
EPISODE 14
»Das Herz der Göttin«
von Amanda McGrey

Die Plattform vibrierte.
Die Gesichter der Umstehenden verformten sich. Sie wirkten plötzlich gallertartig. Das Kinn Müllers schien in Tropfen zu zerfließen. Das Bild des Labors verschwamm nebelartig. Claire und Dan fassten sich an der Hand. Markui Beckers Antlitz wirkte überdimensional und fratzenhaft, dann umschlang sie glühend roter Spiralnebel. Sie glaubten, ins Bodenlose zu stürzen. Das Rot wurde zu einem Blau, dann umgab sie nur noch Schwärze. Merkwürdige Geräusche – ähnlich der Sphärenmusik – brandeten auf – jemand schien höhnisch zu lachen … dann fallen, wirbeln, fallen … diffuses Licht … auf einmal verspürten sie Kühle und Feuchtigkeit.
Schlamm spritzte. Instinktiv ließ Claire Dans Hand los. In einer Rolle seitwärts landeten beide auf von Wasser durchtränktem Boden. Sturm und Nacht umfing sie.
Dan rappelte sich hoch. „Danke, dass sie unsere Airline berücksichtigt haben“, kam es gequält.
Da vernahmen sie Hufschlag.

Achilles schnaubte.
Beruhigend klopfte die Reiterin dem treuen Rappen den Hals.
Sie saß weit vorgebeugt auf dessen Rücken. Ihre Augen sezierten das Umfeld des Plimizol. Die Brandung rollte donnernd über den Strand und zog Bahnen weit in das sandige Land hinein. Blitze leuchteten mit gewaltigen Zacken. Es roch nach Ozon.
Es regnete nicht – es goss!
Das Wasser lief über den bronzefarbenen Helm mit dem kleinen blauen Gralswappen hinab in die Augen. Die Reiterin wischte darüber, um eine einigermaßen klare Sicht zu bekommen.
Die zierlichen aufgesetzten Gold- und Bronzeplättchen der griechisch anmutenden leichten Rüstung klirrten im Sturm melodisch. So – als spiele die wütende Natur eine Melodie.
Der Rappe beruhigte sich etwas.
Die Reiterin zog den nassen Umhang fester um die Schultern. Ihr Blick glitt zum sturmgepeitschten Himmel. Hinter den drohenden – die Berge der Pyrenäen berührenden – Wolken glomm es matt weißlich.
„Lahamu“, flüsterte die Reiterin. „Oh große Astarte der Pyrenäen – schütze uns vor dem Kometen!“
Seit Tagen beherrschte der Himmelskörper das Firmament, löste Unwetter aus. Sturmfluten peinigten die Küste. Der Konsul von Emporion hatte sich bereits um Hilfe an Genevier, die Herrin der Burg San Salvador de Verdera gewandt.
Elirah – die Astronomin der Burg – hatte nur verzweifelt den Kopf geschüttelt.
„Ich kann über die Laufbahn des Kometen nichts aussagen. Er kam zuletzt vor Tausend Jahren so nahe.“
Die junge Astronomin hatte sehr ausführlich die Aufzeichnungen von Ambrosius Aurelius studiert – den man später auch den Merlin nannte. Der ehemalige Hochkönig hatte sich ganz dem Studium der Naturphänomene verschrieben und kannte die ägyptischen und sumerischen Dokumente.
Erneut jagte eine elektrische Entladung über den Himmel und schoss mit der Spitze ins schäumende Meer. Der nachfolgende Donner ließ den Boden erbeben. Achilles stieg vorn hoch und Genevier – denn um niemanden anderes handelte es sich bei der Reiterin – hatte alle Mühe, das Tier wieder im Zaum zu halten.
Endlich konnte sie wenden. „Lass uns nach Hause reiten, mein Freund“, sagte sie zu dem Rappen. Noch einmal versuchten ihre Augen die Nacht zu durchdringen.
Nein – Feinde nutzten das Unwetter nicht zu einer Landung. Sie konnte ihren Kontrollritt beenden.
Achilles trabte den morastigen Pfad zurück. Doch nach wenigen Schritten zog Genevier die Zügel an.
Im kurzen Schein eines Blitzes hatte sie etwas gesehen.
„Steh!“, sagte sie kurz und glitt vom Rücken des Pferdes. Ein erneuter Blitz tauchte die Ebene in Tageshelle.
Der Moment genügte den Falkenaugen der ehemaligen britischen Hochkönigin. Sie bückte sich und ergriff das merkwürdige, längliche, völlig verschmutzte Gebilde.
Sie drehte es in den Händen und wischte es notdürftig mit dem vor Nässe triefenden Mantel ab.
Das Ding wirkte teils durchsichtig, teils metallisch. Genevier konnte nichts damit anfangen. Aber zweifelsohne gehörte es nicht hierher.
Sie steckte es in den Lederbeutel an ihrem Gürtel. Sie würde es Sherazeda zeigen. Die gebildete Schwester des Königs von Marakis würde vielleicht etwas dazu sagen können.
Genevier sprang aus dem Stand auf den Rücken des Pferdes und drückte die Fersen in seine Seite.

„Das war knapp!“
Dan wischte sich den Matsch aus dem Gesicht. Das Wasser lief ihm aus den Haaren, die wie angeklebt um seinen Kopf hingen.
Claire stampfte wütend mit dem Fuß auf. Der Morast spritzte.
„Weshalb hast du mir den Mund zugehalten? Du Idiot! Das war Genevier! Wir hätten sie ansprechen können.“
Dan grunzte. „Ach ja? Woher willst du das denn wissen? Wir bewegen uns in einer Zeit, in der man schneller auf einem Sklavenmarkt landet, als man durchatmen kann.“
Die junge Studentin spie einen undamenhaften Fluch aus. „Ich habe sie erkannt! Sie entspricht genau dem Fensterbild aus der Kirche von Castello. Du weißt, dass ich mit einer Studiengruppe die Ausgrabungsstätten von Emporion besucht habe. Wir sind auch in der Katharer-Kathedrale in Castello gewesen. Außerdem gibt es eine Dissertation darüber von Professor Helmig – dem führenden Gralsforscher in Augsburg.“
„Ah ja …“, stöhnte Dan. Der aufkommende Donnerschlag ließ den jungen Mann schwanken. „… deshalb hast du sie sofort erkannt. Was hättest du der Dame denn gesagt? Ganz davon abgesehen, dass sie vermutlich Altspanisch oder Bretonisch spricht, das keiner von uns beiden beherrscht.“
„Sie hätte uns schon nicht gleich umgebracht! Außerdem, mein Lieber – ich habe einen Kurs in der bretonischen Sprache absolviert. Wenn mich schon Historik interessiert, muss ich mich auch mit vielen Dokumenten auseinandersetzen. Zahlreiche sind in der alten Amorica-Sprache verfasst.“
Dan unternahm den Versuch, sich mit seinem inzwischen durch die Jeans durchnässten Taschentuch die Nase zu putzen. „Wir holen uns hier noch den Tod. Hoffentlich stimmt die Zeit überhaupt. Irgendwie kam mir der Sprung diesmal merkwürdig vor. Diese Nebengeräusche …“
Dan zeigte sich etwas beunruhigt. Doch dann schob er den Gedanken erst einmal zur Seite.
Er hatte nach dem Fehlschlag, den Stein der Weisen von John Dee zu erlangen, noch Markui Beckers Worte im Labor von Burg Rauenfels in den Ohren: „Unser Professor hat den Stein auch nicht, aber wir konnten durch das Buch von Sanfold ermitteln, dass er einem neuen Hinweis folgt. Der so genannte Stein der Weisen soll sich in einer goldenen Statue befinden, die einst von einem Frauenorden in den Pyrenäen verehrt worden ist. Er stellte sozusagen das Herz der gewaltigen goldenen Tempelfigur dar.“
„Hm“, hatte Claire gemacht. „Wann soll das gewesen sein und woher weiß der gute Prof das?“
„Er hat Unterlagen der Templer und des Klosters San Pedro de Roda studiert. So konnten wir es seinen Notizen entnehmen. Das Kloster liegt in den Pyrenäen kurz hinter der spanischen Grenze bei La Jonquera. Dort in einem Dreieck von Carcassonne und Rennes-le-Château .“
Claire hatte die Augen aufgerissen. „Moment, das hängt doch mit diesem merkwürdigen Pfarrer Saunière und dem angeblichen Heiligen Gral zusammen.“
Müller hatte genickt. „Und den Westgoten.“
Markui nickte anerkennend. „Mensch – du kennst ja auch etwas Geschichte!“ Dann grinste er.
Dan wirbelte in dem ledernen Bürodrehstuhl herum. „Also glaubt Sanfold, er könne dort den Stein der Weisen finden – vorausgesetzt, es gibt ihn überhaupt.“
Markui legte eine Karte auf den Labortisch. Er zeigte auf einen Punkt in den Pyrenäen. „Hier liegt die Ruine der Burg San Salvador de Verdera. Oberhalb des Klosters, das ich eben nannte. Die Burg stand in enger Verbindung mit den Templern, die in ihren Reihen unzählige Alchimisten aufwiesen. Das Kloster – gegründet von Heiligen Bernhard …“, er grinste, „ … klingelt‘s? … liegt mitten im ehemaligen Heiligen Hain der Burg. Archäologen haben die Grundreste des Tempels 2001 gefunden.“
Claire schüttelte den Kopf. „Es klingelt nicht. Heiliger Bernhard …Templer …wem gehörte denn nun die Burg?“
Markui seufzte. „Ich denke, du studierst auch die Gralsüberlieferungen?! Leute! Parcival und später ab 472 Königin Guinevere oder Genevier. Ab 900 den Grafen von Empordà, um die es weitere Geheimnisse gibt.“
Claire schluckte. „Heaven! Bin ich schwer von Begriff!“
Dan lachte auf. „Nun tu du auch mal nicht so, Markui. Das Wissen hast du dir gerade erst angeeignet.“ Er zwinkerte dem Angesprochenen schelmisch zu, wusste er doch, dass Markui einen Zeitsprung nach Kansas City unternommen hatte, um all die Informationen zu bekommen. „Aber was soll der Unsinn?“ Er wurde sofort wieder ernst. „Genevier, Artussage … da ist doch nichts Greifbares.“
„Oh doch!“, dozierte Markui. „Hier!“ Er reichte einen Ordner mit kopierten Dokumenten zu Claire herüber. „Die Chronik der Stadt Castelló d’Empúries. Steht alles drin!“
„Die Stadt kenne ich!“, rief Claire. „In der Kathedrale gibt es ein Fenster, das zeigt die ehemalige Hochkönigin. Ich hab das immer nur für Legendenbildung gehalten.“
Markui schob die Hände in die Hosentaschen. „Tja, und unser Freund Sanfold kennt wohl auch einiges über die Geschichte des neuen Ordens um die Königin. Möglicherweise durch seine früheren Zeitsprünge. Wir wissen ja von seinen Experimenten.“
Er wippte auf den Fußballen. „Übrigens war in der Bibliothek eurer Uni nachzulesen, dass die Merowinger-Truppen niemals Katalonien erobern konnten, weil Genevier sich mit ihrer Frauentruppe auf den Pässen verteilte. So viel zum Thema Sage.“
Nun waren sie hier.
Am berühmten geheimnisvollen Plimizol, mitten im Matsch und einem Unwetter und – wie sie aus den Chroniken wussten – der Bedrohung durch einen Kometen.
„Was die Königin da gefunden hat, sah mir verteufelt nach der Tastatur von Sanfolds … unserer Zeitmaschine aus.“ Claire drückte einige Zweige zur Seite.
Dan runzelte die Stirn, was Claire aber in der nun herrschenden Finsternis nicht sehen konnte.
„Du meinst“, dehnte er, „unser Freund bekommt Schwierigkeiten?“
Die Studentin kicherte, trotz der ungemütlichen Situation. „Ich denke! Etwas ist bei seiner Ankunft hier kaputt gegangen.“
„Okay“, knurrte der junge Mann. „Was tun wir?“
Claire wandte sich zum Sturm umtobten Strand. „Am nächsten liegt Rosaria. Erstmal ein Dach über den Kopf, bevor wir bei lebendigem Leib ersaufen.“

Es war ein beschwerlicher Marsch in die Ansiedlung an der Küste.
Immer wieder mussten sie riesigen Brandungswellen ausweichen. Völlig fertig erreichten sie die erste Gasse. Kein Mensch zeigte sich. Doch in einer versteckt liegenden Herberge brannte ein einsames Licht. Der Betreiber musterte die Abkömmlinge misstrauisch. Doch er war an allerlei Volk gewöhnt und bald ruhten sie auf Strohsäcken in einem winzigen muffigen Raum. Dan hatte vorsorglich einige der römischen Münzen eingesteckt, die Markui ebenfalls aus Kansas City mitgebracht und ihm gegeben hatte.
Der Inhaber der Herberge akzeptierte das Zahlungsmittel.
„Wie bist du nur darauf gekommen …“, seufzte Claire.
Dan lachte unlustig auf. „Intuition, Verehrteste. Keiner wusste, welche Zahlungsmittel hier benötigt werden könnten. Aber da Römer und Griechen hier verkehren, dachte ich mir, ich versuch’s mal.“
Sie machten sich daran, so gut es ging, ihre triefnassen Kleider irgendwo aufzuhängen und schlüpften unter die dünne Decke.
Der nächste Morgen zeigte sich strahlend.
Keine Spur mehr vom Unwetter.
Auf dem Markt erstanden sie – gegen den Tausch von Claires Armband – einige brauchbare Kleider. So fielen sie wenigstens nicht auf. Die römischen Münzen sollten für Essen und Trinken in Reserve bleiben.
Die beiden Zeitreisenden bemerkten die immer zum Himmel gerichteten ängstlichen Blicke der Bewohner von Rosaria. Doch es zeigte sich dort nichts.
Claire schaute auf ihren digitalen astronomischen Kalender in ihrer Uhr. Auf Rauenfels hatte man das noch im Labor eingebaut.
Dan schmunzelte. „Könnte von ›Q‹ sein.“
„Nur das Mister Bond nicht hier ist, sondern wir“, kam es mürrisch von Claire. „Wo finden wir nun unseren Professor?“
Dan deutete Richtung Meer. Am Horizont zeichneten sich die weißen Segel eines griechischen Kauffahrers ab. „Ich denke, ich weiß wo. In Emporion. Das war … ist eine internationale Metropole. Dort wäre für sein Unternehmen der ideale Ausgangspunkt.“
Claire kratzte sich am Ohr. Sie vermisste die morgendliche Dusche.
Ein Fuhrwerk nahm sie mit nach Emporion.
Das quirlige Leben, das sich dort abspielte und die Pracht der Hauptstraßen ließ die beiden Zeitreisenden nur staunen.
„Das … ist … überwältigend“, stammelte Claire.
Auch Dan musste zugeben, dass er dies nicht erwartet hatte.
Im Hafen wimmelte es von Schiffen aus dem gesamten bekannten Mittelmeerraum.
Dan steuerte auf eine Taverne zu.
„Was willst du denn dort?“, rief Claire irritiert.
„Wenn du etwas erfahren willst, musst du in eine Kneipe gehen. Das ist doch in unserer Zeit nicht anders.“
Wenig später standen sie in der Taverne. Dort drängelten sich zahlreiche Menschen – hauptsächlich Seeleute. Ein ›baumlanger‹, muskulöser Phönizier zog die Aufmerksamkeit der Zeitreisenden sofort auf sich. Er überragte die Gruppe. In seinem rechten Ohr blitzte ein großer Ohrring mit einem Rubin. Die Zeitreisenden versuchten einen Platz an einem der aus bearbeiteten Baumstümpfen bestehenden Tische zu ergattern. Sie befanden sich nur knapp einen halben Meter von dem Phönizier entfernt. Er hielt einen Becher mit Wein in der Rechten. Claire und Dan konnten hören, wie der Mann zu seinem Begleiter sagte: „Unser neuer Kunde gefällt mir nicht.“
„Das ist doch gleich. Er bezahlt gut“, kam die Antwort.
„Trotzdem – er ist merkwürdig. Seine Augen sind nicht gut. Wann wollte er kommen?“
Der zweite Phönizier – kleiner und stämmiger gebaut – zupfte an seinem bunten Kopftuch. „Er müsste jeden Moment …“ Er verstummte, da ein dritter Mann rasch die Kaschemme betrat, sich umsah und dann zielstrebig auf die beiden zukam.
Er schien auch zu der Mannschaft des Großen zu gehören.
„Unser Kunde wartet in der Herberge Atlantis.“
Unwirsch blickte der Große den Boten an. „Weshalb kommt er nicht her? Bin ich sein Lakai?!“
Er streckte den Arm aus und setzte den Becher hart auf die hölzerne Theke.
„Ach Herban“, murrte sein Begleiter. „Wenn er bezahlt, ist es wirklich egal. Poseidon weiß, dass wir eine Fracht benötigen.“
Der Große knurrte nur.
Claire und Dan folgten den drei Phöniziern bis zu der Herberge. Sie lag im nobleren Viertel der Stadt.
In einem Innenhof – unter marmornen Arkaden – saß … Sanfold.
Die beiden Zeitreisenden drückten sich eng an die Mauer neben dem Toreingang.
„Ich hatte die richtige Nase“, zischte Dan seiner Begleiterin zu.
„Lass die Drohnen los! Wir müssen wissen, was der Bursche vorhat.“
Wenig später schwirrten die winzigen Spionagegeräte durch den Hof. Ken hatte rasch reagiert. Da Dan durch den Tausch der Kleider seine persönliche Jacke nicht mehr besaß, waren die Drohnen in einem Lederbeutel deponiert. Aber der Start funktionierte.
Ken lenkte sie über den Tisch, an dem nun die vier Personen saßen. Sie hofften, dass die Übertragung klappte und auch Ken in der Zentrale auf Rauenfels alles mitbekam. Claire und Dan schalteten ihre Uhren dazu und vernahmen nun in altgriechischer Sprache die Stimme des Professors.
„Die Kisten stehen in Marsala. Mein Freund Fargo lagert sie.“
„Den kenne ich“, erwiderte der große Phönizier, der Herban genannt wurde. „Wann sollen wir losfahren?“
„Sofort.“
Herban schüttelte den Kopf. „Morgen. Der Wind steht nicht günstig. Außerdem wird bald der Rachefinger des Zeus am Himmel stehen.“
Der Professor knurrte unwillig. Er wusste, dass es ein gewaltiges Erdbeben geben würde, aber der Komet entfernte sich dann wieder.
Da geschah das Unglück. Ken hatte sich nicht richtig konzentriert. Eine der Drohnen stürzte ab und fiel genau neben den Tisch – dort wo Sanfold saß. Der vernahm das ›Klack‹, richtete den Blick dorthin und sprang wie von einer Tarantel gebissen auf. Mit hochrotem Kopf starrte er in die Richtung des Torbogens.
„Spione!“, schrie er.
Claire und Dan blieb das Herz fast stehen. Doch dann rannten sie los. Noch hatte der Professor sie nicht gesehen, aber sie hörten ihn.
Dan übersprang eine halbhohe, weiße Mauer und landete auf weichem Rasen. Claire folgte. Unter dichten Büschen fanden sie Deckung.
„Das durfte nicht passieren“, flüsterte Claire aufgeregt. Das Herz schlug ihr bis zum Hals.
Sie vernahmen eilige Schritte ganz in der Nähe, dann einen englischen Fluch.
Der Professor gab nach zehn Minuten die Suche auf und kehrte in den Hof zurück. Die Zeitreisenden hörten nur, wie er rief: „Die Sache duldet keinen Aufschub! Ich zahle den doppelten Betrag, wenn ihr sofort lossegelt.“
Claire sah sich unter dem Buschwerk hindurch um. Ihr kam eine Idee. Sie sagte sie Dan. Der blickte sie entgeistert an. „Bist du verrückt?“
Doch da huschte das Mädchen schon los. Dan blieb keine Wahl – er musste ihr folgen. Sie erreichten eine Tür. Von dort gelangte man in einen kleinen Korridor. Eine Treppe führte aufwärts.
„Wie willst du herausfinden, wo der Professor wohnt?“, keuchte Dan.
„Indem wir die Türen öffnen. Es gibt nicht sehr viele Quartiere hier.“
Sie sollte recht behalten. Beim vierten Versuch blickten sie in ein Zimmer, das nur von Sanfold bewohnt sein konnte.
„Ist Sanfold diesmal ohne seine Leibwächter unterwegs?“, fragte Claire.
„Das frage ich mich auch. Vielleicht will er etwas vor ihnen verheimlichen. Die Frage ist nur, ob er sie überhaupt hierher mitgebracht oder tatsächlich zurückgelassen hat.“
Auf einem Bett und einem kleinen Tisch lagen Mappen und Papierrollen. Sie machten sich an die Durchsuchung.
„Du das Bett, ich den Tisch!“, bestimmte die junge Frau.
Da stieß Claire einen überraschten Ruf aus. „Dan! Hier!“
Ihr Begleiter kam die wenigen Schritte herüber an den Tisch.
Dan schaute auf den Plan, der einwandfrei eine Burganlage zeigte. Dazu eine Beschreibung in englischer Sprache.
Je mehr der Student die Legende überflog, umso erregter wurde er.
„Himmel und Granaten , das ist doch …“
Weiter kam er nicht. Sie hörten Schritte vor der Tür.
Dan wirbelte herum, dann ergriff er Claires Arm und deutete auf die Öffnung zur Veranda.
Sie katapultierten sich hinaus und hangelten über die steinerne Brüstung.
„Halt!“, dröhnte der Schrei des Professors durch das Zimmer. Doch da landeten die beiden Zeitreisenden schon federnd auf dem Pflaster des Innenhofes.
„Festhalten! Diebe!“, schrie Sanfold hysterisch.

Die beiden Timetraveller rannten die enge Gasse entlang, die steil abwärts zur Unterstadt führte. Nach wenigen Metern erreichten sie eine Abzweigung. Schliddernd bogen sie um die Ecke und prallten mit zwei bewaffneten Männern zusammen. Sie trugen Helm, Schild und Schwert, dazu ein braunes Wams mit einem kurzen Kettenhemd.
„He!“, schrie einer und packte Claire am Kragen ihres Umhanges. „Haben wir da eilige Taschendiebe geschnappt?“
Der andere griff nach Dan. „Davon soll die Stadt ja im Moment überschwemmt sein“, knurrte er.
Doch da hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Mit einem gekonnten Schulterwurf von Dan landete er schmerzhaft in der Straßenasche.
Ein Fluch hallte an den Hauswänden entlang. Claire versuchte gleichfalls sich zu lösen, doch es gelang ihr nicht.
Dan griff ein. Er trat dem Bewaffneten vors Schienbein. Der schrie auf und ließ die Studentin los. Die beiden Zeitreisenden hetzten weiter, schlugen Haken und verschwanden in den engen Gassen der Oberstadt. Weit entfernt hörten sie Sanfold schreien. „Ihr nichtsnutzige Bande! Wozu bezahle ich euch, wenn ihr sie nicht aufhaltet?!“
Doch Claire und Dan rannten weiter, bis sie plötzlich wieder ruckartig festgehalten wurden.
„Hallo, hallo! Wohin, als seien alle Seeteufel hinter euch her?“
Es war eine dunkle, angenehme Stimme, die das sagte.
Claire und Dan standen vor zwei Frauen.
Aber was für welche!
Sie trugen griechisch anmutende leichte Rüstungen, die Helme am verlängerten Kinnriemen im Nacken und blickten die beiden spöttisch an.
Beide Frauen waren nicht sehr groß, wirkten aber sportlich durchtrainiert. Das Gesicht der einen – der Sprecherin – wurde von ungebändigtem, schwarzem Haar umrahmt. Die andere war blond. Ihr seidiges Haar reichte beinahe bis zum bronzenen Gürtel herab. Die blauen Umhänge bewegten sich leicht im Seewind. Sie versperrten den Zeitreisenden den schmalen Weg. Ihre rechten Hände ruhten auf den Griffen der Kurzschwerter. Bereit, diese blitzschnell zu ziehen.
Dans Atem ging rasselnd. Er suchte gehetzt nach einem Ausweg.
„Denk nicht dran“, kam es zynisch von der schwarzhaarigen Kriegerin. Die Blonde lachte leise.
Claire sog tief die Luft in die Lungen.
„Ihr kommt von Königin Genevier?“, stieß sie hervor. Sie verfiel sogleich – wenn auch etwas holpernd – in die gleiche Sprache.
Die beiden Frauen sahen sich erstaunt an. Dann nickte die Schwarzhaarige.
Claire rang nach Luft. „Wir müssen Genevier sofort sprechen! Die Burg ist in Gefahr!“
„Nun mal langsam mit den jungen Pferden“, kam es spöttisch von der blonden Kriegerin. „Wir sind immer irgendwie in Gefahr und wissen uns zu wehren.“
„Diesmal nicht!! Jedenfalls nicht so ohne weiteres“, rief Claire.
Nun mischte sich die Schwarzhaarige ein. „Wer seid ihr?“
Die Zeitreisenden wurden einer Antwort enthoben, als die beiden Bewaffneten, von denen sie sich gerade befreit hatten, in die Gasse stürzten.
Plötzlich lachte die Schwarzhaarige laut auf.
„Na schau an – zwei von Childerichs Schergen. Was meinst du, Sanderah? Sollen wir sie ein wenig mit unseren Schwertern kitzeln?“
Die beiden Bewaffneten zogen wie auf Kommando ihre Waffen, die viel länger waren als die der beiden Kriegerinnen.
„Immer doch!“, antwortete die Blonde.
Der Kampf dauerte nur knapp zwei Minuten, dann suchten die beiden Männer ihr Heil in der Flucht.
Lachend steckten die Kriegerinnen ihre Schwerter weg. Die Schwarzhaarige wandte sich an Claire. „Mein Name ist Ygrain. Ich bin Geneviers Heerführerin. Dann kommt mal mit.“
Die beiden Frauen ergriffen die Zeitreisenden je an einer Hand und führten sie auf einem verschlungenen Weg zu einer Karawanserei. Dort hatten sie ihre Pferde untergebracht.
„Was ist mit unseren Drohnen?“, flüsterte Claire.
„Die wird Ken schon sichern.“
Ygrain schaute Dan an. Ihre Augen zogen sich etwas zusammen.
„Ich denke, ihr habt uns einiges zu erzählen. Solltet ihr uns täuschen und Spione dieses Merowinger-Bastards sein, ziehe ich euch persönlich die Haut ab.“
Ein Grollen lag in ihrer dunklen Stimme mit dem Einschlag der Italo-Keltin und die beiden Zeitreisenden zweifelten keinen Augenblick daran, dass die Kriegerin es wahr machen würde.

