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»Todeshölle - Höllentod«

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Episode 3
Titelbild von Bernd Hüttermann / Erftstadt
Cover-Design von Wolfgang Brandt / Gießen

 

EPISODE 3

»Todeshölle - Höllentod«

Von Gloomy Tomb

Das Ende des Sturzes kam abrupt, indem Dan in einem Gebüsch landete. Er rappelte sich auf, sortierte seine Gliedmaßen und stellte erleichtert fest, dass er den Aufprall ohne größere Blessuren überstanden hatte. Seine Kleidung bestand fast nur noch aus Fetzen, aber sie hielt sich noch am Körper.
»Wo waren die anderen?«
»Ken, Claire, Markus«, rief er laut. Doch bis auf sein Echo hörte er zunächst nichts.
Er lauschte angestrengt in die folgende Stille und tatsächlich, ganz in der Nähe war ein Geräusch, das nicht in diese leblos wirkende Umgebung passte. Ein leises Stöhnen brachte Dan auf Trab, er rannte los in Richtung des Geräusches und fand Ken am Boden liegend in einer kleinen Senke. Kein Wunder also, dass er ihn vorher nicht sehen konnte, denn die Senke war nur ein Vorgeschmack auf das riesige Tal, das nun vor ihm lag.
Dan bückte sich zu Ken hinunter, der außer einem leisen Stöhnen kein Lebenszeichen von sich gab, und untersuchte sein Äußeres auf Verletzungen. Doch da war nichts.
Von sanften Berührungen überrascht, schlich sich ein leichtes Grinsen in Kens Gesicht, und Dan, der darüber eigentlich froh sein sollte, war im ersten Moment etwas sauer. »Was glaubt der denn, was ich hier tue«, dachte der Sportstudent, aber tief in seinem Innern war er nun beruhigt, dass es dem Freund doch besser ging, als es zunächst aussah.
Ken hatte den Sturz unbeschadet überstanden, selbst seine Kleidung hatte nicht so gelitten wie Dans, doch dafür muss der Aufprall um einiges härter gewesen sein.
Der Japaner schlug endlich die Augen auf und wusste sofort, dass wieder etwas total schief gegangen war. Er hatte die Schnauze gestrichen voll vom Abenteuer Zeitreise und wollte nur noch nach Hause. Genau wie die anderen, doch keiner getraute sich, seine wahren Gefühle wirklich zu zeigen, damit die Stimmung nicht völlig aus dem Ruder glitt und die vier Timetraveller vom Heimweh überrumpelt wurden.
Die beiden Studenten stießen einen Seufzer der Erleichterung aus, weil sie die Zeitreise lebend überstanden hatten, doch dieser kurze Moment dauerte nicht länger als den Bruchteil einer Sekunde und wie aus einem Mund sagten sie: »Wo sind die anderen?«
Das war eine gute Frage, und der Blick in dieses endlose Tal ließ das Schlimmste befürchten. Zumal Markus die Zeitmaschine bei sich hatte, und ohne die konnten Ken und Dan nur hoffen, dass der Zufall sie in das Jahr 2006 auf die ihnen bekannte Welt verschlagen hatte. Aber an Zufälle glaubte schon lange keiner mehr.
»Los, wir müssen da runter und Claire und Markus suchen«, sagte Dan. »Am besten, wir gehen getrennt, dann haben wir die doppelte Chance, sie zu finden.«
»Da runter?! Bist du sicher, dass wir sie da unten finden?« Ken hatte nach einem Blick ins Tal ein sehr ungutes Gefühl, konnte es aber nicht so recht in Worte fassen. Da war noch mehr als nur Angst.
»Wenn sie hier oben wären, hätten wir sie sehen müssen. Und wenn sie noch weiter oben gelandet sind, dann ist sowieso alles verloren. Sieh doch, da ist nur noch die nackte, glatte Felswand. Und bevor wir da raufklettern, versuchen wir es lieber erst da unten.«
»Vielleicht hast du recht«, räumte Ken nach einem Blick hinter sich ein. Ganz wohl war ihm aber nicht bei dem Gedanken, da runter zu müssen. Irgendetwas stimmte da unten nicht.
»So ein Tal habe ich noch nie gesehen. Es scheint bodenlos zu sein, und wer weiß, was sich dort für Getier angesiedelt hat. Die Sonne kommt auch kaum bis runter.«
Dan wurde stutzig.
»Sonne? Moment mal, wo ist die Sonne?« Sie schauten zum Himmel und wurden bleich. Das war kein Himmel. Zumindest nicht der, den die beiden kannten. Dieser Himmel waberte in einem gelblich-grünen Farbton vor sich hin. Diese Farbmischung erinnerte an die Haut eines schwer leberkranken Menschen. Dan schüttelte sich.
Diese eklig-kalte Farbmischung konnte kein Licht erzeugen, doch was dann?
Nun, um diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen, war jetzt nicht die Zeit, denn Claire und Markus brauchten vielleicht dringend ihre Hilfe.
»Ken, du nimmst die linke, ich die rechte Seite in Angriff. Hör auf Geräusche, denn davon scheint es hier nicht allzu viele zu geben.« Erst in diesem Moment fiel auch dem Japaner die Stille auf, die er bis dahin noch gar nicht wahrgenommen hatte. Seltsam, es gab Licht, Luft, Vegetation...nun ja, zumindest Reste davon, aber wo war zum Beispiel das Zwitschern eines Vogels oder das Summen eines Insekts? Oder einfach nur das leise Säuseln, welches Wind verursachte? Da war aber gar nichts.
Ken fröstelte.
Der Abstieg ins Tal gestaltete sich einfacher, als erwartet. Der Abhang war übersät mit Felsbrocken, die aus der Erde schauten und so eine natürliche Treppe bildeten. In Dan kam dadurch sofort eine schlimme Vermutung auf: ein Sturz auf diesem von Felsen übersäten Boden konnte einfach nicht gefahrlos verlaufen sein. Dieser Gedanke trieb ihn erst recht zur Eile an, was sich als großer Fehler erweisen sollte. Nach wenigen Schritten – Dan achtete nun weniger darauf, wo er hintrat – kam, was kommen musste. Er rutschte ab und gelangte schneller nach unten, als ihm lieb war. Ken stieß einen erschrockenen Schrei aus, der durch das wiedergegebene Echo gar nicht enden wollte.
Nun beeilte auch er sich, doch Ken war etwas besonnener und kam unbeschadet bei Dan an. Der rappelte sich schon wieder auf, seine eigenen Schmerzen mit dem Gedanken an Claire und Markus verdrängend.
Die Suche entlang des Hanges war nun einfach geworden. Ein Blick hinauf zeigte den Beiden, dass sich ihre Gefährten dort nicht befanden. Der Grund des Tales war mit einigen ihnen unbekannten Pflanzen und Sträuchern übersät, was die Suche dort erheblich erschwerte.
In diesem Moment keimte ein Hoffnungsschimmer auf. Ein paar Schritte links von ihnen bewegte sich plötzlich etwas, nur leicht und aus dem Augenwinkel wahrzunehmen. Ken fuhr herum, deutete darauf und beide hasteten hin. Tatsächlich, dort lag Claire hinter einem nach Farn aussehendem Gewächs und kam wohl gerade wieder zu sich.
Ungläubig schaute sie zu ihren Freunden auf und ihr Gesicht erhellte sich ein wenig. Sagen konnte sie jedoch nichts, dafür war sie viel zu erschrocken über den Ausdruck in Kens und besonders Dans Gesicht. Beide waren kreidebleich und hatten Tränen in den Augen. Dass es Tränen der Erleichterung waren, weil sie Claire gefunden hatten, wusste sie ja nicht.
»Mein Gott, du lebst. Wir hatten schon das Schlimmste befürchtet«, sagte Ken und beugte sich zu ihr hinab. »Ist alles in Ordnung? Kannst du aufstehen?«
Claire richtete sich auf und stieß ein jammervolles Stöhnen aus. Da sahen es auch Dan und Ken. Ihr rechter Arm war gebrochen und ein Knochen ragte blutbesudelt ein Stück heraus.
»Scheiße! Das hat uns gerade noch gefehlt! Wir brauchen dringend einen Arzt!«, sagte Dan.
»Und wo willst du hier einen herzaubern? Komm schon, Dan, das müssen wir selber schaffen und die Wunde versorgen. Hast du noch irgendein halbwegs sauberes Kleidungsstück am Leib? Und wir brauchen was zum Schienen.«
Dan schaute an sich herab und da ging ihm erst auf, in welchem Zustand er sich selbst befand. Dass seine Kleidung überhaupt noch an ihm hielt, grenzte fast an ein Wunder. Er bedauerte aber viel mehr, dass er Claire damit nicht helfen konnte.
Auch Ken stellte mit einem Blick auf seinen Freund fest, dass die Frage nach sauberer Kleidung überflüssig war. Nun, dann musste es eben sein eigenes Unterhemd tun, und Sauberkeit wurde erst einmal hinten angestellt. Wenigstens gab es ein paar halbwegs gerade Zweige an den Büschen.
Nun musste Ken, der von erster Hilfe nur theoretische Kenntnisse besaß, über sich hinauswachsen und versuchen, Claires Arm wieder gerade zu biegen. Leichter gesagt, als getan. Claire litt so schon genug Schmerzen, wie sie das Richten des Knochens überstehen sollte, war ein Rätsel.
In einem Film sah Dan mal, dass man Patienten etwas zum Draufbeißen zwischen die Zähne schob. Warum genau, wusste er zwar nicht, aber vielleicht half es ja. Also gab er Claire einen dickeren von den Zweigen und erklärte ihr, was nun folgen würde.
Claire war schon ganz blass, aber sie nickte tapfer, denn sie wusste, dass sie keine andere Wahl hatte, als den beiden Jungs zu vertrauen. Denn auf andere Hilfe konnte im Moment keiner hoffen, da niemand wusste, wo und wann sie waren.
Dan verhalf Claire in eine halbwegs bequeme Position und hielt sie dabei gut fest. Ken, der die Sache schnell hinter sich bringen wollte, schritt zur Tat. In seinem Inneren zerriss ihn fast selbst der Schmerz, den er Claire nun zufügen musste, aber ihm war die Notwendigkeit dessen ganz klar. Vorsichtig griff er nach dem verletzten Arm und dann ging es ganz schnell. Mit einem Ruck streckte er den Arm und wie durch ein Wunder kam der kaputte Knochen in seine richtige Position. Zumindest sah es so aus.
Claire stieß – trotz des Beißstockes – einen markerschütternden Schrei aus und fiel dann in eine gnädige Ohnmacht.
Der Schrei sollte aber nicht umsonst gewesen sein, denn dadurch fand nun endlich auch Markus zu den dreien.
Er hatte den Sturz durch Raum und Zeit seltsamerweise fast unbeschadet überstanden. Er kam auf die kleine Gruppe zu und holte schon Luft, um zu einer Bemerkung anzusetzen, als ihm Dans völlig zerrissene Kleidung und Claires Zustand gewahr wurde.
Ken war gerade dabei, den Arm notdürftig zu schienen und zu verbinden, als Markus erkannte, wie bleich er dabei aussah. Bleich ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Hätte Markus mal zum Himmel geschaut, dann sähe er dort fast Kens derzeitige Gesichtsfarbe.
Ken schaffte es gerade noch, Claires Arm vorsichtig abzulegen, dann fing er an, sich die Seele aus dem Leib zu kotzen.
Nun war es an Markus und Dan, die Versorgung des gebrochenen Arms zu beenden und danach waren alle vier soweit erledigt, dass sie sich an Ort und Stelle hinlegten und in den Schlaf der Gerechten fielen.

