Unsere Leute werden schweigen, der Amerikaner kann nichts mehr sagen und der junge Okumoto ist ja auf der Flucht. Der Kaiser kann gar nicht anders, er muss Euch einfach Glauben schenken.”
Diese Vorstellung ließ Takahara zuversichtlicher in die nächsten Tage blicken.
„Aber diesmal gehen wir nicht das geringste Risiko ein”, sagte er. „Du allein bist mir für die ganze Sache verantwortlich. Wenn es gelingt, verdreifache ich dein Lehen. Wenn du versagst, weiß ich von nichts, aber deine Familie, deine Eltern und alle Leute in deinem Dorf werden noch am selben Tag in heißem Öl schwimmen. Hast du mich verstanden?”
Yasuhito verneigte sich und verließ den Raum.
Doch als er die Tür hinter sich schloss, war er sich plötzlich gar nicht mehr so sicher, ob sein Plan tatsächlich auch so ein guter Plan war.

Es war Nacht in Edo.
Die Luft war voll von den Gerüchen der großen Hafenstadt. Der warme Wind, der von Süden her über das Land wehte, roch nach Fisch, Salzwasser und Teer und mischte sich am Hafen mit den Ausdünstungen der schwitzenden Arbeiter, mit Tabakrauch und dem Gestank von Unrat, welchen Schiffsjungen in das brackige Hafenwasser schütteten. Trotz der späten Stunde wurde noch fieberhaft gearbeitet. Halbnackte, schwitzende Männer, die nur mit einem Lendenschurz bekleidet waren, eilten schwer beladen über die schwankenden Stege in die Laderäume der Schiffe. Hoch beladene Wagen rollten stetig durch die engen Gassen auf die Verladerampen zu und überall wurde geschrien, geflucht und geschwitzt. Ganz am Rande des geschäftigen Umtriebs stand unbemerkt ein junger Samurai in einer Seitengasse und beobachtete aufmerksam jenen groß gewachsenen, bärtigen Amerikaner, der händefuchtelnd ständig Anweisungen gab.
Als Andrew Wallace den letzten Arbeiter im Bauch des Schiffes, dessen Ladung er zu verantworten hatte, verschwinden sah, seufzte er erleichtert auf und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Die silberne Uhr, die er nun aus der Tasche seiner dunklen Weste zog und aufklappte, zeigte ihm eine Stunde vor Mitternacht an.
„Okay Leute, das war’s”, rief er seinen Männern zu. „Das Schiff kann bei Sonnenaufgang auslaufen. Geht jetzt nach Hause und schlaft euch aus, morgen wird wieder ein harter Tag.”
Die Matrosen des Seglers warteten, bis auch der letzte von Wallace’ Männern von Bord gegangen war, dann zogen sie die Gangways ein und nach und nach verlöschten auf dem Schiff sämtliche Lichter.
Während seine japanischen Arbeiter schnatternd und schwatzend in den verwinkelten Hafengassen verschwanden, wischte sich Wallace müde übers Gesicht und ging mit gebeugten Schultern zum Verwaltungsgebäude des Frachtkontors hinüber. Dort brannte nur noch hinter einem der Fenster neben der Eingangstür Licht.
Der Amerikaner schüttelte den Kopf.
Das konnte nur Will Harper sein. Wer sonst, schließlich waren es doch immer die gleichen, die um diese Zeit noch arbeiteten. Als er an Harpers Schreibtisch dachte, umspielte ein wissendes Lächeln seinen Mund. Obwohl Alkohol bei der Arbeit verboten war, wusste er als Leiter dieser Niederlassung genau um die Schwächen seiner Schäfchen. So wusste er auch von jener bauchigen Flasche im linken Seitenfach des Schreibtisches, und wenn Harper heute Abend noch einen Schluck herausrückte, war er bereit, wieder mal ein Auge zuzudrücken. Bei einem zweiten Schluck vielleicht sogar beide Augen.
Verdammt, so spät war es schließlich nun auch wieder nicht.
Andrew Wallace wäre allerdings sehr schnell auf andere Gedanken gekommen, wenn er die schmale Gestalt bemerkt hätte, die Sekunden vor ihm im Haus verschwunden war. So öffnete er fröhlich pfeifend und in Erwartung von Harpers gutem Tropfen die Eingangstür und ging, statt die Treppe zu seiner Wohnung hoch, im Gang scharf nach links auf dessen Büro zu. Der Höflichkeit halber klopfte er zweimal mit den Knöcheln gegen das Holz der Tür, bevor er eintrat.
„Hallo Will, du alte Nachteule. Hast du kein Bett zu Hause?”
Anscheinend war Harper so sehr in seine Papiere vertieft, dass er seinen Chef gar nicht kommen hörte. Anders konnte es sich Wallace nicht erklären, dass der Mann selbst dann nicht aufblickte, als er direkt hinter ihm stand. Selbst schuld, dachte er noch, dann erschrecke ich dich eben, auf dass dir das Herz in die Hose fährt. Grinsend klatschte er Harper die flache Hand auf die Schulter.
„Pennst du etwa während der Arbeit?”
Statt einer Antwort knallte Harper mit der Stirn auf die Platte seines Schreibtischs und rutschte anschließend nach links vom Stuhl. Noch bevor er auf den Boden fiel, sah Wallace im trüben Licht der Schreiblampe die riesige Blutlache auf Harpers Tischplatte.
Er reagierte augenblicklich.
Mit einem raschen Schritt zur Seite tauchte er aus dem schmalen Lichtkreis der Lampe heraus im Dunkel des Büros unter und duckte sich sofort weg. Einen Herzschlag später fauchte wie aus dem Nichts eine blitzende Schwertklinge heran und zerteilte mit einem einzigen wuchtigen Hieb die Tischplatte.
Die schmale Gestalt in dem dunklen Kimono stieß einen schrillen Überraschungsschrei aus und wirbelte sofort herum. Genau in dem Augenblick warf ihm Andrew Wallace einen Bürostuhl direkt vor das Schienbein. Sein Japanisch war gut genug, um die wilden Flüche des Unbekannten zu verstehen, als dieser über das Möbelstück stolperte.
Normalerweise hatte er nicht die geringste Chance gegen diesen unbekannten Schwertkämpfer, der wie tollwütig mit seiner Klinge um sich herum die Luft zerhackte. Aber die Dunkelheit war seine Chance und er nutzte sie. In der nächsten Sekunde stürzte er aus der Tür und bevor der Unbekannte die Situation überhaupt begriff, rannte er die Treppe zu seiner Wohnung hoch, öffnete mit fliegenden Fingern den Zugang zu seinem Privatbereich und hastete auf den Nussbaumsekretär in seinem Wohnzimmer zu.
Keinen Moment zu spät.
Als er das Geheimfach neben dem auf der Schreibtischplatte festgeschraubten Tintenfass öffnete und sich seine Finger um den Walnussholzgriff des 51er Navy-Colts schlossen, stand der Unbekannte bereits im Zimmer und bedachte ihn mit einem tödlichen Blick. Ohne zu zögern spannte Andrew Wallace den Abzug der Waffe, hob den Revolverarm und feuerte. Der Japaner wurde nach hinten gestoßen und taumelte aus dem Türrahmen. Seine Augen quollen fast aus den Höhlen. Ungläubiges Erstaunen lag in seinem Blick. Als ihn die zweite Kugel traf, stürzte er auf die Knie und das Schwert entfiel seinen Fäusten. Langsam beugte er seinen Oberkörper nach vorn, dann krachte er mit dem Gesicht voran zu Boden und begrub das Schwert unter sich.
Eine weitere Tür wurde aufgerissen und nackte Fußsohlen klatschten über dem Holzfußboden des Hauses. Wallace riss die Waffe erneut hoch, um sie im nächsten Moment wieder zu senken, weil er die Gestalt erkannt hatte, die da auf ihn zugerannt kam.
„Himmel”, sagte er fast ärgerlich. „Hast du mich erschreckt. Mann, o Mann, beinahe hätte ich noch mal abgedrückt.”
Mike Fuller nickte verlegen.
Der junge Mann war sein Stellvertreter und hatte sein Zimmer im Obergeschoß, direkt neben Wallace’ Wohnung. So, wie er jetzt allerdings da stand, entlockte er Andrew trotz der tödlichen Gefahr, in der er sich noch vor wenigen Sekunden befunden hatte, eher ein belustigendes Grinsen. Mit seinem verschlafenen Gesicht, den wirr vom Kopf abstehenden braunen Haaren und dem knielangen, weißen Nachthemd wirkte er wie die Vogelscheuche im Gemüsegarten seiner Mutter, nicht wie der stellvertretende Leiter des hiesigen Frachtkontors.
„Um Gottes Willen, was ist passiert?”
„Dieser Scheißkerl hier wollte mich anscheinend umbringen. Aber der alte Andrew hat nicht ein halbes Dutzend Indianerkämpfe und den gesamten Bürgerkrieg mit heiler Haut überstanden, um sich hier in Japan von einem Schlitzauge aufspießen zu lassen.”
Dabei deutete er mit dem noch rauchenden Navy-Colt auf den Toten. Mike nickte und musterte die Leiche neugierig. Dann starrte er seinen Boss entsetzt an.
„Um Gottes Willen, du hast ja einen Samurai erschossen!”
„Na und?”, entgegnete Wallace ärgerlich. „Hätte ich mich vielleicht von ihm umbringen lassen sollen?”
„Verdammt, das gibt Ärger, gewaltigen Ärger sogar. Der Shogun von Edo wartet schon lange darauf, uns eins auswischen zu können und einen besseren Grund als einen toten Samurai konntest du ihm dafür gar nicht liefern. Wir müssen sofort den amerikanischen Botschafter benachrichtigen.”
„Dann sag dem Botschafter auch gleich, dass der Japaner Will Harper umgebracht hat.”
Fassungslos starrte Fuller auf den Toten.
„Scheiße, verfluchte Scheiße!”