Zu dieser Zeit verließ das Schiff des Phöniziers Herban den geschützten Hafen von Emporion.
Er selbst stand auf der hinteren Deckplattform und rief seinem Steuermann Befehle zu. Immer wieder wanderte sein Blick zum Himmel. Es würde nicht mehr lange dauern und der Rachefingerdes Zeus – wie die Seeleute der griechischen Bereiche das Himmelsphänomen nannten – würde am Horizont auftauchen. Der sonst sehr mutige Händler hatte Angst. Gegen Piraten konnte er sich wehren. Gegen die Götter nicht.
Aber dieser Fremde hatte den doppelten Preis geboten. Da konnte Herban nicht Nein sagen. Die Geschäfte liefen im Augenblick nicht sehr gut.
Sanfold saß bei einem Becher Wein in seinem Quartier. Er studierte die Pläne der Burg San Salvador de Verdera.
„Der Stein aus der Krone des Prometheus“, murmelte er. Nach seinen Ermittlungen musste das der geheimnisvolle Stein der Weisen sein. Es gab keinen Zweifel daran. Diesmal hatte er gründlicher recherchiert, um nicht wieder vergebens auf der Suche zu sein. Noch einen Fehlschlag wollte er sich nicht erlauben.
Der Professor lehnte sich zurück. Hätte er nicht doch wenigstens Taylor mitnehmen sollen? Aber er traute ihm nicht. Und McCrery fragte zu viel in letzter Zeit.
Sanfold lehnte sich in dem Fellsessel zurück. Er fühlte sich schlapp. Dieser verdammte Komet mit seiner Strahlung schwächte seine Magie. Doch er benötigte alle seine Kräfte, um sein Vorhaben durchzuführen. Diese Zeitreisenden waren ihm schon wieder auf der Spur. Mochte der Teufel wissen, wie sie das schafften!
Er seufzte auf. Er sehnte sich nach seiner eigenen Welt zurück.
Es klopfte an seiner Tür.
Unwillig rief er in griechischer Sprache: „Herein!“
Ein kleinwüchsiger Mann schlurfte in den Raum. Sein strähniges Haar war am Hinterkopf zu einem unordentlichen Zopf gebunden. Er trug eine abgewetzte Lederrüstung und einen sehr lädierten braunen Mantel. Mit listigen Augen sondierte der Ankömmling den Raum.
„Scippo, was willst du?“, knurrte der Professor. Er mochte den Burschen nicht. Er war verschlagen. Ein Truppführer des Merowingerkönigs Childerich und oft zu Spionagezwecken unterwegs. Außerdem, so munkelte man, verdiente er sich ein Zubrot als Sklavenhändler.
Der Ankömmling trat näher und sprach mit einer unnatürlich hohen Stimme: „Werter Astra – ich überbringe Grüße meines Herrn aus Foix. Er wartet sehnsüchtig auf deine Weissagungen.“
„Tut er das?“, murrte Sanfold. Er wusste aber, dass er den König nicht verärgern durfte. Durch geschickte magische und auch scheinmagische Shows war es ihm gelungen, sich als wahrsagender Freund bei Hofe einzuschleichen. Sehr zum Unwillen des Bischofs von Rom. Denn der hatte sich gerade mühsam etwas Einfluss auf den rabiaten König erwirkt.
Das Prinzip war denkbar einfach: Childerich brauchte Geld und Simplicius Macht.
Wie aus dem Nichts war dann dieser Mensch aufgetaucht, der sich Astra nannte und immer mehr Einfluss am Hofe gewann.
Innerlich musste Sanfold lachen. Durch sein zukünftiges Wissen stellte es eine Leichtigkeit dar weiszusagen. Unangenehmes konnte man zurechtbiegen oder abschwächen. Childerich musste nicht immer die Wahrheit hören.
„Seit wann ist der König in Foix?“
„Seit drei Tagen. Er zieht unauffällig Soldaten zusammen, um diese Weiberburg stürmen zu können. Du sagtest, du würdest ihm die Mauern öffnen. Childerich ist ungeduldig.“
Sanfold wusste nur zu gut, dass nur Genevier, nach Artus’ als letztes mächtiges Mitglied der Pendragon, dem Merowinger im Wege stand. Er konnte das Gebiet um den Plimizol nicht erobern. Sanfold wusste das und nutzte das aus. Childerich würde ihm helfen, den Stein der Weisen aus der Burg zu stehlen. Aber er musste erst auf die Rückkehr des Phöniziers warten. In zehn Tagen würde auch der Komet, den man Lahamu nannte, die Wikinger Ragnarö k, einen gewaltigen kosmischen Sturm auslösen. Dann wollte Sanfold zuschlagen.
Der Professor schnaubte leicht ungehalten. Dann erhob er sich und sagte ernst: „Melde dem König, er solle sich bereithalten. Die Götter werden mir in Kürze ein Zeichen geben.“
Scippo verneigte sich und ging.
Sanfold schloss die Augen. Er schwankte leicht. Er musste etwas gegen diese Schwäche tun.

„Phantastisch!“
Claire konnte es nicht fassen.
Nachdem sie um eine schmale Kehre gebogen waren, standen sie vor dem prächtigen Portal der Gralsburg. Hoch oben auf den Türmen schlugen im Spätwind die Banner schwere Wellen. Das gelbe mit dem roten Drachen des Pendragon – die blauen mit der geflügelten Kugel, dem Gralssymbol.
Über drei Stunden hatte der Ritt gedauert und Dan spürte alle Knochen im Leib. Claire hatte sich da wackerer gehalten. Die Leihpferde aus Emporion gehörten auch nicht zu den besten ihrer Rasse.
„Das also ist die alte Burg des Sir Parcival“, hauchte die Studentin.
Sanderah lenkte ihren Braunen neben sie. „Ja. Nach dem großen Krieg hat Childerich sie arg zerstören lassen. Aber mit der Hilfe von Blaise – dem Baumeister Camelots – hat Genevier sie neu errichtet. Nun ist sie Bollwerk gegen die Merowinger, gegen Sklavenhändler und Piraten. Die Herrin des neuen Gralsordens schützt die Bevölkerung. Jetzt kommt weiter.“
Ygrain ritt voran. Sie passierten die Torwächterinnen und Dan bemerkte, dass er nur Frauen sah.
„Nach dem großen Krieg sammelte Genevier hier die verfolgten Ehefrauen ehemaliger Ritter der Tafelrunde und auch Frauen aus der umliegenden Bevölkerung. Die meisten Männer hatten die Kämpfe nicht überlebt. Um sich gegen die Sklavenhändler Childerichs zu schützen, mussten sie lernen, sich selbst zu verteidigen. Du solltest dich mit keiner Kriegerin anlegen.“ Die Italo-Keltin lachte nach der Erklärung schelmisch auf.
„Natürlich sind hier auch Männer zu Gast. Bauern und Handwerker – aber die Burg selbst wird von im Kampf ausgebildeten Frauen bewohnt“, setzte Sanderah hinzu. „Wir sind Priesterinnen der Diana oder auch Astarte der Pyrenäen. Doch wir lassen nicht zu, dass der herrschsüchtige Merowinger die Menschen hier am Cap Creus unterjocht.“
„Warum heißt das Cap Creus – Kap des Kreuzes?“, wollte Dan wissen.
„Weil einst Maria aus Magdala hier gesiedelt hat. Von ihr stammen die Gralsfamilien ab. Auch die Merowinger stammen vom Gral. Doch sie missbrauchen ihre Herkunft.“
Ygrain unterbrach das Gespräch und winkte ungeduldig. Sie war schon vom Pferd geglitten und eilte auf das Portal der großen Halle zu.
Claire und Dan folgten, obwohl sie vor lauter Staunen nicht wussten, wo sie eigentlich hinschauen sollten.
Als ihnen dann Genevier gegenüberstand, hatten unsere Zeitreisenden doch einen trockenen Mund.
Die ehemalige britische Hochkönigin musterte die beiden Studenten aus ihren sanften braunen Augen. Wer sie so sah, mochte nicht glauben, wie hart sie das Schwert führen konnte, wenn es um die Verteidigung des Rechts ging.
Das rötlich braune, beinahe bis auf die Hüften reichende seidige Haar, umrahmte ein feingeschnittenes, fast römisch zu nennendes Gesicht.
„Wen hast du uns mitgebracht, Ygrain?“, erkundigte sie sich mit einem Timbre in der Stimme, das einem bis in die tiefsten Fasern der Seele reichte.
Die Heerführerin sagte es ihr.
Die Königin hörte aufmerksam zu. Statt aber die Ankömmlinge etwas zu fragen, führte sie diese erst zu einem großen Tisch in der Halle. Auf einen Wink Geneviers wurden sie von zwei Paginnen bewirtet.
Genevier setzte sich zu ihren Gästen. Erst dann wollte sie wissen: „Wie sind eure Namen und woher kommt ihr?“
Claire und Dan schauten sich an.
Die junge Frau gab eine ausweichende, wenn auch plausible Antwort.
Nach der Erklärung ruhten Geneviers Augen lange auf Claire. Dabei schlug das Herz der Studentin bis zum Hals. Hatte sie sich richtig entschieden?
Da erhob sich Genevier von der Bank und ergriff Claires Hand. „Komm mit mir.“
Dan blieb etwas irritiert zurück. Er schaute seiner Gefährtin nach, wie diese mit der Königin durch eine schmale Tür entschwand.
Der polternde Ruf und die stampfenden Schritte schreckten den Studenten aus seiner Betrachtung.
Der Wikinger, der da mit schief auf dem Kopf sitzenden Helm im wahrsten Sinne des Wortes mit der Tür ins Haus fiel, stellte den hünenhaftesten Kerl dar, den Dan je gesehen hatte.
Was der Bursche sagte – es ähnelte eher einem Donnergrollen – konnte Dan nicht verstehen. Er nahm an, dass es Gälisch sein mochte, war sich aber nicht sicher. Was ihm mehr Angst bereitete, war die Tatsache, dass der Hüne auf ihn zu steuerte.
Die Bewohnerinnen der Burg schienen ihn zu kennen, denn die Freude über sein Kommen stand in ihren Gesichtern geschrieben.
Der Hüne blieb vor dem Tisch stehen, an dem Dan saß und schaute mit seinen wachen Augen auf ihn herab.
„Ich bin Boltar“, kam es wie ein fernes Gewitter.
Außer dem, was er für den Namen des Wikingers hielt, hatte der junge Mann nichts verstanden. Also lächelte er erst einmal freundlich.
Der Ankömmling ließ sich auf die Bank plumpsen, dass diese protestierend knarrte. Dan zuckte unwillkürlich etwas zurück. Da kam eine junge Frau im blauen Gewand der Gralspriesterschaft auf den Tisch zu und sagte etwas zu dem Wikinger. Der zog eine Augenbraue hoch und nickte dann.
„Ich heiße Boltar“, kam es diesmal in der griechischen Sprache. Nun verstand Dan. Er antwortete: „Ich bin Dan.“
Der Hüne stutzte. „D-ää-n?“
Dann lachte er aus vollem Hals, dass man glaubte, der Kalk würde zwischen den mächtigen Deckenbalken der Halle herausrieseln.
„Dään! Was ist das denn für ein Name?! War dein Vater betrunken?“ Erneut dröhnte das Lachen durch die Halle. Da tippte ihm jemand auf die Schulter. Es war die Kriegerin, die Claire und Dan zur Burg begleitet hatte. Sie mochte dem Wikinger normal gerade bis zum Ellenbogen reichen. Ihr blondes Haar hing in weichen Wellen über den Rücken und in dem blauen, bis zu den Knöcheln reichenden Kleid wirkte sie plötzlich gar nicht mehr so kämpferisch.
„Geliebter Mann“, säuselte sie. „Dieser junge Mensch kommt von weit her, wie ich eben von seiner Begleiterin gehört habe und er macht sich auch über deinen Namen nicht lustig.“
Dan staunte. Geliebter Mann? War das …? Konnte das sein? Er erhielt sogleich von der jungen Frau die Antwort.
„Ich bin mit Boltar verheiratet. Da er aber viele gefährliche Reisen unternimmt und Angst um mich hat“, sie lachte hell auf, „lässt er mich schon mal hier. Übrigens bin ich die zweite Heerführerin der Burg.“
Während Dan das alles verwirrt in sich aufnahm, schritt Claire mit Genevier durch den Heiligen Hain. Sie trug ihre Stiefel in der Hand und lief wie die Herrin der Burg barfuß.
„Wir haben der Göttin ein Gelübde gegeben – so wie sie es einst getan hat –, die Mutter Erde nur auf bloßen Füßen zu berühren. Außer in einigen Ausnahmefällen.“
Genevier hatte ihr die Ordensregeln erklärt. Etwas widerstrebend hatte sich Claire dann von den Stiefeln und Söckchen getrennt.
Der Boden des Heiligen Hains erwies sich als angenehm warm.
„Wir nutzen zwei Thermen und führen das Wasser als Bodenheizung durch den Hain und die Burg.“
Claire erfuhr auch, dass Männer zum Heiligen Bezirk keinen Zutritt hatten.
Die Studentin konnte sich an der herrlichen, mit viel Liebe und Mühe gestalteten Gartenanlage nicht sattsehen. Sie erfuhr auch, dass die ehemalige britische Hochkönigin nach dem Tode des Artus in einem Kloster Zuflucht gefunden hatte, aber später, als sie vernahm, welche Grausamkeiten König Childerich im Lande des Parcival anrichtete, diese Burg in aller Heimlichkeit als Schutz wieder aufbauen ließ.
„Ohne Bediwrs Hilfe wäre das nicht gelungen“, sagte sie zum Schluss.
Claire wusste aus ihren Studien, dass Lancelot gemeint war.
Die Studentin spürte den angenehmen warmen Abendwind auf der Haut. Durch die Zypressen schimmerten hell die Alabastersäulen des großen Tempels der Diana oder auch Astarte der Pyrenäen. Dort befand sich die große goldene Statue mit dem Stein.
„Es ist ein Paradies“, murmelte die Studentin sinnend und dass dies zerstört werden könnte, versetzte ihr einen Stich ins Herz.
Nein! Das durfte nicht geschehen.
Sie spürte, dass Genevier sie musterte. Sie wandte sich zu der neben ihr sitzenden hochgewachsenen Frau um. Sanft ruhten deren braune Augen auf Claire.
„Deine Aura ist gut“, kam es aus dem feingeschnittenen Mund. Ein leichter Duft von Jasmin umwehte die Königin. „Wer bist du, Claire?“
Die Angesprochene wunderte sich kaum darüber, wie richtig Genevier ihren Namen aussprach.
In Claire tobte ein innerer Kampf. Doch sie hielt es für Unsinn, dieser gebildeten Frau etwas vorzumachen.
Als sie herumdruckste, um die richtigen Worte zu finden, kam die Königin ihr zuvor.
„Du kommst nicht nur aus einem anderen Land, sondern aus einer Welt, die auch zeitlich noch sehr fern von uns liegt.“
Claires Gedanken wirbelten. Sie war so perplex ob dieser Feststellung, dass sie auf der Bank leicht schwankte.
Genevier lachte glockenhell auf und es war, als ob Engel singen würden.
Sie legte der jungen Frau den Arm um die Schultern und erklärte: „Von Ambrosius Aurelius, dem alten Hochkönig, den man später auch den Merlin nannte, weiß ich mehr, als du denkst. Also – du kommst aus der Zukunft hierher. Wie auch immer. Aber diese Reise hast du nicht zum Spaß unternommen. Weshalb also bist du hier?“

Die mächtigen Wogen hoben das Schiff an.
Herban stand neben seinem Steuermann und stemmte sich in das Ruder. Wolken türmten sich am Horizont auf und würden bald den Himmel völlig bedecken. Im Okzident stand der Finger desZeus. Wie eine orange glühende Fackel. Das mystische Licht schien zu sprühen. Es schien das Meer aufzuwühlen. Das Wasser an sich zu saugen.
„Oh großer Poseidon!“, rief der Phönizier. „Verschone deinen Sohn! Ich habe dir immer treu gedient und geopfert.“
Das dreieckige Segel machte den Eindruck, als wolle es bersten.
„Wir müssen einen Hafen anlaufen!“, schrie der Steuermann durch das Toben der Wellen. Gischt spritzte.
„Es sind noch vier Sanduhr-Füllungen bis Marsala“, rief Herban zurück. „Das müssen wir schaffen.“
Der Brecher, der über das Deck hereinbrach, belehrte ihn eines anderen. Hustend wischte sich der Phönizier das Wasser aus dem Gesicht.
„Wir könnten es schaffen bis Setius Mons. Dort gibt es eine Bucht. Sie kann uns Schutz bieten, bis Lahamu wieder am Horizont verschwunden ist. Dann werden sich die Wasser beruhigen.“
Sie stemmten sich in das Ruder, um das Schiff zur Küste hinüberzusteuern. Immer wieder brach das Wasser über dem Handelsschiff zusammen. Herban und seine Männer mussten ihr gesamtes seefahrerisches Können aufbieten, um nicht ein Opfer des Meeres zu werden.
Von all dem wusste Professor Sanfold im Moment noch nichts. Er ritt auf einem Braunen durch einen Gebirgspass und sah bald das Dorf Ceret vor sich liegen. Dort hatte er sich mit einem Mann namens Alba Abbas verabredet. Einst war er ein geachteter Seher am Hofe des Herzogs von Foix gewesen, doch vor einiger Zeit fiel er in Ungnade. Er hatte dem Herzog zu einem Überfall auf ein Dorf nahe des Cap Creus geraten. Doch jemand warnte den Alkalden. Dieser wieder erhielt Hilfe von einem anwesenden Spähtrupp der Gralsburg. Der Überfall misslang und der Herzog gab seinem Seher die Schuld daran. Das kam Sanfold zupass, denn Alba sann auf Rache. Er würde alles für die richtige Belohnung tun.
Der Hufschlag des Pferdes brach sich an den Wänden der mit Stroh bedeckten Häuser. Es handelte sich um das drittletzte Haus im Ort, das man als Treffpunkt ausgemacht hatte.
Sanfold stieg vom Pferd, band es an einem Gatter fest und streifte die Wollkapuze des Umhangs zurück.
Er sah sich um und lauschte. Irgendwo heulte ein Hund. Sanfold wurde es plötzlich unbehaglich. Etwas stimmte hier nicht. Vorsichtig – die Hand am Griff seines Revolvers, den er auf die Zeitreise mitgenommen hatte – schlich er zur Längsseite des Hauses. Sein Sechster Sinn sagte ihm, dass Gefahr drohte. Aber von wem? Niemand wusste von diesem Treffen.
Eine Tür knarrte.
Die Hand des Professors umkrampfte den schweren Griff des Revolvers. Die Dunkelheit zeigte sich so fortgeschritten, dass man nur noch wenige Schritte weit sehen konnte. Doch der Himmel erstrahlte im matten Orange des Kometenschweifs und warf bizarre Schatten durch die dichten Baumkronen des angrenzenden Waldes.
Dann erkannte Sanfold die Bohlentür an dem kleinen Anbau. Sie bewegte sich im frischen Abendwind.
Die Hand, die über die Türschwelle ins Freie ragte, sah der Professor erst, als er sich nur noch vier Schritte entfernt davon befand.
Er murmelte einen Fluch und kramte dabei ein Einwegfeuerzeug aus seiner Umhängetasche. Im flackernden Schein der kleinen Flamme sah er das Blut an der Hand. Langsam beugte er sich zum Türdurchgang vor. Kalt und unwirklich reflektierte das Licht des Feuerzeugs in den gebrochenen Augen des Toten.
Sanfold beugte sich tiefer herab. Kein Zweifel – jemand hatte Alba Abbas die Kehle durchgeschnitten.
Das Herz des Professors raste.
Wer mochte das gewesen sein? Aus welchem Grund?
Der Professor seufzte. Alba wusste bis auf den Punkt genau, wo sich die marode Stelle der Burgmauer von San Salvador de Verdera befand. Wo das Treibsandbett am gefährlichsten wurde.
Wer wollte seinen Plan vereiteln? Die Zeitreisenden?
Sanfold schüttelte den Kopf. Nein – Mord war nicht deren Metier.
Doch nach dieser logischen Erkenntnis wuchs seine Unruhe noch mehr. Er untersuchte, so gut es ging, die Leiche. Der Bursche musste bereits mehr als fünf Stunden tot sein.
Da trat der Komet über die Baumwipfel hinaus und erhellte die Umgebung stärker, als es ein Vollmond vermocht hätte. Der Professor sah das Glitzern auf dem Aschenweg. Er ging darauf zu und hob es auf.
Ein fein gearbeiteter Anhänger aus Silber. Eine nordische Rune.
Was Sanfold plötzlich noch stutziger machte, war der Tatbestand, dass das Dorf scheinbar verlassen war. Nirgendwo der Widerschein eines Lichtes, keinerlei Fackeln, keine Geräusche.
Eine Geisterstadt.
Die Kopfhaut des Professors zog sich zusammen. Er sog tief die Luft ein. Sie roch leicht nach Ozon. Das mochte an den atmosphärischen Entladungen des Kometen liegen. Zwischen den Kraftfeldern der Erde und dem Himmelskörper gab es die ersten Berührungen.
Sanfold schloss die Augen. Er musste Gewissheit haben, was hier vorgefallen war. Er versuchte gleichmäßig zu atmen. Er bemühte sich, sich in eine Art Trance zu versetzen, um die Gesetze der irdischen Physik zu überwinden.
Ein heimlicher Beobachter hätte gesehen, wie sich ein milchiges Licht um seine Gestalt aufbaute. Der Atem des magisch veranlagten Professors wurde heftiger. Schon eine Art Schnaufen. Die Aura nahm an Helligkeit zu.
Dann der Schmerz!
Er schien Sanfolds Schädel zersprengen zu wollen. Der Professor fuhr sich mit den Händen vors Gesicht. Seine Gestalt krümmte sich. Das Magische Licht erlosch.
Sanfold sackte in die Knie.
Der verfluchte Komet!, wirbelte es in seinem Kopf. Dieser verfluchte Komet!
Der Schmerz in seinem Schädel wollte ihm schier die Sinne rauben. Sein Herz raste.
Aber dann ließ das Stechen in seinem Gehirn nach. Sein Blick klärte sich wieder.
Der Atem wurde ruhiger.
Vorsichtig kam er wieder auf die Beine. Diesmal würde er ohne seine magischen Kräfte auskommen müssen. Soviel stand fest. Die Kometenstrahlung lähmte ihn.
Er fuhr sich mit den Händen durch das Gesicht.
Alba war tot.
Er musste wissen, was passiert war. Er musste auch in Erfahrung bringen, weshalb die Bewohner des Ortes verschwunden waren.
Er drehte den silbernen Anhänger zwischen den Fingern. Leicht senkte sich sein Kopf, dann schritt Sanfold den Weg entlang bis zur Dorfstraße. Gegenüber mündete ein Pfad in den Wald.
Er folgte dem Weg. Immer auf der Hut. Dann vernahm er ferne Stimmen. Hinter einem uralten Baum nahm Sanfold Deckung. Licht schimmerte von einer Lichtung herüber. Es stammte nicht allein von dem Kometen. Ein Feuer brannte dort. Waffen klirrten.
Sanfold schlich näher.
Hinter einem Busch verharrte er. Etwa vierzig verwegen aussehende Männer befanden sich auf der Lichtung. Mehrere Personen lagen auf dem Boden. Es schienen Gefangene zu sein.

