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»Uriel« oder »Das Magische Licht«

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Cover 2009 von Tommy Tohang

EPISODE 13

»Uriel« oder »Das Magische Licht«

von Gloomy Tomb

Mortlake, Oktober 1582

Die Wachstafel mit den eingeritzten Symbolen lag inmitten der 4 Kerzen, die zugleich die einzige Lichtquelle des Studierzimmers darstellten. Neben den Kerzen war die Kristallkugel drapiert, in welche der Mann ohne Ohren seit einiger Zeit hinein starrte. Der Mann war völlig in Trance, seine ganzes Bewusstsein und Unterbewusstsein konzentrierten sich seit geraumer Zeit ausschließlich auf das Innere der Kugel.
Plötzlich schoss Feuer in den Mann, in seine Augen, glaubte der andere anwesende Wissenschaftler zu erkennen. Der Mann ohne Ohren begann in einer fremden Sprache zu reden, es war eher ein Stammeln, und dann zeigte er nacheinander auf verschiedene Symbole und Buchstaben, die in die Wachstafel eingraviert waren. Der zweite Wissenschaftler, ebenso konzentriert wie der Mann ohne Ohren, jedoch bei vollem Bewusstsein, notierte Buchstabe für Buchstabe mit.
Es war der Engel Ave, so glaubten die Männer, der ihnen eine verschlüsselte Botschaft schickte.
Der Mann ohne Ohren war völlig der Kristallkugel verfallen. Sein Blick konzentrierte sich auf den 6 cm großen Gegenstand, in dem sich das Licht und die Schatten, die die Kerzen verursachten, zu einem unglaublichen Farbenspiel brachen. Es sah beinahe so aus, als hätte seine Seele den Körper verlassen und wäre in die Kugel eingedrungen, denn in dieser warfen Licht und Schatten noch immer geheimnisvolle Reflexe.
Der Wissenschaftler mit dem Spitzbart wartete geduldig auf weitere Zeichen. Sein Blick hing ebenfalls an der Kugel, doch er sah lediglich ein farbenprächtiges Lichtspiel – sonst nichts.
Es war der Mann ohne Ohren, der als Medium für ihn diente und dem sich in diesem Licht mehr offenbarte, als möglich zu sein schien.
Der in Trance verfallene Mann regte sich wieder, der Spitzbärtige blickte ihn erwartungsvoll an.
Die Kerzen waren zur Hälfte herunter gebrannt, als der Körper des Mediums in sich zusammen sackte. Der Engel hatte den Kontakt beendet. Der Wissenschaftler schaute auf seine Notizen und schüttelte den Kopf. Er konnte noch nichts von dem entziffern, was er aufgeschrieben hatte.
„Es ist rückwärts“, hauchte der Mann, der als Medium diente und allmählich in die Wirklichkeit zurückkehrte.
John Dee hatte über sein Medium Edward Kelly eine Botschaft von den Engeln empfangen.

Burg Rauenfels, Parallelwelt

Die Rückreise verlief problemlos und Dan und Claire hatten das Gefühl, als seien sie nur wenige Minuten weg gewesen. Nur Kens tiefliegende Augenringe zeugten davon, dass hier genauso viel Zeit vergangen war wie in Kansas City und dass der Japaner in den letzten zwei Tagen kaum Schlaf gefunden hatte. Entsprechend schlecht gelaunt war er nun und so war das Wiedersehen davon etwas überschattet.
Claire saß an seinem Bett, nachdem alle vier die letzte Reise ausführlich ausgewertet hatten. Worte fanden beide nicht. Es war wie verhext. Die junge Frau merkte, dass Ken ihr nach und nach entglitt. Sie dachte, dass es an der Krankheit lag und er sich deshalb von ihr zurückzog. Sie ahnte nicht, mit welch düsteren Gedanken ihr Freund sich trug. Ken hatte nicht vergessen, dass Dan vor wenigen Wochen noch hinter Claire her war. Wie er es ihm übel genommen hatte, dass er Claire für sich gewinnen konnte. Und das, obwohl Dan derjenige war, nach dem sich alle Mädchen umdrehten. Doch Claire hatte sich anders entschieden, sie hatte Ken in ihr Herz geschlossen, was daraufhin zu kleinen Unstimmigkeiten und Stimmungsschwankungen in der Gruppe geführt hatte. Lediglich Markui hatte sich weitgehend aus dem Dilemma heraus gehalten. Claire als Frau hatte ihn nie interessiert. Dass er sich überhaupt für Frauen interessierte, hatten die Timetraveller erst hier auf Rauenfels erfahren, als Xarina auf der Bildfläche erschien.
Und nun hatte Claire eine ganze Nacht zusammen mit Dan in einem Zimmer verbracht! Was dem Verletzten seine Fantasie vorgaukelte, nagte an Kens Vertrauen zu Claire. Andererseits ... nun saß sie hier, an seinem Bett. War es nur noch Mitleid oder meinte sie es wirklich noch ernst? Aber wie konnte sie einen Krüppel wie ihn denn noch lieben?
Kens Gefühle waren völlig aus dem Ruder gelaufen und deshalb hielt er es selbst für das Beste, sich in sein Schneckenhaus zurückzuziehen.
Claire kam nicht an ihn heran und schwieg weiter. Es war beinahe unerträglich.
Die Erlösung aus dieser unangenehmen Atmosphäre kam in Gestalt von Markui.
„Wir haben die Tempotronen analysiert“, sagte er. „Macht euch bereit für eine Audienz bei Elisabeth I.“
„Was?“, fragte Claire erstaunt. Sie hatte nur Elisabeth gehört und dachte zuerst an die Kaiserin von Österreich – Sissy. Sie wollte sich schon freuen, da diese Frau sie sehr interessierte.
„Ja, es geht nach England. Naja, dass ihr die Königin kennen lernt, bezweifle ich, aber zumindest regiert sie in dieser Zeit, in die ihr als nächstes reisen werdet“, fügte Markui noch hinzu.
„Ach so“, gab die Geschichtsstudentin geistesabwesend zurück. Sie hatte einfach keine Lust mehr auf noch eine Zeitreise. Aber sie wusste auch, dass sie keine Wahl hatte.
„Wir besprechen alles in 10 Minuten. Dan wird bis dahin auch hier sein“, schloss Markui seine Ankündigung ab und ging wieder hinaus. Er wollte versuchen, ein paar Informationen über das Datum der anstehenden Zeitreise zu finden. Er glaubte aber nicht, dass es hier, in einer Parallelwelt, Hinweise dazu geben würde.
Dies bestätigte sich auch sehr schnell. Über die Geschichte der Welt seiner Zeitreisefreunde war hier nichts zu finden. Aber vielleicht wusste die Geschichtsexpertin unter ihnen ja etwas Genaueres.
Kurze Zeit später saßen die Timetraveller im Krankenzimmer von Ken.
„So, ihr beiden, macht euch bereit für das Elisabethanische Zeitalter. Es geht nach England, genauer gesagt nach Mortlake, Surrey, ein Städtchen, das heute zu London gehört. Ihr landet dort am 21. November 1582“, eröffnete Markui das Gespräch. Dabei schaute er Claire an in der Hoffnung, dass sie eine Reaktion zeigte, wenn er das Datum nannte. Aber sie blickte genauso fragend wie die anderen auch.
„Und? Was erwartet uns dort?“, wollte Dan wissen.
Markui schüttelte den Kopf. „Das weiß ich nicht. Ich konnte über diesen Tag nichts herausfinden und hoffte, dass Claire etwas wüsste.“ Doch sie zuckte nur die Achseln und verneinte das.
„Nun, dann wird das wohl eine Fahrt ins Blaue“, stellte Dan leichthin fest. „Wir werden schon herausfinden, worauf Sanfold es abgesehen hat.“
„Elisabethanisches Zeitalter, hm, das goldene Zeitalter der britischen Geschichte. Die Frau hat viel getan für die Erforschung der Welt. Sagt euch der Name Francis Drake etwas? Er hat zu dieser Zeit die Welt umsegelt und es gab die ersten Versuche, britische Kolonien in Nordamerika zu gründen. In dieser Zeit wurde der Begriff Britisches Empire geprägt und Shakespeare hat seine weltberühmten Werke geschrieben – aber ich sehe keinen Grund, was dieser verrückte Professor dort will.“ Claire hatte ihr weniges Wissen preisgegeben. Auch die jungen Männer konnten daraus keinen Zusammenhang ableiten.
„Ich sag doch, eine Fahrt ins Blaue“, wiederholte Dan. „Ken, wir werden dich wieder dringend brauchen. Schlaf dich nochmal richtig aus, damit du dann alles im Griff hast.“
Der Japaner quittierte die Worte mit einem bösen Blick, obwohl er wusste, dass Dan recht hatte. Der Zeitsprung in das Jahr 1582 sollte am nächsten Morgen beginnen. Sie alle nutzten die Zeit bis dahin, um sich gründlich auszuruhen.
Am nächsten Morgen standen Dan und Claire wieder auf der Plattform von Roger Müllers Zeitmaschine und harrten gespannt der Dinge, die sie in England erwarteten.

Mortlake, Surrey, 21. November 1582

Sanfold, Taylor und McCrery hatten Mortlake am frühen Abend erreicht. Es war noch hell, doch die Dämmerung kündigte sich am östlichen Horizont bereits an.
„Willkommen im Jahr 1582“, sagte der Professor triumphierend.
Die Zeitreise verlief problemlos, auch die Ankunft in der Vergangenheit machte keine Schwierigkeiten. Sie landeten relativ sanft, umgeben von Kälte und einem kurzen, blauen, intensiven Licht.
Da sie etwas abseits der Straße ankamen, erregten sie keinerlei Aufmerksamkeit und glaubten, dass ihre Landung unbemerkt geblieben war.
McCrery und Taylor konnten kaum glauben, dass sie sich in der Vergangenheit befanden, dass sie eine Zeitreise hinter sich hatten. Ihr Verstand sagte ihnen, dass das schlicht unmöglich sei, doch ihre Augen zeigten ihnen Bilder, die Sanfolds Behauptung bestätigten.
Eine Kutsche fuhr ratternd die Straße entlang, die Häuser kündeten ebenso von der Wahrheit seiner Worte. Das hier war nicht ihre Zeit, in der sie lebten. Erstaunlich war, wie schnell die Beiden die Situation akzeptierten.
Sanfold blickte sich zunächst schweigend um. Er wusste genau, zu wem er wollte, doch dazu musste er erst einmal herausfinden, wo dieser jemand wohnte. Irgendwo hier musste es sein, so sie denn tatsächlich in Mortlake gelandet waren, und das exakt am 21. November 1582.
Taylor und McCrery schauten immer noch staunend in die Runde, als Sanfold sie aus ihren Gedanken riss.
„Wir müssen Kontakt zu jemandem aufnehmen um herauszufinden, ob Zeit und Ort stimmen. Macht eure Umhänge zu, Kapuzen auf und lasst ja niemanden eure Waffen sehen. Wir sind hier im 16. Jahrhundert, vergesst das nicht.“ Die Männer stülpten sich die Kapuzen über und zogen sie so weit wie möglich in die Gesichter, und betraten die Straße. In unmittelbarer Nähe war kein Mensch zu sehen.
An ein beliebiges Haus zu klopfen, wagte der Professor nicht, es könnte zu viel Aufmerksamkeit erregen. Man wusste ja nie, wer dort die Tür öffnete.
Sie liefen langsam los, in die Richtung, in der die Häuser dichter zu stehen schienen. Sanfold vermutete dort das Zentrum der kleinen Stadt.
Sie waren schon eine Weile unterwegs, als drei Kinder hinter ihnen die Straße entlang gerannt kamen. Sanfold hielt sie für zu klein, um sie anzusprechen. Sie würden bestimmt schreiend davonlaufen und gleich allen erzählen, dass drei schwarze Männer jemanden suchten.
Die Zeitreisenden gingen zur Seite und ließen die Plagegeister unbehelligt passieren.

Die Kinder rannten lachend und schreiend die Straße entlang in Richtung Zentrum. Um sich gegen die Kälte zu schützen, die zusammen mit der immerwährenden Feuchtigkeit des grauen Nebels schnell durch die Mäntel kroch, hüpften sie dabei ständig umher. Die drei Kinder waren auf dem Weg zum Marktplatz, wo sie darauf hofften, dass sie bei den Händlern die eine oder andere Leckerei ergattern konnten. Sie hatten es nicht nötig, auf dem Markt um irgendetwas zu betteln, aber es machte ihnen Spaß. Da sie im ganzen Ort bekannt waren, ließen sich einige der Händler auf dieses Spielchen ein, wussten sie doch, dass Anne, die Haushälterin der Carltons, mit ihren Einkäufen die kleinen Verluste wieder ausgleichen würde. Die Fröhlichkeit der drei Kinder erwärmte so manches Herz der Leute, die seit dem Morgengrauen ihre Ware feilboten. Das älteste Kind, William, war 6 Jahre alt, das jüngste, ebenfalls ein Knabe, der auf den Namen Robert hörte, gerade mal 3. Sie stammten allesamt aus dem Hause Carlton.
Ihr Vater, Richard Carlton, hatte sie mal wieder aus dem Haus gejagt, um in Ruhe an einer neuen Komposition arbeiten zu können. Richard Carlton liebte seine Kinder, jedes Einzelne. Doch es gab etwas, was er noch mehr liebte: die Musik. Und da gab es für ihn keine Kompromisse. Wenn er eine musikalische Eingebung hatte, dann bestand er auf Ruhe im Haus. Seine Frau Martha hatte sich damit abgefunden, abfinden müssen, denn von dem Geld, welches ihr Gemahl als Hofmusiker Ihrer Majestät Elisabeth I. verdiente, lebten sie nicht schlecht. Martha hatte zwar immer von einem großen Haus in London geträumt, doch sie hatte sich auch mit ihrer Bleibe in Mortlake abgefunden und arrangiert. Ihr Haus war groß genug, sie konnte sich eine Haushälterin und einen Diener leisten. Aber das Wichtigste, was Marthas Leben deutlich erleichterte, war die neue Kutsche, die ihr Mann angeschafft hatte.
Vor 18 Jahren kam Guilliam Boonen aus den Niederlanden an den Hof Ihrer Majestät und baute die erste Kutsche mit Federaufhängung in England. Seither war er der erste Kutschenmacher am Hofe Elisabeths und wer etwas auf sich hielt und es sich leisten konnte, reiste seit einigen Jahren in diesen deutlich bequemeren Kutschen.
Richard Carlton gehörte mit zu den Ersten in Mortlake, die sich so ein Gefährt zulegten, so musste er den Weg an den Hof Elisabeths nicht mehr auf dem Rücken eines Pferdes zurücklegen, sondern konnte während der Reise die Zeit in der Kutsche zum Arbeiten nutzen. Da er fast immer allein reiste, nur der Diener saß auf dem Kutschbock, liebte er die Fahrten nach London und erschuf dabei seine kreativsten Werke.
Auch Martha erfreute sich an der neuen Kutsche, denn so war es ihr möglich nach London zu reisen, wann immer es ihr beliebte. Außer natürlich, ihr Gemahl war selbst dorthin unterwegs.
Martha fuhr mindestens zweimal im Jahr nach London. Dann kaufte sie Stoffe, um aus diesen selbst die Kleider für ihre Kinder zu nähen. Außer William und Robert war da noch ein Mädchen, dem sie ihre Sonderwünsche bei der Wahl der Kleider immer gern erfüllte. Manchmal nahm Martha auch Aufträge für Näharbeiten an und besserte damit die Haushaltskasse auch noch ein wenig auf. Martha Carlton war in Mortlake bekannt für ihr Geschick im Umgang mit der Nadel.
So saß sie nun auch nähend am Fenster und wartete darauf, dass ihre Kinder mit lautem Getöse nach Hause kamen. Sie genoss zwar die Ruhe im Haus, war aber immer ein wenig beunruhigt, wenn die Kinder unterwegs waren. Obwohl Peter, der Diener, ihnen immer nachging und nach dem Rechten sah. Sie brauchte einfach das Leben um sich herum.
Aus dem ersten Stock vernahm sie nur die Klänge der Gambe, auf der Richard seine neuen musikalischen Ideen zum Ausdruck brachte.
Martha war gänzlich in ihre Arbeit vertieft, als sie etwas erschreckte. Sie wusste nicht, was es war, aber das Pochen ihres Herzens sagte ihr, dass etwas nicht stimmte. Da war etwas mit dem Licht! Als ob es für einen Moment heller geworden wäre. Aber das konnte nicht sein, der Himmel war grau und verhangen, nicht der kleinste Sonnenstrahl hatte eine Chance, sich durch eine Lücke in der Wolkenwand zu stehlen.
Aber was war es dann?
Ob ihr Nachbar, dieser Sir Dee wieder mit seinen Kristallen experimentierte? Hat er vielleicht wieder angeblich Engel gesehen? Martha musste kichern. Sir Dee glaubte laut Aussage seiner Frau Jane tatsächlich daran, dass er Kontakt zu Engeln herstellen konnte. Seit dieser seltsame Mr Kelly bei den Dees wohnte, behauptete John Dee das jedenfalls.
Arme Jane. Martha hatte sich mit Dees Frau, die nur wenig älter war als sie selbst, angefreundet und hörte sich Janes Klagen immer mit viel Verständnis aber noch mehr Unglauben an. Helfen konnte sie Jane aber nicht.
Da die Dees viele Kinder hatten, acht an der Zahl, hatten die beiden Frauen aber immer genug andere Sorgen, über die sie sich austauschen konnten und Martha belastete sich nicht mit den Problemen, die John Dee seiner Frau manchmal bereitete. Streng genommen dürfte sie darüber gar nichts wissen. Jane ermahnte sie immer wieder zur Verschwiegenheit.
John Dee stand ebenso wie Richard Carlton in der Gunst der Königin, er war ihr astrologischer, wissenschaftlicher und geografischer Berater, und das reichte Martha aus, um ein friedliches Leben mit den Dees als Nachbarn zu führen.
Martha schaute nochmals aus dem Fenster, aber die plötzlich aufgetretene Helligkeit wiederholte sich nicht. Da sie nichts Außergewöhnliches bemerkte, widmete sich die Frau wieder ihrer Näharbeit. Lange Zeit blieb ihr dafür nicht mehr, denn es war November und das Tageslicht verging für Marthas Geschmack viel zu schnell.
Mit Einbruch der Dämmerung erwartete sie ihre Kinder zurück, dann hätte sie sowieso keine Zeit mehr zum Nähen.
Es war etwa eine halbe Stunde vergangen, als Martha erneut zusammen zuckte.
Da ... da war es wieder, dieses seltsame Licht. Deutlicher diesmal, denn die Dämmerung hatte unterdessen eingesetzt.
Martha stand auf und blickte aus dem Fenster. Doch da war nichts. Alles war ruhig, niemand zu sehen. Trotzdem lauschte die Frau in die Stille hinein, denn nun sorgte sie sich langsam um ihre Kinder. Sie mussten bald zu hören sein. William war sehr zuverlässig, was Pünktlichkeit anging.
Martha schaute zum Himmel hinauf. Die dicken grauen Wolken machten es aber unmöglich festzustellen, ob die Dämmerung wirklich schon begann oder ob nur die graue Wand das Tageslicht schluckte. Sie lief nun im Zimmer auf und ab, von einer inneren Unruhe getrieben, und sah immer wieder aus dem Fenster. An die Arbeit mit Nadel und Faden war im Moment gar nicht zu denken.
So verging geraume Zeit, nur untermalt von den leisen Klängen, die aus dem Arbeitszimmer ihres Gemahls aus dem 1. Stock drangen.