5. Kapitel

Er stand mit verschränkten Armen im Türrahmen, riesig, massig, tödlich.
Black Jack Potter, der Steuermann der Queen of Sacramento war über sechs Fuß groß, hatte Schultern so breit wie ein Wohnzimmerschrank und Oberarme, die an Baumstämme erinnerten. Seine von Wind und Wetter gegerbte Haut hatte im Laufe der Jahre die Farbe von altem Kupfer angenommen und sein haarloser Schädel glänzte im Sonnenlicht wie eine blank polierte Kanonenkugel. Als er den Mund öffnete, erkannte Takashi, dass er genauso viele Zähne besaß, wie er Haare auf dem Kopf hatte.
„He Schwede, rede ich jetzt etwa auch schon japanisch? Ich habe dich etwas gefragt.”
Asmussen zuckte verschreckt zurück und wand sich wie ein Aal.
„Ja, äh, über was haben wir denn geredet?”
Dabei starrte er Takashi aus großen Augen hilfesuchend an.
„Ach so, ja, äh ... wir haben darüber geredet, was gegen Übelkeit hilft. Weil ihm doch so schlecht ist.”
Black Jack trat einen Schritt vor und packte den Koch mit einer Hand am Kragen seines zerschlissenen Hemdes und schüttelte ihn gehörig durch.
„Du bist und bleibst ein Arschloch, Schwede. Verscheißern kann ich mich auch alleine. Also, über was habt ihr hier gequatscht, etwa über mich?”
„Du hast es erfasst, Steuermann”, sagte Takashi kalt.
Der harte Klang seiner Stimme ließ Black Jack herumwirbeln. Erstaunt musterte er den hageren Japaner, der seinem düsteren Blick unbeeindruckt standhielt. Was er sah, schien ihm unbedenklich.
Der Mann war fast einen Kopf kleiner als er und schien nur aus Knochen und Sehnen zu bestehen. Kein Wunder, dachte der Steuermann im Stillen, wenn ich fünf Tage lang nur gekotzt hätte, würde mir auch so einiges an Gewicht fehlen.
„So”, erwiderte er gedehnt. „Und was habt ihr über mich geredet?”
„Das ich dir den Schwanz abschneide, wenn du den Schiffsjungen nicht in Ruhe lässt.”
Im nächsten Augenblick war es in der Mannschaftskajüte so still geworden, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören. Selbst der stetig wehende Wind schien den Atem anzuhalten und auch die Takelage des Schiffes knackte und knarzte hörbar leiser. Dem Schweden wollten die Augen aus dem Kopf fallen, während er den Japaner anblickte, als habe dieser den Verstand verloren. Potter stand einen Moment reglos mit offenem Mund da und schüttelte schließlich den Kopf, als könne er nicht glauben, was er da soeben gehört hatte. Dann entrang sich seiner Brust ein Grollen, das an das Herannahen eines gewaltigen Gewitters erinnerte. Mit einer kurzen Handbewegung warf er den Koch wie einen Sack alter Lumpen in die nächste Ecke und dann stürmte er wie ein gereizter Büffel auf Takashi zu.
Mit beinahe stoischer Gelassenheit erwartete der Japaner mit herabhängenden Händen den Ansturm des Hünen und erst als die vorgestreckten Finger des wütenden Steuermanns seinen Hals fast erreicht hatten, reagierte er.
Im Bruchteil einer Sekunde drehte er sich solcherart mit seinen Füßen, dass er Potter nur noch seine linke Seite zeigte. Die Hände, deren gekrümmte Finger auf seinen Hals zielten, fuhren ins Leere. Eine blitzschnell zustoßende Fußsohle verwandelte die ungestüm heran donnernde Körpermasse des Steuermanns in ein hilfloses, fliegendes Bündel aus Fleisch und Knochen, welches mit brachialer Gewalt gegen die hinter dem Japaner liegende Schiffswand knallte.
Aber Black Jack war hart im Nehmen.
Er stemmte sich sofort wieder in die Knie hoch, schüttelte kurz den kahlen Schädel und stierte Takashi an. Noch nie hatte der Japaner in Augen gesehen, die so voller Hass waren wie die von Potter. Aus einer aufgeplatzten Augenbraue lief ihm Blut übers Gesicht und ließ sein verzerrtes Antlitz wie eine Teufelsfratze aussehen. Als er sich schließlich aufgerichtet hatte, stürmte er sofort wieder wie ein gereizter Stier nach vorne. Aber wieder schien sich Takashi, als er diesen fast erreicht hatte, förmlich in Luft aufgelöst zu haben und als Black Jack diesmal den Kopf hob, lag er bäuchlings auf dem Boden und der Japaner kniete auf seinem Rücken. Brüllend versuchte er sich zu erheben, aber Takashis Finger hatten sich mit einem eisenharten Griff in seinem Nacken festgekrallt und drückten dort auf irgendwelche Nerven. Er war unfähig Arme oder Beine zu bewegen, während ihn ein brennender Schmerz schier wahnsinnig machte.
„Du lässt den Jungen in Ruhe, hai, ja?”, sagte Takashi beinahe sanft.
„Bei … bei Gott, dafür bringe ich dich um”, keuchte der Steuermann vor Schmerzen.
Takashi zögerte nicht einen Moment. Die Seekrankheit hatte ihn merklich geschwächt und er war sich darüber im Klaren, das Potter trotz seiner Kampfkunst über kurz oder lang auch einen Treffer landen würde. Bei der gewaltigen Körperkraft des Steuermanns und seinem augenblicklichen Zustand würde das unweigerlich sein Ende bedeuten. Deshalb verstärkte er gnadenlos den Druck seiner Finger und Black Jack wurde, von neuerlichem Schmerz überwältigt, fast augenblicklich bewusstlos.
„Du ... du hast ihn umgebracht”, stotterte der Schwede ungläubig, als er auf den reglosen Potter starrte.
„Nein, nur etwas ruhig gestellt”, sagte Takashi. „Aber er ist selber schuld, er hat mich herausgefordert. So schlimm, wie es aussieht, ist es nicht. Spätestens in einer halben Stunde kann er wieder aufstehen.”
Der Schwede schüttelte den Kopf. „Nicht so schlimm, sagst du? Mein Gott, wenn er wieder aufwacht, wird er dich töten.”
Jetzt schüttelte der Japaner den Kopf. „Er wird es vielleicht versuchen”, sagte er und lächelte.

6. Kapitel

Takashi erreichte den Gipfel der strauchbedeckten Anhöhe und blieb stehen.
Er blickte auf eine nahe Ranch mit einem halben Dutzend Schuppen und Häuser hinab. Das Anwesen lag in einem windgeschützten Seitental abseits einer ausgefahrenen Frachtstraße. Aus dem Kamin eines Hauses kräuselte sich Rauch und die rot schimmernde Morgensonne spiegelte sich in den Fenstern.
Er beobachtete die Ranch eine Weile und als sich nichts rührte, schweiften seine Gedanken allmählich wieder zurück in die Vergangenheit. Wie schon so oft in den zurückliegenden Wochen und Monaten.
Zuviel war auf ihn eingestürmt seit jenem Morgen, als er an Bord der Queen of Sacramento den Steuermann Black Jack Potter auf die Fußbodenplanken der Mannschaftskajüte geschickt hatte.
Entgegen aller düsteren Vorahnungen von Seiten des Schiffkochs hatte Black Jack nach diesem Morgen nicht versucht ihn umzubringen. Sie waren zwar keine Freunde geworden, aber man respektierte sich gegenseitig. Als sie schließlich San Francisco erreicht hatten, war es Robert, der Schiffsjunge, gewesen, der ihm half, sich die erste Zeit in dem fremden Land zurechtzufinden.
Amerika war für ihn wie eine Welt auf einem anderen Planeten.
Er hatte in den letzten beiden Jahren Dinge gehört und gelesen, die er sich früher nicht einmal in seinen kühnsten Träumen auszudenken gewagt hätte.
Im Mai des Jahres 1868 wurde in Indiana zum ersten Mal auf der Welt ein Überfall auf einen Eisenbahnzug unternommen, im Oktober präsentierte ein gewisser Thomas Edison einen elektrischen Wahlstimmenzähler als seine erste Erfindung und am 3. November des gleichen Jahres wurde Ulysses Grant zum Präsidenten dieses verrückten Landes gewählt, das in der Zwischenzeit über 35 Millionen Einwohner hatte. Zur selben Zeit wurde in Japan in manchen Gegenden noch mit Schwertern und Bambusstöcken Krieg geführt.
Dennoch durfte er seine Heimat und Herkunft keinen Moment lang vergessen. Das wurde ihm auf geradezu brutale Art und Weise deutlich gemacht, als er und Robert in Frisco (auch heute noch gängige Abkürzung der Stadt San Francisco) in einem Pferdestall überfallen wurden.
Zwei Wochen sollte es dauern, bis der Junge erneut auf einem Schiff anheuern durfte. Aus Geldmangel nahmen sie daher für die Dauer ihres Aufenthalts ein Nachtquartier in einem der örtlichen Mietställe in Kauf. Dort wurden sie eines Abends kurz nach Mitternacht durch seltsame Geräusche geweckt und nur durch Takashis Samuraiausbildung gelang es ihnen zu entkommen. Die umherfliegenden Shuriken zeigten dem Japaner deutlich, dass Shogun Takaharas Arm offensichtlich bis nach Amerika reichte.
Um Robert nicht weiter in Gefahr zu bringen, entschloss er sich, allein tiefer ins Landesinnere zu fliehen. Doch auch hier entpuppte sich der Junge als große Hilfe.
Er wusste von einem Onkel, der in Kansas eine ansehnliche Ranch unterhielt und gab ihm einen Begleitbrief mit einigen eng beschriebenen Zeilen mit.
Der Abschied war kurz aber herzlich gewesen, doch danach war er wieder auf sich allein gestellt.
Um zu überleben nahm er eine Stelle als Gleisbauer bei der Central Pacific Railroad an, die ihm nicht nur etwas Geld einbrachte, sondern in der Masse der chinesischen Arbeiter auch eine gewisse Sicherheit bot. Für die Amerikaner sah ein Schlitzauge schließlich wie das andere aus. Aber auch hier währte sein Glück nicht lange. Am Vorabend des 10. Mai 1869, an welchem die Vereinigung mit der Union Pacific als erste transkontinentale Eisenbahnstrecke in dem Städtchen Promontory Point erfolgen sollte, bemerkte er nach einem Abendspaziergang durch die Stadt, wie sich vier schwerttragende, schlitzäugige Gestalten überall auf der Straße nach seinem Quartier erkundigten.
Es folgten Wochen der Flucht, in der er sich abseits jeglicher menschlicher Besiedlungen nur von Beeren und Gräsern ernährte und morgens den Tau von den Blättern leckte, bis er an diesem Tag nun endlich die Farm von Roberts Onkel erreicht hatte.
Erschöpft wischte er sich über sein Gesicht, versuchte mit einem Kopfschütteln die trüben Erinnerungen an die Vergangenheit abzuschütteln und machte sich ins Tal hinab. Trotz seiner Größe erreichte er unerkannt das erste Gebäude am südlichen Ende des Anwesens, lehnte sich an die Rückwand der Scheune und lauschte in die Ranch hinein.
Dort war noch immer alles still.
Plötzlich, gerade als er seinen Kopf vorsichtig hinter der Scheune hervorstrecken wollte, wurde irgendwo eine Tür aufgestoßen, ein Eimer klapperte, dann hörte er eine Männerstimme und Schritte.
Ein lauter Fluch ertönte, wieder klapperte der Eimer und die Winde am Brunnen im Vorhof der Ranch bewegte sich quietschend.
Die Finger seiner Rechten schlossen sich enger um den lederumwickelten Griff seines Schwertes und vorsichtig zog sich Takashi zurück. Sand knirschte unter seinen nackten Fußsohlen. So leise wie möglich versuchte er rückwärts auf das offen stehende Tor der Scheune zu zugleiten.
Im selben Moment tauchte an der Hausecke ein Schatten auf.
Unvermittelt stand eine junge Frau dem Japaner gegenüber. In den Händen hielt sie einen Weidekorb und nach einem raschen Seitenblick war Takashi klar, dass die Frau von einem Holzstoß neben ihm frische Scheite für das morgendliche Feuer holen wollte.
Ihre Augen weiteten sich, als sie den Japaner sah.
Takashi ließ ihr keine Chance, aus dem Stand sprang er auf die Frau zu. Seine Hände zuckten nach vorne und während seine Linke ihren Nacken umfasste, presste sich die Rechte wie ein Schraubstock um ihren Mund und den Unterkiefer.
„Still”, zischte er. „Ich will dir nichts tun. Bist du Sheila Carter, die kleine Nichte von Robert dem Schiffsjungen?”
Sheila nickte, jedenfalls soweit es der eiserne Griff dieses schlitzäugigen, unheimlichen Fremden zuließ.
„Versprichst du mir nicht zu schreien, wenn ich dich jetzt loslasse?”
Das Mädchen nickte noch heftiger, doch schon ein einziger Blick in ihre rehbraunen Augen, über die sich inzwischen ein Tränenschleier gelegt hatte, sagten Takashi, dass sie wahrscheinlich losbrüllen würde, sobald er seine Hand von ihren Lippen nahm.
Der Hufschlag mehrerer Pferde nahm ihm seine Entscheidung ab.
Vier Reiter näherten sich von Süden her dem Anwesen.
Die Art, wie sie ihre Waffen trugen und im Sattel ihrer Tiere saßen, ließen in Takashi dunkle Vorahnungen hochkommen. Er vermeinte die Gefahr, die von diesen Männern ausging, förmlich zu spüren. Erst recht, als er das Entsetzen in Sheila Carters Augen sah, nachdem er der Frau erlaubt hatte, ihren Kopf soweit zu drehen, dass sie die heran reitenden Männer erkennen konnte.
„Sieht nach Ärger aus, richtig?”
Das Mädchen nickte.
„Wenn ich dich jetzt loslasse, versprichst du mir, dann nicht zu schreien?”, fragte er noch einmal.
Sheila Carter nickte erneut und Takashi nahm vorsichtig die Hände von ihrem Gesicht. Diesmal, da war er sich vollkommen sicher, diesmal würde die junge Frau nicht schreien.
„Sie … Sie sind keiner von denen?”, fragte Sheila und trat einen Schritt zurück.
Während sie ihn neugierig musterte, wirkte die junge Frau bereits wieder sichtlich gefasst.
Der Japaner schüttelte den Kopf.
„Wer sind diese Männer?”
„Banditen, Halsabschneider und Betrüger, die uns unser Land wegnehmen wollen.”
Dabei funkelten ihre Augen vor unterdrückter Wut.
Takashi kam nicht umhin, die kleine, zierliche Frau zu bewundern. Als sie so vor ihm stand mit ihren in die Hüften gestemmten Händen und dabei immer wieder vergeblich versuchte, eine widerspenstige Strähne ihrer schulterlangen, dunklen Haarpracht aus der Stirn zu pusten, hatte sie so gar nichts von jenen hysterischen und bigotten Frauen an sich, die er bisher auf seinem Weg gen Osten kennengelernt hatte. Sheila Carter war eine Pionierstochter von echtem Schrot und Korn, die mit beiden Füßen im Leben stand. Statt beim Anblick der bewaffneten Reiter in Tränen auszubrechen, deutete sie mit vorgerücktem Kinn auf das Scheunentor.
„Wir sollten da reingehen, dort können wir die Bande ungesehen im Auge behalten.”
„Sollten wir nicht deinen Leuten helfen?”
„Mein Vater hat hinter der Futterkiste für Notfälle ein Gewehr versteckt. Damit können wir ihm wahrscheinlich besser helfen, als wenn wir uns hier draußen die Beine in den Bauch stehen.”
Grinsend folgte Takashi der jungen Frau in die Scheune. Als sein Blick dabei auf ihren wohlgeformten Körper fiel, der in der viel zu engen Arbeitshose und dem karierten Baumwollhemd beinahe unverschämt gut zur Geltung kam, wurde sein Grinsen noch eine Spur breiter.
Drinnen war es ziemlich dunkel. Es roch nach Stroh, Sattelleder und ranzigem Waffenfett. Ein klobiger Box Brave Farmwagen und ein sperriger Pflug füllten die Scheune fast bis zur Hälfte aus. Der Rest des Innern bestand aus Strohballen, Pferdedecken und unzähligen Kisten und Körben. Zielstrebig steuerte die junge Frau eines der Fenster an, das zum Vorhof der Ranch hinaus führte. Vorsichtig öffnete sie einen der hölzernen Fensterläden und deutete stumm auf die herankommenden Reiter.
Die Männer hatten die ersten Gebäude der kleinen Ranch erreicht und ritten auf den Brunnen im Vorhof zu. Dort stand ein großer, dunkelhaariger Mann, der jetzt den gefüllten Wassereimer zu Boden stellte und den Reitern entgegen ging.
Die Kerle sahen alles andere als vertrauenerweckend aus. Es waren hagere, unrasierte Gestalten mit verkniffenen, unfreundlichen Gesichtern und abgetragenen Kleidern. Einzig ihre Revolver, die sie hoch an der Hüfte in Halftern trugen, waren sauber und gepflegt. Wenige Yards vor dem Rancher zügelten sie ihre Pferde und bildeten einen Halbkreis um den Mann.
„Tag Carter”, sagte einer der Reiter. Er schien offensichtlich der Anführer der Reiter zu sein, denn die anderen hielten sich auffällig im Hintergrund. Der Mann hatte ein zerschlagenes, tückisches Gesicht und während er den Rancher musterte, entblößten sich seine gelben, lückenhaften Zähne zu einem Lächeln. Doch seine Augen erreichte das Lächeln nicht, die glitzerten weiterhin kalt und gnadenlos.
Der Rancher erwiderte den Gruß der Neuankömmlinge nicht, stattdessen sah er die Männer nur abfällig an. Als der Sprecher Anstalten machte aus dem Sattel zu steigen, verzog er missmutig das Gesicht und spuckte zu Boden.
„Ich kann mich nicht erinnern, euch eingeladen zu haben!”
„He”, sagte der Reiter. „Behandelt man so seinen Besuch? Gastfreundschaft scheint für euch Dreiküherancher wohl ein Fremdwort zu sein.”
„Höfliches Benehmen für euch Scheißkerle wohl ebenfalls”, erwiderte der Carter leise.
„Also spuckt schon aus, was ihr hier zu suchen habt und dann verschwindet wieder.”
Statt einer Antwort nestelte der Reiter kurz mit zwei Fingern an der Brusttasche seines Hemdes, zog ein zusammengefaltetes Stück Papier hervor und warf es Carter genau zwischen die Beine.
„Was ist das?”
„Der Kaufvertrag. Frag doch nicht so blöd. Jetzt unterschreib den Wisch endlich, dann hast du uns los.”
„Und wenn ich mich weigere?”
„Dann hat deine Familie wohl Pech gehabt. Schade, dabei hast du eine verdammt nette Frau, zwei prächtige Söhne und eine Tochter, die wohl den geilsten Arsch im ganzen County besitzt. Wo ist das kleine Luder übrigens?”
Bevor Takashi reagieren konnte, wirbelte Sheila Carter herum und rannte mit dem Gewehr, das sie hinter dem Futtertrog hervorgezogen hatte, wutschnaubend aus der Scheune. Mit hochrotem Kopf postierte sie sich direkt vor dem Pferd des Mannes.
„Hier du Dreckskerl!”, zischte sie aufgebracht. „Und jetzt pass bloß auf, nicht, dass du an diesem Arsch gleich erstickst.”
Einen Moment lang herrschte eine geradezu unheimliche Stille auf dem Hof. Dann begann der Reiter sich brüllend auf die Schenkel zu klopfen, während ihm vor Lachen Tränen in die Augen schossen.
Doch schnell wurde der Mann wieder ernst und sein Gesicht verzog sich zu einer gnadenlosen Maske.
„Okay Jungs, jetzt reicht’s. Gebt es ihnen, aber lasst mir ja die Finger von der Kleinen, verstanden? Der Arsch gehört mir ganz alleine.”
Johlend sprangen die Männer rechts und links aus den Sätteln und stürmten auf den Rancher zu. Ihr Anführer indes war auf Sheila zugelaufen, während er grinsend die Waffe in ihren Händen ignorierte.
„Du schießt nicht auf mich, Baby, du nicht.”
Bevor Sheila den Abzugshahn der Waffe gespannt hatte, war der Mann heran und riss ihr das Gewehr aus der Hand. Er schleuderte die Waffe zu Boden, packte sie an den Oberarmen und versuchte ihr lachend einen schleimigen Kuss auf die Lippen zu drücken.
Als Antwort trat ihm die junge Frau mit aller Kraft vors Schienbein.
Für einen Moment zuckte wilder Schmerz über das Antlitz des Mannes, aber nur für einen Moment. Dann verpasste er Sheila eine schallende Ohrfeige, dass sich sämtliche Finger auf ihrer Wange abzeichneten und zerfetzte mit wenigen Handgriffen ihr Hemd. Als ihm die vollen, straffen Brüste der jungen Frau förmlich entgegen sprangen, lachte er wild auf.
In diesem Moment flog etwas Blitzendes, Metallisches durch die Luft und bohrte sich genau über der Herzseite in seinen Körper. Der Mann öffnete den Mund, aber alles, was er noch hervorstieß, war ein würgendes Keuchen. Dann fiel er zu Boden und starb in dem Augenblick, als sich ein Schatten aus dem Dunkel der Scheune löste.
Die anderen Männer blieben abrupt stehen, als wären sie gegen eine unsichtbare Wand gelaufen.
„Was zum Teufel …”, brüllte einer von ihnen, aber da war die Hand des Schattens schon längst auf einen Handteller großen Stein im Vorhof der Ranch gestoßen und beförderte diesen mit einem kurzen Zucken aus dem Gelenk heraus in hohem Bogen genau auf das Gesicht des Sprechers zu. Als der Mann die Hände vor sein Gesicht schlug und brüllend in die Knie ging, hatte sich sein Nasenbein bereits in eine formlose, blutig zuckende Masse verwandelt.
„Nehmt sie mit und verschwindet von hier”, sagte Takashi, ohne die beiden anderen auch nur eines Blickes zu würdigen. „Oder ihr werdet hier begraben.”

