
EPISODE 11
»Kampf der Welten«
Teil 1 - Omega & Alpha
von G. Arentzen





Shezade lag auf dem weichen Bett eines hübsch eingerichteten Raums. Über ihr hing ein Spiegel an der Decke, in der Luft klebte der belebende Duft wilder Minze. Das Laken unter ihr war kühl und weich, das Kissen flauschig. Neben ihr, auf dem braunen Nachttisch, standen eine Flasche mit Champagner sowie zwei Gläser. Kerzen erhellten den Raum und spendeten ein warmes, weiches Licht.
Die junge Frau sah sich selbst im Spiegel. Gedankenverloren strich sie sich über ihre nackten Brüste, Haare umschmeichelten ihr Gesicht. Ein kühler Hauch strich über ihren erhitzten Körper. Schweiß glitzerte auf ihrer Haut, langsam verebbende Lust ließ ihren Unterleib zittern.
Neben ihr, kaum eine Handbreit entfernt, lag ihr Partner. Ein Mann, wie ihn ein Künstler der Antike nicht besser hätte darstellen können. Über zwei Meter groß, breite Schultern und Muskeln, die jedes Hindernis aus dem Weg zu räumen vermochten. Gesegnet mit einer nahezu unerschöpflichen Ausdauer war es ihm gelungen, Shezade an den Rand der Besinnungslosigkeit zu treiben. Nie zuvor hatte die junge Frau derartige Wonne erlebt, als in den Armen dieses Mannes.
Sekunden dehnten sich zu Minuten. Je mehr Zeit verging, umso mehr ließ der Bann der Leidenschaft nach. Es war, als würden sich ihre Gedanken zunehmend klären. Wie das Erwachen nach einem wunderbaren Traum, so erlebte sie das Abflauen der Droge in ihrem Körper.
Sie begriff, dass sie nicht freiwillig hierher in dieses Zimmer gekommen war. Und sie begriff, dass der Mann neben ihr kein Mensch war, sondern ein Ryk; ein Feindwesen, gekommen um die Menschen zu vernichten. Mehr als das war dieser Ryk jedoch auch ein Zuchtbulle. Perfekte Gene hatten ihn dazu gemacht.
Sie hingegen war nicht mehr als ein Weibchen, das möglichst viele Kinder gebären sollte. Super-Soldaten, eine Mischung aus Ryk und Mensch – die Kraft der Feindwesen gepaart mit der Intelligenz der Menschen.
Ekel erfasste Shezade. Ekel vor sich und Ekel vor dem, was sie getan hatte. Obwohl ihr letztlich keine andere Wahl geblieben war. Zum einen, weil ihr der Ryk eine milchige Flüssigkeit eingeflößt und sie mit der Droge darin gefügig gemacht hatte. Zum anderen weil man Frauen, die keine Kinder mehr bekommen wollten oder konnten schlicht die Kehle aufschlitzte und verbluten ließ, wie ein Schwein am Haken.
Manche der Feindwesen fraßen Menschenfleisch mit großer Vorliebe.
Der Samen des Wesens klebte noch in und an ihr. Weiß und schleimig, dickflüssiger als bei einem Menschen. Sie spürte auch eine leichte allergische Reaktion auf das fremde Eiweiß. Ihre Schamlippen waren geschwollen und brannten etwas, Juckreiz breitete sich in ihrer Vagina aus. Die Reaktion flaute meist rasch ab, nach ein, zwei Tagen spürte man nichts mehr davon.
Shezade wusste das, denn sie hatte den Feindwesen bereits zwei Kinder geboren. Kinder, die sie nach der Geburt niemals wieder zu Gesicht bekommen hatte.
Traurig war sie darüber nicht, denn sie empfand nicht das Geringste für ihre Kinder. Auch wenn sie die Mutter war und die Kleinen neun Monate lang ausgetragen, unter Schmerzen entbunden und einmal kurz berührt hatte. Sie waren keine Kinder der Liebe, keine Nachkommen, die man hegte und pflegte.
Sie waren Feindwesen und würden eines Tages Menschen töten. Menschen, die ihnen unterlegen waren und darum keine Chance hatten.
Zumindest, wenn der Plan der Feindwesen aufging.
Noch gab es hierfür keine Präzedenzfälle, denn das Zuchtprogramm war einfach zu jung, die ihm entsprungenen Bälger keine sechs Jahre alt.
Der Ryk drehte den Kopf und schenkte der Frau ein kurzes Lächeln. Shezade wusste, dass es noch nicht vorbei war. Das Feindwesen würde sie noch mindestens zweimal besteigen, um den Erfolg zu garantieren. Wenn es ihm gefiel und seine Potenz auch nach dem dritten Erguss hielt, konnte das die ganze Nacht so weitergehen.
Ryks sind Tiere, die ohne Hirn und mit der Standkraft eines Löwen vögeln. Wenn man sie zähmt, kann man viel Spaß mit ihnen haben.
Das Zitat einer Bordellbesitzerin aus Neustadt fiel ihr ein. Angeblich ließ sie es sich regelmäßig von jenen Ryks besorgen, die für sie arbeiteten. Hattest du keinen Ryk, dann hattest du keinen Sex.
Noch so ein Zitat.
Schon spürte Shezade die Hände des Wesens auf ihren Brüsten. Zärtlich sind sie, musste sie zugeben. Dennoch gelang es ihr nur schwer, ihren Widerwillen zu unterdrücken. Sie musste sich ein Lächeln abringen und den Kuss erdulden.
Schon spürte sie ihn wieder in sich eindringen. Kurz darauf steigerte er das Tempo, ehe er es wieder drosselte. Das alte Rein-Raus-Spiel, ein Ryk beherrschte es meisterlich.
Gegen ihren Willen keimte in Shezade Lust auf. Ihr Körper reagierte auf das, was geschah, sie konnte es kaum verhindern. Das machte es noch schlimmer, denn es vertiefte die Scham. Hätte sie sich sagen können, den Akt stoisch ertragen zu haben, wäre es besser für sie gewesen. Doch die Lust führte zu einem Orgasmus, und dies wiederum demütigte sie noch mehr.
Wütend auf sich und ihr Schicksal schloss sie die Augen, schlang ihre Beine um die Hüften des Wesens und ergab sich ihren Empfindungen.
Sie hatte das, was nun geschah, schon oft erlebt, Überraschungen gab es hier in der Zuchtstation keine.
Das zumindest glaubte sie, wurde aber wenige Minuten später eines besseren belehrt, als das Fenster des Zimmers nicht nur barst, sondern förmlich aus der Mauer gesprengt wurde.
Nicht nur Shezade schrie erschrocken auf, sondern auch der Ryk.
Vor dem Fenster schwebte eine Flugscheibe, so viel konnte die junge Frau sehen. Nicht sehen konnte sie jedoch, wer in der Kuppel saß. Handelte es sich um einen Menschen, der gekommen war, um die Frauen der Station zu befreien? Oder ging es hier um etwas anderes?
Zwar waren die Menschen die vorrangigen Feinde der Feindwesen, untereinander gab es jedoch auch immer mal wieder Streit. Vor allem die Führer hetzten ihre Leute ab und an aufeinander, um ihren Einfluss zu mehren. Die Erde war nicht nur das Schlachtfeld für einen Krieg der Welten, sondern auch ein Spielplatz für mächtige Feindwesen.
Der Ryk reagierte exakt so, wie er es gelernt hatte. Erscheint dir eine Scheibe feindlich, dann greife sie an.
Ein zerstörtes Fenster konnte durchaus als feindlicher Akt betrachtet werden.
Er sprang aus dem Bett und griff nach seiner Pulse-Pistole, die wie stets im Halfter am Gürtel seiner Hose steckte.
Noch bevor er auf die Scheibe schießen konnte, traf ihn ein energetischer Blitz. Für einen Moment sah es aus, als würde der Ryk erstarren. Er öffnete seinen Mund zu einem stummen Schrei, ehe ihn die Hitze und die Energie des Schutzes zerrissen. Fleisch, Knochen und Blut spritzten davon, sein Kopf prallte gegen die Wand und fiel von dort zu Boden.
„Himmel“, entfuhr es Shezade, während sie sich aufsetzte. Ihr Blick war panisch auf die Flugscheibe gerichtet. Sie rechnete damit, ebenfalls im Blitz eines Schusses zerfetzt zu werden, aber dies geschah nicht. Stattdessen flog die Scheibe dichter an das Fenster heran, die Kuppel öffnete sich und eine Amazone kletterte ins Freie, um in das Zimmer zu gelangen.
Rettung, dachte Shezade. Sie sprang auf und griff nach den Kleidern, die neben dem Bett auf dem Boden lagen. Viel war es nicht, was man ihr gelassen hatte; neben einem Slip lediglich ein Shirt sowie Sandalen. Die Räume der Zuchtstation waren gut beheizt, selbst der Boden war warm. Warum man die Frauen halb nackt in ihren Zellen einsperrte, konnte die junge Frau nur ahnen. Möglich, dass es den Ryk gefiel. Oder sie wollten lediglich Zeit sparen, wenn es zur Sache ging.
Die Kämpferin sprang in den Raum und grinste die junge Gefangene an. „Ich hoffe, du kannst mir die Störung verzeihen. Oder hätte ich warten sollen, bis du ...“ Sie ließ den Satz unvollendet, während hinter ihr die Scheibe in die Höhe stieg.
„Verdammt, nein.“ Shezade schüttelte energisch den Kopf. „Ich bin dir sehr dankbar. Du kamst, bevor er ein zweites Mal kommen konnte. Vielleicht entgehe ich so einer weiteren Befruchtung.“ Sie wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Wer bist du?“
„Mein Name ist Nadine Weyer, Amazone von Ares’ Gnaden“, erklärte die Kämpferin. Sie ging zu dem toten Ryk. Sein Ende war schmerzhaft gewesen, auch wenn sein Sterben kaum fünf Sekunden dauerte. Sie hätte es auch schnell und schmerzlos machen können, hatte aber darauf verzichtet. Sie mochte es hart, das gab ihr ein gutes Gefühl.
„Bist du alleine gekommen, oder wartet deine Partnerin in der Scheibe?“
„Sie wartet, denn jemand muss die Scheibe fliegen. Es könnte sein, dass wir ein wenig Zerstörungskraft von außen brauchen. Kannst du mir sagen, wo sich die anderen Frauen befinden?“
„Im Tiefgeschoss. Mehrere Zellen, dicht an dicht. Direkt daneben liegen die Babys in ihren Betten. Wir haben sie nie wieder gesehen, hören sie aber schreien.“
Die Amazone lächelte schmal. „Geh zum Fenster, meine Partnerin holt dich ab. Ich gehe nach unten und kümmere mich um die Gefangenen.“ Sie hielt einen Moment inne. „Befindet sich unter den Frauen auch eine Claire Bancroft? Sie müsste frisch hinzugekommen sein.“
„Ja, sie ist dort unten. Wurde von einem Ryk geholt, aber ich glaube nicht, dass sie bereits soweit war. Ich glaube, er wollte sie lediglich … vorbereiten auf das, was sie hier erwartet.“
„Ich denke, ich sollte die Ryk auf das vorbereiten, was nun gleich geschieht.“ Nadine blinzelte Shezade zu, während sie ihr Schwert zog, zur Tür trat und diese vorsichtig öffnete.

Claire Bancroft lag noch immer auf ihrer Pritsche und schluchzte leise. Seit man sie zurück in die Zelle gebracht hatte, war sie nicht mehr zur Ruhe gekommen. Zu furchtbar war das, was mit ihr geschehen war.
Dabei konnte sie nicht einmal behaupten, dass der Ryk grob gewesen oder ihr Schmerzen zugefügt hätte. Im Gegenteil, er war sanft und charmant gewesen, hatte ihr Lust geschenkt und sich als nahezu perfekter Liebhaber bewiesen.
Nahezu deswegen, weil gute Liebhaber ihre Partnerinnen nicht mit einer Droge gefügig machen, so dass die Frauen schlicht alles über sich ergehen lassen. Hätte er Claire zur Schlachtbank geführt, auch das wäre ihr in dieser einen Stunde egal gewesen.
Stattdessen hatte er sie jedoch in ein Zimmer gebracht, sie entkleidet und auf ein rot bezogenes Bett gelegt. Ihr war aufgefallen, dass der Ryk grüne Augen hatte, genau wie sie. Aber dies war nur Sekunden später nicht mehr wichtig gewesen, denn schon hatten seine Hände ihren Leib erkundet. Und sie, sie hatte sich ihm hingegeben, seine Kraft und Ausdauer genossen wie noch bei keinem anderen Mann zuvor.
Die Ernüchterung war gekommen, als die Droge ihre Wirkung verlor. Nun lag sie in Fötusstellung zusammengerollt auf ihrem Bett und wusste nicht, wie sie all das verkraften sollte. Von allen Welten, in denen sie seit dem Beginn ihrer Reise landeten, war dies ohne Zweifel die Schlimmste. Sie war gedemütigt und missbraucht worden, ihre Freunde weilten wahrscheinlich nicht einmal mehr unter den Lebenden. Allein der Gedanke daran, Ken könne von einem riesigen Insekt gefressen worden sein, brachte sie fast um den Verstand.
Abgesehen von ihrem Schluchzen war es still in dem großen Raum mit den Käfigen. Obwohl mehrere Frauen auf ihren Pritschen saßen, kümmerte sich keine um Claire. Das, was der Neuen widerfahren war, hatten sie alle durchmachen müssen.
Claire presste ihr dünnes Kissen zusammen, grub ihr Gesicht hinein und wünschte sich, das alles habe ein Ende. Hoffnung, jemals wieder nach Hause zu kommen, hatte sie keine mehr. Die Zeitmaschine war zurückgeblieben, Ken, Dan und Markus wahrscheinlich tot und sie saß in einem Käfig, degradiert zu einem Objekt. So zumindest empfand sie es. Keiner der Männer dort draußen hatte Gefühle für sie oder sah sie als Frau. Sie sollte als Gebärmaschine fungieren. So lange, bis sie verbraucht war. Dann erst würde jemand kommen und ihr die Kehle aufschlitzen.
Was für ein Leben sollte das sein? Was für ein Horror, Tag für Tag? Gefangen in dieser Zelle, ohne sinnvolle Beschäftigung?
Die Verzweiflung schien sie zu überwältigen. Ihre Welt verdichtete sich auf die Größe der Zelle, die Wände und Decke schrumpften. Vielleicht hätte sie laut geschrieen, doch just in diesem Moment wurde die Tür zu den Käfigen aufgestoßen. Ein Ryk taumelte über die Schwelle, drehte sich einmal um die eigene Achse und brach röchelnd zusammen. Blut floss aus einer tiefen Wunde am Nacken.
Hinter ihm, über und über mit dem roten Lebenssaft bedeckt, betrat eine junge Frau den Raum. Sie hielt ein Schwert in Händen und schaute sich fast herrisch um.
Die Gefangenen reagierten. Sie sprangen auf und begannen, laut zu jubeln. Claire, die nicht verstand, stand ebenfalls auf und trat an die Tür ihres Käfigs.
Nadine genoss den Auftritt. Sie fühlte sich lebendig, Adrenalin rauschte durch ihre Adern. Ihre Augen leuchteten, als sie das Blut ihrer Gegner von den Lippen leckte.
Sie schaute die Zellen entlang, bis sich ihr Blick in jenem der Amerikanerin verfing. „Claire Bancroft?“
„Ja …?“
„Deine Freunde warten“, erklärte die Amazone, während sie an die Tür von Claires Zelle trat, das Schloss mithilfe ihres Schwertes knackte und so den Weg freimachte. „Sie sorgen sich um dich.“
„Ken?“, stammelte die junge Frau. Ihre Knie drohten nachzugeben, jede Kraft wich aus ihrem Leib. „Dan und Markus?“, fuhr sie nach ein paar Sekunden fort. „Sie … sie leben? Ich hatte Angst, sie seinen bereits von diesem Jeret gefressen worden.“
„Jeret starb, noch bevor er deine Freunde verschlingen konnte. Sie sind in Sicherheit. Also komm, verlassen wir diesen unfreundlichen Ort.“ Nadine öffnete auch die restlichen Zellen. Sie hatte ein Shuttle der HDG geordert. All die Frauen mussten medizinisch betreut werden. Einige waren schwanger, andere nicht. Zudem war noch völlig unklar, was mit den Babys geschehen sollte, die nur einen Raum weiter in ihren Bettchen lagen.
Nicht mein Problem, dachte Nadine vergnügt, während sie die Frauen durch einen breiten Gang führte. Durch eine Tür und eine Treppe gelangten sie in den Innenhof der Zuchtstation. Ich habe meinen Job getan – der Ruhm der Amazonen wurde heute Nacht enorm vergrößert. Erst Jeret, dann die verdammte Zuchtstation. Beides Geschichte, beides durch meine Hand.
Sie gab ihrer Partnerin ein Zeichen, damit diese die Flugscheibe auf dem Hof landete. Claire Bancroft durfte einsteigen, Shezade hingegen verließ die Scheibe, um mit den restlichen Frauen auf das Shuttle der HDG zu warten.
Lyntaia, Nadines Gefährtin, stieg ebenfalls aus und streckte sich. Dabei schenkte sie ihrer Kameradin einen argwöhnischen Blick. Sie mochte es nicht, wenn Nadine auf einen ihrer Ego-Trips ging, wie sie es nannte. Gerne hätte sie mit ihr gemeinsam die Zuchtstation von Ryks gesäubert und die Frauen befreit. Doch ihr war nur die Rolle der Pilotin geblieben.
„Warten wir auf die HDG?“, fragte sie Nadine, während diese gelangweilt an der Scheibe lehnte und ihr Schwert reinigte.
„Wer weiß“, erwiderte die Amazone. „Vielleicht merken die Feindwesen, dass hier etwas nicht stimmt. Dann schicken sie Truppen. Besser, wir warten auf die HDG.“
Claire hatte die kurze Unterhaltung belauscht. Einerseits wusste sie, dass die Amazone Recht hatte. Auch wenn ihr Begriffe wie HDG nichts sagten. Andererseits wollte sie so rasch wie möglich zu Ken. Noch immer spürte sie die Scham und die Demütigung in sich. Die junge Frau glaubte, all das hinter sich lassen zu können, sobald sie wieder bei ihren Freunden war. Sie ahnte nicht, dass man manche Dinge noch lange, sehr lange mit sich herumschleppt …


