
EPISODE 4
»Ameisen«
von William T. Minor & Gloomy Tomb

Es war irgendwann im Frühjahr oder Sommer. Den genauen Zeitpunkt weiß niemand mehr…
Andreas betrat gegen 7 Uhr morgens die Küche seiner schönen Zwei-Zimmer-Wohnung, die er seit ein paar Jahren bewohnte. Er hatte damals Glück gehabt, als er dringend eine Wohnung brauchte. Es war sogar eine Art Reihenhaus, was er günstig mieten konnte. Der Dachboden war nicht ausgebaut, aber im Erdgeschoss war für ihn alleine genügend Platz.
Am besagten Morgen hatte er eigentlich nur vor, sich einen Tee zu kochen, so wie es der Mitte Dreißigjährige jeden Morgen tat. Noch recht verschlafen bewegte er sich auf den hohen Schrank zu, der ganz links in seiner Küchenzeile stand. Darin bewahrte Andreas eine ganze Menge Teesorten auf. Auch einige Lebensmittelvorräte standen dort.
Auf seinem Weg durch die kleine Küche sah er nicht auf den Fußboden. Hätte er es getan, wäre ihm aufgefallen, dass etwas anders war, als es normalerweise war.
Andreas öffnete den Schrank und traute seinen Augen nicht. In sämtlichen Regalen krabbelte es nur so vor sich hin. Kleine, dunkelbraune Wesen mit sechs Beinen zogen ihre Bahnen zwischen Zucker, Mehl und Konservendosen. Im Regal mit den Tees war es genauso. Ameisen, unzählige Tierchen! Und dann sah er auch auf den Fußboden. Dort zog sich regelrecht eine Strasse von der einen Seite des Raumes zur anderen hin.
Was nun?, dachte Andreas.
Die Zeit war gerade noch lang genug, um einen Tee zu kochen, sich in der Zwischenzeit seine Arbeitssachen anzuziehen und dann bei einer Zigarette, mehr oder weniger in Eile, den Tee zu trinken.
Gut, dachte sich Andreas, die Zigarette und den Tee werde ich mir trotzdem genehmigen.
Um die Krabbeltiere wollte er sich dann nach Feierabend kümmern.
So nahm er sich schnell einen Beutel aus dem Karton mit dem schwarzen Tee und machte alles so, wie er es jeden Morgen, mal abgesehen vom Wochenende, tat.
Es sollte aber noch etwas passieren.
Nach dem Teegenuss also noch schnell die Tasse in die Spülmaschine stellen, dessen Klappe Andreas immer einen Spalt offen ließ, um Luft an das Geschirr zu lassen, was sich bereits darin befand. Da er alleine lebte, brauchte die Maschine nur einmal pro Woche eingeschaltet werden. Aber von Hand spülen wollte er nicht, dazu war er zu faul.
Was er dann hinter der Klappe erblickte, machte ihn schon fast wütend. Selbst in der Maschine krabbelten jede Menge Ameisen umher und machten sich an den auf dem Geschirr befindlichen Essensresten zu schaffen.
»Euch werde ich es zeigen«, rief Andreas und holte aus dem Spülenunterschrank ein Reinigungs-Tab heraus.
»Ich werde euch alle killen, da könnt ihr sicher sein!«
Andreas bereitete die Spülmaschine samt Ameisen auf einen Spülgang vor und schaltete das Gerät ein.
Dann wurde es allmählich Zeit, sich zur Arbeit zu begeben. Er war mittlerweile schon ziemlich spät dran. Die Spülmaschine konnte ihre Dienste während Andreas’ Arbeitszeit verrichten.
Im Flur sah er noch den Sprung im Glas, das in die Haustür eingesetzt war. Er wollte es schon vor ein paar Tagen reparieren lassen, doch war er bisher nicht dazu gekommen. Bezahlen musste Andreas es noch nicht einmal selber, denn die Versicherung der Nachbarskinder, die ab und zu Fußball auf der großen Wiese vor den Reihenhäusern spielten, sollte dafür aufkommen. Einige Tage zuvor hatten sie einen Schuss so hart dagegen geknallt, dass das Glas gesprungen war.
Und so verließ er leicht säuerlich seine Wohnung, nachdem er alle Zimmertüren vorsichtshalber zu gemacht hatte, stieg in sein Auto und fuhr in den Nachbarort, in dem er eine Arbeitsstelle hatte.

Hinter dem kleinen Reihenhaus mit der Nummer 21c passierte unterdessen etwas sehr Merkwürdiges. Es wurde binnen Sekunden sehr kalt, die Luft schimmerte bläulich mit einem leichten Flimmern und plötzlich tauchten wie aus dem Nichts vier junge Leute auf. Sie standen nur da und sahen sich überrascht um.
»Wo sind wir denn hier gelandet?«, fragte Markus Becker. »Sieht ja aus wie eine Wohnsiedlung, in der ich aufgewachsen bin.«
»Ah, du meinst, wir sind hier in Deutschland? Bei uns sehen kleine Wohnhäuser zwar etwas anders aus«, erwiderte Dan Simon, »aber du hast Recht, es scheint alles normal zu sein. Und wo Häuser sind, gibt es hoffentlich auch Menschen. Richtige Menschen, und nicht solche Zombies, von denen wir uns gerade verabschiedet haben.«
»Oh, Gott, erinnere mich nicht daran«, meldete sich da sofort Claire Bancroft zu Wort. Ihre Worte gingen in ein Stöhnen über, als sich bei der Erinnerung an ihr vergangenes Abenteuer auch gleich wieder die Schmerzen in ihrem gebrochenen Arm einstellten.
»Was werden wir nun tun?«, fragte Ken Okumoto gerade in dem Moment, als sie vor dem Haus ein bekanntes Geräusch wahrnahmen. Da startete ein Auto!
Die vier Studenten, die sich in das Abenteuer Zeitreise stürzten, ohne etwas von den Folgen einer Parallelweltodyssee zu ahnen, blickten wie auf ein Wort zur Hausecke, und sahen dem davonfahrenden Geländewagen nach.
»Das Auto stand dort vorne auf dem Parkplatz. Vielleicht sind gerade die Bewohner dieses Hauses damit weggefahren und es ist womöglich niemand hier. Und wir brauchen dringend ein paar Dinge. Sollen wir es wagen?«
»Dan, wir können doch da nicht so einfach reinspazieren. Was, wenn die Leute gleich zurückkommen oder wenn noch jemand da drin ist?«, gab Claire zu bedenken. »Sollten wir nicht erst mal dort klingeln gehen?«
»Aber so wie wir im Moment aussehen, kommen wir keine 50 Meter weit, wenn wir Pech haben, nicht einmal nach vorne bis zur Haustür. Wir müssten um die anderen Häuser herum gehen, um da hin zu kommen!«, antwortete Dan.
»Stimmt. Und was das Wichtigste ist, Claires Arm muss endlich richtig versorgt werden. Und wenn ich mich hier so umschaue, dann könnte ich fast meinen, dass das hier unsere Welt sein könnte. Ich weiß zwar nicht, wo wir uns befinden, aber es sieht doch alles recht zivilisiert aus, bis auf den Garten, der könnte mal ein bisschen Pflege vertragen.«
»Da stimme ich Ken vollkommen zu«, sagte Markus. »Lasst mich mal nachsehen, ob die Luft rein ist. Und dann mieten wir uns für eine halbe Stunde dieses Haus und hoffen, dass die Leute so schnell nicht wieder kommen.«
Da niemand eine bessere Idee hatte und sich alle nach ein wenig Sauberkeit an sich und frischer Wäsche sehnten, wurde Markus’ Vorschlag angenommen und in die Tat umgesetzt.
»Pass auf, dass dich keiner sieht!«, gab Ken ihm mit auf den Weg.
Markus lugte zuerst durch alle hinten liegenden Fenster und ging dann den Weg um die Häuser herum zum Vordereingang, immer darauf achtend, nicht entdeckt zu werden. Er spähte dort durch die Scheibe in der Haustür, ohne wirklich etwas durch das geriffelte und gesprungene Glas zu erkennen. Der Student überlegte kurz, doch zu klingeln, aber verwarf diesen Gedanken schnell wieder. Dann schlich er zurück zu den anderen.
Und Markus tat noch etwas, als er allein war. Er besah sich die Zeitmaschine. Diesen geheimnisvollen Glaszylinder, der für das Dilemma der Studenten verantwortlich war. Was er sah, gefiel ihm aber gar nicht. Die wenige Energie, die beim Verlassen der letzten Welt noch für einen Zeitsprung ausgereicht hatte, war nun vollends erloschen. Und der Physikstudent konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob sich die vollständig entleerten Energiezellen nun auch wieder selbständig aufladen konnten. Dafür bedurfte es immer eines Fünkchens Restenergie, die diesen Prozess wie ein Schneeball ins Rollen brachte. Doch im Moment konnte und wollte Markus darüber nicht nachdenken, die Zeit würde zeigen, ob die Maschine noch funktionierte.
»Es scheint sich keiner hier drin zu befinden. Wollen wir es wagen?« Markus blickte nacheinander in die Gesichter der anderen drei Studenten und wartete auf deren zustimmendes Nicken. Keinem der Timetraveller war es einerlei, hier und jetzt in eine fremde Wohnung einzudringen, doch sie sahen keine andere Möglichkeit, wollten sie nicht sofort wie bunte Hunde auffallen.
Ein Fenster an der Rückseite des Hauses war nicht verschlossen, sondern angekippt. Das hatte Markus bei seinem Rundgang gesehen. Da wollten sie es versuchen.
Der Student steuerte schon darauf zu, als Ken sich ihm gleich anschloss.
»Wir versuchen, so wenig wie möglich zu zerstören. Meist lassen sich diese Fenster ganz einfach aufhebeln«, sagte er dabei.
»Schlaues Bürschchen! Und weißt du auch, wie man das macht?«, reagierte Markus leicht gereizt.
»Das werden wir gleich sehen«, antwortete der Japaner etwas verwundert.
Sie erreichten das geöffnete Fenster und es erwies sich als ein Leichtes, die Verankerung zu lösen.
»Wie kann man nur so leichtsinnig sein?«, sagte Ken zu sich selbst.
Markus winkte Dan und Claire heran und da das Fenster gerade mal 80 cm über dem Erdboden lag, war es sehr einfach, in die Wohnung einzusteigen. Über etwaige Beobachter machten sich die Studenten zu diesem Zeitpunkt keine Gedanken, denn dafür wäre es mit Sicherheit schon zu spät gewesen. Aber sie wurden bisher nicht gesehen.
So kletterten sie in das Zimmer, es war ein Schlafzimmer, was von der Einrichtung her auf eine einzelne Person hinwies. Claire ließ sich von Dan helfen, doch auch für die schlanke, junge Frau war der Einstieg trotz des verletzen Armes kein Problem.
Ken öffnete vorsichtig die Zimmertür, während Dan gleich den Schrank, der rechts neben dem Fenster stand, inspizierte.
Wäre noch jemand in der Wohnung gewesen, so hätte er die Eindringlinge nun spätestens wahrnehmen müssen, denn sowohl die Zimmertür als auch die Schranktür ließen sich nur mit einem fürchterlichen Quietschen öffnen.
Doch wie es aussah, hatten die Studenten Glück. Die Wohnung war leer.
Da meldete sich Dans praktische Veranlagung und er unterbreitete sofort den Vorschlag, dass sie alle nacheinander das Badezimmer benutzten und sich dann an dem Kleiderschrank bedienen sollten. Ken hatte flüchtig in alle Zimmer geschaut und festgestellt, dass diese Wohnung tatsächlich nur von einer Person bewohnt wurde. Und es deutete alles auf einen Mann hin. Zwei E-Gitarren, die liebevoll in ihren Ständern auf ihren nächsten Einsatz warteten, ein Computertisch, der vor neuester Technik zu platzen drohte, davor ein übervoller Aschenbecher und auf dem Tisch eine leere Pizzaschachtel und eine halb geleerte Colaflasche.
Markus war der Erste, der sich ins Bad begab. Danach folgten Claire, Dan und zum Schluss Ken. Und alle vier fühlten sich nach dem Gebrauch von Wasser, Seife und Shampoo wie neu geboren. Sie hatten sich beeilt, denn sie mussten immer mit der Rückkehr des Hausbewohners rechnen. Was sollten sie ihm sagen, wenn er sie erwischte?
Claire hatte es ein wenig schwer gehabt mit der Dusche, da sie durch den gebrochenen Arm doch sehr gehandicapt war, aber auch sie schaffte es schnell, sich zu reinigen, auch wenn der Verband dabei ein wenig nass wurde.
Der Kleiderschrank gab nicht gerade passende Sachen her, aber immerhin saubere. So fanden sich für alle Jeans, die ein wenig zu lang waren und Shirts, die zumindest den jungen Männern gut passten. Claire wählte ein Hemd aus, da sie dieses leichter über ihren gebrochenen Arm ziehen konnte. Auch für ausreichend Unterwäsche und Socken hatte der Bewohner der Wohnung unwissentlich gesorgt, sodass die Timetraveller binnen kurzer Zeit kaum wieder zu erkennen waren.
»Das fühlt sich an wie Weihnachten und Ostern auf einen Tag«, stellte Markus fest.
»Ja, das ist ein gutes Gefühl«, stimmte Ken zu.
Claire war noch nicht ganz zufrieden, sie musste noch den schmutzigen und mittlerweile durch das Duschen nassen Notverband ertragen.
»Kann mir mal einer helfen?«, fragte sie.
Ken und Dan erinnerten sich noch gut daran, als sie den Arm gerichtet und notversorgt hatten. Beiden war nicht wohl bei dem Gedanken, das nun noch einmal tun zu müssen. Aber Markus machte keinerlei Anstalten, der jungen Frau zu Hilfe zu eilen.
»Na, komm, ich mach das«, sagte Ken. Er dachte mit Grausen an die Wunde und hoffte, dass er den Anblick ein zweites Mal würde ertragen können.
Er konnte! Als Ken den alten Verband gelöst hatte, war er erstaunt, wie gut die Wunde in der kurzen Zeit schon verheilt war. Allerdings wusste ja keiner der Timetraveller genau, wie viel Zeit inzwischen vergangen war. Der Wunde nach zu schließen, mussten es aber mindestens 4 Tage sein. Vielleicht wäre es ganz gut, wenn doch mal ein Arzt nach dem Arm sehen würde, aber wie sollten sie das anstellen? Das musste wohl oder übel noch warten.
»Dan! Markus! Schaut euch mal in der Bude um, ob ihr irgendwas findet, womit ich den Arm schienen kann,« rief Ken den beiden anderen Männern zu. »Und wenn ihr was findet, was uns nützlich sein kann, Geld oder Ausweise, dann bringt das gleich mit.«
Die Angesprochenen gingen daraufhin los und suchten nach diesen Dingen.
Dan fing in dem Raum an, in dem der Computer stand. Es musste das Wohnzimmer sein und Markus betrat die Küche.