7. Kapitel

Sie saßen alle zusammen am Esstisch in der einfach eingerichteten, aber blitzsauberen Küche.
Links William und Abigail Carter, rechts ihre Söhne David und Samuel und am unteren Ende des Tisches Sheila, die sich unterdessen eine neue Bluse angezogen hatte.
Alle zusammen starrten sie Takashi wie ein Wesen aus einer anderen Welt an.
Ein Holzkloben zersprang knackend im Feuer des Küchenofens und der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee wehte durch den Raum. Stumm musterte der Farmer den Japaner. Dieser Fremde schien fast nur aus Knochen und sehnigen Muskeln zu bestehen. Sein kantiges, beinahe fein geschnittenes Gesicht mit den geschlitzten Augen und den dunklen, nach hinten gekämmten Haaren, die am Hinterkopf zu einem merkwürdigen Zopf zusammengebunden waren, ließen ihn furchteinflößend und gleichzeitig faszinierend aussehen. Alles an ihm erschien fremd und unwirklich, der Mann trug nicht einmal Schuhe. Nur sein einfaches Leinenhemd und die derbe Stoffhose schienen von hier zu sein.
„Das war nicht gerade klug von Ihnen”, sagte der Rancher nach einem fast endlosen Schweigen.
Takashis Kopf ruckte unwillkürlich hoch. Er war in der Zwischenzeit zwar schon so einiges an fremden Sitten und Gebräuchen in diesem seltsamen Land gewohnt, aber wenigstens ein kleines Dankeschön hätte er hier schon erwartet.
„Vater!”, sagte Sheila entrüstet. „Wie kannst du nur so etwas sagen. Ohne ihn wären die Halunken wie wilde Tiere über uns hergefallen. Ich darf gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn er den widerlichen Kerl nicht aufgehalten hätte.”
Will Carter nickte düster. „Das ist schon richtig, Kleines. Aber bisher ist es bei ein paar mündlichen Auseinandersetzungen und hier und da einigen Sticheleien geblieben. Jetzt ist Blut geflossen und ein Mann ist gestorben. Ich glaube nicht, dass Ben Johnson sich das so ohne weiteres gefallen lässt.”
„Moment mal”, sagte der Japaner und schüttelte ungläubig den Kopf. „Verstehe ich das richtig? Man will sie von ihrem Land vertreiben, droht ihnen Prügel an und irgendwelche schmierigen Kerle wollen sich an ihrer Tochter vergehen. Aber das Einzige, was sie dazu zu sagen haben, ist, dass es nicht klug ist, wenn man sich wehrt?”
Die Schultern des Ranchers sackten nach vorn und Verzweiflung überzog sein verhärmtes Gesicht. „Das verstehen Sie nicht, Sie sind nicht von hier.”
„Das Einzige, was ich nicht verstehe, Carter, warum stellen Sie sich nicht ihren Problemen, anstatt vor ihnen wegzulaufen? Meinen Sie, irgendwo anders gibt es keine Menschen wie Johnson?”
„Er hat recht, Vater”, sagte Sheila scharf. „Auch ich habe das Davonlaufen satt.”
„Sheila!”, rief ihre Mutter schrill. „Wie kannst du nur so etwas sagen!”
„Weil es stimmt, was sie sagt”, erwiderte Samuel harsch und dabei sprang er so unvermittelt auf, dass der Stuhl hinter ihm polternd zu Boden fiel. „Was wäre denn passiert, wenn dieser Mann hier uns nicht geholfen hätte? Man hätte Sheila vergewaltigt, Vater zum Krüppel geschlagen und uns womöglich noch das Dach über dem Kopf angezündet. Aber Hauptsache, wir haben uns nicht gewehrt.”
Will Carters Kopf ruckte hoch und es war dem Rancher deutlich anzusehen, dass er bereits eine scharfe Erwiderung auf den Lippen hatte. Deshalb hob Takashi beschwichtigend die Hände. „Bevor wir uns jetzt gegenseitig an die Kehle gehen, kann mir mal jemand erklären, um was genau es hier eigentlich geht?”
Will Carter nickte und dann begann er zu erzählen.
Es war eine Geschichte, die Takashi auf seinem Weg hierher nach Kansas schon unzählige Mal erlebt hatte. Es war die Geschichte eines Mächtigen und Unduldsamen, der nur ein Ziel kannte: Macht und Herrschaft über ein ganzes Land. In Will Carters Fall hieß dieser Mann Ben Johnson, ein Mann, der von undurchsichtigen Geschäften lebte und dem man deshalb den treffenden Spitznamen „Aalglatter Johnson” verliehen hatte.
Er war vor einem Jahr mit der Eisenbahn aus dem Osten gekommen, mit Taschen voller Geld und einem halben Dutzend hartgesichtiger Männer im Gepäck. Innerhalb kürzester Zeit hatte er in der nahe gelegenen Stadt Newton so alles an Häusern gekauft, was es zu kaufen gab und schon bald war er Besitzer zweier Saloons, eines Hotels, der Schmiede und des Mietstalls. Dann begann er sich für die umliegenden Farmen und kleinen Ranches zu interessieren. Wer nicht verkaufte, wurde eingeschüchtert, verprügelt oder sein Besitz ging eines Nachts in Flammen auf.
„Jetzt verstehe ich eines nicht”, sagte Takashi geraume Zeit später, als er über das Gehörte nachgedacht hatte. „Was will dieser Mann mit dem ganzen Land und vor allem, was sagt das Gesetz eigentlich dazu?”
Will Carter winkte verächtlich ab. „Das Gesetz, pah. Einer seiner Revolvermänner ist der Nachtmarshal von Newton und es wird gemunkelt, dass auch Sheriff Wellington bereits auf seiner Seite steht. Er soll angeblich ziemlich tief bei Johnson in der Kreide stehen. Was die weiteren Pläne des Mannes angehen, dürften diese inzwischen hoffentlich jedem klar geworden sein. Nach McCoys Erfolg mit Abilene will Johnson das Ganze hier in Newton ebenfalls aufziehen. Die Eisenbahn ist ja schon da, was jetzt noch fehlt, ist eine wilde, offene Stadt mit mehr Saloons, Bars und Amüsierdamen als das County Einwohner hat. Das umliegende Land braucht er dann für die zu erwartenden Viehherden. Das ist zwar alles schön und gut und bringt auch eine Menge Geld ein, deshalb hat er auch fast alle Geschäftsleute in der Stadt hinter sich, die Sache hat nur einen Haken. Im Gegensatz zu Abilene schert sich Johnson hier einen Scheißdreck um das Gesetz. Das soll auch so bleiben, denn nur in einer Treiberherdenstadt mit dem umliegenden Land dazu, in dem nur sein eigenes Gesetz zählt, kann er schnell zu viel Geld kommen. Und er muss es schnell machen, denn Johnson ist nicht dumm. Er weiß genau, dass er diese Sache höchstens zwei oder drei Viehtriebsaisons lang durchziehen kann, dann wird man auch in der Hauptstadt auf ihn aufmerksam geworden sein.”
Der Japaner sah Carter unverständlich an. „Warum habt ihr euch dann nicht schon längst in der Hauptstadt an die US-Marshals gewandt?”
Der Rancher schwieg und starrte betroffen aus dem offenen Küchenfenster, während sein Sohn Sam an seiner Stelle antwortete. „Das haben wir alles schon versucht. Einem Boten haben sie vor der Stadt aufgelauert und ihn so verprügelt, dass er erst nach drei Wochen wieder das Bett verlassen konnte. Einem anderen wurde das Pferd unterm Hintern weggeschossen, kaum dass er im Sattel saß, und als Pa es mit einem Telegramm versucht hat, ist dieses auf seltsame Weise im Telegrafenbüro verschwunden.”
„Was wollt ihr jetzt tun?”
„Ich weiß es nicht”, sagte der Rancher. Seine Stirn umwölkte sich, weil er spürte, dass ihm und seiner Familie schwere Zeiten bevorstanden. Als Takashi in die Gesichter der Carters starrte, wusste er, dass für sie dieses Thema vorläufig erledigt war. Deshalb versuchte er sie ein bisschen aufzuheitern und brachte das Gespräch auf Robert, den Schiffsjungen. Dass dieser Gedanke goldrichtig war, wusste der Japaner bereits kurze Zeit später, als die gedrückte Stimmung in der Küche verflogen war und sich die Gesichter der Familie etwas aufhellten. Die Zeit verging wie im Flug, bis schließlich Abigail, die Frau des Hauses, energisch darauf hinwies, dass sie die Küche aufräumen und das Mittagessen vorbereiten musste.
Die männlichen Mitglieder der Familie kümmerten sich draußen um die Arbeiten, die täglich auf einer Ranch anfielen, während Sheila die Aufgabe zufiel, sich um den Gast zu kümmern.
In eine angeregte Unterhaltung vertieft spazierten die beiden hinter die Häuser, wo sich zwischen immergrünen Büschen und Sträuchern gurgelnd ein kleiner Bach seinen Weg durch das Land bahnte.
„Jetzt haben wir aber genug über mich geredet”, sagte Sheila Carter, als sie das Wasser erreicht hatten. „Jetzt bist du an der Reihe, erzähle.”
„Was?”
„Alles, über dein Land, deine Familie, was dich nach Amerika geführt hat und vor allem über deine Art zu kämpfen. Das musst du mir unbedingt genauer erklären.”
Takashi seufzte. Zum einen, weil die Familie schon genug Probleme hatte und er sie nicht auch noch mit seinen Schwierigkeiten belasten wollte, und zum anderen, weil es ihm seine Erziehung untersagte, wie ein Waschweib über sich zu erzählen. Aber als er in Sheila Carters strahlende Augen sah, wusste er, dass er doch über sich reden würde. Schließlich war auch er nur ein Mann.