Markus schaute fasziniert auf die Zeitmaschine, die Roger Müller entwickelt hatte. Sie war deutlich größer als sein handliches Modell, verfügte dafür aber auch über sehr viel feinere Einstellungsmöglichkeiten. So war es nicht nur möglich, bis auf die Minute genau die gewünschte Zielzeit einzugeben, sondern eben auch eine Welt zu wählen, in die man reisen konnte. Möglich wurde dies durch einen völlig anderen Ansatz bei der Zeitreise selbst.
„Wir benutzen eine alte Burgruine als Start und Ziel für unsere Experimente. Vor etwa zwei Jahren kam es zu einem Unfall, der unseren Temponauten fast das Lebe kostete. Zum Glück nahte Rettung aus einer anderen Welt, so dass er im letzten Moment gerettet wurde.“ Roger Müller deutete auf die Zeitmaschine, die im Keller von Burg Rauenfels im deutschen Landau stand. „Diese hier dient der Forschung. Bei ihr sind experimentelle Techniken verbaut worden.“
„Und sie ist in der Lage, uns nach Hause zu schicken?“, fragte Markus. „Ich meine – in unsere Welt?“
„Wenn eure Welt jene ist, von der ich annehme, dass sie es ist, dann ja. Sobald eure Freundin hier ist, schicke ich euch zurück in eure Welt. Das geht dann ruck-zuck.“
„Gut ...“ Der Wissenschaftler ging zu einer Tafel, auf der eine Formel zu sehen war. Er studierte die Zahlen und Symbole darauf.
Roger Müller beobachtete ihn. „Du weißt, was diese Formel bewirken soll?“
Markus nickte. „Waffentechnologie. Ihr habt also die Marquett-Strahlen gefunden, Gratulation!“ Markus' Stimme klang bitter.
„Marquett-Strahlen?“, fragte Müller überrascht. „Wir nennen Sie Z-Strahlen. Ihre Wirkung auf den menschlichen Organismus ist erstaunlich. Diese Strahlen ...“
„Ich weiß, was sie tun und ich weiß, zu was man sie einsetzt. Professor Marquett, mein Mentor, und ich – wir entwickelten eine Waffe auf Basis dieser Strahlen. Es war eine Massenvernichtungswaffe, gedacht für den ultimativen Krieg. Leider fiel sie auch dem Feind in die Hände.“
Der junge Mann lehnte sich schwer an die Wand.
„Die Waffe hatte nur bei etwa 70 Prozent der Opfer den gewünschten Effekt. Die Überlebenden wurden dauerhaft geschädigt, verkamen zu Zombies und vegetierten vor sich hin. Unfruchtbarkeit und Sterilität, Degeneration und schließlich der Tod waren die Folge. In der Theorie und bei Experimenten besaßen die Strahlen eine Halbwertszeit von weniger als einer Woche. Nach dem Einsatz der Waffe erhöhte sich diese auf Jahre. Man kann die Marquett-Strahlen nicht kontrollieren, vor allem aber nicht als Waffe einsetzen. Es ist ein Boomerang.“
Müller hatte schweigend zugehört. Nun aber sank er auf seinen Stuhl und seufzte. „Wir glaubten, wir hätten eine perfekte Waffe gefunden, um rein feindlich besiedelte Gegenden anzugreifen. Aber ...“
„Das dachten Professor Marquett und ich auch. Wir waren so sicher, die beste Waffe geschaffen zu haben, die es je gab. Doch dann ...“ Tränen rannen über Markus' Wangen. Die Schuld, so oft verdrängt, überwältigte ihn.
„Wir ...“ Roger brach ab. Er wusste, dass Lippenbekenntnisse nichts nutzten. Nicht hier, nicht in diesem Moment. „Vielleicht sollten wir das Thema wechseln. Auch wenn dies ein sehr interessantes Thema ist.“
Sie verließen den Forschungsbereich im Basement der Burg und gingen hinauf in den Speisesaal. Obwohl es bereits spät am Abend war, wurden dort Speisen serviert. Die Burg diente der HDG als eines der Zentren, Christoph Schwarz hatte hier seinen Sitz. Soldaten kamen und gingen, der gesamte Komplex wurde von einem starken Kraftfeld geschützt.
„Wir haben gute Chancen, nach Hause zu kommen“, rief Markus, als er seine Freunde an einem der Tische sitzen sah. Er ging zu der Essensausgabe und ließ sich eine Gulaschsuppe sowie ein belegtes Brötchen geben. Dabei wischte er sich die letzten Tränen aus den Augen.
„Wenn nur Claire wieder bei uns wäre“, murmelte Ken, als sich Markus neben ihn setzte. „Ich weiß rein gar nichts von dieser Amazone. Gut, sie besiegte diesen Jeret. Aber wenn man den Leuten hier zuhört, zeichnen die nicht gerade ein fröhliches Bild von ihr.“
Dan zuckte mit den Schultern. „Sie sagen aber auch, dass sie kämpfen kann und damals Roger befreite. Eine junge Küchenhilfe meinte, dass nur sie in der Lage sei, Claire und die anderen Frauen zu befreien.“
„Wir werden es sehen.“ Ken versuchte, seine Angst zu unterdrücken. Seit Stunden gelang es ihm kaum, an etwas anderes zu denken.
Schließlich atmete er tief durch. „Sollte es Nadine Weyer nicht gelingen, Claire zu finden und hierher zu bringen, dann bleibe ich. Keinesfalls werde ich diese Welt ohne sie verlassen.“
„Du spinnst!“, erwiderte Dan sofort. „Schau dich einmal um. Hier herrscht ein Krieg, schlimmer als er in unserer Welt je war. Was willst du hier tun?“
„Ich weiß nicht, was ich tun werde. Aber eines ist sicher – ich lasse nichts unversucht, um Claire zu befreien. Mir ist völlig egal, was ihr davon haltet.“
Markus lächelte schwach. „Im Moment spiele ich ebenfalls mit dem Gedanken, hier in dieser Welt zu bleiben. Möglich, dass ich den Menschen hier sehr viel nützlicher wäre, als in der anderen Welt. Und letztlich ist beides nicht meine Heimat. Das wisst ihr ja nun.“
„Ihr seid beide völlig verrückt“, stellte Dan entrüstet fest. „Ihr müsst bei der Flucht vor Jeret etwas gegen den Kopf bekommen haben. Hier herrscht Krieg.“ Er blickte zu Markus, seine Augen weiteten sich. „Sag nur nicht, dass du dich wieder in Waffenentwicklung üben willst. Noch eine Massenvernichtungswaffe? Noch eine Welt, die du zerstören kannst?“
„Hör sofort damit auf“, schrie der junge Wissenschaftler. Er sprang so heftig auf, dass sein Stuhl kippte. „Ich habe gesehen, dass sie hier mit genau den Strahlen hantieren, die meine Welt zerstörte. Die ich benutzte, um die Welt zu zerstören. Ich habe sie gewarnt, ich habe ihnen von unserem Schicksal erzählt.“
„Beruhigt euch!“, rief Ken. „Himmel, das ist ja grauenhaft.“ Er schaufelte die Suppe in sich hinein, die er sich bereits vor Markus' Ankunft geholt hatte. Ihm kam es vor, als seien sie bereits seit Jahren zusammen, stets darauf bedacht, einander keinesfalls aus den Augen zu verlieren. Hinzu kam die Rivalität um Claire, die ständigen Gefahren, denen sie ausgesetzt waren …
Nur noch ein paar Stunden, dachte er. Nicht mehr lange, und es ist auf die eine oder andere Weise vorbei.
Auch Markus und Dan beruhigten sich wieder. Schweigend aßen sie ihre späte Mahlzeit. Sie taten es, um überhaupt etwas zu tun. Die Spannung, das nervöse Warten auf Claire wäre sonst schier unerträglich gewesen.

