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»Im Fadenkreuz der Regulatoren«

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Cover von Tommy Tohang / Jübek

EPISODE 6

»Im Fadenkreuz der Regulatoren«

von C.C. Slaterman

Die vier Timetraveller landen in einem Amerika der Zukunft, mitten im Winter. Nachdem sie nur knapp dem Tod durch Erfrieren entgangen sind, erreichen sie eine kleine Siedlung, in der merkwürdige Zustände herrschen. Die Bewohner sind offenbar in zwei Klassen geteilt. Es gibt die sogenannten Regulatoren und die Erwählten. Während die Letztgenannten Menschen ohne Rechte zu sein scheinen, besteht die einzige Aufgabe der Regulatoren darin, nach einem für die Studenten nicht nachvollziehbarem System immer wieder Erwählte in die Berge zu bringen. Allerdings kehren kurze Zeit später nur die Regulatoren zurück...

Die Soldaten kamen um Mitternacht.
Ein eiskalter Wind fauchte über das zerklüftete Land, als Ben Thorpe seine Abteilung auf einer schneeverwehten Anhöhe anhalten ließ. Der Mond hatte seinen höchsten Stand erreicht und tauchte das unwirtliche Land in fahles Licht. Die sieben Männer hatten die Gesichtsvisiere ihrer Schutzhelme heruntergelassen und die Kragen ihrer Uniformjacken hochgeschlagen, aber trotzdem konnten sie der grimmigen Kälte des Winters nicht entgehen.
Stumm beobachteten die Uniformierten die kleine Containersiedlung, die vor ihnen lag. Die Motoren heulten ein letztes Mal mit dem tobenden Wind um die Wette, Hebel wurden umgelegt, Schalter gedrückt und Lichter gelöscht.
„Ihr wisst, was ihr zu tun habt!“
Thorpe sprach schnell, seine Stimme klang schrill und aufgeregt. Mit einer flüssigen Bewegung zog er seine Schusswaffe aus einem Halfter, das an seinem Gürtel befestigt war.
Die anderen nickten.
„Was passiert, wenn der Kerl nicht spurt? Angeblich fangen die Erwählten so langsam an, Ärger zu machen.“
„Niemand widersetzt sich den Anordnungen der Regulatoren!“, erwiderte Thorpe kalt.
„Wir gehen jetzt zu Fuß da runter. Ich will nicht, dass der Mann durch den Motorenlärm unserer Maschinen irgendwie vorgewarnt wird.“
Mit einer knappen Handbewegung setzte Ben Thorpe seine Abteilung in Bewegung.
Mühsam stapften die Männer durch den hohen Schnee auf ein Wohnhaus in der Mitte der Siedlung zu. Es bestand aus grob verschweißten Metallplatten. Auf ein Zeichen von Thorpe hin umringten sie den würfelförmigen Wohncontainer und schalteten nacheinander die Leuchtstrahler ihrer Schutzhelme an. Das kalte Licht ließ das ganze Geschehen gespenstisch und unheimlich erscheinen. Thorpe trat vor, bestieg den Treppenvorbau und rammte den Kolben seiner Schusswaffe gegen die Eingangstür.
Die dumpfen Schläge klangen überlaut durch die Nacht und aus einem der naheliegenden Häuser ertönte das Weinen eines Kindes.
Hinter dem einzigen Fenster des Wohncontainers flammte ein Licht auf.
„Verdammt, wer ist denn da?“, kam es aus der Gegensprechanlage.
„Hier sind die Regulatoren! Mach die Tür auf, Bürger Mortimer!“
Eine gemurmelte Verwünschung ertönte aus der Sprechanlage, dann wurde ein Riegel zurückgelegt und die Tür zur Seite geschoben.
Auf der Schwelle erschien ein mittelgroßer Enddreißiger in verblichenem, fadenscheinigem Unterzeug. Neben ihm öffnete sich eine Zimmertür und die zierliche Gestalt einer Frau tauchte in seinem Rücken auf. Fröstelnd zog der Mann die Schultern hoch.
Das schwarze Haar hing ihm wirr ins Gesicht und mit seinen verschlafenen Augen erkannte er undeutlich, wer ihn da mitten in der Nacht aus dem Bett geholt hatte. Mit fahrigen Handbewegungen strich er sich über das unrasierte Gesicht.
„Was wollt ihr denn hier? Weiß einer von euch eigentlich, wie spät es ist?“
„Bürger Mortimer, das Los ist auf dich gefallen.“
Der Uniformierte zielte mit seiner Waffe direkt auf die Brust des Mannes.
„Du bist auserwählt.“
Steve Mortimer verspürte plötzlich Angst. Todesangst!
„Was... was redest du da?“
„Stell dich doch nicht dümmer, als du bist. Pack deine Sachen und komm mit. Aber beeile dich gefälligst, wir haben nicht die ganze Nacht Zeit.“
„Ihr könnt mich nicht mitnehmen, meine Frau erwartet ein Baby.“
Der Uniformierte wischte den Einwand des Mannes mit einer abfälligen Handbewegung zur Seite.
„Halts Maul, du Idiot. Als ehemaliges Mitglied unseres Vereins kennst du die Regeln.“
Trotz seiner verzweifelten Lage stieg langsam kalte Wut in Steve Mortimer auf. In ohnmächtigem Zorn ballte er die Hände und starrte mit brennenden Augen auf sein Gegenüber.
„Und wenn ich mich weigere?“
„Sollen wir deine Frau und deinen Sohn auch gleich mitnehmen?“, antwortete der Uniformierte mit einer Gegenfrage.
Erst jetzt erfasste Steve die ganze Tragweite des Geschehens. Er hatte das Gefühl, der Boden unter seinen Füßen beginne zu wanken. Hastig blickte er sich um.
Nie mehr in seinem ganzen Leben würde er den verzweifelten Ausdruck in den Augen seiner Frau vergessen. Ihr Bild hatte sich unauslöschlich in sein Gehirn gebrannt. Dieser sanfte weiche Körper mit jener Wölbung am Bauch, die sich trotz des weit geschnittenen Nachtkleides deutlich unter dem Stoff abzeichnete, und dazu das namenlose Entsetzen in ihrem Gesicht. Er bemerkte, wie sich ihre Zähne in die Unterlippe gruben, bis kleine Blutstropfen hervorquollen und sie dann von stummem Grauen gepackt in das Zimmer rannte, in dem ihr Sohn schlief.
Seine Augen begannen zu flackern. Die Schultern fielen herab und sein Kopf senkte sich soweit nach unten, dass sein Kinn fast die Brust berührte.
Langsam wandte er sich um, setzte mit seltsam mechanisch wirkenden Bewegungen einen Fuß vor den anderen und ging ins Schlafzimmer zurück um sich anzuziehen.
Das Ganze erschien ihm wie ein einziger entsetzlicher Alptraum, aus dem es kein Entrinnen gab. Er wusste, dass keiner der Erwählten jemals zurück kam, wenn er erst einmal durch das Tor am verbotenen Berg getreten war. Dort mussten selbst die Regulatoren zurück bleiben.
Erst als Steve schließlich angekleidet zwischen den Uniformierten im Schnee stand, glomm sein Überlebenswille noch einmal auf.
Er wusste, dass in dem Gewirr der schneebedeckten Felsen ein Entkommen möglich war. Eine winzige, lächerliche Chance zwar, aber es war eine Chance. Steve reagierte innerhalb von Sekundenbruchteilen. Er warf sich herum, schlug den ihm am nächsten stehenden Mann zu Boden und rannte los.
Aber die Uniformierten waren darauf vorbereitet.
Steve Mortimer hatte nicht einmal ein halbes Dutzend Schritte hinter sich gebracht, als ihn etwas mit solch elementarer Wucht am Hinterkopf traf, das die Welt für ihn in einem Reigen aus bunten feurigen Kreisen unterging.
Er krachte mit dem Gesicht voraus in den Schnee und verlor das Bewusstsein.

Das Erwachen war grausam.
Er hatte das Gefühl, als schlügen bei jedem Herzschlag tausend tobende Teufel mit glühenden Hämmern auf seinen Schädel ein. Seine Zunge lag wie ein nasser Putzlappen in seinem Rachen, kalter Schweiß stand auf seiner Stirn. Ihm war speiübel und er fror.
Vorsichtig hob er den Kopf und blickte sich um.
Ein unheimliches Gefühl stieg in ihm auf und namenloses Entsetzen legte sich langsam wie eine eiskalte Hand um seine Kehle.
Er lag auf einem Labortisch, vollkommen nackt und gefesselt!
Seine Arme und Beine waren in geradezu grotesker Weise vom Körper abgewinkelt worden und mit breiten Lederriemen an das jeweilige Ende des kalten Metalltisches gebunden. Der trübe Schein einer undefinierbaren Lichtquelle erhellte den Raum nur spärlich. Die Einrichtung des Zimmers bestand außer dem Tisch, auf dem er lag, lediglich aus drei großen, kalt wirkenden Metallschränken.
Da er sich nicht aufrichten konnte, erahnte er nur in etwa die Lage der Zimmertür.
Panik kam in ihm hoch.
„Hallo, ist da jemand?“, rief er krächzend in das Halbdunkel des Raumes hinein. Keine Antwort. Nur absolute Stille umgab ihn, eine Stille, die ihn langsam wahnsinnig machte.
„Hallo, hört mich hier keiner?“
Die gespenstisch wirkende Ruhe und das düstere Licht zerrten an Steve Mortimers Nerven.
Verzweifelt rüttelte er an seinen Fesseln, doch die Ledergurte gaben nicht nach. Im Gegenteil, bei jeder weiteren Bewegung schnitten sie ihm immer tiefer ins Fleisch. Schließlich sah Mortimer die Sinnlosigkeit seiner Bemühungen ein und ergab sich keuchend in sein Schicksal.
Angespannt lauschte er in die gespenstische Stille.
Plötzlich öffnete sich die Tür.
So gut es ging, hob Steve den Kopf. Die Haare in seinem Nacken richteten sich auf, eisige Schauer durchfluteten seinen gefesselten Körper und kalter Schweiß rann von seiner Stirn, als er die Umrisse jenes geheimnisvollen Besuchers erkannte.
Er schloss die Augen und öffnete sie wieder in der verzweifelten Hoffnung, endlich aus diesem Alptraum aufzuwachen. Aber das Bild blieb stets das gleiche.
Ein großes dünnes Schattengebilde, das nur annähernd menschenähnliche Umrisse besaß, schob wortlos einen fahrbaren würfelförmigen Metalltisch ins Blickfeld des gefesselten Mannes. Verschiedenartige Instrumente glänzten unheimlich im kalten Licht des Raumes.
Steve Mortimer kannte die Bedeutung der Instrumente zwar nicht so genau, aber eine grauenvolle Ahnung beschlich ihn und mit einem schrillen Schrei brüllte er seine Angst durch das Zimmer.
„Neeein!“
Urplötzlich durchdrang eine Stimme, die nicht von dieser Welt zu kommen schien, jede Zelle seines Kopfes. Die Stimme schwoll an, erhob sich zu einem schrillen Kreischen und jedes einzelne Wort brannte sich in Mortimers Schädel ein.
„Warum wehrst du dich, Mensch? Du darfst mir jetzt dienen.“
‚Ein Verrückter!’, durchzuckte es Steve. ‚Mein Gott, ich bin in die Hände eines Irren geraten!’
„Was... was wollen sie von mir?“
Die dunkle Gestalt schüttelte sich.
„Dich!“
Ein beklemmendes Gefühl stieg in Steve hoch.
„Ich werde dir jetzt zeigen, was ich mit dir vorhabe. Genau so, wie ich es allen anderen Erwählten vor dir auch gezeigt habe, bevor sie mir gedient haben.“
Steve Mortimer zuckte zusammen.
Obwohl es ihn brennend interessierte, was mit den Erwählten geschah, so hatte er doch panische Angst davor, die Wahrheit zu erfahren.
„Lassen sie uns doch über alles noch einmal in Ruhe reden. Wir sind doch beide erwachsene Menschen.“
„Das stimmt allerdings nur zur Hälfte“, sagte die Gestalt emotionslos.
Das Kreischen im Raum schwoll zu einem schier unerträglichen Lärm an. Der hünenhafte Schatten wirbelte einem Schemen gleich durch das Zimmer und plötzlich, wie von Geisterhand bewegt, begannen sich die Türen der Metallschränke zu öffnen und ihr Inhalt offenbarte sich Steves entsetztem Blick.
Dem Wahnsinn nahe öffnete er den Mund zu einem lautlosen Schrei. Sein Herz schien stillzustehen und sein Verstand weigerte sich, das zu begreifen, was seine Augen mit entsetzlicher Deutlichkeit sahen.
Alle Schränke waren mit durchsichtigen Glasbehältern unterschiedlicher Größe bestückt und bis zum Rand mit einer lichtdurchlässigen Flüssigkeit gefüllt.
Und dieser Inhalt war es, der Steve beinahe um den Verstand brachte.
„Was haben sie getan?“, fragte Steve und unterdrückte nur mühsam das würgende Geräusch in seinem Hals.
Der Schatten zuckte. Sein schrilles Kreischen, das sich diesmal wie ein gespenstisches Lachen anhörte, dröhnte in Mortimers Schädel.
„Ich habe getan, was getan werden muss.“
„Wer in aller Welt bist du?“, fragte Steve leise.
Er war mit den Nerven am Ende, seine Stimme ging in haltloses Schluchzen über. Tränen rannen über sein hageres Gesicht, Tränen der Angst und der Verzweiflung.
Das hier konnte kein normaler Mensch getan haben.
In diesem Moment schälte sich die bis dahin nur verschwommen wirkende Gestalt aus dem dunklen Schatten des Zimmers.
Steve glaubte nun entgültig verrückt zu werden.
All seine tief in seinem Innern verborgenen ureigenen Ängste schienen mit einem Schlag wahr geworden zu sein. Das Blut in seinen Adern schien zu Eis zu erstarren und etwas, das er bis zu dieser Stunde als völlig absurd aus seinen Gedanken gestrichen hatte, fraß sich
jetzt förmlich in sein Gehirn hinein, das langsam begann, in die Klauen des Wahnsinns hinüber zu gleiten.
Er schloss die Augen und begann zu wimmern.
Ein riesiges, fast drei Meter großes Alptraumwesen, das aussah wie die fleischgewordene Karikatur eines Menschen, kam langsam auf ihn zu. Zwei umherzuckende Stielaugen und ein weitaufgerissener Rachen, aus dem ständig eine blaue schleimige Zunge herauszuckte, waren alles, was in dem ovalen Schädel auf ein Gesicht hindeutete. Zwei Arme an jeder Seite eines Torsos, der nicht viel dicker war als der Unterarm eines Erwachsenen, und ein paar gekrümmte Beine vervollständigten das Erscheinungsbild der Kreatur, die niemals von dieser Welt stammen konnte. Unter der durchsichtigen geleeartigen Haut erkannte er eine blaue Substanz, die durch den Körper pulsierte. Als das Wesen ihn erreicht hatte, fuhr es mit einem der Arme über seine Füße.
Unheimliche Gedanken erreichten Steves Gehirn und schalteten danach einfach dessen Primärfunktion aus.
„Es ist schon lange her, dass ein Erwählter zu mir gebracht wurde. Dabei brauche ich euch doch so dringend.“
Nur allmählich drangen diese Sätze in Mortimers Bewusstsein. Fassungslos sah er mit an, wie die Kreatur begann, mit Hilfe eines der Instrumente seinen rechten Unterschenkel fachgerecht zu häuten. Steves Verstand setzte einen Moment lang aus, so als habe man tief in seinem Inneren einfach einen Schalter umgelegt. Schockiert und gleichermaßen fasziniert starrte er auf das nackte, unregelmäßig zuckende Fleisch seines Beines, auf freigelegte Muskelstränge und auf das viele Blut.
Erst als ein weiterer Arm des Wesens die Spitze eines Metallbohrers auf seinem Brustbein ansetzte, begann Steve Mortimer zu schreien.

