
EPISODE 9
»Leichenpuppen«
von Dean Thorn


Es war ein kalter Spätherbstabend; die Temperaturen waren in den letzten Tagen rapide gesunken. Nebel zog durch Londons Straßen und schluckte alle fernen Geräusche, das Pflaster glänzte feucht.
Der Kutscher, in einen langen Mantel mit hoch gestelltem Kragen gehüllt, brachte die Pferde mit einem Ruck an den Zügeln zum Stehen. Es war ein schweigsamer Gesell, dessen derbes Gesicht unter dem Schatten der Hutkrempe verschwand. Ohne Wort und Regung verharrte er auf dem Bock, als sich die Tür der Kutsche öffnete.
Martin entstieg ihr mit einem eleganten Sprung und landete sicher. Er klopfte sich mit beiden Händen auf die Oberschenkel, als wolle er Staub oder Dreck entfernen. Dann offerierte er der Dame, die sich im Innern gerade von den roten Polstern erhob, galant seine Hand. Dankbar nahm sie diese Geste der Höflichkeit an und kletterte sorgfältig heraus. Als er sie wieder los ließ, hob sie mit zierlichen Fingern ihr Kleid an und machte einen übertriebenen Knicks.
„Vielen Dank, Sir. Sie sind ein echter Gentleman.“
Nach diesen Worten beugte sie sich zu dem Mann hin und drückte ihm einen feuchten Kuss auf die Wange. Eine leichte Röte überzog Carters Gesicht, und er wischte sich mit der Hand die nassen Spuren weg.
„Du bist unmöglich, weißt du“, murrte er verhalten.
Madlene lachte vergnügt und knuffte ihn neckisch in die Seite.
„Ach, nun sei doch nicht so, Bruderherz.“
Martin seufzte ergeben. Seiner Schwester machte es ungeheuren Spaß, ihn immer wieder in Verlegenheit zu bringen – am liebsten vor Gesellschaft. Sie schaffte das jedoch stets auf so liebreizende Art, dass er ihr selten länger als eine halbe Minute böse sein konnte. Und das wollte er sich dann – im Nachhinein, wenn ihm Zeit blieb, länger darüber nachzudenken – nicht verzeihen.
Sie zog einen Schmollmund, als sie seinen düsteren Blick sah.
„Na, nun komm aber. Das war doch nur ein nett gemeinter Gute-Nacht-Kuss. Außerdem hat's der Kutscher nicht gesehen.“
Tatsächlich hockte dieser immer noch wie aus Stein gehauen auf dem Kutschbock und schien sich für nichts in seiner Umgebung zu interessieren. Zumindest wurde er jedoch Zeuge der Diskussion des Geschwisterpaars – und obwohl Martin beim Gedanken daran unwillig vor sich hin brummte, musste er bereits wieder ein wenig grinsen.
Es war ein schöner und entspannender Abend gewesen. Sie waren zusammen ins Theater gegangen; Madlenes Mann, Sir Collinsworth, setzte sich nur ungerne solchen Vorführungen aus – zu sehr gehen sie am Ernst des Lebens vorbei, pflegte er häufig genug zu sagen. So blieb es oft genug dem Bruder überlassen, die hübsche junge Frau zu solch Gelegenheiten auszuführen. Denn Madlene liebte diese Stücke, egal, ob es nun Dramen oder Komödien waren. Wahrscheinlich lag die Anziehungskraft des Theaters auch ein wenig in ihrer beider Blute; denn Lloyd Carter, ihr Vater, war ein bekannter Kritiker gewesen.
Andrew Collinsworth indessen, der seine fast zwanzig Jahre jüngere Frau in der Obhut ihres Bruders sicher wusste, ließ sie ohne Bedenken ziehen, damit sie diesen kleinen Freuden nicht entsagen musste.
Und auch dem jungen Carter konnte dies nur recht sein. Nur zu gerne schwelgte er in der Erinnerung an die neidischen Blicke, welche ihm die anderen männlichen Theaterbesucher zuwarfen; aber auch in den Augen der Frauen las er das Interesse an seiner Person – wer sich mit solch reizender Dame blicken ließ, musste einfach eine gute Partie sein.
Bei diesem Gedanken wurde sein Grinsen nur noch breiter.
„Martin Carter! Um keinen Pfennig möchte ich wissen, woran du jetzt wieder denkst!“
„Nur an einen gelungenen Abend, Mylady!“, strahlte er sie an. Sie hob skeptisch die Augenbrauen.
„Du solltest dich jetzt auf den Heimweg machen. Für das kühle Wetter bist du wahrlich unpassend angezogen.“
Tatsächlich trug er nur eine leichte Jacke. Er zuckte mit den Schultern und hob ihre Hand, um sie sacht mit den Lippen zu berühren.
„Wie Mutter immer zu sagen pflegt“, sprach er, während er sich aufrichtete, „hör auf deine kleine Schwester, Martin!“
„Kleine Schwester, pah.“
Er grinste wieder unverschämt, stieg zurück in die Kutsche und winkte ihr noch mal zu.
„Na los, fahren Sie zu, Mann!“, rief er zu dem Kutscher hoch.
Madlene wartete, bis die Kutsche im wirbelnden Nebel verschwunden war und drehte sich dann um. Bevor sie noch die breite Treppe erreicht hatte, war auch das Rattern der Räder verstummt.
Ihre Gedanken beschäftigten sich immer noch mit ihrem Bruder, als sie das schlurfende Geräusch hörte. Den rechten Fuß bereits auf der ersten Stufe, hielt sie inne und blickte sich um, aber niemand schien in der Nähe zu sein. Wahrscheinlich hatte sie sich getäuscht – der Nebel hatte die Eigenschaft, Wahrnehmungen zu verzerren. Dennoch fühlte sie sich unbehaglich. Fröstelnd zog sie ihren Mantel ein wenig enger und nahm die nächsten Stufen in Angriff, als erneut ein Geräusch erklang.
Kein Schlurfen dieses Mal, eher wie das Knarren einer alten Tür, oder vielleicht das Ächzen eines Rades in einem schlecht geschmierten mechanischen Getriebe – sie konnte es nicht einordnen.
Und obwohl die Sicherheit und Wärme des Hauses in greifbarer Nähe waren und lockten, drehte sie sich noch einmal um.
Aus dem Nebel schälten sich die Umrisse einer männlichen Gestalt, die hinter der alten Esche hervortrat, die sich in ungefährer Mitte zwischen Tor und Treppe gen Himmel streckte.
Madlene erschrak, und ihr Herz begann schneller zu schlagen. In einem ersten Fluchtreflex wollte sie die Treppe hoch hasten. Aber dann blieb sie doch stehen.
Auch wenn die Gestalt unsicheren Schrittes auf sie zu kam (die Bewegungen waren nicht rund, sondern irgendwie – abgehackt), so hatte sie dennoch etwas Vertrautes an sich. Der Mann war nicht besonders groß, aber stämmig. Er trug einen dunklen Anzug und einen Hut. Mehr konnte sie bei den Lichtverhältnissen noch nicht erkennen.
Der Gedanke, der Mann könne ihr Böses wollen, wurde in den Hintergrund gedrängt; immerhin, sie befand sich nur wenige Schritte von der Haustür entfernt, hinter den Fenstern brannte noch Licht, und gewiss würde niemand auf die Idee kommen, sie hier überfallen zu wollen, oder?
Stattdessen erwachte ihre Neugierde. Der Mann kam mit ungelenken Schritten näher, während sie ihm auf der Treppe abwartend entgegen sah. Tatsächlich, die Körperhaltung erinnerte sie an jemanden, aber an wen? Ein Freund ihres Mannes, vermutlich. Aber wo hatte sie ihn schon gesehen?
Je näher er kam, umso mehr Details erkannte sie auch. Der Anzug war nicht mehr der neueste, war an mehreren Stellen abgenutzt und zerknittert. Den rechten Fuß hatte der Mann auf eigentümliche Art und Weise nach innen gedreht – ob das seine unbeholfene Gangart beeinflusste?
Der Hut war tief in die Stirn gezogen, der Kopf nach vorne geneigt, die Schultern hoch gezogen, so dass sie sein Gesicht immer noch nicht erkennen konnte. Dennoch war sie sich jetzt sicher, zu wissen, mit wem sie es zu tun hatte.
„Sir? Sir Edward Grittle?“
Der Angesprochene reagierte nicht darauf, kam aber unvermindert näher. Nun packte Madlene Collinsworth doch wieder die Angst, und sie wich einen Schritt die Treppe hoch zurück.
Hatte Andrew jemals einen Bruder Sir Grittles erwähnt? Sie konnte sich nicht erinnern, aber...
Der Kopf des Mannes ruckte hoch, und sie sah in seine glanz- und ausdruckslosen Augen. Er war nur mehr zwei Schritte von ihr entfernt, direkt vor der Treppe.
Der Schrei, den Madlene ausstoßen wollte, blieb in ihrer Kehle stecken.
Auch wenn das Gesicht ungewöhnlich bleich war, so schien doch ein Irrtum ausgeschlossen: Es war Edward Grittle.
Aber das war unmöglich! Sir Grittle war tot, vor zwei Wochen gestorben!
Und doch stand er nun hier vor ihr, hob in einer flehenden Geste die Hände und sah sie mit diesem stumpfsinnigen Blick an.
War er scheintot begraben worden? Madlene hatte von derartigen Fällen gehört. Vielleicht erklärte das auch seine etwas ramponierte Kleidung?
„Mein Gott, Sir Edward! Was ...“
Sie kam nicht dazu, den Satz zu Ende zu sprechen. Ruckartig schnellten Grittles Hände vor und schlossen sich um ihren Hals. Im ersten Moment dachte sie noch, er wolle sich bei ihr abstützen und wollte ihm unter die Arme greifen. Dann jedoch spürte sie die Härte seines Griffes, der unerbittliche Druck der Daumen auf ihren Kehlkopf. Sie röchelte und rang nach Luft.
Ihre Finger schlossen sich um die Handgelenke des scheinbar Verrückten, die Nägel gruben sich in sein kaltes Fleisch und rissen es ein. Vergebens – ihr Gegner schien keinen Schmerz zu spüren. Verzweifelt versuchte Madlene, seinen Griff zu sprengen. Rote Flecken begannen vor ihren Augen zu tanzen. Ein metallener Geschmack füllte ihren Mund.
Und keine zehn Schritte entfernt wartete die Wärme des trauten Heimes an diesem Abend vergebens auf sie; im Haus bemerkte niemand ihren aussichtlosen Kampf mit dem Tod.
Kurze Zeit später schluckte der Nebel den Mörder, umschlang ihn mit einem schützenden Mantel. Zurück blieb die Gattin von Sir Andrew Collinsworth, leblos auf den untersten Stufen der Treppe liegend.

Das Erste, was ihnen auffiel, war der penetrante Gestank, der durch die dunkle Gasse mit dem lehmigen Boden zog.
„Da hat wohl jemand mehr als einen Nachttopf auf die Straße geleert. Und die Küchenabfälle gleich hinterdrein“, schimpfte Claire und hielt sich ihr hübsches Näschen zu. Die anderen taten es ihr gleich. Markus hatte sogar den Pullover hoch gezogen und bedeckte damit den unteren Teil seines Gesichts.
Es war unangenehm kühl, und die vier Studenten standen fröstelnd nebeneinander. Die Kälte, die eine Begleiterscheinung ihrer Zeitreisen war, hatte sich bis in ihre Knochen fest gesetzt und würde so schnell nicht weichen – zumal es auch noch zu nieseln begann.
„Was für ein Hundswetter“, fluchte Markus, „Man möchte meinen, wir sind in England.“
„Ich bin dafür, dass wir das möglichst schnell heraus finden“, machte sich Dan mit klappernden Zähnen bemerkbar. „Und möglichst im Warmen.“
Die Vier sahen sich um. Auf der einen Seite mündete die Gasse in eine breitere Straße. Von dort her drang auch schwaches Licht; es war Nacht, der Kälte nach vielleicht auch ein herbstlicher oder frühwinterlicher Abend.
Zum einen machte ihnen die künstliche Straßenbeleuchtung Mut, bedeutete sie doch, dass sie nicht allzu weit von ihrer Epoche entfernt waren; auf der anderen Seite wies der Grund unter ihren Füssen nicht gerade auf eine moderne Stadt beziehungsweise ein gut betuchtes Viertel hin.
Markus warf einen kurzen Blick auf die Zeitmaschine und zuckte dann mit den Schultern. Die Zahlen auf dem Display waren erloschen. Immer wieder hatte er versucht, sich und die drei anderen in ihre Zeit und ihre Welt zurück zu bringen. Und jedes Mal waren sie an einem vollkommen anderen Ort heraus gekommen. Resignierend packte er das Gerät, das ein wenig aussah wie der von Drogen beeinflusste Versuch einer Rekonstruktion der Glühbirne, wieder in den Rucksack. Die bittere Erfahrung hatte sie gelehrt, dass es nicht möglich war, die Maschine nach einem Einsatz sofort wieder in Betrieb zu nehmen. Markus hatte inzwischen zwar einige Modifikationen an dem Apparat vorgenommen, aber die eine von ihnen war nur für den Notfall gedacht, falls sie in eine brenzlige Lage geraten sollten und ein weiterer Zeitsprung unabdingbar war. Im Moment sah es nicht so aus, als seien sie einer unmittelbaren Gefahr ausgesetzt.
„Das nächste Mal, wenn ich mich auf ein Abenteuer mit euch Jungs einlasse, treffe ich mit Sicherheit einige Vorbereitungen“, murrte Claire, während sie die Arme um ihren Oberkörper schlang.
Während ihrer vergangenen Erlebnisse hatten sie sich ab und an wohl mit frischer Kleidung ausgestattet (nicht immer auf dem Gesetz gefälligen Wegen, wie sie zugeben musste), aber sie waren stets wieder von einem Extrem ins andere gefallen, was das Klima betraf. Und momentan wünschte sie sich nichts sehnlicher als eine dicke Winterjacke, eine Wollmütze und Handschuhe. Oder wenigstens ein wohl geheiztes Zimmer, möglichst mit Bett und Daunendecke.
Aber wieder einmal standen sie mitten auf der Straße, in der Kälte und im Regen und hatten keine Ahnung, wo sie waren.
„Und was unternehmen wir?“, meldete sich nun auch Ken Okumoto, der Informatikstudent, zu Wort.
Markus deutete in Richtung der beleuchteten Straße.
„Ich würde sagen, wir finden am ehesten eine Antwort auf unsere Fragen, wenn wir uns an das Licht halten“, grinste er, wenn auch nicht gerade fröhlich.
Dan Simon nickte und stapfte los, in die angegebene Richtung, dicht gefolgt von Markus und Claire. Okumoto blieb noch einen Moment lang zögernd stehen.
„Ich hasse diese Ausflüge ins Ungewisse“, murrte er. Dann tat er es seinen Gefährten gleich.
Sie erreichten das Ende der Gasse. Auf der Straße, die ebenfalls aus fest getrampeltem Lehm bestand, befand sich niemand. Abgesehen von entfernten Stimmen war auch nichts zu hören. Die Häuser machten allesamt einen verfallenen Eindruck, hinter einigen Fenstern brannte schwaches Licht.
„19. Jahrhundert“, bemerkte Claire Bancroft.
„Woher willst du das wissen?“, wandte sich Dan ihr zu. Er hüpfte auf und ab, um sich ein wenig aufzuwärmen. Ken und Markus begannen es ihm nachzumachen, während die Geschichtsstudentin zu einem der Pfosten am Straßenrand ging.
„Die Lampen werden mit Gas betrieben. Während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden viele Städte mit dieser Art der Beleuchtung ausgestattet. Elektrische Beleuchtung dagegen kam erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf – wobei es auch Städte gab, welche die Gasbeleuchtung auch weiter beibehielten, in einigen Vierteln sogar bis in unsere Zeit. Dem Zustand der Häuser nach würde ich jedoch sagen, dass wir keinesfalls in der Gegenwart sind, und auch die Straße fällt wohl eher in die Vergangenheit.“
„Vielen Dank für die Geschichtslektion“, machte sich Dan bemerkbar. „Aber vergisst du dabei nicht, dass wir im Moment nicht nur durch die Zeit, sondern auch durch parallele Welten reisen? Es wäre also durchaus auch möglich, dass wir in der Zukunft – einer von vielen – gestrandet sind, in denen halt Gasbeleuchtung erhalten geblieben ist.“
Claire verdrehte die Augen.
„Natürlich. Ich hab ja auch nur die Fakten unserer Welt aufgezählt.“
„Hört auf zu streiten“, mischte sich nun Markus ein. „Dadurch kommen wir nicht weiter. Claires kleiner Exkurs hat uns immerhin einen Anhaltspunkt gegeben. Oder willst du das abstreiten, Dan?“
Selbiger brummte beleidigt vor sich hin, während Becker von der Geschichtsstudentin ein dankbares Lächeln erntete. Damit war die Diskussion vorerst beendet.
Die Straße verlief in beide Richtungen in gerader Linie. Schon nach wenigen Häusern wurde der schwache Schein der Beleuchtungen vom dünnen Nebel, der über allem hing, und der Nacht verschluckt. Dieses Bild machte die Gegend – und zugleich ihre Situation - noch trostloser, es schien gar um einige Grade kälter zu werden.
„Und wohin jetzt?“
Wieder war es Ken, der fragte – er stand ein wenig abseits von allen und passte so gar nicht ins Straßenbild. Claire ging zu ihm hin und nahm seine Hand.
Markus zuckte mit den Schultern.
„Spielt eigentlich keine Rolle, oder? Es sieht hier wohl überall gleich aus.“
„Wir sollten eine Unterkunft suchen“, meinte Dan. „Bevor wir uns hier eine Lungenentzündung holen.“
„Aber natürlich. Und wie bezahlen wir das dann? Hast du noch Goldzähne, die du loswerden willst?“, sagte Ken mürrisch.
„Trau dich“, grollte Dan zurück und nahm eine Boxer-Grundstellung ein.
„Hey, Jungs, lasst das, ja?“, mischte sich nun auch Claire ein. Seit sie und Ken sich näher gekommen waren, reagierte Dan häufig eifersüchtig und aggressiv auf alles, was der Informatikstudent von sich gab.
Markus hingegen stellte sich in den Hintergrund und betrachtete die Häuser. Trotz seines gespielten Desinteresses konnte er die Reaktion seiner Mitreisenden verstehen. Wenn man in eine Situation geriet wie die ihre, mussten sich zwangsläufig Spannungen aufbauen. Damals, als sie im Jahre 2006 in Kansas City die Zeitmaschine von Professor Evans entdeckt hatten, waren sie kaum Freunde gewesen, nur flüchtige Bekannte, außer Ken und Dan, die sich schon lange kannten. Und dann waren sie von einem haarsträubenden Abenteuer ins andere gestolpert, hatten Dinge erlebt, an denen ihr Weltbild zu zerbrechen drohte: Zeitreisen, Welten, in denen die Geschichte einen ganz anderen Verlauf genommen hatte als in ihrer, Magie, Menschen mit unglaublichen Fähigkeiten, außerirdische Wesen, Zombies, selbst gegen einen Drachen hatten sie gekämpft...
Und die meiste Zeit hatten sie miteinander verbracht, waren sich gegenseitig auf den Keks gegangen, ohne groß die Möglichkeit von auch nur einigen Momenten Ruhe zu finden. Und sowohl Dan als auch Ken hatten ein Auge auf Claire geworfen, wobei Okumoto schließlich das Rennen gemacht hatte, trotz seiner kleinen Eskapade während ihres unfreiwilligen Sevilla-Aufenthaltes.
Markus seufzte und zog die Schultern hoch. Ihn selbst bedrückten ganz andere Sachen als das Liebesleben seiner Gefährten. Vor Kurzem hatten sie seine Heimatwelt erreicht, wo er in New Hope auf die letzten Überlebenden dieser Version der Erde gestoßen war. Der Rest der Bevölkerung war einer tödlichen Strahlung zum Opfer gefallen und zu zombieähnlichen Wesen mutiert. Becker selbst war an der Entwicklung jener Waffe maßgebend beteiligt gewesen. Er hatte die Änderungen an der Zeitmaschine in der Hoffnung vorgenommen, die letzten 200 Einwohner dieser Gegend zu retten, sie in einem gewagten Akt der Verzweiflung mitzunehmen in eine andere Zeit und eine andere Welt. Der Versuch war geglückt – aber nur zum Teil. Gut die Hälfte der Mitreisenden war nicht am Zielort angekommen; was aus ihnen geworden war, konnte er selbst nicht sagen: waren sie zurück geblieben, hatten sie sich in ihre Atome aufgelöst, oder waren sie durch Zeit und Welten verstreut worden?
Seine Hände begannen zu zittern bei der Erinnerung an das Ende des vorhergehenden Zeitsprungs, die Besorgnis unter den Menschen, als sie verzweifelt nach ihren Freunden, Bekannten, Familienangehörigen riefen. Und was Markus selbst am Härtesten traf: auch seine Schwester Lindsy war verschwunden.
Gedankenverloren wanderte Beckers Blick die Straße entlang und fiel auf einen feuchten Klumpen graues Papier am Straßenrand. Er sah kurz zu den drei anderen hinüber, die sich noch immer stritten, und machte sich dann auf den Weg zu dem durchnässten Objekt.
Er bückte sich, und das T-Shirt rutschte ihm aus der Hose. Er spürte die kühle Nachtluft auf seinem bloßen unteren Rücken und fröstelte, griff aber nichtsdestotrotz nach der durchweichten Zeitung. Sie war dreckverschmiert, aber Becker hütete sich, den Schmutz weg zu reiben. Langsam kam er wieder aus der Hocke hoch und behandelte das zusammengepappte Stück wie ein rohes Ei.
„Leute, hört auf zu zanken und schaut euch mal das hier an“, rief er seinen Gefährten zu. Tatsächlich hielten sie inne und schauten zu ihm rüber.
„Was ist denn?“, fragte Dan Simon, sichtlich ungehalten.
„Claire hatte recht.“
„Und Markus auch.“ Die Geschichtsstudentin war ihm am nächsten und stand mit zwei raschen Schritten bereits neben ihm und konnte somit vor den beiden anderen einen Blick auf die Überschrift werfen.
Ken und Dan kamen nun ebenfalls zu ihnen rüber.
„Was ist das?“, fragte Okumoto.
„Eine Ausgabe der Londoner Times“, antwortete Markus, „und zwar vom ...“ Er versuchte mit zusammengekniffenen Augen das genaue Datum zu entziffern. „Irgendwann im November 1831.“
„Na toll. Und gibt es weitere Anhaltspunkte? Irgendwelche Neuigkeiten, die mein Herz erfreuen könnten?“, fragte Dan säuerlich.
„Der Leitartikel handelt von einem 'Italian Boy'.“ Markus sah Claire fragend an. Sie furchte die Stirn und dachte nach.
„Von Jack the Ripper steht nicht per Zufall was drin? Dem möchte ich nämlich lieber nicht begegnen.“
Gereizt fuhr Claire Okumoto für dessen Bemerkung an:
„Jack the Ripper wurde erst 1888 aktiv. Du brauchst also keine Angst zu haben.
Zumindest in unserer Welt war es so, und die hier scheint sich ja – bisher – nicht nennenswert von unserer zu unterscheiden“, fuhr sie etwas sanfter fort, als sie Kens verletzten Gesichtsausdruck bemerkte.
„Zumindest die Sache mit dem 'Italian Boy' muss auch in unserer Welt etwa zur gleichen Zeit passiert sein.“
Die drei Jungs sahen sie fragend an.
„Damals wurden zwei Leichendiebe – auch bodysnatchers genannt – des Mordes an einem Jungen beschuldigt, der in der Presse als ein Kind italienischer Abstammung gehandelt wurde und somit die Sympathien der Leser gewann.“
Claire brauchte noch einmal ein paar Sekunden, um sich an einige Details zu erinnern.
„Der Name des einen Mörders war Bishop, den anderen weiß ich nicht mehr. Der Junge soll einer der italienischen Knaben gewesen sein, die von Menschenhändlern nach London geschleust wurden. Diese boten meist an Straßenecken Blicke auf exotische Tiere oder Kuriositäten in Käfigen oder Schachteln an. Gegen Geld natürlich.
Leichendiebstahl war damals ein lukratives Geschäft – für frische Tote zahlten Mediziner gute Preise. Es ist also eigentlich nicht verwunderlich, wenn einige der Leichen gar nie unter der Erde lagen; die 'Bodysnatchers' unter Umständen vielleicht sogar ein wenig nachhalfen.“
Ihre drei männlichen Zuhörer schauderten.
„Mir gefällt es hier immer weniger“, murmelte Dan. „Ich will so schnell wie möglich wieder weg.“
„Ich denke, das wollen wir alle“, ergriff Becker das Wort. „Aber jetzt sollten wir erst mal schauen, dass wir für die Nacht unterkommen.“
Dennoch machte der deutsche Physikstudent keine Anstalten, etwas in diese Richtung zu unternehmen. Sein Blick hing wie gebannt weiter an dem durchnässten Papier in seinen Händen. Noch bevor die anderen ungeduldig werden konnten, wandte er sich nochmals an die Geschichtsstudentin.
„Claire, sagt dir der Name Andrew Collinsworth irgendwas?“
Sie überlegte nur kurz.
„Nein. Wer soll das sein?“
„Ein Uhrensammler.“
Markus wischte über den Dreck auf dem kleinen Artikel, um ihn wenigstens ein bisschen besser lesen zu können; das Papier zerriss, und er fluchte leise.
„Was hat das mit uns zu tun?“, fragte Dan dazwischen. „Können wir jetzt nicht endlich gehen?“
„Wir sollten diesen Collinsworth aufsuchen.“
„Wozu?“
Markus verdrehte leicht die Augen.
„Verstehst du denn nicht? Uhren. Zeit. Vielleicht kann uns der Mann weiterhelfen.“
„Ist das nicht ein wenig weit her geholt, Markus?“
Selbst Claire schien in diesem Moment an Beckers Sinn für die Realitäten zu zweifeln. Dass er durchaus noch andere eigene Motive hatte, als einen Uhrensammler um Rat zu ihren Problemen zu fragen, konnte jedoch keiner von ihnen ahnen. Und der Deutsche hatte nicht die Absicht, seine Gefährten einzuweihen – wenigstens jetzt noch nicht.
„Weißt du vielleicht einen besseren Rat? Oder du? Oder du, Ken?“
Er sah sie alle der Reihe nach an. Sie schwiegen, betreten, aber mit finsteren Mienen. Erneut wurde dem Physikstudenten klar, wie hilflos sie in ihrer Lage waren. Die Unmöglichkeit, nach Hause zu gelangen, konnte selbst die stärkste Psyche belasten. Und sie waren schließlich nichts weiter als vier junge Studenten.
„Na gut“, murmelte Claire schlussendlich. „Ich bin dafür, dass wir uns an Markus' Vorschlag halten. Aber erst morgen. Wir haben ja ein wenig Zeit, bis die Zeitmaschine wieder aufgeladen ist und kaum was Besseres zu tun, oder? Jetzt sollten wir uns aber erst mal ein trockenes Plätzchen suchen, wo wir die Nacht verbringen können. Hier draußen ist es mir definitiv zu kalt.“
Die anderen nickten zustimmend.
Noch immer lag die Straße zu beiden Seiten leer und verlassen da. Nur kurz diskutierten sie, in welche Richtung sie wohl am Besten gehen würden; Simon wurde darüber schnell ungeduldig und marschierte einfach drauf los – mit äußerst zügigem Schritt. Die anderen folgten ihm, erst fluchend, dann immer stiller werdend. Ihre Körper erwärmten sich dank der Anstrengung wieder ein wenig, und keiner war Dan wegen des angeschlagenen Tempos noch böse.