Die Bewohner des Tales, die die Veränderungen spüren konnten, waren verunsichert. Was ging hier vor? Ihr Dasein verlief bisher ohne irgendwelche Zwischenfälle. Das Leben hier war zeitlos, Tag und Nacht gab es nicht, nur den ewig grünlichen Himmel, vor den sich ab und zu graue Wolken schoben, die sich dann kraftvoll in das Tal ergossen. Etwas anderes, als dicke, ölige, heiße Wassertropfen war hier noch nie vom Himmel gefallen.
Und nun lagen da vier Gestalten, die sonst nirgendwo anders hergekommen sein konnten.
Wie war das möglich? Keiner kannte den Weg in dieses trostlose Tal, man war einfach da. Wie aus dem Nichts, und neue Talbewohner tauchten immer in der großen Höhle am anderen Ende des Tales auf. In eben jener Höhle, wo sie ihr eintöniges Dasein fristeten. Und das Auftauchen und manchmal das Verschwinden von Talbewohnern war das einzige, worüber sie überhaupt noch nachdenken konnten. Ansonsten waren ihre Erinnerungen genauso leer wie der ganze Ort hier.
Die einzige andere Abwechslung lag darin, sich manchmal durch das Tal zu bewegen, auf Füßen, Händen, rollend, kriechend, eben jeder so, wie er konnte. Und es konnten bei weitem nicht alle.
Eine Verständigung untereinander war auch so gut wie unmöglich. Es gab ja nichts, worüber man reden konnte. Sie lebten immer nur im Jetzt. Was einmal war, konnte keiner mehr in Worte fassen, denn die Erinnerungen blieben da, wo die Bewohner herkamen.
Und nun passierte etwas, und keiner wusste, was zu tun war. Scheinbar gleichgültig, doch tief im Inneren ein bisher vergessenes Angstgefühl aufkeimend, bildeten die ca. zwei Dutzend Gestalten einen Kreis um die schlafenden Timetraveller. Sie standen oder hockten einfach nur da und schauten. Das muss ausgereicht haben, um zunächst Dan aus dem Schlaf zu locken.
Er erwachte durch eben jenes Gefühl des Angestarrtwerdens. Er erwachte und wünschte sich sofort den Schlaf zurück. Was er erblickte, konnte nur ein ganz grässlicher Alptraum sein. Dan sah sich um, immer noch auf einen Traum hoffend, doch der Anblick blieb stets der gleiche.
Zu schockiert, um irgendwie zu reagieren, starrte er einfach nur zurück. Bis eines dieser, ja was eigentlich – Ungeheuer, Zombies, Halbgerippe? -, sich bewegte. Da war es mit dem ersten Schock vorbei und Dan konnte nur noch schreien.
Ken und Markus schreckten hoch, sahen Kens fassungslosen Gesichtsausdruck und erfassten sofort die unheimliche Situation.
Wo vorher außer ein paar Büschen und Steinen nichts war, befanden sich nun die schlimmsten Kreaturen, die sie bisher nur aus schlechten Horrorfilmen kannten. Da waren halb verweste Gestalten, denen zum Teil das Fleisch von den Knochen weggefault war; einer hatte einen gespaltenen Schädel, durch den noch Gehirnmasse schimmerte; einer war ohne Hände und Füße, die Stümpfe waren weiträumig vom Wundbrand zerfressen; bei einem sah es aus, als wäre das Gesicht weggehackt worden; dann wiederum fehlte einem ein großes Stück Bauch, sodass man die Wirbelsäule sehen konnte.
Kens Gesicht nahm sofort wieder Leichenblässe an, doch da war nichts mehr, was er sich noch aus dem Leib würgen konnte. Dan erging es nicht viel besser. Einzig Markus schien die Beherrschung nicht zu verlieren. Claire blieb vom Anblick der Untoten noch verschont, was im Moment wohl ein Segen für sie war.
Irgendetwas regte sich in den schauerlichen Gestalten. Es war schwer in Worte zu fassen, doch es ging eine Veränderung in ihnen vor. Ein Hauch von Erkennen, gemischt mit Wut? Es war einfach nicht einzuordnen, dafür lagen Begegnungen mit lebenden Individuen zu lange zurück. Auch die Timetraveller bemerkten die Anspannung, die sie nicht so recht einordnen konnten. Dann ergriff Dan als erster das Wort.
»Wer seid ihr und wo sind wir hier?«
Die Untoten schauten bewegungslos zurück, in das eine oder andere noch vorhandene Gesicht trat trotzdem erstaunlicherweise ein fragender Ausdruck.
»Los, redet schon, irgendwer von euch wird ja wohl noch seine Zunge haben!«
Markus war in seiner Wortwahl nicht ganz so vorsichtig, so als ob er genau wüsste, was hier vor sich ging und nur noch eine Bestätigung brauchte. Oder er wollte mit seiner schroffen Art nur seine Angst verbergen.
In einer Gestalt, die noch halbwegs vollständig zu sein schien, sah man einmal davon ab, dass ein Auge fehlte und die Ohren verdächtig angefressen aussahen, regte sich etwas. Sie straffte sich ein wenig, was ein eklig knackendes Geräusch verursachte, trat einen Schritt nach vorn und öffnete den Mund. Sie wollte wohl etwas sagen, doch die Stimmbänder, wenn es denn noch welche gab, versagten ihren Dienst. Da griff sie auf die Teile des Körpers zurück, die gerade funktionierten und zeigte mit dem Arm ans andere Ende des Tales.
»Ich schätze mal, das soll eine Einladung sein«, schloss Markus daraus.
»Du willst doch nicht etwa mit denen mitgehen?« Dans Stimme klang entsetzt.
»Haben wir eine Wahl?«, fragte Markus. »Wer weiß, was sich hinter den Büschen hier noch so alles verbirgt, und die da tun uns erst einmal nichts. Dazu hatten sie schon lange genug Gelegenheit.«
»Doch, wir haben eine andere Wahl. Programmier die Zeitmaschine und lass uns aus diesem Alptraum verschwinden.«
»Wenn das so einfach wäre, was glaubst du wohl, was ich längst tun würde. Nur gibt es da ein kleines Problem. Die Maschine sieht wieder genau so aus, wie vor der Verschmelzung und der Timer reagiert nicht. Ich kann das Scheißding nicht einstellen.« Markus wollte verzweifelt klingen, doch es gelang ihm nicht ganz. Die Freunde hörten einen falschen Unterton heraus.
»Wie meinst du das?«, fragte Ken.
»Genauso, wie ich es sage. Die Zeitmaschine hat wohl während des Zeitsprunges wieder ihre alte Form angenommen. Fragt mich aber nicht, warum. Ich weiß es nicht!«
Den beiden anderen fiel dazu auch nichts ein und in dem Moment meldete sich Claire stöhnend aus ihrer Ohnmacht zurück.
Dan und Ken wandten sich ihr sofort zu und vergaßen für eine kleine Weile ihre verzweifelte Situation. Ihre Sorge galt ganz allein Claire. Würde sie die Schmerzen in ihrem Arm aushalten?
Sie hielt sie aus, besser als erwartet. Die Jungs hatten scheinbar ganze Arbeit geleistet. Ein Verziehen der Mundwinkel konnte sie sich beim Aufsetzen dann aber doch nicht verkneifen, und beim Aufstehen ließ sie sich helfen.
Die Talbewohner wandten sich ab und gingen in die gezeigte Richtung davon.
Nun war guter Rat teuer. Was tun?
Die Zeitmaschine brauchte eine Generalüberholung.
Hier im Tal wollten die Vier auf keinen Fall bleiben. Also folgten sie doch der »Einladung« des Einäugigen und setzten sich in Bewegung. Die Hoffnung stirbt immer zuletzt, und wer wusste schon, was sich am anderen Ende des Tales befand.
Der Weg dorthin gestaltete sich sehr mühsam, denn der Boden war auch hier übersät von Steinen und hervortretenden Felsen, dazwischen diese seltsamen Büsche, deren Zweige sich immer wieder an die Hosenbeine klammerten.
Wie lange sie unterwegs waren, konnte keiner sagen. Wenn Zeit keine Bedeutung hat, oder wie hier gar nicht gemessen werden kann, ist das auch äußerst schwierig.
Den Abstand zu den Talbewohnern verringerten die Timetraveller während des Marsches nicht, dafür waren auch sie viel zu verunsichert und auch angeekelt.
Doch irgendwann hatte der Weg ein Ende und sie gelangten an den Eingang einer großen, düsteren Höhle, die, wie es aussah, natürlichen Ursprungs war. Die meisten Bewohner waren schon in der Dunkelheit verschwunden, nur der Einäugige wartete auf die vier Fremden.
Wieder regte sich so etwas wie ein Ansatz zum Sprechen in seinem Gesicht, doch auch dieser Versuch endete wie vorhin in einer abgehackten Armbewegung.
Die vier Freunde schauten sich fragend an, keiner wollte den ersten Schritt ins Dunkel tun. Aber es nutzte ja nichts, also machte Dan beherzt den Anfang, ging hinein und verschwand. Nun hielt die anderen Drei nichts mehr, sie stürzten hinterher und waren schier überwältigt von dem sich bietenden Anblick.
Es war nicht so dunkel, wie sie erst glaubten, dafür größer, als sie dachten.
Und was sie sahen, ließ ihnen das Blut in den Adern gefrieren.
Die Höhle leuchtete ebenfalls in diesem grünlichen Licht, nur viel dunkler als draußen. Es reichte aber aus, um sich orientieren zu können. Und dass man keine Einzelheiten wahrnahm, war nur gut. Denn die Bewohner, die sich ins Tal begeben hatten, waren anatomisch gesehen noch als Menschen zu erkennen. Wohingegen hier drinnen kaum mehr als halbverweste Leichen, Skelette und Teile von beidem hausten. Der Anblick war grausig, und die Augen der Vier gewöhnten sich schnell an das neue Licht. Zu schnell. Es blieb keine Zeit, sich auf das Entsetzliche vorzubereiten. Und so standen sie sprachlos da und kämpften alle mit ihrer aufsteigenden Übelkeit.