Dan schaute fragend, als Claire endlich in die Halle zurückkehrte. Der Wikinger hatte sich mit Sanderah in den Burghof begeben. Dort standen sie nun mit dieser Ygrain und noch einer Frau zusammen.
Als Dan seiner Gefährtin ansichtig wurde, wie sie mit abwesendem Blick und den Stiefeln in der Hand zu seinem Tisch kam, registrierte er erst, dass alle Frauen in den blauen Kleidern auf bloßen Füßen liefen. Sie wirkten auf ihn wie griechische Priesterinnen.
„He, wo warst du so lange?“
Als Claire nicht gleich antwortete, wiederholte er seine Frage.
Es hatte den Eindruck, als erwache die Studentin aus einem Traum. „Was …? Ach – entschuldige. Ich bin noch völlig …“
Dan beugte sich vor. Er ergriff Claires Hand. „Hallo – wir haben hier etwas zu tun. Wir suchen die Spur unseres Sanfold.“
Claire nickte. „Klar!“
„Was hast du so lange mit dieser Genevier geplauscht?“ Seine Stimme klang unwillig.
Claire schaute ihn direkt an. „Ich habe ihr alles gesagt.“
Dan schnappte nach Luft. „Du hast w a s?“
Nun begann die junge Frau zu berichten. Dans Augen wurden immer größer.
Plötzlich bemerkte man eine Unruhe unter den Frauen der Burg. Zwei Männer waren im Portal der Halle erschienen, begleitet von einer Kriegerin.
Claire zog die Augen zusammen, um aus dem Gewirr der Stimmen etwas zu erhaschen. Als Dan etwas sagen wollte, gebot sie ihm durch ein Handzeichen zu schweigen.
Ygrain, die Heerführerin, rannte auf die Tür zu, durch die Claire mit der Königin gegangen war. Da stieß diese beinahe mit Genevier zusammen. Hastig sprach die Heerführerin auf Genevier ein.
„Was ist denn?“, flüsterte Dan nervös.
„Etwas von einem Überfall konnte ich heraushören. Ein Dorf in der Nähe.“ Claire spitzte die Ohren. Ein kurzer Kriegsrat wurde abgehalten, dann gab die Königin einige Befehle. Sie rannte eine Treppe hinauf, um wenig später gerüstet wieder zu erscheinen. Ygrain und Sanderah warteten bereits an der Hallentür.
Genevier warf einen kurzen Blick zu den beiden Zeitreisenden hinüber, dann kam sie zielstrebig auf den Tisch zu.
„Es gab einen Überfall von Sklavenjägern. Wir wollen sehen, ob es noch etwas zu helfen gibt. Kommst du mit?“ Die Worte waren direkt an Claire gewandt. Als diese verblüfft den Mund öffnete und wieder schloss, rief die Königin ungeduldig: „Geh zu Pereiah hinüber. Sie wird dich rüsten. Wir treffen uns am Haupttor. Beeile dich!“
Wie ein Wirbelwind jagte Genevier aus der Halle. Claire löste sich aus ihrer Starre.
„He!“, rief Dan. Doch sie hörte es nicht.
Nur – neuzeitlich gerechnet – zehn Minuten später saß sie auf einem Falben. Ungewohnt fühlte sich die Rüstung an. Jedoch leichter und beweglicher, als sie es gedacht hatte. Nur dass sie barfuß war, störte Claire.
Doch viel Zeit zum Nachdenken hatte sie nicht, denn das schwere Bohlentor wurde geöffnet und Genevier sprengte über die Zugbrücke. Etwa zwanzig Reiterinnen folgten und Claire musste nun wohl oder übel mit.
Völlig verdattert stand Dan auf der Treppe zur großen Halle.
Da vernahm er ein leichtes Sirren. Er hob den Blick und sah die drei Drohnen. Ken hatte ihn also ausfindig gemacht und die kleinen Spionagegeräte sicher zurückgeführt. Dan half etwas nach, sie in den Lederbeutel gleiten zu lassen. Auf ein Gespräch mit Ken verzichtete er allerdings unter den gegebenen Umständen.
Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar.
Er musste etwas tun. Aber was?
Er lenkte den Blick zu den Wehrgängen und machte sich daran, die weitläufige Burganlage zu inspizieren. Vielleicht bekam er heraus, was Sanfold im Schilde führte.
Vom Wehrgang aus sah er ab und zu Schilde blinken. Der Reitertrupp bewegte sich die Serpentinen hinab. Doch bald entschwand er ganz.
Das letzte Sonnenlicht erlosch. Dafür beherrschte der Komet den Horizont. Dan konnte verstehen, dass dieses Himmelsschauspiel den Menschen Furcht einflößte.
So nah hatte auch er noch nie einen Kometen gesehen. Je höher er stieg, umso mehr erhellte sich der Himmel und es gab bald keinen großen Unterschied mehr zwischen der Dämmerung und dem Himmelslicht. Ohne Probleme konnte Dan weit über die Anlage und über das bewaldete Tal blicken. Er erklomm steinerne Treppen, lief über Holzbohlen, gelangte in kleine Wehrtürme und so zum Nordturm. Zwischen den Zinnen der Haupttürme erkannte er Wächterinnen – zum Teil mit langen Bögen ausgerüstet. Wie viele Frauen diese Wehranlage verteidigten, hatte er noch nicht ermitteln können, aber seine Schätzung lag bei zweihundert.
Völlig in Gedanken versunken schritt er ein scheinbar neueres Mauerstück entlang. Die Steine wirkten heller als in anderen Teilen der Burg. Er folgte der Mauer wohl fünfzig Meter. Dann erweiterte sich der Weg zu einer Terrasse.
Dan schaute sich um. Die Turmwächterinnen konnten jeden Punkt der Anlage einsehen.
Der Mond ging auf, wirkte aber gegen den Kometen blass.
Das war genau der Moment, in dem Herban der Phönizier die Bucht von Sète oder Setius Mons erreichte. Das Schiff hatte viel Wasser gezogen und die Fahrt bis Marsala hätte es nicht überstanden.
„Was ist, wenn unser Kunde das erfährt?“, wollte der Steuermann wissen.
Herban machte ein zorniges Gesicht. „Wenn wir absaufen, bekommt er seine Ware nie. Ich versteh auch nicht, weshalb wir sie nicht nach Emporion bringen sollen, sondern in Rosaria auf ihn warten.“
Der Steuermann zuckte mit den Achseln. „Er bezahlt und damit ist es gut.“
Von all dem konnte Dan nichts wissen, als er sich noch den Kopf darüber zerbrach, wie der Professor wohl an den geheimnisvollen Stein herankommen wollte.
Der Student blieb stehen und blickte in die Tiefe. Mehrere hundert Meter ging es abwärts. Das musste die Nordmauer sein.
Weshalb hatte Sanfold sie in seinem Plan markiert?
Unten verlief ein schmales Felssims. Danach ging es weiter steil abwärts.
Dan rief sich den Plan ins Gedächtnis. Da erinnerte er sich an das merkwürdige, einem Teleskop ähnelnde Gerät, das der Professor in einem Kreis gezeichnet hatte. Striche verliefen von dort fächerförmig auf die Mauer zu. Darunter hatte etwas gestanden. Dan hatte es noch eben sehen können, bevor sie vor Sanfold fliehen mussten. Ein großes „J“ und dann ein „E“, mehr wusste er auch nicht mehr. Irgendein Name. Alles erinnerte ihn an etwas. Aber was?
Der Student strich ratlos mit den Fingerspitzen über die dicken Quader. Etwas bröselte zwischen den Fingern. Er zerrieb die Füllmasse zwischen den Steinen. Grober Sand.
Dan wischte sich die Hände am Wams ab, als er mitten in der Bewegung erstarrte.
Er senkte den Blick auf seine Hände, hob die Handflächen näher zur Brust und warf den Kopf herum zur Mauer.
D a s war es!
Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Er erkannte Zusammenhänge. Die Männer in Emporion, die sie verfolgt hatten. Was hatten diese Heerführerinnen noch gesagt? Zweivon Childerichs Schergen.
Soldaten des Merowingerkönigs befanden sich in der Nähe. Vielleicht gab es noch mehr davon. Der Komet versetzte die Menschen in Furcht. Die Mauer …
Dans Gedanken wirbelten. Ein wahrer Film lief vor seinem geistigen Auge ab.
Himmel! Er musste mit Claire reden.
Er beugte sich weit über die breite Mauerkante. Mit einem Fuß stützte er sich gerade noch am Boden ab.
Da packten ihn fest zwei Hände und zogen ihn ruckartig zurück.
„Das ist sehr gefährlich“, drang eine Bass-Stimme an sein Ohr und sein Trommelfell vibrierte. Erschreckt riss Dan den Kopf herum und blickte in das bärtige Gesicht des Wikingers.
„Kannst du mir erklären, was du da treibst?“, kam es drohend.
Die Augen des Nordmannes blitzten dabei.
Ehe der Student etwas entgegnen konnte, verspürten beide das leichte Zittern des Bodens. Unterhalb der Burg begannen die Baumwipfel zu rauschen.
„Ragnarök“, knurrte Boltar. „Odins Racheengel. Er will der Menschheit vor Augen führen, wie gering sie gegen die Götter ist.“
Dan konnte nicht verhindern, dass ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Sein Blick saugte sich an dem pulsierenden Kometenschweif fest. In der Nähe zeigten sich elektrische Entladungen.
Der Wikinger gab ein Grunzen von sich.
„Wenn der Fenriswolf sich noch befreit, gibt es für die Erde keine Rettung mehr.“
„Ist … ist … hast du das schon einmal erlebt?“, stammelte Dan. Er spürte, dass die Furcht in ihm hoch kroch.
Boltar schüttelte den Kopf. „Einer meiner Ahnen erzählte meinem Vater davon. Die Erde tat sich auf und Midgard verschlang viele tapfere Krieger. Sogar auf See in einem riesigen Strudel.“
Dan atmete schwer. Dann fragte er: „Kennst du einen Phönizier namens Herban?“
Der Wikinger stutzte. Seine linke Hand fuhr zum gezwirbelten Schnurbart hinauf.
„Wie kommst du auf den? Ich kenne ihn – ja. Er ist auch ein guter Freund Geneviers.“
„Hm.“ Dan nagte an seinem rechten Zeigefinger.
Der Wikinger umfasste seinen Arm. Der junge Mann hatte das Gefühl, als habe sich eine Schraubzwinge um ihn geschlossen.
„Weshalb fragst du?“, kam es grollend aus Boltars Mund.
Dan versuchte seinen Arm freizubekommen, aber der Wikinger dachte gar nicht daran loszulassen.
„Ich warte!“
Der Druck verstärkte sich und Dan ahnte, dass er bald die Knochen seines Armes knacken hören würde.
Er stöhnte leise. „Du bist ein Freund der Königin?“ Er presste die Worte hervor.
Der Wikinger nickte. „Wer meinem Wickelkind etwas antut, der wird ganz schnell seinen Gott sehen!“
Der junge Mann dachte daran, dass Claire Genevier bereits die Wahrheit gesagt hatte. Den Grund, weshalb sie hier waren. Aber würde dieses nordische Urgestein das verstehen?
„Wenn du mich bitte loslassen würdest, kann ich besser reden.“
Der Wikinger begann schallend zu lachen und löste den Griff. Es dröhnte über die Burg und das Tal. „Ihr junges Gemüse seid verweichlicht!“
„Ja – danke … sicher“, kam es von Dan und er rieb sich den schmerzenden Arm. Morgen würde ihn an dieser Stelle sicher ein herrlicher Bluterguss zieren.

Sanfold hörte den Hufschlag.
Im mystischen Licht des Kometen sah er einen Trupp Bewaffneter durch die Dorfstraße reiten. Unheimlich blitzten die leichten Rüstungen. Der Anführer gab nun ein Zeichen, worauf sich der Trupp teilte.
Der Professor zog einen Feldstecher aus seinem Umhang. Nun konnte er erkennen, dass Frauen in den Rüstungen steckten. Eine der Kriegerinnen trug eine Flagge.
„Verflucht! Die Hohepriesterin Genevier“, stieß er hervor. Er schaute sich um. Er saß in der Zange. Hinter sich der Lagerplatz der Piraten oder Sklavenhändler – vor ihm jetzt der Gralstrupp. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Wenn man ihn erwischte, war es aus mit seinem Vorhaben.
Was ihn außerdem beunruhigte war, dass er nicht wusste, wer Alba ermordet hatte. Zuerst hatte er angenommen, es seien die Piraten gewesen. Aber dann hätte es noch andere Leichen hier auf der Straße oder in der Nähe gegeben. Sanfold hatte aber nichts ausmachen können.
Es gab also noch eine unheimliche geheime Gefahr.
Sanfold überlegte fieberhaft. Dabei berührte er den Stamm einer Tanne. Die unteren Äste konnte er erreichen. Er blickte nach oben. Der Baum musste um die acht Meter hoch sein. Er schwang sich hinauf. Wie ein Phantom stieg er – alle Vorsicht walten lassend, um nicht abzustürzen – aufwärts. Bald verschwand er in der dichten Spitze. Er fand einen sicheren und halbwegs bequemen Ast. Soweit der Ausdruck ›bequem‹ überhaupt hier angewandt werden konnte. Der Schweiß lief ihm trotz der Nachtkühle von der Stirn.
Mittels seines Fernglases konnte er den Trupp der Reiterinnen beobachten. Ein Teil schwenkte nun aus in den Wald. Der andere Truppenteil blieb auf der Hauptstraße zurück.
Sanfold wandte sich oben in dem Baum um und versuchte, durch eine Lücke auf den Lagerplatz der Piraten zu schauen. Doch das gelang nicht. So war er auf sein Gehör angewiesen. Ein Teil der Kriegerinnen näherte sich weiter dem Ortsende. Sanfold hoffte, dass sie nicht so nahe kamen, um sein Pferd zu entdecken. Doch da war es bereits zu spät. Der Braune begann angstvoll zu wiehern.

Hoch aufgetürmt schlugen die Wogen gegen die Felsen. Dort brachen sie und rollten relativ harmlos in der Bucht aus. Herban hatte das Schiff inspiziert. Glücklicherweise gab es keine nennenswerten Schäden. Die Mannschaft schöpfte das Wasser aus. Bei Sonnenaufgang würde man nach Marsala weitersegeln können.
Herban und sein Steuermann Ismal verließen den Anlegebereich. Sie wollten in den Ort.
„Mal sehen, was sich dort so tut. Vielleicht erfahren wir Neuigkeiten. Das ist immer wichtig. Die Zeiten sind unsicher.“
Ismal hatte mit den Schultern gezuckt. „Die Zeiten sind immer unsicher.“
Nach einem längeren Fußmarsch die Küste entlang erreichten sie den Ort. Nur wenige Menschen befanden sich im Freien. Die Furcht vor dem Kometen hielt sie in den Häusern. Doch vor einer Spelunke brannten noch Fackeln. Sie wollten eben dem Eingang zustreben, als sie Lärm vernahmen. Er kam aus einer Seitengasse.
Die beiden Phönizier drückten sich in einen Hauseingang. Grölend zog eine Gruppe Soldaten vorbei.
„Das sind Schergen Childerichs“, flüsterte Herban seinem Begleiter zu. „Was tun die hier?“
Ismal brummte etwas. Dann sagte er: „Die lungern doch überall herum. Das bedeutet nichts.“
Doch da war sein Kapitän anderer Ansicht. „Wir werden ihnen folgen. Mich beschleicht ein ungutes Gefühl.“
„Ach Herban, wir sollten einen heben und dann sehen, dass wir die Fracht abholen.“
Aber Herban gefiel die Sache nicht. Er wusste selbst nicht weshalb. Er wollte mehr wissen. Seufzend schloss Ismal sich ihm an. Was blieb ihm auch anderes übrig.
Sie folgten dem Trupp – er bestand aus zehn Leuten in angetrunkenem Zustand – quer durch den Ort, bis zu einer verfallenen römischen Festung. Sie war einst als Schutz gegen Schmuggler angelegt worden, jedoch seit langer Zeit unbenutzt und dem Verfall überlassen.
Feuerschein drang aus dem Innenhof.
Der Trupp verschwand durch den Torbogen. Die beiden Phönizier schauten sich um und entdeckten in der Nähe einen mit Ginster bewachsenen Hügel. Herban lenkte den Schritt dort hin. Bald hatten sie einen Überblick über die Anlage.
„Das sind mindestens hundert Mann!“, stieß Herban hervor.
Ismal sah das lockerer. „Was geht uns das an?“
Aber das ungute Gefühl in Herban stieg. Da war etwas im Gange. Aber was?
Eine Stunde später wusste er es. Trotz des Protestes seines Begleiters hatte er sich auf Umwegen an die Behelfsgarnison herangeschlichen. Während Ismal Wache hielt, hatte sich der Kapitän in das langgestreckte Gebäude geschlichen. Hier hielten sich vier Soldaten auf. Einen identifizierte er als den Kommandeur. Die Männer saßen beim Wein.
„Die Mannschaft soll sich nicht zu sehr besaufen“, merkte der Kommandeur an und nahm selbst noch einen Schluck. „Morgen ziehen wir zum Plimizol. Der König will ein großes Heer sammeln.“
„Endlich geht es dieser Weiberburg an den Kragen“, rief einer der mit am Tisch sitzenden Männer. „Aber es ist auch schon zweimal daneben gegangen. Diese Genevier ist mit dem Teufel im Bunde.“
Der Kommandeur lachte leise. „Diesmal werden Satan und ihre falsche Göttin ihr nicht helfen können. Aus sicherer Quelle weiß ich, dass der König einen Magier an seiner Seite hat. Die Mauern der Burg werden fallen wie einst die Mauern Jerichos unter den Posaunen.“
Sein Kumpan wehrte ab. „Ich halte nichts von Magiern. Wenn du diesen Astra meinst, der aus dem Nichts gekommen sein soll, dann schon gar nicht. Keiner kennt ihn. Keiner weiß, wo er herkommt.“
Der Kommandeur beugte sich vor. „Aber ich weiß es.“
„Was?“ Sogleich beugten sich die anderen auch vor.
Herban spitzte die Ohren. Welcher Magier hatte sich am Hofe Childerichs breitgemacht?
Der Kommandeur räusperte sich. „Ich habe es zufällig erfahren und ihr haltet den Mund. Es darf außer diesem Kreis niemand wissen.“
Nachdem alle das selbstverständlich bestätigt hatten, senkte der Kommandeur seine Stimme.
„Ihr wisst, dass ich über ein verwandtschaftliches Verhältnis die besten Kontakte zum Hofe in Rennes-le-Château und auch zu Foix habe. Also … dieser Mann kann durch die Zeiten reisen.“
Es wurde so still, dass man eine Nadel hätte fallen hören können.
Endlich meinte einer der Männer. „Bist du dessen sicher?“
„Der, der es mir gesagt hat, hat ein Gespräch zwischen diesem Magier und Sybilla belauscht.“
„Sybilla? Die Wahrsagerin der Königin?“
„Richtig.“
„Das glaubst du?“
Der Kommandeur richtete sich auf. „Zwischen dem König und seiner Gattin steht es nicht zum Besten. Das ist allgemein bekannt. Es gibt Mordpläne. Sybilla hörte davon und warnte die Königin. Diese wieder bat Sybilla mit diesem Magier zu sprechen. Jedenfalls soll der Sybilla beruhigt und ihr offeriert haben – notfalls werde er sie beide mit in die Zukunft nehmen.“
Herban hörte Schritte auf dem Arkadengang zu der Stube. Rasch drückte er sich in eine Nische. Zwei Soldaten marschierten an ihm vorbei. Sie meldeten sich beim Kommandeur. Das nutzte der Phönizier um zu verschwinden.
Als er an der Mauer entlang schlich, hielt er nach Ismal Ausschau, konnte ihn aber nicht entdecken.
Er blieb unschlüssig stehen. Sein Blick glitt über das Lager. Wo mochte Ismal stecken? Er schlich weiter zur hinteren, halb eingebrochenen Mauer. Da fand er ihn. Jemand hatte ihm die Kehle durchgeschnitten.

„Dort!“, rief Sanderah aus und deutete nach vorn.
Der Komet verschwand langsam hinter dem Horizont, aber dafür beschien der Vollmond nun die Dorfstraße.
Genevier folgte mit den Augen dem Fingerzeig ihrer zweiten Heerführerin und sah das Pferd angebunden vor dem Haus. Wenig später fanden sie auch die Leiche.
„Alba – ein verschlagener Mann, der sich bei Childerich eingeschleimt hat. Dabei ist er einer der schlimmsten Sklavenfänger.“ Angewidert sprach Genevier das aus.
Da eilte eine der Kriegerinnen heran, die zu Ygrains Trupp gehörte.
„Sklavenhändler haben das Dorf überfallen und halten die Bewohner auf einer Lichtung gefangen.“
Die Königin ballte die Fäuste. „Haben sie viele Wachen aufgestellt?“
Die Botin verneinte. „Sie fühlen sich wohl sehr sicher. Außerdem konnte Cerah belauschen, dass man morgen mit einem Söldnertrupp des Merowingers zusammentreffen wolle. Auf dem Weg sollen die Sklaven über Rosaria nach Ägypten verschifft werden.“
Genevier nagte an der Unterlippe.
„Wieso unterbindet der Alkalde so etwas nicht?“, rief die Botin wütend.
Genevier hatte schon mehrfach mit Alfonse gesprochen, doch der hatte nur die Achseln gezuckt. „Ich kann nicht alles sehen.“
Claire, die sich in unmittelbarer Nähe von Genevier aufgehalten hatte, ging nun langsam auf den Braunen zu.
Die Königin registrierte das mit gerunzelter Stirn.
Die Studentin ging langsam um das Pferd herum, dann öffnete sie die Satteltasche. Ihre Hand tastete darin herum und erfühlte ein gebundenes Buch. Sie zog es hervor. Es machte den Eindruck eines Tagebuches. Jedoch handelte es sich nicht um das Buch, dass sie auf Rauenfels eingesehen hatten. Genevier trat neben Claire. „Was ist das?“
Die Studentin schlug das Buch auf und erkannte mehrere Zeichnungen. Die Anmerkungen waren in englischer Sprache gehalten.
Die Königin schaute ihr über die Schulter. Sie konnte die geschriebene Sprache nicht verstehen, aber sie erkannte einiges auf den Zeichnungen.
„Das … ist … San Salvador …“ flüsterte sie.
Claire nickte. „Ja – es droht Unheil.“
„Das sagtest du bereits. Aber du wusstest nichts Genaues. Oder hast es mir noch nicht erzählt.“
Claire schlug das Buch zu. „Wir müssen rasch zurück zu Dan!“
Genevier blickte die Studentin fest an. „Du kennst den Reiter dieses Pferdes?“ Es war mehr eine Feststellung. „Ist es derjenige, der den Stein der Göttin stehlen will?“
Claire nickte wieder. „Er ist in der Nähe, aber wir werden ihn vermutlich nicht entdecken.“
Die Königin stand unschlüssig. Dann erklärte sie mit fester Stimme: „Erst müssen wir die Dorfbewohner befreien.“
Zeitgleich saßen Boltar und Dan in der Halle der Burg beisammen. Der Wikinger klopfte mit dem Becher auf die Eichentischplatte.
„Du erzählst mir unglaubliche Dinge, Junge. Wenn du mich belügst, wird Odins Strafgericht so über dich kommen, dass du deine Mutter verfluchen wirst, dass ihr Schoß den Samen deines Vaters getragen hat.“
Dan schluckte. „Auch wenn es unglaublich klingen mag – es stimmt alles!“
Der Wikinger knurrte etwas. „Wir müssen auf Genevier warten.“ Dann stand er auf und unter seinen Schritten schien der Boden leicht zu zittern. Er verließ die Halle, kehrte aber bald zurück. Er blieb vor Dan stehen und schaute auf ihn herab.
„Ich habe die Wachen verstärken lassen. Bei Anbruch des Tages werden meine Männer und ich Herban entgegen segeln. Er darf diesem…Ssssaaanfooltt…was habt ihr nur für Namen – das Ding nicht ausliefern.“

„Diana sei Dank!“
Cirah, die Kastellanin stieß es erleichtert aus.
Genevier warf den Helm auf den Eichentisch und wischte sich durch das verschwitzte und angeschmutzte Gesicht.
„Bitte kümmere dich um die Menschen da draußen. Wir konnten sie im Handstreich aus den Klauen der Sklavenjäger befreien. Danach berufst du den Rat ein.“
Auch die anderen Kriegerinnen zeigten sich sichtlich erschöpft. Dan kam auf Claire zugelaufen, die aus einer Armwunde blutete.
„Du lieber Himmel! Was ist passiert?“
Claire ließ sich auf die Bank fallen. Sie lächelte etwas schief. „Es war ein Abenteuer.“
„Ja“, zischte Dan. „Das sehe ich. Du hast dich unnütz in Gefahr begeben.“
Er untersuchte die Wunde.
„Nur ein Kratzer“, sagte Claire und entwand ihm den Arm. „Aber weißt du“, sie drehte sich direkt zu ihrem Gefährten, „ich habe jetzt viel über diesen Orden verstanden. Mehr, als man aus Chroniken lernen kann. Da sind nur Geschehnisse geschildert. Aber ich habe so vieles begriffen!“
„Ist ja gut! Aber es gibt viel Wichtigeres. Ich weiß, was Sanfold vorhat.“
Claire nickte. „Ich auch.“ Damit warf sie das Buch auf den Tisch. „Die Posaunen von Jericho. Sagt dir das was?“
Dan war verblüfft. „Woher weißt du ...?“
„Wir fanden ein Pferd, das mir durch einen Sattel auffiel. Schau dich mal um. In dieser Zeit existieren noch keine Sättel. Also musste sich jemand diesen Sattel gefertigt haben. Nach modernem Vorbild. Nicht perfekt, aber sehr ähnlich. Also?“
„Das Pferd benutzte unser Professor.“
„Richtig“, kam es von der Studentin. „Also suchte ich in der anhängenden Tasche herum und fand dieses Notizbuch. Es ist in englischer Sprache geschrieben. Oxford-Englisch. Unser Professor will …“
„… mit einer Ultraschall-Kanone den Effekt von Jericho wiederholen“, vollende Dan.
Nun musste Claire staunen. „Woher weißt du denn das?“
„Zufall.“ Dan erzählte es ihr. „Als ich den Sand zwischen meinen Fingern spürte, wurde mir einiges auf dem Plan, den wir kurz eingesehen haben, klar. Die neue Nordmauer steht nur scheinbar auf einer Felsplatte. In Wahrheit befindet sich direkt dahinter ein Treibsandfeld. Der Sand sickert langsam aber stetig zwischen die unteren Quader und wenn man ihn durch Ultraschall mächtig in Bewegung bringt …“
Claire sperrte den Mund auf. Sie schlug mit der Hand auf den Tisch. „Dann stürzt die Mauer ein.“
Die Studentin sprang auf. „König Childerich zieht Truppen zusammen. Das haben wir von den Sklavenhändlern erfahren, als wir sie – sagen wir mal – sehr nett befragt haben.“ Sie grinste hinterhältig. „Ygrain ist da nicht sehr zimperlich. Also – Sanfold lässt die Mauer einstürzen. Die Soldaten des Königs stürmen durch die Lücke. Die Priesterinnen sind voll damit beschäftigt, ihre Burg zu verteidigen. Das nutzt Sanfold, um in den Tempel einzudringen.“
Dan nickte. „Die Suppe werden wir ihm versalzen. Boltar ist eben aufgebrochen und segelt Herban entgegen. Er will verhindern, dass er diese Ultraschall-Kanone – denn um etwas anderes kann es sich bei der geheimnisvollen Fracht nicht handeln – hier ankommt.“
„Hoffentlich klappt es.“
„Herban ist ein guter Freund der Königin. Wenn er verstehen würde, was er da befördert, würde er es ins Meer werfen.“
Claire löste den Schwertgürtel. Plötzlich verhielt sie in der Bewegung. Sie beugte sich über den Tisch und stützte die Hände auf die Tischplatte. „Sag mal, was wäre denn, wenn das Ding in unsere Hände fiele?“
„Was?“ Dan verstand nicht ganz.
Claire sagte es ihm. Dan wehrte heftig ab. „Wenn Genevier diese Kanone gegen die Merowinger einsetzt, verändert das die Geschichte.“
Die Studentin richtete sich auf. Langsam sagte sie: „Da bin ich mir nicht sicher. Eine Passage in der Chronik von Castelló spricht von einem versuchten Angriff auf SanSalvador de Verdera. Doch aus nicht näher bekannten Gründen sollen die Truppen plötzlich panikartig geflohen sein.“
Dan wurde nervös. „Du denkst …“
„Erklären kann ich dir das nicht. Aber vielleicht sind wir bereits hier gewesen. Chronikmäßig.“
Dan fuhr sich mit den Händen an den Kopf. „Das kann nicht sein! Das wäre nicht fassbar!“
Claire nickte. „Im Einsteinschen Zeitgefüge gibt es durch seine Krümmungstheorie viele Irritationen oder Parallelstrecken. Möglicherweise erleben wir jetzt gerade unsere eigene Vergangenheit.“
Dan stieß die Luft aus und hob abwehrend die Hände. „Ich bin kein Hyperphysiker. Das ist außerhalb meines Denkmodells.“
Claire ergriff entschlossen ihr Schwert. „Es ist auch im Augenblick egal. Wichtig ist, dass wir die Möglichkeit haben, den Angriff auf die Burg zu verhindern.“
Als sie durch eine der Bogentüren verschwinden wollte, rief Dan ihr nach: „Warte mal!“
„Später!“
Dan trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. Dann nahm er Kontakt mit Ken auf. Er sollte die Drohnen starten, um zu ermitteln, wo Herban sich aufhielt und welche Truppenbewegungen sich in der Nähe abspielten.
Das heißt, er wollte Kontakt aufnehmen.