Die Geräusche einer erwachenden Stadt rissen sie aus ihrem leichten Schlaf. Keiner von ihnen hatte wirklich ein Auge zu getan; es war schlichtweg zu kalt gewesen. Außerdem war ihre Kleidung bei dem langen Marsch durch die Stadt durchnässt worden. Dan hatte sie sicher zwei bis drei Stunden ziellos durch die Gassen und Straßen geführt, bis sie endlich einen Ort gefunden hatten, an dem sie sich entschlossen, für die Nacht das Lager aufzuschlagen.
Sie waren auf einem großen Platz gelandet. In der Dunkelheit hatten sie mehrere Gestalten gesehen, die sich an die Wände der umliegenden Gebäude kauerten, von den Vordächern nur mäßig vor dem nassen Wetter geschützt, häufig in Lumpen oder alte, zerschlissene Decken gewickelt, manchmal halb in aufgehäuftem Stroh versunken.
Dan und Ken hatten es geschafft, ebenfalls etwas davon für sie zu ergattern, und ein notdürftiges Schlaflager errichtet. Kurz darauf hatten sie sich eng aneinandergedrängt und versucht, ein wenig Ruhe zu finden. Dan und Ken hatten die Plätze neben Claire ergattert, während Markus neben Okumoto saß, da Simon sich weigerte, „mit dem Deutschen zu kuscheln“.
Wäre die Lage nicht so ernst gewesen, hätte sich Claire bestimmt zu einer spöttischen Bemerkung hinreißen lassen. So aber behielt das Schweigen die Oberhand, während sie sich schlotternd aneinander pressten.
Auch vor dem Platz machte das alltägliche Leben nicht halt. Stimmen klangen in ihrer Nähe auf, das Knarren und Rattern von eisenbeschlagenen Rädern, als ein Karren über das Kopfsteinpflaster geschoben wurde. Kinder, die von einer Frau geführt wurden, trugen Körbe voll Gemüse vor ihnen durch.
Dan, der als erster in den neuen Tag geblinzelt hatte und bereits auf den Füßen stand, hörte seinen Magen knurren. Claire brummelte etwas von „Großmutter, warum hast du so große Augen“, und kurz darauf kamen auch die anderen drei Zeitreisenden auf die Beine; gähnend und bibbernd, da sich der frühe Morgen trotz wolkenlosem Himmel recht kühl gestaltete. Zudem traf noch kein wärmender Sonnenstrahl ihre durchfrorenen Glieder.
„Wo sind wir?“
„Sieht aus wie ein Marktplatz“, beantwortete Claire Kens Frage. „Vielleicht sogar Covent Garden.“
„Leute, ich weiß, dass es euch keinen Spaß macht, so aufgeweicht und unterkühlt, wie wir sind: aber wir sollten uns bewegen, damit wir ein wenig warm werden und die Kleider trocknen können – es sei denn, wir finden was Brauchbares irgendwo auf einer Wäscheleine“, meldete sich Dan zu Wort. Woraufhin Markus entgegnete:
„Also, ich weiß nicht. Ich find's ein wenig heikel, einfach Sachen zu klauen. Ich hab da ein komisches Gefühl dabei. Claire, weißt du, wie Diebstahl im London des 19. Jahrhunderts geahndet wurde?“
Die Geschichtsstudentin zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung. Ausprobieren möchte ich's dennoch nicht. Außerdem klingt Bewegung – so erschöpft ich auch bin – gar nicht mal so übel.“
„Wir könnten uns auf die Suche nach diesem Collinsworth machen.“
Dan grinste.
„Warum schiffen wir uns nicht irgendwo ein, um nach Süden in die Wärme zu kommen?“
Sein Vorschlag wurde mit Unverständnis quittiert.
„War doch nur ein Witz“, murmelte er.
Eine Gruppe von vier Kindern schlich an ihnen vorbei, trotz ihres jungen Alters bereits mit verhärmten, glücklosen Gesichtern, schmutzig und in zerrissener Kleidung. Claire erschauerte bei dem Anblick.
Sie verließen den Markt. Als sie ein Stück davon entfernt waren, sprach Markus einen Passanten an, um heraus zu finden, wo sie sich genau befanden. Der Mann, weder besonders gut noch geschmackvoll gekleidet, starrte sie nur an, schüttelte den Kopf, brummte etwas vor sich hin und setzte seinen Weg fort.
„Londoner“, schimpfte Becker.
Ein weiterer Herr, wesentlich besser gekleidet als der erste, blickte einfach durch Markus hindurch, als sich der Deutsche ihm in den Weg stellte, machte einen Bogen um ihn und ließ den Physikstudenten verdattert stehen.
„Das ist ja schlimmer als in einer Großstadt unserer Zeit“, murmelte der Übergangene. Ein weiterer Kontaktversuch mit einem robusten, rustikal gekleideten Kerl endete damit, dass Markus grob zur Seite gestoßen wurde.
Dan Simon kam auf seinen Vorschlag zurück:
„Warum suchen wir uns nicht etwas Zeitgenössisches zum Anziehen? 'nem Kerl, der in unserer Zeit so gekleidet daher käme wie die da, würde ich auch misstrauen.“
Dieses Vorgehen kam für die anderen nach wie vor nicht in Betracht. Etwas verdrossen kehrten sie auf Claires Vorschlag hin zum Markt zurück. Sie war überzeugt, dort jemanden zu finden, der hilfsbereiter war.
Kaum hatten sie den Platz wieder erreicht, als ihnen auch schon der Tumult auffiel. Ein junger Mann in Lumpen rannte zwischen den Ständen durch, dicht gefolgt von einem rundlichen Typen mit brauner Lederschürze.
„Verdammter Dieb!“, schrie dieser, „Haltet ihn! So haltet ihn doch!“
Einige beherzte Leute versuchten, dem Flüchtenden den Weg zu verstellen. Dem Dicken schlossen sich zudem noch fünf, sechs weitere – vorwiegend junge – Leute an und nahmen an der Verfolgung teil.
Der Dieb hetzte direkt an den vier Zeitreisenden vorbei. Sein Blick traf zuerst Markus, dann Claire, und etwas wie Verwunderung schien sich darin zu spiegeln, auch wenn der Augenkontakt nicht länger als Sekundenbruchteile währte. Die Geschichtsstudentin konnte sich den Ausdruck im Gesicht des jungen aber verdreckten Mannes nicht erklären, aber er berührte sie seltsam.
Er kam keine fünf Meter mehr weit. Seine Füße mussten sich verhakt haben, denn er stolperte und fiel. Sofort war der Dicke, der einen penetranten Schweißgeruch verströmte, über ihm.
Claire Bancroft sah zu ihren Begleitern und bemerkte, wie erstarrt Markus war.
Der Dicke indes prügelte auf den am Boden Liegenden ein, bis Blut aus dessen gebrochener Nase lief und aus aufgeplatzten Lippen das Kinn besudelte. Die anderen Teilnehmer der gnadenlosen Jagd hatten die beiden Kämpfenden erreicht und begannen nun, mit ihrem schweren Schuhwerk auf den Unterlegenen einzutreten.
„Er ist einer von ihnen“, hörte Claire Markus stammeln, und dann eilte er zu ihrem Entsetzen auf die Gruppe zu.
„Ich muss ihm helfen!“, rief er auf Deutsch, und auch wenn seine drei Freunde den Satz nicht verstanden, wurde schnell klar, was er vor hatte. Er packte einen der tretenden jungen Männer an der Jacke und versuchte, ihn von dem Opfer weg zu zerren. Dieser drehte den Kopf und grinste.
„Kei Angst, wir lass'n dia no woas übrich. Geduld di ma“, sprach er mit starkem Akzent. Markus platzte der Kragen, und er holte aus. Der Schlag war viel zu schwach, um den Burschen zu beeindrucken, dennoch wurde er wütend, als Beckers Faust seine Wange streifte.
„Hey, was'n mit dia los, häh?“
Da griffen Dan und Ken bereits ein und zerrten Markus von der Meute weg.
„Alles in Ordnung, Sir, keine Ursache. Tut uns leid. Unser Freund ist nicht mehr ganz richtig im Kopf“, versuchte der Sportstudent vorsichtig lächelnd den Schläger zu beschwichtigen. Da die drei Fremden sich entfernten, schenkte er ihnen nur einen grimmigen Blick und widmete sich dann wieder der erbaulicheren Tätigkeit, auf einen Wehrlosen einzuschlagen.
Einige der gaffenden Zuschauer warfen Markus finstere Blicke zu, da er sie – ihren Vermutungen nach – um das Schauspiel hatte betrügen wollen.
„Was ist bloß in dich gefahren?“, herrschte Dan den Deutschen an, als sie ein wenig abseits standen. „Du hättest uns in Teufels Küche bringen können!“
Aber Markus hielt den Kopf gesenkt und sah elend aus. Claire drängte Dan weg und legte eine Hand auf Beckers Unterarm, um ihn zu beruhigen. Bevor sie etwas sagen konnte, ergriff er selbst das Wort:
„Aber habt ihr denn nicht gesehen? Er war einer von ihnen!“
„Einer von wem, Markus?“
„Einer der Menschen aus New Hope. Ich bin sicher, dass ich ihn dort gesehen habe. Und er hat uns auch erkannt! Habt ihr denn nicht gesehen, wie er uns angeschaut hat? Wir müssen ihm helfen!“
Sofort war den drei anderen klar, woher der Wind wehte. Noch immer machte sich Markus Vorwürfe wegen des zur Hälfte missglückten Versuchs, die Überlebenden seiner zweiten Heimat zu retten. Und bestimmt nagte auch die verzweifelte Hoffnung an ihm, seine Schwester könnte noch leben.
„Aber das ist doch nur Einbildung, Markus.“
Claire wusste, wie hart ihre Einstellung ihn treffen musste; aber sie konnten sich nicht erlauben, dass Markus sich einer Illusion hingab. Noch immer war er derjenige unter ihnen, der am meisten von der Zeitmaschine verstand. Wenn er jetzt verrückt spielte und sich auf die Suche nach seiner Schwester machen wollte ... nicht auszudenken, wohin sie ihre Zeitsprünge dann führen würden ...
Mit einem Mal war die Stimmung der vier Gefährten weit unter dem Nullpunkt. Claire versuchte, sich nicht zu sehr runter ziehen zu lassen und ging zu einem kleinen Jungen rüber, der allein in der Nähe eines Standes rumlungerte. Sie atmete tief durch, fasste sich und sprach ihn dann an.
„Hey, Kleiner, sag mal ... weißt du, wo wir hier sind?“
„Covent Garden, Miss. Weiß doch jedes Kind.“
Er musterte sie mit großen Augen, dann stahl sich ein freches Lächeln auf seine Lippen, dem sie kaum widerstehen konnte und den Knirps sogleich in ihr Herz schloss. Seine Kleider waren ein wenig zerrupft und eine Sammlung von allerlei Gerüchen, sein Haar war braun und stand nach allen Seiten ab, und sein Gesicht war mit Ruß und anderen Dreckspuren verschmiert. Er war unterernährt, das war an seinem schmächtigen Körper zu erkennen, aber trotz der Härte, die ihm das Leben in Armut aufbürdete, leuchtete der Schalk in seinen Augen. Und dennoch fasste Claire Vertrauen zu ihm.
„Sie sehen ziemlich seltsam aus, Miss.“
Den Cockney-Akzent, den sie hier alle sprechen, hat er wohl vergessen, stellte sie verwundert fest.
„Du klingst auch nicht gerade so, als seist du aus der Gegend.“
Er erwiderte ihr Grinsen.
„Lernt man von den Gentlemen. Sagen's, Miss, Sie sind nicht von hier, oda?“
Sie schüttelte den Kopf und sah ihn nachdenklich an.
„Hm, Kleiner, vielleicht kannst du uns helfen. Du kennst dich hier doch bestimmt gut aus?“
Der Knirps nickte eifrig.
Claire richtete sich auf und atmete erleichtert durch. Als sie dorthin starrte, wo vorhin der Dieb gestellt worden war, konnte sie weder von den Schlägertypen noch von dem Dicken etwas entdecken. Auch der Mann, der – vermeintlich, wenn es nach Markus ging – aus New Hope stammte, war verschwunden.

Der Kutscher brachte die Pferde zum Halten, als er das Ende der langen Allee erreichte, die zu Sir Anthony Blakes Landsitz führte. Das Gefährt kam auf dem kreisrunden Platz zu stehen, dessen lehmiger Boden sich von dem gepflegten Grün vor dem Haus abhob.
Als die Kutsche ganz zum Stillstand gekommen war, öffnete sich ihre Tür, und ein klein gewachsener Mann, kaum größer als 1,60, stieg aus. Obwohl er nicht älter als fünfzig sein konnte, war sein Haar bereits schlohweiß. Kein Kamm hatte es bisher geschafft, die Strähnen zu bändigen, und so stand es wild nach allen Seiten ab. Der Fahrgast trug einen blauen Anzug. Unter der geöffneten Jacke war ein weißes Hemd zu sehen.
In der Nähe des großen Hauses, auf dem Rasen, standen mehrere Männer verschiedenen Alters herum. Der Besucher gesellte sich unter sie, wechselte mit einigen von ihnen ein paar Sätze. In der Regel war den Gesichtern seiner Gesprächspartner die Abneigung deutlich anzusehen, auch wenn sie sich darum bemühten, keine Regung zu zeigen.
Der Besitzer des Anwesens, Sir Eric Blake selbst, der gerade aus dem Haus kam, begrüßte den Gast im blauen Anzug jedoch überschwänglich:
„Tilly! Wie schön, dass Sie kommen konnten.“
Das gepflegte Lächeln, das er zeigte, spiegelte sich jedoch nicht in seinen Augen wieder. Blake war zu sehr Engländer und dazu Geschäftsmann – echte Gefühle zeigte er so gut wie nie.
Cornelius Tilly wiegte leicht den Kopf.
„Es ist mir eine Ehre, Sie hier besuchen zu dürfen, Sir.“
Blake nickte wohlgefällig. Der Besitzer des Anwesens war gut zwei Köpfe größer als Cornelius, sein an den Schläfen lichtes Haar zum größten Teil ergraut. Auch mit achtundvierzig Jahren war er noch rüstig genug, um an der Jagd seinen Spaß zu finden. Heute jedoch ging es ums Geschäft – das Vergnügen, welches er seinen Gästen gestattete, versagte er sich selbst zu Tillys Gunsten.
Sie entfernten sich von den anderen Gästen, bis sie außer Hörweite waren. Einige Zeit lang schwatzten sie der Form halber über belanglose Themen.
„Nun, haben Sie, was mein Herz begehrt, Sir Blake?“, fragte Tilly schließlich.
Der Gutsbesitzer lächelte. Er konnte die Ungeduld seines Gastes sehen und fand seinen Spaß daran, ihn zappeln zu lassen.
„Natürlich, Tilly. Es befindet sich im Haus. Wollen wir uns hinein begeben?“
„Ich bitte Sie.“
Als sie sich dem Eingang näherten, verließ gerade ein hochgewachsener junger Mann das Haus und gesellte sich wieder zu der Versammlung der Jäger im Garten. Er hatte sich traditionell für die Fuchshatz gekleidet und schritt erhobenen Hauptes aus. Er war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten und strahlte dasselbe Selbstbewusstsein aus.
„Ist er nicht ein prächtiger Junge?“, fragte Eric nicht ohne Stolz.
„Philipp? Oh ja. Ich hatte vorhin bereits die Gelegenheit, ein paar Worte mit ihm zu wechseln.“
„Er wird nächstes Jahr nach Indien gehen. Er wird sich in der Uniform eines Offiziers sehr gut machen.“
„Davon bin ich überzeugt, Sir.“
„Und ich bin überzeugt, dass er heute einen Fuchs erlegen wird. Wollen Sie wetten?“
Sir Blake schaute Tilly lächelnd an, aber in seine Augen hatte sich ein lauernder Ausdruck geschlichen.
Es war allgemein bekannt, wie Cornelius zu seinem Reichtum gekommen war: vorwiegend durch Wetten. Er besaß das unheimliche Talent, sie zu gewinnen, so schlecht die Chancen für ihn auch stehen mochten. Die meisten Männer der gehobenen Klasse verabscheuten Tilly dafür; und sie hatten Angst vor ihm. So klein und unscheinbar dieser Mann sein mochte, so undurchsichtig war er auch.
Und seine Nebenbeschäftigung, die Anfertigung von mechanischen Puppen, der er mit beinah teuflischer Besessenheit frönte, war den meisten auch nicht geheuer. Genau so wenig wie seine makabren Scherze.
„Oh, ich bin sicher, dass er etwas schießen wird, Sir“, entgegnete Cornelius nun mit hintergründigem Lächeln. „Ich schließe nur ungern Wetten ab, die ich nicht gewinnen kann.“
Es war ein seltsam bedrückendes Gefühl, zu erleben, wie Tilly eine solche Herausforderung ausschlug. Mit gemischten Blicken blickte Eric Blake noch einmal zu der Jagdgesellschaft, die sich gerade zum Aufbruch bereit machte. Dann betraten die beiden ungleichen Männer das Haus.
Tilly folgte dem Hausherrn durch die stille Halle. Nur ein Hausmädchen verschwand gerade leise in der Küche, nicht ohne vorher einen scheuen Blick in die Richtung der Herrschaften geworfen zu haben. Cornelius schmunzelte.
Ein hübsches Ding, dachte er. Vielleicht sollte ich Blake fragen, ob ...
Er brach den Gedanken ab, als Eric eine Tür öffnete, die in ein opulent ausgestattetes Zimmer führte. Er war nicht zum Vergnügen hier.
Der Boden war mit kostbaren Teppichen belegt, an den Wänden hingen Gobelins und Landschaftsgemälde. Eine schwere Standuhr mit kunstvollen Schnitzereien stand zwischen den beiden großen Fenstern. Ein Teil der Westwand wurde von einem Kamin eingenommen, in dem aber offensichtlich noch nie ein Feuer gebrannt hatte. Es war kühl in dem Raum.
Es gab noch weitere Schmuckstücke, ein Rechen voller Lanzen, präparierte Wildtiere und dergleichen. Einige davon waren noch in Kisten und Schatullen verpackt.
So auch der Gegenstand von Tillys Begehr. Blake nahm ein großes Holzkästchen von einem Tischchen und wischte kurz mit einem Tuch darüber. Dann stellte er es zurück und öffnete es.
Cornelius trat näher. Bereits aus diesem Winkel konnte er erkennen, wie wundervoll die Puppe gearbeitet war. Seine Hände begannen vor Aufregung zu zittern, sein Atem ging schneller. Sein Sammlerherz begann schmerzhaft zu pochen.
Sir Eric Blake benutzte ein weiteres Tuch, um die etwas mehr als 30 Zentimeter hohe Gestalt einer Ballerina aus der Schatulle zu heben. Beide Männer waren sichtlich von Ehrfurcht erfüllt. Blake stellte die Puppe auf den Tisch, und Tilly bückte sich nach vorne, um sie genauer in Augenschein zu nehmen.
Das Köpfchen aus Biskuitporzellan war äußerst fein und lebensecht dargestellt, selbst die durch das Lächeln verursachten Grübchen fehlten nicht. Die Augen glänzten, und die Farbe war so geschickt aufgetragen, dass sie dem Gesicht ungewohnte Tiefe verliehen. In der Tat sah es so aus, als sei ein zu klein geratenes Mädchen vor ihnen zu Eis erstarrt.
Cornelius fühlte, wie seine Handflächen feucht wurden.
„Eine echte Bruguier. Charles hat sie während seines Londoner Aufenthalts geschaffen, vermutlich 1822 oder 1823, kurz, bevor er mit seiner Familie nach Genf zurück kehrte.“
„Charles Bruguier“, hauchte Tilly, erfüllt von einer seltsamen Mischung aus Ehrfurcht, Neid und Glück, diese kleine Schönheit betrachten zu dürfen, die ein anderer hingezaubert hatte.
Blake nickte lächelnd.
„Mit Sicherheit sein Meisterwerk.“
Der Hausherr nahm die Figur mit gebotener Zärtlichkeit vom Tisch und stellte sie auf den Boden. Er hob ihren blass rosa gefärbten Rock hoch und drehte behutsam den Schlüssel. Einen Moment später tanzte die Ballerina über die glattpolierten Dielen; aber sie tat es nicht wie eine gewöhnliche mechanische Puppe. Ihre Bewegungen waren fließend. Als würde sie schweben, schob sie den einen Fuß zur Seite, drehte sich leicht und zog das andere Bein nach. Ihre Arme befanden sich im Einklang mit den Zügen ihrer Füße, winkelten sich an und hoben sich über den Kopf, streckten sich wieder ...
Fasziniert betrachteten die beiden Männer das Schauspiel. Die Puppe schien für wenige Sekunden zum Leben erwacht zu sein, so lebensecht vollführte sie ihren kurzen Tanz. Sir Blake konnte die unverhohlene Gier in Cornelius' Zügen lesen.
Als dieser sich aufrichtete und Eric ansah, brauchte er einige Atemzüge, um genügend Kraft für seine Frage zu sammeln:
„Wie viel?“
Blake nahm die Figur mit gewohnter Vorsicht auf und verstaute sie wieder in dem mit Samt ausgeschlagenen Kästchen.
„Nun, mein Freund, warum besprechen wir das nicht im Salon bei einem Drink?“
Er erkannte die Ungeduld auf dem Gesicht des Puppenmachers, aber Geschäft blieb Geschäft und musste gewissen Ritualen folgen. Schließlich legte sich auch Tillys Aufregung, die roten Flecken auf seinem Gesicht gingen zurück.
„Wie Sie wünschen, Sir.“
Eric klatschte in die Hände, und das Dienstmädchen, welches Cornelius bereits vorhin aufgefallen war, trat ein und nahm den Wunsch ihres Herrn nach Getränken im Salon auf. Für Sir Blake würde es ein rentables Geschäft werden.

Es hatte Timmy – so hieß der Junge – einige Zeit gekostet, die Adresse von Sir Andrew Collinsworth in Erfahrung zu bringen.
„Ich hoffe, ihr könnt mich auch bezahlen, dafür, dass ich für euch schufte!“, sagte er zum wiederholten Male, und zupfte an Dans Ärmel.
„Lass das, du Knirps“, murrte dieser. Sein Blick glitt zu dem Paar, das nur wenige Schritte hinter ihm lief. Ken hatte seinen Arm um Claires Hüfte gelegt. Dieses Bild diente nicht dazu, seine Laune zu heben.
Timmy blieb stehen und stemmte die Hände in die Hüfte.
„Ihr habt nichts, oder? Verdammt, warum rackere ich mich für euch ab? Häh?“
Claire kicherte, was ihr einen erbosten Blick des Jungen einbrachte. Dan seufzte und nestelte an seinem Handgelenk, um die Armbanduhr zu lösen. Er reichte sie Timmy. Der starrte sie einen Moment an und sah den Sportstudenten dann fragend an.
„Was ist das?“
„Eine Uhr.“
„Nie und nimmer nicht. Auch wenn sie Zeiger hat.“ Er schüttelte sie leicht. „Außerdem ist sie kaputt.“
„Die ist sehr teuer. Da, wo wir herkommen.“
„Kann gar nicht sein. Kein Gold. Und Silber auch nicht.“
Dan knurrte.
„Dann gib sie zurück.“
„Nein“, sagte Timmy, und verstaute sie irgendwo zwischen seinen zerschlissenen Klamotten. Einen Moment lang sah es so aus, als wolle Simon zupacken und den Knaben durchschütteln. Seufzend unterließ er es dann doch.
„Führ uns einfach zu der Adresse.“
Sie setzten den Weg fort. Claire sah besorgt zurück. Markus lief einige Schritte hinter ihnen und hielt den Kopf gesenkt. Wahrscheinlich grübelte er immer noch darüber nach, was aus seiner Schwester und den anderen Menschen von New Hope geschehen war, die den Transfer nicht geschafft hatten. War es wirklich möglich, dass diese Leute irgendwo gestrandet waren? Claire mochte nicht so recht daran glauben. Vielmehr glaubte sie an deren Tod. Vielleicht hatten sie im Nichts zwischen den Zeiten einfach aufgehört zu existieren.
Aber damit würde sich Markus wohl nicht abfinden können, vor allem wegen Lindsy ...
Hoffentlich bricht er uns nicht zusammen. Er muss einfach über den Verlust hinweg kommen.
Das Stadtbild hatte sich – zuerst unmerklich, dann recht deutlich – verändert. Die Gegend, in der sie nun herumirrten, war gepflegter, die Häuser vornehmer.
Timmy hatte ihnen nicht gesagt, was für eine Adresse er in Erfahrung gebracht hatte; wahrscheinlich aus Angst, sie würden ihn stehen lassen und den Weg selber finden und ihn so eines Abenteuers berauben. Aber da hätten sie ihn beruhigen können. Sie hätten sich hoffnungslos verlaufen, wenn sie es auf eigene Faust probiert hätten.
Irgendwie fand sie den Jungen süß. Und sie hegte den Verdacht, auch Dan – so brummig er sich dem Kleinen gegenüber auch gab – habe ihn ins Herz geschlossen.
Sie gingen an einer mannshohen Mauer entlang, bis sie ein schmiedeeisernes Tor erreichten, das leicht offen stand.
„Hier ist es“, murmelte Timmy, sichtlich enttäuscht über das Erreichen ihres Ziels. Er hatte seinen Spaß dabei gehabt, Dan Simon zu ärgern.
„Na dann, Kumpel“, erhob dieser das Wort. „Dann ist deine Aufgabe wohl erledigt. Wir brauchen dich nicht mehr.“
„Und was ist mit meiner Bezahlung?“
„Teufel noch mal. Kannst du auch an was anderes denken?“
„Nun mach mal halb lang, Dan“, mischte sich Claire lachend ein. „Wir können ihn doch nicht einfach so zurück schicken. Vielleicht können wir ihm bei Collinsworth was zu Essen ergattern.“
Timmy strahlte, aber Dan sah nicht überzeugt aus.
„Wer sagt uns denn, dass dieser Uhren-Knacki überhaupt etwas mit uns zu tun haben will? Das war doch eine echt besch ... eidene Idee, hier aufzukreuzen. Die werden uns mit Schimpf und Schande davon jagen.“
Simon fuhr mit den Händen an sich herunter, ohne den Körperkontakt herzustellen. Tatsächlich hatten ihre Kleider durch die Nacht draußen und die langen Märsche gelitten. Ihre Hosenbeine waren bis in Kniehöhe vollbespritzt mit Schlamm und Kot, von ihren Schuhen ganz zu schweigen. Und übernächtigt sahen sie allesamt auch aus.
„Na? Denkt ihr wirklich, dass wir bei so nem reichen Heini willkommen sind?“
Timmy kicherte und merkte sich die für ihn neuen Begriffe, die der Sportstudent so von sich gab – und erntete einen finsteren Blick von ebendiesem dafür. Sofort wurde sein Blick unschuldig wie der eines Lämmchens.
Markus trat vor.
„Ja, das denke ich. Ich hab was, das ihn interessieren wird.“
„Ah ja, und was? Willst du ihm unsere Zeitmaschine geben? Möööp. Schlechte Idee. Die Erfahrung sollte uns doch gezeigt haben, dass ...“
Markus unterbrach Dans Redeschwall.
„Nicht die Zeitmaschine. Ich hab da noch etwas.“
Die Blicke seiner Gefährten sprachen Bände.
„Vertraut mir einfach, ja?“
„Hatten wir uns nicht mal geeinigt, dass du uns nichts mehr vorenthältst, Markus?“, mischte sich nun auch Ken ein.
„Ihr erfahrt es ja gleich“, seufzte Markus. „Können wir jetzt?“
Er wartete die Antwort der anderen nicht ab, sondern marschierte bereits aufs Haus zu. Dan rollte mit den Augen, und Timmy machte es ihm nach, was ihm einen – sanften – Klaps auf den Hinterkopf einbrachte. Diesmal von Claire, nicht von Dan.
Sie folgten Markus mit einem schlechten Gefühl in der Bauchgegend.

