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»So nah und fern«

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Cover 2009 von Tommy Tohang / Jübek

EPISODE 12

»So nah und fern«

von Gloomy Tomb

Die Kälte war allumfassend.
Sanfolds Zähne klapperten laut aufeinander, doch irgendwie wurde das Geräusch von der Dunkelheit geschluckt. Kälte und Finsternis wollten und wollten kein Ende nehmen.
Hatte er in der Eile die Maschine nicht richtig programmiert?
Hatte er beim Aktivieren des Notsprungs etwas übersehen?
Verdammt! Warum dauerte das so lange?
Sanfolds Atmung wurde immer flacher. Er wagte aber nicht, irgendwelche Magie anzuwenden während des Zeitsprungs, das konnte sich unter Umständen verheerend auswirken.
Er musste zurück und er würde es schaffen.
Da! Endlich wurde ein Lichtschimmer mehr spür- als sichtbar. Es war nur ein Gefühl, welches seine Augen wahrnahmen, doch plötzlich erhellte sich die Umgebung schlagartig und Arthur Sanfold stürzte durch das Harper’s Inn, als seien alle Dämonen der Hölle hinter ihm her. Die Aktivierung des Notschalters der Zeitmaschine hatte ein wahres Eigenleben entwickelt und den Zeitreisenden erst viel zu langsam befördert, um am Ende die verlorene Zeit scheinbar wieder aufholen zu wollen.
Als der Professor gegen die Wand prallte, war die Zeitreise dann abrupt beendet. Benommen schaute er sich um. Das Chaos war noch so perfekt wie am Beginn seines kurzen, ungewollten Ausflugs. Die jungen Leute, die sich hier auf ein gemütliches Essen getroffen hatten, rannten wild durcheinander. Nein, nicht wild, wie Sanfold schnell erkannte. Sie wollten in ihrer Panik nur so schnell wie möglich den Ort verlassen, wo soeben Dinge geschehen waren, die rational nicht zu erfassen gewesen waren.
Vor ihren Augen hatte es eine Schießerei gegeben, ein Mann wurde mit einer Gabel (!) niedergestochen und dann lösten sich vier Menschen plötzlich in Nichts auf.
Einigen der Gäste, Männern wie Frauen, sah man ihre Verwirrung nicht nur an, sie schrien sie sich auch lauthals aus der Kehle.

Professor Arthur Sanfold rappelte sich auf und ließ seinen Blick über den Fußboden schweifen. Er suchte seinen Handlanger William Taylor.
Hatte er den Angriff des Japaners überlebt?
Doch wohin Sanfold auch schaute, er sah ihn nirgends. Auch von seinen anderen bewaffneten Söldnern war niemand zu sehen. Der Professor bahnte sich einen Weg in Richtung Ausgang, als er bemerkte, was ihn seit einigen Atemzügen an der Geräuschkulisse störte. Zwischen all dem Rufen und Schreien vernahm er nun auch die an- und abschwellenden Töne der Sirene eines Krankenwagens. Leise noch, doch rasch lauter werdend und damit näher kommend.
Irgendjemand musste den Notarzt verständigt haben. Der durchdringende Klang der Sirene war nun ganz laut zu hören und Sanfold sah auch schon das blaurote, zuckende Leuchten der Light Bar.
Er musste etwas tun. Er brauchte Taylor, um jeden Preis. William Taylor war der Einzige seiner Killer, der von Anfang an in die Geheimnisse des Professors eingeweiht war. Er war der Einzige, der genau wusste, was hier gerade passiert war. Sanfold vertraute diesem pockennarbigen Kerl nicht, aber er hatte die absolute Kontrolle über ihn. Eine kleine Demonstration seiner magischen Fähigkeiten hatte Taylor gefügig gemacht. Die lange Narbe über seinem Herz erinnerte ihn täglich daran, wozu Sanfold fähig war und den Anblick seines schlagenden Herzens wollte Will Taylor um keinen Preis nochmals ertragen.
Für Arthur Sanfold war es ein Spiel gewesen, ein Spiel mit der Angst um das nackte Überleben eines so niederen Geschöpfes – eines Menschen. Wie diese Wesen an ihren erbarmungswürdigen Leben hingen, amüsierte Sanfold immer wieder aufs Neue. Er selbst war auch ein Mensch, doch seine magischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, die gewisse Selbstheilungskräfte einschlossen, machten in Arthurs Augen den entscheidenden Unterschied aus. Und genau deshalb brauchten diese primitiven Menschen Führung. Seine Führung! Sanfold würde mit Hilfe der Kraft des Steins der Weisen oder Azoths, wie er ihn selbst lieber nannte, die Weltherrschaft an sich reißen und sich diese zweibeinigen Kakerlaken unterwerfen. Jedenfalls die, die sich als würdig erwiesen, ihm Untertan zu sein. Sie würden ihm dienen und wer weiß, vielleicht gab es unter ihnen ja doch ein paar Exemplare, die er für seine Ziele ausbilden und hochzüchten konnte. Magische Spuren hatte er in all den Jahren auch in dieser Welt aufspüren können, denn den einfacheren Weg, eine Rückkehr in seine eigene Welt, wagte er nicht. Er kannte das Rechtssystem in seiner Welt und wusste, dass Verbrechen, die in irgendeiner Art mit Magie zu tun hatten, dort niemals verjähren würden.
Und hier hatte er sich den Weg innerhalb der letzten 16 Jahre geebnet. Matthew Evans war schon lange tot. Diese Gefahr hatte er in dieser Welt vor vielen Jahren ausgeschaltet, nun sollte es nicht all zu schwer sein, eine neue Organisation wie den Ordo Hereticus, die es in seiner Heimat gegeben hatte, ins Leben zu rufen.
Arthur Sanfold war am Eingang der kleinen Studentenkneipe angelangt und sah gerade, wie die Rettungssanitäter Taylor an einer Trage festbanden und ihm eine Infusionsnadel legten. Die Gabel hielt der Verletzte fest umklammert in der Hand. Sanfold hätte eingreifen und Wills Wunde mit Hilfe seiner Magie schließen können. Doch er fühlte sich nach den zwei Zeitreisen zu erschöpft. Er brauchte selbst etwas Ruhe und vor allen Dingen Zeit zum Nachdenken, wo er nun mit seiner Suche beginnen sollte. Sein Buch sollte ihn dabei inspirieren.
Taylor wäre im Medical Center zunächst gut aufgehoben, der Professor spürte einfach, dass sein Handlanger nicht in Lebensgefahr schwebte. Und damit überließ er ihn den hiesigen Medizinern.
Die beiden anderen Söldner hatten sich in den Hintergrund gearbeitet, um keine Aufmerksamkeit zu erregen und sahen sich den Abtransport ihres Kameraden aus einiger Entfernung an. Sanfold ging auf die Beiden zu.
„Wer von euch hat geschossen?“, fragte er, ohne sich mit irgendwelchen Erklärungen aufzuhalten.
Beide nickten. Der große Bullige zeigte ein leicht schiefes Grinsen, als er sagte: „Ich hab dem Japs das Rückgrat weggepustet.“ Sanfold sah ihn genauer an. Der Mann war ungefähr 1,90 Meter groß, ein Kerl wie ein Schrank. Doch er wirkte durchtrainiert, da gab es kaum überflüssiges Fett an ihm und er brachte bestimmt an die 100 Kilo auf die Waage. Nur das leicht dümmliche Grinsen zeugte davon, dass sein Hirn nicht das gleiche Training wie sein Körper erhalten hatte. Er verfügte über genügend Intelligenz um zu wissen, dass er zu gehorchen hatte, aber nicht, um über gewisse Befehle nachzudenken. Also genau der Typ Söldner, den Arthur Sanfold bevorzugte.
Dass der Kerl die Rolle des etwas Naiven nur spielte, konnte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Aber dieser bullige Kerl, der da vor dem Professor stand, hatte diesen von Anfang an durchschaut und wusste, dass Sanfold Kraft vor Intelligenz stellte.
Der andere Kerl war etwas kleiner und bedeutend schmaler. Er wirkte beinahe schmächtig, doch seine Augen funkelten listig, hinterhältig, was ihn dem Professor auf den ersten Blick unsympathisch machte.
Sanfold zeigte auf den Schmalen. „Du! Du bist für heute entlassen. Verdrück dich in dein Rattenloch und warte weitere Befehle ab.“ Der Angesprochene wollte etwas erwidern, ließ es dann aber, drehte sich um und ging eiligen Schrittes davon.
Der Bullige schaute den Professor fragend an. Auch er wollte nichts lieber als jetzt zu verschwinden, doch Sanfold sah ihn gerade nochmals von oben bis unten genauer an.
„Name?“, fragte er dabei.
„Mc ... McCrery, Michael McCrery, Boss. Ich ...“, stotterte er als Antwort, wurde aber sogleich von Sanfold unterbrochen.
„McCrery, gut. Dich brauche ich noch. Du kümmerst dich als erstes darum, wohin Taylor gebracht wird und bewachst ihn. Du wirst keine Minute von seinem Bett weichen. Ist das klar?“
McCrery nickte zwar, doch der Professor sah ihm an, dass er nicht ganz verstanden hatte.
„Bleib immer in Taylors Nähe. Wenn es ihm besser geht, haut ihr ab und meldet euch umgehend bei mir. Klar?“
Michael nickte abermals und antwortete: „Jawohl, Boss.“
„Worauf wartest du dann noch?“, fragte Sanfold ungehalten. Er hatte soeben gehört, dass der Krankenwagen den Motor wieder gestartet hatte.
McCrery schaute nochmal fragend zu Sanfold und setzte sich zögernd in Bewegung, als der Professor ihm einen unmissverständlichen Wink gab.
„Gib dich als Bruder aus ... was weiß ich? Aber lass den Kerl nicht aus den Augen!“, rief er dem Söldner noch hinterher.
Michael McCrery rannte die letzten Meter bis zum Krankenwagen und Sanfold sah noch, wie er wild gestikulierend auf einen Sanitäter einredete. Dann kletterte McCrery auf den Beifahrersitz und der Wagen fuhr mit Blaulicht und Sirene davon.
Professor Arthur Sanfold setzte sich ebenfalls in Bewegung. Sein Wagen parkte noch genau da, wo er ihn vor seinem Ausflug in die Parallelwelt abgestellt hatte, am vorderen Ende der Walnut Street, also stieg er ein und fuhr davon. Wenn er geahnt hätte, was sich genau in diesem Augenblick im Harper’s Inn ereignete, wäre er vielleicht noch geblieben. Nein, er wäre sicher noch geblieben! Doch so fuhr er ahnungslos und glücklich über den Besitz der Zeitmaschine von dannen.

1. Tag

Burg Rauenfels

„NEIN!“
Kens Schrei hallte durch die Flure von Burg Rauenfels.
Markui eilte sofort zu ihm, nachdem er gesehen hatte, dass Claire und Dan ihre erneute Zeitreise angetreten hatten. Ken sah die „Abreise“ über seinen Bildschirm, und direkt nach dem Verschwinden von Dan und insbesondere wohl Claire war sein Schrei zu hören.
Markui beneidete seine Freunde nicht. Sie wünschten sich nichts sehnlicher, als endlich nach Hause zurück zu kehren und ihr normales Leben leben zu können.
War ein normales Leben für sie denn eigentlich noch möglich? fragte sich Markui. Er glaubte es nicht. Zu viel hatten sie erlebt, zu oft hatten sie in scheinbar ausweglosen Situationen gesteckt und dabei dem Tod ins Auge gesehen. Ihr Weltbild hatte durch verschiedene Dinge einen tiefen Riss bekommen. Zeitreisen, Parallelwelten, Magie, Drachen, Zombies ...
Und nun reisten sie zum zweiten Mal nach Hause ohne heim zu kehren.
„Nein ...“ Dieser erneute Aufschrei ging in ein qualvolles Stöhnen über. Markui hatte Kens Bett erreicht und sah, wie der Japaner sein Gesicht in den Händen vergrub.
Markui strich dem Freund etwas unbeholfen über die Haare. Er ahnte, was in ihm vorging. Doch ihm wollten keine tröstenden Worte einfallen. Außerdem war er überzeugt, dass jedes Wort es nur noch schlimmer gemacht hätte.
„Warum sind sie gegangen?“, wimmerte Ken nach einer Weile.
„Das hatten wir doch alles schon besprochen. Könntest du mit der Schuld leben, wenn dieser Professor sein Ziel erreichen würde?“
„Das ist mir egal. Sieh mich doch an, ich bin ein Krüppel! Was kann es denn noch Schlimmeres geben?“ Diesen Satz hatte Ken in den letzten Stunden schon zu oft gesagt. Deshalb ging Markui auch gar nicht mehr darauf ein. Brauchte er auch nicht, denn der junge Arzt betrat soeben das Krankenzimmer. Er wollte dem Patient eine Beruhigungsspritze setzen, doch Ken zog seinen Arm zurück.
„Nein!“, sagte er. „Ich muss wach bleiben und meinen Freunden helfen. Wenn ich schlafe, passiert bestimmt etwas Schreckliches. Ich MUSS ihnen helfen!“
Kens Launen wechselten schneller, als Markui sich darauf einrichten konnte. Erst wollte er an seiner Verletzung verzweifeln und im nächsten Moment schon dachte er wieder an seine Aufgabe. Der Arzt nickte dazu nur, ihm war solch ein Verhalten bei Patienten nicht unbekannt. Auch Markui verstand. Ken steckte in einer absoluten Ausnahmesituation, die noch lange Zeit brauchen würde, bis der junge Mann sich mit seinem Schicksal abfinden würde. Wenn er sich damit abfinden würde ...
„Wann kann ich sie sehen?“, fragte Ken da übergangslos.
Markui schüttelte den Kopf und antwortete: „Noch nicht. Wir wissen nicht, wie lange der Zeitsprung dauert und wenn ich die Drohnen zu früh aktiviere, könnten sie im Zeitstrudel beschädigt werden oder verloren gehen. Wie abgesprochen sende ich in zwei Stunden den Impuls.“
„Zwei Stunden! Markui, weißt du, was da alles passieren kann? Vielleicht sind sie dann schon tot!“
Der Wissenschaftler dachte, dass Ken nun wieder einen Ausbruch haben würde, doch dieser hatte sich wohl wieder unter Kontrolle.
„Ich sag Bescheid, wenn es losgeht. Ruh dich bis dahin noch etwas aus“, riet Markui seinem Freund. „Denn dann brauchen wir deine ganze Aufmerksamkeit.“
„Die sollst du haben“, antwortete Ken und drehte den Kopf ein wenig zur Seite. Der Arzt und Markui erkannten in dieser Geste, dass der Patient nun allein sein wollte.
Die beiden Männer verließen das Zimmer. Vor der Tür, von drinnen nicht zu sehen gewesen, wartete Xarina. Ein Blick in Markuis Gesicht genügte der Amazone um zu wissen, dass auch er jetzt allein sein wollte. Sie strich ihm sanft über die Schulter und schlenderte dann in entgegengesetzter Richtung davon. Markui sah ihr hinterher und fragte sich immer noch, was diese Frau an ihm fand.

