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»Inquisition«

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Episode 5
Titelbild von Tommy Tohang / Jübek
Cover-Design von Wolfgang Brandt / Gießen

EPISODE 5

»Inquisition«

von Dean Thorn

 

Sie war eines der brutalsten Mittel, die jemals dazu benutzt wurden, Macht auszuüben: Die Inquisition. Noch heute legen Museen Zeugnisse davon ab, welche unvorstellbare Dramen und Grausamkeiten sich in den Folterkellern abgespielt haben müssen, Schriften erzählen davon, mit welch Willkür und Fanatismus Menschen zum Tode verurteilt wurden.

Was aber wäre, wenn die Inquisition nie aufgehört hat? Was, wenn sich Staat und Kirche weiterhin dieses »heiligen« Werkzeugs bedienen würden, um ihre Macht zu festigen?

Unsere vier Zeitreisenden werden es erfahren, in einem spanischen Sevilla im Jahre 1902, in dem dieses dunkle Kapitel der Menschheit noch nicht geschlossen wurde.

Sevilla, Anfang August
Die grob aus Steinen zusammengesetzten Wände glänzten feucht im Licht der vielen Fackeln. Auf der festgetrampelten Erde des Bodens hatten sich Pfützen gebildet. Einige der Männer, die hier ein- und ausgingen, setzten ihre Schritte ungeachtet dieser Situation; das Leder war gut gefettet und stieß das Wasser ab. Einige andere, wie Sebastian de Torquemada, waren peinlichst darauf bedacht, ihre guten Schuhe und Kleider nicht schmutzig zu machen.
Aus gutem Grund. Nicht nur Wasser netzte diesen Grund, auch Tränen und Blut wurden hier vergossen.
Es ist eine Notwendigkeit. Wir müssen das Übel an der Wurzel packen und ausreissen - wie einen faulen Zahn. Oder Unkraut.
Seine eigenen Worte. Oft genug musste er die Ausübung seiner Tätigkeit vor der Bürgerlichkeit verteidigen. Glücklicherweise waren nicht alle Kirchenräte und Staatsgewaltigen so zimperlich. Den meisten kam ein Mann wie de Torquemada nur allzu recht. Er schürte die Angst im Volk und hielt es unter Kontrolle. Ein Schäferhund, der die Nutztiere seines Hirten zusammentrieb und ihnen keine Extravaganzen erließ.
Der dunkel gekleidete Mann mit dem hohen und kräftigen Wuchs lächelte vor sich hin, während er die Stufen hinunter schritt. Sein Gesicht war hager und bleich, sein blasser Teint wurde durch sein schwarzes Haupthaar noch betont. Er trug ein schmales gepflegtes Oberlippenbärtchen.
Hexenjäger schimpfte der Allgemeinmund seinen Stand. Aber er war mehr als das. Aus einer Familie erfolgreicher Inquisitoren war er der (vorläufig) letzte Verfechter dieses Erbes. Doch sollte ihm Anna noch dieses Jahr den langersehnten Sohn gebären, so mochte es durchaus sein, dass die Tradition ihren Fortgang fand.
Zusammen mit den beiden Schergen in seiner Begleitung betrat er den hintersten Raum des unterirdischen Gewölbes. Der Jahrhunderte währende Schrecken hatte hier seine Spuren hinterlassen. Die Wände und der Boden waren mit dem Blut Schuldiger (und sicher auch einiger Unschuldiger - keiner wusste das besser als die de Torquemadas selbst) befleckt, überall gab es Rußspuren. Gebete waren in die Steine geritzt worden, in der Hoffnung, Gnade bei den Folterknechten oder wenigstens bei den Urteilssprechern zu erwirken. Sinnlos.
Auch Luzifer weiß, wie es sich mit Engelszungen redet.
Sebastian hatte gar einmal eine alte Frau beobachtet, welche die Steine mit ihren Fingernägeln bearbeitet hatte. Sie hatte sich die Nägel ab- und die Haut ihrer Fingerspitzen aufgerissen. Die Folterknechte hatten ihr daraufhin die Finger gebrochen. Mit bewundernswerter Willensstärke hatte sie ihre kraftlosen Hände dennoch weiter gegen die Wand gepatscht, ohne jedoch viel auszurichten.
Das wohlgefällige Lächeln auf de Torquemadas Gesicht vertiefte sich. Das Leben war wundervoll, wenn man auf der rechten (ach nein, besser: richtigen) Seite stand.
Er hatte sein eigenes gelobtes Land gefunden: Reichtum und die Freiheit, zu tun und zu lassen, was ihm beliebte. Macht.
Seine Aufmerksamkeit wurde von der verwahrlosten Gestalt beansprucht, die in einer Ecke des Raumes kauerte. Ihre Arme wurden über ihrem Kopf gehalten; man hatte sie in Ketten gelegt, die höher an der Wand eingelassen waren. Verschiedene Utensilien der Folter standen oder lagen herum. Aber das Kohlebecken war kalt, das Mädchen, gerade neunzehn Jahre alt, wurde heute keiner Befragung unterzogen.
Sebastian trat zu ihr hin, legte die behandschuhte Hand unter ihr Kinn und hob ihren Kopf an. Noch vor einem Monat war sie eines der hübschesten Mädchen der Stadt gewesen: Claudia Perrero, die Tochter eines selbständigen Kaufmanns mit glücklicher Hand in finanziellen Geschäften.
Nun aber hing ihr dunkles Haar ungepflegt über ihr verschmutztes Gesicht. Blutergüsse hatten unschöne Flecken hinterlassen, ihre Lippen waren gesprungen und ihre rechte Schläfe war blutverkrustet. Ihr Blick war unstet und fiebrig.
»Nun, mein Täubchen? Wie geht es dir?«
Es war, als würde sie erwachen. Hass zog in ihre Augen ein und glühte den Inquisitor an. Claudia presste die Kiefer aufeinander und schwieg. De Torquemada lachte leise, wie ein feiner Herr, der sich amüsiert.
»Verstockt wie stets, wie? Nun, es wird dich freuen zu hören, dass deine Qualen bald beendet sind.«
Hoffnung glomm in ihren Augen auf - gepaart mit Misstrauen. Sie kannte Sebastian de Torquemada nur zu gut. Er liebte es, mit seinen Opfern zu spielen, ihnen Versprechen zu machen, die er nicht hielt. Waren seine Schergen für die körperlichen Leiden seiner Gefangenen zuständig, so war er ein Meister seines Fachs auf dem psychischen Gebiet.
Der Inquisitor erhob sich.
»Wir werden dich zum Tode verurteilen. Der Scheiterhaufen.«
Ihr Kopf, nun nicht mehr von seiner Hand gehalten, sank nach vorne. Tränen glitzerten in ihren Augen, aber sie wollte sich nicht die Blöße geben, vor ihren Peinigern zu schluchzen.

Wenigstens ist es angenehm warm.«
»Sind wir aber wieder optimistisch heute.« Claire reckte sich, soweit ihr gebrochener Arm dies zuließ und blickte zu Dan, der neben ihr auf der Anhöhe stand. Etwa drei, vier Kilometer von ihnen entfernt befand sich eine Stadt. Mehrere Türme ragten aus dem Gewirr von Häusern empor.
»Eins kann ich mit Bestimmtheit sagen«, fuhr Claire fort, als Dan Simon auf ihre spitze Antwort nicht parierte, »wir sind nicht in Amerika.«
Dan nickte. »Wenn du mich fragst, liegt die Stadt in Europa. Jetzt brauchen wir nur noch zu wissen, wo genau und vor allem wann.«
»Nichts leichter als das. Gehen wir hin und fragen jemanden. Immerhin sieht's ja ganz zivilisiert aus.«
Beide schwiegen darauf hin. Nur allzu gut wussten sie aus schmerzlicher Erfahrung, dass der erste Blick täuschen konnte. Seit die Zeitmaschine defekt war, versuchte Markus Becker verzweifelt, sie in ihre richtige Zeit und vor allem in ihr Universum zurück zu bringen. Denn was sie inzwischen alles erlebt hatten, stand nicht in den Geschichtsbüchern. Konnte nicht darin stehen, weil es sich in ihrer eigenen Welt gar nicht ereignet hatte!
Und seither kam es immer wieder zu äußerst brenzligen Situationen, an die sie sich kaum schnell genug anpassen konnten.
»Bloß keine Riesenameisen«, murmelte Claire nach einer Weile. Sie dachte dabei an ihr letztes überstandenes Abenteuer, welches sie nach Deutschland geführt hatte. Und davor... es erschien inzwischen mehr wie ein Traum, diese Zwischenwelt, in der die Toten noch wandelten und darauf warteten, vergessen zu werden. Dort hatte sie sich auch den Arm gebrochen, den ihre Gefährten provisorisch verarztet und geschient hatten. Es juckte, und sie legte die Finger ihrer Linken auf den Verband, ohne den Arm aus dem zur Schlinge umfunktionierten Dreieckstuch zu nehmen. Sie widerstand der Versuchung, sich zu kratzen, verzog aber das Gesicht.
Dan bemerkte es.
»Geht’s?«, fragte er. Claire war ein wenig überrascht über die Sorge, die in seiner Stimme mitklang. Sie nickte.
»Wir sollten schauen, dass wir den Arm möglichst schnell professionell verarzten können. Wenn der Knochen falsch zusammen wächst, wird man ihn dir irgendwann wieder brechen müssen. Von Infektionen mal ganz zu schweigen. Verdammt, wir hätten in Deutschland an mehr denken sollen als bloß an frische Kleider.«
Er schlug sich gegen die Stirn. Claire war ein wenig blass um die Nase geworden.
»Danke, jetzt fühl ich mich wirklich besser...«
Ken gesellte sich zu ihnen.
»Wir haben einen Bauernhof entdeckt, etwa eine Viertelstunde von hier. Wir sollten da hin gehen.«
Dan wiegte leicht den Kopf.
»Da unten liegt eine ganze Stadt. Ich fände es geschickter, wenn wir uns die Anonymität unter vielen Leuten zunutze machen.«
Die beiden jungen Männer starrten sich einen Moment lang an. Ken zuckte mit den Schultern.
»Ich denke, das sollten wir alle besprechen.«
Während sie zu dem deutschen Physikstudenten hinüber gingen, fragte Dan den Informatikstudenten: »Hat Markus eigentlich raus gefunden, wo wir uns befinden?«
Ken zuckte mit den Schultern.
»Er sagt, er könne die Daten nicht deuten. Sie sind völlig anders als die, die er eingegeben hat. In Deutschland.«
Dan packte ihn grob am Arm.
»Was soll das heißen?«
Ken riss sich los.
»Was weiß ich? Frag doch unseren Wunderknaben selbst!«
»Ich glaube, die Zeitmaschine ist defekt. Seit dieser Typ in dem anderen Kansas City da rumgepfuscht hat, scheint sie überhaupt nicht mehr richtig zu funktionieren«, mischte sich Claire ein.
»Scheisse, verdammt!«, fluchte Dan.
Sie hatten Becker fast erreicht, und Simon sah aus, als wolle er sich gleich auf den deutschen Austauschstudenten stürzen. Claire legte ihm beruhigend die linke Hand auf den Unterarm.
»Wir hängen hier alle mit drin. Wir sollten zusammen halten.«
»Der Kraut sieht aber nicht so aus, als würde es ihn sonderlich belasten«, knurrte Dan.
Dieser sah ihnen tatsächlich recht fröhlich entgegen.
»Was gibt’s da zu grinsen?«, raunzte Simon.
»Frische Luft, Sonne, Süden. Ich weiss gar nicht, was ihr mehr wollt. Hier würde’ ich doch fast gerne meinen Urlaub verbringen.«
»Wir sind hier aber nicht im Urlaub, verdammt!«, schrie Dan. »Bring uns endlich nach Hause!«
»Wenn ich könnte, würde ich das tun«, entgegnete der Deutsche mit stoischer Ruhe.
»Weißt du wenigstens, wo – und wann – wir sind?«, mischte sich Claire ein. Markus schüttelte den Kopf.
»Na super«, murmelten die drei anderen fast synchron.
Sie besprachen das Problem mit der Erkundung ihrer Umgebung und einigten sich darauf, dass Markus Becker und Ken Okumoto sich zum Bauernhof begaben, während Claire Bancroft und Dan Simon die Stadt erkunden sollten; unter Beachtung abgemachter Vorsichtsregeln natürlich.
»Mir passt es nicht, dass wir uns trennen«, murmelte Ken. Sein Blick kreuzte den von Dan. Claire meinte, ein wenig Eifersucht darin zu erkennen. Schließlich sah der Asiat zu ihr.
»Seid vorsichtig, ja?«
»Sind wir doch immer«, zwinkerte Simon. Dann machten sich alle vier auf den Weg. Ken blickte immer wieder über die Schulter zurück, auch dann noch, als die beiden Gefährten bereits außer Sicht waren. Becker konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen.

Obwohl sie einen zügigen Schritt eingeschlagen hatten, brauchten sie mehr als eine Stunde, bis sie den Stadtrand erreichten. Länger als sie eingeplant hatten.
Auf den Strassen herrschte wenig Betrieb. Sie sahen eine Frau, die ihren plärrenden Jungen schalt und von der Strasse zerrte, und auch tatsächlich einen Radfahrer - auch wenn das Gefährt sehr altmodisch aussah.
Dan grinste: »Immerhin. Die Leute hier sind wenigstens zivilisiert.«
Claire zuckte mit den Schultern und beobachtete zwei ältere Männer, die eine Strasse entlang schlenderten, ohne die beiden Amerikaner zu beachten.
»Aber wir sind auch nicht annähernd in unserer Zeitepoche gelandet. Oder hast du irgendwo ein Auto gesehen? Und so was wie Asphalt hat's auch noch nicht hierher geschafft.«
»So lang die hübschen Mädels keinen Umweg um diese Stadt machen, kann mir das herzlich egal sein!«
Die Aussage brachte Dan einen Stoß in die Rippen ein. Langsam setzten sie ihren Weg fort, suchten nach Anzeichen, dass hier Dinge vorgingen, die nicht ganz geheuer waren. Aber das einzig Bemerkenswerte war der Mangel an Passanten, trotz des schönen Wetters.
Dan entdeckte einen Stand mit Zeitungen und nickte Claire knapp zu.
»Weißt du, ich hab einen Verdacht. Mal sehen, ob er sich bewahrheitet.«
Er ging hinüber und studierte einen Moment lang die ausgelegten Blätter. Dann kehrte er zufrieden grinsend zurück.
»Ich hab's geahnt. Wir sind in Spanien.«
»Und weiter?«
»Sevilla, um genau zu sein. Und es ist der 22. August 1902.«
Claire atmete auf.
»Na, dann passt doch einiges. Auch wenn ich die Art, wie sich die Leute kleiden, noch ein wenig zu altertümlich finde.«
»Du bist 'ne Frau. Bei euch ist doch alles gleich wieder aus der Mode.«
»Ach was. Glaub mir, die Kleidung passt nicht zu der Zeit.«
»Und das kannst du einfach so beurteilen? Wirklich viele Leute haben wir ja noch nicht gesehen.«
Claire überlegte.
»1902 war das Jahr, in dem Alfonse XIII mit 16 Jahren zum König von Spanien gemacht wurde«, sagte sie schließlich.
»Ziemlich jung, wenn du mich fragst.«
»Oh, und außerdem haben die Spanier kurz vor der Jahrhundertwende einige Kolonien an die Amerikaner verloren. Vielleicht sollten wir nicht allzu laut rumposaunen, was für eine Nationalität wir haben.«
»Na toll«, brummte Dan, während sie weiter die Strasse entlang schlenderten.
»Also, so langsam wird mir unheimlich. Wo sind all die Leute?«
Dan sah sich nach Claires Worten ratlos um.
»Keine Ahnung. Bist du sicher, dass um die Zeit nicht irgendeine Epidemie grassiert hat?«
»Ja. Aber wenn wir in einem anderen Universum gelandet sind...«
Keiner von ihnen konnte den Gedanken weiterziehen, denn jetzt hörten sie in der Ferne Schreie - oder besser: Gejohle. Sie sahen sich an.
»Na, da scheint aber doch noch mächtig was los zu sein...«
Dan packte Claire an der Hand und zog sie einfach mit, in die Richtung, aus welcher der Lärm kam.

Noch immer murrte Ken leise vor sich hin, während er Markus hinterher trottete. Die Tatsache, dass Claire zusammen mit Dan unterwegs war, passte ihm gar nicht. Und das lag nicht allein an dem Gedanken, welche Gefahren hier auf sie lauern mochten. Er war eifersüchtig. Ab und zu schien es zwischen Claire und ihm wirklich gut zu laufen, und dann wieder... zeigte sie ihm die kalte Schulter und himmelte diesen Macho an. Sollte einer die Weiber verstehen!
Markus unternahm keinen Versuch ihn aufzuheitern, sondern ließ ihn in Ruhe. Ken war ihm dankbar dafür.
Bald hatten sie den Zaun erreicht, der sich um das zum Gehöft gehörende Land zog. Vereinzelte Sträucher und einige Bäume boten ihnen ein wenig Deckung - sie wollten sich zwar nicht anschleichen, aber auch nicht allzu offenkundig auf das Haus zu gehen. Noch konnten sie nicht abschätzen, was sie erwartete.
Sie gingen an dem Zaun entlang. Etwas weiter weg sah Ken einige Kühe, die friedlich grasten. Irgendwo, für sie nicht sichtbar, meckerte eine Ziege. Markus blieb abrupt stehen, und Ken, nur einen Schritt hinter dem Deutschen, stieß gegen ihn.
»Uff, pass doch auf!«
»Psst.«
Der Physikstudent deutete in Richtung des Hauses. Eine Tür hatte sich geöffnet und eine dralle junge Frau trat in die Sonne. Ihr rabenschwarzes Haar glänzte. Sie trug ein hellbraunes Kleid mit weitem Rock und eine weisse Schürze. In der einen Hand hielt sie einen Eimer. Gemächlichen Schrittes ging sie auf den Brunnen im Hof zu.
Ihre Haut hatte den dunklen Teint der Südländer. Sie war sehr hübsch, dem stimmten beide Männer in stummem Einverständnis zu. Markus war es, der sich ein Herz fasste, als die Maid den Brunnen erreichte und sich über den Rand beugte, um den Eimer runter zu lassen.
Ken wollte erst protestieren und auf die besprochenen Vorsichtsregeln hinweisen, aber dann schüttelte er ergeben den Kopf. Er glaubte, das Wiehern eines Pferdes zu hören. Nichts Ungewöhnliches auf einem Bauernhof, oder?
Die junge Frau, die leise vor sich hin summte, während sie den gefüllten Eimer wieder hoch zog, bemerkte Markus erst, als dieser nur mehr wenige Schritte von ihr entfernt war. Erschrocken zuckte sie hoch und ließ den Blechtopf los - er prallte auf den Brunnenrand und verteilte das Wasser auf den Boden zu ihren Füßen. In ihren Augen glühte wohl südliches Temperament, aber ihr Gesicht verlor dennoch ein wenig Farbe, als sie vor den beiden Fremden zurück wich.
Markus hob beschwichtigend die Hände und zeigte ihr die leeren, offenen Flächen. Eine unmissverständliche Geste.
»Äh... hallo.«
Etwas Besseres fiel ihm nicht ein - und Okumoto musste unwillkürlich grinsen, als er die Unbeholfenheit des Kameraden sah. Diese beiden Umstände waren es wohl, die der jungen Frau wieder zu mehr Gelassenheit verhalfen. Sie stemmte beide Hände in die Hüften, reckte das Kinn kampfeslustig vor und ein wenig hoch. In ihren Augen blitzte es auf, und obwohl der Wortschwall, der sich nun über die beiden Studenten ergoss, wütend klang, glaubte Ken dennoch, hinter der Glut den Schalk zu sehen.
Von ihrem Keifen hingegen verstanden sie kein einziges Wort. Markus, die Augen weit aufgerissen, versuchte, sie zu beschwichtigen:
»Aber gute Frau, so hören Sie doch!« In der Aufregung verfiel er in seine Muttersprache, während Ken auf Englisch und mit Gesten Anstrengungen unternahm, sie zu ruhigerem Reden zu bringen. Der Bauerntochter schien es einen Heidenspaß zu machen, die Bemühungen der Beiden schlichtweg zu ignorieren.
Beim Haus öffnete sich ein Fenster und ein breitschultriger Mann, nicht viel älter als das Mädchen, beugte sich hinaus.
»Carmela! Que pasa?«, schrie er. Etwas bestürzt hielt die junge Frau inne, um dann in entschuldigendem Tonfall weiter zu schwafeln und immer wieder auf die beiden Fremden zu zeigen, die gerade etwas betreten (um nicht zu sagen: wie begossene Pudel) da standen. Der Bursche am Fenster sah recht ärgerlich drein - und zudem sehr kräftig und resoluten Charakters.
Den bewies er auch, als er den für ihn kürzesten Weg aus dem Haus nahm; er kletterte durchs Fenster.
Die drei am Brunnen sahen sich jetzt betroffen an - auch Carmela war ruhig geworden, und ihr Blick und ihre Miene baten die beiden Männer um Entschuldigung, sie in diese Situation gebracht zu haben. Zumindest Ken schaffte es, trotz der nahenden Gefahr in Form eines wütenden Bruders (oder gar Ehemanns? Nein, die beiden hatten doch ausgeprägte geschwisterliche Ähnlichkeiten) zu lächeln.
In diesem Moment hörten sie alle das Getrappel von Hufen.
Die beiden Zeitreisenden konnten das Entsetzen sehen, welches sich plötzlich in Carmelas Mimik spiegelte. Ihr Blick war auf einen Punkt hinter ihnen gerichtet. Selbst ihr Bruder verharrte im Schritt und wurde bleich. Markus und Ken drehten sich ebenfalls mit ungutem Gefühl um, in die Richtung der Geräusche.
Fünf Reiter näherten sich ihnen in scharfem Galopp. Alle waren komplett in schwarzes Leder gekleidet, ohne farbige Kennzeichnungen oder Wappen. Diese Uniform verlieh ihnen die Aura von Todesengeln. Ihre Gesichter waren ausnahmslos kantig und hart, ihre Züge grimmig. Ihre Pferde waren ebenfalls von dunkler Farbe, braun und schwarz.
Die beiden Einheimischen versuchten, zum Haus zu kommen. Ken und Markus brauchten ein wenig länger, um die Eindrücke zu verdauen, und bis sie sich in Bewegung gesetzt hatten, waren die Reiter bereits heran.
Einer von ihnen preschte zwischen den Mann und das Haus, ein weiterer gesellte sich zu ihm. Die restlichen drei drängten Carmela und die beiden Studenten ab.
Sie beherrschten ihre Tiere meisterhaft. Die drei Männer ritten in einem Kreis um Markus, Ken und die Spanierin und ließen kein Durchschlüpfen zu. Zudem hatten sie Stöcke in der Hand, mit denen sie nach den Menschen schlugen, sobald diese auszuscheren versuchten. Die Eingekreisten begriffen schnell und verhielten sich ruhig. Carmela starrte verzweifelt zu ihrem Bruder hinüber.
Die zwei Reiter, die sich von der Gruppe getrennt hatten, trieben ein grausames Spiel mit ihm. Mit ihren mannslangen Stöcken stießen sie nach dem jungen Bauern und trieben ihn zwischen sich hin und her. Wenn ihr Opfer von einem Stockende getroffen wurde, lachten sie hässlich. Der Mann wurde schnell müde und schaffte es nicht, zwischen ihnen auszubrechen.
»Emilio«, schrie Carmela. Selbst die beiden Zeitreisenden, die fremd mit den hiesigen Gebräuchen (die ihnen je länger je weniger gefielen) waren, merkten, dass sie in einer verzweifelten und aussichtslosen Lage steckten. Carmela wollte ihrem Bruder zu Hilfe eilen, aber als ein Stock nur wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht vorbeiwischte, hielt Markus sie zurück.
Ken indessen verengte die Augen und konzentrierte sich auf die Bewegungen der drei Pferde, die sie umkreisten.
Einer der Männer schlug Emilio mit dem Stock in die Kniekehle, und der Bauer ging stöhnend in die Knie. Mühsam rappelte er sich wieder auf. Wie lange wollten diese fiesen Kerle ihr Spiel noch weiter treiben?
Mit einer raschen Bewegung warf einer der beiden Männer seinen Stock weg. Es war der Älteste der Reiter, in dessen schwarzem Haar bereits silberne Strähnen durchschimmerten. Mit einer fließenden Bewegung holte er eine Axt aus seinem Gürtel und riss im Ansatz sein Pferd herum.
Carmela schrie erneut auf.
Der Mann zog die Axt hoch und ließ sie mit Schwung niedersausen. Emilio schaffte es nur knapp, seinen Kopf wegzudrehen. Die Axt hieb in seine Schulter. Das leichte Hemd, welches er trug, hatte der scharfen Klinge nichts entgegen zu setzen. Das Schlüsselbein wurde zertrümmert, die Axt grub sich tief in das Fleisch. Blut spritzte über den weissen Stoff, im Nu war das Hemd dunkelrot getränkt.
Der Reiter ließ die Axt nicht los, sondern zerrte sie mit einem kräftigen Schlenker aus der Schulter seines Opfers. Emilio brach in die Knie, stützte sich auf seinen Händen ab. Carmelas verzweifelte Schreie hallten über den Hof. Markus hatte alle Mühe sie festzuhalten.
Der Mann auf dem Pferd hob die Axt erneut - und zeigte sein ganzes tödliches Können!
Mit der linken Hand hielt er noch die Zügel, ließ sich nach links gleiten und drehte seinen Oberkörper, verstärkte den Schwung, mit dem er seine Waffe durch die Luft zog, während sein Pferd ständig in Bewegung war.
Emilio hatte keine Chance.
Die Axt fuhr von links oben schräg in sein dunkles Haar. Die Schädeldecke splitterte unter der Wucht entlang des Einschlags. Wieder flog Blut in dicken Tropfen, während der Reiter die Axt los ließ, über den Boden rollte und geschickt wieder auf die Füße kam, noch bevor Emilio ganz nach vorne gesackt war.
Der brutal ermordete Bauer fiel, den Kopf zur Seite gedreht, die Augen weit geöffnet, auf den staubigen Boden. Für die drei Eingekreisten, die das Ganze entsetzt beobachteten, schien alles in Zeitlupe abzulaufen. Vor allem Ken und Markus konnten es kaum fassen, während Carmelas Schreie zu einem schluchzenden Wimmern verebbt waren.
Der älteste Reiter, anscheinend der Anführer, trat zu dem Toten und versetzte ihm einen Tritt in die Seite. Dann zog er die Axt aus dem eingeschlagenen Schädel und wischte sie an Emilios Hemd sauber.
Schließlich brachen sie auf. Sie gaben den beiden Zeitreisenden zu verstehen, dass sie ihre Gefangenen waren. Eine Flucht war sinnlos. Markus und Ken hatten gesehen, wozu die Männer fähig waren. Auch wenn sie die Sprache nicht verstanden - von der sie inzwischen beide vermuteten, dass es Spanisch war -, wurde nur zu deutlich, was die Männer von ihnen wollten.
Auf dem Weg zur Stadt mussten sie Carmela stützen. Das arme Mädchen wäre sonst zusammengebrochen.