8 Uhr, der Wecker, dieses elende Ding, es klingelte.
»Verdammt«, murmelte Maja noch halb schlafend und mit geschlossenen Augen vor sich hin und schlug mit der Hand ungefähr dorthin, wo sie den Aus-Schalter vermutete.
Das Gerät verstummte.
Maja versuchte, wieder einzuschlafen, was ihr aber nicht gelang.
Normalerweise hätte sie nun aufstehen müssen, sie hatte sich aber einen Tag frei genommen, weil sie ein paar Überstunden abfeiern wollte. Den Wecker am Vorabend abzuschalten war ihr entfallen.
Als die roten, digitalen Zahlen auf dem Display des Gerätes 8.30 Uhr zeigten, stand sie auf.
Noch etwas desorientiert ging sie ins Bad, um sich erst mal eine warme Dusche zu gönnen. Trotz der Jahreszeit war es nicht gerade sehr warm und sie fror. Das würde sich ändern, wenn sie unter dem warmen Strahl des aus dem Brausekopf strömenden Wassers stand.
Sie überlegte, was sie denn nun mit dem freien Tag machen sollte, als das Wasser auf ihre halblangen, hellbraunen Haare prasselte und ihren Körper, der durchaus ansehnlich war, herab rann.
Sie könnte mal wieder shoppen gehen, einfach ein wenig durch die Stadt schlendern und sich vielleicht ein neues Kleid kaufen. Davon besaß sie zwar schon einige, aber mal wieder etwas Neues, das musste schließlich ab und zu sein.
Nach ungefähr fünfzehn Minuten drehte sie das Wasser ab. Sie hatte sich schon lange nicht mehr so ausgiebig unter die Dusche gestellt. Meist waren es nur wenige Minuten, die sie dann mit Waschen verbrachte und nicht einfach nur so da stand und das warme Wasser genoss.
Da sie schnell los wollte, beeilte sie sich aber jetzt.
Frühstücken kann ich ja im Café, dachte sie. Und danach geht’s auf die Einkaufsmeile.
Sie zog sich einen auch erst vor Kurzem neu gekauften, langen schwarzen Rock und eine langärmelige Bluse an, bevor sie dann gegen 9.15 Uhr ihre Wohnung im ersten Stock des Mietshauses verließ.
Ihr roter Ford Fiesta wartete schon auf sie. Mit ihm würde sie schnell in die Stadt kommen. Es waren nur zehn Kilometer, die sie vom Zentrum der City trennten.
Sie startete den Motor und fuhr los.

Andreas hatte mittlerweile Frühstückspause und aß seine belegten Brötchen, die er auf dem Weg zur Arbeit noch schnell beim Bäcker geholt hatte. Das tat er jeden Morgen, selbst wenn er, so wie heute, spät dran war.
Nachdenklich saß er auf seinem Platz im Aufenthaltsraum des kleinen Kfz-Meisterbetriebes, in dem er seit zwei Jahren arbeitete. Er hatte damals nicht nur Glück mit seiner Wohnung gehabt, sondern auch mit dem Job. Keine vierzehn Tage hatte er gesucht, bis er seinen Arbeitsvertrag in der Tasche hatte.
Seit Deutschland wieder von einem Monarchen regiert wurde, war das Arbeitsplatzproblem glücklicherweise so gut wie gelöst. Der letzte Bürgerkrieg vor 18 Jahren hatte diese Lösung mit sich gebracht, und der letzte Spross aus dem Haus der Hohenzollern wurde vom Volk zum König gekrönt, erlangte internationale Anerkennung und regierte das Reich zum Wohle des Volkes. Dass seine eigenen Bedürfnisse dabei nicht zu kurz kamen, blieb dem Volk zwar nicht verborgen, doch man sah darüber hinweg, weil jedermann vom neuen Wohlstand profitierte.
Mit seinen Kollegen kam Andreas sehr gut klar und sein Chef war kein Sklaventreiber, wie er es zuvor in einer anderen Firma schon einmal erlebt hatte.
»Über was denkst du denn nach?«, fragte sein Kollege Dirk erstaunt.
»Du bist doch sonst nicht so in Gedanken versunken wie heute.«
»Ich habe ein Problem in meiner Wohnung«, erklärte Andreas.
»Dafür gibt es sicher eine Lösung. Was ist denn passiert?«, erwiderte Dirk.
»Ameisen, Dirk, alles voller Ameisen in meiner Küche!«
»Ach, dann fährst du nachher zum Baumarkt. Die haben da ein Mittel gegen. Das ist doch nicht das Problem!«, antwortete Dirk etwas erstaunt.
»Es waren so viele und gestern waren sie noch nicht da. Es kam so plötzlich und ich befürchte, dass sie sich auf die ganze Wohnung ausbreiten, während ich hier bin. Ich habe da plötzlich so ein eigenartiges Gefühl.«
»So schnell geht das doch nicht«, sagte Dirk.
»Ich weiß es nicht!«
Andreas nahm noch einen letzten Bissen von seinem Käsebrötchen.
»Wenn es nicht so viele gewesen wären, dann wäre es mir egal«, sprach er mit vollem Mund.
Dirk kam eine Idee.
»Ruf doch deine Bekannte an. Sie kann doch mal nachsehen und vielleicht schon ein Mittel kaufen. Gestern hast du doch erzählt, sie hätte heute einen Tag Urlaub. Und einen Schlüssel für deine Wohnung hast du doch für den Notfall bei ihr deponiert.«
»Du hast Recht, es ist gleich halb zehn und sie ist sicher schon aufgestanden«.
Andreas griff in die Seitentasche am Bein seines Arbeitsanzuges und zog das Handy hervor.
Die Nummer kannte er auswendig, schließlich hatte er sehr viel Kontakt zu der hübschen, braunhaarigen Frau, in die er schon einige Zeit ein wenig verliebt war. Sie war aber, in seinen Augen leider, nur eine sehr gute Freundin.

»Mist, das Handy«, erschreckte sich Maja am Steuer ihres roten Fords.
Sie hatte das Headset zu Hause liegen gelassen und wollte erst nicht drangehen. Doch die Melodie verstummte einfach nicht.
»Unbekannter Teilnehmer. Dass die Leute nicht ihre Nummer mitsenden!«, schimpfte sie vor sich hin.
Auf ihren Chef hatte sie jetzt keine Lust. Sie befürchtete, er sei am Telefon, denn es war schon oft genug vorgekommen, dass er versuchte, sie aus dem wohl verdienten freien Tag zu reißen.
Sie gab sich einen Ruck und ging ran.
Erfreut hörte sie die Stimme ihres guten Freundes Andreas, den sie vor einiger Zeit, es war sicher schon über ein Jahr her, kennen lernte, als sie mit ihrer Freundin Kerstin auf einem Rock-Konzert war.
»Hallo Andreas! Das ist aber eine freudige Überraschung, dich um diese Zeit zu hören!«, rief sie fröhlich in das Telefon. »Musst du heute nicht arbeiten?«
»Doch, doch, ich mache gerade Pause«, sagte Andreas am anderen Ende der Leitung.
»Ich möchte dich um einen Gefallen bitten. Ich hoffe, ich störe dich nicht.«
»Ich bin gerade unterwegs in die Stadt. Ich will ein wenig shoppen. Du weißt ja, ich habe heute einen freien Tag«, erwiderte sie gut gelaunt und mit freudiger Erwartung auf den Einkaufsbummel.
Andreas erzählte ihr von seiner Ameisenplage und von seiner Angst, dass sie sich auf seine komplette Wohnung ausbreitet.
»Aber warum hast du soviel Angst davor, dass die Tierchen sich so schnell ausbreiten? Glaubst du, dass es keine normalen Ameisen sind?«, fragte sie mit Erstaunen in ihrer Stimme.
»Du reagierst wie mein Kollege Dirk«, meinte Andreas. »Es ist so ein komisches Gefühl, was ich habe. Deshalb wollte ich dich um den Gefallen bitten, ob du nicht mal bei mir vorbeischauen kannst und vorher aus dem Baumarkt ein Mittel gegen Ameisenplage besorgen könntest. Einen Haustür-Schlüssel hast du ja.«
»Weil du es bist, Andreas, mach ich das. Wenn ich sowieso in die Stadt fahre, geh ich noch schnell in den Baumarkt rein und fahre dann bei dir vorbei.«
»Ich möchte nicht drängeln, aber mir wäre es am liebsten, wenn du das als erstes erledigen könntest. Dann wäre ich beruhigt«, erwiderte Andreas. »Ich hoffe, das ist in Ordnung für dich.«
Ein wenig Überredungskunst kostete es den Kfz-Mechaniker, doch dann erklärte sich Maja bereit.
Die Frühstückspause war seit einigen Minuten vorbei. So machte Andreas sich, mittlerweile ein wenig beruhigter, wieder an seine Arbeit.

»Ach du Scheiße!«, fluchte Markus.
Fast der gesamte Küchenfußboden war in Bewegung. Hunderte Ameisen wimmelten hin und her.
Und die Spülmaschine lief. Das war nicht gut. Gar nicht gut, denn es deutete darauf hin, dass der Besitzer vielleicht doch nur für kurze Zeit seine Wohnung verlassen hatte. Immerhin befanden sich die Timetraveller schon bestimmt eine halbe Stunde in der Wohnung.
Als Markus die Spülmaschine genauer in Augenschein nahm, entdeckte er, dass die Ameisenstrasse genau davor endete.
Dieser Idiot, der hier wohnt, hat sicher irgendeinen für Ameisen leckeren Speiserest tagelang an einem Teller klebend in der Spülmaschine vermodern lassen und sich so in kleinen Tierchen in die Wohnung gelockt, dachte er.
Doch das war nicht das Problem der Eindringlinge.
Der Deutsche zog alle Schubladen auf und wurde schnell fündig. In der zweiten Schublade bewahrte der Hausherr allerlei Rührlöffel und Quirle auf, deren Stiele sich gut zum Schienen des Armes eigneten. Markus trennte drei Stiele mit einer gefundenen Knochenschere mehr oder weniger sauber ab und verließ nach einem letzten Blick auf die kleinen Krabbeltiere, welcher ihm ein leichtes Unwohlsein bescherte, die Küche.
Ken hatte im Badezimmer unterdessen den Erste-Hilfe-Schrank geplündert und war gerade dabei, Claires Arm mit einem sterilen Verband zu umwickeln, als Markus mit den drei Rührlöffelstielen erschien.
»Wie siehst du denn aus? Ist dir der Leibhaftige begegnet?«, fragte der Japaner, als er Markus blasses Gesicht sah.
»Nicht ganz. Aber in der Küche wimmelt es nur so vor Ungeziefer. Da sind Millionen von Ameisen!«
»Na komm, nun übertreib es nicht«, wollte Ken schmunzelnd einlenken. Doch so, wie der Deutsche aussah, wollte ihm das nicht so recht gelingen.
»Dann ist es vielleicht besser, wenn du diese Stiele noch mal gründlich reinigst, Markus. Sieh mal, dort in dem Schränkchen ist purer Alkohol, wisch die Dinger damit noch mal ab.«
Markus tat das und Ken wickelte die nun sauberen Stäbe mit in den Verband.
Zu guter Letzt entnahm er dem Schränkchen auch noch ein Dreiecktuch, welches er professionell zur Stütze des Armes an Claire befestigte.
Auch Dan kehrte von seinem Erkundungsgang zurück, doch viel hatte er nicht finden können.
Außer ein paar Geldscheinen, sie nahmen an, dass es Geld war, denn solche Scheine hatte nie zuvor einer von ihnen gesehen, hatte der Sportstudent nichts von Wert finden können.
»Mehr war in dem Wohnzimmer nicht zu finden«, sagte er. »Aber ich weiß jetzt, wo wir uns befinden, zumindest, in welchem Land! Ich hab das auf den Büchern im Bücherregal erkannt. Ich glaube, das ist deutsch.«
»Wir sind hier in Deutschland«, bestätigte Markus. »Das hab ich schon beim Duschen erkannt, als ich die Aufschrift auf den Flaschen mit Shampoo sah.«
»Dann kennst du dich ja aus und kannst auch die Sprache sprechen.«
»Ja, Dan, das stimmt. Vielleicht hilft es uns noch weiter. Wer weiß, wann der Hausbewohner zurückkommt«, sagte der Physikstudent. »In der Küche läuft auch die Spülmaschine. Das kann heißen, dass bald wieder jemand hier erscheint!«
»Wir sollten uns beeilen, hier raus zu kommen. Wir sind in der Tat schon lange genug hier«, stellte Ken fest, der gerade mit der Versorgung Claires fertig war.
»Habt ihr eigentlich auch so einen Mordshunger wie ich?«, fragte die junge Frau darauf.
Die Männer nickten. Soviel Zeit muss doch noch sein, um sich schnell am Kühlschrank zu bedienen.
»Dann lasst uns doch mal nachsehen, was die gute Küche hier so hergibt«, sagte Dan.
»Ich geh da nicht noch mal rein«, protestierte Markus. »Und essen werde ich daraus auch nichts!« Bei dem Gedanken überlief ihn ein Schaudern, denn irgendwie waren ihm die Ameisen unheimlich. Es waren einfach zu viele!
»Dann schau ich mal nach«, sagte Dan und ging in Richtung Küche. Der Japaner folgte ihm.
Kaum dass sie die Tür geöffnet hatten, schlug ihnen ein unerklärlicher Lärm entgegen.
»Was ist das denn für ein Gepolter?«, fragte Ken, der sich von diesem Schrecken schneller erholte als sein Freund.
Sie bemerkten fast gleichzeitig das rote Lämpchen an der Spülmaschine, welches anzeigte, dass diese gerade in Betrieb war. Und das Poltern und Scheppern kam eindeutig aus dieser Maschine.
»Ich glaube, die reinigt das Geschirr nicht, sie zerlegt es in alle Einzelteile«, sagte Dan, der in diesem Augenblick auch das unheimliche Krabbeln auf dem Fußboden wahrnahm.
»Bäh, das ist ja widerlich! Ken pass auf, die Viecher krabbeln quer über deine Schuhe!«
Ken, der die Küche zuerst betreten hatte, stand genau im Zentrum der Ameisenstrasse. Als er Dans Warnung hörte, fing er an, auf den kleinen Tieren herum zu trampeln, weil er sie so von seinen Schuhen herunter bekommen wollte. Doch je mehr er tot trat, umso mehr schienen noch hinzu zu kommen. Dem war nicht so, aber er hatte zumindest den Eindruck.
Beide Männer beschlich das gleiche unheimliche Gefühl wie zuvor Markus und sie verließen auf schnellstem Weg die Küche.
Und nicht nur die Küche, denn Markus stellte noch einmal fest, dass die Spülmaschine lief und er glaubte, der Eigentümer sei sicher bald wieder da. »Lasst uns jetzt schnell verschwinden!«, fügte er noch hinzu.
»Aber ...«, wandte Claire ein.
Doch Ken fiel ihr ins Wort.
»Markus hat Recht. Ich will hier weg sein, bevor noch irgendetwas passiert. Bis jetzt hatten wir Glück, doch wir sollten es nicht herausfordern. Oder hat sich die Zeitmaschine schon wieder reaktiviert?«
Der Deutsche schüttelte den Kopf. Und Dan stellte fest: »Vielleicht brauchen wir die Zeitmaschine gar nicht mehr. Oder ist euch noch gar nicht aufgefallen, dass hier alles verdammt bekannt aussieht? Ich meine, könnte es nicht sein, dass wir in unserem Jetzt gelandet sind? Zwar in Deutschland, aber zumindest in unserer Welt?«
Erst da bemerkten auch die anderen Timetraveller, dass der Sportstudent endlich in Worte fasste, was sich bisher keiner zu glauben getraute. Doch wissen konnten sie es zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
»Wenn das wirklich wahr sein sollte, dann müssen wir zusehen, dass wir tatsächlich schnell unerkannt von hier verschwinden. Oder wie wollt ihr dem Bewohner und vor allem der Polizei unser Hiersein erklären?«, gab Ken zu Bedenken. »Da nützt es uns auch nicht unbedingt viel, dass Markus die Sprache beherrscht!«
Daraufhin kletterten die Studenten, ohne noch einmal in der Küche gewesen zu sein, einer nach dem anderen wieder aus dem Fenster und gingen leise hinter den Häusern davon. Das Fenster ließen sie einfach offen stehen, denn ihr Eindringen würde so oder so nicht unbemerkt bleiben.