Kansas City

Claire und Dan hielten sich während des Zeitsprungs an den Händen. Jetzt, wo sie nur noch zu zweit reisten, hatten sie Angst, einander zu verlieren und sich deshalb reflexartig angefasst. Sie hatten sich darüber bisher nie Gedanken gemacht, da sie sonst immer über die Zeitmaschine Kontakt zueinander hatten. Und dann war da immer noch Markus gewesen, dem sie alle instinktiv vertraut hatten. Doch bei dieser neuen Form der Zeitreise war ein Kontakt zur Maschine nicht nötig und eben auch nicht möglich. Roger Müllers Zeitmaschine war ganz anders konstruiert, die Zeitreisenden stellten sich lediglich auf eine Plattform, den Sprung selbst steuerte Müller von der externen Maschine aus. Beim Test war auch alles gut verlaufen, doch das hier war die Realität. Und im Gegensatz zu Markus kannten Claire und Dan diesen Roger Müller kaum. Da war es schwer, dieses blinde Vertrauen aufzubauen. Letztendlich aber hatten sie gar keine Wahl. Claire und Dan hatten die Aufgabe, dem Professor zu folgen und ihm ihre Zeitmaschine wieder abzunehmen. Das hörte sich einfach an, doch beide wussten, dass Arthur Sanfold gefährlich war. Und er arbeitete nicht allein. Zwar kannten sie seine Helfer nicht, aber dass mit ihnen nicht zu spaßen war, hatten sie bereits erlebt. Ohne zu zögern hatten die Männer von ihren Waffen Gebrauch gemacht und auf Menschen geschossen! Als Claire daran dachte, traten ihr wieder Tränen in die Augen. Ken!
Sie konnte immer noch nicht fassen, dass er so schwer verletzt worden war und über die Folgen wollte und konnte sie jetzt nicht nachdenken. Ihr Verstand filterte all die schrecklichen Ereignisse mehr oder weniger aus ihrem Denken heraus und so konnte sich die junge Frau ganz auf das gegenwärtige Geschehen konzentrieren. Dies bestand momentan aus kompletter Dunkelheit und aus der Trost spendenden Berührung an ihren Händen. Die Kälte um sich herum nahm sie gar nicht wahr.
Auch Dan war hochkonzentriert. Er wusste nicht, was sie erwarten würde, wenn sie ihr Ziel erreichten. Und vor allem, ob sie ihr Ziel erreichen würden wie geplant.
Nachdem die Helligkeit langsam sichtbar wurde, war ihre Reise auch schon zu Ende und die beiden Studenten befanden sich wieder im Harper’s Inn.
Die Zerstörung um sie herum war vollendet. Menschen befanden sich nicht in diesem Trümmerhaufen, doch von draußen waren Stimmen zu hören. Und noch etwas nahmen die Beiden wahr, was sie unter anderen Umständen sicher hätte jubeln lassen. Sie hörten die Sirene eines Notarztwagens, die sich gerade entfernte und sahen noch schwach das zuckende blaurote Licht der eingeschalteten Light bar. Dinge, die in ihre Welt gehörten. Aber freuen konnten sie sich unter den gegebenen Umständen nicht.
Dan gab Claire ein Zeichen, leise zu sein, damit sie keine unnötige Aufmerksamkeit erregten. Dann schlichen sie zum Ausgang und spähten vorsichtig hinaus. Viel zu sehen gab es nicht mehr. Einige junge Leute, Studenten, standen in kleinen Gruppen zusammen und redeten aufgeregt durcheinander. In einiger Entfernung fuhr ein schwarzes Auto davon, dessen Fahrer es recht eilig zu haben schien. Wer darin saß, konnten die beiden Timetraveller nicht erkennen, doch sie schenkten dem auch wenig Beachtung. Leider! Hätten sie geahnt, wer sich da aus ihrem Blickfeld entfernte, hätten sie zumindest schon mal einen Anhaltspunkt zur Suche nach Arthur Sanfold gehabt.
Dan und Claire konzentrierten sich aber mehr auf die umstehenden Leute, doch denjenigen, den sie suchten, konnten sie nicht entdecken.
Plötzlich wurde die Sirene eines Polizeiwagens hörbar.
„Lass uns verschwinden. Auf ein Rendezvous mit den Bullen lege ich keinen Wert“, forderte der Sportstudent seine Begleiterin auf. Sie nickte verstehend und die beiden umrundeten das Haus und liefen, so schnell sie konnten, davon. Nachdem sie um die Ecke gebogen waren, hatten sie sich zwar den Blicken aller anderen entzogen, sahen aber selbst auch nicht mehr, was um die Kneipe herum passierte.
„Und nun? Wo sollen wir jetzt mit der Suche beginnen?“, fragte Claire verzweifelt. Sie hatte gehofft, dass ihre Mission schnell beendet sein und sie zurück zu Ken kehren würde. Doch danach sah es nun überhaupt nicht aus.
„Ich weiß nicht, wo wir anfangen sollen. So eine halbe Stunde ist eine verdammt lange Zeit, der Kerl kann schon überall sein“, antwortete Dan frustriert. „Aber uns muss etwas einfallen. Lass uns mal überlegen, was genau passierte, bevor wir die Zeitmaschine aktiviert haben“, sagte Dan.
„Nicht wir. Du! Du hast den Knopf gedrückt“, fuhr Claire ihn an.
„Ja, ich habe den Knopf gedrückt und uns allen wahrscheinlich das Leben gerettet. Claire, glaub mir, es war das Beste so. Oder wolltest du es riskieren, dass die Kerle uns alle mit Blei vollpumpen?“
„Tut mir leid, Dan. Aber es ist alles so ...“, antwortete Claire zerknirscht. Sie brauchte einen Schuldigen, dem sie den Schwarzen Peter in die Schuhe schieben konnte, der als Blitzableiter fungieren konnte. Doch sie wusste auch, dass Dan dafür genau die falsche Person war. Das Problem war nur, sonst war niemand da, an dem sie ihren Frust auslassen konnte.
„Schon gut. Also, was genau passierte vor dem Zeitsprung?“, fragte Dan abermals. Er wusste genau, was passiert war, wollte Claire aber von Anfang an in seine Überlegungen einbeziehen.
„Nun, wir haben gegessen und geredet und dann stand dieser Typ mit dem Schnauzbart plötzlich an unserem Tisch.“
„Richtig“, bestätigte Dan. „Und dieser Typ hatte zuletzt Kens Gabel in seinem Hals stecken.“
„Erinnere mich nicht daran.“ Die junge Frau schüttelte sich, als ihr bei dem Gedanken ein kalter Schauer über den Rücken lief.
„Hast du gesehen, ob der Kerl noch gelebt hat?“, bohrte Dan trotzdem weiter.
„Ich denke schon, er hat die Gabel ja noch festgehalten und sie dann sogar selbst herausgezogen“, stellte Claire fest.
„Genau. Und deshalb vermute ich, dass der Krankenwagen wegen diesem Typen hier war. Oder, naja, ich hoffe es wenigstens“, zog Dan den Schluss aus seiner Theorie. „Ich weiß, es ist nicht viel, aber es ist zumindest ein Anhaltspunkt, ein Anfang. Oder hast du eine bessere Idee, wo wir mit der Suche beginnen sollen?“
„Nein“, gestand Claire. „Aber in welche Klinik werden sie ihn gebracht haben?“
„Nun, am nächsten liegt das St. Joseph Health Center, drüben am Carondelet Drive. Das sind gut 2 Meilen dorthin. Wenn wir uns beeilen, sind wir in einer halben Stunde hingelaufen.“
Da Claire keine bessere Idee hatte, nickte sie. Doch dann fragte sie völlig unvermittelt, ob da nicht ein Bus hinfuhr.
Dan schaute sie mit großen Augen an und meinte nur: „Und wie willst du ein Ticket kaufen?“
„Shit!“, gab sie zur Antwort, was Dan ein kleines Grinsen entlockte.
Die Beiden besaßen nichts außer dem, was sie am Leib trugen, und das stammte komplett aus Burg Rauenfels, aus einer Parallelwelt. Sie hatten dabei noch Glück, dass diese Welt sich ähnlich entwickelt hatte wie ihre eigene, jedenfalls was ihre Ausrüstung betraf. Die Uniformen der HDG ähnelten herkömmlichen Jeansklamotten, waren nur etwas robuster verarbeitet. Damit fielen sie nicht auf und konnten sich frei bewegen. Die technischen Geräte, die sie bei sich trugen, sollten allerdings nicht in die falschen Hände geraten.
Was Claire noch nicht wusste war, dass Markui mit Dan vorsorglich über eine Unterkunft in ihrer Welt gesprochen hatte. Alle an der Mission direkt oder indirekt Beteiligten waren sich einig gewesen, dass die Zeitreisenden unter keinen Umständen Kontakt zu ihren Familien oder Freunden aufnehmen sollten. Die Gefahr, in der sie schwebten, war einfach zu groß, als dass Unbeteiligte, Unschuldige, da mit hinein gezogen werden durften.
Deshalb hatte Markui den Beiden sein Zimmer im Studentenwohnheim zur Verfügung gestellt. Bei seinem Zimmernachbarn war ein Zweitschlüssel hinterlegt, den sie sich dort irgendwie aushändigen lassen sollten, falls es notwendig werden würde. Dan erzählte davon seiner Gefährtin vorerst noch nichts, denn er hoffte ebenfalls, dass sie bis zum Abend wieder auf Rauenfels eintreffen würden, um es dann bald für immer zu verlassen. Doch dazu mussten sie erst die Zeitmaschine in ihren Besitz bringen und die einzige Spur, die sie bis jetzt hatten, war ein davongefahrener Krankenwagen.
Dan und Claire durchquerten den gesamten Campus, um zur Wornall Road zu gelangen. Dieses Stück Weg hatte Dan bei seiner Planung nicht mitgerechnet. Es dauerte eine geraume Zeit. Dem Sportstudent machte dieser Marsch wenig aus und auch Claire dankte sich innerlich dafür, dass sie ihren Körper immer ein gewisses Maß an Fitness gegönnt hatte, denn nun konnte sie mit Dans Tempo problemlos mithalten. Vielleicht war es die offensichtliche Eile, die sie demonstrierten, jedenfalls kamen sie unbehelligt über das Gelände der Avila Universität, ohne von irgendjemandem aufgehalten zu werden, was normalerweise fast unmöglich war, da man immer bekannte Gesichter traf. Dann liefen sie die Wornall Road weiter und nahmen eine kleine Abkürzung durch die Jefferson Street. Eine wirkliche Abkürzung war es nicht, es ließ sich nur angenehmer vorwärts kommen. Das letzte Stück ging es den Carondelet Drive weiter, bis sie in den Aramark Drive einbogen und vor den beeindruckenden Gebäuden des St. Joseph Health Center standen.
Der Eingang zur Notaufnahme des Medical Centers war einfach zu finden. Man konnte der Beschilderung oder den ankommenden Krankenwagen folgen.
„Und wie wollen wir nun zu dem Verletzten gelangen? Wir kennen ja nicht mal seinen Namen“, gab Claire zu Bedenken, als sie direkt vor der Tür zur Notaufnahme standen.
„Das lass mal meine Sorge sein“, erwiderte Dan augenzwinkernd. „Ich hab da eine Idee.“
„Da bin ich aber gespannt“, antwortete Claire, denn sie konnte sich nicht vorstellen, dass Dan hier mit seinem zur Schau getragenen Draufgängertum weit kommen würde.
Doch der junge Mann war schon hinein gegangen, Claire folgte ihm mit ein paar Schritten Abstand.
In der Notaufnahme herrschte das übliche Chaos wie in jeder Notaufnahme eines größeren Krankenhauses. Ärzte, Schwestern und Angehörige der Patienten liefen scheinbar planlos umher, in der Wartezone saßen Menschen, die einen verzweifelten oder irritierten Eindruck machten, Telefone schrillten durch die Halle und die neu ankommenden Sanitäter bahnten sich lauthals ihren Weg in ein freies Behandlungszimmer.
Mitten in der Halle befand sich ein kreisrunder Tresen, hinter dem zwei Krankenschwestern Dienst taten. Sie nahmen unentwegt Anrufe entgegen und gaben den Fragenden Auskunft. Eine der Schwestern, eine zierliche, junge Frau, nicht älter als Claire, erregte sofort die Aufmerksamkeit des Sportstudenten. Wie Claire trug sie ihr dunkles Haar schulterlang, doch die Geschichtsstudentin vermutete, dass Dan eher ihren rehbraunen Augen verfallen war. Amüsiert sah Claire Bancroft zu, wie Dan versuchte, nun seinerseits die Aufmerksamkeit der Braunäugigen zu erlangen. Claire hielt sich zurück, sie kannte Dans besonderen Charme ja noch von früher, obwohl sie gern gehört hätte, wie der Macho sich eine Abfuhr holte. Sie schaute sich unterdessen genauer um. Vielleicht meinte es das Schicksal gut mit ihnen und offenbarte ihr das verhasste, pockennarbige Gesicht des Killers leidend auf einer Trage. Claire war so vertieft, dass sie gar nicht bemerkte, dass Dan plötzlich grinsend hinter ihr stand.
„Volltreffer!“, sagte er triumphierend.
„Dan, wir sind nicht zum Vergnügen hier“, rügte Claire ihn. Sie glaubte, dass Dan die Krankenschwester meinte. Der verzog aber das Gesicht und meinte nur: „William Taylor, Verletzung am Kehlkopf durch einen spitzen Gegenstand, Vorbereitung auf OP.“
„Was?“, fragte Claire irritiert.
„Da staunst du, was? Wir hatten endlich mal Glück im Unglück. Die Akte lag obenauf, der Kerl wird wohl gleich abgeholt. Wir müssen nur aufpassen, wohin er gebracht wird. Hoffen wir, dass er in diesem Center bleibt.“
Claire nickte. Sie hatte wenig Lust, schon wieder viele Meilen einem Krankenwagen hinterher zu laufen. Sie war müde, ausgepowert und die Sorge um Ken nahm ihr im Moment wieder alle Energie.
Dan zog die junge Frau auf ein Sitzelement in der Nähe des Tresens. Er hatte den Stimmungswechsel bei ihr bemerkt und stand diesem wiederum etwas ratlos gegenüber. Also sagte er lieber gar nichts dazu und beobachtete die Umgebung um nicht zu verpassen, wann Taylor abtransportiert werden würde.
Plötzlich fielen Claire die Drohnen ein, die ihnen Roger Müller und Markui mit auf den Weg gegeben hatten.
„Dan, sind die zwei Stunden nicht längst um?“, fragte sie mit banger Stimme. Er schaute auf die Uhr und schüttelte den Kopf.
„Noch nicht. 20 Minuten, dann sollten wir Kontakt bekommen.“

Burg Rauenfels

„Sind die zwei Stunden nicht längst vorbei?“, fragte Ken.
„Nein, noch nicht. Aber bald. Keine Sorge, es geht ihnen gut“, antwortete Markui.
„Ach ja? Und woher willst du das wissen?“, konterte der Japaner, der seine Gefühle einfach noch nicht unter Kontrolle hatte.
„Ich kenne Dan und Claire. Sie wissen, wie wichtig diese Mission ist und sie werden kein Risiko eingehen.“
„Sie nicht, aber du weißt, zu welchen Risiken dieser Sanfold bereit ist. Das ist es, worüber ich mir Sorgen mache. Vielleicht sind sie schon tot!“ Dass Ken so ein Schwarzseher geworden war, lag sicher nur daran, dass er zur Untätigkeit verdammt war. Untätiges Warten!
Damit wollte er sich nicht abfinden, obwohl er tief in sich drin wusste, dass er es musste, wenn er seinen Freunden helfen wollte. Doch das war nicht einfach. Markui wusste das ebenfalls und ließ Kens Ausbrüche unkommentiert über sich ergehen.
„Ken, es geht ihnen gut. Oder glaubst du, dieser verrückte Professor hätte nicht schon längst alles ausprobiert, was Claire und Dan an technischer Ausrüstung dabei haben? Irgendetwas davon hätte Roger schon längst aufgespürt, irgendeinen Impuls, falls jemand die Dinge wie Spielzeug ausprobieren würde.“ Markui war sich gar nicht sicher, ob dem so wäre, er glaubte es eigentlich nicht, nein, er wusste, dass dem nicht so war, je länger er darüber nachdachte, doch aus seinem Mund hörte sich diese kleine Lüge sehr glaubhaft an und erfüllte ihren Zweck. Ken beruhigte sich und drehte den Kopf ein wenig entspannter zur Seite.