Walter Ashton hörte die Hunde in der Ferne kläffen. Vor ihm war Philipp nach links abgebogen, und er war ihm gefolgt. Die beiden waren seit der Schulzeit Freunde. Seit die Jagd begonnen hatte, waren sie nahe beieinander geritten. Den Fuchs wollten sie beide zusammen erlegen, so sie die Gelegenheit dazu hatten.
Deshalb konnte Ashton nicht verstehen, warum der junge Blake jetzt plötzlich eine andere Richtung einschlug als die Hunde. Folgte er einem Instinkt? Oder war es bloß jugendlicher Übermut?
Walter war ein paar Zentimeter kleiner als der fast 1,80 große Blake, und seine Haare hatten einen rötlichen Stich, während Philipps sich in hellem Blond zeigten. Auch war der Sohn des Initiators dieser Fuchsjagd stattlicher gebaut als der eher schmächtige und bleiche Ashton. Und in der Regel versammelte Philipp auch mehr Mädchen um sich; er gab sich bereits jetzt wie ein Mann von Welt, war ein Charmeur und hervorragender Erzähler. Aber diese Vorzüge, die Walter nicht hatte, taten ihrer Freundschaft keinen Abbruch.
Vor ihm brachte Blake sein Pferd zum Halten, und Walter tat es ihm gleich, sobald sie auf einer Höhe waren.
„Was ist denn los, Philipp? Die Hunde sind doch in eine ganz andere Richtung gerast.“
Blake schaute seinen Freund an, legte den Finger an die Lippen und deutete dann mit dem Kinn auf eine Erhebung zwischen den Bäumen vor ihnen.
„Was? Ein Fuchsbau?“, flüsterte Walter erregt. Das Jagdfieber packte ihn erneut mit all seiner Vehemenz. Vorsichtig ließ er sich aus dem Sattel gleiten, das Gewehr in einer Hand. Er brachte es in der Hüfte in den Anschlag und näherte sich vorsichtig dem kleinen Hügel. Er konnte nichts entdecken. Hatte Philipp die besseren Augen als er?
Er drehte den Kopf, um seinen Freund fragend anzusehen.
Dieser hatte sein eigenes Gewehr an die Schulter genommen und zielte in Ashtons Richtung. Seine Augen blickten kalt und abschätzend.
Walter sah wieder zu der Erhebung, versuchte herauszufinden, auf was Philipp angelegt hatte. Aber da war doch nichts! Außerdem stand er in der Schusslinie! Blake würde doch nicht...
Er machte zwei rasche Schritte zur Seite und wollte sich zu seinem Freund umdrehen; just in diesem Moment krachte der Schuss, und ein harter Schlag traf Walters rechtes Knie und riss ihm das Bein unter dem Körper weg. Er schrie auf und fiel, während sich der Schmerz brennend über seinen Oberschenkel ausbreitete. Was unter dem Gelenk lag, konnte er nicht mehr fühlen. Tränen stiegen ihm in die Augen. Er fühlte mit der Hand nach seinem Knie, und als er die Finger zurück zog, waren seine Fingerkuppen voller Blut.
Ein Blick ließ Übelkeit in ihm aufsteigen. Der Stoff der Hose und die Haut darunter waren zerfetzt, das Kniegelenk zertrümmert. In dem rohen Fleisch glaubte er blutverschmierte Knochenstücke zu erkennen.
Ashton drehte sich auf den Rücken und sah verständnislos zu dem jungen Blake hoch, der in aller Ruhe vom Pferd glitt und sein Gewehr nachlud. Als er dieses gestopft hatte, kam er auf Walter zu, der versuchte, rücklings von ihm weg zu kriechen. Die rechte Hand hielt Ashton dabei auf sein zerschlagenes Knie gepresst, während der Stoff sich immer dunkler färbte. Die Linke hielt er abwehrend hoch gereckt, sein linker Absatz grub sich ins Erdreich, im – wenig effektiven – Bemühen, sich von Blake weg zu stoßen.
„Nein! Nein, Philipp, bitte! Tu das nicht! Was ist bloß in dich gefahren? Neeein!“, schrie er verzweifelt.
Philipp hob wieder das Gewehr an die Schulter und zielte sorgfältig. Der zweite Schuss krachte. Vögel, die seit dem ersten Schuss wieder einen Platz auf den Bäumen gefunden hatten, flatterten erneut hoch.
Die Kugel zerschmetterte zwei Rippen und zerfetzte Ashtons Herz. Seine Augen brachen, aber das Entsetzen über die unbegreifliche Tat seines Freundes fraß sich in seinen Zügen noch im Tod fest.
Philipp senkte das Gewehr. Noch immer war sein Blick kühl, als er zum Pferd zurück ging und das Messer aus der Schneide zog. Er wog es einen Moment in der Hand und ging dann gemessenen Schrittes zu seinem ermordeten Schulfreund zurück.
Ein feines Lächeln spielte um Tillys Lippen, als dieser das Haus der Blakes verließ und die Schüsse in der Ferne hörte. Sir Blake hatte einen hohen Preis für die Puppe verlangt. Aber Eric hatte bei diesem Handel weit mehr verloren – auch wenn er es nicht wusste.
Cornelius entschloss sich, nicht auf seine Kutsche zu warten und das Anwesen zu verlassen.

„Sie wünschen?“
Der Butler rümpfte die Nase, als er die fünf Gestalten erblickte, die sich über die breite Treppe verteilten. Rein vorsichtshalber hatte er die Tür nur einen Spalt weit geöffnet, gerade weit genug, um seinen Kopf an die frische Luft zu strecken.
„Wir möchten Sir Collinsworth sprechen, wenn er verfügbar ist“, sagte Markus, der vor wenigen Sekunden den schweren Klopfer benutzt hatte, und versuchte, seiner Stimme und seinen Sätzen möglichst viel Eleganz zu verleihen, ganz im Widerspruch zu seinem desolaten Aussehen.
„Er ist nicht.“ Der Butler hatte sich entschlossen, die seltsame Gesellschaft eiskalt abzuservieren und die Tür zu schließen. Markus war schneller, bereute dies aber, da sein Fuß schmerzhaft eingequetscht wurde. Der weiche Schuh bot dem Holz nicht wirklich Widerstand.
„Es ist sehr wichtig, dass wir ihn sprechen.“
„Das denke ich nicht. Außerdem kommen Sie sehr unpassend. Also bitte ...“
Das dürre aber lange Männlein in dem schwarzen Frack machte eine wegwischende Bewegung. Die Augen lagen tief in dem ausgemergelten, faltigen Gesicht und hatten etwas Stechendes, das durch die scharfe Hakennase noch betont wurde. Das graue Haar war sauber gescheitelt, dennoch sah es wie aufgepflanzt aus.
„Bitte. Er wird es nicht bereuen!“
„Sir!“ Allein, wie der Butler das Wort aussprach, ließ darauf schließen, dass Markus die Anrede seiner Ansicht nach nicht verdient hatte.
„Sie sind pietätlos. Sir Collinsworth ist wirklich nicht zu sprechen. Er ist in tiefer Trauer über den Verlust seiner Frau, die erst vor zwei Tagen beerdigt wurde.“
Markus machte ein betroffenes Gesicht. Das hatte er natürlich nicht gewusst.
„Das tut uns leid, Sir. Aber es ist wirklich wichtig. Sehen Sie ...“
Der Deutsche holte ein gefaltetes Blatt Papier hervor und hielt es dem Butler hin, der es mit deutlicher Skepsis betrachtete und ein wenig zurück zuckte, als Markus es ihm direkt unter die Nase hielt.
„Bitte, zeigen Sie das Ihrem Herrn. Er wird bestimmt die Wichtigkeit dieses Papiers anerkennen.“
Seine Freunde beobachteten die Szenerie verwirrt. Keiner von ihnen wusste, was da vorging und was wohl so Besonderes an dem Blatt sein mochte. Nur Timmy stand scheinbar desinteressiert zuunterst auf der Treppe.
„Na los, nehmen Sie es!“
Beckers Gegenüber fasste mit spitzen Fingern nach dem Papier und zog es so behutsam, als könnte man sich dabei mit was auch immer anstecken auseinander. Kurz betrachtete er die Skizze, schaute dann Markus an und schüttelte den Kopf.
„Ich weiß nicht, was das für ein dummer Scherz sein soll, aber ich glaube wirklich nicht, dass sich meine Herrschaft ...“
Jetzt wurde es dem Physikstudent doch zu bunt, und er herrschte den Mann an:
„Nun machen Sie schon! Husch, husch! Oder beliebt er faul zu sein?“
Der Butler zuckte zurück, bemerkte das Fehlen von Beckers Fuß zwischen Rahmen und Tür und schlug letztere hastig zu. Seine eiligen Schritte drangen noch durch das Holz, und Markus verfluchte sich für seine Unaufmerksamkeit. Hoffentlich war das wertvolle Papier nun nicht verloren.
Es vergingen fünf, sechs endlose Minuten, bis die Tür endlich wieder geöffnet wurde. Erneut stand der Butler im Rahmen, diesmal mit noch ausgeprägt unfreundlicherem Gesicht als zuvor.
„Sie dürfen eintreten. Der Herr erwartet Sie.
Ich muss Sie aber bitten, Ihre Schuhe auszuziehen und die Hausschuhe zu benutzen!“, setzte er sogleich hinzu, als Markus die Schwelle übertreten wollte. Alle fünf, selbst Timmy, verdrehten die Augen, gehorchten aber anstandslos.
Der Butler ging mit steifem, verkrampften Gang voran und führte sie in den Salon.
In einem großen bequemen Sessel saß ein Mann, dessen dunkles Haar an den Schläfen bereits ergraut war. Er mochte zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt sein und strahlte die Würde eines englischen Gentlemans aus, wenn sich auch Trauer in seine Züge gegraben hatte. In seinen Augen spiegelte sich der Schmerz über den Verlust seiner jungen Frau, und die vier Zeitreisenden sowie der Junge verteilten sich gleich nach der Tür, ohne ein Wort zu sagen.
Auch Sir Andrew Collinsworth schwieg noch eine Weile, mit gesenktem Kopf. Sein Blick ging zwar in Richtung auf das ausgebreitete Papier, welches Markus vorhin dem Butler gegeben hatte, aber Collinsworths ganze Haltung hatte etwas Abwesendes.
Erst als sich der Butler räusperte, regte sich der Uhrensammler und musterte die Versammelten.
„Es ist in Ordnung, Gregory. Sie können sich entfernen“, sagte er mit schwacher Stimme. Und nachdem der Butler gegangen war:
„Verzeihen Sie, wenn der Empfang nicht sehr überschwänglich war.“
Markus nickte.
„Ihr Butler hat uns bereits über die Umstände informiert, Sir. Wir müssen uns entschuldigen, dass wir Sie zu diesem Zeitpunkt stören.“
Andrew nickte und musterte die fünf so verschiedenen Gestalten erneut, dieses Mal mit hoch gezogenen Augenbrauen.
„Mir scheint, Sie haben so einiges durchgemacht. Oder aber Sie sind ein paar Gauner, die denken, sie könnten sich an einem vom Schicksal geschlagenen Mann gütlich tun.“
Sofort schüttelten alle fünf den Kopf.
„Das wäre unverzeihlich.“
Markus machte sich wiederum zum Sprecher für alle:
„Sir, wir sind nur Reisende. Leider mussten wir einige Unbillen über uns ergehen lassen, so dass wir inzwischen völlig mittellos sind. London ist ein gefährliches Pflaster. Ohne die Hilfe des jungen Timothy hier wären wir wohl dem Treiben mutwillig böser Menschen ausgeliefert gewesen.“
Dem kleinen Timmy schwoll vor Stolz die Brust, während die anderen drei Becker mit offenen Mündern anstarrten. Er war selbst von sich überrascht, so glatt war die Lüge über seine Lippen gekommen. Sir Collinsworth lachte leise.
„Sie sind ein Aufschneider, nicht wahr? Aber irgendwie mag ich Sie.“
Er stand auf.
„Mein Name ist Andrew Collinsworth, aber das wissen Sie ja bereits. Wenn ich nun Ihre Namen erfahren dürfte?“
Die Gruppe stellte sich der Reihe nach vor. Der Blick ihres Gastgebers blieb etwas länger an Ken Okumoto haften, der dadurch nervös wurde, den Kopf senkte und mit den Füßen scharrte.
„Dan und Claire sind Amerikaner“, erklärte Markus weiter. „Und Ken kommt ebenfalls aus dem Neuen Land, hat jedoch japanische Vorfahren. Ich selbst stamme aus Deutschland, bin aber selbst bereits vor einigen Jahren nach Übersee ausgewandert.“
Da der ältere Mann ebenfalls seine Sympathien gewonnen hatte, wollte Becker so nahe wie möglich an der Wahrheit bleiben. Allzu ausführlich konnte er natürlich dennoch nicht werden.
„Japaner, hm? Hat sich das Land nicht abgeschottet?“ Collinsworth musterte den Japaner unentwegt.
„Ähm ... ja. Mein Urgroßvater hat es irgendwie geschafft, auszuwandern“, stotterte Ken verlegen. Sir Andrew nickte nachdenklich.
„Nun gut, lassen wir das. Bevor wir aber über unser weiteres Vorgehen reden, möchte ich eines noch wissen“, fuhr er fort. „Diese Skizze, die Sie meinem Butler gegeben haben – woher haben Sie die?“
Markus zögerte und sah seine Freunde an, die ihm jedoch keine Schützenhilfe geben konnten – sie wussten ja noch nicht mal, was es mit dem Blatt Papier auf sich hatte. Auch jetzt war es noch zu weit weg, um Genaueres zu erkennen, obwohl sich Ken und Dan bereits die Hälse verrenkten (und Claire möglichst unbeteiligt tat, um sich keine Blöße zu geben).
„Ich habe das Papier in einem Buch gefunden, in einer Bibliothek in Sevilla.“
„Sie haben es also nicht rechtmäßig erworben?“
„Rechtmäßig genug insofern, dass wahrscheinlich niemand den Fetzen vermissen wird.“
Andrew lachte erneut, offen und herzlich. Seine fünf Gäste lächelten zögernd.
„Ich wusste, dass Sie ein Schlitzohr sind, Mr. Becker. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Sie überlassen mir die Zeichnung, und ich statte Sie mit allem aus, was Sie benötigen, so fern es in meiner Macht steht.“
„Nun, ich ...“, antwortete Markus zögernd, aber Claire stieß ihn rasch in die Seite. Das war ein Angebot, das sie unmöglich ausschlagen konnten – so sehr sich der Physikstudent auch sträubte, die Skizze aus der Hand zu geben. Sie willigten ein.
„Wunderbar. Ich denke, wir versorgen Sie am Besten zuerst mit neuer Kleidung. Und ein Bad kann Ihnen allen bestimmt auch nicht schaden.“
Und wieder überraschte sie die Offenheit und die Zuvorkommenheit von Collinsworth.
Timmy entschied sich jedoch nur für etwas zu Essen und eine neue Jacke – andere Kleider in seiner Größe waren im Haus nicht verfügbar. Sir Andrew steckte ihm zudem noch einige Geldstücke zu, dann verabschiedete sich der Junge von seinen neu gewonnenen Freunden (wobei Claires Augen plötzlich feucht wurden) und sagte grinsend:
„Wenn ihr mich braucht: Covent Garden und fragt nach Timmy.“
Er zwinkerte ihnen noch zu, als ihn Gregory mit gerümpfter Nase bereits Richtung Tür begleitete.
Danach wandte sich der Butler an ein Dienstmädchen und hieß es, für die eingetroffenen Gäste Zimmer zu bereiten.

Der Keller lag zu etwa drei Vierteln unter Straßenniveau. Nur zwei kleine vergitterte Fensterchen direkt unter der Decke hätten spärliches Tageslicht in das große Gewölbe fallen lassen, wären sie nicht mit dicken Holzplatten vermacht gewesen.
Es war feucht und kühl – daran änderte auch das Feuer nichts, welches unbeachtet im Kamin vor sich hin knisterte.
Mehrere Petroleumlampen und Kerzen waren in dem Raum verteilt und spendeten ihr spärliches Licht. Durch die Beleuchtung von allen Seiten warf die große Gestalt an dem zentralen Tisch mehrere dunkle Silhouetten an die Wände. Graham Killthorpe war selbst nur mehr ein Schatten seiner selbst. Die Jahre der Forschung hatten an seinem Körper gezehrt; er war hager, die Haut spannte sich über seinem Gesicht und dem Schädel, auf dem sich das Haar bereits stark gelichtet hatte. Der schäbige Anzug, den er jahrein, jahraus trug, schlotterte um seinen Körper. Die mangelnde Körperhygiene tat ihr Übriges, um ihm das Flair eines Dahinsiechenden zu verleihen.
Das Gesicht der Frau, die vor ihm auf der hölzernen Tischplatte lag, war bleich. Ihre Züge waren leicht verzerrt, das Entsetzen und das Bewusstsein des nahenden Todes hatten ihre Spuren hinterlassen. Mit einer sanft anmutenden Bewegung ließ Graham ihr blondes Haar durch seine Finger gleiten.
So jung, und bereits dem Verfall preis gegeben!
Nur mit den Kuppen strich er über ihr weiches Kinn, konnte fast spüren, wie sich ihre Haut einmal warm angefühlt haben musste. Er zog ihre Unterlippe von den Zähnen weg, versuchte sich vorzustellen, wie es wohl wäre, wenn sie seine Finger mit ihrem Mund liebkosen würde.
Wie sehr sie ihn doch an Alice erinnerte ...
Seine Hand glitt weiter. Der Körper der jungen Frau lag auf einem weißen Tuch, mit dem der Tisch abgedeckt war. Die wächserne Blässe ihrer Haut machte sie nur noch schöner.
Sorgsam betasteten seine Finger die kleine dunkle Linie, die den Beginn des Schnittes markierte, der ihren Körper vom Brust- bis zum Schambein geöffnet hatte. Zwei weitere Einschnitte verliefen direkt unter ihren kleinen aber festen Brüsten; die kalten Hautlappen hatte er zur Seite geklappt. Sämtliche Organe und Innereien hatte Killthorpe aus der Bauchhöhle entfernt – sie füllten als unansehnlicher schwärzlicher Haufen einen Eimer, der bereits vom Rost zerfressen war. Ein Fleck schmieriger Flüssigkeit breitete sich um ihn herum aus.
Killthorpe rieb sich über das Gesicht, atmete tief durch und versuchte, die Gedanken an seine ehemalige Verlobte zu verdrängen. Es gelang ihm nicht, und seine Augen wurden feucht. Er drehte sich weg, um die Tote nicht mehr ansehen zu müssen.
Der halb unterirdische Raum war praktisch eingerichtet: neben dem Seziertisch befanden sich hier mehrere Regale an den Wänden verteilt, bestückt mit Instrumenten und Einmachgläsern (die teilweise mit Spiritus und trüb schimmernden Flüssigkeiten gefüllt waren), unordentlichen Papierstapeln und wenig alten Kleidern.
In Grahams Reichweite stand zudem noch ein kleines Abstelltischchen, ebenfalls von diversem medizinischen Werkzeug und einem Plan, auf dem eine komplizierte Konstruktion von Streben zu sehen war, belegt. Und ein leeres Glas sowie eine ungekennzeichnete Flasche Schnaps.
Killthorpe griff nun mit zitternden Fingern nach der Flasche und schenkte das Glas randvoll ein. Als er es anhob, schwappte die klare Flüssigkeit über den Rand und seine Hände. Er kippte den Schnaps weg, als wäre es Wasser, und leckte sich dann die Hand ab. Er atmete heftiger. Nach zwei, drei Augenblicken hob er den Plan hoch und widmete sich wieder der aufgeschnittenen Leiche.
Das Papier raschelte in seinen unruhigen Händen, als er die Zeichnungen mit den metallenen Schienen verglich, die er in die Bauchhöhle und die Brust der Frau eingesetzt hatte. Die Streben waren gelocht; die Länge zwischen Rippen und Rückgrat konnte eingestellt und je zwei Metallstücke schließlich mit Schrauben im Körper verklemmt werden. In der Mitte des Brustkorbs war ein gläserner Behälter in ein Gestänge eingefügt. In ihm schwamm in einer Nährlösung ein Herz. Zwei Schläuche führten aus dem durchsichtigen Würfel und waren am Hals mit der Schlagader und der zurückführenden Vene verbunden.
Den unteren Teil der Bauchhöhle nahm eine unüberschaubare Anzahl an Rädchen und weiteren Stangen ein. Von dem Mechanismus führten mehrere Drähte weg, die durch die Gliedmaßen gestoßen und gezogen worden waren und die Sehnen ersetzen sollten. Mehrere tiefe Schnitte an Armen und Beinen zeugten von diesem Eingriff.
Killthorpe nickte zufrieden vor sich hin. Er hatte nichts vergessen. Er griff nach Faden und Nadel und begann, die Einschnitte wieder zu vernähen. Seine Finger waren während der Arbeit vollkommen ruhig, sein Denken nur auf seine Arbeit ausgerichtet.
So hörte er nicht, wie etwa zehn Minuten später im Nebenraum die Tür geöffnet wurde und die Stufen der hölzernen Treppe unter Schritten knarrten. Er bemerkte auch den kleinen Mann nicht, der plötzlich im Durchgang stand und ihn still beobachtete.
Erst, als Graham seufzend seine Werkzeuge sinken ließ, räusperte sich der Neuankömmling. Killthorpe sah auf und nickte kurz. Er begann, die medizinischen Instrumente auf dem Beistelltischchen zu sortieren und wischte sich schließlich die Hände an einem fleckigen Tuch ab, während sein Auftraggeber an den Tisch trat und das Werk begutachtete.
„Ist alles an seinem Platz?“
Der ehemalige Medizinstudent nickte. Tilly, der inzwischen den blauen Anzug gegen einen schlichten schwarzen eingetauscht hatte, war die Wortkargheit Grahams gewohnt. Und er wusste um die Verlässlichkeit des Mannes, auch wenn sein Griff zur Schnapsflasche in den letzten drei, vier Jahren ständig häufiger geworden war. Killthorpe gehörte zu den Ausnahmetalenten, bei denen man den exzessiven Alkoholgenuss nicht bemerkte – nicht, wenn er arbeitete. Dann waren seine Hände so ruhig wie ein stehender Tümpel. Erst jetzt, als er sich auf einen Hocker setzte und ein weiteres Glas einschenkte, zitterten sie, und er verschüttete wieder einen geringen Teil des hochprozentigen Getränks. Auch sein Gesicht schien plötzlich noch eingefallener, noch trostloser.
„Wird sie morgen Abend einsatzbereit sein?“
Graham ließ seinem Nicken ein trockenes Husten folgen. Unwillkürlich fragte sich Tilly, wie lange es der ehemalige Medizinstudent noch machen würde; mit einer glänzenden Zukunft als Wissenschaftler – geschweige denn als Arzt – hatte Killthorpe gewiss nicht mehr zu rechnen. Immerhin versank er dank der Arbeit in Tillys Keller nicht ganz in seinem Elend.
„Ich habe heute ein wirklich wertvolles Stück erstanden“, kicherte Cornelius. „Nur schade, dass Sir Blake an dem Verkauf keine Freude finden wird. Sein Sohn wird jetzt wohl keine Heldentaten mehr vollbringen, weder in Indien noch sonst wo. Und davon, dass er Ruhe finden wird, wenn das Todesurteil vollstreckt ist, kann auch keine Rede sein.“
Tilly lachte meckernd, bemerkte dann den stumpfen Blick Killthorpes und dessen Teilnahmslosigkeit, knurrte unwillig und stapfte Richtung Treppe davon.
„Bald, Madlene. Bald hast du eine Verabredung mit deinem Mann.“
Die Tür schlug hinter ihm zu, und eine bedrückende Stille legte sich über den Keller.

Draußen dämmerte es bereits, als Markus als erster der Vier wieder in den Salon trat. Er war froh, die anderen noch nicht im Raum anzutreffen; er wollte unbedingt allein noch einige Worte mit Sir Collinsworth wechseln.
„Sir ... wegen der Skizze ...“
Andrew lächelte hintergründig.
„Die Gottesuhr.“
„Sie ... Sie kennen sie?“
„Kennen ist wohl übertrieben. Aber ich habe von ihr gehört. Setzen Sie sich, Mr. Becker. Wollen Sie einen Drink?“
Markus schüttelte schnell den Kopf.
„Ich wollte mit Ihnen über die Zeichnung reden. Ich hatte eigentlich nicht die Absicht ...“
„... sie mir zu überlassen?“, vervollständigte der Hausherr den Satz. „Ich weiß.“
Becker saß mit offenem Mund da und war keiner Antwort fähig, während in Collinsworths Augen der Schalk blitzte.
„Sehen Sie, junger Mann, ich weiß, dass Sie mir nicht die ganze Wahrheit über sich erzählen. Vielleicht wollen Sie nicht, vielleicht können Sie nicht. Damit habe ich kein Problem.“
Er winkte ab, als Markus widersprechen wollte.
„Sie werden aber auch verstehen, dass ich Sie nicht vollkommen uneigennützig unterstützen will. Sie haben mir ein äußerst wertvolles Papier mitgebracht, und ich wiederhole mein Angebot: Überlassen Sie es mir, und Sie erhalten jegliche Unterstützung, die ich bieten kann. Und wenn Sie wollen, fertigen Sie eine Kopie der Zeichnung an. Aber überlassen Sie mir das Original. Dann sind Sie und ihre Freunde mir als liebe Gäste willkommen.“
Markus atmete tief durch und nickte dann. Er hatte wohl keine Wahl, außerdem verhielt sich Sir Collinsworth äußerst fair.
„Warum tun Sie das, Sir?“, wagte er zu fragen.
„Ich habe die Rastlosigkeit in Ihren Augen gesehen, Mr. Becker. Sie sind ein Suchender, und in unserer Besessenheit, Wissen zu erlangen, unterscheiden wir uns nicht.“
Dan betrat den Raum und setzte sich in einen der Sessel. Die Kleider waren ihm ein wenig zu eng, und er fühlte sich deshalb unbehaglich. Collinsworths Frage nach einem Drink bejahte er nur zu gerne, und der Hausherr rief nach dem Butler.
Einige Minuten lang sagte keiner von ihnen etwas, bis schließlich Claire und Ken den Raum zusammen betraten. Simon setzte eine mürrische Miene auf, als er die beiden in ihrer Vertrautheit sah. Wie konnte Claire an dem Würstchen bloß was finden? Na gut, er konnte ein wenig Kung Fu, aber dennoch ...
„Madlenes Sachen stehen Ihnen ausgezeichnet, Miss Bancroft“, bemerkte Collinsworth mit einem feinen Lächeln und einem Hauch von Traurigkeit in seiner Stimme.
„Vielen Dank, Sir“, erwiderte sie mit leicht geröteten Wangen.
Dan, der im toten Winkel zu dem Hausherrn saß, äffte dessen Satz stumm nach. Ken musste ein Lachen als ersticktes Husten tarnen, und Claire warf dem Sportstudenten einen erbosten Blick zu.
Markus räusperte sich.
„Können wir dann bitte zum Thema kommen?“
„Oh ja“, zischte ihm Claire zu. „Seit wir in Sir Collinsworth' Haus sind, weichst du uns äußerst geschickt aus. Dieses Theater machen wir nicht mehr allzu lange mit. Nicht, wenn du willst, dass wir dir noch weiter vertrauen.“
„Ähm ...“ Etwas hilflos deutete Becker auf die Skizze, die ausgebreitet auf dem Tisch lag.
„Ich habe diese Zeichnung in Sevilla gefunden, das hatte ich ja bereits gesagt. Mir war ja nicht klar, was genau es ist, aber dass sie etwas Besonderes darstellt, ist offensichtlich.“
Die drei gebürtigen Amerikaner beugten sich vor, um die mit leichthändigen Strichen angefertigte Skizze genauer zu betrachten: sofort fiel das Ziffernblatt ins Auge, rund wie bei einer normalen Uhr – nur waren die Zahlen verschlungene Symbole, und statt derer zwölf waren in dem Kreis achtzehn. Zeiger waren mit schwachen Federstrichen vier angedeutet, und mehrere kleine Punkte verteilten sich auf der Fläche zwischen den „Ziffern“. Auf dem Blatt verteilt waren weiter Mechanismen aus verschiedenen Ansichten zu sehen, allem Anschein nach waren sie dazu gedacht, die „Uhr“ anzutreiben. Genau wie für Markus machte auch für die anderen drei Studenten das Ganze wenig Sinn. Sollte hier ein Tag in achtzehn Einheiten unterteilt werden? Oder die Zeit auf ganz andere als auf konventionelle Art gemessen werden?
„Die Gottesuhr“, brach Sir Collinsworth schließlich das Schweigen. Die vier Gefährten sahen den lächelnden Mann fortgeschrittenen Alters an.
„In der Literatur, die mir bekannt ist – und das ist eine Menge – wird sie nur zwei Mal erwähnt. Ich hielt sie bisher nur für eine Phantasterei, die Ausgeburt der Trunksucht eines selbst ernannten deutschen Naturwissenschaftlers und Philosophen.“
Andrew musterte Markus aufmerksam, der gebannt lauschte und den seltsam lauernden Ausdruck in den Augen ihres Gastgebers gar nicht bemerkte.
„Nur zwei Mal wird der Mann zitiert, der diese Uhr und ihren Schöpfer gesehen hat. Einen Bericht aus erster Hand gibt es nicht – und wenn, dann ist er seit langem verschollen.
Der Konstrukteur der Uhr war ebenfalls ein Deutscher, der Mitte des 18. Jahrhunderts in Buchhorn lebte. Sein Name war Friedrich von Karnstein.“
Ken und Dan schnappten hörbar nach Luft, während Markus bereits den Verdacht gehegt hatte, dass die Initialen FvK auf der Skizze eine solche Bedeutung hatten. Nur viel zu gut erinnerten sie sich an den düsteren Gesellen, der in Sevilla reges Interesse an der Zeitmaschine gezeigt und Markus in seinem Haus gefangen gehalten hatte.
„Die Uhr selbst soll Tore zu anderen Welten geöffnet haben: zum Himmel und zur Hölle. So zumindest wird der Zeuge zitiert, der ein Reich schildert, das dem Paradies ähnelt. Aber auch eines, in dem es von Dämonen, Kreaturen und Gewürm nur so wimmelt. Wie die Uhr funktioniert, wird freilich nicht überliefert.“
Die Zuhörer schauderten. Das Gehörte erinnerte ein wenig an ihre eigenen Erlebnisse – auch sie waren mit allerlei Schrecken konfrontiert worden, auch wenn eine Welt zu Beginn relativ harmlos aussehen mochten. Handelte es sich bei dieser Gottes-Uhr ebenfalls um eine Art Zeitmaschine? Oder war sie eine Apparatur, die Tore zu anderen Dimensionen öffnete? Oder aber eben doch nur das Hirngespinst eines Trunkenboldes, wie Sir Collinsworth vermutet hatte?
Claire bemerkte, wie aufgeregt Markus war, auch wenn er versuchte, seine Aufgewühltheit zu verbergen.
Sir Collinsworth, dessen Blick ebenfalls immer noch auf dem Deutschen ruhte, war noch nicht fertig:
„Der Name des zitierten Augenzeugen war Konstantin – Becker.“