Farbige Blitze zuckten durch den Morgen und verbreiteten ein unnatürliches Licht in der winterlichen Landschaft.
Über einer bewaldeten Hügelkuppe entstand eine dunkle Wolke, die rasch größer wurde und zu Boden sank. All das geschah schnell und vollkommen lautlos. Als die Wolke den Boden berührte, löste sie sich so plötzlich auf, wie sie erschienen war und an ihrer Stelle standen vier Menschen im Schnee.
Verständnislos starrten die drei Männer und die junge Frau auf die winterliche Landschaft.
„Scheiße ist das kalt hier!“, fluchte Dan Simon.
Alle waren nämlich nur mit Hosen, T-Shirt, Pullover und Straßenschuhen bekleidet. Diese waren allerdings seit ihrem letzten Abenteuer durch Hitze, Staub und Schweiß in Mitleidenschaft gezogen worden und sahen in Ermanglung einer Waschgelegenheit jetzt eher aus wie Putzlappen.
„Wir müssen sofort die Maschine neu programmieren, bevor wir alle zu Eis werden“, forderte Dan, während er sich mit den Händen die Oberarme rieb.
„Los Markus, fang endlich an.“
„Das geht nicht so einfach“, erwiderte Markus Becker, der für die Maschine verantwortlich war. „Die Maschine ist zwar ein wahres Wunderwerk, dennoch ist auch sie gewissen physikalischen Gesetzen unterworfen. Die Energie, die für einen Zeitsprung benötigt wird, ist nun mal so gewaltig, dass sie frühestens in zwei bis drei Stunden wieder neu eingesetzt werden kann.“
„Bis dahin sind wir längst alle erfroren“, knurrte Dan gereizt.
„Oder auch nicht“, sagte Ken Okumoto und deutete nach Süden. „Seht doch!“
Alle Augen richteten sich sofort in die von Ken gewiesene Richtung. Die Rechte des Japaners zeigte auf eine kleine Holzhütte unterhalb des Hügels. Das Gebäude war aus grob zurechtgeschlagenen Baumstämmen errichtet worden und sah wie ein Stall aus.
Dennoch vermittelte die Hütte den vier Freunden ein Gefühl von Schutz und Sicherheit.
Fast gleichzeitig setzten sie sich in Bewegung und bahnten sich mühsam einen Weg durch den verharschten Schnee. Claire lehnte sich dabei immer öfter an Ken und ließ sich fast wie ein kleines Kind führen. Sie musste ihre äußerste Willenskraft aufbieten, um nicht loszuschreien. Bei einem ihrer letzten Abenteuer hatte sie sich einen gebrochenen Arm eingehandelt, der nur notdürftig versorgt worden war. Das unaufhörliche Hämmern der Schmerzen, die jetzt bis ins Schultergelenk hinauf reichten, waren beinahe unerträglich geworden.
Als sie endlich die Eingangstür erreicht hatten, waren sie steif von der Kälte und auf den Kleidungsfetzen und auf ihrer Haut hatten sich bereits feine Eiskristalle gebildet. Alle vier taumelten in das Gebäudeinnere.
Einen Moment lang blieben sie stumm und staunend stehen.
Dann blickten sie sich ungläubig um.
Im Innern der Hütte sah es aus wie in einem Kaufladen. In den Regalen vor ihnen stapelten sich Gläser und Konserven, links von ihnen hingen übersichtlich angeordnet verschiedene Werkzeuge an der Wand und auf der rechten Seite türmten sich Decken und warme Kleider auf dem Boden.
„Willkommen im Paradies!“, sagte Dan Simon, der als erster die Sprache wieder fand. Dabei breitete er beide Arme aus, so, als wollte er versuchen zu fliegen.
„Was zur Hölle ist das hier?“
Verwirrt blickte sich Markus Becker um. Der Deutsche, ehemaliger Gaststudent an der Kansas Avila Universität, starrte seine Begleiter fragend an. Ken Okumoto zuckte ebenso mit den Achseln wie Claire Bancroft. Nur der praktisch veranlagte Sportstudent Dan Simon
wühlte bereits in dem Kleiderhaufen.
„He Leute, das Frieren hat ein Ende. Los, kommt her und zieht euch auch etwas von diesen Sachen an.“
Markus, Physikstudent und seines Zeichens nach der Analytiker der Gruppe musterte das Innere der Hütte misstrauisch.
„Also, ich weiß nicht, das Ganze gefällt mir überhaupt nicht. Was soll dieses Warenlager mitten in der Wildnis? Es ist weit und breit kein Mensch zu sehen und außerdem macht mich die Tatsache stutzig, dass der Schuppen überhaupt nicht abgeschlossen war.“
„Was willst du damit sagen?“, fragte Claire. Nicht nur der Umstand eines gebrochenen Armes ließ ein Anflug von Sorge in ihrer Stimme mitschwingen.
„Ich befürchte Ärger, gewaltigen Ärger sogar. Was ist, wenn das ganze Zeug jemanden gehört, der es nicht nötig hat, diese Hütte abzuschließen? Weil es zum Beispiel niemand wagen würde hier einzudringen. Vielleicht steht sogar die Todesstrafe auf solch ein Vergehen. Vielleicht ist dieses Lager aber auch der Stützpunkt irgendeiner Expedition und die Leute dort verlassen sich darauf, ständig gewisse Dinge hier vorzufinden. Wenn wir jetzt davon etwas wegnehmen, könnte uns das vielleicht die Feindschaft dieser Menschen einbringen. Keiner weiß, wo wir sind, keiner weiß, was uns hier erwartet.“
„Vielleicht interessiert mich das Ganze aber auch einen Haufen Scheißdreck“, mischte sich Dan Simon unwirsch in die Unterhaltung ein und drängte sich zwischen Markus und Claire.
Er hatte sich inzwischen aus dem Kleiderangebot der Hütte bedient und trug jetzt eine wattierte nässeabweisende Hose, ein blaukariertes Baumwollhemd und eine schwere Felljacke. Die unförmige Kleidung ließ den Sportstudenten klobig und wuchtig erscheinen, wie einen Eishockeyspieler in voller Montur.
„Ich für meinen Teil habe jedenfalls nicht die Absicht, mir hier den Hintern abzufrieren.
Egal, was der Vorbesitzer dazu meint, ich werde mich aus diesen Lagerbeständen hier neu ausrüsten und Leute, ich sage euch eines, es ist ein verdammt gutes Gefühl, warme und trockene Kleidung am Leib zu tragen.“
Dann drehte er sich auf dem Absatz um und begann, das Regal mit den Dosen genauer zu untersuchen.
Markus zögerte einen Moment, aber dann schloss er sich ebenfalls Ken und Claire an, die inzwischen in dem Kleiderhaufen nach passenden Sachen suchten. Die bittere Kälte hatte ihre Bedenken ziemlich rasch über den Haufen geworfen.
Er knöpfte gerade ein flaschengrünes Hemd zu, das ihm wie angegossen passte, als Dan Simon erneut einen Laut der Überraschung von sich gab.
„Das gibt es doch gar nicht!“
„Was ist denn jetzt schon wieder los?“, wollte Claire wissen. Ihr Tonfall klang trotz ihrer Schmerzen leicht genervt.
„Leute“, sagte Dan, „wisst ihr, was wir hier haben?“
Während die anderen drei verständnislos den Kopf schüttelten, zeigte Dan auf die verschiedenartigen Gläser, die allesamt bunte Etiketten trugen.
„Fleisch, Gemüse und Obst in allen nur erdenklichen Geschmacksvarianten. Das Ganze sieht zwar aus wie Babynahrung, aber ich denke, mit diesem Zeug hier werden wir bis zum nächsten Zeitsprung unter Garantie nicht verhungern müssen.“
Dann trat er an das nächste Regal.
„Und hier, Campingkocher, Werkzeug, Hausrat, ich komme mir vor wie bei Woolworth. Der liebe Gott hat anscheinend doch noch ein Einsehen mit uns. Auch wenn wir mit unserer Zeitreisesache bisher voll daneben lagen.“
Staunend traten die anderen näher an die Regale.
Nach einem leichten Klaps auf die unverletzte Seite sah Ken Claire auffordernd in die Augen und deutete mit vorgerecktem Kinn auf die Warenbestände.
„Jetzt bist du als Frau gefordert, also koch mal was Schönes.“
Claire verzog das Gesicht.
„Einarmig ist das aber ein ziemliches Problem.“
„Dann helfe ich dir eben“, erwiderte Ken.
„Um Gottes Willen, verschone uns bloß mit deinen Kochkünsten“, stöhnte Markus.
„Was willst du damit sagen?“
„Ich erinnere mich an die letzte Barbecueparty auf dem Campus, als sich unser Grillmeister Okumoto etwas mit der Beigabe seiner asiatischen Gewürzmischungen vertan hat. Danach musste die Hälfte der Studentenschaft mit verbrannten Magenschleimhäuten im Krankenhaus behandelt werden.“
„Kunstbanausen, wer hat denn gesagt, ich soll es ordentlich würzen? Hoffentlich erstickt ihr diesmal daran“, erwiderte Ken.
Trotz aller Sticheleien brachten die beiden schließlich doch noch ein annehmbares Essen zustande und nach einer wärmenden Mahlzeit aus den Beständen der Regale blickten die vier Zeitreisenden wieder etwas optimistischer in die Zukunft.
„Und wie soll es jetzt weitergehen?“, fragte Dan schließlich kauend, indes er seinen Teller zur Seite stellte.
„Wie meinst du das?“
„So, wie ich es gesagt habe. Wir können hier schließlich nicht ewig warten und uns von dieser Pampe ernähren. Wer weiß, bis wann der nächste Zeitsprung möglich ist. Jetzt, nachdem wir uns wieder aufgewärmt haben und im Besitz von wetterfester Kleidung sind, sollte jemand von uns mal die nähere Umgebung erkunden. Vielleicht gibt es da draußen so etwas wie eine Siedlung, oder Menschen, die uns im Notfall weiterhelfen könnten. Claire zum Beispiel sollte dringend mal zu einem Doc.“
„Was schlägst du vor?“, fragte Ken, während er mit einem Löffel die Reste seiner Mahlzeit auf seinem Teller zusammenschob.
„Einer von uns sollte im Abstand von sagen wir zwei, drei Meilen eine Runde um die Hütte drehen und immer wieder mal auf einen Baum klettern oder einen Hügel besteigen. Vielleicht entdeckt er ja etwas, das uns weiterhelfen kann“, entgegnete Dan.
„Wer soll das sein?“, fragte Ken.
„Ich zum Beispiel!“, sagte Dan.
„Warum du?“
„Markus wird hier drin bei der Maschine gebraucht. Claire ist gesundheitlich angeschlagen, zudem auch noch eine Frau.“
„Chauvi!“, fauchte Claire.
Der Sportstudent setzte ein verlegenes Lächeln auf.
„Versteh mich bitte nicht falsch. Aber ich weiß nicht, wie du reagierst, wenn plötzlich ein paar finstere Burschen auftauchen, die auf Ärger aus sind. Außerdem macht mir die Sache mit deinem Arm Kummer. Irgendeiner muss schließlich auch auf diesen Verein aufpassen. Nämlich Ken, er beherrscht Kung-Fu und ist auch sonst nicht auf den Kopf gefallen. Was liegt also näher, als mich zu bestimmen.“
„Ist das nicht zu gefährlich, wenn du alleine gehst?“, gab Claire zu bedenken. „Zu zweit ist es doch bestimmt sicherer, eine unbekannte Gegend zu erkunden.“
Der Sportstudent schüttelte den Kopf.
„Keine Sorge. Ich habe nicht vor, mich weiter als zwei Meilen von der Hütte zu entfernen. Spätestens in ein, zwei Stunden bin ich wieder zurück. Außerdem kann ich ganz gut auf mich alleine aufpassen und wenn ich tatsächlich in eine heikle Situation gerate, bin ich auf eure, vielleicht besonders auf Kens Hilfe angewiesen. Obwohl ich ansonsten sehr gerne deinen Beschützer spielen würde, Claire.“
Die Reaktionen der anderen auf diese Worte hätte nicht unterschiedlicher sein können.
Markus rollte seufzend mit den Augen und murmelte irgendetwas von einem verrückt spielenden Hormonhaushalt, Claire lächelte Dan eindeutig zweideutig an und Ken verzog nur das Gesicht.
Dan wählte aus dem Kleiderhaufen noch eine zusätzliche Jacke, die innen mit dichtem, dunklem Fell besetzt war. Dann öffnete er die Tür der Hütte und marschierte los, ohne sich noch einmal umzublicken.
Instinktiv wollte er sein Glück im Süden versuchen.
Die Luft war glasklar und die Sonne stand senkrecht am Himmel. Während er stetig weiter nach Süden lief, forderten der Schnee und die eisigen Temperaturen jedoch schon bald ihren Tribut und keine Stunde später wurde Dan das Marschieren allmählich zur Qual. Mit hängenden Schultern blieb er in der Deckung einiger Tannen stehen, deren Äste mit glitzerndem Schnee bedeckt waren und sich unter der weißen Last fast bis zum Boden hinab bogen.
Erschöpft blickte er über die winterliche Landschaft.
Ohne die richtige Ausrüstung war hier ein rasches Vorwärtskommen eine einzige Schinderei.
Er spielte gerade mit dem Gedanken, wieder zur Hütte zurück zulaufen, als plötzlich ein Knattern wie von Rasenmähern ertönte. Scheinbar aus dem Nichts heraus tauchten sieben futuristisch aussehende Maschinen rechts von Dan zwischen einigen Hügeln auf. Die Dinger sahen aus wie eine Mischung aus Schneemobil und Chopper.
Die Fahrer saßen mit weit nach vorne gebeugten Oberkörpern auf den Fahrzeugen, die regelrecht über den Schnee zu fliegen schienen.
Augenblicklich hatten sie Dan erreicht, brachten ihre Fahrzeuge zum Stehen und schalteten die Motoren aus. Die Männer trugen dunkelblaue Uniformen und waren alle bewaffnet. Ihr Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes und Dan hatte den Eindruck, dass sie durchaus bereit waren, von ihren Waffen rücksichtslos Gebrauch zu machen.
„Was bist denn du für ein komischer Vogel?“
Dan starrte den Mann misstrauisch an. Der Sprecher hatte seinen Schutzhelm abgenommen und musterte ihn aus kleinen, heimtückisch glitzernden Augen. Er war ein pickelgesichtiger Typ mit vorstehenden Schneidezähnen und einem spitz nach unten zulaufenden Gesicht. Der Kerl sah aus wie eine Ratte auf zwei Beinen.
Seine Begleiter hielten jetzt alle ihre Waffen in den Händen.
„Ich kann mich nicht erinnern, dich schon einmal hier in der Gegend gesehen zu haben. Wo kommst du her, was hast du hier draußen zu suchen?“
Dan hatte plötzlich ein mulmiges Gefühl. Fieberhaft suchte er nach einer glaubwürdigen Antwort. Er ahnte, dass sein weiteres Schicksal größtenteils von der Wahl seiner nächsten Worte abhing.
„Ich bin hier nur auf der Durchreise“, erwiderte er ausweichend.
„Das nehme ich dir nicht ab“, zischte Rattengesicht. „Ich glaube eher, dass du einer von diesen umherziehenden Faulenzern bist, die sich lieber von Siedlung zu Siedlung durchbetteln, anstatt einer anständigen Arbeit nachzugehen. Ist es nicht so?“
„Nein Mister, Sie irren sich, mit mir haben Sie keine Probleme“, sagte Dan beschwichtigend. Dann verzog er sein Gesicht zu einem gequälten Lächeln.
„Also, ich schätze mal, ich geh dann wieder weiter. Ich habe mich jetzt lange genug hier ausgeruht.“
Vorsichtig drehte er sich um und begann langsam loszulaufen. Er verspürte ein unangenehmes Kribbeln in der Magengegend und trotz der Kälte stand ihm plötzlich Schweiß auf der Stirn. Er kam keine zehn Schritte weit, als ihn die Stimme von Rattengesicht wieder einholte.
„Halt, mein Freundchen, so billig kommst du mir nicht davon. Die Jungs werden dir jetzt mal zeigen, was wir in unserem Bezirk von Herumtreibern halten.“
Er klatschte kurz in die Hände und zischte bösartig: „Los, erteilt ihm eine Lektion!“
Wortlos stiegen die Männer von ihren Fahrzeugen und umzingelten ihn. Mit einem raschen Schritt zur Seite wollte Dan verhindern, das einer der Uniformierten hinter seinen Rücken gelangte.
Zu spät!
Im nächsten Moment warf ihn ein Schlag gegen den Hinterkopf nach vorne und brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Er fiel kopfüber zu Boden, rollte geschmeidig durch den Schnee und wollte aufspringen, als sich ein Stiefel zwischen seine Rippen bohrte. Mit einem schmerzerfüllten Stöhnen krümmte er sich im Schnee. Weitere Tritte folgten, sein Oberkörper brannte wie Feuer, die Schmerzen explodierten förmlich in seiner Brust und ihm wurde schwarz vor Augen.
Wie aus weiter Ferne drangen die Worte von Rattengesicht an seine Ohren.
„Eigentlich müsste ich den da mit in die Zentrale nehmen. Aber ich habe in der Siedlung noch etwas Wichtiges zu erledigen. Ich kann mich jetzt nicht von so einer Pfeife unnötig aufhalten lassen. Gary, du kommst mit mir, ihr anderen fahrt weiter Patrouille. Wir treffen uns spätestens morgen in der Zentrale.“
„Und was machen wir mit dem da?“, fragte ein anderer.
„Verpasst ihm noch eine und lasst ihn liegen. Den Rest wird die Kälte erledigen.“
Bevor ihn ein letzter Fußtritt in die schwarze Unendlichkeit der Ohnmacht schickte, hörte Dan noch, wie die Männer lachten.

Als er die Augen wieder öffnete, lag er ausgestreckt im nassen Schnee.
Augenblicke später, als er endgültig aus dem dunklen Nebel der Bewusstlosigkeit aufgetaucht war, begann sein Verstand wieder logisch und präzise zu arbeiten. Sofort wurde sich Dan über den Ernst seiner prekären Lage bewusst und er versuchte sich rasch aufzurichten. Der Schmerz, der daraufhin durch seinen Oberkörper raste, war höllisch.
Vor seinen Augen tanzten für einen Moment schwarze Punkte.
Einen Augenblick lang saß Dan wie benommen im Schnee. Dann biss er die Zähne zusammen und versuchte, sich erneut aufzurichten. Diesmal unendlich vorsichtiger, denn die Schmerzen ließen nur peinigend langsam nach.
Er begann flach und vorsichtig zu atmen, wie vermutlich jeder, dessen Rippen Bekanntschaft mit einem guten Dutzend Stiefeln gemacht hatten.
Nach ein paar Minuten, in denen er aufmerksam das umliegende Land musterte, marschierte er schließlich auf direktem Weg wieder zur Hütte zurück. Doch schon nach wenigen Schritten verharrte er nachdenklich im Schnee. Eine innere Stimme sagte ihm, dass es besser war, erst einen weiten Bogen zu schlagen, um dann zur Hütte zu gehen und nicht direkt auf dem Weg zurückzulaufen, den er bisher hinter sich gebracht hatte. Zwar fiel ihm keine zwingend logische Erklärung für sein Verhalten ein, aber Dan beschloss, auf sein Gefühl zu hören. Bisher war er damit ziemlich gut gefahren. Er konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass er damit in diesem Moment haargenau die richtige Entscheidung gefällt hatte.
Er wandte sich nach Osten, auf eine kleine Hügelkette zu. Der Weg dorthin war beschwerlich, seine Kleider waren feucht und klamm und er begann, trotz der körperlichen Anstrengung in der eisigen Kälte, schon bald zu frieren.. Jede Bewegung wurde zur Qual und während er über sein Schicksal und die Uniformierten nachdachte, wurden seine Gedanken mit jedem Meter, den er zurücklegte, unfreundlicher.
Dan Simon presste die Lippen zusammen.
Er wusste nur zu gut, in was für Schwierigkeiten er steckte.
‚Verdammt’, dachte er, ‚wenn ich nicht bald ins Warme komme und diese nassen Sachen ausziehen kann, hole ich mir noch den Tod.’
Aber er hatte unwahrscheinliches Glück.
Wäre da nicht dunkler Rauch hinter einem der Hügel aufgestiegen, hätte er die Ortschaft niemals bemerkt.
So schnell er konnte, lief er auf die Rauchschwaden zu, die keinen Steinwurf von ihm entfernt langsam im kalten Himmel zerfaserten. Bereits hinter der nächsten Felsbiegung entdeckte Dan die Wohncontainer einer kleinen Ansiedlung.
Überrascht blieb er stehen und musterte die Häuser eingehend. Die würfelförmigen Gebilde aus grob verschweißten Metallplatten standen inmitten unzähliger Büsche und Sträucher.
Im Schnee der einzigen Straße, die den Ort von Norden nach Süden durchschnitt, scharrten ein gutes Dutzend braun gefiederter Hühnervögel vergeblich nach Nahrung. Irgendwo weinte ein Kind.
Aber keine Menschenseele war zu sehen.
Vor einer der quadratischen Metallbehausungen standen zwei Schneemobile, die Dan irgendwie bekannt vorkamen. Hinter den Fahrzeugen baumelte ein Teppich an einer Wäscheleine im Wind und alles schien ruhig und friedlich zu sein. Dan stapfte durch den Schnee hindurch auf dieses Haus zu.
Die Schmerzen in seiner Brust schienen nachgelassen zu haben. Aber Dan wusste genau, das dies nicht der Fall war. Er konnte sie dank seiner Sportausbildung mit der Zeit lediglich besser ertragen.
Er betrat den eisernen Vorbau des Wohncontainers und klopfte an die stabile Eingangstür.
„Hallo, ist da jemand?“
Keine Antwort.
Beim nächsten Klopfen bemerkte er zu seinem Erstaunen, dass die Tür nur angelehnt war.
Vorsichtig betrat er das Gebäude. Im Inneren des Hauses hörte er das Lachen von Männern und das unterdrückte Keuchen und Stöhnen einer Frau, die ganz offensichtlich in Schwierigkeiten war. Als er schließlich die einfache, aber sauber eingerichtete Küche des Hauses betrat, erkannte er die Lage auf einen Blick.
Auf dem Tisch lag eine Frau. Eine dämlich grinsende Gestalt hielt ihre Hände einem Schraubstock gleich auf der blank gescheuerten Platte des Tisches fest. Ihr Gesicht war total zerschlagen. Ihr linkes Auge war zugeschwollen, die Wange eine einzige, blutunterlaufene Stelle und in ihren Mundwinkeln klebten Reste von geronnenem Blut. Ihr Kleid war total zerfetzt und ihre vollen Brüste quollen aus dem zerrissenem Oberteil heraus. Ihre Beine baumelten über den unteren Rand des Tisches. Vor ihrer unverhüllten Scham stand Rattengesicht mit heruntergelassener Unterhose.
„Halte sie nur gut fest, gleich bin ich soweit!“, keuchte er und seine schmierigen Finger glitten dabei gierig über den Körper der Frau. Sein Begleiter konnten sich vor Lachen kaum noch halten. Die zwei Männer hatten anscheinend nur noch Augen für die halbnackte Frau.
Dans Augen wurden schmal. Eine unbändige Wut hatte ihn gepackt, genug, dass der impulsive Sportstudent glaubte, jeden Moment die Beherrschung zu verlieren.
„Hallo Rattengesicht“, sagte Dan kalt. „Nennst du das etwa ein wichtiges Vorhaben?“
Fassungslos starrten ihn die Männer an.
Der mit der heruntergelassenen Hose verschluckte sich fast vor Aufregung und glotzte ihn aus weit aufgerissenen Augen dämlich an.
Dann begann er schrill zu lachen.
„He, das ist doch das Bürschchen von vorhin. Ist der Kerl eigentlich lebensmüde? Gary, los stopf diesem Blödmann das Maul. Wenn ich mit der Wildkatze hier fertig bin, kümmere ich mich persönlich um diesen Idioten.“
Der Mann namens Gary musterte den Studenten verächtlich und stapfte grinsend auf ihn zu.
Aber da reagierte Dan bereits.
Diesmal ließ er sich nicht überrumpeln, diesmal setzte er seinen Körper und all seine Footballtricks rücksichtslos ein, auch die unschönen. Und davon kannte er als Profi eine verdammt große Anzahl.
Seine Rechte stieß nach vorn und mit einer einzigen flüssigen Bewegung hämmerte er dem Angreifer seine geballte Faust an den Hals.
Der Mann blieb plötzlich stehen, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Dann griff er sich mit beiden Händen an die Kehle und sank gurgelnd zu Boden.
Aber das sah Dan bereits nicht mehr. Gedankenschnell drehte er sich einmal um die eigene Achse. Sein Fuß zuckte hoch und traf Rattengesicht mit voller Wucht in den Magen. Der Mann fiel würgend auf die Knie und sein Oberkörper beugte sich wie bei einem stummen Gebet langsam nach vorn.
Dan packte den Kerl am Kragen, richtete ihn auf und ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren, schlug er erneut zu. Der Schlag fegte ihn der Länge nach auf den Fußboden. Mit ausgebreiteten Armen blieb der Rattengesichtige bewusstlos liegen.
Dann wandte sich Dan langsam um. Sein Blick traf den der Frau. Das Entsetzen wich langsam aus ihrem Gesicht.
„Bist du okay?“
Die Frau auf dem Tisch nickte und versuchte vergeblich, mit den zerfetzten Überresten ihrer Kleidung ihren nackten Körper zu bedecken. Ihr Gesicht war tränenüberströmt.
„Dann geh jetzt in dein Schlafzimmer und zieh dir was Ordentliches an. Ich räume inzwischen diesen Dreck beiseite. Gibt es hier einen Raum, den man abschließen kann?“
Die Frau nickte und zeigte auf die Haustür.
„Links neben dem Haus ist ein Holzschuppen, da bewahren wir unser Brennholz auf“, sagte sie schluchzend und verschwand im nächsten Moment hinter ihrer Schlafzimmertür.
Dan schleifte die Männer nach draußen.
Die Straße war menschenleer, aber während er die Bewusstlosen in den Bretterverschlag zerrte, glaubte er, hinter den Fenstern mehrerer Häuser Gesichter zu erkennen. Das Innere des Schuppens war bis zur Hälfte mit Holzscheiten gefüllt, die hoch bis an die Decke gestapelt waren, bündelweise mit soliden Stricken zu handlichen Paketen geschnürt. Mit diesen Stricken fesselte er die Männer, nachdem er ihnen vorher die Taschen geleert hatte. Rasch verschloss er die Tür des Schuppens und eilte ins Haus zurück. Jetzt musste er zusehen, dass er die feuchten Sachen los wurde, danach brauchte er unbedingt etwas Warmes im Magen, ansonsten war eine Lungenentzündung geradezu vorprogrammiert.
Als er in die Küche kam, stand die Frau am Herd. Ein Holzscheit zersprang knackend im Feuer des Küchenofens und der Duft von frisch aufgebrühtem Tee wehte durch den Raum.
Jetzt trug die Frau ein dunkles, schlichtes Wollkleid, das hoch am Hals mit einem grünen Stoffband geschlossen war. Ihr Gesicht wies eine dicke, weiße Puderschicht auf.
Dennoch konnte die Schminke die Spuren der Misshandlung nicht völlig verdecken.
Nachdenklich musterte die Frau den Studenten.
Dieser Fremde schien fast nur aus Muskeln und Sehnen zu bestehen. Sein kantiges, sonnengebräuntes Gesicht mit den hellblauen Augen stand im seltsamen Kontrast zu seinen blonden Haaren. Beides war ein Vermächtnis seiner Eltern.
Ein kleiner Silberring glitzerte im linken Ohrläppchen. Er trug eine dicke schlichte Jacke aus Tierhaut über einem verwaschenen Wollhemd. Die Jacke reichte bis zu den Knien hinab. Seine Hose war aus grauem Flanellstoff und seine Füße steckten in einem Paar ausgetretener Armeestiefel.
Seine ganze Kleidung war nass vom Schnee und teilweise noch mit Eiskristallen überzogen.
Da er ziemlich nahe am Herd stand, hatte sich inzwischen zu seinen Füßen eine regelrechte Pfütze gebildet.
„Du brauchst unbedingt trockene Sachen“, sagte die Frau knapp. „In deinem nassen Zeug wirst du dir noch den Tod holen.“
Dan lächelte gequält.
„Ich weiß, aber leider sind meine anderen Kleider im Moment in der Reinigung.“
Die Frau starrte ihn einen Moment lang verständnislos an, dann musterte sie ihn aus zusammengekniffenen Augen.
„Im Schlafzimmer habe ich noch ein paar Sachen von meinem Mann aufbewahrt.“
Bevor Dan daraufhin etwas erwidern konnte, machte sich die Frau auch schon auf den Weg zu ihrer Schlafkammer.
„Ich weiß nicht, ob dir die Kleider passen werden, aber besser als dein nasses Zeug ist es allemal. Also zieh dich schon mal aus, während ich nach den Sachen sehe.“
„Aber...“, stotterte Dan.
Eigentlich war er ja in dieser Hinsicht kein Kostverächter, und das bei dieser Frau alles an der richtigen Stelle saß, davon hatte er sich vorhin, wenn auch unfreiwillig, zur Genüge überzeugen können. Dennoch wäre er sich schäbig vorgekommen, wenn er die Situation jetzt ausgenutzt hätte. So blickte er zu Boden, während sein Gesicht noch um eine Nuance dunkler wurde.
Die Frau blieb im Türrahmen ihrer Schlafkammer stehen und bedachte Dan mit einem seltsamen Blick. Als sie erkannte, wie sich rasch eine unnatürliche Röte auf dem Gesicht des Fremden breit machte, verzogen sich ihre Mundwinkel zu einem milden Lächeln.
„Keine Angst, ich bin mit drei Brüdern aufgewachsen und verheiratet. Ich denke, ich habe genug Männer in Unterhosen gesehen, um nicht gleich in Ohnmacht zu fallen. Also stell dich nicht so an, sondern zieh endlich deine nassen Sachen aus.“