Claire schaute aus dem Fenster in die Nacht. Sie saß auf dem Notsitz der Flugscheibe und erlebte erst jetzt, was dies wirklich bedeutete. Als man sie zur Zuchtstation brachte, saß sie in einem rundum geschlossenen Gefangenentransporter, der keinen Blick auf die Umgebung zuließ. Aber selbst wenn sie etwas hätte sehen können, wären Angst und Sorge um ihre Freunde größer gewesen als die Neugier, die sie nun empfand. Noch immer hoffte sie, die jüngsten Ereignisse aus ihrem Gedächtnis streichen zu können, sobald sie sich wieder bei ihren Freunden, vor allem bei Ken, befand.
Die Scheibe glitt durch die Dunkelheit. Für die Amerikanerin war es, als würde sie in einem UFO sitzen. Obwohl die Scheibe alles andere als ruhig in der Luft lag, konnte sie kaum Motorenlärm hören. Lediglich ein leises Summen. Zudem schien die Steuerung extrem einfach zu sein. Es gab keine komplizierten Kontrollen, keine Schalter und Hebel. Nur ein Joystick, ein Display und ein HUD, welches Flugdaten direkt auf die Scheibe der Kuppel projizierte. Zwei Pedale vervollständigten die Steuerung. Laut Nadine konnte jeder solch eine Scheibe fliegen, sogar ein Kind.
„Wir sind bald da“, rief Lyntaia zufrieden, während sie die Scheibe etwas in die Höhe zog. Auf dem Display waren andere Flugscheiben zu sehen, aber auch Wegmarkierungen. Burg Rauenfels war zu erkennen, umgeben von einem roten Kreis und markiert mit einem Plus. Der Kreis, so hatte Claire erfahren, zeigte ein energetisches Schutzfeld an. Flog eine Scheibe hinein, wurde sie samt Insassen zerstört. Das Pluszeichen hingegen bedeutete lediglich, dass es sich dabei um das Flugziel handelte.
„Ich kann noch immer nicht glauben, dass wir sowohl die Zuchtstation als auch Jeret zum Teufel geschickt haben. Und das alles in einer einzigen, langen Nacht.“ Nadine klang zufrieden. Sie lümmelte sich in den Sitz des Kopiloten und schloss für einen Moment die Augen. „Aber jetzt freue ich mich auf ein weiches Bett und ein paar Stunden Schlaf. Kämpfen macht ...“
Sie kam nicht mehr dazu, den Satz zu beenden. Plötzlich lief ein Zittern durch die Flugscheibe, die Hülle glühte rot auf. Ein schriller Ton erfüllte die Kapsel, Lyntaia fluchte und Nadine klammerte sich fest.
„Was war das?“, rief Claire Bancroft erschrocken. Panik schwang in ihrer Stimme mit, während sie ihre Finger in den Sitz der Pilotin krallte.
„Ein Treffer“, presste Nadine hervor. Sie drehte den Kopf und schaute sich um. „Feindliche Flugscheibe bei vier Uhr.“
Sofort flog Lyntaia ein Ausweichmanöver. Keine Sekunde zu früh, wie sich zeigte, denn schon jagte ein roter Blitz dicht an ihnen vorbei.
„Bastard“, fluchte die Amazone, riss den Steuerknüppel herum und trieb die Scheibe in die Höhe. Claire glaubte, ihr Magen würde gegen die Kehle gepresst, sie schnappte nach Luft.
„Sie greift wieder an“, rief Nadine. Sie stützte sich mit ihren Händen an der Kuppel ab.
Claire begriff, warum. Plötzlich sackte die Scheibe ab. So rasch, dass sie aus dem Sitz gehoben wurde.
Erneut wurde auf sie geschossen. Claire konnte einen Schrei kaum unterdrücken, als abermals ein Blitz an ihnen vorbei in die Nacht jagte. Lyntaia gab ihr Bestes, konnte aber nur ausweichen, keinen Gegenangriff starten.
Mehr und mehr gerieten die drei Frauen in Bedrängnis. Nadine saß mit zusammengekniffenen Lippen auf ihrem Sitz und versuchte, die Position des Angreifers zu ermitteln. Doch der Pilot ging geschickt vor und narrte sie ein ums andere Mal.
Erneut glühte die Hülle auf. Das Summen des Motors erstarb, die Scheibe stürzte in die Tiefe. Claire drückte sich in ihren Sitz. Sie sah den Boden näher und näher kommen. Doch kurz bevor sie aufschlugen, startete der Antrieb wieder und Lyntaia schaffte es, einen Crash zu verhindern.
„Braucht ihr Hilfe?“, quakte es plötzlich aus den kleinen Lautsprechern, mittels denen man Funkkontakt zu anderen Scheiben oder Einheiten halten konnte.
„Nein, schon gut“, gab Nadine sarkastisch zurück. „Wir haben hier alles unter Kontrolle. Danke für die Nachfrage, Xarina .“
Ein leises Lachen erklang, ehe rote Blitze durch die Nacht jagten. Hinter ihnen erklang ein dumpfes Geräusch, ehe die angreifende Flugscheibe in einem roten Feuerregen detonierte.
„Ihr seid beschädigt. Schafft ihr es bis Rauenfels?“, fragte Xarina. „Wenn nicht, dann geht runter. Ich gebe euch Deckung.“
„Wir haben einen Passagier an Bord, das wird zu eng“, rief Lyntaia. Dennoch steuerte sie die Scheibe in die Tiefe. „Aber du kannst Nadine und Claire Bancroft übernehmen. Dann ist die Scheibe leichter und ich schaffe es zur Burg.“
„Welch eine große Ehre“, spottete Xarina. „Die große Nadine Weyer in meiner Scheibe. Dann kannst du mir ausführlich erzählen, wie du Jeret in den Hintern getreten hast, Schwester.“
Sie landeten.
Während Lyntaia ihre Scheibe inspizierte, stiegen Nadine und Claire um. Die Amerikanerin erkannte sofort, dass es sich bei Xarina ebenfalls um eine Amazone handelte.
Nachdem sie sich kurz vorgestellt hatte, gab Xarina ihrer Schwester ein Zeichen und startete ihre Scheibe. Doch sie flog nicht sofort nach Rauenfels sondern wartete, bis auch Lyntaia wieder in der Luft war. Einem weiteren Angriff hätte deren Scheibe nicht standgehalten.
„Ich hoffe, wir schaffen es nun bis zur Burg“, scherzte Nadine. Sie wirkte wieder entspannt. Obwohl sie hin und wieder aus dem Fenster schaute. „Diese verfluchten Scharmützel. Sie sind so ermüdend ...“
„Wem sagst du das“, erwiderte Xarina. Sie drehte den Kopf und blickte zu Claire. „Du kommst also aus einer fremden Welt. Und, hast du ebenfalls Interesse daran, bei uns einzusteigen?“
„Niemals“, erwiderte die Amerikanerin sofort. „Ich bin keine Kämpferin. Ich will die Geschichte erforschen, nicht gegen irgendwelche Wesen kämpfen.“
„Das wollten wir auch nie“, erwiderte Nadine. „Nur hatten wir keine andere Wahl, denn die Feindwesen kamen zu uns.“
„Stell dir vor, es ist Krieg – und keiner geht hin. Dann kommt der Krieg zu dir“, murmelte Claire. Sie wusste, dass dieser Satz Brecht zugeschrieben wurde, in Wahrheit aber völlig andere Wurzeln hatte. Und doch traf er hier zu wie die Faust aufs Auge.
„So ist es“, bestätigte denn auch Xarina. Sie schaute wieder aus dem Fenster. Vor ihnen, hell erleuchtet und von einem rot glühenden Schutzfeld umgeben, lag bereits Burg Rauenfels. „Sagte Nancy Higgins nicht etwas Ähnliches?“
Nadine bekam glänzende Augen. „Ja, sie sagte diesen Satz ebenfalls. Oh Nancy … ich wünschte, sie wäre geblieben. Wir waren das perfekte Team. Seltsam, oder? Da muss erst jemand aus einer fremden Welt kommen, damit ich meine Seelengefährtin finde. Nicht unter all den anderen Amazonen, sondern bei einer Fremdweltlerin.“
Xarina lachte trocken auf. „Man könnte meinen, du wärst die Lesbe, nicht Lyntaia. Hast du Nancy auch Liebesgedichte gewidmet und sie in Balladen besungen?“
„Kann ich nicht behaupten“, gab Nadine lachend zurück. „Wir verstanden einander auf einer völlig anderen Ebene. Sowohl Nancy als auch ich bevorzugen Männer, wenn es um Sex und Liebe geht. Und doch waren wir einander nahe wie Schwestern. Wie echte, leibliche Schwestern, wenn du verstehst.“
„Sicher.“ Xarina drehte den Kopf und blinzelte Claire verschwörerisch zu.
Die beiden Frauen lachten leise, während Nadine die Backen aufblies. „Fallt doch zurück in euer Koma, einzeln oder gemeinsam.“
Alle drei wurden von dem Anflug auf Rauenfels abgelenkt, denn die Wachen der Burg meldeten sich über Funk. Xarina gab die Losung durch, und schon öffnete sich ein Fenster inmitten des Schutzfeldes, durch das die Amazone ihre Scheibe steuern konnte.
Claire schaute hinab auf den Burghof. Ihr Herz schlug schneller, ihre Hände wurden feucht. Nur noch Minuten, dann sind wir wieder zusammen.
Damit meinte sie nicht nur Ken, sondern auch die beiden anderen. So lange sie vereint waren, ging das Abenteuer weiter.


Christoph Schwarz saß in der Einsatzzentrale auf Burg Rauenfels. Sein Blick war starr auf eine dünne, transparente Folie gerichtet, die als Monitor für die angeschlossenen Computer diente. Lageberichte, Truppenbewegungen und Hilferufe versprengter HDG-Truppen trafen ein und wurden tief im Keller der Burg gesammelt, ausgewertet und weitergeleitet. Schwarz gehörte dem Oberkommando HDG Europa an. Entscheidungen, die von ihm und seinem Team getroffen wurden, hatten oftmals enorme Auswirkungen. Kleine Gruppen wie eine versprengte Einheit befehligten hingegen andere.
„Ich habe die Daten mehrfach überprüft“, ließ ihn Diana Loh wissen, die Chefin des Geheimdienstes. Ihre Augen funkelten, als würden sie aus Diamanten bestehen. „Unsere Informanten sind sich einig, dass die massiven Angriffe nur eines bedeuten können – sie dienen der Ablenkung, um etwas noch Größeres vorzubereiten. Meiner Meinung nach passiert genau das, was meine Leute und ich seit einem Jahr prophezeit haben.“
Christoph schaute seine Untergebene nachdenklich an. Auch er war zu diesem Schluss gekommen und bereute nun, seiner Geheimdienstchefin nicht früher vertraut zu haben. „Eine weitere Invasion steht bevor“, wisperte er.
„So ist es.“ Diana Loh klang nicht einmal triumphierend. „Die vierte Invasion und die erste, die wir erleben. Schon bei der zweiten und dritten Invasion gelang es der HDG kaum, die Angreifer zurückzuschlagen. Wir können davon ausgehen, dass diese vierte Invasion bedeutend stärker ausfällt.“
„Ja ...“ Christoph sank in seinem Stuhl zurück. „Sagen die Spitzel, wo die Invasion beginnen wird? Oder ist es noch offen?“
Diana Loh trat an die Folie, nahm einen speziellen Lightpen zur Hand und markierte eine Großstadt. „Frankfurt. Alle Hinweise, alle Berichte und Informationen deuten darauf hin, dass dort die Invasion beginnen wird. Vermutlich öffnen sie das Dimensionstor in Höhe der Paulskirche, um den symbolischen Ort zu zerstören und damit auch die Moral der Menschen vor Ort.“
Diana Loh lachte hart auf. „Die Paulskirche, ausgerechnet. Dort kam es 1848 zum großen Zusammenschluss der verschiedenen Verteidigungsgruppen zur HDG. Diesen Ort durch ein Dimensionstor zu ersetzen würde wahrlich die Moral schwächen.“
„Ein symbolischer Akt, um die Invasion einzuläuten.“ Christoph wandte sich von der großen Folie ab und schaute auf sein eigenes, kleines Terminal. „Wir müssen die verfügbaren Kräfte dorthin beordern. Jeder, der eine Waffe halten kann, muss sich nach Frankfurt begeben.“
Die Chefin des Geheimdienstes reichte ihm einen kleinen Datenchip.
„Was ist das?“, fragte Christoph und nahm den Chip entgegen.
„Daniel und ich haben diesen Plan ausgearbeitet. Wir sind selten einer Meinung, aber diesmal schon. Auch wenn es dir nicht gefallen wird, ist dies die einzige Chance, die wir haben.“
Argwöhnisch schob Christoph Schwarz den Chip in den Reader. Daniel Pinter war sein engster Vertrauter, ein fähiger Mann und sein Stellvertreter. Wenn er jemandem vertraute, dann ihm. Die Streitigkeiten zwischen Pinter und der Loh waren hingegen legendär. Waren beide einer Meinung, dann musste das letztlich bedeuten, dass es ihm nicht gefallen würde. Denn Christoph schätzte zwar die Fähigkeiten von Diana Loh als Chefin des Nachrichtendienstes, nicht aber ihre taktischen Pläne.
Er hielt sie für zu aggressiv und unmenschlich.
Schweigend überflog er, was ihm seine beiden Untergebenen vorschlugen. Sekunden verstrichen in denen es so still war, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören.
Dann drehte Christoph ruckartig den Kopf. „Wir sollen vier Städte aufgeben? Wisst ihr, wie viele Menschen sterben werden? Ludwigshafen, Mainz, Wiesbaden Aschaffenburg – in der Hand des Feindes, um die Soldaten nach Frankfurt zu schicken? Das bedeutet den Tod von Tausenden.“
„Ja“, erwiderte Diana Loh nur. Sie schaute Christoph unverwandt an. Es war ihr Plan und Daniel Pinter hatte ihr zugestimmt. Sie hatten nicht genug Kräfte, um eine Invasion abzuwehren. Nicht, wenn sie in Frankfurt losbrach und Tausende Feindwesen in diese Welt kamen. Sie mussten ihnen entgegen werfen, was sie hatten, um sie so lange aufzuhalten, bis die große Verstärkung aus aller Welt eintraf.
„Das … kann ich nicht befehlen“, wisperte Christoph. „Es würde das Grauen über Menschen bringen, die uns vertrauen.“
„Die Invasion der Feindwesen wird ein sehr viel größeres Grauen bringen. Unseren Informationen nach werden mindestens 70.000 Ryk kommen, und sie bilden nur die erste Welle. Wir wissen, was diese Tiere anrichten können. Je nach Größe des Tores haben wir es auf einen Schlag mit 5.000 Gegnern zu tun, und alle fünf Minuten kommen weitere 5.000 Ryk. Anschließend werden sie Insektenwesen schicken, die mit Kampfscheiben kommen. Die Anzahl ist mir nicht bekannt, die düstersten Informationen sprechen von einer Summe im sechsstelligen Bereich. Wir haben die Hinweise ein Jahr lang ignoriert. Nun steht die Invasion bevor und wir müssen die Konsequenzen tragen.“
„Evakuieren Sie Frankfurt“, murmelte Markus. Der junge Wissenschaftler hatte still an der Tür gestanden und der Unterhaltung gelauscht. „Ziehen Sie jeden Menschen ab und riegeln Sie die Stadt ab. Wenn die Invasion beginnt und die Ryk in die Stadt stürmen, aktivieren Sie die Z-Waffe.“
Markus wusste, was er da sagte. Wenige Stunden zuvor hatte er Roger Müller von dem Einsatz der Waffe abgeraten. Nun befürwortete er sie – so, wie er sie schon einmal befürwortet hatte.
„Ich dachte, die Z-Waffe sei vom Tisch aufgrund ihrer Nebenwirkung.“ Christoph Schwarz musterte Markus aufmerksam. „Du warst es doch, der davor warnte.“
„Seit jenem Tag, als wir die Waffe einsetzten und mit dem Grauen konfrontiert wurden, habe ich darüber nachgedacht, was schief lief. Ich … denke, ich weiß, wo unser Fehler lag.“
„Das bedeutet, dass du die Z-Strahlen so optimieren könntest, dass wir sie erfolgreich gegen Ryk einsetzen könnten?“
„Wenn ich physiologische Daten anderer Wesen erhalte, eventuell auch gegen diese. Insekten wurden in unseren Versuchen ebenfalls getötet. Und da hier von Insektenwesen die Rede war ...“
Christoph starrte Markus an und dachte nach. „Die Menschen aus Frankfurt zu evakuieren ist nicht schwer. Aber was, wenn die Waffe nicht wie erhofft funktioniert?“
Dann werfe ich mich einem Vieh wie Jeret zum Fraß vor. „Dann sterben Menschen. Aber das tun sie auch, wenn die Städte aufgegeben werden.“ Markus glaubte, ein Déjà-vu zu erleben. Schon einmal war er in die Planung eines Krieges involviert gewesen, hatte Pläne geprüft, erstellt und verworfen. So lange, bis sein Wunsch und der des Professors erfüllt und die Marquett-Strahlen eingesetzt wurden.
Anschließend wünschte er sich, nie von dieser Waffe gehört zu haben.
„Was meinst du?“, wollte Christoph von seiner Geheimdienstchefin wissen. „Wir haben zwei Pläne, beide sind hoch riskant.“
Diana Loh nickte. „Gehen wir nach unserem Plan vor, sterben garantiert sehr viele Menschen. Nehmen wir den Plan von Markus an, dann sterben vielleicht Menschen. Da sollte die Entscheidung nicht schwer fallen.“
Christoph nickte. „Gehen wir zu Roger Müller. Ich hoffe nur, du weißt, von was du sprichst. Diese Strahlen sind gefährlich, Markus.“
„Ich weiß, denn mein Professor und ich haben sie lange vor Roger Müller entdeckt und eingesetzt. Erzählen Sie mir nichts über die Gefährlichkeit der Marquett-Strahlen. Und nennen Sie mich nicht mehr Markus. Ich heiße eigentlich Markui.“