Peter Boltenberg, ein etwas korpulenterer Endfünfziger mit mittlerweile nur noch wenigen Haaren auf dem Kopf, der hoffte, bald vorzeitig in den Ruhestand gehen zu können, fuhr um fünfzehn Minuten vor zehn Uhr mit dem gelben Renault Kangoo Kastenwagen in die Westerstrasse ein, in der auch Andreas Reihenhaus-Wohnung lag. Er schimpfte leise vor sich hin, da er das Paket, das er hinten zwischen anderen großen und kleinen Kartons aufgestapelt hatte, wahrscheinlich wieder nicht los wurde und einen dieser orangefarbenen Abholscheine ausstellen musste. Das war er gewohnt, wenn er etwas bei der auf den Empfängeraufkleber gedruckten Adresse abzuliefern hatte. Er überlegte, ob er nicht sofort solch einen Zettel ausfüllen, in den Briefkasten werfen und gar nicht erst den schweren Karton an den ganzen Häusern vorbei zu dem letzten Eingang schleppen solle. Auf die Erkenntnis, dass das besser gewesen wäre, konnte er nicht kommen.
»Nein, das kann ich nicht machen. Nachher ist doch jemand da und es gibt Ärger auf der Dienststelle«, murmelte er vor sich hin.
Inzwischen hatte er auch den zu den Häusern gehörenden Parkplatz erreicht. Boltenberg stellte den Renault seines Arbeitgebers ab, stieg aus und öffnete die hintere Türe, die mit einem schwarzen Symbol, dass ein Posthorn darstellen sollte, beklebt war.
»Was der nur wieder bestellt hat?«, ärgerte sich der Paketzusteller.
»Das wiegt ja wieder unmenschlich viel.«
Er trug den recht großen Karton auf beiden Armen in Richtung des Hauses mit der Nummer 21c, stellte ihn dort auf den beiden zum Eingang führenden Stufen ab und drückte den Klingelknopf, auf dem in schwarzen Lettern der Name »Gothan« gedruckt stand. Nichts regte sich.
»Wie immer!«, murmelte er in wenig überraschtem Ton vor sich hin. »Ein Nachnahme-Paket kann man bei den Nachbarn auch nicht abgeben.«
Ein weiteres Mal betätigte er den Knopf und versuchte durch das geriffelte Glas, was sich in der Haustüre eingelassen befand, zu blicken. Er sah auch noch den Sprung in der Scheibe.
Im ersten Moment tat sich wieder nichts, doch bevor Peter Boltenberg seinen Kopf noch vom Glas entfernen konnte, vernahm er den dunklen Schatten, der wegen des Glases verzerrt und nicht identifizierbar immer größer wurde und mit unverminderter Geschwindigkeit auf ihn zukam.
»Was ist das? Ein Hund?«, war der letzte Gedanke, den er hatte, bevor er den Knall vernahm und das schon angeschlagene Glas, was sich eben noch innerhalb der Haustüre befand, mit einem scheppernden Geräusch in seine Richtung bewegte. Er spürte, wie sich einige der Splitter in sein Gesicht bohrten und dort mehrere tiefe und weniger tiefe Schnitte hinterließen. Unvermeidlich machte er einen Schritt zurück und stolperte über das Paket, welches sich direkt hinter ihm befand.
Das, was dem Glas nun durch die in der Tür entstandenen Öffnung folgte, konnte er nicht erkennen, denn er fiel rückwärts die beiden Stufen hinab und schlug hart mit dem Hinterkopf auf die grauen Gehwegplatten aus Beton, über die er vor weniger als zwei Minuten noch gegangen war.
Das Bewusstsein verlor er nicht. Er spürte nur den heftigen Schmerz und sah einige gelbe Sterne vor seinen Augen aufflimmern. Die von den Glassplittern verursachten Schmerzen im Gesicht wurden überlagert.
Im nächsten Moment, als die Sterne verschwanden, sah er, was durch die zerstörte Haustür auf ihn zugekommen war. Er glaubte, er sei verrückt geworden. Das konnte nicht möglich sein! Ein Hund war das nicht, was zielsicher auf seinen am Boden liegenden Körper zusteuerte.
Fluchtgedanken ...
Aber so schnell schaffte er es niemals, sich vom Boden zu erheben. Nicht nur, weil er durch den Sturz und die Verletzungen geschwächt war, auch sein nicht zu unterschätzendes Körpergewicht hinderte ihn daran. So passierte das, was sich in den letzten Bruchteilen von Sekunden in sein Hirn eingemeißelt hatte. Das dunkelbraune Etwas wollte ihm an den Kragen.
Und dann hatte es ihn auch schon erreicht. Zu spät! Die beiden mit dicken Borsten versehenen Zangen waren weit auseinandergeklappt. Dahinter war deutlich die weit aufgerissene Mundöffnung zu erkennen.
Das war eine Ameise, aber was für eine! Der Körper hatte eine Länge von mindestens fünfzig Zentimetern ...
Und dann wurde es dunkel um Peter Boltenberg.

Maja ärgerte sich ein wenig, dass Andreas es geschafft hatte, sie zu überreden. Ihrer Meinung nach war das alles nicht so dringend, wie er es dargestellt hatte. Aber andererseits konnte sie ihrem guten Freund nichts ausschlagen. Schließlich war auch er immer für sie da, wenn sie jemanden brauchte. Schon oft hatte sie ihr Herz bei ihm ausgeschüttet.
Das Shoppen hatte sie erst mal verschoben. Nach dem Besuch in Andreas Wohnung konnte sie sich immer noch in die Einkaufsmeile begeben.
Nun war sie stattdessen zum Baumarkt gefahren, der sich am Rande der Stadt befand. Der freundliche Verkäufer hatte versucht, sie so gut wie möglich zu beraten und ihr schließlich ein paar Plastikdosen, die sich in einem kleinen Karton mit der Aufschrift ‚Ameisenköder’ befanden, verkauft, die man dort hinstellen sollte, wo die Ameisen sich ihren Weg bahnten.
Als sie wenig später wieder in ihrem Auto saß, aß sie auf die Schnelle einen Berliner, den sie beim Bäckerstand vor dem Eingang des Baumarktes erworben hatte. Auf den Kaffee, den sie eigentlich noch trinken wollte, hatte sie bisher verzichtet.
Der Weg zur Wohnung ihres Freundes war nicht weit. Vom Baumarkt aus zwar weiter, als von ihrer Wohnung, denn die Strecke hätte man durchaus zu Fuß gehen können, aber trotzdem musste sie höchstens zehn Minuten fahren, wenn sie gut durch den Verkehr kam. Heute war das der Fall.
Der Schlüssel zum Haus in der Westerstrasse war an ihrem Schlüsselbund befestigt und so konnte sie sich den kurzen Umweg zu ihrer Wohnung ersparen.
Maja hatte sich vorgenommen, die Dosen dort hinzustellen, wo sie die Ameisen sehen konnte und dann ihren Freund per Handy zu benachrichtigen.
Die Uhr in ihrem Wagen zeigte zehn Minuten nach zehn an, als sie den Parkplatz in der Westerstrasse erreichte. Sie stellte den Ford neben einen gelben Renault Kangoo von der Post, ergriff den kleinen Karton mit den Ködern, den sie neben sich auf den Beifahrersitz gelegt hatte und stieg aus.
Hätte sie bereits einen Blick über den mit grauen Betonplatten bedeckten Weg geworfen, wäre ihr als Erstes der Mann aufgefallen, der nur fünfzig Meter von ihr entfernt quer zur Gehrichtung lag. Genau vor Andreas Haustür. Bisher war noch niemand anderes vorbeigekommen.
Auch hätte sie die drei dunkelbraunen Wesen gesehen, die sich an dem wie leblos wirkenden Körper zu schaffen machten und sich wahrscheinlich über den kleinen Karton mit den Ameisenködern lustig gemacht hätten, wenn sie es könnten.
Stattdessen kramte Maja schon an dem Bund herum, woran sie den Schlüssel befestigt hatte und setzte sich in Richtung des Hauses mit der Nummer 21c in Bewegung.
Dann sah sie hoch und ihr gefror der Atem.
Abrupt blieb sie stehen. Ihr Unterkiefer folgte der Gravitation und sackte nach unten. Sie spürte plötzlich den Schweiß, der sich auf ihrer Stirn breit machte. Sie schaute weg und sofort wieder hin, doch das Bild, was sie sah, änderte sich nicht.
Einen Schrei konnte sie nicht unterdrücken.
»Das Handy ... wo ist das Handy?« raste es ihr durch den Kopf.
Sie hatte es im Auto liegen lassen.
Eine hastige Drehung und sie rannte die wenigen Meter zurück zu dem roten Fiesta. Der Schlüssel fiel ihr noch herunter, bevor sie es dann schaffte, die Fahrertür zu öffnen und nach dem Telefon zu greifen, das sie auf dem Armaturenbrett abgelegt hatte.
Wen sollte sie anrufen? Die Polizei? Die Feuerwehr?
Innerhalb kürzester Zeit entschied sie sich für die 110. Ihre Finger tippten hastig die Notrufnummer der Polizei ein. Währenddessen sprang sie auf den Fahrersitz und schlug die Tür zu.

In Andreas Wohnung war die Hölle los. Aus der aufgesprungenen Klappe der Spülmaschine waren einige große Wesen gekrabbelt, die sich noch vergrößerten, bis sie eine Länge von ungefähr fünfzig Zentimetern erreicht hatten. Einige der Ameisen, die sich in dem Gerät befunden hatten, waren auf eigenartige Weise auf diese monströse Größe herangewachsen. Andere hatten den Spülvorgang nicht überlebt und waren qualvoll gestorben. Sie lagen im Sieb, das sich über dem Ablauf zum Abfluss befand. Überall waren Scherben verteilt, die von zerbrochenen Tellern, Tassen, Gläsern und von Dingen, die sonst noch den Spülvorgang mitmachten, stammten.
Auf dem Küchenfußboden krabbelten immer noch eine Menge normal großer Ameisen, die sich nichts aus ihren großen Artgenossen machten.
Insgesamt mögen es um die zwanzig große Ameisen gewesen sein, die nun auf der Suche nach Nahrung in der Küche und im angrenzenden Flur umherliefen. Durch die Scherben der zerbrochenen Glasscheibe in der Haustür hatten drei Tiere den Weg nach draußen gefunden. Sie hatten auf die Bewegung reagiert, die von einer Ameise durch das geriffelte Glas wahrgenommen wurde. Irgendetwas hatte die Monstren in Ameisengestalt aggressiv gemacht. Sie verhielten sich nicht mehr wie ihre Artgenossen in Normalgröße. Wohl kaum wäre sonst das erste Tier mit solcher Wucht gegen die allerdings schon angeschlagene Scheibe gesprungen, dass diese komplett zerbarst.
Draußen hatten sie sich dann über den mittlerweile total entstellten Paketzusteller hergemacht. Das, was einmal sein Gesicht war, war nicht mehr zu erkennen. Mit ihren scharfen Zangen hatte die erste Ameise einige Stücke heraus geschnitten und verspeist. Blut spritzte über ihren Körper, nachdem sie die Schlagader am Hals durchtrennt hatte. Es lief auch am Hals des Toten entlang auf den Gehweg.
Zwei andere Monstren machten sich am wohlbeleibten Körper des Mannes zu schaffen. Auch dort waren mittlerweile einige Stücke herausgetrennt worden. Die Postuniform war total zerfetzt und mit Blut durchtränkt. Es war ein Bild des Grauens.
Genau dieses Bild sah die 39jährige Irmtraud Stuffertz, als sie die Haustür des Hauses 21b öffnete und mit einem zugeknoteten Müllsack ihre Wohnung verließ.
Eine vierte Ameise, die den Weg nach draußen gefunden hatte, registrierte als erste die Bewegung links neben dem, was noch von Peter Boltenberg übrig war und lief über die beiden Stufen am Eingang auf den Gehweg.

Die vier Timetraveller hatten sich in ein kleines Waldstück zurückgezogen, was nicht sehr weit von dem Reihenhaus entfernt war. Dort wollten sie erst mal abwarten, was passierte. Sie hielten den kleinen Garten und das nun offen stehende Schlafzimmerfenster der Wohnung, aus der sie vor noch nicht allzu langer Zeit heraus gekommen waren, im Blick. Es war von ihrem Standort aus gut zu erkennen. Den Parkplatz allerdings konnten sie nicht sehen. Auch die Geräusche von dort drangen nicht bis zu ihnen vor. Sonst hätten sie schon Einiges zu Gesicht und zu Gehör bekommen.
»Wie lange wollen wir denn noch hier rumsitzen?«, fragte Claire. Sie wurde langsam ungeduldig.
»Wir können ja mal ein wenig hier in der Gegend umher laufen. Vielleicht kommen wir auf eine Idee, wie es nun weitergehen soll«, erwiderte Ken.
Dan und Markus waren einverstanden. So machten sie sich auf den Weg und entfernten sich weiter von dem Reihenhaus.

»Polizei Notruf, Heinz Meiser, womit kann ich ihnen helfen?«
»Mein Name ist Maja Lange«, rief Maja völlig nervös und schockiert in ihr Handy.
»Kommen sie sofort in die Westerstraße 21c, dort ist etwas Schreckliches passiert! Schnell!«
»Beruhigen sie sich bitte!«, ertönte es aus dem Lautsprecher.
»Ameisen«, rief die hübsche junge Frau, ohne das wahrzunehmen, was der Polizist am anderen Ende sagte. »Da liegt ein Mensch und wird von großen Ameisen zerfressen!«
»Sind sie verrückt geworden? Sagten sie Ameisen? Große Ameisen fressen einen Menschen auf?« fragte der Herr am anderen Ende der Leitung ungläubig.
»Nun kommen sie doch schnell her!«, versuchte Maja den Polizisten zu überzeugen. Sie war mittlerweile in Tränen ausgebrochen.
Das merkte auch der Beamte. Er glaubte zwar nicht, was diese Frau ihm gesagt hatte, aber trotzdem wollte er der Sache auf den Grund gehen.
»Bleiben sie, wo sie sind, Frau Lange, ich informiere die zuständige Dienststelle und die schicken einen Streifenwagen vorbei«, sagte er.
»Hören sie mich? Antworten sie bitte!«
Maja schluchzte in den Hörer.
»Bleiben sie, wo sie sind«, wiederholte Meiser.
»Ich bleibe hier, machen sie schnell«, jammerte Maja ins Telefon, bevor sie auflegte.
»Wir sind unterwegs!«, erwiderte Meiser und hörte das Besetzt-Zeichen.
Auch er legte auf und gab eine Meldung an die zuständige Dienststelle durch, die daraufhin einen Streifenwagen, der sich in der Nähe der Westerstrasse aufhalten musste, alarmierte.