Zwei Tage später bemerkte Takashi, wie sich allmählich eine gewisse Unruhe bei dem Rancherehepaar breit machte. Er wartete ab, bis alle mit irgendwelchen Dingen beschäftigt waren, dann ging er auf Will zu, der hinter der Scheune Holz schlug. Der Rancher schaute von seiner Arbeit auf und schlug die Axt in den Hackklotz. Abwartend sah er dem Japaner entgegen.
„Was ist los mit dir, Will?”
„Nichts, was soll los sein?”
„Jetzt erzähl mir nichts, glaubst du, ich bin blind? Seit gestern streichst du wie ein liebeskranker Kater durch die Gegend und als du heute Morgen kurz mit deiner Frau gesprochen hast, habe ich gesehen, wie sie danach Tränen in den Augen hatte. Also, was ist los?”
„Nichts”, entgegnete der Carter bedrückt.
„Hör zu!”, sagte Takashi bestimmend. „Ich habe euch vor zwei Tagen nicht geholfen um jetzt mit ansehen zu müssen, wie ihr irgendetwas in euch hineinfresst. Nichts lasse ich nicht gelten, also noch mal, was ist los?”
„Wir haben keine Vorräte mehr”, sagte der Rancher und blickte betroffen zu Boden. „Mehl, Salz, Kaffee und Zucker, alles Dinge, die man eben nur in einem Laden kaufen kann.”
Der Japaner nickte verstehend. „Du rechnest mit Schwierigkeiten, wenn du in die Stadt fährst?”
„Irgendetwas stimmt hier nicht. Es ist zu ruhig, viel zu ruhig. Bestimmt heckt Johnson irgendeine Schweinerei aus und wenn mir in der Stadt etwas zustoßen sollte, mein Gott, ich darf gar nicht daran denken, was dann mit Abigail und den Kindern passiert.”
Takashi seufzte erleichtert. Wenn das alles war, was den Rancher beschäftigte, dann konnte dem Manne schnell geholfen werden.
„Du bist schon eine komische Nummer, Will. Warum hast du nichts gesagt? Für was hat man denn Freunde? Also, spann den Wagen an, ich fahre gleich los. Dann bin ich bis zum Abend wieder zurück.”
Erleichterung und Entsetzen gleichzeitig spiegelten sich auf Carters Gesicht, als er den Japaner ansah. „Das ist Wahnsinn, Junge. Du hast einen von Johnsons Männern getötet und einen anderen schwer verletzt. Selbst wenn du dich erneut gegen die Kerle behaupten kannst, was ich bezweifle, denn diesmal sind sie vorgewarnt, wird dich wahrscheinlich unser so genanntes Gesetz gleich nach deiner Ankunft in der Stadt deswegen hinter Schloss und Riegel stecken. Abgesehen davon, dass dich in Newton eine Menge Ärger erwarten wird, kannst du überhaupt mit einem Gespann umgehen?”
„Spann an!”, sagte Takashi nur.
Was sollte er dem Rancher noch erzählen? Dass sein Vater ihn auf ein Pferd gesetzt hatte, als er noch nicht einmal laufen konnte, dass er beim Eisenbahnbau so manches Fuhrwerk über die steilen Bergpässe der Rocky Mountains gelenkt hatte oder dass er es durch seine Ausbildung ohne große Probleme durchaus mit einem halben Dutzend von Johnsons Männern aufnehmen konnte?
Auch wenn man sich in den vergangenen Tagen näher gekommen war und sich eine immer tiefer gehende Freundschaft entwickelt hatte, alles wollte er nicht von sich preis geben.
Schon gar nicht die Sache mit den Ninja, die ihn mehr beschäftigte als Johnsons geschäftliche Pläne.
Kurze Zeit später war der Farmwagen aus der Scheune angespannt, und mit einer ellenlangen Einkaufsliste und einem Sack voll guter Ratschläge verließ Takashi die kleine Ranch. Mit ruhiger Hand lenkte er das gutmütige Pferdegespann gen Süden und die beiden Braunen zogen den Wagen in gleichmäßigem Trott auf die ausgefahrene Frachtstraße Richtung Newton.
Das umliegende Land war durch den ungewöhnlich heißen Sommer von der Sonne verbrannt, voller Staub und unwirtlich. Aber der Japaner hatte keine Augen für die Landschaft, sondern war tief in Gedanken versunken. Zum wiederholten Mal verfluchte er innerlich die Idee, auf Robert gehört zu haben und die Ranch seines Onkels zu besuchen. Sicher waren die Carters nette Leute und irgendwann einmal brauchte auch der zäheste Samurai wieder ein Dach über dem Kopf und regelmäßige Mahlzeiten am Tag, aber die Schwierigkeiten, in denen sie steckten, konnten seine Probleme gefährlich schnell vergrößern. Ein Schlitzauge, das mit bloßen Händen eine Bande Revolverschwinger in Schach hielt, gab es hier nicht alle Tage. Sein Erscheinen würde hier in der Gegend wie ein Lauffeuer herumgehen und könnte schnell auf Ohren stoßen, die es nicht unbedingt hören mussten.
Er war nicht umsonst nach seiner Entdeckung bei den Eisenbahnarbeitern wie ein scheues Tier fernab jeglicher menschlicher Siedlung wochenlang durch das Land gezogen, um jetzt hier mit seinen Kampfkünsten wieder auf sich aufmerksam zu machen.
Die Ninja machten ihm weit mehr Sorgen als Johnsons Männer mit ihren ganzen Schießeisen. Dass sie ihn weiterhin suchten, stand für Takashi außer Frage. Sie waren ihm von Japan aus nach Kalifornien gefolgt, hatten seine Spur bis nach Utah nicht verloren, warum sollten sie ihn also nicht auch in Kansas suchen? Aber dann gewann wieder seine Ehre die Oberhand, die es niemals zulassen würde, dass er den Carters seine Hilfe verweigerte. Allein schon nicht wegen Sheila, und bei dem Gedanken an die junge Frau legte sich ein seltsamer Glanz auf seine Augen.
Lautes Stimmengewirr, Hufschlag und das Kläffen eines Straßenköters rissen ihn unvermittelt aus seinen Gedanken. Als der Japaner den Kopf hob und nach vorn blickte, erkannte er den Ortseingang von Newton. Auf der Mainstreet der kleinen Stadt herrschte hektische Betriebsamkeit, als er die ersten Häuser erreicht hatte. Frauen mit Einkaufskörben bevölkerten die hölzernen Vorbauten der Geschäfte, Männer ritten hin und her und ein Wagen mit Fässern und großen Frachtkisten beladen rollte nordwärts aus der Stadt. Der bellende Hund versuchte vergeblich eine Katze zu fangen, die inzwischen fauchend auf ein Vordach geklettert war und in einer kleinen Seitenstraße war lautes Kindergeschrei zu hören.
Takashi lenkte das Gespann auf ein großes Backsteinhaus zu, als er das Schild über dessen Eingang lesen konnte. Das Gebäude beherbergte einen großen Store.
Er brachte den Wagen zum Stehen, drängte sich zwischen drei schwatzenden Frauen vorbei und betrat das Geschäft, in dem gleichzeitig noch ein Whiskyausschank und das Postoffice untergebracht waren. Hinter der Ladentheke stand ein Mann mit einer nicht mehr ganz weißen Schürze, der ihm freundlich entgegen nickte, während er zwei Gläser mit Whisky füllte. Er stellte sie vor zwei Männer auf den Tresen, die scheinbar gelangweilt an der Theke lehnten. Dann kam er zurück, rieb sich in Erwartung der nächsten Bestellung freudig die Hände und starrte den Japaner fragend an.
„Was willst du?”
Statt einer Antwort hielt ihm Takashi den Einkaufszettel von Abigail Carter vor die Nase. Der Mann überflog kurz das Papier, dann räusperte er sich und sah den Japaner prüfend an.
„Das ist eine Menge Zeug. Dafür braucht man einen großen Wagen.”
„Steht draußen vor der Tür”, entgegnete Takashi knapp.
„Okay und wie sieht es mit der Bezahlung aus?”
Takashi zog ein Bündel Dollarnoten aus der Tasche und ließ den Mann einen Blick darauf werfen.
„Alles klar, dauert aber mindestens eine Stunde, bis alles hergerichtet ist. Bin im Moment mit meiner Frau allein im Laden, unser Gehilfe ist von der Leiter gefallen und hat sich dabei den Fuß gebrochen.”
„Geht in Ordnung, ich warte draußen beim Wagen.”
„Geht nicht in Ordnung!”, sagte einer der Männer am Tresen.
Es wurde still in dem Laden, die Frauen vor dem Eingang hatten ihre Gespräche eingestellt und starrten neugierig durch die offene Tür. Der Mann mit der Schürze stand wie angewurzelt hinter seiner Theke.
Der Sprecher lehnte noch immer am Tresen, allerdings hatte sich seine Haltung merklich gestrafft. „Ich habe dich noch nie hier in der Gegend gesehen, Schlitzauge. Deine Klamotten sehen aus, als wären sie vom Müll und du besitzt noch nicht einmal Schuhe. Aber du kommst hier herein mit den Taschen voller Dollars und da draußen steht ein Fuhrwerk, das du dir wahrscheinlich nicht in hundert Jahren leisten kannst. Trotzdem gibst du hier eine Riesenbestellung auf.”
„Was geht Sie das an?”
Der Mann schob mit der Linken seine hüftlange Staubjacke zur Seite und legte die Hand auf seinen Colt. „Ich gehöre zu Mister Johnsons Leuten und mein Boss ist eine ziemlich große Nummer hier in der Gegend. Ihn geht alles an, was in dieser Stadt so läuft. Kapiert, Schlitzauge? Und jetzt raus mit der Sprache, woher stammen das Geld und das Gespann?”
Takashi musterte den Mann eingehend und kam ziemlich schnell zu dem Ergebnis, dass er von diesem Wichtigtuer nichts zu fürchten hatte. Lediglich der Storekeeper schien da anderer Meinung zu sein. Er tupfte sich ständig mit einem geblümten Taschentuch den Schweiß von der Stirn, während seine Blicke nervös zwischen den beiden Männern umher huschten.
„Ich glaube nämlich, dass du nichts anderes als ein hundsgemeiner Dieb bist, der sich mit dem geraubten Geld seinen hungrigen Wanst vollschlagen will. Habe ich recht?”
Takashi schwieg.
Reglos blickte er sein Gegenüber an. Als dieser plötzlich zu seiner Waffe griff, zuckte sein Fuß gedankenschnell nach oben. Die Bewegung war mit dem bloßen Auge nicht zu verfolgen, aber Johnsons Mann wurde von dem Tritt förmlich aus den Stiefeln gehoben. Ungläubiges Staunen verzerrte sein Gesicht, als er rückwärts gegen das Holz der Theke krachte. Einen Moment verharrte er dort in gebückter Haltung, dann kippte er jäh bewusstlos zur Seite. Sein Begleiter streckte Takashi beide Hände entgegen und schüttelte den Kopf.
„Ich habe damit nichts zu tun, ich habe bloß einen Whisky mit ihm zusammen getrunken.”
Als Takashi nickte, rannte der Mann blitzartig aus dem Laden.
„Was ist nun, bekomme ich die Sachen?” Seine Stimme klang dabei ruhig und gelassen wie zuvor, als er das Geschäft betreten hatte.
Die Stimme des Ladenbesitzers jedoch war schrill vor Nervosität als er antwortete.
„Selbstverständlich Sir, selbstverständlich, wird sofort erledigt.”