Die Strassen und Gassen um den grossen Platz waren regelrecht mit Menschen verstopft. Claire war froh, dass sie mit Dan hier war, denn seine breite Gestalt bahnte sich mühelos einen Weg durch die Leute. Sie »schwamm« quasi im Kielwasser mit. Viele empörte Blicke trafen sie, auch einige Schimpfwörter waren zu hören. Dan entschuldigte sich dann meist auf Spanisch, und bald darauf tat es Claire ihm nach. Sie hoffte bloß, dass niemandem ihr andersartiges Aussehen auffiel. Aber der Blick aller war nach vorne gerichtet – obwohl weiter hinten in den Gassen gar nichts zu sehen war außer die Rücken und Köpfe der vorne Stehenden.
Sie konnten sich schließlich auf einen Platz drängeln, von dem sie einen einigermaßen guten Blick über das Geschehen hatten.
Mitten auf dem Platz waren zwei große Haufen aus Reisig errichtet worden. An die Pfähle, die inmitten des Dünnholzes nach oben stachen, war jeweils ein Mensch gebunden: ein Mann in fortgeschrittenem Alter, der den Kopf gesenkt hatte und seine Lippen stumm bewegte, und eine Frau um die zwanzig, die wild an ihren Fesseln zerrte und laut fluchte.
Auf einer kleinen Tribüne ganz in der Nähe konnte Claire einen hochgewachsenen Mann ausmachen, der mit sichtlicher Zufriedenheit die Menge betrachtete. Immer wieder erklangen wütende Rufe. Des öfteren glaubte Claire, die Wörter Herejo und Bruja zu hören. Auch wenn ihr Spanisch nicht besonders gut war, so dämmerte ihr langsam, was hier passierte. Ein kurzer Blickwechsel mit Dan zeigte, dass er die gleichen Vermutungen hegte.
Einige der Leute in ihrer Umgebung schenkten ihnen inzwischen mehr Beachtung, jetzt, da sie still standen und beobachteten. Ein paar der jüngeren Frauen lächelten scheu in Simons Richtung. Die älteren Frauen und Männer, die dies sehr wohl bemerkten, blickten missmutig und misstrauisch zu ihnen herüber. Vor allem Dans blondes Haar zog die Aufmerksamkeit der Umstehenden auf sich. Claire selbst fiel mit ihren schwarzen Haaren nicht ganz so auf. Sie hoffte nur, dass niemandem auffiel, wie fremd ihre Kleidung war. Langsam aber sicher war ihr gar nicht mehr wohl zumute.
Na, wenigstens hab ich kein Maiden- oder Motörhead-T-Shirt an...
Dan, dem natürlich vor allem die Blicke der Mädchen bewusst waren, grinste wie ein Honigkuchenpferd. Claire schüttelte missbilligend (und eifersüchtig) den Kopf und zupfte an seinem Ohr.
»Wir müssen etwas gegen deine blonde Haarfarbe tun. Du fällst hier auf wie der Dackel im Wolfsrudel«, raunte sie ihm zu.
Er verzog das Gesicht bei dem Vergleich, nickte aber.
Ihre Aufmerksamkeit wurde wieder auf das Geschehen in der Mitte des Platzes gelenkt, als plötzlich Flammen in die Höhe schossen. Die junge Frau wand sich an dem Pfahl und versuchte, die Fesseln zu sprengen. Bereits leckten die Flammen um ihre Füße, griffen auf ihr Kleid über. Sie warf den Kopf herum und starrte hasserfüllt in Richtung des großgewachsenen Mannes. Sie tobte und fluchte, während der alte Mann ergeben weiterhin den Kopf gesenkt hielt. Selbst auf die Entfernung meinte Claire, Blutergüsse in seinem Gesicht zu sehen.
Der Kontrast im Verhalten der beiden als Ketzer oder Hexen Angeklagten hatte etwas Schauriges. Claire wurde übel, und sie wandte ihren Blick ab, während Dan das Spektakel ein wenig länger aushielt.
Schließlich packte er Claire am Arm und drängelte sich mit ihr wieder durch die Massen, dieses Mal in die entgegen gesetzte Richtung, weg von dem Platz. Einige der ihnen zugeworfenen Blicke schienen Claire eindringlicher zu sein als zuvor, misstrauischer und gleichzeitig verschlagener. Sie wollte nur weg von diesem Wahnsinn!
Einige Minuten später fanden sie sich in einer vereinsamten Gasse wieder und ließen sich gegen die Wand sinken.
»Mein Gott«, murmelte Dan. »War das wirklich das, was ich glaube, das es war?«
»Eine Hexenverbrennung.« Claire war immer noch blass.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie wieder sprachen.
»Dan, hier stimmt einiges nicht.«
»Na, das kannst du laut sagen. Diese Barbaren!«
»Nein, ich meine, wir können gar nicht in unserer Welt sein!«
»Du meinst, wir sind wieder in einer Parallelwelt gestrandet?«
Sie nickte.
»Zum einen wurde – in unserer Welt – die Inquisition in Spanien im Juli 1834 unter Isabella II abgeschafft. Bereits acht Jahre davor wurde das letzte Todesurteil in Valencia gesprochen. Tatsächlich wurde dieser letzte Verurteilte sogar gehenkt, und nicht tatsächlich verbrannt, wenn auch mit Feuer dieser Anschein gewahrt werden sollte.
Und zum anderen... hat sich die spanische Inquisition vordergründig mit Ketzern beschäftigt, in diesem Falle vor allem Juden und Moslems, die zwar zum Christentum konvertiert hatten, aber insgeheim immer noch ihrer Religion anhielten. Außerdem war das Todesurteil nicht die Regel; vielmehr wurde in den meisten Fällen Besitz eingezogen, um die Inquisition zu finanzieren. Der Hexenwahn selbst war in Spanien nie so ausgeprägt wie in anderen europäischen Staaten, wenn überhaupt.«
Dan starrte sie an.
»Also, falls in diesem Universum in Spanien Hexen- und Ketzerverbrennungen an der Tagesordnung sind, dann möchte ich jetzt wirklich nicht den Rest von Europa kennen lernen...«
Claire schüttelte leicht den Kopf. »Das will ich nicht glauben. Vielleicht handelt es sich hier auch um eine Art umgekehrte Darstellung der Tatsachen: Statt dass die Inquisition um 1834 beendet wurde, hat sie damals erst angefangen.«
Dan winkte ab.
»Das sind doch nur Thesen. Aber ehrlich gesagt, habe ich gar nicht so große Lust, Genaueres rauszufinden. Je eher wir von hier verschwinden können, um so besser. Lass uns zu den andern zurück kehren.«
Dagegen hatte Claire nichts einzuwenden.

Sevilla, 16. August 1902
Die Sonne war vor etwa einer halben Stunde untergegangen.
Eine in einen dunklen Mantel gekleidete Gestalt huschte durch die nächtlichen Strassen Sevillas. Ihr Ziel war nicht weit entfernt von ihrem eigenen Heim, dennoch lief sie zunächst in eine andere Richtung, nahm ein paar Umwege in Kauf, bevor sie sich dem alten, verwitterten Haus näherte.
Der hochgewachsene Mann sah sich nach allen Seiten sichernd um und klopfte dann zwei Mal, wartete drei Sekunden und klopfte dann ein weiteres Mal. In der engen Gasse blieb ansonsten alles ruhig.
Irgendwo im Haus polterte etwas, dann waren feste Schritte zu vernehmen. Kurz darauf wurde die Tür geöffnet. Im Eingang stand ein Mann mit einer dicken Kerze in der Hand. Er hatte langes dunkles Haar, welches von grauen Strähnen durchwirkt war, und einen Vollbart, unter dem die schmalen Lippen verschwanden. Seine Nase stach spitz und scharf aus dem Gesicht, in den auffällig grünen Augen lag noch immer jugendliche Vitalität. Im Widerspruch dazu stand die gebückte Haltung; als hätte der Mann eine schwere Bürde zu tragen. Und dennoch zeugten auch seine Bewegungen von Stärke und Selbstbewusstheit.
»Inquisitor. Treten Sie ein.«
Die Stimme des Mannes war ein heiseres Flüstern. Er deckte mit einer Hand seine Kerze ab und schielte nach draußen, während Sebastian de Torquemada sich an ihm vorbei in die niedrige Wohnung zwängte. De Torquemada war schon oft hier gewesen, er kannte den Weg und ging durch den Flur, ließ die erste Tür links unbeachtet und betrat dann eine Kammer, in der nur ein Tisch mit einem Stuhl davor stand. Er schlug seinen Mantel zurück und nahm darauf Platz.
Auf dem Tisch brannten mehrere Kerzen, ein Buch lag darauf, ein Totenschädel, dessen leere Augenhöhlen auf den Besucher gerichtet waren und dessen Anblick einen kalten Schauer über den Rücken des Inquisitors rinnen ließ. Auch wenn er tagtäglich mit Tod und Leiden konfrontiert wurde: an diesen Schädel würde er sich nie gewöhnen.
Sein Gastgeber betrat das Zimmer und stellte die Kerze zu den anderen auf den Tisch.
»Arturo.« De Torquemada flüsterte nun ebenfalls. So lief es immer ab. Dieser Raum hatte eine solch bedrückende Ausstrahlung, dass er gar nicht anders konnte. Der mit Arturo Angesprochene blieb hinter dem Tisch stehen – er setzte sich nie hin; insgeheim hasste Sebastian diesen Umstand, aber an diesem Ort brachte er nicht den Mut auf, sich entsprechend zu äußern.
Vielleicht, eines Tages, würde er den Alchemisten ebenfalls zum Tod auf dem Scheiterhaufen verdammen – aber nicht, ohne ihm vorher die Zunge herausgeschnitten zu haben. Nur Canaro, sein engster Vertrauter und Anführer seiner Garde, wusste von seinen Besuchen bei dem Gelehrten, der sich nicht nur mit Physik und Chemie, Mathematik und Geometrie befasste, sondern auch mit schwarzer Magie.
Arturo lächelte und zeigte dabei zwei perfekte weisse Zahnreihen – seinem Alter nach eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.
»Nun, Maestro, wie läuft die Hexen- und Ketzerverfolgung?«
Der Inquisitor spielte nervös mit seinem Mantel.
»In der letzten Zeit wächst der Widerstand gegen unser Tun erneut. Einflussreiche Bürger zweifeln die Richtigkeit der Inquisition an, allen voran Perrero.«
»Verwundert Euch das? Immerhin habt Ihr seine Tochter in Gewahrsam genommen.«
»Ich weiß. Es mag ein Fehler gewesen sein, aber die Beweismittel...«
Arturo winkte ab.
»Ich kann Euch dieses Mal keinen Rat geben, mein Freund.«
De Torquemada starrte den Alchemisten konsterniert an. Dieser lächelte noch immer.
»Aber ich kann Euch Hilfe gewähren wie Eurem Vater vor vielen Jahren. Er hatte ein ähnliches Problem.«
Sebastian war nicht überrascht. Immerhin war es sein alter Herr gewesen, dem er die Bekanntschaft mit Arturo verdankte. Nur dass Alonso de Torquemada aus dem Umgang mit dem unheimlichen Mann kein Geheimnis gemacht hatte. Was ihm schließlich zum Verhängnis wurde: man enthob ihn seines Amtes als Inquisitor.
De Torquemada nickte.
»Eine andere Wahl habe ich wohl kaum.«
»Wenn die Zeit drängt – nein.«
»Gut. Wie sieht diese Hilfe aus?«
Arturo lachte leise. Der Inquisitor erschauderte.
»Folgt mir.«
Der Alchemist nahm eine Kerze, umrundete den Tisch und verließ den Raum, dicht gefolgt von de Torquemada. Bereits die nächste Tür stieß er auf. Sie betraten ein Zimmer, das nicht möbliert war. Arturo bückte sich und entzündete mehrere Kerzen, die auf dem Boden standen.
Diese Aktion seines Gastgebers gab Sebastian Zeit darüber nachzudenken, was er über Arturo wusste. Das war reichlich dürftig: noch immer war dem Alchemisten dieser seltsame Akzent eigen – sein Vater hatte einmal behauptet, Arturo stamme aus Deutschland und sei vor vielen Jahren nach Spanien ausgewandert. Sein richtiger Name laute Arthur von Karnstein. Und – das fiel de Torquemada immer wieder auf – er war schon damals so alt gewesen wie heute. Tatsächlich schien die Zeit, was Arturo betraf, stehen geblieben zu sein.
Der Alchemist hatte seine Arbeit beendet und alle Kerzen angezündet. Ein weicher, jedoch kränklich gelber Schein erfüllte den Raum. Sebastian erkannte nun auch die Zeichen, die auf den Boden gemalt worden waren. Hauptsächlich waren es zwei Kreise, um und in denen sich die Figuren konzentrierten. Einer davon war um einen schlichten DrudenFuß gezogen worden und nur mit wenigen zusätzlichen Symbolen versehen. Der zweite aber war innen und aussen mit allerlei verschlungenen Linien verziert, deren Sinn der Inquisitor nicht verstand und die kompliziert genug waren, um ihn bei längerem Betrachten schwindlig werden zu lassen.
Arturo ließ sich in eben diesem Kreis im Schneidersitz nieder und gebot de Torquemada, es ihm gleich zu tun und sich in das Zentrum des fünfzackigen Sterns zu setzen. Sebastian gehorchte, ohne ein Wort zu sagen.
Der Alchemist schloss die Augen und begann, Worte in einer Sprache zu murmeln, die de Torquemada nicht verstand. Es klang kehlig und hart wie Arabisch und war dennoch ganz anders.
Ein leichter Luftzug erfüllte das Zimmer, die Kerzen flackerten unruhig und knisterten dann wieder unberührt weiter. De Torquemada fröstelte. Arturo verstummte, und als Sebastian ihm wieder seine ganze Aufmerksamkeit widmete, hatte der Alchemist seine Augen wieder geöffnet und starrte ihn an. Sebastian wurde unwohl unter dem Blick.
»Ah, der Herr Inquisitor selbst gibt sich die Ehre.« Arturos Stimme klang verändert: tiefer, dunkler und mit einem Akzent, der so kratzig klang wie die Sprache, in der er vorhin geredet hatte. Auch seine Augen schienen nicht mehr so strahlend grün wie zuvor.
»Was soll das Theater?«, stieß de Torquemada hervor. Er wollte sich erheben, erinnerte sich dann aber an die Worte des Alchemisten, sich keinesfalls aus dem Kreis zu begeben, solange er nicht von ihm dazu aufgefordert wurde.
Arturo kratzte sich am Bart.
»Ich habe bereits deinen Vater gekannt, Junge. Und ihm geholfen.«
Etwas anderes störte Sebastian noch, auf das er nicht sofort den Finger legen konnte.
»Ich nehme an, du willst dasselbe. Ihr machtgierigen Menschen seid doch alle gleich. Sobald euer Einfluss zu schwinden droht, wendet ihr euch an uns.«
Die Stimme. Sie klang nicht nur anders als die von Arturo – es schien, als würden wenigstens drei oder vier Wesen synchron aus seinem Mund sprechen. Er fasste all seinen Mut zusammen.
»Wer bist du?«
»Lukas 8:30. Als bibelfester Mann wirst du diese Stelle doch kennen?«
Sebastian de Torquemada schluckte schwer. Dämonen! Waren es wirklich Dämonen, die von dem Alchemisten Besitz ergriffen hatten?
»Du glaubst uns nicht? Wir können dich überzeugen.«
Der Mund des Alchemisten verzog sich zu einem bösen Grinsen.
»Es wird ein Junge.«
Es dauerte einen Moment, bis Sebastian begriff.
Unmöglich! Er hatte niemandem von den Umständen seiner Frau erzählt, man sah es ihr noch nicht an, und das Schweigen des Arztes und der Hebamme war teuer erkauft.
War er tatsächlich auf dem Weg, einen Pakt mit dem Teufel einzugehen?
»Wir verlangen als Gegenleistung nicht deine Seele. Es ist ein Handel, bei dem beide Seiten profitieren. Du solltest dich dennoch rasch entscheiden. Wenn du unsere Hilfe verschmähst, werden wir dich dein Leben lang verfolgen.«
»Was... was verlangt ihr?«
»Wir brauchen Körper, die wir verderben können. Du wirst sie uns zugänglich machen.«
»Mein Vater, hat er...?«
»Er ist den gleichen Handel eingegangen, vor dem du nun stehst. Nun?«
Die Dämonen, die vom Körper Arthurs von Karnstein Besitz ergriffen hatten, lockten, schmeichelten und drängten. Schließlich erlag Sebastian ihren Redekünsten.
»Merke dir folgendes Zeichen, de Torquemada. Ritze es mit einem Messer in die Haut des Opfers, und du öffnest uns Tür und Tor.«
Schwarzer Rauch quoll in dünnen Schwaden aus Arturos Mund und Nase und formte vor Sebastians Augen ein verschlungenes, aber nicht allzu kompliziertes Muster.
»In der darauf folgenden Nacht werden wir von dem Körper Besitz ergreifen.«
Arturo blinzelte, sein Oberkörper schwankte leicht, und dann sagte er mit seiner eigenen Stimme: »Nun gehe hin, mein Sohn.«
De Torquemada sprang auf und rannte aus dem Haus. Dieses Mal ließ er alle Vorsichtsmaßnahmen außer Acht und wählte den direkten Weg nach Hause.

2. August
»Bist du sicher, dass wir noch richtig sind?« Claire blieb stehen. Dan folgte – gezwungenermaßen – ihrem Beispiel und drehte sich zu ihr um.
»Natürlich. Wir haben die korrekte Richtung eingeschlagen. Ich kann mich schon auf meinen Orientierungssinn verlassen.«
Claire schluckte eine bissige Bemerkung herunter, als Dan zu ihr trat und sie sanft am gesunden Arm packte.
»Ich kann es immer noch nicht fassen«, sagte er. »Haben wir da tatsächlich eine Hexenverbrennung miterlebt?«
Claire Bancroft nickte.
»Für uns aufgeklärte Menschen ist es wirklich schwer vorstellbar. Aber es gibt auch noch in der heutigen – in unserer heutigen – Zeit den Glauben an Hexen. Und auch Verfolgungen und Tötungen. Vor allem in Afrika und Indien.
In Spanien war die Inquisition übrigens gar nicht so schlimm, wie sie gerne dargestellt wird. Viele Todesurteile wurden in effigie an Strohpuppen vollstreckt. Weil die Verurteilten geflohen waren. Und es bezog sich vor allem auf Ketzer, nicht auf Hexen.«
»Das hast du bereits erwähnt.« Dan konnte ein leichtes Grinsen nicht verkneifen, als er die Sache mit den Strohpuppen hörte, wurde aber sofort wieder ernst.
»Wir sollten schauen, dass wir hier schleunigst wieder verschwinden. Aber erst... Warte mal kurz hier.«
Er ließ sie einfach stehen und eilte um die nächste Hausecke. Claire sah sich unruhig um, aber die meisten Menschen schienen immer noch das Schauspiel auf dem Platz zu genießen. Sie erinnerte sich, dass die Autodafés, wie man diese Art der Hinrichtung auch nannte, tatsächlich wie Darstellungen fürs Volk aufgezogen worden waren.
Dan kehrte zurück, in den Händen mehrere Kleidungsstücke.
»Hier. Zieh dir das an. In unseren Klamotten fallen wir nur auf – wie Dackel zwischen Wölfen.« Er verzog das Gesicht, als er auf ihren Vergleich von vorhin zurück griff. »Oder wie der Goldfisch im Haifischbecken.«
»Toller Vergleich, wirklich.«
»Der erste ist von dir, Süße.«
Sie streifte sich bereits das weiße Kleid über. Auch Dan zog sich die schwarzen Hosen und das weiße Hemd einfach über seine Jeans und das T-Shirt. Beides war weit genug.
»Könnte ein bisschen warm werden, aber mit Kleiderbündeln unterm Arm fallen wir doch nur wieder auf. Unsere Schuhe beachtet hoffentlich keiner.«
Claire nickte nur. Simon fand, dass sie ziemlich hübsch aussah in ihrem neuen Outfit, sagte ihr das auch und drückte ihr einen Kuss auf. Claire errötete und senkte den Blick.
»Wir sollten hier verschwinden, Dan. Außerdem... du solltest nächstens noch deine Haare dunkel färben. Für den Fall, dass wir länger hier bleiben.«
»Gute Idee.«
Sie setzten ihren Weg fort. Eine Viertelstunde später hatten sie die Stadt verlassen und befanden sich wieder auf der Strasse, auf der sie her gekommen waren.
Auf ihrem Marsch zum Bauernhof schwiegen sie beide. Als sie das Gehöft endlich erreichten, machten sie in sicherer Entfernung erst mal Halt.
»Ich habe ein ungutes Gefühl, Dan. Denkst du, die beiden sind okay?«
»Aber natürlich. Was soll schon passiert sein? Der Hof liegt ziemlich einsam. Wenn irgendwas passiert wäre, wären sie uns entgegen gekommen und hätten vor der Stadt gewartet. So war’s abgemacht.«
»Denkst du, wir sollten hingehen?« Sie zeigte mit dem Kinn Richtung Haus. Der Sportstudent nickte. Sie setzten sich in Bewegung.
Das zweistöckige Haus war aus Stein erbaut, mit einem roten Ziegeldach. Vor dem Haus gab es einen Brunnenschacht, der bis auf Hüfthöhe gemauert war. Es blieb alles still.
»Wo sind sie?«, flüsterte Claire.
Dan zuckte mit den Schultern. »Drinnen?«
»Wir können doch nicht einfach hingehen und anklopfen... können wir?«
Beider Schritte wurden langsamer und zaghafter.
»Ehrlich, Dan. Ich hab gar kein gutes Gefühl. Lass uns zurück gehen, an den Punkt, wo wir gelandet sind.«
»Und wenn sie doch hier sind? Wenn sie in Schwierigkeiten sind?«
Claire schwieg. Sie waren nun ganz stehen geblieben.
»Dan...«
Die Augen der Geschichtsstudentin weiteten sich. Keiner von ihnen hatte bemerkt, dass eines der Fenster offen stand. Ein großer, kräftig gebauter Mann stand da und schaute zu ihnen heraus – über den Lauf einer Flinte hinweg, die direkt auf sie gerichtet war!