Karl Tacken und Jakob Gerhards hatten bisher einen ruhigen Morgen gehabt. Sie waren miteinander im Gespräch über einen jugendlichen Dieb, der im SKY-Markt auf der Meiereistrasse am frühen Morgen eine Computerzeitschrift stehlen wollte, als sich der Funk meldete.
»Wagen 12, bitte melden ...«, krächzte es aus dem Lautsprecher.
Jakob nahm den Funkspruch entgegen, während Karl Tacken, der am Steuer des Opel Vectra saß, auf die Hauptstrasse einbog.
»Wagen 12 hört«, sprach Gerhards in die Muschel.
»Fahren sie bitte mal in die Westerstrasse 21c. Eine Frau hat angerufen und wirres Zeug über große Ameisen, die einen Mann anfressen, geredet. Seien sie vorsichtig!«
»Was den Leuten so alles einfällt ...«, antwortete Jakob Gerhards.
»Ich weiß nicht, was an der Sache dran ist. Man kann nie wissen.«, krächzte es wieder aus dem Funkgerät.
»Mehr Informationen habe ich nicht.«
Karl Tacken verzog das Gesicht zu einem Grinsen. Er hatte schon vieles gehört, aber so etwas war für ihn neu.
»Wir fahren hin, Chef. Sagen sie, wie heißt die Dame, die angerufen hat?«
»Lange ist ihr Name, Maja Lange.«
»Alles klar. Wir sind unterwegs. Ende.«
»Ende.«
Karl gab Gas. Er war neugierig geworden.
Weit hatten sie es nicht bis zur Westerstrasse. Sie befanden sich nur zwei Strassen weiter und hatten eigentlich vorgehabt, zur Dienststelle zurück zu fahren.
Der Streifenwagen bog von der Hauptstrasse in die Schulstrasse ab, von der wiederum die Westerstrasse abzweigte.

Die Zeitreisenden, die noch immer unterwegs durch den Ort waren, kamen auf ihrem Weg nun auch an dem besagten SKY-Markt vorbei, was Claire auf eine Idee brachte.
»Lasst uns doch mal kurz hier rein gehen. Ich habe immer noch Hunger. Wir könnten uns was zu Essen kaufen!«, sagte sie.
»Das stimmt«, erwiderte Dan. »Ich habe hier noch das Geld aus der Wohnung.«
Dabei griff er in die Hosentasche der ‚gestohlenen’ Jeans und hielt die Scheine hoch.
»Dann geh du aber mit rein, Markus! Du verstehst die Sprache. Dann fallen wir nicht auf«, stellte Ken fest.
So betraten die beiden Männer den Markt und kamen auch nicht viel später mit einer Brötchentüte wieder heraus.
»Hat alles prima geklappt«, sagte Ken zu Dan und Claire, die ein wenig nervös draußen gewartet hatten.
»Dann lasst uns jetzt schnell was essen und weitergehen«, gab Markus zu verstehen.
So machten sie es, während sie die belegten Brötchen in Windeseile verspeisten.
Einzig Markus konnte die frischen Brötchen nicht so recht genießen, denn ihm bereitete der Umstand Sorgen, dass er solches Geld, wie Dan es in der Wohnung gefunden hatte, noch nie zuvor gesehen hatte. Als er vor dem Abenteuer Zeitreise sein Gaststudium in Kansas City antrat, musste er noch Euro-Scheine in Dollar wechseln. Doch die Papierscheine, mit denen sie soeben bezahlt hatten, waren eindeutig keine Euros!

Irmtraud Stuffertz blieb wie erstarrt auf der letzten Stufe ihres Wohnungseinganges stehen. Der Müllbeutel glitt ihr aus der Hand und zerplatzte beim Aufprall auf den Gehweg.
Zu einem klaren Gedanken war sie nicht fähig. Sie blickte nur auf den leblosen, am Boden liegenden Menschenkörper, oder auf das, was noch davon übrig war. Einen Brechreiz unterdrückte sie noch erfolgreich.
Die Ameise, die sich in ihre Richtung bewegte, nahm sie zuerst gar nicht wahr. Erst als diese den zerplatzten Müllbeutel erreicht hatte, registrierte sie sie.
Ein Schrei löste sich aus ihrer Kehle, als das braune Monster ihren Fuß, der in einem Birkenstock-Pantoffel steckte, berührte. Gleichzeitig wich die Starre von ihr. Sie zog den Fuß zurück, drehte sich in Richtung Parkplatz und rannte davon. Zum Glück war die Ameise nicht so schnell, dass sie Irmtraud Stuffertz hätte einholen können.
Nach ungefähr dreißig Metern, sie hatte den Parkplatz fast erreicht, verlor sie einen der Birkenstock-Pantoffeln, die nicht für Laufübungen gemacht worden waren. Das brachte sie aus dem Konzept und sie stolperte. Als sie zu Boden fiel, versuchte sie sich noch mit den Händen abzustützen, was ihr aber nicht gelang. Mit einem Schmerz, der durch ihre Handflächen jagte, blieb sie einen Moment zu lange liegen. Bevor sie wieder auf den Beinen war, erreichte die Ameise sie.

Maja Lange starrte schluchzend aus dem Fenster ihres Fords und sah, wie Andreas’ Nachbarin ihr Haus verließ. Beruhigt hatte sie sich noch nicht und hoffte darauf, dass schnell ein Streifenwagen ankommen würde.
Andreas hatte wohl doch Recht gehabt, als er seine Sorge äußerte. Nur hatte er sich solch eine Tragödie sicher nicht vorgestellt.
Maja kurbelte das Seitenfenster herunter, als sie sah, dass die Frau zu Boden fiel und von der Ameise angegriffen wurde.
»Stehen sie auf«, rief sie laut mit sich überschlagender Stimme der Frau zu. »Laufen sie!«
Die Frau versuchte aufzustehen, was ihr aber schwer fiel. Die Ameise hatte sich in den linken Fuß verbissen und versuchte, ein Stück davon herauszureißen. Es floss schon Blut.
In dem Moment bog der Streifenwagen mit den beiden Polizisten auf den Parkplatz ein.
Karl Tacken und Jakob Gerhards hatten bereits gesehen, was passierte. Sie trauten ihren Augen kaum. Trotzdem zögerten sie nicht. Die Türen des Opels sprangen auf und mit gezogenen Dienstwaffen stürmten die Männer auf den Gehweg zu.
In der Zwischenzeit hatten weitere drei Ameisen die Wohnung von Andreas verlassen und liefen, ihrem Artgenossen folgend, auf Irmtraud Stuffertz, die noch immer am Boden lag, zu.
Ein Tritt mit dem sich noch am anderen Fuß befindlichen Pantoffel gegen den Kopf der Ameise lenkte diese kurz ab. So gelang es Irmtraud, den blutenden linken Fuß weg zu ziehen. Viel Zeit hatte sie nicht. Sehr sportlich war sie auch nicht. Trotzdem schaffte sie es, blitzartig auf die Beine zu kommen. Jetzt merkte sie, dass sie sich auch am Knie verletzt hatte. Aus dem linken Fuß strömten außerdem die Schmerzsignale in ihr Gehirn. So gut es ging die Verletzungen ignorierend, humpelte sie auf den roten Wagen zu, der nur noch einige Meter von ihr entfernt war.
Die Ameise hatte sich ebenfalls in Bewegung gesetzt. Dicht gefolgt von ihren drei Artgenossen versuchte sie, Irmtraud Stuffertz wieder einzuholen.
»Zur Seite!!«, schrie Karl Tacken ihr zu, der seine Waffe auf eine der Ameisen gerichtet hatte.
Jakob Gerhards war dicht hinter ihm und rannte auf die Verletzte zu. Er riss sie herum, als er sie erreicht hatte. Seine Dienstwaffe glitt ihm dabei aus der Hand und fiel auf den Gehweg.
Ein Schuss.
Karl hatte ihn abgefeuert. Er traf eine der Ameisen in der Mitte ihres Körpers, aber nichts, außer dass das Tier ein wenig zuckte, geschah. Das braune Monster setzte ungehindert seinen Weg fort.
Ein zweiter Schuss, wieder traf der Polizist. Diesmal eine andere Ameise. Das Gleiche wie schon zuvor passierte, nämlich nichts!
»Verdammt, was ist das?«, brüllte er.
Jakob hatte inzwischen Irmtraud gestützt, auf den Parkplatz zum Streifenwagen geführt und die total verstörte Frau auf den Beifahrersitz gesetzt. Dort war sie erst mal sicher.
»Ruf Verstärkung«, hörte er Karl rufen. »Ich werde nicht mit den Biestern fertig! Die Schüsse prallen einfach ab!«

Maja, die noch immer das Schauspiel aus ihrem Wagen verfolgte, war bereits kreidebleich geworden. Sie schluchzte vor sich hin und wusste nicht, was sie tun sollte. Es war alles so schrecklich, so unvorstellbar. Sie musste Andreas benachrichtigen, fiel ihr plötzlich ein. Er wusste ja noch nichts von all dem, was geschehen war.
Das Fenster hatte sie noch nicht wieder geschlossen, als sie zum Handy griff und Andreas Nummer anrief.

In der Autowerkstatt ging Andreas seiner Arbeit nach, als er die Melodie aus seiner Hosentasche hörte.
Das muss Maja sein, dachte er und zog das Handy hervor.
»Hallo?«, sprach er hinein.
»Andreas, komm schnell zu dir nach Hause! Hier geschehen schlimme Dinge«, hörte er Maja mit verheulter Stimme und völlig gehetzt aus dem Telefon sprechen.
»Oh Gott, Maja, geht es dir gut? Was ist passiert?«
»Die Ameisen, sie sind riesengroß. Sie haben einen Mann angegriffen. Der liegt vor deiner Haustür!«
Andreas begriff nicht, was da los war. Riesengroße Ameisen? So was gibt’s doch nicht! Am frühen Morgen waren die doch noch normal groß. Aber er wusste, dass Maja ihn nicht ärgern wollte, denn ihre Stimme klang total aufgelöst.
»Was ist mit dir los? Wer liegt da vor meiner Tür?«, erwiderte er überrascht und verwirrt.
»Ein Mann, und deine Nachbarin hat es auch erwischt.«
Der Kfz-Mechaniker wusste nicht, was er von Majas Worten halten sollte. War sie jetzt verrückt geworden?
»Komm nach Hause«, hörte er sie schluchzen. »Die Polizei ist auch schon da.«
»Bleib, wo du bist, ich bin gleich bei dir!«, rief er noch, bevor er auflegte.
Er kletterte unter der Hebebühne hervor, auf der ein schwerer Mercedes stand, bei dem er den Auspuff wechselte.
Er musste seinen Chef finden. Er musste ihm Bescheid sagen! Er musste nach Hause!
Andreas lief in Richtung Büro. Er kam an Dirk vorbei, der erstaunt guckte.
»Wo läufst du denn hin?«, rief er noch, aber Andreas hatte schon die kleine Halle verlassen und stolperte ins Büro. Er riss die Tür auf und stand vor einem verwundert hinter seinem Schreibtisch hervor blickenden Chef.

Dan fiel als erstem auf, dass Markus wohl ziemlich schlechter Laune war.
»Was ist denn los? So schlecht waren die Brötchen doch nicht?«
»Die Brötchen nicht. Aber das Geld, womit du bezahlt hast.«
»Wieso, Geld stinkt doch nicht, oder?«, fragte der Sportstudent mit einem Augenzwinkern, um die Situation etwas aufzulockern.
»Was war denn mit dem Geld, Markus?«, wollte nun Claire wissen.
»Nun, es waren keine Euros.«
»Ja, und?«, fragte die junge Frau weiter.
»Nichts und. Als ich Deutschland verlassen habe, hat man hier mit Euros bezahlt. Und nun gibt es hier schon wieder ganz anderes Geld. Das gefällt mir nicht«, antwortete Markus.
»Vielleicht haben sie ...«, wollte der Japaner einlenken. Doch Markus fiel ihm gleich ins Wort.
»Kein Vielleicht. Ich denke, wir sind hier zwar in einem Deutschland, aber nicht in dem, wo ich herkomme. Es ist nicht nur das Geld, auch dieser Supermarkt eben, der hatte Dinge im Regal, von denen ich vorher noch nie etwas gehört habe. Also, entweder sind wir in einem anderen Deutschland oder in einer ganz anderen Zeit zurückgekehrt. Und nach unseren bisherigen Reisen bin ich ziemlich sicher, dass das Erstere zutrifft.«
»Nun sieh doch nicht gleich so schwarz, Markus. Vielleicht waren wir doch länger unterwegs als wir dachten, und es haben sich in der Zwischenzeit einige Dinge hier verändert. Das sollten wir erst herausfinden, bevor wir weitere Pläne machen«, sagte Ken dazu.
»Und wie willst du das anstellen?«, fragte Becker.
»Indem wir irgend jemanden fragen«, kam die Antwort von dem Japaner.
Doch dazu bot sich fürs erste keine Gelegenheit. Denn ein allzu bekanntes Geräusch erklang ...

Die Ameisen, die zuerst hinter Irmtraud Stuffertz her waren, hatten sich nun umorientiert. Eine von ihnen griff Karl Tacken an, der noch mit einigen weiteren Schüssen versucht hatte, die braunen Tiere in Schach zu halten. Nun war sein Magazin leer und er damit beschäftigt, seine Waffe nachzuladen. Dadurch lenkte sich seine Aufmerksamkeit von den Ameisen ab.
Das Tier, das zuvor schon in Irmtraud Stuffertz Fuß gebissen hatte, erreichte den nervös an seiner Pistole fummelnden Beamten. Die Zangen hatte es schon auseinander geklappt.
»Ahhh, verdammt!«, schrie Tacken, als er den Schmerz in seinem rechten Bein spürte. Das Monster hatte durch die Uniformhose in den Unterschenkel gebissen und ließ nicht mehr los. Ein verzweifelter Schlag mit dem Griff der Dienstwaffe auf den Kopf der Ameise half nichts. Karl Tacken ging zu Boden.
Jakob Gerhards, der dabei war, Verstärkung anzufordern und seinem Chef einen mehr oder weniger detaillierten Bericht abzugeben, sah das. Er wusste aber nicht, was er tun sollte. Wie sollte er seinem Kollegen helfen?