Graham Killthorpe schreckte hoch. Er war auf dem Sessel eingenickt, nachdem er den Ellenbogen auf den Tisch gestützt und den Kopf in der Hand abgelegt hatte. Das Glas, aus dem er die Leere mit hochprozentigen Getränken zu vertreiben pflegte, lag – zum Glück unversehrt – am Boden.
Ächzend beugte er sich hinunter und versuchte, es zu fassen. Seine Finger stießen dagegen, und es rollte ein wenig davon. Er seufzte und lehnte sich zurück. Sein Körper schmerzte, und ein taubes Gefühl erfüllte die Partie direkt hinter seiner Stirn.
Mit knackenden Gelenken stand er auf und holte das Glas. Der obligate Griff nach der Flasche ließ kaum länger auf sich warten als das Trinkgefäß auf die Tischplatte abgesetzt wurde. Das Zittern von Killthorpes Händen ließ bereits nach dem ersten Schluck ein wenig nach.
Sein nächster (vom Schlaf noch immer getrübter) Blick galt seiner Alice, schön wie eh und je. Auf ihren Wangen zeigte sich ein rosiger Schimmer, und ihre Brust hob sich in tiefen, regelmäßigen Atemzügen...
Der Stich in seinem Herzen war so schmerzhaft, dass er sich wieder hinsetzen musste. Tränen füllten seine Augen.
Alice war tot. Dabei hatte die Zukunft so hoffnungsvoll ausgesehen. Sie hatte Graham erst kurz vor ihrem Tod mit ihrem Vater bekannt gemacht – und dieser hatte Killthorpe, den angehenden Mediziner, mehr als wohlwollend betrachtet. Sollte Graham sein Studium erfolgreich abschließen, so war ihm die Hand der gut behüteten Tochter sicher.
Und dann der Unfall mit der Kutsche.
Graham hatte nicht mal mehr Gelegenheit gehabt, ihr ein letztes Mal Lebewohl zu sagen, ihr seine immerfort brennende Liebe zu gestehen. Als er, durch einen Boten informiert, im Haus ihrer Eltern eintraf, war sie bereits den inneren Verletzungen erlegen.
Das Ereignis lag gut zwölf Jahre zurück, doch immer noch verzehrte er sich vor Sehnsucht nach Alice. Viel zu kurz war ihr beider Glück gewesen.
In der Folge hatte er sich von Gott abgewandt – denn wie konnte dieser zulassen, dass solch zarte, junge Liebe zerstört wurde?
Er führte sein Medizinstudium fort; der Schicksalsschlag jedoch führte ihn auf dunklere Pfade. Bald brachte er für den Tod mehr Interesse auf als für die Genesung der Lebenden und begann, sich mit dem morbiden Gedanken zu befassen, auch in toten Körpern könne der Funke des Lebens noch einmal entzündet werden.
Mit ein Anstoß dazu mochte das Buch gewesen sein, dessen Nachdruck und Vertrieb verboten worden war, das aber dennoch den Weg durch die Hände vieler Medizinstudenten fand – wenn auch die meisten über den modernen Prometheus lachten und spotteten, zumal die Geschichte nach Gerüchten auch noch von einer Frau geschrieben worden war.
(Anm. des Autors: Der wohlbelesene Kenner fantastischer Literatur wird natürlich bereits wissen, dass hier die Rede von Mary W. Shelleys Frankenstein ist; es wurde wohl 1818 anonym veröffentlicht – in einer 500er-Auflage - und erhielt viele schlechte Kritiken à la „ein Werk von erschreckender und abscheulicher Absurdität“ - verboten wurde es jedoch nicht: das Buch hatte Erfolg und wurde am 11. August 1823 erneut herausgegeben, dieses Mal mit Nennung der Autorin)
Aber Killthorpe war alsbald besessen von der Idee, es der Figur des Genfer Naturphilosophiestudenten gleich zu tun und dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Er verschloss sich seinen Kommilitonen gegenüber immer mehr, wurde auch von ihnen gemieden. Seine anatomischen Kenntnisse hingegen waren hervorragend; und dennoch fiel auch den Lehrkräften dieser junge Mann mit den seltsamen und teils makaber-morbiden Gedankengängen unangenehm auf.
Graham ruinierte sich mit seinen Ideen seine Zukunft. Als seine Mutter starb, begann er zu trinken und trieb sich in zwielichtigen Spelunken rum. Sein Vater vergrub sich in den Lehren verschiedener Religionen, als versuche er, den für ihn richtigen Weg zu finden; was Graham tat, daran bekundete er kein tieferes Interesse, auch dann nicht, wenn ihn sein Sohnemann um Geld anpumpte.
Im Suff begann er des Öfteren damit zu prahlen, es diesen sturen, bornierten Eseln von Wissenschaftlern (egal, welcher Gattung – wenn er berauscht war, wetterte er gegen so gut wie jeden Zweig) schon noch zu zeigen.
So kam es, dass er sich wieder einmal am Tische erhob und jedem, der gewillt war zuzuhören, zu predigen, er könne die Toten eines Tages wieder zum Leben erwecken (und wehe dem Zweifler – an dessen Türe würde dann gewiss eines Tages eine wandelnde Leiche klopfen), als er von einem älteren, wie ein echter Gentleman gekleideten Mann angesprochen wurde. Sir Edward Grittle war gewillt, ihm die Chance zu geben, die ihm alle anderen verwehrten. Während des folgenden Jahres mangelte es Graham an nichts. Er gab das Trinken auf und vergrub sich voll und ganz in seine Arbeit. Ein Laboratorium wurde ihm zur Verfügung gestellt, und Grittle heuerte Leichendiebe an, die Killthorpe beständig mit Leichen versorgten. Die düsteren rauen Gesellen mit ihrem derben und makabren Humor machten dem jungen Mann Angst; im Gegensatz zu ihm schienen sie absolut keine Achtung vor den Toten zu haben und trieben ihre perfiden Scherze mit den Körpern. Einer hatte ihm gar einmal erzählt, er hätte eine Leiche wie einen Tisch gedeckt und so seine Vespermahlzeit zu sich genommen. Ein anderes Mal hatte er zwischen aufgezwängten Kiefern Stücke einer Kerze und auf den Zähnen Wachsspuren gefunden.
Aber die Ware, die sie lieferten, war stets frisch, und er wagte nicht sich zu beklagen. Einer der Männer, den er nur unter dem Namen Bulk Blacksmith kannte, versorgte ihn später auch stets mit Wein und Schnaps. Aber erst nach etwa drei, vier Jahren, als Edward Grittle langsam seinen Glauben aufgab, der junge Mann könne die Wissenschaft revolutionieren, und seine Unterstützung je länger je mehr zurück zog. Selbst im Club, in den er Graham bisweilen mitnahm, begann er, über seinen Schützling in dessen Anwesenheit zu spotten.
Vermehrt war Killthorpe nun wieder in verrauchten Kneipen zu finden, und dort traf er eines Abends auf Tilly.

Aller Blicke hatten sich auf den Physikstudenten gerichtet. Dieser senkte unbehaglich den Blick und starrte intensiv die Skizze an.
„Bloß ein Zufall“, murmelte er. „Es gibt viele Beckers in Deutschland.“
Seine drei Gefährten plagten sich momentan wohl mit den gleichen Gedankengängen: Wie hoch war denn die Wahrscheinlichkeit, dass Markus mit eben jenem Konstantin Becker verwandt war? Immerhin befanden sie sich mit ziemlicher Sicherheit wieder in einer Parallel-Welt, auch wenn sie dafür bisher noch keine Anzeichen gefunden hatten – denn genau dies war auch ihre Krux bei der Sache mit den Zeitreisen: bereits bei ihrem ersten Abenteuer mit der Zeitmaschine, auf der Flucht nach Ägypten ins Jahr 1923, hatten sie rasch bemerkt, dass sie sich nicht mehr in ihrer Realität befanden. Wohl war das Datum korrekt, aber sie waren mitten in einem Krieg gelandet, der in ihrer eigenen Geschichtsschreibung nie statt gefunden hatte!
Und damit hatte ihre Odyssee durch die Zeiten und Welten erst richtig begonnen, ohne dass sie bisher den Weg in ihr Kansas City zurück gefunden hätten.
„Wenn es ein Zufall ist, dann ein äußerst seltsamer“, erwiderte ihr Gastgeber. „Ich war wirklich erst der Meinung, Sie seien ein Nachfahre eben dieses Konstantin Becker, und die Geschichte mit der Bibliothek in Sevilla bloß eine Ausflucht, um Ihre Identität nicht gleich preis zu geben.“
„Ach, er ist halt ein kleiner Geheimniskrämer“, warf Dan giftig ein. „Das haben wir auch schon bemerkt.“
Markus schoss das Blut ins Gesicht – ob vor Wut oder Verlegenheit konnte seinem Gesichtsausdruck nicht abgelesen werden. Er war reichlich bemüht, beherrscht zu bleiben.
Collinsworth lachte.
„So ganz glaube ich auch nicht mehr an die Verwandtschaft. Zumindest hätten Sie damit rechnen müssen, recht schnell durchschaut zu werden, Mister Becker. Grundlos haben Sie ja wohl kaum ausgerechnet mich ausgesucht, oder?“
Markus nickte hastig.
„Genau. Sie haben den Ruf, die größte Uhrensammlung Englands, wenn nicht der ganzen Welt, zu haben. Da werden Sie mit Sicherheit auch über ein ziemlich ausgeprägtes Wissen darüber verfügen.“
Sir Andrew nickte wohlgefällig.
„Da haben Sie recht. Ich zeige Ihnen allen gerne ein paar seltene und kostbare Stücke. Sie bleiben ja hoffentlich für ein paar Tage meine Gäste?“
Markus nickte heftig, bevor einer der anderen etwas sagen konnte.
„Nur zu gerne nehmen wir Ihr Angebot an, Sir. Und wenn Sie erlauben, werde ich auf Ihren Vorschlag zurück kommen und von der Skizze eine Kopie anfertigen sowie einige Studien in Ihrer Bibliothek unternehmen.“
„Gerne. Alles, was Sie brauchen, wird zu Ihrer Verfügung stehen.“ Andrew Collinsworth' Blick fiel auf den Butler, der bereits einige Zeit in der Tür stand. Auch die vier Zeitreisenden wandten die Köpfe.
„Ich hoffe, Sie sind hungrig, Mylady, die Herrschaften. Es ist angerichtet.“
Sie erhoben sich und begaben sich zu Tisch.

Erinnerungen...
Der penetrante Geruch, eine Mixtur aus Schweiß, Rauch und Alkohol, schwängerte die Luft in der Kneipe, die im herunter gekommenen Londoner Stadtteil Whitechapel gelegen war. In dieser Gegend lebten die Ärmsten – dementsprechend gefährlich war es, sich nachts in den Straßen zu bewegen. Und dennoch trieb es Graham Killthorpe immer wieder hier hin, fast so, als würde er die Gefahr noch herausfordern wollen; ganz allein stand er damit nicht, denn auch andere Studenten verschlug es zuweilen in diese Gegend.
Möglicherweise schützten ihn auch seine abgewetzte Kleidung und sein verwahrlostes Aussehen vor Übergriffen.
An diesem lauen Sommerabend im Jahre 1824 schienen die Straßen von Whitechapel jedoch sonderbar ruhig – fast so, als hielte die triste Umgebung den Atem an, weil etwas Besonderes in der Luft lag.
Die Lichtverhältnisse im Innern der Spelunke waren schummrig. Graham stiefelte zielstrebig auf den Tisch zu, an dem er sich gewöhnlich dem Alkohol widmete. Colin Watts, sein Saufkumpan, saß bereits dort und vertilgte Bier. Killthorpe setzte sich grußlos neben ihn.
Watts' Gesicht war aufgedunsen und bleich wie ein frisch gewaschenes Laken. Sein rotblonder Haarschopf stand in krassem Gegensatz zu den dunkelbraunen von Graham, und während dieser lang und hager war, begnügte sich Watts mit einem gedrungenen und übergewichtigen Körper. Auch sonst verband die beiden eine regelrechte Hassliebe: Colin hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, Killthorpe bei allen Themen zu widersprechen. Und dennoch setzten die beiden sich immer wieder nebeneinander und tranken in der Regel so viel, dass sie sich beim Verlassen der Kneipe gegenseitig stützen mussten.
Der Abend verlief wie immer nach bewährtem Muster, und bald hatten sie sich beide in Rage geredet, so dass abwechselnd Watts und dann wieder Killthorpe auf dem Tisch oder dem Stuhl standen und die ganze Kneipe unterhielten, bis der Wirt sie mit kräftigen Händen packte und zurück auf den Boden stellte beziehungsweise auf ihren Stuhl setzte.
Die Anwesenden zollten ihnen mit wenigen Ausnahmen keine Beachtung – sie waren das Gebaren der beiden inzwischen gewohnt.
Im Verlaufe des Abends fiel Graham ein kleinwüchsiger Mann auf, der still in einer Ecke saß und sie beobachtete. Er war fein gekleidet, zu fein für diese Gegend, und dennoch schenkte ihm keiner der Anwesenden besondere Beachtung. Im Gegenteil, wenn einer der Gäste seinen Blick zufällig zu dem Gentleman lenkte, so schaute er schnell wieder weg, als zwinge ihn eine gewisse Scheu dazu.
Der Blick des so einsam dasitzenden Mannes hingegen hatte etwas Eindringliches, wenn er auch nicht stechend war, sondern sanft wirkte – und eine unangenehme Faszination auf Graham ausübte, da seine Aufmerksamkeit immer wieder in diese Ecke gelenkt wurde.
Watts stand neben ihm gerade auf, um erneut lautstark über ein Thema zu lamentieren, einmal mehr über den Sinn der Pathologie. Aber mitten im Satz blieb ihm das Wort im Halse stecken, und er schaute Killthorpe verwirrt an.
„Ich ... ich muss gehen“, stammelte er, packte Mantel und Hut, ging zur Theke, um seine Zeche zu bezahlen, und verließ dann hastig die Kneipe. Von seiner Trunkenheit war ihm nichts mehr anzumerken.
Verwundert blickte Graham seinem Saufkumpan nach. Als in seiner Nähe ein Stuhl zurecht gerückt wurde, bemerkte er das Männchen, welches sich gerade hin setzte und ihn aufmerksam musterte. Sofort fühlte er sich unbehaglich und rutschte unruhig hin und her.
„Mein Name ist Cornelius Tilly“, sagte der Fremde.
Killthorpe nickte zaghaft.
„Gra ... Graham Killthorpe“, antwortete er unsicher.
„Ich weiß. Ich beobachte Sie schon länger. Und ich bin sehr interessiert an Ihrer Forschung und Ihrer Hoffnung, die Toten wieder zum Leben zu erwecken.“
Graham zögerte kurz und fragte dann: „Sie ... Sie wissen von meinen Experimenten?“
„Natürlich. Laut genug haben Sie diese ja selbst proklamiert.“
Sein Gegenüber grinste.
„Ich möchte Ihnen ein Angebot machen, Mister Killthorpe. Wenn wir beide zusammenspannen würden ... Ich bin sicher, dass davon beide Seiten profitieren könnten.“
„Wer sind Sie?“
Es kam Killthorpe so vor, als würde sich die Geschichte wiederholen. Ganz ähnlich hatte sich ihm damals auch Grittle genähert, auch wenn dieser nicht die markante Ausstrahlung von Tilly hatte.
„Wie ich bereits sagte, mein Name ist Cornelius Tilly. Aber wahrscheinlich interessieren Sie vor allem meine Beweggründe. Sagen wir einfach mal: es wäre faszinierend, jemanden aus dem Reich der Toten zurück holen zu können. Und Ruhm und Reichtum wären uns beiden gewiss.“
Er lächelte hintergründig, und Graham beschlich ein ungutes Gefühl. Dennoch fiel es ihm schwer, das Angebot, welches ihm Tilly in der Folge ihres Gesprächs unterbreitete, auszuschlagen.
Bereits während der nächsten Tage konnte Killthorpe das Labor im Keller von Tillys Haus beziehen. Sämtliche Apparaturen und Instrumente, die er auf einer Liste aufschrieb, wurden von Tilly beschafft, ebenso Chemikalien und alles weitere Nötige.
Auch um das Wichtigste war Cornelius besorgt: die Leichen. Killthorpe selbst verwies Tilly an Blacksmith und sicherte sich so auch seinen Nachschub an harten Getränken.
Die ersten Monate widmete sich Killthorpe noch nicht sehr ausgiebig seinen Forschungen – immer wieder floh er den beklemmenden Raum, in dem sich der Tod eingenistet hatte. Die ersten Versuche scheiterten erneut: wohl brachten die galvanischen Experimente die bereits bekannten Resultate – von einem Fortschritt geschweige denn Durchbruch war Graham jedoch weiter entfernt als zuvor. Eine Leiche, die durch die Wirkung der Elektrizität zu zucken begann, war nun mal noch lange nicht zum Leben erweckt.
Noch vor Ablauf des ersten halben Jahres legte Cornelius Killthorpe seine Vorstellungen des künstlich erschaffenen Lebens dar: Er wollte ein Hybridwesen erschaffen, das aus einer toten menschlichen Hülle bestand, welche im Innern eine Mechanik beherbergte, die den Leichnam zu abgestimmten Tätigkeiten antrieb.
Graham sträubte sich erst gegen diese Idee. Er begann, verbissen nach einer Möglichkeit zu suchen, die Tilly eines Besseren belehren würde: es musste doch möglich sein, einen Toten wieder ins Leben zurück zu führen!
Der Kleinwüchsige ließ ihn gewähren. Von Zeit zu Zeit brachte Cornelius mechanische Puppen nach Hause und führte sie Graham vor. Einige Exemplare wirkten tatsächlich sehr lebensecht – und waren dennoch in ihren Bewegungen viel zu hölzern. Vereinzelt zeigte Tilly dem rasch alternden Killthorpe auch Skizzen und Pläne vom Innern dieser Puppen. Die vielen Zahnräder, Drähte und Federn irritierten den ehemaligen Medizinstudenten bloß. Bei solchen Gelegenheiten drifteten seine Gedanken ab, kehrten zurück zu Zeiten, in denen die Welt noch in Ordnung war, voller Sonnenschein und Glück – nur um noch niedergeschlagener in die Tristesse und das Zwielicht in Tillys Keller zurück zu finden.
Schließlich, nach zwei, drei Jahren, hatte ihn Cornelius weich gekocht. Er begann Möglichkeiten durch zu spielen, wie sich Mensch und Mechanik verbinden ließen. Dennoch dauerte es Jahre, bis ihre Experimente von Erfolg gekürt waren.
Es war ein achtjähriges Mädchen, das an Lungenentzündung gestorben war, welches die erste von ihnen geschaffene Kreatur war, die mehrere Schritte tat. Selbst heute noch erinnerte sich Killthorpe mit Grausen an ihr von verfilztem blonden Haar umrahmtes Gesicht, ausgemergelt und mit tief in den Höhlen liegenden Augen, aus denen jeglicher Glanz gewichen war, das verschmutzte, ehemals weiße Kleidchen ...
Mit stumpfem Blick war sie immer wieder gegen den Tisch gelaufen, als hätte er nicht existiert; als Tilly ihren Körper an den schmächtigen Schultern in eine andere Richtung dirigierte, ging sie in die neue Richtung, bis sie mit der Wand kollidierte und das Spielchen von vorne begann.
Die weiteren Versuche waren nicht weniger desillusionierend: sämtliche Reanimierte verhielten sich nicht anders als das, was sie tatsächlich waren: mechanische Puppen, Roboter ohne Seele.
Die Unmöglichkeit, das Leben zurück zu geben, ließ Graham schließlich völlig abstumpfen. Als ihm Tilly schließlich vor einigen Wochen Eduard Grittles Leichnam vorgelegt hatte, damit dieser konserviert und präpariert werde, hatte er selbst nicht die geringste Regung verspürt, auch wenn Cornelius selbst das Ganze als eine Möglichkeit der späten Rache darlegte. Killthorpe war es egal.
Aber der wiederbelebte Grittle war ein kleines Meisterwerk, nahezu perfekt. Seine Bewegungen waren – im Vergleich zu früheren Objekten – bereits als geschmeidig zu bezeichnen. Zudem hatte es Graham geschafft, einige Nervenfunktionen durch die Zirkulation einer Nährlösung wieder anzuregen; auch wenn das Gehirn quasi nur auf spärlichster Flamme reagierte, konnte die lebensgroße Puppe kleine Arbeiten verrichten. Wie Tilly es allerdings schaffte, die schwachen Impulse zu kanalisieren und die Aktionen Grittles nach Wunsch zu koordinieren, blieb Killthorpe ein Rätsel.
Deswegen wurde ihm der Kleinwüchsige jedoch nicht unheimlich; zu tief hatte er sich bereits in der grauen Welt seiner Hoffnungslosigkeit verirrt, als dass er sich darüber allzu viel Gedanken gemacht hätte.
Viel lieber griff er wieder nach einem Glas mit gebranntem Wasser, um seine Erinnerungen im Alkohol zu ertränken.