8. Kapitel

„Ihr Idioten!”
Ben Johnson stand breitbeinig hinter dem Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer und hatte die Fäuste in die Hüften gestemmt. Seine Augen schossen förmlich Blitze ab und Gus Lane und Pete Duncan, die schon lange in seinen Diensten standen, wussten, dass ihr Boss kurz davor war zu explodieren.
Der Endvierziger war knapp sechs Fuß groß und in seinem dunklen Anzug, mit dem glatt rasierten Gesicht und den kurzen graumelierten Haaren durchaus eine gefällige Erscheinung. Aber im Moment war er so sympathisch wie eine gereizte Klapperschlange.
„Da bin ich kaum drei Tage weg und schon geht hier alles drunter und drüber. Hattet ihr nicht klare Anweisungen?”
Lane und Duncan starrten auf ihre staubigen Stiefelspitzen, als käme die Antwort von dort.
„Ich warte, meine Herren”, sagte Johnson und wippte ungeduldig in seinen Stiefeln.
„Verdammt Boss, wir hatten den sturen Carter fast soweit, dass er den Kaufvertrag unterschrieben hätte, als plötzlich von hinten dieser Fremde kam”, sagte Gus Lane kleinlaut.
„Was für ein Fremder?”, stieß Johnson heftig hervor.
„Weiß der Teufel, wo der plötzlich herkam. Jedenfalls hat der eine Art zu kämpfen, die ist mir echt unheimlich. So etwas habe ich noch nie gesehen. Der hat nur zweimal kurz mit den Händen gezuckt und schon war Steve tot und Hank hatte ein blutiges Gesicht. Als uns die Carters dann in die Läufe ihrer Schießeisen blicken ließen, habe ich mich mit den Jungs zurückgezogen.”
„Und warum habt ihr dann nicht Wellington oder Marshal Stone benachrichtigt, damit die sich den Fremden vorknöpfen? Herrgott, wofür bezahle ich denn die beiden Sternschlepper eigentlich?”
Lane senkte wieder den Kopf. „Wir wollten einfach Aufsehen vermeiden und bevor irgendjemand von uns was falsches macht, dachte ich, dass wir erst einmal abwarten sollten, bis Sie wieder da sind.”
„Na wenigstens etwas”, sagte Johnson, dessen Wut allmählich verrauchte.
Dann deutete er auf einen Stapel wichtig aussehender Papiere, die auf seinem Schreibtisch lagen, während er seinen Männern fest in die Augen starrte.
„Wisst ihr, was das für Papiere sind?”
Die beiden starrten ihn einen Moment lang fragend an und schüttelten dann beinahe gleichzeitig die Köpfe.
„Dann sperrt mal die Ohren auf, damit ihr endlich begreift, um was es hier eigentlich geht. Nachdem ich diese Verträge unterzeichnet habe, gibt es nämlich kein Zurück mehr. Schon diesen Herbst kommen die ersten Bautrupps und errichten vor der Stadt Viehkoppeln, Lagerhäuser und Ställe und am Bahnhof die ersten Verladerampen. Bis zum Frühjahr muss alles fertig sein, damit ich die Viehzüchter in Texas auf uns aufmerksam machen kann. Ohne Viehherden kein Geld, ihr seht, wir haben also nicht mehr viel Zeit. Spätestens in vier Wochen brauche ich alle Kaufverträge. Also, wer von den Querköpfen da draußen hat noch nicht unterschrieben?”
„Der alte Wilkins, die Stuarts und eben die Carters”, erwiderte Gus Lane sichtlich erleichtert darüber, das Johnson nicht weiter über ihren unrühmlichen Auftritt bei den Letztgenannten nachhakte.
„Okay Gus, schnapp dir alles, was reiten kann und dann erledige das, aber schnell. Erhöhe meinetwegen das Angebot um jeweils einhundert Dollar”, fuhr Johnson fort.
„Und wenn sich die Leute trotzdem noch weigern? Sie wissen gar nicht, wie stur diese Krautbauern sein können.”
Johnson rieb sich nachdenklich über das Kinn. „Dann benutzt eure Schießeisen. Von solchen Kleinigkeiten lasse ich mich jetzt nicht mehr aufhalten.”
Lane zog den Kopf ein und verließ das Büro, während Johnson Duncan näher zu sich heranwinkte.
„Und jetzt zu dir. Erzähl mir von dem Fremden, aber alles. Ich will alles ganz genau wissen.”
Der vierschrötige Duncan wischte sich mit der Rechten über den kantigen Schädel und zuckte etwas hilflos mit den Schultern.
„Was soll ich sagen, Boss. Der Kerl tauchte plötzlich wie aus dem Nichts heraus auf und erledigte Steve und Hank, bevor irgendeiner von uns auf drei zählen konnte. So etwas haben Sie noch nicht gesehen. Seine Hände zuckten hin und her und …”
In diesem Moment ertönten laute Stiefeltritte vor der Tür und eine aufgeregte Stimme rief immer wieder: „Boss, wo sind Sie, Boss?”
Johnson starrte den Vormann seiner Mannschaft ungläubig an. „Das ist doch Adam, was brüllt der denn so? Los, hol ihn rein, bevor der Idiot noch die ganze Stadt zusammen schreit.”
Duncan öffnete die Tür. Adam Carson hastete an ihm vorbei und baute sich keuchend vor Johnson auf. Sein Kopf war puterrot angelaufen und einen Moment lang stammelte er völlig unverständliches Zeug vor sich hin.
„Langsam, Adam, langsam. Ich verstehe ja kein Wort.”
Der Angesprochene nickte, plusterte die Backen auf und atmete ein paar Mal tief und geräuschvoll ein und aus. Als er sich dann wieder soweit beruhigt hatte um sich verständlich zu machen, verzog er das Gesicht zu einer wichtigen Miene und starrte Johnson eindringlich an.
„Das Schlitzauge ist in der Stadt. Er hat Bob niedergeschlagen und kauft jetzt Parker den halben Laden leer. Ich konnte gerade noch rechtzeitig aus dem Store verschwinden, sonst hätte er mich wahrscheinlich auch erwischt.”
Verständnislos starrte Johnson auf den Mann. „Von wem redest du eigentlich?”
„Na, von dem Schlitzauge. Er kam vor ungefähr einer Viertelstunde in den Store. Als Parker ihn fragte, was er hier will, hielt er ihm ein Dollarbündel unter die Nase, das größer war als meine Faust und bestellte einen ganzen Wagen voll an Vorräten. Als Bob dann wissen wollte, wie er zu dieser Menge Geld gekommen ist, hat ihn das Schlitzauge mit einem einzigen Schlag schlafen gelegt. Mann o Mann, so was habe ich noch nie gesehen.”
„Wer zum Teufel ist dieser Mann?”
„Wahrscheinlich derselbe Kerl, der Steve und Hank erledigt hat. Das war auch ein Schlitzauge gewesen”, mischte sich Pete Duncan ein. „Irgend so ein Chinamann, der im Westen von der Eisenbahn als Arbeiter angeworben wurde.”
„Blödsinn”, fauchte Ben Johnson und machte eine abfällige Handbewegung. „Kein dahergelaufener schlitzäugiger Schwellenleger kommt je auf die Idee, einen Haufen Revolvermänner mit bloßen Händen anzugreifen. Da steckt mehr dahinter. Den Knaben sollte ich mir wohl etwas genauer ansehen. Wo steckt er jetzt?”
„Noch drüben im Store. Er kam mit einem großen Wagen in die Stadt und bis der beladen ist, vergeht garantiert noch mindestens eine Stunde. Parker ist nicht mehr der jüngste und sein Gehilfe ist krank.”
Ben Johnson runzelte die Stirn und es war ihm deutlich anzusehen, dass er angestrengt nachdachte. „Hm, er kam also mit einem Wagen in die Stadt, sagst du und kauft jetzt jede Menge Vorräte ein. Interessant, ich denke, ich sollte mir dieses Schlitzauge tatsächlich einmal etwas näher ansehen.”
Als er zur Tür eilte, hatten sich seine Schultern gestrafft und sein Gesicht strahlte wilde Entschlossenheit aus. Noch während er die Rechte um den Türknauf legte, gab er seinen Männern weitere Befehle.
„Adam, du kommst mit mir und zeigst mir den Kerl, und du Duncan siehst zu, dass du den Marshal oder den Sheriff irgendwo auftreibst. Ich hätte gerne das Gesetz an meiner Seite, wenn ich dem Kerl gegenüber trete. Hier in der Stadt stehen wir zu sehr unter Beobachtung. Wenn wir den Chinesen aus dem Verkehr ziehen, muss alles ganz legal ablaufen.”