Das grünkarierte Baumwollhemd war mindestens eine Nummer zu eng und die Hose zu kurz, dennoch fühlte sich Dan wie neugeboren.
Die trockenen Kleider schienen in ihm neue Energie geweckt zu haben. Wenn ich jetzt noch etwas Warmes in den Magen bekomme, dachte er, dann bin ich wieder fast der Alte. Anscheinend erriet die Frau die Gedanken des jungen Mannes, denn sie hantierte kurz am Ofen, Geschirr klapperte und dann reichte sie Dan wortlos eine Tasse, deren Inhalt noch dampfte.
„Ich heiße Laura, Laura Brandon“, sagte sie knapp.
„Dan“, entgegnete der Sportstudent. „Mein Name ist Dan Simon.“
Er setzte sich an den Küchentisch und blies mit gespitzten Lippen vorsichtig über den Rand der Tasse.
„Das war wohl das Dümmste, was dir einfallen konnte. Vielleicht weißt du es noch nicht, aber wir beide sind jetzt schon so gut wie tot.“
Dan fiel fast die Teetasse aus der Hand.
„Nette Art sich zu bedanken.“
Die Frau wiegte verzweifelt den Kopf.
„Das waren Regulatoren, verstehst du, Regulatoren! Spätestens Morgen wird man nach diesen Männern suchen und dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie hierher kommen. Man wird uns töten! Die Regulatoren können es sich nicht leisten, Leute wie uns am Leben zu lassen.“
Niedergeschlagen setzte sich Laura zu ihm an den Küchentisch. Jetzt, da ihre Beherrschung und Selbstsicherheit verflogen waren und sie die Angst nicht länger verbergen konnte, fühlte sich Dan plötzlich zu ihr hingezogen. Aber jetzt war wohl der unpassendste Moment für ein Date.
„Wer oder was zum Teufel sind Regulatoren? Wo bin ich hier eigentlich gelandet, kannst du mir das Ganze vielleicht etwas genauer erklären?“
„Du kommst nicht aus der Gegend?“
Dan schüttelte den Kopf.
„Das erklärt zwar einiges, trotzdem hast du uns durch dein Eingreifen in große Schwierigkeiten gebracht.“
„Sollte ich etwa zusehen, wie sie dich...“
Dan ließ das letzte Wort mit Absicht unausgesprochen. Er konnte gut verstehen, was die Frau mitgemacht hatte und wollte sie nicht unbedingt erneut an das Geschehene erinnern.
Mit einer resignierenden Handbewegung winkte Laura ab.
„Zugegeben, die Sache vorhin war nicht gerade angenehm für mich. Aber ich hätte es überlebt.“
Dann verzog sie ihr Gesicht zu einem spröden Lächeln.
„Trotz allem ist es schön, dass es noch Männer wie dich gibt. Mein Gott, an so etwas habe ich schon lange nicht mehr zu denken gewagt.“
„An was?“
„An einen Mann, der den Mut hat, sich mit den Regulatoren anzulegen.“
Verlegen starrte Dan auf die Teetasse in seinen Händen.
In diesem Moment klopfte es an die Tür. Mit einem Satz war Dan auf den Beinen. Trotz seiner groß gewachsenen Gestalt huschte er fast lautlos zur Eingangstür des Wohnwürfels und spähte vorsichtig durch den eingearbeiteten Türspion ins Freie.
Drei unterschiedlich große Männer standen dort draußen im Schnee. Einer trug einen abgeschabten Zylinder auf dem Kopf, ein anderer war ein dicker, spitzbärtiger Kerl mit einem ungepflegten Schnauzbart, dessen Enden bis zu den Kinnwinkeln reichten, und der dritte ein kahlköpfiger Riese, der nervös auf dem Stiel einer Pfeife herumkaute.
„Kennst du diese Typen?“, fragte Dan knapp und trat zur Seite.
Laura blickte kurz durch das Guckloch und nickte.
„Der mit dem Zylinder ist Mike, unser Ortsvorsteher. Der Dicke heißt Abraham, unser Pfaffe und der Glatzkopf da mit der Pfeife ist Smoke. Ihm gehört das Warenhaus am Ende des Dorfes.“
„Also machen uns praktisch die Honoratioren dieser feinen Stadt soeben ihre Aufwartung“, entgegnete Dan sarkastisch.
„Was hast du jetzt vor?“
„Nachfragen, was dieser Besuch zu bedeuten hat.“
Mit einem Ruck öffnete er die Tür.
„Was gibt´s?“ Dabei starrte Dan auf die Männer, die dicht beisammen standen. Die Augen der drei weiteten sich. Sie wichen den harten Blicken des Studenten aus und starrten betreten in den Schnee. Mike nahm den Zylinder vom Kopf und drehte ihn nervös in seinen Händen. Abraham hüstelte gekünstelt.
„Wir wollen, dass sie von hier verschwinden. Jetzt, sofort!“, sagte Smoke, der als erster seine Stimme wieder fand.
„Jawohl!“, keifte der Spitzbärtige. „Sie haben uns mit ihrer Wahnsinnstat alle in Gefahr gebracht. Wie kommen Sie überhaupt dazu, sich mit diesen Männer anzulegen? Die Regulatoren werden bestimmt wütend sein, wenn sie vom Schicksal ihrer Leute erfahren.“
„Genau“, pflichtete ihm der Ortsvorsteher bei. So allmählich redeten sich die Männer in Rage.
„Wir wollen hier keine Unruhe im Dorf. Gerade jetzt, wo sie wieder auf der Suche nach Erwählten sind, können wir es uns nicht erlauben, die Aufmerksamkeit der Regulatoren noch zusätzlich auf uns zu lenken. Eigentlich müssten wir sofort einen Boten zu ihnen schicken, der berichtet, was Sie getan haben.“
„Eigentlich interessiert mich euer Geschwätz einen Scheißdreck“, entgegnete Dan kalt.
„Wie kommt ihr drei jämmerlichen Figuren überhaupt dazu, mich hier blöd anzumachen? Wo habt ihr denn gesteckt, als die Frau in Schwierigkeiten war? Unter eurer Bettdecke vielleicht? Da, wo ich herkomme, ist es noch selbstverständlich jemandem zu helfen, der in Not ist. Ende der Diskussion und jetzt verschwindet. Haut bloß ab, ihr Pfeifen, bevor ich richtig wütend werde.“
Mike öffnete den Mund, schien etwas sagen zu wollen, konnte aber nur mit dem Kopf schütteln und klappte den Mund wieder zu.
Die Gesichter von Abraham und Smoke wurden weiß wie frisch gefallener Schnee.
„Laura!“, sagte Smoke verzweifelt und starrte die Frau, die jetzt hinter Dan im Türrahmen erschienen war, hilfesuchend an.
„Erkläre deinem Freund, in was für eine Situation er unseren Ort mit seiner unüberlegten Handlungsweise gebracht hat. Gerade du musst doch wissen, was uns jetzt erwartet, schließlich war auch dein Mann einmal ein Erwählter. Oder hast du ihn etwa wegen dem da schon vergessen?“
Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte Dan, wie das Gesicht der jungen Frau zu einer steinernen Maske wurde.
„Verschwindet!“, sagte sie schließlich und ihre Stimme klang dabei wie gesprungenes Glas.
„Verschwindet, aber alle drei!“

„Wo zum Teufel steckt Dan nur so lange?“, sagte Ken Okumoto unwirsch und lief nervös in der Hütte auf und ab. „Er wollte doch nur eine Runde drehen und jetzt ist er schon eine Ewigkeit da draußen.“
„Hast du etwa Sehnsucht nach ihm?“, fragte Claire und zog belustigt die Augenbrauen hoch.
„Natürlich nicht“, erwiderte Ken gereizt. „Aber in der Zwischenzeit sind mindestens zwei, wenn nicht sogar drei Stunden vergangen. Die Maschine müsste wieder genügend Energie besitzen. Falls es dir entgangen sein sollte, für einen neuen Zeitsprung benötigen wir aber seine Anwesenheit. Das, meine Liebe, ist der Grund, weshalb ich mir so langsam Sorgen mache.“
„Das dürfte aber nicht unser einziges Problem sein“, mischte sich Markus in die Unterhaltung ein.
„Was denn noch?“
„Die Maschine!“
„Was ist damit?“, hakte Ken nach.
„Also, ich...“, antwortete Markus zögerlich, „ich kann mir das Ganze auch nicht so recht erklären. Ich habe lediglich eine Vermutung.“
„Was für eine Vermutung? Herrgott noch mal, jetzt lass dir doch nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen“, entgegnete Ken ungeduldig.
Markus deutete mit der Rechten auf das Regalfach, aus dem er gleich nach ihrer Ankunft in der Hütte die Lebensmittelkonserven geräumt hatte, um stattdessen die Zeitmaschine dort zu deponieren.
„Am besten, ihr seht es euch selber an.“
Als die beiden in Markus Gesicht sahen, spürten sie sofort, dass etwas nicht stimmte.
Sein Blick verhieß nichts Gutes. Als sie dann die Zeitmaschine ansahen, wussten sie Bescheid.
„Nein“, flehte Claire. „Nein, bitte nicht! Markus, sag, dass das nicht wahr ist.“
Fast war sie versucht, vor der Zeitmaschine in die Knie zu gehen. Alles in ihr sträubte sich gegen die unheilvolle Ahnung, dass eine Rückkehr in ihre Zeit unmöglich geworden war.
Ken stand einfach nur neben ihr und hatte die Augen weit aufgerissen.
Die Zeitmaschine lag zwar nach wie vor unverändert im Regal, aber der gesamte Apparat schien, in frostiges Blau getaucht, regelrecht zu glühen.
„Ach du heilige Scheiße“, krächzte Ken. „Was ist das denn, kann mir das einer mal erklären?“
Markus Becker rieb sich mit dem Handrücken nervös über das Kinn und dachte angestrengt nach. Ken meinte, förmlich das Räderwerk hinter der Stirn des Physikstudenten arbeiten zu sehen.
„Es ist zwar nur eine Vermutung, aber ich denke mal, dass etwas in den Energiekreis der Maschine eingedrungen ist. Irgendwo da draußen scheint es eine Art Materie zu geben, die sich diese Energie einverleiben will.“
Dann wandte er seinen Blick von der Zeitmaschine ab und starrte Claire und Ken eindringlich an.
„Ich weiß nicht“, sprach er die beiden nun direkt an, „ob ich unsere Zeitmaschine wieder hin kriege. Es kommt keine Reaktion, egal, was für einen Knopf ich auch drücke. Dieses seltsame blaue Glühen bereitet mir echt Kummer. Dafür habe ich momentan keine Erklärung.“
„Das heißt im Klartext, wir sitzen mal wieder fest und es ist fraglich, ob wir jemals von hier verschwinden können.“
Markus seufzte.
„So kann man es auch ausdrücken.“
„Es ist zum Kotzen“, sagte Ken verbittert und trat frustriert gegen eines der Regale.
„Ich glaube, ich muss jetzt erst einmal an die frische Luft.“
Er wandte sich ab, öffnete die Tür und trat hinaus in den Schnee.
Aber im nächsten Augenblick erstarrte er förmlich zur Salzsäule. Er blickte genau in das kreisrunde Mündungsloch einer Pistole.
Fünf Männer waren links und rechts von der Tür aufgetaucht und ihre finsteren Gesichter verhießen nichts Gutes.
„Geh zurück in die Hütte, Freundchen“, befahl der Mann mit der Pistole. „Dort drin ist es etwas wärmer, wenn wir uns weiter unterhalten. Und ich denke, wir haben uns eine Menge zu erzählen.“
Ken trat schulterzuckend in die Hütte zurück. Geistesgegenwärtig warf Markus eine Decke über die Maschine und trat rasch neben Claire. Sie stand da, wie zu Stein erstarrt. Der Schreck schien ihr in alle Glieder gefahren zu sein.
Die fünf Männer, die jetzt das Innere der Hütte betraten, trugen alle gleiche Uniformen. Lediglich der Mann mit der Pistole hatte auf der rechten Brusttasche seiner Uniformjacke ein paar Abzeichen mehr, die ihn offensichtlich als Anführer der Truppe auswiesen. Nervös fuchtelte er mit der Waffe vor Kens Gesicht, während seine Blicke rasch durch das Innere der Hütte glitten. Er sah die geöffneten Dosen, das benutzte Geschirr und den durchwühlten Kleiderhaufen.
„Ihr seid wohl komplett übergeschnappt?“, herrschte er die drei an. „Wie kommt ihr eigentlich dazu, euch in einem Basisdepot der Regulatoren einzuquartieren? Sind denn jetzt alle im Tal verrückt geworden?“
„Entschuldigung“, meldete sich Claire zaghaft zu Wort. „Wir sind fremd in dieser Gegend. Sollten wir gegen irgendwelche Bestimmungen verstoßen haben, so tut uns das leid. Aber diese Hütte hat uns vor dem Erfrierungstod bewahrt, nur deshalb sind wir hier eingedrungen. Verstehen sie das?“
„Nein, das verstehe ich nicht. Aber ich weiß, dass euch das Ganze noch verdammt leid tun wird.“
„Was machen wir mit diesen Leuten?“, fragte einer der Uniformierten den Mann mit der Pistole. „Irgendwie gefällt mir die ganze Sache nicht.“
Der Angesprochene runzelte nachdenklich die Stirn.
„Ich denke, wir nehmen sie mit in die Zentrale. Dann sind wir jedenfalls aus dem Schneider. Sollen sich doch die einen Kopf machen.“
Kens Gedanken wirbelten durcheinander. Genauso wenig wie seine beiden Freunde verstand er den Sinn der Unterhaltung der Uniformierten. Aber sein Instinkt sagte ihm, dass sie bis zum Hals in Schwierigkeiten steckten.
Aber was konnte er unternehmen? Ein Mann hielt eine schussbereite Waffe direkt vor sein Gesicht. Der Abzug war bis zum Anschlag gespannt und ein leichter Fingerdruck würde bereits genügen, um ihn die Reise zu seinen Ahnen antreten zu lassen. Er konnte wirklich nichts unternehmen.
Markus und Claire standen einfach nur da und starrten voller Verzweiflung auf die Uniformierten. Auch sie schienen jegliche Hoffnung auf Rettung bereits aufgegeben zu haben.
Da verspürte Ken seitlich eine Bewegung. Er ahnte, was das zu bedeuten hatte und brachte sich mit einem blitzschnellen Schritt nach hinten aus der Gefahrenzone. Ein wuchtig ausgeführter Hieb zischte gefährlich nahe an seinem Gesicht vorbei. Ken wirbelte herum und antwortete mit einem Karatetritt in die Rippen des Mannes. Einen Augenblick stand dieser stocksteif. Seine Arme sanken herab und sein Gesicht verkrampfte sich. In diesem Moment erkannte der Japaner aus den Augenwinkeln heraus die erhobene Rechte des Pistolenmannes auf sich zukommen. Verzweifelt versuchte er zur Seite abzutauchen. Aber es war zu spät. Ein harter Schlag traf seinen Kopf und dann war es Nacht um ihn herum. Ken merkte nicht mehr, wie er gefesselt wurde. Er sah auch nicht, wie die Männer über Markus und Claire herfielen.
Die beiden kämpften verzweifelt, aber es war umsonst. Nach wenigen Minuten lagen sie alle gefesselt auf dem harten Fußboden.
„Bis zur Zentrale ist es noch ein weiter Weg“, sagte der Anführer des Trupps danach. „Ich denke, wir sollten uns erst etwas zum Essen machen und uns aufwärmen, bevor wir weiter fahren.“

„Steh auf!“, zischte eine Frauenstimme fordernd in Dans Ohr.
Er fuhr mit dem Oberkörper hoch, noch bevor er richtig wach war. Aus weit aufgerissenen Augen starrte er einen Moment lang verständnislos auf die Sprecherin. Erst dann wurde ihm allmählich bewusst, in was für einer Situation er sich überhaupt befand.
Hier im Stuhl einzuschlafen, war eigentlich das Letzte, was er geplant hatte. Aber so sehr er sich auch angestrengt hatte, die Strapazen der zurückliegenden Schneewanderung und die Schmerzen der erhaltenen Prügel hatten zusammen mit dem warmen Raum und dem heißen Tee dafür gesorgt, dass ihm die Augen einfach zugefallen waren.
„Wir müssen weg von hier“, sagte Laura.
„Was ist passiert?“
„Jemand hat die Regulatoren befreit. Die Männer sind in ihre Zentrale zurück gefahren und spätestens morgen früh werden sie mit Verstärkung vor meiner Haustür stehen. Bis dahin müssen wir von hier verschwunden sein.“
Nachdenklich musterte Dan die junge Frau.
Wer sie so sah, musste annehmen, dass sie die Situation völlig unter Kontrolle hatte. Gezielt verstaute sie einige Konserven mit Essbarem aus einem der Küchenschränke in einen Rucksack, stopfte zwei Decken, ein kleines Handbeil und eine Taschenlampe mit hinein und hastete ins Schlafzimmer.
Aber Dan ließ sich nicht täuschen. Deutlich sah er bei all ihrem Tun die Angst in ihren Augen flackern.
„Was zum Teufel ist hier eigentlich los? Könntest du mir jetzt bitte ein paar Fragen beantworten?“
„Später“, sagte Laura. Dan folgte ihr durch die offene Tür und sah mit an, wie sie eine Schranktür öffnete und ein unförmiges Kleiderbündel zum Vorschein brachte, das sie mehrmals ordentlich ausschüttelte.
„Erst müssen wir verschwinden.“
„Das geht nicht. Ich kann mit dir nicht so einfach von hier verschwinden.“
„Warum nicht?“, entgegnete die Frau und zwängte ihre grazile Gestalt in jenes Kleiderbündel, das sich in der Zwischenzeit als Schneeanzug entpuppt hatte.
„Ich bin nicht alleine in diese Gegend gekommen. Da draußen warten in einer Hütte noch drei Freunde von mir auf meine Rückkehr.“
„Was redest du da für einen Unsinn?“, erwiderte Laura. Sie schloss gerade die obersten Knöpfe ihres Schneeanzuges.
„Da draußen gibt es weit und breit keine Hütte, außer...“, die Frau stutzte. „ Moment mal, wo, sagtest du, liegt die Hütte?“
Verwundert registrierte Dan, wie ihre Stimme bei den letzten Worten immer schriller wurde.
„Ich habe gar nichts gesagt“, erwiderte er. Konsterniert beschrieb er der Frau, so gut es ging, Lage und Aussehen der Hütte. Sie lächelte etwas säuerlich und sah Dan kopfschüttelnd an.
„Eigentlich bist du ja ein feiner Kerl, aber seit du hier aufgetaucht bist, trittst du von einem Fettnäpfchen ins andere. Du und deine Freunde, ihr habt es euch in einem Depot der Regulatoren bequem gemacht.“
„Und was bedeutet das?“
Laura sah ihn an, als wäre er ein Wesen von einem anderen Stern.
„Weißt du denn nicht, dass auf dieses Vergehen hier die Todesstrafe steht? Entweder man erschießt deine Freunde gleich bei der Hütte oder man nimmt sie mit in die Zentrale, wo sie zu Erwählten werden. Wobei das am Ende wahrscheinlich auf dasselbe hinausläuft.“
Einen Moment lang stand Dan wie gelähmt da. Er konnte nicht glauben, was er gehört hatte.
„Willst du damit sagen, dass man meine Freunde umbringen will, nur weil wir eine unverschlossene Hütte betreten haben?“
Laura nickte betroffen.
„Aber wir mussten doch in die Hütte, ansonsten wären wir alle erfroren.“
„Das interessiert die Regulatoren aber nicht.“
Dan handelte impulsiv. Er drehte sich auf dem Absatz um und wollte ungestüm aus dem Zimmer rennen, als ihn Lauras Stimme im Türrahmen erreichte.
„Wo willst du hin?“
„Ich muss sofort los, ich muss die anderen warnen“, sagte er.
„Du willst allen Ernstes zu Fuß zu einem Lager der Regulatoren? Es wird bald dunkel.“
Lauras Stimmlage ließ den jungen Mann alarmiert innehalten und er drehte sich langsam um.
„Ich muss es riskieren, das bin ich meinen Freunden schuldig!“
„Wie weit kommst du da draußen?“, fragte Laura bitter. „Alleine und in der Dunkelheit. Eine halbe Meile, eine Meile oder läufst du gleich einem Regulator in die Arme? Das kannst du vergessen!“
Laura schwieg einen Moment lang und starrte Dan mit großen Augen an.
„Ich kann dir helfen“, sagte sie dann plötzlich.
„Helfen?“, fragte Dan. „Laura, das sind meine Freunde. Es gibt keinen Grund, warum du mir weiter helfen müsstest. Du hast schon genug für mich getan.“
„Du legst dich mit den Regulatoren an, weil du ein paar Freunden aus der Patsche helfen willst“, sagte Laura ungestüm. „Und ich will wissen, was mit meinen Mann passiert ist, als man ihn vor einem Jahr zum verbotenen Berg gebracht hat. Ich glaube nämlich nicht, dass er noch am Leben ist. Ist das nicht auch ein guter Grund?“
Dan nickte nur wortlos. Insgeheim musste er sich eingestehen, das Laura Recht hatte, auch wenn der Gedanke an das drohende Schicksal seiner Freunde ihn schier um den Verstand zu bringen drohte und er auf der Stelle am liebsten losgerannt wäre.
„Dann lass uns endlich gehen“, sagte Dan ungeduldig. „Wir haben durch unser Gerede schon genug Zeit verloren.“
„Moment!“, entgegnete Laura und blickte Dan zweifelnd an. „Du brauchst etwas Richtiges zum Anziehen. Mit deinen Kleidern bist du da draußen in spätestens einer Stunde zu Eis gefroren.“
Nach diesen Worten ging Laura auf einen geflochtenen Wäschekorb zu, der neben dem Schlafzimmerschrank stand, öffnete den Deckel und begann, in dem Korb zu wühlen. Hemden flogen durch das Zimmer, Pullover und Hosen landeten auf dem Boden, bis sie schließlich einen zufriedenen Seufzer ausstieß, beide Hände in den Korb steckte und anschließend einen länglichen Gegenstand an ihre Brust presste.
„Na also.“
Bevor Dan irgend etwas erwidern konnte, hatte sich Laura zu ihm umgedreht und hielt ihm einen Schneeanzug unter die Augen.
„Der müsste passen. Zieh das an, du wirst es gebrauchen können.“
Dan betrachtete das dargebotene Kleidungsstück. Mit diesem Anzug war man bestimmt vor der eisigen Kälte ausreichend geschützt. Als er den letzten Knopf am Kragen schloss, begann er tatsächlich schon zu schwitzen.
„Puh, das Ding ist ja der reinste Ofen.“
„Gut!“, sagte Laura. „Dann lass uns jetzt endlich hier verschwinden.“
„Es könnte aber gefährlich werden“, gab Dan zu bedenken.
„Gefährlich?“, erwiderte Laura verzweifelt. „Was glaubst du, wie gefährlich es war, als ich mich mit diesen widerlichen Regulatoren eingelassen habe, um Informationen über den verbotenen Berg herauszubekommen? Ich kann nach dem, was hier passiert ist, so wenig hier bleiben wie du. Außerdem habe ich noch eine Rechnung mit einem von den Kerlen offen.“
Bevor Dan darauf eine Antwort geben konnte, zog ihn die Frau sanft aber bestimmend aus dem Haus.
Draußen schulterte Dan den Rucksack, den Laura gepackt hatte. Dabei beobachtete er, wie sie sich noch einmal umdrehte. Als er dann in ihr Gesicht blickte und sah, wie ihre Augen feucht schimmerten, wusste er, dass sie Abschied genommen hatte.
Sie würde nicht.
Stumm liefen sie durch den kleinen Ort. Keine Menschenseele war zu sehen. Es schien, als hätten sich alle Einwohner in ihren Häusern verkrochen. Trotzdem war Dan sicher, dass sie beobachtet wurden.
„Wohin?“, fragte er.
Laura deutete wortlos nach vorn und als Dans Blick ihrer ausgestreckten Rechten folgte, erkannte er am Horizont eine Ansammlung von schneebedeckten Hügeln und Felsen. Er vertraute darauf, dass sie wusste, was sie tat und folgte er ihr bedenkenlos.
Geduckt und jede Deckung ausnutzend, hasteten sie durch den Schnee. Fast eine Stunde lang marschierten sie der Hütte entgegen, in der Claire, Ken und Markus wahrscheinlich schon ungeduldig auf Dans Rückkehr warteten und dabei mit Sicherheit nichts von der drohenden Gefahr ahnten. Ihr Weg führte sie über schneebedeckte Ebenen, mal durch winterhartes Gebüsch, über kahles Felsgestein und schließlich vorbei an einem kleinen Bach, dessen Oberfläche durch die Kälte mit einer dünnen Eisschicht überzogen war.
Mit mechanischer Gleichförmigkeit setzten sie einen Fuß vor den anderen. Dan kam es allmählich so vor, als schien der Weg nicht enden zu wollen und die Hütte immer noch in weiter Ferne zu liegen. Nach geraumer Zeit erreichte Laura als Erste die Anhöhe eines bewaldeten Hügels. Dort blieb sie stehen und sah mit an, wie sich Dan mühsam hinter ihr den Hang hinauf quälte.
„Wann sind wir endlich da?“, keuchte er sichtlich erledigt.
Langsam senkte sich die Dämmerung über das Land und er verspürte nicht die geringste Lust, die Nacht im Freien zu verbringen.
„Sei ruhig!“, zischte Laura plötzlich und kauerte sich in den Schnee.
Dan verharrte im selben Moment mitten in der Bewegung zu vollkommener Regungslosigkeit.
Ein, zwei Sekunden lang herrschte seiner Meinung nach eine absolute Stille, die nur unterbrochen wurde vom rasenden Pochen seines eigenen Herzschlages. Aber dann drangen rasch andere Geräusche an sein Ohr. Irgendwo vor ihm ertönten Stimmen, hektische Schritte und das Zuschlagen einer Tür.
So leise wie er nur konnte, ging Dan zu Boden und kroch auf Händen und Füßen durch den Schnee auf Laura zu.
„Was ist da vorne los?“, flüsterte er.
„Sei still!“, zischte Laura. „ Ich glaube, wir kommen zu spät. Die Regulatoren sind bereits bei der Hütte.“