Bei Tisch löste sich die Anspannung der vier Studenten aus einer anderen Zeit und Welt zusehends – die angenehme Plauderei, der Witz und Charme ihres Gastgebers trugen wesentlich dazu bei. Tatsächlich kam auch das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit auf, dem sie seit Beginn ihrer Reisen fast ständig entbehrt hatten. Meistens hatten sie sich während der einzelnen Abenteuer mit allerhand Problemen befassen müssen: ob sie nun gejagt wurden oder vor schier unlösbaren Aufgaben standen, immer hatten auch Gefahren gelauert. Und davon, so behaglich bewirtet zu werden, hatten sie eh nur träumen können.
Einzig Markus' Blick verlor sich manchmal in der Ferne, und sein Gesichtsausdruck wurde wehmütig. Außer Claire schien es jedoch niemand zu bemerken. Ob er in diesen Momenten an seine Schwester dachte, die sie auf der Reise von dem Abenteuer in seiner Welt hinüber in die mittelalterliche verloren hatten?
Sie getraute sich nicht, ihn vor allen zu fragen, und wahrscheinlich würde sie auch ihren Vorsatz, ihn unter vier Augen darauf anzusprechen, nicht in die Tat umsetzen. Sie hatte Lindsy kaum gekannt, aber sie schien eine nette junge Frau gewesen zu sein. Sie konnte Beckers Verzweiflung zudem gut verstehen, vor allem, da das Schicksal seiner Schwester ungewiss war.
Sie versuchte, sich wieder auf die Gespräche der anderen zu konzentrieren, als Gregory den Speisesaal betrat und einen weiteren Gast ankündigte.
„Sir, Mister Carter ist eingetroffen“, sprach der Butler leise an Collinsworth' Seite; aber immer noch laut genug, dass es alle hören konnten.
„Bringen Sie ihn in den Salon, Gregory. Wir leisten ihm gleich Gesellschaft.“
Sie erhoben sich vom Tisch und wanderten in den anderen Raum, wo sie bereits ein junger Mann von ungefähr zwanzig Jahren erwartete. Claire fiel sofort sein nervöses Verhalten auf: er strich sich mit der Rechten fortwährend durch sein hellbraunes Haar, seine Augen huschten unruhig hin und her, sein Teint war bleich und schien sogar noch um Nuancen heller zu werden, als er die vier Fremden gewahrte, die gleich hinter dem Hausherrn das Zimmer betraten. Sichtlich überrascht stammelte er deshalb bei der Begrüßung:
„H-hallo, Andrew. I ... ich w-wusste nicht, d ... dass du Be-besuch hast ...“
„Guten Abend, Martin.“
Collinsworth musterte den Neuankömmling kühl und wandte sich dann an seine vier ausländischen Gäste:
„Das ist Martin Carter, mein Schwager. Madlenes Bruder.“
Claire bemerkte sofort die Spannung, die zwischen den beiden herrschte, und nahm sich vor, Sir Collinsworth später darauf anzusprechen.
Sie stellten sich mit Namen vor. Bei der Geschichtsstudentin blieb Carters Blick länger als nötig haften, und er lächelte leicht. Die anderen drei musterte er mit offenkundigem Misstrauen – ganz besonders Ken. Schon fast demonstrativ setzte sich Claire neben ihren Freund und fasste nach dessen Hand. Die ersichtliche Abscheu, mit der Martin diese Geste beobachtete, steigerte ihre Abneigung ihm gegenüber noch. Jetzt verstand sie auch Collinsworth offen gezeigte Antipathie. Und fragte sich unwillkürlich, was für eine Frau Madlene wohl gewesen war.
Martin zog die Aufmerksamkeit aller auf sich, als er Andrew einen dünnen Umschlag reichte.
„Das lag vor der Haustür“, murmelte er.
„Wie nett von dir, dass du meine Post aufsammelst“, antwortete Collinsworth bissig und legte das Kuvert auf ein Tischchen.
„Vielleicht ist es wichtig“, wagte Carter einzuwerfen. Sir Andrew starrte ihn eindringlich an.
„Ich m-meine ... wenn ... wenn er um diese Zeit vor der Haustür ab ... abgelegt wurde.“
„Ich erwarte nichts.“
„Ist ja schon gut.“ Martin senkte den Kopf und stierte auf seine Hände.
Damit schien das Thema fürs Erste erledigt. Die nachfolgenden Gespräche waren angenehm: Sir Collinsworth erzählte von seinen Reisen, und Martin die eine oder andere Anekdote aus dem Londoner Leben. Wären nicht seine ständigen, intensiven Blicke in ihre Richtung gewesen, hätte ihn Claire schon fast wieder sympathisch finden können. Dan Simon jedenfalls schien sich bestens mit ihm zu verstehen – die beiden alberten ausgelassen herum und rissen Sprüche. Ken hielt sich vorwiegend zurück und Markus war in Gedanken versunken und beteiligte sich nicht an der Konversation.
Plötzlich schien sich Andrew Collinsworth wieder an den Umschlag zu erinnern, den Martin vor seiner Tür aufgehoben hatte. Er stand auf, holte einen Brieföffner und schnitt danach das Kuvert auf. Claire, die während des Vorgangs den jungen Carter im Auge behielt, bemerkte, wie sich in dessen Gesicht gemischte Gefühle widerspiegelten. Aber keinem sonst schien es aufzufallen; aller Augen waren auf den Hausherrn gerichtet.
Dieser hatte sich wieder hingesetzt und zog gerade ein gefaltetes Blatt Papier aus dem Umschlag. Er legte es auf den Tisch und strich es glatt – und wurde beim Lesen der wenigen Zeilen, die darauf waren, blass. Sein Blick fiel auf Martin, der sich zwar interessiert, aber möglichst unbeteiligt gab – ganz anders als gerade noch zuvor, wo ihn niemand beachtet hatte. Eine gewisse Unruhe konnte er dennoch nicht verbergen.
„Ich hoffe, du hast damit nichts zu tun“, sagte Collinsworth gefährlich leise. In seinen Augen glomm die aufkeimende Wut. Auch die vier Zeitreisenden konnten sehen, was auf dem Zettel stand, als Andrew seine Hand wegzog:
Werter Sir Collinsworth
Wenn Ihnen am Seelenheil Ihrer Frau (und auch an Ihrem eigenen) gelegen ist, so halten Sie morgen Abend um acht Uhr 200'000 Pfund bereit.
Hochachtungsvoll
Ein verkannter Freund
Die Gesichter aller zeigten ihre Bestürzung.
„Klingt nach einem schlechten Witz“, murmelte Dan.
„Schlecht und geschmacklos“, bekräftigte Collinsworth. „Diese Forderung ist vollkommen unsinnig. Dem Schreiber müsste doch klar sein, dass ich nicht innerhalb eines Tages diese Summe auftreiben kann. Und meine Frau ist tot – mir ist schlichtweg schleierhaft, was das Ganze soll.“
Sein strenger Blick fiel erneut auf seinen Schwager.
„Ist das wieder einer deiner Versuche...“
Der Angesprochene schüttelte hastig den Kopf.
„Damit habe ich nichts zu tun.“
Er verschweigt etwas, dachte Claire, als sie seinen gehetzten Gesichtsausdruck sah. Auch Sir Andrew schien es zu bemerken, sagte aber nichts weiter dazu.
„Nun, der Autor wird lange auf sein Geld warten müssen. Ich habe nicht vor, auf seine irrwitzige Forderung einzugehen.“
Er griff nach dem Brief und warf ihn ins Feuer.
„Ich denke, ich werde mich nun zu Bett begeben. Der Tag war lang, und ich bin nicht mehr der Jüngste.“
Die vier Zeitreisenden und Martin standen ebenfalls auf.
„Ich glaube, es wird auch für uns Zeit“, ergriff Dan das Wort.
Collinsworth nickte.
„Mister Becker, Mister Simon, ich würde Sie beide übrigens morgen Abend gerne noch mit in den Club nehmen und meinen Freunden dort vorstellen.“ Er wandte sich an Claire und Ken. „Sie beide muss ich leider davon ausschließen.“ Er zuckte bedauernd mit den Schultern. „Sie, Mister Okumoto, würden zu sehr auffallen, und Damen sind nicht zugelassen.“
„Wir werden uns die Zeit schon irgendwie zu vertreiben wissen“, grinste Claire schelmisch – und bemerkte, wie Dan das Gesicht verzog. Eifersucht? Sie wusste, dass er gerne an Kens Stelle gewesen wäre, und in gewissen Situationen hätte sie sogar schwach werden können. Aber sie hatte sich entschieden.
Auch Martin machte ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter; aber dies bereits seit Collinsworth den Club erwähnt hatte. Möglicherweise handelte es sich um eine Ehre, Sir Andrew dorthin zu begleiten, die ihm selbst noch nicht zu teil geworden war. Mitleid fühlte Claire jedoch keins – wahrscheinlich hatte er sich den Unwillen des Hausherrn nicht umsonst zugezogen.
Tatsächlich schaffte sie es, eine halbe Stunde später diesbezüglich noch ein paar Worte mit ihrem Gastgeber zu wechseln.
„Martin ist im Grunde genommen ein netter Kerl“, erzählte dieser. „Er hat das Herz auf dem rechten Fleck, frönt aber einem Laster, das ihn früher oder später auf Abwege bringen wird.“
Von der Härte und Kälte, die er seinem Schwager gegenüber an den Tag gelegt hatte, war nichts mehr zu spüren.
„Er spielt leider viel zu gerne und ist ständig in Geldnöten. Weder er noch Madlene haben jeweils darüber geredet, aber ich bin sicher, dass sie ihm ab und zu finanziell unter die Arme gegriffen hat. Wenn ich konkrete Beweise gehabt hätte, ich hätte versucht, es zu unterbinden. Die Unterstützung seiner Spielsucht konnte und kann ich nicht billigen. Er weiß das, und deswegen wird er wohl nicht versuchen, mich deswegen anzugehen.“
Er seufzte.
„Deshalb glaube ich auch nicht, dass der Brief von ihm stammt. Aber ich bin sicher, dass er den Schreiber kennt. Deshalb werde ich meinen Schwager morgen ein wenig in die Zange nehmen. Heute fehlt mir einfach die Kraft dazu.“
Nur wenig später befand sich Claire wieder in ihrem Zimmer und sann über das Erlebte nach. Sie sehnte sich nach Kens Nähe, aber sie hatten beschlossen, in getrennten Räumen zu schlafen, um Moral und Sitte des Gastgebers zu wahren.
Trotz all der Wirren der vergangenen Tage fühlte sie sich sehr entspannt und schlief bald ein. Die Nacht verlief friedlich.

Gregory hatte Martin noch zur Tür begleitet und ihn dort verabschiedet. Carter hatte noch kurz vor der Haustür ausgeharrt und in die wallenden Nebelschwaden gestarrt.
Nebel! Schon wieder.
Wie schon so oft verfluchte er das Londoner Wetter und machte sich auf den Weg zum Tor. Die Kälte und Feuchtigkeit behagten ihm überhaupt nicht; eilig schlug er den Kragen seines Mantels hoch und zog den Hut tiefer. Die Hände vergrub er in den Taschen. Dumpf knirschten seine Sohlen auf dem Kies.
Wenn er bloß schon zu Hause wäre! Aber ein Marsch von fast einer halben Stunde lag vor ihm. Die Pflastersteine glänzten feucht und waren schmierig. Carter beschleunigte sein Tempo, gab aber immer noch acht, um nicht auszurutschen in seiner Hast. Die verschwommenen Silhouetten der Vorgärten und Häuser, welche die Straße säumten, nahm er kaum wahr.
Nachdem er etwa die Hälfte des Weges hinter sich gelegt hatte, fühlte er sich bereits ein wenig wohler. Sein Körper hatte sich durch die Bewegung erwärmt, und er zog bereits die Hände aus den Manteltaschen.
Gleich zu seiner Rechten verlief ein geschmiedeter Zaun, dessen Stäbe etwa in Brusthöhe in kunstvoll geschwungenen Spitzen endeten. Er streckte die Hand aus und strich mit den Fingern daran entlang. Das Eisen fühlte sich kühl und beruhigend an.
Martin!
Zuerst nahm er das leise, verhaltene Rufen nur unbewusst war.
Martin!
Er blieb verwirrt stehen und sah sich ängstlich um. Sprach da jemand tatsächlich seinen Namen, oder vernahm er nur Fetzen eines entfernten Gespräches, die durch den Nebel entsprechend verzerrt wurden?
„Martin!“
Sein Herz setzte beinahe aus, als ihn jemand in unmittelbarer Nähe ansprach. Er drehte sich um. Ein dunkler Schemen schälte sich aus dem dichten Nebel und nahm Konturen an. Ein kleiner Mann in einem weißen Anzug sah lächelnd zu ihm hoch.
„Wie ist es gelaufen, mein junger Freund?“
Carter zuckte mit den Schultern.
„Ich habe den Brief wie verlangt abgeliefert. Er war nicht sonderlich erbaut darüber.“
Der eindringliche Blick Tillys bereitete ihm körperliches Unbehagen; dieses beklemmende Gefühl war in den Wochen, die Carter den kleinwüchsigen Wettkönig kannte, nicht geringer geworden.
Und obwohl Martin ein Jünger der Aufklärung war und an die Fakten glaubte, welche die Wissenschaften nach und nach auf den Tisch legten, so war er im Falle von Tilly geneigt, an die Gerüchte zu glauben, der in Puppen vernarrte Sammler verfüge über unheimliche Kräfte. Dieser Blick aus den hellblauen Augen schien bis auf den Grund der Seele vordringen zu können.
„Er wird das Geld nicht auftreiben können. Und er will es auch gar nicht.“
Cornelius lachte leise.
„Damit habe ich fest gerechnet. Der Brief sollte ihn bloß ein wenig aufscheuchen und ihm zu denken geben.“
„Da ist noch etwas. Er hat Gäste.“
„Gäste? Was soll das heißen?“ Nur kurz verlor Tilly die Fassung.
„Aus Übersee. Aus Amerika. Eine Frau und drei Männer, von denen einer asiatische Züge hat. Und die Frau ist sehr hübsch. Und zwei der Männer will er morgen Abend in den Club mitnehmen.“
„Dieser arrogante Bastard!“, knurrte Cornelius, nur um gleich darauf in ein Kichern zu verfallen. „Aber vielleicht kommt das meinen Plänen sogar gelegen. Er wird also morgen Abend außer Haus sein?“
„Mit Sicherheit.“
Die beiden sahen sich eine Weile an. Martin brach schließlich das Schweigen:
„Hören Sie, Tilly, ich hab getan, was Sie von mir verlangt haben. Erlassen Sie mir die Schulden wie versprochen, und ich belästige Sie nie wieder.“
„Martin, Martin. Du bist ein Spieler. Wir werden uns immer wieder begegnen. Früher oder später wirst du jemandem überdrüssig werden, und man wird deine Leiche aus der kalten Themse fischen. Wäre es dir nicht lieber, wenn ich meine schützende Hand über dich halte? Ich könnte einen tüchtigen Burschen wie dich gebrauchen.“
Carter übersah das tückische Glitzern in Tillys Augen. Er ballte seine Hände zu Fäusten und hob sie in einer drohenden Geste an.
„Sie Mistkerl. Was wollen Sie noch von mir? Ich habe Ihnen Madlene ausgeliefert, da Sie sagten, ihr werde kein Haar gekrümmt. Erinnern Sie sich? Stattdessen haben Sie sie umgebracht! Dafür könnte ich Sie an den Galgen bringen!“
Cornelius zuckte mit den Schultern.
„Ein kleines Missgeschick ...“
Er trat rasch einen Schritt zurück, um Martins zupackenden Händen auszuweichen.
„... leider. Aber sie ist nicht tot.“
„Lügner!“
Carter machte einen weiteren Schritt auf Tilly zu, aber dieser blieb stehen. Das selbstsichere Verhalten des Kleinwüchsigen irritierte Martin.
„Du enttäuschst mich, Martin. Aber damit habe ich gerechnet.“
Cornelius spitzte die Lippen und stieß einen hohen Pfiff aus. Schlurfende Geräusche erklangen, und hinter Tilly tauchte eine weitere Gestalt aus dem Nebel auf. Sie trug ein langes weißes Kleid, ihre blonden Haare fielen locker über die Schultern. Ihr Gesicht war fast so bleich wie der Stoff.
„Madlene!“ Carter konnte den Blick kaum von seiner Schwester abwenden.
„Was haben Sie mit ihr gemacht, Sie Bastard?“
„Ich sagte doch, dass sie nicht tot ist. Ich habe sie lediglich zu meinem Werkzeug gemacht.“
„Warum, Tilly? Warum tun Sie mir das an?“
„Warst nicht du selbst derjenige, der sie ausgeliefert hat? Was waren deine Gründe? Geld? Rache?“
Carter schnaubte.
„Ja, ich wollte ihr einen Denkzettel verpassen, der arroganten Göre. Ständig hat sie versucht, mich zu bevormunden. Nur weil sie diesen reichen Schnösel geheiratet hat. Und ihr Verhalten mir gegenüber in der Öffentlichkeit war manchmal mehr als peinlich.“
„Du hast deine eigene Schwester verkauft.“
Martins Augen begannen verdächtig zu glitzern.
„Verdammt, müssen Sie mir das immer wieder vorhalten? Ich weiß, dass ich einen Fehler begangen habe.“
Tränen rannen über seine Wangen, als er zu Madlene blickte, die immer noch ein wenig abseits stand. Ihr Blick war stumpf und leer, ihr Gesicht eine Maske.
„Verdammt, Tilly, was haben Sie mit ihr gemacht?“, schrie er den Kleinwüchsigen an.
„Ich habe sie ins Leben zurück geholt. Aber du siehst nicht so aus, als seist du dafür dankbar.“
Etwas in Carter zerbrach. Hätte er sich vor Cornelius Tilly die Blöße geben können, wäre er in die Knie gebrochen und hätte hemmungslos geweint. Aber sein Stolz ließ es nicht zu – noch nicht. In seinem Innern tobte ein Widerstreit der Gefühle: zum einen gab er sich selbst die Schuld daran, seine Schwester ausgeliefert zu haben, zum anderen hatte sie doch selbst auch ihr Scherflein dazu beigetragen.
„Mir war klar, dass du ein schwacher Punkt in meiner Planung bist, Martin“, plauderte unterdessen Tilly munter drauf los.
„Du bist ein zu unsicheres Element. Irgendwann wirst du reden, und wenn's nur ein Ausrutscher ist. Aber du hast einfach zu wenig Charakterstärke.“
„Warum, Tilly? Warum?“, stammelte Carter immer wieder. Er bemerkte nicht, wie Cornelius seinen Kopf wendete und Madlene anstarrte. Schweißtropfen traten auf seine Stirn, die Adern schwollen leicht an.
Die Tote setzte sich in Bewegung. Martin starrte sie an, dann stahl sich ein unsicheres Lächeln auf seine Lippen.
„Madlene“, sagte er erstickt, „es tut mir leid. Wenn ich gewusst hätte ...“
Er breitete leicht die Arme aus, wie um sie zu empfangen. Noch immer war ihr Blick stumpf, bar jeglicher Beseeltheit. Auch sie streckte die Hände aus, in die Richtung ihres Bruders.
Und packte zu. Die Finger der Rechten legten sich um seinen Hals, die Linke packte ihn am Schritt. Fassungslos gurgelte er:
„Madlene?“
Die rechte Hand drückte stärker zu, und ihm blieb die Luft weg, um noch etwas zu sagen. Seine Augen quollen aus den Höhlen, er öffnete den Mund, um nach Sauerstoff zu schnappen. Er spürte die Kraft, die in den zierlichen Fingern steckte, und fragte sich trotz – oder gerade wegen – der gefährlichen Situation, woher seine Schwester diese Brutalität hatte; sie war immer ein sanftes, zartes Mädchen gewesen.
Noch immer zeigte sich keine Regung in ihren Augen.
Carter fühlte, wie er den Boden unter den Füßen verlor. Madlene hob ihn hoch – und über ihren Kopf, um ihn gleich darauf auf den Zaun mit den eisernen Spitzen zu wuchten!
Der scharfe Schmerz des in seinen Körper eindringenden Metalls ließ Carter fast das Bewusstsein verlieren. An mehreren Stellen spürte er das kühle Eisen, wie es durch Haut und Fleisch schnitt: am Hals, wo es ihm den Kehlkopf aufriss, bei den unteren Rippen des Brustkastens, der Bauchdecke, und am linken Oberschenkel. Das rechte Bein baumelte kraftlos mehrere Handbreit über dem gepflegten Rasen.
Carters Gesicht war zur Straße hin gedreht; er glaubte, den Schatten seiner Schwester zu sehen, die sich ganz in seiner Nähe bewegte, aber er schaffte es nicht, den Kopf zu wenden. Er spürte, wie das Blut aus seinem Hals sprudelte. Seine Hände griffen ziellos nach den Stäben, auf deren scharfen Enden sein Körper lag. Verzweifelt versuchte er, daran Halt zu finden – aber sie waren bereits blutverschmiert, und seine Finger rutschten daran ab. Es gelang ihm nicht, seinen Körper aus eigener Kraft von den metallenen Spitzen zu hieven. Seine Glieder begannen unkontrolliert zu zucken; durch die Bewegung vergrößerten sich seine Wunden noch. Mehr Blut schoss aus seinem Hals, die Bauchdecke riss weiter auf und ein Teil seiner Gedärme wurde durch den klaffenden Schnitt gedrückt. Langsam rutschten sie an der Stange nach unten.
Immer deutlicher wurde Carter bewusst, dass es mit ihm zu Ende ging. Die Schmerzen waren unerträglich, wichen aber je länger je mehr der Trägheit des nahenden Todes, der sich ihm mit eiligen Schritten näherte.
Tilly betrachtete den leicht zappelnden Körper, bis jegliche Bewegung aufhörte. Lächelnd wandte er den Kopf und sah seine Schöpfung an.
„Das hast du gut gemacht, meine Liebe. Er hätte geredet. Wenn nicht morgen, dann in nächster Zeit. Bei dir – bei dir brauche ich nicht darum zu bangen.“

Der folgende Morgen verlief ereignislos. Ken half Markus bei dessen Studien der vielen Bücher in Sir Collinsworth' Bibliothek, während Dan und Claire zusammen mit dem Hausherrn einen kleinen Ausflug durch die Gegend machten.
Erst nach Mittag traf die Nachricht über Martin Carters Tod ein. Collinsworth verließ das Haus in Begleitung von Dan, um sich den Leichnam anzusehen und Martins Mutter einen Besuch abzustatten, um sein Mitgefühl auszudrücken und ihr Trost zu spenden.
Entsprechend gedrückt war die Stimmung bei den Zurückgebliebenen. In der Bibliothek, wo sich die drei restlichen Zeitreisenden aufhielten, blieb es still, mit Ausnahme von Markus' auf dem Papier kratzenden Bleistift sowie dem Rascheln des Papiers, wenn Ken oder Claire die Seite eines Buches umschlugen.
Auch sonst war im Haus nichts zu hören, abgesehen vom Ticken der unzähligen Uhren. Gregory hatte sich entweder zurückgezogen oder schlich auf leisen Sohlen durch die Räume. Die Atmosphäre hatte etwas Gespenstisches; Claire war die erste, die es nicht mehr aushielt.
„Ich muss für eine Weile raus“, murmelte sie leise und stand auf, um sich an der frischen Luft die Füße zu vertreten. „Kommt jemand mit?“
Die beiden anderen sahen auf und schüttelten den Kopf.
Aber auch draußen vermochte Claire keine Entspannung zu finden – insbesondere, da sie sich nicht allzu weit vom Haus zu entfernen getraute.
So verging der Rest des Tages mit quälender Langsamkeit.
Collinsworth und Simon kamen pünktlich zum Fünf-Uhr-Tee zurück. Die Mienen der beiden drückten ihre düstere Stimmung aus. Entsprechend gedrückt war die Atmosphäre an dem schweren Holztisch. Nur wenige Sätze wurden gewechselt. Erst als sich Collinsworth zurück gezogen hatte, um sich für den Abend zurecht zu machen, ergriff Dan das Wort.
„Ich werde ihm helfen.“
Die anderen sahen ihn mit offenen Mündern an. Er bemerkte ihre verwirrten Blicke.
„Collinsworth. Er ist fest davon überzeugt, dass der Mord an seiner Frau und der an ihrem Bruder zusammen hängen. Er will sie aufklären.“
„Ist das nicht Sache der Polizei?“, wagte Markus einzuwerfen.
Der Sportstudent zuckte mit den Schultern.
„Die unternehmen nicht wirklich viel. Und ich denke, wir sind es Sir Collinsworth schuldig, nach allem, was er für uns tut.“
„Ist euch eigentlich aufgefallen, dass wir fast in jeder Zeit und Welt, in der wir landen, die Probleme von Menschen oder gar Völkern lösen müssen? Langsam wird mir das unheimlich“, bemerkte Ken.
Dan murmelte etwas von „Jetzt kommt bestimmt irgendwelcher Karma-Quatsch“, was ihm einen bösen Blick der anderen eintrug. Claire ergriff sofort Kens Partei.
„Vielleicht hat Ken aber recht, und wir sind wirklich von einer höheren Instanz - und wenn es nur das Schicksal ist - dazu auserkoren, eine Hüterrolle zu übernehmen.“
„Blödsinn“, murrte Dan. Aber es war Markus, der weitere Betrachtungen mit zwei knappen Sätzen unterband:
„Solche Diskussionen führen zu nichts. Mir gibt eher zu bedenken, dass wir mit jedem Eingriff Weichen stellen, die den Lauf der Dinge verändern.“
Betroffen senkten alle ihre Köpfe. Ihnen war klar, dass Markus auf das Großvater-Paradoxon anspielte. Angenommen, jemand reist in der Zeit zurück, um seinen Großvater in jungen Jahren zu ermorden, so wird dieser niemals Kinder zeugen können. Folglich wird auch sein Enkel nie auf die Welt kommen und somit auch nie den Schritt zurück in die Vergangenheit tun und seinen Großvater ermorden können. Also wird dieser dennoch heiraten, Kinder und Enkelkinder kriegen – und somit besteht wieder die Möglichkeit an dem Mord an ihm.
Oder in kurzen Worten: jeder Eingriff in die Vergangenheit kann verheerende Auswirkungen für die Zukunft haben.
„Darüber haben wir noch gar nie richtig nachgedacht, oder?“, fragte Claire bleich.
Und Dan: „Ich erinnere mich gerade an eine Halloween-Folge der Simpsons ... mir wird schlecht.“
Markus winkte ab.
„Darüber nachzudenken bringt gar nichts. Damit machen wir uns nur verrückt. Außerdem waren wir immer in anderen Welten als unserer.“
„Wie kannst du dir da so sicher sein?“, wagte Claire einzuwerfen. „Möglicherweise haben wir bereits in einer Vergangenheit so eingegriffen, dass die Zukunft unserer Welt sich veränderte – und wir sie gar nicht erkannten oder nicht mehr erkennen werden.“
„Mal den Teufel nicht an die Wand“, murmelten Ken und Dan fast synchron.
Markus schwieg einen Moment. Erneut wurde ihm bewusst, wie dringend nötig es war, dass sie in ihre eigene Zeit und Welt zurück kehrten. Dann sagte er:
„Wenn wir den Schaden bereits angerichtet haben sollten, können wir ihn eh nicht mehr ändern. Ich bin dafür, dass wir Dans Vorschlag aufgreifen und Sir Collinsworth helfen. Um alles andere können wir uns später kümmern.“
Die Gesichter seiner Gefährten spiegelten ihre Gefühle wieder: innere Zerrissenheit, Zweifel, Heimweh. Er hoffte wirklich inbrünstig, die Zeitmaschine möge sie bei ihrem nächsten Sprung zurück nach Hause bringen. Ansonsten waren die Aussichten für ihre Gruppe mehr als schwarz.
Seine Gedanken schweiften ab, das Bild seiner Schwester drängte sich in den Vordergrund. Stumm stand er auf und begab sich in die Bibliothek. Bevor Collinsworth um Dans und seine Begleitung bitten würde, wollte er sich noch ein wenig in die Bücher vertiefen, um die trüben Gedanken wenigstens einigermaßen zu vertreiben.

Markus und Dan hatten sich den Club pompöser vorgestellt; immerhin trafen sich hier doch vor allem gut betuchte Männer. Aber bereits als sie sich dem Haus näherten, stellte sich dieses als unscheinbar dar und unterschied sich in nichts von den anderen Gebäuden der Straße. Sie mussten einen kleinen, aber gepflegten Garten durchqueren, um zur Haustür zu gelangen. Selbst der Türklopfer war schlicht: eine Messingkugel mit zwei Ausläufen, die in der Halterung steckten.
Ein hagerer alter Mann öffnete ihnen die Tür. Der spärliche Anteil von weißem Haar, der sich noch auf seinem Kopf befand, stand wirr nach allen Richtungen. Seine Miene wirkte unbeteiligt, aber Dan entging nicht der lebendige Ausdruck in den Augen des Butlers.
„Guten Abend, Raoul“, begrüßte Andrew Collinsworth den Alten, der höflich nickte, ansonsten aber keinen Ton von sich gab. Mit fast unheimlicher Lautlosigkeit machte er die Tür frei, um die drei Herrschaften einzulassen.
„Er schweigt wie ein Grab“, lächelte Sir Collinsworth. „Wir sind uns nicht mal sicher, ob er stumm ist, oder ob er zu Beginn seiner Anstellung mal ein Wort gesagt hat. Das liegt ja auch schon lange zurück.“
Sie betraten die Empfangshalle. Hier sah man schon deutlicher, welch Reichtum die Besitzer besaßen – dennoch wirkte es nicht protzig oder aufdringlich. Gemälde und Gobelins waren so platziert, dass der Besucher erst Lust verspürte, sie eingehender zu betrachten, wenn er direkt davor stand.
Im großen Salon standen mehrere gemütliche Sessel. Ein Mann Mitte dreißig saß in einem von ihnen und stopfte eine kunstvoll geschnitzte Pfeife. Ansonsten befand sich niemand in dem Raum, aber darauf hatte Sir Collinsworth seine beiden Gäste bereits vorbereitet. Die meisten Clubmitglieder würden erst im späteren Verlauf des Abends eintreffen.
„Guten Abend, Peter“, begrüßte Andrew den Mann im Sessel. Dieser sah auf, als hätte er das Trio erst jetzt bemerkt, legte die Pfeife hin und erhob sich.
„Peter Caleigh, ein angesehener Anwalt. Der Beste, wenn Sie mich fragen“, stellte Collinsworth ihn vor.
„Und Sie müssen die beiden Amerikaner sein“, begrüßte Caleigh die beiden. Sein Händedruck war fest.
„Eigentlich bin ich deutscher Herkunft“, warf Markus ein. „Aber ich lebe schon lange in Übersee. Sehr erfreut, Sir Caleigh.“
Sie verteilten sich auf die Sessel.
Peter Caleigh war ein stämmiger Mann, der in einem viel zu engen dunklen Anzug steckte, der überall spannte. Dementsprechend unruhig bewegte er sich. Erst, als er sich wieder seiner Pfeife widmete, schien ihm die Enge seiner Kleidung nichts mehr auszumachen.
Nachdem sie es sich alle gemütlich gemacht hatten, wandte sich Collinsworth an Caleigh.
„Hast du bereits etwas heraus gefunden, Peter?“
Dieser schüttelte leicht den Kopf.
„Leider nein. Die Handschrift ist mir unbekannt, und auch in meinem Bekanntenkreis konnte niemand etwas dazu sagen. Keine ähnlichen Fälle. Hast du dir nochmals überlegt, wer in Frage kommen könnte?“
„Keine Ahnung. Ich bin aber fast davon überzeugt, dass der Mord an Martin ebenfalls damit zusammen hängt.“
„Hm... Ich werde mich mal umhören, wo – und mit wem – sich der Junge in den letzten Tagen so herum getrieben hat.“
Sie begannen, über belanglosere Dinge zu plaudern. Caleigh war ein weit gereister Mann mit immensem Wissen; ein angenehmer und interessanter Gesprächspartner, aber Markus und Dan mussten auf der Hut sein, um sich nicht zu verplappern. Jetzt wären sie wahrlich froh um Claires Beistand gewesen – um sich nicht in einem Lügennetz zu verstricken, schwiegen sie lieber, auch wenn sie dadurch vielleicht einen kulturell und politisch uninteressierten Eindruck machten.
Als noch weitere Gäste eintrafen, verging der Abend wie im Flug.