Währenddessen hatten die übrigen drei Ameisen, die sich in Richtung des Parkplatzes bewegten, nachdem sie Irmtraud Stuffertz nicht angreifen konnten, diesen erreicht. Der rote Ford Fiesta, in dessen Inneren Maja gerade mit ihrem Handy beschäftigt war, stand ihnen am nächsten. Quer dahinter befand sich der Streifenwagen der beiden Polizisten. Zwei Ameisen nahmen darauf Kurs, wobei sich die Dritte unaufhaltsam der Fahrertür des roten Wagens näherte und diese ohne Mühe heraufklettern konnte. Maja hatte gerade den roten Knopf an ihrem Telefon gedrückt, als sie vor Schreck zusammenzuckte, denn das Tier steckte bereits seinen Kopf, an dem wieder deutlich die auseinander geklappten Zangen zu erkennen waren, ins Innere des Wagens. Sie kurbelte in Windeseile das Fenster hoch und klemmte gerade noch rechtzeitig den vorderen Teil des Ameisenkörpers zwischen Türrahmen und Scheibe ein. Das braune Monster konnte weder vor noch zurück. Wild zuckten die Zangen hin und her.
Das war verdammt knapp!
Maja versuchte, die Kurbel noch ein Stück weiter zu drehen, aber es reichte auch so. Die Ameise war gefangen.

Karl Tacken schrie vor Schmerz. Dieses braune Untier hatte mehrmals zugebissen und einige Stücke Fleisch aus dem Unterschenkel des Mannes heraus getrennt. Der Polizist hatte keine Chance mehr, etwas zu tun. Seine Dienstwaffe lag ungeladen neben dem Gehweg auf dem Rasen und war unerreichbar für ihn. Selbst wenn er schießen könnte, würde ihm das nicht helfen. Auch sein Kollege konnte ihn nicht mehr retten. Wenn Jakob schießen würde, könnte es sein, dass er Karl traf.
Langsam machten sich auch schon dunkle Schleier vor Karls Augen breit, die eine in Kürze eintretende Ohnmacht ankündigten. Seine sowieso schon erfolglosen Tritte, mit denen er noch versuchte, das Monster abzuwehren, wurden immer schwächer. Die Ameise ließ sich davon nicht beeindrucken. Unvermindert fraß sie sich am Bein entlang nach oben in Richtung Körper des blutenden Mannes. Als sie die Schlagader in der Leiste des Polizisten erreichte und durchtrennte, war es für ihn zu Ende. Das Blut spritze der Ameise an den Kopf und für den eben noch schreienden Karl Tacken gingen die Lampen aus. Von seinem Bein war bereits nicht mehr viel da. Das braune Tier hatte rasend schnell das Fleisch samt Muskeln und Sehnen von den Knochen getrennt. Die zerfetzte Uniformhose hing durchtränkt von rotem Lebenssaft neben den Resten. Der Tag hatte sein zweites Opfer gefordert.

Andreas’ Chef sah in ein bleiches Gesicht mit sorgenvollen Augen, als er aufblickte, nachdem die Bürotür aufgeflogen war.
»Hey, Andreas, was ist denn mit dir los?«, fragte er verdutzt.
Da es eine kleine Firma war, in der Andreas arbeitete, war man auch mit dem Chef per du. Das lockerte das Arbeitsklima auf und man fühlte sich nicht so anonym.
»Geht es dir nicht gut?«
»Ich muss dringend nach Hause, Helmut. Es ist etwas Schlimmes passiert.«
»Ah, und was ist geschehen?«, erwiderte sein Chef Helmut Kohlski.
»Das weiß ich auch nicht so genau.«
Andreas wollte nicht unbedingt von den Ameisen erzählen. Außerdem wusste er nicht, ob es stimmte, was Maja ihm am Telefon gesagt hatte. Nur von dem angeblich vor seiner Haustüre liegenden Mann und davon, dass eine Bekannte ihn von dort aus angerufen hatte, sprach er.
Kohlski wusste nicht so recht etwas mit Andreas’ Worten anzufangen, sah ihm aber an, dass es eine dringende Angelegenheit sein musste, weswegen der 35jährige so plötzlich weg wollte. Solche Situationen wie diese kamen bis zu dem Zeitpunkt nie vor, deshalb hielt es der Chef, der sich inzwischen hinter seinem Schreibtisch erhoben hatte, auch nicht für eine Ausrede, um einfach nach Hause fahren zu können.
»Wer repariert denn den Benz von dem alten Kruse? Ist der Auspuff schon fertig?«, wollte er wissen.
»Nein, noch nicht ganz. Ich mache das nachher fertig. Ich denke, ich werde nicht so lange brauchen, bis ich wieder hier bin, wenn ich denn gehen darf«, sprach Andreas, der mittlerweile immer nervöser wurde.
»Na dann mach, dass du nach Hause kommst. Wenn alles erledigt ist, kommst du zurück.«
»Danke, Helmut!«, erwiderte er, drehte sich um und verließ eilig das Büro.
»Ich erwarte später eine etwas genauere Erklärung ...«, rief Kohlski ihm noch nach. Sein Angestellter bekam es aber nicht mehr mit, denn er hatte schon fast seinen Mitsubishi Geländewagen erreicht, der auf dem Hof vor der Halle neben Dirks BMW parkte.
Der Kfz-Mechaniker öffnete die Tür, die er auf dem Hof nie abschloss. Hier bestand nicht die Gefahr, dass irgendjemand sein Auto stehlen würde.
Mit durchdrehenden Rädern, die auf dem mit feinem Kies bedeckten Hof einiges an Staub aufwirbelten, da sie mit grobstolligen, großen Geländereifen bestückt waren, verließ er den Platz. In ein paar Minuten würde er schon die Westerstrasse im Nachbarort erreichen.

Maja hatte sich auf den Beifahrersitz ihres Wagens zurückgezogen und starrte wie gebannt auf den sich immer noch heftig hin und her bewegenden Körper der Ameise. Sie hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Sie hatte mitbekommen, wie der mittlerweile schon tote, auf dem Gehweg liegende Polizist seinen Kollegen aufgefordert hatte, Verstärkung zu rufen und hoffte, dass diese auch bald eintreffen würde.
Wenn die verängstigte und geschockte junge Frau sich umdrehte, konnte sie durch die Heckscheibe sehen, wie die beiden übrigen Ameisen am Streifenwagen hochgeklettert waren und nun versuchten, die geschlossenen Fenster irgendwie zu zerstören. Sie hatten es ja schon geschafft, das Glas in Andreas’ Haustür zu durchbrechen. So blieb es nur zu hoffen, dass das nicht gesprungene Glas der Autoscheiben standhielt.
Im Inneren des Opel Vectra saßen Jakob Gerhards und Irmtraud Stuffertz. Sie waren gefangen und konnten nur abwarten. Ebenso wie Maja, die darüber nachdachte, was passieren würde, wenn eine weitere Person zufällig vorbeikam oder aus einem der anderen beiden Eingänge trat. Zum Glück waren um diese Zeit die meisten Leute auf der Arbeit und die Kinder in der Schule.
Sieben Ameisen waren nun schon aus der Wohnung ihres Freundes gekommen. Da mussten noch weitere sein.
Dieser Gedanke wurde kurze Zeit später bestätigt, was Maja allerdings noch nicht wusste, denn sie konnte nicht bis zur fünfzig Meter entfernten Haustür sehen. Das im Fenster eingeklemmte, immer noch zappelnde Monster versperrte ihr die Sicht in diese Richtung.
So bekam sie auch nicht mit, dass eine weitere Ameise durch das zerbrochene Glas ins Freie geriet, der weitere vier Tiere folgten.

Großeinsatz!
Zwei Streifenwagen, ein Feuerwehrauto und zwei Krankenwagen waren auf dem Weg in die Westerstrasse. Sie waren von Jakobs Chef alarmiert worden, der dem kurzen Bericht des Polizisten nicht so recht folgen konnte. Jakob hatte ihm auch mitgeteilt, dass sein Kollege Karl Tacken wohl nicht mehr am Leben sei, was er zwar registrierte, aber nicht wirklich einzuordnen wusste.
Von weitem hörten die drei Eingeschlossenen das Martinshorn der heraneilenden Fahrzeuge.
Auch Andreas Gothan nahm dieses Geräusch wahr, denn er raste hinter einem Streifenwagen her, der die gleiche Richtung wie er eingeschlagen hatte.

Den flüchtenden jungen Leuten fuhr der Schreck in alle Glieder. Sie hörten auch das Martinshorn. Sollte ihr Eindringen in das Reihenhaus schon bemerkt worden sein?
»Meine Güte, das geht aber schnell«, sagte Claire. »Soviel Zeit ist doch noch nicht vergangen, seit wir die Wohnung verlassen haben!«
»Dann haben wir doch ein perfektes Timing hingelegt«, antwortete Dan.
»Das stimmt erst, wenn wir ungeschoren davon gekommen sind. Aber wir befinden uns wohl immer noch zu sehr in der Nähe des ‚Tatortes’. Am besten, wir verstecken uns noch mal irgendwo«, schlug Ken vor.
»Stimmt. Wenn wir weiter ziellos mit geklauten Klamotten hier umher laufen, werden wir vielleicht noch an Claires schickem blauen Hemd erkannt und überführt«, sagte Dan darauf.
»Und wo, bitte schön, wollt ihr euch verstecken? Vielleicht in der nächsten fremden Wohnung?«, fragte Markus mit einem nervösen Unterton. »Oder sollen wir wieder in den kleinen Wald zurückgehen? So kommen wir nicht weiter!«
»Na ja, vielleicht genügt es, wenn wir unauffällig in eine Seitenstrasse einbiegen und versuchen, irgendwo einen belebteren Stadtteil zu finden, wo wir untertauchen können.«
Kens Vorschlag fand Zustimmung und so gingen die vier langsam weiter.
Dass sie dabei wieder näher an das Reihenhaus kamen, merkten sie erst, als vor ihnen ein Parkplatz auftauchte, auf dem es von Blaulicht nur so wimmelte. Feuerwehr, Krankenwagen und Polizei standen wie wild durcheinander geparkt und dazwischen bot sich den Timetravellern ein Bild des Schreckens.
Hektisch umherlaufende Menschen, und dazwischen bewegte sich etwas, was die Studenten nicht genau identifizieren konnten. Und irgendetwas klemmte in der Seitenscheibe eines roten Autos.

In der Küche von Andreas Wohnung war in der Zwischenzeit das reinste Chaos ausgebrochen. Die Ameisen hatten sich über die Schränke hergemacht und alles zerstört und verwüstet. Zwölf Tiere hatten bereits den Weg in die Freiheit gefunden. Die noch in der Wohnung befindlichen acht Ameisen folgten eine nach der anderen der Duftspur, die die Artgenossen auf den hellgrauen Bodenfliesen der Küche und des Flures hinterlassen hatten. Die weiteren Räume der Wohnung waren bisher noch nicht von den braunen Monstren heimgesucht worden, da Andreas und auch die Zeitreisenden vor dem Verlassen sämtliche Türen verschlossen hatte. Nur die Küchentüre hatten die beiden Timetraveller Dan und Ken nicht richtig zu gemacht, nachdem sie mehr oder weniger fluchtartig aus der Wohnung verschwanden.
Eine Ameise nach der anderen krabbelte durch die zerbrochene Glasscheibe und an dem bereits nicht mehr als Mensch zu identifizierenden Peter Boltenberg vorbei.
Die drei Tiere, die sich über ihn hergemacht hatten, hatten schon fast das komplette Fleisch von seinen Knochen entfernt. Die Post-Uniform, die er getragen hatte, bestand nur noch aus blutgetränkten Fetzen. Unterhalb des fast komplett skelettierten Leichnams hatten sich die Gehwegplatten dunkel gefärbt, weil sie das ausgelaufene Blut aufgesaugt hatten.
Karl Tacken ging es nicht viel anders. Das Untier, das sich an ihm zu schaffen machte, war genauso unersättlich wie seine Artgenossen.

Den Hilfskräften, die nun in der Westerstrasse angekommen waren, bot sich ein schreckliches und völlig unrealistisches Bild, was aber doch der Wahrheit entsprach.
Die Feuerwehrmänner bereiteten so schnell sie konnten ihre Schaumwerfer vor. Sie hatten geplant, damit die Ameisen zu erledigen. Doch sie konnten nicht ungestört ihrer Arbeit nachgehen. Die Tiere, die vor ein paar Minuten noch versuchten, in den Streifenwagen einzudringen, hatten sich die beiden Feuerwehrmänner als neue Opfer ausgesucht, die gerade an ihrem Wagen rumhantierten und die Gefahr nicht bemerkten.

Andreas, der zeitgleich mit dem letzten Streifenwagen sein Zuhause erreichte, sah zwischen den Fahrzeugen auch den Ford seiner Bekannten, Maja. Er erblickte die Ameise, deren Hinterteil zappelnd aus dem Fenster auf der Fahrerseite hing.
»Maja!«, brüllte er erschreckt, griff nach dem zufällig auf der Rückbank liegenden großen Schraubenschlüssel, mit dem er normalerweise Radmuttern löste und sprang aus seinem Geländewagen. Er rannte auf den Ford zu und wurde von den Monstren entdeckt, die als letzte aus der Wohnung kamen und ebenfalls, der Duftspur ihrer Vorgänger folgend, den Weg zum Parkplatz gefunden hatten.
Fünfzehn Ameisen hatten die parkenden Fahrzeuge erreicht und waren in die verschiedenen Richtungen ausgeströmt, aus denen sie die Bewegungen der Menschen ausgemacht hatten.
Als erste wurden die beiden Feuerwehrleute erwischt. Einer von ihnen war bereits zu Boden gegangen, nachdem er von einem Tier zu Fall gebracht wurde. Sein Kollege versuchte noch, ihm zu helfen, doch auch er wurde angegriffen. Er konnte sich nur noch in das Führerhaus des Einsatzwagens retten und musste mit ansehen, wie das Blut aus seinem Kollegen hervorspritze, nachdem das braune Monster mehrere Stücke Fleisch aus dem Körper gerissen hatte. Der Parkplatz wurde zu einem Schlachtfeld.
Andreas hatte unbeschadet den Fiesta erreicht und schlug mit dem Schraubenschlüssel auf das Hinterteil der aus dem Fenster hängenden Ameise ein.
Schüsse waren zu hören.
Die Polizisten feuerten mit schwerem Geschütz auf die Ameisen, was aber erfolglos blieb. Die Tiere hatten einen so harten Panzer, dass sie gegen sämtliche Kugeln immun waren.

Der Einsatzleiter Frank Krüger, der in seinem Wagen saß und mit ansehen musste, wie vor seinen Augen der angefallene Feuerwehrmann sein Leben verlor, wusste nicht, wie er gegen diese Übermacht ankommen sollte. Eine Rettung war nur möglich, wenn man in die Autos flüchten würde.
Da Krüger die Leitung über den Einsatz hatte und somit auch die Verantwortung, zögerte er nicht weiter und griff zum Mikrofon des auf dem Dach in dem Blaulichtbalken eingebauten Megafons.
»Alle Mann in die Autos! Wir haben so keine Chance!«, brüllte er hinein. »Wir müssen eine andere Lösung finden!«
Alle, die sich noch draußen befanden und sich bisher nicht in den Autos in Sicherheit gebracht hatten, beeilten sich, diese zu erreichen. Auch der Arzt, der sich um Irmtraud Stuffertz gekümmert hatte, war unter ihnen.