Während sich Ben Johnson und Adam Carson mit großen Schritten dem Store näherten und Duncan in der Stadt auf der Suche nach den Sternträgern umherirrte, verließ genau zu diesem Zeitpunkt Takashi gemeinsam mit Parker dessen Laden.
Selbstgefällig deutete der Storekeeper auf den hochbeladenen Wagen.
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich ihre Bestellung so schnell fertig bekommen würde. Ohne die Hilfe meiner Frau wäre ich ziemlich aufgeschmissen gewesen, war doch eine Menge Zeug.”
Takashi lächelte freundlich, doch tief in seinem Innern wusste er nur zu gut, dass der Arbeitseifer und die Freundlichkeit des Ladenbesitzers nur von seinem Geld herrührten. Ohne die Dollars der Carters hätte er wahrscheinlich auf die Erledigung seiner Bestellung warten können, bis er schwarz geworden wäre.
Deshalb nickte er nur kurz, murmelte ein beiläufiges Danke und griff nach dem Zaumzeug. Als er sich auf den Wagenbock schwang, verschwand Parker wieder in seinem Laden.
Takashi hob die Zügel, als plötzlich ein Schatten gegen den Wagen fiel und Stiefeltritte im Sand knirschten. Er drehte den Kopf, während sich seine Gesichtszüge verhärteten.
Neben dem Gespann stand jetzt ein knapp sechs Fuß großer Mann in einem dunklen Anzug. Hinter ihm erkannte Takashi die hagere Gestalt jenes Mannes, dessen Begleiter ihn im Store so unverschämt ausgefragt hatte. Der Japaner runzelte die Stirn, während sich in seiner Magengegend langsam ein ungutes Gefühl ausbreitete.
Die ganze Szenerie roch gewaltig nach Ärger.
„Hallo, ich denke, wir beide sollten uns einmal kurz unterhalten.“
„Okay, schießen sie los. Aber beeilen sie sich, ich habe nicht viel Zeit.” Takashi packte die Zügel fester und musterte den Mann in dem dunklen Anzug nachdenklich.
„Was habe ich Ihnen eigentlich getan?”, zischte Johnson.
„Wie darf ich das verstehen?”
„Sie sind fremd in dieser Gegend, trotzdem greifen sie mich und meine Männer ständig an. Erst die Sache auf der Carter-Ranch und jetzt die Schlägerei in Parkers Store. Was soll das?”
„Sind Sie Ben Johnson?”
„Yeah!”, erwiderte der Mann scharf und zwischen seinen Augenbrauen bildete sich eine steile Falte.
„Dann würde ich Ihnen raten, nicht mehr so große Töne zu spucken sondern aufzupassen, was Ihre Männer so alles treiben. Manche Leute hier in der Gegend sind nämlich der Meinung, dass sie nicht besser sind als irgendwelche dahergelaufene Banditen.”
„Ich bin ein ehrlicher Geschäftsmann und das, was meine Männer tun, ist völlig legal.”
„Dann haben Sie sicher nichts dagegen, wenn ich die Marshals in der Hauptstadt von Ihrem Geschäftsgebaren unterrichte.”
Ben Johnsons atmete schwer und seine Augen begannen allmählich zu glühen. „Wollen Sie mir drohen?”
Der Japaner schüttelte den Kopf. Ihm war inzwischen klar geworden, dass einem Mann wie Ben Johnson nicht mit Verständnis und guten Worten beizukommen war.
„Ich glaube, es ist besser, Sie verschwinden jetzt von hier. Ansonsten kann es passieren, dass ich Ihnen Ihre scheinheiligen Bemerkungen so lange um die Ohren schlage, bis es hier schneit.”
Ben Johnson wurde bleich. „Du verdammter Zopfchinese, was glaubst du eigentlich, wer du bist? Weißt du überhaupt, wen du hier vor dir hast?”
Inzwischen hatte sich das Gesicht des Geschäftsmannes rot vor Zorn gefärbt. Seine Rechte flog zur Hüfte, fegte den Rockschoß seiner Anzugjacke zur Seite und legte sich um den zerschrammten Holzgriff seines 45er Colts. Noch während der Lauf seines schweren Revolvers hochruckte, spannte Johnson knackend den Hahn. Doch im selben Moment traf ein brettharter Schlag den Unterarm des Geschäftsmannes. Johnson verzog das Gesicht und der Revolver entglitt seiner Hand und fiel zu Boden.
Schmerz verzerrte sein Antlitz und seine Augen glühten vor Hass und Wut.
Takashi grinste kalt und rieb sich beinahe teilnahmslos seine rechte Handkante. Als danach der Mann neben Johnson Anstalten machte in das Geschehen einzugreifen, ließ der Japaner einfach die Zügel hochfliegen und die dünnen Lederriemen wischten dem Mann den Hut vom Kopf. Der Mann zuckte erschrocken zusammen, taumelte einen Schritt zurück und hatte dabei Mühe, auf den Beinen zu bleiben.
Lachend trieb Takashi das Gespann an.
Die Räder des schwer beladenen Wagens gruben sich tief in den Sand der Mainstreet, und während er das Gefährt aus der Stadt lenkte, folgten ihm wilde Flüche.
Adam Carson riss seinen Revolver hoch und zielte damit wutschnaubend auf den Japaner. Doch da legte sich Johnsons Rechte auf den Lauf und Carson ließ die Waffe wieder ins Halfter zurückleiten.
„Nicht jetzt”, knirschte Johnson und zerbiss einen wütenden Fluch zwischen den Lippen.
Ein rascher Seitenblick hatte ihm nämlich gezeigt, dass bis jetzt weder von Wellington noch von dem Marshal etwas zu sehen war, dafür aber beobachteten mindestens ein Dutzend Einwohner argwöhnisch das Geschehen. Johnson ahnte, dass er es schwer haben würde, ohne einen Gesetzeshüter im Rücken einen Schuss aus dem Hinterhalt zu erklären. Deshalb wandte er sich abrupt um und stampfte, zornig bis in die Haarspitzen, mit Carson im Schlepptau wieder zurück in sein Büro.

9. Kapitel

Die Mörder kamen von Süden.
Der Hufschlag ihrer Pferde hallte wie Donnergrollen durch die mondhelle Nacht. Steigbügel an Steigbügel preschten die acht Reiter durch die Dunkelheit, bis sie ihre Tiere schließlich auf einem mit Büffelgras bewachsenen Hügelrücken zügelten. Waffenstahl blinkte im fahlen Licht des Mondes, Sattelleder knirschte und immer wieder schnaubte eines der Pferde. Stumm beobachtete Pete Duncan die kleine Ranch, die in der Dunkelheit vor ihm und seinen Männern lag. Alles schien ruhig, kein Licht war zu sehen. Entschlossen zog Duncan sein Gewehr aus dem Scabbard und lockerte den Revolver im Halfter.
„Also los jetzt, ihr wisst, was ihr zu tun habt!”
Die Männer nickten, nur Adam Carson verzog unwillig sein Gesicht.
„Was ist los mit dir?”, zischte Duncan, dem das Zögern des Mannes aufgefallen war.
Carson wischte sich unsicher über das Gesicht. „Ich weiß nicht so recht ... also Siedler zurecht zu stutzen ist eine Sache, aber auf Frauen schießen, das gefällt mir überhaupt nicht.”
„Aber zweihundert Dollar Erfolgsprämie einstreichen, das gefällt dir, oder?”, herrschte Duncan den Mann an. „Jetzt pass mal auf, was ich dir sage. Entweder du reitest jetzt mit uns und wir erledigen den Job, so wie Johnson es gesagt hat, oder du steigst aus. Aber dann bist du ganz draußen, dann gibt es kein Geld, du bist deinen Job los und in der Stadt brauchst du dich dann auch nicht mehr blicken lassen. Ich an deiner Stelle würde mir das noch einmal überlegen.”
Adam Carson wich dem harten Blick seines Anführers aus und starrte nervös zu Boden. „Tut mir leid, Pete, aber die Sache mit den Frauen mache ich nicht mit.”
„Idiot!”, zischte Duncan. Dann bekamen seine Augen einen hinterhältigen Blick und mit einem kalten Grinsen nickte er dem Mann hinter Adam zu. Bevor Carson in irgendeiner Art und Weise reagieren konnte, traf ihn ein Gewehrkolben am Hinterkopf und holte ihn aus dem Sattel.
„Weiter”, zischte Duncan ungeduldig. „Wir reiten ab sofort im Schritt. Ich will nicht, dass die Carters durch unseren Hufschlag gewarnt werden. Wenn wir auf der Ranch sind, erwarte ich von euch, dass ihr eure Gewehre benutzt. Oder hat sonst noch jemand ein Problem mit dieser Sache?”
Statt einer Antwort zogen die anderen Männer wie auf ein geheimes Kommando hin beinahe gleichzeitig ihre Gewehre aus den Scabbards. Während sie ihre Pferde vorsichtig durch die Nacht lenkten, würdigte keiner von ihnen den bewusstlosen Sattelgefährten mit auch nur einem Blick. Je näher sie der Ranch kamen, umso mehr ähnelten sie einem Rudel tollwütiger Sattelwölfe. Unrasiert, hager und bis an die Zähne bewaffnet.
Deutlich war im Mondlicht das Gehölz zu erkennen, welches das Anwesen der Carters umgab. Durch diese natürliche Deckung pirschten sich die Männer jetzt ungesehen bis auf Schussweite an die Gebäude heran. Mit stummen Handzeichen dirigierte Pete Duncan seine Begleiter in Position. Ein zufriedenes Grinsen umspielte seine Lippen als er sah, wie die Männer seinen Befehlen nachkamen.
Schon bald, so dachte er, würde dieser Job erledigt sein und dann gab es nichts mehr was ihre Pläne durchkreuzen konnte. Beim Gedanken an den zu erwartenden Geldsegen wurde ihm abwechselnd heiß und kalt. Siegessicher hob er den Arm zum Angriffssignal, als im selben Moment die Hölle losbrach.
Ein Schuss krachte und durchbrach jäh die friedliche Stille der Nacht.
Adam, durchzuckte es Pete Duncan noch, verdammt, warum haben die Idioten ihm nicht die Waffen abgenommen? Doch für weitere Schuldzuweisungen war es bereits zu spät, denn auf der kleinen Ranch war plötzlich der Teufel los.
Im Hauptgebäude und in der Scheune gingen Lichter an, Gewehrläufe wurden aus den Fenstern geschoben, Schüsse krachten, Männer schrien. Unvermittelt befanden sich die Angreifer im Kreuzfeuer mehrerer Waffen. Pete Duncan erwischte es als ersten.
Eine schwere Sharps wummerte über den Ranchhof und ihr großkalibriges Geschoss fegte Duncan förmlich aus dem Sattel. Die Wucht des einschlagenden Projektils hob den Revolvermann aus den Steigbügeln und ließ ihn fast zehn Fuß durch die Luft fliegen. Als Duncan schließlich zu Boden krachte, hatte sein Herz bereits aufgehört zu schlagen.
Von allen Seiten schlug den Männern jetzt Gewehrfeuer entgegen. Pferde bäumten sich auf, brachen zusammen oder krachten zu Boden, Männer schrien, Schüsse donnerten, Staub wallte auf. Dann war der Kampf so rasch zu Ende, wie er begonnen hatte. Drei der Angreifer rissen ihre Pferde herum und wandten sich zur Flucht, zwei weitere liefen zu Fuß in die Nacht hinein, als sei der Leibhaftige hinter ihnen her. David Carter stand mit dem Gewehr in der Hand auf der Veranda des Haupthauses und starrte den Männern aus funkelnden Augen nach, als Takashi neben ihn trat.
„Wir haben es geschafft”, sagte er und klopfte dem Ranchersohn aufmunternd auf die Schulter.
David schüttelte den Kopf und musterte den Japaner düster. „Wir haben zwar eine Schlacht gewonnen, aber noch lange nicht den Krieg. Schätze, nachdem sie ihre Wunden geleckt haben, werden uns diese Hurensöhne schon bald wieder Schwierigkeiten machen.”
In diesem Moment ertönte aus dem Haus ein gellender Schrei.

David und der Japaner zuckten wie von einer Klapperschlange gebissen zusammen. Die Männer wirbelten herum und stürzten ins Haus zurück. Aus der Scheune kam Samuel mit seinem Vater gelaufen. Ihre Gesichter wirkten angespannt und seltsam verzerrt.
Aber sie kamen alle zu spät.
Mitten in der Küche saß Abigail Carter auf einem Stuhl. Ihre Rechte lag auf der Brust, dort, wo sie die tödliche Kugel getroffen hatte. Die Linke hing leblos nach unten und ihr Gesicht war von einem seltsamen Lächeln überzogen. Sheila Carter saß vor ihr auf dem Boden und hatte ihre Hände auf die Ohren gepresst. Takashi sah deutlich, wie ihre Schultern zuckten.
In diesem Moment zerbrach irgendetwas in dem Japaner.
Mit geradezu brutaler Deutlichkeit hatte er plötzlich wieder all jene Ereignisse vor Augen, die damals in Japan zum Tod seiner Eltern geführt hatten. Schmerz stieg in ihm auf und drohte ihn zu überwältigen. All die bitteren Tage, von denen er geglaubt hatte, dass er ihnen für immer entkommen war, waren plötzlich wieder da. Während sich der Rest der Familie fassungslos um die Tote scharte, huschte Takashi lautlos in seine Kammer. Er wusste nun, was er zu tun hatte.
Mit knappen Bewegungen entledigte er sich seiner Farmerkleidung und schlüpfte in eine eng anliegende dunkle Stoffhose und in ein mattschwarzes Hemd, die er beide schon bei seiner Ankunft auf der Carter Ranch mitgeführt hatte. Die Kleidungsstücke hatte er sich während seiner Arbeit bei der Eisenbahn von einem chinesischen Schneider anfertigen lassen. Sie waren ein Bestandteil seiner jahrelangen Ausbildung, nur hatte er die Originalkleidung damals in Japan an jenem unseligen Abend im Haus seiner Eltern zurücklassen müssen. Vorsichtig stieg Takashi, nachdem er sich umgezogen hatte, durch das Fenster seines Zimmers. Geduckt verließ er die Ranch der Carter-Familie und erst als er sich sicher sein konnte, vom Haupthaus der Ranch aus nicht mehr gesehen zu werden, richtete er sich auf und verschärfte das Tempo seiner Schritte.
Barfuß lief er in einem eigentümlichen Trott auf Newton zu und mit jedem Schritt, der ihn der Stadt näher brachte, wurde sein Hass auf Johnson und seine Männer größer. Es war weit nach Mitternacht, als Takashi die ersten Häuser erreicht hatte.
Alle Bewohner von Newton schienen zu schlafen, fast alle. Denn während in der ganzen Stadt Stille herrschte, ging es in Ben Johnsons Haus noch hoch her. Überall brannte Licht und immer wieder drangen Wortfetzen und wilde Flüche auf die dunkle Straße.
Mit der Geschmeidigkeit einer Raubkatze glitt Takashi auf das Haus zu. Dort waren an einem Haltebalken vor der Eingangstür ein halbes Dutzend verschwitzter Pferde angeleint. Ein flüchtiges Lächeln huschte über das Gesicht des Japaners. Sie machen es mir ziemlich einfach, dachte er. Weil sich die ganze Bande offensichtlich noch im Haus aufhielt, musste er sie nicht überall in der Stadt suchen.
Mit einem Satz übersprang er den kleinen Vorgartenzaun, der auf der linken Seite des Gebäudes die Grenzen einer kleinen Blumeninsel markierte, und schlich dann auf die Rückseite des Anwesens zu. Er tauchte in den hüllenden Schatten einer alten Pappel mit weit ausladendem Astwerk und begann mit den letzten Vorbereitungen für seine Mission.
Mit einem mitgeführten Stück Holzkohle schwärzte er sich sein Gesicht und beschmierte selbst die Augenlider, um jeglichen Lichtreflex zu vermeiden. Dann suchte er den Boden nach kleinen, spitz zulaufenden Steinen ab, die er allesamt mit der Hand ausbalancierte. Einige wenige von ihnen verschwanden in seinen Hosentaschen, aber der Großteil fiel wieder unbeachtet auf den Boden zurück.
In diesem Moment wurde eine Tür auf der Rückseite des Hauses geöffnet.
Eine helle Lichtbahn fiel auf den rückwärtigen Teil des Gartens und in ihrem gelblichen Schein trat ein untersetzter, stämmig wirkender Mann ins Freie. Einen Schritt später blieb der Mann wieder stehen und nestelte umständlich in seinen Hosentaschen. Kurze Zeit danach flammte ein Streichholz auf und das rot glühende Ende einer brennenden Zigarette durchdrang die Dunkelheit. Geräuschvoll sog der Mann den würzigen Tabakrauch ein und bewegte sich in Richtung der weit ausladenden Pappel.