Burg Rauenfels /Realitätszeit:
Ken hatte Roger Müller zu sich rufen lassen.
Er zeigte auf seinen Laptop. „Ich habe keinen Kontakt mehr zu Claire und Dan.“
Müllers Wangenmuskeln malten. „Was? Das ist doch noch nie vorgekommen!“
„Ich kann es zurzeit auch nicht erklären. Erst wurden die Signale sehr schwach. Jetzt sind sie ganz weg.“
Markui Becker betrat nun ebenfalls das Krankenzimmer, während Ken hektisch an seinem Computersystem herumhantierte. Markui beugte sich über ihn. „Was ist los?“
„Der Kontakt zu unserem Team ist plötzlich abgebrochen.“
Markui richtete sich steif auf. „Donnerwetter! Was ist da passiert?“
Ken zischte wütend. „Bin ich ein Hellseher?! Ich habe keine Ahnung. Es gibt momentan keinen Kontakt. Wir können sie nicht mal im Notfall zurückholen.“
Markui aktivierte einen PC, der auf dem Tisch stand. „Moment“, murmelte er. Vielleicht zwei Minuten herrschte Schweigen. Nur die elektrische Uhr gab ab und zu ein nerviges „Knack“ von sich.
Endlich sank Markui in seinem Stuhl nach hinten. „Es hat den Eindruck, als überlagere etwas unseren Kontaktstrahl.“
Ken fuhr auf. „Der Komet! Das ist es! Der Komet entwickelt seine größte Erdnähe und schirmt unseren Traktorstrahl ab.“
Markui fuhr sich mit der linken Hand ans Kinn. „Das kann bedeuten, dass wir erst eine Verbindung herstellen können, wenn sich der Komet wieder entfernt. Wann ist das?“
Ken aktivierte den Astronomisch-Historischen-Kalender. „Wenn unsere Rekonstruktion stimmt, in elf Tagen.“
Markui knetete seine Finger. „Dann können wir nur hoffen, dass die beiden sich zu helfen wissen.“
„Gibt es eigentlich ein neues Raumzeitecho?“, warf Ken plötzlich ein.
Müller – der dies hörte – rief: „Nein. Wieso?“
Ken schüttelte den Kopf. „Rein rhetorisch.“ Doch etwas in seinem Datensystem beunruhigte ihn. Vor allem deshalb, weil es beim Sprung von Claire und Dan unbekannte Nebeneffekte gegeben hatte. In der Grafik zeigte sich eine merkwürdige Ausbeulung. Beinahe ein Dopplereffekt.
Ken ahnte nichts von den Problemen mit der Zeitmaschine, die Roger glaubte, in der Nacht behoben zu haben.

Marsala / 4 73 n. Chr.
„Du hast mir immer noch nicht gesagt, was mit Ismal wirklich passiert ist. Der haut doch nicht einfach ab!“
Es war Kreon, der das sagte.
Verbissen stemmte sich Herban ins Steuer und lenkte das schlanke Boot durch die Hafeneinfahrt.
Kreon schüttelte den Kopf.
Erst als das Schiff fest an der Mole lag, blickte Herban seinen Bootsmann an.
„Ismal wurde heimtückisch ermordet.“
Kreon fuhr sich an den Hals. „Ehrwürdige Astarte! Wer hat das getan?“
„Zuerst dachte ich an die Soldaten. Aber dazu gab es keinen Grund und außerdem hätte man das dem Kommandeur gemeldet. Es hätte eine große Aufregung gegeben.“
„Wer dann?“
Herban zuckte mit den Schultern. „Das weiß ich eben nicht.“
„Unser merkwürdiger Auftraggeber?“
Der phönizische Kapitän winkte ab. „Das wäre dumm von ihm. Er will sicher seine Ware bekommen. Da wird er nicht den Steuermann ermorden.“
Sie sahen zu, wie der Steg ausgelegt wurde und betraten den Kai. Der Hafenmeister kam auf sie zu.
„Herban! Lange nicht gesehen.“
Sie kannten sich seit Jahren.
„Ich soll Fracht von Fargo abholen“, erklärte der Händler.
Der Hafenmeister nickte. „Fargo ist dort drüben. Er ist schon recht nervös.“
Herban zog eine Augenbraue hoch. „Nervös? Weshalb?“
„Weil gestern einige Fremde um seinen Lagerschuppen herumschlichen.“
Der Phönizier machte sich kopfschüttelnd auf den Weg. Das wurde ja immer mysteriöser.
Fargo empfing den bekannten Händler mit ausgestreckten Händen.
„Herban – alter Freund! Lass dich drücken!“
Nach der freudigen Begrüßung sagte der Grieche: „Ich bin froh, wenn das Zeug weg ist. Ich habe keine Ahnung, was in dieser Kiste steckt. Aber es scheinen sich noch andere Leute dafür zu interessieren.“
Der Phönizier stemmte die Arme in die Seiten. „Was für Leute?“
„Keine Ahnung!“, rief Fargo. „Der Mann, der mir die Kiste gebracht hat, war schon merkwürdig genug. Er trug ganz komische Kleidung – eine hohe schwarze Kopfbedeckung mit einem Rand. Ich habe so was noch nie gesehen.“
Herban fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Wann hat der Mann denn die Fracht hier gelagert?“
Fargo überlegte kurz. „Vor zehn oder zwölf Sonnenaufgängen.“
„Und die anderen Männer? Wie sahen die aus?“
Fargo presste die Lippen zusammen. „Ja … das ist komisch. Einer der Interessenten machte mir eher den Eindruck einer verkleideten Frau.“
„Eine Frau?“ Herban staunte.
Fargo wedelte mit den Armen. „Ich bin mir nicht sicher. Jedenfalls werde ich ruhiger atmen, wenn ihr das Ding an Bord habt. Was immer es auch ist.“
Nachdem die Sonne acht Handbreiten gewandert war, legte Herbans Schiff wieder ab. Die See zeigte sich ruhig. Der Finger des Zeus blieb noch unsichtbar.
Erst als die Sonne den Zenit überschritt, rief einer der Seeleute vom Bug: „Schiff voraus! Hält auf uns zu.“
Herban, der auf der hinteren Plattform stand, beschattete die Augen mit der Hand. Jetzt sah er es auch. Aber das war keiner der üblichen Handelsfahrer. Das Segel wirkte ägyptisch. Aber etwas war anders.
Herbans Atem ging schneller. „Verflucht! Das sind Piraten! Abdrehen!“
Der schlanke Segler war dem Phönizierschiff an Schnelligkeit überlegen. Der Steuermann drüben hielt genau auf sie zu. Herban warf sich ins Ruder. Um Haaresbreite schrammten sie am Bug des fremden Schiffes vorbei.
„Verdammt! Der will uns versenken!“, schrie einer der Händler.
„Das werden wir noch sehen!“, brüllte Herban zurück.
Der Ägypter nahm eine scharfe Wende vor. Einen Moment geriet er aus dem Wind. Das nutzte Herban, um die Entfernung zu vergrößern. Doch der Fremde holte wieder auf.
„Weiteres Schiff voraus!“, rief da der Mann am Bug. Herban blickte auf. Durch die verengten Augenschlitze sah er ein typisches Wikingersegel.
„Nehmen uns jetzt zwei in die Zange?“, rief der direkt neben ihm stehende Phönizier. Doch dann stahl sich ein erleichtertes Lächeln auf die Züge Herbans. „Nein! Oh Poseidon! Das ist unser Freund Boltar! Den schicken die Götter!“
Der Pirat hatte auch den Wikinger bemerkt. Sie wussten wohl um die Kampfkraft der Nordmänner und zogen es vor abzudrehen.
Das Drachenschiff kam – obwohl Boltar gegen den Wind kreuzen musste – rasch näher. Bald sah man den Bären am Bug. Eine Hand auf den geschnitzten Hals des Drachen gestützt, die andere Hand am Griff des Schwertes.
„Herban!“, schrie er durch das Rauschen der Wellen. „Kommst du aus Marsala?“
„Ja!“, gab der Händler zurück. „Ich muss Fracht nach Rosaria bringen.“
„Nein!“, kam es zurück. „Was du da transportierst, ist gefährlich. Folge uns nach Emporion!“
Herban schüttelte den Kopf. Er wollte rasch die Ladung loswerden und das Geld kassieren.
„Es bedeutet eine Gefahr für Genevier!“
Wie ein Donner durchfuhr es den Phönizier. „Was sagst du da?“
„Folge uns!“
Der Pirat verschwand bereits am Horizont, als das Wikingerschiff wendete und sich neben den Phönizier setzte.
Als sie die Metropole am Golf von Rosaria erreichten, setzte Boltar mittels eines Seil zum Phönizier über.
Herban begrüßte den Freund überschwänglich. „Du hast uns gerettet!“
Boltar knurrte nur: „Das war Odins Weitsicht. Aber was du geladen hast … ich verstehe es selbst nicht … ist für Genevier und ihre Burg ein große Gefahr.“
„Wie meinst du das?“ Herbans Gesicht stellte ein Fragezeichen dar.
Der Wikinger zupfte an seinem Bärenfell, das seinen halben Körper bedeckte. „Später! Ich spreche jetzt mit dem Konsul, damit das … Ding gut bewacht wird.“

Burg San Salvador de Verdera
Der Kriegsrat tagte. Claire saß neben Genevier an dem großen runden Tisch. Eine Tafel, wie sie Artus einst für seinen Ritterrat benutzte.
Ungläubig blickten die Anwesenden die junge Frau an. „Du kommst … aus der Zukunft ...?“
Die Königin winkte ab. „Das ist im Ganzen egal. Sie ist hier, um uns zu warnen. Uns droht Unheil.“ In knappen Worten legte sie die Sachlage dar. Alles redete plötzlich durcheinander. Genevier hob die Stimme.
„Boltar hat dieses Ding aus der Zukunft beim Konsul von Emporion sichergestellt. Zunächst bedeutet es keine Gefahr mehr für uns“, erklärte Genevier. „Aber es besteht immer noch die Möglichkeit, dass die Truppen Childerichs die Burg angreifen könnten. Er wird von einem Menschen beeinflusst, der scheinbar magische Kräfte besitzt.“
Herban hatte Boltar alles berichtet und der wiederum hatte es Genevier gesagt.
Claire berührte den Arm der Königin. „Lass doch bitte Dan hinzukommen. Mit ihm zusammen können wir der Gefahr besser begegnen. Mit Sanfold ist nicht zu spaßen. Wir verfolgen sein verbrecherisches Tun schon lange.“
Die Königin und Hohepriesterin des Ordens schaute auf die Eichentischplatte. Dann nickte sie.
„Gut! Cirah – hole bitte unseren Gast.“
Dan erklärte dann den anwesenden Frauen des Rats, was es mit der Nordmauer auf sich hatte. Weshalb sie einen Schwachpunkt der Burg darstellte.
„Aber Blaise hätte das doch wissen müssen!“, rief Sherazeda, die Schwester des Königs von Marakis, aus.
Der junge Student nahm den alten Baumeister in Schutz. „Ich denke nicht. Er sah die Felsplatte. Darauf wurden die Grundsteine errichtet. Das Treibsandbett liegt hinter den unteren Stützsteinen und ist normalerweise nicht gefährlich. Aber durch diese Kanone, die unser Gegner besitzt, kann der feine Sand in Bewegung gesetzt werden und dringt in die Zwischenräume der Quader. Irgendwann bewegen sie sich wie auf Rollen und rutschen auseinander. Die Mauer stürzt wie einst in Jericho.“
Cirah, die Kastellanin, blickte Dan an. „Was will dieser Mensch mit dem heiligen Stein des Prometheus? Er befand sich bereits in Sumer im Heiligen Tempel.“
Der Student nickte. „Das ist ihm bekannt. Da man annimmt – so sagen es ja die heiligen Bücher – dass der Gott diesen Stein zur Erde brachte, weil in ihm das Wissen des Götterrates gespeichert ist, glaubt er, dieses Wissen für sich nutzen zu können.“
Genevier beugte sich vor und berührte Dans Hand. „Was meinst du damit – das Wissen gespeichert?“
Claire übernahm das Wort. „Einst soll der große Rat der Götter – angeführt von Anu und Enki – alles, was er über das Universum herausgefunden hatte, in diesen Stein eingegossen haben.“
Herrjeh! Wie sollte sie erklären, dass man es wie einen Computerstick ansehen musste?
Sie versuchte es zu vereinfachen. Es gelang nicht völlig, aber die Königin begriff es trotzdem.
„Du denkst also, dass man das allmächtige Wissen der Götter … nutzbar machen kann?“
„Das jedenfalls denkt Professor Sanfold. Die Bezeichnung in unserer Sprache ist: Der Stein derWeisen. Allerdings denke ich nicht, dass es stimmt.“
Die Königin malte mit den Wangenknochen. „Er wird also keine Ruhe geben“, stellte sie fest. „Wir werden unsere Wachsamkeit erhöhen. Viel wichtiger erscheint mir die Frage, wie der Merowinger über unsere Mauer Bescheid wissen kann?“
Das hatte Dan zufällig bereits etwas in Erfahrung gebracht. „Ich sprach gestern mit einem Handwerksmeister, der an eurer Zugbrücke eine Reparatur vornahm. Er sagte, dass einer der Steinmetze – ein in der Region bekannter Mann – ein Vetter der Herzogin von Foix sei. Wenn er auch auf eurer Seite steht, so kann er doch später unachtsam etwas gesagt haben, was ihm beim Bau aufgefallen ist.“
Ygrain stieß die Luft aus. „Childerich hat überall Augen und Ohren. Er wird es erfahren haben. Wie auch immer.“
Dan lehnte sich zurück. „Was mir mehr Sorgen bereitet ist, dass noch jemand scheinbar hinter Sanfolds Kanone her ist.“
Claire lächelte beruhigend. „Die ist doch unter Bewachung. Und ohne sie kann Childerich die Mauern nicht zum Einsturz bringen.“
Die Königin gab klare Anweisungen, wie die Überwachung der Burg verstärkt werden sollte. „Ygrain stellt vier Spähtrupps zusammen. Wir müssen jede noch so kleinste Truppenansammlung des Merowingers kennen.“
„Vor allem müssen wir Sanfold suchen“, warf Dan ein.
„Richtig!“ Claire sprang auf. Doch die Königin hielt ihren Arm fest. „Warte Claire“, sagte sie sanft. „Ich möchte dir noch etwas zeigen.“
Die Studentin begleitete Genevier durch den Heiligen Hain zum Tempel. Zum zweiten Mal betrat sie diesen wunderbaren, wie entrückt wirkenden Garten. Erneut nahm es ihr den Atem.
Die Königin führte sie durch das hohe Portal mit dem Emblem der geflügelten Kugel in den Tempel.
Beim Anblick des Innenraumes, mit den Mosaiken und den Alabastersäulen, den goldenen Kapitellen und dem Duft der Talglichter, war es mit Claires Beherrschung vorbei.
Andächtig sank sie auf die Knie.
„Das … ist … unvorstellbar“, hauchte sie.
Wie aus weiter Ferne drang zauberhafter, melodischer Gesang durch die Säulen. So, als wehe ein zarter Wind die Melodie herein.
Genevier kniete neben ihr. Ihre Hände umfassten die Schultern der jungen Frau.
„Ein heiliger Ort, nicht wahr?“
„Das ist er!“, konnte Claire nur hauchen. Doch er wurde bedroht. Konnte man das verhindern? Sie wühlte geistig in ihrem Geschichtswissen. Gab es damals eine Vernichtung des Ordens? Sie konnte sich nicht erinnern, aber was besagte das? Irgendwann hörten die Überlieferungen einfach auf.
Genevier spürte das Zittern Claires. Daher stand sie auf, ergriff ihre Hand und sagte: „Ich muss dir etwas zeigen. Komm!“
Zwischen den Säulen mit den einzigartig schönen Ornamenten konnte die Studentin einen Blick auf die große goldene Statue der Göttin erhaschen.
„Später“, flüsterte die Königin nur. Sie erreichten einen kleinen Raum, ähnlich einer Sakristei. Hier wurden alle möglichen Dinge zum Gottesdienst aufbewahrt. Die Königin zog ein Kistchen hervor und öffnete es. Sie hielt es Claire hin.
„Tatsächlich! Es ist wirklich die Tastatur von Sanfolds Zeitmaschine. Ich sah, wie du es fandest.“
„Du hast das gesehen?“, kam es erstaunt von Genevier.
„Ja – wir lagen hinter einem Busch, ganz dicht neben dir in der Nacht unserer Ankunft.“
Nun musste die Königin leise lachen. „Habt ihr mich für ein Ungeheuer gehalten?“
„Nein“, machte Claire und grinste. „Aber Dan ist immer übervorsichtig.“
Genevier nickte leicht. „Da hat er ja Recht. Was soll ich hiermit tun?“
„Lass es hier. Hier ist es am sichersten. Sanfold kann uns so auch nicht entkommen.“
Die Königin stellte das Kistchen wieder zurück und legte ein buntes Tuch darüber.
Aus dem Tempel hörte man den Gesang eines Chores. Stimmen, die es normal nur in Träumen geben mochte.
Genevier schaute Claire fest an. „Möchtest du mit uns den Dienst für die Göttin feiern?“
Claires Hals wurde trocken. „Ich … du meinst …“
Genevier drückte sie an sich und küsste ihre Stirn. „Bitte.“
Claire flüsterte nur: „Gern.