Kansas City

Die beiden Timetraveller saßen unruhig in der Wartezone. Immer wieder wechselten ihre Blicke von der Uhr zum Tresen und huschten zwischendurch durch die Halle, immer in der Hoffnung, den Abtransport des Killers nicht zu verpassen. Während der Zeit fiel ihnen irgendwann ein nervöser Kerl auf, der vor einem der Behandlungszimmer auf und ab lief. Er war groß, massig und seine Augen strahlten eine Unruhe aus, was schließlich Claires Aufmerksamkeit erregte.
„Dan, sieh mal, dieser Kerl da. Der ist unheimlich“, flüsterte sie dem Freund zu. Dieser sah sich den Typen eine Weile an und meinte dann: „Du hast Recht. Ich wette, der wartet auf den gleichen Fall wie wir.“
„Meinst du?“, fragte Claire, ohne den Blick von dem Bulligen abzuwenden.
„Sieh dir mal seine Kleidung an. Alte Armeeparka scheinen denen ihr Markenzeichen zu sein, auch wenn er bei dem da eher wie eine Kurzjacke aussieht.“
„Na ja, die tragen doch aber viele Leute. Ich weiß zwar nicht, was die daran so toll finden, aber ...“
Dan schaute an sich hinab und musste lächeln. „Überleg mal, was wir gerade tragen. Uniformen der HDG. Armylook ist nicht nur in unserer Welt beliebt. Es liegt wohl daran, dass diese Kleidung robust und strapazierfähig ist.“
„Ja, und es lässt sich eine Menge darunter verstecken“, fügte Claire noch hinzu.
Und dann öffnete sich ganz plötzlich die Tür des Behandlungsraums. Ein Pfleger trat heraus und der Bullige wandte sich ihm sofort zu. Nach einem kurzen Wortwechsel kam der Pfleger zum Tresen, schnappte sich die Krankenakte von William Taylor und ging zurück.
„Ja! Wir haben ihn“, jubelte Dan fast tonlos.
Taylor wurde in einem Bett liegend aus dem Raum und direkt zu einem Aufzug gerollt. Der Bullige folgte ihm. Claire wollte schon hinterher stürmen, doch Dan hielt sie am Arm zurück.
„Nicht! Wir folgen ihnen über das Treppenhaus.“
„Wieso das denn? Die Kabine ist doch groß genug“, maulte die junge Frau.
„Wir wissen aber nicht, ob der Kerl uns kennt. Und wenn er das tut, dann möchte ich weit weg sein.“
Claire verstand. Sie hatten nicht alle Killer im Harper’s Inn in Augenschein nehmen können und kannten deshalb ihre Gesichter nicht. Aber umgekehrt konnte das gut der Fall sein.
Die Beiden beobachteten die Anzeige des Lifts und wussten wenige Sekunden später, dass sie in den 4. Stock rauf mussten. Sie stürmten los. Oben angekommen empfing sie ein gähnend leerer Flur.
„Seltsam, kein Mensch zu sehen. Das ist ungewöhnlich für eine Klinik“, stellte Claire fest. Doch kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, öffnete sich weiter vorn eine Tür und mehrere weißbekittelte Personen traten hinaus. Der Augenblick der leeren Stille war offensichtlich Zufall gewesen, denn nun nahmen sie auch die typischen Geräusche einer Klinik wahr. Einige Meter hin standen Bänke vor großen Milchglastüren. Die Beschilderung wies auf mehrere Operationssäle hin.
„Und nun?“, fragte Claire wieder, die immer noch nicht genau wusste, wie sie hier auch nur in die Nähe der Zeitmaschine kommen sollten.
„Wir müssen warten. Dieser Taylor stellt die einzige Verbindung zu Arthur Sanfold und damit zur Zeitmaschine dar, von der wir wissen. Irgendwann werden die Beiden Kontakt haben, und da Taylor nicht zu Sanfold kann, wird der wohl zu Taylor kommen. Jedenfalls hoffe ich das. Wir müssen dann nur noch an diesem Gorilla vorbei, der wohl Taylors Wachhund spielt.“ Dan hatte also auch keinen konkreten Plan, stellte Claire niedergeschlagen fest.
„Aber vielleicht können uns die Drohnen helfen. So langsam müsste die Zeit doch ran sein, oder?“, fragte sie.
„Ja“, antwortete Dan nach einem Blick auf die Uhr. „Du hast Recht, lass es uns versuchen.“
Erleichtert atmete Claire auf. Gleich war es soweit und sie würde Kens Stimme hören können. Das war momentan ihr innigster Wunsch. Sie gingen zum Ende des Flures, wo sich in einer Nische eine Sitzgruppe befand. Dan holte die drei wie Fliegen aussehenden Metalldrohnen hervor und sie beide aktivierten den Kommunikator, der in ihre Armbanduhren eingebaut war.
Nichts!
„Ich höre nichts. Noch nicht mal das Kontrolllämpchen leuchtet. Wieso funktioniert das nicht, Dan?“ Panik schlich sich in Claires Stimme.
„Ruhig, Claire. Bestimmt haben Markui und Ken die Geräte noch nicht eingeschaltet. Wir versuchen es gleich noch einmal“, versuchte Dan seine Begleiterin zu beruhigen.
Während sie warteten, ging weiter vorn eine der Glastüren auf und der Bullige trat heraus. Er wirkte wütend, zückte ein Handy aus seiner Jackentasche und steckte es nach einem Blick auf das Display wieder weg. Den Vorgang wiederholte er mehrmals und machte von Mal zu Mal einen nervöseren Eindruck.
Die beiden Zeitreisenden drückten sich weiter in die Nische, um nicht in das Blickfeld des Kerls zu geraten. So lange sie nicht wussten, in welchem Verhältnis er zu Taylor und vor allem zu Sanfold stand, wollten sie kein unnötiges Risiko eingehen.
Als der Kerl zum bestimmt fünften Mal sein Handy wieder wegsteckte, erahnte Claire den Grund. „Er hat keinen Empfang. Das ist eine Klinik, da hat man keinen Netzempfang“, wisperte sie Dan ins Ohr.
„Stimmt“, flüsterte er zurück. „Deshalb funktionieren unsere Geräte vielleicht auch nicht.“
„Dann müssen wir hier raus“, meinte Claire. Sie wollte nicht länger warten, denn sie stellte sich gerade vor, wie Ken und Markui verzweifelt versuchten, den Kontakt herzustellen und kein Signal bekamen. Aber Müller hatte ihnen genau das mit auf den Weg gegeben, dass die empfindlichen Geräte unter gewissen Umständen ausfallen konnten.
Dan schaute vorsichtig um die Ecke. Der Kerl lief immer noch nervös auf und ab.
„Wir können jetzt nicht raus. Dazu müssen wir an dem Kerl dort vorbei, und was, wenn er uns erkennt?“, sagte Dan im Flüsterton. Claire hatte den Fingerknöchel ihrer linken Hand im Mund, um nicht laut vor Verzweiflung aufschreien zu müssen. Ihre Nerven lagen blank.
Dann hörten sie, wie Schritte näher kamen.
„Claire, frag jetzt nicht, spiel einfach mit, ja?“ Auch Dan wurde zusehends unruhiger. Er nahm die junge Frau in den Arm und bat sie leise: „Tu so, als wären wir heiß aufeinander. Drück dein Gesicht an mich, damit er es nicht sieht.“
Claires Herz klopfte zum Zerspringen, doch mittlerweile vertraute sie Dan soweit, dass sie zu wissen glaubte, dass er die Situation nicht ausnutzen würde. Also warf sie sich ihm an den Hals und die Beiden verließen die Nische am Ende des Krankenhausflures eng umschlungen. Für Beobachter sah es so aus, als seien sie unsterblich ineinander verliebt. So liefen sie an Taylors Wachhund vorbei, der ihnen zwar entgegen kam, aber keinerlei Beachtung schenkte. Er war schon wieder mit seinem Handy beschäftigt, weil er wohl immer noch nicht begriffen hatte, dass er weder jetzt noch später in diesem Gebäude würde telefonieren können.
Kaum hatten Claire und Dan das Treppenhaus erreicht, eilten sie im Laufschritt die Stufen hinab und verließen auf dem gleichen Weg, den sie gekommen waren, die Klinik.
Draußen schauten sie sich nach einem Platz um, an dem sie ungestört waren, um zu versuchen, ob der Kontakt zu ihren Freunden nun möglich war. Sie gingen vor in Richtung der Besucherparkplätze und steuerten auf den rechten und damit kleinsten Teil dieser zu. Dort standen kaum Autos. Sie konnten die Fläche überblicken und sahen sofort, wenn sich jemand näherte.
Dan nahm die drei winzigen Drohnen in die Hand und beinah zeitgleich schalteten sie ihre Kommunikationsgeräte ein. Die stecknadelkopfgroßen Kontrolllämpchen flimmerten auf, um sofort wieder zu verlöschen und von Neuem zu funkeln. Endlich glühten die beiden kleinen Lämpchen stabil. Fast im gleichen Moment verselbständigten sich die Drohnen und schwirrten plötzlich vor ihnen in der Luft.
„Ken? Ken, hörst du mich?“, rief Claire sofort. Ihre Frage blieb unbeantwortet.
„Ken! Ken?“ Nun schrie sie den Namen ihres Freundes. Auch Dan rief Kens Namen und schüttelte dabei an seinem Handgelenk, an dem die Uhr befestigt war.
„Markui, hört ihr uns?“, fragte der Sportstudent. „Hallo? Markui?“
So viel sie auch riefen, sie bekamen keine Antwort. Die Drohnen schwirrten aber immer noch in wildem Tanz auf und ab, mehr passierte nicht.
„Vielleicht können sie uns hören und nur wir sie nicht“, sagte Dan nach einem Augenblick der Ratlosigkeit zu Claire, die unterdessen Tränen in den Augen hatte. „Oder es dauert einfach seine Zeit, bis die Informationen übertragen sind.“
„Aber bei dem Test ging das doch alles ganz problemlos“, antwortete Claire mit weinerlicher Stimme.
„Ich weiß. Aber wer weiß schon, wo genau diese Wüste gelegen hat? Bestimmt näher an Rauenfels als Kansas City.“
„Ach was, das glaube ich nicht. Dieser Roger Müller ist ein Perfektionist. Und Markui hätte uns das Zeug hier niemals mitgegeben, wenn er nicht hundertprozentig davon überzeugt gewesen wäre. Dann wäre er eher noch selber mitgereist.“
„Vielleicht haben sie sich ja doch geirrt und das Spielzeug funktioniert NUR auf diesem Testgelände“, vermutete Dan nun.
„Sag doch sowas nicht. Allein schaffen wir das hier nie!“ Nun rann der Studentin doch eine Träne die Wange hinab.
„Claire“, sagte Dan sanft, „wir haben doch schon ganz andere Situationen gemeistert. In fremden, unvorstellbaren Welten! Da werden wir doch mit dieser Mission hier allemal fertig. Ist doch quasi ein Heimspiel für uns.“ Dan versuchte, die weinende Kameradin zu trösten, was ihm auch beinahe gelang, denn zumindest schenkte Claire ihm, nachdem sie lautstark die Nase hochgezogen hatte, ein kleines Lächeln.
„Weißt du was? Wir erkundigen uns jetzt ganz einfach nach diesem Taylor. Ich sage, dass ich sein Bruder bin und dann sehen wir weiter.“ Dan pflückte die Drohnen aus der Luft und sagte dabei zu ihnen: „Bis später.“ Die kleinen Biester hüpften wie zur Antwort in Dans Hand auf und ab.
„Dan, sieh dir das an. Sie haben uns verstanden. Ken! Ken, also hörst du uns. Es geht uns gut. Und wir sind bald zurück. Hörst du? Bald …“ Doch die Drohnen lagen nun still in Dans Hand.
Voller Zweifel, ob der Kontakt nun hergestellt gewesen war oder nicht, gingen sie wieder in Richtung Notaufnahme. Nach einem sichernden Blick, ob der Bullige in der Nähe war, traten sie an den Tresen und warteten, bis eine der Schwestern ein paar Sekunden Zeit für sie hätte.
Die Braunäugige war nicht mehr da, also ließ Dan seinen ganzen Charme bei einer Mittvierzigerin spielen, als er sich nach dem Killer erkundigte.
„So, so, der Bruder also. Wie viele Brüder seid ihr denn noch? Und ihr seht euch alle gar nicht ähnlich … da ist doch irgendetwas faul“, ranzte die Krankenschwester Dan an. Der schaute sie mit einer Unschuldsmiene an, die Steine hätte erweichen lassen, aber nicht diese Frau.
Dan zückte seinen letzten Joker.
„Hilft es mir weiter, wenn ich Ihnen sage, dass mein Bruder am 18. Juni 1968 geboren wurde?“
Claire schaute völlig verblüfft drein. Bluffte Dan oder wusste er das Datum wirklich? Und wenn ja, woher? Die Schwester schien zwar wenig überzeugt, gab aber nun doch Auskunft. William Taylor wurde auf die Operation an seinem Hals vorbereitet und würde vor Morgen Früh die Intensivwachstation nicht verlassen. Es käme bis dahin aber auch niemand zu ihm.
„Also, junger Mann, probieren Sie es morgen Vormittag nochmal.“ Damit drehte sie sich um und griff zum Telefon, welches seit einigen Sekunden läutete.

Sanfold gönnte sich zunächst eine ausgiebige Dusche. Sein Appartement befand sich nur 10 Autominuten vom Campus entfernt, was sich während seiner offiziellen Tätigkeit an der Universität während der letzten Jahre als sehr vorteilhaft erwiesen hatte. Das sparte ihm lange Anfahrtswege und auch zum Institut von Matthew Evans war es nicht weit gewesen.
Er hatte die Zeitmaschine wie einen Schatz in seine Wohnung getragen und auf einem Sessel abgelegt. Doch dann wollte er die Vorfreude und den Triumph ausführlich genießen und entschied sich zuerst für die heiße Dusche.
Beim Entkleiden hatte er seine Sachen achtlos zu Boden fallen lassen. Darum wollte er sich später kümmern.
In einen schneeweißen Bademantel gehüllt kehrte der Professor ca. 20 Minuten später aus dem Badezimmer zurück, ging an die Bar und schenkte sich einen mehr als doppelten Gin ein. Das kalte Getränk rann seine Kehle hinab und Arthur Sanfold genoss das prickelnde Gefühl im Hals. Während er trank, ließ er die Zeitmaschine nicht eine Sekunde aus den Augen. Dann trat er an den Sessel und berührte den Zylinder.
„Endlich!“, hauchte er ehrfurchtsvoll. „Endlich bin ich am Ziel meiner Wünsche. Mit dir kann ich nun nach so vielen Jahren meinen Traum verwirklichen.“ Er streichelte die Maschine, als wäre sie ein kleines kuscheliges Haustier. Hier und jetzt konnte der Professor Gefühle zeigen, die er in Gegenwart anderer Personen niemals zugeben würde. Aber in diesem Augenblick ließen ihn die Ehrfurcht vor dem 30 cm langen Zylinder mit dem Gewirr aus Kabeln und dieser besonderen Glühlampe im Innern sehr menschlich erscheinen. Allerdings nur dann, wenn man die Ziele und Träume dieses Mannes nicht kannte.
„Dann wollen wir doch mal sehen, wohin die erste Reise gehen soll“, sprach er zu sich selbst und schlurfte zu seinem Kleiderhaufen. Er hob die Jacke auf und griff zielgerichtet in die Innentasche. Die Tasche war leer. Hektisch durchsuchte er die anderen Taschen seiner Jacke, dann die der Hose und schließlich krempelte er den ganzen Haufen von oben bis unten um. Aber was er so verzweifelt suchte, blieb verschwunden.
„Das Buch! Wo ist das Buch?“
Sanfold suchte das Buch, welches ihm den Weg durch die Zeit zeigen sollte.
Das Buch, in dem die Hinweise auf den Stein der Weisen zusammengetragen waren.
Das Buch, das sein Reiseführer auf dem Weg zur Macht darstellte.
Das Buch … das er in Burg Rauenfels bei seiner Flucht verloren hatte!

Er griff ein letztes Mal in die Taschen seiner Jacke, dann goss er sich noch einen großen Gin ein, setzte sich auf das Sofa und dachte nach.
Wann hatte er das Buch das letzte Mal in der Hand gehabt?
Wann hatte er es das letzte Mal in der Tasche gespürt?
Das war auf dem Weg in diese primitive Studentenkneipe, daran konnte er sich erinnern. Beim Verlassen des Autos hatte er fast automatisch danach gegriffen. Dann kam es zu dem kleinen Zwischenfall mit diesen nervigen Studenten, die glaubten, das Privileg auf Zeitreisen gepachtet zu haben. Bei diesem unerfreulichen Zwischenfall mit dem Zeitsprung, der wohin auch immer geführt hatte, hatte er das Buch ebenfalls noch gefühlt. Aber da ging auch alles sehr schnell.
Sanfold griff sich in die Haare und raufte sie sich. Er musste das Buch verloren haben, als er sich die Zeitmaschine geschnappt hatte.
Das war ein nicht zu verzeihender Fehler! Und Arthur Sanfold machte keine Fehler!
Deshalb beruhigte er sich selbst damit, dass einer dieser Studenten es ihm während des Zeitsprungs gestohlen haben musste.
Genauso muss es gewesen sein.
Je länger der Professor darüber nachdachte, umso ruhiger wurde er. Er, der bei seinen Söldnern keine Fehler duldete, konnte unmöglich selbst so einen schwerwiegenden begangen haben.
Das Buch wurde ihm gestohlen!
Sanfold nickte sich selber zu und leerte sein Glas.
Dann begann er zu überlegen, welche Details er aus dem Buch wusste und machte sich Notizen. Die Zettel füllten sich ziemlich schnell, denn er hatte sehr viel in dem Buch gelesen und sich Einzelheiten eingeprägt. Er hatte aber nur selten Seite für Seite gelesen, sondern immer gerade das, was ihn interessierte. Deshalb konnte er die Reihenfolge der Reisen in die Zeit, die die geschichtlichen Hinweise gaben, nicht nachvollziehen. Aber damit musste er nun leben und er würde damit klarkommen.
Er brauchte nur noch zwei Bluthunde, die ihn begleiten und die Drecksarbeit für ihn erledigen sollten. Einer befand sich gerade unter den Skalpellen der hiesigen Ärzte. Das Riesenbaby, dieser McCrery, hatte sich noch nicht gemeldet, also ging Sanfold davon aus, dass alles nach Plan lief. Morgen würde er in Taylors Genesungsprozess eingreifen und diesen beschleunigen. Danach stand dem Aufbruch in die Zeit nichts mehr im Weg.
Ohne Zeitmaschine würden ihm diese unangenehmen Studenten keine Steine mehr in den Weg legen können.