20. August
Eine einsame Gestalt irrte durch Sevillas dunkle Strassen. Das zerrissene Gewand war schmutzig und mit Blut befleckt. Die Augen blickten starr und leblos gerade aus, die Hände waren in einer flehend anmutenden Geste erhoben. Der einstige Glanz des schwarzen Haars war stumpf geworden, verfilzte Strähnen hingen in das bleiche geschundene Gesicht.
Die weibliche Erscheinung blieb stehen; sie streckte eine Hand aus und legte die dürren Finger auf das Mauerwerk des Hauses. Einst war sie ein hübsches, aufregendes Frauenzimmer gewesen – nun glich sie mehr einem Gespenst denn einem menschlichen Wesen.
Erinnerungen (oder zumindest Fetzen davon) wallten in ihr auf. Erinnerungen an die Qualen, denen sie ausgesetzt gewesen war. An höhnisch grinsende Gesichter, deren Konturen verschwommen waren, als würde sie ihre Peiniger nur durch Tränen wahrnehmen. An glühende Eisen, die ihre Haut verbrannten. An eine Stimme, die ihr immer wieder lächerliche Fragen stellte.
Die Stimme...
Heute Abend war sie sehr sanft gewesen.
Der Mann, dem sie ausgeliefert war, hatte sie besucht, nach dem sie einen weiteren Tag seinen Folterknechten ausgesetzt gewesen war. Sie hatte sich nach der Stille der Nacht gesehnt, müde und erschöpft wie sie war, wollte sich den viel zu kurzen Stunden der Ruhe hingeben. Aber dann hatte er – de Torquemada, erinnerte sie sich jetzt an seinen Namen – den Raum betreten, mit einer Laterne in der Hand, und hatte sich neben ihr hingekniet.
Sie konnte sich der fast zärtlichen Berührung seiner Finger auf ihrer Wange entsinnen. Und dann des kurzen aber scharfen Schmerzes unter ihrer Achsel, an warmes Blut, das träge aus den feinen Schnitten rann.
Und schließlich seine Stimme: sie war so anders gewesen, nicht so unerbittlich wie sonst. Vielleicht sogar ängstlich.
Geh, hatte de Torquemada nah an ihrem Ohr geflüstert, geh!
Klirrend waren die Handschellen an die Wand geprallt, aber sie hatte lange nicht begriffen, dass dies der Klang ihrer Freiheit gewesen war, hatte nur teilnahmslos an ihrem Platz gekauert. Schließlich hatte sie verwundert nach ihren wundgescheuerten Handgelenken gefasst, hatte sich auf die Beine gekämpft und war zur offenen Tür getaumelt.
Sie konnte sich nicht erinnern, ob de Torquemada noch im Raum gewesen war, als sie diesen verließ.
Claudia Perreros Blick klärte sich ein wenig. Sie war schwach, und sowohl Körper und Geist litten fortwährend unter den Entbehrungen und Schmerzen der letzten Tage. Aber jetzt erkannte sie das Herrenhaus auf der anderen Straßenseite. Ein erschöpftes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.
Ihr Elternhaus.
Ein kalter Luftzug strich über ihr Gesicht und machte sie frösteln. Sie kreuzte die Arme über ihrer Brust und schaute sich unbehaglich um. Sie war allein auf der Strasse, und dennoch hatte sie das unangenehme Gefühl...
Ein weiterer kühler Hauch hob ihr zerrissenes Kleid, fuhr darunter und über die nackte Haut ihrer Schenkel. Es fühlte sich an wie die Berührung eisiger Finger.

Manuel Perrero war mit einem Schlag hellwach. Er brauchte einige Augenblicke, um sich zurecht zu finden. Er befand sich nach wie vor in seinem Schlafzimmer, zwischen den zerwühlten Decken seines Bettes.
War es ein Albtraum gewesen, der ihn aus dem Schlaf gerissen hatte? Er konnte sich nicht erinnern. Vielleicht das Knacken von arbeitendem Holz.
Das Dunkel des Zimmers war erfüllt von all den Geräuschen, die ein Haus gewöhnlich verursacht. Auch wenn Perrero oft mitten in der Nacht aufwachte: als beruhigend empfand er die heimlichen Bewegungen des Bauwerks nicht.
Seine Gedanken konzentrierten sich aber schnell auf seine drängendste Sorge: seine Tochter, die von de Torquemada als Hexe angeklagt worden war.
Seit dem Tod ihrer Mutter vor drei Jahren war sie zu seinem Ein und Alles geworden; weitere Kinder hatte ihm seine Frau nicht geschenkt. Voller Stolz hatte er Claudia zu einer hübschen jungen Frau heranwachsen sehen. Und nun hatte der Inquisitor ihm die letzte Freude seines Lebens genommen. Selbst wenn sie nicht zum Tode verurteilt wurde (was bei de Torquemadas Vorgehen mehr als zweifelhaft war), würde sie von der peinlichen Befragung nie verheilende Wunden davon tragen.
Manuel mochte sich gar nicht vorstellen, was diese Bestien in Menschengestalt ihr alles antaten!
Er stöhnte leise und wälzte sich auf die andere Seite. An Schlaf war vorerst nicht mehr zu denken, dennoch scheute er sich, mitten in der Nacht aufzustehen und zu arbeiten. Das würde nichts nützen, würde ihn nicht ablenken.
Er versuchte, alle Gedanken zu verdrängen, sich nur auf das Dunkel im Zimmer zu konzentrieren.
Und war fest davon überzeugt, nicht mehr allein im Raum zu sein!
Seine Augen nahmen in der Dunkelheit nur unscharfe Schemen war, und so schaffte er es nicht, etwas Ungewöhnliches zu entdecken.
Aber da! Das Knarren einer hölzernen Diele, und war da nicht verhaltenes Atmen? Und eine Stimme, die wisperte: »Vater...«
Starr vor Schreck blieb er liegen, die Augen weit aufgerissen, das Herz heftig in seiner Brust pochend.
Ein schwacher Schimmer glomm auf, herrührend von einer Kerze, die drüben auf der Kommode stand, die Flamme wurde langsam größer und erhellte ihre nähere Umgebung. Es befand sich niemand in unmittelbarer Nähe, der den Docht hätte entzünden können. Zumal auch das Aufflammen des Streichholzes hätte bemerkbar sein sollen.
Ein kalter Schauder lief über Manuels Rücken, Gänsehaut bildete sich auf seinen Armen.
Der Spiegel verstärkte das Kerzenlicht, und jetzt nahm Perrero die Gestalt in dem weißen Kleid wahr, die bei der Tür stand. Sie trug ihr dunkles Haar hochgesteckt, und das Gesicht darunter war blass, wenn auch von anmutigem Reiz. Sie trat einen Schritt nach vorn.
»Claudia!«, stöhnte er fassungslos. Sie war so schön wie eh und je, so bar jeglicher Verzweiflung und auferzwungener Enthaltsamkeit, dass ihr Vater zu träumen glaubte. Viel zu unirdisch war ihre Erscheinung, die fein geschwungenen Lippen glänzten feucht, ihre großen braunen Augen blickten unschuldig und unberührt. Sie lächelte, als sie ihre linke Hand zum Gesicht hob und mit den Fingern entlang ihrer Schläfe über die Wange zum Kinn fuhr.
»Vater«, wiederholte sie hauchend und kam leichten Fußes näher. Manuel, der noch immer stocksteif in seinem Bett lag, bemerkte den desolaten Zustand ihres Kleides. Es war an mehreren Stellen zerrissen, sodass die bleiche Haut zum Vorschein kam. Bei einem ihrer Schritte vorwärts meinte er gar, den Schatten ihrer Schambehaarung wahr zu nehmen. Ihre linke Brust lag zum großen Teil unbedeckt.
Ihre Hand fand den Weg dorthin und machte sie ganz frei. Manuel konnte gar nicht anders als darauf zu starren, selbst wenn eine Stimme in ihm mahnte, dass er sein eigen Fleisch und Blut begaffe.
»Ich weiß, dass du mich begehrst, Vater«, gurrte sie. Ihre Finger wanderten weiter nach unten und zerteilten den Stoff, als sei er bloß ein leicht gewebtes Gespinst. Nur am Rande fiel ihm auf, dass ihre Rechte hinter dem Rücken verborgen war. »Schon vor Mutters Tod habe ich das Leuchten in deinen Augen gesehen.«
»Das... das ist nicht wahr«, erwiderte Manuel Perrero mit schwerer Zunge. Die Erscheinung schlug ihn völlig in ihren Bann. Sie stand jetzt direkt neben seinem Bett und streckte ihre Hand nach der Decke aus. Ihr Kleid klaffte auf, und er konnte ihren nackten makellosen Körper sehen, die festen Brüste, den flachen Bauch und ihre Scham, die glatten Oberschenkel.
»Dein Körper sagt aber etwas anderes.«
Ihre Stimme war von einer Sanftheit, die ihn eigenartig berührte. Ihre Finger krallten sich in die Decke und zogen sie langsam über seine Brust nach unten. Er war tatsächlich erregt, aber noch hatte ihm die Furcht Zügel angelegt, und er konnte sich kaum rühren.
»Nun steht Mutter nicht mehr zwischen uns.«
Ihre Hand ließ die Decke fallen, noch ehe sie seinen Bauchnabel erreicht hatte. Mit einem Satz war sie auf dem Bett, kniete nach vorne gebeugt über ihm und blies ihm ihren süßlich riechenden warmen Atem ins Gesicht. Ihre Nasenspitze war kaum eine Handbreit von seiner entfernt. Mit einer behänden Bewegung öffnete sie ihr Haar und schüttelte leicht den Kopf, sodass die Spitzen über sein Gesicht fuhren.
Manuels Atem ging heftig, und er glaubte, sein Herz müsse gleich platzen. Claudia schaute ihm tief in die Augen, das Lächeln auf ihren Lippen vertiefte sich.
»Sag mir, dass du mich willst.«
Er brachte nur ein Gurgeln zustande. Die Erregung, die nun vollends von ihm Besitz ergriff, pochte schmerzhaft in seinen Lenden.
Claudias Rechte kam hinter ihrem Rücken hervor, und noch ehe Perrero realisierte, was da aufblitzte, spürte er bereits die scharfe Spitze des Brieföffners an seinem Hals.
Er war viel zu verwirrt, um zu begreifen, was geschah. Das wilde Leuchten in Claudias Augen konnte er nicht deuten.
»Oh, wie lange habe ich auf diese Nacht gewartet. Ich habe Mutter immer beneidet.«
Sie übte mehr Druck auf das Werkzeug aus, und die Spitze drang unter seine Haut. Er spürte das Brennen und das feuchte Gefühl von austretendem Blut. Alles in ihm schrie danach, sich zu wehren, aber ihre Augen bannten ihn.
»Wa... rum?«, brachte er krächzend hervor. Die einzige Antwort war ein böses Lachen.
Die Klinge glitt tiefer unter seine Haut, durchdrang mühelos das Gewebe. Claudia bewegte den Griff des zur Waffe missbrauchten Brieföffners hin und her, bis die Spitze die Halsschlagader fand und aufschlitzte. In einem heftigen Strahl spritzte das Blut über das Kissen und die Laken.
Jetzt endlich gelang es Perrero, seine Hände hochzureißen. Verzweifelt versuchte er, sie auf die Wunde zu pressen. Das Blut befleckte seine hilflos tastenden Finger, bis Claudia die schmale Klinge endlich aus seinem Hals zog. Sofort legte er seine ganze Hand über die Verletzung, aber es sprudelte dennoch weiter rot und klebrig feucht zwischen seinen Fingern durch.
Claudias helles Lachen hörte er wie aus weiter Ferne, und er spürte kaum noch, wie sie mit dem Brieföffner nach seinen Händen hackte und stach und ihm noch weitere Wunden und Schnitte zufügte. Erst lange Zeit, nachdem er seinen letzten röchelnden Atemzug getan hatte, ließ sie von ihm ab und blieb vornüber gebeugt auf ihm hocken. Die unversehrte Makellosigkeit ihres Körpers, die ihrem Vater vorgegaukelt worden war, blätterte ab wie schlecht aufgetragene Farbe.
So fand man sie am nächsten Tag, von Folterungen gezeichnet und mit stumpfem Blick.

22. August
»Er ist ein verdammter Teufel«, fluchte Antonio Ribeira. »Er hat es einzig dem Umstand zu verdanken, immer noch Sevillas Inquisitor zu sein, dass ihn die Leute nicht selbst schon längst aufgeknüpft und verbrannt haben.«
»Aber wie ist das möglich? Hat es in Spanien denn nie so etwas wie Aufklärung gegeben?«, fragte Dan, der das Reden übernommen hatte. Sein Spanisch war um Längen besser als das von Claire.
Antonio, der alte Bauer, lachte heiser.
»Ihr Amerikaner... ihr denkt doch ständig, ihr könnt die Welt verbessern.«
Nach einer kurzen Absprache hatten Claire und Dan untereinander geklärt, dass sie dem Mann die Wahrheit über ihre Herkunftsnation erzählen würden; natürlich auch erst, nachdem die ersten Missverständnisse ausgeräumt, der Lauf der Flinte gesenkt, die beiden ins Haus gebeten und das Gewehr in eine Ecke gestellt worden waren.
Dan schien mit dem Bauern sehr schnell Freundschaft geschlossen zu haben, und auch Claire, die kaum die Hälfte von dem verstand, was palavert wurde, fand Ribeira immer sympathischer. Sein Gesicht war von vielen Furchen durchzogen und seine Augen von Kummer und Sorge erfüllt. Schnell erfuhren sie vom Schicksal seines Sohnes und seiner Tochter und dem, was ihren beiden Freunden widerfahren war. Beide hatte die geschilderte Kaltblütigkeit der Mörder erschreckt, und ihnen war klar, dass sie ihren Freunden schnellstens zu Hilfe eilen mussten. Aber Antonio hatte sie zur Vorsicht gemahnt, und nun erzählte er ihnen mehr über das Spanien dieser Welt, insbesondere Sevilla und dessen Inquisitor, Sebastian de Torquemada.
»Früher war die Inquisition in Spanien noch darauf ausgerichtet, Ketzer zu überführen. Zu Beginn waren das in der Regel Juden. Die meisten von ihnen hatten zum katholischen Glauben konvertiert, aber vielen wurde nachgesagt, sie würden – im Heimlichen – noch immer ihren eigenen praktizieren. Es ist natürlich gut möglich, dass es sich bei den sogenannten conversos so verhielt. Vielleicht aber ging es Kirche und Staat auch mehr um Macht. Denn die meisten Juden waren reich an Vermögen und Einfluss.
Aus diesem Grunde wohl gab es auch weniger Hinrichtungen, vielmehr wurde als Strafe der Besitz eingezogen, um die Kasse von Kirche und Staat zu sanieren.
Später nahm sich die Inquisition auch der in Spanien lebenden Mauren an – den morescos – und verfuhr mit ihnen gleich wie mit den Juden.
Auch Todesurteile wurden nicht immer am Kandidaten vollstreckt. Vielen, die unter Verdacht standen, gelang die Flucht. An ihrer Statt wurden Strohpuppen verbrannt.«
Dan Simon nickte. Claire hatte ihm ja bereits Ähnliches erzählt. Er nutzte die Pausen, die Ribeira immer wieder einlegte, um für Claire den Übersetzer zu spielen.
»Als spanischer Bürger hatte man sowieso nicht viel zu befürchten. Schließlich war man von Grund auf katholisch erzogen worden.
Aber mit der Zeit der Aufklärung begann die Kirche an Boden zu verlieren. Natürlich: ein langwieriger Prozess. Immerhin lag der Geistlichkeit durchaus auch etwas an den Wissenschaften, auf vielen Gebieten wurden diese auch gefördert. Aber viele Denker begannen, das katholische Dogma zu hinterfragen. Und der Kirche war klar, dass deren Beispiel nicht ohne Folgen bleiben konnte.
Spaniens Monarchie und Adel sahen ebenfalls die Gefahren in dieser Entwicklung: Wenn das gemeine Volk plötzlich unabhängig von ihnen Gelehrte hervor bringen konnte, wer würde dann noch Könige brauchen, was hatte blaues Blut dann noch für einen Wert?
Diese Befürchtungen führten dazu, dass man die Inquisition in Spanien verschärfte und das tat, was in anderen Ländern Europas bereits gang und gebe war: im Volk wurde die Angst vor Hexen und Teufelsglaube geschürt. Plötzlich konnte jeder ein Ketzer sein, eine Hexe.
Mit dem Misstrauen selbst dem Nachbarn gegenüber versuchten Kirche und Staat, erneut Boden wett zu machen. Und tatsächlich: Jeder war froh, nicht selbst unter Verdacht zu geraten. Und oft genug – ob aus Neid und Missgunst oder einfach nur Angst – wurden Mitmenschen der Hexerei bezichtigt.«
Antonio Ribeira machte erneut eine Pause. Dan übersetzte wieder.
»In Spanien setzte die Hexenverfolgung relativ spät ein. Es heißt, dass selbst einige Inquisitoren der Sache mit Skepsis begegneten; aber natürlich durften sie dies nicht offen zeigen.
Luis de Torquemada, der Großvater des jetzigen Inquisitors, gehörte zu ihnen. Ein vernünftiger Mann.
Immerhin, oft genug wurden sehr groteske Anklagen erfunden, um aufgrund irgendwelcher Unbillen jemanden der Hexerei zu überführen. Luis versuchte, solcherlei abstruse Beschuldigungen zu verhindern. Aber auch er musste oft genug jemanden zum Tode verurteilen.
Es gibt Gerüchte, dass er – und andere Inquisitoren – Verdächtige warnten und ihnen gar zur Flucht verhalfen. An deren Statt wurden – in effigie – nur Strohpuppen verbrannt. Der Besitz ging ja so oder so in die Staatskasse über.«
Antonio ließ Dan wieder ein wenig Zeit, das Gesagte Claire zu erklären. Der Bauer trank einen Schluck Wein aus einem Becher, bevor er weitersprach.
»Viele dieser Inquisitoren wurden jedoch sehr schnell abgelöst. Eine neue Ära der Inquisition begann, die Vorgehensweisen der neuen Beauftragten wurden brutaler und mörderischer. Die Verhöre wirkten aufgesetzt und waren eigentlich vollkommen belanglos, denn wer in die Fänge der Hexenjäger geriet, war verloren.
Auch Luis zog Verdacht auf sich. So bald sein Sohn Alonso alt und erfahren genug war, das Amt des Inquisitors auszuüben, wurde Luis abgesetzt. Und Alonso war, wie jetzt sein Nachkomme Sebastian, alles andere als zimperlich, wenn es um Menschenleben ging.«
»Moment«, intervenierte Claire, nachdem Dan das Gesagte ins Englische übertragen hatte, »Söhne? Ich dachte, die Dominikaner waren für die Inquisition zuständig, also Mönche. Wie kommt es dann, dass das Amt des Inquisitors auf eine Familie übergeht?«
Ribeira nickte Claire lächelnd zu.
»Tatsächlich hat die Linie der de Torquemadas in den frühen Zeiten der Inquisition von Generation zu Generation Geistliche gestellt, die ihr Leben der Bekämpfung des Ketzertums widmeten. Aufgrund ihrer Verdienste wurde das Amt direkt an die Familie übergeben, um es von Vater auf Sohn zu vererben. Dieses Verfahren ist nicht die Regel, aber – soweit ich weiß – auch nicht die einzige Ausnahme. Es liegt durchaus in der Macht des Königs, dies zu veranlassen.«
Alle drei schwiegen für eine Weile. Dan und Claire versuchten, das Gehörte zu verarbeiten und die Konsequenzen für sich und ihre Freunde daraus abzuleiten.
Schließlich wandte sich Dan wieder an den Bauern.
»Entschuldigung, Señor Ribeira, aber...« Er druckste ein wenig herum, da er sich nicht sicher war, ob Antonio die Frage nicht falsch auffassen würde. »Nun, Sie scheinen ja einiges über das Thema zu wissen...«
Antonio lachte leise.
»Ich mag ein einfacher Bauer sein, aber verstockt wie ein Esel bin ich deswegen noch lange nicht.
Ich hatte einen Gönner in der Stadt, ein Mann namens Manuel Perrero. Ein gebildeter Kaufmann, mit dem ich gute Beziehungen, ja gar Freundschaft pflegte.«
Der Blick des Spaniers trübte sich, sein Gesicht wurde abwesend.
»Er hat dies und jenes von mir bezogen, und eines Tages sagte er dann zu mir: ‚Antonio, hör mir zu. Spanien braucht Männer, auf die das Volk hört. Männer aus ihren eigenen Reihen, einfache Männer, die hart zupacken können.’
Ich war nicht der Einzige, dem er Grundwissen über Politik vermittelt hat, dem er klar gemacht hat, wie sehr Spanien unter der Geißel der Inquisition leidet. Er hat viele Männer um sich versammelt, die bald seine Meinung teilten. Er war der Ansicht, dass es an der Zeit sei, das Joch der Unterdrückung durch Staat und Kirche abzuwerfen.«
Er ballte die Faust und hieb auf den Tisch. Dan und Claire zuckten beide zusammen.
»Leider wird er diesen Tag nicht mehr erleben. De Torquemada hat ihn auf dem Gewissen, das ist sicher. Weiss der Teufel, wie dieser Bastard es angestellt hat, aber er hat Perreros eigene Tochter dazu gebracht, ihren Vater auf die scheußlichste Art umzubringen!
Als ob es nicht bereits genügt hätte, sie der Hexerei zu bezichtigen und in den Kerker zu werfen. Es hat Manuel das Herz gebrochen.
Und was auch immer sie da mit ihr angestellt haben, es muss schrecklich gewesen sein...«
Die beiden Amerikaner schauderten bei diesen Worten, die sie unwillkürlich an Ken und Markus denken ließen. Dan äußerte sich entsprechend:
»Wir müssen unsere Freunde – und Ihre Tochter – da rausholen!«
Ribeira schüttelte den Kopf.
»Noch nicht. De Torquemada braucht, wenn auch nur zum Schein, erst mal Ankläger. Es wird ihn zwei bis drei Tage kosten, welche zu finden und eine Anklage aufzubauen. So lange wird ihnen nichts geschehen.«
Claire brauste auf.
»Aber...«
Der Bauer schnitt ihr das Wort mit einer raschen Geste ab.
»Allein können wir nichts gegen de Torquemada und seine Schergen ausrichten. Dazu brauchen wir die Unterstützung von Perreros Vertrauten.
Es ist wahrlich an der Zeit, dem Terrorregime der Inquisition und des Hexenwahns ein Ende zu bereiten.«