Die Carlton-Kinder hatten ihren Beutezug erfolgreich beendet und knabberten jedes an einem Apfel. Charles, der Obst- und Gemüsehändler, bei dem Anne, die Haushälterin der Carltons, oft einkaufte, hatte den Kindern diese kleine Freude gemacht.
Nun schlenderten sie ihrem Elternhaus entgegen, nicht ohne dabei ständig nach links und rechts zu hüpfen, um auch wirklich kein Mäuschen oder Vögelchen zu verpassen und natürlich um warm zu bleiben. Peter blieb für die Kleinen wie immer unsichtbar, da er ihnen abseits der Straße folgte.
Sie waren fast zu Hause angekommen, konnten das Dach ihres Elternhauses schon sehen, als sie starr vor Schreck stehen blieben. Plötzlich schien es noch kälter zu werden und etwas abseits der Straße flammte kurz ein grelles Licht auf. Nur für den Bruchteil einer Sekunde, aber das war nur der Anfang. Da, wo eben das Licht war, standen nun zwei Menschen und sahen sich erschrocken um.
Die Kinder starrten die Fremden an, die Fremden die Kinder. Gelähmt vor Schreck brachten sie zunächst keinen Laut über die Lippen. In den Augen der Kinder sahen die Fremden aus wie Gespenster. Solch eine Kleidung, die diese trugen, hatten sie noch nie gesehen. Die Kinder konnten kaum erkennen, ob in den Kleidern nun Männer oder Frauen steckten, denn auch die Haare trugen diese beiden sehr seltsam.
Aber die Carlton-Kinder wären nicht die Carlton-Kinder, wenn sie der Sache nicht auf den Grund gingen. Sie waren wohlbehütet aufgewachsen und erkannten eine Gefahr nicht, selbst wenn sie direkt vor ihnen stand. Die Kleinen rückten trotzdem enger zusammen, als William die Fremden ansprach.
„Wo kommt ihr denn auf einmal her?“, fragte er forsch.
Dan und Claire, die nicht minder erschrocken waren über die Anwesenheit dieser Kinder, sahen sich kurz an, dann antwortete Claire.
„Hallo. Wir sind Reisende von weit, weit her und haben uns wohl verlaufen. Könnt ihr uns sagen, wo wir hier sind?“
Die Kinder kicherten. Was die Frau – sie hatten aus der Stimmlage geschlossen, dass es sich um eine Frau handelte – sagte, klang aber auch zu komisch. Sie verstanden wohl jedes Wort, doch wie sie es sagte, hörte sich sehr seltsam an.
William fasste sich wieder ein Herz und antwortete.
„Das hier ist Mortlake, das weiß doch jedes Kind.“
„Mortlake?“, fragte Claire nach.
„Mortlake. England. Nicht weit von London“, bestätigte William nochmals etwas altklug.
„Klar, Mortlake“, fügte Dan nun hinzu, als ob er es von Anfang an gewusst hatte. Was ja auch so war, aber bei den Zeitreisen blieb von der Theorie in der Praxis oftmals nicht viel übrig, wie die Timetraveller aus ihren vergangenen Reisen sehr wohl wussten. Bisher hatte sie die Zeitmaschine nur selten dahin gebracht, wo sie hinwollten, genauer gesagt funktionierte das erst, seit Roger Müller seine Finger im Spiel hatte.
In diesem Moment hörten sie die Rufe einer Frau.
„William? Kathy? Wo bleibt ihr denn?“
„Das ist Mam. Wir müssen nach Hause, sie sorgt sich sonst um uns und wenn wir nicht pünktlich sind, dürfen wir morgen nicht allein hinaus“, erklärte das Mädchen, dass wohl nach William das zweitälteste Kind war. Dass Peter ihnen immer folgte, ahnten die Kleinen ja nicht.
„Hm, das müsst ihr dann wohl“, bemerkte Claire.
„Kommt doch mit“, schlug das Mädchen kurzerhand vor. „Wenn ihr euch verlaufen habt, kann Mam euch vielleicht helfen. Oder Pa, er hat nämlich eine Kutsche“, fügte sie mit spürbarem Stolz in der Stimme hinzu. William knuffte sie in die Seite, er war von dem Vorschlag offensichtlich nicht begeistert. Aber Kathy, das Mädchen, welches ihn unterbreitet hatte, ließ sich deshalb nicht davon abhalten, die Fremden nochmals einzuladen. „Los, kommt mit.“
Die beiden Jungs waren unterdessen schon voraus gegangen und bereits in Laufschritt verfallen, um schnell in die Geborgenheit ihres Heimes zu gelangen, als sie den Diener erblickten, der auf sie zukam. Kathy hoffte noch, dass die Fremden sie begleiteten. Das Mädchen spürte einfach, dass von diesen keine Bedrohung ausging und war viel zu neugierig, ihre Geschichte zu erfahren, um über die Folgen ihrer Einladung nachzudenken.
Dan und Claire waren sich nach einem kurzen Blickkontakt einig. Sie wussten, dass sich hier eine Chance bot, etwas über diese Zeit zu erfahren um eine Vorstellung zu bekommen, was Sanfold hierher verschlagen hatte. Außerdem witterten sie eine Möglichkeit, die Nacht nicht unter freiem Himmel verbringen zu müssen, wussten sie doch noch nicht, wie lange sie hier würden bleiben müssen.
Sie gingen mit dem Mädchen in ihr Zuhause.
Nach etwa 50 Metern erreichten sie das Haus der Carltons. Die Selbstverständlichkeit, mit der Kathy die Fremden in das Haus bat, verwunderte die Zeitreisenden schon sehr, doch nahmen sie die Einladung am Ende dankbar an.
Als sie das Haus betraten, war Martha gerade dabei, den Kleinen aus den feuchten Kleidern zu helfen. Sie sprach dabei sehr warmherzig zu ihren Kindern und brachte mit jeder Geste ihre Liebe zu ihnen zum Ausdruck. So eine intensive familiäre Harmonie hatten die beiden Menschen aus der Zukunft lange nicht erlebt.
Kathy schwatzte lebhaft auf ihre Mutter ein und erklärte ihr, dass sie Gäste mitgebracht hatte, die sich in Mortlake verlaufen haben. Dabei musste das Mädchen wieder kichern. Offensichtlich war es in ihren Augen eine große Dummheit, sich gerade in diesem Ort zu verlaufen. Claire und Dan wussten ja nicht, dass Mortlake nicht größer als ein Dorf war. Anhand der recht imposanten Wohnhäuser, die die Straße säumten, glaubten sie, in einer großen Stadt gestrandet zu sein. Aber das täuschte. Mortlake war eine gute Wohngegend, aber es lebten nur wenige Familien hier. Die meisten betuchteren Leute suchten ein Heim in London. Vor allem, um sich weite Wege zu ersparen.
Nachdem Martha ihre Kinder versorgt hatte, rief sie nach Anne, damit sie sich nun ihrer annahm.
„Gib ihnen etwas zu trinken, sie werden nach ihrem Ausflug durstig sein“, sagte sie und entließ die Haushälterin mit den Kindern in den großen Raum, der sich an das Ende des langen Flures anschloss.
Dann drehte sie sich zu den beiden Fremden um. „Darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe?“, fragte sie schüchtern und bestimmend zugleich.
Claire erkannte, dass die Frau ein wenig Angst hatte.
„Liebe Frau“, begann Claire und kam sich bei der Anrede etwas komisch vor, denn die Angesprochene war allerhöchstens genauso alt wie sie selbst, „wir sind Reisende und haben uns hoffnungslos verlaufen.“
„Dabei haben wir unsere Begleiter verloren, die wir nun unbedingt finden müssen“, fuhr Dan fort. „Es sind drei Herren, die aussehen wie Kleriker. Sie tragen schwarze Roben. Habt Ihr sie vielleicht gesehen?“
Martha schüttelte den Kopf. „Nein. Aber kommt doch erst einmal herein.“ Sie öffnete eine Tür zu ihrer Rechten und bat die Gäste in den angrenzenden Raum. Er war nicht sehr groß, aber sehr gemütlich eingerichtet. Offensichtlich handelte es sich um eine Art Frauenzimmer. In der Nähe des Fensters türmten sich Stoffe und Nähzeug, die Frau war wohl eine Schneiderin. Claire fiel ein, dass sie sich noch gar nicht vorgestellt hatten.
„Ich heiße Claire Bancroft“, sagte sie in die eingetretene Stille, „Sagen Sie bitte Claire zu mir. Und das ist Daniel Simon.“
„Dan, Sie können mich Dan nennen“, warf dieser gleich noch ein. Mit seinem vollen Namen hatte ihn schon seit Ewigkeiten niemand mehr angeredet.
„Claire und Dan“, wiederholte Martha. Sie sprach die Namen etwas gestelzt aus, sie waren ihr nicht geläufig.
„Mein Name ist Martha Carlton. Ich bin die Gemahlin des Hofmusikers Ihrer Majestät Richard Carlton“, erwiderte sie stolz und wartete auf einen erkennenden Blick in den Gesichtern der Fremden. Doch da sah sie sich getäuscht. Sie hatten den Namen scheinbar noch nie gehört. Was eigentlich auch kein Wunder war. Robert war 24 Jahre alt und stand erst seit 2 Jahren im Dienste des Hofes. Vorher gehörte er zu den Chorknaben, bis er diese selbst unterrichtete um dann Organist in der Norwich Cathedral zu werden. Dieser Posten hatte ihm die Gunst der Königin und damit das Haus hier in Mortlake eingebracht. Tatsächlich war der Titel Hofmusiker ihrer Majestät gar nicht zutreffend, aber Martha sonnte sich gern im Ruhme ihres Gatten.
„Ihr seht so seltsam aus. Eure Kleidung ... so etwas habe ich noch nie gesehen“, wagte die Hausherrin zu sagen.
„Nun, äh ... das liegt vielleicht daran, dass wir von ... sehr weit her kommen“, versuchte Dan zu erklären. Ein wissendes Lächeln stahl sich in Marthas Gesicht. Sie hatte das Zögern sehr wohl bemerkt, sagte aber nichts. Sie ahnte, dass sie ihr nicht die volle Wahrheit sagen würden, dachte aber bei sich, dass die Fremden nur aus dem fernen Italien stammen konnten. Das würde auch ihren furchtbaren Dialekt erklären. Sie hatte viel über dieses Land gehört und wusste, dass die Menschen dort anders lebten als hier in England. In Italien soll angeblich der Fortschritt Einzug gehalten haben.
Was Martha nun aber mit Sicherheit wusste, war, dass die Beiden ihre Hilfe brauchten. Sie selbst geriet bei diesem Gedanken in eine gespannte Erwartungshaltung. Sie spürte, dass mit den Fremden etwas Ablenkung, vielleicht sogar ein Abenteuer auf sie zukamen. Etwas, wovon sie seit ihrer Heirat mit Robert träumte. Seit sie verheiratet war, hatte sie ihre eigene Freiheit aufgeben müssen. Wie oft beneidete sie ihre Kinder, wenn sie draußen herumtobten, Erkundungszüge unternahmen oder auf dem Markt herum strolchten. Das blieb ihr als verheirateter Frau natürlich verwehrt.
Und nun traten diese beiden Leute in ihr Leben und versprachen zumindest für eine kurze Zeit ein wenig Abwechslung. Dafür war Martha bereit, das Risiko auf sich zu nehmen und ihnen zu helfen. Und dass sie Hilfe brauchten, sah sie ihnen förmlich an.
Martha gab sich einen Ruck und wandte sich ihren Gästen direkt zu.
„Was macht Ihr hier? Ich sehe Euch an, dass Ihr nicht hierher gehört.“
Claire wurde rot, als sie antwortete. „Wir suchen jemanden. Eben jene drei Männer in den schwarzen Roben. Sie besitzen etwas, das uns gehört und wir wollen es uns wieder holen.“
„Wir vermuten, dass wir hier fündig werden. Die Spur führte uns genau hierher“, warf Dan noch ein.
„Hierher?“, fragte Martha erstaunt. „Ihr müsst Euch irren. In diesem Ort passiert nichts, ohne dass jedermann davon erfährt. In Mortlake wohnen fast nur Familien, die sich das auch leisten können und man kennt sich. Jeder Fremde ... so wie Ihr ... würde sofort auffallen. Schon bald wüsste die halbe Stadt davon.“
„Wir sind doch auch hier und niemand weiß es“, unterbrach Claire die Überlegungen der Frau.
„Ja, das seid Ihr. Was glaubt Ihr aber, was passiert, wenn die Kinder morgen das Haus verlassen?“
„Oh ...“ Mehr fiel der Zeitreisenden dazu nicht ein.
„Es ist ja nicht nur, dass Ihr Fremde seid. Schaut Euch einmal an. Eure Kleidung, Eure Haare ... Ihr schaut aus, als würdet Ihr aus einer anderen Welt kommen.“ Martha ahnte nicht, wie nahe sie der Wahrheit kam, ohne es zu wissen. „Aber ich sehe nichts Böses an Euch. Auch wenn Ihr mir nicht die ganze Wahrheit sagt, spüre ich, dass ihr nichts Schlechtes im Schilde führt. Deshalb will ich Euch auch helfen.“
Dan und Claire fiel ein Stein vom Herzen. Damit hatten sie in dieser Zeit nicht gerechnet. Diese Unkompliziertheit überraschte sie. Claire erkannte, dass das Menschenbild, welches sie während ihres Studiums über das Elisabethanische Zeitalter vermittelt bekommen hatte, der Wahrheit entsprach. Zumindest im Fall von Martha. Sie war offen für Neues und Unbekanntes. Genau die Züge, die dieser Zeit letztendlich zu all dem Fortschritt verholfen hatten. Die Neugierde der Engländer dieser Zeit spiegelte sich unter anderem darin wider, dass sie dabei waren, die ganze Welt für sich entdecken zu wollen. Claire fiel ein, dass Francis Drake, der legendäre Weltenumsegler, erst vor 2 Jahren von eben dieser Reise zurück gekehrt sein müsste. Martin Frobisher erforschte zu diesem Zeitpunkt vielleicht gerade die Arktis und William Raleigh versuchte gerade, Nordamerika zu besiedeln. Dann fiel der Geschichtsstudentin auch noch Shakespeare ein, der in dieser Zeit seine bekanntesten Werke verfasste. Ja, diese Zeit in England war vom Fortschritt geprägt, auch wenn die Erfolge dieser Bemühungen sich erst viel später einstellen sollten. Aber dieser Blick nach vorn übertrug sich scheinbar auch auf die Bevölkerung, jedenfalls auf die besser betuchte, die es sich leisten konnte, darüber nachzudenken.
„Zuerst einmal“, unterbrach Martha Claires gedanklichen Ausflug in diese Zeit, „braucht ihr andere Kleidung. Mit dem, was Ihr tragt, fallt Ihr auf wie … ach, ich weiß nicht, aber so jemanden wie Euch habe ich noch nie gesehen. Meine Güte, wer schneidert so etwas?“, fragte sie unvermittelt.
„Äh, hm ... nun, diese Kleidung ist gut, bequem und warm ...“ Claire wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Dan schaute interessiert auf seine Schuhe.
„Das soll bequem sein?“, zweifelte Martha. Sie konnte sich nicht vorstellen, was an diesen Beinkleidern bequem sein sollte. Sie kannte keinen Mann und schon gar keine Frau, die sich durch ein Beinkleid derart einzwängen lassen würde. Sie konnte sich das beim besten Willen nicht vorstellen.
Während die Zeitreisenden aber bestätigend nickten, ging Martha zu einer Truhe, öffnete diese und wühlte darin herum. Kurz darauf hielt sie Claire ein Kleid entgegen, welches ihrem eigenen vom Schnitt her nicht unähnlich war.
„Was ...?“, fragte die Studentin. „Nein!“
Dan kicherte, obwohl er schon ahnte, dass ihm ein ähnliches Schicksal bevorstand. Deshalb ging er einen Schritt auf Martha zu und sagte: „Gute Frau, das können wir nicht annehmen, und es wird auch nicht nötig sein. Es wird schon dunkel, da sieht uns niemand mehr. Und morgen sind wir schon wieder unterwegs.“
„Wenn Ihr vielleicht zwei alte Mäntel oder Umhänge für uns hättet, die würden vollauf genügen“, sagte Claire noch. Martha hatte ja recht, mit ihren Uniformen würden sie nur Aufmerksamkeit erregen, wenn jemand sie sah. Auch in der Dunkelheit.
Martha sah auf, musterte die Beiden und nickte. „Das lässt sich machen. Aber sagt, was habt Ihr vor?“
„Wir müssen die drei Männer finden, die uns unsere ... äh ... etwas gestohlen haben. Sie sind vor uns hier angekommen. Ist Euch nichts aufgefallen?“
Martha schüttelte den Kopf.
„Sie sehen genauso fremd aus wie wir. Eure Kinder ... vielleicht haben die etwas bemerkt?“, hakte Dan nach. „Drei fremde Männer, die in schwarze Roben gekleidet sind, können doch nicht unbemerkt geblieben sein.“
„Nein, nein, dann hätten die Kleinen sofort davon erzählt. Oder sie mitgebracht wie Euch auch“, sagte die dreifache Mutter lächelnd. Sie kannte ihre Kinder, vor denen blieb nichts verborgen. „Außerdem waren sie auf dem Markt und kehrten erst mit Euch zurück.“
Dan und Claire waren ratlos. Wie hatten es Sanfold und seine Bluthunde geschafft, hier so schnell und unbemerkt zu verschwinden?
Martha hatte Vertrauen zu den Zeitreisenden gefasst und erinnerte sich an ihre Pflichten als Gastgeberin.
„Lasst uns zunächst zu Abend essen, dann sehen wir weiter. Ihr seid sicher hungrig“, stellte sie fest und drehte sich auch schon um, ging zur Tür und rief nach Anne. Trotz des Lärms, den die Kinder verursachten, indem sie alle drei durcheinander redeten, hörte Anne den Ruf sofort und kam herbei geeilt.
„Anne, wir haben Gäste zum Essen. Leg bitte zwei Gedecke mehr auf“, instruierte die Hausherrin sie. Anne nickte einfach nur und ging wieder davon. Martha drehte sich um und musterte die Fremden. Ob sich ihr Gemahl auch so tolerant zeigte? Sie konnte die Gäste nicht in andere Kleider zwingen und dass sie sich mit den Umhängen an den Tisch setzten, kam nicht in Frage.
„Ich lasse Euch einen Moment allein“, sagte sie plötzlich. „Ruht Euch noch etwas aus. Ich bin bald zurück. Ach, und bleibt bitte vom Fenster fern“, sagte sie noch und verschwand durch die Tür.