Scheiße, und was machen wir jetzt?“, fragte Claire, nachdem sie das St. Joseph Medical Center verlassen hatten. „Meinst du, wir könnten die Nacht zu Hause verbringen?“
„Auf gar keinen Fall!“, erwiderte Dan energisch. „Es war ausdrücklich besprochen, warum wir keinen Kontakt zu Freunden und Familien aufnehmen sollen. Das Risiko ist einfach zu groß.“
„Schon gut. Die Verlockung ist nur so groß. Aber was wollen wir dann tun? Ich habe keine Lust, im Freien zu übernachten. Und vor morgen früh können wir auch nichts unternehmen.“
„Wir könnten ...“, setzte Dan an, schüttelte aber gleichzeitig den Kopf. „Nein, das lassen wir lieber.“
„Was denn?“, hakte Claire neugierig nach.
„Ich hatte überlegt, ob wir die Nacht auf Burg Rauenfels verbringen könnten. Aber ich weiß nicht, vielleicht verpassen wir diesen Professor dann doch. Man weiß ja nie, welche Überraschungen Kansas City bei Nacht für uns bereit hält.“
Claire fand die Idee noch verlockender, als zu ihren Eltern nach Hause zu gehen, aber auch sie war einsichtig genug um festzustellen, dass Dan recht hatte. Allein auf dem Weg zurück zum Campus konnte viel geschehen, was noch gar nicht absehbar war. Eventuell gab es auch Neuigkeiten im Harper’s Inn.
Ohne es besprochen zu haben, hatten die beiden Studenten den Weg zur Wornall Road eingeschlagen und liefen nun schweigend nebeneinander her. Da sie ein deutlich niedrigeres Tempo angeschlagen hatten als auf dem Weg hierher, würden sie wohl für den Rückweg mehr als eine Stunde brauchen. Eine Stunde, in der jeder mal seinen eigenen Gedanken nachhängen konnte.
Dan grübelte über das Phänomen der Zeitreisen. Sie waren ungefähr 3 Wochen unterwegs gewesen, genau konnte es keiner sagen, und am Ende hatten sie ihre Welt nur für ein paar Stunden verlassen. Waren sie nun in der Zwischenzeit älter geworden oder nicht? Dan versuchte, die Zeit in den Parallelwelten zusammen zu rechnen, kam aber zu keinem genauen Ergebnis, da sie immer zu unterschiedlichen Tageszeiten eine Welt verlassen und betreten hatten. Zwischen den Zeitsprüngen fehlten oft ein paar Stunden eines Tages oder es kamen welche hinzu – dem Sportstudent schwirrten die Gedanken schon bald wie ein Schwarm Insekten durch den Kopf, so dass er aufhörte, sich diesen über das Problem mit der Zeit zu zerbrechen.
Claire hingegen war vertieft in Sorgen um ihre Zukunft. Um ihre gemeinsame Zukunft mit Ken, die sie sich bis vor Kurzem noch sehr rosarot vorgestellt hatte. Aber nun war alles anders. Sie wusste nicht, was sie tun sollte und hoffte tief in sich drin auf ein medizinisches Wunder. Ähnlich dem, welches ihr in Markuis Welt selbst widerfahren war. Doch diese Welt war momentan unerreichbar. Und selbst wenn ... da war niemand mehr, der Ken helfen könnte. Die letzten Menschen waren mit ihnen gegangen und entweder bauten sie sich gerade ein neues Leben im Mittelalter auf oder waren im Zeitstrudel verschollen. Von den Wenigen, die dort geblieben waren, wusste Claire mit Sicherheit nur eines: Es war kein Wissenschaftler und kein Arzt mehr dabei, denn die hatten die Zeitreise alle mit angetreten.
Ein Wunder würde allerdings auch nichts an den jüngsten schrecklichen Ereignissen ändern, die sie in der Zuchtstation mit den Ryks sammeln musste. Daran wollte sie aber jetzt nicht denken, deshalb sprach sie ihren Begleiter wieder an.
„Gehen wir zu Harper?“, fragte sie ihn.
„Ja, lass uns noch mal schauen. Vielleicht ist noch jemand da, der etwas beobachtet hat.“
„Hm, vielleicht haben wir vorhin auch etwas übersehen“, kommentierte Claire. Sie war froh, wieder ein konkretes Ziel vor Augen zu haben, denn der Anbruch der Nacht beängstigte sie, da sie nicht wusste, wie und wo sie diese verbringen würden. Der Gedanke daran, die ganze lange Nacht im Freien verbringen zu müssen, machte ihr Angst, obwohl sie nicht genau wusste, warum. Außerdem war sie müde und sehnte sich nach einem Bett.
Dan schien es ebenso zu gehen, aber er sagte nichts. Irgendwie hatte Claire den Eindruck, dass er genau wusste, wie es weitergehen sollte, sie aber absichtlich noch im Unklaren ließ. Die plötzliche Ruhe, die Dan ausstrahlte, je näher sie dem Campus kamen, konnte sie sich nicht erklären.
Sie überquerten das Gelände der Universität und bogen bald in die Walnut Street ein. Wie abgesprochen wurden sie langsamer und näherten sich der Kneipe sehr vorsichtig. Zuerst mussten sie feststellen, ob die Polizei noch vor Ort war. Blaulicht war nicht zu sehen, doch das musste nichts heißen. Dan spähte um die Ecke des letzten Hauses vorm Harper’s Inn und zuckte sofort zurück. Natürlich wimmelte es dort noch vor Polizisten, zivilen wie uniformierten, deshalb traten Claire und Dan auch augenblicklich den Rückzug an.
„Mist! Da kommen wir nicht weiter. Taylor ist auf Nummer Sicher und Sanfold kann überall sein“, stellte Dan fest. „Ich schlage vor, wir suchen uns ein ruhiges Plätzchen für die Nacht und versuchen noch mal, den Kontakt zu Rauenfels herzustellen. Vielleicht können wir sie dieses Mal dann auch hören.“
Claire sah ihn entgeistert und wütend zugleich an. „Ach ja? Ein ruhiges Plätzchen für die Nacht? Und was stellst du dir da so vor? Eine Brücke oder einen großen Baum?“, fauchte sie.
Dan fasste Claire an den Schultern und sagte augenzwinkernd: „Lass dich einfach überraschen.“
Erschrocken über die plötzliche Berührung wand sich Claire aus Dans Griff und eilte los. Dan schüttelte den Kopf und folgte ihr.
„Komm schon, Claire, ich hab wirklich eine Überraschung“, versuchte er die Lage zu retten, obwohl er nicht genau wusste, was den Stimmungswechsel bei ihr verursacht haben könnte. Waren es seine Worte oder die Berührung?
„Dann rück schon raus mit der Sprache. Eine Überraschung kann ich vielleicht noch vertragen, auf ein Wunder hoffe ich gar nicht“, antwortete sie, nun wieder mit ruhiger Stimme.
„Also, du weißt ja, dass Markui hier auf dem Campus wohnt“, setzte Dan an.
„Gewohnt hat“, unterbrach Claire ihn sofort.
„Gut, gewohnt hat. Aber seine Bude ist ja noch da. Heute Morgen war das noch sein Zuhause, daran wird sich an einem Tag hier ja nichts geändert haben“, sagte Dan.
„Was? Spinnst du jetzt total?“ Claire tippte sich in einer unmissverständlichen Geste an die Stirn.
„Nein. Überleg mal, heute begann unsere erste Zeitreise und wir sind am gleichen Tag dieser Welt wieder zurückgekehrt. In dieser Welt, in unserer Welt sind nur ein paar Stunden vergangen, seit wir die Zeitmaschine das erste Mal in Betrieb genommen haben.“
Claire dachte nach. „Du hast Recht. Für all die Menschen hier sind nur ein paar Stunden vergangen, während wir wochenlang von Welt zu Welt gereist sind“, stellte die junge Frau entsetzt fest. „Das ist Wahnsinn! So eine Zeitmaschine hätte niemals erfunden werden dürfen!“, sagte sie mit Nachdruck.
„Deshalb sind wir ja hier. Um diesem Wahnsinn ein Ende zu bereiten und die Maschine zu zerstören. Ich glaube, mir ist gerade erst richtig klar geworden, was man mit so einer Maschine alles anrichten kann“, gestand Dan sich ein. „Aber eigentlich wollte ich dir doch die Überraschung verraten“, fügte er nach einer kleinen Pause hinzu.
„Richtig, es ging um Markui“, erinnerte Claire ihn.
„Nicht ganz, es geht um Markuis Zimmer, in dem er hier im Studentenwohnheim gelebt hat.“
Claire zog die Augenbrauen hoch. Sie begann zu ahnen, worauf Dan hinaus wollte.
„Und?“, fragte sie.
„Markui hat einen Zimmernachbarn, bei dem er einen Schlüssel hinterlegt hat, seit er sich mal ausgesperrt hatte. Die Prozedur über die Verwaltung war ihm zu aufwändig, also hat er sich für diesen unkomplizierten Weg entschieden. Du musst wissen, dass es eine Art Macke von Markui ist, ständig seinen Schlüssel zu vergessen.“
„Und wir gehen jetzt zu dem Nachbar und du glaubst, dass er uns so einfach Markuis Schlüssel gibt?“, wandte Claire zweifelnd ein.
„Einfach sicher nicht, aber da wird uns schon etwas einfallen. Der Typ heißt übrigens Rocco und ist ziemlich durchgeknallt. Er hat es mit Computern und so Zeug, darin ist er wohl ein Genie.“
„Ach herrje, hoffentlich nicht so ein Freak, wie Markus mal einer war.“ Claire musste bei dem Gedanken kichern, denn von dem Markus vor den Zeitreisen war kaum noch etwas übrig. Nicht mal sein Name.
Dan sah Claire prüfend an und nickte. „Ich denke, du bist gleich mal Markus’ Schwester.“
Claire lachte. „Oh, dann haben wir bestimmt nur ein Elternteil gemeinsam.“
Auch Dan musste nun lächeln, denn verschiedener konnten zwei Menschen vom Aussehen her nicht sein wie Claire und Markui.
Sie näherten sich dem Wohnheim, in dem sich Markuis Zimmer befand und betraten es kurz darauf. Dan wusste, dass sie in den 1. Stock rauf mussten und dass Markui das Zimmer Nummer 224 bewohnte, welches nun wohl bald einen neuen Mieter aufnehmen würde. Markui hatte Dan schon darum gebeten, dass er sich um die bürokratischen Angelegenheiten kümmern sollte, wenn die Mission erfüllt war.
Im Zimmer 226 wohnte dieser Rocco. Sie hofften, dass er daheim sein würde, denn über eine Alternative, wo sie die Nacht verbringen könnten, hatten sie nicht weiter nachgedacht.
Dan klopfte an die Tür Nummer 226. Nichts geschah. Kein Laut war zu hören. Er klopfte nochmals, diesmal etwas kräftiger.
„Ja, ja“, hörten sie eine männliche Stimme. „Komm rein.“
Dan und Claire schauten sich an, dann drückte die junge Frau die Türklinke beherzt nach unten und sie traten ein. Mit dem Rücken zur Tür saß in einem Chaos von Büchern, Ordnern, Papier und zwei Computern ein junger Mann und hämmerte in Rekordgeschwindigkeit auf eine Tastatur ein.
„Gleich“, sagte er und drehte sich auch schon um. Seine Gesichtszüge entglitten ihm ein wenig, er hatte wohl jemand ganz anderen erwartet.
„Wer seid ihr denn?“, fragte er rundheraus.
„Äh ... wir ...“, stotterte Dan. Da fiel ihm Claire ins Wort.
„Ich bin Markuis“, das ‚i‘ verschluckte sie im letzten Moment gerade noch, „Schwester. Er hat mich gebeten, ein paar Sachen zu holen, weil er krank ist. Nur hat er mal wieder nicht daran gedacht, mir den Schlüssel mitzugeben, aber am Telefon sagte er mir, dass du einen für den Notfall hättest.“
Rocco grinste. „Die Schwester also. Sie kommt mal eben aus Old Germany her, um ein Paar Sachen für den kranken Bruder zu holen. Verarschen kann ich mich allein!“, schloss er energisch.
Claire sah wütend zu Dan. Daran hätten sie aber auch selbst denken können.
„Aber du bist eine hübsche Schwester“, fuhr Rocco fort. „Besonders, wenn man dich bei einer Lüge ertappt. So einen guten Geschmack hätte ich dem Kumpel von nebenan gar nicht zugetraut.“ Claire verstand, Rocco hielt sie für Markus’ Freundin. Das war gut, deshalb ging sie nun in die Offensive.
„Was ist, hast du den Schlüssel?“, fragte sie rundheraus.
„Klar doch. Und weil du davon weißt, nehme ich an, dass Markus dich geschickt hat. Ist er wirklich krank?“ Claire nickte nur. Sie hatte Angst, irgendetwas Falsches zu sagen, was Roccos Misstrauen wieder wecken könnte.
„Wer ist der Typ da?“, fragte Rocco noch und zeigte auf Dan, der momentan recht hilflos wirkte.
„Er hat mich hergefahren. Dan Simon, und ich heiße Claire Bancroft, falls du Markus nach uns fragen willst.“
Rocco war aufgestanden und ging zu einem Schlüsselboard, das etwa 2 Meter von der Tür entfernt an der Wand befestigt war. Zielgerichtet griff er nach dem Schlüssel mit dem blauen Band und gab ihn seiner Besucherin.
„Ich bringe ihn morgen früh wieder, falls was fehlt und ich nochmal herkommen muss. Dann brauche ich dich nicht nochmal zu stören“, sagte Claire zu Rocco. Ihm war es egal, denn Markus hatte ihm vor einiger Zeit mal gesagt, dass er seinen Schlüssel rausgeben darf, wenn jemand danach fragt.
„In Ordnung“, antwortete Rocco. „Bis 10.00 Uhr bin ich da, aber vor 8 braucht ihr gar nicht anzuklopfen. Da höre ich aus Prinzip nichts.“
„Okay, also zwischen 8 und 10. Das ist prima. Danke und noch einen schönen Abend“, sagte Claire, während sie das Zimmer verließ. Dan folgte ihr in so geringem Abstand, dass es gerade eben nicht wie eine Flucht aussah und Sekunden später hatten sie die Tür zu Markuis Zimmer geöffnet und schnell wieder hinter sich geschlossen. Claire griff zum Lichtschalter, aber Dan hielt ihre Hand zurück.
„Warte“, sagte er und tastete sich im Dunkeln zum Fenster. Er ließ die Jalousie herab und rief leise: „Nun kannst du Licht machen. Man weiß ja nie, wer so alles hereinschaut.“
Kaum hatte Claire den Schalter betätigt, standen die Beiden staunend da und mussten erst einmal fassen, was sie da sahen. Beide, sowohl Claire als auch Dan, hatten eine typische Studentenbude erwartet, die sie mit Markuis äußerem Erscheinungsbild assoziiert hatten. Aber hier fanden sie sich in einem blitzblanken und aufgeräumten Zimmer wieder. Die Einrichtung war natürlich ein wenig verschlissen, aber Markui hatte diesem Zimmer seine ganz eigene Note gegeben. Die Wände waren mit modernen Bildern, kleinen Regalen und Grünpflanzen geschmückt, auf dem Tisch standen Kerzen und Accessoires in geschmackvollem Ambiente, die Miniküche strahlte in sauberem Glanz und alles wirkte insgesamt sehr harmonisch und gemütlich.
Claire pfiff die Luft aus und sagte nur: „Donnerwetter! Das hätte ich nicht erwartet.“
„Hm“, murmelte Dan nur, der ebenfalls kaum glauben konnte, was er gerade sah. Insbesondere, wenn er an seine eigenen vier Wände dachte.
Claire ließ sich auf das kleine Sofa fallen, das rechts an der Wand stand. Dan nahm am Schreibtisch Platz, der so gestellt war, dass das Tageslicht voll ausgenutzt werden konnte und man gleichzeitig das ganze Zimmer im Blick hatte. Nur das Bücherregal stand rücklings, war dafür aber auch mit einer halben Drehung des Sessels erreichbar.
„Ob Markui was zum Essen und Trinken im Haus hat? Ich könnte gut was vertragen“, sagte Claire, nachdem sie den ersten Eindruck verarbeitet hatte.
„Ich seh mal nach“, schlug Dan vor, der ebenfalls Hunger hatte. Ein Blick in den kleinen Kühlschrank sagte ihm, dass auf sie ein nahezu fürstliches Abendessen wartete. Neben Toast, Eiern, Speck und Käse fand Dan auch noch Salat und einige Flaschen Cola. Claire war auch an den Kühlschrank gekommen, und als sie die Kaffeesahne entdeckte, schwärmte sie sofort für frischen Kaffee.
„Hoffen wir, dass der Kaffee genauso gut wie die Sahne dort ist“, sagte sie und öffnete schon den Schrank auf der Suche nach dem schwarzen Gebräu. Vergessen waren für einen Augenblick alle Sorgen, ja sogar an ihre Freunde in der Parallelwelt dachten sie nicht, als sie gemeinsam das Essen zubereiteten und es anschließend in vollen Zügen genossen. Erst bei der zweiten Tasse Kaffee ließen sie sich von der Wirklichkeit einholen, als Dan plötzlich die drei kleinen Drohnen in der Hand hielt.
Die entspannte Atmosphäre war wie weggeblasen.

Burg Rauenfels

Markui probierte zum wiederholten Mal, Kontakt zu den beiden Timetravellern herzustellen. Es funktionierte immer noch nicht. Dan musste die Drohnen in der Hand halten, sonst spürte er ihre Bewegungen nicht. Dafür waren die Geräte einfach zu winzig.
Kens Stimmung war von zuerst euphorisch über wütend nun wieder ganz auf dem Tiefpunkt angelangt. Nach einem Wutanfall, weil Claire und Dan sie nicht hören konnten, sagte er nun gar nichts mehr und schmollte vor sich hin.
Markui war zwischenzeitlich unterwegs und kehrte nach einer guten Stunde in das Krankenzimmer des Japaners zurück. Dieser starrte nur die Decke an, der Bildschirm seines Laptops war dunkel.
„Na, Kumpel, wollen wir einen neuen Versuch starten?“, fragte Markui.
„Ach, lass mich doch in Ruhe. Oder glaubst du an den Weihnachtsmann?“, winkte der Verletzte nur träge ab.
„Komm schon, lass dich nicht hängen. Vorhin haben wir die Beiden gehört. Vielleicht hören sie uns beim zweiten Versuch nun auch“, versuchte der Deutsche einzulenken. „Schmeiß die Kiste wieder an, wir nehmen Kontakt auf.“
Ken weckte den Bildschirm, der Rechner war auf Sparmodus weitergelaufen, doch er tat es halbherzig, da er nicht glaubte, dass es dieses Mal funktionieren würde. Er glaubte eher, dass es gar nicht funktionieren würde, weil er sich unterdessen nicht mehr vorstellen konnte, wie ein Kontakt zwischen zwei Welten überhaupt hergestellt werden sollte.
Zweifel nagten an ihm.
„Ich aktiviere jetzt die Drohnen. Bist du auf Empfang?“, meldete sich Markui.
„Ja, fang einfach an. Ist doch sowieso alles Scheiße“, maulte Ken leise.
Markui sendete den Impuls und nun starrte Ken doch auf den Bildschirm. Aber es geschah nichts. Auch hörten sie diesmal nicht das leiseste Geräusch.
Die Zeitreisenden hatten ihre Kommunikationsgeräte offensichtlich abgeschaltet.
„Wir probieren das jetzt alle 10 Minuten. Irgendwann werden die Beiden doch die Gelegenheit haben, auf Empfang zu gehen“, schlug Markui mit nervös klingender Stimme vor.
„Mach doch, was du willst“, entgegnete der Japaner und dann sagte er gar nichts mehr. Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete er aber die ganze Zeit über den Bildschirm.