Die Männer hatten sie in die Stadt gebracht und alle drei in dieselbe Zelle gesteckt: Markus, Ken und Carmela. Markus hatte sich auf der anderen Seite an der Wand nieder gelassen, die Knie angezogen und brütete dumpf vor sich hin. Die Spanierin und Ken saßen auf einem Lager aus Stroh, dessen Geruch Okumoto an einen Besuch im Zoo erinnerte. Carmela hatte sich an ihn gelehnt. Tränen hatten ihre Wangen benetzt, und immer wieder ging ein leichtes Beben durch ihren Körper.
Ken hatte den Arm um ihre Schultern gelegt. Ihre Nähe weckte ein warmes Gefühl in ihm, das Bedürfnis, sie zu beschützen, zur gleichen Zeit aber auch sein schlechtes Gewissen, da er ständig an Claire denken musste. Und gleich darauf wieder trotzige Gleichgültigkeit.
Immerhin hatte sie es vorgezogen, sich mit Dan zusammen zu tun. Wenn die beiden allein sein wollten – bitte sehr. Was kümmerte es ihn?
Und gleich darauf wieder Sorge um die beiden Freunde. Wie mochte es ihnen ergangen sein in dieser fremden Welt? Wie kamen sie zurecht? Waren sie gleichfalls auf Feindseligkeit getroffen? Oder hatten sie mehr Glück gehabt?
»Wir hätten uns nicht trennen sollen«, murmelte er.
Markus hob den Kopf.
»Was?«
»Wir hätten zusammen bleiben sollen.«
Markus schüttelte den Kopf und wollte etwas sagen, aber in diesem Moment erklangen auf dem Gang schwere Schritte.
Im Mauerwerk gab es wenige kleine eingelassene Löcher, durch die nur spärlich Licht fiel. Dennoch war das Gesicht des hochgewachsenen Mannes, der nun vor die Gitterstäbe der Zellentür trat, gut zu sehen. Die markanten Züge strahlten Autorität aus, die Ausstrahlung war kalt und unnahbar. Nur einen Schritt hinter ihm stand der Anführer der Reiter, die sie in Haft genommen hatten. Ein grimmiges Lächeln lag auf seinem Gesicht.
Die beiden sprachen miteinander, aber weder Ken noch Markus konnten etwas verstehen. Schließlich wandte sich der Hochgewachsene an sie. Ken zuckte mit den Schultern und meinte entschuldigend auf Englisch:
»Sorry, wir verstehen Sie nicht.«
Carmela hatte den Kopf erhoben. Wütend, aber mit ungebrochenem Stolz, starrte sie den Mann an. Ken legte beruhigend die Hand zwischen ihre Schulterblätter und hoffte inständig, dass sie sich nicht zu einer Äußerung hinreißen ließ, die sie noch tiefer in die Bredouille bringen würde.
Der Mann, niemand anderes als Sebastian de Torquemada, lächelte. Sein Akzent war rau und gut hörbar.
»Ah, dann nehme ich an, ihr seid Amerikaner?«
Ken atmete unwillkürlich auf. Dass ihre Nationalität erkannt worden war, ließ ihn hoffen. Bestimmt würden sich die Missverständnisse gleich klären.
»Ja, und ich denke, Sie sind uns eine Erklärung schuldig, Mister.«
»Nach dem ihr uns die Kolonien geraubt habt, erlaubst du dir, Forderungen zu stellen?«
Oder auch nicht. Das sah schon schlechter aus.
»Außerdem bist du kein Weißer.« De Torquemada deutete in Markus’ Richtung. »Was ist mit ihm?«
Der Deutsche hob den Kopf und starrte den Inquisitor an, ohne etwas zu sagen. Im Gegensatz zu Ken war all sein Optimismus verflogen, seit er Zeuge von Emilios Ermordung geworden war.
»Na gut, ihr seid nicht sehr gesprächig. Mein Freund Miguel hier sagt, sie hätten euch entdeckt, wie ihr zu Fuß zu Ribeiras Bauernhof unterwegs gewesen seid. Keine Kutsche, kein Automobil. Wir hatten auch sonst keine Meldungen, dass sich Amerikaner in der Nähe aufhalten. Wie also seid ihr hergekommen?«
Keiner von ihnen antwortete. Alles, was sie sagten, konnte unter Umständen ihre Situation noch weiter verschlimmern. Markus und Ken wechselten einen kurzen Blick des Einverständnisses.
»Na gut, ihr schweigt lieber. Der Verdacht auf Hexerei scheint mir gegeben. Es wird Anklage erhoben werden. Es sei denn, ihr fangt endlich an zu reden.«
Sebastian entriss Canaro den Rucksack, den dieser in den Händen gehalten hatte. Der Inquisitor griff hinein und brachte einen Gegenstand hervor. Markus und Ken kannten ihn nur zu gut.
Ein Glaszylinder, 30 Zentimeter lang und 15 im Durchmesser, der mit einem Gewirr aus Kabeln und einer futuristisch anmutenden Glühbirne gefüllt war. Das Display, welches sich über einer achtteiligen Tastatur befand, war dunkel.
Die Zeitmaschine, die sie hierher gebracht hatte!
De Torquemada lächelte kalt, als er ihre Blicke sah. Er fasste das Gebilde an beiden Enden und hob es über den Kopf. Den beiden Studenten wurde sofort klar, was der Mann vorhatte:
Er wollte die Zeitmaschine auf den Boden schmettern und sie zerstören!

»Nein! Nicht!«
Markus war aufgesprungen und schrie in der Aufregung mehrere Wörter in seiner Muttersprache. Sofort hielt Sebastian in der Abwärtsbewegung seiner Arme inne. Erstaunen hatte sich in seinen Blick gemischt.
»Ich kenne deine Sprache, auch wenn ich sie nicht verstehe. Klingt deutsch. Nicht wahr?«
Markus, dem der kalte Schweiß auf die Stirn getreten war, nickte schnell und wechselte ins Amerikanische.
»Ja. Bitte, legen Sie das weg. Sie wissen ja nicht, was Sie da tun.«
De Torquemada grinste. Auch wenn er nicht wissen konnte, dass die Zeitmaschine für die Freunde die einzige Möglichkeit zur Rückkehr in ihre eigene Welt war, so wurde ihm doch bewusst, dass er etwas enorm Wichtiges in den Händen hielt.
»Ich denke, hiefür wird sich jemand stark interessieren. Und auch für Sie, mein Freund.«
Er gab die Zeitmaschine an Miguel Canaro zurück, der sie sorgfältig wieder im Rucksack verstaute. Im Gegensatz zum Inquisitor war dem Häscher anzusehen, wie unwohl er sich bei dem Kontakt mit dem Gerät fühlte.
»Ihr werdet die Möglichkeit haben, euer Leben zu retten, wenn ihr mit uns zusammen arbeitet.«
Er blickte Carmela an und sagte einige Worte auf Spanisch. Sie fuhr hoch und schrie ihm einige Worte nach, die alles andere als freundlich klangen. Aber de Torquemada hatte ihr bereits den Rücken zugekehrt. Seine einzige Antwort bestand aus einem bösen Lachen.
Carmela sank gegen die Wand und ließ sich nach unten gleiten. Ken kümmerte sich um sie und versuchte, sie zu beruhigen.

Sebastian de Torquemada zog sich auf seine Amtsstube zurück. Sie war spartanisch eingerichtet, nur ein großer wuchtiger Schrank und ein Schreibpult inklusive Stuhl standen darin. Einige Dokumente lagen auf dem Tisch, andere waren am Boden zu Stapeln geschichtet worden.
Er holte einen Bogen Papier aus einer Schublade und begann, einen Brief zu verfassen. Nach einer guten Viertelstunde legte er den Füller zur Seite, ließ die Tinte trocknen, faltete das Papier und steckte es in einen Umschlag.
Der Inquisitor verließ das Gebäude und begab sich zwei Straßen weiter, wo in einem Hauseingang ein verdreckter Junge kauerte.
De Torquemada schaute sich kurz um. Die Sonne stand bereits tief, auf den Straßen war nicht mehr viel los. Er nickte dem Jungen zu und lächelte sogar, als er diesem den Brief in die Hand drückte.
»Wie immer, mein Freund. Lauf damit zum Alchemisten«, sprach er leise und gab dem Jungen zusätzlich einige Peseten. Der Junge, dem das Haar wirr in alle Richtungen abstand, nickte und rannte dann davon.
Der perfekte Botengänger. Sebastian blickte dem Kind nach. Stumm und ungebildet.
Er wusste, dass die Zeilen Arturos Interesse wecken würden. Aber bis es dunkel wurde, musste er noch ausharren. Er beschloss, noch einen Rundgang durch das Gefängnis und den Folterkeller zu machen.
Sein Weg führte ihn direkt zu der an die Wand gefesselten Claudia Perrero. Ihr geschundener, ausgemergelter Körper lehnte zusammengesunken an der steinernen Mauer. Als sie das Geräusch der sich nähernden Schritte vernahm, hob sie den Kopf. Ein böses Grinsen verzerrte ihre Züge, und sie schien ihn direkt anzusehen – nur hatte sie die Augen so stark verdreht, dass nur noch das Weiße zu sehen war. Dieser »Blick« ließ de Torquemada unwillkürlich frösteln.
Dennoch ließ er sich vor ihr nieder.
»Lass mich frei«, krächzte die Besessene heiser zur Begrüßung. Sebastian schüttelte den Kopf.
»Das kann ich nicht.«
»Natürlich kannst du.« Sie zerrte an den Ketten.
»Noch nicht.«
Sie stellte alle Bewegungen ein und starrte ihn mit ihren verdrehten Augen an.
»Inquisitor, die Schlinge zieht sich langsam enger um deinen Hals, und du wirst bald handeln müssen. Du hast die falschen Leute verärgert, und jetzt in diesem Moment wird bereits über dein Schicksal entschieden.«
»Woher willst du das wissen?«
Das Wesen lachte gehässig.
»Ich weiß vieles.«
Er starrte sie an, und tatsächlich fühlte er, wie sich seine Kehle einschnürte, und plötzlich fiel ihm das Atmen schwer. Es war weniger die Angst vor einer Verschwörung als viel mehr die Befürchtung, dass er gerade seine Seele dem Teufel verkaufte. Und dann war da der Gedanke an Anna und sein noch ungeborenes Kind.
»Was soll ich tun?«
»Das weißt du doch. Verschaffe uns Körper. Nach Möglichkeit vitale. Dieser hier ist schon stark verbraucht. Er kostet Kraft.«
De Torquemada zögerte.
»Was sollen die Bedenken, Inquisitor?«
»Heute Nacht«, murmelte dieser und erhob sich.
»Gut. Noch eines, de Torquemada.«
»Was?«
»Du hast heute ein neues, ein frisches Mädchen her gebracht. Sie ist sehr hübsch, nicht wahr? Wir wollen auch sie.«
Der hochgewachsene Mann schluckte schwer. Er wusste, dass er das Falsche tat. Aber die Angst fraß an ihm und ließ ihn kaum zu einem klaren Gedanken kommen.
»In Ordnung.«
Dann verließ er die Kammer hastig. Das böse Lachen des Dämons folgte ihm den Gang hinunter.

Die Nacht war angebrochen. Ken hatte mehrere Male versucht, ein Gespräch mit Markus zu beginnen, aber dieser hatte nur abweisend geantwortet. Fast schien es, dass der Deutsche alle Hoffnung aufgegeben hatte. Vielleicht lag es auch daran, dass ihnen die Zeitmaschine entwendet worden war.
Sie hatten inzwischen schon mehrere Gefahren gemeistert, doch noch nie war ihre Lage so aussichtslos gewesen wie jetzt, das war auch Ken bewusst.
Aber Claire und Dan befanden sich bestimmt noch auf freiem Fuß, vielleicht waren sie bereits auf dem Hof von Carmelas Familie, waren informiert und schmiedeten schon einen Plan, um Markus und ihn hier rauszuholen.
Und was, wenn nicht? flüsterte eine böse Stimme in ihm. Was, wenn sie bereits tot sind?
Ken mochte gar nicht daran denken.
Um sich abzulenken, redete er mit Carmela: sie spanisch, er englisch. Natürlich war die Kommunikation auf diese Weise schwierig, aber mit der Zeit meinte Ken, doch einige Sachen zu verstehen. Auch sie schien sehr lernbegierig und eine gute Auffassungsgabe zu besitzen.
So langsam glaubte Ken, sich einen Reim machen zu können, wie es in der Zeit und der Welt, in die es sie verschlagen hatte, aussah. Und es wollte ihm nicht so recht gefallen.
Schritte erklangen im Korridor. Okumotos Herz schlug schneller, und auch Carmela, die sich wieder an ihn gelehnt hatte, wurde merklich angespannter.
Zuerst sah Ken nur den Schein einer Lampe, dann traten zwei Männer vor ihre Zelle. Der vordere war derjenige, der schon einmal hier gewesen war und sie nach der Bedeutung der Zeitmaschine gefragt hatte.
Der andere hatte sich in einen Mantel gekleidet, der genauso schwarz war wie sein Haar, nur dass dieses von silbergrauen Fäden durchzogen war. Dennoch schaffte Ken es nicht, das Alter dieser finsteren Gestalt zu schätzen. Und der Blick aus diesen Augen übte einen unwiderstehlichen Zwang aus.
Er merkte, wie er schläfrig wurde. Neben ihm wurde das Gewicht von Carmelas Kopf auf seiner Schulter schwerer, und auch seiner senkte sich langsam nach vorne.
Arthur von Karnstein hieß de Torquemada die Tür aufschließen, als er sah, dass der hypnotische Zwang bei der Spanierin und dem Asiaten Wirkung tat. Er trat ein und näherte sich Markus.
»Steh auf.«
Der deutsche Austauschstudent blickte auf, als er in seiner Muttersprache angeredet wurde. Seine Augen glänzten plötzlich wieder heller, und in seiner Stimme schwang Hoffnung mit.
»Sie... Sie sind Deutscher?«
Der Mann lächelte. Und auch wenn er Markus ein wenig an Rasputin erinnerte, empfand er dessen Ausstrahlung nicht mehr als bedrohlich.
»Natürlich. Komm mit mir. Dann werde ich euch helfen.«
Markus blickte zum Inquisitor, aber von Karnstein schüttelte den Kopf.
»Keine Angst. Er versteht nicht, was wir reden. Aber verrate dich nicht mit Gesten oder Mimik.«
»Aber... meine Freunde...«
»Um sie werden wir uns später kümmern. Wenn ich euch alle mitnehme, wird das zu auffällig. Und wenn wir hier noch länger palavern, ebenfalls. Entscheide dich rasch.«
Markus warf noch einen Blick zu Ken und Carmela hinüber. Seltsamerweise verharrten sie völlig regungslos, ja, es schien gar, als seien sie eingenickt! Aber wie konnte das sein? Interessierte sie denn gar nicht, was um sie herum geschah? Oder hatten sie sich nun ebenfalls in ihr Schicksal ergeben?
Er konzentrierte sich wieder auf den Rasputin-Typen. Konnte er diesem vertrauen? Aber was hatte er schon für eine Wahl? Außerdem waren sie Landsmänner, und in der Fremde verband so etwas doch.
Den Ausschlag gab schließlich das, was Arthur von Karnstein in der rechten Hand hielt: Markus’ Rucksack mit der Zeitmaschine.
Der deutsche Physikstudent stemmte sich hoch und folgte dem Alchemisten, während de Torquemada die Zelle hinter ihnen wieder verschloss. Dann trat der Inquisitor hinter Markus, packte seine Hände und holte Handschellen hervor. Becker wollte sich ihm entziehen, aber von Karnstein legte ihm die Hand auf die Schulter.
»Lass ihn gewähren. Wir müssen den Schein wahren. Sonst bist du schneller wieder in der Zelle, als du denkst. Und das wollen wir doch beide nicht.«
Markus wehrte sich nicht mehr.

»Denkst du, wir können Ribeira vertrauen?«, fragte Claire, während sie die Tür zu der ihr zugewiesenen Kammer aufzog.
Dan, der neben ihr stand, nickte.
»Klar. Er macht einen vernünftigen und sehr sympathischen Eindruck.«
»Ja, das denke ich auch. Was meinst du, wie geht es Ken und Markus?«
»Ich hoffe, gut. Wenn Antonio Recht hat, wird ihnen so schnell auch nichts passieren. Eigentlich sind sie im Gefängnis wahrscheinlich sicherer als anderswo. Nur das Essen wird wohl nicht so besonders sein.«
Er grinste. Claire puffte ihn in die Seite.
»He, ich mache mir ernsthaft Sorgen. Wir müssen sie unbedingt da rausholen.«
»Ja, ist ja schon klar. Wir überlegen uns morgen was.«
Einen Moment lang hing jeder seinen eigenen Gedanken nach. Dann brach Claire das Schweigen:
»Sag mal, Dan...«
Freudige Erwartung schlich sich in dessen Augen.
»Claire?«
Sie neigte den Kopf und grinste.
»Woher kannst du eigentlich so gut Spanisch?«
»Ach, also... weißt du... Ich hatte mal ’ne Freundin mit mexikanischen Wurzeln. Da bleibt so einiges hängen.«
»Ach, wirklich? Du hast doch nur fleißig Spanisch gelernt, um ihr zu imponieren und sie ins Bett zu kriegen.«
»Hey, damals war ich erst vierzehn!«
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass dich das gehindert hat.«
Simons Blick wurde ernst.
»Das sind ein paar schmerzvolle Erinnerungen, also lassen wir das.«
Claire wollte zu einer spitzen Antwort ansetzen, aber als sie in sein Gesicht schaute, unterließ sie es.
Aha. Wahrscheinlich hat sie ihn fallen lassen. Männer und ihr verletzter Stolz...
Also schwiegen sie sich für kurze Augenblicke an, bis Dan ein wenig verlegen fragte:
»Ähm... du hast nicht etwa noch Lust auf ein wenig Gesellschaft?«
»Dan, ich bin bereits sehr müde, und morgen wird bestimmt auch noch ein anstrengender Tag. Es ist besser, wenn wir schlafen gehen. Richtig schlafen, meine ich. Jeder für sich.«
Claire seufzte innerlich. Klar, Dan sah gut aus und war sportlich, und sie mochte ihn. Dennoch, sie war nicht bereit, ihn näher an sich ranzulassen. Noch nicht. Sollte er ruhig ein wenig schmoren.
»Na ja, ich meinte ja nur... ähm...«
Dan hingegen fragte sich, warum er sich gerade wie ein verliebter rotznäsiger Esel benahm.
Claire bereitete dem Ganzen ein schnelles Ende, tippte ihn mit dem Zeigfinger auf die Nasenspitze, flüsterte ein »Gute Nacht« und schlüpfte rasch (und innerlich kichernd) in ihren Raum.
Als die Tür ins Schloss fiel, blinzelte Dan und starrte für zwei, drei Sekunden noch die Klinke an.
»Ich Depp«, murmelte er und trabte auf sein eigenes Zimmer.

Die tiefen Atemzüge neben ihm verrieten de Torquemada, dass Anna fest schlief. Seinem Gefühl nach musste es jetzt kurz vor Mitternacht sein. Vorsichtig hob er die Decke an und schlüpfte aus dem Bett. Ebenso behutsam zog er sich an; seine Frau sollte nicht wach werden. Wenn sie ihm Fragen stellte, wie sollte er ihr dann antworten? Selbst die Wahrheit – gerade die Wahrheit – würde sie ihm nicht abnehmen.
Nein, was er vor hatte, musste im Stillen, im Geheimen geschehen.
Er stahl sich aus dem Haus.
Während er durch die dunklen Gassen schlich, kamen erneut Zweifel und Ängste auf. In was für eine Lage war er bloß geraten... In den letzten Wochen hatte er kaum noch nüchtern und überlegt gehandelt. Begonnen hatte alles mit der offenen Feindseligkeit zwischen Perrero und ihm. Und nun schien das Ganze aus den Fugen zu geraten, obwohl er seinen Hauptfeind beseitigt hatte. Seine Hände zitterten, selbst bei ganz normalen Tätigkeiten.
Erst als er seine Arbeitsstätte erreichte, wagte er es, eine Gaslampe zu entzünden. Die Nachtwache erkannte ihn und nickte ihm zu. Dem Mann mochte es außergewöhnlich erscheinen, dass der Inquisitor um diese Zeit auftauchte, aber er würde den Mund halten. Sebastians rechte Hand, Canaro, suchte seine Männer mit äußerster Sorgfalt aus, und Verschlossenheit war eines der Kriterien.
Ein Blick auf seine Taschenuhr zeigte de Torquemada, dass Mitternacht gerade durch war. Er wollte sein unheiliges Werk möglichst rasch beenden und wieder zurück ins Bett, zu seiner (hoffentlich) friedlich schlafenden Frau.
Er hastete zu seiner Amtsstube hoch und holte einen scharfen langen Dolch, danach führte ihn sein Weg zu den Gefangenen. Alle schliefen, und bevor sie es überhaupt bemerkten, hatte ihnen de Torquemada bereits das entsprechende Zeichen unter die Achsel geritzt.
Außerdem waren die meisten seiner insgesamt acht Opfer viel zu erschöpft, um sich überhaupt zur Wehr zu setzen.
Während der ganzen Zeit glaubte er, das böse Lachen der besessenen Claudia zu hören. Ihn schauderte, und insgeheim verfluchte er sich für seine Taten. Aber es gab kein Zurück.
Schweiß stand auf seiner Stirn, als er endlich die Zelle erreichte, in der Ribeiras Tochter und der Japaner lagen. Beide schliefen tief und fest; nachdem Arturo ihnen die Müdigkeit mit seinem bloßen Blick aufgezwungen hatte, waren sie nicht mehr erwacht. Sebastian hatte das Phänomen schon bei zwei, drei anderen Gelegenheiten mit beobachten dürfen, und einmal mehr war ihm der deutsche Alchemist unheimlich.
Was wohl seine Pläne mit seinem Landsmann waren?
Der Inquisitor verdrängte die Gedanken und konzentrierte sich auf Carmela. Ken war zur Seite ins Stroh gesunken, und die Spanierin war der Bewegung gefolgt und lag nun auf ihm.
De Torquemada kniete sich hin und strich ihr das Haar aus dem Gesicht. Sie war wirklich sehr hübsch. Er streichelte ihr über die Wange, und sein Blick saugte sich an ihren prallen Brüsten fest, die sich unter dem Kleid deutlich abzeichneten.
Sie regte sich im Schlaf und murmelte etwas; de Torquemada wurde aus seinen Gedanken gerissen und konzentrierte sich auf seine Aufgabe. Er hob ihren Arm hoch und hielt den Dolch in die Höhe. Die Spitze der Waffe glänzte rot und feucht im schwachen Licht der Gaslampe.
Mit einem raschen Schnitt öffnete er ihr Kleid und legte die Stelle unter ihrer Achsel frei.
In diesem Moment erwachte sie und begann, sich zu wehren!