Einen Moment lang starrte Dan die Frau entgeistert an. Dann lief er, so schnell er konnte, durch den Schnee, bis er den Rand der Anhöhe erreicht hatte. Links von ihm gab es eine kleine Baumgruppe mit drei, vier Tannen, deren tiefhängende Zweige eine brauchbare Deckung boten. Er hastete darauf zu, kroch unter die Zweige und legte sich lang. Hier hatte er nicht nur ein passables Versteck gefunden, sondern auch einen guten Ausblick auf das vor ihm liegende Land.
Die Hütte lag schräg unter ihm.
Ein Mann in der dunkelblauen Uniform der Regulatoren stand inmitten mehrerer Schneemobile und musterte aufmerksam die umliegende Gegend. In der rechten Armbeuge trug er ein Gewehr, dessen Lauf zu Boden zeigte. Dann sprang die Tür zur Hütte auf und ein weiterer Mann erschien. Dieser sagte etwas zu dem Gewehrträger und einen Atemzug später trug der aufkommende Abendwind brüllendes Gelächter zu Dans Versteck hoch.
Wieder öffnete sich die Hüttentür und diesmal traten ein halbes Dutzend Menschen ins Freie. Drei von ihnen kannte Dan nur zu genau. Sie waren gefesselt und obwohl die einbrechende Dämmerung bereits ihre ersten dunklen Schatten über das Land gelegt hatte, erkannte der Student deutlich die Spuren eines wilden Kampfes in den Gesichtern seiner Freunde. Es versetzte ihm förmlich einen Stich mitten ins Herz, als er Claire inmitten der Männer beobachten konnte, wie sie mit verzerrter Miene seltsam gekrümmt im Schnee stand. Die Regulatoren hatten ihr ungeachtet des gebrochenen Armes ebenfalls die Hände auf den Rücken gebunden. Sie musste höllische Schmerzen haben, denn sie hatte die Lippen fest zusammengepresst und ihr Gesicht hatte die Farbe von frisch gefallenem Schnee.
„Diese Schweine!“, zischte Dan und wollte sich aufrichten, aber schon im nächsten Augenblick drückte ihn jemand mit aller Kraft wieder zu Boden und bevor er lauthals protestieren konnte, legte sich die zierliche Hand einer Frau auf seinen Mund.
Laura hatte sich durch den tiefen Schnee geradezu in Dans Versteck gewühlt, lag jetzt neben ihm und starrte ihn vorwurfsvoll an, während sie langsam ihre Finger von seinen Lippen löste.
„Bist du verrückt?“, keuchte die Frau erregt. „Willst du uns beide umbringen?“
„Verdammt“, sagte Dan. „Soll ich etwa tatenlos zusehen, wie diese Bande da meine besten Freunde misshandelt?“
„Im Moment bleibt dir nichts anderes übrig. Oder was kannst du allein gegen fünf schwerbewaffnete Regulatoren ausrichten. Willst du sie umzingeln?“
Wütend bleckte Dan die Zähne.
Obwohl das Gefühl, Ken, Markus und vor allem Claire helfen zu müssen, tief in seinem Innern beinahe übermächtig wurde, sagte ihm sein Verstand, dass Laura die Lage völlig richtig eingeschätzt hatte. Es war keinem von ihnen damit geholfen, wenn er sich in dieser Situation zu einer unüberlegten Handlung hätte hinreißen lassen.
Es gab im Moment nicht das Geringste, was er für seine Freunde hätte tun können, außer abwarten.
Sichtlich niedergeschlagen sah er mit an, wie seine Freunde von den Regulatoren auf die Notsitze der Schneemobile festgebunden wurden. Dann dröhnte Motorenlärm durch die jetzt rasch hereinbrechende Dunkelheit und kurze Zeit später waren die Uniformierten mit ihren Gefangenen hinter einer südlich gelegenen Hügelkette verschwunden.
„Verdammt! Verdammt!“, fluchte Dan und hieb mit der geballten Rechten in die linke Handfläche, immer und immer wieder.
„Fluchen hilft uns jetzt auch nicht weiter. Es wird gleich dunkel, wir sollten die Nacht in der Hütte verbringen. Es macht keinen Sinn, in der Dunkelheit hinter den Regulatoren herzulaufen.“
Laura richtete sich auf und blickte sich nach allen Seiten um.
„Es wird zunehmend kälter, zu kalt um zu schneien und das ist gut so. Ich denke, wenn wir morgen kurz nach Sonnenaufgang aufbrechen, können wir der Spur der Regulatoren mühelos folgen.“
„Was meinst du“, fragte Dan, „wo werden sie meine Freunde hinbringen?“
„In ihr Hauptquartier am verbotenen Berg. Dorthin, wo in all den Jahren die Erwählten verschwunden sind. Auch mein Mann war unter ihnen. Ich bin gespannt, was uns dort erwartet.“
„Und ich bin gespannt, was du mir heute abend zu erzählen hast“, entgegnete Dan. Er starrte die Frau aus schmalen Augen an.
„Wie meinst du das?“
„Du bist mir noch einige Erklärungen schuldig und diesmal lasse ich mich nicht mehr hinhalten.“
„Was willst du wissen?“
„Alles! Erzähl mir von dir und den Leuten hier. Wie lebt ihr, was macht ihr, wo genau wir sind wir hier, welches Land, welches Jahr... Was hat es mit den Regulatoren und den Erwählten auf sich und noch so einiges mehr. Diesmal lasse ich kein später, nachher oder ähnliche Ausreden mehr gelten. Es geht um das Schicksal meiner Freunde und wenn du mir nicht endlich reinen Wein einschenkst, wirst du den lieben Dan von einer ganz anderen Seite kennen lernen.“
Laura musterte ihr Gegenüber. Sie ahnte, was in Dan vorging und als sie in seine Augen sah, spürte sie, wie sein harter Blick sie förmlich zu durchbohren schien.
„Lass uns das in aller Ruhe in der Hütte besprechen, schließlich haben wir ja fast die ganze Nacht Zeit.“
„Auf was wartest du noch?“, erwiderte Dan. Es klang schärfer, als er es beabsichtigt hatte.
Laura wandte sich um und lief auf die Hütte zu. Dan folgte ihr schweigend.

Als sie die Hütte erreicht hatten, war es auf einmal schlagartig dunkel geworden.
Drinnen wühlte Dan zuerst in den Taschen seiner alten Hose, die glücklicherweise von den Regulatoren unberührt geblieben war, und förderte schließlich ein kleines Streichholzbriefchen zutage. Auf schwarzem Untergrund verkündeten ein paar schreiend gelbe Lettern, dass in einer Studentenkneipe namens Harper´s Inn der Gast noch König war.
Seufzend riss Dan ein Schwefelholz aus der Packung. Mein Gott, durchzuckte es ihn, wie lange lag das schon zurück? Umständlich entzündete er zwei kleine Kerosinlampen und hängte sie an die Decke. Hinter beiden Glaszylindern züngelte eine kleine Flamme und warf ein zuckendes Lichtmuster an die Holzwände.
Er setzte sich mit gekreuzten Beinen auf den Fußboden und beobachtete Laura, die inzwischen einen Campingkocher aufgestellt hatte und in einem Topf den Inhalt mehrerer Konservendosen aufkochte.
Keiner der beiden sprach ein Wort.
Eine seltsame, angespannte Atmosphäre hing in der Luft und die Spannung zwischen den beiden war fast greifbar.
Schließlich konnte Laura die quälende Stille nicht länger ertragen.
„Jetzt hör endlich auf, mich anzustarren und mach den Mund auf. Was willst du wissen?“
Dan reagierte auf den impulsiven Gefühlsausbruch der Frau amüsiert.
‚Wenn sie wütend ist, sieht sie noch hübscher aus’, dachte er. In seinen blauen Augen blitzte es kurz auf und seine Lippen verzogen sich zu einem milden Lächeln.
„Wie nennt man eigentlich diese Gegend hier?“
„Hopeland“, entgegnete Laura.
„Und die Siedlung, aus der du stammst?“
„Abbott´s Place, benannt nach ihrem Gründer Henry Abbott.“
„Und die nächste größere Stadt?“
„Wie meinst du das?“, fragte die Frau erstaunt.
„So, wie ich es gesagt habe. Es muss doch hier irgendwo in der Gegend noch eine weitere Siedlung oder eine Stadt geben. Dieses Abbott´s Place ist doch wohl nicht der einzige Ort in diesem Land.“
„Der einzige Ort nicht, aber mit Abstand der größte“, sagte Laura. „In Abbott´s Place leben fast zweihundertfünfzig Menschen, doppelt so viele wie in den beiden anderen Siedlungen im Nord- und Ostbezirk. Was allerdings hinter den Bergen liegt, weiß ich nicht. Soweit ich mich erinnern kann, hat noch nie jemand von uns dieses Tal verlassen. Jedenfalls nicht, solange ich hier lebe.“
„Wie, niemand?“ Verständnislos starrte Dan die Frau an. „Du willst doch nicht allen Ernstes behaupten, dass noch nie einer von euch aus diesem Tal herausgekommen ist, geschweige denn in einer anderen Stadt war?“
„Es ist uns verboten.“
„Himmel noch mal“, entgegnete Dan aufgebracht. „Warum schaltet ihr dann nicht einfach den Fernseher oder das Radio an um zu wissen, was in der Welt da draußen vorgeht? Ihr lebt doch hier nicht in der Steinzeit.“
„Was ist das, Fern-sehen?“, wiederholte die Frau das Wort, indem sie es seltsam gedehnt aussprach.
„Das glaub ich jetzt nicht“, sagte Dan fassungslos. „Ich denke, du beginnst mit deiner Geschichte am besten ganz von Anfang an.“
Laura nickte und dann erzählte sie ihm mit leiser Stimme die Geschichte des Tals.
Zuerst lauschte er etwas erstaunt ihren Worten, dann begann er ab und zu ungläubig mit dem Kopf zu schütteln und schließlich hatte er sichtlich Mühe, die Beherrschung zu bewahren. Was Laura da von sich gab, sprengte die Vorstellungskraft des Sportstudenten.
Nach der Zeitrechnung der Talbewohner befand man sich im Jahr 296 nach der Erlösung. Wie sich schnell herausstellte, lebten die Menschen von Hopeland hermetisch von der Außenwelt abgeschirmt, ohne die grundlegenden Selbstverständlichkeiten einer modernen Zivilisation. Es gab in dem Tal weder Fernsehen, Telefon noch Auto. Die einzigen Fahrzeuge waren die Schneemobile der Regulatoren. Zeitungen waren ebenso unbekannt wie elektrische Haushaltsgeräte. In Hopeland kochte und heizte man noch mit Holz.
Irgendwie erinnerte Dan das Ganze an die Amish-People, die hauptsächlich in den Staaten Pennsylvania und Ohio unter ähnlichen Bedingungen lebten. Allerdings gab es hierbei einen grundlegenden Unterschied. Die Amish waren in gewisser Hinsicht frei. Ihr Glaube ließ sie diese Art zu leben wählen. Die Leute von Hopeland hingegen waren Gefangene. Eine Art durchsichtiges Energiefeld, ähnlich einer Wand aus blauer, fluoreszierender Luft, umgab das weitläufige Tal. Ein Durchdringen dieser seltsamen Barriere war Lauras Beschreibung nach angeblich nicht möglich. Sämtliche Materie, die mit dem Feld in Berührung kam, wurde im Bruchteil der nächsten Sekunde gnadenlos in molekülgroße Teile zerlegt.
„Dann frage ich mich noch etwas anderes“, unterbrach Dan ihren Bericht.
„Wenn ihr nie hier aus diesem Tal herauskommt, von was lebt ihr dann? In dieser Schneewüste gibt es doch außer ein paar Beeren und Nüssen nichts, was irgendwie nach etwas Essbarem aussieht.“
„Darum braucht sich hier niemand zu kümmern. Jedes Wochenende erhalten wir von den Regulatoren Karten, die wir dann in Smokes Laden gegen Lebensmittel, Kleider und Brennstoff eintauschen.“
„Und woher kommen die Dinge?“
„Ich habe keine Ahnung“, murmelte Laura.
Irgendwie erinnerte Dan dieses Leben an die Zustände in manchen Staaten, als es noch den eisernen Vorhang gab. Dann schwebte da noch die Bestimmung der Erwählten wie ein Damoklesschwert über diesen Menschen.
Niemand wusste, wann und wen es traf, aber alle wussten, dass eine Rückkehr vom verbotenen Berg unmöglich war und fügten sich daher im Laufe der Jahre in das scheinbar Unvermeidliche. Aber nicht so Laura, die Liebe zu ihrem Mann war stärker als alle Verbote der Regulatoren und Dan war sich sicher, wäre er nicht unverhofft in ihr Leben getreten, die Frau würde sich jetzt bereits allein auf dem Weg zum verbotenen Berg befinden.
Als er ihre bedrückte Miene sah, versuchte Dan sie abzulenken und deutete mit vorgerecktem Kinn auf die gelbgrüne Masse, die inzwischen in dem Topf kochte.
„Meine Güte, was ist das denn?“, fragte er lächelnd.
„Eine Verbindung zwischen konzentrierter Gemüsepaste und hochwertigen Proteinen. Sieht zwar scheußlich aus, aber es macht satt.“
Säuerlich lächelnd verkniff sich der Student Laura zu erzählen, für was er die Pampe im ersten Moment gehalten hatte. Beschreibungen über seine Nichte, die mit prall gefüllten Windeln auf dem Wickeltisch lag, waren jetzt wahrscheinlich nicht gerade dazu angetan, appetitfördernd zu wirken.
Todesmutig nahm er den Blechteller in die Hand, den ihm die Frau mit einer ordentlichen Portion dieses undefinierbaren Etwas gefüllt hatte. Dann begannen sie zu essen. Das Ganze schmeckte irgendwie undefinierbar. Wie eine im Labor hergestellte Masse, der man irgendwelche Geschmacksstoffe beigemengt hatte.
Dan kam mit seinen Ernährungsgewohnheiten als Hochleistungssportler bereits nach dem ersten Löffel zu dem Schluss, dass das Zeug eher dazu geeignet war, kerngesunde Menschen mit einem Magengeschwür ins nächste Krankenhaus einweisen zu lassen, anstatt sie satt zu machen. Laura hingegen aß genüsslich weiter. Anscheinend war sie nichts anderes gewöhnt.
Dans Geschmacksnerven begannen zu rebellieren, als er mit ansah, wie sich die Frau den Teller sogar ein zweites Mal füllte.
Nach dem Essen hüllten sich beide in warme Decken ein und legten sich zum Schlafen auf den Fußboden.
„Diese Nacht dürften wir noch unsere Ruhe haben. Morgen zeige ich dir die Todesgrenze, dann können wir ja entscheiden, wie es weitergeht.“
Aber Dan reagierte bereits nicht mehr auf ihre Worte. Er rollte sich in zwei Felldecken und war eingeschlafen, noch bevor sein Kopf den Boden ganz berührte. Als er die Augen wieder öffnete, graute bereits der neue Tag. Er fühlte sich wie gerädert. Er konnte nicht lange geschlafen haben, denn als sie mit ihrer Diskussion am Ende waren, war Mitternacht längst vorbei.
Umständlich richtete er sich auf und in seinem Körper schien es keinen Knochen zu geben, der ihm nicht wehtat. Schlaftrunken wischte er sich mit der Hand über das Gesicht und blickte sich um.
Laura war verschwunden.
„Laura!“, rief er in das Halbdunkel der Hütte. Was folgte, war Stille. Noch einmal rief Dan den Namen der Frau, aber von ihr war nichts zu sehen. Allmählich beunruhigte ihn diese Tatsache.
Plötzlich schwang die Hüttentür nach innen auf und Laura erschien im Türrahmen.
„Na, ausgeschlafen?“
Sie streckte beide Hände vor und Dan erkannte im Halbdunkel der Hütte, dass sie etwas, das nach fremdartig anmutenden Beeren und seltsamem Wurzelgewächs aussah, in ihren schlanken Fingern hielt.
„Wir können frühstücken“, sagte sie in einem gleichgültig wirkenden Tonfall, brachte einen Topf mit Wasser zum Kochen und warf das Ganze hinein.
Wenigstens diesmal war das Zeug genießbar, der aufgekochte Sud erinnerte ihn an eine Art Früchtebrei. Bereits kurze Zeit später machten sich die beiden wieder auf den Weg.
Zwei Stunden später war die sogenannte Todesgrenze erreicht.
Es war ein frostklarer Morgen. Das schmale Band eines seltsam bläulich glühenden Nebels schimmerte am Talrand entlang. In unmittelbarer Nähe des seltsamen Geschehens war es geradezu unheimlich still. Kein Wind schien sich zu regen, kein Vogel zeigte sich am Himmel, nur die Luft war erfüllt mit einem statischen Knistern. Obwohl sich so langsam in Dan gewisse Zweifel an der seiner Meinung nach völlig übertriebenen Schilderung von Laura mehrten, hielt er dennoch einen gebührenden Abstand.
Einen Augenblick starrte er die Frau verständnislos an und sagte schließlich etwas abfällig:
„Das ist alles?“
Statt einer Antwort brach Laura von einem der umliegenden Büsche einen ansehnlichen Zweig ab und warf diesen der Nebelwand entgegen.
„Duck dich!“, schrie sie, packte den völlig überraschten Dan im nächsten Moment an den Armen und riss ihn mit sich zu Boden. Als der Zweig die Todesgrenze erreicht hatte, schoss ein greller Lichtblitz aus dem blauen Nebel hervor, welcher das Holz im Sekundenbruchteil in ein armseliges Häufchen Asche verwandelte. Als Dan sich aufrichtete, sah er fassungslos, wie an jener Stelle, wo der Zweig den Nebel berührt hatte, am Boden gar kein Schnee mehr war. Stattdessen klaffte dort ein faustgroßes Loch in der Erde. Voller Entsetzen registrierte er, dass an jener Stelle sogar das Felsgestein glühte.

Mit schnellen Schritten eilte Frank Mortimer zu dem Spind, in dem seine Regulatorenuniform hing. Rasch zog er sich an, denn bis zum Beginn der neuen Schicht verblieb ihm nicht mehr viel Zeit. Nur während des Dienstwechsels von der Nacht- zur Tagschicht, wenn die Männer gemeinsam zur Zeremonie gingen, konnte sein Plan funktionieren. Zu jedem anderen Zeitpunkt war eine Flucht unmöglich. Mit fliegenden Fingern knöpfte er sein Hemd auf und schlüpfte hinein. Er musste es heute riskieren, irgend ein Gefühl sagte ihm, dass sie bereits etwas ahnten.
Er durfte keine Zeit mehr verlieren.
Frank Mortimer war gerade dabei, das Hemd in die Hose zu stopfen, als ein scharfer, stechender Schmerz durch seinen Kopf jagte. Keuchend brach er in die Knie und krümmte sich zusammen. Er stöhnte, wälzte sich auf dem Boden und presste mit aller Kraft die Handflächen gegen seine Schläfen. Erneut schien diese unsichtbare Macht nach seinen Gedanken zu greifen, dieses fremde, bizarre und doch so unsagbar böse Etwas.
„Frank!“, wisperte wieder diese schrille, hohe Stimme. „Warum wehrst du dich dagegen? Komm, komm doch zu uns!“
Gehetzt blickte er sich um, aber es war niemand zu sehen. Er begann zu zittern, als er begriff, dass diese Stimme wieder tief aus seinem Innern kam.
„Steh auf!“, befahl die Stimme in seinem Kopf.
Frank spürte, wie etwas langsam aber unaufhaltsam von ihm Besitz nehmen wollte. Gegen seinen Willen richtete er sich auf und begann, mit steifen, mechanischen Bewegungen aus dem Umkleideraum zu laufen. Aber schon nach wenigen Schritten krümmte er sich erneut.
Der Schmerz, der sich durch seinen Hinterkopf bohrte, war entsetzlich. Wie Hammerschläge dröhnte es in seinem Kopf.
Frank Mortimer schloss die Augen, ging in die Knie und ergab sich seinem Schicksal, während ihm heiße Tränen über die Wangen liefen.
Aber das Schicksal meinte es heute scheinbar gut mit ihm.
Plötzlich spürte er, wie eine wohlige Wärme seinen Körper durchflutete und als er die Augen wieder öffnete, war er vollkommen schmerzfrei. Sofort richtete er sich auf und hastete zur Tür. Er musste so schnell wie möglich von hier verschwinden, diesen Ort des Grauens verlassen, denn die Stimme würde wiederkommen und mit ihr auch die Schmerzen.
Als er die Tür öffnete, blieb er einen Moment lang wie betäubt stehen und sah mit klopfendem Herzen zu, wie alle Regulatoren an ihm vorbei liefen, jenen schrecklichen Gang entlang. Da war Slim, dieser kleine kugelrunde Kerl, dessen Lieblingsbeschäftigung das Essen war. Hank, der Sohn des Ladenbesitzers, der seinen Freunden immer mal wieder ein paar Sachen zusteckte, weil bei den meisten zu Hause schon Mitte der Woche die Bezugskarten verbraucht waren. Dann Paul, bei ihm war er Trauzeuge gewesen, dann Joe und all die anderen, die früher einmal Menschen gewesen waren.
Jetzt waren sie entseelte Marionetten, deren Willen ein für alle Mal gebrochen war.
Ein gequältes Stöhnen kam über seine Lippen, als er mit ansehen musste, wie sie an ihm vorbeizogen.
Er rief sie leise an.
Sie antworteten ihm nicht. Mit stumpfen Augen, deren Blicke ins Nirgendwo gerichtet waren, liefen sie an ihm vorbei. Wie Marionetten aus Fleisch und Blut torkelten sie langsam den engen Gang hinunter, an dessen Ende ein schmaler, bläulich schimmernder Durchlass lag.
Ein eisiger Schauer jagte über Mortimers Rücken. Er wusste genau, was dort passieren würde.
Als der erste Regulator durch den Durchlass schritt, wandte sich Frank um und begann zu laufen. Er rannte so schnell wie noch niemals zuvor, denn er wusste, er rannte um sein Leben.
Die blau schimmernden Tunnelwände schienen an ihm vorbei zu fliegen. Mit jedem Schritt kam er seinem Ziel näher. Aber irgendwann wurden seine Beine immer schwerer, seine Lungen schmerzten und er konnte kaum noch atmen. Jede Faser seines geschundenen Körpers schrie nach einer Rast.
Vor seinen Augen schien sich alles zu drehen und deshalb blieb er für einen Moment stehen und lehnte sich keuchend an die Tunnelwand.
Plötzlich tauchte ein Schatten in seinem Rücken auf.
Wie ein tollpatschiges Trampeltier stolperte der dicke Slim durch den Tunnel und stand vor Mortimer. Nach einem kurzen Augenblick des Erkennens griff Slim sofort zu seiner Waffe.
Zu spät!
Mit einem Ausdruck ungläubigen Erstaunens in den Augen sah er die Faust Mortimers auf sich zukommen. Zeit auszuweichen gab es dabei nicht mehr. Mortimers Rechte traf voll auf den Punkt.
Gehetzt blickte sich Frank um. Hinter sich, irgendwo in den weitverzweigten Gängen, hörte er die anderen Regulatoren laufen. Das Scharren ihrer Stiefel und die abgehackt klingenden Befehle drangen immer lauter werdend an sein Ohr. Verzweifelt suchte er eine Versteckmöglichkeit. Die Stimmen wurden noch lauter. Seine Verfolger kamen schnell näher. Frank brauchte nicht viel Phantasie um sich vorzustellen, was die Männer ihm antun würden, sollte er in ihre Hände fallen.
Da durchzuckte ihn eine vage Idee.
Es gab einen Ort ganz hier in der Nähe, wo man ihn mit Sicherheit zu aller letzt suchen würde.
Aber es war ein Ort des Grauens. Ein Ort, an dem schon unzählige Menschen in die Klauen des Wahnsinns hinübergeglitten waren.