Boltar trampelte in die Halle.
„Wo sind die Mädels?“, rief er. Obwohl die Wände wieder zitterten, würde er Stein und Bein schwören, dass er nur geflüstert habe.
Dan, der gerade das von Claire gefundene Buch studierte, schreckte auf.
„Im Garten – so glaube ich.“
„Ahham!“, machte der Wikinger. „Im Garten! Erzählen den Blümchen Geschichten, während der Merowinger mobil macht.“
Dan musste lachen. „Na – so schlimm wird’s wohl noch nicht sein.“
Boltar ließ sich auf die Bank fallen. „Ist es aber. Bei Odin! Ein von mir beauftragter Späher meldete eben, dass etwa zehnmal fünfhundert Mann in Foix aufgebrochen sind. Ihr Ziel: Der Plimizol. Außerdem sind Sachsenschiffe vor der Bucht gesehen worden.“
„Sachsen?“, kam es von Dan. „Tummeln die sich hier öfter?“
Boltar schüttelte den Kopf. Sein Zopf flog dabei. „Nein! Wir haben ihnen mal gründlich den Hintern poliert. Seitdem ist eigentlich Ruhe. A b e r“, er beugte sich verschwörerisch vor, „Childerich hat immer noch gute Freunde bei den Burschen. Sie halfen ihm ja auch damals gegen Artus. Es sind Schmeißfliegen.“
Claire kehrte zurück. Dan sah ihr an, dass sie völlig durcheinander war.
„He, was ist los?“, fragte er.
Doch Claire winkte nur ab. Sie stand so unter dem Eindruck der Zeremonie, dass sie erst einmal Zeit brauchte, um das zu verarbeiten. Dann kam auch Genevier. Claire wandte sich um und ergriff spontan beide Hände der Königin. „Das war das Schönste, was ich je erlebt habe.“
Die Königin lächelte warmherzig. Doch rasch wurde ihr Blick ernst, als sie Boltar gewahrte. „Alter nordischer Bär – was gibt es Neues?“
Der Wikinger sagte es ihr.
„Wir sollten nach Emporion reiten und nachsehen, ob die Kanone auch wirklich gesichert ist“, rief Claire, die langsam in die Wirklichkeit zurückfand.
Dan sprang auf. „Ja! Das sollten wir sofort tun.“
Die Königin war einverstanden. Dann erklärte sie aber: „Ich reite mit Claire. Zwei Gralspriesterinnen fallen in Emporion nicht auf. Dich aber – Dan – kennt dieser Sanfold zu gut. Für dich habe ich eine Aufgabe. Schau dir mit Boltar die Nordmauer noch einmal an. Ich muss wissen, ob schon eine Einsturzgefahr droht.“
Dan zuckte widerwillig die Achseln. „Ich bin kein Baumeister.“
Die Königin lächelte ihm freundlich zu. „Nein – aber ein junger Mann mit hellem Verstand.“
Dan errötete.
Wenig später donnerten Genevier und Claire über die schweren Bohlen der Zugbrücke. Rasch ging es die Serpentinen herab. Die junge Studentin wunderte sich selbst, wie rasch sie es gelernt hatte, mit dem Reittier umzugehen. Geneviers Haar wehte wie eine Mähne. Sie drehte sich lachend zu Claire und rief: „Man möchte denken, du seiest eine von uns!“
Als sie die Ebene des Plimizol-Deltas erreichten, hielt die Königin an. Ihre scharfen Augen nahmen die Umgebung in sich auf. Nichts entging ihr.
Weit draußen segelte ein Kauffahrer. Er schien aus Emporion zu kommen.
„Es ist kein Feind hier an Land gegangen. Dann weiter!“
Als das pulsierende Leben Emporions sie aufnahm, vergaß Claire für einen Moment, weshalb sie überhaupt hier war. Sie tauchten in die Gassen ein. Genevier ritt vorsichtig, aber auch zielstrebig. Dann erreichten sie einige flache Gebäude in der Nähe des Verwaltungspalastes. Sofort fiel der Königin der Aufruhr unter den Soldaten auf und mitten in einer Gruppe diskutierte wild mit den Armen fuchtelnd der Konsul.
Genevier glitt vom Pferd und rief: „Was ist passiert?“
Der Konsul eilte, alle seine Würde vergessend, auf die Herrin von San Salvador zu.
„Diese Kiste … diese …“ Er musste Luft schnappen. „Sie ist weg!“
Claire sperrte den Mund auf.
Die Königin stemmte die Arme in die Seiten und fauchte: „Sie ist was?“ Zorn glomm in ihren schönen Augen.
Der Konsul rang die Hände. „Die Wachen schwören bei allen Göttern, dass niemand das Haus betreten hat.“
„Wenn niemand da war, kann auch nichts weg sein“, merkte Genevier sachlich an.
Claire kam hinzu. „Denk an die magischen Kräfte Sanfolds. Die Wachen könnten wirklich unschuldig sein.“
Jedoch war da ein anderer, weit mehr bestürzt als Genevier, Claire und der Konsul.
Niemand bemerkte die Gestalt, die sich hinter die Zypressen drückte und alles sah und alles hörte.
Sanfolds Gesicht war noch blasser als sonst.
Er hatte versucht, die Kanone zu holen, aber er hatte es nicht gekonnt. Jetzt war ihm jemand zuvor gekommen. Das ließ wahnsinnige Furcht in ihm hochsteigen. Wer war ihm da noch auf der Spur?
Er fasste sich an den Hals. Die Luft schien ihm abgeschnürt zu werden. Völlig durcheinander verließ er seinen Beobachtungsplatz und eilte durch die Gassen zur Oberstadt. Erst wurde sein Verbündeter ermordet und nun stahl jemand die Kanone.
Schweiß perlte auf der Stirn des Professors. Hatte sich denn alles gegen ihn verschworen?
Als er sich der Herberge näherte, trat ein Mann aus dem Schatten eines Baumes. Sanfold blieb stehen.
„Scippo, du schon wieder!“ Doch dann flogen seine Gedanken.
„Der König wird immer ungeduldiger“, setzte der Verschlagene an, doch Sanfold winkte herrisch ab. „Er soll sich gedulden. Anderes ist wichtiger. Du musst mir diese Priesterinnen vom Hals schaffen.“
Sie sprachen nur kurze Zeit miteinander, dann huschte Scippo davon. Sanfold grunzte zufrieden. Er betrat das Haus, zögerte einen Moment und ging den Weg wieder zurück in den Garten.
Zu dieser Zeit schritten Genevier und Claire, die Pferde am Zügel führend, am Hafen entlang. Die Studentin blieb plötzlich stehen und schaute zu einem schlanken Schiff, das vielleicht zwanzig Meter entfernt festgemacht hatte.
„Sagte Boltar nicht etwas von einem ägyptischen Segler?“
Genevier schaute zu dem Schiff und meinte: „Es ist nicht ungewöhnlich, dass auch Ägypter hier anlegen. Es ist sicher nicht das Schiff. Weshalb sollte ein Pirat sich so präsentieren?“
Doch Claire nagte an der Unterlippe. Endlich meinte sie: „Ich weiß nicht, warum – aber lass uns die Pferde dort drüben festmachen und zur Herberge des Professors gehen.“
„Wenn dich das beruhigt …“ Genevier gab nach und bald standen sie vor dem Haus. Es lag in völliger Dunkelheit. Kein Mensch war zu sehen.
„Was jetzt?“, flüsterte die Königin. Claire wusste es selbst nicht. Da sah sie den Schatten unterhalb der Terrasse. Sie ergriff Geneviers Arm und deutete wortlos dorthin.
„Wer immer es ist“, hauchte die Königin, „der hat dort nichts verloren.“
Sie beobachteten, wie die Gestalt wie ein Affe an einer Säule hochkletterte und auf der Terrasse verschwand. Es dauerte nur geraume Zeit, dann verließ sie die Herberge auf demselben Wege. Doch unter dem Arm sah man eine Rolle.
„Ein Dieb! Ein Dieb beim Professor!“, zischte Claire.
Sie folgten der fremden Person. Sie wandte sich dem Hafen zu. Genevier und Claire folgten und sahen, dass die Person den Segler bestieg.
„Das wird immer verworrener. Jemand scheint sehr an den Plänen von Mr. Sanfold interessiert zu sein.“
Weiter kamen ihre Gedanken nicht, denn plötzlich stürmten Soldaten auf sie zu. In der Eile konnte man sie nicht genau zählen. Claire meinte später, fünf oder acht seien es gewesen. Den beiden Frauen blieb gerade noch Zeit die Schwerter zu ziehen, da begann der Kampf.
Funken sprühten. Genevier staunte, wie rasch Claire sich in dem Umgang mit dem Kurzschwert geübt hatte. Es war mit der Verdienst Ygrains, die sie kurzzeitig unter ihre Fittiche genommen hatte. Aber auch die Übungsstunden mit Xarina kamen Claire nun zugute.
Die Soldaten drängten die beiden Frauen auf eine halbhohe Mauer zu. Claire machte einen Ausfallschritt und ihr Schwert drang dem nächststehenden Angreifer in die Brust. Aufschreiend knickte er zusammen. Genevier wirbelte nur so.
Plötzlich schrie die Königin auf. Claire sah mit Entsetzen, wie Genevier in die Knie sackte.
Drei Soldaten gleichzeitig stürzten sich auf sie. Mit einem Wutschrei trat Claire einem Soldaten vors Schienbein. Dann sprang sie auf Genevier zu. Mit einer gekonnten Drehung fuhr ihr Schwert einen Kreis und fällte dabei beinahe ungewollt gleich zwei Angreifer. Der Rest suchte sein Heil in der Flucht: Mit solcher Gegenwehr hatten sie wohl nicht gerechnet.
Claire warf das mit Blut bespritzte Schwert zur Seite und beugte sich zu der Königin hinab. Diese stöhnte leise. Unterhalb der linken Brust pulsierte es dunkel.
Die Studentin riss einfach das Kleid kaputt und … erstarrte. Aus einer tiefen Stichwunde perlte es ununterbrochen dunkelrot.
Da spürte sie Geneviers Hand. Claire schaute in deren Antlitz. Die Königin lächelte müde. „Bald werde ich vor meiner Göttin stehen“, flüsterte sie.
„Nein“, würgte Claire heraus.
Sie fühlte Geneviers Händedruck. „Es war schön, dass wir uns getroffen haben, Claire. Ich hätte gerne noch …“
Das Herz der jungen Frau drohte zu zerspringen. Geneviers Kopf war zur Seite gesackt. Die Augen geschlossen. Hastig fühlte sie den Puls. Er war kaum spürbar. Oh Himmel!
Sie hörte Hufschlag. Nein! Nicht jetzt!
Gehetzt sah sie sich um. Ihr Pferd hatte sich losgerissen. Doch da stand Achilles. In Windeseile löste sie den geflochtenen Zügel.
„Komm Achilles – jetzt liegt es an dir.“
Sie wuchtete mit all ihrer Kraft, die sich in ihrem zierlichen Körper noch befand, die Königin auf den Schwarzen. Instinktiv ergriff sie noch das Schwert der Königin und stieß es in die Halterung an dem Rappen. Dann hechtete sie auf seinen Rücken. Sie zog Geneviers Körper an sich. Deren Kopf ruhte nun an ihrer rechten Schulter.
„Lauf Achilles!“, rief Claire. Das treue Pferd spürte die Gefahr. Es schnaubte und begann zu laufen. Mit einer Hand hielt Claire Genevier, mit der anderen krallte sie sich in die Mähne des Tieres.
Sie sah gerade noch einen Reiter um die Ecke zum Kai biegen. Doch Achilles ging in den Galopp. Claire presste die Königin fest an sich – in der Hoffnung – den Blutstrom dämmen zu können.
Der Rappe raste auf den Strand zu. Sand stob. Dann glaubte Claire, das von den Göttern gesegnete Pferd würde fliegen. Sie hörte ferne Zornesrufe. Die Sonne entschwand am Horizont und stattdessen zeigte sich der Schweif des Kometen. Claire hatte keine Ahnung, wohin der Rappe sie trug. Sie wusste nur eines – wenn Genevier starb, wollte sie auch nicht mehr leben. Es verband sie so viel. Ein goldener Faden zwischen ihren Herzen. Obwohl sie sich erst so geringe Zeit kannten.
Es wurde finster, aber dann, als ob jemand eine Fackel entzünden würde, erhellte der Komet das Firmament.
Die junge Frau wusste später nicht mehr zu sagen, wie viel Zeit vergangen war, aber plötzlich schwenkte Achilles nach rechts in einen Pinienhain ein. Claire vernahm das Rauschen von Wasser. Aber es handelte sich nicht um die Brandung. Da tauchte aus dem mystischen Kometenlicht die Silhouette einer Statue auf.
Astarte!
„Achilles – wo sind wir?“
Das Pferd hielt an. Nebelschwaden stiegen vor Claires Augen auf. Sie sah eine mit Efeu und Moos bewachsene Treppe.
Träumte sie? Oder war sie bereits tot?
Oh große Göttin … eine heilende Therme?
Die junge Frau glitt vom Pferd. Sie zog behutsam Genevier mit sich. Blutbahnen hingen eingetrocknet an der entblößten Brust.
Sie nahm die leblose Königin auf die Arme. Sie spürte das Gewicht nicht. Sie stieg die Stufen hinauf und sah in das ehemals weiße marmorne Becken. Es musste sich um eine uralte Kultstätte der Astarte handeln.
Sie stieg mit ihrer Last die flachen Stufen in das Wasser.
Der Schwaden umwehte sie und Lahamu schickte diffus und drohend sein orangenes Licht. Als das Wasser ihre beiden Körper umschlang, tat Claire etwas, was ihr vor wenigen Tagen nie in den Sinn gekommen wäre – sie betete innig zur Astarte/Diana der Pyrenäen.
„Oh große Göttin –
Mutter allen Seins –
beschütze Genevier.
Sie hat so viel Gutes für
die Menschen hier getan
und ist deine Kämpferin
des Rechts. Gibt ihr das
Leben!“
Immer wieder streichelte sie das bleiche Antlitz der Königin.
Das Wasser der Therme rauschte. Sie fühlte sich entrückt in eine andere Welt.
Das Wiehern Achilles’ brachte sie aus den Träumen. Unwillkürlich zuckte Claire zusammen. Dumpfer Hufschlag durchdrang das Wasserrauschen,
Die Muskeln der jungen Frau verkrampften sich. Sie zog Genevier auf eine der Marmorstufen. Dann sprang sie, halbnackt und durchnässt, auf den Rand des Beckens. Der Hufschlag wurde lauter.
Drohender!
Claire sprang die Stufen hinunter auf den Rappen zu. An der Seite hing Geneviers Schwert Anguis. Sie zog es aus dem Futteral. Dann sprang sie zurück auf die ersten Stufen des Thermebeckens.
Die Nebelschwaden hinter sich – darüber das Licht des Kometen … eine antike Rachegöttin hätte nicht anders aussehen können.
Ohne Kampf würde niemand Genevier oder ihr das Leben nehmen.
Da drangen vertraute Stimmen an ihr Ohr. Sie mochte es kaum glauben.
„Hier muss es sein, wenn unser Informant recht hat“, erklang die Stimme Ygrains.
„Jose hat rasch gehandelt, nachdem er den Überfall beobachten konnte. Leider war er zu weit weg, um einzugreifen.“ Das war zweifelsfrei Sanderah.
Als der Trupp, bestehend aus zwanzig Kriegerinnen des Grals, angeführt von Ygrain und Sanderah, das kleine Plateau erreichte, sank Claire in die Knie. Ihre Kraft war zu Ende. Ihre beiden Hände krampften sich um die Parierstange des Schwertes. Wie ein Kreuz stand Anguis vor ihr.

Sanfold war der Gestalt gefolgt.
Er hatte auch die beiden Gralspriesterinnen bemerkt. Ein satanisches Lächeln umspielte seine Züge. Wenn er sich auch um die fremde Person sorgte, aber diese Kriegerinnen würde er loswerden.
Der Fremde huschte durch Gärten und Gassen zum Hafen. Er schien sich bestens auszukennen. Was hatte er gesucht? Sanfold würde es herausfinden. War es der Mörder von Alba?
Sie erreichten den Kai. Dann beobachtete er den Kampf. Sah Genevier zusammensacken. Gleichzeitig sah er aber auch, dass der Fremde an Bord des etwas entfernter liegenden Seglers verschwand.
Sanfold hielt sich im Schatten der Kaimauer. Etwas hinter dem Segler gelegen, hantierte ein Fischer an seinem Boot. Sanfold wartete. Der Segler setzte das Segel und trieb auf das offene Wasser zu.
Jetzt!
Sanfold sprang an Bord des Fischerbootes.
„Was soll das?!“, begehrte der Fischer auf. Doch der Professor fackelte nicht lange. Er packte den Mann von vielleicht siebzig Jahren an seinem dürren Körper und schleuderte ihn ins Hafenwasser.
Rasch zog er das Segel hoch und folgte dem größeren Schiff so, dass er gerade noch als Silhouette das Segel erkennen konnte. Das winzige Fischerboot würde niemand von dort bemerken.
Der Komet wühlte mit seiner Energie wieder das Meer auf. Das kleine Schiff begann zu tanzen. Der ägyptische Segler hielt sich im Bereich der Küste. Sanfold versuchte erneut, seine seherischen Kräfte zu aktivieren. Er wollte wissen, was an Bord drüben vor sich ging. Der dumpfe Schmerz meldete sich wieder in seinem Kopf. Für einen kurzen Moment begannen die Augen des Professors scheinbar zu glühen. Doch dann sackte er zusammen. Es ging nicht!
Die Fahrt dauerte wohl die Zeit von einer Stunde, dann verschwand der Ägypter in einer kleinen Bucht. Sanfold gelang es trotz der Brandung, zwischen zwei mächtigen Felsen auf den kurzen Strand zu fahren. Er sprang in den Sand und rannte auf eine Felsformation zu. Von dort konnte er die Bucht einsehen.
Was er sah, ließ sein Herz schneller schlagen. Dort befand sich ein kleines, aber teils befestigtes Zeltlager.
Zwei Feuer brannten.
Verflucht! Wer hielt sich dort auf?
Er zog sein Fernglas aus dem Umhang. Durch den Restlichtaufheller konnte er etwa dreißig Männer erkennen. Das Lager wirkte so, als sollte es für eine längere Zeit bestehen. Eines der Zelte besaß ein größeres Ausmaß als die anderen.
Der Professor wollte sein Glas schon wieder absetzen, als ein Reitertrupp in der Bucht auftauchte.
Sanfolds Kehle wurde trocken. Was sollte das denn? Er erkannte einwandfrei Scippo. Was für ein Spiel lag dort auf dem Brett? Der Merowinger und Vertraute des Königs war in einen Verrat verwickelt?
Strammen Schrittes ging er auf das große Zelt zu. Eine Gestalt trat ihm entgegen. Sanfold erkannte das Gesicht nicht. Lediglich mittellanges braunes Haar.
Eine Frau?
Beide gingen in das Zelt.
Bei der Hölle! Er musste jetzt wissen, was da vor sich ging.
Behutsam, immer darauf bedacht, nicht entdeckt zu werden, schlich er im Schatten der Felsen auf das Lager zu. Da tauchte direkt vor ihm ein Wächter auf.
Sanfold hatte keinerlei Skrupel, diesem die Gurgel durchzuschneiden.
Lautlos sackte der Wächter zusammen.
Der Professor schlich weiter und hatte beinahe ungehindert die Zeltstadt erreicht, als er ein Geräusch hinter sich hörte. Er wirbelte herum und spürte eine Schwertspitze an seinem Hals.
„Parole!“, forderte der Krieger in griechischer Sprache.
Sanfold knickte den Oberkörper etwas ein. Gegen die momentane Haltung des Gegners hatte er keine Chance. Aber er musste auf alle Fälle Lärm vermeiden. Er schloss die Augen. Seine Kopfhaut spannte sich. Plötzlich zeichnete sich in seinem Gehirn ein Blitz ab und dann ein Symbol. Er öffnete die Augen. Sie glommen tief rot.
Höllenaugen!
„Rennes“, kam es kehlig.
Er sah trotz der Finsternis, wie der Mann vor ihm erbebte.
„Richtig! Passieren!“, krächzte er endlich.
Wortlos drehte der Professor sich um. Dann wirbelten seine Gedanken. Wieso hatten seine Kräfte gerade funktioniert? Irritiert schaute er nach oben. Hohe Felsen verdeckten den Kometen.
„Ich bin durch das dicke Gestein abgeschirmt!“, entfuhr es ihm. „Die Felsen halten die Strahlung ab.“
Rasch fing er sich nach der Erkenntnis. Unauffällig näherte er sich dem Lager. Hinter einem Baum nahm er Deckung, als Scippo ins Freie trat.
„Morgen also! Beim zweiten Sonnenuntergang“, hörte er den Merowinger sagen.
Mit seinen Kumpanen verließ er das Lager.
Sanfold wartete noch einige Minuten, dann tastete er nach seinem Revolver. Der steckte einsatzklar im Gürtel. Entschlossen trat der Professor aus dem Schatten des Baumes auf das Zelt zu.
Er wollte eben das Eingangstuch zurückschlagen, als von innen eine weibliche Stimme sagte: „Kommen sie herein, Professor. Ich habe sie erwartet.“

„Wo ist Genevier?“
Ygrains Stimme klang rau.
Stumm deutete Claire hinter sich. Die Heerführerin rannte los. Ihre Gestalt verschwamm in dem heißen Nebel. Da sprang eine große schwarzhaarige Frau von ihrem Araberhengst. Claire nahm nur schwach wahr, dass es sich um Sherazeda, die Ärztin, handelte.
Da tauchte, wie ein Phantom, Ygrain wieder auf. Mit hängendem Kopf, die Gestalt wie zusammengesunken, kam sie einer Trance gleich die Stufen herab. Die anderen Gralskämpferinnen schauten sie an.
„Genevier … ist … tot“, kam es dumpf.
Ein Aufschluchzen durchlief die Gruppe. Claire sank völlig zusammen. Sie hatte es geahnt und doch noch gehofft.
Alles umsonst, durchfuhr es sie und gegen den Strom ihrer Tränen konnte sie nicht ankämpfen.
„Tod jedem verfluchten Merowinger“, grollte es unheilvoll und die ganze Gestalt der Heerführerin zitterte.
Sherazeda rannte gehetzt die Stufen zur Therme hinauf.
Die Wasserschwaden hüllten alles ein, was sich hinter dem Rand mit den halb eingestürzten Säulen befand.
Die Gralskriegerinnen und Kameradinnen Geneviers lagen sich weinend in den Armen. Genevier tot! Sie war mehr als eine Hohepriesterin gewesen. Mehr als eine Königin. Sie verkörperte den Gral – das Leben am Cap Creus hier. Sie stellte das Herz der Burg dar. Die Hoffnung der Menschen.
Da!
Ein Schrei aus dem Nebelschwaden.
Sherazedas Schrei.
„Sie lebt! Genevier lebt!“
Was sich nun szenemäßig abspielte, war kaum beschreibbar.
Claire fiel einfach um.
Sie brauchte wohl volle fünf Minuten, um die Nachricht zu verarbeiten. Deren Bedeutung zu begreifen.
Erst kurz vor San Salvador de Verdera hatte sie sich so weit in der Gewalt, dass sie wieder einigermaßen klar denken konnte. Sie schaute auf die Trage, die zwischen zwei Pferden hing. Bleich – eher einer Toten ähnelnd, denn einer Lebenden – lag dort die Königin auf einem weichen Fell. Vor dem stürmischen Nachtwind durch ein weiteres Hirschfell geschützt. In den Baumwipfeln tobte es, als ob die Naturgeister die Verletzte schützen wollten. Über allem hing das Licht des Kometen. Riesig, bedrohlich, mystisch.
Sowohl bei den Burgwachen, wie auch bei den zurückgebliebenen Priesterinnen, breitete sich große Aufregung aus.
Claire verspürte eine Hand an ihrem linken Arm. Es war Dan.
„Was ist passiert?“, fragte er leise.
Claire wankte und ihr Gefährte musste sie stützen. Stockend berichtete sie alles.
„Ich denke“, knurrte Dan, „dass hinter dem Anschlag Sanfold steckt. Weißt du, wo er ist?“
Claire schüttelte den Kopf. „Nein – wir hatten keine Zeit mehr, nach ihm Ausschau zu halten.“
„Dann müssen wir mit Unheil rechnen. Verdammt! Wenn wir nur wüssten, was er nun plant!“
„Seine Kanone hat er ja nicht mehr und in die Zukunft zurück kann er auch nicht, da die wichtige Tastatur seiner Zeitmaschine abgebrochen ist.“
„Ja…“, dehnte der junge Student. „Aber da ist doch wohl noch jemand im Spiel.“
„Stimmt. Jedoch habe ich keine Ahnung, wer.“
Diese Ahnung stieg aber in einem anderen hoch.
Sanfold starrte auf die Gestalt im Halbdunkel. Bizarre Schatten wurden durch schwankende Talglaternen verursacht. Sie ließen die geheimnisvolle Fremde noch mysteriöser erscheinen.
Da die Zeltwand die Strahlen des Kometen nicht filtern konnten, versuchte Sanfold erst gar nicht, in die Gehirnfasern der anderen Person einzudringen. Es würde ihm nur Schmerzen bereiten und seine Widersacherin musste keine Schwäche seinerseits erfahren.
„Wer sind Sie?“ Die Stimme des Professors erklang krächzend, obwohl er das nicht wollte. Aber sein Puls raste. Eine Mischung aus Erregung und auch … Furcht.
„Du weißt es nicht, Sanfold?“
Der Professor atmete immer schwerer. Er glaubte zu ersticken. Völlig heiser sagte er:
„Sybilla, du?“
Mit einem Ruck drehte sich die Gestalt zu ihm um. Das Licht traf nun direkt ihr Gesicht, welches er zum ersten Mal in dieser Zeit ungehindert sehen konnte.
Der Mund des Professors öffnete sich.
Litt er an Halluzinationen?
Er kannte das Gesicht von Fotos in Evans’ Labor. Verflucht! Wie kam diese Person hier her?
„In ihnen arbeitet es doch, Verehrtester.“ Wieder lachte sie. „Ich bin an der Grundentwicklung der Zeitmaschine beteiligt gewesen. Obwohl von Evans als Assistentin geringschätzig betrachtet … ohne mich hätte er nie die Formelableitung des Zeitrades gefunden.“
In Sanfolds Kopf dämmerte es. Er hatte damals – als er zum ersten Mal das Labor durchsucht hatte, diverse Notizen gefunden, die eine andere Handschrift als die von Evans trugen.
Sybilla sprach weiter. Evans hatte rasch gespürt, dass sie nicht aus historischem Interesse an der Zeitmaschine mitwirkte, sondern eher die Idee der Grabräuberin mit sich trug. Wonach Archäologen mühsam suchten – sie würde es wissen. Evans warf sie aus dem Labor. Doch es gelang ihr, heimlich alle Pläne zu kopieren und selbst einen Prototyp zu bauen. Jedoch ereignete sich bei ihrem ersten Selbstversuch ein Unfall. Sie geriet in ein falsches Zeitkontinuum und wurde weit in die Zukunft geschleudert.
„Ich begegnete einer Menschheit, die sich selbst ausrottete. Kosmische Katastrophen drohten durch ein defektes Magnetfeld.“ Sie brach kurz ab, um dann weiter zu berichten. Sie konnte das technische Wissen der Zukunft nutzen. Die Zeitmaschine entwickelte sich zur Perfektion. Sie kehrte nach Kansas City zurück – in ihre Realzeit.
„Ich wurde Zeuge ihres ersten Einbruchs in das Labor. Von da an ließ ich Sie nicht mehr aus den Augen. Rasch war mir klar, was Sie suchten, lieber Professor. Also dachte ich mir, Sie würden mich schon dort hinführen. Nun bin ich hier.“
„Sie sind Evans Schwester“, würgte Sanfold hervor.
„Halbschwester! Das ist Strafe genug“, kam es sarkastisch.
Die Augen des Professors irrten in dem Zelt umher. „Sie haben Scippo auf ihre Seite gebracht. Sie haben mir die Ultraschall-Kanone gestohlen.“ Seine Stimme bebte vor Wut.
„Ja, mein Bester“, kam es leichthin. „Durch diverse Zeitsprünge gelang es mir, die Gunst der Königin zu gewinnen. Es war schon lustig anzusehen, wie der großeAstra sich beim König abmühte.“ Ein hysterisches Lachen füllte das Zelt.
„Du wirst das Herz der Göttin nicht bekommen“, zischte Sanfold durch die Zähne.
Der Hieb von hinten auf den Kopf traf ihn völlig unvorbereitet.