„Dan, das ist die Gelegenheit, um uns bei Ken und Markui zu melden. Los, probieren wir es.“
„Hm, aber lass uns nur mit ihnen reden. Die Frau ist bestimmt gleich wieder hier. Wir wollen sie doch dann nicht erschrecken“, antwortete der Angesprochene feixend, als er die drei Drohnen in der Hand hielt.
Sie schalteten die Kommunikationsgeräte, die in ihre Uhren eingebaut waren, ein und warteten auf Empfang. Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis sie Kens Stimme vernahmen.
„Na, ihr beiden, alles in Ordnung bei euch?“, fragte er wie beiläufig. Er hatte Claire versprechen müssen, sich keine unnötigen Sorgen zu machen. Im Gegenzug wollte Claire ihn über jedwede Gefahr, die ihnen drohte, sofort informieren, so dass sie zwischendurch relativ entspannt kommunizieren konnten. Markui hatte Claire erzählt, wie nervös Ken während ihrer ersten Reise ohne ihn war, was sicher nicht förderlich für seine Genesung war. Nun versuchten alle Beteiligten, sich keinen unnötigen Stress durch irgendwelche Spekulationen zu machen, sondern sich gegenseitig schnell und umfassend zu informieren.
„Hi, Ken. Ja, hier ist alles ganz easy im Moment. Wir sind in einer Familie untergekommen, die kein Problem mit uns hat. Man glaubt kaum, dass diese Leute im 16. Jahrhundert leben. Jetzt warten wir auf das Abendessen“, gab Dan Auskunft.
„Abendessen? Hey, das hört sich nach einer Urlaubsreise an. Schickt ihr mir eine Karte?“ Alle lachten. „Aber im Ernst“, fuhr Ken fort, „habt ihr Sanfold schon gefunden?“
„Nein“, antwortete Claire. „Aber er kann nicht weit sein. Martha, die gute Seele dieses Hauses hier, hat alles fest im Griff. Sie wird uns helfen.“ Claire gab sich zuversichtlich.
„Und wenn alles nichts bringt, dann musst du ran, alter Junge. Aber wir wollen die Leute hier noch nicht mit unserem technischen Spielzeug erschrecken. Also heben wir uns das als unseren Telefonjoker auf, okay?“, warf Dan noch ein.
Auf dem Flur waren Schritte zu hören.
„Wir müssen Schluss machen. Bis dann ...“ Blitzschnell hatten die Beiden die Geräte ausgeschaltet und die Uhren wieder unter ihren Ärmeln verborgen. Keine Sekunde zu früh, denn die Tür öffnete sich fast im gleichen Atemzug.
Herein traten Martha und ein grimmig dreinschauender junger Mann, ebenfalls im Alter der Timetraveller. Es handelte sich um niemand anderen als Marthas Gemahl. Er hielt die Luft an, seine Augen weiteten sich. Dann donnerte er los.
„Was? ... Wer? ... Wie seht Ihr denn aus?“
Martha hatte ihm erzählt, was ihn erwartete, doch er hatte es sich nicht vorstellen können.
„Guten Abend, Sir.“ Mehr brachte Dan nicht heraus. Claire neigte den Kopf nur ein wenig. In ihren Augen sah der Herr des Hauses äußerst lächerlich aus mit seinen Strümpfen und der Heerpauke, wie die kurzen, aufgepolsterten Hosen genannt wurden.
Robert sah seine Frau hilflos an. Sie nahm seine Hände und redete leise auf ihn ein. Er beruhigte sich zusehends, dabei klärte sich auch sein Blick und die Studenten sahen das weiche Gemüt unter der eben noch so erschrockenen Maske.
„Ihr seid also die fremden Reisenden, gut. Wenn meine Gemahlin sagt, dass Ihr hier bleiben könnt, dann ist das so. Willkommen im Hause Carlton.“ Er schaute seine Frau nochmals liebevoll und voller Vertrauen an.
„Lasst uns speisen und dann erzählt uns, was Euch hierher verschlagen hat. Dass Ihr nicht hierher gehört, könnt Ihr ja nicht leugnen“, sprach Martha. Robert lachte, öffnete die Tür und bat Frau und Gäste hinaus.
Sie betraten einen Raum gegenüber. Es war für vier Personen eingedeckt. Claire wunderte sich darüber. Aßen die Kinder nicht mit ihren Eltern zu Abend?
„Anne kümmert sich heute Abend um die Rasselbande. Wir wollen die Kleinen nicht noch mehr verwirren, sie reden die ganze Zeit schon nur von Euch. Ich glaube nicht, dass das gut für die Kinder ist“, erklärte Martha die Lage, als sie Claires verwunderten Blick bemerkt hatte.
Sie nahmen Platz und aßen zunächst mehr oder weniger schweigsam. Beim Anblick der einfachen und doch so herrlich duftenden Speisen lief den Timetravellern das Wasser im Munde zusammen und sie langten herzhaft zu. Besonders das Brot schmeckte ihnen köstlich.

Die Dämmerung legte sich allmählich über Mortlake. Sanfold und seine beiden Handlanger hatten den Ort einmal komplett durchschritten und der Zufall hatte ihnen die Adresse von John Dees Wohnhaus verraten. Es war auf dem Markt, als sich einige Frauen über einen gewissen Mr Kelly unterhielten und dabei ihren Unmut über ihn zum Ausdruck brachten. Kelly war offensichtlich nicht gern gesehen in dieser ach so feinen Wohngegend.
Die Tratschweiber weihten gerade eine junge Frau in ihren Ärger ein, die bisher noch nichts von dem Mann mit den abgeschnittenen Ohren gehört hatte. Gesehen hatte sie ihn schon, aber er trug ständig eine runde Kappe, unter der er seine Verstümmelung verbarg.
„Wir müssen dahin zurück, wo wir gelandet sind“, sagte Sanfold mit einem überheblichen Grinsen auf den Lippen. Er beherrschte die Zeitmaschine perfekt, er konnte sie tatsächlich ortsgenau programmieren. Er hatte nur den Ort und den Namen gewusst und die Maschine hatte die Zeitreisenden direkt vor die Haustür der gesuchten Person gebracht. Sanfold war mit sich zufrieden.
Sie gingen den ganzen Weg zurück. Dabei bestaunten sie immer wieder Dinge, die sie aus ihrer Zeit nicht kannten und hier noch nicht vermutete hätten. Ihnen erschien vieles schon sehr modern, die Häuser sahen gepflegt aus, selbst die Gärten und Grünflächen zeugten von Kultiviertheit. Wäre jetzt noch ein Auto um die Ecke gefahren gekommen, Taylor und McCrery hätten sich nicht gewundert. McCrery nahm sich insgeheim vor, sich über das Elisabethanische Zeitalter zu informieren, wenn er wieder zu Hause war. Er ahnte ja nicht, dass sie erst am Beginn einer langen Reise durch noch viel unvorstellbarere Zeiten waren.
Er würde sich viel früher nach dieser Kultiviertheit zurück sehnen, als er dachte.
Als sie am Ausgangspunkt ihres Erkundungsganges ankamen, hatte sich die Dunkelheit über den Ort gebreitet. Hinter vielen Fenstern flackerte dämmriges Kerzenlicht, welches die Straßen aber nicht mit erhellen konnte. Die drei Männer fröstelten. Sanfold sah sich immer wieder mit gehetzten Blicken um.
„Was ist los? Angst vor Verfolgern?“, fragte Taylor ihn mit seiner scheußlich krächzenden Stimme. Es schmerzte ihn immer noch jedes Wort, aber nicht mehr so intensiv wie noch vor wenigen Stunden.
Sanfold schüttelte den Kopf. Doch dann erschien es ihm klüger, seine Begleiter in seine Bedenken einzuweihen, damit auch sie immer wachsam blieben.
„Ich traue diesen Studenten nicht. Sie sind klug, zu klug. Und es würde mich nicht wundern, wenn sie einen Weg gefunden haben uns zu folgen.“
„Ach was, wie sollen die uns ohne Zeitmaschine folgen?“, wandte McCrery ein.
„Vergiss nicht, sie haben den Weg zurück nach Kansas City auch irgendwie bewerkstelligt. Und da hatte ich die Maschine schon in meinem Besitz.“ Je länger Sanfold darüber nachdachte, umso unruhiger wurde er. Wie hatten die Studenten ihm tatsächlich folgen können? Zuerst hatte er geglaubt, dass er sie ungewollt mitgenommen hatte, doch je mehr er darüber nachdachte, umso unwahrscheinlicher erschien ihm diese Theorie. Sie hätten Kontakt zu dem Zylinder haben müssen, doch dem war nicht so. Und dass er sie mittels seiner Magie mit befördert hatte, schloss er ebenfalls aus.
Was ihn erst stutzig gemacht hatte, war ihr überhebliches, selbstsicheres Auftreten. Er hatte gespürt, dass diese jungen Leute nicht so hilflos waren, wie sie ihn glauben machen wollten. Und deshalb vermutete er, dass sie auch den Weg hierher schaffen könnten. Bis jetzt blieb sein Verdacht jedoch unbegründet. Deshalb widmete er sich wieder dem, weshalb er in diese Zeit gereist war – John Dee!
Sie standen vor seinem Haus, welches der Astrologe und Wissenschaftler seit 1580 bewohnte. Derzeit lebten außer ihm noch seine jetzige Frau Jane, seine Kinder, allesamt noch sehr klein, und Edward Kelly mit seiner Frau in diesem Haus. Dee und Kelly widmeten die meiste Zeit ihren Engelsbeschwörungen und John Dee trug derzeit eine der größten privaten Bibliotheken zusammen, die diese Zeit hervorgebracht hatte. Sanfold wusste aber auch, dass dieser Schatz an Büchern und Folianten den Plünderern zum Opfer fiel, die kurz nach seiner Abreise nach Polen im Jahr 1583 einen großen Teil davon zerstörten, genau wie viele seiner wertvollen Instrumente und der Einrichtung des Hauses. Die Tratschweiber auf dem Markt waren nur der Anfang, der Hass auf, aber auch die Angst vor John Dee gipfelte darin, dass die Einwohner von Mortlake den Wissenschaftler am Ende für einen Zauberer hielten.
„Und was machen wir jetzt? Wollen wir anklopfen und nach dem Stein fragen?“, fragte McCrery, dem Sanfold allmählich gewaltig auf den Zeiger ging mit seiner Geheimniskrämerei und Schweigsamkeit. Das Einzige, was der Professor bisher hatte verlauten lassen, war, dass er einen Stein suchte. McCrery reimte sich natürlich genau wie Taylor zusammen, dass sie nicht wegen irgendeines Steines in die Vergangenheit gereist waren, aber etwas Konkretes wussten sie nicht. Und Sanfold schien sich in der Rolle des Alleinwissers zu gefallen.
„Natürlich nicht“, blaffte der Professor sofort. „Wir müssen herausfinden, wer sich alles im Haus befindet und dann unser weiteres Vorgehen genau planen. Freiwillig wird uns den Stein niemand geben.“
„Vielleicht ist es an der Zeit, dass du uns endlich mal erzählst, um was für einen Stein es sich handelt und was für Leute hier eigentlich wohnen“, warf McCrery verärgert ein.
Sanfold musterte ihn mit einem stechenden Blick. Sollte er sich in dem Riesenbaby geirrt haben? Steckte da doch mehr Intelligenz in dem Fleischberg, als er auf den ersten Blick vermutet hatte? Er stellte auf alle Fälle zu viele Fragen und das gefiel Sanfold nicht. Er begann an seiner Entscheidung zu zweifeln, Taylor und vor allem diesen McCrery mitgenommen zu haben.
„Später“, antwortete er dann auch nur kurz. „Jetzt ist keine Zeit dafür. Vertrau mir einfach, dann passiert dir nichts.“
McCrery hatte den wütenden Blick bemerkt. Nein, die richtige Zeit war das hier keinesfalls, aber wenn sie wieder in Kansas City im Jahr 2006 angekommen waren, dann würde der Professor reden. Ob es ihm dann passte oder nicht.
„Wir umrunden das Haus. Schaut in jedes Fenster und prägt euch alles genau ein“, wies Sanfold seine Begleiter an. „Wir treffen uns auf der Rückseite.“ Er wandte sich nach rechts, Taylor und McCrery gingen links herum.
Etliche Fenster waren dunkel, dahinter konnten sie folglich auch nichts erkennen. Auf der linken Seite gab es gerade ein Fenster, hinter dem Sanfolds Helfer einen Raum erkannten, in dem eine Frau bei flackerndem Kerzenlicht mit dem Rücken zum Fenster saß und auf irgendetwas schaute, was sie in den Händen hielt. Es könnte ein Buch sein, vielleicht auch eine Handarbeit. Das konnten die Männer nicht erkennen.
Sie schlichen weiter und gelangten hinter das Haus. Aus einem Fenster dort drang das Geschrei von Kindern, vermischt mit Lachen und dem auffordernden Ruf einer Frauenstimme um etwas mehr Ruhe.
Bisher hatten Taylor und McCrery nur Frauen und Kinder ausfindig gemacht, doch plötzlich hörten sie eine männliche Stimme, die kurze, abgehackte und völlig unverständliche Laute von sich gab. Sanfold war ebenfalls an der Rückseite des Hauses angelangt.
„Ja, gut“, kam die Antwort eines anderen Mannes. Dann ein Stöhnen, das die erste Stimme verursachte, und dann die Worte „Schluss für heute“. Es flackerte kurz in dem Raum, aus dem die Stimmen drangen, dann klappte eine Tür. Mindestens einer der Männer hatte den Raum verlassen.
McCrery blickte erwartungsvoll zu Sanfold.
„Ist er das?“, fragte er leise.
„Das will ich hoffen“, antwortete der Angesprochene im Flüsterton. Taylor ging unterdessen ein paar Schritte von der Hauswand weg und versuchte, einen Blick in das Fenster zu erhaschen. Da das Haus in einen Hang hinein gebaut war, standen die drei Männer nun höher und mit etwas Mühe oder einer kleinen Leiter konnten sie die Fenster in der ersten Etage erreichen.