Kansas City

Die Drohnen lagen still in Dans Hand. Drei kleine schwarze Teilchen, die an Fliegen erinnerten.
„Lass uns die Kommunikationsgeräte einschalten, vielleicht funktioniert es dieses Mal“, sagte Dan und hoffte inständig, dass der Kontakt jetzt zustande kam.
Claire hatte ihren Finger schon an dem kleinen Knopf an der Uhr, noch ehe Dan die Worte ganz ausgesprochen hatte.
„Auf ein Neues“, sagten beide fast gleichzeitig und Dan drückte nun ebenfalls den kleinen Knopf. Die winzigen Lichter an den Uhren zeigten an, dass die Geräte aktiv und auf Empfang eingestellt waren. Zu hören war allerdings nichts.
„Ken? Markui? Hört ihr uns?“, fragte Claire hoffnungsvoll.
Eine Antwort erhielt sie nicht.
„So ein Bullshit! Wieso funktioniert das nicht?“, schimpfte sie.
Dan schüttelte den Kopf. „Lass uns eine Weile warten. Vielleicht dauert die Datenübertragung länger, als dieser Roger Müller behauptet hat.“
„Gut. Dann bleiben wir so lange auf Empfang, bis wir Kontakt haben. Und wenn ich die ganze Nacht warten muss.“
„Hoffen wir, dass es nicht so lange dauert“, entgegnete Dan nur, denn er wusste, dass seine Begleiterin es verdammt ernst meinte. In ihm machte sich ein Unbehagen breit. Sie waren nun zu Hause, doch unter diesen Umständen sollte und durfte ihr Abenteuer nicht enden. Der Kontakt musste hergestellt werden und sie durften Ken nicht allein lassen. Auch wenn er ihm Claire ausgespannt hatte, war er doch immer noch sein Freund.
In Gedanken versunken starrten beide auf die Drohnen. Als das Schweigen zwischen ihnen fast unerträglich werden wollte, passierte es.
Die Drohnen erhoben sich wie von Geisterhand geführt in die Luft und sie hörten eine wohlbekannte Stimme fragen: „Hallo Dan, hallo Claire, könnt ihr mich hören?“
„Markui!“, schrie Claire freudig überrascht auf.
„Ja, ja, wir hören dich“, rief auch Dan etwas lauter, als er beabsichtigt hatte. Ihre Nerven hatten blank gelegen, doch sie hatten es versucht, jeder für sich zu verheimlichen.
Und dann tauschten sie alle vier die Erlebnisse der letzten Stunden miteinander aus. Markui erfuhr, dass die Zeitreisenden in seinem Zimmer waren, aber was viel wichtiger war, er erfuhr natürlich auch, was sie bisher herausgefunden hatten. Und dass ihnen die hochempfindliche Technik im Medical Center überhaupt nichts nutzte.
Ken hörte sich zunächst alles schweigend an.
Markui schlug nun vor, dass sie trotzdem einen Versuch wagen und die Drohnen in Taylors Krankenzimmer einschleusen sollten. Vielleicht würden sie ja wenigstens Bilder oder nur Ton bekommen.
„Einen Versuch ist es wert. Wir wollten dem Kerl morgen Vormittag sowieso einen Besuch abstatten um herauszufinden, wo dieser Professor abgeblieben ist“, unterstützte Dan den Vorschlag.
„Ihr wollt zu diesem Killer?“, mischte sich nun Ken in das Gespräch. „Seid ihr wahnsinnig? Der Typ ist gefährlich! Und bewaffnet!“
„Ken, der Typ ist auch frisch operiert. Ich glaube nicht, dass er unter seinem OP-Hemd eine Pistole verstecken konnte“, antwortete Claire ihm.
„Trotzdem, seid vorsichtig. Diese Kerle sind gefährlich, das wissen wir alle aus eigener Erfahrung.“ Ken hörte sich sehr besorgt an.
„Das sind wir. Versprochen! Wir passen auf uns auf“, beruhigte Dan den Freund.
„Claire ...“, hörten die Timetraveller da die Stimme von Ken wieder. Dan verstand und zog sich in das kleine Badezimmer zurück.
Auf Burg Rauenfels verließ Markui das Krankenzimmer, so dass Ken und Claire ein paar Minuten ungestört reden konnten. Sie hatten sich diesen Moment seit Stunden herbei gesehnt, doch nun, als es soweit war, fehlten ihnen die Worte. Und die Nähe. Außer ein paar guten Ratschlägen für den anderen hatten sie sich nichts zu sagen, zu ungewohnt war die Situation.
Nach einigen Minuten kehrten sowohl Dan als auch Markui zurück und sie beschlossen, dass sie am nächsten Morgen wieder Kontakt aufnehmen würden. Nach einem Zeitvergleich einigten sie sich auf 8.00 Uhr Ortszeit von Kansas City.
Bis dahin wollten die beiden Timetraveller einmal so richtig ausschlafen. Markuis Bett überließ Dan seiner Begleiterin, er legte sich auf das kleine Sofa, welches er ausklappte, so dass ihm eine ausreichende Liegefläche zur Verfügung stand. Im Bettkasten des Sofas fanden sich auch noch eine Decke und Kissen, Markui schien auf Schlafgäste eingerichtet zu sein.
Sie lagen schon eine Weile, doch der ersehnte Schlaf wollte sich nicht einstellen. Zu aufgewühlt waren sie, zu sehr mit den Erlebnissen beschäftigt, die hinter ihnen, aber auch noch vor ihnen lagen. Sie grübelten, was geschehen könnte, wenn sie die Zeitmaschine nicht wieder bekommen würden oder wenn die Rückreise nach Burg Rauenfels nicht funktionieren sollte. Beide hingen den gleichen Gedanken nach, doch keiner wagte es, sie laut auszusprechen.
Als Claire bemerkte, dass Dan auch immer noch nicht eingeschlafen war, erinnerte sie sich an die Zeit, als sie sich noch mit ihrem Bruder das Zimmer teilen musste. Abends erzählten sich die Geschwister oft ihre Träume und Wünsche, bis ihnen die Augen zufielen. Vielleicht konnten sie sich auch etwas erzählen, was sie ablenkte?
„Dan?“, fragte sie leise. „Schläfst du schon?“
„Jetzt nicht mehr“, antwortete er. „Weißt du eigentlich, dass das die mit Abstand blödeste Frage ist, die man stellen kann?“
Claire kicherte. „Ja, ich weiß. Aber ‚Bist du noch wach?‘ ist genauso bescheuert, oder?“
„Hm. Es ist schwer, in der richtigen Welt und noch dazu in einem richtigen Bett Schlaf zu finden.“
„Geht mir genauso“, bestätigte Claire.
„Wollen wir fernsehen?“, fragte Dan ziemlich lustlos.
„Ach, nein. Das brauche ich jetzt nicht, wir haben genug eigene Probleme, da muss ich mir nicht noch die anderer Leute ansehen“, entgegnete sie. „Wenn ich früher nicht einschlafen konnte, habe ich mir mit meinem Bruder immer etwas Schönes erzählt.“
„Du hast einen Bruder?“, fragte Dan erstaunt. Das war das Neueste, was er hörte. Bisher hatte Claire ihn noch nie erwähnt.
„Ja“, sagte sie verträumt. „Er heißt Jonathan und ist 5 Jahre älter als ich.“
„Und was macht er so?“, wollte Dan wissen.
„Er ist bei der Polizei. Das wollte er schon als Kind und er hat sich diesen Traum erfüllt. Auch wenn er ihn sich hart erkämpfen musste.“
„Wieso das denn?“
„Nun, du musst wissen, dass es meiner Familie noch nicht lange so gut geht wie es heute den Anschein hat. Dass ich studieren konnte und auch das Haus, in dem wir jetzt wohnen, haben wir nur einer Erbschaft zu verdanken. Da gab es eine Großtante in Michigan, sie hieß Amelie, die ich leider nie kennen gelernt habe. Als sie starb, gab es keine weiteren Angehörigen und sie hatte in ihrem Testament verankert, dass wir ihr Gespartes bekommen sollten. Stell dir das mal vor, von einem Tag auf den anderen bist du alle finanziellen Sorgen los. Daraufhin erfüllte sich für mich der Traum vom Studium und meine Eltern konnten sich endlich ein eigenes Häuschen leisten. Mein Bruder musste seine Ausbildung bei der Polizei noch selbst finanzieren, das hieß tagsüber lernen und nachts Teller waschen oder sowas. Aber er hat es geschafft.“
„Wieso wollte er unbedingt zur Polizei? Ich meine, so toll ist das nun auch wieder nicht und gefährlich obendrein“, hakte Dan nochmal nach.
„Das ist eine lange Geschichte“, wollte Claire ablenken.
Doch Dan sagte nur: „Wir haben viel Zeit.“
Und da erzählte Claire zum ersten Mal einem Freund etwas über ihre Kindheit.

Wir wuchsen in einem Vorort von Jefferson City auf. Meine Eltern arbeiteten den ganzen Tag und manchmal auch nachts für das bisschen Geld, das dann immer gerade so für den Monat reichte. Essen, Miete für die kleine Wohnung, Schulgeld, naja, was das Leben eben so kostet. Für Extrawünsche reichte es meist nicht. Deshalb besorgte meine Mutter uns Kindern aber auch sich selbst und meinem Vater oft gebrauchte Klamotten. Ich weiß bis heute nicht, woher, die Sachen waren nicht schlecht, aber auch nicht mehr modern. In der Schule wurden wir oft ausgelacht, aber das machte mir nichts aus. Wenn es zu schlimm wurde, tröstete mich mein Bruder. Er war immer für mich da und beschützte mich.
Abends lagen wir oft in unseren Betten und träumten von all den Dingen, die wir nicht hatten. Wir stellten uns vor, wie es wäre, wenn wir wie alle anderen Kinder auf der Schule nach dem neuesten Schrei gekleidet sein würden. Oder wenn wir Geld hätten, um auch mal ins Kino oder Eis essen zu gehen.
Und ich träumte außerdem immer davon, einmal die ganze Welt zu sehen. Ich wollte raus aus dieser Stadt, die in ihrem eigenen Schmutz ertrank. Jedenfalls kam es mir in unserem Stadtteil immer so vor. Ich träumte von New York, von Florida, San Francisco, und wenn ich übermütig wurde, dann sogar von Australien und Europa. Ich wollte unbedingt Rom sehen, die Stadt mit dieser großartigen Geschichte, von der mich jedes Detail interessierte. Ich war schon als Kind fasziniert von der Geschichte Europas, weil dort alles ganz anders verlaufen ist als hier in Amerika.
Mein Bruder sagte dann immer, dass ich an meine Träume glauben soll. Eines Tages würden sie dann auch in Erfüllung gehen. Und dann erzählte er mir immer Geschichten, die er selbst gelesen oder gehört hatte, vielleicht hat er sich auch ein paar davon selbst ausgedacht. Jedenfalls erinnere ich mich gern an diese Abende zurück, denn da konnte ich für einige Zeit alle Sorgen, die mich quälten, vergessen.
Am nächsten Tag holten mich diese Sorgen und Ängste ganz von allein wieder ein, spätestens, wenn ich die Schule erreicht hatte. Und da passierte eines Tages etwas Schlimmes.
Ich war 9 Jahre alt und meine Mutter hatte mir mal wieder ein paar Anziehsachen mitgebracht. Unter anderem eine rosafarbene Jacke. Knallig leuchtend, ich war sofort in das Ding verliebt. Mein Gott, die Farbe tat in den Augen weh, aber so etwas schreiend Buntes hatte ich noch nie besessen.
Stolz wie ein Pfau ging ich am nächsten Morgen zur Schule. Auf dem Weg hüpfte ich teilweise vor Freude. Heute würde keines der älteren Mädchen über mich lästern, dachte ich.
Jonathan lief ebenso glücklich neben mir her.
Wir hatten die Schule noch nicht ganz erreicht, da pöbelten mich schon einige ältere Mädchen an. Auch von den Jungs der höheren Klassen mischten sich ein paar mit ein. Sie lachten mich aus und sagten, ich würde wie ein Ferkel aussehen. Und ob die Sau neben mir schon im Dreck gesuhlt hätte, weil man an ihr gar kein Rosa mehr erkennen konnte.
Unsere gute Laune war dahin und wir wollten einfach nur weiter gehen. Doch plötzlich begannen sie an meiner Jacke herum zu zupfen und mich zwischen sich hin und her zu schubsen. Sie verlangten, dass ich dabei grunzen sollte.
Da sah Jonathan rot. Er begann, auf die Meute einzuschlagen, weil er es nicht ertragen konnte, dass sie mich so verletzten. Du ahnst bestimmt, wie die Sache ausging. Die anderen hielten zusammen und erzählten den Lehrern, dass Jonathan die Prügelei angefangen hatte. Von den Dingen vorher sagten sie natürlich nichts und uns glaubte niemand. Keiner unserer wenigen Freunde hatte den Vorfall mitbekommen, so standen wir zwei gegen ungefähr 10 ältere Schüler, die sich alle einig waren.
Am schlimmsten traf es Jonathan. Er wurde von der Schule verwiesen, denn es war nicht das erste Mal, dass er sich mit seinen Fäusten verteidigte. Da er für sein Alter schon immer groß und kräftig war, hielt man ihn wohl für einen potentiellen Schläger.
Am Nachmittag hatte ich dann Angst, nach Hause zu gehen. Ich dachte, mein Bruder sei weggelaufen oder irgend so was, aber er war da. Genauso wie meine Eltern. Meine Mutter weinte und machte sich Vorwürfe, mein Vater war wütend. Es war schrecklich. Aber wir hielten alle zusammen und gemeinsam dachten wir nach, wie es weitergehen sollte.
Meine Eltern beschlossen an diesem Tag, dass wir Jefferson City verlassen würden und in einer anderen Stadt neu anfangen wollten.
Jonathan schwor sich an diesem Tag, dass er nie mehr ein solches Unrecht dulden und er Menschen, denen Unrecht widerfuhr, immer helfen wolle. Er verkündete, dass er Polizist werden würde. Und dafür tat er ab diesem Tag alles.
Einige Wochen später fand mein Vater Arbeit in Kansas City und auch eine kleine Wohnung. Kurz darauf zogen wir hierher und Einiges wurde besser. Mehr Geld hatten wir auch hier nicht, aber in der Schule war es weitaus angenehmer. Hier fand ich schnell Freunde und Jonathan konnte hier einen guten Schulabschluss machen. Obwohl er nebenbei schon jobbte. Er tat alles, sammelte Müll, fegte Straßen, verkaufte Fritten. Das Geld, was er sich verdiente, sparte er für seinen Traum. Manchmal hatte ich Angst, dass er diesem Traum zu verbissen nachjagte, denn er hatte kaum noch Zeit für mich. Aber er erinnerte mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit an meinen eigenen Traum und ermahnte mich, dass ich dafür auch etwas tun müsse.
Von Rom träumte ich noch lange, aber je älter ich wurde, desto mehr rückte ein anderes Ziel in den Vordergrund. Ich wollte studieren. Ich wollte nicht wie meine Mutter jeden Tag für ein paar Dollar anderer Leute Dreck wegmachen. Ich weiß, dass meine Mutter damals keine andere Wahl hatte, trotzdem, so wollte ich auf keinen Fall leben.
Deshalb begann ich, in jeder freien Minute für die Schule zu büffeln. Jeden Abend saß ich über Büchern und paukte mir Wissen ein. Dabei bemerkte ich schnell, dass mich Geschichtsbücher am meisten interessierten. Als ich 14 oder 15 Jahre alt war, hatte mein Traum vom Studium konkrete Gestalt angenommen – ich wollte Geschichte studieren.
Ich glaube, auch daran hat Jonathan einen gewissen Anteil durch die Geschichten, die er mir immer erzählt hat.
Nun hatte ich ein konkretes Ziel, aber um es zu erreichen, fehlte das nötige Geld. Ich war bereit, jeden Job anzunehmen, genauso, wie Jonathan es gemacht hatte. Aber dann kam die Erbschaft und mit einem Schlag waren alle Sorgen fort.
Meine Eltern kauften das Haus, in dem wir heute leben und ich konnte studieren. Das einzig Traurige war anfangs, dass Jonathan zurück nach Jefferson City gegangen ist, aber wir telefonieren regelmäßig und er kommt uns besuchen, wann immer es seine Zeit erlaubt. Oft ist es leider nicht. Aber ich freue mich für ihn, denn er ist glücklich, genauso wie ich es bin.

„Tja, und nun träume ich immer noch von Rom, obwohl ich unterdessen mehr von der Welt gesehen habe, als ich für möglich gehalten hätte“, schloss Claire und gähnte herzhaft.
„Ich freue mich für dich, dass du deinen Traum verwirklichen konntest. Einen Bruder hätte ich auch immer gern gehabt ...“ Mit einem Lächeln auf den Lippen schliefen die beiden jungen Leute ein.

2. Tag

Kansas City

Die Morgensonne begleitete Dan und Claire auf ihrem Weg ins St. Joseph Medical Center. Die Strahlen wärmten nicht mehr, es war Ende Oktober, aber es war für die beiden jungen Leute ein gutes Gefühl, richtiges Sonnenlicht auf der Haut zu spüren.
Nachdem der Kontakt zu Markui und Ken heute Morgen ohne Probleme zustande gekommen war, blickten die Zeitreisenden dem Tag recht optimistisch entgegen. Gestärkt durch ein ausgiebiges Frühstück aus Markuis Vorräten fiel ihnen der weite Weg nicht schwer.
Unterwegs planten sie ihr weiteres Vorgehen, doch es gab zu viele ‚Wenn‘ und ‚Aber‘, als dass sie genau wissen konnten, wie sie nun letztendlich den Professor und damit die Zeitmaschine ausfindig machen konnten. Das größte Problem dabei war der bullige Kerl, der scheinbar als Leibwächter dieses Taylor fungierte.
„Warten wir ab, vielleicht ist der Kerl gar nicht da. Und wenn, dann fällt uns schon was ein“, beruhigte Dan die junge Frau an seiner Seite, die zusehends nervöser wurde. Sie nickte und kurze Zeit später erreichten sie die Klinik.
Auf dem Weg durch die Notaufnahme gingen sie wieder in die 4. Etage. Dort spähten sie vorsichtig um die Ecke auf den Flur, aber der Bullige war nirgends zu sehen. Das erleichterte erst einmal ihren weiteren Weg. Der führte sie in das Schwesternzimmer, wo sie sich nach William Taylor erkundigen wollten.
Das Zimmer war leer.
„Verdammt, wo stecken die denn alle? Merkwürdig finde ich das schon, wie wenig Betrieb hier ist“, stellte Claire fest.
„Stimmt. Wird wohl daran liegen, dass das hier nur eine OP-Abteilung ist. Wenn es hier Arbeit gibt, dann muss bestimmt das ganze Personal ran“, meinte Dan dazu.
„Aber dann wird der Killer gar nicht mehr hier sein. Die Frau gestern sagte doch was von Intensivwachstation“, erinnerte sich die Studentin.
„Ich dachte, dass die in der Nähe der Operationssäle sind. Aber da dürfen wir ja gar nicht rein“, sagte Dan und deutete auf die Glastüren. Dort stand an jeder Scheibe in fetter roter Schrift: „Zutritt verboten!“
„Hat uns so etwas bei unseren vorherigen Reisen jemals gestört?“, fragte Claire mit einem spitzbübischen Grinsen.
„Du willst doch nicht etwa ...“, ragte Dan.
„Und ob ich das will. Wir müssen nur verzweifelt genug tun und dabei die Schilder einfach übersehen.“ Claire hatte wirklich vor, die für Besucher verbotene Zone der Halbgötter in Weiß zu betreten.
Ohne lange nachzudenken zog sie Dan mit sich durch die Tür, aus der der bullige Kerl gestern Abend heraus gekommen war. Nach wenigen Schritten wurden sie aber schon energisch aufgehalten.
„Halt! Sie dürfen hier nicht rein!“ Da zog Dan alle Register seines schauspielerischen Könnens. Unter großen Gesten und übertriebener Mimik erklärte er der etwa 50jährigen OP-Schwester, dass er seit gestern nach seinem verletzten Bruder suche. Er sei schon ganz verzweifelt, denn Will sei der Einzige, den er noch hätte, er würde seinen Bruder so sehr lieben und müsse nun endlich wissen, was passiert ist und wie es ihm geht.
Die Krankenschwester schien durch das Gehabe des jungen Mannes aus dem Konzept geraten zu sein, denn sie redete nun beruhigend auf ihn ein.
„Junger Mann, nun mal langsam. Wer ist denn Ihr Bruder überhaupt? Wie ist sein Name?“, fragte sie und nahm Dan bei den Händen, wohl, damit er endlich aufhörte, mit ihnen herumzufuchteln.
„Er heißt Will, äh, William Taylor und ich weiß nur, dass irgend so ein durchgeknallter Typ ihn mit einer Gabel verletzt hat. Was ist mit ihm, geht es ihm gut?“, fragte Dan wieder ganz theatralisch.
Claire blieb stumm im Hintergrund. Sie fand Dans Auftreten albern, ja affig, aber sie musste sich auch eingestehen, dass es funktionierte.
„Kommen Sie“, sagte da die Schwester und zog Dan mit sich hinaus auf den Flur und in das Schwesternzimmer. Claire nickte sie kurz zu, damit sie ihr ebenfalls folgte. Welche Rolle sie ihr zudachte, konnte Claire nur ahnen, aber so lange sie dadurch im Hintergrund bleiben konnte, war ihr das ganz recht.
Die Frau schlug einen Ordner auf und fuhr mit dem Zeigefinger ihrer rechten Hand an der Seite eines Blattes entlang, bis sie auf den Namen Taylor stieß.
„So, da haben wir ihn ja. Also, Herr Taylor“, sprach sie Dan an, „Ihr Bruder war am Kehlkopf verletzt und wurde gestern Abend operiert. Die OP verlief ohne Komplikationen und der Patient liegt seit heute Morgen zwei Etagen unter uns im Zimmer 207. Gehen Sie doch einfach runter und besuchen Sie ihn, okay?“
Dan jubelte innerlich, aber nach außen spielte er die Rolle des besorgten Bruders weiter und bedankte sich überschwänglich. Claire verabschiedete sich ebenfalls und zog Dan schon mit sich, ehe er es tatsächlich noch übertreiben konnte.
Auf dem Weg in die 2. Etage holte Dan die Drohnen aus der eigens dafür vorgesehenen Tasche seiner Uniform. Sie rührten sich, wie zu erwarten war, nicht. Heute Morgen hatten sie mit Markui vereinbart, dass er permanent versuchen sollte, sie zu aktivieren, aber natürlich funktionierte es auch heute in diesem Gebäude nicht. Dan behielt die Drohnen dennoch in der Hand, damit die Jungs auf Burg Rauenfels sofort am Geschehen teilhaben konnten, wenn die Verbindung zustande kam.
Das Zimmer 207 lag in der Mitte des Flures und die Timetraveller näherten sich der Tür sehr vorsichtig. Von Taylors Leibwächter, oder was immer er war, war nichts zu sehen. Vor der Tür verharrten sie und lauschten einen Moment. Kein Laut drang heraus. Dan griff nach der Klinke und drückte sie behutsam nach unten
Dann öffnete er die Tür einen Spalt breit und hätte schreien können.
Das Zimmer war leer! Das Bett war schon frisch bezogen und wartete auf einen neuen Patienten.
Claire hatte die Luft angehalten und nun entfuhr ihr ein leiser Seufzer.
„Vielleicht ist er nur bei einer Untersuchung“, sagte Claire halbherzig.
„Nein. Der ist getürmt, auf und davon“, vermutete Dan.
„Hey, der Kerl ist vor wenigen Stunden operiert worden. Ich glaube nicht, dass der hier einfach so raus spazieren konnte“, entgegnete Claire, die die Tatsache nicht wahrhaben wollte.
„Oh, doch, ich glaube das. Er ist mit Sicherheit nicht allein abgehauen. Sein Wachhund ist schließlich auch verschwunden.“ Dan schlug mit der Faust gegen den Türrahmen.
„Kann ich Ihnen helfen?“, erklang da eine männliche Stimme hinter ihnen.
„Ich ... ähm ... wir wollte Mr. Taylor besuchen“, stotterte Dan.
„Oh, da kommen Sie ein paar Minuten zu spät. Mr. Taylor hat die Klinik auf eigenen Wunsch verlassen und wurde von seinem Bruder und seinem Onkel abgeholt.“ Der Arzt drehte sich um und wollte wieder gehen, als Claire ihn nochmal zurückhielt.
„Wissen Sie, wohin sie gegangen sind?“, fragte sie.
„Nach Hause, nehme ich an“, erwiderte er lapidar und ging davon.
„Blödmann“, zischte Claire ihm leise hinterher.
„Nun sind wir genauso schlau wie vorher. Wer hätte das denn ahnen können“, ärgerte sich der Sportstudent.
„Moment, der Typ eben sagte, dass wir wenige Minuten zu spät gekommen sind. Los, hinterher, vielleicht kriegen wir sie noch.“ Kaum hatte sie ausgesprochen, rannte Claire auch schon den Flur in Richtung Treppe. Dan brauchte noch eine Sekunde, um das eben Gehörte zu verstehen und spurtete hinterher. Die fragenden Blicke der anderen Menschen interessierten die Beiden nicht, als sie das Medical Center fluchtartig verließen und zu den Parkplätzen rannten.
Um diese Uhrzeit standen nur wenige Wagen auf den großen Flächen, so dass sie den schwarzen Chrysler sofort bemerkten, als dieser aus einer Parklücke ausscherte und in Richtung Carondelet Drive davon fuhr. Dan nahm die Beine in die Hand und lief, so schnell er konnte, hinterher. Er war natürlich nicht schnell genug und sah nur noch, wie der Chrysler den Blinker setzte und Richtung Wornall Road nahm. Das half ihm aber nicht weiter.
Dan kehrte zu Claire zurück, die gar nicht erst versucht hatte, ein Wettrennen gegen dieses Auto zu gewinnen, als er in seiner Hand ein leichtes Kribbeln bemerkte.