Gegen Mittag begann es leicht zu schneien.
Bäume, Hänge und Hügel des weitläufigen Tales waren von frischem Weiß überzogen und nur hier und da ragten vom Wind blank gefegte Felsbrocken als dunkle Stellen aus dem Schnee.
Der keuchende Atem der beiden jungen Leute hallte überlaut durch die winterliche Stille.
Die Ereignisse der letzten sechsunddreißig Stunden hatten Dan und Laura ziemlich mitgenommen. Keiner von beiden lief jetzt noch leichtfüßig durch den Schnee, aber wenn Dan den Schilderungen der Frau Glauben schenken durfte, war die Zentrale der Regulatoren höchstens noch zwei Meilen von ihnen entfernt. Zwar war sie selber noch nie dort gewesen, aber laut ihrer Aussage deckten sich die Erzählungen der Dorfältesten mit dem, was sie bisher von den Regulatoren erfahren hatte. Da keine der beiden Seiten einen Grund hatte sie anzulügen, musste das Regulatorenlager dort zu finden sein.
Ihr Ziel befand sich also in greifbarer Nähe und deshalb tasteten sie sich von nun an vorsichtiger weiter.
Eine knappe Stunde später durchquerten sie eine dicht beieinander stehende Ansammlung von winterharten Kiefern und dichtem, dornigem Gestrüpp. Als sie das Ende des kleinen Wäldchens erreicht hatten, zuckte Dan urplötzlich zusammen, als wäre er von einer Tarantel gebissen worden.
Beinahe wären sie entdeckt worden!
Der Wachposten war geradezu perfekt getarnt. Nur sein lautes Niesen hatte ihn verraten. Lautlos huschten Dan und Laura in die Deckung des kleinen Wäldchens zurück. Der Posten war etwa einhundert Schritte von ihnen entfernt. In seinem weißen Schneeanzug hockte er fast unsichtbar auf einem schmalen Hügelrücken, keinen Steinwurf vom Basislager der Regulatoren entfernt. Von dort oben konnte er mühelos den größten Teil des umliegenden Landes überblicken. Zu allem Übel besaß er auch noch ein Fernglas, das er in unregelmäßigen Abständen an die Augen setzte.
Unentdeckt kamen sie beide mit Sicherheit nicht an ihm vorbei, geschweige denn, weiter zur Zentrale der Regulatoren. Die einzige Möglichkeit war, irgendwie ungesehen durch den hohen Schnee direkt auf den Mann zuzugehen, um ihn auszuschalten. Das war der einzige Weg, bei dem ihnen aber lediglich der verharschte Schnee so etwas wie Deckung gab. Gott sei Dank richtete der Posten seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Landschaft direkt vor ihm und nicht auf die Gegend, die rechts von ihm lag. Das lag sicher an jener geheimnisvollen unsichtbaren Mauer, die ihre Deckung an dieser Stelle fast berührte. Aus dieser Richtung erwarteten die Regulatoren bestimmt keinen Gegner.
Dennoch würde das Anschleichen ein mehr als mühsames Unterfangen werden. Dan dachte an die Cowboy- und Indianerspiele seiner Jugendzeit. Inständig hoffte er, dass er heute noch genauso lautlos wie seine damaligen Idole Sitting Bull oder Kit Carson sein konnte.
Laura war zurück geblieben.
Ihre Hände hatten sich um die Waffe von einem der Regulatoren gekrampft, die Dan in ihrem Haus überwältigt und danach in den Holzschuppen gesperrt hatte.
Sie bemühte sich, so lautlos und flach wie möglich zu atmen.
Ihr war durchaus bewusst, dass sie sozusagen das Trumpfass in seinem gewagten Spiel war.
Geduckt arbeitete sich der Student vorwärts. Glücklicherweise gab es hier und da einige Felsbrocken und Schneeverwehungen, die so hoch waren, dass er ungesehen bis an den Hügel herankam, wo der Posten Position bezogen hatte. Der Mann saß keine drei Meter über ihm.
Das Problem war nur, er musste die Wache nach Möglichkeit völlig geräuschlos ausschalten.
Gerade, als er sich darüber Gedanken machte, ließ ihn ein ihm nicht unbekanntes knackendes Geräusch zusammen zucken.
Der Bursche besaß ein Walkie-Talkie!
„Hier Posten zwei!“, meldete er sich.
„Nein“, sagte er nach geraumer Zeit. „Hier rührt sich absolut nichts. Ein heißer Tee wäre jetzt eine feine Sache. Hebt mir mal eine Tasse auf, in spätestens einer Stunde bin ich wieder bei euch.“
Dies war für Dan ein wichtiger Hinweis. Offensichtlich wurde der Posten in einer Stunde abgelöst. Bis dahin musste er seinen Plan in die Tat umgesetzt haben. Jetzt war sorgfältige Eile geboten.
Im Moment war der Mann abgelenkt. Er ließ ein paar dumme Sprüche vom Stapel, lauschte einen Moment lang andächtig und stieß dann ein meckerndes Lachen aus, als eine krächzende Antwort aus dem Funkgerät kam.
Dan sprintete los und erreichte den Rand des Hügels in gefühlter Weltrekordzeit. So gut wie geräuschlos hastete er den Hang hoch. Es waren nur ein paar Meter, aber der steile Anstieg verlangte ihm alles ab. Als er den Hügelrücken erreicht hatte, drehte ihm der Posten gerade den Rücken zu. Irgend etwas schien mit seinem Funkgerät nicht mehr in Ordnung zu sein. Er schüttelte den Apparat ziemlich unsanft mit seiner Rechten. Während er ständig ein „Hallo, Zentrale bitte melden!“ in die Sprechmuschel plärrte, gab das Walkie-Talkie lediglich ein schrilles Pfeifen, untermahlt von einem seltsamen Rauschen, von sich, das klang, als würde jemand ständig mit den Händen das Papier einer Tageszeitung zerknüllen.
Neben dem Mann lehnte an einem Baum ein Gewehr.
Dan war bis auf zwei Schritte an dem Posten heran, als der Mann das Geräusch seiner Schritte wahrnahm und sich umdrehte. Überraschung und Zorn spiegelten sich gleichermaßen in seinem Gesicht. Mit einem wütenden Knurren versuchte er, das Gewehr zu erreichen und gleichzeitig das Walkie-Talkie wieder in Gang zu setzen. Dan vereitelte beides. Er flog förmlich nach vorne und der Aufprall riss den Posten einfach um. Gewehr und Funkgerät fielen zu Boden und bevor die Wache einen Warnschrei ausstoßen konnte, schlug Ken mit der geballten Faust zu. Es war ein gezielter Hieb, der den anderen sofort ins Reich der Träume schickte. Mit dem Gürtel seines Schneeanzugs, den Schnürsenkeln seines Opfers und dem Gewehrriemen fesselte er anschließend den Mann an den Baum. Ein Taschentuch aus der Jacke des Mannes diente als Knebel.
Inzwischen hatte auch Laura den Hügelrücken erreicht. Erstaunt musterte sie das Geschehen.
„Wo hast du denn das gelernt?“
Nachdenklich betrachtete Dan die Frau. Erinnerungen kamen in ihm hoch. Die Bilder seines Lebens vor dem Zeitsprung zogen in Sekundenschnelle vor seinem geistigen Auge vorbei. Fast vergessene Schuljahre, die erste Freundin, der erste Kuss und dann war da noch die Army und Master Seargent Rufus McBain.
Er erinnerte sich noch gut an jenen nasskalten Novembermorgen, als er in voller Montur und mit zwanzig Kilo Marschgepäck in einer Schlammpfütze lag und nach Luft japste, indes sein irischer Ausbilder breitbeinig über ihm stand.
„Reiß dich gefälligst am Riemen, du verdammtes Muttersöhnchen!“, hatte er gebrüllt. „Du bist hier bei der Army und nicht in einem Mädchenpensionat. Hier lernst du für das wirkliche Leben. Ihr kleinen Scheißer werdet mir eines Tages noch dankbar sein.“
Unbewusst stahl sich ein Lächeln in Dans Gesicht.
Verdammt, dieser irische Schleifer hatte tatsächlich recht behalten. Zum ersten Mal in seinem Leben nach der Army war Dan dankbar für die manchmal doch harten Lektionen, die ihm McBain beigebracht hatte. Ihm war längst bewusst, dass er es nur dieser Ausbildung und seinem jahrelangen Sporttraining zu verdanken hatte, dass er überhaupt soweit gekommen war.
Selbstsicher blickte er Laura an.
„Was soll ich dazu sagen? Der eine kann es, der andere eben nicht.“
Irritiert starrte ihn die Frau an und mit einer gewissen Zufriedenheit erkannte Dan deutlich, wie mindestens ein Dutzend Fragen auf ihren Lippen brannten.

Irgendwie war Dan enttäuscht.
Von dem Basislager einer paramilitärischen Truppe, die ein ganzes Tal mit einigen hundert Bewohnern terrorisierte, hatte er eigentlich mehr erwartet als nur ein gutes Dutzend baufälliger Hütten, die sich u-förmig in einer windgeschützten Senke duckten. Davor lag ein flaches Feld, das an einem bizarren Felsen endete, der auch das Ende der Senke bildete. Das Gelände sah aus, als ob der überdimensionale Pflug eines imaginären Riesen mit brachialer Gewalt über das Feld gerast wäre. Zu beiden Seiten türmte sich hochaufgeworfene, verbrannte Erde und ein beißender Gestank von Ammoniak lag in der Luft.
Inzwischen kam der Posten wieder zu sich.
Er starrte die beiden mit weit aufgerissenen Augen zornig an und begann, sofort an seinen Fesseln zu zerren. Mit einem Satz war Dan bei ihm und drückte seinen Kopf gegen den Baum.
„Schön ruhig bleiben, Freundchen, sonst machst du das nächste Mal Bekanntschaft mit deinem Gewehrkolben.“
Der Mann funkelte ihn nur einen Moment lang wütend an, dann nickte er und blieb ruhig sitzen. Er hatte wohl begriffen, dass die beiden ihn nicht töten wollten, dass er aber, wenn er sich hier still verhielt, vielleicht mit heiler Haut aus diesem Schlamassel herauskam.
Lautlos beobachteten die beiden das rege Treiben, das sich vor ihren Augen abspielte.
Dan presste die Lippen zusammen, als er vor sich im Lager fast zwei Dutzend blau uniformierte Männer ausmachte, die aus den Hütten kamen und seiner Meinung nach ziemlich planlos umherliefen. Er wollte Laura gerade etwas zuflüstern, als er aus einem Gefühl heraus das Verhalten der Männer genauer beobachtete.
Plötzlich sah er die Regulatoren in einem ganz anderen Licht.
Es war geradezu gespenstisch mit anzusehen, wie aus einer Horde rücksichtsloser, uniformierter Schergen innerhalb von wenigen Augenblicken willenlose Marionetten wurden, die mit eckigen, abgehackten Bewegungen einen Fuß vor den anderen setzten und auf den bizarren Felsen zutorkelten.
„Wie Zombies!“, durchzuckte es Dan.
Aber damit begann das Grauen erst.
Unvermittelt lag ein unnatürlicher Pfeifton in der Luft, dessen ultrahohe Schallfrequenz Dans Gehörgang mit glühenden Messern zu durchbohren schien. Er presste unwillkürlich beide Hände an die Ohren, aber aufhalten konnte er den stechenden Schmerz, der sich unaufhaltsam in seinem Schädel ausbreitete, nicht.
Laura erging es nicht besser. Mit schmerzverzerrtem Gesicht war sie in den Schnee gesunken und hielt sich ebenfalls die Ohren zu.
Der gefangene Regulator begann sich in seinen Fesseln zu winden, seine Augen waren fast aus den Höhlen gequollen und sein Gesicht feuerrot. Die Laute, die er trotz des Knebels von sich gab, ähnelten dem Todesschrei einer gequälten Kreatur.
Mit jeder weiteren Sekunde wurde das Pfeifen schriller, schmerzvoller.
Als Dan bereits befürchtete, dass der Ton ihm die Schädeldecke wegzupusten drohte, hörte das Pfeifen so abrupt auf, wie es begonnen hatte.
Langsam nahm er die Hände vom Kopf. Allmählich beruhigte sich sein Atem und die Pulsfrequenz wurde wieder normal.
Benommen blickte er sich um. Auch Laura schien das Ganze einigermaßen unbeschadet überstanden zu haben.
Nur der Gefangene hatte nicht soviel Glück. Leblos hing er in seinen Fesseln. Sein Kopf war ihm auf die Brust gesunken und aus seinen Ohren und der Nase lief dunkles Blut. Als Dan auf ihn zutrat und mit seiner Linken das Kinn nach oben drückte, starrte er entsetzt in zweileblose stumpfe Augen.
Aber bevor er sich über den Tod des Mannes weitere Gedanken machen konnte, setzte sich der Alptraum fort.
Der Berg teilte sich!
Ein türgroßes Stück des Felsgesteins begann sich wie eine überdimensionale Theaterkulisse auseinander zu schieben. Das Geräusch, welches dabei erklang, erinnerte ihn an die Vollbremsung einer schweren Diesellok, wenn auch ungleich leiser. Nur fehlte hier der Funkenregen auf den Schienen.
Aus der entstandenen Öffnung fiel ein seltsames blaues Leuchten nach draußen und sogleich begannen die Regulatoren, wie auf einen stummen Befehl hin, beinahe gleichzeitig auf das Licht zuzulaufen.
Laura gab einen erstickten Laut von sich und auch Dan konnte trotz aller Selbstbeherrschung nicht verhindern, das seine Lippen zu zittern anfingen.
‚Wie ferngesteuerte Roboter’, schoss es ihm durch den Kopf und insgeheim betete er dafür, dass seinen Freunden nicht ein ähnliches Schicksal bestimmt war.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Laura.
„Wir folgen ihnen“, entschied er sofort.
Als die letzten Regulatoren durch das blaue Licht schritten, handelten die beiden.
Sie rannten den Hügel hinab, den kürzesten Weg auf die geheimnisvolle Öffnung zu.
Und sie kamen keinen Moment zu spät. Als die beiden schließlich nach Atem ringend zum Stehen kamen, schloss sich hinter ihnen mit einem dumpfen Wummern die Öffnung.
Dann umgab sie absolute Stille.
Etwas unsicher blickte sich Dan um.
Dieser mysteriöse Einlass, der sich öffnete und schloss wie zwei Stahlschiebetüren nach einem bestimmten Kontakt, das seltsame Licht und die Materialbeschaffenheit jenes schmalen Tunnels, in dem sie sich jetzt befanden, erinnerten ihn an irgend etwas Bestimmtes, je länger er darüber nachdachte. Er konnte das Ganze im Moment nur noch nicht richtig zuordnen.
Ein kurzer Blick auf Laura genügte und beide waren sich sofort darüber einig weiter zu gehen.
Irgendwo vor ihnen war Licht. Trübes, flackerndes Licht, welches das Ganginnere mit bläulicher Helligkeit überzog.
Ohne etwas zu sagen, streckte Dan seine Hand nach Lauras aus und führte die Frau den Gang entlang, der vor ihnen lag.
Die Luft war unnatürlich warm und, je weiter sie liefen, umso unerträglicher wurde der Gestank nach Ammoniak. Außerdem kam jetzt noch ein Geruch von Fäulnis und Moder hinzu.
‚Wie in einer Gruft’, dachte Dan. Während sie weiterliefen, registrierte er verwirrt, wie die Temperatur immer mehr anstieg. Als sie den Zugang betreten hatten, war es draußen beinahe arktisch kalt gewesen. Jetzt begannen sie zu schwitzen wie in der Wüste. Die Schneeanzüge taten ein Übriges.
Normalerweise war es eine logische Selbstverständlichkeit, dass in einer Höhle die Temperatur im allgemeinen gleich blieb, dennoch wurde es hier wärmer und wärmer, je weiter sie vorwärts drangen. Die ganze Sache wurde immer undurchschaubarer, dachte Dan und obwohl der Gedanke daran eigentlich völlig blödsinnig war, glaubte er jetzt zu wissen, wie sich ein Hähnchen im Ofen fühlen musste. So weit es möglich war, öffneten sie Knöpfe und Reißverschlüsse ihrer Schneeanzüge und liefen weiter.
Schließlich machte der Tunnel eine scharfe Kurve nach rechts und endete vor einer dunklen Wand. Hier ging es nicht weiter, dafür gab es rechts und links je einen schmalen Durchgang, in dem es ebenfalls bläulich schimmerte.
„Und was machen wir jetzt?“
Lauras Atem hallte stoßweise durch den Gang. Langsam war auch sie mit ihrer Kraft am Ende und lehnte sich erschöpft an die Tunnelwand.
Auch Dans anfängliche Selbstsicherheit schien einen Knacks bekommen zu haben. Kein Wunder, denn was sie bisher erlebt hatten, sprengte jegliche Vorstellungskraft.
Beide ahnten nicht, dass dieser Alptraum noch lange nicht zu Ende war!
Sie zögerten und überlegten.
Die zwei wussten, dass sie sich entscheiden mussten und deshalb verharrten sie einen Moment lang nachdenklich. Die Stille, die sie umgab, war erdrückend. Jeder konnte sein Herz schlagen und das Atmen des anderen hören.
„Was ist, gehen wir weiter?“, fragte die Frau schließlich heiser. „Obwohl mir bedeutend wohler wäre, wenn wir jetzt woanders wären.“
„Das kannst du laut sagen“, antwortete Dan. „Also, ich bin dafür, wir gehen nach links.“
„Links“, erwiderte Laura und packte diesmal ihn am Arm.
Dann zwängten sich die beiden durch das linke Loch. Zuerst kniend, dann wurde der Gang nach und nach größer, bis schließlich wieder ein aufrechtes Gehen möglich war.
Keine dreißig Schritte später wurde ihnen die nächste Entscheidung abverlangt. Der Gang mündete in einen ovalen Raum und wieder waren es der Eingang zu eben diesem Raum, die Art, wie der Gang angelegt war und die seltsame Umgebung, die Dan immer mehr beschäftigten.
Verdammt, woher kenne ich dieses ganze absurde Szenario, zermarterte er sich das Hirn, während er sich langsam in den vor ihm liegenden Raum schob. Als er seinen Blick nach vorn richtete, wurden seine sämtlichen Überlegungen im Bruchteil einer Sekunde einfach beiseite gewischt. Das absolute Grauen legte sich wie eine eiskalte Hand um sein Herz. Das Entsetzen schien seinen Magen wie ein Eispickel zu durchbohren. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte er, wie Laura die Finger ihrer Rechten zu einer Faust geballt hatte, in die sie ihre Zähne bohrte, um nicht vor Entsetzen aufzuschreien.
Der Anblick, der sich ihnen bot, war in der Tat unbeschreiblich.
Über dem Boden waberte ein dichter, blauer Nebel. Daraus erhob sich etwas, das aussah wie frisch gelegte Insekteneier!
Ovale, geleeartige Kokons, hinter deren fast durchsichtigen Schale unbeschreibliche Kreaturen heranzuwachsen schienen.
Die Eier waren so groß wie der Kopf eines erwachsenen Menschen!
Mindestens zwei Dutzend dieser alptraumhaften Gebilde füllten den Raum beinahe gänzlich aus. Unter der grauweißen Schale waren deutlich die Umrisse der Schreckensbrut zu erkennen. Vierarmige Wesen mit ovalen Schädeln und facettenartigen Stielaugen. Aber das
Entsetzlichste an ihnen waren die weit aufgerissenen Rachen, aus denen immer wieder eine bläuliche, schleimige Zunge hervorschnellte.
Unvermittelt verharrte Dan in diesem Raum des Entsetzens. Neben ihm begann Laura wie Espenlaub zu zittern.
Vor einem der Eier auf der linken Seite blieben sie wie angewurzelt stehen. Deutlich waren tiefe Risse auf der gelartigen Oberfläche zu sehen.
Die beiden erstarrten förmlich vor Grauen, als das Ei knirschend zersplitterte und sich aus der zerfetzten Öffnung ein mit gelbem Schleim bedeckter Arm schob, an dessen Ende eine dreifingrige Hand konsulvisch zuckte.
Ein zweiter Arm folgte und die Hände begannen, an den Bruchstellen zu rütteln.
Die Risse im Ei wurden länger, ein kurzes Knistern und Splittern erfüllte den Raum, und plötzlich platzte die obere Hälfte des Eies gänzlich auseinander und ein zusammen gekrümmter, durchsichtig scheinender Leib, dessen untere Körperpartie noch in der übrig gebliebenen Eihälfte steckte, reckte sich langsam empor.
Das Wesen schüttelte sich und erhob sich vor Dan wie ein wahrhaftig gewordener Alptraum in die Höhe. Der haarlose Schädel ruckte auf ihn zu. In den tiefschwarzen Stielaugen spiegelten sich keinerlei menschliche Emotionen wieder, aber er spürte dennoch, dass der Blick dieses Monsters genau auf ihn gerichtet war. Er konnte die Mordlust des Wesens genau spüren.
„Was ist das?“, krächzte Laura.
Dan gab keine Antwort, seine Gedanken überschlugen sich.
Er hatte zwar schon lange geahnt, dass sie sich hier auf ein verdammt gefährliches Spiel eingelassen hatten, aber er hatte nicht gewusst, was für ein Schreckensszenario sie hier wirklich erwarten würde.
„Wir müssen weg!“, keuchte er und packte Laura an der Hand.
„Wohin?“, kreischte die Frau. Ihre Stimme drohte überzuschnappen. Offensichtlich spürte auch sie die Bedrohung, die von dem Wesen ausging.
Drei, vier Herzschläge lang waren sie starr vor Entsetzen. Der Anblick schien sie regelrecht zu lähmen, und als sie endlich reagierten, war es zu einer Flucht fast schon zu spät.
Das Wesen erwachte aus seiner eigenen Erstarrung.
Unter ihm zersplitterte das aufgeplatze Ei in tausend Fragmente. Es richtete sich nun vollständig auf und sein Schädel mit den Facettenaugen huschte unruhig durch den Raum.
Ein leises, durchdringendes Pfeifen kam aus seinem Maul und dann ging alles blitzschnell.
Mit schnellen, ungelenken Bewegungen kroch die Alptraumgestalt aus dem zerbrochenen Eikokon. Mit geradezu gespenstischer Beweglichkeit kam das grauenhafte Wesen mit seinen kurzen, gekrümmten Beinen auf die beiden zu, während sich die Zunge mit einem widerlich schmatzenden Geräusch ständig ein und ausrollte. Lauras Schrei hallte schrill durch den Raum, als die Kreatur Dan ansprang. Aber der Student machte einen Ausfallschritt zur Seite, sein rechter Fuß zuckte vor und seine Stiefelsohle traf das Alptraumgeschöpf am Kopf und schleuderte es mindestens drei Meter zurück. Das Wesen prallte gegen eine Wand und rutschte mit rudernden Armen daran herab. Eine breite gelbe Schleimspur blieb an jener Stelle zurück, wo die Kreatur aufgeprallt war. Sichtlich benommen blieb das Wesen liegen. Dabei wurde der Pfeifton, der aus seinem Maul drang, immer leiser.
Aber das registrierten die beiden schon längst nicht mehr. Denn sie rannten bereits, so schnell sie konnten, auf jenem Weg zurück, der sie an diesen Ort des Grauens geführt hatte. Innerhalb kürzerster Zeit hatten sie wieder jenen Ausgangspunkt erreicht, an dem sich Dan für den linken Durchlass entschieden hatte.
Nach Atem ringend blieben sie stehen und lehnten sich schweißgebadet an die Wand. Laura japste keuchend nach Luft, während ihr Herz schmerzhaft hämmerte.
„Ich halte das nicht mehr aus“, keuchte sie und ihr Blick heftete sich hilfesuchend auf Dan. „In was für einem Wahnsinn sind wir hier gelandet?“ Ihre Stimme versagte und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Dan“, schluchzte sie leise. „Hilf mir!“
Stumm ging der junge Mann auf sie zu und nahm die Frau behutsam in die Arme. Aus einer noch vor wenigen Stunden so selbstsicher scheinenden Person war ein angstschlotterndes Bündel Mensch geworden, das offensichtlich dem Wahnsinn nahe schien.
Aber auch Dan verspürte Angst.
„Beruhige dich, wir packen das schon“, versuchte er die Frau aufzumuntern.
Dann erstarrte er plötzlich.
Im Dunkel des rechten Ganges vermeinte er aus den Augenwinkeln heraus eine flüchtige Bewegung erkannt zu haben, matte Lichtpunkte, die die Wände entlang tanzten.
Aber da war nichts, als er den Eingang ein zweites Mal betrachtete.
Konnte er sich so getäuscht haben?
Bevor Dan jedoch an seinem Verstand zu zweifeln begann, bemerkte er die Bewegungen erneut und als die vier kleinen Lichtpunkte in dem anderen Durchlass klar und deutlich auf ihn zukamen, wusste er, dass er sich nicht geirrt hatte. Unruhig zuckten die Lichtpunkte über den Boden und kamen rasch näher. Stimmengemurmel wurde laut und knirschende Stiefeltritte kündigten mehrere Personen an. Mit knappen Handzeichen gab Dan Laura zu verstehen, dass sie sich ruhig verhalten solle. Sie zogen sich ein Stück weit wieder in den linken Gang zurück, legten sich auf dem Boden und machten sich so flach wie möglich.
In dem halbdunklen Gang waren sie so nur noch als vage Schemen zu erkennen. Dan nahm die Waffe in die Rechte und war wild entschlossen, sie jederzeit zu benutzen.
Dann waren die Lichtpunkte und mit ihnen auch die Gestalten heran. Ein Regulator mit einer Stablampe, deren Strahl die umhertanzenden Lichtpunkte erklärte, kam aus dem Durchlass und ging, ohne einen Blick nach rechts oder links zu werfen, den Hauptgang entlang in Richtung Ausgang. Ihm folgten zwei weitere Männer, ebenfalls mit Lampen in den Händen. Den Abschluss bildete ein hochgewachsener Regulator, der als einziger einige Abzeichen auf seiner Uniform trug. Er blieb einen Moment stehen und Dan erwartete bereits ihre Entdeckung, doch der Mann rief lediglich den anderen Regulatoren etwas zu.
„Hier ist auch niemand!“
Die drei verharrten ebenfalls für einen Moment und starrten den Sprecher an.
„Wir suchen weiter. Wenn wir ihn gefunden haben, kommt er in die Zelle zu den drei neuen Gefangenen, die gestern Nacht hier eingetroffen sind.“
Wie auf ein stummes Kommando hin nickten die Männer gleichzeitig mit den Köpfen und setzten sich wieder in Bewegung. Dabei verhielten sie sich seltsam apathisch und ihr ganzer Bewegungsablauf sah aus, als würden sie in Zeitlupe vorwärts gehen.
Als die Stimmen verklungen waren und auch die Stiefeltritte immer leiser wurden, hob Dan den Kopf und blickte sich prüfend um.
„Sie sind weg.“
„Was war das denn?“, fragte Laura erstaunt.
„Die liefen ja herum, als ob sie betrunken wären. Und hast du gehört, wie der eine so komisch geredet hat?“
„Ich glaube nicht, dass die Regulatoren betrunken waren“, antwortete er. „Ich vermute vielmehr, dass sie unter irgendeinem inneren Zwang handeln. Ihr seltsamer starrer Blick und ihre komischen Bewegungen erinnern mich eher an Leute, die man hypnotisiert hat.“
„Hypo was bitte?“
„Erkläre ich dir später mal. Jetzt müssen wir erst einmal meine Freunde wieder finden. Du hast ja gehört, dass man sie hier irgendwo gefangen hält.“
„Und wo fangen wir mit der Suche an?“
Dan deutete auf den Durchlass, aus dem die Regulatoren gekommen waren.
Kurze Zeit später tasteten sie sich vorsichtig in dem Gang voran. Auch hier wies ihnen jenes blaue Leuchten den Weg, das überall in dieser seltsamen Umgebung vorherrschte.