John Dee und Edward Kelly hatten sich wie fast jeden Abend in Johns Studierzimmer verschanzt und sich jede Störung verboten. Agatha, die Haushälterin, kümmerte sich um die Kinder, aß mit ihnen zu Abend und bereitete die Kleinen auf die Nachtruhe vor.
Seit dieser Edward Kelly mit seiner Frau bei den Dees wohnte, hatte sich Janes Leben grundlegend verändert. Er bestimmte jetzt den Tagesablauf ihres Gemahls, er beschlagnahmte John fast jeden Abend, so dass Jane sich oftmals an die Zeit erinnerte, als John auf Reisen war und sie allein mit den Kindern zurückblieb. Kellys Frau war viel älter als Jane und zog sich die meiste Zeit in ihr Zimmer zurück. Manchmal glaubte Jane, dass sie sich für ihren Mann schämte. Kinder hatten die Beiden nicht.
Manchmal fürchtete sich Jane in ihrem eigenen Haus, besonders, wenn sie die seltsame Stimme Edwards hörte, die in einer ihr völlig unbekannten Sprache wie wirr daher redete. Sie hatte John vor kurzer Zeit das Geständnis abgerungen, dass die beiden Männer abends Engel beschwören würden und mit ihnen sprachen. Jane war entsetzt, musste aber im Gegenzug absolute Diskretion schwören. Seitdem hatte sie Angst um ihren Mann. Sie fürchtete, dass dieser Edward Kelly einen so großen Einfluss auf John hatte, dass dieser langsam verrückt werden würde. Die Veränderungen, die Jane an John wahrnahm, ließen keinen Zweifel an ihrem Verdacht zu. Doch wenn sie mit ihrem Gemahl darüber sprechen wollte, tat er jedes Mal so, als sei alles in bester Ordnung und er stünde gerade vor einer großen Entdeckung.
Jane glaubte ihm kein Wort.
Im Lauf des Sommers hatte Jane Martha Carlton in ihre Probleme eingeweiht. Martha musste ihr ebenfalls Stillschweigen darüber versprechen. Jane mochte die Frau des Musikers Carlton. Sie war zwar fast noch ein Kind, hatte aber schon drei Kinder und die Frauen tauschten sich gern über die Freuden und Sorgen mit den Kleinen aus. So hatten sie sich im Lauf der Zeit angefreundet.
Abends jedoch, wenn John und Edward Jane allein ließen, war auch Martha Carlton meist unerreichbar, denn sie teilte die Abende mit ihrem Richard, wenn er nicht gerade nach London unterwegs war.
So kam es, dass Jane auch an diesem Abend wieder allein saß und den unheimlichen Lauten im Haus lauschte. Zu den Stimmen mischte sich heute Abend auch ein Poltern und Scharren, so, als wären John und Mr Kelly nicht allein. Als wären da noch viel mehr Leute im Haus, die alle durcheinander liefen. Doch das hätte Jane bemerkt. Wer das Haus betrat, musste zwangsläufig an ihrem Zimmer und dem Esszimmer vorbei. Außerdem hätte Agatha, ihre alte Haushälterin, sie in Kenntnis gesetzt.
Was taten die beiden Männer bloß, dachte Jane und fasste einen unerhörten Entschluss. Sie würde nach oben gehen und versuchen herauszufinden, womit die Männer da wirklich beschäftigt waren.
Ihr Herz schlug schneller, als ihr die Idee kam. Doch Jane musste wissen, ob mit John alles in Ordnung war. Noch wartete sie ab um sicher zu sein, dass niemand sie beobachtete. Agatha kümmerte sich um die Kinder, an denen die Veränderungen im Haus nicht spurlos vorüber gegangen waren. Sie vermissten die Zeit, die ihr Vater früher, bevor Edward Kelly bei ihnen einzog, mit ihnen verbracht hatte. Als er sie zum Lachen brachte, ihnen Geschichten erzählte, mit ihnen spielte. Als er einfach noch fröhlich war. Jetzt hatte er offenbar nur noch Zeit für diesen Mr Kelly.
In den Augen der Kinder war Edward Kelly böse. Anfangs hatte er die Kinder noch stillschweigend geduldet, sich aber nie für sie interessiert. Unterdessen rief er sie zur Räson, wenn es ihm zu lebhaft wurde. Dies störte auch Jane maßlos, aber bei ihrem Mann traf sie bei diesem Thema auf taube Ohren.
Jane lauschte noch immer und wartete auf den Moment, wo sie die Stufen hinauf schleichen wollte.
Wenig später huschte sie lautlos die Treppe hinauf und presste sich in eine kleine Nische im Flur. Keine Sekunde zu früh, denn plötzlich verstummte die Stimme von Edward Kelly und kurz darauf verließ er taumelnd Johns Studierzimmer. Er stützte sich an der Wand ab und begab sich in sein eigenes Zimmer, das sich am Ende des Flures im ersten Stock des Hauses befand. Jane hatte den Atem angehalten, aber Kelly hatte sie glücklicherweise nicht bemerkt.
Die Frau verharrte noch eine ganze Weile in der Nische, bevor sie es wagte, zu Johns Zimmertür zu schleichen. Dort drückte sie mit klopfendem Herzen ein Ohr an die Tür und lauschte angespannt. Zunächst vernahm sie nicht das leiseste Geräusch, doch das sollte sich binnen weniger Minuten ändern ...

Draußen war es nun völlig dunkel. Wegen der dicken Wolken, die für einen unangenehmen Nieselregen sorgten, konnten kein Stern und schon gar nicht der Mond die beinahe absolute Finsternis durchbrechen. Lediglich vier halb herunter gebrannte Kerzen im Studierzimmer von John Dee spendeten ein flackerndes Licht, welches aber mehr Schatten verbreitete als Helligkeit.
Hinter dem geöffneten Fenster war es ruhig geworden. Kein Laut drang heraus, so dass Sanfold der Verdacht kam, dass beide Männer den Raum verlassen haben könnten. Der Professor ging selbst ein paar Schritte von der Hauswand weg und blickte in den Raum. Seine Hoffnung bestätigte sich nicht, denn er sah einen Mann, der in gebückter Haltung mit dem Rücken zum Fenster stand und auf etwas schaute, was sich auf dem Tisch vor ihm befand. Worauf er starrte, konnte Sanfold allerdings nicht erkennen. Er ging zurück zu seinen Begleitern und machte ihnen ein Zeichen, ihm zu folgen. Als sie sich ein paar Schritte entfernt hatten, weihte Sanfold sie in seinen Plan ein. Ungläubig hörten die Männer zu.
„Dieser Mann da drin ist ein Spinner. Er glaubt, dass er Engel beschwören kann. Aus sicherer Quelle weiß ich, dass er noch in dieser Nacht in sein Tagebuch schreiben wird, dass ihm Uriel erschienen sei und ihm einen Kristall gegeben hätte.“ Taylor und McCrery schüttelten ungläubig die Köpfe, sie ahnten immer noch nicht, was der Professor vorhatte.
„Nun, ich dachte, da helfen wir ein wenig nach“, fuhr Sanfold grinsend fort. „Oder glaubt ihr, dass hier und heute ein gefallener Engel vor diesem Fenster erscheint? Wir werden die ganze Geschichte ein wenig abwandeln, nicht der Kerl dort bekommt den Kristall, sondern ich!“
„Aber ... dann wird der Typ das doch nicht aufschreiben, er wird es anders schreiben“, wagte McCrery einen Einwand. „Das wird Folgen haben ... denn ... wenn er es heute nicht aufschreibt ... wie willst du es dann Hunderte Jahre später lesen?“
Sanfold riss die Augen auf und starrte seinen Handlanger an. Der Kerl hatte recht, daran hatte Sanfold überhaupt nicht gedacht. „Das stimmt. Hast zu viel Zurück in die Zukunft geschaut, was? Nun, jetzt macht sich das scheinbar bezahlt“, gab Sanfold zu. „Hm, dann müssen wir uns etwas einfallen lassen. Ich muss den Stein bekommen, egal wie.“
„Wie wäre es mit einem kleinen Tausch?“, fragte Taylor grinsend.
„Das ist auch nicht das Gleiche. Wir müssen es schaffen, dass er genau das in sein Tagebuch schreibt, wie es uns überliefert ist. Wobei, den Tausch merkt er vielleicht gar nicht ...“, sinnierte Sanfold. Dabei griff er in eine verborgene Innentasche seines Umhangs und zog einen bläulich schimmernden Stein, ungefähr so groß wie ein Hühnerei, hervor. McCrery hob staunend die Augenbrauen.
„Ich reise niemals unvorbereitet, schon gar nicht zu so einer wichtigen Mission“, erklärte der Professor etwas überheblich. „Das ist der Stein, den John Dee in seinem Tagebuch erwähnen wird. Und den Stein, der sich in seinem Besitz befindet, wird er schlicht und einfach vergessen.“
„Aha. Einfach so. Und wie willst du das bewerkstelligen?“, konterte McCrery.
„Unterschätze die Qualitäten deines Bosses nicht“, mischte sich Taylor ein, der eine konkrete Vorstellung davon hatte, wie dieses Vergessen zustande kommen würde.
Da offenbarte sich auch Michael McCrery die Lösung.
Taylor verschwand in der Dunkelheit und Sanfold schlich mit McCrery zurück zum Fenster, welches immer noch offen stand. Im Studierzimmer musste es genauso kalt und ungemütlich sein wie hier draußen, was John Dee aber nicht zu stören schien. Auch er trug einen dicken Umhang und starrte immer noch auf die Tischplatte. Wie es aussah, war er nur noch auf dieses Etwas vor sich konzentriert.
McCrery stellte sich mit dem Rücken zur Wand unter das Fenster und verschränkte seine Hände zu einer „Räuberleiter“. Sanfold stützte sich auf dessen Schulter und stellte sich mit einem Fuß auf McCrerys Hände. Langsam schob er sich vor das Fenster.
Als er genügend Halt hatte, breitete er seine Arme aus und wedelte leicht mit seinem Umhang. Die Kapuze hatte er tief in sein Gesicht gezogen. In einer Hand hielt er den blauen Kristall.
Dann passierte das Unfassbare. Sanfold beschwor seine Magie herauf und erstrahlte allmählich in einem silbernen Licht, dessen Schein in der Dunkelheit weit zu sehen war.
Dieses endlich riss John Dee aus seiner Lethargie. Er blickte auf und kniff geblendet die Augen zusammen. Wie in Trance schritt er zum Fenster und starrte auf das Licht.
Im silbernen Schein nahm er eine Gestalt wahr, ein Gesicht erkannte er aber nicht. Dee glaubte, dass die Gestalt menschenähnlich aussah, aber sicher war sich nicht. Das wallende Gewand, welches die Regentropfen aufgefangen hatte, verlieh dem silbrigen Schein ein zusätzliches Flimmern. John Dee konnte ob des Lichts trotzdem sehen, dass die Gestalt ganz in Schwarz gehüllt war.
Sollte das tatsächlich ... konnte es sein ... schwebte da wirklich Uriel vor seinem Fenster?
John Dee war gerade dabei gewesen, die Buchstaben und Worte, welche Kelly in der vergangenen Seance von sich gegeben hatte, zu analysieren. Edward Kelly hatte behauptet, dass Uriel an diesem Abend zu ihnen gesprochen habe. Kelly konnte sich nach einer Beschwörung nie an etwas erinnern, was die Engel ihm zugeraunt hatten, aber Dee schrieb Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort genau auf. Mittels der magischen Tafel mit den eingeritzten Zeichen übersetzte Dee anschließend diesen Buchstaben- und Wortsalat und gab diesem einen Inhalt. Er hatte soeben festgestellt, dass Kelly tatsächlich Kontakt zu Uriel gehabt haben musste, und nun schwebte die Erscheinung direkt vor seinem Fenster.
Nachdem Dee einige Augenblicke fassungslos auf die silbrig schimmernde Gestalt geblickt hatte, hob diese ihren Kopf ein ganz klein wenig. Das Gesicht darunter blieb trotzdem verborgen.
„John Dee?“, sprach der Engel mit flüsternd kratziger Stimme. Mehr nicht. Dee nickte. Er wunderte sich nicht darüber, dass der Engel ihn nach seinem Namen fragte, dafür war er viel zu erschüttert.
Dann streckte die schwarze Gestalt wie in Zeitlupe einen Arm aus und hielt dem Wissenschaftler in der offenen Hand einen schimmernden Kristall entgegen. Dee lehnte sich sehr zögerlich zum Fenster hinaus. Da er nur die schwebende Gestalt anstarrte, entging ihm natürlich der Schwindel und er bemerkte die zweite Person unter seinem Fenster nicht.
Der Engel streckte seine Hand, die den Kristall hielt, noch ein Stückchen näher an Dee heran und forderte ihn damit auf, den Stein an sich zu nehmen.
John griff zögernd zu. Der Stein fühlte sich warm an, was aber nur daran lag, dass Sanfold ihn seit einigen Minuten fest umklammert gehalten hatte. Er strich vorsichtig mit dem Zeigefinger der anderen Hand über die Oberfläche des Kristalls, der mittels Sanfolds Magie noch immer bläulich schimmerte. Überwältigt sah Dee auf und versuchte einen Blick in das Gesicht des Engels zu erhaschen.
„Du bist Uriel, nicht wahr? Du hast heute bereits zu mir gesprochen. Jetzt weiß ich, was du mir sagen wolltest. Ich habe noch nicht den ganzen Text verstanden. Aber nun verstehe ich alles“, sagte Dee ehrfürchtig und verneigte sich vor der silberschwarzen Erscheinung. Diese neigte sich ebenfalls ein wenig nach vorn, was der Engelsbeschwörer als Bestätigung interpretierte. Als Dee sich abermals tief verneigte, glitt Sanfold lautlos in die Tiefe und drückte sich genau wie McCrery an die Hauswand. Jetzt kam der entscheidende Moment. Dee durfte nicht nach unten sehen. Schnell bemerkten die beiden Männer, dass sie deshalb keiner Gefahr der Entdeckung ausgesetzt waren. Dee schaute verträumt in den schwarz verhangenen Himmel und hoffte sicher, noch einen letzten Blick auf Erzengel Uriel werfen zu können.
Aber er wurde enttäuscht. So schnell und lautlos der Engel erschienen war, genauso war er auch verschwunden.
John Dee blieb noch immer am Fenster stehen und starrte auf den Kristall. Minuten vergingen, mit ihnen das bläuliche Schimmern des Steines. Nach einiger Zeit lag in der Hand des Wissenschaftlers nur noch ein gläserner Stein in der Größe und Form eines Hühnereis.
Doch der Bann, in dem John Dee gefangen war, ließ ihn die Veränderung gar nicht erkennen. Was vielleicht daran lag, dass sein eigener Stein auch nichts weiter war als eben genau das: ein gläserner Kristall, der nur im Licht seinen optischen Zauber enthüllte.