Sanfold saß am Steuer des Wagens. Er hatte es sehr eilig, denn das erste Ziel seiner Suche stand fest. Er wollte nicht länger warten als nötig und mit der Suche nach dem Stein der Weisen beginnen.
McCrery war mit dem ersten Morgengrauen in die Klinik zurück gekehrt und hatte über Taylor gewacht. Der Professor traute dem Frischoperierten eine Flucht durchaus zu, deshalb hatte er McCrery sofort wieder hinbeordert, nachdem dieser ihn endlich telefonisch erreicht hatte. Der Handlanger hatte es jedoch nicht eilig gehabt, da er genau wie Dan und Claire die Information erhalten hatte, dass die Operation einige Stunden dauerte und Taylor mindestens 6 Stunden unter ärztlicher Kontrolle war. Deshalb hatte Mike McCrery die Zeit genutzt, um sich bei einer Freundin ein wenig zu vergnügen und ein paar Stunden zu schlafen. Erst dann war er ins Medical Center zurück gekehrt, nur um zu erfahren, dass William Taylor den Schlaf der Gerechten schlief. Er ließ das Telefon in Taylors Krankenzimmer aktivieren und meldete sich Punkt 8 Uhr bei Sanfold.
Nach einem kurzen Lagebericht befahl der Professor dem Handlanger, auf ihn zu warten. Er sollte niemanden in das Zimmer und William Taylor auf keinen Fall hinaus lassen.
„In 20 Minuten bin ich da“, sagte er abschließend und legte auf.
McCrery ging auf und ab. Er langweilte sich, denn dass Taylor sein Bett nicht allein verlassen würde, konnte sogar er erkennen. Und dass sich um diese Uhrzeit unangemeldete Besucher blicken lassen würden, glaubte der Söldner auch nicht. Er haderte mit seinem Schicksal, zum ersten Mal, seit er in den Diensten des geheimnisvollen Professors stand. McCrery war momentan zum Nichtstun verdammt und er konnte sich keinen Reim darauf machen, was es mit der ganzen Sache eigentlich auf sich hatte. Für das plötzliche Verschwinden dieser Studenten und seines Bosses hatte er keine Erklärung und verbuchte die Angelegenheit unter Alkoholeinfluss. Doch er war an einem Punkt angelangt, wo er das selbst nicht mehr glaubte und suchte nach einer rationalen Erklärung. Es fiel ihm keine ein. Die Geheimnistuerei des Bosses tat ihr Übriges, um McCrery nervös werden zu lassen. Er war es gewohnt, klare Befehle zu erhalten und dann aktiv in das Geschehen einzugreifen. Am liebsten mit den Fäusten. Die kleine Handfeuerwaffe, die zu seiner Ausrüstung gehörte, mochte er nicht besonders. Wenn er die einsetzte, fühlte er sich um den Spaß an einem Kampf betrogen. Und außerdem war die Gefahr viel zu groß, damit jemanden zu töten.
McCrery grübelte vor sich hin und erschrak deshalb regelrecht, als um 8.20 Uhr die Tür des Krankenzimmers aufgerissen wurde und Professor Arthur Sanfold hereingestürmt kam.
„Und?“, fragte der nur.
„Alles unverändert. Taylor schläft“, antwortete McCrery genauso knapp.
Sanfold schüttelte den Kopf, als er die Schläuche und Kabel sah, an die der Patient angeschlossen war. Infusion, Drainage, Katheter, EKG, die Ärzte hatten alles angelegt, was nur möglich war. Der Professor überlegte kurz, wie er vorgehen sollte. Wenn er den Operierten zuerst von all den Nadeln und Kabeln befreite, konnte es möglicherweise zu Komplikationen kommen. Tat er es nicht, behinderten sie ihn vielleicht bei seiner Heilung. Er entschied sich trotzdem für Letzteres, da er nicht über genügend medizinische Kenntnisse verfügte, um die Notwendigkeit der einzelnen Apparaturen einschätzen zu können.
Dann überlegte er, ob er das Riesenbaby vor die Tür schicken sollte. Der Bursche war noch so ahnungslos wie ein Lamm, aber wenn er ihn mit auf die Reise nehmen wollte, musste er früher oder später in alle – fast alle – Geheimnisse eingeweiht werden. Besser früher, dann stellte er hinterher vielleicht nicht so viele Fragen.
„Michael McCrery“, sprach er den Söldner an. „Du bist auserwählt, mein größtes Geheimnis zu erfahren. Dafür wirst du mich ab sofort auf meinen Reisen begleiten, um mich zu schützen und gleichzeitig, um dieses Geheimnis auch zu verstehen.“
Der Angesprochene verstand kein Wort. Entsprechend ungläubig schaute er seinen Boss an. Der schaute auf die Uhr und entschied, dass sie noch ein wenig Zeit hatten. Dann weihte er McCrery in ein Wissen ein, welches dieser auf die Schnelle gar nicht fassen konnte. Mit wenigen Worten erläuterte Sanfold ihm die Viele-Welten-Theorie, die Möglichkeit der Zeit- und Weltenreisen und was ganz wichtig war - seine Herkunft. Er verschwieg dabei auch nicht, dass er über gewisse magische Fähigkeiten verfügte, die er ihm nun präsentieren würde.
McCrery verstand immer weniger. Was er da gerade erzählt bekam, hörte sich an wie ein schlechter Film. Aber der Boss schien es ernst zu meinen, so viel verstand er dann doch, als er den Professor ansah.
„Du wirst schon noch alles verstehen“, beendete Sanfold seinen Vortrag. Dann trat er an das Krankenbett. Er riss den Verband von Taylors Hals, so dass dem ein qualvolles Stöhnen entwich. Die Naht der Wunde zog sich wie ein zweiter Mund quer über den Hals, seitlich schaute ein kleiner Drainageschlauch heraus. Mit einem Ruck zog Sanfold diesen aus der Wunde. Wieder stöhnte Taylor, aber scheinbar war er noch nicht bereit, gänzlich aufzuwachen.
„Schau genau zu“, forderte Arthur Sanfold nun den zutiefst entsetzten McCrery auf.
Er legte beide Hände auf die Wunde und der Söldner beobachtete, wie ein silbriges Schimmern den Professor umhüllte. Oder strahlte er von innen heraus? McCrery konnte es nicht sagen. Er war fasziniert. So, wie der Professor jetzt da stand, die Hände auf der Narbe gekreuzt und umgeben von diesem silbernen Licht, sah er aus wie ein Erzengel, der einen Toten ins Leben zurück holt. Dieser Eindruck verstärkte sich noch dadurch, dass Taylor die Kraft, die ihn durchströmte, intensiv aufzunehmen schien, denn seine Haut nahm innerhalb von Sekunden eine gesunde Farbe an. Er stöhnte nochmals, sehr lange dieses Mal, doch es hörte sich am Ende eher überrascht an. Dann schlug er die Augen auf und öffnete den Mund zu einem Schrei. Sanfold presste ihm blitzschnell eine Hand auf den Mund, um es zu verhindern. Zeugen, die dadurch angelockt werden würden, konnten sie auf keinen Fall gebrauchen.
Als McCrery das sah, schob er sich vor die Tür, damit nicht noch im falschen Moment eine falsche Person das Zimmer betreten konnte.
Es kam niemand.
Das Leuchten um den Professor verblasste genauso schnell, wie es gekommen war. Er zog beide Hände zurück und sprach William Taylor an.
„Ich hatte dich gewarnt. Aber du Tölpel musstest dich ja unbedingt auf einen Nahkampf einlassen.“
Taylor schaute betreten drein. Er wollte etwas sagen, aber er merkte, dass irgendetwas in seinem Hals ganz und gar nicht stimmte. Im Innern spürte er Schmerzen, nicht sehr schlimm, aber er merkte, dass sie sich verstärken würden, wenn er seine Stimme benutzte.
Er tat es trotzdem.
„Ich könnte ...“, krächzte er kaum verständlich. Dann hörte er sofort auf zu reden. In seinem Hals fühlte es sich an, als wenn jemand mit einem Reibeisen über seine Stimmbänder schabte, wenn er sprach.
„Diese Stümper!“, schimpfte Sanfold. „Sie haben die Stimmbänder verletzt.“ Dass er selbst es getan haben könnte, als er die Naht so unsanft freilegte und den Schlauch rauszog, daran verschwendete er keinen Gedanken.
Taylor sah den Professor flehend an.
Sanfold überlegte. Jeder Einsatz von Magie forderte seinen Tribut und er wollte seine Kräfte nicht schon vor dem ersten Zeitsprung vergeuden. Andererseits half ihm ein stummer Begleiter auch nicht viel. Deshalb legte er seine Hände nochmals auf Wills Hals und das silbrige Leuchten zeigte an, dass die Magie ihre Wirkung tat.
Als er seine Hände zurücknahm, wollte Taylor zum Sprechen ansetzen, aber Sanfold schüttelte energisch den Kopf.
„Nicht! Warte noch ein paar Stunden. Den Rest der Heilung muss dein Körper selbst übernehmen.“
Taylor nickte.
„Ich kümmere mich jetzt darum, dass wir hier in ein paar Minuten abhauen können. Den ganzen Mist“, er deutete auf die Kabel und Schläuche, „soll einer dieser weißgewandeten Spinner abmachen.“ Damit drückte er auf den Notrufknopf und ging hinaus. Er würde Taylors Entlassung klarmachen und dabei gleich seine Krankenakte verschwinden lassen.

Dan öffnete die Hand. Die Drohnen schwirrten in die Höhe.
Zeitgleich schalteten beide Timetraveller ihre Kommunikationsgeräte ein und Augenblicke später war der Kontakt zu Burg Rauenfels hergestellt.
Claire wetterte sofort los.
„Die sind uns entkommen! Sind einfach abgehauen und haben diesen Taylor mitgenommen“, rief sie aufgeregt. „Die finden wir nie!“
„Nun mal langsam, Claire“, hörte sie Markuis Stimme. „Wir sind auch noch da um euch zu helfen.“
„Toll! Und was könnt ihr ausrichten?“, fragte sie gereizt zurück.
„Eine ganze Menge. Ken kann zum Beispiel mit Hilfe der Drohnen versuchen, den Professor zu finden. Was wisst ihr bis jetzt?“
„Er fährt einen schwarzen Chrysler und hat sich in Richtung Wornall Road davongemacht. Welche Richtung er dann genommen hat, wissen wir nicht“, gab Dan Auskunft. Er hatte noch nicht fertig gesprochen, als Ken die Drohnen schon in diese Richtung schickte. Sie würden den Wagen nicht einholen können, aber auf dem Luftweg sirrten sie doch schneller voran, als die Studenten laufen konnten.
„Geht in Richtung Wornall, ich sage euch dann den weiteren Weg durch“, meldete sich Ken, der durch die Augen der Drohnen das Gebiet aus der Vogelperspektive auf seinem Bildschirm hatte.
Claire und Dan liefen los. Dieses Mal nahmen sie nicht den Weg durch die Jefferson Street, sondern folgten dem Chrysler über den Carondelet Drive bis zur Wornall Road. Sie redeten kaum, um nicht Kens Stimme zu verpassen. Außerdem brauchten sie ihre ganze Kraft für den Weg, dessen Länge noch nicht abzuschätzen war.
Ken „überflog“ das Gelände, so schnell es den Drohnen möglich war. Er überlegte, welchen Weg der Wagen am ehesten genommen haben könnte. Sanfolds Tätigkeit an der Universität und sein relativ schnelles Erscheinen damals (für ihn damals, dabei war es erst gestern gewesen) in Evans Institut ließen ihn zu dem Schluss kommen, dass Sanfold in der Nähe des Campus wohnen könnte. Es war nur eine Vermutung, ein Bauchgefühl, aber er wollte auf diese kleine Chance setzen. Wenn der Professor die andere Richtung genommen hatte, würde er ihn im Gewühl der Innenstadt in hundert Jahren nicht finden. Selbst hier am Rande von Kansas City in diesem Vorort würde es schwierig werden, aber ein Chrysler war nicht unbedingt das bevorzugte Auto von Studenten. Und sie bevölkerten diesen Vorort ja am meisten.
Kens Entschluss stand fest. Er schlug die Richtung zur Universität ein. Eine Drohne lenkte er die Wornall Road weiter, die beiden anderen ließ er immer wieder links und rechts in die Nebenstraßen abschweifen.
Claire und Dan folgten in zügigem Tempo dem Weg der Drohnen, den Ken ihnen vorgab. Alle Beteiligten waren hochkonzentriert aber auch sehr angespannt.
Der Weg wollte und wollte kein Ende nehmen. Nach 45 Minuten kamen die Gebäude der Universität in Sicht, als sie den Minor Drive überquerten. Noch immer hatte Ken keine Spur von dem Chrysler und damit vom Professor entdecken können. Es war wie die berühmte Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Aber keiner wollte aufgeben. Eher würden sie den ganzen Tag durch die Straßen laufen als aufzugeben.
Den ganzen Tag dauerte es nicht.
Der Japaner wies die Zeitreisenden an, sich einen ruhigen Platz zu suchen, wo sie warten konnten. Da sie den Campus erreicht hatten, schlug Claire Markuis Zimmer dafür vor. Den Schlüssel hatten sie entgegen der Absprache mit Rocco behalten, da sie nach der Niederlage gestern nicht einschätzen konnten, wie lange ihre Suche noch dauern würde.
Mit dem Vorschlag waren alle einverstanden. Ken forderte sie jedoch auf, startbereit zu bleiben, um sofort wieder aufbrechen zu können.
Während Claire und Dan in Markuis Zimmer gingen, suchte Ken systematisch weiter die Gegend ab.

„Was ist, wenn die sich längst abgesetzt haben“, fragte Claire.
Dan blickte auf und schien die Frage gar nicht verstanden zu haben. „Was?“, fragte er verdutzt.
„Na, was ist, wenn die unsere Welt längst verlassen haben? Dieser Sanfold kann die Zeitmaschine bedienen, wie wir wissen.“
„Dann ist unser Abenteuer Zeitreise wohl noch nicht zu Ende. Aber das wollen wir nicht hoffen. Wenn der diesen Taylor mitnehmen will, und warum sonst hätte er ihn aus der Klinik geholt, wird er warten müssen, bis der Kerl wieder auf dem Damm ist“, mutmaßte Dan. „Lass uns die Hoffnung nicht verlieren, Claire.“ Mit diesen Worten wollte Dan sich auch selbst aufmuntern, denn er hatte keine Ahnung, wie sie die Zeitmaschine jemals wieder in ihren Besitz bringen sollten.
Ratlosigkeit machte sich breit. Ken meldete sich nicht, er konzentrierte sich offensichtlich ganz auf die Suche nach dem Wagen, denn ab und an hörten sie ein leises Murmeln seiner Stimme aus den winzigen Lautsprechern ihrer Kommunikationsgeräte.
In der anderen Welt, auf Burg Rauenfels, blickte der Japaner tatsächlich angestrengt auf den Bildschirm und lenkte die Drohnen in jede noch so kleine Seitenstraße, die sich im Radius von 10 Meilen um die Universität herum befand.
Mit jedem Mal, mit dem er eine Drohne zurück holte, sank seine Stimmung.