Blaues flackerndes Licht flimmerte vor seinen Augen, als er erwachte.
Ken Okumoto versuchte sich aufzusetzen, aber sofort schoss ein stechender Schmerz durch seinen Schädel und er sank mit einem wilden Fluch auf den Boden zurück. Markus Becker lachte meckernd.
„Willkommen im wirklichen Leben“, sagte er leise.
Ken drehte langsam den Kopf, während seine linke Hand vorsichtig den Hinterkopf abtastete. Bereits einen Atemzug später zuckten die Fingerspitzen seiner Hand zurück, als hätten sie eine heiße Kochplatte berührt. Da gab es eine weiche Stelle von der Größe eines halben Dollars in seinem Haar, blutig und klebrig. Allmählich kam die Erinnerung und dem Japaner wurde bewusst, etwas mehr Wucht hinter dem Schlag des Regulators und er wäre überhaupt nicht mehr aufgewacht. Mit fast übermenschlicher Anstrengung versuchte er, sich erneut aufzurichten.
Der Schmerz, der ihn daraufhin durchfloss, warf ihn erneut zu Boden. Ken rollte zur Seite und hatte Mühe, das in sich zu behalten, was sich noch in seinem Magen befand.
„Du musst einen Eisenschädel haben!“, sagte Markus nun lapidar.
„Ach ja? Wie meinst du das?“
„Ich habe erst zweimal jemanden gesehen, dem man den Schädel eingeschlagen hat. Der erste war ein Handwerker auf dem Campus. Arbeitsunfall, der Mann war keine Stunde, nachdem es passiert war, mausetot. Sein Kopf sah aber nicht annähernd so schlimm aus wie deiner. Hast du Schmerzen?“
„Nur, wenn ich lache!“
Markus Becker starrte den Informatikstudenten konsterniert an.
Dieser musterte verwirrt seine Umgebung. Er lag ausgestreckt auf dem Boden eines kleinen Raumes. Außer blanken Wänden gab es hier nichts, kein Bett, kein Stuhl und Decken anscheinend auch nicht. Der ganze Raum kam ihm wie eine enge sterile Zelle vor, aus der es kein Entkommen zu geben schien.
Neben Markus tauchte jetzt Claires Antlitz auf. Im blauen Halbdunkel des Raumes leuchteten die Gesichter der beiden wie weiße Flecken.
„Du solltest versuchen, etwas zu schlafen“, sagte Claire leise. „Deine Kopfschmerzen werden bestimmt nicht besser, wenn du weiterhin so herum hampelst.“
„Das sagt genau die Richtige. Was macht dein Arm?“
„Dem geht es genauso schlecht wie deinem Kopf. Aber was soll’s, Jammern hilft uns im Moment nicht weiter.“
Seufzend ließ sich Ken zurücksinken. Claire hatte mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen.
„Wo zum Teufel sind wir hier gelandet?“, fragte er forscher, als er es eigentlich beabsichtigt hatte.
„Keine Ahnung“, entgegnete Markus. „Ich weiß nur, dass man uns gleich nach unserer Ankunft in diesen Raum gesperrt hat und das es hier drin, abgesehen von diesem blauen Leuchten, so dunkel ist wie in einem Bärenhintern.“ Nach einer kurzen Pause fügte er resignierend hinzu: „Und wahrscheinlich riecht es da auch genau so.“
Erst jetzt registrierte Ken die muffige, faulig riechende Luft, die hier vorherrschte und einem schier den Atem nahm.
„Was passiert hier mit uns?“
Markus zuckte mit den Schultern ohne zu antworten.
In diesem Moment ertönten Schritte. Mit einem leisen Zischen öffnete sich wie durch Geisterhand ein schmaler Spalt in dem Zimmer und mehrere Männer in blauer Uniform drängten herein. Der Vorderste leuchtete den Raum mit einer schmalen Stablampe aus. Ihm folgten zwei andere, die schussbereite Waffen in den Händen hielten. Ein vierter Mann führte eine kleine Metallkladde mit sich, an deren oberem Ende eine Klammer angebracht war, die einige lose Blätter zusammen hielt. Er starrte kurz auf die Papiere und blickte sich anschließend wortlos in dem Raum um. Dann zeigte er unvermittelt auf Ken Okumoto.
„Du da!“, sagte er schroff. „Aufstehen und mitkommen. Los, Beeilung!“
Kens Kehle zog sich zusammen, als er bemerkte, wie der Mann mit einem Stift auf dem obersten Blatt eine größere Anzahl Buchstaben durchstrich. So sehr er sich auch bemühte, es gelang ihm nicht, einen Blick auf das Papier zu werfen. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus. Irgendwie hatte er den schrecklichen Verdacht, dass die durchgestrichenen Wörter ihn betrafen und die Konsequenzen dieser Handlung alles andere als angenehm sein würden. Fragend starrte er zu Markus und Claire, die daraufhin hilflos mit den Schultern zuckten.
„Habt ihr eine Ahnung, was die von mir wollen?“
In diesem Moment trat der Regulator mit dem Metallbrett auf ihn zu. Er packte Ken an der linken Schulter und zerrte ihn zu sich heran. Für die Dauer eines Atemzuges war sein ausdrucksloses Gesicht direkt vor seiner Nase.
„Du bist erwählt!“, sagte er knapp. „Mehr brauchst du nicht zu wissen.“
Dann versetzte er dem Studenten einen Stoß, der ihn durch den offenen Spalt stolpern ließ.
So schnell, wie sie gekommen waren, verschwanden die Regulatoren auch wieder. Die Wände schlossen sich und zurück blieben Claire und Markus.
Die beiden starrten sich gegenseitig in die Augen und jeder konnte das Entsetzen und die quälende Ungewissheit über ihr weiteres Schicksals im Gesicht des anderen deutlich ablesen.

„Das Ganze ist sinnlos“, murmelte Laura. Ihre Stimme klang hohl und brüchig und selbst ein Außenstehender konnte die Verzweiflung, die darin mitschwang, deutlich herauszuhören.
„Wir finden deine Freunde nie. Wir müssen vielmehr aufpassen, dass wir uns nicht selber hier drin verirren.“
„Wir suchen weiter“, widersprach Dan entschieden. „Irgendwo hier müssen sie ja sein. Die drei können sich doch nicht in Luft aufgelöst haben.“
Mit angstgeweiteten Augen musterte Laura den Student. Sie wollte nicht weiter in diesem Höhlenlabyrinth umherirren. Seit den Ereignissen in der Kammer mit den Kokons fühlte sie Angst in sich, eine Angst, die sie noch nie zuvor in ihrem Leben so intensiv verspürt hatte. Aber sie wusste auch um Dans Entschlossenheit, seine Freunde zu finden und der Gedanke, allein zurückzubleiben, erschien ihr ebenso unerträglich wie die Angst.
Zögernd folgte sie ihm deshalb weiter.
Sie erreichten eine weitere Abzweigung und blieben stehen. Der schmale Hauptgang führte weiter geradeaus, rechts und links jedoch zweigten wieder enge, kaum fünf Fuß hohe Seitenröhren ab.
„Wieder links?“ Laura zögerte, doch ihr Herz begann schneller zu schlagen. Was für ein Schreckenszenario erwartete sie beide diesmal?
Wieder hatte sie das Bild jener Kammer vor sich, in der sie auf die Kokons gestoßen waren. Sie hatte mitangesehen, wie eines dieser Alptraumgeschöpfe aus einem Ei gekrochen war und Dan angegriffen hatte. Vergeblich versuchte sie, diese Ereignisse aus ihrem Kopf zu verbannen, aber es gelang ihr nicht.
„Was glaubst du, wohin uns dieser Gang...“ Sie kam nicht mehr dazu, den Satz zu beenden. Dan zuckte plötzlich zusammen und starrte aus weit aufgerissenen Augen auf einen imaginären Punkt irgendwo vor ihnen.
„Was ist los?“
Statt einer Antwort wirbelte er herum, packte sie kurzerhand an den Schultern, drehte sie um und stieß sie unsanft in den schmalen, rechten Seitengang. Mit einem Hechtsprung folgte er ihr. Laura krachte hart zu Boden.
„Sag mal, spinnst du?“, zischte sie erbost, als Dan neben ihr landete. Sie war gerade im Begriff, eine Menge anderer Worte loszuwerden, die nicht gerade als ladylike galten, als sich Dans Rechte auf ihren Mund presste und damit jede weitere Unmutsbekundung rücksichtslos erstickte.
„Still!“, fauchte er.
Einen Moment lang war nichts außer ihrem keuchenden Atem zu hören, dann mischte sich allmählich ein neues Geräusch in die Stille.
Es hörte sich an wie Stiefeltritte.
Dans Hand glitt wieder von ihrem Mund und mit vorgerecktem Kinn deutete der Student auf jenen Eingang, aus dem er sie noch vor wenigen Minuten ziemlich unsanft hinausbefördert hatte.
Schnelle Schritte näherten sich von dort und dann schälte sich die Gestalt eines Regulators aus der blauen Düsternis. Der junge Mann schien es ziemlich eilig zu haben. Aber am Eingang angelangt, blieb er urplötzlich stehen, als ob er dort gegen eine unsichtbare Wand gelaufen wäre. Einen Moment lang geriet er ins Taumeln und schüttelte dabei den Kopf. Ein leises Wimmern entrang sich seiner Kehle. Dann straffte sich seine Gestalt ruckartig und der Uniformierte setzte sich langsam wieder in Bewegung. Seine Schritte wirkten jetzt steif und ungelenk und mit seinen tellergroßen Augen und dem weit aufgerissenen Mund erinnerte er Dan an einen Schlafwandler. Der Blick seiner Augen war seltsam leer und es war offensichtlich, dass der junge Regulator von diesem Augenblick an nicht mehr Herr seiner Sinne war.
Irritiert sahen die beiden dem Uniformierten nach, als dieser wieder auf dem Weg zurückging, den er soeben gekommen war.
„Was wollte der denn?“, wollte Laura wissen.
„Für mich sah das wie eine Flucht aus. Aber anscheinend gibt es hier drin etwas, das solche Dinge nicht duldet.“
„Und was machen wir jetzt?“
„Wir folgen ihm. In seinem Zustand wird er es nicht einmal bemerken, wenn wir direkt hinter ihm stehen“, antwortete Dan und griff nach ihrer Hand. „Los, komm mit.“ Dan drehte sich um und lief hinter dem Regulator her. Laura riss er einfach mit sich.
Schon kurze Zeit später hörten sie schlurfende Schritte und gleich darauf sahen sie den Uniformierten wieder vor sich. Er war jetzt stehen geblieben, drehte sich nach links und legte seine Hand auf die Stollenwand. Ein leises Zischen ertönte und, wie von Geisterhand bewegt, öffnete sich die Wand. Ein intensives blaues, unirdisches Leuchten fiel in den Gang und ungläubig sahen die beiden mit an, wie der Regulator in der Öffnung verschwand.
Unbewusst registrierte Dan, dass der Ammoniakgeruch, der hier ständig in der Luft lag, plötzlich schärfer wurde. Seine Augen begannen zu brennen. Mit einem weiteren Zischen schloss sich das Loch in der Wand genauso blitzartig, wie es entstanden war.
Fassungslos starrten sich die beiden jungen Leute an.
Laura zuckte zusammen, trat unwillkürlich einen Schritt zurück und Dan konnte sehen, dass die Frau kurz davor war, laut loszuschreien. Auch er war bei weitem nicht so beherrscht und souverän, wie er sich gab. In seinem Inneren brodelte es. Dennoch zwang er sich zu logischem Denken, atmete zwei, drei Mal tief durch und legte dann seine Rechte in genau derselben Art, wie er es gerade bei dem Regulator beobachtet hatte, auf die Stollenwand. Die beiden zuckten vorsichtig zurück, als die Wand abermals langsam zur Seite glitt.
Dann traten sie ein.

„Mach dich bereit, bald wirst du dienen!“
Immer und immer wieder dröhnten die letzten Worte des Regulators in seinem Schädel, seit dieser mit jener ominösen Metallkladde unter dem Arm gemeinsam mit den anderen Uniformierten den Raum verlassen hatte. Dabei schienen diese seltsamen Worte, auf die sich Ken absolut keinen Reim machen konnte, mit jedem Mal eine unheimlichere Bedeutung zu erhalten.
Was zum Teufel ging hier vor sich?
Ken Okumoto schüttelte unwirsch den Kopf, als könne er mit dieser Geste die düsteren Gedanken abschütteln, die immer stärker von ihm Besitz nahmen. Aber schon im nächsten Moment bereute er diese unüberlegte Handlung. Sein malträtierter Schädel antwortete augenblicklich mit einem stechenden Schmerz, der erst wieder erträglich wurde, als er regungslos verharrte und die Augen schloss. Langsam begann er, tief durch die Nase zu atmen und sich zu konzentrieren, genau so, wie er es immer vor jedem Training getan hatte.
Erst, als er spürte, dass sein zanshin vollkommen war, öffnete er die Augen wieder. Er spürte, wie der Schmerz langsam abflaute und wilder Entschlossenheit wich, die wie eine neue Lebensenergie durch seine Adern jagte. Ihm war schon klar, dass seine Situation ziemlich verfahren war, aber er wusste auch, dass sie nicht tatenlos besser wurde. Also musste er handeln.
Zunächst einmal blickte er sich sorgfältig in dem Raum um, in dem er sich jetzt befand. Auch hier war die einzige Lichtquelle jenes hellblaue Licht, das allgegenwärtig zu sein schien.
Wiederum gab es keinerlei Einrichtungsgegenstände. Die dunklen Wände fühlten sich seltsam kalt an. Als er mit den Spitzen seiner Finger über die Oberfläche strich, schossen ihm tausend Fragen durch den Kopf. Er konnte sich nicht erinnern, jemals etwas Derartiges gesehen, geschweige denn berührt zu haben. Die Wände, der Boden, alles war so glatt, dass man meinte, sich darin spiegeln zu können. Aber als Ken an sich heruntersah, stellte er fest, dass sein Körper hier drin nicht einmal den Hauch eines Schattens warf.
Eine vage Vermutung durchzuckte ihn. Sofort schalt er sich einen ausgemachten Narren, aber der Gedanke, dass die Wand aus einem Material bestand, das nicht menschlichen Ursprungs war, ließ ihn nicht mehr los. Aus weit aufgerissenen Augen starrte er die Wände an, sein Herz begann zu rasen und seine Gedanken drehten sich immer schneller im Kreis.
Nichtmenschlich!
Außerirdisch?
Jeder einzelne Buchstabe dieser ungeheuerlichen Worte schien sich wie Säure in seinem Gehirn festzufressen. Aber ihm blieb keine Zeit um großartig nachzudenken. Die Ereignisse überschlugen sich.
Wieder ertönte ein leises Zischen, wieder teilte sich eine Wand und blau uniformierte Männer betraten den Raum. Diesmal waren es nur zwei, kaum größer aber bedeutend schmächtiger als der Student. Sie trugen ihre Waffen in Lederhalftern, die verschlossen am Gürtel hingen. Doch da war noch etwas, was ihm sofort aufgefallen war. Die Bewegungen der Männer wirkten ungelenk, fast hilflos und sie stierten ihn mit verklärten Blicken an. Entweder waren die Kerle zugekifft bis unter die Halskrause oder aber sie standen unter dem Einfluss eines fremden Willens und Hypnose war im Spiel. Das waren Kens nächste Gedanken.
„Mitkommen!“, sagte einer der Regulatoren. Der Tonfall seiner Stimme hätte den Student unter normalen Umständen in einer Vorlesung eher dazu veranlasst einzuschlafen, als der Aufforderung nachzukommen.
‚Wenn nicht jetzt, wann dann?’, durchzuckte es ihn stattdessen. Eine bessere Gelegenheit zur Flucht würde sich ihm wahrscheinlich nicht mehr bieten. Egal, was ihn da draußen erwartete, es war allemal besser, als die Hände in den Schoß zu legen und darauf zu warten, dass ihn diese seltsamen Männer mitnahmen, um ihn womöglich schnurstracks zur nächsten Schlachtbank zu führen.
Geraume Zeit verging, als er angestrengt über einen Fluchtplan nachdachte und keine Anstalten machte, dem Befehl des Regulators Folge zu leisten.
Schließlich begann dieser umständlich am Verschluss seines Waffenhalfters zu nesteln. Als er den matt glänzenden Lauf seiner Pistole hochschwang, reagierte Ken bereits. Er flog mit einer einzigen fließenden Bewegung durch das Zimmer und sein gestreckter Fuß knallte auf den Brustkorb des Regulators. Der Mann stolperte, sichtlich überrascht von der Gegenwehr des Gefangenen, zurück, ließ seine Waffe fallen und versuchte einen Atemzug lang, mit wild umherrudernden Augen das Gleichgewicht zu wahren und auf den Beinen zu bleiben.
Es gelang ihm nicht, Ken setzte nach und entschied den Kampf für sich, indem er dem Regulator die Handkante gegen die Luftröhre schlug. Das Gesicht des Regulators verzerrte sich zu einer ungläubigen Fratze und der Mann erschlaffte augenblicklich. Instinktiv wich Ken zur Seite aus und der zweite Mann, der jetzt auf ihn zugestürzt kam, lief ins Leere. Mit einem wütenden Knurren drehte sich der Regulator um und griff ebenfalls zur Waffe. In Ermanglung von Zeit reagierte Ken ebenso brutal wie effektiv. Er trat dem Regulator einfach zwischen die Beine. Im Gesicht des Mannes ging eine atemberaubende Veränderung vor sich. Sein gleichgültiger Gesichtsausdruck war von einem Moment zum anderen wie weggewischt. Die Augen traten fast aus den Höhlen und seine Hände krampften sich um seinen Unterleib.
Gurgelnd kippte er langsam vornüber. In der Zwischenzeit hatte Ken Maß genommen und sein ganzes Körpergewicht in den folgenden Schlag gelegt. Seine rechte Faust schoss vor und im nächsten Moment war die Auseinandersetzung endgültig beendet.
Keuchend hielt Ken inne. Das Dröhnen in seinem Kopf war zurückgekehrt. Irgend ein Teufel schien mit einem Hammer von innen gegen seine Schädeldecke zu klopfen. Jedenfalls hatte er das Gefühl. Ihm wurde schwindelig und erst, als er sich mit der Hand an einer Wand abstützte, hörte die Welt auf, sich vor seinen Augen zu drehen. Nach ein paar Sekunden, die ihm wie eine Ewigkeit vorkamen, wurde sein Blick klarer und auch die Schmerzen waren allmählich wieder zu ertragen.
Angestrengt lauschte er in die blaue Düsternis hinein. Aber es regte sich nichts. Kein Wunder, der Kampf war so schnell und lautlos vorüber gewesen, dass man ein paar Meter weiter schon nichts mehr bemerkt hätte. Ken hastete durch die Öffnung seiner Zelle, verharrte auf dem schmalen Gang und lauschte erneut. Aber es gab keine Anzeichen, dass irgend jemand die Auseinandersetzung registriert hätte.
Während er noch überlegte, in welche Richtung er am besten laufen sollte, kam ein unterdrücktes Stöhnen aus jenem Raum, den er soeben verlassen hatte. Mit Riesenschritten stürmte er in das Zimmer zurück und zwei Handkantenschläge sowie ebenso viele zweckentfremdete Gürtel später waren die Regulatoren gefesselt und mit ihren Taschentüchern als Knebel zum Verstummen gebracht.
Zufrieden musterte Ken sein Werk.
Wenn die Männer wieder zu sich kamen, hatten sie auf absehbare Zeit keine Gelegenheit, um auf sich aufmerksam zu machen. Zeit, die bei seiner Flucht vielleicht entscheidend war. Lautlos wie eine Schlange huschte der Japaner erneut durch die Tür und lief den Gang nach links.

Als sie den Raum betraten, standen sie am Anfang eines langgezogenen, düsteren Zimmers.
Drei steril wirkende, große Metallschränke bedeckten die umliegenden Wände und mittendrin befand sich eine Art OP-Tisch. Allerdings machten die vielen fest verankerten Lederschnallen zu beiden Seiten der blanken Metalloberfläche einen etwas befremdlichen Eindruck auf Dan. Von dort kam auch jenes seltsame, leise Geräusch, das sich die beiden zunächst nicht erklären konnten. Vorsichtig näherten sie sich dem Möbelstück.
Mitten auf diesem Tisch krümmte sich der junge Regulator, dessen Flucht, oder was es war, sie vorhin beobachtet hatten. Seine Augen wirkten starr und leblos. Ein Schweißfilm hatte sein Gesicht wie ein glitzernder Perlenvorhang überzogen. Er wimmerte leise und krümmte sich immer wieder. Unbeschreibliche Schmerzen schienen seinen hageren Körper zu durchfluten. Der Mann schluchzte und wahre Tränenbäche liefen über seine eingefallenen Wangen.
Als Laura ihn berührte und fragte, ob sie ihm helfen könne, begann der Mann zu schreien und zu kreischen, dass sich Dan schier der Magen umdrehte. Schließlich schlug er ihm die Faust an die Schläfe, so dass der Mann bewusstlos wurde.
Vorwurfsvoll starrte ihn die Frau an.
„Musst du immer gleich zuschlagen?“
„Was hätte ich denn deiner Meinung nach sonst tun sollen? Mit seinem Geschrei hätte er uns noch die ganze Regulatorenbande auf den Hals gehetzt. Oder das nette Vieh, das uns angegriffen hat. Was wäre dir denn lieber gewesen?“
Stumm senkte Laura den Kopf.
„Wie geht es jetzt weiter?“, fragte sie einen Augenblick später.
„Ich sehe mal nach, was sich in den Schränken befindet. Womöglich gibt es da ja etwas, das uns weiterhilft, Werkzeuge, Schlüssel, keine Ahnung. In der Zwischenzeit kannst du ja versuchen, diesen Regulator wieder aufzuwecken. Aber bitte sanft, vielleicht kann er uns ja das eine oder andere dieser seltsamen Vorkommnisse erklären. Irgendwie habe ich nämlich so das Gefühl, dass der Junge auch gerne von hier verschwinden würde, es aber aus irgendwelchen Gründen nicht kann. Also sei lieb zu ihm, wenn du ihn weckst, denn wenn er wieder anfängt zu schreien, gibt´s wieder was auf die Nuss!“
Der Blick, mit dem ihn Laura bedachte, war zwar alles andere als liebreizend, dennoch machte sich die junge Frau sogleich daran, mit einem leichten Klopfen auf die Wangen des Regulators diesen wieder in die Wirklichkeit zurückzuholen.
Dan öffnete unterdessen den ersten Schrank, der unverschlossen war. Lautlos glitten die Metallschiebetüren zur Seite und offenbarten ihm einen Blick auf ein halbes Dutzend leerer Regalfächer. Sichtlich enttäuscht wandte er sich dem zweiten Schrank zu. Auch dieser war auf den ersten Blick gänzlich ohne Inhalt, allerdings bemerkte Dan auf dem unteren Regalfach mehrere dunkle Stellen, die verdammt viel Ähnlichkeit mit eingetrockneten Blutflecken besaßen. Dan war Ersthelfer auf dem Campus der Avila-University gewesen und die Erfahrung unzähliger Sanitätseinsätze hatten seine Sinne geschärft. Nach einem zweiten, etwas genauerem Betrachten wurde sein Verdacht, dass es tatsächlich Blut war, immer stärker. Mit der Zunge feuchtete er Zeige- und Mittelfinger seiner Rechten an und fuhr damit an den Rändern der dunklen Flecken entlang. Anschließend führte er beide Finger wieder vorsichtig zum Mund.
Der kupferne Geschmack von Blut brannte sich augenblicklich in sein Gehirn.
Langsam beschleunigte sich sein Herzschlag, kalter Schweiß trat auf seine Stirn und seine Hände begannen zu zittern, als er sich dem dritten Schrank näherte. Dunkle Vorahnungen ließen seinen Puls rasen.
Vorsichtig drückte er die Schiebetüren auseinander und bereits einen Moment später sprang ihn das nackte Grauen mit solcher Vehemenz an, dass er unfähig war, etwas anderes zu tun, als mit angehaltenem Atem den offenen Schrank anzustarren.
Dieser war mit durchsichtigen Behältern unterschiedlichster Größe bestückt. Der Inhalt war es, der ihn beinahe um den Verstand brachte.
In einem schwammen ein paar blutgeäderte Augen, in einem anderen schwebte ein menschliches Gehirn scheinbar schwerelos in der gelartigen Flüssigkeit. Daneben stapelten sich Behälter mit sezierten Armen und Beinen. Aber am schrecklichsten waren die Behälter mit den Köpfen.
Dan hatte das Gefühl, als schwanke der Boden unter seinen Füßen.