Dan schlug zu.
Noch ehe Markui reagieren konnte, krachte die Faust seines Freundes bereits auf seine Nase, knickte sie ein und ließ Blut spritzen.
„Du hast gesagt, dass es falsch war. Du wolltest niemals wieder etwas mit Waffenentwicklung zu tun haben. Und jetzt … und jetzt … und ...“ Dan wandte sich in hilflosem Zorn ab, die Hände noch immer zu Fäusten geballt.
Markui hielt sich seine blutende Nase. Er konnte den Zorn seines Freundes verstehen. Er hatte ihnen nicht nur offenbart, dass er Roger Müller bei der Verbesserung der Z-Strahlen half, sondern auch, dass er hier bleiben würde, hier in dieser Welt. Dort, wo Dan, Ken und Claire hinreisen würden, waren kein Platz und keine Aufgabe für ihn. Hier jedoch tobte ein Krieg, die Vernichtung der Menschen war nicht ausgeschlossen. Wenn es also einen Ort gab, an dem er gebraucht wurde, dann war es diese Welt.
Aber es gab noch einen Grund, warum er blieb. Und dieser Grund war die deutlich bessere Zeitmaschine, über die Roger Müller verfügte. Er würde jede freie Sekunde damit verbringen, nach den Verschwundenen zu suchen, vor allem nach seiner Schwester.
„Es ist Markuis Entscheidung“, knurrte Ken. „Wir müssen es akzeptieren. Wenn er erneut als Sensenmann fungieren will, dann soll er. Wir kehren nach Hause zurück, sobald Claire ...“ Da er am Fenster stand, sah er die beiden Flugscheiben einschweben. Ohne den Satz zu beenden wandte er sich um und eilte davon.
Dan, der nicht begriff, ging zum Fenster und schaute hinaus. „Sie sind da“, rief er nach ein paar Sekunden und folgte Ken. An der Tür wandte er sich jedoch noch einmal um. „Kommst du auf den Hof, dann schlage ich dich wieder; verlass dich drauf.“
Markui nickte nur. Er hatte nicht vor, Claire sofort unter die Augen zu treten. Sie würde früh genug erfahren, was er plante. Wichtiger war jetzt ohnehin, dass er einen Sanitäter aufsuchte und sich seine Nase behandeln ließ.
Er schlich aus dem Speisesaal. Anders als seine Freunde trug er nun ein Badge, auf dem sein Name stand. Doktor Markui Becker – Forschungsabteilung.
Obgleich ihm Daniela Loh eine intensive Überprüfung angedroht hatte, es könne sich immerhin um einen Spion handeln, hatte er freien Zugang zu den Laboren und der Taktik. In Zeiten wie diesen, hatte Christoph dies verteidigt, konnte man sich keine Zeitverschwendung leisten.
Er erreichte die Krankenstation und trat ein. Ein junger Arzt begrüßte ihn, wies ihm einen Platz zu und kümmerte sich um die gebrochene Nase. In seiner Welt, das wusste Markui, wäre die Fraktur binnen weniger Minuten verheilt gewesen. Hier erhielt er eine Tamponade und ein Pflaster, das den Knorpel am Platz hielt.
Die Schmerzen würden noch eine Zeit lang bleiben …

Claire verließ die Flugscheibe und betrat den Burghof. Sie schaute sich beinahe ehrfürchtig um. Mehrere Wachen standen herum, ein junger Mann eilte auf den Haupteingang zu und auf Türmen standen Soldaten mit großen Gewehren. Der rote Schimmer des Schutzschildes umgab das Gemäuer, in der Luft lag ein durchdringendes, monotones Summen.
Gerne hätte sie sich noch länger umgesehen, doch schon eilte Ken aus der Tür und auf sie zu. Noch ehe Claire etwas tun oder sagen konnte, riss er sie in seine Arme.
„Ich dachte, ich würde dich niemals wieder sehen“, stieß er dabei hervor. „Claire, ich ...“
Sie vergrub ihren Kopf in seiner Schulter. Ihre Hände krallten sich in seine Kleidung, Tränen flossen aus ihren Augen. „Ich hatte solche Angst“, wimmerte sie. „Du kannst dir nicht vorstellen, was sie mit mir gemacht haben. Da kam dieser Ryk und ...“ Claire brach zusammen. Sie stieß einen leisen Schrei aus und presste sich noch enger an Ken.
Nadine Weyer, die hinter ihr stand, begriff. „Wir brauchen hier einen Arzt und einen Psychologen. Ich glaube, die Kleine hatte bereits Besuch von einem Ryk, ehe ich sie aus der Zuchtstation befreien konnte.“
Dan, der ebenfalls den Hof erreicht hatte, hielt sich etwas zurück. Er sah, in welch schlechter Verfassung sich Claire befand.
„Und auf der Flucht haben sie auf uns geschossen“, schluchzte Claire, während ihr Ken beruhigend über den Kopf strich. „Ich dachte, wir würden sterben. Es war grauenvoll, verstehst du?“
„Ja ...“ Ken dachte an Jeret und das Schicksal, welches ihnen zugedacht war.
„Ich will hier weg.“ Claire trat einen Schritt zurück. „Sofort, verstehst du? Ich will hier weg, wohin auch immer. Alles ist besser als diese verrückte Welt.“
Ihr Freund erwiderte nichts mehr, denn ein junger Arzt trat an die beiden heran. Er griff nach Claires Arm und drückte ihr ohne zu zögern eine Nadel in die Vene.
Die junge Frau drehte ruckartig den Kopf, öffnete den Mund, um zu protestieren – und sank bewusstlos zu Boden. Noch während sie stürzte, griff der Arzt zu, um sie zu halten. Zwei Sanitäter mit einer Hover-Trage erschienen und luden Claire auf.
„Es ist besser, wenn sie schläft. Wir müssen sie untersuchen und ihr ein Antibiotikum verabreichen. Die Körperflüssigkeiten eines Ryk lösen bei manchen Menschen eine starke Reaktion aus.“
In diesem Moment begriff auch Ken, was Claire widerfahren war. Er riss die Augen auf, während er seiner Freundin nachschaute, die bereits zum Haupttor gebracht wurde.
„Nimm es nicht so schwer, sie konnte nichts dafür.“ Nadine klopfte ihm auf die Schulter. „Glaub mir, sie trifft nicht die geringste Schuld. Auch wenn sie selbst das anders sieht.“
Die Amazone ging davon, dicht gefolgt von Lyntaia.
Hilflos schaute Ken zu Dan, der jedoch nur mit den Schultern zuckte. Diese letzte Reise hatte sie alle an den Rand des Abgrunds geführt. Ihnen war, als hätten sie den Vorhof zur Hölle betreten.
„Gibt es hier etwas zu essen?“, fragte Xarina. Sie ging ebenfalls an Ken vorbei, nachdem sie ihre Flugscheibe kontrolliert hatte. „Ich hörte, auf Rauenfels würde rund um die Uhr Essen serviert, damit sich die vorbeikommenden Kämpfer erholen können.“
„Ja, im Speisesaal.“ Dan wies mit dem Daumen zur Tür. Anschließend ging er zu seinem Freund. „Sieht so aus, als kämen wir doch nicht so rasch nach Hause. Claire wird die Nacht über schlafen.“
„Der Morgen graut bereits“, erwiderte Ken. „Die Nacht wird zum Tag. Lass uns hinein gehen, ich will nach ihr schauen.“
„Und ich gehe ins Bett. Das hier zieht sich noch, ich sehe es schon.“ Er wandte sich wieder um. „Unterwegs verbiege ich Markus noch rasch die Nase, danach ist mir im Moment.“ Er betrat die Burg, machte sich aber dort sofort auf den Weg zu seiner Unterkunft. Es brachte ihm nichts, seinen Zorn an Markus – Markui, wie er sich nun wieder nannte – auszulassen.
Ken hingegen ging zur Krankenstation. Dort erfuhr er jedoch, dass Claire nicht mehr so rasch erwachen würde. Zudem standen Untersuchungen an, bei denen keine Zaungäste zugelassen waren, Freund hin oder her.
Daher blieb dem Studenten nichts anderes übrig, als sich ebenfalls in sein Zimmer zurückzuziehen. Ein paar Stunden Schlaf würde ihnen allen gut tun.
Der einzige, der sich mit Kaffee und Koffeintabletten wach hielt, war Markui. Er saß neben Roger Müller an einem Terminal und begann, die Formeln der Z-Waffe zu modifizieren. Ihm lagen nun die physiologischen Profile der Insektenwesen vor.
Damit konnte er arbeiten und eine neue, verbesserte Massenvernichtungswaffe bauen. Das, was er noch Stunden zuvor bitter bereut hatte, loderte nun wieder wie ein Feuer in ihm. Er war besessen von dem Gedanken, diesmal die Fehler von einst zu vermeiden. Er glaubte, den Schlüssel dazu gefunden zu haben. Hier würde sich zeigen, ob er damit richtig lag oder nicht.
Das oder nicht wollte er dabei erst gar nicht denken …

Claire ging es schlecht. So schlecht, dass sie am liebsten im Bett geblieben und sich erneut mit einem Mittel hätte abschießen lassen, wie sie es nannte. Nur, um zu vergessen.
Aber das wäre keine Lösung gewesen. Sie musste sich ihren Gefühlen stellen, auch den Negativen. Darum hatte sie sich angezogen, kaum dass das Medikament seine Wirkung verlor. Sie wollte nach Hause. Dort gab es Ärzte und Psychologen, die ihr helfen konnten. Sie musste denen nicht erzählen, dass sie von einem Ryk missbraucht worden war. Das spielte für ihren Zustand ohnehin eine untergeordnete Rolle. Denn das, was ihr widerfahren war, hätte sich auch in jeder Diskothek in den USA abspielen können. Immer wieder wurden junge Frauen mit Drogen oder starken Medikamenten willenlos gemacht und missbraucht.
War es besser, von einem pickeligen Typen vergewaltigt zu werden?
Sie bezweifelte dies.
Im Speisesaal traf sie auf Dan und Ken, die beide ebenfalls nur wenige Stunden geschlafen hatten. Sie waren bereit für den Aufbruch. Bereit, nach Hause zurückzukehren. Sofern die Welt, die Roger Müller programmieren konnte, ihre Heimatwelt war. Wenn nicht, würden sie erneut stranden. Zu dritt nur noch, denn Markus – Markui – hatte sich entschlossen, hier vor Ort zu bleiben. Eine Entscheidung, die Claire nicht nachvollziehen konnte, aber auch nicht besonders traurig stimmte. Markui war stets der Außenseiter geblieben, aber auch das Genie, das mit der Zeitmaschine umgehen konnte. Mit etwas Glück würden sie diese nicht mehr benötigen. Denn dann schafften sie den Sprung nach Hause und würden diese verfluchte Höllenmaschine demontieren. Niemals wieder, das schwor sich Claire, während sie sich mit einer Portion Eiern, einem Würstchen und frischem Baguette stärkte, würde sie eine Zeitreise initiieren.
Das stand für sie fest.
„Jeder, der in eine andere Welt reisen möchte, sollte nun in mein Labor kommen“, rief Roger Müller, der – übernächtigt, aber guter Dinge – ebenfalls den Speisesaal betreten und sich die x-te Portion Kaffee geholt hatte. „Normalerweise benutzen wir die Zeitmaschine in einer nicht weit entfernt gelegenen Ruine, aber heute mache ich eine Ausnahme. Um ehrlich zu sein – ich bin zu faul, um dorthin zu laufen. Also, auf in den Keller.“
„Es geht nach Hause!“ Dan sprang auf und eilte durch den Raum. Ken blieb hingegen bei Claire. Er legte seinen Arm um seine Freundin, um sie zu trösten.
„Es geht schon“, murmelte die junge Frau. Sie wusste, dass es gelogen war, und Ken wusste es auch. Er besaß jedoch genug Takt, um es mit einem Nicken hinzunehmen.
„Gehen wir nach Hause“, flüsterte der junge Student nur. „Ich möchte wieder in meinem Bett liegen, zur Uni gehen und all das tun, was ich vor diesem verdammten Abenteuer tat. Vor allem aber will ich nicht ständig um mein Leben fürchten.“
„Ich auch nicht, Ken. Ich auch nicht.“ Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen, schob ihren Stuhl zurück und erhob sich. „Lassen wir Dan nicht warten.“
Gemeinsam gingen sie aus dem Saal und die Treppe hinab, die zu den Laboratorien führte. Sie passierten auch die Zentrale von Christoph Schwarz. Doch der Führer der HDG-Gruppe war nicht zu sehen. Da er sich ohnehin kaum um die kleine Gruppe gekümmert hatte, war es Ken und Claire egal. Sie hätten sich verabschiedet, legten es aber nicht darauf an.
In Rogers Labor trafen sie nicht nur auf den Wissenschaftler und Dan, sondern auch auf Markui. Er trug nun einen weißen Kittel mit dem Badge. In seiner Tasche steckten Kugelschreiber, Lightpens und ein kleiner PDA, in der Hand hielt er Evans Zeitmaschine.
„Nehmen wir Abschied“, murmelte Ken, reichte seinem Freund die Hand und drückte sie. „Ich wünsche dir alles Gute, Markui. Pass auf dich auf, wenn es hier hart auf hart kommt.“
„Mache ich.“ Markui reichte Dan die Zeitmaschine. „Gute Reise. Hoffentlich kommt ihr nach Hause.“ Er lächelte schwach, während er Claire die Hand drückte, wandte er sich ab und verließ den Raum. Er wollte nicht sentimental werden, aber genau diese Gefahr bestand, blieb er noch länger im Labor.
Roger Müller vollführte eine einladende Geste. „Dann kommt näher und macht es euch bequem. Die Maschine besteht aus einer großen Platte, auf der fünf Personen Platz haben. Sobald ihr sie betreten habt, aktiviere ich ein Schutzfeld. Es umschließt euch vollständig. Anschließend aktiviere ich den Transfer und ihr seid weg. Noch Fragen?“
„Ja!“, meldete sich Dan. „Wann werden wir ankommen?“
„Wann immer ihr wollt – in der Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft. Und auch den Ort kann ich einstellen. Also, nennt Ziel und Zeit der Reise.“
Kansas City, 2006. Wir sollten wenige Stunden nach unserem Start heimkehren. Lief inzwischen eine Suche nach uns an, könnte es ungemütlich werden. Kommen wir jedoch rechtzeitig wieder nach Hause, wird das nicht geschehen.
Claire nannte Roger Müller Datum und Uhrzeit. Dann schaute sie den Wissenschaftler mit großen Augen an. „Geht es nun los?“
„Ja, es geht nun los.“ Müller gab die Daten ein, aktivierte die Zeitmaschine und drückte einen grünen Knopf. Sofort wurde ein durchdringendes Summen laut, ein rot schimmerndes Kraftfeld umschloss die kreisrunde Plattform der Zeitmaschine.
„Nach Hause!“, rief Ken aufgekratzt. Er griff nach Claires Hand, die ihn dankbar anschaute. Anschließend blinzelte er Dan zu, der nur nickte.
Ein grüner Strahl jagte aus der Platte, auf der sie standen. Er fächerte auf, umschloss sie – dann begann die Reise.
Die drei spürten eine enorme Kälte, die von ihnen Besitz ergriff. Kräfte zerrten an ihnen, um sie herum herrschte absolute Dunkelheit.
Es war anders als all die anderen Reisen zuvor. Vor allem erschien es ihnen, als würde der Transfer ewig dauern.
„Was ist das?“, brüllte Claire, als sie etwas Helles näher und näher kommen sah. Ihre Worte hallten seltsam im Nichts, ihre Hand umklammerte Kens Finger stärker.
„Das Ziel“, hoffte Dan. Das Atmen fiel ihm schwer. Dennoch drohte er nicht zu ersticken. Es war, als müsse er gegen einen Widerstand an atmen. Als wolle sich seine Lunge nicht richtig entfalten.
Das Licht kam näher und näher. Geblendet schlossen die drei Reisenden ihre Augen, um nicht geblendet zu werden. Dennoch spürten sie die Helligkeit. Sie durchdrang sie, ohne dass sie dies verhindern konnten.
Plötzlich war es vorbei.
Irritiert öffneten die Drei ihre Augen und schauten sich um. Sie sahen bekannte Straßen und Gebäude. Menschen eilten aus einem Geschäft, andere hinein. Ein älterer Mann blieb stehen und musterte die drei Studenten.
Sie erkannten ihn sofort – es handelte sich um Professor Salzmann.
„Du bist auf die nächste Vorlesung vorbereitet, Ken?“, fragte der Lehrer. „Denke dran – Berechenbarkeitstheorie ist das Thema. Du kannst deine Zensur erheblich verbessern, wenn du ein Referat hältst. Was sagst du?“
„Ich … dachte daran, ein, zwei Wochen nicht zu den Vorlesungen zu kommen. Wir hatten eine schwere Zeit. Mehr oder weniger.“
„Eine schwere Zeit?“, fragte Salzmann. „Ich weiß nicht, was mit euch jungen Leuten los ist. Das Lernen, ein kleiner Job nebenbei und schon sprecht ihr von einer schweren Zeit.“
„Ja … so ist es wohl ...“ Claire verzog das Gesicht und ging weiter. Doch nach ein paar Sekunden wurde ihr klar, was diese Szene gerade eben zu bedeuten hatte. „Wir … sind wieder zu Hause“, stammelte sie. „Bei allen Zeitreisen – wir sind wieder zu Hause.“
Sie fiel Ken um den Hals und küsste ihn stürmisch. Tränen liefen über ihre Wangen. „Wir sind wirklich wieder zu Hause.“
Dan reckte die linke Faust empor. „Wir sind wieder zu Hause! Wir haben es verdammt noch mal geschafft.“
Salzmann starrte die drei Studenten an, schüttelte den Kopf und ging weiter. Er verstand nicht, was sich hier gerade abgespielt hatte.
„Ich will in mein Zimmer. Ich will mich duschen, meine Kleidung anziehen und anschließend im besten Diner aller Welten einen Burger essen“, scherzte Dan, während er sich bei Ken und Claire einhakte. „Was haltet ihr davon?“
Die beiden anderen nickten enthusiastisch.