„Ich benötige Boltars Hilfe“, sagte Dan leise zu Claire am folgenden Morgen.
Sie schaute ihn fragend an.
„Die Burgmauer ist noch sicher. Aber ich habe mir überlegt, sie mit Beton zu stützen.“
Die junge Frau machte runde Augen. „B e t o n ? Wo willst du den hernehmen?“
„Machen“, entgegnete Dan kurz. „Wir haben Sand, wir haben Wasser und wir haben Kalk. Der Rest findet sich auch in der Nähe der Burg. Es wird kein Beton von erster Qualität, aber er kann mit Eisen verstärkt werden.“
„Eisen auch?“
Dan lachte lustlos. „Klar! Wozu gibt es hier eine Schmiede?“
Etwas später hörte sich der Wikinger an, was Dan zu sagen hatte.
„Hm“, machte der Hüne. „Du denkst, das funktioniert?“
„Wenn wir Stangen schmieden, die bis zu einem Drittel der Mauer reichen und diese mit Querstangen verbinden, kann nichts abrutschen.“
Der Wikinger stieß durch die Nase die Luft aus. Die Folge war, dass zwei Oleanderblüten am gegenüberliegenden Busch davon flogen, als habe sie eine Sturmbö getroffen.
„Wo nimmst du so viel Eisen her?“
Dan lehnte sich zurück. „Ich fand eine große Menge zerbrochener Schwertklingen in einer Ecke des Hofes. Übungsschwerter.“
Boltar beaufsichtigte das Schmieden und packte herzhaft mit an. Dünne Eisenstreben entstanden aus dem Schwertmüll und anderen Dingen. Auch zwei ausgediente Pflüge mussten daran glauben. Dan hatte sie unterhalb der Burg auf einem Acker entdeckt.
Irgendwann nahm Zirah, die Schmiedin, dem Wikinger den Hammer aus der Hand und sagte freundlich: „Wenn du weiter so zuschlägst, müssen wir den Amboss aus der Erde graben.“
Dan besorgte zusammen mit acht Gralspriesterinnen die Grundstoffe für den Beton.
„Wie lange werdet ihr benötigen?“, fragte Carah, die Hofmeisterin später. Dan hatte vage die Hände erhoben. „Einen Tag oder zwei.“
Gegen den späten Nachmittag zu begannen die Priesterinnen, der Nordmauer einen Teil des Eisenkorsetts anzulegen. Mittels Rampen und unzähligen Seilen ging die Arbeit gut voran. Als die Sonne sich zum Horizont senkte, konnte Dan die ersten Betonkübel in das Gerüst gießen. Da die Steine von der Sonne stark aufgeheizt worden waren, rechnete der Student mit einer kurzen Trockenzeit. „Maximal einen Tag“, erklärte Dan der Hofmeisterin.
Claire hatte es in den Heiligen Hain getrieben. Die Sorge um die Königin ließ sie kaum einen klaren Gedanken fassen.
Die wundervollen Blumenrabatten beruhigten ihre Seele etwas. Sie lief am Diana-Brunnen vorbei und stand bald an der großen Therme. Dort tummelten sich einige Frauen der Gralspriesterschaft. Doch Claire trieb es zum Tempel. Andächtig blieb sie vor dem riesigen Portal stehen. Über dem weißen Giebel strahlte golden und blau das Wappen des Grals. Es war gleichzeitig das Wappen der Gottkönigin Inanna, die hier Astarte der Pyrenäen oder auch Diana hieß.
Die junge Frau drückte einen der schweren Torflügel auf und schlüpfte in den Tempelraum. Sogleich empfingen sie die Ruhe und der betörende Duft aller möglichen Essenzen. Immer wehte ein ferner, träumerischer Gesang um die Säulen. Langsam, den kühlen Marmor unter den nackten Füßen spürend, schritt sie den Hauptgang entlang. Er ähnelte einem Kirchenschiff.
Sie erreichte das in den Boden eingelassene Mosaik. Das Zeichen der Göttin mit den Ellipsen, die die Umlaufbahn des Heiligen Planeten aufzeigen sollten.
Dahinter, eingefasst von einer Säule aus weißem Marmor und einer aus schwarzem, erhob sich die große Statue der Göttin. Dicht mit Goldstaub überzogen stand sie da. Ehrfurcht gebietend, aber auch weiblich und sanft. Ihre Augen ruhten auf Claire, die langsam in die Knie sank. Zwischen den bloßen Brüsten der Göttin glitzerte ein faustgroßer blauvioletter Stein.
„Er ändert seine Farbe je nach Tageszeit. Am Mittag glüht er wie ein rotes Feuer.“
Leise – zart – erklang die Stimme hinter Claire. Sie wandte sich zur Seite. Ygrain kniete sich neben sie.
„Die allwissende Göttin schützt uns. Wir sind ihre Dienerinnen. Im Diesseits und im Jenseits. Immerdar. Sie hat dich zu uns geschickt, um unsere Hohepriesterin zu retten.“
Claire schluckte. „Ist … ist sie …?“
Ygrains dunkle Augen ruhten auf der jungen Frau. Der Blick schien Claire bis in die tiefste Ecke der Seele zu dringen. Ihr Atem wurde heftiger.
„Sie wird es schaffen, wenn Diana ihr in dieser Nacht das Leben lässt.“
Claire sank auf den Marmorboden. Ihr Gesicht berührte die weißen Platten. „Oh Göttin, hilf ihr“, flüsterte sie innig.
Sie spürte die Hände der Heerführerin auf ihren Schultern. Liebevoll zogen sie Claires Oberkörper hoch. „Schau der Göttin ins Antlitz. Was siehst du?“
Die Studentin richtete die Augen nach oben. „Güte, Barmherzigkeit … aber auch Willenskraft. Durchsetzungsvermögen.“
Ygrain nickte. „Das erwartet sie auch von uns. Vor allem Stärke. Aber was siehst du noch?“
Claire blickte leicht verwirrt. Doch dann wusste sie, was die Italo-Keltin meinte.
„Sie lächelt“, kam es leise von Claire. „Die Göttin lächelt.“
„So ist es“, bestätigte Ygrain. „Sie lächelt zu dir herab. Sie will dir sagen, dass dein Einsatz nicht vergebens gewesen ist.“
Das Herz der Studentin schlug plötzlich bis zum Hals. Welchen starken Glauben – welches unaussprechliche Vertrauen hatten diese Frauen hier zu ihrer Göttin!
Nur gedämpft hörte sie, was Ygrain weiter sagte. „Du hast Genevier das Leben gerettet. Das wird die Göttin dir belohnen. Alle Kameradinnen würden dir gerne zum Dank die Fußsohlen küssen.“
Ehe Claire sich wehren konnte, beugte die Heerführerin sich herab und ihre Lippen berührten erst die rechte, dann die linke bloße Fußsohle der Studentin.
„Möge die Göttin immer bei dir sein.“ Damit löste sie eine zarte Kette von ihrem Hals und legte sie Claire um. „Das Zeichen des Grals verbinde dich immer mit der Mutterallen Seins und uns.“

Professor Sanfold richtete sich stöhnend auf.
Er schaute sich um. Über ihm brannte der Komet. Nicht mehr lange und ein gewaltiges Erdbeben würde das Land erschüttern.
Sein Schädel brummte. Mit einer Hand strich er sich über den Hinterkopf. Die Beule erwies sich als Taubenei groß.
„Verfluchtes Weib“, zischte er. Mühsam kam er auf die Beine. Meeresrauschen drang an seine Ohren. Er befand sich am Strand. Aber nicht mehr im Bereich der Bucht. Teufel! Wo war er? Weit und breit kein Licht einer Ansiedlung. Um ihn herum bemerkte er mehrere Hufspuren. Also hatte man ihn zu Pferd hierher gebracht. Der Wind pfiff von rechts. Er erinnerte sich. Aber er wusste ja nicht, in welchen Bereich des Strandes man ihn gebracht hatte. Vor ihm türmten sich Felsen auf. Zwanzig Meter und mehr. Hinauf zu klettern stellte sich als unmöglich dar. Er fixierte aus zusammengekniffenen Augen die Spuren. Sie entfernten sich nach rechts. Also hatte man ihn weiter in den Bereich des späteren Languedoc gebracht. Er musste sich demnach nach rechts wenden.
Seine Gedanken pendelten um das Problem. Sybilla besaß eine funktionierende Zeitmaschine. Er nicht mehr.
Sybilla besaß die Ultraschall-Kanone und wollte damit seinen Plan ausführen. Scippo hatte sich auf ihre Seite geschlagen. Mochten die Mächte der Finsternis wissen, was das Weib ihm versprochen hatte.
Aber er musste verhindern, dass der Stein – das Herz der Göttin – in Sybillas Hände fiel.
Ob König Childerich davon wusste? Vermutlich war es ihm egal, denn er wollte nur die Burg stürmen.
Sanfold marschierte los. Bei jedem Schritt stieg mehr Wut in ihm hoch. Er trat in den Schatten der mächtigen Felsen. Er sah die Zacken des Massivs auf dem groben Sand.
„Zounds!“, entfuhr es ihm. Der Berg schirmte den Kometen ab. Sanfold konzentrierte sich. Schweiß trat auf seine Stirn. Seine Pupillen begannen überirdisch zu glimmen. Eine Aura umwehte seinen Körper und, unmerklich erst, dann immer stärker, begann er zu schweben. Höher und höher … bis er unsichtbar wurde. Dabei konzentrierte er sich auf das Gesicht der Teufelin Sybilla.
Nebel schwirrten vor seinem Blick. Flammen, die ihn scheinbar fressen wollten. Ein Schmerz breitete sich in seinem Kopf aus. Dann der Fall.
Sanfold wirbelte seitwärts hinter eine dicke Palme.
Er hatte es geschafft, sich durch Teleportation hinter das Zelt Sybillas zu bringen. Doch hier war er wieder dem Kometen ausgesetzt und seine Kraft verließ ihn. Aber es hatte genügt.
Sanfold atmete schwer. In dem Zelt war es ruhig.
Vorsichtig hob er den Kopf. Weit entfernt patrouillierte eine Wache. Doch was war das?
Schreie erhoben sich. Waffen klirrten. In dem Zelt vor ihm entstand Bewegung. Sybilla trat hervor und blickte über den Platz. Da kamen zwei Bewaffnete heran. Mit sich schleiften sie zwei Gefangene.

„Wo ist Ygrain?“
Cirah fragte das Sanderah.
Die zweite Heerführerin lehnte an einer Zinne des Westturmes. Der Komet schien von hier zum Greifen nahe.
„Sie wollte mit Asnadrah einen Erkundungsritt unternehmen. Boltar hatte ja von Sachsenschiffen gesprochen, die vor der Küste gesichtet worden waren.“
Cirah ballte die Fäuste. „Ist sie verrückt? Da nimmt man doch wenigstens zehn Kameradinnen mit.“
„Sie ist der Ansicht gewesen, zwei fielen weniger auf und könnten schneller Deckung aufsuchen.“
Cirah rang die Hände. „Wenn sie nun erwischt werden? Keiner weiß, wo sie sind.“
Aufgebracht verließ die Kastellanin den Turm.
Unten auf dem Arkadengang traf sie auf Sherazeda – die Araberin.
„Wie geht es Genevier?“, flüsterte die Kastellanin.
Sherazeda lächelte. „Sie schafft es. Ihre eiserne Natur und Dianas Liebe haben ihr geholfen.“
Cirah blickte sinnend. „Vor allem Claire. Wäre sie nicht dabei gewesen …“ Sie schluchzte leise.
Sherazeda nahm sie in den Arm. „Claire ist ein Geschenk der Göttin.“
Im aufkommenden Morgen verblasste Lahamu. Seine Kraft erlosch. Auch das Meer beruhigte sich. Daher hatte Boltar beschlossen, mit dem Schiff den Hafen von Cadaqués zu verlassen und die Küste des Golfs von Rosaria entlang zu segeln.
„Achtet auf jede Kleinigkeit“, schärfte er seinen Mannen ein. „Haltet nach Truppenbewegungen und Sachsenschiffen Ausschau.“
Der Vormittag verlief ereignislos. Aber als sie an einer Einmündung zwischen zwei turmartigen Felsen vorbeitrieben, glaubte der Wikinger aus den Augenwinkeln etwas gesehen zu haben.
„Harald! Auf den Strand dort setzen!“
Wenig später schob sich der Bug des Drachenbootes knirschend auf den Sand.
„Vier Mann mit mir!“ Mit diesen Worten sprang der Hüne von Bord. Vorsichtig näherten sie sich der Einmündung und der dahinter liegenden Bucht. Kein Mensch hielt sie auf. Das Lager schien eilig verlassen worden zu sein.
Dann erstarrte der Hüne. An einem kräftigen Pinienast hingen – an den großen Zehen und nackt – zwei Frauen.
Ygrain und Asnadrah.
Ihre Körper zeigten sich von einer mehrschwänzigen Peitsche übel zugerichtet. Sie waren ohne Bewusstsein.
„Holt sie runter!“, würgte der Wikinger. „Bringt sie zum Schiff. Ich muss mich hier noch umsehen.“
Während seine Begleiter die beiden Kriegerinnen von dem Folterast lösten, machte Boltar sich auf Spurensuche.
Eine abseits verlaufende einzelne Spur erregte seine Aufmerksamkeit.
„Es hat den Anschein, als folge jemand diesem unbekannten Trupp“, brummte er zu sich selbst.
Der Wikinger winkte Norgan zu sich. Er deutete auf die Spur. „Das stinkt! Folgen wir der Fährte.“
Die Spuren führten sie weit durch beinahe unwegsames Gelände, bis sie am frühen Nachmittag einen Talkessel zwischen Rosaria und dem Berg, den man den Mont Salvage nannte, erreichten.
Sie versteckten sich auf einer Anhöhe. Unten hatten sich wohl an die tausend Krieger versammelt.
„Childerichs Brut“, zischte der Wikinger.
„Ist der König wohl mit dabei?“
Boltar schüttelte den Kopf. „Eher nicht. Der macht sich im Vorfeld die Hände nicht schmutzig.“
Dann zogen sich seine Augen zu Schlitzen zusammen. „Wer schleicht denn dort?“
Norgan folgte mit den Augen Boltars Hinweis.
„Hm … komischer Kauz. Beobachtet das Heerlager.“
Boltar legte dem Freund fest eine Hand auf die rechte Schulter. „Den krallen wir uns. Komm!“
Sanfold traf bald der Herzinfarkt, als er von den Wikingern zu Boden gedrückt wurde.
„Kein Wort“, flüsterte Boltar. „Oder du siehst deinen Gott.“

Die Mauersicherung war fertiggestellt.
Claire und Dan betrachteten das Werk.
„Du denkst, das Gerüst hilft wirklich?“ In Claires Stimme klang leichter Zweifel.
Dan stieß langsam die Luft aus. Er war erschöpft. „Bitte deine Diana, dass es so sei!“
„Spotte nicht“, kam es leise von Claire. „Sie ist eine so wunderbare Göttin. Dieses Vertrauen der Frauen hier zu ihr ist faszinierend.“
Dan blickte sinnend zu Boden. „Das hat dich tief beeindruckt.“
Claire musste das zugeben.
Sie wurden von Sherazeda unterbrochen.
In betörender Schönheit stand die Araberin in der Nachmittagssonne.
Dan wurde der Hals enger. Diese Frau beschleunigte seinen Kreislauf. Ein lange nicht gekanntes Gefühl durchzog seinen Körper.
„Claire – Genevier möchte dich sehen.“
Mit Herzklopfen folgte die junge Frau der Ärztin. Bleich lag die Königin in ihrer Kemenate auf dem Diwan.
Aber sie lächelte, als Claire eintrat.
„Meine Retterin“, flüsterte sie. „Komm näher.“
Einige Meilen weiter hatte sich Boltar Sanfold geschnappt.
„Was suchst du hier? Wer bist du?“, kam es gedämpft aber drohend über die Lippen des Wikingers.
Der schlotternde Gefangene erzählte eine Geschichte von einem Überfall. Man habe ihm sein Geld gestohlen und deshalb sei er den Dieben gefolgt.
Der Wikinger nickte verstehend. Dann lächelte er freundlich. Seine Bratpfannen große Hand sauste vor und ergriff Sanfold am Wams. Er zog ihn ganz nah an sich heran. Ihre Nasenspitzen berührten sich beinahe. „Du lügst“, flüsterte er, was immer noch zur Folge hatte, dass einige Kiesel am Hang ins Rutschen gerieten. Glücklicherweise wehte der Wind nicht in die Richtung des Tals.
„Nein!“, jammerte der Professor. „Wieso …?“
Boltar lächelte wieder. „Wieso ich das weiß?“ Er blickte in die vor Angst geweiteten Augen seines Gefangenen. „Ganz einfach – weil diese Burschen dich an deinen … du weißt schon … aufgehängt hätten.“
Norgan stieß den Hünen an. „Der Trupp verlässt das Tal.“
Tatsächlich formierte man sich unten und ritt in Viererreihen los. In der Mitte des Zuges schleiften zwei starke Pferde ein schlittenartiges Gestell hinter sich her. Darauf stand ein großer Kasten.
Die Ablenkung nutzte Sanfold!
Der Komet stand nicht am Himmel. Bis zur nächsten Näherung an diese Seite der Erdhalbkugel würden noch ein paar Stunden vergehen. Er konzentrierte sich. Als Boltar und Norgan sich umsahen, war ihr Gefangener verschwunden.
„Bei Odin!“, entfuhr es dem Wikinger.

Burg Rauenfels
„Ich hab was!“ Der Ruf Kens ließ Markui Becker und den Techniker Müller aufspringen. Sie rannten um den Tisch herum an das Bett. Verwaschen erkannten sie ein Symbol.
„Das ist Dan!“ Ken hämmerte auf der Tastatur des Spezial-PCs. „Ich muss eine Drohne starten“, keuchte er. Schweiß bildete sich über seiner Nasenwurzel. Das Symbol wurde schärfer. „Jetzt oder nie“, flüsterte er.
Alle starrten gebannt auf den Bildschirm. Ein blaues kleines Leuchtsymbol flackerte auf.
„Uff!“, machte Ken. „Geschafft!“
Wie durch einen milchigen Filter aktivierte sich das Bild der Mikrooptik und wurde klarer.
„Ich nehme an, die Kometenstrahlung hat sich im Augenblick etwas abgeschwächt. Möglicherweise durch die Abdeckung der Erdhalbkugel oder einen Bereich des besonders starken Erdmagnetfeldes, ich weiß es nicht.“
„Das ist doch egal“, kam es von Markui unwirsch, aber auch gleichzeitig erleichtert. „Hauptsache wir haben wieder eine Verbindung.“
Aus etwa sechs Metern Höhe konnte Ken nun Dan erkennen. Er stand mit mehreren Frauen in griechisch anmutenden Gewändern an einer Burgmauer.
Dan schien den Frauen etwas zu erklären.
„Was tut er da?“, wollte Müller wissen.
„Ich weiß nicht.“ Ken und Markui konzentrierten sich auf das Bild. In diesem Moment trat eilig und wild gestikulierend ein Bär von einem Wikinger in den Aufnahmebereich.
„Wo bleibt der Ton?“, fragte Markui nervös.
Ken arbeitete fieberhaft. Doch eine akustische Verbindung blieb aus. Ken zog die Drohne höher und ließ sie über der Burg kreisen. Da erfasste die feine Optik einen langen Heerzug.
„Mein lieber Vater!“, entfuhr es Müller.
„Die ziehen gen Burg“, murmelte Markui.
Ken gelang der Start einer zweiten Drohne. „Seht doch!“ Markui war außer sich. „Noch ein Heerwurm.“
Das Bild flackerte. Dann wurde der Bildschirm schwarz.
Markui fuhr sich aufgeregt durch das Haar. „Was können wir tun?“
Ken zuckte mit den Achseln. „Im Moment nichts. Selbst wenn wir über die Zeitmaschine Hilfe schicken würden … was könnte das bewirken?!“ Resigniert lehnte er sich zurück.
Roger schüttelte gleich den Kopf. „Wir können nur abwarten. Claire und Dan müssen da durch.“
Ken hoffte, dass er die Drohnen später zu Dan zurückführen konnte.

„Was sagst du da?“
Dan blickte den Wikinger mit großen Augen an.
Es gab keinen Zweifel – Sanfold konnte seine Magie in begrenzter Form einsetzen.
„Dann ist also jemand anderes im Besitz der Ultraschall-Kanone. Aber wer ist es?“
Derjenige, der es ihm hätte sagen können, saß in einem dichten Baumwipfel. Weit unten zog das Heer vorbei. Da gewahrte er Sybilla. Sie ritt hinter dem Schlitten mit der Kanone. Sanfolds Gehirn arbeite auf Hochtouren. Er wusste – bald musste das Heer durch einen Hohlweg. Das konnte seine Chance sein.
Zu dieser Zeit meldeten Spiegelsignale zwei große Heere. Genevier hatte überall im Land Posten versteckt, um vor Überfällen rechtzeitig gewarnt zu werden.
Die Wächterin auf dem Hauptturm sandte sofort eine Botin hinunter zur Kastellanin. Diese rannte zu Sanderah.
„Ygrain ist im Moment nicht in guter Verfassung. Also werde ich alle Maßnahmen ergreifen“, sagte die Kriegerin.
Von all dem bekamen Genevier und Claire vorerst nichts mit. Die Königin hielt die Hand der jungen Frau fest.
„Claire“, flüsterte sie matt. „Du bist zu uns gekommen, weil dieser Mann uns Böses will. Was weißt du alles über seine Pläne?“
Claire seufzte. „Leider nur, dass er wohl einen Pakt mit König Childerich eingegangen ist. Aber ein noch unbekannter Feind jagt auch ihn. Das macht die Sache so unüberschaubar.“
Genevier fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. „Aber sein Ziel ist das Herz unsererGöttin.“
Claire reichte ihr einen Becher mit Wasser.
Da trat die Kastellanin in die Kemenate und überbrachte die neuesten Nachrichten.
Genevier richtete sich auf dem Diwan entsetzt auf. Mit einem Schmerzensschrei sank sie sogleich zurück in die Kissen.
Claire eilte zu Dan und Boltar.
„Stimmt es, dass man uns einkesseln will?“, rief sie außer Atem.
Dan bestätigte das. „Es sieht wohl so aus.“
„Sanfold?“
„Boltar hat ihn gehabt. Aber er ist entwischt. Scheinbar kann er seine Kräfte einsetzen.“
Die Sonne sank zunehmend zum Horizont. Die Schatten zogen sich länger.
Claire malte mit den Zähnen.
„Komm mit! In der Bibliothek muss es einen Plan der Burg geben.“
Dan rollte mit den Augen. „Was hast du vor?“
Doch Claire gab keine Antwort.
Während sich die Nacht über den Mont Salvage senkte, rannte sie über zahlreiche Galerien und Treppen – gefolgt von einem verständnislosen Dan. Sein Lederbeutel schlug gegen seine Hüfte. Plötzlich stutzte er. Er griff hinein. Wie vor eine Mauer gerannt blieb er stehen. Seine Hand tastete hinein.
„Das gibt es nicht“, flüsterte er.
Claire blieb stehen. „Was ist?“ rief sie ärgerlich.
„Zwei Drohnen fehlen.“
„Was?“
Dan stülpte den Beutel um. „Es ist nur noch eine Drohne vorhanden!“
Claire kam auf ihn zu. „Hast du sie verloren?“
Der junge Mann schüttelte den Kopf. „Das kann gar nicht sein.“
In Claire keimte ein Verdacht. „Ob Ken zwei Drohnen gestartet hat?“
Dan hängte den Beutel wieder richtig um. „Schon möglich, wir wussten ja nicht, dass ein Kontakt zustande kam.“
Claire blickte nach oben. Noch zeigte sich nichts von dem Kometen.
„Egal!“, rief sie. „Ich benötige den Plan.“
Sie rannten weiter.
Unterdessen verfolgte Professor Sanfold den Heertross. Nur noch kurze Zeit und er würde den Hohlweg erreichen. Es gelang Sanfold, sich mittels seiner noch zur Verfügung stehenden Kräfte zu tarnen. Nun hockte er auf einem Felsvorsprung, von dem aus er genau den Teil des Heeres beobachten konnte, der seine Ultraschall-Kanone mitführte.
Immer wieder glitt sein Blick besorgt zum Himmel. Dieser verfärbte sich leicht grünlich. Dazwischen tauchten orange Wölkchen auf, die so rasch wieder verschwanden, als ob jemand ein Feuerwerk zünde.
Das Tal unten verengte sich. Der Heerzug stoppte.
Sanfold roch, dass die Nachtluft ozonhaltiger zu werden schien.
Grünliche Blitze zuckten auf.
Sanfold wurde unruhig. Der Komet konnte noch nicht auftauchen. Oder sollte er sich verrechnet haben?
Die Blitze verstärkten sich. Wie eine geballte Gewitterladung zuckte es unaufhörlich. Auch unten bei den Kriegern wurde man zunehmend nervöser.
Dann begann die Felsplatte zu schwanken.