Arthur von Karnstein hatte sich auf dem Weg zu seinem Haus vorgestellt und höflich mit Markus geplaudert, ihn über seinen Heimatort ausgefragt und selbst ein wenig erzählt, wo ihn seine Reisen überall hingeführt hatten. Direkte Fragen von Markus hatte er jedoch geflissentlich übergangen; fast schien es, als würde er einfach sich selbst gerne reden hören.
Als Markus beschlossen hatte, von sich aus nichts mehr zu sagen, es sei denn, er wurde direkt angesprochen, waren sie bereits beim Haus des Alchemisten angelangt.
Von Karnstein hatte ihm sein Labor gezeigt, das vollgestopft war mit allerlei Krempel: eine Alchemisten-Küche mit allem, was dazu gehört, Regale voller Bücher, Konservierungsgläser mit undefinierbaren Inhalten, die, wie Markus annahm oder zumindest hoffte, allesamt von Tieren stammten, ein Klemmbrett, auf dem noch eine Risszeichnung lag, Zeichnungsmappen, die in chaotischer Unordnung auf Tischen, Stühlen und am Boden lagen und aus denen die Ecken von Blättern ragten.
Es glich schon fast einem Wunder, dass Arthur sich hier zurecht fand.
Er hatte Markus einige seiner Zeichnungen gezeigt und erklärt. Meistens handelte es sich dabei um Optimierungsmöglichkeiten von Fahrzeugen, aber es hatte auch Sachen darunter, die selbst Markus utopisch anmuteten. Wie zum Beispiel die Maschine, mit der sich Arthur erhoffte, die Gedanken anderer Menschen lesen zu können.
Die Zeit war für Markus quälend langsam vergangen, da er immer noch die Handschellen trug und die Arme in unbequemer Stellung auf dem Rücken lagen. Auch nach mehrmaligem Bitten hatte von Karnstein kein Einsehen gehabt und Markus’ Beschwerden schlichtweg überhört.
Erst jetzt, nachdem die mitternächtliche Stunde schon geschlagen hatte, erbarmte er sich und holte einen Schlüssel aus seiner Manteltasche, um die Fesseln aufzuschließen. Erleichtert seufzte Markus und rieb sich die Handgelenke.
»Das hätten Sie ruhig ein wenig früher tun dürfen.«
Arthur lächelte entschuldigend und zuckte mit den Schultern.
»Ich hab’s in meinem Eifer wohl ganz vergessen.«
Und mir gar nicht zugehört, dachte sich Markus, aber er hütete sich, das laut zu sagen. Er wollte seinen Gastgeber nicht verärgern. Zumindest so lange nicht, bis er wusste, was dieser nun genau wollte.
»Setz dich ruhig.«
Der Alchemist deutete auf einen Stuhl. Markus nahm das Angebot dankend an, während von Karnstein durch den Raum wanderte und auf diverse Blätter kurze Notizen kritzelte. Dann blickte er zu Markus und lächelte wieder. Er hob den Rucksack vom Boden, wo er ihn bei ihrer Ankunft hin gestellt hatte, und holte die Zeitmaschine heraus. Behutsam stellte er das zylinderförmige Gerät auf den Tisch, zwischen diverse Glasbehälter und einen Bunsenbrenner.
»Ein faszinierendes Gerät«, bemerkte er und strich mit der Hand darüber. Dann stiefelte er auf Markus zu.
»Kannst du mir sagen, was es bewirkt?«
Markus trat der kalte Schweiß auf die Stirn. Er überlegte, was er dem Mann sagen sollte. Zum einen wusste er nicht, wie weit er seinem Landsmann vertrauen konnte. Zum anderen war dieser ein Forscher; es mochte durchaus sein, dass dieser eine Lüge sofort durchschaute – oder von Markus verlangte, die Funktion der Maschine vorzuführen.
»Es... äh... ist ein Gerät, das die Geschwindigkeit des Lichts berechnet.«
Hätte er bloß geahnt, was auf ihn zukommen würde! War ihm denn nicht klar geworden, dass diese Situation früher oder später eintreten würde? Er hätte sich eine bessere Antwort überlegen sollen.
Arthur beugte sich vor und legte seine Hände auf die Lehnen des Stuhls und blickte über die Schulter zum Tisch. Markus rümpfte die Nase – von Hygiene schien der Rasputin-Verschnitt nicht viel zu halten. Außerdem war ihm die Berührung der langen, spinnenbeinhaften Finger unangenehm, die sich auf seine Hände gelegt hatten und sanft darüber strichen.
»Tatsächlich?«, murmelte von Karnstein.
Metallene Bänder schlossen sich über Markus’ Handgelenke und fesselten ihn an den Stuhl. Er hatte die Bewegung, mit der Arthur den Mechanismus ausgelöst hatte, gar nicht bemerkt; und verfluchte sich dafür, so unachtsam und vertrauensselig gewesen zu sein.
Wie hatte er bloß annehmen können, dass der Alchemist ihm Gutes wollte?
»Was soll das!«, fuhr er auf. Er riss an den Stuhllehnen. Es war aussichtslos.
Arthur von Karnstein lachte meckernd.
»Eine kleine Sicherung, mein lieber Landsmann. Du bist zu wertvoll, als dass ich eine etwaige Flucht riskieren könnte. Das wirst du doch verstehen.«
Von Karnstein ging hinüber zum Tisch, nahm die Zeitmaschine auf und drehte sich zu Markus um.
»Und nun rede. De Torquemada hat mir von eurer Reaktion erzählt, als er die Maschine auf den Boden werfen wollte. Die Geschwindigkeit des Lichts berechnen, wie? Nein, mein Freund, sie muss eine weitaus wertvollere Funktion haben.«
Markus senkte den Kopf und schwieg trotzig.
»Willst du es wirklich auf die harte Tour, mein Junge?« Arthurs Lippen zierte ein vorfreudiges kaltes Lächeln. »Glaub mir, ich kenne einige nette Methoden, die dich mit Sicherheit zum Plaudern bringen.«
Er umrundete den Tisch, nahm einen Holzkasten mit einem aufgespannten sezierten Frosch und legte diesen in ein Regal. Dann griff er nach der Zeitmaschine und setzte sich.
»Denk darüber nach, Markus. Ein klein wenig Zeit hast du noch.«
Der Alchemist begann, die Maschine auf einen großen Bogen Papier abzuzeichnen, skizzierte verschiedene Ansichten und machte sich ein paar Notizen. Die nächste halbe Stunde beobachtete ihn Markus dabei, während sich der deutsche Physikstudent den Kopf darüber zerbrach, wie er aus dieser Lage wieder heraus kam.
Der Stuhl war zu stabil, als dass er sich Chancen ausrechnen konnte, diesen zu zerbrechen, wenn er sich hintenüber kippen ließ. Was übrigens ebenfalls unmöglich war: als Becker versuchte, mit dem Stück hin und her zu rutschen, stellte er fest, dass dieses am Boden verschraubt war.
Er brauchte dringend eine plausible Erklärung, was die Arthur noch unbekannte Maschine bewirkte, ohne der Wahrheit zu nahe zu kommen. Aber je mehr Möglichkeiten er durchspielte, umso schwerer fiel es ihm.
Und dann widmete von Karnstein ihm wieder ungeteilte Aufmerksamkeit.
»Nun, willst du mir jetzt die Wahrheit sagen?«
Sein Blick war stechend und zwingend, und sofort konzentrierte sich Markus auf seine Knie. Es war unmöglich, in diese grünen Augen zu sehen und zu lügen.
»Na gut.«
Arthur stand auf, ergriff die Zeitmaschine mit beiden Händen und begab sich wieder vor den Tisch, wo er sich – etwas unbeholfen – auf die Tischkante setzte. Seine Finger strichen über den gläsernen Zylinder.
Und plötzlich kühlte die Luft im Raum merklich ab.
Zuerst dachte Markus, dass von Karnstein vielleicht unabsichtlich die Zeitmaschine in Betrieb genommen hatte. Aber würde die Kälte dann auch ihn treffen, obwohl er keinen direkten Kontakt zu dem Gerät hatte?
Bisher hatten sie keine entsprechenden Erfahrungen gemacht, da sie ja immer selbst die Zeitreisenden und direkt betroffen gewesen waren. Aber selbst wenn er davon ausging, dass die Kälte auch den umliegenden Raum erfüllte und nicht nur ein Phänomen war, das die Zeitreisenden betraf, so hätte Arthur jetzt in bläuliches Licht getaucht sein und im Strom der Zeit verschwinden müssen.
Markus sah jedoch immer noch seine Beine, die vor dem schweren Tisch baumelten. Die sinkende Temperatur wirkte sich auf seinen Körper aus. Er begann zu schlottern.
Wie feuchter Nebel strich die kalte Luft über seine Hände und Unterarme, kroch unter sein T-Shirt und verursachte eine Gänsehaut. Das Gefühl, von einem nassen Tuch berührt zu werden, verstärkte sich. Feine, spitze Nadeln schienen sich in seine Haut zu bohren und seine Nerven taub werden zu lassen.
Dann begann es zu jucken und zu brennen. Markus warf den Kopf in den Nacken und schrie, verzweifelt zerrte er an seinen Fesseln, um seine Hände frei zu kriegen und sich zu kratzen.
Wie aus weiter Ferne hörte er Arthurs ruhige Stimme.
»Sag mir, was dieses Gerät bewirkt, und die Schmerzen hören auf.«
Beckers Herz raste, seine Kopfhaut zog sich zusammen. Das Gefühl, das Etwas versuchte, in seinen Körper einzudringen, wurde übermächtig.
»Rede, und ich rufe sie zurück.«
»Eine... es ist... eine... eine Zeitmaschine!«, stieß Markus keuchend hervor. Starke Schmerzen, als würde ihm die Haut in großen Streifen abgerissen, übermannten ihn. Er verdrehte die Augen und war einer Ohnmacht nahe.
Und dann war die Pein von einem Moment zum andern weg. Seufzend entspannte er sich, sein Kopf sank nach vorne. Sein Atem ging schwer und keuchend, und er schloss die Augen, während von Karnstein leise lachte.
»Warum denn nicht gleich so?«
Markus erholte sich nur langsam. Noch immer schlug sein Herz wie verrückt, und die Kälte schien sich in ihm fest gefressen zu haben. Er öffnete die Augen und blickte auf seine nackten Arme. Sie waren heil, aber kleine verwässerte Blutströpfchen waren aus den Poren getreten.
Von Karnstein bemerkte seinen Blick.
»Ja, man schwitzt wirklich Blut und Wasser, wenn man Lechethons Ruf vernimmt.«
»Le... was?«, krächzte Markus. Arthur winkte ab.
»Ein okkulter Begriff. Keine Angst, es bleiben keine Verletzungen zurück, wenigstens nicht am Körper.
Erzähle mir mehr über diese... Zeitmaschine. Was tut sie genau?«
Markus wusste, dass er verspielt hatte. Gegen diesen Mann – und seine Verhörmethoden – hatte er keine Chance. Lieber wollte er reden, als noch einmal den gerade erlebten (oder noch schlimmeren) Qualen ausgesetzt zu werden.
»Man... man kann mit ihr durch die Zeit reisen.«
»Tatsächlich? Wie interessant. Wie geht das vonstatten?«
»Keine... Ahnung. Sie – sie ist defekt. Sie funktioniert nicht richtig.«
»Aber du und dein Freund, ihr seid aus einer anderen Zeit gekommen.«
»Aus einer andern Zeit – und einer anderen Welt, ja.«
»Eine – andere Welt?«
Markus nickte. Weitere Erklärungen dazu wollte er nicht abgeben; glücklicherweise schien das von Karnstein vorerst auch gar nicht zu interessieren. Neugierig betrachtete er das Display.
»Wie benutzt man sie?«
»Bitte, lassen Sie die Finger davon. Lassen Sie mich gehen. Ich und meine Freunde wollen nur in unsere Welt zurück.«
Zu spät bemerkte Markus, dass er sich verplappert hatte. Arthur – und die Schergen des Inquisitors – wussten anscheinend nur von ihm und Ken. Aber der Alchemist schien es schlichtweg zu ignorieren, wie das Meiste, das Markus sagte.
Sie blickten sich an.
»Dieses Gerät ist viel zu wertvoll, als dass es in deinen Händen bleiben sollte. Du bist ein Narr, Markus Becker. Weißt du, was sich damit alles erreichen lässt?«
»Was wollen Sie wirklich, von Karnstein? Wer sind Sie?«
»Der Teufel vielleicht?«
Arthur lachte meckernd, und tatsächlich erinnerte er in diesem Moment an den Leibhaftigen, mit seinem wilden Bart und den glühenden Augen.
»Nein, eigentlich bin ich nur ein Suchender, ein Forscher. Ich will die Geheimnisse der Welt und des Geistes entdecken und entschlüsseln.«
Er hielt die Zeitmaschine hoch.
»Und mit diesem Instrument, so glaube ich, werde ich meinem Ziel rasch näher kommen.«
Er ist verrückt. Ein Wahnsinniger, dachte Markus.
»Wir haben viel Zeit, mein junger Freund. Und du wirst mir viel zu erzählen haben.«
Die letzten Worte hörte Becker nur noch wie durch Watte. Dann übermannte ihn die Erschöpfung, und er verlor die Besinnung.

Ken wälzte sich auf die andere Seite, nachdem der Druck von seinem Körper gewichen war. Das Gefühl war nicht einmal beklemmend gewesen, sondern warm und angenehm. Dann glaubte er, entfernte Stimmen zu hören, Fluchen und Keuchen.
Erst langsam fand er zurück in die Wirklichkeit. Sein Kopf fühlte sich taub und schwer an. Er richtete seinen Oberkörper auf und lehnte sich gegen die Wand. Ganz in der Nähe spendete eine Lampe schwaches Licht. Die Geräusche, die er nicht recht einordnen konnte, kamen von links.
Langsam drehte er den Kopf und konnte einen dunklen Schatten ausmachen, der über einem weißen Fleck kauerte. Er blinzelte, und seine Augen begannen, das Geschehen schärfer wahr zu nehmen.
Es war der dunkel gekleidete Mann, der sie bereits zwei Mal besucht hatte, derjenige, der sich auf Englisch mit ihnen unterhalten hatte. Er hockte auf Carmela, die sich verzweifelt gegen ihn wehrte; aber seine Knie pressten ihre Handgelenke auf den kalten Boden, und alles, was sie tun konnte, war, den Kopf hin und her zu werfen und mit den Beinen zu strampeln.
Okumoto schob sich an der Wand nach oben. Noch immer wacklig auf den Beinen machte er einen Schritt vorwärts. Die beiden Kämpfenden bemerkten ihn nicht. De Torquemadas Blick huschte über den Boden und fand den Dolch, den er bei Carmelas erster Gegenwehr verloren hatte. Er beugte sich nach vorn und wollte nach ihm greifen, aber in diesem Moment bäumte sich die Bauerntochter unter ihm auf und hätte ihn beinahe abgeworfen. Er fluchte und schlug ihr hart ins Gesicht.
Ken war sich bewusst, dass die Schläge, die er in seinem momentanen Zustand ausführen würde, kaum die erhoffte Wirkung tätigen würden. Er entsann sich eines Tricks, den er einmal in einem alten Streifen (die Verfilmung von 1960 von H. G. Wells Roman – oh Ironie - Die Zeitmaschine) gesehen hatte. Er ballte die Linke zur Faust und schloss die Rechte darum, trat hinter de Torquemada, holte weit über seinen Kopf aus und ließ die Hände in Sebastians Nacken krachen.
Ohne auch nur einen Mucks von sich zu geben, sackte der Inquisitor zur Seite und blieb regungslos liegen. Carmela war sofort auf den Füßen und klammerte sich schluchzend an Ken. Einen Moment lang kämpfte der Informatikstudent mit seinem Gleichgewicht, dann streichelten seine Hände beruhigend über ihren Rücken.
»Komm, lass uns von hier verschwinden. Der Herr hatte die Gnade, uns die Tür auf zu lassen.«
Die Spanierin verstand und nickte.
Als sie aus der Zelle traten, fiel ihnen zum ersten Mal das jämmerliche Geheul auf, das durch die Gänge hallte. Ein kalter Schauer lief über Kens Rücken.
»Können wir denn gar nichts tun? Können wir diesen Menschen denn nicht helfen?«
Carmela schüttelte den Kopf, auch wenn ihr anzusehen war, dass sie mit dem gleichen Gedanken wie Ken spielte.
Sie gingen den Gang hinunter. Immer wieder erklangen Schreie, und langsam beschlich Ken ein ungutes Gefühl. Es musste doch mitten in der Nacht sein! Welcher Unmensch würde um diese Zeit noch jemanden foltern? Konnte jemand wirklich so kaltblütig und grausam sein, den Gefangenen rund um die Uhr Schmerzen zuzufügen? Oder ging hier noch etwas ganz anderes vor?
Und – würden sie es hier herausschaffen, ohne einer Wache zu begegnen?
Als sie an der ersten besetzten Zelle vorbei kamen, verstummte das Geheule wie abgeschnitten. Ein ausgezehrtes, bleiches Gesicht sah sie aus dem Dunkel zwischen den Gitterstäben an, knochige Finger spannten sich um den schwarzen Stahl. Die plötzlich eingetretene Stille war noch unheimlicher als das schauerliche Gebrüll zuvor.
Ken drängte Carmela zum Weitergehen.
Sie erreichten einen abzweigenden Gang, an dessen Ende eine Treppe nach unten führte. Carmela blieb stehen, löste sich dann von Ken, ehe dieser reagieren konnte, und eilte auf die schmalen Stufen zu. Fluchend folgte ihr der Amerikaner japanischer Herkunft.
Ihm wurde übel, als er den Zweck der Einrichtung erkannte, welche die Räume ausfüllte, die sie nun betraten. Folterinstrumente, die offenkundig rege benutzt wurden...
»Carmela!«, zischte er. Sie verschwand gerade in einem Durchgang mit gemauertem Rundbogen. Er ging ebenfalls darauf zu, als er ihre erstickte Stimme hörte:
»Claudia...«
Die Tochter von Antonio Ribeira kniete sich neben eine Gestalt in einem zerlumpten ehemals weißen Kleid, um deren Hände Schellen gelegt worden waren, die jeweils mit einer Kette mit der Wand verbunden waren. Das Haar hing ihr struppig ins Gesicht.
Jetzt, als sie ihren Namen hörte, hob das geschändete Mädchen ihren Kopf und blickte Carmela an, welche die Hände ausstreckte und sanft über die eingefallenen Wangen strich, während sie beruhigend auf ihre Freundin einsprach.
Ken trat ein wenig näher und sah dem armen Wesen ins Gesicht. Ihre Augen waren so verdreht, dass nur noch das Weisse zu sehen war. Der Student fröstelte. Was hatten diese Unholde dem Mädchen bloß angetan?
Claudia begann, mit Carmela zu reden. Ken lauschte dem Klang ihrer schwachen Stimme. Irgend etwas daran war seltsam, falsch. Aber er konnte nicht sagen, was.
Sein Unbehagen verstärkte sich noch, als er den Schatten bemerkte, der über ihrem Gesicht lag und sich unabhängig vom Gaslicht zu bewegen schien. Als würde sich eine durchscheinende zweite Haut über ihre eigene spannen und ihre Züge leicht verzerren. Ken blinzelte, aber der Eindruck blieb.
Bemerkte Carmela denn gar nichts? Sie benahm sich, als wäre alles ganz normal.
Plötzlich schien das angekettete Mädchen sein Interesse zu bemerken. Ihr Kopf ruckte herum, die weissen Augäpfel blickten ihn direkt an. Sie öffnete den Mund, und schwarze Zahnstummel reihten sich aneinander. Eine gespaltene schwarze Zunge schoss aus dem Mund, bevor Claudia zischte:
»Du!«
Erschrocken tat Okumoto einen Schritt rückwärts. Das bereits ausgemergelte Gesicht des Mädchens schien noch weiter einzufallen, das Fleisch der Nase verfaulte vor seinen Augen, um nur zwei nässende dunkle Schlitze übrig zu lassen, die weißen Kugeln, von denen Ken nicht glauben wollte, dass sie damit sehen konnte, begannen rötlich zu leuchten.
Ihre Finger schlossen sich um Carmelas Handgelenk. Die langen verwachsenen und verhornten Nägel gruben sich in das Fleisch der Bauerntochter, die vor Schmerz und Abscheu aufschrie und Claudias Namen stammelte.
»Sie gehört mir!«, fauchte das Wesen Ken an.
Blut trat aus den kleinen Wunden und lief in einem schmalen Rinnsal über Carmelas Unterarm.
Ken schlug ansatzlos zu. Seine Faust traf die Wange der Besessenen; ihr Kopf wurde gegen die Wand geschleudert und traf mit einem hässlichen Knacken auf die Mauersteine. Wie in Zeitlupe fiel er wieder nach vorne, bis ihr Kinn die Brust berührte, aber der Griff um Carmelas Handgelenk lockerte sich nicht.
Okumoto zwängte seine Finger unter die des Wesens und musste alle Kraft aufwenden, um sie zu lösen. Als er es endlich geschafft hatte, rutschten sie beide keuchend und erschöpft von Claudia weg.
Carmela murmelte immer wieder einen Satz, in dem das Wort »el diablo« vorkam: der Teufel.
Kurze Zeit später erhoben sich die beiden und eilten aus dem Folterkeller. Nur weg von hier!
Aber sie hatten die Rechnung ohne die Nachtwache gemacht. Als sie den Mann bemerkten, war es zu spät, einen anderen Weg zu suchen. Denn da sah sie dieser bereits ebenfalls und sprang auf, um ihrer Flucht ein schnelles Ende zu bereiten.