„Es ist unsere Welt, gar kein Zweifel. Ich hatte ein Telefonat mit meiner Mutter – sie machte mir Vorwürfe, weil ich mich so selten melde. Wenn die wüsste ...“ Dan grinste schwach, während er sich auf einen Stuhl im Harper´s Inn fallen ließ. Anschließend stellte er die Zeitmaschine auf den Tisch. „Hier fing es an. Hier wird es enden, denn wir sollten entscheiden, was wir mit dem Ding machen.“
„Verschrotten“, stieß Claire hervor. Sie schenkte dem Gerät einen düsteren Blick. „Sie hat uns nur in Schwierigkeiten gebracht.“
„Vor allem sollten wir sicherstellen, dass kein anderer die Maschine in die Finger bekommt. Sie ist unberechenbar und könnte nicht nur Unglück über ihre Benutzer bringen, sondern auch über eine ganze Welt. Mit etwas Pech sogar über diese. Stellt euch vor, ein Ryk oder Insektenwesen landet durch Zufall hier.“ Ken griff zu seiner Kaffeetasse, während Claire unmerklich zusammenzuckte.
Sie hatte sich nach ihrer Rückkehr in ihrem Zimmer vergraben und dort mehr als eine Stunde geduscht. Erst dann war sie unter die Decke gekrochen, um sich etwas auszuruhen.
„Also vernichten wir sie. Dann haben wir Ruhe“, sagte sie nun, während sie einen Blick in die Karte warf. Und das, obwohl sie die Auswahl der Gerichte kannte.
„So machen wir es“, bekräftigte Dan. „Wir zerstören dieses verdammte Ding so nachhaltig, dass es auch der beste Wissenschaftler nicht mehr zusammensetzen kann.“
Er winkte der Kellnerin, um seine Bestellung aufzugeben.
„Was denkt ihr, macht Markui gerade?“, fragte Claire unvermittelt. „Ich hätte nie gedacht, dass er noch einmal an dieser Waffe arbeiten würde. Nicht nach allem, was wir in seiner Heimatwelt gesehen und erlebt haben. Denkt nur an die vermeintlichen Zombies.“
„Ich hoffe nur, es geht ihm gut. Ehrlich, ich hatte mich an ihn und seine Eigenheiten gewöhnt. Er war ein Freund für mich, und sein Können half uns.“
„Humbug“, knurrte Dan. „Ich hätte ihm die Nase zum Abschied noch einmal brechen sollen. Dafür, dass er uns angelogen hat und dafür, dass er die gleiche Scheiße wieder tut. Verdammt, er entwickelt eine Massenvernichtungswaffe. Was ist das für ein Mensch.“
„Sein Ziel sind die Ryk“, rief Claire aufgebracht. „Meinetwegen können sie alle in der Hölle schmoren. Ich hoffe, sie leiden unter der Waffe, die Markui entwickelt. Ich hoffe, sie krepieren elend und langsam.“
„Das nenne ich mal einen Ausbruch“, murmelte Ken. Er sah, dass die Kellnerin erschrocken den Rückzug angetreten hatte, und winkte sie nun wieder herbei.
Sie gaben ihre Bestellungen auf und warteten, bis sie wieder alleine waren. Aber kaum wollten sie ihre Unterhaltung fortsetzen, als ein Schatten auf sie fiel.
Dan hob den Kopf, um sich umzuschauen – und erstarrte, als er den Mann erkannte, der plötzlich neben ihm aufgetaucht war.
„Sie?“, fragte er wispernd. „Wie kann es sein, dass Sie ...“
Auch Ken und Claire hatten den Mann erkannt. Es war jener magisch begabte Professor, den sie in der Kansas-Parallelwelt getroffen hatten. Jener Mann, der sie in eine Falle lockte, um an die Zeitmaschine zu gelangen.
Und er war nicht alleine gekommen, denn Taylor begleitete ihn.
„Mein Name ist Professor Arthur Sanfold. Bisher kanntet ihr mich nur als Professor, nicht wahr? Ich muss zugeben, dass ihr mich noch vor wenigen Stunden sehr enttäuscht habt. Ihr verschwandet in Raum und Zeit, während meine Männer zurückblieben. Sehr unschön. Sehr, sehr unschön.“
Er beugte sich vor, um die Zeitmaschine zu berühren. „Wohin seid ihr gereist?“
„Wir haben viele Welten gesehen. Diese Maschine ist nicht nur für Zeitreisen gut, sie schleudert die Nutzer auch unkontrolliert in fremde Welten. Sie können sie nicht für gezielte Sprünge nutzen.“
„Dummer Junge, natürlich kann ich das.“ Professor Sanfold lächelte. „Ich hatte nur ein paar Stunden, um mir Evans Pläne anzusehen. Aber ich habe begriffen, wo und wie ich meine speziellen Fähigkeiten einsetzen kann, um die Maschine zu meinem Instrument zu machen.“
Er strich mit seiner Hand über das Metall. Kurz funkelte dieses in einem intensiven Blau. „Nun zum Beispiel würde mich die Maschine genau in jene Welt bringen, die ihr zuletzt besucht habt.“
Er runzelte die Stirn, strich erneut über die Maschine und schaute sich um.
„Ah, ich verstehe, was ich gerade gespürt habe“, erklärte er schließlich. „Meine Magie ist nicht ungebunden. Nicht nur in eine fremde Welt, sondern auch in die Nähe des zurückgebliebenen Reisenden würde sie mich bringen.“
Sanfold lachte.
„Ich lebe schon so lange, und noch immer überraschen mich meine Kräfte hin und wieder. Nun, wie dem auch sei – ich möchte nicht in eine fremde Welt. Ich möchte in andere Zeiten reisen.“
„Warum?“, fragte Claire. „Warum das alles, Professor Sanfold? Sie haben ihren Freund verraten, sind in diese Welt geflohen und ihre Männer haben versucht, uns zu töten. Ich begreife nicht, warum Sie das tun.“
„Ich verfolge höhere Ziele. Aber das versteht ihr nicht.“ Sanfold legte seine rechte Hand erneut auf die Maschine. „Vielleicht könnt ihr das auch nicht, wer weiß. Ihr seid keine Magier.“ Mit der Linken zog er ein kleines, in Leder gebundenes Buch hervor und hob es in die Höhe. „Das hier ist der Schlüssel. Der Text spricht von einem Schatz, den weise Menschen seit Jahrtausenden suchen. Mit Hilfe der Zeitmaschine werde ich ihn finden.“
„Nein.“ Dan legte seine Hand um das Gelenk des Professors. „Wir werden die Maschine zerstören und Sie keinesfalls mit ihr verschwinden lassen. Wer weiß, was Sie anrichten. Sie sind böse, Sanfold. Das lassen wir nicht zu.“
„Ach nein?“, fragte Taylor. Er griff in die Tasche seiner Jacke. „Ich trage eine Pistole und werde nicht zögern, sie hier und jetzt zu benutzen. Mein Gewissen wird mich nicht aufhalten, und die Angst vor einer möglichen Verhaftung auch nicht. Schließlich begleite ich den Professor und bin hier in Kürze … weg.“
Ken nickte niedergeschlagen.
Taylor, der keinen Meter von ihm entfernt stand und die Gruppe im Blick behielt, lächelte selbstgefällig. Gleichzeitig griff er nach seiner Waffe.
Es reicht!
Schnell, schneller als Taylor hätte reagieren können, riss Ken die Gabel vom Tisch und hieb sie mit großer Wucht in den Hals des Mannes. Knapp über dem Reißverschluss der Jacke und auch über dem Hemd, welches Taylor trug, drangen die Zinken in das Fleisch des Mannes ein, durchstießen Haut, Muskeln und Fleisch, ehe sie den Kehlkopf trafen und ob der Wucht zertrümmerten.
Taylor brach röchelnd zusammen. Für ihn war es nicht mehr wichtig, die Pistole zu ziehen. Mit beiden Händen griff er nach der Gabel, um sie aus der Wunde zu ziehen.
Auch Dan reagierte. Er schlug zu und traf Sanfolds Unterleib.
Der Professor stieß einen Schrei aus, teils vor Wut, teils vor Schmerz, und knickte ein. Dan zögerte nicht, nach dem Kopf des Mannes zu greifen, um ihn auf den Tisch zu schlagen.
Aber der Alte überraschte den Studenten. Hatten sie es bei Taylor mit einem bewaffneten Mann zu tun, so war Sanfold von einem anderen Kaliber. Die gesamte Gestalt des Mannes erstrahlte in einem silbrigen Licht, er richtete sich auf und verpasste Dan eine Ohrfeige, die den Studenten zur Seite fegte, runter von seinem Sitz. Der magisch verstärkte Schlag ließ Dans Schädel dröhnen.
„Ich nehme mir die Zeitmaschine“, brüllte der Professor. Seine Augen glänzten, während er sich nach vorne beugte, um seinen Worten Taten folgen zu lassen. „Ich nehme sie mir und werde endlich, nach all den Jahren, ans Ziel gelangen.“
Er griff zu, aber weder Claire noch Ken ließen zu, dass er sie tatsächlich an sich nahm. Sie warfen sich nach vorne, um ihn zu stoppen.
Dan, der mit einer rot glühenden Wange wieder auf die Füße kam, griff ebenfalls ein. Wütend über den Schlag, den er hatte einstecken müssen, griff er nach einem Stuhl, um ihn dem Professor überzuziehen.
Sanfold wehrte das Möbel mit einer Geste ab. Eine Dan unbekannte Kraft wurde ihm entgegen geschleudert, erfasste den Stuhl und trieb ihn zur Seite. Die Wucht war so groß, dass das Möbelstück in die Scheibe des Diners flog und das Glas zerstörte.
Taylor lag noch immer auf dem Boden und röchelte. Er war ausgeschaltet und stellte keine Gefahr mehr da.
Anders als die beiden Männer, die plötzlich durch die Tür geeilt kamen, um Sanfold zur Seite zu stehen. Dan sah aus dem Augenwinkel, dass sie ihre Waffen zogen. Er wusste, dass sie schießen würden.
Ken und Claire lagen ebenso auf der Zeitmaschine wie der Professor. Es geht nicht anders, wollen wir den Fuck überleben.
Dan sah den Startknopf der Zeitmaschine, legte seine Hand auf das Gerät – und drückte ihn.
Taylors Gehilfen schossen. Eine einzige Kugel schaffte es noch, ihr Ziel zu erreichen, ehe sich die Gruppe auflöste.
Ken schrie gequält auf.
Er spürte einen rasenden Schmerz, als die Kugel in seine Wirbelsäule eindrang. Übelkeit schoss einer Welle gleich durch ihn hindurch, seine Hand rutschte ab. Die Bewusstlosigkeit umfing ihn wie ein warmer, schützender Mantel im Winter.
Claire glaubte, den Verstand zu verlieren. Wieder befand sie sich auf einer Reise durch Zeit und Raum, wieder war sie drauf und dran, ihren Freund zu verlieren. Sie griff nach Kens Hand, um ihn zu halten. Ein langgezogener Schrei kam über ihre Lippen, ehe die Reise auch schon endete.
Hart schlugen die Vier auf. Ken rollte zur Seite und blieb schwer verletzt liegen, Claire klammerte sich an ihn.
Einzig Dan bemühte sich, die Zeitmaschine zu verteidigen. Er schlug nach dem Professor, doch dieser wehrte sich erneut mit Magie. Was zuvor den Stuhl beiseite gefegt hatte, erwischte nun den Studenten. Er schrie auf, als er von einer unwiderstehlichen Kraft gepackt und gegen eine Wand geschleudert wurde.
„Ihr Narren!“, schrie Sanfold. Er strich über das Metall, so dass dieses erneut in einem hellen Blau erstrahlte. Anschließend betätigte er den Notauslöser und verschwand vor Dans entsetzten Augen.
„Nein!“, wisperte der Student. „Nein, das darf doch nicht ...“
Er schaute sich um. „Hallo Markui.“
„Ha ...“ Der junge Wissenschaftler brachte das Wort nicht zu Ende. Claire unterbrach ihn mit einem hysterischen Schrei. „Wir brauchen einen Arzt! Ken ist schwer verletzt, er wurde angeschossen. Beeilt euch doch, verdammt.“
Markui griff nach einem Telefon, das neben ihm an der Wand hing, und verständigte die Krankenstation.
Noch während er dies tat, eilte Roger Müller herbei. Er sah die drei Reisenden und runzelte die Stirn. Er verstand nicht, was schiefgegangen war. Schließlich hatte er sie zurück in ihre Welt geschickt. Nun waren sie wieder da – wieso?
Dan rappelte sich auf und ging ebenfalls zu Ken. Er hörte Claires Schluchzen und auch das leise Stöhnen seines Freundes. Blut bildete eine Lache unter Ken. Die Augen des Asiaten standen offen, schauten jedoch glasig zur Decke. Dan war sich nicht sicher, ob sein Freund überhaupt etwas mitbekam.
„Wieso seid ihr wieder hier?“, fragte Markui. „Und was war das für ein Gerangel? Dieser Mann – er sah aus wie dieser Professor aus dem Parallelwelt-Kansas. Nur etwas älter.“
„Er war es“, knurrte Dan. „Arthur Sanfold, so sein Name. Er wollte sich die Maschine unter den Nagel reißen. Es kam zu einem Gerangel, wir landeten wieder hier und am Ende bekam Sanfold, was er wollte – nicht, was er verdiente. Denn dann würde er blutend auf dem Boden liegen, dieser elende Bastard.“
Die Sanitäter eilten herbei, um sich um Ken zu kümmern. Claire trat nur widerwillig zur Seite, beugte sich aber dem Mediziner.
Dan hingegen schüttelte in stummer Anklage den Kopf. Sie waren wieder dort, wo sie ihre Heimreise angetreten hatten. Angst, nicht wieder nach Hause zu gelangen, hatte er keine. Was einmal klappte, klappte auch ein zweites Mal. Was ihn aber wurmte war, dass sie die Zeitmaschine verloren hatten. Sie sollte zerstört werden, damit sie keinem Falschen in die Hände fiel.
Aber genau das war geschehen, dessen war sich Dan sicher.
„Wir müssen ihn operieren. Es sieht nicht gut aus“, ließ sie der Mediziner wissen. Vorsichtig hoben seine Assistenten den nun bewusstlosen Ken auf eine Trage und transportierten ihn ab.
„Da sind wir also wieder“, stellte Claire frustriert fest, während sie bereits das Labor durchmaß, um weiterhin in Kens Nähe zu bleiben. „Was für ein elender Mist.“
Dem konnte keiner widersprechen.