Diesmal war es zuerst Claire, die sich fasste und das Wort an die Bewohner richtete.
»Ihr scheint alle noch einen Hauch von Leben in euch zu haben. Kann irgendjemand auch mit uns reden?«
Bei diesen Worten ging eine fast unmerkliche Bewegung durch die Reihen. Der Einäugige starrte zu Claire und versuchte wieder, zum Sprechen anzusetzen. Es sah fast so aus, wie bei einem Kleinkind, das gerade sprechen lernt und versucht, die Mundbewegungen der Mutter nachzuahmen. Und das Wunder geschah, es löste sich ein Ton aus der Kehle des Einäugigen, den Claire insgeheim Charon nannte, da er sie in diese Totenhöhle geleitet hatte.
Der Ton allerdings war so abscheulich, dass eine Gänsehaut sie überlief und verstehen konnte sie nichts daraus. Wie sollten sie hier jemanden finden, der ihnen helfen konnte?
Markus hatte sich unterdessen von der Gruppe entfernt und trat ein paar Schritte weiter ins Innere der Höhle. Dabei schaute er in die Runde, als suche er etwas, oder jemanden?
Er ging immer weiter, blieb dann plötzlich stehen und besah sich die Reste eines Menschen, der am Boden kauerte. Markus` Blick wurde für einen Moment starr, dann drehte er sich schnell um und kam zurück. Dan fiel das merkwürdige Verhalten auf, doch er sagte zunächst nichts.
Claire bemühte sich, vom ersten Schrecken erholt, erneut um eine Verständigung mit dem Einäugigen. Und nach einigen Versuchen geschah das Wunder und sie verstand ein paar Brocken von dem, was Charon zu sagen versuchte.
»Warum...Hölle...weg...«, waren so die ersten Worte, die zu verstehen waren. Doch einen Reim konnte sich darauf noch keiner machen.
Claire ermunterte Charon, es weiter zu versuchen. Und der brachte tatsächlich folgenden Satz heraus: »Warum kommt ihr in die Hölle, aus der es keinen Weg zurück gibt?«
»Es gab einen Weg hier her, also muss es auch einen zurück geben.«
Damit wollte sie sich wohl in erster Linie selbst Mut zusprechen.
»Wer seid ihr und wo sind wir hier?«, fragte sie. Dabei versuchte sie das Zittern ihrer Stimme zu unterdrücken, was ihr aber nicht ganz gelang.
Charon versuchte es wieder mit einer Antwort, und je mehr er sprach, desto besser war er zu verstehen.
»Wer wir sind, wissen wir nicht. Und das hier ist unsere Hölle. Eine Hölle ohne Satan und Fegefeuer zwar, aber doch die Hölle.«
Dem konnte keiner der Timetraveller widersprechen.
»Und was macht ihr hier?«, wollte Ken wissen.
»Warten. Warten, dass man gerufen wird und sich ins Nichts auflöst. Das passiert hin und wieder, doch niemand weiß, wann es passiert und was danach kommt. Und trotzdem ist das unsere einzige Hoffnung. Denn sonst gibt es hier nichts.«
Nun kam auch in einige andere Höhlen- (oder besser Höllen-) Bewohner ein kleiner Lebensfunke zurück. Die es konnten, bewegten sich langsam auf die vier Freunde zu und einige fingen sogar an, sie zu berühren. Das war zwar sehr unangenehm, doch Ken erinnerte sich daran, dass sie hier die Eindringlinge waren, und so ließen sie die erste »Inspektion« unter Schaudern über sich ergehen. Nur als einer Claires gebrochenen Arm näher in Augenschein nahm, stieß sie einen leisen Schmerzensschrei aus und zog sich zurück.
Dan kam allmählich zu der Überzeugung, dass sie an diesem Ort keine Hilfe zu erwarten hatten und fragte: »Wie soll es denn nun weitergehen?«
Darauf hatte niemand eine Antwort, doch nach einem Augenblick schien Charon die Frage verstanden zu haben. Sein Hirn brauchte eben noch ein bisschen Übung, um wieder zu funktionieren. Und deshalb stellte er nun die erste Gegenfrage.
»Wo kommt ihr her? Draußen ist noch nie jemand angekommen.«
Da war guter Rat teuer. Was sollten sie antworten, um glaubwürdig zu klingen?
Aber da war Markus` Mund mal wieder schneller als der der anderen, und er platzte einfach mit der Wahrheit heraus. »Wir sind Zeitreisende auf der Suche nach unserer Welt. Leider funktioniert d...« Ein böser Blick von Dan und Claire sowie ein leichter Schubs von Ken zeigten ihm, dass er ja den Mund halten soll, und er vollendete den Satz stotternd: »...na ja, die äh, die Suche ist etwas schwierig.«
Jetzt schon von der Zeitmaschine zu reden, konnte ungeahnte Folgen haben.
Charon hatte die Situation bemerkt und so erwachte nun auch sein Misstrauen, welches wohl jahrelang im Dämmerschlaf gelegen hatte, genau wie seine Sprache.
»So, Zeitreisende. Da bin ich aber mal gespannt, wie ihr das bewerkstelligt«, sagte er.
Ken fiel sofort auf, dass Charon sich auf einmal ganz anders ausdrückte. Hatte er ihnen bis eben etwas vorgegaukelt?
»Nun«, sagte Ken, »da, wo wir herkommen, ist die Wissenschaft weit fortgeschritten und so wurden Zeitreisen eben möglich.«
Mit dieser Antwort konnte Charon nichts anfangen, und so sagte er nichts.
Doch nun war das Misstrauen gesät, und deshalb wies Charon die vier Freunde an, sich einen Platz zu suchen und dort vorerst zu verharren. Das kam den Timetravellern sehr gelegen, denn sie hatten genug zu bereden, was nicht für fremde Ohren bestimmt war. Sie zogen sich auf eine freie Fläche zurück, setzten sich eng beieinander und warfen als erstes einen Blick auf die Zeitmaschine. Der Glaszylinder war unbeschädigt, doch im Inneren tat sich gar nichts. Und wie Markus es gesagt hatte, die Maschine sah wieder aus, wie am Beginn ihres Abenteuers.
»Wie ist das möglich?«, fragte Ken und sah dabei in genau so ratlose Gesichter, wie seines auch aussah.
»Nun, vielleicht hat uns Evans mit der Verschmelzung ja nur was vorgemacht. Vielleicht war das Ganze nur eine Illusion. Eine gute, aber eben nur eine für den Moment gemachte Illusion.«
»Das klingt genauso unglaubwürdig wie die Sache mit der Magie, Markus«, sagte Dan darauf.
»Was wissen wir denn schon von Parallelwelten und Zeitreisen? Nichts!«
»Ist doch jetzt auch egal«, sagte Claire, »die Hauptsache ist, dass wir die Maschine noch haben und hoffentlich auch wieder in Gang bekommen.« Bei diesen Worten blickte sie hoffnungsvoll zu Markus, doch der war schon wieder mit dem Zylinder beschäftigt.
Den vieren wurde jedenfalls schnell klar, dass sie damit vorerst nirgendwo hinreisen würden.
Da rückte ein ganz anderes Problem in den Vordergrund. Im Gegensatz zu den Untoten, ja dieser Begriff schien es am ehesten zu treffen, brauchten sie Wasser und Nahrung. Laut Charon gab es hier aber nichts. Was tun?
Die spärliche Vegetation da draußen weckte nicht unbedingt den Appetit, und Wasser hatte auch noch keiner irgendwo bemerkt. Doch wo Pflanzen wuchsen, musste es welches geben. In einer so großen Höhle war es doch möglich, dass es eine unterirdische Quelle oder einen Wasserlauf gab. Plötzlich stand Claire auf. Sie sah Charon an und ging zu ihm, um ihn danach zu fragen, jedoch war seine Antwort sehr entmutigend. »Hier gibt es nichts!«
Damit wollte Claire sich nicht zufrieden geben, vielleicht verstand Charon gar nicht, was sie meinte. Sie fing an, ihr Problem mit Gesten verständlich zu machen, was durch ihren gebrochenen Arm ein wenig erschwert wurde. Erfolg hatte sie keinen. Vielleicht war die Erinnerung an Essen und Trinken hier komplett verloren gegangen.
Die Studentin wandte sich ab und ging zu den anderen zurück.
»So ein Mist, auf das Wort Zeitreise reagiert der Typ, aber unter Wasser kann er sich scheinbar gar nichts vorstellen. In ein paar Tagen können wir uns wirklich zu denen hier zählen. Ist schon pervers der Gedanke, unter Untoten sterben zu sollen.«
Claire hatte gerade einen totalen Tiefpunkt erreicht, was die Jungs deutlich spürten.
»Ach, komm schon, so schnell geben wir nicht auf. Nicht nach dem, was wir schon zusammen erlebt haben.« Ken wollte Claire ein wenig trösten, doch so recht gelang es nicht, denn in ihm sah es nicht viel anders aus.
»Wenn wir hier nur rumsitzen, wird sich nichts ändern. Also los, lasst uns mal einen Erkundungsgang starten. Vielleicht gibt es außer Nichts doch noch was anderes.« Bei diesen Worten stand Markus schon auf, und die anderen folgten ihm. Doch sie kamen nicht weit, als Charon sie sogleich anblaffte. »Ihr bleibt da, wo ihr seid! Da hinten ist nichts.«
Die Freunde versuchten ihm zu erklären, was sie suchten. Doch der Untote war im Moment nicht umzustimmen, und so setzten sich die Timetraveller wieder hin.
Charons Verhalten war schon sehr merkwürdig. Hatte er etwas zu verbergen?