Der hoch- und breitgewachsene Spanier grinste siegessicher, als er den Beiden entgegen sah. In Ken Okumoto sah er keinen Gegner; dieser schmächtige kleine Knirps? Nie und nimmer.
Die Wache ballte die Rechte und knetete sie mit der Linken. Die Knöchel knackten vernehmlich.
Carmela und Ken blieben einige Meter von dem bulligen Typen entfernt stehen. Der Informatikstudent lockerte sich und brachte sogar ein leichtes Lächeln zu Stande. Der Wächter bemerkte dies und kniff irritiert und misstrauisch die Augen zusammen, als der Amerikaner japanischer Herkunft auf ihn zu marschierte, ohne eingeschüchtert zu wirken.
»Na warte, Bürschchen, dir zeig ich’s!«, knurrte der Spanier in seiner Muttersprache – senkte den Kopf und preschte vor, auf Ken zu, wohl, um ihn einfach zu überrennen.
Okumoto indes fühlte sich wieder fit genug, um es mit dem Klotz aufzunehmen. Geschickt und flink wich er aus, und nach zwei weiteren Schritten blieb die Wache überrascht stehen, als sie merkte, dass kein Feindkontakt zustande gekommen war. Der Spanier drehte sich um – und kassierte einen Tritt zwischen die Rippen. Mit einem ächzenden Laut fiel er nach hinten und rang nach Luft.
»Ich hoffe, es tut recht weh«, grinste Ken. Carmela half ihm, den Mann fachgerecht zu verschnüren und zu knebeln. Sie ließen ihn einfach liegen und verließen das Gebäude.
Ken selbst wäre in dem Gewirr aus Gassen hoffnungslos verloren gewesen. Aber Carmela führte ihn mit schlafwandlerischer Sicherheit durch die Stadt, bis sie an einer Tür stehen blieb und sacht dagegen klopfte. Sie musste dies mehrmals wiederholen, bis sich endlich an der Seite ein Fenster um einen Spalt breit öffnete und jemand brummig eine Frage stellte. Sofort begann Carmela auf den Mann einzureden. Ken stand abwartend daneben, bis ihnen endlich nach etlichen Minuten die Haustür aufgemacht wurde.
Der Mann, der sie einließ, mochte zwischen vierzig und fünfzig Jahren alt sein. Sein Gesicht sah im Schein der Kerze verhärmt und im Moment sehr griesgrämig aus. Die kleinen Augen in dem feisten Gesicht musterten Okumoto misstrauisch. Ken taten bald die Gesichtsmuskeln weh, weil er so verkrampft versuchte, freundlich zu lächeln.
Endlich schien der Mann durch Carmelas ständiges Zureden mürbe zu werden. Ken verstand nur soviel, dass er allem Anschein nach ein Freund ihres Vaters war oder zumindest in dessen Schuld stand. Wahrscheinlich beides.
Ihr Gastgeber wies sie an, ihm zu folgen, und führte sie durchs Haus. Im schwachen Licht der Kerze konnte Ken nicht viel von seiner Umgebung aufnehmen.
Der Spanier blieb an einem Schrank stehen, öffnete ihn und drückte Carmela und Ken jeweils ein grosses Bündel in die Arme. Okumoto musste unwillkürlich an Pferde denken, als er den Geruch wahrnahm, den die Decken ausströmten.
Im zweiten Stockwerk wurde ihnen schließlich eine Kammer zugewiesen. Carmela bedankte sich bei dem Mann, und dieser verschwand, nachdem er eine weitere Kerze angezündet hatte, die auf einem Tischchen stand. Ansonsten war das Mobiliar recht spärlich. Nur noch ein Schrank und eine Kommode befanden sich im Zimmer. Von einem Bett war weit und breit nichts zu sehen; sie mussten es sich wohl oder übel auf dem Boden bequem machen.
Carmela hatte ihre Decken bereits ausgebreitet, und Ken begann, seine eigenen in einem Abstand auszulegen, von dem er dachte, dass dem Anstand Genüge getan war.
Er wollte sich gerade umdrehen und seiner hübschen Begleiterin gute Nacht wünschen, als diese ihre Hand auf seine Schulter legte. Sie stellte sich vor ihn, und ihr Gesicht näherte sich dem seinen. Er schluckte schwer.
»Also, ich weiß nicht... ob das richtig ist... äh...«
Sanft berührten ihre weichen Lippen die seinen, ihr Körper drängte sich gegen ihn. Er konnte ihre weichen Brüste spüren, die Wärme, die sie ausstrahlte.
Er erwiderte ihren Kuss, der immer fordernder wurde. Ihre Zunge drängte sich in seinen Mund, während er seine Hände über ihren Rücken gleiten ließ.
Sie half ihm, sich zu entkleiden, dann sanken sie auf die Decken. Carmela zeigte ihm, was es hieß, spanisches Blut in den Adern zu haben; sie wurde schnell ungeduldig, nachdem Ken noch ein wenig zögerlich zu Werke ging und wälzte sich mit ihm herum, um obenauf zu sein.
In den nächsten paar Minuten vergaß der Informatikstudent alles um ihn herum: seine Sorgen, seine Freunde, die Angst, nie wieder in die eigene Zeit zurück zu finden.
Und danach, zusätzlich erschöpft von den Strapazen des Tages, schlief er rasch ein.

De Torquemada erwachte mit einem Brummschädel. Sein Nacken tat weh, und die unbequeme Lage, in welcher er am Boden gelegen hatte, tat ihr Übriges, um das Aufstehen zu einer Qual zu machen. Es war noch immer mitten in der Nacht; allzu lange war er wohl nicht ohne Bewusstsein gewesen.
Ächzend erhob er sich und stützte sich an der Wand ab. Die Zelle war – natürlich – leer, die Gefangenen geflohen. Er knurrte leise vor sich hin. Warum konnte auch nichts nach Plan verlaufen?
Langsam hatte er das Gefühl, sich immer tiefer in einem Netz zu verstricken, aus dem es kein Entkommen gab. Er wusste nur noch nicht, wer (oder was) die Rolle der Spinne übernehmen würde, und wann sie auftauchen würde, um ihn zu verschlingen.
Es musste doch eine Möglichkeit geben, den klebrigen Fäden des Schicksals zu entrinnen!
Vielleicht war es auch Zeit, den eigenen Stall auszukehren. Er hatte einen bösen Fehler begangen, als er sich so unüberlegt auf Arturos Spiel eingelassen hatte. Die Besessenen konnten ihm nichts nützen. Viel mehr würden sie früher oder später das Misstrauen des Volkes ganz auf ihn lenken. Immerhin – auf gewisse Weise war er auch für sie verantwortlich.
Je länger er darüber nachdachte, um so deutlicher wurde ihm klar, dass er alles falsch gemacht hatte.
Während er sich auf den Weg machte, um eine Flasche mit Petroleum zu holen, versuchte er, einen klaren Gedanken zu fassen. Es gelang ihm nicht.
Die Zeit schien bedeutungslos geworden sein. Irgendwann fand er sich auf der Treppe zum Folterkeller wieder, auf dem Weg zur besessenen Claudia.
Ein höhnisches Lächeln zierte ihre Lippen, als sie des Inquisitors gewahr wurde. Sie schien ihn direkt anzublicken, auch wenn ihre Augen noch immer verdreht waren und nur das Weiß zu sehen war. Sebastians Hände zitterten, als er sich ihr näherte. Der flüssige Brennstoff schwappte aus der Flasche und lief über seine Finger.
»Welche Ehre. Der Inquisitor von Sevilla persönlich«, spottete das Wesen. Claudia wurde auf die Flasche aufmerksam.
»Was hast du vor?«
Täuschte er sich, oder klang da Furcht in ihrer Stimme durch?
»Es wird ein Ende nehmen. Ich hätte mich nie auf dieses gotteslästerliche Tun einlassen sollen.«
Das Wesen lachte. De Torquemadas Stimme hatte nicht sehr fest geklungen.
»Denkst du nicht, dass es für Reue etwas zu spät ist?«
Die Hände des Inquisitors zitterten noch immer. Das Claudia-Wesen warf den Kopf zurück und lachte kehlig.
»Hör auf damit!«
Die verdrehten Augen des Wesens richteten sich wieder auf ihn. Speichel lief aus dem Mund.
»Du wirst deine Situation nicht verbessern, wenn du uns beseitigst. Deine Zeit ist abgelaufen, de Torquemada. Der Widerstand der Bürger gegen die Inquisition erwacht. In den nächsten Tagen werden die Kirchen brennen und eine Menge katholische Priester für ihre Machtgier büßen.«
»Was soll ich denn tun? Wenn ich euch frei lasse, führen alle Spuren zu mir. Bereits der Mord an Perrero war ein Fehler. Die Leute sind misstrauisch geworden.«
»Wir erfüllen dir nur deine Wünsche, sofern wir es vermögen. Du hattest doch Perreros Tod beschlossen – dass du damit das Feuer nur noch weiter angefacht hast, ist deine eigene Schuld.
Überlege dir immer gut, was du wünschst. Diese Weisheit scheinst du vergessen zu haben, mein Lieber.«
De Torquemada knurrte und hob die Flasche.
»Du willst also wirklich die letzte Chance zu deiner Rettung vertun?«
Hör nicht auf ihn. Handle endlich!
Sebastian zögerte dennoch.
»Du hättest uns Körper verschaffen sollen, die frei sind und unbelastet. Wie das Mädchen, bei dem du versagt hast. Es war noch nicht angeklagt, und nur sein Vater weiß, dass sie von deinen Schergen gefangen genommen wurde. Sie hätte ihn töten und anschließend weiter Böses tun können.«
»Lass mich in Ruhe mit deinem Geschwätz!«
»Sie werden dir alles nehmen, de Torquemada. Selbst deine Frau und deinen Sohn. Dein Haus. Dein Vermögen. Deine Ehre. Ist dir nichts davon etwas wert?«
Die Hand mit der Petroleumflasche sank nach unten. Die leise Stimme seines Gewissens mahnte ihn, den steinigen Weg zu gehen und der Sache ein Ende zu machen. Aber er war verzweifelt und zerrüttet.
»Sie werden dich verbrennen. Du weißt doch selbst, wie qualvoll dieser Tod ist. Möglicherweise werden sie dich auch foltern. Du hast vielen Vätern Töchter und Söhne gestohlen, manch junger Familie den Vater oder die Mutter.«
De Torquemada sank langsam in die Knie.
»Was soll ich denn noch tun? Ich werde meinen Kopf nicht aus der Schlinge ziehen können...«
Ein siegessicheres Lächeln spielte um die Lippen der von einem Dämonen Besessenen.
»Oben im Gang liegt einer deiner Männer, schwer verwundet. Gib uns seinen Körper. Er wird stark genug sein, um dir zu helfen, neue Opfer zu finden. Nutze den Rest der Nacht, um deine Position zu stärken!«
Der Inquisitor erhob sich. In seinen Augen flackerten Angst, Verzweiflung und Irrsinn. Er hob die Flasche und verschüttete einen grossen Teil des Petroleums über dem Wesen, das einmal die Tochter eines reichen Kaufmanns gewesen war.
Claudia zerrte wie von Sinnen an ihren Fesseln; sie schrie und fluchte, in einer Sprache, die de Torquemada nicht verstand. Es klang wohl ähnlich wie Latein – aber viel kehliger.
Schweiss trat ihm auf die Stirn, als er zur Wand trat und die Fackel aus der Halterung nahm, die er bei seinem vorherigen Besuch angezündet und nicht wieder gelöscht hatte.
Mit einem Mal war das Claudia-Wesen wieder beherrscht und ruhig. Das Gesicht hatte es dem Inquisitor zugewendet. Die Stimme klang besänftigend, verführerisch, beschwörend:
»Das willst du doch gar nicht tun, Sebastian de Torquemada. Gegen den Mob wird es dir nicht helfen, wenn du unsere Wirtskörper verbrennst.«
Sebastian schüttelte nur leicht den Kopf, machte einen Schritt auf Claudia zu und streckte die Fackel aus. Das petroleumgetränkte Kleid ging sofort in Flammen auf. Das dämonische Wesen heulte auf und sprang nach vorne.
Es krachte, als sich die Ketten spannten und Claudias Arme nach hinten gerissen wurden. Sebastian sah entsetzt, wie ihre rechte Schulter ausgekugelt wurde. Der Dämon schien sich nicht daran zu stören; die Aktion hatte Claudias brennenden Körper nahe genug an de Torquemada heran gebracht – die Fackel wurde ihm aus der Hand geprellt, und der Dämon ließ die Kiefer des Mädchens zuschnappen. Tief gruben sie sich in die Schulter des Inquisitors, zerfetzten mit Leichtigkeit den Stoff seines Hemdes und drangen in das Fleisch darunter.
De Torquemada schrie. Die Flammen auf dem Kleid der jungen Frau griffen auf ihr Haar über, ließen die Haut Brandblasen werfen und schwärzten sie schwarz. Es stank penetrant nach verbranntem Fleisch. Auch der Inquisitor spürte die Hitze; sie versengte seine Haare, und das Feuer drohte auf seine Kleidung überzugreifen. Er wehrte sich verzweifelt, versuchte, die Besessene von sich zu stoßen, in deren Haut sich die Flammen immer tiefer fraßen. Schwarzer Rauch kräuselte sich unter der Decke.
Schließlich lösten sich ihre Zähne aus seiner Schulter – und mit ihnen ein grosses Stück Fleisch. Blut füllte die Wunde und tränkte das Hemd rot, aber de Torquemada hatte genug damit zu tun, Claudia von sich zu stoßen, zurück zu taumeln und die Flammen auf seiner Kleidung zu löschen. Der Schmerz tobte in ihm: seine Hände und seine linke Gesichtshälfte waren gerötet und von Brandblasen übersät, die Haut löste sich in Fetzen ab.
Er brach zusammen und kroch von Claudia weg, die ebenfalls gegen die Wand gesunken und daran herunter gerutscht war. Sie bewegte sich nicht mehr. Vor Sebastians Augen tanzten weiße Flecken, während er beobachtete, wie die Flammen ihr reinigendes Werk taten.
Aber seine Arbeit war noch nicht getan. Er hatte zugelassen, dass noch weitere Menschen von Dämonen beseelt worden waren. Er musste auch diese Spuren seines schändlichen Tuns noch tilgen.
Da ihm die Kraft fehlte, sich zu erheben, kroch er auf Ellbogen und Knien über den Boden, bis der Schmerz zu stark wurde und er zusammenbrach.

Der Morgen war gerade erst angebrochen, aber auf Ribeiras Hof hatte das Tagwerk bereits begonnen.
Claire stand am Brunnen und wusch sich mit einem Stück Seife, welches ihr Antonio gegeben hatte. Dan trat aus dem Haus und grinste jungenhaft, als er sie sah. Mit einigen Schritten war er bei ihr und starrte auf den Eimer, der auf dem Brunnenrand stand und mit dem sie Wasser aus der Tiefe geholt hatte.
»Ich nehme nicht an, dass du etwas warmes Wasser für mich übrig gelassen hast?«, fragte er schmunzelnd.
Claire legte die Seife auf die steinerne Brüstung und fasste mit der linken Hand nach dem Behälter.
»Ich lass es dich gleich ausprobieren.« Sprach's und holte aus, um dem Sportstudenten eine kalte Dusche zu verpassen – was in Anbetracht ihres Handicaps etwas unbeholfen wirkte. Simon machte einen Satz nach hinten und hob abwehrend die Hände.
»Nein, nein! Bitte! Nicht!«
Claire grinste.
»Und was kriege ich dafür, wenn ich dich verschone?«
»Einen Guten-Morgen-Kuss?«
»Möööööp. Falsche Antwort!«
Das Wasser in dem hölzernen Eimer schwappte bedrohlich, und Dans Augen wurden groß.
»Ich glaub’s nicht...«, murmelte er.
»Glaub es, ob du willst oder nicht, aber ich...« Claire bemerkte, dass Dan gar nicht mehr sie an-, sondern an ihr vorbei blickte. »Was ist denn?«
Besorgt drehte sie sich um, und dachte noch im selben Moment: Der älteste Trick der Welt, und du fällst noch drauf rein!
Der Eimer entfiel ihren Händen, und das Wasser verteilte sich auf dem Boden um ihre Füße.
»Ich glaub’s nicht...«, kam es aus ihrem Mund, und ihr wurde gar nicht bewusst, dass Dan gerade vorher die gleichen Worte benutzt hatte.
»Ken!«
Zuerst kam der Name nur leise über ihre Lippen, dann rief sie ihn. Erleichtert, den Freund lebend und anscheinend wohlauf zu sehen, eilte sie ihm entgegen, dicht gefolgt von Dan.
Neben dem Informatikstudenten kam ihnen eine hübsche Spanierin entgegen – das musste wohl Antonios Tochter sein. Ihre Vermutung bestätigte sich gleich darauf, als Ken sie einander vorstellte. Claire entging nicht, wie nah die beiden sich standen und wie ihre Hände sich wie zufällig berührten. War da ein leiser Stich von Eifersucht in ihrem Herzen? Sie wusste, dass Ken für sie...
Carmela sagte ein paar Worte auf Spanisch zu Ken und verschwand mit schnellen Schritten Richtung Haus. Dan grinste Okumoto breit an.
»Wir sind wohl unter die Don Juans gegangen, wie?«
Ken wurde sichtlich verlegen, schaute erst betreten zu Claire und dann auf seine Fußspitzen.
»Uh-oh...«, machte Dan.
»Lass ihn«, herrschte Claire den Blondschopf an. »Ich glaube, wir haben Wichtigeres zu besprechen.
Was ist alles passiert, Ken? Und wo ist Markus?«
Der Asiat atmete sichtlich erleichtert auf und begann zu erzählen, während sie zum Haus zurück gingen.

Markus brauchte einen Moment, um sich zu orientieren, als er erwachte. Auf dem Tisch brannte eine dicke Kerze und tauchte den Raum in Zwielicht.
Sein Nacken war aufgrund der unbequemen Lage, in der er geschlafen hatte, verspannt. Das Gefühl erstreckte sich über seinen ganzen Körper, und er fühlte sich wie zerschlagen.
Das Nächste, was er bemerkte, war, dass seine Arme nicht mehr an den Stuhl gebunden waren. Sofort stand er auf und machte vorsichtig einen Schritt nach vorn. Ein leises Rasseln ließ ihn nach unten blicken.
Ganz so frei war er also nicht. Von Karnstein hatte ihm eine Schelle um den rechten Fuß gelegt und diese mit einer Kette verbunden. Enttäuscht blickte sich Markus um.
Er befand sich immer noch in dem Zimmer, in das ihn Arthur in der Nacht gebracht hatte. Es hatte wohl eine Tür (aber hoffentlich!), jedoch keine Fenster (wie ärgerlich). Markus ging davon aus, dass die Tür verschlossen war. Wie er schnell bemerkte, ließ ihm die Kette um sein Fußgelenk genug Spielraum, sich im gesamten Zimmer ungezwungen zu bewegen.
Eine rasche Untersuchung der Tür bestätigte seine Vermutung: hier kam er so schnell nicht raus, selbst wenn er es irgendwie schaffte, sich seiner Fessel zu entledigen.
Diesem Problem wollte er sich als Erstes widmen: in dieser verdammten Alchemisten-Küche musste es doch irgend etwas geben, das sich als Werkzeug benutzen ließ!
Vielleicht auch Säuren.
Markus durchsuchte die Regale und träufelte von verschiedenen Flüssigkeiten probehalber auf eines der Kettenglieder. Aber keine davon ätzte sich durch das Metall. Er fand einen Bunsenbrenner und entzündete ihn an der Kerze. Er hielt ein Stück der Kette über die Flamme, und als sich das Metall erwärmte, nahm er ein in Leder gebundenes Buch und ein Stück Holz zu Hilfe, um sie über dem Brenner zu halten. Aber als seine Arme langsam lahm wurden und das Metall noch nicht einmal zu glühen begonnen hatte, gab er seufzend auf. Er musste einen anderen Weg hier heraus finden.
In der Zwischenzeit konnte er sich genauso gut ein wenig über die Arbeit von Arthur von Karnstein informieren. Ganz nach dem schönen Sprichwort: Kenne deinen Feind.
Leider war auch dieser Zeitvertreib nicht sehr ergiebig. Die meisten Unterlagen, die Markus einsehen und verstehen konnte, beruhten auf Studien, die Wissenschaft und Okkultismus kombinierten; das Meiste davon reiner Mumpitz.
Und was noch frustrierender war und Markus alle Hoffnung nahm: von Karnstein hatte die Zeitmaschine mitgenommen. Er konnte nur hoffen, dass sein Landsmann damit keinen Unfug anstellte. Er hätte sich wohler gefühlt, wenn er irgendwo ein Geheimversteck oder einen Tresor gefunden hätte, in dem sie untergebracht hätte sein können. Aber er hatte inzwischen wirklich jeden Zentimeter abgesucht und nichts dergleichen entdeckt.
Seufzend ergab er sich seinem Schicksal. Jetzt konnte er wirklich nur noch auf seine Freunde vertrauen und darauf, dass sie ihn hier heraus holen würden. Wenn ihnen bloß nichts Schlimmes widerfahren war!
Er widmete sich wieder den Notizen und Zeichnungen, die auf dem Tisch lagen. Vielleicht entdeckte er ja doch noch etwas, das ihm weiterhalf. Etwas, das er gegen Arthur ausspielen konnte.
Er klappte ein Buch auf und bemerkte einen losen zusammengefalteten Zettel, der in einen Schnitt in der inneren Deckelseite gesteckt war. Neugierig zog er ihn heraus und strich ihn auf der Fläche des Tisches glatt. Darauf war die Skizze eines Ziffernblattes. Überrascht runzelte er die Stirn.
Eine Uhr?
War dies der Grund für Karnsteins Interesse an der Zeitmaschine? Markus untersuchte die Skizze genauer.
Die »Ziffern« waren jedoch keine Zahlen, sondern verschlungene Symbole, die er nicht deuten konnte. Außerdem waren es weder zwölf noch vierundzwanzig, sondern achtzehn. Was also sollte damit gemessen werden, wenn nicht die Stunden? Denn dass es eine Uhr war, stand außer Frage. Zu beiden Seiten des »Ziffernblattes« waren verschiedene kleinere Zeichnungen angebracht, die zweifelsfrei Mechanismen oder Teile davon zeigten, die für ältere mechanische Uhrwerke maßgebend waren. Zeiger waren vier aufgeführt, und über den ganzen Kreis waren kleine Punkte verteilt – fast wie ein Sternbild.
So lange Markus auch darüber nachsann, er kam auf keine Lösung. Ob dies auch eine Zeitmaschine darstellen sollte? Sein Interesse war geweckt. Am unteren Rand des Blattes fand er die Initialen FvK und die Zahl 1749. Einer Eingebung folgend faltete der Physikstudent das Stück wieder zusammen und steckte es ein.
Und begann zu warten.

Er war in der Hölle.
Die Teufel hatten ihn über glühende Kohlen geschleift. Sein ganzer Körper brannte. Und er konnte nicht sehen. Vor seinen Augen wogten rote Schleier, einige heller, einige dunkler, wie Umrisse.
Er war in der Hölle.
Für seine Taten, seine Freveleien. Er, der den Willen der Kirche und des Königs vollstreckt hatte!
Es war nicht gerecht, dass er Qualen leiden musste, als wäre er in siedendem Öl gebadet worden. Hatte er nicht immer frommen Willens gehandelt?
Ein Bild entstand vor seinem inneren Auge. Das Bild einer schönen Frau, still und duldsam. Anna.
Er war in der Hölle.
Das Brennen seiner Haut war schier unerträglich. Gab es denn keinen Ausweg?
Seine Hand tastete über seinen versengten Umhang, fanden einen harten Gegenstand. Sein Dolch.
Das Zeichen! Wenn es ihn schon nicht vor der ewigen Verdammnis retten konnte, so mochte es vielleicht die Teufel zu bannen?
Er streckte den zitternden Arm aus und ritzte es in den Stein, neben dem er lag, und der nichts weiter als ein Schemen war. Seltsam, wie weich er war, weicher noch als Holz. Die Klinge drang mit Leichtigkeit ein.
Kalte Luft streifte ihn, kühlte für einen Moment seine Wunden. Wispernde Stimmen waren rings um ihn.
Allmächtiger, er war in der Hölle!