Vorsichtig schlüpfte Claire unter der Decke hervor und trabte nackt, wie sie war, hinüber zum Stuhl, über dessen Lehne sorgfältig zusammengefaltet ihr Nachtkleid lag. Sie streifte es über und strich es glatt, fühlte dabei ihren Körper mit einer Intensität wie noch nie unter ihren Fingerspitzen. Noch vor einigen Minuten waren es Kens Hände gewesen, die zärtlich ihre Haut gestreichelt hatten. Sie lächelte und schaute zum Bett hinüber. Ein leises Schnarchen drang zwischen den Decken hervor.
Anscheinend hatte sie ihn doch ein wenig zu stark gefordert. Andererseits war es ein langer Tag gewesen, und auch sie selbst fühlte sich müde – schaffte es aber nicht, einzuschlafen. Sie war zu aufgewühlt.
Bisher hatten Ken und sie noch nicht wirklich viel Zeit miteinander verbringen können. Was lag näher, als die paar Stunden, die alle andern (vom Personal mal abgesehen, aber das hielt sich eh im unteren Stock auf) außer Haus waren, ausgiebig zu nutzen?
Sie versuchte, sich an die Zärtlichkeiten zu erinnern, die Ken ihr ins Ohr geflüstert hatte, welche Stellen seine Hände berührt hatten, an die Wärme seines beim Liebesspiel aufgeheizten Körpers. Im Taumel der Lust hatte sie alles nur verschwommen wahrgenommen, und unwillkürlich musste sie vor sich hin grinsen. Wie laut waren sie wohl gewesen? Ob Gregory etwas gehört oder bemerkt hatte?
Möglicherweise, aber sie konnte sich nur schwer vorstellen, dass der alte Knabe in Sachen Sex besonders kundig war.
Der Fußboden war kühl. Nachdem sie nicht mehr die Wärme des Bettes um sich hatte, wurde ihr bewusst, welche Jahreszeit herrschte. Sie hüpfte ein wenig hin und her und schaute neidisch auf das Bündel, in dem gut verpackt Ken lag.
Sie spielte mit dem Gedanken, sich noch ein Glas Milch oder Wasser zu holen, verwarf ihn dann aber wieder. Stattdessen ging sie zum Fenster hinüber. Der Anblick des Nebels würde ihr das Zimmer wieder heimeliger und das Bett behaglicher machen.
Sie sah durch die Scheiben nach draußen. Ganz so dicht, wie sie erwartet hatte, war der Nebel nicht. Sie konnte sogar das Tor und die feucht glänzende Straße davor sehen. Und die Gestalt, die sich dort herum trieb!
Im ersten Moment dachte sie sich nichts weiter dabei – wahrscheinlich ein nächtlicher Passant. Als er nach einer Minute noch nicht weiter gegangen war, wunderte Claire sich dennoch. Der Mann schien nur da zu stehen und den Eingangsbereich des Hauses zu beobachten.
Fröstelnd schlang die Geschichtsstudentin die Arme um ihre Schultern und warf einen kurzen Blick zu Ken hinüber. Der schlief noch immer tief und fest. Noch war sie unentschlossen, ob sie ihn wecken sollte oder nicht, als sie glaubte, im Haus Geräusche zu hören. Wahrscheinlich nur Gregory, der von einem Zimmer ins andere ging, dennoch... ein ungutes Gefühl hatte sie erfasst.
Sie tapste hinüber zum Bett und zog die Decken weg, um Ken wach zu rütteln.
„Was ist?“, hob er verschlafen den Kopf.
„Da ist jemand unten an der Straße ...“
„Na und? Lass ihn doch.“
„Der ist irgendwie unheimlich. Kannst du nicht wenigstens mal zum Fenster rausschauen?“
„Wenn's sein muss“, brummte Ken unwillig und wälzte sich schwerfällig aus dem Bett. Es war ihm deutlich anzusehen, dass ihm die Störung nicht behagte.
Als er am Fenster stand, wurde er schlagartig wacher.
„Wie lange, sagst du, steht der schon da?“
„Schon 'ne ganze Weile. Mehrere Minuten, würde ich sagen.“
„Ob das der Typ ist, der den Brief gebracht hat?“
„Vielleicht. Sollen wir runter gehen und ihn fragen?“, fragte Claire bissiger als beabsichtigt.
„Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist. Scheint mir äußerst zwieli ...“
Ein Poltern aus dem unteren Stockwerk unterbrach Kens Satz. Die Beiden schauten sich an.
„Ich glaube, wir sollten mal nach dem Rechten sehen“, meinte Okumoto zaghaft.
„Gute Idee. Geh du voraus“, grinste Claire blöde.
„Wahrscheinlich ist es eh nur Gregory, der was fallen gelassen hat.“
„Genau.“
Ken fasste sich ein Herz, griff nach einer Kerze und zündete sie an. Dann schlich er zur Tür, dicht gefolgt von Claire, und legte sein Ohr daran. Als nichts weiter zu hören war, öffnete er sie, trat auf den Flur hinaus und wandte sich der Treppe zu.
Von unten her waren undefinierbare Geräusche zu hören, als würde jemand Möbel rücken. Ken und Claire sahen sich an. Dann nahm der Amerikaner japanischer Abstammung die ersten Stufen in Angriff.

Der Butler war noch auf. Der Abend war noch nicht so weit fortgeschritten, und trotz seines Alters befand sich Gregory in der Regel bis um 23, 24 Uhr für seinen Herrn in Bereitschaft, erledigte noch die eine oder andere Arbeit im Hause – und war dennoch am nächsten Tag bereits vor sechs Uhr wieder aus den Federn.
Das frühe Verschwinden des Paares auf eines ihrer Zimmer hatte er missbilligend, aber stumm zur Kenntnis genommen. Ihr Verhalten wies darauf hin, dass sie nicht bloß nur Freunde waren. Obwohl Gregory sich nicht erklären konnte, was ein hübsches junges Ding wie Miss Bancroft an dem Mischling fand. Der Verfall von Sitte und Moral schien in Amerika tatsächlich schon sehr weit fortgeschritten.
Er versuchte dennoch, keinen Anstoß daran zu nehmen; die vier jungen Menschen waren Sir Collinsworth' Gäste, und mit dem entsprechenden Respekt behandelte er sie.
Er war gerade im Wohnraum und räumte mit gelassener Miene auf, als er das Klopfen an der Türe hörte. Er schaute auf eine der unzähligen Uhren, die auch in diesem Raum verteilt waren. In Sir Andrews Haus ließ sich die Frage nach der Tageszeit äußerst leicht beantworten: ein Blick in eine beliebige Richtung reichte aus.
Aber wer wollte zu so später Stunde noch etwas von ihnen?
Etwas unwillig ging Gregory zur Haustür und öffnete sie. Die Frau vor dem Haus war ungewöhnlich bleich, ihr Blick stumpf und leer, der Mund leicht geöffnet. Die ehemals volle blonde Haarpracht wirkte dünn und hatte ihren Glanz verloren. Das weiße lange Hemd war zerrissen, eine ihrer kleinen Brüste schimmerte fahl durch den ausgefaserten Stoff. Trotz ihres desolaten Zustands verschwendete Gregory nur einige Sekundenbruchteile, um sie zu erkennen.
„Mylady?“
Sein Gesicht verlor sämtliche Farbe.
Madlene Collinsworth war doch tot!
Sämtliche Geschichten, die er je über Gespenster gehört hatte, schossen ihm durch den Kopf. Angst bemächtigte sich seiner, dennoch trat er einen Schritt zurück und gab seiner ehemaligen Herrin den Weg frei.
„Wa ... warum kommen Sie nicht rein“, stammelte er. Er drohte endgültig die Beherrschung zu verlieren, als er ihren hölzern wirkenden wankenden Schritt bemerkte, mit dem sie über die Schwelle trat. Am liebsten wäre er kreischend von dannen gerannt, aber noch zwang ihn die gute alte britische Schule, wenn schon nicht die gewohnte Kühle zu bewahren, so doch eine solche zur Schau zu stellen.
Madlenes Kopf drehte sich ruckartig hin und her, als würde sie jemanden suchen. Dann wandte sie sich langsam dem Butler zu, der darauf bedacht war, einen Sicherheitsabstand zwischen sich und dem unheimlichen Wesen zu wahren. Als sie sich ungelenk in seine Richtung in Bewegung setzte, wich er durch die Halle zurück. Ihr toter Blick verfolgte seinen Weg, noch bevor sie den Kopf drehte und zu weiteren Schritten ansetzte, die sie wieder in seine Nähe brachten. Immer wieder blieb sie stehen, als müsste sie sich neu orientieren – ohne Gregory jedoch je aus den Augen zu lassen.
Als der Butler die Wand in seinem Rücken spürte, wurde es ihm doch zu unheimlich, und er beschloss, um Hilfe zu rufen – selbst wenn Sir Andrews Gäste nicht gestört werden mochten und ihn außerdem in dieser peinlichen Situation finden würden.
Aber seine frühere Dienstherrin war bereits bei ihm. Fast unerträglich langsam hob sie die Hände, während sich Gregorys Mund langsam öffnete. Bereits spürte er die Berührung ihrer Finger an der Haut seines Halses - sie war kalt und unangenehm. Ruckartig verengte sie ihren Griff um die Kehle des Butlers; die Luft wurde ihm abgeschnürt, und aus dem geplanten Schrei wurde nicht mehr als ein röchelndes Krächzen.
Gregory spürte, wie er den Boden unter den Füßen verlor und sich der Druck an seinem Hals weiter verstärkte. Rote und schwarze Flecken tanzten vor seinen Augen, als er verzweifelt nach Luft rang. Seine Hände kamen empor, seine Finger krallten sich in Madlenes Unterarme und rissen die überschminkte Haut auf. Kein Blut trat aus den Kratzern, aber das nahm der Butler gar nicht mehr bewusst war.
Er spürte auch kaum, wie ihn Madlene an der Wand entlang zog und seine Kleidung in Unordnung geriet.
Die lebende Tote hielt den Mann mit Leichtigkeit etwa zwanzig Zentimeter über dem Boden; ein Kraftakt, den man ihrem zierlichen Körper nicht zugetraut hätte. Jetzt winkelte sie die Arme leicht an, und der Butler wurde von der Wand weg gezogen – nur um gleich darauf mit dem Kopf wieder gegen die Wand gedonnert zu werden. Obwohl Madlenes Finger ebenfalls hart an das Holz schlugen, lockerte sie ihren Griff um keinen Millimeter.
Gregory spürte den dumpfen Schlag, als sein Hinterkopf gegen die Täfelung krachte. Ein scharfer Schmerz zog sich über seinen ganzen Schädel, und er versuchte noch einmal - obwohl bereits am Rande der Bewusstlosigkeit – den brutalen Griff der abendlichen Besucherin zu sprengen. Ergebnislos.
Als sein Kopf das dritte Mal mit der Wand kollidierte, platzte die Haut, und feine Blutstropfen spritzten über das Holz. Der vierte Schlag wurde begleitet von einem vernehmlichen Knacken, als die Schädeldecke einriss. Gregory verlor das Bewusstsein.

Ken erreichte das Ende der Treppe und blieb wie erstarrt stehen. Claire drängte sich eng an ihn und versuchte, an ihm vorbei zu sehen.
„Großer Gott“, murmelte der Informatikstudent. Er nahm das Geschehen auf, ohne es im ersten Augenblick überhaupt zu begreifen:
Am andern Ende der Eingangshalle stand eine zierliche Frau mit langen blonden Haaren, die ihr tief in den Rücken fielen. Gekleidet war sie in ein langes ehemals weißes Kleid, das entfernte Ähnlichkeit mit einem Nachthemd und schon bessere Tage gesehen hatte. Aus seiner Position konnte Ken das Gesicht der Frau nicht sehen, dafür aber, wie sie mit spielerischer Leichtigkeit den Butler in der Luft hielt. Die Täfelung, gegen die sie ihn immer wieder schlug, war über und über mit Blut bespritzt und verschmiert. In langen dünnen Bahnen lief es über die Wand Richtung Boden, wo sich bereits eine kleine Pfütze gebildet hatte. Gerade eben krachte Gregorys Schädel erneut gegen das Holz.
Hinter Okumoto gab Claire ein würgendes Geräusch von sich.
„Bleib zurück“, hauchte er ihr zu, nachdem er die ersten Schrecksekunden überwunden hatte. Fieberhaft suchte sein Blick die Umgebung ab, um irgendetwas zu finden, mit dem er Claire und sich verteidigen konnte. Denn dass die Unheimliche nicht in liebenswürdiger Absicht hier war, bewies ihr gewalttätiger Umgang mit dem Butler. Dessen Körper schlenkerte nur noch leblos, wenn er von ihren Armen gegen die Wand geschlagen wurde. Möglicherweise war er bereits tot.
Kens Aufmerksamkeit wurde schließlich von einem Säbel in Anspruch genommen, der zur Zierde an der Wand hing. Nur hing er an derselben Seite des Raumes, an welcher die Fremde stand, etwa drei, vier Meter neben ihr.
Und Ken wusste nicht, wie sie reagieren würde, wenn sie ihn bemerkte – mit Sicherheit aber nicht freundlich
Er fasste nach hinten und suchte Claires Hand, um sie zu drücken.
„Wir schaffen das“, murmelte er. Die Geschichtsstudentin wollte ihren Griff kaum lockern, aber er machte sich bestimmt frei, ohne sie anzusehen.
Was hast du vor? formten ihre Lippen – aber sie getraute sich nicht, den Satz laut auszusprechen. Und bevor sie ihn zurück halten konnte, hatte er bereits die Hälfte der Halle durchquert. Sein Blick wanderte vom Rücken der Frau zum Säbel und wieder zurück. Trotz seiner hastigen Schritte versuchte er, möglichst leise zu bleiben. Die Fremde schien völlig in ihrer morbiden Tätigkeit gefangen zu sein. Kens Hände wurden feucht, je näher er der Zierwaffe kam, der Schweiß brach ihm aus.
Wie lange würde es dauern, bis die Unheimliche auf ihn aufmerksam wurde? Würde er es bis zu dem Säbel schaffen?
Als sich seine Hand um den Griff der Waffe schloss, stieß er einen Seufzer der Erleichterung aus, wandte sich der Frau zu. Sie hatte sich leicht gedreht und sah ihn mit seltsam ausdruckslosem Gesicht an. Noch immer umklammerten ihre Hände Gregorys Hals, aber sie hatte die Arme sinken lassen, so dass die Füße des Butlers nun über den Boden schleiften. Ken würgte, als er die Auswirkungen ihres Tuns sah: der Hinterkopf war nicht mehr als eine blutige Masse, in dem ein großes Loch klaffte. Das weiße Haar um die Wunde war dunkelrot getränkt und verklebt, er konnte helle Knochensplitter und Bruchstücke der Schädeldecke ausmachen, die im Fleisch staken. Ein schmieriger dunkler Klumpen glitt aus der Öffnung, als sich die Frau leicht bewegte, und klatschte auf den Boden.
Beinahe hätte sich Ken übergeben, aber die Fremde ließ den leblosen Körper des Butlers nun einfach los und zu Boden plumpsen; die Finger des Informatikstudenten krampften sich um den Griff des Säbels.
Sein schon durch seine Herkunft bedingtes Interesse an Martial Arts verlieh ihm eine gewisse Sicherheit im Umgang mit Schwertern – davon, ein Fechtmeister zu sein, war er jedoch weit entfernt. Für diese ... Kreatur würden seine Künste aber hoffentlich reichen. Er spannte all seine Muskeln an und bewegte sich leicht rückwärts und von der Wand weg, um eine möglichst gute Position zu erhalten.
Seine Gegnerin bewegte sich nicht sonderlich schnell (und auch nicht sehr elegant), was ihm zusätzliche Hoffnung gab. Er hütete sich jedoch davor, sie zu unterschätzen. Die spielerische Leichtigkeit, mit welcher sie Gregory hoch gehoben und gegen die Wand geschlagen hatte, warnte ihn – sollte sie ihn in ihre Finger kriegen, standen die Karten mit Sicherheit schlecht.
Im Moment tat sie jedoch nichts weiter als auf ihn hin zu schreiten und die Hände nach ihm auszustrecken. Noch immer hatte sie diesen stumpfen Blick, der nun starr auf ihn gerichtet war. Unwillkürlich fragte er sich, ob sie wohl unter Drogen stand. Dazu das fast makellos weiße puppenhafte Gesicht ...
Okumoto holte mit dem Säbel aus und hieb ihr auf die Finger – mit der flachen Seite der Klinge. Jeder normale Mensch hätte darauf äußerst empfindsam reagiert und die Hände zurück gezogen – aber die Frau zeigte keine Reaktion. Unbeirrt hielt sie die Arme ausgestreckt, auf seinen Hals gerichtet, und tappte weiter auf ihn zu. Ken wich zurück und schlug erneut zu. Mit jedem seiner Hiebe wuchs die Überzeugung, die Frau müsse beeinflusst worden sein – ob nun hypnotisiert oder mit Rauschmitteln oder Medikamenten, spielte dabei keine große Rolle. Da sie stur weiter auf ihn zu steuerte, würde sie ihn früher oder später in arge Bedrängnis bringen. Noch konnte er zurück weichen, versuchte dabei, die Treppe zu meiden, an dessen unterem Ende noch immer Claire stand, die Faust geballt und zum Mund geführt hatte, um in die Knöchel zu beißen. Einen Moment spielte er mit dem Gedanken, die Frau zum Eingang und aus dem Haus zu locken; aber allein das Öffnen der Tür würde ihn zu lange ablenken und der Unheimlichen die Zeit geben, ihn zu erwischen.
Also zog er einen Kreis und führte den Säbel weiter gegen sie. Einmal schaffte er es, ihr Gesicht zu treffen – aber auch das rief keine Reaktion hervor.
Und noch immer sträubte sich alles in ihm dagegen, die Klinge der Waffe zu benutzen. Und seine Kräfte begannen langsam aber sicher zu erlahmen.
Es war Claire, welche die Wende einführte. Aus den Augenwinkeln nahm Ken wahr, wie sie sich von ihrem Platz entfernte.
„Claire, nein!“, keuchte er und entging nur mit einem raschen Satz den nach ihm greifenden Händen.
Er wandte den Kopf und sah, wie seine Freundin auf einen Stuhl zu eilte, diesen an der Lehne packte und sich dem kämpfenden Paar zuwandte.
Die wenigen Augenblicke der Ablenkung hatten der Fremden genügt, sich Ken ausreichend zu nähern. Fünf ihrer Finger schlossen sich um seine Schultern. Der Amerikaner japanischer Abstammung bemerkte sofort die Kraft, die darin steckte. In einer verzweifelten Abwehraktion schwang er den Säbel hoch und schlug die Klinge in den Hals der Frau und ließ sich danach fallen; er schaffte es tatsächlich noch, aus dem harten Griff zu rutschen.
Mit weit aufgerissenen Augen sah er hoch. Ein weit auseinander klaffender Schnitt hatte die Kehle der Frau durchtrennt. Ein dunkler Saft, der Ähnlichkeit mit Öl hatte, rann träge aus der Wunde, aber kein Blut schoss hervor.
Sie ist kein Mensch! durchschoss es Ken.
Er stieß sich mit den Beinen ab und rutschte über den Boden von ihr weg. Ein kurzer Blick zu Claire zeigte ihm, dass diese wieder zurückgewichen war, Erschrecken in den Augen. Er schenkte ihr nur ein kurzes Lächeln, nicht sicher, ob sie es überhaupt wahr nahm, und kämpfte sich dann wieder auf die Füße.
Der Anblick des starren, unberührten Gesichtes seiner Gegnerin, unter dessen Kinn die tiefe Wunde wie ein zweiter triefender Mund wirkte, war entsetzlich. Okumoto legte sämtliche Hemmungen ab, als er wieder mit dem Säbel zuschlug. Die Klinge hackte in ihre ausgestreckten Hände, die Haut platzte weg, und die Wunden gingen bis auf die Knochen. Aber auch hier: kein Blut.
Was, zum Teufel, ist das? fragte sich Ken, während ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Ein verdammter Zombie?
Er wich weiter zurück. Vom rechten Arm der Angreiferin hing ein Stück Fleisch – fahl an der Außenseite, innen schwärzlich verfärbt. Der seltsame Geruch, den Ken vorhin nur unbewusst wahr genommen hatte, intensivierte sich. Er schlug erneut zu, schaffte es, die (eh kaum vorhandene) Deckung der Fremden zu durchbrechen. Die Klinge schlug eine tiefe Kerbe mitten durch ihr Gesicht. Über der rechten Wange hing ein Hautlappen nach unten, der blanke Knochen kam zum Vorschein. Ken konnte es immer noch nicht fassen, dass die Frau weiter unbeirrt auf ihn zu stakste.
Zerstöre ihr Gehirn, riet ihm seine innere Stimme. Aber sie hatte bereits die Arme wieder erhoben, ein Schlag auf den Kopf wurde damit erschwert – und um die Schädeldecke zu zertrümmern, würde er viel Kraft in den Hieb stecken müssen. Kraft, die er nicht mehr hatte.
Stattdessen stach er einfach zu, auf ihren Bauch. Irgendwie musste dieses Monster doch zu besiegen sein!
Okumoto spürte, wie die Klinge im nachgiebigen Fleisch versank. Ein eigenartiges Knirschen erklang. Die Bewegungen der Frau stockten, und für einen kurzen Moment glaubte Ken, in ihren Augen eine Regung zu erkennen. Möglicherweise täuschte er sich aber.
Er drehte den Säbel, bis die Klinge aufwärts zeigte. Noch immer erklang ein seltsames Knacken. Ken zog seine Waffe nach oben und schnitt die Bauchdecke auf. Der Stoff des Kleides wurde mit angehoben, bis sich die Säbelspitze irgendwo verhakte. Ein hässliches lautes Knirschen erklang, ein heller metallischer Knall, der Ken den Griff loslassen und zurückweichen ließ. Rauch kräuselte auf, während der Blick der Unheimlichen noch immer auf dem Informatikstudenten lastete. Ihre Hände öffneten und schlossen sich im hilflosen Versuch, etwas zu fassen zu kriegen.
Dann verlor sie das Gleichgewicht und kippte hintenüber. Ken sprang mit einem erschrockenen Satz zurück und blieb dann abwartend stehen. Aber die Frau rührte sich nicht mehr.
Okumoto warf einen raschen Blick zu Claire hinüber, die wieder abwartend bei der Treppe stand. Ihr Gesicht spiegelte sämtliche ihrer Gefühle wider: Furcht, Sorge um ihn, der Wille, einzugreifen und ihm zu helfen.
Ken näherte sich der reglosen Gestalt am Boden. Wie gefroren lag sie da, auch, als er sie mehrere Male vorsichtig mit der Fußspitze antippte.
Schließlich blickte er wieder zu seiner Freundin rüber, zuckte mit den Schultern und ließ sich dann neben der fremden Frau auf die Knie sinken, rechnete aber unterbewusst immer noch mit einer Reaktion und war entsprechend angespannt.
Er griff nach dem Säbel und zog versuchsweise daran. Das entstehende krächzend-kreischende Geräusch ließ ihn zurück fahren. Aber immer noch gab die Unbekannte kein Lebenszeichen von sich. Er fasste erneut Mut, packte die Waffe fester und zerrte daran, drehte sie hin und her, vor und zurück, bis er sie aus ihrem Leib ziehen konnte.
Claire war näher heran getreten.
„Was war das?“, hauchte sie. Ken zuckte mit den Schultern.
„Es klang ... hm ... metallisch.“
Er bemerkte Bancrofts scheuen Blick auf den Bauch mit dem langen Schnitt. Die Wundränder klafften kaum auseinander. Der Informatikstudent würgte allein schon bei dem Gedanken daran, aber dann fasste er sich ein Herz. Er riss das Kleid weiter auf und benutzte die beiden Hälften, um nicht mit den nackten Händen in die Verletzung greifen zu müssen. Dennoch spürte er durch den Stoff, wie kühl das Fleisch war.
Als er die beiden Hälften ihrer Bauchdecke zur Seite zog und dieses Unterfangen von einem schmatzenden Geräusch begleitet wurde, übergab er sich beinahe. Aber dann ließ ihn der überraschende Anblick seine Übelkeit vergessen:
In der Bauchhöhle befanden sich mehrere Zahnrädchen, Stängchen, Riemen und Federn. Er atmete tief durch.
Claire war neben ihn getreten.
„Ein... Roboter?“
„Eher eine Art Cyborg wie bei 'Terminator'.“
Ken schüttelte ungläubig den Kopf. Schließlich, nach langen Momenten, zog er seine Hände zurück und erhob sich. Immer wieder wischte er seine Finger an seinen Hosen ab.
„Sag mal, Schatz – hattest du vorhin aus dem Fenster nicht jemanden gesehen?“
„Doch.“
Sein Gesicht nahm einen grimmigen Ausdruck an, dann nahm er den Säbel wieder auf und schritt zur Tür. Claire folgte ihm wieder – mit den beiden Toten wollte sie lieber nicht allein in einem Raum sein.
Draußen hielt immer noch der Nebel die unangefochtene Herrschaft über die nächtlichen Straßen. Die beiden konnten nicht mal bis zum Tor sehen. Ken ging hin, aber obwohl er einmal glaubte, einen sich bewegenden Schatten zu sehen, und seinen Schritt beschleunigte, entdeckte er niemanden.
Mit einem mulmigen Gefühl im Magen kehrten sie ins Haus zurück.

Ewigkeiten vergingen für die beiden, bevor Sir Collinsworth, Markus und Dan aus dem Club zurück kehrten.
Claire und Ken konnten kaum ein Wort sagen, als Andrew bereits in die Mitte des Raumes rannte und sich neben der toten Unbekannten in die Knie fallen ließ. Zärtlich griffen seine Hände nach ihrem Kopf und betteten ihn auf seinen Oberschenkel. Trotz der Verletzung, die sich über ihr Gesicht zog, strichen seine Finger immer wieder darüber, während er fortwährend den Namen „Madlene“ murmelte.
Seine vier Gäste konnten die Verzweiflung sehen, die sich in seine Züge grub. Betroffen standen sie um den Engländer herum, versuchten vergebens, tröstende Worte und Gesten zu finden.
Claire und Ken redeten zusammenhanglos durcheinander, um die Situation zu erklären. Dennoch kriegte Collinsworth das eine und andere mit, und als er den Kopf hob, um die beiden – und insbesondere Ken – anzusehen, loderte Hass in seinen Augen.
„Wie konnten Sie nur. Ich habe Ihnen vertraut, habe Sie aufgenommen wie alte Freunde. Sie haben dieses Vertrauen missbraucht.“
Seine Stimme war gefährlich leise. Ken wich erschrocken einen Schritt zurück.
Markus griff ein und kniete sich gegenüber Andrew hin.
„Warten Sie, Sir“, sagte er ruhig. Seine Hände griffen ohne Zögern nach dem Schnitt, und noch bevor Collinsworth eingreifen konnte, zog er die beiden Hälften ihrer Bauchdecke auseinander. Selbst wenn die Umstehenden einen Teil des Lichts blockierten und das Innere der Bauchhöhle zum großen Teil im Schatten lag, war die komplizierte Mechanik zu erkennen.
Sir Collinsworth senkte den Kopf. Seine Kiefer mahlten aufeinander, die Zähne knirschten. Er brauchte eine ganze Weile, um sich zu beruhigen und wieder sprechen zu können.
„Tut mir leid. Im ersten Moment ... ich dachte ...“
Auch wenn er sich hervorragend beherrschte, glitzerten Tränen in seinen Augen. Claire legte ihm eine Hand auf die Schulter. Ken kam endlich dazu, die ganze Geschichte zu erzählen, und Collinsworth lauschte gespannt.
Als der Informatikstudent seine Erzählung beendete, war Andrews Stimme wieder fest und sicher:
„Es ist kaum zu fassen. Welcher Teufel tut einem Menschen so etwas an?“
„Ich denke, wir können davon ausgehen, dass der Schreiber jenes Erpresserbriefes dahinter steckt. Und ich bin fast sicher, wenn wir diesen finden, haben wir auch den Mörder ihrer Frau. Und den von Martin.“
Sir Collinsworth erhob sich und nickte.
„Sie haben recht. Ich habe da einen bestimmten Verdacht. Aber wir werden abwarten müssen, was uns Caleigh zu berichten hat. Ich bin ziemlich sicher, dass Martin etwas mit der Sache zu tun hatte. Möglicherweise musste er sterben, weil er zu viel wusste.“
Dan mischte sich ein:
„Sollten wir nicht die Polizei informieren?“
Collinsworth winkte ab.
„Wer immer das hier meiner Frau angetan hat – ich will ihm ins Gesicht sehen, ich will ihn selbst stellen.“
Nacheinander blickte er die vier Zeitreisenden an.
„Sie helfen mir doch dabei, oder?“
Alle nickten.