Lasst uns noch mal nachsehen, ob wir die Zeitmaschine nicht doch in Gang bekommen. Und dann nichts wie weg hier.« Dan schaute Markus fragend dabei an, doch der machte keine Anstalten, die Maschine hervor zu holen.
»Na, was ist? Von allein wird sich das Ding ja wohl nicht programmieren, oder?«, hakte Dan nach.
Markus setzte eine verschwörerische Miene auf, machte den drei anderen ein Zeichen, näher zusammen zu rücken und flüsterte: »Irgendetwas stimmt hier nicht. Der einäugige Typ verhält sich so seltsam, dass man einfach misstrauisch werden muss. Und ich werde das blöde Gefühl nicht los, dass ich den Kerl irgendwo schon mal gesehen habe.«
»Was soll der Blödsinn denn?«, warf Claire ein, »Wo willst du so einen denn schon gesehen haben? Das hätten wir sofort gemerkt. Oder siehst du öfter Einäugige mit ausgefransten Ohren?«
»Denk dir diese Auffälligkeiten einfach mal weg und stell dir vor, was übrig bleibt.«
»Also, ich weiß nicht, worauf du hinaus willst, Markus, aber das halte ich doch für unmöglich. Und dann vergiss nicht, dass wir uns den Kerl warm halten müssen. Er scheint hier der einzige zu sein, mit dem wir reden können. Und wir müssen erst mal rauskriegen, was hier eigentlich gespielt wird.« Bei diesen Worten Claires nickten Ken und Dan stumm.
»Und wie willst du das anstellen?«
»Ganz einfach, ich werde ihn fragen. Aber nicht sofort, soll er sich erst mal beruhigen. Und wenn seine Laune besser ist, dann wird er schon mit mir reden. So, und wenn wir hier schon so eng beieinander sitzen, kannst du ruhig mal einen Blick auf die Zeitmaschine werfen.«
Markus war von Claires resoluter Art so überrumpelt, dass er den Zylinder nun doch hervorkramte. Alle vier schauten ratlos auf das Display. Markus drückte die V1-Taste, und es geschah...nichts! Genau, wie er es gesagt hatte. Er probierte auch alle anderen Tasten, doch das Ergebnis war stets das Gleiche. Nichts! Wie auch Charon schon sagte. Hier gab es nichts, und wie es aussah, war sogar der Begriff Zeit hier nur ein leeres Wort.
Ohne Hilfe kamen sie offensichtlich niemals von hier weg.
Resignation wollte sich wieder breit machen, da war es überraschenderweise Ken, der den anderen Mut zusprach. »Kommt schon, so schnell geben wir uns nicht geschlagen. Ich finde, Claire hat recht damit, dass wir den Einäugigen zu Rate ziehen. Lasst uns das probieren. Und du, Markus, bleib einfach dran und versuche es weiter mit der Zeitmaschine. Vielleicht fällt dir ja noch des Rätsels Lösung ein. Bist doch nicht umsonst ein Physikgenie, oder?«
Mangels einer besseren Idee waren die Freunde damit einverstanden. Sie setzten sich wieder etwas lockerer hin, warteten einen Augenblick und dann unternahm Claire einen Versuch, sich Charon anzunähern.
Diesmal schien es gut zu gehen, zumindest wurde sie nicht gleich wieder angeblafft. Sie ging langsam auf ihn zu und sprach ihn an. »Kannst du mir sagen, wo wir hier sind? Es würde einfacher für uns sein, um unsere Lage zu wissen. Wir wollen doch einfach nur wieder nach Hause.«
»Ich soll euch den Quatsch mit der Zeitreise also abkaufen?«
»Na ja, das wäre ein guter Anfang, um uns wieder los zu werden. Wir wissen nicht, wo und wann wir sind, und dass wir hier nicht hergehören, ist doch wohl offensichtlich.«
»Ach ja, und woraus schließt du das? Sind wir euch nicht fein genug?«
»Nein, nein, das wollte ich damit nicht sagen. Doch ihr seid so...anders.« Claire merkte, dass sie sich auf einen schmalen Grat begeben hatte und wollte Charon keinesfalls wieder verärgern. Doch der kam ihr ungewollt zu Hilfe, indem er nun herausplatzte: »Ich tu jetzt einfach mal so, als würde ich dir glauben. Was erwartest du nun davon?«
Claire war erleichtert und ein wenig überrumpelt, und wusste nun nicht so recht, wie sie am klügsten fragen sollte. Aber die dringendste Frage war die nach dem wo und wann, also versuchte sie das erneut.
»Darf ich dich nun noch mal fragen, wo wir hier sind?«
»Klar, jederzeit. Nur ob du die Antwort hören willst, glaube ich kaum.«
»Aber ich muss es wissen!«
»Wozu? Es gibt ja doch keinen Weg zurück. Wer einmal hier ist, bleibt es auch, es sei denn...«
»Was?«
»Nun, da ihr sowieso hier bleiben müsst, kann ich es auch sagen. Also, manchmal kommt es vor, dass sich einer von denen hier einfach auflöst. Wie eine Seifenblase. Pfft, und weg ist er. Frag mich nicht wieso, es ist einfach so. Zack, weg. Aber wo die hingehen, das weiß keiner. Und ich möchte es, ehrlich gesagt, auch nicht so genau wissen. Das hier ist schon die Hölle, was soll danach noch kommen? Jedenfalls ist das der einzige Weg, der von hier raus führt.«
Claire war erstaunt, wie freigiebig Charon jetzt Auskunft gab. Vielleicht lag es daran, dass er seine Sprache überhaupt wieder gefunden hatte. Deshalb nutzte sie die Gelegenheit und fragte weiter.
»Wenn wir schon hier bleiben müssen, dann brauchen wir Wasser und Nahrung. Wo bekommen wir das her?«
»Ich sagte doch schon, dass es hier nichts gibt!«
Damit wollte sich Claire nicht zufrieden geben und sie bohrte weiter.
»Da draußen wachsen Pflanzen. Die brauchen auch Wasser, sonst wären sie schon tot. Also muss es irgendwo Wasser geben.« Charon schaute auf einmal fragend, irgendetwas hatte ihn stutzig gemacht. Er schien nachzudenken, ohne zu einem Schluss zu kommen.
Claire fragte also noch einmal: »Lässt du uns nach Wasser suchen?«
Nach einer kurzen Pause antwortete Charon.
»Also gut. Aber nur du und ich werden gehen. Die drei da bleiben hier und rühren sich nicht von der Stelle. Ansonsten werde ich euch zeigen, was diese Hölle hier noch zu bieten hat.«
Der Studentin war nicht wohl bei dem Gedanken, allein mit Charon diesen Erkundungsgang anzutreten, zumal sie sich mit ihrem gebrochenen Arm nicht einmal verteidigen konnte. Doch dieses Zugeständnis des Einäugigen war vielleicht das einzige, was sie bekommen würden. Also willigte sie ein und ging zu den dreien hinüber. Charon folgte ihr.
Claire erklärte schnell den Stand der Dinge und wie erwartet, wollten die Jungs protestieren. Als sie jedoch in Claires Gesicht schauten und den entschlossenen Ausdruck darin sahen, willigten sie ein. Sie wussten, dass Claire wohl mehr erreicht hatte, als sie zu hoffen gewagt hatten.
Die junge Frau drehte sich um und fragte: »Worauf warten wir noch?«
Charons Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, die wohl ein Grinsen darstellen sollte und meinte dann: »Du glaubst doch nicht etwa, dass ich denen da vertraue?« Er sah auf die drei Studenten, drehte sich dann um und kommandierte ein paar der untoten Gestalten, die vorhin mit im Tal unterwegs waren, herbei. Mit Gesten zeigte er ihnen, wo sie sich hin platzieren sollten und sofort waren Markus, Ken und Dan von ihnen eingekreist.
Worte bedurfte es nicht, die Zombies, oder was immer sie waren, wussten genau, was sie zu tun hatten.
Die drei jungen Männer waren der Verzweiflung nahe, doch wenn sie hier überleben wollten, mussten sie sich fürs Erste fügen.
Daraufhin zogen Claire und ihr Bewacher los. Sie hatte gedacht, dass sie weiter in das Innere der Höhle vordringen würden, doch Charon schlug den Weg nach draußen ein. Irritiert fragte sie: »Da draußen haben wir auf dem Weg hierher keinen Wassertropfen gesehen. Sollten wir nicht besser hier drinnen suchen?«
»Du kapierst es nicht, oder? Hier drin gibt es nichts!«
»Aber hier drin lebt ihr. Und der Stein hier, der ist doch auch da...«
Bei den letzten Worten waren sie schon draußen angelangt und Claire war froh, dem Halbdunkel und den Zombies – ja, sie nannte sie jetzt einfach so – entronnen zu sein.
»Du musst dich von deiner Version des Begriffes ,nichts` mal loslösen. Die Höhle und wir da drin, wir sind einfach da. Da wir nicht wissen, wo wir herkommen und warum wir hier sind, nehmen wir das als gegeben hin. Aber außer uns und dem Stein wirst du da drinnen nichts weiter finden. Die einzige Abwechslung ist, dass sich eben ab und zu mal einer auflöst. Solche Dinge wie Hoffnung, Freude, Zukunft, Vergangenheit und Zeit gibt es hier nicht. Deshalb nehme ich an, dass man sich auch in Nichts auflöst. Eine bessere Erklärung habe ich noch nicht gefunden. Und zum Reden war bisher noch keiner da.«
Claire sah ihr Gegenüber nachdenklich an und in ihr kam eine ganz andere Frage auf.
»Wie kommt es, dass du auf einmal so ausführlich reden kannst? Als wir uns trafen, hast du noch kein Wort hervorbringen können, hast dann nur gestammelt und nun kannst du richtig Auskunft geben?«
»Genau weiß ich es auch nicht. Ich bin noch nicht lange hier, glaube ich. Warum ich hier bin, weiß ich nicht. Doch seit ihr hier seid, kehren immer mehr Erinnerungen zurück. So wie auch die Sprache. Einigen anderen scheint es auch so zu gehen. Und das Schlimme ist, nun kehrt auch der Schmerz zurück und die Sehnsucht nach etwas anderem als dem hier. Ja, und dass es einigen da drin ähnlich geht wie mir, konntest du ja vorhin sehen. Bisher wurde ich von den anderen nur nachgeahmt, doch nun scheinen mich einige zu verstehen. Du hast ja gesehen, wie schnell deine Freunde eben umzingelt waren.« Bei den letzten Worten veränderte sich wieder etwas an Charon, sein Gesichtsausdruck wurde finsterer und nahm auch gemeine Züge an. Seine nächsten Worte klangen fast schon hämisch.
»Du stellst keine Gefahr dar. Mit dem Arm da siehst du aus, als würdest du hierher gehören. Und der Rest«, er schaute sie abschätzend an ihr hinab, »ist auch nicht viel besser.«
Claire schnappte nach Luft, wollte zu einer passenden Antwort ansetzen, doch ein Blick an sich hinab genügte, um den Mund zu halten.
So gingen sie eine Weile schweigend weiter und suchten nach Hinweisen auf das kostbare Nass. Doch außer dem steinigen Boden und den kleinen Sträuchern war nichts zu sehen.
Ein ganzes Stück weiter allerdings sah es so aus, als ob die Vegetation etwas üppiger und grüner aussah. Claire lenkte ihre Schritte in diese Richtung. Charon folgte kommentarlos.
So entfernten sie sich immer weiter vom Höhleneingang und als sie außer Sichtweite waren, packte der Zombie die junge Frau auf einmal an der Schulter und zerrte sie zu sich heran.
»So, meine Liebe. Und jetzt reden wir mal Klartext. Die Sache mit der Zeitreise, die stinkt doch. So etwas ist nicht möglich. Also, wie kommt ihr hierher und was wollt ihr hier?«
Claire hatte Tränen in den Augen, da der Ruck auch ihren Arm erwischt hatte. Sie war völlig überrumpelt von Charons plötzlichem Ausbruch und wusste in dem Moment, dass er vorhin Recht hatte. Sie stellte wirklich keine Gefahr dar. Der Griff an ihrer Schulter war am ehesten mit einer Schraubzwinge zu vergleichen, der Kerl hatte eine unglaubliche Kraft nur allein in einer Hand.
»Da wo wir herkommen, sind Zeitreisen wohl möglich. Sie sind zwar äußerst selten...« Charons Griff verstärkte sich noch mehr und sein Blick wurde noch drohender, also stammelte sie weiter.
»...nun, wir sind die ersten, die es bisher versucht haben, das musst du mir glauben.«
Die Studentin war zu verzweifelt, um sich eine glaubhafte Lüge auszudenken. In Charons Gesicht arbeitete es wieder, als ob weitere Erinnerungen durchbrachen.
»Erzähl mir von da, wo ihr herkommt!« Das war eher ein Befehl als eine Frage.
»Was willst du denn wissen?«
»Egal, rede einfach!«
»Nun, wir sind Studenten an der Avila Universität in Kansas City. Zumindest waren wir das noch bis vor einiger Zeit. Die Universität...«
»Werd einfach konkret und sag mir, wie ihr das mit der Zeitreise gemacht haben wollt!«
»Na ja, wir fanden durch Zufall eine Zeitmaschine und ohne zu überlegen, reisten wir los.« Das klang nun alles andere als glaubhaft.
»Durch Zufall, ja? Und dann funktioniert das auch gleich auf Anhieb? Willst du mich verarschen?« Dabei trat er gefährlich nahe an Claire heran, ohne dabei den Griff an ihrer Schulter zu lockern. Sie befürchtete schon das Schlimmste, doch der Einäugige starrte sie nur durchdringend an und zischte leise: »Ich warne dich. Unterschätz mich nicht. Das haben andere vor euch auch schon versucht. Und jetzt raus mit der Sprache, wie habt ihr hierher gefunden?«
Claires Herz klopfte zum Zerspringen, sie hatte wieder Tränen in den Augen und eine furchtbare Angst.
»Was willst du denn hören? Ich kann doch nur sagen, was wirklich passiert ist.«
Charon holte zu einem Schlag aus.