Sie erreichten die Kenwood Avenue. Taylor erholte sich zusehends, seine Stimme benutzte er allerdings immer noch nicht.
Auch McCrery sagte während der Fahrt nichts, er verstand immer weniger, was hier vorging.
Die Häuser, die die Straße säumten, wirkten in ihrer grauen Gesamtheit nicht sehr einladend. Umso überraschter waren die Killer, als Sanfold sie in sein Appartement führte. Mit einer so hellen und einladend wirkenden Wohnung hatten sie in dieser Umgebung nicht gerechnet. Es fehlte lediglich eine gewisse Individualität, die weniger an ein Hotel als an eine Wohnung denken lassen könnte. Aber das war vom Professor so gewollt. Dies war seine Universitätsprofessor-Wohnung. Von seiner Villa am anderen Ende der Stadt ahnten alle seine Söldner nichts.
Taylor nahm auf dem Sessel Platz, auf dem vor kurzer Zeit noch die Zeitmaschine gelegen hatte. Diese hatte Sanfold vor seiner Fahrt ins Medical Center noch sorgfältig im Wandtresor verstaut.
McCrery stand unschlüssig im Raum, bis sein Boss ihm einen Platz anbot. Der Professor wirkte in dieser Umgebung menschlicher als in der Öffentlichkeit, ja freundlicher. Er spielte seine Rolle als Gastgeber beinahe perfekt. Während sich die Söldner noch staunend umsahen, brühte er Kaffee und stellte Tassen auf den Tisch. Er bemühte sich um eine entspannte Atmosphäre, um die Killer in seine Pläne einzuweihen.
Als der Kaffee in den Tassen dampfte und sich das Aroma im ganzen Raum verteilte, nahm Sanfold ebenfalls Platz und begann sein Vorhaben zu erläutern. Das tat er wie immer, ohne sich mit großartigen Erklärungen aufzuhalten.
„Ich habe euch auserwählt. Ihr werdet meine persönlichen Begleiter und Bewacher. Wir werden heute mit einer bedeutenden Suche beginnen. Einer Suche, von deren Erfolg die Zukunft abhängen wird. Sind wir erfolgreich, habt ihr auf Lebenszeit ausgesorgt. Wenn nicht … ach, was rede ich da? Wir werden das Artefakt finden. Wir müssen es finden!“
Die beiden Zuhörer blickten mit jedem Wort interessierter drein und ließen sich von Sanfolds Enthusiasmus anstecken.
„Ihr seid auserkoren, mich auf meinen Reisen durch die Zeit zu begleiten“, eröffnete der Professor ihnen nun ohne Umschweife.
McCrery entfuhr ein: „Hä?“
Sanfold lachte.
„Da staunt ihr, was? Ja, es ist möglich. Ich habe den Schlüssel dazu in den Händen.“ Damit stand er auf, ging in das nebenliegende Schlafzimmer und als er kurz darauf zurück kam, hielt er die Zeitmaschine stolz in seinen Händen. „Das, meine Herren, ist die Maschine, die uns den Weg in die Vergangenheit öffnen wird. Die Zeitmaschine!“
McCrery schüttelte ungläubig und mit weit aufgerissenen Augen den Kopf. Auch Taylor konnte es kaum glauben, jetzt, wo er die Maschine sah.
„Aber … das ist unmöglich“, flüsterte McCrery mehr zu sich selbst.
„Nein!“, rief Sanfold aufgeregt. „Es ist möglich und ich werde es euch bald beweisen.“
Taylor ahnte, dass der Professor es ernst meinte. Er kannte dessen Ziel und war schon damals sein Verbündeter, als sie genau diese Zeitmaschine Professor Matthew Evans, ihrem Erfinder, abpressen wollten. Vor 12 Jahren endete das mit dem Tod des Professors, ohne dass sie den Zylinder in die Finger bekamen. Seitdem dauerte die Suche an. Bis gestern. Und da hatten ihnen diese Studenten die Zeitmaschine vor der Nase weggeschnappt und waren plötzlich verschwunden gewesen. Ihr Pech, dass sie so schnell wieder aufgetaucht waren, denn nun befand sich dieses kostbare Instrument endlich in den richtigen Händen.
Taylors Herz pochte schneller. Aufgeregt harrte er der Dinge, die er auf sich zukommen sah. Er malte sich in den buntesten Farben aus, welche Orte und Zeiten er besuchen würde und war gespannt, wie es sich anfühlen würde, wenn sie der Zeit ein Schnippchen schlugen.
McCrery konnte sich immer noch nicht vorstellen, was auf ihn zukommen sollte. Dennoch bekundete er ein gewisses Interesse.
„Passt auf“, begann Sanfold seine Pläne zu schildern. „Ich habe die letzten Jahre damit verbracht, in der Geschichte nach Spuren und Hinweisen auf ein bestimmtes Artefakt zu suchen, das wir nur noch finden müssen. Ich habe einiges entdeckt, was uns den richtigen Weg zu diesem Artefakt weisen wird. Unsere Suche wird vielleicht nicht einfach werden, aber wir werden es schaffen.“ So motivierend hatten die Söldner ihren Boss noch nie reden gehört. Sonst gab er immer nur knappe Befehle.
Um welches Artefakt es sich handelte, verschwieg der Professor den beiden Killern. Sie sollten erst einmal die Tatsache verarbeiten, dass Zeitreisen nicht nur im Kino oder Fernsehen funktionierten, sondern für sie nun zur Realität wurden.
„Und wie funktioniert das Ganze?“, fragte Michael McCrery in die entstandene Stille hinein.
Sanfold erklärte ihm die Zeitmaschine. Auch Taylor hörte interessiert zu. Anschließend nickten die Beiden, aber glauben würden sie es erst, wenn sie den ersten Zeitsprung überstanden hatten.
„Und wo soll die Reise hingehen?“, fragte Michael neugierig.
Der Professor sagte es ihnen. Die Augen der Söldner weiteten sich. Das war unvorstellbar!
„Ja, meine Herren, und deshalb werden wir noch ein paar Vorbereitungen treffen müssen. Wir dürfen dort auf keinen Fall auffallen und brauchen entsprechende Kleidung. Ich habe bei einem speziellen Schneider alles in Auftrag gegeben, er arbeitet schon auf Hochtouren. Bis heute Abend werden wir die benötigte Kleidung haben.“
Plötzlich schrillte die Klingel.

„Ich hab ihn!“, brüllte Ken durch das Kommunikationsgerät.
„Wo? Wo ist der Kerl?“, schrie Claire aufgeregt zurück.
„Ich habe das Auto gefunden. Es steht in der Kenwood Avenue. Das ist der einzige schwarze Chrysler weit und breit.“
„Dann nichts wie hin. Vielleicht haben wir Glück“, entschied Dan, während er sich bereits startklar machte. Claire sprang ebenfalls auf und sie verließen Markuis Wohnung.
Zur Kenwood Avenue war es nicht sehr weit. Sie verließen den Campus, liefen die Oak Street weiter, bogen rechts in die 117th Street ein und dann war es schon die dritte Querstraße links. Nach etwa 20 Minuten, die sie im Eiltempo zurückgelegt hatten, standen sie auf der anderen Straßenseite in einem Hauseingang und betrachteten den Wagen.
„Er könnte es sein“, meldete Dan an Ken. „Das Modell stimmt und auch die Scheiben sind getönt.“
„Dann sucht die Häuser ab, vielleicht steht Sanfolds Name an einer Tür“, schlug Ken vor. „Aber seid vorsichtig.“
„Das sind wir, Ken. Keine Sorge“, beruhigte Claire ihren Freund.
„Los, suchen wir die Namensschilder ab. Ich gehe rüber auf die andere Seite, du suchst hier, einverstanden?“, fragte Dan.
„In Ordnung.“
„Aber pass auf, dass du immer in Deckung bleibst, man weiß ja nie ...“, warnte der Sportstudent sie noch.
„Ja, ja. Das gilt aber auch für dich“, antwortete Claire lächelnd, während Dan schon auf die andere Straßenseite lief.
Dann schritten sie beide systematisch Hauseingang für Hauseingang ab. Dort standen alle möglichen Namen, aber den Gesuchten fanden sie nicht. Noch nicht. Bis Claire auf einmal das Blut in den Adern gefror.
„Prof. A. Sanfold“ sprang es ihr am Eingang eines grauen Hauses förmlich entgegen. Sie zuckte zurück und wollte schon wegrennen, als sie sich der Gefahr bewusst wurde. Jeden Moment konnte die Tür aufgehen und der verrückte Professor vor ihr stehen. Deshalb ging sie so unauffällig wie möglich zur nächsten Tür und erst da rief sie leise nach Dan. Er hörte sie nicht, bemerkte aber nach einer Weile ihr Winken. Sofort eilte er zu ihr.
„Ich hab ihn gefunden. Gleich hier nebenan“, sagte Claire zu Dan, der genau spürte, wie angespannt die junge Frau nun war. Auch er bemerkte die Anspannung, da sie nun so nah vor ihrem Ziel waren. Beide wussten aber auch, dass der schwierigste Teil ihrer Mission nun erst noch vor ihnen lag. Sie mussten die Zeitmaschine in ihren Besitz bringen. Und wie sie das anstellen sollten, das konnten sich weder Dan noch Claire vorstellen. Es hing auch ganz von der Situation ab, in der sie dem Professor gegenüber treten würden.
Das Glück war ihnen hold, denn als sie gerade überlegten, ob sie klingeln sollten, öffnete sich die Haustür und eine ältere Dame verließ das Haus. Dan stellte blitzschnell einen Fuß in die Tür, als sie beide freundlich die Dame grüßten. Sie war wohl etwas erschrocken über die Anwesenheit der jungen Leute vor ihrer Tür und eilte davon. Dan schaute ihr mit einem breiten Grinsen hinterher, öffnete die Tür und sagte galant zu Claire: „Nach Ihnen, meine Dame.“
Claire musste ebenfalls kurz lächeln, aber das täuschte nicht über ihr Bangen hinweg. Sie betrat den Hausflur, Dan folgte ihr und schloss leise die Tür hinter sich. Dann schlichen sie die Treppen hinauf und schauten an jeder Tür nach dem bekannten und verhassten Namen.
Ganz oben, an der letzten Tür fanden sie ihn.
Sie gingen nochmal ein paar Schritte von der Tür weg und beratschlagten im Flüsterton, wie sie nun vorgehen wollten.
„Haben wir denn eine Wahl?“, fragte Claire.
Dan verneinte. „Wir müssen unser Glück einfach versuchen und hoffen, dass der Kerl allein ist.“
„Das glaube ich nicht. Der hat bestimmt diesen Pockennarbigen bei sich.“
„Und wenn schon“, versuchte Dan zu beruhigen. „Dieser Taylor ist frisch operiert. Der dürfte keine große Gefahr darstellen.“ Während er das sagte, holte er verstohlen seine Pistole hervor. „Damit können wir sie in Schach halten.“
Claires Augen weiteten sich. An die Waffe hatte sie gar nicht mehr gedacht, obwohl ihr Gewicht sie ständig an den Fremdkörper in ihrer Tasche erinnerte. Aber Claire hatte den Gedanken daran ganz bewusst verdrängt. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie mal von einer Pistole Gebrauch machen würde. Schon gar nicht, dass sie damit mal Menschen bedrohen müsste. Dennoch zog auch sie nun ihre Waffe hervor, denn sie war sich bewusst, dass ihr Gegenüber gleich keine Scheu haben würde, ebenfalls von einer Schusswaffe Gebrauch zu machen.
Die Pistole fühlte sich wie ein Fremdkörper in ihrer Hand an. Nach einem kurzen Moment allerdings gab ihr das kalte Metall aber auch die nötige Sicherheit um den Mut aufzubringen, sich in die Höhle des Löwen zu begeben. Dan erging es nicht anders.
Sie verbargen die Waffen hinter ihren Rücken, gingen zur Tür zurück und Dan drückte auf den Klingelknopf.
Der schrille Ton hallte wie eine laute Sirene in ihren Ohren.

Taylor und McCrery zuckten zusammen, während der Professor nur auf die Uhr blickte.
„Seltsam“, dachte er, da er niemanden erwartete. Er ging sorglos zur Tür, es war sicher nur irgendein Bote.
Sanfold öffnete die Tür und fragte etwas schroffer als beabsichtigt: „Ja, bitte?!“ Dann blieben ihm die Worte im Hals stecken, als er in die kreisrunden Öffnungen zweier Pistolen blickte.
Dans Pistolenlauf zuckte unmissverständlich ins Innere der Wohnung zurück, er untermalte die Geste noch mit seiner Mimik. Sanfold ging rückwärts und fluchte leise.
„Was soll das? Was wollt ihr?“
„Ich denke, das wissen Sie ganz genau. Sie haben etwas, was uns gehört und das hätten wir gern wieder.“ Claire Stimme klang fest, als sie das sagte.
„Da bin ich aber anderer Meinung. Und jetzt steckt die Schießeisen weg, das können wir auch anders regeln“, antwortete der Professor. Er hoffte, dass die beiden Studenten im Umgang mit den Waffen keine Erfahrung hatten und wollte seinen Söldnern einen Vorteil verschaffen. Bis diese beiden Milchgesichter hier ihre Waffen wieder gezogen hatten, hätten seine Killer schon drei Schüsse abgeben können. Dachte er jedenfalls. Aber er hatte die Rechnung ohne die Zeitreisenden gemacht. Denn die dachten gar nicht daran, die Waffen wegzustecken, bevor sie nicht wussten, ob der Professor allein war oder nicht.
Als sie das geräumige Zimmer betraten, wussten sie es. Sie wussten im gleichen Augenblick aber auch, dass sie keine Chance hatten, denn nun waren sie es, die in den Lauf von zwei Handfeuerwaffen blickten. Sanfold war geistesgegenwärtig aus der Schusslinie der Besucher gesprungen, so dass Dan und Claire erst neue Ziele anvisieren müssten, aber die Zeit blieb ihnen nicht. McCrery blaffte sie sofort an.
„Waffen runter! Und dann rüber mir euch an die Wand!“
Claires Waffe zitterte in ihrer Hand, sie ließ sie sofort sinken. Auch Dan sah keine Chance, gegen diese Übermacht etwas auszurichten.
Ken, der alles mit verfolgte, war bleich geworden. Er konnte nichts tun. Wenn er nur ein Wort sagte, dann waren seine Freunde die Kommunikationsgeräte sicher sofort los.
Aber er hatte ja noch die Drohnen, die er die ganze Zeit hinter Dan und Claire hergeschickt hatte. Jetzt hingen sie in einer Ecke der Zimmerdecke und zeigten dem Japaner das erschreckende Bild der gegenwärtigen Situation.
Dan und Claire standen nebeneinander an einer Wand, ihre Waffen lagen auf dem Tisch. Taylor und der große bullige Kerl hielten ihre Pistolen auf die Beiden gerichtet, während der Professor fies lächelnd auf und ab ging.
„Ihr seid hartnäckig, das gefällt mir. Ich könnte euch auf der Stelle töten lassen, aber das wäre Verschwendung. Vielleicht seid ihr mir ja noch nützlich. Ihr erinnert euch noch an eure Doppelgänger? Das waren begabte junge Leute, so wie ich sie brauche. Vielleicht steckt in euch ja das gleiche Potential. Wir werden sehen ... McCrery, sorg dafür, dass die beiden unsere Gäste bleiben.“ Was Sanfold unter Gastfreundschaft verstand, sollten die Studenten schnell erfahren. Der Bullige, den sie schon aus dem Medical Center kannten, fesselte ihre Hände mit Packband auf dem Rücken zusammen und stieß sie durch die Tür in ein angrenzendes winziges Zimmer. Außer einem Bügelbrett, einem leeren Wäschekorb und drei Stühlen befand sich nichts darin. Es war wohl so eine Art Haushaltszimmer, sah aber derzeit unbenutzt aus. McCrery war überrascht, so etwas in diesem Appartement vorzufinden.
Er drückte seine beiden Gefangenen auf zwei Stühle und verschnürte sie noch weiter. Als er fertig war, konnten Dan und Claire kein Körperteil mehr bewegen. Rücken an Rücken saßen sie da und konnten nichts tun. Als Sanfold mit der Zeitmaschine in den Händen wie zufällig an der noch offenen Tür vorbeilief, standen Claire Tränen in den Augen und sie schrie ihn an.
„Du Schwein!“ Weiter kam sie nicht, denn eine schallende Ohrfeige von McCrery ließ sie blitzartig verstummen. Dann drohte er ihr: „Wenn du dein hübsches Mundwerk nicht still hältst, stopf ich es dir. Damit!“ Er zog sein Hosenbein ein wenig hoch und zeigte auf eine nicht besonders sauber aussehende Socke.
Claire wandte sich angewidert ab.
Dann waren die Timetraveller allein.

„Diese Ratten! Wie haben die uns gefunden?“, fragte Sanfold erbost.
McCrery räusperte sich. Er erinnerte sich an die beiden Gestalten, die gestern auf dem Klinikflur herumlungerten, denen er aber keine Beachtung geschenkt hatte. Er konnte ja nicht ahnen, dass sie seinetwegen oder Taylors wegen dort waren.
„Hast du was zu sagen?“, herrschte Sanfold ihn an. Aber McCrery schüttelte den Kopf.
„N ... nein“, stammelte er dabei. Wer weiß, was für Vorwürfe er sich anhören müsste, wenn er seine Beobachtung erst jetzt darlegte. Also verschwieg er sie lieber und hoffte, mit heiler Haut aus der Nummer heraus zu kommen. Außer ihm hatte die beiden ja keiner gesehen.
„Egal, nun sind sie hier und können keinen Schaden mehr anrichten. Bei unserer Rückkehr werden hier nur ein paar Minuten vergangen sein, wir lassen sie also hier. Mal sehen, vielleicht sind sie uns ja noch von Nutzen“, sinnierte der Professor vor sich hin.
Taylor schaute auf die Uhr. Es war erst früher Nachmittag. Zeit genug, um noch ein wenig zu schlafen, denn obwohl es ihm einigermaßen gut ging, war er nach der Flucht aus der Klinik doch sehr müde. Er bedeutete Sanfold dies und dieser bot ihm sogar sein Schlafzimmer an.
„Leg dich hin. Nachher brauche ich dich ausgeruht und wachsam“, sagte er, indem er ihm mit seiner Rechten den Weg wies. „Und du“, wandte er sich an McCrery, „nutze die Zeit auch, um dich nochmal auszuruhen. Wer weiß, wann sich die nächste Gelegenheit dafür ergibt.“
Der Angesprochene ließ sich das nicht zweimal sagen und machte es sich auf dem Sofa bequem.
Sanfold selbst nahm sich seine Notizen und studierte sie noch einmal genau. Er versuchte, sich an weitere Einzelheiten aus dem Buch zu erinnern und diese festzuhalten.