10. Kapitel

Ohne Vorwarnung durchflutete ihn plötzlich ein rasender Schmerz.
Er wurde nach hinten gerissen, als zerrten unsichtbare Hände an seinen Schultern. Die Zigarette flog wie ein orientierungslos umher fliegendes Glühwürmchen zu Boden, während er wie ein Verrückter mit den Armen ruderte, um das Gleichgewicht zu halten.
Seine Lippen zuckten, der Mund öffnete sich und noch während er fiel, versuchte er zu schreien. Doch alles, was er hervorbrachte, war ein blutiges Gurgeln. Er wusste nicht, was geschehen war, er wusste nur, dass sein ganzer Hals eine einzige brennende Wunde sein musste.
Ein Schatten löste sich aus dem Stamm der Pappel und kam geräuschlos auf ihn zu.
Stumm kniete sich Takashi über die röchelnde Gestalt.
Mit dem Lichtschein vom Haus im Rücken hatte der Mann ein klares Ziel abgegeben. Der spitze Stein war eine knappe Handbreit unterhalb des Kinns in seinen Hals gedrungen und hatte ihm den Kehlkopf zertrümmert. Takashi hatte seine ganze Kraft in diesen Wurf gelegt und er wusste, dass dem Mann jetzt nicht mehr zu helfen war. Er würde jämmerlich verbluten.
Der Schwerverletzte begann beim Anblick des Japaners wie ein Käfer auf dem Rücken wild mit Armen und Beinen zu rudern und versuchte wieder zu schreien. Als Takashi hörte, wie sich erneut Schritte vom Haus her dem Garten näherten, zuckte seine Rechte vor und mit einem gezielten Schlag auf den Kopf beendete er das Leben des Mannes. Dann verschwand er wieder im Schatten des Baumes und wurde eins mit der Dunkelheit, ohne dabei irgendwelche Spuren zu hinterlassen.
„Mike, he Mike, wo steckst du?”
Ein weiterer Mann aus Johnsons Bande trat fluchend in den Garten und sah sich nervös um. „Verdammt, hör mit dem Versteck spielen auf und komm endlich wieder ins Haus. Der Boss will was von dir wissen. Mike … verflucht, Mike was ist passiert?”
Die letzten Worte schrie der Mann förmlich in die Nacht hinaus, als er den leblosen Körper seines Kumpans vor dem Baum liegen sah. Noch während er auf ihn zu rannte, alarmierte er die anderen im Haus mit seinen Schreien. Sekunden später war der Garten von Kerzenlicht und dem Schein mehrerer Petroleumlampen hell erleuchtet. Wie verstörte Hühner liefen Johnson und seine Männer um den Baum herum und suchten den Boden nach irgendwelchen Spuren ab.
„Los, sucht weiter, er muss hier irgendwo noch stecken. Das verdammte Schwein kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben”, fluchte Gus Lane und spornte die Männer weiter an.
„Ich fürchte doch.”
Der Kopf von Gus Lane ruckte hoch und der Mann starrte fragend auf Johnson. „Wie meinen Sie das, Boss?”
„Ich glaube, wir haben das Schlitzauge alle unterschätzt. Der Kerl ist kein umherziehender, ehemaliger Eisenbahnarbeiter, das ist ein Kämpfer und ein verdammt gefährlicher obendrein. Seit er hier aufgetaucht ist, haben wir eine Niederlage nach der anderen einstecken müssen. Das hat mich nachdenklich gemacht. Deshalb habe ich meine Beziehungen etwas spielen lassen und ein paar Telegramme abgeschickt. Die Antworten waren allerdings alles andere als erfreulich.”
„Wie darf ich das verstehen?”
„Der Kerl ist ein Samurai.”
„Ein was?”, fragte Lane ungläubig.
Beinahe mitleidig belächelte Johnson seinen unwissenden Mitarbeiter. Schließlich winkte er Gus zu sich heran und klärte ihn herablassend über die Herkunft des Japaners auf. Dabei hatte Ben Johnson sein Wissen auch nur den Telegrammen seiner Geschäftsfreunde zu verdanken. Aber das band er Lane natürlich nicht auf die Nase, schließlich musste er seinen Männern ständig vor Augen führen, warum er der Boss war. Nur so konnte er sich in dem rauen Rudel behaupten und auch erklären, warum immer ihm der Hauptanteil der Beute zustand.
„Samurais kommen aus Japan und sind dort so etwas wie hierzulande Revolvermänner. Eine Art Wild Bill Hickok oder Clay Allison, nur eben ohne Revolver.”
Gus Lane nickte zustimmend, obwohl er ehrlich gesagt weder wusste, wo Japan lag, noch was ein Samurai mit Wild Bill zu tun hatte. Aber er musste Interesse heucheln, denn er wusste nur zu gut, wie sein Boss reagierte, wenn man seine Aussagen nicht für voll nahm. Dennoch wagte er es, Johnson vorsichtig eine Frage zu stellen, weil ihm eine Tatsache unbegreiflich erschien. „Sorry, Boss, aber eines verstehe ich jetzt nicht. Mit was kämpfen dann diese Samurais, wenn sie keine Revolver benutzen?”
„Mit ihren Händen und Füßen. Angeblich sollen sie diese wie tödliche Waffen gebrauchen können.”
Lane nickte und plötzlich lief ihm ein Schauder über den Rücken. Er hatte bereits erlebt, wie dieses Schlitzauge kämpfte und seit er die leblose Gestalt von Mike Wallace gesehen hatte, war seine Angst ob dieses seltsamen Mannes noch gewachsen.
„Und was machen wir jetzt?”
„Wir gehen jetzt alle in mein Arbeitszimmer. Das Schlitzauge wird es nicht wagen, uns dort anzugreifen. Du und Phil seht zu, dass ihr Wellington und Marshal Stone auftreibt.”
„Die beiden werden aber wohl schlafen, es ist schließlich erst kurz vor vier.”
„Das ist mir scheißegal”, zischte Johnson nervös. „Und wenn ihr sie von ihren Alten runter zerren müsst, in spätestens einer Stunde erscheinen die Beiden hier, oder sie haben die längste Zeit auf meiner Gehaltsliste gestanden. Das kannst du ihnen ruhig sagen.”
Gus Lane nickte und machte sich auf die Suche nach Phil.
Dabei machten sich in ihm zum ersten Mal so etwas wie Zweifel breit. Hatte er da auf Johnsons Stirn nicht so etwas wie Schweißperlen gesehen? Angstschweiß?
War der Boss überhaupt noch in der Lage, die Situation richtig einzuschätzen?
Lane wirkte verwirrt, als er mit Phil Baker das Haus verließ. Denn je mehr er über den unbekannten Samurai nachdachte, umso mehr kam er zu dem Entschluss, dass es vielleicht besser war, diese Gegend noch in dieser Nacht zu verlassen.

Verdammte Scheiße, fluchte Aaron Wellington lautlos.
Zwei Krüge Ingwerbier weniger und ich müsste jetzt nicht mitten in der Nacht aus meinem warmen Bett heraus um zu pissen. Missmutig drehte er den Kopf nach links. Als er in das faltige Gesicht seiner schlafenden Frau blickte, das eingerahmt von einer spitzenbesetzten Nachtmütze in der Dunkelheit direkt vor ihm lag, stahl sich trotz der frühen Morgenstunde ein bitteres Lächeln auf sein Gesicht. Auch wenn er jetzt im Halbdunkel aufstehen musste, der gestrige Abend war es allemal wert gewesen.
Verdammte Scheiße, dachte Sheriff Wellington erneut, warum habe ich eigentlich diese Nebelkrähe geheiratet, wenn ich aufgrund meines Amtes jeden Tag Frauen kennenlernen kann, die geradezu danach versessen sind, mit mir ins Bett zu steigen?
Er dachte an Kathleen Fisher, die Ortsvorsteherin der hiesigen Frauenliga und daran, wie sie bei der gestrigen Gemeinderatsversammlung nach dem dritten Glas Punsch ihre Hand um seine Eier gelegt hatte. Himmel, wäre nicht Bürgermeister O’Hara plötzlich ins Zimmer geplatzt, wer weiß, was noch alles geschehen wäre. Aber weil er als einer der Honoratioren der Stadt doch irgendwie sein Gesicht wahren musste, war statt einer anständigen Nummer lediglich ein bierseliger Heimweg mit enger Hose übrig geblieben. Doch aufgeschoben war nicht aufgehoben und wenn er zurück an die glänzenden Augen von Kathleen dachte, wusste er genau, dass der nächste Fick nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Bei dem Gedanken an die Ortsvorsteherin bekam er unwillkürlich wieder jene Gefühle, die seine Bettdecke in der Leistengegend trotz einer vollen Blase wie ein Zelt aufrichten ließen.
Unruhig wälzte sich der Sheriff hin und her, aber schließlich musste auch er den Gesetzen der Natur seinen Tribut zollen.
Leise schwang er seine Füße aus dem Bett und richtete sich auf. Dann tastete er sich vorsichtig zur Tür, öffnete diese und tappte schlaftrunken nach unten. Nachdem er sich dem Grund seines Erwachens entledigt hatte, strebte er wieder zielstrebig auf sein Bett zu. Aber noch bevor er die erste Stufe der Treppe, die hoch ins Schlafzimmer führte, erreicht hatte, pochte jemand an die Eingangstür.
4.10 Uhr zeigte ihm die große Standuhr im Hausflur an und er beschloss, das Klopfen aufgrund dieser unchristlichen Zeit einfach zu ignorieren. Aber das Klopfen wurde immer drängender und als er die vierte Treppenstufe erreicht hatte, meldete sich zu allem Überfluss auch noch von oben seine Frau.
„Aaron, hörst du das nicht? Da klopft jemand an die Tür.”
Natürlich habe ich das gehört, du dusslige Kuh, durchzuckte es ihn ärgerlich. Aber wenn jemand am Sonntagmorgen um diese Zeit an die Tür klopft, dann überhört man das einfach. So dachte jedenfalls Wellington, aber er hatte die Rechnung ohne seine Frau gemacht. Mit wehendem Nachtgewand eilte sie die Treppe hinunter und öffnete dem unbekannten Besucher die Tür, noch bevor es Wellington verhindern konnte. Während Gus Lane ins Haus stolperte, überlegte sich Aaron Wellington eingehend, wie er seine Frau am schnellsten zu ihren Ahnen befördern konnte. Aber Lane lenkte ihn mit einem einzigen Satz von seinen morbiden Gedanken ab.
„Er hat Mike umgebracht!”
Der Kopf des Sheriffs ruckte sofort herum. „Wer?”
„Na wer schon, der Kerl, der uns schon seit Tagen Schwierigkeiten macht.”
„Du meinst das Schlitzauge?”
Gus Lane nickte.
„Was für ein Schlitzauge?”, mischte sich jetzt auch Elizabeth Wellington in das Gespräch ein.
Wie auf ein geheimes Kommando hin starrten die beiden Männer beinahe gleichzeitig auf die Frau. Nur waren Lanes Blicke eher fragend, während Aaron hingegen nicht verhehlen konnte, was er in diesem Moment dachte.
„Halt dein Maul und geh wieder ins Bett”, zischte er seine Frau an. Bevor diese vor Empörung den Mund aufreißen konnte, um ihren Mann mit einer scharfen Erwiderung zurechtzuweisen, setzte er noch einen drauf.
„Der Kerl ist ein gemeingefährlicher Mörder und hat es hauptsächlich auf ältere Frauen abgesehen.”
Elizabeths Gesichtsfarbe wechselte schlagartig von einem ärgerlichen Rot in ein entsetztes Weiß. „Was stehst du dann noch hier herum? Tu was. Mein Gott, jetzt ist man nicht einmal mehr in seinem eigenen Haus vor diesen Mördern sicher.” Sprach’s und verschwand aufgelöst wieder im Schlafzimmer.
Gus Lane blickte der Frau noch einen Moment lang nach, dann richtete er seinen Blick wieder auf den Sheriff, während über sein Gesicht ein spöttisches Grinsen huschte.
„Deine Alte kann ganz schön nerven, was?”
„Klugscheißer!”, zischte Wellington, während er in sein Arbeitszimmer ging und in die Sachen vom Vorabend schlüpfte.