Dan kaute genüsslich auf einem Stück Brot, als er die Veränderung aus dem Augenwinkel wahrnahm. Auch Claire blickte plötzlich auf. Da sie beide mit dem Gesicht zum Fenster saßen, bemerkten sie die aufkommende Helligkeit gegenüber als erste. Helligkeit war vielleicht übertrieben, doch in der Finsternis, die bis eben außerhalb des von Kerzen beleuchteten Esszimmers geherrscht hatte, war dieses schwache Leuchten deutlich zu sehen. Bei Dan und Claire schrillten die Alarmglocken. Sie hatten dieses silberne Licht schon einmal gesehen.
Dan überlegte fieberhaft, was sie tun sollten. Claire sah ihn mit großen Augen an. Beide wussten, dass sie sofort raus mussten, sie wussten, dass Sanfold ganz in der Nähe war.
„Wer wohnt eigentlich dort drüben?“, fragte Dan wie beiläufig seine Gastgeber.
„Das ist das Haus von Sir John Dee. Er nennt sich Wissenschaftler, naja, manchmal stimmt das auch. Momentan allerdings geschehen in seinem Haus seltsame Dinge, seit dieser Mr Kelly dort mit eingezogen ist“, erwiderte Richard Carlton. In seinen Worten klang Verachtung mit.
„Ach Richard, du weißt doch gar nicht, was dort vorgeht“, wandte Martha ein. Carlton winkte nur ab.
„Mr Dee arbeitet für die Königin“, sagte Martha zu ihren Gästen. „Manchmal hören wir eigenartige Geräusche, Stimmen, die verzerrt und gequält klingen, aber wenn ich Jane, also Mr Dees Frau reden höre, dann hängt das alles mit den neuesten Forschungen der beiden zusammen. Und wenn Jane nichts Schlimmes darin sieht, dann sollten wir das wohl auch nicht.“
„Hm“, meinte Claire nur.
„Wir sollten trotzdem mal nachsehen“, sagte Dan. Martha blickte fragend auf. „Habt Ihr das Leuchten eben nicht bemerkt? Das könnten unsere Freunde“, Dan spie das letzte Wort förmlich aus, „gewesen sein. Nicht, dass den Dees noch etwas passiert.“ Bei den letzten Worten blinzelte er Martha verschwörerisch zu. Richard hatte sich wieder seinem Essen gewidmet, ihn interessierte noch nie, was im Haus gegenüber geschah. Er mochte die Dees nicht besonders, sie waren ihm egal. Solange sie Ruhe hielten und ihn nicht bei der Arbeit störten, konnten sie da drüben tun und lassen, was sie wollten.
Martha nickte nur und gab ihnen den Rat vorsichtig zu sein. Sie wusste nicht so recht, was sie von den Fremden halten sollte. Sie benahmen sich schon seltsam.
Dan und Claire standen auf, bedankten sich für das gute Essen und gingen zur Tür. Martha begleitete sie.
„Wir sind bestimmt gleich zurück“, beruhigte Claire ihre Gastgeberin. Diese zog die Tür auf und entließ die Zeitreisenden in die Dunkelheit. Eine innere Unruhe erfasste Martha. Sie ahnte, dass gleich etwas Schreckliches geschehen würde. Sie lief in das Kinderzimmer um nachzusehen, dass mit ihren Kleinen alles in Ordnung war. Anne saß bei ihnen und summte ihnen Wiegenlieder, damit sie besser einschliefen.
„Anne, bleib heute Abend bei den Kindern“, bat Martha die Haushälterin im Flüsterton. Anne nickte. Sie bemerkte zwar die Unruhe ihrer Herrin, sagte aber nichts. Wenn Martha sagte, sie solle bei den Kindern bleiben, dann tat sie das. Sie hatte gelernt, dass sie in ihrer Stellung am einfachsten durchs Leben kam, wenn sie gehorchte.
Martha zog die Tür wieder zu und ging zurück ins Esszimmer, wo sie ihren Mann antraf, der sein Abendmahl beendet hatte und nun am Fenster stand und in die Dunkelheit blickte. Das silbrig schimmernde Leuchten war verschwunden. Selbstverständlich hatten auch Richard und Martha das Licht vorhin bemerkt, aber es hatte sie nicht weiter beschäftigt. Wenn John Dee und Edward Kelly ihre Experimente durchführten, dann sah man solches Leuchten so manchmal in weitem Umkreis.
„Was für merkwürdige Leute das sind“, sinnierte Richard plötzlich.
„Oh, du kennst sie doch. Jane hat mir erzählt ...“
„Ich meine nicht die Dees. Die waren schon immer merkwürdig“, fiel Richard seiner Frau ins Wort. „Ich meine unsere ... Gäste.“
„Ja, da hast du recht. Aber sie waren so ... hilflos. Und es sind freundliche Menschen, egal, wie sie ausschauen. Das hat unsere Kathy sofort gespürt“, antwortete Martha und lehnte sich an ihren Mann. Gemeinsam blickten sie in die Nacht und genossen den Augenblick der Zweisamkeit.

Claire und Dan liefen eilig zum gegenüberliegenden Haus. Dort war das Leuchten am intensivsten gewesen, allerdings auch nur so schwach, dass sie annahmen, dass seine Quelle an der Hinterseite des Gebäudes seinen Ursprung haben musste. Sie huschten über die Straße und schlichen seitlich der Rückseite des Hauses entgegen.
An der Ecke hielten sie an und Dan lugte vorsichtig um die Ecke. Was sich seinem Blick darbot, ließ ihn den Atem stocken. Zwei Gestalten in schwarzen Umhängen lehnten übereinander an der Hauswand und die obere war gerade dabei, sich auf der Schulter der unteren abzustützen und runter zu klettern. Claire wagte ebenfalls einen Blick und sah, wie sich beide Männer – sie wussten, dass sie Sanfold gefunden hatten – an die Hauswand drückten.
Aus dem Fenster flackerte schwacher Kerzenschein. Mehr war nicht zu sehen.
Die Timetraveller gingen ein paar Schritte zurück, um sich zu beraten.
„Wo ist der dritte?“, fragte Dan kurz. Claire zuckte mit den Schultern.
„Und nun?“ In Claires Frage lag Ratlosigkeit. Da waren sie dem Professor und damit der Zeitmaschine nun so nah, aber sie wussten nicht, wie sie an beide herankommen sollten. Der andere Mann, der aus der Klinik, war groß und stark, wie sie wussten. Mit ihm konnten sie es allein nicht aufnehmen. Und dann wussten sie nicht, wo sich der Dritte im Bunde, dieser Taylor, aufhielt. Körperlich konnten es Dan und vor allem Claire mit ihren Gegnern nicht aufnehmen, sie mussten sie entweder überlisten oder ihre Waffen zum Einsatz bringen. Aber waren sie dafür geübt genug? Und was würde ein Schuss aus einer Pistole aus dem 21. Jahrhundert in dieser Zeit bewirken? Beiden Zeitreisenden gingen die gleichen Gedanken durch den Kopf, als sie den unterdrückten Schrei hörten.

Taylor war zum Eingang des Hauses gegangen und versuchte, über diesen in das Innere des Hauses zu gelangen. Aber die Tür war erwartungsgemäß verschlossen. Der Pockennarbige hatte damit gerechnet. Deshalb schlich er nochmals um das Haus und suchte nach einem Fenster, durch welches er ungehindert und vor allen Dingen lautlos eindringen konnte. Er wusste ebenfalls, dass er keinerlei Aufsehen erwecken durfte, um diesen John Dee im Glauben zu lassen, dass er tatsächlich dem Erzengel Uriel begegnet war. Jede Außergewöhnlichkeit konnte den Beschwörer an seinem Erlebnis zweifeln lassen.
Ein seitliches Fenster lud Will Taylor geradezu ein, durch dieses ins Innere des Hauses einzudringen. Er lugte zunächst vorsichtig hinein und als er niemanden in dem dunklen Raum entdecken konnte, schwang er sich über den Fenstersims hinein. Dann durchquerte er das Zimmer lautlos, bis er fast zur Tür gelangt war. Dort übersah er in der Dunkelheit einen Schemel, der ihm mitten im Weg stand. Als er mit dem Schienbein davor schlug, schepperte der Schemel lautstark davon. Taylor hielt den Atem an und lauschte. Tatsächlich ging Sekunden später eine Tür auf und wurde kurz darauf wieder geschlossen, doch mehr geschah nicht. Er hörte keine Schritte und atmete auf. Einen Moment wartete er noch, dann drückte er die Türklinke vorsichtig nach unten und zog die Tür einen Spalt breit auf. Dahinter lag ein langer, schmaler Flur, der von zwei Kerzen in Wandhalterungen schwach erhellt wurde. Die Flämmchen flackerten, als der Luftzug aus der offenen Tür sie streifte. Taylor huschte durch die Tür und zog sie hinter sich wieder zu. Dabei verursachte er so gut wie kein Geräusch. Im ganzen Haus war nichts zu hören, als hätte die Nacht schon endgültig Einzug gehalten und alle Bewohner in den Schlaf gezwungen. William Taylor wusste aber, dass dem nicht so war. Er musste vorsichtig sein.
Leise schlich er zur Treppe. Immer wieder hielt er inne und lauschte in die Dunkelheit. Doch er vernahm nicht den geringsten Laut. Dann hatte er die erste Stufe erreicht. Er setzte zunächst nur einen Fuß darauf um zu prüfen, ob und wie laut die Bretter unter seinem Gewicht knarren würden. Die erste Stufe ächzte nur ganz leise, als er sie betrat, was den Eindringling hoffen ließ, auch ungehört nach oben zu gelangen. Dennoch überwand er die Treppe nur Schritt für Schritt und immer eine Stufe nach der anderen, nachdem er sie geprüft hatte. Er hatte die erste Etage fast erreicht, als die drittletzte Stufe dann trotzdem ein lautes Knarksen von sich gab. Taylor zog die Luft ein und nahm die letzten zwei Stufen mit einem großen Schritt, um sich hinter einem Vorhang in Sicherheit zu bringen. Kaum war er außer Sicht, als er die Gestalt vor der Tür, die zu einem Zimmer an der Rückfront des Hauses führte, durch eine Ritze bemerkte. Es handelte sich um eine junge Frau, wie er im Kerzenschein erkannte, die gebückt vor der Tür kauerte und durch das Schlüsselloch blinzelte. Jedenfalls nahm Taylor das aufgrund der Haltung der Frau an.
„Verdammter Mist“, fluchte er innerlich. Mit diesem Hindernis hatte er nicht gerechnet. Was sollte er tun? Die Zeit drängte, Sanfold hatte seinen Auftritt als Engel bestimmt schon hinter sich gebracht und wartete nun auf den Stein. Er durfte keine Zeit verlieren, damit sie so schnell wie möglich aus dieser Zeit verschwinden konnten.
Taylor fiel nichts Besseres ein, als in die Offensive zu gehen. Hindernisse werden aus dem Weg geräumt, mit dieser Devise hatte er bisher noch alle Aufträge zur Zufriedenheit des Bosses erfüllt. Und mit diesem Püppchen da würde er doch allemal fertig werden.
Er trat hinter dem Vorhang vor und legte die kurze Entfernung zu der Frau mit drei großen Schritten zurück. Noch bevor die Frau wusste, was geschah, fand sie sich im Klammergriff des Eindringlings wieder, der ihr seine Hand auf den Mund presste. Dennoch entrang sich ihrer Kehle ein gedämpfter Schrei, der Taylor zusammen zucken ließ.
„Kein Wort, oder du bist tot“, raunte er der Frau mit seiner verzerrten Stimme ins Ohr. Sie wand sich zitternd in seinem Griff, blieb aber ruhig. Die Angst schnürte ihr unterdessen die Kehle zu. Taylor zerrte die Frau zu einer Tür.
„Ist da jemand drin?“, flüsterte er ihr ins Ohr.
Sie schüttelte entsetzt den Kopf. Taylor stieß die Tür auf. Dahinter lag ein Schlafzimmer, welches von einem riesengroßen Bett mit Baldachin beherrscht wurde. Er drängte die Frau zu dem Bett und verpasste ihr eine schallende Ohrfeige. Taylor wusste genau, wo er hinschlagen musste, denn die Frau fiel in eine gnädige Ohnmacht. Mit etwas Glück würde sie das Erlebte für einen bösen Traum halten, denn bis sie wieder erwachte, würde von dem Eindringling keine Spur mehr zu sehen sein. Und wer würde ihr schon glauben, wenn sie etwas von einem schwarzen Mann faselte?
Was Taylor in diesem Moment nicht ahnte, der keuchende Schrei seines Opfers war nicht ungehört geblieben. Dass dem so war, daran verschwendete er keinen Gedanken, denn im Haus blieb alles ruhig.
Er legte die Frau auf das Bett und ging zurück zur Tür, die noch offen stand. Nachdem er zuerst wieder hinaus gelugt hatte, ging er schleichenden Schrittes zu der Tür, vor der die Frau gekauert hatte. Nun war er es, der einen Blick in das dahinter liegende Zimmer werfen wollte. Er hockte sich hin und blinzelte durch das Schlüsselloch. Viel konnte er nicht erkennen, denn auch dieser Raum wurde nur spärlich von Kerzen beleuchtet. Er erkannte aber, dass mitten im Raum ein Mann stand - John Dee. Der stand seitlich zur Tür und starrte wie gebannt auf einen Gegenstand in seinen Händen. Da wusste Taylor, dass Sanfold seinen Teil der Arbeit erledigt hatte. Will stand auf und legte die rechte Hand auf die Türklinke, als ihm von hinten jemand auf die Schulter fasste. Taylor schrak zusammen, drehte sich langsam um und schaute in das wutverzerrte Gesicht von Edward Kelly.
In seiner rechten Hand hielt Kelly ein Messer, die Klinge genau auf Taylors Hals gerichtet war.
„Nicht schon wieder“, war Taylors erster Gedanke, als er das Metall aufblitzen sah. Der Verband an seinem Hals erinnerte ihn noch ständig daran, dass er erst vor kurzer Zeit durch einen gezielten Stich mit einer Gabel in seinen Hals gerade so dem Tod entronnen war. Mehr Zeit als für diesen einen Gedanken ließ er sich auch nicht, sondern er griff sofort an. Mit seinem linken Arm wischte er wie beiläufig Kellys Rechte zur Seite und ein gezielter Schlag in den Magen ließ Edward Kelly stöhnend in die Hocke gehen. Ein weiterer Tritt Taylors ließ den am Boden Kauernden ins Reich der Träume gleiten.
Damit hoffte Taylor, auch die letzte Gefahr aus dem Weg geräumt zu haben. Er schob den Bewusstlosen zur Seite und wollte sich nun den „echten“ Kristall holen. Mit etwas Glück würde er bei John Dee ebenfalls als Engelserscheinung durchgehen, sollte Dee noch unter dem Einfluss des gerade Erlebten stehen.
Die drei winzigen Flugkörper, die über seinem Kopf an der Decke schwirrten, bemerkte er nicht.