„Wir wollten nicht wieder hierher“, beteuerte Dan, während er sich an seinen Kaffee klammerte. Er spürte den Blick von Christoph Schwarz auf sich ruhen. „Wir wollten gar keine Zeitreise mehr unternehmen, sondern diese verdammte Maschine zerstören. Doch dann kam Professor Sanfold, der Kampf begann und ich sah keine andere Chance, um unser Leben zu retten, als ...“
„Als den Knopf zu drücken“, rief Claire. Tränen schimmerten in ihren Augen. Ken wurde just in diesem Moment operiert. Der Arzt hatte ihr nicht versprechen können, dass ihr Freund durchkam. Die Kugel hatte den jungen Mann in Brusthöhe getroffen und dort die Wirbelsäule durchschlagen. Selbst wenn es dem Mediziner gelang, die Kugel zu entfernen und Kens Leben zu retten, würde dieser aller Wahrscheinlichkeit nach niemals wieder laufen können.
„Ja, ich habe den Knopf gedrückt und uns allen den Arsch gerettet“, erwiderte Dan aufgebracht. „Die Kugel traf Ken nicht, weil ich das tat. Sie traf nur ihn, weil ich es tat. Oder denkst du, diese Typen hätten Skrupel gehabt, uns alle zu erschießen?“
„Schon gut“, hob Markui an. „Ich bin sicher, es war die richtige Entscheidung. Ich hätte den Knopf auch gedrückt, wäre ich dabei gewesen.“
„Warst du aber nicht“, schnarrte Dan. Noch immer spürte er Zorn in sich brodeln. „Du gehörst eigentlich nicht einmal mehr zu dieser Gruppe. Schließlich hast du hier eine neue Heimat gefunden und kannst deiner liebsten Beschäftigung nachgehen – Völkermord.“
Markui griff nach seiner Tasse und nahm einen tiefen Schluck. Die Worte des Studenten prallten an ihm ab. Einst, in seiner Welt, hatte seine Waffe Menschen getötet und grausam verwandelt. Hier jedoch würde sie Feindwesen treffen, Kreaturen aus einer fremden Welt, die nur ein Ziel kannten – die Menschheit zu unterwerfen oder zur Gänze auszurotten.
Das, was er hier tat, war gut.
„Könntet ihr euch alle wieder beruhigen?“, fragte Roger Müller streng, um seinem neuen Assistenten beizuspringen. „Ich kann euch wieder in eure Welt schicken, das ist gar kein Problem. Sobald Ken die Operation überstanden und sich erholt hat, geht es nach Hause. Oder möchte jemand sofort hier weg? Auch das lässt sich einrichten.“
Dan zuckte mit den Schultern. Er wollte nicht in einer Welt leben, in der Krieg herrschte und jederzeit mit einem Großangriff zu rechnen war. Andererseits wollte er auch nicht alleine nach Hause zurückkehren. Claire, das stand für ihn außer Frage, würde bleiben. Zumal Zeit für sie das kleinste Problem war. Sie konnten …
Seine Überlegungen stoppten. „Kannst du mich zurück schicken, kurz bevor das Drama beginnt? Oder noch besser – kannst du mich in der Zeit zurückschicken, bevor wir von hier aufbrechen? Wir lassen die Maschine da, der Professor bekommt sie nicht in die Finger und niemand wird verletzt.“
„Unmöglich“, erwiderte Roger Müller, während er aufstand, um zurück zu seinem Labor zu gehen. „Offenbar haben wir es mit einem selbstkonsistenten Universum zu tun – wir können zeitliche Abfolgen nicht nach Wunsch ändern. Könnten wir es, gäbe es diesen Krieg dort draußen nicht mehr.“
„Unlogisch“, warf Claire ein. „Wir können Geschehnisse verändern und beeinflussen. Also können wir auch ...“ Sie schwieg, als ihr klar wurde, dass sie bisher noch nie versucht hatten, etwas gezielt zu ändern. Vor allem aber waren sie nie gezielt zu einer Welt oder einer Zeit gesprungen. Versucht, das ja. Aber es war ihnen nicht gelungen.
„Sagtet ihr nicht, Professor Sanfold hätte ein Buch besessen, welches er zu seinen Reisen benötigt?“, fragte Markui nach ein paar Sekunden.
„Ja“, knurrte Dan. „Vermutlich sind darin seine Ziele notiert. Dinge, die er sich unter den Nagel reißen will, Ort oder Ereignisse, die er besuchen will. Das, was wir auch wollten, ehe der Horror begann.“
„Nein, das nicht“, widersprach Markui. Gleichzeitig legte er das Buch auf den Tisch. „Es ist dem Professor aus der Tasche gefallen, ehe er verschwand. Es ist kein Notizbuch, sondern eine Abhandlung über den Lapis Philosophorum sowie das Aurum Potabile. Ein moderner Alchemist in der Tradition von Nicholas Flamel verfasste es 1899 in London.“
Claire starrte den Physiker an. „Ist das dein Ernst? Ken wurde angeschossen, wir in diese Welt geschleudert – weil Sanfold glaubt, den Stein der Weisen finden zu können? Meine Güte, das darf doch wohl nicht wahr sein.“
„Stein der Weisen?“, fragte Dan verständnislos. „Ist das nicht der Gegenstand, um den es bei Harry Potter geht?“
„Das auch.“ Claire winkte ab. „Der Stein der Weisen existiert nicht. Die Alchemisten einst glaubten, mit seiner Hilfe unedle Metalle in Gold verwandeln zu können. Zudem sollte Rotwein in Verbindung mit dem Lapis Philosophorum das Flüssige Gold ergeben, eine Universalmedizin, die zudem verjüngend wirkte. Wer ewig leben wollte, brauchte also den Stein der Weisen sowie Rotwein.“
„Es gibt ihn aber nicht, oder?“, versicherte sich Dan, obwohl Claire diese Frage vorweg genommen hatte. „Er ist nur eine Erfindung.“
„So ist es“, bestätigte die junge Frau. „Zumindest ist dies der Stand der Wissenschaft. Andererseits sagt diese auch, dass es keine Magie gibt. Wir wissen es besser, nicht wahr?“
„Offenbar gibt es den Stein der Weisen auch in Sanfolds Welt. Er baute sich die Zeitmaschine, um ihn zu finden, machte eine Weltenreise und strandete letztendlich in unserer Welt. Dort erfuhr er, dass die Sagen ebenfalls einen Stein der Weisen kennen und erneut jagt er die Zeitmaschine, um endlich sein Ziel zu erreichen.“ Markui hob das Buch des Professors in die Höhe.
„Womit wir endlich wissen, worum es hier geht.“ Dan ballte die Hände zu Fäusten. „Sollte ich ihn jemals wieder in die Finger bekommen, dann ...“
„Ich hatte nur wenig Zeit, aber … ich glaube nicht, dass es Sanfold um Gold oder ewiges Leben geht. Das sind nur die Randerscheinungen. In diesem Buch“, Markus schlug eine von Sanfold markierte Seite auf, „steht etwas, das ich so noch nirgendwo gelesen habe, wenn es um den Lapis Philosophorum ging.“
„Und was?“, fragte Claire ungeduldig.
„Der Stein der Weisen in Verbindung mit in Alkohol schwimmendem Gold ergibt das Elixier der Macht. Wer davon trinkt, kann Welten beherrschen, sie erschaffen oder zugrunde gehen lassen.“
„Klingt ungemütlich.“ Claire griff nach dem Buch und begann, den entsprechenden Passus zu lesen. Kurz darauf nickte sie. „Ja, das ist es, was er will. Er will die Macht. Und da er begriffen hat, wie er gezielt Welten anspringen kann, wird er nicht nur seine Heimat beherrschen wollen. Größenwahnsinnige kennen keine Grenzen.“
Xarina, die an einem Nebentisch gesessen und still zugehört hatte, stand auf und setzte sich neben Markui. Dabei legte sie ihre Hand wie zufällig dicht neben die des Wissenschaftlers.
Sowohl Claire als auch Dan nahmen dies wahr, sagten aber nichts. Auch nicht, als Markui der Amazone einen etwas längeren Blick schenkte.
„Ihr habt also zugelassen, dass ein Wahnsinniger eure Zeitmaschine bekommt“, fasste Xarina zusammen. „Und nun fürchtet ihr, der Wahnsinnige könne die Weltherrschaft an sich reißen. Und das in jeder Welt, die er gerade besuchen möchte.“
„Ja.“ Mehr fiel Dan zu dieser Zusammenfassung nicht ein. Es war genau das, was sich ereignet hatte.
„Spinner“, lachte die Amazone. „Nadine hat Recht – wer mit der Zeit hantiert, ist ein Spinner. Aber ihr schießt den Vogel ab. Nicht nur euer eigenes Schicksal setzt ihr aufs Spiel, sondern auch das eurer gesamten Welt. Von den anderen Welten ganz zu schweigen.“
„Das konnte wohl kaum einer ahnen“, warf Markui ein. Seine Finger berührten die Hand der Kämpferin. „Immerhin haben sie die Maschine mit ihrem Leben verteidigt.“
„Das stimmt“, gab Xarina zu. „Dieser Mut muss anerkannt werden.“ Sie lehnte sich zurück. „Und wie geht es nun weiter? Habt ihr vor, diesen Irren zu verfolgen? Oder gebt ihr auf, kehrt zurück und hofft, dass er den Stein nicht findet?“
„Verfolgen?“, fragte Dan gereizt. „Wie sollen wir das machen, ohne Zeitmaschine? Roger Müller kann uns an einen Ort bringen – mehr aber auch nicht. Wenn wir den Professor dort nicht antreffen, sitzen wir fest.“
„Behrens besitzt ein Gerät, mit dem er zum Ausgangspunkt der Reise zurückkehren kann“, warf Xarina lächelnd ein. „Müller teleportiert ihn in eine andere Zeit und Behrens löst die Heimreise aus. Ihr solltet mit dem Genie sprechen.“
„Ja ...“ Claire schürzte die Lippen. „Wenn wir vor hätten, den Professor zu jagen, würden wir das tun. Aber um ehrlich zu sein – ich habe es nicht vor. Er wollte uns töten lassen und ich habe keinen Zweifel daran, dass er es wieder tun wird. Ich bin Studentin, keine Heldin.“
„Ah.“ Die Amazone verzog das Gesicht. „Die Verantwortung für eure Dummheit übernehmen demnach andere, ja?“
„Ich glaube nicht einmal, dass es diesen Stein gibt. Warum sollte ich mich also wieder diesen Gefahren aussetzen? Ich habe genug von all dem Mist, verstehst du?“
Tränen rannen über Claires Wangen. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und aus dem Saal gelaufen, blieb aber sitzen.
„Und falls doch?“, fragte Dan. „Was, wenn er den Stein findet und unsere Welt auf den Kopf stellt? Können wir dieses Risiko wirklich eingehen?“
Markui schüttelte den Kopf. „Wohl kaum. Ich spreche mit Roger. Mal sehen, was er zu unserem Problem sagt. Sobald wir technisch eine Lösung haben – so es denn eine gibt – klären wir die menschliche Frage. Nämlich jene, wer geht und wer nicht.“ Er blinzelte Xarina zu, stand auf und verließ ebenfalls den Speisesaal.
Nur Sekunden später folgte ihm die Amazone.
„Ich glaube, da haben sich zwei gefunden“, murmelte Dan.
„Erstaunlich. Ich würde in Markui nie einen potenziellen Partner sehen. Auch wenn er sicherlich sehr intelligent ist. Aber Xarina ist eine Amazone, eine Kämpferin. Und Markui … nun ja, er ist das Gegenteil.“
„Aber er entwickelt Waffen. Er liefert den Kriegern genau das, was diese jeden Tag brauchen. Vielleicht basiert die Beziehung darauf?“
Claire zuckte mit den Schultern, ehe sie ebenfalls ihren Platz verließ. Sie wollte zur Krankenstation gehen und dort warten, bis die Operation beendet war. Die Sorge um Ken überschattete alles.