Miguel Canaro versuchte, einen kühlen Kopf zu bewahren. Nicht umsonst war er der Anführer von de Torquemadas Garde. Mit 48 Jahren war er sich noch lange nicht zu alt, die Arbeit eines Häschers und Folterknechtes zu verrichten. Und er war besser in Form als seine jüngeren Genossen: er konnte noch jedem von ihnen das Wasser reichen, egal auf welchem Gebiet.
Was war passiert?
Kurz nach Sonnenaufgang hatten er und zwei seiner Mitstreiter beim Betreten des Gebäudes die Nachtwache gefunden, die mit mehreren gebrochenen Rippen am Boden lag. Seine beiden Gefährten hatten den Mann in ein unbenutztes Zimmer gebracht, während Canaro durch die Gänge geeilt war.
Als Nächstes hatte er festgestellt, dass das Mädchen und der gelbe Teufel verschwunden waren. Die Tür zu ihrer Zelle stand sperrangelweit offen.
Und zu guter Letzt: Sebastian de Torquemada selbst, mit fürchterlichen Brandwunden, nicht weit entfernt von der verkohlten Leiche Claudia Perreros.
Canaro konnte sich keinen Reim auf die Geschehnisse machen. Hatten die beiden Entflohenen den Inquisitor so zugerichtet? Aber warum hätten sie die Perrero in Brand stecken sollen?
Es ergab keinen Sinn.
Hinzu kam, dass sich die anderen Gefangenen wie wild gebärdeten.
Miguel hatte de Torquemada zu dem niedergeschlagenen Wächter ins Zimmer bringen lassen und einen der Männer nach einem Arzt geschickt. Jetzt stand er unschlüssig vor der Tür, während das Geheul der Zelleninsassen durch die Flure hallte und an seinen Nerven zerrte.
Er fasste einen Entschluss und griff nach einer schweren Axt, die auf einem hölzernen Gestell lag. Er nahm sich einen Gefangenen nach dem anderen vor und erschlug sie. Wie tollwütige Hunde, dachte er, während er sein blutiges Werk mit grimmigem Lächeln verrichtete.
Als er durch den Korridor zur Wachstube schritt, wurde ihm klar, dass er die Zelte hier abbrechen musste. Das Volk war in Aufruhr, bereits hatten ihn und seine Männer böse Blicke gestreift. Nicht mehr lange, und die Situation würde eskalieren.
Die beiden anderen Männer – einer von ihnen bleich wie eine frisch gekalkte Wand - starrten auf seine blutbespritzte Kleidung, als er eintrat. Die Axt hatte er draußen stehen lassen.
»Sattelt die Pferde. Wir brechen in wenigen Minuten auf. Wir müssen diese verdammte Hexe und den gelben Teufel finden. Wir reiten zuerst zu Ribeiras Hof. Jeder, der sich dort befindet, wird gefangen genommen. Wer sich wehrt, wird getötet.«
Die beiden nickten und eilten aus dem Raum. Miguel atmete tief durch und suchte das Zimmer mit den beiden Verletzten auf. Vor der Türe blieb er einen Moment unschlüssig stehen; warum sich noch um de Torquemada kümmern? War es nicht besser, die ganze Sache abzuschließen und gar nicht mehr in die Stadt zurück zu kehren?
Er stieß die Tür auf. Noch war er dem Inquisitor zur Loyalität verpflichtet, auch wenn dessen Handeln in den letzten Tagen immer undurchsichtiger geworden war.
Der Raum war spartanisch eingerichtet. Ein alter Schreibtisch befand sich darin, und ein noch älterer Schrank, sonst nichts. Die Fensterläden waren zu, und Canaro brauchte einen Moment, bevor sich seine Augen an das Zwielicht gewöhnt hatten.
Sie hatten de Torquemada und den Mann der Garde auf den Boden gelegt, in Ermangelung einer Bettstatt. Aber der Platz neben de Torquemada war leer!
Als Miguel von zwei starken Armen umfasst wurde, war es zum Handeln bereits zu spät. Die Umklammerung war zu stark, als dass der Anführer der Garde sie hätte sprengen können. Im Gegenteil: der Druck wurde noch stärker und schmerzte. Verzweifelt versuchte Canaro, sich dem Griff zu entwinden. Der Atem seines Widersachers schlug kühl in seinen Nacken, begleitet von einem leisen, kaum hörbaren Kichern.
Er fragte sich, ob es der Verletzte war, der sich hinter ihm befand – aber wenn ja, wie konnte er es trotz der gebrochenen Rippen schaffen, Miguel gegen seine Brust gepresst festzuhalten?
Canaros Augenmerk richtete sich auf den Inquisitor, der leise stöhnte und sich nun aufsetzte. Sebastian hielt einen Dolch in der Hand, dessen Spitze auf Canaro zeigte. Dieser wurde von seinem Gegner in die Knie gezwungen. Der Mann brachte es fertig, Miguels Hände auf den Rücken drücken und sie mit nur einer Hand festzuhalten – mit solcher Kraft, dass es dem altgedienten Kämpfer nicht gelang, sich zu befreien.
Unmöglich! Keiner meiner Männer hat die Kraft und Ausdauer, es mit mir aufzunehmen – und dann noch so spielend leicht!
Die freie Hand des hinter Canaro Stehenden zerriss die Lederkleidung, als sei sie aus Papier, als besäße der Mann Krallen. Tatsächlich verspürte Miguel ein leichtes Brennen auf der Haut, wie von kleinen Schnittwunden.
Sebastian de Torquemada quälte sich auf die Knie und kroch dann auf allen Vieren auf seinen ehemals nächsten Vertrauten zu. Ein Stöhnen entrang sich seiner Kehle, gefolgt von den schwach hervorgestossenen Worten:
»Ich bin in der Hölle.«
Hart wurde Canaros linker Arm in die Höhe gerissen. De Torquemadas zitternde Rechte mit dem Dolch näherte sich der nackten Haut und ritzte sie. Miguel fluchte zwischen zusammengebissenen Zähnen und versuchte erneut, sich zu wehren. Vergebens. Er sah Sebastians verzerrtes Lächeln, als sich dieser wieder zurückzog. Die Luft war merklich kühler geworden, und ein kalter Hauch strich über Miguels Nacken und sein erhitztes Gesicht.

Die Hölle ließ ihn nicht mehr los. Er hatte das Zeichen in einen weiteren Stein geritzt, ein dunkler Schatten, der sich vom rotglühenden Grund erhoben hatte, und wieder hatte es ihm ein wenig Kühlung verschafft.
Aber viel zu kurz. Viel zu kurz.
Das Brennen war wieder da. Sein Körper glühte.
Vielleicht gab es noch eine weitere Möglichkeit. Was vermochte das Zeichen auf seiner eigenen Haut auszurichten? Würde es ihm nicht die erhoffte Kühlung bringen?

Bevor sich Sebastian de Torquemadas Geist ganz in seiner eigenen Hölle aus Feuer und Schmerz verlor, riss er sich das Hemd auf und setzte sich den Dolch an die Brust.

Sie hatten sich nur wenig Zeit gelassen, die Lage zu erörtern. Carmela hatte bald zum Aufbruch gedrängt – ihr Vater hatte sich dabei am Schwersten getan, denn er wollte den Hof nicht verlassen. Zu viele Erinnerungen verbanden ihn damit, die er nicht aufgeben wollte.
Aber Carmela hatte Recht: Mit Sicherheit würden die Häscher der Inquisition zuerst hier nach den beiden entflohenen Gefangenen suchen. Und wer konnte schon ahnen, was sie mit denen anstellen würden, die sie dann noch hier antrafen?
In der Stadt hatte Ribeira genügend Freunde, die ihm Unterschlupf gewähren würden. Zumindest so lange, bis der anstehende Aufruhr vorbei sein würde. Claire fragte sich unwillkürlich, wie weit sich die Kreise von Sevilla aus ziehen und ob sie vielleicht gar Zeugen einer vorgezogenen Variation des spanischen Bürgerkriegs werden würden – oder zumindest dessen Anfängen. Natürlich waren in der – in ihrer – realen Welt die Voraussetzungen völlig andere und würden sich noch über mehr als 30 Jahre hinziehen; aber hier war alles möglich.
Über einen Umweg erreichte die Fünfergruppe die Stadt unangefochten. Antonio besprach sich noch kurz mit Carmela, bevor er sich von den drei Zeitreisenden herzlich verabschiedete. Seine Tochter würde ihnen erst den Weg zu von Karnsteins Haus weisen und ihn dann im Haus eines Freundes wieder treffen.
»Es wäre schön, wenn wir uns wiedersehen würden«, meinte er. Sie hatten ihm diesbezüglich keine Hoffnungen gemacht, auch wenn sie es nicht ganz ausschlossen. Es hing zu sehr von der Situation ab, in der sie sich nach Markus’ Befreiung befinden würden.
Carmela führte sie zielstrebig durch die engen Gassen der Stadt. Am Ende einer schmalen Passage zwischen zwei alten Häusern mit verwitterten Wänden blieb sie stehen und deutete über die Strasse. Auch das Gebäude auf der anderen Seite machte einen verwahrlosten Eindruck. Die ehemals weißen Wände waren grau von Schmutz und Staub, die dunkelrote Farbe der Fensterläden abgeblättert.
»Ist es das?«, fragte Dan Simon sie. Die hübsche Spanierin nickte. Die drei Studenten sahen einander an.
»Und jetzt?«, fragte Claire.
Dan zuckte mit den Schultern.
»Wir gehen rein.«
»Einfach so?«
»Einfach so.«
Sprach's und machte sich daran, die Strasse zu überqueren.

Armano ritt an dritter Stelle. Ihm war unbehaglich zumute. Miguel Canaro, der – wie stets – die Spitze übernommen hatte, saß vornüber gebeugt im Sattel; fast so, als wäre er in sich zusammen gesunken wie ein Häufchen Elend, wo sein Körper doch sonst immer stolz aufgerichtet war. Ab und zu gab er ein leises Knurren von sich, und dann tauschten Armano und Javier unruhige Blicke aus.
Miguel und Joao, der die Nachtwache übernommen und den sie am Morgen verletzt gefunden hatten, waren wie verändert. Ihr Benehmen war seltsam: Canaro gab sich herrischer als sonst, noch ungnädiger, und Joao... er hätte gar nicht aufstehen dürfen.
Auf Fragen nach dem Zustand des Inquisitors hatte Canaro nur ausweichende Antworten gegeben, wenn überhaupt. Und nachdem Miguel und Joao Worte in einer kehligen Sprache ausgetauscht hatten, die den andern beiden unbekannt war, hatten sie es vorgezogen, zu schweigen.
Sie erreichten Ribeiras Hof. Armanos Pferd schnaubte und scharrte unruhig mit den Füßen. Miguel glitt geschmeidig aus dem Sattel und näherte sich dem Haus. Alles blieb ruhig, selbst von den Tieren war nichts zu hören: kein Hund bellte, keine Kuh muhte, selbst die Vögel schienen die Luft anzuhalten. Armano fröstelte.
Miguel Canaro betrat das Haus. Er rief mit tiefer Stimme nach dem Bauern; ruhig und gelassen, aber befehlsgewohnt.
Seine drei Mitstreiter warteten draussen. Es dauerte mehrere Minuten, bis Canaro sich wieder zu ihnen gesellte: er trat zurück ins helle Licht der Morgensonne und schüttelte den Kopf. Unwillkürlich atmete Armano auf.
»Steigt ab«, befahl Miguel.
»Wieso?«, wagte Javier zu fragen.
»Wir sind hier noch nicht fertig«, war die Antwort, deren Ton erkennen ließ, dass kein Widerspruch geduldet wurde – auch wenn Javier deutlich ins Gesicht geschrieben stand, wie gerne er gefragt hätte, was sie denn hier noch wollten, wenn der Hofbesitzer gar nicht mehr da war. Dennoch gehorchten sie beide und sprangen ebenfalls zu Boden.
Canaro kam mit kraftvollen Schritten auf sie zu. Joao, der gleichzeitig mit den beiden anderen abgestiegen war, folgte ihm.
Miguels Hände schossen vor und packten Armano an Gurgel und Gurt. Der überrumpelte Mann war zu keiner Gegenwehr fähig – und Canaro entwickelte im selben Moment übermenschliche Kräfte! Wie eine leichte Stoffpuppe hob er sein Opfer von den Füßen und schleppte es Richtung Brunnen. Armano strampelte vergebens im Griff seines Vorgesetzten.
Joao hatte indes Javier erreicht, der dem Geschehen noch immer fassungslos gegenüberstand und nicht begreifen konnte, was in Miguel Canaro gefahren war. Ein kurzer harter Schlag schickte ihn zu Boden, wo er stöhnend liegen blieb. Joao setzte seinen Stiefel auf Javiers Gurgel, um ihn von weiteren Aktionen abzuhalten.
Miguel hatte inzwischen den Brunnen erreicht und zwang Armano in die Knie. Mit einigen raschen Griffen kugelte er dessen rechten Arm aus. Armano schrie, während Canaro die Position der Hand ins Genick versetzte. Seine Fingernägel schienen gewachsen und ritzten Armanos Haut auf. Dann – in einer unmöglich schnell anmutenden Bewegung – stieß der Anführer der Gruppe Armanos Kopf gegen den steinernen Rand. Es krachte, als das Kinn auftraf und die Kiefer aufeinanderprallten; Zähne splitterten, und Blut sprudelte über die Lippen des Misshandelten, als dieser hustend wieder zu Luft kam.
Canaro wiederholte die Handlung. Dieses Mal trafen die Zähne auf die Kante eines Steines – einige von ihnen brachen ab, auf dem Stein lief ein rotes Rinnsal nach unten. Miguel presste Armanos Kopf weiter dagegen und verstärkte den Druck noch. Krachend löste sich der Kiefer aus den Gelenken, weitere Zähne brachen ab. Der Gequälte verdrehte die Augen, aber Canaro war noch nicht fertig. Ein Tritt in die Seite brach zwei Rippen.
Systematisch fuhr Miguel fort, weitere Knochen zu brechen und Gelenke auszukugeln, bis Armanos Körper vollkommen verdreht am Boden lag – so, als sei er zwischen Mühlsteine geraten; oder vom Himmel gefallen.
»Hexenritt«, grinste Canaro, als er sich Javier zuwandte, der von seiner Position am Boden aus alles mit entsetzten Blicken beobachtet hatte.
»Die Leute sollen glauben, dass ein paar Hexen – unter dem Kommando Ribeiras, natürlich – ihren Schabernack mit euch getrieben haben.«
Auch wenn dem Dämon, der von Miguel Canaro Besitz ergriffen hatte, klar war, dass de Torquemadas Tage als Inquisitor von Sevilla gezählt waren, so war ihm dennoch daran gelegen, möglichst viel Unfrieden und Unruhe zu stiften. Und wenn man auf Ribeiras Hof die Leichen zweier furchtloser Hexenjäger in solch eindeutigem Zustand finden würde, dann würde dies zumindest einigen Leuten schwer zu denken geben.
Zusammen mit Joao kümmerte er sich hingebungsvoll um Javier. Nachdem sie ihr Werk vollendet hatten, machten sie sich zurück auf den Weg in die Stadt.

Ken hatte die Strasse bereits betreten, als er sich noch einmal umdrehte. Carmela sah ihn an und schenkte ihm ein Lächeln. Siedend heiß wurde ihm bewusst, dass er sie vielleicht das letzte Mal in seinem Leben sah. Er kehrte noch einmal zu der hübschen Spanierin zurück.
Dan und Claire hatten die andere Strassenseite bereits erreicht. Die Geschichtsstudentin bemerkte Kens Fehlen als erste und drehte sich um. Sie wollte bereits nach ihm rufen, aber Dan fasste sie am Arm.
»Lass ihm die Zeit«, sagte er mit einer Sanftheit in der Stimme, die sie tief berührte. Sie verstand, was Ken wohl gerade durchmachte, und nickte.
»Hoffentlich passiert uns das nie«, murmelte sie.
»Was meinst du?«
»Na, das wir jemanden treffen, der uns plötzlich mehr bedeutet.«
Dan winkte ab.
»Ach, nee.«
»Vielleicht sollten wir ein paar Regeln aufstellen? Zum Beispiel, sich nie mit jemandem aus einer anderen Zeit und Welt einzulassen?«
»Glaubst du wirklich, dass das funktionieren würde?«
Sie überlegte einen Moment lang.
»Nein. Aber ich weiß nicht, ob das wirklich gut ist. Wer weiß, was wir damit anrichten.«
Ken hatte unterdessen seine Arme um Carmela gelegt und sie geküsst. Er versuchte, irgendein tröstendes Wort zu finden. Aber er las in ihren Augen, dass sie von einem Wiedersehen nicht überzeugt war, auch wenn gleichzeitig ein wenig Hoffnung darin lag. Es brach ihm schier das Herz, und er wollte sie nie mehr loslassen.
Aber seine Freunde warteten vor Arturos Haus – und lenkten vielleicht bereits Aufmerksamkeit auf sich. Er küsste Carmela ein weiteres Mal, innig und voll unerfülltem Verlangen, und löste sich dann von ihr.
»Tut mir leid«, murmelte er. In ihren Augen schimmerte es feucht, als er ein letztes Mal über ihre Wange strich und sich dann – die ersten paar Schritte rückwärts machend – von ihr entfernte. Schließlich drehte er sich um und eilte über die Strasse.
Als er die beiden anderen erreichte und sich noch einmal umdrehte, war von Carmela im Schatten der Gasse nichts mehr auszumachen. Dan und Claire sahen ihn an, aber keiner von ihnen sprach ein Wort, kein Spott und kein Necken. Ken hätte es in der momentanen Situation auch nicht ertragen.
In stummem Einverständnis nickten sie einander zu. Dan griff nach der Klinke der Tür.
»Ich weiß nicht, ob das wirklich ein guter Plan ist. Was, wenn wir bereits erwartet werden?«, brachte Ken seine Bedenken ein.
»Plan?«, grinste Dan Simon. »Wer hat denn hier was von einem Plan gesagt?«
Die Tür war nicht verschlossen.
»Also, dafür, dass der Herr nicht unbedingt den besten Ruf in der Stadt genießt, ist er ganz schön unvorsichtig.«
»Vielleicht ist er selbst Einbrechern zu unheimlich«, antwortete Claire auf Dans Spruch.
Sie betraten das Haus; zuerst Simon, gefolgt von Claire. Ken machte den Abschluss und sah sich noch mal kurz in der Strasse um, bevor er die Tür hinter sich zu zog. Niemand schien sie zu beobachten.
Angenehme Kühle empfing sie. Und ein seltsamer Geruch, wie derjenige, der entstand, wenn man eine Kerze ausblies. Es war gerade hell genug, dass man die Umrisse von Türen ausmachen konnte. Das andere Ende des Korridors wurde von Dunkelheit beherrscht.
»Und jetzt?«, flüsterte Claire.
»Wir durchsuchen jeden Raum, bis wir Markus gefunden haben. Aber vorsichtig.«
»Verdammt, weißt du, wie viele Räume dieses Haus haben könnte?«
»Nein. Aber vielleicht haben wir Glück.«
»Klar, in deinen Träumen.«
Ken nahm das Gespräch der beiden andern nur beiläufig wahr und versuchte, sich auf die Geräusche im Haus zu konzentrieren.
Der erste Raum, den sie betraten, diente wohl als Stube: er war peinlich sauber gehalten, mit einem Sofa und einem Tischchen versehen. Ein großer Kachelofen war an die Wand gebaut. Das nächste Zimmer beherbergte die Küche. Die war nicht ganz so aufgeräumt. Teller, Schüsseln und Gläser standen auf dem Tisch, benutzt und mit Essensresten versehen, die einen unangenehmen Geruch verbreiteten. Hinter der dritten Tür lag eine nur spärlich gefüllte Vorratskammer.
Und hinter der vierten Tür...
»Markus!«
Der Physikstudent saß wieder auf dem unbequemen Stuhl. Sein Kinn war auf die Brust gesunken gewesen, aber bei Claires Ausruf ruckte sein Kopf hoch. Er sah bleich und übernächtigt aus, das dünne Haar stand wirr vom Kopf. Seine Augen glänzten einen Moment lang fiebrig, und er schien seine drei Reisebegleiter nicht zu erkennen; dann blinzelte er und sagte mit schwacher Stimme:
»Gut, dass ihr kommt. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie froh ich bin, euch zu sehen.«
Dan konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.
»Und wir erst. Was ist passiert?«
Die drei begutachteten verwundert das mit allerlei Utensilien vollgestopfte Zimmer.
Markus erzählte ihnen in kurzen Worten den Sachverhalt.
»Dann hat dieser von Karnstein unsere Zeitmaschine? Und wo befindet er sich nun?«, ergriff Dan wieder das Wort.
»Keine Ahnung«, murmelte Markus. »Wahrscheinlich ist er schlafen gegangen.«
»Ein wirkliches Nachtlichtchen. Ihr müsst ja ’ne ganz schöne Party gefeiert haben.«
Das leichte Spötteln konnte Dans Erleichterung nicht übertünchen. Ihnen allen stand sie ins Gesicht geschrieben. Sie hatten wieder zusammen gefunden.
Sie beschlossen, nach der Zeitmaschine und einem Schlüssel für Markus’ Fußfessel zu suchen.
»Seid vorsichtig«, mahnte sie Markus. »Dieser von Karnstein... er ist kein normaler Mensch.«
»Wie meinst du das?«
»Er verfügt über... nun, Kräfte.«
Markus stockte, und die drei andern sahen ihn zweifelnd an.
»Seid einfach vorsichtig, okay?«

Dan und Ken setzten die Durchsuchung des Hauses fort, während Claire bei Markus blieb. Es war Ken, der die Treppe entdeckte; die Nische, in der die Stufen ihren Anfang nahmen, war äußerst schmal, nur wenig breiter als fünfzig Zentimeter. Dan fluchte leise.
»Verdammt, ich komm mir vor wie in einem Sarg«, knurrte er, als er sich einmal mehr im Dunkeln die Schulter an der Wand stieß.
»Psst!«, machte Okumoto.
Sie erreichten das nächste Geschoss.
»Hat denn dieses verfluchte Haus gar keine Fenster? So langsam kriege ich klaustrophobische Anwandlungen.«
Ken ignorierte Dans Gemecker. Irgendwo musste Licht durchdringen, denn die Dunkelheit war nicht so absolut, wie es im ersten Moment den Anschein hatte. Er konnte bereits die Umrisse von Türen ausmachen. Möbel schienen keine im Flur zu stehen.
Aufs Geratewohl öffnete Ken vorsichtig die ihm nächste Tür. Der Raum dahinter hatte Fenster, und durch die Läden drangen schwach die Sonnenstrahlen, die das Zimmer in dämmriges Licht tauchten. Mehrere mit Leintüchern abgedeckte Möbel befanden sich darin, mehr nicht. Er schloss die Tür wieder.
Beim nächsten Zimmer hatten sie mehr Erfolg.
Vor die Fenster waren zusätzlich schwere Vorhänge gezogen worden; Dan und Ken brauchten einige Momente, bis sich ihre Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten, dann konnten sie die Umrisse des Bettes und eines Menschen ausmachen, der darin lag. Tiefe Atemzüge drangen an ihre Ohren.
Dan sah zu Ken, nickte diesem zu, legte den Zeigefinger an die Lippen und bedeutete dem Informatikstudent dann, auf die andere Seite des Bettes zu gehen.
Das Nachttischchen befand sich auf Simons Seite. Ein Bund mit mehreren Schlüsseln war darauf abgelegt, und der Sportstudent hoffte, dass sich mit einem davon Markus’ Fessel aufschließen ließ. Und – er konnte sein Glück kaum fassen, als er den Rucksack des Deutschen entdeckte, den von Karnstein mit in sein Schlafzimmer genommen und an das Nachttischchen gelehnt hatte. Angespannt öffnete er mit raschen Griffen, aber immer darauf bedacht, leise vorzugehen, das Gepäckstück und kontrollierte, ob die Zeitmaschine darin war. Und konnte ihr Glück kaum fassen!
Er sah auf und grinste Ken breit an. Erst da fielen ihm die weit aufgerissenen Augen und der erschrockene Gesichtsausdruck des Asiaten auf, dessen rechte Hand auf das Bett deutete. Dan richtete sich vorsichtig auf.
Und sah, dass von Karnsteins Augen weit offen standen!