Die Studenten hatten sich an einer Hauswand, die vom Parkplatz aus nicht direkt zu sehen war, hingestellt. Nun glaubten sie, ihren Ohren und Augen nicht trauen zu können.
Was ging dort vorn vor?
Warum flüchteten sich die Menschen in ihre Autos? Was war das für ein Geschrei?
»Ich möchte mal wissen, wovor die so eine Angst haben. Die Viecher, die dort rumkrabbeln, können ja wohl nicht die Ursache sein«, sagte Dan.
»Wir wissen doch gar nicht, was das für Tiere sind. Lasst uns mal etwas näher rangehen, damit wir das genauer sehen«, schlug Markus vor.
»Muss das sein? Wir sollten lieber zusehen, dass wir hier weg kommen.« Ken nickte zustimmend zu Claires Worten.
»Was wurde denn da gerade durch die Lautsprecher gesagt? Du musst es doch verstanden haben, Markus!«, rief Dan Simon.
»Der hat gesagt, dass sie keine Chance haben und deshalb sollen alle in die Wagen. Mehr weiß ich auch nicht!«, erwiderte der Deutsche.
In Markus und Dan war jedoch die Neugier größer als die Angst vor einer Entdeckung und so gingen sie langsam, immer nahe an der Häuserwand entlang in Richtung des unheimlichen Geschehens.
»Siehst du auch, was ich sehe?«, fragte der Sportstudent plötzlich.
Er bekam keine Antwort, doch ein Blick in Markus’ geweitete Augen genügte um zu sehen, dass den Deutschen das Gesehene ebenso erschreckte wie Dan.
»Das ... das glaub ich einfach nicht. Weißt du, was das ist?« Markus kam vor Entsetzen ins Stottern.
»Riesige Ameisen! Das gibt es doch gar nicht.«
Jetzt, wo es ausgesprochen war, erkannte auch Dan, um was für Tiere es sich handelte.
»Los, weg hier!«, rief er sichtlich nervös, dann drehte er sich um und lief zurück zu den beiden anderen. Becker folgte ihm, so schnell er konnte und dann rannten alle vier blindlings davon.
Das Davonlaufen sollte sich als schwerwiegender Fehler erweisen.

Krüger dachte nun wieder angestrengt über eine Lösung, auf welchem Wege man die Tiere töten könnte, nach.
»Vielleicht ist ja Feuer eine Lösung?«, überlegte er.
»Wenn man die Ameisen mit einem Flammenwerfer attackieren würde, kann man sie vielleicht zurückdrängen oder sogar töten ...«
Er griff zum Funkgerät seines Einsatzfahrzeuges und rief die Leitstelle an. Krüger machte sich Sorgen darüber, dass man ihm nicht glauben könnte, was geschah und dass sich dadurch alles in die Länge ziehen würde. Wer hat es schon jemals mit solchen Mutationen zu tun gehabt? Wenn er es nicht selbst gesehen hätte, hätte auch er es nicht geglaubt.
»Hier Zentrale!«, quäkte es aus dem kleinen Lautsprecher, der am Armaturenbrett angebracht war.
»Krüger hier! Wir haben es mit einem unglaublichen Notfall zu tun«, sprach er mit drängendem Tonfall in die Sprechmuschel des Funkgerätes.
»Wir benötigen dringend Flammenwerfer oder Ähnliches!«
»Was brauchen sie?«, ertönte wieder die Quäkstimme.
»Die Tiere sind resistent gegen die Kugeln der Pistolen. Wir erreichen damit nichts!«
»Wollen sie mich auf den Arm nehmen? Sie werden doch wohl mit ein paar läppischen Ameisen fertig werden! Krüger, ich schwöre ihnen, wenn sie mir später nicht einen glaubhaften Bericht abliefern, sind sie gefeuert! Ich muss für solch einen Einsatz das königliche Militär mobilisieren!«
»Ich weiß keine andere Lösung! Die Tiere sind einen halben Meter groß! Wenn Flammen nicht helfen, bin ich am Ende mit meinem Latein! Ich will sie keinesfalls auf den Arm nehmen!«
»Nun gut, ich will sehen, was ich machen kann!«, erwiderte die quäkende Stimme aus der Zentrale.
»Ja, ich bitte darum, aber beeilen sie sich in Gottes Namen!«
»Ende«, tönte es ohne einen weiteren Kommentar aus dem Lautsprecher.
Der Mann in der Zentrale war durch den Bericht von Jakob Gerhards so gut es ging über die Situation informiert worden, dass es nicht allzu großer Überredungs- und Überzeugungskunst bedurfte.
»Ende«, rief auch Krüger ins Mikrofon und stellte das Funkgerät ab.
Was blieb ihm jetzt noch? Er musste warten und hoffen, dass die anderen Menschen in ihren Autos verharrten. Was geschehen würde, wenn zufällig eine ahnungslose Person vorbeikäme, wagte er sich gar nicht auszumalen. Und was würde passieren, wenn sich die Monstren nun vom Parkplatz auf die Strasse begaben? Bisher hatten sie sich nur im Bereich der Wohnung, des Gehweges und des Parkplatzes aufgehalten. Sie machten sich über die drei Opfer her oder versuchten, in die Autos einzudringen, was ihnen zum Glück bisher nicht gelang.
Er sah auch die im Fenster eingeklemmte Ameise und einen Mann, der mit einem Schraubenschlüssel unentwegt auf den Körper des Tieres einschlug.

Von allen Beteiligten unbemerkt hatte sich eine weitere Ameise, die zu den letzten noch in Andreas Wohnung verbliebenen Monstren gehörte, den Weg nach draußen gebahnt. Sie war jedoch nicht der Duftspur ihrer Artgenossen gefolgt, sondern hatte sich den Weg in die andere Richtung ausgesucht, weshalb sie an der zerplatzten Mülltüte von Irmtraud Stuffertz vorbeikam. Die Tüte war recht voll gewesen, bevor sie auf den Boden gefallen war. Der darin befindliche Abfall hatte sich großräumig durch den Aufprall verteilt. Konservendosen, Essensreste, Milchtüten und sonstiger, zum Teil undefinierbarer Müll, lag herum und somit auch im Weg der Ameise.
Diese nahm natürlich die Essensreste wahr und machte sich kurzerhand darüber her. Und dann geschah es ...

Wie durch ein kleines Wunder hatten alle Menschen einen Platz in den Autos gefunden und beobachteten nun das Geschehen.
Der Einzige, der noch nicht in einem Auto saß, war Andreas. Er wurde nun, wie wild auf die Ameise einschlagend, von mehreren Tieren eingekreist.
Weshalb sie nicht angriffen, mag daran gelegen haben, dass sie das Bild ihres gefangenen und zappelnden Artgenossen sahen und dadurch zögerten.
Nun bemerkte auch Andreas, dass es für ihn eng werden könnte, wenn er sich nicht schnellstens in Sicherheit brachte, denn Majas Schreie waren nicht mehr zu überhören.
»Schnell ins Auto! Komm auf die andere Seite!«, schrie sie und versuchte, zwischen den beiden Frontsitzen hindurch auf die Rückbank zu klettern, um auf dem Beifahrersitz Platz für Andreas zu schaffen. Dabei musste sie aufpassen, nicht von den Zangen der festhängenden Riesenameise erwischt zu werden.
Andreas ließ den Schraubenschlüssel fallen und wollte um den Fiesta herum laufen. Das gelang ihm nicht, denn sein Weg wurde von den noch zögernden Ameisen versperrt.
Eine Lücke bot sich ihm auf der anderen Seite, von wo aus er aber keinen Wagen erreichen konnte, sondern in die Richtung seiner Wohnung laufen musste, was er dann auch tat.
Er nahm einen großen Bogen über den Rasen, damit ihn die Monstren, die glücklicherweise nicht so schnell laufen konnten, nicht sofort erreichten.
So schaffte er es, ohne angegriffen zu werden, bis zu seiner Wohnung.

Die Studenten liefen in die Richtung davon, aus der sie gekommen waren.
Doch ihre Flucht blieb nicht unbemerkt.
Allerdings wurden sie von jemand oder vielmehr etwas ganz anderem verfolgt, als sie sich in ihren kühnsten Träumen vorgestellt hätten. Es war weder die Polizei noch die Feuerwehr, nein, es war eine riesige, hungrige Ameise. Die Letzte, die Andreas’ Wohnung verlassen hatte und instinktiv eine andere Richtung einschlug als ihre Artgenossen.
Und diese Ameise war schnell!
Die jungen Männer wollten ihre Freundin nicht zurücklassen. Sie konnte wegen ihres schmerzenden Armes nicht so schnell laufen, und deshalb kamen alle vier nicht ganz so schnell voran wie unter normalen Umständen. Dass sie trotzdem schnell genug waren, um die Aufmerksamkeit des mutierten Tieres auf sich zu ziehen, ahnten sie natürlich noch nicht.
Als sie jedoch, nachdem sie in eine weitere Seitenstraße eingebogen waren, langsamer wurden, hörten sie ein klackendes Geräusch hinter sich.
»Hört ihr auch, was ich gerade höre?«, fragte Markus und wurde wieder merklich blasser.
»Was denn?«, fragte Ken, bevor Dan einen Schreckensschrei ausstieß.
»Los! Lauft, so schnell ihr könnt!«, schrie Markus und rannte auch schon blindlings los.
Claire und der Japaner wussten gar nicht, was die Aufregung sollte, bis auch sie endlich das Klacken wahrnahmen und sich umschauten. Ihnen fuhr ein eisiger Schreck durch die Glieder und sie stürmten den anderen beiden hinterher.
Fürs Erste waren sie der Riesenameise entkommen. Doch wo sollten sie nun hin?
Würde das Tier sie weiter verfolgen?
In diesem Moment fuhr ein Militärtransporter an den jungen Leuten vorbei, genau in die Richtung, aus der sie gerade davon gelaufen waren.

Es dauerte nicht lange, bis sich dieser Transporter in olivgrüner Lackierung der Westerstrasse näherte. Er war besetzt mit zehn in Schutzkleidung gehüllten Soldaten, die jeder einen Flammenwerfer bei sich trugen. Es war alles sehr schnell gegangen und so waren sie nicht genau über das informiert, was sie tun sollten. Der elfte Mann in dem Wagen war Leutnant Hans Bolder, der seinen Leuten während der Fahrt einen unglaublichen Befehl erteilte.
»Wenn wir angekommen sind, so schnell wie möglich den Wagen verlassen! Dann weiträumig ausströmen und auf sämtliche Ameisen feuern, die dort herumlaufen! Verstanden?!«
Aus der letzen Sitzreihe wollte der Gefreite Hölter eine Frage stellen, kam aber nicht zu Wort.
»Keine Fragen, Männer! Tun sie, was ich gesagt habe!«, rief Bolder energisch.
»Ich weiß, dass es unglaublich klingt, aber die Ameisen sind keine Tiere, wie wir sie kennen! Sie sind übernatürlich groß! Und wenn ich groß sage, dann meine ich auch groß! Die Tiere haben eine Länge von einem halben Meter!«
Erstaunen machte sich auf den Gesichtern der Soldaten breit.
»Schauen sie nicht so!«, rief Bolder
»Ich will, dass mein Befehl ausgeführt wird! Haben sie das verstanden?«
»Jawohl, Herr Leutnant«, ertönte es zögerlich im Innenraum des Wagens.

Andreas Gothan stand jetzt an seinem Hauseingang und sah die Reste des Paketzustellers auf dem Gehweg liegen. Die drei Ameisen, die immer noch an den leblosen Resten des Körpers fraßen, nahmen keine Notiz von ihm. Deren Artgenossen, die ihn zuvor noch auf dem Parkplatz eingekreist hatten, waren Andreas zum Teil gefolgt, ihm aber noch nicht so nah gekommen, dass sie ihn angreifen könnten. So blieb ihm ein wenig Zeit, das Tier zu beobachten, welches sich über den Müllbeutel hergemacht hatte. Und mit diesem Tier geschah in der Tat etwas Sonderbares! Der Kfz-Mechaniker sah Rauch aus der Mundöffnung der mutierten Ameise aufsteigen. Und er sah, was das Monster als letztes gefressen hatte. Es war der sauer gewordene Rest aus einer von fünf blauen Tetra-Pak-Kartons mit der Aufschrift »Vollmilch«.
Das gibt’s doch nicht!, dachte er erstaunt.
Tatsächlich begann die Ameise innerlich zu verbrennen. Der Rauch suchte sich durch die Mundöffnung den Weg nach draußen. Das Tier begann zu zucken. Es schrumpfte nicht, aber der Körper wurde dünner. Der Panzer des Monsters musste durch die Milchreste auf irgendeine Art weicher geworden sein. Dann fiel er immer weiter zusammen. Die Rauchwolke trat weiterhin unvermindert aus der weit aufgerissenen Mundöffnung. Gespenstisch war, dass das Tier nicht einen Laut von sich gab.
Kurze Zeit später kippte die Ameise auf die Seite. Der Panzer fiel in sich zusammen, als ob in seinem Inneren nur noch ein Hohlraum und keine Organe vorhanden wären. Irgendetwas in der Milch musste eine innere Verbrennung des Tieres ausgelöst haben. Das Monster verging. Alles, was übrig blieb, war der weich gewordene und in sich zusammengefallene Panzer.
Das alles erstaunte und faszinierte Andreas so sehr, dass er erst im letzten Moment merkte, dass sich hinter ihm drei noch lebendige Artgenossen des vergangenen Tieres näherten. Es war aber noch nicht zu spät und so konnte er gerade noch fliehen, bevor er angegriffen wurde. Er lief in die dem Parkplatz entgegengesetzte Richtung, um einmal den aus vier Reihenhäusern bestehenden Komplex zu umrunden und den Ameisen auszuweichen. Der Streifenwagen, aus dem der Polizist die Menschen zum Aufsuchen der Autos aufgefordert hatte, war sein Ziel.