Claire konnte sich eben noch fangen.
Dan umklammerte das steinerne Geländer. „Heaven! Ein Erdbeben!“, rief er ängstlich aus. Etwas polterte von oben herab. Die beiden Zeitreisenden warfen sich lang hin. Nur um Haaresbreite verfehlte sie der Quader, der sich von einer Turmzinne gelöste hatte. Er prallte in einem der kleinen Innenhöfe auf. Steinsplitter spritzten umher. Glücklicherweise hielt sich niemand in dem Hof auf.
Ein weiterer Erdstoß ließ die Burg erzittern. Von überall her drangen Angstschreie an ihre Ohren.
Dann war es ruhig.
Claire und Dan hatten den Atem angehalten. Nach bangen Sekunden richtete sich der junge Mann auf.
„Es ist wohl vorbei“, hauchte er mehr, als er sprach.
Auch Claire kam auf die Füße. „Ja“, murmelte sie.
Da hob Dan hektisch die Arme. „Oh Gott! Die Nordmauer!“
Er raste los.
Claire folgte ihm. Sie kamen durch Gruppen aufgeregter Gralsfrauen. Sanderah versuchte mit mächtiger Stimme die Ordnung wieder herzustellen.
Er erreichte die Mauer und blieb schwer atmend stehen. Seine Augen sezierten das Bauwerk.
„Es scheint alles gehalten zu haben“, keuchte er endlich.
„Es ist nichts passiert!“, donnerte da eine Stimme über den Wehrgang. Alle Augen wandten sich dorthin, von wo die Stimme gekommen war.
Auf einer Zinne hochaufgerichtet und voll gerüstet stand … Ygrain.
In ihrem Kampfschild reflektierten die grünen Blitze des Firmaments. Das Licht gab ihr ein mystisches, ja schon göttliches Aussehen.
„Es sind die Auswirkungen Lahamus! Aber es gibt keine gefährlichen Schäden an der Burg.“
Claire bewunderte die Frau. Trotz der erlittenen Folter stand sie bereits wieder kampfbereit. Obwohl man an einigen Stellen ihres Körpers die noch frischen Striemen der Peitsche deutlich erkannte.
Ygrain sprang auf den Wehrgang und kam auf die Studentin zu. „Ich hörte, dass die Bastarde Childerichs uns einkreisen wollen.“
Claire bestätigte das. „Aber ich glaube, wir haben eine Chance.“
Unter dem Helm musterten die Augen der Heerführerin die junge Frau. „Welche?“
„Ich benötige den Burgplan.“
Einige Kilometer weiter rannten Hunderte von Kriegern völlig orientierungslos herum.
Sanfold hatte sich an einen Felsen geklammert. Mit weit aufgerissenen Augen blickte er nach unten. Dort, wo sich eben noch die Lafette mit der Kanone befunden hatte, lag ein riesiger Felsblock, der sich vom gegenüberliegenden Hang gelöst hatte. Die Zugpferde lagen wiehernd am Boden.
Aber wo war Sybilla?
Da zuckten vier mächtige Blitze gleichzeitig auf. Dem hartgesottenen Sanfold wurde schlecht. Unter dem Felsen ragten zwei menschliche Beine und der zerschmetterte Kopf eines Pferdes hervor.
Sybilla hatte das Schicksal ereilt.
Sanfold fiel zurück auf die Felsplatte und blieb dort liegen.
Doch dann übernahm sein analytisches Gehirn wieder das Kommando.
Er richtete sich auf und begann sich zu konzentrieren.
Dumpfer Schmerz wollte seinen Schädel sprengen, aber er gab nicht nach. Das Gelände um ihn herum verschwamm. Rote und gelbe Nebel tauchten vor seinen Augen auf. Dann stürzte er.
Hart schlug er mit dem Kopf irgendwo an. Benommen blieb er liegen. Entfernt, wie durch Watte, nahm er Schreie wahr.
Mühsam öffnete er die Augen. Diffuses Licht umgab ihn. Er spürte, dass er auf Marmor lag.
Sanfolds Blick wurde klarer. Der Duft von Myrre umgab ihn. Auch etwas Weihrauch.
Tapsende Schritte – irgendwo – eilig!
Nun erkannte Sanfold die mächtigen Säulen und Gewölbe. Mit einem Schlag wusste er, wo er sich befand.
Im großen Tempel der Diana. Auch Astarte der Pyrenäen genannt oder Inanna.
Sanfold rappelte sich hoch, kam auf die Knie und musste sich schwer aufstützen, um endlich zu stehen. Direkt vor ihm erhob sich die wohl drei oder vier Meter hohe goldene Statue der Göttin.
Ergriffen blieb er bewegungslos. So hatte er sie sich nicht vorgestellt. So erhaben … beherrschend.
Dann glitt sein Blick zu dem nun violett glühenden Stein. Da war es!
Das Herz der Göttin.
Sanfolds Mund wurde trocken. Hier befand er sich am Ziel seiner Wünsche. Leicht wankend ging er auf die Statue zu. Er reckte sich, doch konnte er den Stein nicht erreichen.
Mit leicht irre flackerndem Blick sah er sich um. Er musste etwas haben, worauf er steigen konnte. Dort – die schwere Vase. Sanfold wuchtete sie zum Fuß der Göttin. Schwer atmend erklomm er die amphorenartige Vase. Seine Knie zitterten. Er wankte und musste sich an der Figur abstützen. Seine rechte Hand fuhr über den leicht rauen Goldstaub, der der Statue das Aussehen gab.
Seine Finger berührten den Stein. Er griff danach. Er saß fest. Sanfold zog. Es ging nicht. Schweiß rann ihm über den Körper.
Die Vase begann zu schwanken. Der Boden des Tempels erzitterte.
Sanfold stürzte und krachend zerbrach die große Vase.
Er vernahm Stimmen. Rennende Füße und das Klirren von Schwertern.
Der Eindringling robbte hinter den Fuß einer der gewaltigen Säulen. Gerade rechtzeitig, um von den vier Kriegerinnen nicht entdeckt zu werden.
Sanfold spürte das Zittern der Marmorbodenplatten. Er wusste, dass der Komet mit seinem Kraftfeld ein Vorbeben auslöste. Etwas brach aus der Decke und traf ihn am Kopf. Seine rechte Hand zuckte hoch. Er spürte Schmerz und Blut.
„Hier ist jemand in den Tempel eingedrungen“, hörte er wie aus weiter Ferne.
„Das Beben hat vermutlich die Vase umgeworfen“, antwortete eine andere Frauenstimme.
„Nein!“, kam es wieder von der ersten. „Die Vase hat hier nie gestanden. Da! Die Schleifspur auf dem Stein.“
Mit aller Kraft schaffte es Sanfold, sich, mit dem Rücken gegen die Säule gepresst, in die Senkrechte zu bringen. Eine Hand taste nach dem Revolver. Da schaute eine der Priesterinnen – in eine leichte Rüstung gekleidet – um das Rund.
Wie eine Explosion hallte der Schuss durch das Heiligtum. Die Frau wurde zurückgeschleudert. Das Schwert entflog ihrer Hand und schlitterte scheppernd über den Boden.
Sanfold presste die Hände gegen den Kopf, darauf achtend, dass ihm die Waffe nicht wegrutschte.
Mit einem Mal wimmelte es im Tempel von Kriegerinnen.
„Was ist passiert?“, rief Ygrain außer sich.
„Jemand ist hier eingedrungen!“, antwortete eine der Priesterinnen, die zuerst in den Tempel gekommen waren.
Sie suchten alles ab. Jedoch fanden sie nur einige Blutstropfen.
Claire, die Ygrain gefolgt war, wusste sogleich, was sie davon zu halten hatte.
„Das war ein Schuss.“
Die Heerführerin rollte mit den Augen. „Ich finde keinen Pfeil und außerdem …“
Claire legte ihr die Hand auf den Unterarm. „Kein Pfeil! Der Knall … es ist eine Waffe aus unserer Zeit.“
Ygrain war verwirrt.
Die Studentin untersuchte die Wunde. „Bringt sie zu Sherazeda. Die Kugel muss heraus.“
„Die K u g e l …?“
Ygrain blickte völlig verständnislos.
Claire winkte ab. „Ich erklär’s später.“ Dann wandte sie sich an die anderen Priester-Kriegerinnen. „Sucht das Burggelände ab. Möglicherweise ist Sanfold noch hier!“
Im Hospital half Claire der Ärztin, die Kugel zu entfernen. Glücklicherweise ein glatter Schenkelsteckschuss.
Sanfold wurde nicht gefunden.
Wie auch?!
Der lag flach unter einem schweren Holzregal und hielt sich den immer noch blutenden Kopf. Es roch stark würzig in dem Raum und Sanfold vermutete, dass er sich in unmittelbarer Nähe des Tempels befinden musste.
Tatsächlich handelte es sich um den sakristeiartigen Nebenraum.
Stöhnend kam der Professor aus seinem Versteck. Er richtete sich auf und stand auf wackligen Beinen da. Er musste sich an das Regal stützen. Dabei stieß er ein Kästchen um. Der Deckel sprang auf.
Da weiteten sich seine Augen.
Konnte das wirklich sein?
Völlig fahrig tastete er nach dem Inhalt.
„Das ist … ein Wunder“, kam es mühsam über seine Lippen.
In den Händen hielt er die Tastatur seiner Zeitmaschine.
Mit zitternden Händen hielt er sie dicht vor seine Augen. Es müsste möglich sein, das Teil zu reparieren. Aber der Rest der Maschine lag in Emporion versteckt.
Hastig steckte er das wichtige Teil in eine der eingenähten Innentaschen seines Umhanges. Er atmete ruhiger. Der Rückweg in seine Zeit war nicht mehr versperrt.
Da vernahm er das feine Summen. Sein Kopf ruckte herum.
„Verflucht!“, stieß er aus.
Eine der nur fliegengroßen Drohnen sauste durch den Raum. Woher sie auch immer kommen mochte.
Sanfold ergriff eine Papyrusrolle und warf sie danach. Doch die Drohne verschwand irgendwo in dem unübersichtlichen Raum.
„Ich muss hier weg“, murmelte er. Er lauschte. Dabei bewegte er sich vorsichtig auf die Bogentür zu seiner Rechten zu. Er legte ein Ohr an das schwere Holz. Er vernahm nichts. Einen winzigen Spalt drückte er die Tür nach außen. Er blickte genau auf die Statue der Göttin. Die kaputte Vase war entfernt worden.
Sanfold stieß die Tür weiter auf.
Nichts!
Er war allein.
Das ewige Feuer loderte vor dem Altar mit den beiden Säulen. Eine weiß – eine schwarz. Er kannte das aus der Freimaurerei. Hatte das hier seinen Ursprung?
Das Herz der Göttin funkelte nun in tiefem Rot. Sanfolds Herz schlug wieder rascher. Zounds! Er musste es erreichen. Jetzt!
Er ließ den Blick schweifen. Da erinnerte er sich, in der Kammer, aus der er gekommen war, eine hölzerne Leiter gesehen zu haben. Nur zwei Minuten später hatte er sie an der Figur angelegt. Aus einer seiner vielen Umhangtaschen nestelte er ein Taschenmesser. Er setzte am Rande des Steins an. Einmal – zweimal – dreimal … beim achten Versuch glitt das begehrte Relikt in seine Hand. In Windeseile verpackte er es in einem Samtbeutel und verstaute auch diesen in seinem Umhang.
Jetzt hieß es verschwinden. Aber wie?
Er huschte in die Kammer zurück. Durch die dicke massive Decke wurde er vor dem Kometen geschützt. Er begann sich zu konzentrieren. Plötzlich schrie er auf. Etwas war gegen seine Schläfe geprallt. Seine Hand fuhr zum Kopf. Eine leichte Blutspur zeichnete sich an den Fingern ab.
Wieder das Summen.
Klatsch! Erneut stieß etwas schmerzhaft an die gleiche Stelle seines Schädels. Diesmal wurde es Sanfold schwindelig. Er stürzte.

„Jaa!“ Ken rief es triumphierend.
Seit einer halben Stunde hatte er es geschafft, den Zugriff über die beiden außer Kontrolle geratenen Drohnen wieder zu erhalten.
„Hoffentlich hält die Verbindung“, murrte Markui.
„Das kann ich nicht versprechen, aber Sanfold bringen wir erst einmal in Bedrängnis.“
Markui fuhr sich über die Lippen. „Wie sind die Drohnen in diesen Raum gekommen?“
Ken zuckte die Achseln. „Weiß ich nicht. Wenn wir den Kontakt nicht hätten herstellen können, wären sie wahrscheinlich unkontrolliert abgesaust und irgendwo verschollen. Jetzt kann ich sie wenigstens deponieren.“
„Wie kommt Sanfold dort in diese Kammer? Was ist das überhaupt?“
Ken verdrehte die Augen. „Zu viele Fragen, Eminenzia! Wichtig ist, dass wir Kontakt haben.“
Das Bild flackerte.
Ken fluchte. „Nicht schon wieder!“
Der Monitor stabilisierte sich.
Markui trommelte mit den Fingern. „Wir müssen wissen, was Claire und Dan treiben. Was ist mit dem Ton?“
Ken schüttelte den Kopf. „Sorry, aber man kann nicht alles haben.“
Er ließ die Drohne kreisen. Die zweite hatte er in einem Regal geparkt. In dem Beobachtungsraum von Burg Rauenfels erhielten sie einen Rundblick durch den Raum.
„Mist! Die Tür ist verschlossen. Ich komme nicht raus.“
In diesem Moment brach die Verbindung ab.
Hätte sie nur zwei Sekunden länger bestanden, hätten Ken und Markui gesehen, wie die Tür sich öffnete. Eine große Frau mit hüftlangem schwarzem Haar und arabischen Zügen betrat die Kammer.
Sherazeda, die Ärztin.
Als sie den ohnmächtigen Sanfold sah, blieb sie abrupt stehen.
Die Gefahr, die von diesem Menschen ausging, spürte sie förmlich bis in jeden Winkel ihrer Nerven.
Doch noch lag er reglos.
Die Schwester des Königs von Marakis tastete nach ihrem zweischneidigen Dolch. Bereit, sofort zuzustechen. Der Mann am Boden stöhnte leise. Die Araberin blickte kurz zu einem der schweren Holzregale und ergriff einen Strick. Bevor Sanfold völlig zu sich kam, lag er gut gefesselt in einer Ecke.
„Bei Baal und Diana“, flüsterte die Ärztin. „Du richtest kein Unheil an.“ Dann verließ sie den Raum.
Unterdessen hatten Ygrain, Sanderah und Claire die Kampfmannschaften verteilt. Dan konnte nur staunen.
„Himmel! Du entwickelst dich zur wahren Amazone!“
Seine Gefährtin lächelte nur bösartig. „Dann sieh dich zukünftig vor.“
Sie lief zu Ygrain über den Wehrgang. „Ich muss den Burgplan sehen.“
Die Italo-Keltin nickte und führte die junge Frau in die Bibliothek. Sie griff in eines der Fächer mit den teils gebundenen, teils gerollten Papyri.
„Hier!“
Auf einem langen dunklen Eichentisch rollte sie den Plan aus. Teilweise war er identisch mit dem von Sanfold. Aber eben nur teilweise. Dieser hier stellte sich exakter dar. Claire studierte etwa eine Viertelstunde die Zeichnungen. Einiges musste Ygrain ihr erklären.
Die Studentin deutete auf einen Mauerdurchlass. „Was ist das?“
Ygrain beugte sich vor. „Es gibt ein verborgenes Tor im Heiligen Hain. Hinter der Therme. Ein Notweg. Noch aus der Zeit des Gralskönigs Amfortas. Man gelangt aus der Burg in die Ebene unterhalb des Haupttores. Für Uneingeweihte ein lebensgefährliches Unterfangen.“
In Claires Kopf arbeitete es. Dann sagte sie leise: „Komm und zeige mir den Weg auf den Hauptturm.“
Ygrains Augen blickten trotz der Situation amüsiert. „Du wirst immer mehr eine von uns.“
Vom Turm aus verschaffte sich Claire einen Überblick. Da bemerkte Ygrain Signale aus dem Bereich des Fischerdorfes Cadaqués. Obwohl es dunkel war, sah Claire, dass die Heerführerin blass wurde.
„Was ist?“
Ygrain schluckte. „Cadaqués meldet fünfzig Sachsenschiffe.“
Inzwischen hatte sich auch eine Spitze des Heertrupps der Feinde auf einer Fläche versammelt, die etwa dreihundert Meter – durch Bäume gedeckt – unterhalb der Burg lag.
Claire zog die Augen zusammen. Sie schaute zum Himmel. Lahamu begann bereits das Firmament wieder stark zu verfärben.
„In einer Stunde beschleichen wir über den Geheimweg das Lager der Feinde.“
„Wie?“ Ygrains Kopf zuckte herum.
„Kommst du mit?“
Die Heerführerin sog rasselnd die Luft in die Lungen. „Jaa …“, kam es gedehnt.
„Noch was, besitzt ihr Brieftauben?“
Von Ygrains Augen sah man nur noch das Weiße. „Bei Diana! Sicher! Wie sollen wir sonst den Konsul von Emporion oder Morgana auf Sena benachrichtigen?!“
Claire rief: „Okay!“
„O … was?“
Die Studentin runzelte die Stirn und musste dann grinsen. „Vergiss es. Jetzt aber hör zu.“
Als der Komet den Nachthimmel völlig beherrschte, lagen Claire und Ygrain im Dickicht unterhalb der Burg hinter vier großen Zelten. Eines – mittig aufgebaut – übertraf die anderen drei aber noch in seinen Maßen. Claire vermutete hier das Kommandozelt. Sie machte der Heerführerin ein Zeichen und bald robbten sie dicht an das Segeltuch der Rückwand heran. Sie konnte vorsichtig angehoben werden. Die Sicht wurde durch Strohballen und allerlei Kisten und Fässer versperrt. Die beiden Späher schoben sich lautlos ins Innere des Zeltes und lagen gut gedeckt. An einem rohen Tisch saßen auf Fellstühlen vier finstere Gesellen. Einen kannte Ygrain.
„Cumor – genannt der Schlächter“, hauchte die Heerführerin Claire ins Ohr. „Einer von Childerichs Unterführern und als bestialischer Folterer bekannt.“
Die vier hatten sich über eine Art Plan gebeugt. Der als Cumor bezeichnete stieß den rechten Zeigefinger auf einen Punkt. „Hier treffen unsere Leute mit Rangard zusammen. Dann haben wir die Weiberburg völlig eingekesselt.“
Das Eingangstuch des Zeltes wurde zurückgeschlagen und eine Gestalt humpelte an einem Stock herein. Um den Kopf trug sie einen Verband und das wirre Haar wies Blutspuren auf.
Cumor stand unwillig auf. „Was willst du, Sybilla? Die Götter haben dich gestraft. Also verschwinde! Du bist wertlos für uns.“
„Mich kann kein einziger Gott strafen oder aufhalten“, kam es spöttisch aus dem Mund der Frau.
Da betraten acht Männer das Zelt und unterbrachen das gerade begonnene Gespräch.
Es waren Sachsen.
„Ah – Rangard, ihr seid schon da.“ Der Merowinger reichte freudig einem der Männer die Hand. Es war eine Hüne, ähnlich Boltar.
„Wir hatten guten Wind. Morgen in der Früh kommt noch die Flotte von Dagobald. Er wird Emporion angreifen.“
Cumor lachte rau. „Bestens! Dann gehört die ganze Region endlich uns. Cedrik zählt auf euch.“
Claire wusste, dass mit Cedrik Childerich gemeint war.
Der Merowinger fuhr fort: „Zur fünften Morgenstunde, so hat es Astra dem König errechnet, wird Lahamu oder Ragnarök die Erde erzittern lassen. Die Nordmauer wird fallen, wie einst die Stadt Jericho.“
Ygrain und Claire schlichen zurück zur Burg. Sie wussten genug. Zu ihrer Überraschung erwartete sie Genevier in der Halle. Trotz des Protestes Sherazedas hatte sie ihr Lager verlassen.
„Rangard – der verfluchte Bastard! Für Gold tut er alles“, schimpfte der Wikinger Boltar. Dabei ballte er drohend die Fäuste.
„Was ist mit dieser Sybilla?“, wollte Dan wissen. Claire hob vage die Hände. „Ich weiß es nicht. Aber irgendwie kam sie mir bekannt vor. Ich weiß nur nicht, wo ich sie hinstecken soll.“
Genevier reichte Claire die Hand. „Ich vernahm etwas von einem möglichen Plan von dir.“ Sie blickte fragend.
Claire bestätigte das und setzte ihn nun der Königin in jeder Einzelheit auseinander. Genevier blickte auf die dunklen Holzbohlen der Halle und bemerkte leise: „Das ist kühn. Sehr kühn!“ Dann schaute sie der Studentin in die Augen. „Aber dir traue ich die Ausführung zu.“
Sie erhob sich, wobei man merkte, dass sie noch Schmerzen hatte. Sherazeda mahnte zur Vorsicht. In diesem Moment stürmten zwei ältere Frauen – gewandet als Priesterinnen der Göttin – in die Halle. Man sah ihren Gesichtern an, dass sie sehr aufgebracht waren.
„Das … Herz … der Göttin ist gestohlen worden“, stotterte eine von ihnen.
Genevier wurde noch bleicher, als sie es bereits war.
Sherazeda blieb die Luft weg. Endlich würgte sie hervor: „Das kann unmöglich sein. Ich habe den Unhold in der heiligen Kammer gefesselt.“
Nur wenig später wussten sie, dass Sanfold sich befreit hatte. Reste der Stricke lagen am Boden. Er selbst war verschwunden. Die Königin bemerkte, dass das Kästchen mit dem Teil der Zeitmaschine ebenfalls verschwunden war.
Claire biss sich auf die Lippen. Die Sache spitzte sich zu.
„Wir haben nicht mehr viel Zeit, um zu retten, was zu retten ist“, rief sie aus.
Ygrain und Sanderah sowie Sherazeda eilten aus dem Tempel. Als Claire ihnen rasch folgen wollte, hielt Genevier sie zurück.
„Warte!“
Claire blieb zögernd stehen und wandte sich der Burgherrin zu.
Diese stand da – in das flackernde Licht des heiligen Feuers getaucht – zwischen den mächtigen Säulen und im Angesicht der Göttin. In ihrem blauen Priesterinnengewand wirkte sie überirdisch.
„Claire …“ Die Königin zögerte. Die Studentin kam näher und sie konnte nicht verhindern, dass ihr Puls sich beschleunigte.
Genevier ergriff die Hand der jungen Frau und führte sie näher an die Statue der Göttin. Man erkannte deutlich, wo der Stein der Göttin auf der Statue gesteckt hatte.
Genevier kniete nieder und Claire tat es ihr gleich. Sie schaute in das Antlitz Dianas.
Lächelte sie immer noch? Das flackernde Feuer verursachte Schattenspiele. Die Züge der Göttin wirkten ernst.
Claire schalt sich eine Närrin. Eine Statue konnte ihre Züge nicht verändern! Oder etwa doch?
Sie merkte, wie sie immer tiefer in den Bann dieses einzigartigen Ordens geriet. In diese Gemeinschaft von Frauen, die es wohl nie wieder geben würde.
„Claire“, kam es jetzt erneut von Genevier. „Man hat Diana das Herz herausgerissen.“
Sie senkte den Kopf. „Ich weiß nicht, wie die Sache enden wird. Wie sich der Kampf entscheidet. Vielleicht werden wir sterben. Unsere Burg und unsere Gemeinschaft könnten untergehen. So – wie einst die Tafelrunde meines Gemahls.“
Schweigen senkte sich über die Szene. Nur das Feuer in der riesigen ehernen Schale knisterte von Zeit zu Zeit.
Genevier hob den Kopf und blickte Claire an.
„Wir werden uns vielleicht nie wieder sehen. Daher möchte ich dir danken, dass du hier gewesen bist. Im Angesicht der Göttin möchte ich dir sagen, dass wir – jede einzelne von uns – immer in deiner Schuld stehen werden. Im Diesseits und im Jenseits – immerdar.“
Claire wurde der Mund trocken.
Genevier lächelte traurig. „Es wäre schön gewesen, wenn du bei uns geblieben wärest … zu einer besseren Zeit. Ygrain hat dir das Amulett des Grals um den Hals gelegt. Hüte es gut. Es verbindet dich immer mit der Göttin. Auch in deiner Zeit. Der Gral stirbt niemals.“
Damit ergriff Genevier Claires Hände und küsste sie.
Der Studentin war es, als würde sie beide eine Aura aus blauem Licht einhüllen.
Sie spürte, dass dies eine entscheidende Stunde für ihr gesamtes Leben sein würde.
Da begann der Boden des Tempels leicht zu vibrieren.
Claire sprang auf. „Die Zeit drängt. Komm!“
Als sie durch das hohe Portal mit dem geflügelten Planeten traten, ließ der Schweif Lahamus unzählige Blitze über das gesamte Firmament zucken. Der Komet schien zum Greifen nah.

Ygrain tippte Claire auf die Schulter.
Die Studentin atmete tief durch und nickte. Die einzelnen Erdstöße spürte man im immer kürzeren Rhythmus. Der Himmel schien zu kochen. Giftig grüne und orange Wolken bildeten einen brodelnden Himmelskessel. Im Lager vor ihnen wurde es immer unruhiger. Nicht alles schien so zu laufen, wie es sich die Anführer ausgedacht hatten.
Inzwischen hatte sich auch direkt vor der Burg ein mittlerer Heertrupp formiert. Vermutlich, um sofort in die Mauerlücke zu preschen, falls sich dort etwas durch das Erdbeben ergeben sollte.
„Glaubst du, dass deine Sicherungskonstruktion hält?“, hatte Claire ihren Gefährten Dan noch gefragt.
Stattdessen hatte Boltar ihren Arm gestreichelt (was trotzdem einen blauen Fleck ergeben würde) und gebrummt: „Mädchen aus der Zukunft – dein Freund ist ein Genie. Glaube an ihn!“
Nun kam es darauf an.
Ein mächtiger Blitz blendete die Augen. Ygrain krallte ihre Finger in Claires Arm. „Möge Diana den Kampf gegen die Himmelsschlange Ticchon gewinnen! So wie sie es schon einmal in Sumer geschafft hat.“
Fernes Donnern kündigte ein schweres Gewitter an. Die elektrischen Entladungen – hervorgerufen durch die Berührung der Kraftfelder zwischen dem Kometen und der Erde – nahmen zu. Claire fühlte sich in eine Tausend-KV-Station mit Überladungsblitzen versetzt.
Ihr Mund war trocken und sie verspürte erstmals bei dieser Mission wirkliche Angst.
Sie blickte über die Schulter zu dem dichten Buschwerk. Dort hockten zehn Kriegerinnen mit kleinen verdeckten Fackeln. Jede einer Bogenschützin zugeordnet.
Sie warteten auf ein Zeichen ihrer Heerführerin.
Ein Erdstoß – so, als schlüge jemand mit einem überdimensionalen Hammer von unten gegen die Erdkruste. Claire und Ygrain schauten sich an. Es war soweit. Ein wahres Netzwerk von giftgrünen und orangen Blitzen füllte den Himmel über den Pyrenäen.
Die Bäume begannen zu knistern. Blätter stellten sich aufrecht und Claire spürte, wie ihre Haare sich elektrisch aufluden. Ygrains Mähne wehte wie von einem Magneten angezogen.
Unter ihnen zitterte jetzt der Boden wie auf einer Massagecouch. Ygrain hob beide Arme und ihre Stimme schallte weithin: „Jetzt!“
Die Bogenschützinnen brachen durch das Unterholz. Ihre Begleiterinnen entzündeten in Windeseile die mit Griechischem Feuer getränkten Pfeilspitzen.
Dann jagten auch schon die Geschosse in die Zeltleinwände. Überall züngelten Flammen.
Oben an der Burg fiel rasselnd die Zugbrücke herab. Unter der Führung Sanderahs donnerte ein starker Trupp Gralsfrauen gerüstet auf den Feind zu.
Gleichzeitig traf ein Teil des Heerzuges der Gegner auf Krieger aus Emporion. Nachdem er die Nachricht von der drohenden Gefahr per Brieftaube erhalten hatte, war der Konsul mit viertausend Soldaten aufgebrochen.
Die Sachsen, die vor dem kleinen Fischerdorf Cadaqués und vor Emporion kreuzten, sahen sich plötzlich einer unübersehbaren Flotte gegenüber. Herban, der Phönizier, hatte sich zum Inselreich der Seekönigin Ariane aufgemacht. Sie stand dem Orden eng verpflichtet, denn durch den Einsatz Geneviers hatte sie einst ihr Inselreich zurückerobern können.
Claire, die mitten in dem entstandenen Chaos des Plateaus stand, sah sich mit einem Mal einem baumlangen, muskulösen Kämpfer gegenüber. Sie erkannte ihn wieder.
Rangard!
Seine Augen schienen Laserstrahlen zu schleudern. Mit einem Wutschrei drang er mit seinem Schwert auf die Studentin ein, die sich gerade mit einer Rolle in Sicherheit bringen konnte. Blitzartig riss sie ihr Schwert aus dem Gürtel.
Hätte der Sachse noch Feuer gespuckt, es hätte Claire nicht gewundert.
Sie lag am Boden und der Hüne stieß ansatzlos mit seiner Waffe zu. Gerade noch schaffte Claire es, ihr Schwert mit der Klinge quer zu halten und zu parieren. Funken stoben. Die Wucht des Hiebes riss ihr fast ihr Kurzschwert aus der Hand. Mit einem Wutschrei holte der Sachse aus. Die junge Frau rollte sich zur Seite. Knapp neben ihrem linken Ohr stieß die Klinge in den Boden. Grasbüschel und Dreck wurden aufgewirbelt. Claire spannte Bein- und Bauchmuskeln und mit einem Satz stand sie. Ihre Waffe stieß nach vorn, die Augen des Sachsen weiteten sich, als ihm die Klinge bis zur Parierstange in den Leib fuhr. Claire ließ den Griff los. Der Riese sackte zusammen. Da sprang ein anderer Krieger auf sie zu. Claire besaß keine Waffe mehr. Mit einem Salto wich sie aus. Da umringten sie fünf Angreifer. Sie hatte keine Chance.
Wie ein Krake schienen die zahlreichen Arme sie zu greifen. Sie stürzte. Ihr wurde schwarz vor Augen. Da vernahm sie einen Schrei. Sie riss mit aller Macht die Augen auf. Sie erkannte Genevier. Wie eine Furie fuhr sie zwischen die Krieger. Ihr Schwert Anguis surrte nur so.