Das Herz des Sportstudenten machte einen gewaltigen Satz und begann dann zu rasen. Kalter Schweiß brach aus, und für einen Moment, der ihm wie eine Ewigkeit erschien, war er zu keiner Regung (weder physisch noch geistig) fähig.
Erst dann bemerkte er den ungerührten Ausdruck in von Karnsteins Blick. Im Gesicht des Alchemisten zuckte kein Muskel, die Augen blickten starr zur Decke, und Simon folgte der Richtung.
Er brauchte einige Augenblicke, um zu begreifen, dass die Decke nicht mit Holz verkleidet war. Beziehungsweise hatte von Karnstein schwarzen Stoff über die gesamte Fläche gespannt und die Täfelung überdeckt.
War es ein Luftzug oder Einbildung? Für einen kurzen Moment meinte Dan, der Stoff hätte sich bewegt – seltsamerweise hatte es nicht den Eindruck eines Aufbauschens erweckt, wie es bei einem leichten Luftzug entstehen mochte, sondern eher ausgesehen wie ein... Wirbel?
Unmöglich. Mach dich nicht verrückt!
Dennoch wurde er das ungute Gefühl nicht los, das Tuch könnte über ein eigenes Leben verfügen. Er sah Ken an, dessen Mund leicht offen stand, und deutete mit dem Kopf Richtung Tür.
Nichts wie raus hier!
Er warf einen letzten Blick auf von Karnstein. Dieser schien sich nicht bewegt zu haben und sie immer noch nicht wahr zu nehmen.
Vorsichtig, um nicht doch noch Arthurs Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, schlichen die beiden mit klopfenden Herzen aus dem Zimmer. Erst vor der Tür stießen sie die Luft aus.
»Grundgütiger! Wie lange hatte der Typ die Augen schon offen?«, flüsterte Dan.
»Keine Ahnung«, gab Ken ihm ebenso leise Antwort. »Aber er scheint uns nicht bemerkt zu haben. Ganz so, als sei er in Trance. Und – hast du bemerkt, wie kalt es in dem Zimmer war?«
»Ja. So langsam aber sicher beginnt mir der Aufenthalt hier an den Nerven zu zerren. Lass uns zu den anderen zurück kehren und dann von hier abhauen.«
»Da hab ich nichts dagegen. Hast du alles gefunden, was wir brauchen?«
Dan Simon grinste breit und hob den Rucksack hoch sowie den Schlüsselbund. Ken stand die Erleichterung ins Gesicht geschrieben.

Die Warterei war unerträglich. Weder Claire noch Markus fanden Ruhe; die Geschichtsstudentin hatte ihren Hintern auf der Tischkante abgestützt und rieb unentwegt über den Verband, prüfte, ob die provisorische Schiene noch gut saß, und Markus war zu müde, um im Raum auf und ab zu tigern, aber zu nervös, um auf dem Stuhl sitzen zu bleiben – und tat so bald das eine, dann das andere.
Die Ungewissheit, wie es ihren Kameraden erging, zehrte an ihren Nerven. Immer wieder sah Claire zu dem Deutschen, versuchte, ein Gespräch in Gang zu bringen, verlor aber sogleich wieder den Faden; zumal Markus selbst nicht an Small Talk interessiert schien.
Dann, endlich, nach mehreren Ewigkeiten, hörten sie Schritte auf dem Korridor vor dem Zimmer.
»Na, das wurde aber auch Zeit. Hoffentlich hatten sie Erfolg«, murmelte Claire.
Erst als die Geräusche vor der Tür innehielten, fiel ihr auf, dass diese allem Anschein nach nur von einer Person verursacht wurden...

Claire kannte den ehemaligen Inquisitor nicht – selbst wenn sie ihn am Autodafé gesehen hatte, dann mehr unbewusst und aus weiter Ferne. Sogar Markus hatte Mühe, das... Wesen, welches da die Tür aufstieß, mit dem Menschen de Torquemada zu vergleichen.
Beide Hände waren verbrannt, ebenfalls grosse Teile des Gesichts, die Haare waren versengt. Hautfetzen lösten sich ab, als die Kreatur die Türklinke losließ. Knurrend verzog sie den Mund, und wässriges Blut lief über die Wange, deren obere Hautschicht aufriss.
Becker starrte die Erscheinung an und konnte sich nicht rühren. Wie war es möglich, dass sich jemand mit Verbrennungen dieses Grades noch auf den Beinen befinden konnte? Er hätte tot sein müssen – zumindest aber handlungsunfähig.
Sebastian de Torquemada – oder das, was einmal de Torquemada gewesen war – bewegte sich auf Claire zu, die genau so ungläubig da stand wie der Deutsche. Die Augen des besessenen Mannes waren verdreht, nur noch das Weiße war zu sehen. Und dennoch hielt er zielstrebig auf das Mädchen zu, auch als sie wieder zur Besinnung kam und zur Seite und nach hinten auswich.
Die krächzende Stimme des ehemaligen Inquisitors klang verzerrt:
»Ich kriege euch.«
Die verbrannte Haut im Gesicht platzte an weiteren Stellen auf als er lachte. Ein schmaler Streifen löste sich und hing von der Wange.
Claire sah sich nach einer Waffe um, fand aber nichts Schlagkräftiges. Der Besessene trieb sie immer weiter in die Ecke.
Metall rasselte, als Markus endlich reagierte, aufsprang und die Kette über de Torquemada warf, um ihn zu bremsen. Doch bevor er sie fester um Arme und Oberkörper ihres Gegners ziehen konnte, wirbelte dieser herum und schlug nach dem deutschen Studenten.
Die flache Hand traf Markus mitten vor die Brust und holte ihn von den Füßen. Schwer schlug er auf den Rücken und blieb benommen liegen. Der ehemalige Inquisitor beugte sich über ihn und verzerrte das Gesicht zu einem bösen Grinsen.
Ein Fuß sauste durch die Luft und traf den Besessenen am Hals. Es knackte hässlich, und Sebastian wurde zu Boden geschleudert.
»Ken!«, schrie Claire erleichtert auf. Der gebürtige Amerikaner japanischer Herkunft und Dan Simon waren endlich zurück! Der Sportstudent stand noch im Türrahmen, in der rechten Hand ein Schüreisen, in der anderen Markus’ Rucksack.
Markus richtete sich stöhnend auf.
»Gott sei Dank. Habt ihr alles gefunden?«
Dan nickte.
»Ihr werdet nicht glauben, was wir geseh...«
Ein gutturaler Schrei ließ sie herumfahren. De Torquemada stand wieder auf den Beinen – einen Augenblick noch schwankend, dann hatte er sich bereits wieder unter Kontrolle.
»Unmöglich!«, stieß Ken hervor.
Dann hatte der Besessene ihn erreicht. Beide Fäuste schossen vor und trafen den Informatikstudenten vor die Brust. Die Luft wurde ihm aus den Lungen getrieben, und als er auf den Boden prallte, versuchte er verzweifelt, Atem zu holen.
Knurrend wandte sich de Torquemada um.
Aufbrüllend stürzte Dan nach vorne. Der Rucksack fiel – etwas unsanft – zu Boden. Der Amerikaner schwang den Schürhaken durch die Luft und zielte auf Kopfhöhe. In einer unglaublich schnellen Bewegung zog Sebastian die Hand nach oben, aber die Wucht des Schlages brach die Finger und traf die linke Wange. Der Dorn an der Spitze riss die Haut bis auf den Knochen auf. Der Kopf wurde zur Seite geschleudert, und die Wunde füllte sich mit Blut, das gleich darauf über Kinn und Hals lief und das zerrissene Hemd des Besessenen tränkte.
Trotz der Verletzungen warf sich de Torquemada auf Dan, der mitgerissen wurde. Aber noch im Flug schaffte es Simon, den Schwung auszunutzen und sich zu drehen. Als die beiden auf die Dielen krachten, lag de Torquemada unten, und Dan kam auf die Knie, umklammerte mit beiden Händen das Schüreisen und hob es hoch.
Der Inquisitor schaffte es noch, abwehrend die Hände zu heben, aber Dan fand spielerisch eine Lücke und stieß mit aller Kraft zu. Die Spitze des Eisens wurde in de Torquemadas Brust getrieben und krachte gegen die Rippen. Dan verstärkte den Druck, bis sie mit einem hörbaren Knacken brachen und der Schürhaken im Leib des Mannes versank und dabei die Lunge durchstieß.
Der Inquisitor röchelte und seine Augen kehrten in die normale Position zurück. Angst flimmerte in ihnen.
Hastig ließ Dan das Metall los, als es mit einem Schlag eiskalt wurde. Die Luft kühlte merklich ab, und der Sportstudent sprang auf und wich vor dem Sterbenden zurück.
»Grosser Gott, was ist das?«, keuchte er.
Dünne schwarze Rauchfäden kräuselten über das zerschundene und verbrannte Gesicht Sebastians. Ein letztes Mal ging sein röchelnder Atem, dann fiel sein Kopf zur Seite.
Keuchend, die Hände auf die Knie gestützt, starrte Simon auf den Toten. Die Blicke der anderen waren nicht minder entsetzt.
»Du... du hast ihn umgebracht«, stieß Claire hervor. Es war Ken, der Dans Tat verteidigte, da dieser am meisten über sich selbst erschrocken schien und immer noch auf de Torquemadas Überreste glotzte.
»Es war Notwehr. Außerdem... das war kein Mensch. Niemand kann mit so schwerwiegenden Verbrennungen noch leben – oder wenigstens noch gehen und handeln! Außerdem hätte ihm bereits mein Tritt das Genick brechen müssen!«
»Lasst uns bloß von hier verschwinden«, meldete sich nun Becker.
Claire half Ken auf die Beine und stützte ihn, während Dan den Schlüssel hervor holte und Markus befreite.
Sie alle lauschten angestrengt, ob weitere Geräusche im Haus aufklangen; von Karnstein, der den Tumult bemerkt hatte, oder anderer ihnen schlecht gesinnter Gäste. Aber alles blieb still.
Becker rieb sich kurz erleichtert die Knöchel und richtete sich dann auf. Er konnte es in den Gesichtern der anderen lesen: Sie alle hatten Fragen. Aber es blieb keine Zeit, sie zu erörtern.
»Lasst uns von hier verschwinden.«
Er nahm den Rucksack auf und hastete durch den Korridor, dicht gefolgt von den andern. An der Tür blieb er stehen und sah alle der Reihe nach an. Auch wenn ihre Nerven momentan blank lagen: im Gegensatz zu ihm sahen sie ausgeruht aus.
Er seufzte und stieß die Tür auf. Sonnenlicht flutete den Eingang. Markus blinzelte, machte den ersten Schritt nach draußen – und erstarrte.
Unübersehbar waren die beiden Gestalten in den schwarzen Lederrüstungen, die sich zielstrebig dem Haus näherten. Als sie Markus entdeckten, verfielen sie in Laufschritt.
Der Deutsche überwand seine Schrecksekunde. Er drehte sich zu Dan um, der bereits hinter ihm nach drängte, und schob ihn in den Korridor zurück. Der kurze Blick, den der Sportstudent auf die beiden heran eilenden Häscher werfen konnte, reichte aus, ihn nicht protestieren zu lassen.
Markus schlug die Tür hinter sich zu und gab rasch ein paar präzise Befehle:
»Dan, hol die Schlüssel! Schnell! Wir müssen die Tür verriegeln! Claire, Ken, helft mir!«
Keiner von ihnen stellte Fragen. Dan eilte davon, während sich die anderen drei gegen die schwere Tür stemmten. Die Klinke wurde hinunter gedrückt, und gleich darauf erbebte das Holz unter den ersten Schlägen.
»Verdammt!«, schrie Ken, als Dan zurück gerannt kam und versuchte, einen passenden Schlüssel ins Schloss zu drücken.
»Wir sollten hier schleunigst weg. Wenn von Karnstein erwacht, sitzen wir ziemlich in der Tinte.«
»Die Zeitmaschine ist nicht programmiert. Ich weiß nicht, wo wir landen werden!«
»Egal. Schlimmer als zerhackt zu werden kann es ja kaum sein, oder?«
»Kannst du sie nicht programmieren?«, mischte sich Claire ein.
»Unter dem Stress? Und unkonzentriert?«
»Tu doch einfach, was du kannst!«
»Vielleicht hat auch von Karnstein dran rum geschraubt...«
»Was soll’s? Mach halt einfach ’nen Schnellcheck und dann nichts wie weg hier!«, rief wieder Ken dazwischen.
Dan hatte es geschafft, den Schlüssel herumzudrehen. Die Tür würde eine Weile halten, auch wenn unentwegt Schläge dagegen donnerten.
Angst und Unsicherheit flackerten in ihrer aller Augen. Markus holte die Zeitmaschine aus dem Rucksack und schaltete sie ein. Das Display begann zu leuchten, und schnell tippte er ein paar Daten ein.
»Wohin?«, fragte Claire.
»Ich dachte, das sei egal – Hauptsache, weg von hier, oder?«, gab Markus gereizt zurück. »Auf jeden Fall wieder in der Zeit nach vorne. Auch wenn ich gerne über den Fehler nachgegrübelt hätte, der uns in der Zeit um gut hundert Jahre zurück versetzt hat.«
»Hattest du dazu nicht genug Zeit?«, murrte Dan.
»Ich hatte andere Sorgen, klar? Los, legt eure Hände darauf!«
Ein unheimliches Stöhnen erfüllte plötzlich das Haus und Markus leitete rasch den Vorgang ein, als er sah, dass alle Hände den Zylinder berührten.
Die Luft kühlte merklich ab, und die Umgebung, sonst schon nur in Dämmerlicht getaucht, versank in länger und breiter werdenden Schatten.
Als die Tür schließlich unter den Schlägen der zwei besessenen Gardisten nachgab, waren die Zeitreisenden bereits an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit.

Epilog

Im Haus war es still. Dunkelheit füllte Flure und Räume. Anna lag mit weit offenen Augen auf dem Rücken im Bett – warum sie erwacht war, vermochte sie nicht zu sagen. Es musste noch immer mitten in der Nacht sein, denn auch von draußen drangen nur die typischen Geräusche dieser Stunden.
Unruhig rutschte sie unter den Decken hin und her, fühlte mit ihrer Hand nach dem Platz neben ihr, der natürlich schon mehrere Tage leer war. Erneut fragte sie sich, ob ihn wirklich Gottes gerechte Strafe ereilt hatte; auch ihr war aufgefallen, wie sehr sich Sebastian in den letzten Wochen seines Lebens verändert hatte. Ob es stimmte, was sich die Leute erzählten? Hatte er wirklich einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, der sich schließlich die Seele ihres Mannes geholt und nur eine verbrannte, geschundene Leiche zurück gelassen hatte?
Sie seufzte leise und setzte sich auf, schwang ihre Beine über den Bettrand. Ihre Hände tasteten über ihren Bauch, der bereits an Umfang gewonnen hatte.
Noch nicht einmal geboren, und schon dazu verdammt, ohne Vater aufzuwachsen.
Ihre Augen wurden feucht, und das Gefühl erdrückender Leere befiel sie. Sie stand ganz auf, die Decke glitt zurück aufs Bett, und mit einem Schritt war sie beim Nachttischchen, wo sie mit zitternden Fingern eine Kerze anzündete. Die flackernde Flamme schuf einen warmen Lichtkreis. Sie ging zum Fenster und schloss es.
Als sie sich wieder umdrehte, spürte sie die Präsenz von jemandem im Zimmer. Ihre Blicke versuchten, die Schatten in den entfernten Ecken zu durchdringen.
»Valeria?«, fragte sie, in der Annahme, ihre Magd könnte das Zimmer betreten haben – aber sofort verwarf sie den Gedanken wieder.
Unsinn. Ich hätte hören müssen, wenn die Tür gegangen wäre.
Sie stützte sich mit einer Hand an der Wand ab. Unruhe erfasste sie. Das Schlafzimmer schien sich zu drehen, und selbst als sie kurz die Augen schloss, bestand das Gefühl von Bewegung fort. Sie atmete mehrere Male tief durch, und als sich der Schwindel legte, glaubte sie, die Silhouette einer Gestalt ausmachen zu können.
Je stärker sie sich darauf konzentrierte, desto schärfer wurden die Umrisse eines Mannes im Mantel.
Ihr Herz schien stehen zu bleiben – um gleich darauf um so schmerzhafter weiter zu pochen.
Anna kannte den Eindringling nicht. Aber seine glühenden Augen, sein wilder Bart und das ungekämmte dunkle Haar, die Haltung – alles an ihm strahlte eine düstere Drohung aus.
»Wer... wer sind Sie?«, stieß sie hervor und presste ihren Rücken gegen die Wand. Die Art seines Erscheinens, die mitternächtliche Stunde – das war gewiss kein Zeichen lauterer Absichten!
Arthur von Karnstein lächelte, während er ihre Angst mit geblähten Nüstern förmlich aufsog. Im Gegensatz zu seiner Erscheinung hatte seine Stimme einen beruhigenden Klang.
»Ich bin hier, um eine Schuld einzufordern, die Ihr Ehemann hinterlassen hat.«
Von Karnstein wusste, was für ein hohes Risiko er einging, immer noch in der Stadt zu verweilen. Aber der Tod de Torquemadas – dieses ignoranten Schwächlings! – hatte ihm einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht.
Von Anfang an hatte er mit einkalkuliert, dass der letzte Inquisitor Sevillas labiler und willensschwächer war als sein Vater. Aber Sebastians Anfälligkeit für Wahnsinn hatte er nicht vorhersehen können!
Es war müßig, jetzt noch über das Warum nachzudenken – Arthur war nicht der Mann, der sich lange mit Wenn und Aber aufhielt. Den Verlust konnte er verschmerzen.
Der Spiegel des Krr Mh'tkh, welcher sich über die gesamte Decke seines Schlafzimmers erstreckt hatte, ließ ihn Anteil haben am Ende des Inquisitors – näher, als Arthur selbst lieb gewesen war. Denn der Spiegel diente als Auge, durch das er das Geschehen aus Sicht der Besessenen hatte betrachten können.
Ein Nachteil dieses Werkzeuges war die Schwierigkeit, sich von ihm zu lösen. Mitunter verwandte von Karstein bis zu einer halben Stunde darauf, in die Wirklichkeit zurück zu finden. Trotz all seiner Bemühungen hatte er es nicht mehr geschafft, selbst noch in das Geschehen einzugreifen und die vier Fremden aufzuhalten.
Überhaupt, diese drei jungen Männer und das Mädchen...
Wie waren sie verschwunden? Mit dieser Maschine, über die er den Deutschen ausgefragt hatte? Wahrscheinlich – zu gerne hätte Arthur sie selbst noch ausprobiert, aber die Fremden waren dreist genug gewesen, in sein Zimmer zu dringen und sie ihm wieder zu entwenden, mitsamt den Schlüsseln. Er selbst hatte seine Umgebung nicht wahr genommen, war er doch vertieft in die Beobachtung des Wirkens der Dämonen gewesen.
Nun, alles in allem war de Torquemada kein großer Verlust gewesen. Viel mehr schmerzte da schon der Tod seiner beiden besessenen Schergen. Nicht lange, nachdem er sie wieder in die Stadt geschickt hatte, waren sie von erzürnten Einwohnern gesteinigt worden.
Das, was in Sevilla nun begonnen hatte, würde sich bald in ganz Andalusien fortsetzen und schließlich auf das gesamte Spanien übergreifen, dessen war sich von Karnstein sicher.
Mönche wurden verfolgt und auf offener Strasse erschlagen und Klöster in Brand gesteckt, das Aufbegehren gegen die katholische Kirche kaum noch verhohlen. Arthur hatte Gerüchte gehört, nach denen sich ranghohe Offiziere getroffen hatten, um die Entthronung des schwächlichen Alfonse XIII zu bereden.
Ein drohender Bürgerkrieg warf seine Schatten voraus. Wahrscheinlich hätte dieser früher oder später sowieso statt gefunden. Aber de Torquemadas unbedachte Vorgehensweise gegen Perrero hatte den Aufruhr beschleunigt.
Antonio Ribeira indes, dessen Einfluss sicherlich auch einiges zur Sachlage beigetragen hatte, war untergetaucht. Das war nicht weiter verwunderlich, bedachte man, dass bei der gemeinen Bevölkerung der Glaube an den Teufel und an Hexerei nicht von einem Tag auf den anderen auszumerzen war. Die Leichen von Camaros Häschern waren gefunden worden, und der Zustand der beiden vom Hof Zurückgekehrten gab bestimmt auch einigen Leuten zu denken. Ribeira war auf Nummer Sicher gegangen.
Und auch für Arthur war es an der Zeit, Spanien zu verlassen. Er würde in seine Heimat, nach Deutschland, zurück reisen. Aber nicht, ohne sich an Sevilla zu rächen. Deswegen hatte er sich während der letzten Tage versteckt gehalten, hatte sein Haus und den Großteil der Intarsien aufgegeben – ein Verlust, der recht schmerzhaft war. In Deutschland würde er wieder von vorne anfangen müssen, und das noch vorsichtiger, denn stärker als in Spanien waren dort die Verfechter der Inquisition vertreten.
Und nun befand er sich im Schlafzimmer von de Torquemadas Ehefrau, die sich verängstigt an die Wand drückte.
»Was wollen Sie?«, hauchte sie mit großen Augen.
Arthur lächelte.
»Nicht viel. Ich will nur Ihr Kind.«
Anna starrte den Mann verständnislos an.
»Keine Angst. Ich will es nicht kochen und fressen – ich spinne ja auch kein Stroh zu Gold für Sie.«
Der Fremde wurde der Spanierin immer unheimlicher. Seine gesellig plaudernde Art machte ihn keineswegs vertrauenswürdiger.
Von Karnstein hob die Hand und spreizte die Finger. Ah, er würde seine Rache haben, selbst wenn er noch mehrere Jahre darauf warten musste, bis die Frucht seiner Bosheit gereift sein würde. Er spürte das Kribbeln an seinen Fingerspitzen, während seine Lippen stumme Worte formten.
Anna zog unwillkürlich fröstelnd die Schultern hoch, während der düstere Blick des Mannes unentwegt auf sie gerichtet war. Tatsächlich schien die Luft im Raum kühler geworden zu sein.
Ein leichter Luftzug hob ihr Nachtkleid an, strich sacht über die nackte Haut ihrer Beine. Fast schien es, als würden unsichtbare Finger über ihre Schenkel nach oben gleiten, auf ihren Schoss zu. Das Gefühl verursachte ihr eine Gänsehaut, war aber nicht unangenehm. Als die Kühle ihre Scham erreichte und in ihren Körper eindrang, seufzte sie auf.
Arthurs kehliges Lachen nahm sie nur wie aus weiter Ferne wahr. Und spürte in diesen Momenten wohliger Schauer nicht, wie ihr ungeborenes Kind von unsichtbaren Mächten verderbt wurde.

Fortsetzung folgt...

Vorschau auf Episode 6

Erwartet mit Spannung die am 1. März 2008 erscheinende 6. Episode.

Der Titel lautet:
»Im Fadenkreuz der Regulatoren«
Von C.C. Slaterman

Die vier Timetraveller landen in einem Amerika der Zukunft, mitten im Winter. Nachdem sie nur knapp dem Tod durch Erfrieren entgangen sind, erreichen sie eine kleine Siedlung, in der merkwürdige Zustände herrschen. Die Bewohner sind offenbar in zwei Klassen geteilt. Es gibt die sogenannten Regulatoren und die Erwählten. Während die Letztgenannten Menschen ohne Rechte zu sein scheinen, besteht die einzige Aufgabe der Regulatoren darin, nach einem für die Studenten nicht nachvollziehbarem System immer wieder Erwählte in die Berge zu bringen. Allerdings kehren kurze Zeit später nur die Regulatoren zurück...

 

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