Den drei jungen Männern ging es etwas besser. Sie wurden zumindest nicht von ihren Bewachern behelligt und konnten ungestört die Zeitmaschine inspizieren. Doch viel weiter als vorher kamen sie auch diesmal nicht. Markus konnte noch so oft die Powertaste betätigen, es passierte gar nichts. Da hatte Ken eine Idee. »Solange der Anführer mit Claire unterwegs ist, könnten wir doch versuchen, mit denen hier Kontakt aufzunehmen. Vielleicht ist einer dabei, der sich mit Technik auskennt. Der Einäugige hat seine Sprache wiedergefunden, vielleicht klappt das auch bei dem einen oder anderen?«
»Ja, das wäre ein Anfang. Vielleicht hast du Recht.«
Also wandten sich die drei ihren Bewachern zu und Ken fing an, auf sie einzureden.
»Euer Anführer konnte mit uns reden. Kann von euch einer verstehen, was ich sage?«
Keine Reaktion.
»Reden fällt euch sicher noch schwer, aber wer mich versteht, kann doch einfach eine Hand heben oder mit dem Kopf nicken.«
Keine Reaktion.
»So kommen wir nicht weiter. Bleibt doch nur der Kerl, der da draußen mit Claire unterwegs ist. Aber die Warterei macht mich wahnsinnig«, sagte Ken nun zu Markus und Dan.
»Wer sagt denn, dass wir warten müssen? Wenn die uns nicht verstehen, dann wissen die vielleicht auch gar nicht, warum sie hier sitzen sollen. Oder hast du vorhin ein Wort darüber gehört?« Markus Worte klangen ganz logisch, also antwortete Dan: »Also kommt, wir gehen da raus und stellen den Kerl zur Rede.« Sprach`s und wollte dabei aufstehen. Die anderen beiden ebenso. Doch weit kamen sie nicht.