„Ihr braucht eine portable Zeitmaschine, die in der Lage ist, gezielt zu springen. Das sollte nicht das größte Problem sein. Wichtiger ist eine ganz andere Frage.“ Roger Müller musterte seinen neuen Assistenten aufmerksam.
Dieser nickte. „Die Frage, wohin der Sprung gehen soll. Zwar haben wir das Buch und damit Anhaltspunkte, wann und wo der Stein der Weisen gesehen wurde. Aber das genügt nicht, um den Professor aufzuhalten. Zumal wir das Buch besitzen und er eventuell nur vage reisen kann. Sofern er keine weitere Ausgabe des Buchs in Händen hält.“
„Eben.“ Müller rollte zu einem Whiteboard. „Du weißt, was Tempotronen sind?“
„Eine Form der Tachyon-Strahlung. Sie werden von der Zeitmaschine gebildet, um den Temponauten zu seinem Ziel zu bringen. Und in eine andere Welt – je nachdem.“
„Genau. Sie sind schwach wechselwirkend, was ihren Nachweis sehr schwer macht. Aber es gibt sie, denn ohne sie wäre eine Reise durch die Zeit nicht möglich.“
Der Wissenschaftler malte einen Kreis auf die Tafel.
„Als wir mit den Zeitreisen begannen, fanden wir sehr schnell die Tempotronen. Es gelang uns auch, sie zu analysieren. Bei jeder Zeitreise bleibt nicht nur ein Rest dieser Strahlung zurück, sondern die einzelnen Teilchen speichern Informationen über die Reise. Ich nutzte das, um den Erfolg unserer Experimente zu analysieren.“
„Das bedeutet“, schlussfolgerte Markui sofort, „dass wir durch eine Analyse der Tempotronen das Ziel der letzten Reise herausfinden können?“
„Exakt.“ Müller nickte zufrieden.
„Würden wir nun also die im Labor verbliebenen Tempotronen analysieren, könnten wir genau dorthin springen, wo sich der Professor befindet und ihn stellen.“
„Nein.“
Markui neigte den Kopf zur Seite. „Nein? Jetzt bin ich verwirrt!“
„Es gibt eine Differenz von etwa einer halben Stunde. Ich kann mir das auch nicht erklären, musste es aber bisher hinnehmen. Das heißt, ihr werdet eine halbe Stunde nach dem Professor ankommen und müsst ihn dann suchen.“
„Das sollte nicht das größte Problem sein. Dreißig Minuten sind nicht die Welt. Die Frage ist nur, was tun, wenn er sich mittels Zeitmaschine rettet oder bereits aufgebrochen ist, wenn wir ankommen.“
Müller nickte bedächtig. „Es bringt euch gar nichts, wenn wir unsere Maschine nutzen. Ihr braucht eine portable Zeitmaschine. So, wie ihr sie hattet. Ausgestattet mit der Weltenwahl und einem Detektor für Tempotronen. Das wird nicht leicht.“
„Behrens verfügt über die Möglichkeit, eine Rückreise zu initiieren“, sagte Markui. Dabei schaute er zu Xarina, die bisher schweigend zugehört hatte.
„Roger senkte ein wenig den Kopf. „Nach einem ersten Experiment, das fast katastrophal endete, wurde uns die Notwendigkeit einer Kommunikation über Zeit- und Weltengrenzen hinweg bewusst. Obwohl es uns erst unmöglich erschien, gelang es uns nach einem zweiten, verheerenden Zwischenfall dann doch.“
„Das heißt“, schloss Markui, „dass wir Claire und Dan ein … Funkgerät … an die Hand geben könnten, mittels dem sie mit uns in Kontakt stehen? Und es bedeutet, dass sie selbst keine eigene Zeitmaschine bräuchten, oder?“
„Streng genommen nein.“ Roger Müller begann, Daten in seinen Computer einzugeben. „Zeit ist ein Faktor, mit dem wir in diesem Fall arbeiten könnten. Wir werden immer dreißig Minuten Unterschied zwischen Dan und Claire sowie dem Professor haben; egal, ob wir sie eine Minute nach dessen Abreise oder einen Tag später auf die Reise schicken. Das bedeutet, sie könnten, sollten sie den Professor nicht stellen, dessen Spur aufnehmen, hierher kommen und wir schicken sie mittels unserer Zeitmaschine weiter.“
„Sie benötigen jedoch einen Apparat, mit dem sie die Tempotronen aufspüren können, oder? Einen Scanner … Etwas in dieser Art.“
„Das benötigen sie ganz entschieden. Im Moment ist der Scanner, den wir einsetzen, stationär. Aber wenn ich ...“ Müller blickte zu Markui. „Du verwendest deine gesamte Energie auf die Z-Waffe, während ich mich dem Problem der Tempotronen widme. Zumal die Forschung auch uns zugute kommt. Denn eines ist klar – eine Hand wäscht die andere. Ich bin kein Altruist, auch wenn mich meine wissenschaftliche Neugier dazu verleitet, hin und wieder unentgeltlich zu arbeiten.“
Markui wusste, was das bedeutete. Ja, Roger würde ihnen helfen und ja, er gab ihnen die passenden Mittel an die Hand. Aber eines Tages musste der Tag der Abrechnung kommen, und weder Claire noch Dan würden ablehnen können; um was auch immer er sie bat.
Markui wusste auch, dass dies den beiden ganz und gar nicht gefallen würde. Aber im Moment gab es nur diesen einen Weg. Ohne Rogers Wohlwollen kamen seine Freunde nicht einmal nach Hause.
„Wie lange wirst du brauchen?“, wollte Xarina wissen. Sie trat näher und legte ihre Hände auf Markuis Schultern. Der junge Wissenschaftler drehte den Kopf, um die Amazone zu mustern. Er fühlte sich zu ihr hingezogen. Ein irritierendes, unnützes Gefühl, denn es lenkte ihn ab.
„Ein paar Tage“, erwiderte Roger. „Ich bin Erfinder, kein Zauberer.“
„Wenn ich das richtig verstanden habe, müssen sich diese beiden nicht nur mit einem magisch begabten Professor anlegen, sondern auch mit dessen Bluthunden, die nicht einmal vor Mord zurückschrecken. Ich sollte die Zeit nutzen, und sie ein wenig … trainieren. Vor allem Claire kommt mir vor, als würde sie beim ersten Anzeichen von Gefahr hinter Dan Schutz suchen.“ Abscheu sprach aus den Worten der Kriegerin. Gleichzeitig massierte sie jedoch mit zwei Fingern Markuis Nacken.
„Was tust du?“, fragte Markui erstaunt, bewegte sich aber nicht.
„Wie fühlt es sich denn an?“, fragte Xarina. Sie brachte ihren Mund dicht an sein Ohr. „Ich stehe nicht auf Männer, die sich im Kampf mit uns messen wollen. Aber einen messerscharfen Verstand, den weiß ich bei einem Mann sehr zu schätzen.“
„Oh, das ist ...“ Markus erwiderte nichts. Er hatte sich seit Jahren anderen Dingen gewidmet, das Weiblichste in seiner Umgebung war seine Schwester gewesen. Entsprechend nervös und schüchtern machte ihn die unverhohlene Äußerung der Amazone.
Gerade das ließ ihn in ihren Augen noch attraktiver erscheinen …

„Der Gegner wird nicht zögern, dich zu töten“, rief Xarina. „Also darfst auch du nicht zögern. Der Gegner, den du heute leben lässt, ist der Gegner, der dich morgen tötet. Verstehst du nicht?“
Sie drosch mit dem Holzschwert auf Claire ein, bis diese mit einer blutenden Wunde an der Wange zu Boden stürzte.
Drei Tage waren vergangen, seit die Timetraveller ihre Zeitmaschine verloren hatten. Drei Tage, in denen der Professor den Stein der Weisen jagte.
Aber Zeit hatte eine andere Bedeutung erhalten, denn auch sie würden wieder reisen. Egal wie viele Tage auch vergingen – am Ende würden es dreißig Minuten sein. Eine halbe Stunde Vorsprung, nicht mehr.
Dan war der Überzeugung, dass dies reichte. Sie konnten den Professor finden, ihn ausschalten und die Maschine in ihren Besitz bringen. Fall erledigt, Heimreise – aus.
Claire hingegen wusste nicht, was sie von diesem Optimismus halten sollte. Ihrer Meinung nach ließ Dan dabei den Faktor der Zeitreise außer Acht. Zwar würde es nicht mehr zu Weltenreisen kommen, denn Sanfolds Buch handelte von ihrer eigenen Welt und damit auch von der Geschichte, wie sie sie kannten. Aber es war das Eine, jemanden im Kansas des Jahres 2006 zu finden und etwas völlig anderes, durch die verwinkelten Straßen des viktorianischen Englands zu laufen. Sie mussten sich an die Gegebenheiten anpassen, an die Sprache und das Verhalten der Menschen dort. Noch schlimmer war es, kamen sie in die frühe europäische Neuzeit. Denn dann bestand die Gefahr, von Inquisitoren oder Hexenriechern der verbotenen Zauberei bezichtigt zu werden. Es bedurfte damals nicht viel, um jemanden auf den Scheiterhaufen zu schicken.
Ken, der nach der Operation zwei Tage im künstlichen Koma gelegen hatte, war inzwischen wieder wach. Wie von dem Arzt prophezeit, hatte er zwar die Verwundung überlebt, seine Beine konnte er jedoch nicht benutzen. Von der Hüfte abwärts fehlte ihm jegliches Gefühl. Er merkte nicht einmal, wenn er zur Toilette musste.
Noch hatte der Mediziner die Hoffnung nicht restlos aufgegeben, Ken doch noch helfen zu können. Bevor eine Therapie zum Aufbau des Rückenmarks beginnen konnte, musste jedoch die Schwellung abklingen, die auf die Nerven drückte.
Claire verbrachte viel Zeit an Kens Seite. Jeden Tag saß sie mehrere Stunden neben seinem Bett. Manchmal hielt sie nur seine Hand, dann wiederum sprachen sie über die Aufgabe, der sie und Dan entgegensahen.
„Verdammt“, rief die Studentin, während sie sich wieder aufrappelte. „Ich bin nicht deine Gegnerin. Du sollst mich trainieren, nicht zusammenschlagen.“
Xarina lachte leise. „Sei nicht zu zimperlich, verdammt. Komm schon, greif mich an.“ Sie warf lässig ihr Schwert von einer Hand in die andere. Dabei gab sie sich betont locker und ließ Claire viel Raum, sie zu attackieren.
Die Studentin griff an. Sie drang auf ihre Trainerin ein, duckte sich unter einem Hieb weg und schaffte es, einen Treffer zu landen.
Xarina lachte laut, während sie zur Seite taumelte und jene Stelle rieb, an der das Schwert getroffen hatte. „Meine Güte, du kannst es ja doch. Ich dachte schon, aus dir würde nie eine Kämpferin werden.“
Claire legte das Schwert zur Seite. Schweiß lief über ihre Stirn. „Das ist ja alles gut und schön“, murmelte sie dabei. „Aber ich glaube nicht, dass uns Sanfold oder seine Schergen mit Schwertern angreifen. Sie benutzen Pistolen, wie wir ja gesehen haben.“
„Das kann wohl sein. Und was, wenn ihr euch nicht gegen die Leute des Professors verteidigen müsst, sondern gegen Stadtwachen aus dem Mittelalter? Du kommst mit einer Pistole nicht weit, wenn drei, vier Männer mit Lanzen und Schwertern auf dich eindringen.“
Claire seufzte. „Du hast recht. Ja, du hast vollkommen recht. Auch wenn ich wünschte, es wäre nicht so.“
Xarina lächelte milde. „Keine Sorge, ihr schafft das. Obwohl ich nicht weiß, warum uns Roger noch nicht das Ziel eurer ersten – und hoffentlich einzigen – Reise genannt hat.“
Die Studentin wusste genau, was die Amazone meinte. Müller und Markui hatten die Tempotronen längst analysiert und wussten, wohin sie und Dan aufbrechen würden. Doch beide hielten sich seltsam bedeckt.
„Gehen wir zum Schießstand?“, bat Claire. Sie fühlte sich ausgelaugt, die Wunde auf ihrer Wange brannte. Obwohl es sich nur um eine Abschürfung handelte. Aber Schweiß lief hinein und dies schmerzte zusätzlich.
„Gerne. Obwohl du mit einer Pistole keine Probleme zu haben scheinst.“
„Mein Dad nahm mich früher hin und wieder mit, wenn er schießen ging. Ich mochte nie Pistolen, tat ihm aber den Gefallen und feuerte auf Scheiben. Am liebsten wäre es mir, ich müsste gar keine Waffe tragen. Ich bin ein friedliebender Mensch, weißt du?“
Xarina strich der jungen Frau über den Kopf. „Jeder liebt den Frieden so lange, wie er nicht direkt bedroht wird. Was hättest du getan, wäre Dan nicht in der Lage gewesen, den Knopf zu drücken? Oder wenn die Maschine versagt hätte? Wie hättest du dich gegen die Männer von Sanfold verteidigt? Mit Messer und Gabel? Mit einem Salzstreuer?“
„Mit einer Gabel ...“ Schaudernd dachte Claire an das, was Ken getan hatte. Sie wäre nie fähig gewesen, einem Mann eine Gabel in den Hals zu rammen. Und doch war sie Ken dafür dankbar, dass er es getan hatte, denn Taylor wollte seine Waffe ziehen.
„Ich kenne die Geschichte. Ken erzählte sie mir. Er macht sich deswegen Vorwürfe, aber ich glaube, ich kann ihm da helfen.“
Sie hatten inzwischen den Schießstand erreicht. Mehrere Pistolen lagen auf einem Regal. Claire griff nach einem kleinen, schwarzen Modell. Sie hatte schon mehrfach damit geschossen und gute Ergebnisse erzielt.
Gut, dachte sie unsicher, während sie wieder auf die Scheibe zielte, was ist schon 'gut'? Werde ich in der Lage sein, auf einen Menschen zu schießen, wenn es darauf ankommt?
Sie bezweifelte dies.