Dan und Claire saßen nebenan verschnürt wie zwei Pakete und versuchten mit allen Mitteln, sich von den klebenden Fesseln zu befreien. Es schien unmöglich, denn je mehr sie an dem Klebeband zogen, umso fester zog es sich zusammen und schnitt in die Haut ein. Die Schmerzen an den Handgelenken waren schlimm und Dan meinte, dass er schon Blut spürte. Sie versuchten es dennoch immer weiter.
„Dan, benutz die Fingernägel. Reißen wird das Band niemals, aber vielleicht können wir es mit den Nägeln Stück für Stück zerschneiden“, riet Claire. Sie war unbeabsichtigt mit einem Fingernagel hängen geblieben und an dieser Stelle war das Band tatsächlich ein Stückchen eingerissen. Es war ein Hoffnungsschimmer, der die junge Frau immer weiter machen ließ, obwohl sie kaum noch Gefühl in den Händen hatte, so eng waren die Fesseln unterdessen zusammengeschnürt.
Dan beherzigte Claires Rat und probierte es auf diese Art. Das war leichter gesagt als getan, denn er musste seine Fingerspitzen bis an das Handgelenk heran beugen, um an das Packband zu gelangen. Aber auch er gab seine Anstrengungen nicht auf.
„Du“, flüsterte Claire da auf einmal. „wo sind eigentlich die Drohnen abgeblieben?“
Dan schaute zur Zimmerdecke. Da war nichts zu sehen. „Ich weiß nicht. Vielleicht spioniert Ken damit im Nebenraum.“
„Schade, dass wir ihn nicht mehr hören können. Vielleicht wüsste er Rat“, meinte Claire.
„Wie sollte er uns denn helfen?“, fragte Dan etwas gereizt.
„Keine Ahnung. Es wäre schon schön, wenn er uns nur Mut zusprechen würde. Oder uns erzählen könnte, was dieses Gesindel da nebenan gerade treibt“, antwortete Claire.
Beim Fesseln hatte der Bullige keine Rücksicht auf die Armbanduhren genommen, die die Gefangenen an den Handgelenken trugen. Er hatte unbeabsichtigt beide Kommunikatoren ausgeschaltet, als er das Band um die Gelenke klebte.
So gingen ungefähr 2 Stunden dahin.
Aus dem Wohnzimmer des Appartements drang kein Laut. Nur in der kleinen Kammer war ein stetiges leises Rascheln zu hören, welches sich in den Ohren der beiden eingesperrten Studenten ganz wunderbar anhörte. Claire hatte es tatsächlich geschafft, die ganzen Lagen des Klebebandes an ihrem linken Handgelenk zu durchtrennen. Die Schmerzen ignorierte sie, als sie den Arm aus der improvisierten Fessel zog und sich sofort von den restlichen Bändern befreite. Dann erlöste sie Dan von den Klebebändern. Das Band hatte sich bei ihm bis ins Fleisch eingeschnitten, so dass Claire das Erste-Hilfe-Päckchen, das zu ihrer Ausrüstung gehörte, hervor holte und die Wunde verband. Als das geschehen war, griff Dan sofort zu seiner Uhr und wollte die Kommunikation wieder herstellen, aber Claire hielt seine Hand fest.
„Nicht“, flüsterte sie. „Was, wenn die da draußen die fremde Stimme hören?“
Dan ließ die Arme sinken. Claire hatte Recht.
Vor Ärger boxte er einmal in die Luft.
„Und wie soll es nun weitergehen?“, fragte er leise.
„Ich weiß es nicht. Es war schon mit den Waffen riskant, aber ohne sind wir absolut hilflos. Wenn wir nur wüssten, was die gerade machen. Es ist so still, vielleicht sind die gar nicht mehr da?“, vermutete die junge Frau fast tonlos, aber Dan verstand jedes Wort. Es waren beinahe auch seine eigenen Gedanken, die Claire da formulierte.
„Wir müssen das Risiko eingehen und nachsehen. Pass auf“, wisperte Dan Claire seinen Plan ins Ohr, „ich halte den Tempotronenscanner bereit, falls die sich wirklich aus dem Staub gemacht haben. Du aktivierst den Rückholbefehl, wenn es zu brenzlig wird.“
„Okay, aber sei vorsichtig“, flüsterte Claire zurück.
Dan drehte sich zu ihr um. „Nicht ich - wir. Du kommst mit, oder willst du im Zweifelsfall allein zurückkehren?“ Claire schüttelte schnell den Kopf. Daran hatte sie gar nicht gedacht.
Sie atmeten noch einmal tief durch und Dan öffnete ganz vorsichtig die Tür einen Spalt breit. Er spähte hindurch, konnte aber nicht viel erkennen. Zu hören war auch nichts. Dadurch ermutigt, er glaubte, dass sie allein in der Wohnung waren, zog er die Tür ein Stück weiter auf und schlüpfte hindurch. Claire folgte ihm dichtauf.
Dann erschraken sie zutiefst. Auf dem Sofa lag der bullige Kerl und schlief. Sanfold saß mit dem Rücken zu ihnen im Sessel und rührte sich nicht, wahrscheinlich machte auch er ein Nickerchen. Von Taylor war nichts zu sehen.
Dan schaute sich suchend um. Dann entdeckte er die beiden Pistolen, die sie von Roger Müller erhalten hatten. Sie lagen auf einer Anrichte an der gegenüberliegenden Wand. Er gab Claire ein Zeichen mit den Augen, dann sah auch sie die Waffen. Um an sie heranzukommen, mussten sie aber das ganze Zimmer durchqueren. Was, wenn der Professor doch nicht schlief?
Dan zeigte auf sich, dann auf die Waffen um Claire zu sagen, dass er den Versuch wagen wollte. Sie nickte verängstigt. Dan schlich auf leisen Sohlen los.
Er glaubte, es schon geschafft zu haben. Es waren nur noch 2, allerhöchstens 3 Schritte, die ihn von dem Sicherheit gebenden Metall trennten, als Sanfolds Stimme wie ein Peitschenknall durch den Raum zischte.
„Halt! Bleib stehen, oder es wird dein letzter Schritt sein, den du tust!“
Dan blieb wie erstarrt stehen. Er hätte heulen können, so nah vor dem Ziel.
Als Claire die Situation erfasste, überlegte sie nicht lange, sondern handelte einfach. Sie lachte schrill auf, um die Aufmerksamkeit des Professors auf sich zu lenken, damit Dan eine Chance bekam, die Waffen doch noch an sich zu nehmen.
Sanfold blickte sich wie erwartet um.
Dan wollte gerade einen Schritt machen, als McCrery mit einer gelassenen Geste seine eigene Pistole auf ihn richtete.
„Hast du nicht gehört, was der Boss dir gesagt hat?“, fragte er dabei. Er wirkte verschlafen, war aber hellwach. Eine Fähigkeit, die Voraussetzung war, wenn man als Söldner des Professors überleben wollte.
Blitzschnell rannte Claire zu Dan und fiel ihm in die Arme. In dieser Situation fand sie Trost in Dans Berührung, sie gab ihr Halt und sie fühlte sich nicht allein. Nun standen sie da wie zwei Lämmer, die darauf warten, zur Schlachtbank geschickt zu werden.
Sanfold betrachtete die Beiden. Er sagte nichts, um die Spannung noch ein wenig aufzubauen. Er genoss es, die sich ausbreitende Angst in den beiden Studenten wahrzunehmen. Die Nervosität, die in ihren Augen zu lesen war, amüsierte ihn. Wie zufällig hielt er plötzlich die Zeitmaschine in seinen Händen. Dann blickte er auf die Uhr.
Es war noch zu früh. Er hatte mit dem Schneider Punkt 17.00 Uhr für die Kleiderübergabe vereinbart. Der würde nicht eine Minute früher oder später vor der Tür stehen. Sanfold hasste Unpünktlichkeit, alle seine Untergebenen wussten das. Es blieben noch 12 Minuten.
McCrery hielt die Gefangenen in Schach. Deshalb ging Sanfold selbst in das benachbarte Schlafzimmer, um Taylor zu wecken. Er rüttelte ihn unsanft wach. Taylor schreckte hoch und fragte: „Was ist denn los?“ Diese vier Worte jagten Sanfold einen Schauer über den Rücken. Nicht der Inhalt der Worte, sondern Taylors Stimme, erkannte der Professor. Diese Stimme hörte sich an, als würden die Worte von einer stumpfen Kreissäge gesungen und anschließend über ein grobes Reibeisen gejagt. Schauerlich!
Sanfold überlegte, ob er mittels der Magie etwas daran ändern konnte. Aber er entschied sich dagegen. Diese sehr außergewöhnliche Stimme würde ihm während der kommenden Reise vielleicht noch dienlich sein. Und wenn nicht, dann könnte er immer noch etwas daran ändern. Dass Taylor jedes Wort nur unter Schmerzen hervorbringen konnte, ahnte er nicht und es interessierte ihn augenblicklich auch nicht. Sanfolds Gedanken konzentrierten sich jetzt nur noch auf die kommende Zeitreise.
Als Taylor sich aufgesetzt hatte und den Professor immer noch fragend anblickte, ließ der sich endlich zu einer Antwort herab.
„Es gibt Probleme. Unsere Gäste“, dieses letzte Wort spie er förmlich aus, „sind aufsässig geworden. Wir müssen uns beeilen.“
William Taylor verstand. Er stand auf, streckte sich kurz und ging in das Wohnzimmer hinüber. Der Anblick, der sich ihm dort bot, ließ ihn grinsen. McCrery lümmelte sich auf dem Sofa und hielt seine Waffe auf die beiden eng umschlungenen Studenten gerichtet.
„Taylor, sieh nach, ob der Schneider schon vor der Tür steht“, befahl Sanfold. Er wusste nicht so recht, was er mit den ungebetenen Gästen tun sollte. Er könnte sie natürlich auf seine Art verschwinden lassen, aber er fürchtete, dass die Polizei ihm irgendwann doch mal auf die Schliche kommen könnte. Jeder Tote war ein Risiko zu viel. Und in diesen beiden jungen Leuten dort sah er für seine Mission und speziell für die geplante Reise keine Gefahr. Der Professor ging davon aus, dass die beiden mit ihrer letzten Rückreise nun endgültig in ihrer Welt festsaßen, denn die Zeitmaschine hatte er in seinem Besitz. Hinzu kam, dass Sanfold von dem Mut der Beiden beeindruckt war. Er hoffte, dass er sie vielleicht irgendwann für seine Sache gewinnen konnte.
Taylor kam zurück. In den Händen hielt er ein Paket.
„Ah, die Kleidung, wunderbar“, freute sich Sanfold. „Dann lasst uns mal schauen, wie wir darin aussehen. Er legte die Zeitmaschine, die er bis eben fest umklammert gehalten hatte, ab und nahm Taylor das Päckchen ab. Nachdem er es ausgewickelt hatte, rissen Claire und Dan ungläubig die Augen auf. Dieser Professor war tatsächlich verrückt! Die Zeit, in die er reisen wollte, konnte man anhand der Kleidung nicht eingrenzen, aber was hatte er damit vor? Mit diesen schwarzen Roben konnten sie als Priester oder Magier durchgehen, damit war alles möglich. Claire überlegte kurz und musste dann anerkennen, dass diese Verkleidung doch nahezu perfekt war. Schwarze Umhänge hat es in vielen Zeiten gegeben.
Dan konzentrierte sich auf etwas ganz anderes. Seine Augen starrten wie gebannt auf die Zeitmaschine, die zum Greifen nah und doch unerreichbar vor ihm lag. Er beobachtete McCrery und wartete auf einen Moment der Unachtsamkeit bei ihm. Aber der Kerl dachte gar nicht daran, wegen ein paar neuen Kleidern seine Gäste aus den Augen zu lassen. Schon gar nicht wegen solcher Kleider! Da konnte Sanfold lange warten, bis er sich dieses anzog. Dachte er, bis der Professor ihm seines zuwarf.
Das war der Moment!
Dan hechtete nach vorn und griff sich die Zeitmaschine. Er berührte sie gerade mit den Händen, als ein Schuss krachte. Claire schrie auf, als Dan vor dem Sessel zu Boden fiel.
„Dan! Neeiiin!“, brüllte Claire. McCrery pustete gelassen auf die Mündung seiner Pistole und Sanfold lachte hämisch.
„Nein, meine Liebe, so einfach machen wir es euch nicht. Ihr sollt doch schließlich beide meinen Triumph erleben.“ Als er das sagte, rappelte sich der Sportstudent gerade wieder auf. Er war unverletzt. Claire schossen vor Erleichterung Tränen in die Augen und sie klammerte sich wieder an dem Freund fest.
Taylor hatte sich die neue Kleidung angelegt und sah darin in dieser Umgebung einfach nur lächerlich aus. McCrery gab ihm seine Waffe, damit er sie weiter auf die Studenten richten konnte und schlüpfte ebenfalls in die Robe. Als letzter zog Sanfold seine an.
Als die Drei fertig waren, schien es dunkler in dem Raum geworden zu sein. Die Pistolen passten nicht mehr in das Bild. Wie sie da so standen und ihre Waffen in den Innentaschen ihrer Umhänge verstauten, bekam es Claire mit der Angst zu tun. Das Ziel der Reise, die Sanfold anstrebte, verhieß nichts Gutes.
Sanfold griff nach der Zeitmaschine. Dans Wut war ins Unermessliche gestiegen und er lehnte sich trotz der Gefahr noch einmal auf. Als der Professor die Maschine in den Händen hielt, stürzte er sich auf ihn. Claire, die sich immer noch an ihn klammerte, geriet aus dem Gleichgewicht und fiel zu Boden. Dan ergriff den Zylinder und wollte ihn an sich reißen, aber in dem Augenblick spürte er einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf und es wurde dunkel um ihn. So sah er nicht, wir alle drei verkleideten Männer die Zeitmaschine berührten. Erst die Kälte, die sich plötzlich im Zimmer ausbreitete, holte Dan aus seiner kurzzeitigen Bewusstlosigkeit zurück. Er rappelte sich wieder auf, mit einem Stöhnen fasste er sich an den Kopf. Als er seine Hand anschaute, stellte er erleichtert fest, dass er wenigstens nicht blutete.
Auch Claire war wieder aufgestanden und stampfte wütend mit einem Fuß auf.
„Verflucht! Sie sind entkommen! Und dabei waren wir so nah dran!“, jammerte sie.
Dan holte den Scanner hervor und schaltete ihn ein. Das grüne Kontrolllämpchen zeigte ihm schnell an, dass er die Tempotronen eingefangen hatte.
„Wo sind eigentlich die Drohnen?“, fragte er da plötzlich. Claire zuckte die Schultern und sah zur Decke hinauf. Aber da war nichts zu sehen.
„Mist! Wo sind die denn hin? Ohne die Dinger sollten wir nicht auf Rauenfels erscheinen. Markui und Roger stampfen uns ungespitzt in den Boden“, sagte Dan. Dabei fasste er unbewusst in die Tasche und sein Gesicht erhellte sich, als er Claire die drei winzigen wie Fliegen aussehenden Teile präsentierte. „Die haben scheinbar ganz allein den Weg zurück gefunden“, vermutete er.
„Ich glaube, da hat Ken ein wenig nachgeholfen“, erwiderte Claire.
„Dann wollen wir hoffen, dass wir den Rückweg auch so einfach nehmen können wie die Drohnen“, hoffte Dan.
„Wollen wir?“, fragte Claire.
„Na klar, hier gibt es für uns nichts mehr zu tun“, antwortete Dan.
Sie schalteten zuerst die Kommunikationsgeräte ein, um ihre Freunde über das Scheitern ihrer Reise zu informieren und sendeten anschließend das Signal für die Rückholung.
Kälte hüllte sie ein.
Dann wurde es dunkel.

Burg Rauenfels

Ich frage mich, wieso wissen die so genau, wohin sie reisen?“, stellte Claire ihre Frage in den Raum.
„Dazu kann ich euch vielleicht aufklären“, meldete sich Ken zu Wort. „Wie wir wissen, verfügt dieser Sanfold über magische Fähigkeiten. Als er die Zeitmaschine hier an sich genommen hat, haben wir dieses silberne Licht bemerkt. Ich fürchte, er hat die Zeitmaschine magisch manipuliert. Und was ihr auch noch nicht wissen könnt: Sanfold reist nicht durch fremde Welten, sondern durch die Vergangenheit unserer Welt.“
„Das erklärt auch die Verkleidung. Sie wollen in der Zeit, in die sie reisen, keine Aufmerksamkeit erregen. Sanfold weiß um solche Dinge, dass er nicht in geschichtliche Abläufe eingreifen darf“, stellte Markui nüchtern fest.
„Das wird ja immer verrückter“, sagte Claire und griff nach Kens Hand.

Ende

Vorschau auf Episode 13

Erwartet mit Spannung die am 1. Mai 2009 erscheinende 13. Episode.

Der Titel lautet:
»Uriel«
oder
»Das Magische Licht«

von Gloomy Tomb

Aufgrund der gescannten Tempotronen wissen die Timetraveller, dass sie ihre nächste Reise nach England in das Jahr 1582 führen wird, genau nach Mortlake, Surrey, am 21. November 1582.
Sie rätseln, warum Sanfold dorthin reist, finden aber in der Parallelwelt natürlich keinen Hinweis auf ein Ereignis an diesem Tag. Auch sonst haben sie nur wenige Vorstellungen vom Elisabethanischen Zeitalter und somit kaum Möglichkeiten, sich auf die anstehende Reise vorzubereiten. Lediglich Claire hat einige Grundkenntnisse während ihres bisherigen Studiums erworben, aber mit dem Datum weiß sie ebenso wenig anzufangen wie alle anderen auch. Sie ahnen nur, dass an diesem Tag und an diesem Ort irgendetwas geschehen sein muss, was den Professor auf eine Spur zum „Stein der Weisen“ bringen könnte.
Um das zu verhindern und dabei auch noch die Zeitmaschine wieder in ihren Besitz zu bringen, lassen sich Dan und Claire erneut auf ein unvorhersehbares Abenteuer ein.

 

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