Der Angriff kam völlig überraschend.
Eben noch war er dem Verlauf des Tunnels gefolgt, der nach wenigen Schritten unvermittelt scharf nach links abzweigte. Aber schon im nächsten Moment, kaum, dass er die Biegung hinter sich gebracht hatte, löste sich aus dem blauen Dämmerlicht ein dunkler Schatten, der ihn ansprang wie ein Raubtier die Beute. Ken sah die Gestalt zwar noch auf sich zukommen, aber für ein Ausweichen war es bereits zu spät. Eine hornige Faust erwischte ihn seitlich am Kopf und radierte über sein linkes Ohr hinweg. Es schmerzte höllisch und für einen Moment tanzten bunte Sterne vor seinen Augen.
Benommen wich Ken zur Seite aus, riss in einer instinktiven Abwehrhaltung seine gekreuzten Arme hoch und blockierte damit den zweiten Schlag, der ihn mit großer Wahrscheinlichkeit ins Land der Träume geschickt hätte. Dann wirbelte er um die eigene Achse und schlug mit der Handkante seiner Rechten in die Hüfte der dunklen Gestalt. Der Mund des Angreifers öffnete sich, er röchelte und taumelte rückwärts, wobei er versuchte, sich aufrecht zu halten. Ein kurzer Tritt gegen die Knöchel streckte die Gestalt endgültig zu Boden. Sofort war Ken auf ihr und ballte die Finger seiner Rechten zum entscheidenden Schlag. Seine Hand zuckte vor, als im buchstäblich letzten Moment der Klang einer vertrauten Stimme an sein Ohr drang. Mit einer Reaktion, wie sie nur ein wahrer Meister des Kung Fu beherrschen konnte, dirigierte er seine vorschießende Hand innerhalb vom Bruchteil einer Sekunde einen Hauch zur Seite. Seine Rechte zischte so dicht am Kopf des anderen vorbei, dass gerade mal die Seite einer Tageszeitung noch dazwischen gepasst hätte.
„Bist du bescheuert?“, brüllte Dan Simon, als er den ersten Schrecken überwunden hatte. „Ich bin´s!“
Nur zögernd hob Ken seine Hand und starrte Dan wie ein Wesen aus einer anderen Welt an.
„Verdammt, was musst du auch gleich immer zuschlagen?“
„Das sagt genau der Richtige.“
Obwohl ihm Dan mit seiner direkten Art des öfteren fürchterlich auf die Nerven ging, war Ken sichtlich froh ihn wiederzusehen. Er rappelte sich auf, reichte dem Sportstudent die Hand und als sie sich Auge in Auge gegenüber standen, schlich sich ein erleichtertes Lächeln in das Gesicht des Asiaten.
„Wo hast du denn die ganze Zeit über gesteckt?“
„Dasselbe könnte ich dich fragen“, entgegnete Dan. „Himmel, als wir mit ansehen mussten, wie euch diese Regulatorenbande abtransportiert hat, haben wir mit dem Schlimmsten gerechnet.“
„Wir?“, fragte Ken gedehnt.
„Das sind Laura und Frank!“, erwiderte Dan und zeigte mit dem ausgestreckten Zeigefinger seiner Linken auf zwei Gestalten neben sich. Erst jetzt nahm Ken die beiden jungen Leute wahr. Die Frau kauerte neben ihm am Boden, während der Mann mit dem Rücken an der Tunnelwand lehnte und nervös immer wieder nach rechts und links starrte. Trotz der schlechten Lichtverhältnisse konnte Ken deutlich sehen, dass sein Gesicht weiß wie eine frisch gekalkte Wand war. Seine Miene verfinsterte sich zusehends, als er erkannte, dass die Gestalt die Uniform der Regulatoren trug.
„Auf wessen Seite steht der?“, fragte Ken scharf.
„Lass mal“, winkte Dan ab. „Die beiden sind schon okay. Ich habe Laura und Frank ziemlich viel zu verdanken. Ohne ihre Hilfe wäre ich wahrscheinlich gar nicht mehr am Leben.“
Ungläubig betrachtete Ken die beiden genauer. Die Frau saß auf dem Boden, hatte die Knie angezogen, die Arme um die wohlgeformten Beine geschlungen und starrte ins Leere. Dabei atmete sie hörbar durch den Mund und in ihren weit aufgerissenen Augen lag nacktes Entsetzen. Der Mann schien ein einziges angstschlotterndes Bündel Elend zu sein. In Kens Augen glichen die beiden eher verängstigten Kaninchen, als wie jemand, auf dessen Hilfe man bauen konnte.
Verwirrt runzelte er die Stirn.
„Die haben dir geholfen? Das kann ich nicht glauben. In dem Zustand schmeißt die beiden doch selbst ein Dreijähriger aus dem Sandkasten.“
Noch einmal musterte er kopfschüttelnd die Frau, die jetzt leise wie ein gepeinigtes Tier wimmerte, während ihr die Tränen über das Gesicht liefen.
Dans Gesicht verhärtete sich.
„Lass sie in Ruhe. Die zwei brauchen jetzt ganz einfach ein paar Minuten, um mit sich selber klar zu kommen. Jeder andere wäre an dem, was wir erlebt haben, wahrscheinlich gestorben oder zumindest verrückt geworden.“
„Was ist passiert?“
In knappen Worten berichtete Dan dem Freund von dem Erlebten. Vom ersten Zusammentreffen mit den Regulatoren, jenem Moment, in dem er Laura kennen gelernt hatte, bis hin zu ihrem Eindringen in dieses seltsame Tunnellabyrinth. Die Sache mit den Eiern behielt er im Moment noch für sich.
„Weißt du eigentlich, wo wir uns hier befinden?“, beendete Dan seine Ausführungen.
Ken zuckte ungeduldig die Schultern.
„In einer unterirdischen Höhle, einer militärischen Bunkeranlage, was weiß ich. Jedenfalls sollten wir endlich aufhören zu quatschen und uns stattdessen auf den Weg machen, um Claire und Markus zu befreien. Danach sollten wir zusehen, dass wir so schnell wie möglich hier heraus kommen.“
„Wir sind hier in keinem Bunker, Ken, sondern wir...“, entgegnete Dan so sachlich wie möglich. Dennoch konnte er nicht verhindern, dass ein leichtes Zittern in seiner Stimme mitschwang, als er nach kurzem Zögern den Satz beendete.
„...wir befinden uns im Hauptquartier einer außerirdischen Lebensform. Sozusagen im Wohnzimmer eines Alien!“
Ken warf ihm einen völlig entgeisterten Blick zu.
„Würdest du das bitte noch einmal wiederholen?“, fragte er.
„Okay, wie hättest du es denn gerne, als Kurzgeschichte oder die XXL-Version?“
„Mach es kurz, verdammt kurz“, knurrte Ken.
„Irgendwann in grauer Vorzeit hat hier ein bemanntes UFO eine Bruchlandung hingelegt. Als die Aliens mitgekriegt haben, dass die UV-Strahlen der Sonne für ihren Organismus tödlich sind, gruben sie sich an dieser Stelle in die Erde. Aber ohne fremde Hilfe können selbst die nicht überleben, deshalb haben sie kurzerhand einen undurchdringlichen Energieschutzschirm um dieses Tal gelegt und die Menschen hier mit Hilfe ihrer telepathischen Kräfte zu willenlosen Befehlsempfängern degradiert. Reicht das fürs Erste oder soll ich weiter erzählen?“
Sichtlich betroffen winkte Ken ab.
„Wenn ich nicht selber miterlebt hätte, was uns bisher alles passiert ist, würde ich sagen, du hast einen Knall. Aber woher hast du deine ganzen Weisheiten?“
„Von ihm“, sagte Dan und deutete kurz auf Frank.
„Aber der Kerl ist doch selber ein Regulator. Seit wann stehen die denn auf unserer Seite?“
„Frank ist anders. Wie soll ich sagen, er ist in gewisser Hinsicht krank.“
„Ich denke, du studierst Sport. Bist du neuerdings unter die Mediziner gegangen?“
Dan Simon schüttelte den Kopf.
„Ich bin zwar kein Arzt, aber aufgrund meiner Erfahrung als Ersthelfer glaube ich zu wissen, das er Epileptiker ist. Das würde auch vieles erklären. Seine Hirnströmungen passen nicht in das Kopfraster, das die Außerirdischen von den Menschen hier haben. Deshalb ist er, bis auf wenige Ausnahmen, auch immun gegen ihre telepathischen Befehle.“
Ken starrte die drei entgeistert an.
„Also, Außerirdische, ich habe es geahnt“, sagte er schließlich leise. „Ich habe es verdammt noch mal geahnt. Spätestens von dem Zeitpunkt an, als ich die Gelegenheit hatte, die Umgebung meiner Zelle genauer zu betrachten.“
Der Informatikstudent bewahrte nur mühsam seine Fassung.
„Das ist aber noch nicht alles“, entgegnete Dan zögerlich.
„Was denn noch?“
„Wir wissen jetzt auch, in welcher Art und Weise die Regulatoren mit den Außerirdischen im Zusammenhang stehen.“
„Und wie?“, flüsterte Ken kaum hörbar.
Dan holte tief Luft.
„Die Regulatoren versorgen diese Wesen mit Nahrung.“
„Wie darf ich das jetzt verstehen? Soviel ich mitbekommen habe, sind die Regulatoren doch dazu da, um sogenannte erwählte Menschen ranzuschaffen, damit diese ihnen dienen können.“
„Das machen die Erwählten in gewisser Weise auch“, entgegnete Dan mit seltsam belegter Stimme. Für einen Moment zögerte er, aber er wusste, dass es ausgesprochen werden musste.
Im gleichen Moment entrang sich Lauras Brust ein unmenschlicher Klagelaut.
„Sie dienen ihnen als Nahrung!“

„Nein!“
Ken lehnte sich schwer atmend an die Wand und trotz der düsteren Lichtverhältnisse war deutlich sein schneeweißes Gesicht zu erkennen.
„Hinter dieser Wand befindet sich eine Art OP-Raum. Dort hat man die armen Teufel regelrecht ausgeweidet und sie stückweise wie eingemachtes Fleisch in Gläser gestopft.“
„Mein Gott!“
Der Gedanke, dass in diesem Raum Menschen geschlachtet worden waren, ließ ihn frieren. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, als ihm klar wurde, was für ein Schicksal auch ihm gedroht hatte. Ken Okumoto verspürte plötzlich das Bedürfnis, sich übergeben zu müssen. Dan erkannte, dass sein Freund diese Informationen erst einmal verdauen musste, und Laura und Frank waren sowohl psychisch als auch physisch am Ende. Deshalb überlegte er einen Moment lang, ob er die drei zurücklassen sollte, wenn er versuchte, Claire und Markus zu befreien. Aber dann schob er diesen Gedanken wieder beiseite. Sie saßen schließlich alle in einem Boot. Auch wenn sie in ihrem Zustand im Moment keine allzu große Hilfe waren, vielleicht würde er doch irgendwann froh sein, die drei in seinem Rücken zu wissen. Immerhin war weder mit den Regulatoren noch mit den Außerirdischen zu spaßen.
Unter der Führung von Dan hastete die Gruppe schließlich weiter, um Claire und Markus aus ihrer Zelle zu befreien. Das Ganze war einfacher, als es zunächst den Anschein hatte. Nirgends war ein Posten zu sehen und dank Franks Hilfe konnte man auch die Tür zu ihrer Zelle ohne Schwierigkeiten öffnen.
Mit einem leisen Aufschrei fiel Claire dem Sportstudent in die Arme. Markus stand einfach nur da und starrte die anderen erleichtert an.
„Leute“, sagte er schließlich, „ihr glaubt gar nicht, wie froh ich bin, eure dämlichen Gesichter wieder zu sehen.“ Dann trat er vor und drückte die Hände von Ken und Dan. Unendliche Erleichterung und Dankbarkeit lagen dabei in seinem Blick.
„Alles okay?“, fragte Dan kurz. „Dann los!“
Bevor Claire und Markus irgendwelche Antworten geben konnten, war der Sportstudent bereits wieder aus der Tür. Als er merkte, dass ihm niemand folgte, blieb er stehen, musterte die Gruppe mit einem ärgerlichen Stirnrunzeln und klatschte leise zweimal in die Hände.
„Auf, auf, Freunde der Nacht, wir müssen zusehen, dass wir Land gewinnen.“
„Jetzt halt mal den Ball flach, Dan. Keine Panik, ja, nur in der Ruhe liegt die Kraft. Ich denke, du bist uns erst einmal ein paar Erklärungen schuldig“, sagte Markus und hob beschwichtigend die Hände.
„Für großartige Erklärungen ist jetzt keine Zeit“, erwiderte Dan sichtlich nervös. „Falls es bei einigen von euch noch nicht angekommen ist, wir stecken bis zum Hals voll in der Scheiße.“
„Ha, typisch Dan, übertreibt mal wieder maßlos“, entgegnete Markus und versuchte, mit einem nervösen Lachen seine Unsicherheit zu kaschieren.
„Dan hat leider recht“, mischte sich Ken in den Disput ein. „Diese Regulatorentruppe ist nämlich nicht unser einziger Gegner. Dahinter stecken noch andere, und die sind weitaus gefährlicher.“
„Warum?“
„Weil in ihrer Nahrungskette Menschenfleisch an oberster Stelle steht, darum!“, zischte Dan ungehalten. Ihm war jetzt deutlich anzusehen, dass ihm die Zeit förmlich unter den Nägeln brannte. „Wir sind sozusagen deren Mittagessen. Kapierst du jetzt, warum ich nicht die Zeit für ausschweifende Erklärungen habe?“
„Mittagessen?“, echote Markus verständnislos, während Claire einen spitzen Schrei ausstieß. Danach hatte es auch der Deutsche endlich kapiert. Mit einem Satz stand er draußen auf dem Gang und wedelte hysterisch mit den Armen.
„Verdammte Scheiße, warum habt ihr das nicht gleich gesagt? Los, lasst uns abhauen!“
Dan blickte kurz zu Frank Mortimer und der ehemalige Regulator nickte und deutete nach vorn.
Erstaunt stellte der Sportstudent fest, dass sich Frank in den letzten Minuten zusehends verändert hatte. Seine Nervosität war wie weggeblasen und der unruhige, beinahe ängstliche Ausdruck in seinem Gesicht war einer wild entschlossenen Miene gewichen. Anscheinend hatte die Tatsache, dass er von nun an nicht mehr allein im Kampf gegen die Außerirdischen stand, ihn soweit gefestigt, dass jetzt wieder mit ihm zu rechnen war.
„Alles okay?“, fragte Dan. Frank nickte, diesmal entschlossener.
„Da lang, zweihundert Schritte weiter nach links und dann ist der Ausgang bereits zu sehen.“
Die jungen Leute wollten gerade losrennen, als hinter ihnen Stiefeltritte zu hören waren.
„Was ist denn hier los?“, kam plötzlich eine erstaunte Stimme vom Ende des Ganges. Dan fuhr herum und starrte auf einen Regulator, der keine zwanzig Schritte von ihnen entfernt wie aus dem Nichts aufgetaucht war. Bevor er reagieren konnte, warf sich der Mann herum und brüllte: „Alarm!“
Danach verschwand er wieder in irgendeinem der Gänge. Dan Simon war im ersten Moment versucht, hinter dem Regulator herzulaufen, aber Frank legte seine Rechte seine Schulter und zog ihn zurück.
„Lass ihn“, sagte er mit leiser Stimme. „Eine Verfolgung in diesem Teil des Tunnelsystems ist zwecklos. Außerdem, früher oder später hätte man uns sowieso entdeckt. Wir sollten lieber zusehen, dass wir hier rauskommen.“

Sie waren entdeckt!
Die Alarmrufe der Regulatoren pflanzten sich in dem engen Tunnelsystem wie ein Echo fort.
Dan Simon riss die Pistole, die er in Abbott´s Place einem Regulator abgenommen hatte, aus dem Gürtel und stürmte mit weit ausgreifenden Schritten vorwärts. Hinter ihnen flackerten plötzlich Lichter in der Düsternis auf und mehrere Schüsse krachten. Eine Kugel schlug dicht neben Dan in die Tunnelwand ein und schleuderte ihm eine Handvoll Dreck an den Kopf. Weitere Geschosse wühlten hinter den Fliehenden den Boden auf. Laura begann vor Angst zu schreien. Die Schussdetonationen rollten wie der Donner eines sich rasch nähernden Gewitters durch den Tunnel.
Frank drehte sich um, hob seine Waffe und feuerte ohne zu zögern.
Einer der Regulatoren hatte sich etwas zu vorwitzig hinter einer Tunnelabzweigung vorgewagt. Mortimers Kugel traf ihn in die Brust und stieß ihn zu Boden. Sein Todesschrei hallte deutlich durch den Tunnel, dann sackte er nach hinten, wo ihn mehrere Hände sofort aus dem Blickfeld zogen.
„Du hast ihn erschossen!“, sagte Markus erschüttert in die nachfolgende Stille. „Einfach erschossen.“
Dabei starrte er Frank vorwurfsvoll an.
„Ich musste schießen, verdammt noch mal. Auch du wirst noch kämpfen, oder willst du wehrlos in ihre Hände geraten?“
Markus stieß einen Fluch aus, drehte sich wieder um und begann zu rennen. Alle rannten, nur Claire blieb stehen und starrte fassungslos auf jene Stelle, wo der Regulator sein Leben ausgehaucht hatte.
„Du kannst hier nicht stehen bleiben, wir müssen weiter!“
Als Claire nicht reagierte, packte sie Dan an der Schulter und riss sie unsanft herum.
„Lauf!“, schrie er. „Oder willst du hier bleiben und gefressen werden?“
Claire drehte sich um und setzte sich wie eine Betrunkene nur allmählich in Bewegung. Dan versetzte ihr noch einen weiteren Stoß und dann lief sie endlich auch. Die anderen waren bereits weit vor ihnen und Dan hatte Schwierigkeiten, sie in dem blauen Dämmerlicht noch zu erkennen.
Die sechs rannten um ihr Leben.
In der Tunnelanlage war es nahezu windstill. Schweißgebadet hetzten sie den Gang entlang und als endlich das Ausgangsportal vor ihnen auftauchte, blieben sie nach Atem ringend stehen und blickten sich um.
„Du hast ihn einfach abgeknallt, wie einen Hasen abgeknallt“, zischte Markus vorwurfsvoll, indessen Frank Mortimer mit fliegenden Fingern verschiedene Schalter und Hebel umlegte, um die Ausgangstür zu öffnen.
„Was hätte ich deiner Meinung nach denn tun sollen? Ihnen freundlich zuwinken?“
„Man kann über alles reden!“
Mit einem Satz war Frank Mortimer bei Markus und starrte dem Studenten wütend ins Gesicht.
„Ich war fünf, als ich mit ansehen musste, wie diese verdammten Regulatoren meinen Vater abholten. Sein Name war Steve Mortimer, und ich vergesse bis heute nicht das Gesicht meiner Mutter. Sie hat anschließend eine Fehlgeburt erlitten, also komm mir verdammt noch mal nicht mit Rücksicht und ähnlichem Scheiß. Wenn sie dich in die Finger kriegen, wirst du zum Ausschlachten in den Raum dahinten gebracht. Während sie dich in Stücke schneiden, kannst du ja mal was von Nächstenliebe und Rücksicht erzählen. Ich garantiere dir, die lachen sich halb tot!“
„Irgendwie verstehe ich dich schon“, entgegnete der Deutsche betroffen. „Aber du darfst nicht vergessen, dass sie das nicht aus freien Stücken tun. Man zwingt sie genaugenommen zu dieser Handlungsweise.“
„Das mag schon richtig sein, aber im Moment geht es hier auch um meinen Arsch. Ich habe vor, noch einige Zeit zu leben und deshalb kann und werde ich keine Rücksicht nehmen, verstehst du? Und jetzt genug gequatscht, die Tür geht auf.“
Mit einem lauten Knirschen und Ächzen schoben sich die Metalltüren im Inneren des Berges auseinander und vor den Augen der jungen Leute lag unvermittelt die unberührte Schneelandschaft von Hopeland.
„Wie geht es jetzt weiter?“
„Frank und ich haben uns folgendes gedacht“, ergriff Dan das Wort. „Wir beide schleichen nachher wieder da rein und versuchen, mit unseren Waffen die Außerirdischen auszuschalten. Das diese Wesen nicht unverwundbar sind, habe ich bereits feststellen können.“
„Das ist Wahnsinn, das bedeutet euren sicheren Tod!“, keuchte Markus.
Dan winkte ab.
„Das Ganze ist halb so gefährlich, wie es sich anhört. Frank hat sich aus begreiflichem Grund schon lange intensiv mit dem Tunnelsystem beschäftigt. Er kennt da einige Seitengänge, in denen wir den Regulatoren ungesehen ausweichen können. Da ist eure Mission viel heikler.“
„Was sollen wir tun?“
„Ihr schnappt euch zwei Schneemobile, düst nach Abbott´s Place und macht den Leuten klar, was hier eigentlich abgeht. Dann kommt ihr hoffentlich mit mindestens hundert Leuten, am besten aber mit der ganzen Siedlung, wieder zurück und wir machen dieses Lager hier endgültig dem Erdboden gleich.“
„Glaubst du allen Ernstes, dass die Bewohner der Siedlung unseren Worten Glauben schenken?“, wollte Ken zweifelnd wissen.
Frank begann zu grinsen, aber es war kein freundliches Lächeln. Ein harter, fast zynischer Zug lag auf seinen Lippen, als er antwortete.
„Ich habe mir erlaubt, zwei Dinge mitzunehmen, welche die Leute in Abbott´s Place wahrscheinlich mehr überzeugen als tausend Worte.“
Dann nestelte er an den Seitentaschen seiner Uniformhose und zog sowohl links als auch rechts ein schmales Glas hervor.
Laura stieß einen unterdrückten Entsetzensschrei aus, Claire riss die Hand an den Mund, taumelte zur Seite und übergab sich würgend.
In den beiden Behältnissen waren deutlich die Überreste menschlicher Schädel zu sehen. Rotgeäderte Augen, Teile eines Unterkiefers, eine aufgequollene, bläulich verfärbte Zunge und Stücke eines Gehirns.
„Zeigt den Leuten, was uns alle erwartet, wenn wir nicht endlich zusammen stehen und uns wehren.“