11. Kapitel

Im Gleichschritt hasteten die Männer durch die Straßen.
Aaron Wellington und Gus Lane von Norden her, Phil Fisher und Marshal Stone aus dem Süden. Beinahe gleichzeitig bogen die vier in die Mainstreet von Newton ein und eilten auf Johnsons Haus zu.
Auf der Treppe zur Eingangstür blieb Wellington stehen und starrte unsicher auf die Männer.
„Das gefällt mir gar nicht, dass wir noch kein Tageslicht haben. Dieser Bastard kommt anscheinend im Dunkeln besser zurecht als wir.”
„Darüber können wir uns den Kopf zerbrechen, wenn wir wissen, wo er steckt”, sagte Fisher.
„Im Moment wissen wir ja noch nicht einmal, wo wir anfangen sollen nach ihm suchen.”
„Auch wieder wahr”, erwiderte Lane und klopfte an die Tür.
Ben Johnson öffnete ihnen höchstpersönlich.
„Na endlich”, fauchte er anstelle einer Begrüßung und packte Sheriff Wellington am Arm. „Wo zum Teufel habt ihr so lange gesteckt?”
„Nun mal langsam, weißt du eigentlich, wie spät es ist?”
„Das interessiert mich einen Scheißdreck, unternimm lieber etwas. Hier in der Stadt treibt sich ein verrücktes Schlitzauge herum, das meine Männer reihenweise umbringt und du regst dich über die Uhrzeit auf. Für was bezahle ich euch Sternschlepper eigentlich?”
Der Sheriff verzog ärgerlich das Gesicht, schwieg aber. Er wusste nur zu gut, wie tief er bei Johnson in der Kreide steckte und auch, dass er ohne die Hilfe des Geschäftsmannes seine Wiederwahl abschreiben konnte. Er hatte sich längst an dieses sorgenfreie Leben gewöhnt und deshalb konnte er es sich nicht leisten, Johnson gegen sich aufzubringen.
„Wo steckt der Kerl jetzt?”
„Keine Ahnung, bin ich der Sheriff oder du? Ich weiß nur, dass da draußen im Garten Mike mit zertrümmertem Schädel liegt. Zusammen mit Steve ist er bereits der zweite Tote, der auf das Konto des Schlitzauges geht, von den Verletzten will ich erst gar nicht reden. Also steh jetzt nicht rum, sondern tu was.”
„Und was soll ich deiner Meinung nach tun?”
Johnson zuckte mit den Schultern. „Stell eine Posse zusammen, durchsuch die Stadt, was weiß ich. Aber unternimm endlich etwas.”
„Okay, okay”, sagte Wellington und nach einem kurzen Rundblick zeigte er, warum gerade er als Sheriff gewählt worden war.
„Als erstes brauchen wir Licht. Fackeln, Petroleumlampen, Kerzen, alles, was Helligkeit erzeugt. Dieser Bastard scheint sich ja nur im Dunkeln wohl zu fühlen. Vier Mann bleiben mit Mister Johnson im Haus, der Rest durchkämmt mit mir die Stadt. Aber das mir keiner allein losmarschiert, es gehen immer mindestens zwei Mann zusammen. Sobald es draußen hell wird, werde ich versuchen, eine Art Bürgerwehr aufzustellen, die dann auch das umliegende Land durchsucht.”
„Warum machst du das mit der Bürgerwehr nicht gleich?”
Mitleidig betrachtete der Sheriff Johnson, während er den Kopf schüttelte. „Was glaubst du wohl, wen ich von den Stadtfräcken an einem Sonntagmorgen überreden kann, Jagd auf einen Mörder zu machen, mit denen nicht einmal deine Jungs fertig werden? Noch dazu um diese Uhrzeit.”
Wellington wartete die Antwort nicht ab, sondern teilte die Männer ein und verließ dann mit ihnen das Haus. Mit gezogenen Waffen hasteten sie in Zweiergruppen durch die dunklen Straßen.
Gus Lane war es dann, der den Schatten als erster sah. Obwohl er Wellington eigentlich nicht leiden konnte – er hasste korrupte Gesetzesmänner – war er jetzt doch froh, ihn an seiner Seite zu haben. Der Sheriff kannte sich bestens in der Stadt aus und hatte den Ruf eines ausgezeichneten Schützen. Er tippte ihm auf die Schulter und deutete mit dem Lauf seines Revolvers auf ein Haus direkt zu ihrer Linken. Wellington nickte, anscheinend hatte er jetzt den Schatten auch bemerkt, und schob sich geduckt auf das Gebäude zu. Auf ein Zeichen des Sheriffs hin entzündete Gus die mitgeführte Petroleumlampe und als er den Arm hob, spannte Wellington seine Winchester. Im selben Moment traf Gus Lane etwas mit solcher Wucht am Kopf, dass er schwankte und die Lampe dumpf in den Staub der Straße fiel.
„Verdammte Scheiße!”, brüllte Wellington, als er seinen Partner mit blutendem Schädel in die Knie gehen sah. Dann hob er das Gewehr und feuerte zwei, dreimal auf das Haus.
Im Mündungsfeuer sah er den Schatten auf sich zu springen, die rechte Hand zum Schlag erhoben.
Wellington war tot, noch ehe er zu Boden fiel.

„Johnson!”
Takashis Ruf war nicht einmal besonders laut, trotzdem zuckten die Männer im Haus des Geschäftsmannes regelrecht zusammen. In ihren Gesichtern stand Angst, während sie sich im Wohnzimmer um den Kamin scharten. Nur Ben Johnson zeigte keine Furcht. Sein Gesicht war vor Zorn gerötet und in seinen aufgerissenen Augen stand blinde Wut.
„Worauf wartet ihr? Geht raus und schießt diesen Bastard nieder. Los, knallt ihn ab.”
Die Männer schüttelten resigniert die Köpfe.
„Was bringt das?”, fragte Phil Fisher.
„Da draußen waren vier von unseren Jungs, dazu noch Sheriff Wellington und der Marshal. Hörst du von denen noch etwas? Ich nicht, ich höre nur noch das Schlitzauge. Und wenn ich daran denke, wie er Steve und Mike erledigt hat, dann ist es wohl besser, wenn ich von hier verschwinde.”
Johnson stieß einen wilden Fluch aus und zog seine Lederbörse aus der Anzugsjacke. Er öffnete sie und hielt den Männern einige Geldscheinbündel vor die Augen.
„Hier, das gehört euch, wenn ihr mir diesen Bastard vom Hals schafft. Ihr müsst nur …”
„Vergiss es, Boss”, unterbrach ihn Fisher hart. „Es ist aus. Die beiden Sternträger sind auch schon raus aus der Sache und in der Stadt selber hilft uns kein Aas mehr. Oder siehst du einen dieser ehrenhaften Bürger uns zu Hilfe kommen?”
Dann schritt er müde zur Haustür.
Zögernd folgte ihm einer nach dem anderen und als Johnson schließlich allein im Haus zurückblieb, war sein Gesicht so bleich wie ein Leinentuch. Als er hinter sich Schritte hörte, drehte er sich langsam um.
„Na, bist du jetzt zufrieden?”, herrschte er den Japaner an. „Meine Männer haben mich im Stich gelassen, meine Geschäfte kann ich in den Wind schreiben und hier in der Stadt nimmt nicht einmal mehr ein Hund einen Knochen von mir. Das hast du ja prima hingekriegt. Bevor ich dir jetzt aber eine Kugel in deinen schlitzäugigen Schädel jage, hätte ich doch noch gerne gewusst, warum? Wir sind uns noch nie begegnet. Warum hast du mir trotzdem mein Geschäft vermasselt?”
„Weil es mit Blut aufgebaut wurde. Du hast wegen einem Stück Land Menschen töten lassen. Abigail Carter war eine fabelhafte Frau und Mutter. Du hättest sie und ihre Familie in Ruhe lassen sollen.”
Ungläubig starrte der Geschäftsmann auf den Japaner. „Wie ist dein Name?”
„Takashi Okumoto, warum fragst du?”
Mitleidig schüttelte Johnson den Kopf. „Du hast keine Ahnung von Geschäften. Fahr zur Hölle, Okumoto!”
Dann riss er seinen Revolver aus dem Halfter.
Mit einer blitzschnellen Bewegung stieß Takashi seine Hände mit den gespreizten Fingern nach vorne. Gnadenlos bohrten sie sich in Johnsons Brustkorb ...

Epilog

„Mann, nun mach es doch nicht so spannend. Wie ging es dann weiter?”
Ken Okumoto schloss die Augen und ließ seinen Kopf wieder erschöpft in die Kissen zurücksinken. Das viele Reden hatte ihn doch mehr angestrengt, als er zunächst gedacht hatte. Die Verletzung zehrte an seinen Kräften.
Aber es hatte ihm dennoch gut getan, sich einmal alles von der Seele zu reden. Bisher hatte er noch nie jemandem so viel über seine Herkunft und über die Vergangenheit seiner Familie erzählt wie Markui an diesem Abend. Aber bisher hatte auch noch niemand seine Erinnerungen, wenn auch unbewusst, so schmerzhaft wieder zum Leben erweckt.
Aber er machte Markui keinen Vorwurf, schließlich war das Ganze ein geradezu unglaublicher Zufall gewesen. Es konnte nur die aberwitzige Laune seines Schicksals sein, dass jenes junge Mädchen, dem Markui aufgetragen hatte, ihm etwas zum Essen zu bringen, zufällig auch Sheila hieß. Als er in ihr Gesicht mit den mandelförmigen, leicht geschlitzten Augen geblickt hatte und erfuhr, dass ihr Vater zwar Amerikaner war, aber seine Vorfahren aus Japan kamen, war ihm für einen Moment fast die Luft weggeblieben.
Als das Mädchen den Raum wieder verlassen hatte, bestürmte ihn Markui mit tausenden von Fragen. Ihm war nicht verborgen geblieben, dass Ken auf die Anwesenheit von Sheila geradezu geschockt reagiert hatte. Schließlich hatte Ken zu reden angefangen, doch das lag inzwischen mindestens zwei Stunden zurück.
„Takashi und Sheila haben dann irgendwann geheiratet, was sonst.”
„Und dann? Ich meine, was wurde aus den Ninja und wie ging es danach mit der Ranch weiter?”
„Wie es weiterging? Das ist dann eine andere Geschichte. Bei Gelegenheit werde ich sie dir einmal erzählen, aber jetzt bin ich müde. Ich möchte schlafen.”
Markui nickte und verließ kopfschüttelnd Kens Zimmer.
Gemeinsam hatten sie so manches Abenteuer erlebt und manche Gefahren überstanden. Eigentlich hatte er gedacht, dass Ken ihm gegenüber in dieser Zeit zu so etwas wie einem Freund geworden war, aber jetzt musste er sich eingestehen, dass sie alle eigentlich nichts über den wahren Ken wussten.

Ende

Vorschau auf Episode 16

Erwartet mit Spannung die am 1. November 2009 erscheinende 16. Episode.

Der Titel lautet:
»Satans erster Apostel«

von Dean Thorn

Im nächsten Band wenden wir uns wieder der Jagd nach Azoth, dem Stein der Weisen, zu.
Professor Arthur Sanfold verfolgt eine weitere Spur, welche auch Dan und Claire nach Wills Point bei Dallas im Frühjahr 1967 führt.
Dort soll ein Mann namens Eliah Porter im Besitz eines Pergaments von Hieronymus Scotus, dem italienischen Faust, sein - möglicherweise die Anleitung zur Herstellung des Steins der Weisen. Aber Porter, in eingeweihten Kreisen ein bekannter Okkultist, und der Rechtsanwalt Cavanaugh, der kaum von seiner Seite weicht, sind keine berechenbaren Größen. So geraten Dan und Claire einmal mehr zwischen die Fronten und werden in einen Strudel unheimlicher Ereignisse gerissen.

Denn Eliah Porter, der von sich selbst behauptet, vom Teufel berührt worden zu sein, ist Satans erster Apostel.

 

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