Cornelius Tilly saß im Puppenzimmer und dachte nach.
Die Wände des großen Raumes wurden sämtlich von Regalen eingenommen, auf denen Marionetten, Musikautomaten und Puppen (auch mechanische) saßen, standen oder irgendeiner Beschäftigung nachgingen.
Nicht mal sich selbst erlaubte Cornelius, eine Kerze in dieses Zimmer zu tragen; er hatte die Tür zum angrenzenden Raum auf gelassen, und von dort drang schwacher Lichtschimmer herein. Durch die spärliche Beleuchtung wirkten die Spielzeuge lebendig und unheimlich. Sie schienen miteinander zu tuscheln, zu kichern und ihn unter Beobachtung zu halten.
Noch nie hatte sich Tilly im Puppenzimmer unbehaglich gefühlt, und er war oft hier drin, zu jeder möglichen Tages- und Nachtzeit. Aber jetzt beschlich ihn ein beklemmendes, einengendes Gefühl.
Seine Pläne waren nicht so verlaufen, wie er es sich gewünscht hatte. Madlene hätte ins Haus eindringen und jeden, der ihr in die Quere kam, töten sollen – mit Ausnahme des Hausherrn, ihres ehemaligen Gemahls. Dieser sollte noch nicht so schnell sterben, damit Tilly seine Rache genießen konnte. Die Summe von 200'000 Pfund bedeutete ihm nichts, darauf hatte er es nicht abgesehen, der Brief hatte lediglich zum Spiel dazu gehört.
Tilly hatte Collinsworth' Haus eine ganze Weile beobachtet und auch mitgekriegt, wie Andrew mit zwei seiner Gäste das Haus verließ. Damit waren nur noch drei Personen im Haus anwesend gewesen. Kein Problem für ein Wesen wie Madlene – hatte er gedacht. Sie hätte sich nach dem Töten der drei im Haus verstecken und auf die Rückkehr der anderen warten sollen – um nach Möglichkeit Andrews beide Begleiter umzubringen, Collinsworth einen kalten Kuss aufzudrücken und wieder aus dem Haus zu verschwinden.
Stattdessen war nach einer Weile einer der Ausländer durch die Haustür nach draußen getreten. Zu Tillys Glück war der Nebel dicht genug gewesen, um schnell im Schatten der benachbarten Häuser zu verschwinden. Aber Madlene hatte versagt, war mit ziemlicher Sicherheit ausgeschaltet worden, das war ihm sofort klar.
Er trat den Heimweg mit gemischten Gefühlen an, ohne die Rückkehr von Collinsworth und seinen zwei Begleitern abzuwarten. Er musste umdenken und -planen.
Natürlich würde Sir Collinsworth verstört sein, wenn er seine ehemalige Ehepartnerin finden würde; das gab ihm ein wenig Zeit. Zeit, die er nutzen wollte.
Noch immer vermochte das Puppenzimmer ihm nicht die gewohnte Ruhe zu vermitteln. Mit den Fingern fuhr er sich durchs Haar. Er überlegte, ob Collinsworth die richtigen Schlüsse ziehen und was dann wohl seine nächsten Schritte sein würden.
Würde er die Polizei einschalten? Würde er sich zuerst auf eigene Faust bei Tilly melden?
Cornelius schnippte mit den Fingern. Wenn es so sein sollte, wenn er mit ungeliebtem Besuch zu rechnen hatte, dann wollte er gewappnet sein.
Es würde schwierig werden, aber nicht unmöglich.
Tilly lehnte sich zurück und ließ seine Blicke über die zierlichen Gesichter der Puppen schweifen.
Bereits in seiner Kindheit und Jugend hatte er unter seiner Kleinwüchsigkeit zu leiden gehabt. Ältere und größere Kinder verprügelten ihn, um an sein Essen zu kommen. Erwachsene beachteten ihn kaum. Diese Unauffälligkeit blieb bestehen, als er älter wurde – zum einen ein Fluch, zum andern ein Segen. Als er etwa 17, 18 Jahre alt war, entdeckte er seine Gabe: er konnte die Leute manipulieren – mit der reinen Kraft seines Geistes. Natürlich waren nicht alle Menschen gleich beeinflussbar. Bei einigen ging es ganz einfach – andere hingegen waren immun dagegen. Über die Jahre hinweg hatte er Erfahrungen gesammelt, hatte sich jedoch immer im Hintergrund gehalten. Bis er schließlich in Wetten und Spiele eingestiegen war. Mit seiner Gabe war es in der Regel ein Leichtes, die Karten zu seinen Gunsten zu mischen.
Tilly hatte sich trotz aller Widrigkeiten, die ihm die Natur und das Schicksal in den Weg gelegt hatten, ein angenehmes Leben geschaffen. Um keinen Preis der Welt wollte er sich diese Annehmlichkeiten wieder nehmen lassen. Es waren Männer wie Edward Grittle und Andrew Collinsworth, die ihm den Zugang zur vornehmeren Gesellschaft verbauen wollten.
Ah, aber er hatte bereits sehr früh alle Skrupel abgelegt, wenn er ein Ziel erreichen wollte. Und er zahlte gerne mit härterer Währung zurück.
Er überdachte seinen Plan noch einmal. Die Zeit drängte, und er musste einen Entschluss fassen. Auch wenn es mehrere nicht abwägbare Risiken gab, so war er sicher, seinen Kopf auch dieses Mal aus der Schlinge zu ziehen. Im schlimmsten Fall würde er London verlassen müssen – aber außer schlechten Erinnerungen verband ihn kaum was mit der Weltmetropole. Auf dem Festland gab es weit reizvollere Plätze als diesen stinkenden Moloch.
Er stand auf, mit einem leichten Lächeln im Gesicht, und ging hinunter in den Keller, um Graham Killthorpe zu instruieren.

„Cornelius Tilly hat mehrmals um Beachtung beim Adel und bei den besser gestellten Gesellschaftsschichten ersucht. In der Regel wird er übergangen, ignoriert oder mit leeren Versprechungen abgespeist. Dass er sich in Rachegelüsten trägt, ist von daher schon fast verständlich. Den Unwillen dieser Herren, zu denen ich mich nun mal auch zähle, hat er sich aber selbst zuzuschreiben.“
Es war bereits wieder fortgeschrittener Nachmittag. Alle im Haus waren unruhig, schon die ganze Nacht durch. Obwohl Collinsworth ihnen prophezeit hatte, sie würden wahrscheinlich keinen Schlaf finden (und damit auch recht behalten hatte), hatte er sie in ihre Zimmer geschickt. Er selbst hatte die Leiche Gregorys zugedeckt und schließlich die Nacht an der Seite seiner toten Frau verbracht. Dennoch schien er frischer als sie alle, als sie am Frühstückstisch zusammen getroffen waren. Es hatte nur Tee gegeben – Andrew hatte die Köchin gar nicht erst ins Haus gelassen, sondern gleich wieder nach Hause geschickt. Außerdem hatte er bereits in den frühen Morgenstunden einen Kurier zu Caleigh geschickt, um ihn in seinen Nachforschungen zur Eile zu treiben.
Daraufhin waren sie allesamt bei Peter Caleigh zum Essen geladen worden. Dieser hatte sich dann mit Collinsworth für mindestens eine Stunde in ein abgelegenes Zimmer zurück gezogen. Und erst, als sie wieder bei Andrew zu Hause waren, ließ dieser die Katze aus dem Sack.
„Sein ganzes Vermögen hat er bei Wetten und Spielen gemacht. Manche schreiben ihm magische Kräfte zu, weil es schon fast unheimlich ist, wie selten der Mann verliert. Und damit schafft er sich nicht gerade viele Freunde, wie Sie sich vorstellen können.
Er hat den Ruf eines Emporkömmlings, der sein Glück und seinen Reichtum schamlos ausspielt.
Er hat auch mehrere Male bei uns im Club um Aufnahme ersucht. Wir haben ihm die Mitgliedschaft immer wieder abgeschlagen. Auch uns ist er unheimlich, in erster Linie aber vollkommen unsympathisch. Er ist der Typ Mensch, der nie genug kriegt, egal, ob es sich dabei nun um Geld handelt, oder Macht und Einfluss. Und dabei – dessen bin ich mir sicher – geht er über Leichen.
Über seine Herkunft ist uns nichts bekannt. Wahrscheinlich ist er ein Waise, der im Londoner East End aufgewachsen und schwer von seiner Kindheit geprägt worden ist. Die Armut in diesem Stadtteil ist erdrückend.
Ah, und er frönt einer ganz besonderen Leidenschaft: er sammelt Puppen, egal, ob es sich dabei um Automaten handelt, oder einfach nur Marionetten und banales Kinderspielzeug. Seine Sammlung soll immens sein.
Und anscheinend hat er gar eine Werkstatt, in welcher er selbst Puppen herstellt.“
Diese Worte ließ Sir Collinsworth erst einmal im Raum stehen und auf die vier Freunde wirken. Dann fuhr er fort:
„Martin Carter soll seit einigen Wochen auch an ihn geraten sein – seine Spielleidenschaft hat ihn wohl direkt in Tillys Arme getrieben. So fällt ein Teil nach dem andern ins Puzzle, nicht? Dem Teufel konnte es nur gelegen kommen, dass Carter mein Schwager war.“
„Aber warum ausgerechnet Sie?“, wandte Dan ein.
„Oh, es geht nicht nur um mich. Tilly vergisst nie eine Schuld. Wir sind uns sicher, dass er auch weitere unserer Freunde auf dem Gewissen oder ihnen zumindest geschadet hat, auch wenn wir nicht wissen, wie er es angestellt hat. Aber er ist ein rachsüchtiger Teufel, das ist sicher. Und alles deutet auf ihn.“
Diesmal war es Claire, die Zweifel vorbrachte:
„Sind Sie sich wirklich sicher, Sir Collinsworth? Was, wenn Sie sich irren?“
„Dann werde ich mich – so schwer mir das auch fällt – in aller Form bei Tilly entschuldigen. Aber alles deutet auf ihn.“ Andrews Miene war düster. „Aber um die Wahrheit heraus zu finden, werden wir ihm erst einmal einen Besuch abstatten. Sie sind doch mit dabei?“
Einstimmig nickten die vier Gefährten.
„Danke. Tilly besitzt mehrere Häuser. Als Hauptresidenz benutzt er aber immer noch jenes im East End – keine sehr schöne Gegend, aber wohl am Nächsten bei seinen Wurzeln. Dort liegt unser Ziel.
Sir Caleigh ist über unser Unternehmen informiert. Sollten wir uns nicht innerhalb einer gewissen Frist melden, wird er die Polizei einschalten.“
Claire, Ken, Dan und Markus sahen sich an. Wirklich beruhigend war die letzte Aussage Sir Collinsworth' nicht.

Als sie Tillys Haus ganz in der Nähe der Themse erreichten, war der Nachmittag bereits weit fortgeschritten.
„Den Fünf-Uhr-Tee werden wir wohl verpassen“, bemerkte Collinsworth trocken. Wie seinen vier Gästen war auch ihm eine leichte Nervosität anzumerken. Sie hatten wohl versucht, eine Vorgehensweise auszuarbeiten. Da sie aber keine Ahnung hatten, wie Tilly reagieren würde, hatten sie sich auf Improvisation geeinigt.
Die beste Voraussetzung, jemanden zu konfrontieren, der Tote wieder zum Leben erwecken kann, dachte Ken. Seit sie in die ärmere Gegend gekommen waren, hielt er Claires Hand – was ihm mehrere neidische Blicke von Dan bescherte, die er jedoch geflissentlich nicht bemerkte.
Hunger, Leid und Tod waren in dieser Gegend an der Tagesordnung. Selbst die lehmigen Straßen, mit Kot und Unrat bedeckt, strahlten Hoffnungslosigkeit aus. Der Gegensatz zu dem Viertel, in dem Collinsworth' Anwesen stand, hätte krasser nicht sein können.
Tillys Haus machte da keine Ausnahme. Die Gruppe der Fünf näherte sich vorsichtig und blieb auf der anderen Straßenseite, im Schatten einer engen Gasse stehen. Die Fensterläden des Gebäudes waren geschlossen – an einigen von ihnen fehlten Lamellen. Die Wände waren schwarz von Feuchtigkeit und Fäule, der Dachstuhl eingesunken.
„Und in dieser Bruchbude wohnt er?“, murmelte Dan ungläubig. „Ich dachte, der Typ sei stinkreich.“
„Alte Gepflogenheiten legt man ungerne ab. Außerdem ist dieses Haus doch die beste Tarnung. Ein Dieb, der nichts über Tilly weiß, wird darin kaum Wertvolles vermuten. Und jene, die ihn kennen, trauen sich aus Furcht vor seinen unheimlichen Fähigkeiten schon gar nicht in die Nähe“, antwortete Collinsworth.
„Das ist einleuchtend“, brummte Markus. „Und was tun wir jetzt? Marschieren wir hin und klopfen freundlich an?“
Die Sonne schickte sich langsam aber sicher an, die Welt der Dunkelheit zu überlassen. Die fünf so unterschiedlichen Menschen sahen sich an.
„Das Haus sieht eigentlich nicht bewohnt aus“, bemerkte Claire. „Verlottert, wie es ist. Wenn niemand einen besseren Vorschlag hat, sollten wir wirklich einfach hinüber gehen.“
„Ich bin nicht sicher, ob das eine gute Idee ist“, entgegnete Dan. „Aber was anderes fällt mir bei Gott auch nicht ein.“
„Gott hat hiermit wohl nicht viel zu tun. Da hat eher der Teufel die Hände im Spiel“, meinte Andrew leise. Er fasste sich ein Herz und überquerte die Straße. Etwas zögernd folgten ihm die vier Zeitreisenden.
Vor der Tür blieben sie unschlüssig stehen. Von dem vermodernden Holz ging ein fauliger Geruch aus. Claire hielt sich den Handrücken unter die Nase.
„Und jetzt?“, flüsterte Ken.
Dan zuckte mit den Schultern und klopfte gegen die morsche Tür. Knarrend schwang sie auf; sie war nur angelehnt gewesen.
„Na, wenn das mal keine Einladung ist“, murmelte der Sportstudent und trat über die Schwelle. Er spürte eine sanfte Berührung an seinem Arm.
„Sei vorsichtig, Dan“, hörte er Claires weiche Stimme. Keiner der anderen konnte das Lächeln sehen, das um seine Lippen spielte. Ob sie sich wirklich um ihn sorgte? Vielleicht bestand doch noch eine Chance, dass ...
„Wir werden beobachtet“, erklang Beckers Stimme. „Da drüben steht einer und schaut zu uns rüber, schon eine ganze Weile.“
Irgendwo im Haus fiel etwas krachend zu Boden.

„Ich kenne diesen Mann.“
Sir Collinsworth hatte die Augen zusammen gekniffen und starrte zu der Gestalt hinüber, die dort in einem engen Durchlass zwischen zwei Häusern stand. Trotz des schwindenden Tages war es noch hell genug, um den ramponierten Anzug sowie die ausgeprägten Gesichtszüge auszumachen.
„Das ist Edward Grittle.“
Die Fünf standen noch immer vor dem Haus, unschlüssig darüber, ob sie es nun betreten sollten.
„Und was hat der mit der ganzen Sache zu tun?“, wagte Ken zu fragen.
„Er ist seit über einem halben Monat tot.“
Grittle drehte sich um und verschwand in dem Gässchen, das nicht mal breit genug war, beide Arme auszustrecken. Dan war der erste, der schaltete:
„Na gut. Markus, du kommst mit mir. Wir schauen uns das Haus an. Sir Collinsworth, Sie verfolgen mit Ken und Claire diesen Grittle.“
Es war seinen Gefährten anzusehen, wie sehr sie sich gegen eine Teilung der Gruppe sträubten. Immerhin hatte Markus die Zeitmaschine bei sich, und wenn er in eine Situation kam, wo es nötig war, sie einzusetzen ... Weder Claire noch Ken verspürten große Lust, im London des 19. Jahrhunderts gestrandet zu bleiben. Auch Andrew wollte Einwendungen vorbringen – schließlich war er es, der mit Tilly abrechnen wollte.
„Wir lassen Ihnen genug übrig, damit Sie Ihre Rache bekommen“, grinste Dan. Dann war er auch schon mit Markus, der inzwischen eine Handlampe aus seinem Rucksack gekramt hatte, im Innern des Hauses verschwunden.
Collinsworth und seine beiden amerikanischen Gäste nahmen eilig die Verfolgung Edward Grittles auf.

Cornelius Tilly, der in einem benachbarten leer stehenden Haus am Fenster stand, kicherte leise. Alles verlief nach Plan. Er hatte es tatsächlich geschafft, die Gruppe zu teilen, und Collinsworth lief genau in die vorbereitete Falle.
Das Finale würde er, Tilly, selbst koordinieren müssen. Er nahm den kürzesten Weg zum Lagerhaus an der Themse, während der wiederbelebte Grittle seine drei Verfolger noch ein wenig durch die Gassen lotsen und Cornelius noch ein wenig Zeit verschaffen würde.

Markus hatte die Lampe angezündet und leuchtete in den dunklen Flur. Auch hier drin machte das Haus keinen besseren Eindruck als von außen: überall lag Staub und Dreck, in einer Ecke gar eine verendete Ratte. Ihr verwesender Körper verströmte einen penetranten Geruch.
Sie öffneten verschiedene Türen und untersuchten die Räume. Einige von ihnen – vermutlich diejenigen, die häufiger benutzt wurden – waren sauber und aufgeräumt, andere wiederum genauso verwahrlost wie der Flur.
„Ich glaube nicht, dass Tilly hier ist“, flüsterte Dan dem Deutschen zu.
„Aber wir haben das Poltern gehört“, entgegnete dieser. „Irgendjemand – oder etwas – muss hier sein.“
Simon nickte und öffnete die Tür. Eine kleine Küche lag vor ihnen. Markus hielt die Lampe in den Raum. Sie schwankte leicht hin und her, und die Gegenstände schienen aufgrund der huschenden Schatten in Bewegung.
„Da!“, keuchte Markus plötzlich und ließ vor Schreck die Lampe fast fallen. Auch Dan hatte es gesehen und zog Becker am Arm aus dem Raum. Mit großen Augen beobachteten sie das etwa sieben oder acht Jahre alte Mädchen, dessen bleiches Gesicht bei den schwachen Lichtverhältnissen hell schimmerte. Ihr blondes Haar hatte sämtlichen Glanz verloren und wirkte stumpf und grau. Auch ihr Blick war leer, und sie stakste mit unsicheren Schritten zwischen der Einrichtung hin und her. Sie stieß mit der Schulter gegen den Tisch, und mehrere Töpfe, die darauf standen, gaben ein schepperndes Geräusch von sich, als sie gegeneinander schlugen.
Dan sah Markus an und hob dann etwas hilflos die Schultern. Schließlich fasste sich der Sportstudent ein Herz und ging hinein, näherte sich vorsichtig dem seltsamen Mädchen. Es schien ihn gar nicht wahr zu nehmen, auch nicht, als er ihr die Hand auf die Schulter legte. Die einzige Reaktion bestand darin, dass sie sämtliche Bewegungen einstellte.
Dan strich ihr mit einer sachten mitleidvollen Geste das Haar aus dem Gesicht – und hielt plötzlich einen Teil ihrer Haut zwischen den Fingern!
Mit einem entsetzten Aufschrei wich er zurück und schüttelte die Hand wie von Sinnen. Der große Fetzen, der daran klebte, flatterte schließlich zu Boden. Das Mädchen sah direkt in seine Richtung – etwa die Hälfte des Gesichtes hatte er abgezogen, und darunter lag vermodertes trockenes Fleisch. Bleich schimmerte der Wangenknochen hervor, und die freigelegten Zähne schimmerten gelblich in einem starren Grinsen.
Simon wich zurück, bis er neben Markus stand, und bemerkte, wie auch dieser zitterte.
„Noch so ein Erlebnis, und ich renne schreiend hier raus“, flüsterte der Sportstudent mit bebender Stimme. Markus atmete tief ein und konnte sich dann sogar ein Grinsen abringen.
„Ja, hoffentlich stoßen wir nicht noch auf weitere unliebsame Überraschungen. Lass uns weiter suchen.“
Auch wenn ihnen beiden die Lust dazu gründlich vergangen war, rangen sie sich dazu durch. In gebührendem Abstand zu dem reglos dastehenden Mädchen durchquerten sie die Küche und öffneten die Tür auf der anderen Seite. Stufen führten nach unten.
„Der Keller?“
Dan nickte. Ein strenger Geruch stieg ihnen in die Nase.
„Ich könnte mir vorstellen, dass Tilly seine Leichen da versteckt. Wollen wir wirklich hinunter?“
„Wir müssen.“ Es war Becker anzusehen, dass er sich bei dem Gedanken unwohl fühlte. Dan nahm ihm die Lampe ab und ging voran.

Bereits als sie Grittle (sofern er es wirklich war – auch Sir Andrew hegte inzwischen so seine Zweifel) wieder vor sich hatten, verlieh Collinsworth seinen Zweifeln Ausdruck.
„Was, wenn es sich nur um ein Ablenkungsmanöver handelt, um unsere Gruppe aufzusplitten? Wir hätten mit den anderen ins Haus gehen sollen.“
Sir Edward bewegte sich mit gemächlichen und schwankenden Schritten vor ihnen durch die engen Gassen. Auf keinen Fall aber wie jemand, der auf der Flucht war. Aber er musste doch wissen, dass er verfolgt wurde. Es sah tatsächlich so aus, als sollte er sie bloß vom Haus weg locken.
Ken blieb stehen. Sie waren dem Mann bestimmt schon zehn Minuten lang gefolgt. Mehr als genug Zeit, in der Markus und Dan weiß Gott was zustoßen konnte.
„Ich hab ebenfalls ein schlechtes Gefühl. Wir sollten umkehren.“
Claire schüttelte den Kopf.
„Wenn, dann hätten wir das schon früher tun sollen. Bis wir jetzt wieder zurück sind, hat sich Tilly entweder schon aus dem Staub gemacht, oder Dan und Markus haben ihn erwischt. Wir sollten unserem Plan treu bleiben.“
„Ja, aber was, wenn Grittle uns in eine Falle locken soll?“
Collinsworth deutete auf ein großes Gebäude, anscheinend ein Lagerhaus, in dem der Flüchtende gerade verschwand.
„Mir gefällt das nicht“, meinte Ken. „Was sollen wir tun?“
„Nachschauen“, entgegnete Andrew.
„Ihre Ruhe möchte ich haben, Sir.“
„Ich bin Brite.“ Collinsworth' Miene blieb gelassen.
Das Trio bewegte sich auf den Schuppen zu. Auch dieser zeigte sich in verfallendem Zustand. Die Tür war nur angelehnt und knarrte entsetzlich in den Angeln. Allen von ihnen lief ein kalter Schauder über den Rücken. Drinnen war es dunkel. Das schwache Licht der fortschreitenden Dämmerung reichte gerade aus, ein Rechteck von wenigen Quadratmetern aus der Finsternis zu reißen.
„Sollen wir wirklich?“, flüsterte Claire.
Collinsworth nickte und ging voran. Mit wenigen Schritten brachte er sich aus dem erleuchteten Bereich der Tür und verschmolz mit den Schatten. Claire und Ken taten es ihm gleich.
In der großen Halle blieb es still.
„Vielleicht ist Grittle bereits wieder durch einen anderen Eingang verschwunden“, murmelte Ken.
„So schnell ist er nicht.“
Sie standen eng beieinander. Ken spürte Claires warmen Körper, der sich an ihn drängte, ihren Atem an seinem Nacken und hörte den von Collinsworth ganz in seiner Nähe.
„Es stinkt nach Fäulnis und Verwesung“, flüsterte Andrew. Der Informatikstudent nickte, dann fiel ihm ein, dass der Brite es gar nicht sehen konnte, unterließ aber das Reden.
Ein hämisches Kichern klang irgendwo in der Halle auf. Alle drei zuckten zusammen. Es war unmöglich, fest zu stellen, woher es kam.
Eine breite Gestalt schob sich vor die Tür und schloss sie. Sie standen nun vollkommen im Finstern. Und in der Dunkelheit begann es zu rascheln. Von allen Seiten ...

Cornelius war immer noch aufs Höchste amüsiert.
Er sah zu, wie die drei die Lagerhalle betraten. Es hätte nicht besser laufen können – insgeheim hatte er ja damit gerechnet, dass Collinsworth die Polizei alarmieren würde. Dann hätte er untertauchen müssen, ohne seinen Plan in die Tat umsetzen zu können. Aber er hatte Andrew richtig eingeschätzt: da es wegen seiner Gattin eine persönliche Sache war, ließ er es sich nicht nehmen, die Spur selber zu verfolgen. Mit etwas Glück hatte Collinsworth sich auch nicht abgesichert. Dann würde nichts auf eine Mitschuld Tillys an seinem Tod hindeuten.
Er begann, sich zu konzentrieren. Die vor ihm liegende Aufgabe würde keine leichte sein.
Ein Gefühl der Überlegenheit machte sich in ihm breit. Gestern, nach dem seine Pläne am Abend gescheitert waren, hatte er sich in die Enge gedrängt gefühlt. Überaus ausgeklügelt war die Vorbereitung seiner Falle nicht – sie hatte viele Schwachstellen, weil er die Situation nicht richtig hatte einschätzen können. Cornelius war zwar ein hervorragender Menschenkenner und beobachtete auch Collinsworth schon längere Zeit. Aber da waren auch noch die vier Gäste, von denen ihm Carter berichtet hatte. Da konnte er nur abwägen, wie stark sie Andrews Verhalten beeinflussen würden.
Also hatte er die ganze Nacht zusammen mit Killthorpe geschuftet. In den letzten Monaten hatten sie einige Fortschritte erzielt. Tilly hatte sich nicht dazu durchringen können, die Ergebnisse zu vernichten, auch wenn er die wandelnden Toten anschließend ruhig gestellt hatte. Insgesamt waren Graham und ihm acht Versuche, die Leichen mithilfe der Mechanik wieder zum Leben zu erwecken, geglückt – Collinsworth' Gattin noch nicht mit gerechnet.
Das achtjährige Mädchen hatte er zurück gelassen, um die Gruppe abzulenken und im besten Fall – der auch eingetreten war – zu trennen.
Im Lagerhaus befanden sich sieben seiner Geschöpfe, welche die Eindringlinge nun einkreisten. Dank seiner Gabe konnte er ihnen auf geistigem Wege die Befehle erteilen – momentan noch jedem einzelnen der vier Männer und drei Frauen verschiedenen Alters, um sich nicht bereits jetzt zu verausgaben.
Als er alle in der richtigen Position wusste, entzündete er seine Lampe und die Spur von Petroleum, welche in einem großen Kreis um die sieben Leichenpuppen und ihre drei Opfer führte. Mehrere Fackeln, die in die Flüssigkeit gelegt worden waren, entflammten ebenfalls, um die Szenerie noch heller (und länger) zu erleuchten.
Selbst von seinem entfernten Standpunkt aus konnte er noch den Schrecken in den Gesichtern seiner Gäste lesen.