Der olivgrüne Militär-Transporter raste auf den Parkplatz auf der Westerstrasse. Die Türen sprangen auf und zehn Soldaten mit Flammenwerfern sprangen heraus. Sie waren alle erstaunt über den Anblick, der sich ihnen bot. Aber dank ihrer Ausbildung beeinträchtigte das in keinster Weise ihre Reaktion. Sie strömten weiträumig aus und legten auf sämtliche Ameisen an, die sie sahen. Den Feuerbefehl brauchten sie nicht abwarten. Sie sollten sofort schießen, wenn sich die Möglichkeit bot. Und die bot sich vielfach.
Als die erste Ameise getroffen wurde, es war eines der Monstren, die sich über den bis zur Unkenntlichkeit verstümmelten Feuerwehrmann, das dritte Opfer dieses Tages, hergemacht hatte, wurde sie zurückgeworfen. Sie hätte eigentlich in Flammen aufgehen sollen, jedoch drehte sie sich um und machte sich aus dem Staub.
Ein zweiter Schuss mit dem Flammenwerfer traf sie, was ihr aber nichts ausmachte!
Auch andere Tiere wurden getroffen. Sie flohen ebenfalls, ohne eine Verletzung davon zu tragen.
Aus dem Militärtransporter, in dem sich nur noch Leutnant Bolder und der Fahrer befanden, wurde das Geschehen beobachtet. Genauso aus den anderen Fahrzeugen, in denen die Menschen gefangen waren. Nur Maja, die inzwischen auf der Rückbank ihres Fiestas saß, bekam das nicht mit, denn sie hatte ihr Gesicht in ihren Händen vergraben und weinte. Die Ameise, die im Fenster eingeklemmt war, zappelte unvermindert, um in den Wagen oder zumindest wieder in Freiheit zu kommen.
»Das darf nicht wahr sein! Was sind das nur für riesige Tiere?«, sagte der erstaunte Wilfried Kuhnwald, der am Steuer des Militär-Transporters saß.
»Mutationen, wodurch auch immer es dazu gekommen sein mag«, antwortete der ebenfalls erstaunte Leutnant Hans Bolder, der neben ihm auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte.
»Die lassen sich nicht durch Flammen besiegen, das gibt’s doch gar nicht!«, meinte Bolder, der nicht mehr den scharfen Befehlston drauf hatte, mit dem er vor wenigen Minuten noch mit seinen Soldaten gesprochen hatte.
»Aber sie lassen sich zurückdrängen« erwiderte Kuhnwald.
»Die müssen die Biester in die Enge treiben und in Schach halten, bis wir wissen, wie wir sie töten können.«
»Ja, aber wie wollen sie das anstellen?«
»Geben sie mir das Megafon, Kuhnwald!«
Kuhnwald griff hinter den Sitz und zog die Flüstertüte hervor, während Bolder das Fenster herunter drehte. Dann riss er dem Fahrer das Gerät aus der Hand und lehnte sich aus dem Fenster. Er betätigte den ‚Sprechen’-Knopf.
»Männer, treiben sie die Tiere in die Enge und halten sie sie in Schach«, ertönte es aus dem Megafon.
»Aber lassen sie keines entkommen!«
Am Ende der Wiese, etwa dreißig Meter gegenüber von Andreas Wohnung, befand sich ein Zaun, der das Grundstück von dem angrenzenden abtrennte. Dahinter war ein aus großen und dicht beieinander stehenden Tannen bestehendes Stück Land, das einem den Blick hindurch verwehrte. In die Ecke jagten die Soldaten die Monstren.
Der Obergefreite Wilms zählte siebzehn Tiere, die alle von den Soldaten zusammengetrieben und in Schach gehalten werden konnten. Waren das alle? Er hoffte es.
Aber was nun? Wie sollte es weitergehen?

»Hier scheint es von diesen Viechern nur so zu wimmeln«, sagte Dan. »Erst in dieser Wohnung, dann war der ganze Parkplatz voll und nun läuft uns auch noch eins hinterher. Wer weiß, wo die sich noch rumtreiben.«
»Und was schlägst du vor?«, fragte die Studentin.
»Die fahren doch ganz schweres Geschütz auf. Die Biester scheinen noch gefährlicher zu sein, als sie so schon aussehen. Da wir nicht wissen, wie viele es davon gibt und wo die sich überall herumtreiben, schlage ich vor, wir begeben uns ebenfalls in den Schutz der Behörden«, sagte Dan daraufhin.
»Toll! Und was willst du denen sagen? Dass wir aus der Zukunft kommen und uns deshalb nicht ausweisen können?« Markus kannte das deutsche Bürokratensystem. Da musste alles immer seine Ordnung haben. Zumindest in dem, das es in dem Deutschland gab, aus dem er kam. Und das war nicht dieses hier, das wurde ihm immer klarer.
»Ach komm schon, die sind doch alle mit den Ameisen, oder was immer es ist, beschäftigt. Da werden sie einem doch helfen. Und was danach kommt, werden wir sehen. Bis dahin wird ja wohl die Zeitmaschine wieder funktionieren«, antwortete Dan. Er versuchte, dabei sehr sachlich zu erscheinen, denn er hatte mehr Angst vor den mutierten Tieren, als er sich selber eingestehen wollte.
Claire und Ken waren mit dem Vorschlag einverstanden, da sie selber auch keine bessere Idee hatten. Von dem Ort, in dem sie gelandet waren, hatten sie außer Wohnhäusern und dem Supermarkt nichts weiter entdecken können, was ihnen weiter helfen könnte. Sie hofften, dass die Polizei oder Feuerwehr oder irgendein Mensch ihnen etwas zu ihrem unfreiwilligen Aufenthaltsort sagen konnten, damit sie endlich Gewissheit hatten, ob ihre Zeitreise zu Ende war.
Einzig Markus wollte Dans Idee nicht gefallen. Sich mit Behörden einzulassen, egal warum, zog immer bürokratischen Kram nach sich. Und er hatte keine Ahnung, was er denen dann erzählen sollte.
Letztendlich schloss er sich aber seinen Freunden an, die sich schon langsam in Richtung des Parkplatzes in Bewegung gesetzt hatten, und holte sie mit wenigen Schritten wieder ein.
Die Ameise orientierte sich an der Bewegung der Menschen und folgte ihnen.

Andreas Gothan hatte mittlerweile den Parkplatz erreicht und steuerte auf den Polizeiwagen von Frank Krüger zu. Mit Erleichterung sah er, dass zehn Männer mit Flammenwerfern die Monstren über die Wiese trieben. Keiner wurde mehr angegriffen. Aus irgendeinem Grund hatten die Ameisen Angst vor den Flammen, obwohl sie ihnen nichts anzuhaben schienen.
Andreas ergriff den Öffner der rechten Polizeiwagentür und sprang aufgeregt ins Innere.
»Wer sind Sie eigentlich?«, erschreckte sich Krüger.
»Mein Name ist Andreas Gothan. Die Ameisen kamen aus meiner Wohnung.«
»Dann sind sie für das alles hier verantwortlich?«
»Nein, ich weiß nicht, weshalb die Tiere so groß geworden sind! Aber ich weiß eine Lösung, wie man sie töten kann!«, antwortete er hektisch.
»Woher wissen sie das?«, fragte Krüger.
»Ich habe es mit angesehen, eben vor der Wohnung meiner Nachbarin. Konnte man das von hier aus nicht erkennen?«
»Nein«, antwortete der Polizist kurz, »nun reden sie schon, wie kann man sie besiegen?«
»Mit Milch! Sie müssen Milch zu sich nehmen, dann verbrennen sie innerlich!«
Krüger blickte erstaunt. »Mit Flammen ist denen nicht bei zu kommen. Sehen sie das nicht?«
»Doch, aber die Flammen berühren nur die Panzer, nicht das Innere der Monster. Erst durch die Milch, die sich in dem Müllsack befand, den meine Nachbarin wohl fallen ließ, verbrennen die Biester innerlich! Ich habe es mit eigenen Augen gesehen!«, erklärte Gothan.

Die Timetraveller näherten sich dem Parkplatz. Der Anblick, der sich ihnen bot, hatte etwas Unheimliches. Lauter kreuz und quer abgestellte Fahrzeuge, und am Ende des Rasens gegenüber den Reihenhäusern, ein paar uniformierte und vermummte Gestalten mit Flammenwerfern, die eine ganze Meute von Riesenameisen zusammen getrieben hatte und nun mit Feuerstößen in Schach hielt.
Menschen waren ansonsten nicht zu sehen.
Die Studenten wussten ja, dass sich alle Menschen in die Autos zurückziehen sollten, und so steuerten sie auf gut Glück das erstbeste Fahrzeug an.
Es war ein roter Kleinwagen, der nicht zu den Dienstfahrzeugen zu gehören schien.
In Claire läuteten die Alarmglocken. Irgendwas war mit dem roten Auto. Doch sie kam nicht drauf, bis ...
»Aahhh, Hilfe!!!«, hörten sie einen entsetzlichen Schrei aus dem Wagen und im gleichen Augenblick war das Geräusch von berstendem Glas zu hören.
»Die Ameise! Da hing vorhin eine Ameise in der Scheibe!«, schrie Claire. Nun wusste sie wieder überdeutlich, was an dem Anblick des roten Autos nicht gestimmt hatte.
Die in der Autoscheibe eingeklemmte Ameise hatte die Bewegungen der herankommenden Menschen bemerkt und nochmals alle Kräfte in sich mobilisiert, um sich zu befreien. Irgendwie schaffte es das Tier nun doch, das Glas zu sprengen. Damit war es zwar noch nicht gänzlich befreit, doch die Frau, die zusammengekauert auf der Rückbank saß, war nun einer Panik nahe. Da sie vorhin nach hinten geklettert war, konnte sie nun aus ihrem zweitürigen Wagen nicht aussteigen, dafür drang die eingeklemmte Ameise immer weiter ins Wageninnere ein.
»Wir müssen was tun! Wir müssen der Frau helfen!« Claire schrie auch diese Worte heraus, weil sie durch das Schreien ihrer eigenen Angst etwas von ihrem Schrecken nahm.
Die drei Männer waren schon auf die andere Seite des Kleinwagens gerannt und versuchten, die übergroße Ameise nach draußen zu zerren. Das erwies sich als sehr schwierig, da der Panzer des Tieres genauso glatt wie hart war. Und sie mussten sich vor den panisch zuckenden Beinen und vor allem vor den gefährlichen Beißzangen des Monsters in Acht nehmen.

Krüger hätte am liebsten laut los gelacht, wenn die Sache nicht so verdammt ernst wäre. Doch die Information, die er soeben von Gothan erhalten hatte, war so absurd, dass sie schon wieder wahr sein konnte.
Milch? Die Viecher brauchten einfach nur Milch?
Nein, der Polizist konnte das nicht glauben.
Und dennoch, vielleicht war es tatsächlich die Lösung.
Er griff wieder nach dem Funkgerät und rief die Leitstelle. Der Posten am anderen Ende hatte wohl schon auf eine Meldung gewartet, denn kaum dass Krüger sich melden konnte, blaffte es schon aus dem Lautsprecher: »Sind die Monster erledigt?«
»Nein. Wir haben ein Problem. Die Biester sind gegen das Feuer resistent, wir brauchen Milch, viel Milch!«
»Hä? Ist alles klar bei euch?« Die Stimme quäkte noch lauter als vorher.
»Ja, Mann. Schickt uns Milch, irgendwie. Einer der Anwohner will gesehen haben, wie eins der Tiere daran innerlich verbrannt ist. Wir müssen es versuchen!«
»Wenn sie das sagen, gut. Ich veranlasse alles. Ende!«
»Ja. Ende.«
Frank Krüger wollte noch immer nicht so recht glauben, dass Milch die Lösung des Problems sein sollte.
Wie Recht er damit hatte, wusste er zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht.

Die Frau in dem roten Auto war einer Panik so nah, wie man nur sein konnte. Die Zangen der Riesenameise zuckten wild umher und kamen Maja immer näher. Da endlich bemerkte sie, wie sich eine junge Frau aufgeregt an der anderen Autotür zu schaffen machte und ständig auf den Verriegelungsknopf zeigte.
Maja quetschte sich am Rand nach vorne, immer die riesige Ameise im Blick behaltend, und zog den Knopf nach oben. Claire riss die Autotür auf und versuchte, die Rücklehne nach vorn zu klappen. Doch es wollte ihr nicht gelingen. Irgendwie klemmte der Hebel, und mit roher Gewalt, hinter der nur die Kraft eines Armes steckte, kam sie auch nicht weiter.
»Drück dagegen! Du musst hier raus!«, schrie die Studentin der Frau zu.
Die blickte sie nur an ratlos und ängstlich an, tat aber nichts.
»Nun mach schon!« Allmählich geriet auch Claire in Panik, denn die Ameise rutschte Stück für Stück weiter ins Wageninnere.
Sie vergaß auch, dass die brünette Frau sie nicht verstand, da sie eine andere Muttersprache sprach.
In diesem Moment rief Dan: »Die Frau muss da raus! Wir müssen das Vieh durch die Scheibe drücken!«
Da hatte Markus eine Idee. Er rannte um den Wagen herum und sprach die Frau in deutscher Sprache an.
»Hallo, verstehen Sie mich?«
Maja reagierte auf diese Worte und nickte.
»Wir holen Sie jetzt da raus. Aber Sie müssen mithelfen und schnell sein.«
Während Markus redete, versuchte er, die Rückenlehne umzuklappen, und er hatte mehr Glück. Maja stemmte sich nun auch von hinten mit dagegen und einen Augenblick später war sie auch schon draußen. Und gerade noch im richtigen Moment, denn kaum war die Tür zugeschlagen, ging ein Ruck durch das Fahrzeug und die Ameise war darin gefangen.
Zumindest solange, bis sie sich allein wieder durch das kaputte Fenster nach draußen zwängen konnte.
Doch diese Zeit sollte ausreichen, um der unmittelbaren Gefahr aus dem Weg zu gehen.
Markus wollte die fremde Frau gerade ansprechen, als er hinter sich wieder ein klackendes und zugleich schabendes Geräusch hörte.
»Scheiße! Lauft!«, rief er, packte die fremde Frau am Arm und lief los.
Claire, Dan und Ken hatten das Geräusch ebenfalls vernommen und waren genauso schnell auf den Beinen wie der Deutsche.
Die fünf Menschen liefen, so schnell sie konnten, davon.

Wie die Polizei es schaffte, so schnell eine Tankladung Milch vor Ort zu schicken, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben, doch tatsächlich fuhr nicht einmal 20 Minuten später ein Milchtanklastwagen auf den Parkplatz.
Krüger hatte unterdessen die Kollegen von der Feuerwehr und vom Militär informiert, und die hatten alles vorbereitet.
Der Feuerwehrschlauch lag samt Adapter bereit und wurde von den Feuerwehrmännern schon an den Laster angeschlossen, als dieser noch nicht mal den Motor abgeschaltet hatte.
Leutnant Hans Bolder hatte seine Soldaten per Megafon über den Einsatz der Milch unterrichtet und 3 Minuten nach Ankunft des Lasters flutete ein kräftiger Strahl mit weißer Flüssigkeit das Gelände, auf dem die Ameisen zusammengetrieben waren.
Krüger sah das alles aus einiger Entfernung und wollte schon erleichtert aufatmen, als sich seine Augen vor Entsetzen weiteten.
Der Milchguss brachte die Monster noch einmal so richtig in Aufruhr. Die Tiere rannten wild durcheinander und fielen in einem Tempo über die Soldaten her, das denen keine Chance zum Weglaufen blieb. Einzig ihre Schutzkleidung bewahrte sie davor, dass die Monster sie sofort in Stücke rissen. Dennoch fielen vier der Soldaten den hungrigen und jetzt auch noch aggressiven Tieren zum Opfer, während die anderen sechs noch rechtzeitig die Flucht zu ihrem Transporter schafften.
Die Ameisen fielen über ihre Beute her und begannen damit, sie Stück für Stück in ihren hungrigen Bäuchen verschwinden zu lassen. Es war ein Bild des Grauens. Und der Tag hatte nun bereits sieben Opfer gefordert.