Der Schlag traf sie mit voller Wucht ins Gesicht, ihre Wange brannte wie Feuer. Da regte sich Widerstand in Claire. Trotzig reckte sie ihr Kinn und sah ihrem Gegenüber ins Auge.
»Du kannst mich schlagen, soviel du willst. Doch etwas anderes als die Wahrheit kannst du nicht aus mir herausprügeln.«
Charon hob wieder die Hand, ließ sie aber ohne zuzuschlagen sinken. Sein Auge funkelte wütend, doch er sagte nichts.
Währenddessen waren die beiden immer weitergegangen, und der Schein von vorhin hatte nicht getrügt. Die Sträucher waren hier größer und auch üppiger und dazwischen wuchs etwas, das wie Gras aussah. Nur dass die Halme viel dicker waren. Und so etwas konnte nicht von allein wachsen, auch nicht in dieser trostlosen Einöde, dafür war Wasser erforderlich.
Claires Schritte wurden immer schneller, und tatsächlich, da war ein Stückchen weiter ein Bachlauf zu sehen. Wie aus dem Nichts floss da auf einmal ein kleines Rinnsal. Sie trat an den kleinen Bach heran, beugte sich hinab und wollte schon unüberlegt trinken, als eine innere Stimme sie davor warnte. Wer weiß, ob das Wasser hier genießbar war? Deshalb benetzte sie zunächst die Hand des gesunden Armes mit dem kühlen Nass und roch daran. Da war nichts Auffälliges, im Gegenteil, es war gar kein Geruch wahrzunehmen.
»Was ist, bist du nur zum Riechen hergekommen?«
»Ohne meine Freunde werde ich hier nichts anrühren. Wer weiß, was für ein Zeug das hier ist.«
»Oh, jetzt wird sie auch noch edelmütig. Glaubst du denn, dass deine sogenannten Freunde zurzeit einen Gedanken an dich verschwenden? Vielleicht haben die sich längst aus dem Staub gemacht und sind froh, dass sie sich nicht mit einem Krüppel wie dir belasten müssen.« An diese Worte hängte er ein kratzendes Geräusch, was wohl ein gehässiges Lachen sein sollte.
»Nun, soll das heißen, dass du nun doch an die Zeitmaschine glaubst? Und was ist mit deinen Bewachern?«
Charon winkte nur ab. Aber in Claire machten sich leise Zweifel breit. Was, wenn Charon Recht hatte? Keiner der jungen Männer hatte vorhin ernsthaft vor, sie auf diesem Weg zu begleiten.