Die Stufen knarrten unter ihrem Gewicht, auch wenn sie versuchten, leise zu sein und ihre Schritte vorsichtig setzten. Markus bewegte sich zusehends unbehaglicher – die Treppe war nicht sehr lang, und dennoch erschien es ihm wie kleine Ewigkeiten, bis sie das untere Ende erreichten. Der Raum war dunkel, das kleine Fenster über Kopfhöhe mit Holzläden versperrt und mit Stoff verhängt, damit auch bei Tage kein Licht eindringen konnte. Die Lampe von Dan leuchtete diesen Teil des Kellers nur dürftig aus – allerlei Gerümpel stand und lag hier herum: Fässer und Kisten, Bretter, alte Kleider.
Ihre ganze Aufmerksamkeit galt aber sogleich dem Lichtschimmer, der durch einen engen Durchlass fiel. Ein Mensch passte gerade so hindurch, und sowohl Dan als auch Markus zogen unwillkürlich den Kopf etwas ein, als sie ihn passierten.
Das Licht rührte von zwei Kerzen her, die auf einem Tisch standen. Auch ihr Schein ließ kaum zu, mehr als Umrisse der Einrichtung zu erkennen, aber dieser Raum wirkte größer als der vorherige.
Am Tisch sahen sie eine Gestalt, in einen dunklen Anzug gekleidet, die starr auf ihrem Stuhl saß. Auf dem Kopf trug sie einen Zylinder. Dan räusperte sich vernehmlich, was ihm einen Rippenstoß von Markus eintrug, der ihn so vorwurfsvoll ansah, als würden sie durch jedes absichtlich verursachte Geräusch einen Bann brechen, der über dem Keller lag.
Der Mann am Tisch hob den Kopf und stierte sie aus blutunterlaufenen Augen an. Die beiden Zeitreisenden erschraken. Der körperliche Zerfall des Mannes zeichnete sich überdeutlich in seinem Gesicht ab: die Wangen waren eingefallen, die Augen tief in den Höhlen versunken und die Lippen bleich und grau. Und obwohl Killthorpe sich an diesem Morgen ausnahmsweise sauber rasiert hatte, sprossen bereits wieder Bartstoppeln auf seinem hageren Antlitz.
Er hob die Hand, als wolle er ihnen zum Abschied winken – und zwischen seinen Fingern blitzte der scharfe Stahl eines Skalpells auf. Einen Moment lang zitterte die Klinge, dann führte er sie mit einer raschen und sicheren Bewegung an seinen Hals. Der Schnitt, den er sich selber zufügte, war kurz, aber tief, und öffnete die Halsschlagader. Der feine Strich der Wunde war in den ersten Sekundenbruchteilen, in denen Dan und Markus erschrocken einatmeten, kaum zu sehen. Dann füllte er sich mit Blut, und gleich darauf spritzte es in einer langen Fontäne hervor und über den Tisch und die linke Hand des Mannes, die darauf lag. Killthorpes Augen traten aus den Höhlen, und er gab ein leises Röcheln von sich; es klang, als sei er erleichtert, den entscheidenden Schritt getan zu haben.
„Oh Gott“, stieß Markus hervor.
„Schnell!“, wies ihn Dan an. „Ich brauche einen Stofffetzen. Irgendetwas, womit ich die Wunde verstopfen kann!“
Er war bereits bei dem tödlich Verwundeten und hielt ihn an den Schultern fest, damit der Mann nicht vom Stuhl rutschte. Das Leben verließ den Mann in schnellen Stößen, und in wenigen Augenblicken waren Dans Hände, die er verzweifelt gegen den Hals des Mannes drückte, besudelt und glitschig. Es schien viel zu lange zu dauern, bis Markus ihm endlich einen Streifen Stoff reichte, den er aus seinem Hemd gerissen hatte. Er presste das Material gegen die Wunde – sofort war es durchtränkt, und das Blut rann in kleinen Bächen über den Hals des Mannes in seinen Kragen. Er stöhnte leise.
„Sind Sie Cornelius Tilly?“, fragte der Sportstudent. Killthorpe schüttelte den Kopf, und Simon hatte Mühe, den Stofffetzen auf der Verletzung zu halten. Der Mann gurgelte eine Antwort, die weder Markus noch Dan verstanden – ratlos sahen sie einander an.
Das Klirren des Skalpells, welches den kraftlosen Fingern des Mannes entglitten und auf den Boden geprallt war, schreckte sie auf. Einen Moment schoss es Dan durch den Kopf, wie unvorsichtig er gewesen war. Was, wenn der Selbstmörder ihn noch mit in den Tod hätte nehmen wollen? Es wäre ihm ein leichtes gewesen, dem Amerikaner das Instrument ins Herz zu stoßen, während dieser versuchte, ein Leben zu retten.
Graham hob die linke Hand leicht an und legte sie auf eine zerschlissene lederne Mappe, über die ebenfalls sein roter Lebenssaft gespritzt war.
„Hier“, krächzte er kaum verständlich, „meine ... Unterlagen ...“
Sein Blick wurde trübe, und Markus, der diese Aufgabe Dan abgenommen hatte, bekam Mühe, ihn auf dem Stuhl zu halten.
Ein leichtes Lächeln glitt über Killthorpes Lippen, und er hauchte lautlos den Namen seiner einzigen Liebe. Seine Augen brachen, sein Körper erschlaffte.

Plötzlich flackerte Licht auf, breitete sich zu einem blakenden Feuerring aus und umschloss sie in einem großräumigen Kreis. Mehrere Fackeln loderten auf. Die Szenerie, die sich Claire, Ken und Collinsworth offenbarte, war mehr als gespenstisch. Still und bewegungslos standen sieben Gestalten rund um sie rum. Aber es waren keine Menschen – wenigstens keine, die noch am Leben sein durften!
Drei davon waren weiblich, vier männlich. Bei fast allen von ihnen zeigten sich Anzeichen von Verwesung; bei zweien waren keine Lippen mehr vorhanden, und auch das Fleisch um die Kiefer war in Auflösung begriffen. Bei einer anderen schimmerte der blanke Knochen durch die halb verfaulte Haut der Wange, einem Mann, der zum Zeitpunkt seines Todes um die Fünfzig gewesen sein musste, fehlte die Nase – dort befand sich nur noch ein dunkles Loch. Die Haut war bei allen fahl und wirkte wächsern, Zeugnis der Versuche Tillys und Killthorpes, ihre Haut, ihre Körper zu konservieren. Die verschiedenen Chemikalien hatten nur in geringem Ausmaße Erfolge erzielt. Ein Nebeneffekt war der seltsame Geruch, den die Wesen ausströmten: wie ein Gemisch aus Fäulnis und Desinfektionsmitteln.
Claire würgte verhalten.
„Ich sag's ja nur ungern“, murmelte Ken, „aber wir sitzen ganz schön in der Scheiße.“
Er hatte eine Abwehrhaltung eingenommen, erinnerte sich aber nur zu gut an seinen Kampf mit Collinsworth' ehemaliger Frau. Wenn diese Kreaturen nur annähernd die gleichen Kräfte besaßen, hatte er unbewaffnet keine Chance.
„Tilly“, flüsterte Andrew den beiden Zeitreisenden zu. „Er ist die Schwachstelle. Wir müssen irgendwie an ihn rankommen.“
„Ja, aber wie?“, gab Ken zurück. Er konnte den kleinen Mann in dem weinroten Anzug sehen, der sich ein paar Meter von dem Geschehen entfernt (und somit außerhalb des langsam erlöschenden Feuerkreises) befand. Neben ihm auf dem Boden stand eine Petroleumlampe.
Aber um dort hin zu kommen, mussten sie erst wenigstens zwei der wandelnden Toten überwinden – ein eher aussichtsloses Unterfangen, auch wenn sich die Wesen nur sehr träge bewegten.
Die anderen beiden schienen sich mit ähnlichen Gedanken zu plagen. Unwillkürlich rückten sie näher aneinander.
Die sieben Kreaturen setzten sich in Bewegung und kamen auf die drei Gefährten zu.
Tilly triumphierte. Ein dämonisches Grinsen verzerrte seine Züge. Die Anstrengung ließ ihn die Hände zu Fäusten ballen, und der Schweiß lief in kleinen Bächen über sein Gesicht. Er schaffte es tatsächlich, seine sieben Schöpfungen zu kontrollieren!
Wären sie lebende Menschen gewesen, hätte er keine Chance gehabt – zu komplex wären die Vorgänge in ihrem Verstand gewesen, als dass er sie alle hätte beeinflussen können. Seine ganze Konzentration hätte gerade mal für eine Person ausgereicht.
Aber die Gehirne dieser Kreaturen waren durch Tod und Zerfall geschädigt, bereits als Killthorpe und Tilly versuchten, die Verwesung mit verschiedenen Konservierungstechniken aufzuhalten. Cornelius war es eh nur wichtig gewesen, gerade die wichtigsten Funktionen zu erhalten, den geringen Teil, der ihm zur gedanklichen Manipulation ausreichte.
Was sie ja schlussendlich auch erreicht hatten.
Nur noch die Fackeln am Boden brannten jetzt, die Szenerie war nicht mehr ganz so hell erleuchtet und wirkte dadurch wieder unheimlicher.
Die Gesichter der drei Eingekreisten waren bleich. Sir Collinsworth nestelte an seinem Rock herum und brachte eine Pistole zum Vorschein. Er richtete sie auf einen älteren Mann, der noch etwa zwei bis drei Schritte von ihm entfernt war. Der Schuss löste sich, die Kugel zerfetzte das Hemd und die lederne Haut darunter, zertrümmerte zwei Rippen und prallte dann gegen das metallene Gestänge im Innern. Den Getroffenen beeindruckte der Treffer nicht im Geringsten. Er überwand den letzten Schritt, ohne eine Regung zu zeigen, und entwand die Waffe Andrews zitternder Hand, bevor dieser auch nur den Versuch unternehmen konnte, nachzuladen.
Auch Claire kam in Bedrängnis: die Finger gleich zweier der Kreaturen hatten sich in ihrer Jacke verhakt und zerrten daran. Mit einem hässlichen Geräusch riss der Stoff, während die schrecklichen Gestalten die Geschichtsstudentin zu sich hin zogen. Sie schrie gellend auf, Angst flackerte in ihren Augen, während Ken vergeblich versuchte, sie fest zu halten und den klammernden Griffen der wandelnden Toten zu entreißen.
Bereits spürte Okumoto selbst, wie Hände nach ihm grapschten. Der Ring der sieben Geschöpfe hatte sich eng um sie geschlossen.
Sie waren verloren!
Cornelius Tilly bemerkte die Veränderung als erster. Sie ging von dem Geschöpf aus, dessen Brustkorb von der Kugel aus Collinsworth' Waffe durchschlagen worden war. Nur unmerklich erst schien sich der lebende Tote seinem mentalen Griff zu entziehen – er sonderte sich von der Gruppe ab. Sofort konzentrierte sich Tilly intensiver auf den Widerspenstigen. Seine Perspiration verstärkte sich, im Nu war sein Hemd durchtränkt und klebte an seinem Körper. Er konnte jetzt beinahe fühlen, wie seine Gabe keinen Halt an dem beschränkten Geist der Kreatur mehr fand.
Sir Collinsworth, Claire und Ken bemerkten indes überrascht, wie sich der Ring der wandelnden Leichen lockerte. Die Finger lösten ihren harten Griff, die Hände zogen sich zurück und sanken nach unten, und das Gedränge begann sich aufzulösen. Verwundert – und zugleich erleichtert – sahen sie einander an.
Die menschlichen Puppen drehten sich alle in eine Richtung. Tilly, dem nun die Furcht deutlich ins Gesicht geschrieben stand, wich zurück. Seine Geschöpfe folgten ihm. Sein Unverständnis und Zögern wurden ihm fast zum Verhängnis: die ersten Hände streckten sich nach ihm aus, und als er einen Schritt rückwärts tat, wäre er beinahe über eine am Boden liegende Planke gestolpert.
Noch einmal versuchte er, Einfluss auf die unheimlichen Gestalten zu nehmen, wenigstens eine von ihnen so weit zu manipulieren, dass sie sich den anderen in den Weg stellte und ihm Zeit verschaffte – vergebens.
Cornelius entschloss sich zur Flucht, musste dabei jedoch einen großen Bogen schlagen, um zur Tür zu gelangen. Einen anderen Ausgang gab es nicht aus der Halle.
Collinsworth und die beiden Zeitreisenden hätten diese Chance nutzen können, um ihn aufzuhalten – aber noch immer konnten sie es nicht richtig fassen, dem Tode so knapp von der Schippe gesprungen zu sein, und die Unwirklichkeit des gesamten Geschehens tat sein Übriges dazu: sie waren nur noch das Publikum eines Stücks, dessen unheimlicher Ablauf sie an ihren Platz fesselte.
Erst als Tilly die Tür erreichte, begann Andrew, seine Pistole nachzuladen. Die Leichenpuppen entwickelten trotz ihrer unbeholfenen Bewegungen ein ziemliches Tempo bei der Verfolgung ihres Schöpfers. Noch bevor Sir Collinsworth seine Waffe zu Ende gestopft hatte, war die letzte der Kreaturen draußen in der einbrechenden Nacht verschwunden.
Die drei Gefährten folgten dem seltsamen Zug und sahen, wie Cornelius Tilly einen verhängnisvollen Fehler beging. Statt darauf zu bauen, seine Verfolger in den Gassen und Straßen abzuhängen, hatte er den Weg zur Themse gewählt und rannte hier, in seiner Panik, auf einen alten Steg. Seine Schöpfungen folgten ihm und schnitten ihm damit gleichzeitig den Weg ab.
Die Planken führten mehrere Meter übers Wasser hinaus. Als Claire, Ken und Collinsworth keuchend das Ufer erreichten, sahen sie, wie vermodert das Holz war.
Tillys roter Anzug leuchtete durch die grautönigen Kleider seiner Verfolger – er hatte das Ende des Stegs erreicht und wandte sich mit bleichem, von Angst verzerrtem Gesicht um. Er hatte nie gelernt zu Schwimmen, und selbst ein gut trainierter Sportler hätte im kalten Wasser der Themse seine Not und Mühe gehabt.
Die wandelnden Toten näherten sich unaufhaltsam; der beschränkte Platz auf dem Steg ließ nicht zu, dass mehr als zwei, drei der Geschöpfe nebeneinander gingen, aber bereits einem von ihnen war Cornelius schon hoffnungslos unterlegen.
Er wich langsam weiter zurück, als sich die ersten Finger nach ihm reckten. Unter seinen Fersen fehlte plötzlich der Halt, und sein Körper begann zu schwanken, nach hinten zu kippen, als sich bereits eine Hand in seine Jacke verkrallte und ihn zurück zog – mitten in die Reihen seiner Kreaturen.
Er begann zu schreien. Kraftvoll griffen Finger in seine Kleidung, zerfetzten sie mühelos und gruben sich in sein Fleisch. Wie Schraubstöcke schlossen sich die Hände, bis die Haut unter dem Druck aufplatzte. Blut spritzte und lief über Tillys nun nur noch mit Fetzen bekleideten Körper. Die Knochen in seinem rechten Unterarm brachen, die Schmerzen veranlassten ihn zu schrilleren Schreien. Seine Leichenpuppen drängten sich um seinen liegenden Körper, weitere Finger griffen nach ihm. Er spürte, wie sein Bauch berührt wurde, wie sich eine modrige Hand auf sein Gesicht legte. Rippen wurden eingedrückt, knackten und brachen unter der Belastung, auf beiden Seiten seiner Brust wurde nach außen gezogen, bis das Fleisch nachgab und von den Knochen weg gezogen wurde. Seine Bauchdecke riss auf, und Cornelius glaubte zu fühlen, wie jemand in seinen Eingeweiden wühlte. Er schrie noch immer, auch wenn sein Schmerzempfinden längst taub geworden war. Er sah die blutbesudelten Hände seiner Schlächter, während ihm langsam die Sinne schwanden. Etwas drängte sich in seinen Mund, ließ ihn erstickt würgen. Finger schlossen sich um seinen Unterkiefer und drückten ihn gleichzeitig nach unten, wie sie ihn nach vorne zogen. Knackend sprang er aus den Gelenken, Muskeln, Sehnen und Haut rissen, und als der untere Teil seines Gesichtes auf den Brettern landete, war Tilly bereits nicht mehr bei Bewusstsein.
Die morschen Stämme, welche den Steg in der Luft hielten, waren der Belastung nicht mehr gewachsen und brachen weg. Mitsamt der Meute aus lebenden Toten und Tillys zerrissenen Überresten stürzten die Planken ins dunkle Wasser der Themse und schwemmten den Schrecken hinfort.
Am Ufer zurück blieben die drei Zeugen des unheimlichen Geschehens mit gemischten Gefühlen: bedrückt, bestürzt, aber auch erleichtert.

Dan verzichtete aufs Anklopfen und stieß die Tür zu der Kajüte auf, die Claire und Ken in Beschlag genommen hatten.
„Na los, ihr Turteltauben“, grinste er blöde, „Markus erwartet uns an Deck.“
Auf der einen Seite bedauerte er ein wenig, die beiden nicht in einer peinlichen Situation erwischt zu haben, auf der andern war er jedoch froh – allein die beiden schon so innig nebeneinander sitzen zu sehen versetzte ihm einen leichten Stich.
Auch andere Mütter haben schöne Töchter, versuchte er sich zu trösten. Aber kaum eine davon ließ sich wohl auf das Abenteuer ein, durch Zeiten und Welten zu irren.
„Nun beeilt euch schon!“, murrte er bereits weniger fröhlich, und ging zurück an Deck. Die Planken des Schiffes knarrten unter seinen Füßen.
Noch einmal ging er die letzten paar Tage gedanklich durch: Ihr Umherirren in London, Timmy, Collinsworth, der Abend im Club und das Eindringen in Tillys Haus, wo sie Killthorpe begegnet waren, der seinem Leben ein vorzeitiges Ende gesetzt hatte.
Claire, Ken und Sir Collinsworth hatten sich später zu ihnen gesellt und den ungläubig blickenden Gefährten erzählt, was ihnen widerfahren und was für ein grausames Ende Tilly gefunden hatte: buchstäblich zerrissen von seinen eigenen Schöpfungen.
Killthorpes Unterlagen hatten ihnen indes gute Dienste geleistet. Der gescheiterte Medizinstudent hatte zwar in seiner eigenen düsteren Welt gelebt, aber ein ausführliches Tagebuch geführt. Sämtliche Forschungen und Ergebnisse waren darin notiert, sowie einige weitere Bekenntnisse, die Cornelius Tilly zweifelsfrei der Schuld an einigen unerklärlichen Todesfällen überführten – auch wenn diese Zeugnisse vor einem weltlichen Gericht wahrscheinlich nicht ausgereicht hätten. So fügte sich ein Steinchen des Mosaiks ins andere, und auch wenn viele Fragen noch offen blieben, ergab sich dennoch ein eindeutiges Bild von Tillys verworfenem Charakter.
Während der drei Tage, die dem Abend von Cornelius' Tod folgten, arbeiteten die vier Zeitreisenden den Fall noch auf. Sir Collinsworth hatte die Polizei über den Tod seines Butlers informiert und ihnen dessen Leiche sowie die seiner Frau übergeben. Sein gesellschaftlicher Stand und seine Beziehungen verhinderten, dass ein Verdacht auf seine vier neuen Freunde fiel. Über Tilly und dessen Machenschaften hatte er den Beamten gegenüber kein Wort verloren – die Ermittlungen im Fall von Gregorys Ableben würden wohl im Sande verlaufen, zumal sich niemand die Mechanismen im Körper Madlene Collinsworth' würde erklären können. Sämtliche anderen Kreaturen Tillys lagen, vom schweren Gewicht des Metalls in die Tiefe gezogen, am Grund der Themse. Auch das Mädchen, welches sich noch im Haus befunden hatte, war von ihnen zum Fluss geführt worden und ohne Gegenwehr in die Fluten gewatet.
Markus hatte Collinsworth schließlich noch darum gebeten, ihnen die Überfahrt aufs Festland zu organisieren: er wolle nach Deutschland, um dort weitere Forschungen über die Gottesuhr Friedrich von Karsteins zu betreiben.
Auch an das anschließende Gespräch mit dem Deutschen konnte sich Dan nur zu gut erinnern. Sie alle hatten ihm vorgeworfen, endlich den Weg nach Hause zu finden – warum also noch Zeit für etwas zu vertrödeln, das vielleicht gar nicht existierte?
Er hatte sie beruhigt:
„Wir haben in Sir Collinsworth einen echten Freund gefunden. Ich kann nicht einfach einen Schlussstrich ziehen und so mir nichts, dir nichts verschwinden. Wenn wir uns vor der Abreise verabschieden, dann wird er nicht das Gefühl haben, dass wir einfach nur ein undankbares Pack sind und einfach so verschwinden.
Außerdem können wir die paar Tage bis zum Auslaufen des Schiffes dazu nutzen, uns ein wenig zu erholen und zu Kräften zu kommen. So wirklich ruhige Stunden, nur für uns, hatten wir seit Beginn unserer Reise ja nicht.“
Das hatte allen eingeleuchtet, ja, sie waren mit Beckers Vorschlag rundum einverstanden. Einzig Simon wurmte es, dass Ken und Claire die Zeit intensiv nutzten, um ihre Beziehung noch zu festigen.
Jetzt stand Markus an der Reling und wartete auf sie. Krampfhaft krallten sich seine Finger ins Holz. Die See war unruhig, Gischt spritzte hoch, und die Planken ächzten und stöhnten. Dunkle Wolken verhängten den Himmel, aber noch ließ der Regen auf sich warten.
Nur unwillig löste sich Becker von seinem Halt und kam mit unsicheren Schritten zu ihnen herüber. Er zog den Rucksack ab und kniete sich hin, um ihn zu öffnen. Die Feuchtigkeit des hölzernen Bodens drang durch den Stoff seiner Hose.
Er holte die Zeitmaschine hervor und blickte seine drei Gefährten auffordernd an.
„Na los“, knurrte er. „Ich steh auf diesem Wackelpudding von Schiff nicht noch mal auf.“
Fast andächtig wirkte das Bild, als sie alle auf ihre Knie sanken und so einen Kreis bildeten. Markus nickte ihnen zu, berührte die nötige Taste, und fast im selben Moment wurde die Luft um sie her kühler.
Der Steuermann fröstelte plötzlich, und kurz darauf sah er ein seltsames blaues Leuchten auf dem Deck. Er blinzelte und versuchte, Details auszumachen. Hatte er an dieser Stelle nicht vorhin noch die vier Amerikaner (oder was immer sie waren) gesehen?
Aber vielleicht hatte er sich auch getäuscht. Bei diesen Wetteraussichten würde doch niemand freiwillig die Kajüten verlassen ...

... und im nächsten Moment knieten sie in heißem Sand. Die Sonne gleißte am Himmel über ihnen und blendete sie – der helle Untergrund tat sein Übriges dazu, indem er das Licht reflektierte.
Die drei Männer hörten Claire undamenhaft fluchen.
„Verdammt! Hatte ich schon mal erwähnt, dass mir diese ständigen Temperaturwechsel auf den Senkel gehen? Das nächste Mal, wenn wir aus einer kalten Region springen, zieh ich mir erst den Bikini an!“
„Warum überhaupt was anziehen?“, fragte Dan grinsend.
Claire, deren Sehvermögen langsam wieder zurück kehrte, bemerkte, dass der Gedanke anscheinend auch die andern beiden Gefallen bereitete.
„Männer“, fauchte sie. „Alles Schweine.“
„Oink, oink“, erwiderte Markus, und selbst Dan guckte ihn einen Moment überrascht an ob solch ungewohnter Gelassenheit.
Ken indes nutzte die Gelegenheit, sich umzublicken.
„Uh-oh“, gab er leise von sich. Jetzt sahen auch die anderen auf.
Nur wenige Schritte von ihnen entfernt schob sich eine hohe Mauer aus dem Sand. Sie verlief kreisförmig nach beiden Seiten und umschloss eine weitläufige Arena. Eine riesige Kuppel aus Glas schloss sie nach oben hin ab. Die Luft war stickig und feucht, und der Schweiß lief ihnen bereits in wahren Sturzbächen über den Körper.
Aber das war es nicht, was Ken zu seiner knappen, aber nichts Gutes verheißenden Äußerung veranlasst hatte.
Ungefähr in der Mitte der Arena umringten mehrere löwenähnliche Tiere einen Menschen. Das linke Bein, aus dem immer noch träge Blut floss und im feinkörnigen Boden versickerte, lag abgetrennt mehrere Schritte vom Rumpf entfernt.
Noch schienen die Tiere (es waren derer vier) sie nicht bemerkt zu haben. Ihre rotbesudelten Schnauzen hatten sie im Körper des Unglücklichen vergraben. Jedes Mal, wenn die Kiefer der Bestien zuschnappten, zuckte der verstümmelte Leichnam, als würde noch ein Funken Leben in ihm stecken. Eines der Tiere wühlte bis zum Ansatz der Schnauze im Bauch ihres Opfers, um die inneren Organe zu fressen, ein anderes hatte sich in seine Kehle verbissen und zerrte dort das Fleisch in großen Stücken weg. Der Boden ringsum war dunkelrot gefärbt.
Claire gab ein würgendes Geräusch von sich.
Die zwei Löwen, die sich um Bissen aus dem noch am Rumpf verbliebenen rechten Bein stritten, spitzten die Ohren und hoben ihre Köpfe. Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen, als sie die neuen potentiellen Opfer entdeckten.
„Die haben Flügel“, stieß Ken entsetzt hervor, als die Tiere diese Extremitäten ausbreiteten und sich mit zwei, drei kräftigen Schlägen in die Luft erhoben.
„Tu etwas, Markus!“, schrie Claire und versetzte dem Deutschen, der bislang nur mit vor Schreck geweiteten Augen auf das Szenario geblickt hatte, einen Stoß. Endlich reagierte er und hob die Zeitmaschine an, um den Notschalter zu benutzen.
Einer der seltsamen Löwen war bereits bedenklich nahe gekommen. Mit kraftvollen Bewegungen hielt er sich nur wenige Fuß breit über dem Boden, das Maul weit aufgerissen und bereit, zuzubeißen. Die langen scharfen Zähne schimmerten gelblich, und Claire meinte bereits, den fauligen Raubtiergeruch zu spüren.
Und als die Luft endlich merklich abkühlte, glaubte sie, eine entfernte Stimme zu hören – den Sinn der Worte konnte sie jedoch nicht erfassen.
Dann verschwand auch diese Welt um sie.

Vorschau auf Episode 10
Erwartet mit Spannung die am 1. November 2008 erscheinende 10. Episode.
Der Titel lautet:
»Kampf der Welten«
von Gunter Arentzen
„Wie viele Welten gibt es? Wie viele Welten müssen wir noch bereisen, ehe uns eine
Heimkehr gelingt? Theoretisch sind es unendlich viele, denn niemand hat sie je gezählt. Doch irgendwann, und daran glaube ich fest, werden wir nach Hause finden. Und sei es nur durch
Zufall. Denn die Welt, in der wir nun gelandet sind, hat kaum etwas mit der unsrigen gemein. Obwohl die Städtenamen vertraut sind, herrscht Krieg. Kein Krieg zwischen Menschen, die
sich in immer kleinlicheren Konflikten aufreiben.
Es ist ein Krieg gegen Wesen, die den schlimmsten Alpträumen entsprungen sein müssen, zu
denen denkende, fühlende Wesen fähig sind. Und wir sind Teil des Krieges, Teil der Kämpfe. Ungewollt hineingeschleudert in eine Welt mit rauen, harten Gesetzen. Uns bleibt nur eine
Hoffnung - Christoph Schwarz, Führer der Verteidigungstruppen in Landau. Angeblich
verfügt auch er über eine Zeitmaschine. Es heißt sogar, sie könne gezielt parallele Welten ansteuern. Ist dies unsere Rettung?“
Claire Bancroft, Zeitreisende