Während Frank und Dan mit ansahen, wie Ken, Markus und die Frauen auf den beiden letzten noch funktionierenden Schneemobilen in Richtung Siedlung losfuhren - den Rest der Fahrzeuge hatte Frank mit wenigen Handgriffen unbrauchbar gemacht - wurden hinter ihnen Stimmen laut.
Die Regulatoren kamen heran!
„Was jetzt?“, fragte Dan.
Mortimer deutete auf die Ansammlung jener kläglichen Hütten hin, die Dan und Laura bereits bei ihrer Ankunft bemerkt hatten und die ganz offensichtlich die Unterkünfte der Regulatoren bildeten.
„Siehst du das letzte Haus auf der linken Seite? Dort sind wir vorläufig in Sicherheit!“
Während die beiden durch den Schnee hasteten, warf Dan einen kurzen Seitenblick auf den ehemaligen Regulator. Dieser hatte ganz offensichtlich das Joch der Außerirdischen endgültig abgeschüttelt und war wild entschlossen, den Kampf gegen diese Wesen aufzunehmen. Seine blitzenden Augen, das kantige Gesicht und die Art, wie er seine Pistole in den Händen hielt, sprachen Bände. Die beiden hatten kaum jene Hütte erreicht und die Tür hinter sich ins Schloss gezogen, als auch schon die Regulatoren am Tunneleingang auftauchten. Erst zwei, dann drei, schließlich stolperten alle zweiundzwanzig noch verbliebenen Uniformierten ins Freie.
„Was macht dich so verdammt sicher, dass wir ausgerechnet in dieser Hütte unentdeckt bleiben?“, fragte Dan leise, während er durch die Ritzen in der Bretterwand argwöhnisch das weitere Treiben der Regulatoren beobachtete.
Frank grinste wissend.
„Gleich werden sie feststellen, dass zwei der Schneefahrzeuge fehlen und wenn sie dann merken, dass die anderen fahruntauglich sind, werden sie sich die Schneeschuhe umschnallen, Winterkleidung anziehen und wie die Verrückten hinter unseren Freunden herlaufen. Ihnen rennt die Zeit davon. Diese Wesen im Tunnel wissen sehr wohl, was es bedeutet, wenn ihr Treiben bekannt wird. Das wäre ihr Todesurteil, sie brauchen die Regulatoren einfach um zu überleben. In dieser Situation wird wohl kaum einer von ihnen auf die Idee kommen, etwas essen zu wollen. Hier drin befindet sich nämlich unser Nahrungsmittelvorrat.“
Erst jetzt blickte sich Dan etwas genauer in der Hütte um.
Überall an den Wänden befanden sich Regale, die bis unter die Decke reichten. Sämtliche Fächer waren angefüllt mit Gläsern, die bunte Etiketten trugen. Dan erinnerte sich, diese Dinge bereits in der ersten Hütte gesehen zu haben, in der sie sich gleich nach ihrer Ankunft auf dieser Welt einquartiert hatten. Danach kam ihm in den Sinn, wie er beinahe widerwillig den Gemüse-Proteinstampf hinunter gewürgt hatte, welchen ihm Laura zubereitet hatte. Ein Schaudern lief ihm über den Rücken.
„Von so etwas ernährt ihr euch? Diese Pampe schmeckt ja grauenhaft.“
Als Frank ihn daraufhin etwas seltsam von der Seite her ansah, versuchte er sich schnell zu rechtfertigen.
„Sei mir bitte nicht böse, aber das Zeug schmeckt echt wie ein toter Hund, der zu lange in der Sonne gelegen hat.“
„Toter Mensch trifft die Sache wohl eher!“
„Toter was?“, entgegnete Dan verblüfft und langsam griff die Erkenntnis mit eisigen Händen nach ihm.
„Du meinst...“
Frank nickte.
„Außer ein paar Wurzeln und Beeren wächst und gedeiht in dieser Schneewildnis absolut nichts. Bis auf ein paar Hühner in Abbott´s Place gibt es im ganzen Tal auch keinerlei Nutztiere. Was glaubst du wohl, woher die ganzen Jahre über die Nahrung für all die Leute hier im Tal herkam?“
Dan Simons Magenwände zogen sich ruckartig zusammen und der Sportstudent unterdrückte nur mit Mühe den aufkeimenden Brechreiz. Zu frisch war die Erinnerung an das, was er im Basiscamp der Regulatoren und in jenem Nachtlager mit Laura verzehrt hatte.
„Seit wann weißt du davon?“
„Seit ungefähr einem halben Jahr. Ich arbeitete mit einigen anderen zusammen fast jeden Tag in einem abgedunkelten Raum und mischte irgendwelches Pulver in eine Maschine, aus der rechts und links das Blut lief. Bis dahin war mir das alles eigentlich völlig egal, aber dann kam der Moment, als ihre Befehle mich nicht mehr beeinflussen konnten. Danach habe ich nur alleine bei dem Gedanken an diese Arbeit gekotzt, bis ich nichts mehr im Magen hatte. Seitdem ernähre ich mich nur noch vegetarisch.“
„Sieh mal“, sagte Dan plötzlich und seiner Stimme war deutlich anzumerken, dass er froh war, das Thema wechseln zu können.
„Du hattest recht, bis auf vier von den Uniformierten rennt die ganze Bande unseren Freunden hinterher. Zu Fuß gegen die Schneemobile. Ich schätze, den anderen bleibt mindestens ein halber Tag, um die Leute in der Siedlung zu überzeugen.“
„Vier gegen zwei“, meinte Mortimer augenzwinkernd. „Ich denke, das Kräfteverhältnis wird allmählich ausgewogen.“
„Da hast du recht. Also los, worauf warten wir?“
Nervös kaute Mortimer auf seiner Unterlippe. Obwohl er selbst den Vorschlag zum Handeln gemacht hatte, schien er von dieser Idee plötzlich gar nicht mehr begeistert zu sein. Ganz offensichtlich war ihm sein neues Selbstbewusstsein doch nicht so ganz geheuer.
„Vielleicht sollten wir...“
„Blödsinn!“, unterbrach ihn Dan. „Jetzt oder nie, so eine Gelegenheit bekommen wir so schnell nicht wieder.“
Die beiden warteten, bis die Regulatoren wieder im Tunnelsystem verschwunden waren und als sich die Türen zum Eingang hinter den Uniformierten langsam zusammenschoben, rannten sie los. Als hinter ihnen der Eingang endgültig verschlossen war, lauschten sie einen Moment in die Stille hinein und warteten, ob etwas passieren würde. Aber nichts geschah. Keiner der Regulatoren kam zurück, keines der außerirdischen Wesen versuchte irgendwelche telepathischen Angriffe auf ihr Bewusstsein. Langsam glitten sie immer weiter durch die blau ausgeleuchteten Gänge, den Finger am Abzug der Waffen.
Sie befanden sich schließlich unweit jener Kammer, in der Dan und Laura auf die Eier gestoßen waren, als plötzlich ein Regulator sich ihnen in den Weg stellte.
Der Mann schaute sie düster an und in seiner Rechten lag eine Pistole.
„Slim!“, keuchte Frank Mortimer überrascht. „Warum stellst du dich gegen uns? Wach auf, mein Freund und nimm endlich Vernunft an!“, sagte Frank scharf.
Slim lachte.
„Alles in unserem Leben ist vorbestimmt. Du kannst die Regeln nicht brechen.“
„Und wenn doch?“
„Dann musst du sterben!“, erwiderte Slim lakonisch und seine Rechte mit der Pistole flog hoch. Bevor Dan oder Frank reagieren konnten, drückte der Regulator ab.
Das Projektil bohrte sich knapp eine Handbreit neben dem Sportstudent in die Tunnelwand. Als der Regulator nach vorne stürmte, schoss Dan zurück. Das Krachen der Detonationen hallte durch den Tunnel. Slim blieb wie angewachsen stehen. Da schoss auch Frank.
Slims Augen wurden groß und rund. Er starrte die beiden ungläubig an, die Pistole entglitt seinen Fingern und dann schaute er langsam an sich hinunter. Er presste beide Hände auf die Wunden in seiner Brust und fiel auf die Knie. Einen Atemzug später kippte er nach vorn und fiel aufs Gesicht.
Er war tot.

Pulverdampf hing stinkend in den niedrigen Gängen.
Fluchend schob Dan seine Waffe hinter den Gürtel zurück.
„Wir haben ihn erschossen, wir...“
„Er wollte uns töten“, fiel ihm Frank ins Wort. „Verdammt, Slim war einmal einer meiner besten Freunde, bevor ihn diese Bestien verändert haben. Vielleicht verstehst du jetzt, warum ich diese Brut ausrotten will.“
Dann bückte er sich und packte den Toten unter den Achseln.
„Schnapp dir seine Beine. Wir müssen ihn in irgendeinen Nebengang legen. Die Schüsse waren deutlich zu hören. Wenn man nach uns sucht, muss man ja nicht gleich über ihn stolpern.“
Dan folgte seiner Anweisung automatisch.
„Was ist?“, fragte Frank, als sie den Toten halbwegs versteckt hatten. Deutlich hatte er in den letzten Minuten bemerkt, wie ihn Dan immer wieder seltsam musterte.
„Du hast dich in den letzten Stunden ziemlich verändert.“
„Wie meinst du das?“
„Als ich dich das erste Mal gesehen habe, warst du ein heulendes Bündel Elend. Jetzt spielst du hier John Rambo. Du hast zwei Regulatoren erschossen, meinen Freunden zur Flucht verholfen und willst mit mir die Außerirdischen ausschalten. Was ist los?“
„Wer ist Rambo, ein Freund von dir? Kann er uns vielleicht helfen?“
Dan grinste leidlich.
„Das glaube ich nicht. Da, wo ich herkomme, war er zwar mal in gewisser Weise ein Held, aber hier wäre er wohl kaum eine große Hilfe.“
„Schade“, erwiderte Frank. „Aber um auf deine Frage zurück zu kommen, keine Angst, ich bin kein Regulator mehr, ich bin wieder Frank Mortimer.“
„Wie darf ich jetzt das verstehen?“
„Ich war ein Idiot“, sagte Frank. „Als man mich zu den Regulatoren einberufen hat, habe ich sehr schnell festgestellt, dass mich diese unbekannte Kraft nicht so stark wie meine Kameraden beeinflussen konnte. Aber anstatt loszulaufen und die Menschen im Tal zu warnen, habe ich den Schwanz eingezogen und bin in Selbstmitleid versunken. Erst die Begegnung mit dir und Laura hat mich wachgerüttelt. Inzwischen habe ich begriffen, dass es da doch noch ein paar Dinge auf dieser Welt gibt, deretwegen es sich lohnt zu leben. Laura ist eine phantastische Frau, findest du nicht auch?“
„Was?“
Dan ruckte unvermittelt herum. Ein seltsames Kribbeln bemächtigte sich plötzlich seiner Magengegend.
‚Du bist ja eifersüchtig’, durchzuckte es ihn.
Insgeheim schalt er sich sofort einen Narren. Er wusste genau, dass eine Beziehung mit ihr keine Zukunft hatte. Dazu waren die Welten, in denen sie beide unter normalen Umständen lebten, einfach zu verschieden. Und doch, irgendwie ärgerte es ihn gewaltig, dass ein anderer ein Auge auf Laura geworfen hatte und dies in seiner Gegenwart auch noch erwähnte.
„Wie was?“, entgegnete Frank verständnislos.
„Vergiss es“, sagte Dan schärfer, als er es eigentlich beabsichtigt hatte. Dann deutete er auf den Raum zu ihrer Linken. Es war jene Kammer, in der er zum ersten Mal mit der außerirdischen Lebensform in Kontakt getreten war.
„Weißt du, was hinter dieser Tür liegt?“
Frank nickte.
„Wir nennen es die Kammer des Lebens. Was hast du vor?“
Statt einer Antwort zog Dan seine Waffe aus dem Gürtel und betrachtete die Pistole nachdenklich. Nach ein paar kurzen Handgriffen schob er das Magazin erneut in die Pistole und stellte nüchtern fest: „Ich habe noch zehn Schuss im Magazin und du?“
„Sieben, aber ich habe noch ein Magazin in Reserve, sowie Slims Pistole und dessen zweites Magazin.“
Fünfzig Kugeln bei etwa zwei Dutzend Eiern, rekapitulierte Dan.
„Zwei Schuss pro Kreatur, das müsste eigentlich genügen.“
„Du willst ihre Brut vernichten?“
Dan nickte entschlossen. Um die Außerirdischen zu vernichten, musste man ihnen seiner Meinung nach als erstes die Basis entziehen. Vielleicht würde die Vernichtung ihrer Nachkommenschaft die Wesen zu unüberlegten Handlungen hinreißen lassen.
„Diese Viecher sind relativ einfach auszuschalten. Wie du weißt, hatte ich ja bereits schon einmal das Vergnügen mit ihnen.“
„Vergiss die Regulatoren nicht!“, mahnte Frank. „Und vor allen Dingen nicht den Uralten.“
„Den Uralten?“
„Der letzte von denen, die einst hier landeten“, erwiderte der ehemalige Regulator. „Keiner von uns hat ihn jemals gesehen, aber er ist derjenige, der uns die Befehle gibt. Ich weiß nicht, ob man ihn einfach so erschießen kann.“
„Das kommt wohl auf einen Versuch an. Gerade, weil es nur noch einen von ihnen gibt, müssen wir zuerst dieses Nest ausräuchern. Aber jetzt genug geredet, wir sollten endlich handeln. Ein kluger Mann hat einmal gesagt, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“
„Das war ein wirklich kluger Mann“, sagte Frank und entsicherte seine Pistole.

„Wie glaubst du, wird der Uralte reagieren?“, fragte Dan, als sie vorsichtig in den Raum traten.
„Keine Ahnung“, sagte Frank und verzog die Mundwinkel. „Diese Kreatur ist schon seit Hunderten von Jahren gewissermaßen hier unten gefangen. Wie soll ich wissen, wie er reagieren wird?“
Weiter kam Frank Mortimer nicht.
Ein rundes, gelbes, schleimiges Etwas schoss unvermittelt auf ihn zu und riss ihn zu Boden.
Entsetzen schüttelte Dan, als er sah, wie ein kindskopfgroßes vierarmiges Wesen auf Franks Brust hockte und versuchte, seine bläuliche Zunge in den Mund des ehemaligen Regulators zu stoßen. Plötzlich ertönte auch wieder jener unnatürlich hohe Pfeifton, der ihn schon einmal fast in die Knie gezwungen hätte.
Dan Simons Gedanken überschlugen sich.
Er musste diesen Wahnsinn überleben, wenn er nicht zulassen wollte, dass er und seine Freunde genauso enden würden wie die Erwählten.
Geschlachtet, zerstückelt, als Futter für eine nichtmenschliche Lebensform.
Seine Finger krampften sich um den Abzug der Waffe.
Aus den Augenwinkeln heraus registrierte er, wie weitere Eier aufbrachen und weitere Kreaturen mit grotesken Bewegungen auf ihn zukrochen. Er wartete nicht ab, was noch geschehen würde.
Im nächsten Augenblick begann Dan Simon zu schießen.
Seine erste Kugel erwischte die Kreatur auf Franks Brust genau zwischen den Augen. Wie von unsichtbaren Händen gepackt, wurde sie zur Seite gerissen und an die gegenüberliegende Wand des Raumes geschleudert. Eine weitere Kreatur sprang schattengleich auf ihn zu und Dan schoss erneut. Das Wesen überschlug sich beim Einschlag der Kugel, landete fast unmittelbar vor seinen Füßen und streckte alle vier Arme von sich. Im selben Moment krachten neben ihm Schüsse. Frank Mortimer feuerte mit seinen beiden Pistolen Kugel um Kugel in die gelartigen Eikokons. So lange, bis die Magazine leer waren und die Schlagbolzen seiner Pistolen klickend ins Leere schlugen.
Es war der Wahnsinn!
Das Echo unzähliger Schussdetonationen dröhnte in ihren Ohren und ätzender Pulverdampf trieb in stinkenden Schwaden durch den Raum. Nach jedem Treffer spritzte gelblicher Schleim durch die Gegend und über allem lag dieser schreckliche, nervenzerfetzende Pfeifton, der immer lauter wurde.
Franks Finger krümmten sich noch immer um den Druckpunkt der Waffen, obwohl schon längst keine Kugeln mehr im Lauf waren.
„Du musst nachladen!“, kreischte Dan mit fast überschnappender Stimme. „Verdammt noch mal, benutze endlich ein neues Magazin!“
Mit einer verzweifelten Geste zuckte Frank zusammen, schob ein neues Magazin ein und erstarrte mitten in der Bewegung.
Auch Dan Simon drehte sich langsam um.
Ein seltsamer Laut wogte durch die Gänge. Anfangs hatte es als schabendes, kratzendes Etwas begonnen, so als würde jemand mit einer stumpfen Messerklinge über eine Felswand scharren. Aber mit jeder weiterer Sekunde wurde daraus ein Geräusch, wie es unheimlicher und grauenerregender nicht sein konnte.
Der Sportstudent blickte sich um und dann sah er ihn.
Den Uralten!
Der Anblick lähmte ihn beinahe.
Er hatte von Kreaturen wie dieser gehört, sie in unzähligen Comics und mehr schlecht als recht fabrizierten Filmen in ähnlicher Weise auch schon gesehen. Aber bis zu diesem Zeitpunkt hatte er nicht einmal im Traum daran gedacht, dass so etwas tatsächlich existieren könnte.
Ein riesiges, fast drei Meter großes Alptraumwesen wälzte sich durch einen Nebentunnel auf sie zu. Die Stielaugen und der weit aufgerissene Rachen strömten eine beinahe greifbare Kraft des Bösen aus. Diese Kreatur stammte mit Sicherheit aus den dunkelsten Äonen des Weltalls, noch bevor die Menschheit überhaupt geboren war. Dan kämpfte gegen das nackte Grauen an. So ein Wesen konnte es normalerweise nicht geben.
Aber diese Kreatur hier war real.
Sie existierte wirklich und sie war gefährlich, wenn nicht sogar tödlich.
Die Gestalt gab einen schrillen Pfeifton von sich, streckte ihre vier Arme aus und kam ungestüm auf die Männer zu.
„Schieß!“, kreischte Frank. „Erschieß ihn endlich!“
Dan richtete seine Waffe langsam auf den Uralten, indes die Kreatur immer näher kam. Das Pfeifen wurde immer schriller, aber so sehr sich Dan auch anstrengte, er konnte die Hand mit der Waffe nicht mehr anheben. Irgend eine Macht, die ihn zwar nicht völlig unter Kontrolle bringen konnte, besaß dennoch soviel Kraft, um ihn zu zwingen, den Arm mit der Pistole zu senken.
Das Wesen kam näher und näher, hob die vielarmigen Hände und legte seine Klauen in einer tödlichen Umarmung um Dans Körper. Dan schrie auf, als ihm diese grauenhaften Arme förmlich die Luft aus dem Leib pressten. Das Blut raste in seinen Schläfen. Seine Lungen schrieen förmlich nach Luft und er kämpfte gegen eine Ohnmacht an.
Sein Blickfeld verschwamm und Dan Simon hatte plötzlich das Gefühl, seine Seele würde seinem Körper entfliehen.
In diesem Moment peitschte ein einzelner Schuss durch den Raum.
Purpurrotes Mündungsfeuer zischte wie ein glühendes Lichtschwert an Dans Wange vorbei, versengte seine Haut und bohrte sich in die Brust der Alptraumgestalt. Ein, zwei Sekunden lang geschah zunächst nichts. Dann begann die Kreatur zu wanken, taumelte zurück und brach in die Knie.
Die Bewegungen wurden zusehends langsamer und schließlich kippte die Kreatur einfach vornüber und blieb reglos liegen.
Im selben Moment endete der schrille Pfeifton abrupt, Dan Simon war wieder Herr seiner Sinne und aus den Augenwinkeln heraus sah er noch zwei Gestalten, die stöhnend aus einem Nebengang auf sie zuwankten.
Regulatoren, durchzuckte es ihn noch, dann verließen ihn endgültig die Kräfte.

Stimmen drangen in seine Gedanken, dann hörte er ein Geräusch, als würde jemand den Deckel einer Wasserflasche aufschrauben und Sekunden später spritzte ihm etwas Kaltes, Nasses ins Gesicht. Als er die Augen aufschlug, blickte er in wohlbekannte Gesichter.
Frank, Ken, Markus und Laura, die noch immer in ihrem klobigen, unbequemen Schneeanzug steckte, hatten sich über ihn gebeugt. Lediglich Claire stand etwas abseits und hatte ihren Blick starr auf einen imaginären Punkt irgendwo gen Süden gerichtet.
„Willkommen zurück“, sagte Markus und reichte ihm die Hand.
Ächzend richtete sich Dan auf.
„Was ist passiert?“, fragte er. Mit den Fingern seiner Rechten massierte er dabei sein Genick.
„Das erzählen wir dir, wenn wir wieder zu Hause sind“, sagte Markus. „Jetzt komm mal auf die Füße, da draußen wartet in einer kleinen Hütte eine Maschine auf uns, die endlich wieder so funktioniert, wie ich es mir vorstelle.“
„Was habt ihr vor?“
„Nicht reden, mitkommen!“, sagte Ken.
Minuten später trottete der Sportstudent neben den anderen her. Es ging Richtung Süden, und so nach und nach erfuhr Dan, was geschehen war. Er konnte kaum glauben, dass er nur Stunden zuvor noch in Lebensgefahr gewesen war und jetzt, nachdem die Außerirdischen ausgeschaltet waren, ein neuer Lebensabschnitt für die Menschen in diesem Tal begann.
Als die ersten Hütten der kleinen Siedlung vor ihnen auftauchten, lenkten die vier Freunde ihre Schritte weiter ostwärts.
„Tja, das war´s dann wohl“, sagte Dan mit belegter Stimme, als er Laura ein letztes Mal musterte. „Dort vorn liegt Abbott´s Place, ich denke mal, da wartet jetzt eine Menge Arbeit auf euch beide.“ Dabei klang seine Stimme nicht unbedingt so, als ob er sich freute.
Frank nickte stumm.
Laura war blass, ihre Augen glänzten feucht, als Dan auf sie zukam. Bevor der Sportstudent wusste, was ihm geschah, suchten ihre Lippen die seinen und schließlich küsste Dan die Frau mit aller Leidenschaft, zu der er fähig war. Als sie sich von einander lösten, rann eine Träne über Lauras Wange.
„Pass auf dich auf Dan!“
„Ich...ich...“, stotterte der Student.
Laura winkte ab.
„Lass mal, es ist besser so. Du bist ein verdammt netter Kerl, aber wir kommen aus zu unterschiedlichen Welten. Ich glaube kaum, dass du auf Dauer hier glücklich wärst. Ich werde mit Frank einen Neuanfang versuchen.“
„Dann viel Glück ihr beiden!“, sagte er leise. Als er sah, dass Laura noch etwas erwidern wollte, drehte er sich rasch um und folgte seinen Freunden. Dabei starrte er eisern zu Boden. Eigentlich war ihm zum Heulen zumute, aber Tränen waren jetzt das Letzte, was er noch gebrauchen konnte.

Der Schneeball zischte aus dem Nichts heran und traf Dan Simon mit voller Wucht am Hinterkopf.
„He, seid ihr verrückt geworden?“
Mehr aus Überraschung denn aus Schmerz schrie Dan auf und versuchte verzweifelt, den Schnee aus seinem Hemdkragen zu entfernen. Die ersten Eiskristalle waren bereits geschmolzen und zogen eine frostige Bahn zwischen den Schulterblättern entlang seinen Rücken hinab.
Als er sich umdrehte, hatte er einige unschöne Bemerkungen auf den Lippen, die er aber im gleichen Moment hinunterschluckte, als er den Schneeballwerfer erkannte.
Claire Bancroft stand breitbeinig im Schnee und hatte eine, die gesunde, Faust in die Hüften gestemmt. Der gefährliche Weg nach Abbotts Place hatte sich für sie doppelt gelohnt, denn bei aller Primitivität, in der die Menschen dort lebten, sorgte doch ein alter Arzt bei Bedarf für sie. Und jener Arzt hatte endlich Claires Arm fachgerecht versorgt und eingegipst.
Ihre Augen schossen Blitze, es sah aus, als würde sie jeden Moment explodieren.
„Was war das denn?“
„Du Schuft! Was haben wir denn vor nicht allzu langer Zeit noch besprochen?“
Verständnislos blickte Dan von einem zum anderen und zuckte schließlich hilflos mit den Achseln.
„Ich weiß gar nicht, von was du redest.“
„Ich sage nur Spanien, Carmela und Ken. Na, dämmert’s so langsam?“
Bevor sich Dan wieder daran erinnern konnte, dass sie beide vereinbart hatten, niemals mit jemandem aus einer der Parallelwelten eine Liebelei anzufangen, traf ihn bereits der nächste Schneeball. Während er fluchend den Schnee aus seinem Kragen fischte, wurde das schadenfrohe Grinsen in den Gesichtern von Ken und Markus immer breiter.

Fortsetzung folgt...

Vorschau auf Episode 7

Erwartet mit Spannung die am 1. Mai 2008 erscheinende 7. Episode.

Der Titel lautet:
»Ruinen«
Von G. Arentzen

Die vier Freunde landen in einer öden Wüste. Zwar erheben sich in der Ferne riesige Häuser. Doch als sie näher kommen, machen sie eine grausige Entdeckung -- das, was sie für eine Stadt gehalten haben, sind nur noch Ruinen. Und damit nicht genug -- zwischen den Trümmern hausen Menschen, die eher an Tiere erinnern. Heruntergekommene Gestalten, die sich von dem Ernähren, was sie finden. Kinder, Erwachsene, Männer und Frauen. Sie führen einen harten Kampf um das nackte Überleben. Aber die Zeit- und Weltenreisenden finden auch eine Siedlung, in der es zivilisierter zugeht. Zumindest auf den ersten Blick...

 

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