„Ich bin ein Krüppel“, flüsterte Ken. Er schaute seinen Freund an, der neben ihm auf einem Stuhl saß. „Hast du gehört, Dan? Ich bin ein verdammter Krüppel. Die Kugel hat meine Wirbelsäule erwischt.“
„Ich weiß.“ Der Student wusste nicht, was er sagen sollte. „Der Doc meint, es sei noch nicht hoffnungslos. Möglich, dass sich etwas tut.“
„Großartig. Ab dem Nabel abwärts habe ich quasi kein Gefühl mehr im Körper. Ich kann nicht einmal mehr pinkeln. Was für ein Leben soll das sein?“
„Es sind erst ein paar Tage vergangen, Ken.“ Dan stand auf und trat ans Fenster. Anders als Claire wurde er nicht von Xarina trainiert. Amazonen, so hatte sie ihm erklärt, trainierten keine Männer. Das war ein goldenes Gebot. Darum hatte er bei einem der Wachen Unterricht genommen. Das war seiner Meinung nach besser als nichts. „Du musst Geduld haben. Claire braucht dich, Alter. Das weißt du doch.“
„Sie braucht bestimmt keinen Krüppel“, schrie Ken. „Sie braucht jemanden, der auf sie aufpasst. Der sie beschützt. Nicht jemanden, der ans Bett gefesselt ist, so wie ich.“
„Du hast sie beschützt. Die Kugel, die dich erwischt hat, hätte auch sie treffen können. Erst die Gabel, dann hast du dich auf die Maschine geworfen. Das war verdammt mutig, Mann. Sie weiß das.“
„Ja. Aber ich bin kein Mann mehr, ich bin ein Invalide. Meine Beine, mein … Nichts funktioniert mehr, wie es soll. Das kotzt mich an.“
„Verstehe ich.“ Dan ging zur Tür. „Heute Nachmittag ist ein Testlauf der Maschinen. Markui und Müller haben sich ins Zeug gelegt, um uns die Jagd nach Sanfold zu erleichtern. Wir können ihn aufspüren, stellen und ihm diese Maschine aus der Hand reißen.“
„Er ist magisch begabt“, warnte Ken. „Nehmt das nicht auf die leichte Schulter, sonst landet ihr ebenfalls hier drinnen. Oder in einem Grab, und das wäre noch schlimmer.“
„Das ist wohl wahr.“ Dan schaute zur Tür, als diese geöffnet wurde.
Roger Müller trat ein, in der Hand ein Notebook sowie ein Bett-Tischchen. Beides stellte er so auf Kens Bett, dass dieser das Display des Computers sehen konnte. „Nun kannst du den Test und auch die Jagd nach Professor Sanfold verfolgen“, erklärte der Techniker. „Mehr noch – du wirst in der Lage sein, gemeinsam mit Markui die Kommunikation aufrecht zu halten. Du magst zwar verletzt im Bett liegen, deine Arme und dein Kopf funktionieren aber noch, oder?“
„Ähm ...“, murmelte der Student, „sicher. Wie funktioniert denn das alles?“
„Markui wird es dir erklären. Er kommt in ein paar Minuten. Da wir alle sehr beschäftigt sind, hat er eine Aufgabe für dich; ich hoffe, du fühlst dich nicht überfordert.“
„Eine Aufgabe? Für mich? Ich kann nicht einmal das Bett verlassen“, rief Ken. „Wie soll ich da eine Aufgabe erfüllen?“
„Wie gesagt – Hände und Kopf sind unversehrt. Warte ab, bis Markui hier ist. Er sagt dir, was du tun kannst, um deinen Freunden zu helfen.“
„Das ist bizarr.“ Ken starrte auf den Monitor. Er konnte sich nicht einmal aufrichten, denn keinesfalls durfte die Wirbelsäule bewegt werden. Sie wurde zwar durch ein Korsett und Drähte gestützt, musste sich aber erholen. Darum lag er ausschließlich flach auf dem Rücken oder wurde in seiner Gesamtheit von den Schwestern gedreht. Mehr ging nicht.
Vorsichtig berührte er die Kontrolleinheit. Anders als die Computer, die er kannte, besaß dieses Notebook keine Tastatur im klassischen Sinn, sondern berührungssensitive Felder. Es bestand jedoch die Möglichkeit, eine Tastatur einzublenden, etwa wenn man Daten oder Programmcode eingeben musste.
„Ich muss los“, rief Dan. „Ich will vor dem Test noch etwas essen. Also, wir sehen uns. Du kannst ja live dabei sein.“
„Ja … von meinem Bett aus, verflucht.“ Ken krallte seine Hände in die Decke, die auf seinen Beinen lag. Wie gerne wäre er mit seinen Freunden gestartet, um Sanfold die Suppe zu versalzen. Stattdessen musste er hier liegen und auf einen Monitor glotzen.
Er starrte ins Leere, bis die Tür erneut geöffnet wurde und Markui den Raum betrat.
Auch er trug ein Notebook unter dem Arm, behielt dieses aber, nachdem er sich gesetzt hatte. Dabei lächelte er seinem Freund zu. „Wir beide bilden also ein Team, so wie Dan und Claire ein Team bilden. Ich finde das nicht einmal schlecht.“
„Ein Team?“, fragte Ken verständnislos. „Was für ein Team soll das denn sein? Wovon zur Hölle redest du? Schau mich doch an.“
Markui erwiderte den Blick seines Freundes. „Wir schicken Claire und Dan in eine Zeit, in die ich nicht reisen möchte. Wenn alles nach Plan verläuft, werden wir nicht nur sehen und hören, was sie erleben, sondern können ihnen auch helfen. Glaub mir, sie brauchen jede Unterstützung, die sie bekommen können.“
„Wir können ihnen helfen? Wie denn?“
Markui lächelte. „Das siehst du, wenn wir den Test starten. Es ist einfacher, wenn du es live miterlebst. Worte würden hier nicht genügen.“
Ken schüttelte unwirsch den Kopf, akzeptierte aber dann, dass ihm Markui nicht mehr sagen wollte. Darum wechselte er das Thema. „Was macht die Z-Bombe?“
„Sie ist einsatzbereit. Ich habe die Strahlen modifiziert, so dass sie nicht nur Menschen … töten. Sollten die Feindwesen eine Invasion planen, haben sie schlechte Karten.“
Und wir auch, solltest du wieder Mist gebaut haben. Im Geiste sah Ken bereits unzählige Menschen wie Zombies durch eine Stadt wanken, während Roger Müller und Markui verzweifelten.
Ein paar Sekunden schwiegen die beiden. Dann aber wurde es Markui unangenehm, und er schaute seinen Freund an. „Wir sind nicht mehr jene, die aufbrachen. Okay, ich war es schon damals nicht. Aber auch du hast dich verändert. Wir haben Dinge jenseits des Vorstellbaren erlebt. All das hat uns verändert.“
„Dich nicht“, murmelte Ken. „Du hast Waffen entwickelt, bevor du in unsere Welt kamst, und du machst es hier wieder. So einfach ist das.“
Markui schüttelte den Kopf. „Nichts ist einfach, Ken. Gar nichts. Nicht für dich, nicht für mich und vor allem nicht für Claire.“ Er deutete auf den Monitor. „Wir müssen noch ein paar Dinge durchgehen. Bist du bereit?“
Ken nickte nur.

Claire und Dan schauten einander an. Sie trugen nun Uniformen der HDG, jedoch hatte Roger die Abzeichen und Insignien entfernt. Der Grund hierfür war nicht, sie in irgendeiner Form militärisch aussehen zu lassen, sondern um ihnen robuste Kleidung mit auf den Weg zu geben; eine Kleidung, die auch bei Wind und Wetter, unwegsamem Gelände und bei einem Kampf nicht so rasch riss, ihnen einen gewissen Schutz bot und zudem bequem zu tragen war.
Zudem hatten beide eine Pistole erhalten, um sich damit verteidigen zu können. Claire verfügte zudem über ein kleines Erste-Hilfe-Päckchen, Dan hingegen hatte den Tempotronen-Scanner eingesteckt, mittels dem sie die Spur aufnehmen würden, sollte der Professor bereits zu einem weiteren Sprung aufgebrochen sein.
Beide trugen Uhren, die gleichzeitig als Signalgeber für die Rückholung dienten. Betätigten sie einen entsprechenden Knopf an der Uhr, wurden sie umgehend zurück zu Roger Müller transportiert.
Theoretisch.
Praktisch konnte diese Rückholung durch Interferenzen oder andere Störungen blockiert werden. Geschah dies, mussten die Störungen erst beseitigt werden, bevor sie die Rückreise antreten konnten.
Gleichzeitig dienten die Uhren auch als Kommunikationsgerät zwischen den Zeitreisenden und der Zentrale, die sich just in diesem Moment in Kens Krankenzimmer befand.
Die beiden Temponauten standen auf der Plattform jener Zeitmaschine, die sie schon einmal nach Hause gebracht hatte. Sie spürten die Aufregung und Spannung, obgleich es sich hierbei nur um einen Test handelte.
„Der Sprung dauert nicht lange“, erklärte Roger Müller zum wiederholten Male. „Ihr werdet in eine Region gebracht, die wir Testgebiet nennen. Es ist eine Öde Wüste mit moderaten Temperaturen. Wir testen, ob ihr die Reise gut übersteht, die Rückholung funktioniert und eine Verbindung hergestellt werden kann; sowohl per Video als auch per Audio.“ Müller reichte Dan drei kleine metallene Fliegen, kaum größer als eine Stubenfliege.
„Was ist das?“, fragte der Student, während er die künstlichen Mücken betrachtete. „Simulieren sie Insekten?“
„Nein“, gab Müller lachend zurück. „Sie sind mein ganzer Stolz. In den Augen befinden sich Kameras, in den Ohren Mikrophone. Wenn alles funktioniert, kann Markui die Fliegen steuern. Ken, der die Bilder auf seinem Monitor hat, fungiert als eure Augen und Ohren. Das ist wertvoll, denn wir wissen nicht, in welche Situationen ihr geratet. Zudem können die Fliegen eine Verbindung mit dem Datennetz in eurer Welt herstellen und somit Informationen auf Kens Bildschirm laden. Ich gebe zu, dass hierbei Technik der Feindwesen zum Einsatz kommt. Sie entwickelten die Mücken und schafften es, dass sie sich in jedes Netz hacken – egal, wie gut wir es auch immer schützen.“
„Ich verstehe kein Wort“, gab Claire zu. „Diese Mücken hacken sich in das Internet, saugen Informationen und leiten sie an Ken weiter?“
„So ist es. Aber das wird die Praxis zeigen.“ Müller blinzelte der jungen Frau zu, ehe er an die Steuerung der Maschine trat. „Bereit für den Testlauf?“
Sowohl Claire als auch Dan nickten.
Nur Sekunden später flammte das Schutzfeld rund um die Platte der Zeitmaschine auf und hüllte beide ein. Das Summen des Geräts schwoll an, ehe beide verschwanden.
„Sie sind gestartet“, rief Markui aufgeregt. Er saß noch immer neben Ken und schaute auf den Monitor seines Notebooks. Über eine direkte Verbindung war er mit Roger Müller verbunden. „Noch bekomme ich kein Bild von den beiden.“
Ken spürte die Spannung wachsen. Die Zeit schien qualvoll langsam zu vergehen, Sekunden dehnten sich wie zäher Kaugummi.
Dann flammten die Monitore der beiden plötzlich auf und sie sahen eine weiße Sandwüste, ein paar Dünen sowie ihre Freunde, die sich fasziniert umschauten.
„Wieder eine fremde Welt“, hörten sie Claire sagen. Die Sprache drang so klar und deutlich aus den Lautsprechern, als würde sie nur ein Zimmer entfernt vor einem Mikrofon stehen.
„Eine Welt, die in der Entwicklung wahrscheinlich stehen blieb. Kaum Fauna oder Flora, keine Wetterwechsel, keine Jahreszeiten. Perfekt, um Tests in ihr auszuführen“, erklärte Roger. Auch er hatte Claires Kommentar verstanden.
„Offenbar haben wir eine Verbindung“, lachte Dan. Er schaute sich um. „Soll ich die Mücken in die Luft werfen?“
„Nein.“ Markui startete die winzig kleinen Motoren. Kurz darauf jagten die winzigen Drohnen in die Höhe.
„Das ist unglaublich“, wisperte Ken ehrfürchtig. „Es funktioniert so, wie es sein soll.“ Er erzählte Claire und Dan aufgeregt, was er sah.
Viel war das nicht, denn die Landschaft veränderte sich nicht. Aber darauf kam es ihnen in diesem Moment auch nicht an, denn sie erhielten einen Eindruck von dem, was möglich sein würde. Nur darauf kam es an.
Claire ging ein paar Schritte. Sie hielt auf eine Düne zu, um sie zu erklimmen, während Dan in die entgegengesetzte Richtung lief. Aber noch bevor sie die Düne erreichte, brach ein riesiges Geschöpf aus dem Sandhügel hervor, die Arme ausgestreckt.
Die junge Frau stieß einen erschrockenen Schrei aus und taumelte zurück. Sie starrte auf das Wesen, das sich ihr mit großer Geschwindigkeit näherte.
Kens Augen weiteten sich. Er schrie seine Freundin an, ihre Waffe zu benutzen. Ihm war klar, dass sie nicht flüchten konnte. Dazu war diese Kreatur viel zu schnell.
Claire stolperte rückwärts, ihre Füße versanken im Sand und schon lag sie auf dem Rücken. Das darf doch nicht wahr sein, dachte sie.
„Claire, die Pistole!“, brüllte Ken aufgebracht. Er umklammerte das Notebook. „Tu doch etwas, verdammt.“
Endlich erwachte die Studentin aus ihrer Starre. Keine Sekunde zu früh, denn schon war das Biest bei ihr.
Sie wusste nicht, mit was sie es zu tun hatte. Aber das spielte auch keine Rolle. Wie es ihr Xarina gezeigt hatte, zog Claire ihre Pistole mit einer fließenden Bewegung, entsicherte sie und schoss. Kugel um Kugel hieb in den Leib der Kreatur.
Diese wurde von der Wucht der Einschläge gestoppt und schließlich sogar zu Boden geschleudert. Dort blieb sie liegen. Ihre Arme zuckten, sonst regte sie sich aber nicht mehr.
Dan kam angelaufen. Auch er hielt seine Waffe in Händen, starrte auf das Biest im Sand und anschließend zu Claire. „Was ist das?“
„Ein Test“, erwiderte Roger Müller an Claires Stelle. „Es handelt sich bei dem Wesen um einen Trainingsroboter, der von der HDG eingesetzt wird. Für das, was auf euch zukommt, war solch ein Test notwendig. Ihr müsst begreifen, dass nichts sicher ist.“
„Verdammt“, fluchte Dan. „Das ist doch ...“ Er steckte die Pistole ein.
Claire besah sich den Roboter. „Danke“, murmelte sie dann. „Das war eine lehrreiche Lektion. Wir alle müssen wachsam sein.“
„Eben. Und nun kommt zurück, damit wir über den richtigen Einsatz sprechen können. Der Test ist abgeschlossen.“ Roger Müller klang zufrieden.
Markui hingegen war es nicht. Er hätte Dan und Claire gerne noch ein paar Überraschungen präsentiert, um sie auf das Kommende vorzubereiten. Aber Müller war der Meinung, dass nichts die beiden wirklich vorbereiten könnte, denn keiner konnte ahnen, was Sanfold genau plante. Darum wurde auf weitere Tests verzichtet. Was nun kam, war der Ernstfall. Der Einsatz, auf den sie alle gewartet hatten.
Sie waren dazu bereit. Zumindest glaubten sie das …

„Wir haben eine klare Aufteilung“, erklärte Markui, während er zu Claire und Dan schaute. „Ich werde während eurer Reise die Technik steuern und überwachen. Die Kommunikation läuft über Ken, der euch zudem mit zusätzlichen Informationen versorgen wird. Die Fliegen sind seine Augen und Ohren, was er sieht, werdet auch ihr erfahren. Das sollte helfen.“
„Ja ...“ Claire klang nicht, als würde sie daran glauben. Sie kannten nun das Ziel der Reise. Sie wussten, wohin sie die Maschine bringen würde und konnten es nicht fassen. Damit hatten sie nicht gerechnet.
Ein Tag war seit dem erfolgreichen Test vergangen. Ein Tag, den Markui und Müller genutzt hatten, um die Geräte ein letztes Mal zu justieren.
Nun war der Moment des Aufbruchs gekommen.
„Viel Glück“, rief Ken. Er streckte die Hand aus, griff nach Claire und zog sie noch einmal zu sich, um ihr einen letzten Kuss zu geben. „Ich bin bei euch, nicht nur in Gedanken.“
Dan nickte, dann verließ er das Patientenzimmer und ging hinab, um sich auf die Plattform der Zeitmaschine zu stellen.
Claire folgte ihm mit wenigen Sekunden Abstand.
Was wie ein Ende des Abenteuers ausgesehen hatte, war nun zu einem Neubeginn geworden, Omega und Alpha.
„Ich kann noch immer nicht glauben, dass wir wirklich ...“ Sie schwieg, als ihnen Roger zunickte. Jetzt geht es los, dachte sie. Unwillkürlich umfasste sie den Griff ihrer Waffe. Jetzt geht es tatsächlich los …
Ende des Zweiteilers

Vorschau auf Episode 12
Erwartet mit Spannung die am 1. März 2009 erscheinende 12. Episode.
Der Titel lautet:
»So nah und fern«
von Gloomy Tomb
Claire und Dan können nicht glauben, dass ihre Mission sie wieder nach Hause, nach Kansas City ins Jahr 2006 führen wird. Und dennoch sehen sie die Mission nicht als Heimkehr, so lange Ken sie nicht begleiten kann.
30 Minuten sind seit der Rückkehr Professor Sanfolds vergangen, doch in dieser kurzen Zeit ist im Harper‘s Inn eine Menge geschehen … Die beiden Zeitreisenden sehen noch die letzten Zuckungen eines Blaulichts von einem Krankenwagen. Vom Professor und seinen Schergen fehlt jede Spur.
Führt der Weg zu Sanfold vielleicht über den Pockennarbigen, den Ken mit der Gabel verletzt hat?