Die drei Studenten sahen sich plötzlich umringt von rund einem Dutzend Untoter, die einen dichten Kreis um sie gebildet hatten. Markus wollte einen zur Seite schieben und fand sich kurz darauf am Boden wieder. Er bekam den Stoss gar nicht so genau mit, war nur sehr überrascht von der Kraft, die dahinter steckte. Die beiden anderen fanden sich ebenso schnell am Boden wieder, auch sie mit einem Gesichtsausdruck von völligem Unverständnis. Die Kreaturen um sie herum wussten also doch ganz genau, was sie zu tun hatten.
»Nun, dann müssen wir zu anderen Mitteln greifen, » sagte Ken und streckte schon seine Glieder. »Ich werde euch einen Weg freikämpfen, und ihr müsst dann einfach nur schnell sein.« Markus und Dan wussten, dass Ken sehr gut Kung Fu beherrschte und mangels einer besseren Idee willigten sie schnell ein.
»Also los, wer weiß, wie es Claire da draußen ergeht. Auf drei geht`s los, und dann nichts wie raus hier.«
Ken zählte leise und bei drei wirbelte er hoch und ließ seiner Kampfkunst freien Lauf. Die Untoten konnten gar nicht so schnell reagieren, waren völlig überrumpelt und das nutzten Markus und Dan aus und sprinteten los. Ken folgte langsamer, da er sich immer mehr Untoten gegenüber sah. Doch er kämpfte sich ebenfalls auf den Ausgang zu und kurz darauf fanden sich die jungen Männer im Freien wieder. Ohne zu überlegen, rannten sie einfach los. In genau die Richtung, aus der sie vorher gekommen waren.
In der Höhle brach unterdessen das Chaos los. Die Untoten stürmten, soweit es ihnen möglich war, in Richtung Ausgang hinterher, doch keiner wagte den Schritt hinaus. Dafür hatten sie keinen Befehl. So blieben sie stehen und sahen noch, wohin die Eindringlinge rannten, doch sie blieben im Moment unerreichbar für sie. Es folgte eine Unruhe unter den Zombies, wie es sie vorher nie gegeben hatte. Die einen blieben am Ausgang stehen, andere nahmen ihre Plätze wieder ein, die eingeteilten Bewacher liefen auf und ab. Und alle verbreiteten eine gewisse Unruhe. Wenn sie noch Gefühle entwickeln konnten, dann war dieses jetzt am ehesten mit Angst zu beschreiben.
Letztendlich zogen sich doch alle wieder in das Innere der Höhle zurück, nur ein bisschen weiter, als üblich.