Der gedrungene Schrei war noch nicht verhallt, als Dan auch schon die drei Drohnen in der Hand hielt und darauf hoffte, dass Ken in seiner Zeit und Welt aufmerksam auf seinen Einsatz wartete. Weglaufen konnte er ja nicht, dachte Dan mit einer Mischung aus Sarkasmus und Mitleid. Blitzschnell aktivierte er die Drohnen und Sekunden später schwirrten sie auch schon eigenständig in der Luft. Claire hatte unterdessen ihr Kommunikationsgerät eingeschaltet und flüsterte Ken mit wenigen Worten den Stand der Dinge zu.
Der Japaner steuerte die Drohnen daraufhin zielgerichtet in das erste Stockwerk des Hauses und teilte Claire in knappen Worten mit, was er sah. Viel war es nicht, denn die Lichtverhältnisse wirkten sich äußerst negativ auf die empfindlichen Kameras aus. Für Nachtsicht waren die winzigen Geräte nicht geeignet. Roger Müller hatte darauf verzichtet, um die Drohnen so klein und damit unauffällig wie möglich zu halten.
Dennoch konnte Ken den Zeitreisenden die Lage schildern.
„Taylor steht vor einer Tür am Ende des Ganges. Halt, da kommt jemand ... argh, er schlägt ihn nieder. Der andere Mann liegt am Boden ... ich glaube, er will in den Raum hinein ... ja, jetzt greift er nach dem Türknauf ...“
„Was sollen wir tun?“, fragte Claire da.
„Wartet. Ich will sehen, wie viele Personen in dem Raum sind“, wies Ken an. Er lenkte eine der Drohnen an die obere Ecke der Tür, damit er beim kleinsten Spalt schon sehen konnte, was sich hinter ihr befand.
„Da ist nur ein Mann in dem Raum. Ist das John Dee?“, fragte Ken nun.
„Sehr wahrscheinlich. Was macht er?“, wollte Dan nun wissen.
„Er steht nur da. Moment, jetzt setzt er sich an ein Schreibpult und schlägt ein Buch auf. Ah, er notiert irgendetwas. Mist, er sitzt mit dem Rücken zur Tür, jetzt kommt Taylor rein ...“
„Lass uns rauf gehen“, schlug Claire vor. Dabei fasste sie unbewusst nach ihrer Waffe, von der sie sich die nötige Sicherheit für sich und Dan erhoffte.
„Okay. Ken, wir gehen hoch“, informierte Dan den Japaner.
„Seid vorsichtig“, warnte dieser noch.
„Ja, ja. Wir lassen die Geräte eingeschaltet, aber wir dürfen ab sofort nicht mehr reden. Nur noch im äußersten Notfall, klar?“, flüsterte der Sportstudent noch schnell in das Kommunikationsgerät, während er und Claire durch das gleiche Fenster in das Haus eindrangen wie kurz vorher William Taylor und die Drohnen. Leise gingen sie die Treppe hinauf.
Als sie oben ankamen und den Flur überblicken konnten, sahen sie den bewusstlosen Mann dort am Boden liegen, wie Ken es ihnen schon gesagt hatte. Er rührte sich nicht, stellte folglich momentan auch keine Gefahr dar. Sie schlichen bis zur Tür und warfen einen Blick durch den Spalt. Taylor war hinein gegangen, hatte die Tür aber nicht wieder verschlossen.
Die Timetraveller rissen die Augen auf. Wo war William Taylor?
In dem Zimmer saß nur der Mann, von dem sie annahmen, dass es sich um John Dee handelte. Er vertiefte sich gerade in irgendwelche Notizen, die er in ein Buch schrieb, welches vor ihm lag. Mehr konnten sie nicht erkennen. Sie blickten sich noch weiter in dem Zimmer um, aber außer vielen Büchern und Folianten, einigen antik anmutenden Messinstrumenten, deren Zweck sich den beiden jungen Menschen aus dem 21. Jahrhundert nicht erschloss, und einigen Utensilien wie einer Tafel, die im Kerzenschein kupfern schimmerte sowie einer kleinen Kristallkugel auf einem Ständer sahen sie nichts weiter.
Ratlosigkeit wollte sich ihrer bemächtigten, als sie ein leises Knistern aus den Mikrolautsprechern ihrer Kommunikationsgeräte vernahmen.
In Windeseile liefen sie zur Treppe zurück und Claire flüsterte: „Ja?“
„Der Scheißkerl ist durch das Fenster abgehauen. Hat irgendwas vom Tisch genommen und mit einem Satz war er draußen“, hörten sie Kens aufgeregte Stimme.
„Und wieso sagst du uns das erst jetzt?“, entgegnete Dan aufgebracht, der Claire gefolgt war.
„Was? Wie ... erst jetzt? Der Typ ist bestimmt noch nicht unten angekommen, der ist doch gerade eben erst gesprungen“, verteidigte sich Ken.
Claire schüttelte den Kopf. „Dan, bleib ruhig. Wir befinden uns über 400 Jahre in der Vergangenheit! Meinst du nicht, dass die Daten, die wir uns übermitteln, da eine gewisse Zeit benötigen, bis sie uns erreichen?“
„Das ist doch Bullshit. Damit ist uns nicht geholfen. Möglicherweise sind die Kerle längst abgehauen und wir haben nicht mal die Tempotronen von ihnen. Alles nur, weil wir Kens Informationen ein paar Sekunden zu spät erhalten haben!“ Dan war sichtlich wütend. Er hatte sich in Rage geredet und wurde immer lauter. Unten im Haus klappte eine Tür. Erschrocken sah Claire sich um und zog Dan mit sich hinter einen Vorhang. Es war genau der Vorhang, hinter dem auch Taylor schon Zuflucht gesucht hatte.
Unten trippelten Schritte, dann war wieder Stille.
„Wir müssen raus hier. Wir müssen wieder unter das Fenster, vielleicht sind Sanfold und seine Konsorten von dort aus gestartet und wir können sie noch orten. Los, komm!“, forderte Dan seine Begleiterin auf.
„Ken, was passiert hinter dem Haus?“, sprach Claire in ihre Armbanduhr.
Keine Antwort. Das grüne Lämpchen war aus. Sie drückte auf der Uhr herum, aber die Kontrolllampe blieb dunkel.
„Herrgott, ist er jetzt etwa beleidigt?“, fragte sie ungehalten, weil sie sich den Ausfall der Technik nicht erklären konnte.
„Was ist denn los?“, hakte Dan nach, der gerade durch den Vorhang geschaut hatte, um zu sehen, ob sie die Stufen ungehindert hinab gehen konnten. Das kleine Drama um das Kommunikationsgerät hatte er dadurch gar nicht mitbekommen.
„Tot!“ Claire zeigte auf die Uhr. „Kein Mucks mehr. Ich hoffe für Ken, dass er sich nicht ausgeklinkt hat.“ Bei den letzten Worten blitzten ihre Augen. „Versuch du mal“, wies sie Dan an.
Er versuchte nun seinerseits eine Verbindung herzustellen, aber seine Uhr blieb genauso tot wie Claires. Dan schüttelte sein Handgelenk, klopfte mit einem Fingerknöchel auf der Uhr herum, aber auch er konnte sie nicht beleben.
„Verdammter Mist! Aber egal, dann muss es eben ohne gehen. Heilige Scheiße, und wo sind die Drohnen?“ Erst da fiel Dan die ganze Tragweite des Technikausfalls ein. Wenn die Kommunikationsgeräte versagten, konnte er Ken keine Anweisung geben, dass er die Drohnen zu ihm zurück senden sollte. Und eine Aufforderung zur Rückholung nach Burg Rauenfels wurde genauso unmöglich.
Als ob Claire Gedanken lesen konnte, wurde sie auf einmal ganz blass. Auch sie wusste, dass sie für die Rückholung mit der Zeitmaschine die Aufforderung mittels des Impulsgebers initiierten, der ebenfalls in die Uhren integriert war.

Burg Rauenfels, Parallelwelt

„Markui!“, schrie Ken. „Markui, ich brauche dich!“
Der Wahldeutsche kam sofort angerannt, Kens aufgeregte Stimme hatte ihn alarmiert.
„Was ist?“, fragte er knapp.
„Die Verbindung ist unterbrochen. Mitten im Satz war auf einmal Funkstille. Ich hab alles probiert, ich bekomme keine Leitung“, erläuterte Ken die Situation.
„Nun mach dich mal nicht gleich verrückt, du weißt doch, wie empfindlich die Geräte sind. Die Beiden stehen bestimmt bloß in einem Funkloch“, versuchte Markui den Freund zu beruhigen. Aber Ken wollte sich nicht beruhigen. Claire war in Gefahr, er musste ihr helfen!
Wieder und wieder hämmerte er auf den Tasten seines Laptops herum, aber der Bildschirm und auch die Lautsprecher reagierten nicht.
„Wie war der Stand der Dinge?“, wollte Becker nun wissen.
„Sie haben Sanfold gefunden. Naja, eigentlich fast schon wieder verloren. Die letzte Information, die ich ihnen durchgab, kam etwas zeitversetzt an, wenn ich das richtig verstanden habe, deshalb hatten die drei Kerle schon wieder einen kleinen Vorsprung. Wie ich die Sache sah, müssten Dan und Claire entweder im Besitz der Zeitmaschine sein oder Sanfold ist getürmt und hat nur wieder Tempotronen zurück gelassen.“
„So oder so, wir müssten die Beiden bald zurückholen, richtig?“, fragte Markui.
„Richtig. Aber wenn wir sie jetzt einfach holen, könnte es zu früh sein. Außerdem sind die Drohnen noch unterwegs, ich hatte keine Chance mehr, sie zurück zu Dan zu bringen.“
„Mist! Dann können wir zunächst nur abwarten und hoffen. Versuch weiter, die Verbindung zu bekommen, ich gehe zu Roger, vielleicht weiß er Rat. Und, Ken ... mach dich nicht verrückt. Claire und Dan wissen, was sie tun.“ Das war leichter gesagt als getan, aber Ken wollte den Rat beherzigen. Damit ließ er seine Finger wieder über die Tastatur huschen und hoffte, bald ein Zeichen zu bekommen.
Markui verließ das Krankenzimmer und ging geradewegs zu Roger. Der machte gerade eine Pause und stand am Fenster, in der einen Hand hielt er eine Kaffeetasse.
„Auch einen?“, fragte er, als Markui eintrat und wies dabei auf den schwarzen Inhalt in seiner Tasse. Markui schüttelte den Kopf.
„Die Verbindung zu den Reisenden ist abgebrochen. Kein Kontakt, weder über die Kommunikationsgeräte noch über die Drohnen“, sagte Markui, ohne sich mit irgendwelchen Floskeln aufzuhalten.
Roger blickte auf. „Kann passieren, wart’s erst mal ab. Die kommen schon wieder. Dieser Sanfold ist irgendwelcher Magie mächtig, richtig? Wenn der dabei Strahlen elektrostatischer oder magnetischer Art entwickelt, dann kann das die Verbindung stören. Und soweit ich das gesehen habe, baut er ein Lichtfeld auf, welches solche Strahlen erzeugt. Also, keine Panik.“
„Hey, die verlassen sich auf unsere Hilfe! Jetzt sind sie allein auf sich gestellt und das, kurz bevor sie Sanfold gegenüber treten“, antwortete Markui aufgebracht.
„Markui, ihr wusstet von Anfang an, dass die Technik Ausfälle haben kann. Ich konnte euch ja nicht einmal versichern, dass sie hundertprozentig funktioniert, nicht bei den Reisezielen, die ihr geplant habt. Dan und Claire wussten das ebenso und sind trotzdem gereist. Also, was erwartest du jetzt?“
Roger hatte recht, wusste Markui. „Schon gut, ich mache mir nur Sorgen. Und Ken ist schon wieder am Ausflippen.“
„Eure Nerven liegen blank, das ist alles. Ihr habt euch da auf etwas eingelassen, das eine Nummer zu groß für euch ist. Von Anfang an war. Herrgott nochmal, was hat euch eigentlich geritten, auf eigene Faust eine Zeitmaschine in Betrieb zu nehmen?“ Markui hatte Roger die ganze Geschichte von Anfang an erzählt. Roger kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, aber er schüttelte auch immer wieder ungläubig den Kopf über so viel Leichtsinn, den die Vier immer wieder an den Tag gelegt hatten.
„Darum geht es jetzt nicht. Kannst du uns helfen?“, fragte Markui in sachlichem Ton. Er wollte jetzt nicht über Vergangenes diskutieren, sondern das gegenwärtige Problem lösen.
„Nein. Ich kann auch nur versuchen, die Verbindung immer wieder herzustellen, aber das tut Ken ja schon. Probiert es weiter, zur Not müssen wir sie eben blind zurückholen. Aber das machen wir nur im äußersten Notfall.“
Markui nickte und verließ den Raum. Da er sich Kens Launen nicht aussetzen wollte, den Kopf aber auch nicht frei hatte für seine eigene Forschungsarbeit an den Marquett-Strahlen, machte er sich auf die Suche nach Xarina. Ihre Nähe würde ihn vielleicht ein wenig ablenken.
Ken versuchte unterdessen ununterbrochen, den Kontakt zu Dan und Claire wieder herzustellen.