Claire erwachte.
Sie versuchte sich zu erinnern. Eine Hand drückte sich sanft auf ihre Schulter, als sie sich aufrichten wollte. Sie öffnete die Augen weiter und ihr Blick klärte sich.
„Sherazeda …“, murmelte sie. Dann kehrte die Erinnerung zurück.
Ohne Vorwarnung hatte der Platzregen eingesetzt. So, als habe jemand eine unendlich große Wanne am Himmel ausgekippt. Genevier hatte auf die Gegner eingedroschen. Claire hatte einem der Feinde das Schwert entreißen können. Sie wollte der Königin beistehen. Doch dann war sie gestürzt. Auf dem morastigen Boden ausgeglitten. Während des Fallens glaubte sie im Getümmel Sanfold zu sehen. Bösartig hatte er sie direkt angestarrt.
Claire war aufgesprungen – völlig mit Schlamm bespritzt – und dem Professor nachgerannt, der zwischen den rauchenden Zelttrümmern verschwand. Zwei Merowingerkrieger stieß sie dabei rüde zur Seite. Sanfold schlug Haken. Immer wieder blickte er über die Schulter.
„Sanfold!“, hatte sie geschrien. Der schleuderte ihr einen Fluch entgegen. Die wilde Verfolgungsjagd führte zu einem steilen Hang. Die Studentin mit der guten Kondition – auch Dank Ygrains Kampftraining – holte auf. Sanfold war zum Greifen nah. Aber die Studentin hatte noch etwas Schwierigkeiten auf dem unebenen Boden. Sie hatte sich noch nicht an die Barfüßigkeit gewöhnt. Ihre Sohlen wiesen noch nicht die Härte auf wie bei den anderen Gralsfrauen.
Sie übersprang zwei scharfkantige Felsstücke. Nur noch zwei Meter und sie konnte Sanfold in den Rücken springen. Sie spannte die Beinmuskeln an.
Da wurde sie von hinten gepackt. Sie strauchelte, fiel – trat um sich – konnte sich befreien und wurde wieder gefasst. Etwas prallte auf ihren Kopf.
Sie schaute die Ärztin mit leicht flackernden Augen an.
„Genevier und Ygrain haben dich den Merowingern entrissen“, kam es leise von der Araberin.
Claire stöhnte leise auf.
„Wie geht es Genevier?“, flüsterte sie. Die Verwundung konnte noch nicht verheilt sein.
Die Araberin blickte ernst. „Die Schwertwunde ist ein Stück wieder aufgebrochen. Sie hat Fieber. Aber sie besitzt eine eiserne Konstitution.“
„Oh Gott!“
Sherazeda streichelte Claires Stirn. „Aber wir haben mit der Hilfe vieler Freunde den Kampf gewonnen.“ Sie lächelte. „Und Dank deines Planes“, setzte sie hinzu.
Claire schluckte. „Die Burg ist gerettet?“
„Ja! Durch den Einsatz unseres Freundes Herban und des Konsuls von Emporion. Boltar verfolgt mit seinen Schiffen die letzten versprengten Sachsen.“
Claire schloss die Augen. „Das Erdbeben …“
„Es ist ruhiger geworden. Noch ein paar Stöße. Es sind nur geringe Schäden entstanden. Dank Dans Idee hat die Nordmauer standgehalten.“
Claire fiel in einen tiefen Schlaf.
Unterdessen lief Dan unruhig auf einem Wehrgang hin und her. Da erschien Sherazeda.
„Hallo, mein Held“, kam es in ihrem Mitternachts-Timbre.
Dans Hals wurde wieder trocken. Diese betörende Frau stand vor ihm und ihre dunklen Augen schienen ihm in die Seele zu blicken. Dann umarmte sie ihn und ihre Lippen trafen sich zu einem Kuss. In Dans Kopf drehte sich alles.
Plötzlich löste sich die Araberin und huschte davon. Dan stand wie eine Statue – unfähig sich zu bewegen.
Gegen Mittag verließ Claire ihr Lager. Sie hatte keine Ruhe mehr, obwohl ihr schwindlig war und sie immer wieder stehen bleiben musste, um sich zu fangen. In der Halle kam ihr Ygrain entgegen. Sie sahen sich beide lange in die Augen. Dann ergriff Claire die Hände der Heerführerin.
„Danke“, hauchte sie.
Die Italo-Keltin lächelte und drückte die Hände der jungen Frau fest. „Ohne eure Hilfe wäre unser Orden ausgelöscht worden“, sagte sie leise. „Wir müssen danken.“
Dann senkte sie den Blick zu Boden. „Leider ist der Stein der Götter – das Herz Dianas verloren.“
Claire zuckte zusammen.
Sanfold!
Es musste noch eine Chance geben.
Sie rannte an Ygrain vorbei auf den Hof.
„Dan!“, rief sie. „Dan!“
Sie entdeckte ihn auf der Treppe zum Wohnturm.

Einige Stunden zurück
Keuchend lehnte Sanfold an einer Mauer.
Überall wimmelte es von Soldaten.
Verflucht! Wo kamen die her? Das waren nicht Childerichs Leute. Eher Griechen. Aber auch nicht aus Emporion.
Dann sah er auf See Feuerkugeln fliegen. Griechisches Feuer!
Eine fremde Flotte! Himmel! Er musste weg hier. Aber wie? In den Gassen quoll es von Bewaffneten. Er kam nicht an das Versteck seiner Zeitmaschine. Seine Hände tasteten zum Umhang. Tastatur und der Stein aus dem Tempel befanden sich trotz der halsbrecherischen Flucht noch an ihren Plätzen.
Was tun?
Oberhalb der Stadt gab es eine kleine Höhle, die er zufällig entdeckt hatte. Dort hatte er Zeitmaschine und andere wichtige Unterlagen versteckt. Aber von dort aus musste er in sein Quartier. Die Tastatur musste wieder angebracht werden. Das ging nur mit seinem Spezialwerkzeug.
Sanfold merkte, dass ihm der Angstschweiß ausbrach. Immer Deckung suchend, hastete er auf zahllosen Umwegen zur Oberstadt. Er erreichte einen Weinberg. Atemlos warf er sich trotz des Platzregens auf den Boden. Grüne Blitze stoben um ihn herum und einige bohrten sich zischend in den aufgeweichten Boden. Er bekam elektrische Schläge mit, die seinen Körper schüttelten. Die Erde bebte unaufhörlich. Er sah Häuser einstürzen. Flutwellen rasten unten gegen die Hafenmauer.
Er raffte sich auf. Er musste den Stein in Sicherheit bringen. In seine Realität!
Nach einer schier unendlichen Zeit – wie es ihm schien – sah er den Höhleneingang vor sich.
Weit unterhalb des Weinberges vernahm er den Kampflärm.
Wie er es geschafft hatte, alle Dinge an sich zu nehmen und sein Zimmer zu erreichen, wusste er später nicht zu sagen. Als er die Tür schloss, sackte er auf die Knie.
Er war fertig!
Erst nach einer halben Stunde befand er sich in einem Zustand, die Tür zu verbarrikadieren und sich seiner schmutzigen Kleidung zu entledigen. Notdürftig wusch er sich.
Erdstöße ließen die Herberge vibrieren. Im Hof wieherten aufgebracht die Pferde.
Ein kräftiger Bebenstoß. Kalkstein rieselte von der Decke. Einige gerollte Pläne fielen von dem rohen Eichentisch auf den Steinboden, der einige Risse aufwies.
Doch der Professor konnte sich nicht darum kümmern. Er hoffte nur, dass das Haus nicht einstürzte.
Er entzündete zwei Talglichter. Dann machte er sich an die Reparaturarbeiten. Sorgsam hatte er den Beutel mit dem Herz der Göttin unter der Strohmatratze seines Bettes versteckt.
Die Arbeit erwies sich als weit kniffliger, als er es sich gedacht hatte. Nach zwei Stunden musste er pausieren und fiel in einen unruhigen Schlaf auf dem Fellstuhl.

Claire und Dan lenkten die Pferde durch die Gassen von Emporion.
Das Wetter hatte sich beruhigt, auch die Erdstöße manifestierten sich lediglich in einer leichten Bodenvibration. Der Himmel riss zwischen den Wolken blau auf. Lahamu hatte sich hinter den Horizont zurückgezogen.
„Ich denke, das Schlimmste ist überstanden“, merkte Dan an. „Es wird noch Nachbeben geben, aber aus den Chroniken ging ja nirgendwo hervor, dass Emporion einmal durch ein Beben völlig zerstört worden ist.“
In der Stadt war man mit Aufräumarbeiten befasst. Mehrere Phönizierschiffe liefen in den Hafen ein. Man sah ihnen die Spuren des Seekampfes an. Griechische Segler lagen am Kai. Soldaten des Konsuls patrouillierten in den Straßen. Die Bevölkerung verhielt sich ausnehmend ruhig.
Dan lenkte seinen Braunen auf einen Platz der Unterstadt. „Ich denke, wir sollten zu Fuß Sanfolds Quartier aufsuchen. Vielleicht können wir noch etwas retten.“
„Hoffentlich“, murmelte Claire. „Ich schätze, es wird nicht so einfach sein, die Zeitmaschine zu reparieren.“
Sie banden die Pferde fest und eilten den Weg zur Oberstadt hinauf ohne unnötig aufzufallen. Von einer Patrouille aufgehalten zu werden, konnten sie sich jetzt nicht leisten.
Bald hatten sie die Herberge erreicht, in der der Professor sich einquartiert hatte. Dan versuchte über seine Spezial-Armbanduhr Kontakt zu Ken in der Realitätszeit zu bekommen. Aber wieder einmal war der Versuch vergeblich.
„Die Kometenstrahlung wird wohl noch einige Tage stören, bis Lahamu sich weiter ins All zurückgezogen hat.“
Das Haus wies starke Erdbebenspuren auf, schien aber nicht einsturzgefährdet zu sein.
„Jetzt Vorsicht!“, mahnte Dan.
Sie schlichen über Schutt und einen umgestürzten Baum zum Eingang. Der Flur zeigte sich mit Staub und Kalksteinresten bedeckt.
In der ersten Etage vernahmen sie schon Sanfolds Stimme.
„… niemals wirst du den Stein der Weisen erhalten! Wieso liegst du nicht zerschmettert unter dem Felsen?“
„Das hätte dir so gepasst!“, kreischte eine Stimme zurück. Claire erkannte sie wieder.
„Die Seherin Sybilla“, hauchte sie Dan ins Ohr.
Der gab ein unwilliges Knurren von sich. „Wer ist das überhaupt? Wieso verfolgt sie Sanfold?“
Claire atmete hastig. „Ihr Gesicht habe ich schon einmal gesehen.“ Dann fiel es ihr ein. „Erinnerst du dich an unseren allerersten Besuch in Evans Labor? Da hing ein Foto in einer Ecke an der Wand. Wir haben es nicht beachtet, da es völlig unwichtig gewesen ist. Später in der Universitätsbibliothek sah ich in einer Abhandlung über Experimente mit wechselnden Kraftfeldern das Foto wieder. Die Dissertation bezog sich auf das Eldrige-Experiment 1947. Sybilla ist eine Halbschwester von Evans und auch Wissenschaftlerin. Sie verschwand aus ungeklärten Gründen.“
Dan sperrte den Mund auf. „Dann hat sie Sanfold beobachtet und ist …“ Er stockte. „Das bedeutet, auch sie besitzt eine Möglichkeit der Zeitreise.“
Claire nickte. „Also darf keiner von beiden das Herz der Göttin bekommen.“
„Glaubst du, dass es der berühmte Stein der Weisen ist?“
Claire hob die Arme. „Es weiß doch keiner, ob er überhaupt existiert.“
Die Stimmen im Raum wurden wieder lauter.
„Gib den Beutel her!“, schrie die weibliche Stimme.
Dan fackelte nicht mehr lange. Er stieß die Tür mit einem mächtigen Fußtritt auf.
Sanfold und Sybilla rissen an einem Lederbeutel. Auf dem Tisch lag die Zeitmaschine des Professors. Aber an einem Gurt, den die Seherin um den Leib trug, hing ein beinahe identisches Gerät.
Beide Kontrahenten starrten die beiden Eindringlinge erschreckt an. Um den Kopf der Seherin hing schmutzig ein verrutschter Verband. Auf dem Boden lag ein Stock.
„Das Spiel ist aus, Sanfold!“, rief Dan.
Sanfold lachte nur irre und entriss Sybilla den Beutel. „Niemals! Der Stein ist mein! Endlich!“
Mit einem Wutschrei stürzte sich die Frau auf Sanfold. Aber ihr verletztes Bein machte noch nicht mit. Sie knickte ein. Wie durch Zauberei hielt der Professor plötzlich seinen Revolver in der Hand.
„Nicht, Sanfold!“, schrie Claire auf.
Der Professor wirbelte herum und zog den Stecher durch. Haarscharf sauste die Kugel neben Claire in die Wand. Die Detonation war ohrenbetäubend.
Sybilla warf sich nach vorn. Ihr Gesicht war dabei sowohl von Schmerz wie auch von Wut verzerrt. Aber die Gier nach dem mutmaßlichen Stein der Weisen hatte alles andere ausgeschaltet. Sie bekam den Beutel zu fassen. Er öffnete sich und das Herz der Göttin polterte auf die Fliesen des Raumes.
Sanfold sprang mit einem irren Schrei vor. Er wollte den Fuß auf den Stein setzen, der nun beinahe bösartig rot funkelte.
Gleichzeitig sprang Claire hinzu. Sanfolds Fuß und ihre Hand trafen sich. Claire fühlte den Schmerz, als der Stiefel des Professors ihren Handrücken traf. Sie konnte den Stein ein Stück wegschleudern. Er traf das Tischbein und federte zurück, direkt zu Sybilla.
Die griff den Stein.
Triumphierend krallte sie die Faust darum. Sie versuchte sich aufzurichten. In der einen Hand den Stein – die andere Hand umfasste die Zeitmaschine.
Sanfold schoss!
Die Kugel durchdrang Sybillas Hand und traf die Maschine.
Ein blauer Lichtkegel baute sich auf, einer Aura gleich. Doch dann schüttelte sich Sybilla wie in Krämpfen. Der Stein entfiel ihrer Hand. Dan hechtete nach vorn. Er konnte den Stein fassen, bevor er zu Boden fiel. Claire warf sich auf den Professor. Der strauchelte und stürzte. Sein Kopf prallte gegen die Eichentischkante.
Dan kam hoch.
Mit weit aufgerissenen Augen sahen sie, wie sich die blaue Aura um Sybilla ins rötliche färbte. Hektisch fuhren ihre beiden Hände zur Zeitmaschine. Doch etwas schien der Schuss weggesprengt zu haben. Das Licht wurde immer intensiver. Claire und Dan mussten die Augen schließen. Sybilla schrie. Der Schrei verwandelte sich ins Echoartige … dann war sie verschwunden.
Claire und Dan standen wie vom Donner gerührt. Aber rasch erwachten sie aus der Starre. Sie vernahmen Sanfolds rasselnden Atem. Sie wirbelten um die eigene Achse. Der Schuss dröhnte.
„Weg hier!“, schrie Dan und stieß seine Begleiterin auf die Terrasse zu.
Die Kugeln des wütenden Professors flogen ihnen nur so um die Ohren.
Claire und Dan sprangen.
Federnd und sich abrollend kamen sie unten auf dem Rasen auf. Dann hetzten sie durch den Garten zur Straße.
Die lauten, unnatürlichen Detonationen hatten natürlich andere Menschen aufmerksam gemacht. Vier Soldaten rannten herbei und verstellten den Flüchtigen erst einmal den Weg.
„Lasst sie durch!“, erschallte eine befehlsgewohnte Stimme.
Ygrain!
Zwei Grals-Kriegerinnen standen hinter ihr.
Oben auf der Terrasse stand Sanfold und lud seinen Revolver nach.
Ygrain ergriff Claires Hand und rief: „Kommt! Los!“
Sie rannten die Gasse hinunter, während Sanfold einige Schüsse auf die Soldaten abgab. Bei einem Blick über die Schulter sah Claire, dass ein großer Trupp Stadtpolizisten herbeieilte.
Sie erreichten die Pferde.
„Was wird Sanfold tun?“, keuchte Claire.
„Vermutlich erst mal rasch mit einem Zeitsprung verschwinden“, vermutete Dan. „Wenn ihn die Polizei von Emporion schnappt, hat er keine Chance mehr, in seine Realität zurückzukehren.“
Genau das tat der Professor. Er rannte wutschnaubend zu dem Tisch, auf dem seine Zeitmaschine lag. Er hoffte, dass sie funktionieren würde. Der Schweiß rann ihm von der Stirn. Schwere Schritte vernahm er auf dem Flur. Fahrig wirbelten seine Finger über die Tastatur. Die Luft um ihn herum begann zu flimmern – sein Körper wurde durchscheinend.
Als die ersten Soldaten den Raum stürmten, war dieser leer.

Der wunderbare Gesang des Chores verwehte.
In einer feierlichen Zeremonie hatte das Herz der Göttin seinen Platz wiedergefunden.
Claire und Genevier verließen Hand in Hand den Tempel. Herrliche kühle Nachtluft umfing sie. Lahamu stand am Himmel, aber er sandte keine Blitze mehr aus. Nur noch sanft in Orange erstrahlte der Himmelskörper.
„Der Komet sucht seine Bahn weiter im All“, flüsterte Genevier. „Aber irgendwann wird er zurückkehren. Vielleicht in hundert Jahren, vielleicht auch erst in tausend. Zu einer Zeit, wenn wir alle nicht mehr sein werden.“
Sie wandte sich lächelnd zu Claire. Im Widerschein des Himmelslichtes wirkte das Antlitz der Königin sanft und hoheitsvoll zugleich.
Claire wurde eng ums Herz, denn sie wusste: Die Abschiedsstunde schlug. Als habe Genevier ihre Gedanken erraten, sagte sie: „Ihr müsst in eure Zeit zurück.“ Sie berührte das Medaillon des Grals an Claires Hals. „Hüte es gut.“
In eure Zeit … Davon waren die Timetraveller noch weit entfernt. Dan hatte zum Glück die Gelegenheit, die Tempotronen, die Sanfolds Sprung hinterlassen hatten, zu scannen.
Wohin sie die nächste Reise führen würde, ahnten sie jedoch noch nicht.
Der Wind wehte von See her auf die Burg. Claires Spezialuhr vibrierte leicht. Sie wusste, es war das Signal vom Kontrollraum auf Rauenfels. Man wollte sie zurückholen. Zum ersten Mal waren es nicht die Zeitreisenden, die den Zeitpunkt dafür bestimmten. Aber da die Kommunikation auch wieder funktionierte, einigte man sich schnell auf einen nahen Zeitpunkt.
Genevier legte den Arm um die junge Frau. „Warte noch einen Moment“, kam es leise über ihre Lippen. Sie zog Claire in den Heiligen Hain – dort, wo die kleine Statue der Diana stand. Ygrain, die hinter ihnen ging, wusste, was geschehen würde. Sie lächelte und schwieg.
Unterdessen hatte auch Dan das Signal bekommen. Er hatte an der Zeremonie im Tempel nicht teilnehmen dürfen, denn den Statuten des Ordens nach war es Männern verboten, die heiligen Bereiche zu betreten.
Nervös lief er auf und ab. Wo blieb Claire nur?
Da manifestierte sich eine Gestalt im Torbogen zum Burggarten.
Aber es war nicht Claire.
Langsam schritt die schlanke Gestalt auf den jungen Mann zu.
Sherazeda!
Dan wurde das Herz eng. Sein Puls begann zu rasen.
Dicht vor ihm blieb die Araberin stehen. Das Licht Lahamus reflektierte in ihren dunklen Augen.
„Ich weiß, dass du gehen musst“, sagte sie mit ihrer verführerischen dunklen Stimme. „Auch deine Partnerin hat ein Signal über ihr Armband erhalten.“
Dan wollte etwas sagen, brachte aber keinen Ton heraus.
Mein Gott! Er hatte sich in diese Frau verliebt. Eine Frau, die – wenn er sich wieder in seiner Realität bewegte – fast tausendsechshundert Jahre tot war.
Sherazeda umarmte den jungen Mann und küsste ihn innig.
Als sie sich von ihm löste, hauchte sie: „Vergiss mich nicht ganz.“
Dann huschte sie davon.
Ein Sirren riss den jungen Zeitreisenden aus der Starre. Die Drohnen nahmen ihren Weg zurück in den Lederbeutel.
Der Kontakt zum Kontrollzentrum verlief also wieder einwandfrei.
Dan schaute über die kleine Mauer zum Burghof. Da kam Claire in Begleitung von Genevier und Ygrain.
Der junge Mann beeilte sich, zu seiner Gefährtin zu gelangen.
Der Abschied kam.
Die Priesterinnen stellten den Beiden zwei Pferde zur Verfügung. Der Punkt für die Rückholung des Zeitreiseteams lag auf einem kleinen Plateau nahe der Plimizol-Mündung.
Sie durchritten das Tor mit dem Wappen des Pendragon und dann über die Zugbrücke.
Noch einmal schauten sie zurück.
Sie hatten faszinierende Menschen kennengelernt.
Etwas gesehen und erlebt, was sie nur aus vagen Legenden und unvollständigen Chroniken kannten.
Dan fiel auf, dass die Züge seiner Begleiterin einen sehr verklärten Ausdruck trugen.
„Sag mal, was habt ihr denn nach der Tempelzeremonie noch so lange gemacht?“
Doch Claire antwortete nicht.
Das Geheimnis um den Schutzengelkuss nach den Riten Inannas würde sie für alle Ewigkeit in ihrem Innern verschlossen halten.
Sie ritten die Serpentinen hinab und gelangten zum Plateau. Dort stiegen sie von den Pferden. Je ein Klaps auf den Po und die Tiere trabten zurück zu ihrem Heimatort.
Nachdem der Hufschlag in der Nacht verklungen war, nahmen sich Claire und Dan bei der Hand und gingen auf das Plateau zu.
Tief sogen sie die frische Nachtluft ein – gewürzt vom nahen Meer. Die Brandung donnerte in das Flussdelta.
„Du liebst Sherazeda“, stellte Claire leise fest.
Dan richtete den Blick in die Ferne.
„Wir müssen zurück“, kam es nur rau über seine Lippen.
Sie spürten durch ihre Uhren das Signal – die Szenerie um sie verschwamm.

Erleichterung im Kontrollraum auf Rauenfels.
Der Rücksprung hatte problemlos funktioniert. Markui und Ken wollten nun alles wissen, denn durch den Ausfall der Drohnen fehlten ihnen fast alle Informationen.
Claire und Dan berichteten von Sanfold – von Sybilla (was alle in Erstaunen versetzte) und von den Menschen, die sie kennengelernt hatten.
Nur ein paar gewisse Details verschwiegen sowohl Claire als auch Dan…
Ende

Vorschau auf Episode 15
Erwartet mit Spannung die am 1. September 2009 erscheinende 15. Episode.
Der Titel lautet:
»Fahr zur Hölle, Okumoto!«
von C.C. Slaterman
ist der Titel des nächsten Timetraveller und damit die erste Geschichte über die Okumotos.
Eigentlich unterschied sich dieser Abend durch nichts von all den anderen Abenden zuvor, in denen Ken Okumoto und Markui Becker ihrer Arbeit nachgingen.
Aber dann öffnete sich die Tür und der Japaner wurde von seiner Vergangenheit geradezu überrumpelt. Der Anblick der mandeläugigen Schönheit, die ihnen das Abendessen servierte, spülte in Ken erneut längst verdrängte Ereignisse aus der Geschichte seiner Familie hoch.
Urplötzlich wurden die Erzählungen seiner Vorfahren wieder lebendig. Jene Verschwörung des Shogunats gegen den japanischen Kaiser, die seinen Urgroßvater zwang, nach Amerika zu fliehen, seine Abenteuer in einer Zeit, die man den Wilden Westen nannte und die Liebe zu einer Frau, die sich gegen alle Widerstände für ihn, ein Schlitzauge, entschieden hatte.
Um Ihnen, liebe Leser, die ganze Geschichte von Ken Okumoto zu präsentieren, haben wir uns entschlossen, in unregelmäßigen Abständen über diese ungewöhnliche Familie zu berichten.