»Milch! Sie sagten Milch!!« Frank Krüger war außer sich vor Wut auf Andreas Gothan.
Der wiederum konnte nicht glauben, was er jetzt sah. Er hatte doch vorhin genau gesehen, wie die Ameise die Reste aus der zerplatzten Milchtüte vertilgt hatte und danach zusammenschrumpfte. Er stand doch daneben!
Andreas war völlig fassungs- und ratlos.
Krügers Geschrei nahm er gar nicht war.
Andreas riss die Autotür auf und rannte auf das Haus zu, in dem Irmtraud Stuffertz wohnte. Der Weg war nun frei, weil die Mutationen sich mit den toten Soldaten beschäftigten.
Vor der Haustür lag ja immer noch die Mülltüte. Irgendetwas musste der KFZ-Mechaniker übersehen haben.
»Halt. Bleiben Sie hier! Sind Sie wahnsinnig geworden?« Gothan hörte Krügers Worte nicht mehr, er rannte, so schnell er konnte.
Krüger überlegte den Bruchteil einer Sekunde, ob er sich tatsächlich aus dem Auto wagen sollte, doch sein Pflichtbewusstsein als Polizist zwang ihn dazu. Außerdem war die Gefahr, von den Tieren attackiert zu werden momentan nicht so groß. Deshalb eilte er nur wenige Meter hinter Gothan her. Der blieb plötzlich vor einer Haustür stehen und begann, den umherliegenden Müll in Augenschein zu nehmen. Krüger wäre fast in ihn hineingerannt.
»Was soll die Scheiße?«, raunzte er Andreas an.
Der stocherte in dem Müll herum und sagte kein Wort.
Krüger wurde zuerst immer wütender, doch dann kam ihm die Erkenntnis, dass Gothan genau das suchte, was er vorhin übersehen haben musste.
Andreas Gothan hatte nicht gelogen, das war dem Polizisten klar. Doch er hatte wohl vorhin nicht alles gesehen und suchte nun danach.
»Die Ameise hat von der Milch getrunken. Doch sie muss noch etwas zu sich genommen haben, was ihren Tod verursacht hat.« Andreas sprach mehr zu sich selbst.
Frank Krüger besah sich den Müll nun auch intensiver und entdeckte unter dem ganzen Unrat eine aufgeplatzte Flasche »Rohrfrei«.
Der Polizist griff danach und besah sich die Flasche genauer. Besonders die Inhaltsstoffe, die einer Chemiewaffe nicht unähnlich waren.
Und da stand es »Natriumhydroxid«. Und genau das verursachte Verätzungen, wie Krüger wusste.
Das musste die Lösung sein!

Markus hatte die fremde Frau während des Laufens los gelassen. Und irgendwie folgten die Timetraveller der Richtung, die sie eingeschlagen hatte.
Maja wohnte nicht weit von Andreas entfernt und lief nun natürlich auf schnellstem Weg nach Hause. Dort, so hoffte sie, wäre sie in Sicherheit.
Dass ihr die vier fremden jungen Menschen folgten, war ihr egal, und auch recht.
Maja wollte jetzt nicht allein sein!

Leutnant Bolder forderte weitere Verstärkung an. Bis eine andere Lösung gefunden war, mussten die Monsterameisen mit Feuer ruhig gestellt werden.
Solange sie fraßen, war das Problem scheinbar gelöst, doch die vier Toten wurden schnell immer weniger.
Bolder schickte die verbliebenen Soldaten, die alle unter Schock standen, wieder nach draußen, damit sie Stellung bezogen und sofort mit den Flammenwerfen einsatzbereit waren, wenn die Ameisen ihr »Mittagsmahl« beendet hatten.
Der Polizist Krüger kam auf das Militärfahrzeug zugerannt und winkte hektisch mit einem Gegenstand, der wie eine Flasche aussah.
»Ich hab’s!«, schrie Krüger beim Näherkommen. »Rohrfrei!«
Jetzt spinnt der doch schon wieder, dachte Bolder bei sich. Der Polizist hatte den Leutnant erreicht und erklärte ihm mit kurzen Worten, was er entdeckt hatte.
»Natriumhydroxid!«, sagte Krüger zum Abschluss.
Bolder wusste, dass das Zeug zur Bekämpfung von Ratten zum Einsatz kam. Und Ratten waren auch bloß kleine Monster, genau wie diese mutierten Ameisen hier.
Sollte, konnte das wirklich die Lösung sein?

Bei der Flucht aus ihrem Auto hatte Maja im letzten Moment noch nach ihrer Tasche gegrapscht. Sie war genug Frau, um daran einen Gedanken zu verschwenden, obwohl sie selbst in Todesgefahr schwebte.
So kramte sie nun mit zitternden Fingern ihren Schlüssel hervor und betrat ihre Wohnung. Die Studenten folgten ihr auch hier unaufgefordert.
Doch noch jemand war ihnen auf dem einen Kilometer langen Weg zu Majas Wohnung gefolgt ...

Es war die Lösung.
Die Ameisen, die durch eine Chemikalie im Reinigungsmittel in der Spülmaschine von Andreas Gothan zu Monstern mutierten, wie sich später herausstellte, konnten letztendlich durch eine andere Chemikalie bezwungen werden. Man hatte es geschafft, von einem Großhändler zwei Paletten mit Abflussreiniger schnellstens zum Ort des Geschehens bringen zu lassen. Das königliche Militär hatte einen sehr großen Einfluss.
Das weiße Pulver wurde von Soldaten, die von Leutnant Bolder noch zur Verstärkung gerufen worden waren, über dem Rasen verteilt. Die Ameisen verendeten, so wie schon die Ameise vor Irmtraud Stuffertz Türe. Ob das Natriumhydroxid nur mit der Milch zusammen, die sich ja auch noch auf dem Rasen befand, zusammenwirkte, oder es alleine die für die Mutationen tödliche Wirkung hatte, fand man nicht heraus.
Der König von Deutschland erklärte diesen Tag zu einem Mahntag für die Opfer der Umweltverbrechen, die zwar seit dem Ende des Bürgerkrieges drastisch zurück gegangen waren, aber noch nicht völlig ausgerottet.
Die wenigen Überreste der sieben Toten wurden zu Grabe getragen, und schon wenige Wochen später sprach niemand mehr von diesem dramatischen Tag, außer ...

Maja ließ sich in ihrem Wohnzimmer auf einen Sessel fallen und schluchzte hemmungslos.
Die Timetraveller standen hilflos daneben und wussten mit der Situation nicht so recht umzugehen. Claire setzte sich auf die Sessellehne und versuchte die arme Frau zu beruhigen, indem sie ihr den Rücken streichelte. Das hatte nach einigen Minuten dann auch Erfolg und Maja bekam sich wieder unter Kontrolle.
»Wer seid ihr überhaupt?«, fragte sie plötzlich. Da nur Markus die Worte verstand, musste er wohl oder übel antworten. Doch was? Dass das hier nicht sein Deutschland war, da war er sich unterdessen sehr sicher. In dem einen Jahr, welches er nun fort war, konnte sich nicht das gesamte Behörden- und Sicherheitssystem verändert haben. Wenn aus der Bundeswehr plötzlich das Königliche Militär wurde, dann hätte das die ganze Welt erfahren.
Und überhaupt, es gab nie einen deutschen König! Der Begriff wurde nur fälschlich verwendet, denn seit Otto I. im Jahr 962 führten die Könige im Heiligen Römischen Reich, wie es später genannt wurde, den Titel eines Römischen Kaisers, nachdem sie in Rom vom Papst gekrönt worden waren. Der Begriff Deutscher König wurde in der Geschichte von Markus’ Deutschland also nur fälschlicherweise benutzt.
Damals, als dieses Thema Unterrichtsstoff in der Schule war, hatte Markus Becker das wenig interessiert, aber da wusste er auch noch nicht, dass ihm dieses Wissen noch mal zu Gute kommen sollte. Denn eines war klar: Das Abenteuer Zeitreise war immer noch nicht vorbei!
Ken riss ihn aus seinen Gedanken, indem er auf die Frau im Sessel zeigte und sagte: »Sie wartet auf eine Antwort, glaube ich.«
»Äh, ... ich heiße Markus, und das hier sind Freunde von mir aus Amerika. Claire, Dan und Ken«, sagte er. »Wir machen hier in der Nähe Urlaub und waren zufällig hier in der Nähe unterwegs ...«
Der Deutsche sagte lieber nichts mehr, denn er konnte am Gesicht der Frau ablesen, dass sie ihm kein Wort glaubte.
»Mein Name ist Maja«, antwortete sie trotzdem. »Und ich danke euch. Ich glaube, ihr habt mir das Leben ...«
Sie hörte mitten im Satz auf zu sprechen, fing wieder fürchterlich an zu zittern und stieß ein qualvolles »Neiiin« aus. Und da hörten es die Studenten auch schon.
»Klack, klack, klack-klack, klack ...”
Eine Sekunde später kratzte es an der Tür und genau da fiel Dan der schwerwiegende Fehler ein, den sie begangen hatten. Alle waren in die Wohnung gelaufen, doch niemand hatte sie von innen verriegelt! Und der Sportstudent war als letzter herein gekommen.
»Ich glaube, wir haben ein Problem!«, sagte er nur tonlos.
Markus holte die Zeitmaschine hervor, um den Energiestand zu überprüfen. Und tatsächlich! Auf dem Display leuchtete die Anzeige. Die Maschine war wieder startbereit.
Er schaute seine Mitstreiter der Reihe nach an. Die Männer nickten nur, doch Claire fuhr ihn an.
»Sag mal, spinnst du? Wir können Maja doch nicht mit dem Ungeheuer allein lassen!«
»Wir können sie aber auch nicht mitnehmen«, konterte Becker.
Die weitere Diskussion darüber, wie es weitergehen sollte, erübrigte sich in dem Moment, als die Riesenameise die Tür zum Wohnzimmer entdeckt hatte und mit lauter werdendem Klacken durch diese herein kam.
Die fünf jungen Leute erstarrten!
Und dann ging alles rasend schnell, als ob die Männer sich abgesprochen hätten.
Sie gingen auf das Tier los und ergriffen es an den Beinen.
Die Ameise war bewegungsunfähig.
»Claire, Maja, wir brauchen Waffen! Scharfe Messer, ein Beil oder sonst irgendwas!«, schrie Ken.
Maja saß wie betäubt in ihrem Sessel und war zu keiner Bewegung fähig. Claire rannte los, riss nacheinander die Zimmertüren auf, bis sie die Küche gefunden hatte.
»Schnell, Claire! Wir können das Biest nicht mehr lange festhalten!«, rief Dan noch voller Panik hinterher.
Die Studentin zerrte die Schubladen auf und fand bald, was sie suchte. Maja schien eine leidenschaftliche Köchin zu sein, denn sie besaß ein ganzes Sammelsurium an Küchenmessern. Claire griff nach den drei Größten und schnappte sich dabei auch gleich noch eine große Geflügelschere. Dass sie sich dabei noch in den Finger schnitt, spürte sie gar nicht.
Sie hastete zurück ins Wohnzimmer und vor lauter Aufregung fielen ihr die Messer noch aus der Hand. Ihr eigenes Blut verursachte, dass ihr die Griffe quasi aus der Hand rutschten.
Markus und Dan schienen am Ende ihrer Kräfte zu sein, Ken sah sehr konzentriert aus.
Claire bückte sich und reichte jedem eines der Messer, die Schere behielt sie selbst in der Hand.
Und nun versuchten sie, der Ameise die Gliedmaßen abzutrennen.
Es schien fast aussichtslos zu sein, doch der Japaner schaffte es mit seinem Sägemesser als erster. Dickes, fast schwarzes Blut quoll hervor.
Und das war dann für Maja endgültig zuviel. Sie flüchtete sich nach all den Schrecken in eine Ohnmacht.
Die Timetraveller säbelten immer weiter an den Beinen der Ameise herum, Markus’ Arm wäre beinahe noch den schnappenden Zangen zum Opfer gefallen, doch dann hatten sie es geschafft. Alle sechs Beine lagen in einer Lache schwarzen Blutes.
Doch das Tier lebte noch und seine Zangen schnappten wie wild um sich.
Die Versuche, den Panzer des Monsters mit den Messern zu durchdringen, scheiterten kläglich.
»Gibt es hier eine Badewanne?«, fragte Dan.
Claire ging nachsehen.
»Ja«, rief sie.
»Dann lass heißes Wasser einlaufen.«
»Was? Du willst doch nicht ...?«, fragte die Studentin ungläubig.
»Hast du eine bessere Idee?« Dans Stimme klang gereizt. Seine Nerven lagen blank und er war körperlich am Ende.
Claire schüttelte den Kopf und steckte den Stöpsel in den Abfluss. Dann drehte sie den Heißwasserhahn auf.
Als die drei Männer das hörten, ergriffen sie den Leib des Ameise, deren Bewegungen schon schwächer geworden waren, und trugen sie ins Badezimmer. Sie ließen den Körper in die Wanne gleiten, warteten, bis dieser völlig von Wasser bedeckt war, drehten den Wasserhahn wieder zu und gingen immer noch schweigend zurück in das Wohnzimmer.
Maja saß immer noch reglos und zusammen gesunken im Sessel.
»Ich glaube, das ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um von hier zu verschwinden«, sagte Markus mit einem bedauernden Tonfall. Er hätte dieses Deutschland gern noch näher erkundet, doch das war nicht das Ziel ihrer Reise.
Die anderen nickten nur und Claire fragte mehr zu sich selbst: »Wie wird es Maja ergehen, wenn sie erwacht?«
»Sie wird es überleben«, versuchte Ken sich und seine Freunde zu trösten.
Markus gab wieder einmal ihre Heimatdaten in die Tastatur der Zeitmaschine ein.
»Also los«, sagte er nur und drückte die letzte Taste.
Es wurde kalt, sehr kalt und als Maja davon langsam wieder zu sich kam, glaubte sie, noch die Schatten von sich auflösenden Körpern zu sehen.
Die Timetraveller traten ihre nächste Reise an und Maja schrie und schrie ...
Alle Namen sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Fortsetzung folgt ...

Vorschau auf Episode 5
Sie war eines der brutalsten Mittel, die jemals dazu benutzt wurden, Macht auszuüben: Die Inquisition. Noch heute legen Museen Zeugnisse davon ab, welche unvorstellbare Dramen und Grausamkeiten sich in den Folterkellern abgespielt haben müssen, Schriften erzählen davon, mit welch Willkür und Fanatismus Menschen zum Tode verurteilt wurden.
Was aber wäre, wenn die Inquisition nie aufgehört hat? Was, wenn sich Staat und Kirche weiterhin dieses »heiligen« Werkzeugs bedienen würden, um ihre Macht zu festigen?
Unsere vier Zeitreisenden werden es erfahren, in einem spanischen Sevilla im Jahre 1902, in dem dieses dunkle Kapitel der Menschheit noch nicht geschlossen wurde.
Erwartet mit Spannung die am 1. Januar 2008
erscheinende 5. Episode.
Der Titel lautet:
"Inquisition"
von Dean Thorn