Mortlake, Surrey, 21. November 1582

Claire und Dan hatten es aufgegeben, an den Uhren zu drücken und zu wackeln. Dafür hatten sie keine Zeit, wenn sie Sanfold und seine Helfer noch erreichen wollten. Der Stand der Dinge war, wenn sie die Lage richtig einschätzten, dass Taylor einen Gegenstand aus Dees Zimmer entwendet hatte, während Sanfold den Wissenschaftler am Fenster abgelenkt hatte. Mit dieser Theorie waren sie nahe an der Wahrheit dran und nun ahnten sie, dass Sanfold diese Zeit bald verlassen würde. Sie hofften nur, dass es nicht schon geschehen war.
Sie lauschten nochmals in die Stille, und als sie kein Geräusch vernahmen, huschten sie zur Treppe. Plötzlich ließ sie ein Stöhnen innehalten, welches aus dem ersten Raum des Flures drang. Wie angewurzelt blieben die Zeitreisenden stehen. Sollten sie nachschauen oder weiter laufen?
Die Entscheidung wurde ihnen abgenommen, denn im selben Moment öffnete sich die Tür und eine junge Frau trat benommen auf den Gang hinaus. Als sie die Fremden in ihrem Haus erblickte, begann Jane Dee zu zittern, drehte sich abrupt um und knallte die Tür hinter sich in Schloss. Claire und Dan hörten, wie ein Schlüssel im Schloss gedreht wurde.
Das Schlagen der Tür hatte nun auch endlich John Dee aus seiner Trance gerissen. Er hatte bis dahin so sehr unter dem Bann des Erlebten gestanden, dass ihn alles, was um ihn herum geschah, nicht erreicht hatte. John Dee hatte sich selbst in Trance versetzt, um die Begegnung mit dem Engel nachhaltig festzuhalten.
Doch der Knall, den die Tür verursachte, riss ihn in die Wirklichkeit zurück. Er stürzte aus dem Studierzimmer und hielt erschrocken inne, als er die beiden Fremden im Flur stehen sah.
„Guten Abend, Sir“, sagte Dan, als sei es ganz selbstverständlich, dass sie sich hier aufhielten.
„Was? ... Guten Abend ... Was? Wer seid Ihr?“, fragte John irritiert. Er konnte mit dieser Situation nichts anfangen, wusste nicht, mit wem er es zu tun hatte. Die Nachwirkungen des Erlebten hatten ihn noch nicht gänzlich freigegeben.
„Wir ... haben ... sind zu Besuch. Gegenüber bei Mr Carlton ... und dann sahen wir Männer, die um Ihr Haus geschlichen sind und dachten, dass wir vielleicht nach dem Rechten sehen sollten“, versuchte Dan ihr Hiersein irgendwie zu erklären. Claire verdrehte die Augen, denn diese Geschichte entsprach zwar am ehesten der Wahrheit, hörte sich aber völlig verrückt an.
„So, so, Männer. Aha. Und wie sagten Sie, sind Sie in mein Haus gelangt?“, fragte John Dee scheinheilig nach.
„Da ... da stand ein Fenster offen, ja, genau. Einer dieser Männer muss es geöffnet haben, denn er war schon vor uns im Haus. Und auf unser Klopfen hin hat niemand die Tür geöffnet“, erklärte Claire.
„Wie bitte? Hier gibt es keine fremden Männer in meinem Haus. Was soll ...“ Weiter kam Dee nicht, denn plötzlich erschien die junge Frau in der Tür.
„Oh, John, was geschieht hier?“, sprach sie und ging auf ihn zu. Als sie in seine Arme fiel, erkannten die Timetraveller, dass sie Mrs Dee sein musste, obwohl sie vom Alter her seine Tochter hätte sein können.
„Das weiß ich leider auch nicht so genau. Diese Beiden da“, er wies etwas verächtlich auf Dan und Claire, „behaupten, hier seien Männer in unserem Haus gewesen. Was für ein Unfug ...“
„Oh nein, John, das entspricht der Wahrheit. Einer schlug mich nieder“, sagte Jane daraufhin und brach in Tränen aus. Die Anspannung fiel in dem Moment von ihr ab, als sie das Unfassbare aussprach.
„Jane, meine liebe Jane, ist dir etwas geschehen?“, fragte John liebevoll nach.
„Nein, nein, schon gut. Aber wo sind diese Bastarde denn hin? Und was wollten sie hier?“ Jane hörte sich verzweifelt an. Sie konnte sich die ganze Angelegenheit nicht erklären.
Dan und Claire standen dabei und fühlten sich immer unwohler. Sie konnten unmöglich ihren Verdacht äußern, sonst würden sie womöglich mehr Schaden anrichten als diesen Leuten zu helfen. Zwar wussten sie nichts Genaues, aber von Besuchern aus der Zukunft war aus dieser Epoche Claires Wissen nach nichts überliefert worden. Also durfte John Dee auch nichts darüber erfahren und womöglich irgendwo notieren. Seit sie den Namen des Wissenschaftlers wusste, dämmerte ihr, warum Arthur Sanfold ihm einen Besuch abgestattet hatte. Vor einigen Jahren hatte sie Gustav Meyrinks Roman Der Engel am westlichen Fenster gelesen und danach etwas über den historischen Hintergrund recherchiert. Die Sache war ihr aber zu esoterisch erschienen und hatte sie nicht weiter interessiert. Das bedauerte sie nun, sonst wüsste sie vielleicht, was Sanfold ganz genau hier zu suchen hatte.
„Das wüssten wir auch gern“, antwortete Dan entschieden. Für ihn und Claire war es äußerst wichtig zu wissen, wo die drei Männer abgeblieben waren. Er musste unbedingt die Tempotronen scannen, und das konnte er nur eine begrenzte Zeit nach deren Zeitsprung.
„Am besten, Ihr bleibt, wo Ihr seid und wir schauen uns mal draußen um.“
„Aber ...“, wollte Dee einwenden. Dan fiel ihm jedoch gleich ins Wort.
„Keine Bange, wir regeln das schon. Kümmert Ihr Euch um Eure Frau, sie braucht jetzt Trost. Und der da sollte vielleicht in ein Bett geschafft werden, hier ist es ziemlich ungemütlich zum Schlafen“ Bei den letzten Worten zwinkerte Dan John Dee verschwörerisch zu, was diesen etwas irritierte. Aber John Dee war auch kein mutiger Mann. Er wusste, dass er im Zweikampf wohl jeder schlagkräftigen Lady unterliegen würde und so ließ er sich auf die für ihn sehr einfache Lösung ein. Erst, als Dan auf den am Boden Liegenden deutete, bemerkte John die zusammengekrümmte Gestalt von Edward Kelly. Da er außerhalb des spärlichen Kerzenscheins lag, hatte er ihn vorher gar nicht gesehen.
„Oh, mein Gott“, flüsterte Dee. Dann packte er den Bewusstlosen und zog ihn in sein Zimmer. Mit Hilfe von Jane legte er Kelly auf sein Bett und als er keine Verletzungen an ihm finden konnte, glaubte er, dass sein Medium wegen der Anstrengungen der letzten Beschwörung zusammengebrochen sein musste.
„Und sperrt alle Türen und Fenster zu“, rief der Student noch, ehe er zusammen mit Claire die Treppe hinunter lief.
Draußen erzählte die Geschichtsstudentin Dan zunächst in kurzen Worten, was sie aufgrund der Situation und ihres erworbenen Wissens herausgefunden zu haben glaubte. Es hörte sich plausibel an und Dan bestätigte ihr, dass sie durchaus Recht haben könnte, denn auch er hatte von dem Tagebucheintrag John Dees etwas gelesen, nachdem er im Jahr 2003 das Buch von Terry Pratchett The Science of Discworld II: The Globe gelesen hatte. Als Fan von Pratchetts Büchern war er immer neugierig zu erfahren, inwieweit dieser Autor Tatsachen aus der Realität mit auf die Scheibenwelt übertrug und so hatte er sich natürlich auch über den Alchemisten John Dee, in dessen Bibliothek die Zauberer der Unsichtbaren Universität landen, informiert. Aber erst, als Claire ihre Vermutung äußerte, erinnerte er sich wieder daran.
Sie waren unterdessen an der Rückfront des Hauses angelangt. Ein Blick nach oben genügte um zu erkennen, dass alle Fenster nun geschlossen waren. Die Butzenscheiben sorgten dafür, dass niemand hinausschauen konnte.
Claire griff mit ihrer rechten Hand sofort an ihre Armbanduhr, aber alle Signallämpchen blieben dunkel. Enttäuscht ließ sie ihre Hände wieder sinken.
Dan konzentrierte sich auf die Umgebung. Er spähte und lauschte in die Dunkelheit, konnte aber nichts ausmachen.
„In welche Richtung würdest du gehen, um unbemerkt zu bleiben?“, fragte er Claire. Sie schaute sich um, konnte aber in dieser Finsternis kaum etwas erkennen.
„Das ist egal, hier bemerkt man eine andere Person doch erst, wenn sie direkt vor einem steht. Keine Ahnung ...“, antwortete sie.
Dan sah das anders. „Sieh mal, hier geht es den kleinen Hang hinauf. Was liegt dahinter? Man kann das Gelände nicht einsehen, erst, wenn man den kleinen Hügel erklommen hat. Lass uns mal nachsehen“, schlug er vor. Sie stiegen den kleinen Abhang hinauf. Auf der anderen Seite fiel der Hang ganz allmählich ab und ging in eine Niederung über. Etwa 40 Yards weiter glitzerte der Boden. Nein, nicht der Boden, wie die Beiden schnell erkannte, sondern Wasser.
„Das könnte die Themse sein, sieh nur“, sagte Dan zu Claire.
„Ja, könnte es. Wir befinden uns ja nicht weit von London. Also fällt dieser Weg wohl als Fluchtweg aus“, bemerkte Claire. „Und außerdem wissen wir gar nicht, ob Sanfold noch hier ist, der hat sich bestimmt schon aus dem Staub gemacht. Offensichtlich hat er ja bekommen, was er wollte.“
Als Claire das sagte, hörten sie in einiger Entfernung eilige Schritte über das Kopfsteinpflaster der Straße trappeln. Nur kurz, aber unverkennbar.
Dan und Claire stürmten los. Sie rannten zurück zur Straße und schauten sich hektisch um. Niemand war zu sehen.
„Ich suche hier weiter, frag du bei den Carltons, ob sie etwas gesehen haben. Das Fenster von Marthas Zimmer zeigte doch direkt auf die Straße“, wies Dan seine Begleiterin an und ging schon eiligen Schrittes weiter in Richtung des Marktplatzes. Dabei spähte er immer wieder nach links und rechts, konnte aber keinen Menschen ausfindig machen.
Claire war mit der Idee nicht einverstanden, sie wollte sich nicht von Dan trennen. Da er aber schon ein ganzes Stück weit gelaufen war, drehte sie sich doch um und ging zur Haustür des Carlton-Hauses. Anklopfen brauchte sie nicht, denn Robert und Martha standen in der offenen Tür.
„Habt Ihr jemanden auf der Straße gesehen? Die drei Fremden sind fort, wir müssen wissen, wo sie hin sind“, fragte Claire aufgeregt.
„Er ist auf dem richtigen Weg, sie sind in diese Richtung gegangen. Aber ...“, setzte Martha zu einer Antwort an, doch Claire hörte gar nicht weiter zu, sondern lief sofort hinter Dan her.
Während sie rannte, griff sie automatisch noch einmal an ihre Uhr und blieb freudig erschrocken stehen, als das grüne Lämpchen aufflackerte.
„Ken! Ken!“, rief sie aufgeregt. „Hörst du mich?“
„Na endlich. Ich bin fast verrückt vor Sorge. Was ist los? Habt ihr die Zeitmaschine?“
„Nein. Sanfold ist uns wieder entwischt und wir wissen nicht, ob er überhaupt noch hier ist. Du musst uns helfen. Kannst du die Drohnen wieder in Betrieb nehmen?“, fragte Claire beinahe atemlos.
„Dazu muss ich sie erst orten. Warte ... zuletzt waren sie in dem Studierzimmer ... ja, ich hab sie. Oh, oh, eine liegt direkt am Fuß des Mannes, hoffentlich bemerkt er nichts ... geschafft, ich hab sie.“
„Prima. Dann such die Umgebung ab. Wir müssen Sanfold finden. Wenn wir die Zeitmaschine auch nicht bekommen sollten, so brauchen wir zumindest die Tempotronen“, wies Claire ihren Freund an.
Ken sagte zuerst nichts. Dann hörte sie ihn fluchen. „Verdammt. Was ist das für eine Festung? Claire, ich krieg die Dinger nicht raus. Das Zimmer scheint luftdicht versiegelt zu sein. Nicht die kleinste Ritze, durch die ich die kleinen Biester schlüpfen lassen kann ...“
„Auch das noch. Klar, Dan hatte den Bewohnern geraten, alle Fenster und Türen zu verschließen. Ich hole Dan, dann gehen wir zurück.“
„Nein, das kostet zu viel Zeit. Lass Dan weiter suchen und geh allein zum Haus. Ich brauche nur 2 Sekunden einen Spalt im Fenster. Lass dir etwas einfallen, damit es geöffnet wird“, entschied Ken.
Claire überlegte kurz. Da ihr nichts Besseres einfiel, lief sie allein zurück hinter John Dees Haus und blieb direkt unter seinem Studierzimmer stehen. Als sie Dees Anwesen erreichte, hörte sie noch ein leichtes Kratzen aus dem Lautsprecher ihrer Uhr und als sie Ken sagte, dass sie nun am Fenster angekommen war, bekam sie keine Antwort. Die Kontrolllampe war aus.
Claire ging zurück zur Straße und kaum dort angekommen, hörte sie schon Kens aufgebrachte Stimme: „Warum schaltest du das Gerät aus? Ich muss wissen, wo du bist, wenn ich dir helfen soll“, sagte Ken schroff.
„Hab ich doch gar nicht“, schimpfte die junge Frau zurück. „Ich war am Haus ... dort funktionierten die Geräte auf einmal nicht mehr. Wenn ich jetzt wieder zum Fenster gehe, dann schaltet sich die Uhr bestimmt wieder ab. Ich weiß nicht, was das ist.“ Daraufhin sagte der Japaner nichts, denn möglicherweise gab es in John Dees Haus irgendetwas, was den Sendekontakt unterbrach. Dafür reichte schon ein Magnetfeld und damit konnte man im Haus eines Wissenschaftlers rechnen. Dem widersprach allerdings, dass die Uhren anfänglich noch ihren Dienst getan hatten. Entweder, in dem Haus war etwas geschehen, was erst später den Kontakt unterbrach, oder aber es war purer Zufall. Roger hatte von Anfang an erklärt, dass mit Ausfällen zu rechnen war, die Geräte befanden sich ja noch in der Testphase.
Ken hoffte nur, dass sich solche Unterbrechungen nicht allzu oft wiederholten.
„Okay, okay. Geh zurück und sorge dafür, dass Dee das Fenster öffnet. Es sollte schnell passieren, damit er die winzigen Flugkörper nicht für Fliegen hält und erschlägt“, sagte Ken nun wieder mit ruhiger Stimme.
„Gut, ich gehe dann“, antwortete Claire und begab sich wieder hinter das Haus. Sie griff sich ein kleines Steinchen vom Boden und warf es an das Fenster. Laut rufen wollte sie nicht, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Der Plan ging auf, denn das Fenster öffnete sich sofort.
„Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“, fragte die Studentin unverfänglich.
„Ja“, kam die knappe Stimme Dees aus dem Inneren des Raumes.
„Gut“, entgegnete Claire knapp und ging schon wieder in Richtung Straße.
Als das Kommunikationsgerät nach einigen Augenblicken wieder funktionierte, fragte sie sofort: „Hast du die Drohnen?“
„Ja, alles klar. Ich such schon nach Dan und Sanfold“, kam die Stimme aus der anderen Zeit und Welt. „Aber weit sehen kann ich nicht, es ist einfach zu dunkel. Wenn ich mit Dan reden könnte ...“
„Er weiß sicher noch nicht, dass die Geräte wieder funktionieren“, vermutete Claire.
„Nun, wir werden ihn schon finden. Vielleicht hat er Sanfold ja schon ausfindig gemacht“, hoffte der Japaner.
Ken steuerte die Drohnen immer weiter von Dees Haus weg. Claire folgte der Richtung, die Ken ihr vorgab.

Dan lief immer weiter. Zunächst benutzte er die Straße, doch schon bald bemerkte er, dass vor ihm niemand mehr unterwegs war. Außer seinen eigenen Schritten und seinem mittlerweile keuchenden Atem hörte er absolut nichts. Die Stadt lag wie ausgestorben vor ihm. Er hielt an und sah sich um. Da war nichts. In einiger Entfernung sah er schwachen Kerzenschein hinter einigen Fenstern flackern, der die Umgebung aber nicht erhellen konnte. Als er so dastand und auf ein verräterisches Geräusch lauerte, lief ihm auf einmal ein Schauer über den Rücken. Er fühlte sich beobachtet. Langsam drehte sich Dan einmal um die eigene Achse.
Da! Abseits der Straße, hinter genau dem Gesträuch, wo er mit Claire in dieser Zeit gelandet war, funkelte es ganz kurz auf. Es war weder das magische Leuchten, welches Sanfold erzeugte, wenn er bestimmte Dinge tat, die Dan sich nicht wirklich erklären konnte, noch war es das blaue Licht, welches der Zeitstrudel bei einem Sprung verursachte. Für beides war das zitternde Licht zu gering. Es flackerte und funkelte auch nicht beständig, sondern der Schein drang immer nur kurz durch die Büsche. Dan konnte sich das nicht erklären.
Er sah sich noch einmal um, ob Claire vielleicht auf dem Weg zu ihm war, sah und hörte aber nichts.
Der Student fasste einen Entschluss. Er musste es allein versuchen, ohne Rückendeckung von Claire oder die Hilfe von Ken. Das war vielleicht die Gelegenheit, die Zeitmaschine wieder in seinen Besitz zu bekommen. Er griff nach seiner Waffe und in die linke Hand nahm er die kleine Stabtaschenlampe, die ebenfalls zu seiner Ausrüstung gehörte. So bewaffnet wagte er den Vorstoß.
Wie eine Katze schlich Dan sich an die Lichtquelle heran. Als er ein paar Schritte hinter sich gebracht hatte, vernahm er flüsternde Stimmen. Er verstand nicht, was sie sagten, war sich aber nun ganz sicher, dass er Sanfold und damit die Zeitmaschine gefunden hatte. Jetzt trennten ihn nur noch wenige Meter von seinen Gegnern und das Unglück geschah. Unter Dans Schuh brach ein trockener Zweig, den er in der Dunkelheit natürlich nicht bemerkt hatte und verursachte ein Krachen wie ein Pistolenschuss. Jedenfalls kam es ihm so vor in der Stille, die den Ort einhüllte.
Dan hielt im Schritt inne und die Luft an. Doch es war zu spät. Keine Sekunde später stach ihm das allzu bekannte blaue Leuchten in die Augen, welches einen Zeitsprung mit ihrer Zeitmaschine begleitete. Geblendet wandte er sein Gesicht ab und hielt sich schützend eine Hand vor die Augen. Dabei entglitt ihm die Taschenlampe und rollte einige Meter weiter.
Dan wollte aufschreien, besann sich aber und seinen Lippen entfloh nur ein unterdrücktes Keuchen. Wieder einmal waren Sanfold und seine Männer ihm einen Schritt voraus.
Er boxte in die Luft und griff sofort nach dem Scanner, um die Tempotronen einzufangen. Ihn hatten genau vier Schritte von seinem Ziel getrennt!
Anschließend bückte er sich, um die Taschenlampe zu suchen. Als er so auf allen Vieren durch das stoppelige Gras kroch, sprach ihn auf einmal Claire von hinten an.
„Sie sind weg. Wir haben versagt“, stellte sie mit tonloser Stimme fest. Claire war nicht wütend, sondern nur unendlich enttäuscht und traurig. Da hatte sie gestern noch geglaubt, dass sie endlich ihre Heimat wieder erreicht hatten und dann trat dieser verrückte Professor auf den Plan. Sollte dieses Abenteuer denn niemals ein Ende nehmen?
„Ach Claire“, begann Dan, stand auf und nahm die junge Frau freundschaftlich in die Arme. „Wir waren so nahe dran. Beim nächsten Mal erwischen wir sie. Und dann geht es nach Hause, nach Kansas City“, wollte er sie trösten. Claire begann zu schluchzen.
„Weine nicht, du bist doch die stärkste Frau, die ich kenne“, sagte Dan etwas unbeholfen. Claire lächelte zwar, aber für sie stand eine Rückkehr nach Kansas City in den Sternen. Durfte sie denn ohne Ken dorthin zurückkehren?
„Komm, lass uns die Lampe suchen, sie ist mir aus der Hand gefallen“, unterbrach Dan Claires Gedanken und kroch im selben Augenblick schon wieder auf dem Boden umher. Claire griff nach ihrer eigenen kleinen Lampe und ließ sie kurz aufleuchten. Das genügte, um Dans Lampe ausfindig zu machen, aber sie fanden noch etwas. In dem kurzen Lichtstrahl funkelte etwas im Gras Liegendes auf. Blitzschnell schnappte Claire danach und hielt einen hühnereigroßen, kalten Gegenstand in der Hand. Noch einmal ließ sie die Taschenlampe aufflammen und da erkannte sie einen Kristall, in dem sich das Licht in allen erdenklichen Farben brach. So etwas Schönes hatte Claire noch nie gesehen. Jetzt bemerkte sie auch, dass die Oberfläche des Kristalls nicht glatt war, sondern hundertfach geschliffen.
Nun wusste Dan, was ihn in Sanfolds unmittelbare Nähe gelockt hatte.

Ken betrachtete das Geschehen mittels der Drohnen, sagte aber nichts. Er fühlte sich ausgeschlossen und die Umarmung Claires durch Dan hatte ihm einen Stich versetzt. Warum konnte er nicht an seiner Stelle sein? Warum ...? Wieder einmal haderte der junge Japaner mit seinem Schicksal, an welchem er jedoch momentan nichts ändern konnte. Zum Leidwesen aller Beteiligten sah Ken auch keinerlei Hoffnung für sich.

„Das ist wunderschön“, flüsterte Claire begeistert.
„Schön, ja, aber warum hat Sanfold es hier gelassen?“, fragte Dan sich.
„Vielleicht hat er es nicht hier gelassen, sondern verloren“, meldete sich Claire. „Möglicherweise weiß er noch gar nicht, dass er den Kristall nicht mehr hat.“
„Das könnte bedeuten ... lass uns verschwinden, Claire.“
„Was, wieso?“
„Weil die Drei unterdessen vielleicht bemerkt haben, dass sie etwas verloren haben. Und Sanfold zieht hier nicht so eine Show ab, um seine Beute dann zu vergessen. Wenn dem so ist, kommen die garantiert nochmal zurück.“ Das leuchtete Claire ein und so ging sie neben Dan her zum Haus der Carltons.
Dort angekommen, bemerkten sie, dass hinter vielen Fenstern Kerzen brannten.
„Nanu, was ist das denn für eine Festbeleuchtung?“, fragte Claire.
„Das werden wir gleich erfahren. Ich hoffe nur, die armen Leute haben nicht schon wieder unerwarteten Besuch aus der Zukunft erhalten“, antwortete er. „Ken, kannst du mal nachsehen, was da drin los ist?“, forderte der Sportstudent nun den Japaner auf, der die Drohnen in der Nähe der Timetraveller schwirren ließ.
„Kein Problem“, kam die Antwort. Kurz darauf wussten sie, was sich hinter den Mauern des Carlton-Hauses abspielte. Eines der Kinder, Ken vermutete ein kleines Mädchen, schien Albträume zu haben und jammerte fürchterlich im Schlaf. Davon waren die anderen Kinder erwacht und weinten. Jedenfalls das Kleinste. Robert Carlton kümmerte sich um die beiden Knaben, Martha saß am Bett ihrer Tochter. Haushälterin und Diener waren ebenfalls im Haus unterwegs, was die vielen beleuchteten Zimmer erklärte.
„Ich muss noch einmal zu der Frau“, offenbarte Claire da. „Warte hier.“ Kaum hatte sie es gesagt, ließ sie Dan auch schon stehen und eilte zum Eingang des Hauses. Sie wollte schon anklopfen, als ihr eine bessere Idee kam. Sie blickte durch die erhellten Fenster, bis sie Martha erblickte. Leise klopfte sie an das Fenster. Martha schrak zusammen, als sie Claire jedoch erkannte, kam sie herbeigeeilt und öffnete.
„Psst!“, begann Claire. „Ich möchte Euch nur danken und Auf Wiedersehen sagen. Und wenn ich Euch einen guten Rat geben darf: vergesst, dass Ihr uns jemals gesehen habt. Wir waren niemals hier, Eure Kinder haben das alles nur geträumt, ja?“
Martha schaute Claire fragend und entsetzt zugleich an.
„Es ist besser so, glaubt mir“, fügte Claire noch hinzu und drückte sanft die Hand der Frau. Dann drehte sich Claire um und lief zurück zu Dan.
„Erledigt“, sagte sie nur.
„Ach, und würdest du wohl auch die Güte besitzen, mich in dein kleines Geheimnis einzuweihen?“, fragte Dan.
„Ich habe der Frau nur gesagt, dass sie uns nie gesehen hat und dass ihre Kinder heute Nacht schlecht träumen“, antwortete Claire augenzwinkernd. Durch Dans Kommunikationsgerät hörten sie Ken lachen.
„Wunderbar. Fortschritt hin oder her, so wie die Frau ausgesehen hat, ist sie die Erste, die heute Abend niemanden gesehen haben will“, kommentierte er das eben Erlebte.
„Habt ihr vielleicht mal daran gedacht, auch auf die Umgebung zu achten? Steht Sanfold vielleicht schon hinter mir und zielt auf mich?“, wollte Claire nun wissen.
„Nein, nein, einer der drei kleinen Spione kreist über euch. Aber es gibt absolut nichts zu sehen“, kommentierte Ken die Sachlage.
„Dann sollten wir uns auch auf die Heimreise begeben. Wenn der Stein so wichtig wäre, dann würde Sanfold kein Risiko eingehen und schon längst danach suchen“, mutmaßte Dan und gab Ken zu verstehen, dass Markui oder Roger die Rückholung veranlassen sollten.
„Bis gleich“, verabschiedeten sich die Zeitreisenden von ihrem „Bewacher“ und schalteten die Kommunikationsgeräte aus und gleichzeitig den Rückholimpulsgeber ein.
Den Kristall hielt Claire fest in der Hand.
Auf Rauenfels sollte sie erfahren, dass der Stein völlig wertlos war. Hübsch anzuschauen, wenn sich das Licht darin brach, aber völlig frei von irgendwelchen magischen oder sonst welchen inneren Kräften. Claire behielt den Stein trotzdem als Andenken an ihre letzte Reise.

Zwischenspiel in Kansas City

Nachdem Sanfold entdeckt hatte, dass der Kristall aus Dees Studierzimmer völlig wertlos war, hatte er ihn achtlos ins Gras geworfen und die Zeitmaschine programmiert und aktiviert. Sein nächstes Ziel stand fest. Taylor und McCrery berührten den Zylinder und kurz darauf waren die drei Männer aus dem Jahr 1582 verschwunden, ohne irgendwelche dauerhafte Spuren zu hinterlassen.
Kaum hatten sie ihr nächstes Ziel erreicht, über welches sich Sanfold bis zu deren Ankunft dort ausgeschwiegen hatte, kam es zum Streit. Michael McCrery hatte geglaubt, dass sie wieder heimkehren würden, musste allerdings schnell feststellen, dass er sich geirrt hatte. Als er Sanfold daraufhin zur Rede stellte und auch Taylor seinen Unmut äußerte, fasste der Professor einen Entschluss. Er programmierte die Zeitmaschine nochmals und reiste wortlos mit seinen Begleitern zurück ins Jahr 2006 nach Kansas City.
Als sie sich in Sanfolds Appartement wiederfanden, rissen Taylor und McCrery staunend die Augen auf.
„Was … aber …?“, stotterte McCrery.
„Kein Aber. Ihr bleibt hier und bereitet euch auf die nächste Reise vor. Hier!“ Damit übergab Sanfold den beiden seine letzten Notizen, die er sich nach dem Verlust seines Buches gemacht hatte, und war kurz darauf wieder verschwunden.
Taylor und McCrery schauten sich verwundert an und begannen, die Aufzeichnungen des Professors zu lesen. Ihre Augen wurden immer größer, als sie die Orte und Zeiten erkannten, die Ihr Boss scheinbar noch aufzusuchen gedachte. Ihnen wurde schnell klar, dass ihr letzter Trip ins Jahr 1582 noch recht angenehmer Natur war.

Mortlake, Surrey, 22. November 1582 am frühen Morgen


John und Jane Dee hatten noch sehr lange auf die Rückkehr der Fremden gewartet, so lange, bis sie der Schlaf übermannte. Sie redeten kaum, sondern hingen ihren eigenen Gedanken nach und ihnen kamen immer mehr Zweifel, ob sich wirklich alles so zugetragen hatte. John Dee wusste, dass seine Erinnerungen durch die Erscheinung am Abend getrübt waren und da Jane keine äußeren Verletzungen durch den Schlag davon getragen hatte, glaubte er am Ende, dass alles nur ein böser Traum gewesen sei.
Kelly rührte sich die ganze Nacht nicht, er schlief den Schlaf der Gerechten.
Als am nächsten Morgen die Kinder das Haus belebten und Edward Kelly über Kopfschmerzen stöhnte, ansonsten aber keine Bemerkung über den gestrigen Abend verlor, war Dee überzeugt, dass die Erscheinung Uriels zu Halluzinationen bei Jane und sich selbst geführt haben musste. Gekräftigt wurde seine These dadurch, dass weder er noch seine Frau in der Lage waren, sich detailliert an die Fremden zu erinnern.
John Dee zog sich nach dem Frühstück in sein Studierzimmer zurück, öffnete sein spirituelles Tagebuch und vertraute ihm an, dass er am 21.11.1582 am westlichen Fenster seines Studierzimmers von dem Engel Uriel einen Kristall erhalten hatte, der ihm als visionäres Hilfsmittel dienen würde.

Jane war nicht davon überzeugt, dass die Ereignisse am Vorabend gar nicht stattgefunden haben sollten. Sie erinnerte sich, dass die Fremden die Carltons, ihre Nachbarn erwähnt hatten, und ging, nachdem John sich zurückgezogen hatte, zu deren Haus hinüber, um Martha einen Besuch abzustatten. Als sie auf die Ereignisse, die sie noch immer nicht zuordnen konnte, zu sprechen kam, nahm Martha sie in den Arm und flüsterte ihr ins Ohr: „Arme Jane. Die Experimente deines Gemahls rauben dir noch den Verstand. Jetzt siehst du schon Gespenster ...“

Ende

Vorschau auf Episode 14

Erwartet mit Spannung die am 1. Juli 2009 erscheinende 14. Episode.

Der Titel lautet:
»Das Herz der Göttin«

von Amanda McGrey

Während Genevier in einer stürmischen Nacht vor den Häschern Childerichs flieht, findet sie ein merkwürdiges Ding am Strand von EMPURIA. Sie kann damit nichts anfangen, nimmt es aber mit. Sie hat wenig Zeit, Burg SAN SALVADOR DE VERDERA zu retten. Der Astronom des Merowingers hat dem König einen Sieg im Angesicht des Kometen vorausgesagt.
Auf halbem Wege zur Burg entdeckt Genevier zwei merkwürdige Menschen. Was sie ihr erzählen, verwirrt sie. Doch sie scheinen einiges über den Kometen zu wissen.

Unsere Zeitreisenden strudeln in ein Abenteuer, bei dem es um alles Alles oder Nichts geht. Können sie den Gralsorden um die ehemalige britische Hochkönigin noch retten? Wer ist der geheimnisvolle Astronom, der solche Macht über den Merowinger–König hat?

 

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