Claire konnte der Versuchung nun doch nicht widerstehen und trank einen kleinen Schluck von dem Wasser. Es rann kühl ihre Kehle hinunter, der erste Schluck war köstlich, doch dann verzog sie das Gesicht. Der faulige Nachgeschmack war widerlich. Und dennoch, nach diesem ersten Schluck merkte sie erst, wie durstig sie war. Und sie trank weiter.
Der Zombie schaute sich das ungläubig an und eine Erinnerung wurde wach. Eine Erinnerung an sein früheres, richtiges Leben.

Kansas City, 1993

»Hey, Rosie, bring mir noch `nen Whiskey.«
»Ja, aber das ist der letzte für heute, Schätzchen. Ist gleich 4 Uhr, Schluss für heute.«
Die goldene Flüssigkeit rann mir die Kehle hinab, ein wohliges Gefühl breitete sich in meinem Inneren aus. Doch das war nur ein kurzer Moment des Selbstbetruges, denn eigentlich versuchte ich mit dem Whiskey nur, mein Gewissen tot zu saufen. Denn mein Gewissen war zurzeit mein größter Feind.
»Wo bin ich da nur hinein geraten?«, fragte ich mich wieder und wieder. Dabei lag die Antwort doch auf der Hand. Zu Zeiten meiner größten Geldsorgen bekam ich ein Angebot, das ich nicht ausschlagen konnte.
Meine Frau hatte mich gerade verlassen und alle Konten geplündert. Dazu hinterließ sie mir die Abzahlung des kleinen Hauses, welches wir uns vor wenigen Jahren gekauft hatten. Mit dem Geld, was ich im Drugstore als Verkäufer verdiente, konnte ich die Schulden natürlich nicht bezahlen und es kam, wie es kommen musste. Das Haus war bald weg, der Job ebenfalls, denn mit der Zeit stieg mein Alkoholkonsum immens.
Nachdem auch meine Freunde sich einer nach dem anderen von mir abwandten, tauchte eines Abends der Kerl mit diesem verlockenden Angebot an der Imbissbude auf, wo ich gerade mit anderen Pennern mein tägliches „Biertreffen“ hatte.
Und dabei klang das Angebot doch so seriös. Ich sollte lediglich für einen Privatdetektiv, der selber unerkannt bleiben musste, eine bestimmte Person beschatten und darüber täglich Meldung machen. Zu dem Honorar von 200 Dollar täglich bekam ich ein Handy und einen unauffälligen Kleinwagen.
»Und denken Sie dran, wir erwarten täglich um 12.00 Uhr und um 19.00 Uhr einen ausführlichen Bericht von Ihnen. Sonst...na, darüber brauchen wir uns doch wohl keine Sorgen zu machen, was? Alle weiteren Informationen finden sie im Auto unter dem Beifahrersitz.« Der Fremde warf mir die Autoschlüssel zu und verschwand.
Warum gerade ich auserwählt wurde, darüber machte ich mir keine Gedanken. Wichtig war nur das Geld. Geld, um sich wieder mal so einen richtig guten Whiskey leisten zu können, in Rosies Bar.
»Also gut, dann fange ich eben ein neues Leben an und arbeite ab jetzt als Detektiv«, dachte ich bei mir und ging zu dem Auto hinüber. »Mal sehen, wen ich da beschatten soll.«
Ich fand unter dem Beifahrersitz eine schwarze Mappe mit den Informationen, die ich brauchte. Personenbeschreibung, Foto, Aufenthaltsorte. Was mir verschwiegen wurde, war der Name des Mannes, dessen Leben ich nun beobachten sollte. Egal, anhand des Fotos und dem Hinweis auf die hiesige Universität war es relativ einfach, den Mann zu finden.
Und so lieferte ich jeden Tag meine telefonischen Berichte über das ziemlich eintönige Leben eines – ich vermutete es sofort – Universitätsprofessors. Und täglich bekam ich an einem mittags vereinbarten Ort meine zweihundert Dollar, die ich nach meinem zweiten Bericht abends in Rosies Bar versoff.
Was die Auftraggeber mit meinen Informationen wollten, oder was sie ihnen nutzten, war mir spätestens dann scheißegal.
So ging das ungefähr 4 Monate. Bis eines Abends so ein pockennarbiger Kerl in der Bar auftauchte und mich anquatschte.
»Hey, Partner, wie laufen die Geschäfte?«
»Was heißt hier Partner, ich arbeite allein. Sieh zu, dass du Land gewinnst!«
»Nun mal sachte. Was glaubst du denn, wen du hier vor dir hast? Oder legst du keinen so großen Wert mehr auf deine mittäglichen Zahlungen?« Erst da ging mir ein Licht auf.
»Bist du etwa der Detektiv, für den ich ermittle?«
»Seh ich etwa so aus? Nein, ich arbeite wie du für den Boss. Nur mit einem Unterschied. Ich kenne ihn. Bin so etwas wie seine rechte Hand. Und da die linke Hand, nun ja, wie soll ich sagen, verhindert ist, brauchen wir eine neue. Tja, Partner, und da auf dich echt Verlass ist, werde ich dich nun in mein Team von Ermittlern aufnehmen, und wir werden in Zukunft gemeinsam arbeiten. Was sagst du dazu?«
»Was springt für mich dabei raus?« Der Pockennarbige lachte.
»Darüber reden wir später. Nur soviel, die 200 Dollar pro Tag werden dir wie ein Almosen vorkommen.«
Ja, und ab diesem Tag hatte ich mich zum Sklaven des Pockennarbigen gemacht. Der Verdienst war wirklich um einiges höher, doch dafür lag auch jede Menge Drecksarbeit an. Es vergingen nur wenige Tage, an denen ich nicht in eine Schlägerei verwickelt war, aber mit dem Geld, was ich verdiente, konnte ich mir auch kein neues Auge kaufen.

Mit dieser kamen auch alle anderen Erinnerungen an sein Leben zurück. Und nun wusste Charon auch, wie er hierher gekommen war und er hatte eine Ahnung, wo er sich befand.
Dieses Wissen machte seine Lage nicht besser, und doch, das Erscheinen der Fremden mit einer Zeitmaschine ließ ihn Hoffnung schöpfen. Doch dazu musste er klug vorgehen.

Die Studenten rannten immer weiter. Wie lange, konnte keiner sagen, doch nach einiger Zeit merkten sie, dass ihnen niemand folgte und sie verfielen in eine langsamere Gangart. Sie schauten sich nun genauer um, ob Claire irgendwo zu sehen war, doch soweit sie sehen konnten, waren sie allein. Nachdem Dan eine Weile in die Ferne geschaut hatte, sprach er aus, was sie alle drei bewegte.
»Kann mir einer erklären, was das hier eigentlich ist? Da laufen Gestalten rum, die tot sein sollten, der Himmel sieht zum Kotzen aus, und so eine Einöde habe ich vorher noch nie gesehen. Habt ihr eine Idee, wo wir hier gelandet sind?«
Ken zuckte nur die Schultern, doch Markus setzte zu einer Antwort an.
»Wo wir hier sind, weiß ich auch nicht. Aber dass das hier keine normale Welt ist, wie wir sie kennen, liegt auf der Hand. Ich habe so ein Gefühl, dass das hier, auch wenn es jetzt vielleicht blöd klingt, so was wie ein Schattenreich ist. Oder eine Zwischenwelt für die Toten.«
Dan wollte darüber lachen, doch Kens Antwort hielt ihn davon ab.
»Wenn es so etwas gäbe, dann könnte es wirklich genauso aussehen wie hier. Und was mir auch zu denken gibt, ist, was dieser Einäugige ständig vom Nichts faselt.«
»Stimmt, und zu dem Nichts kommt noch hinzu, dass Zeit hier auch keine Rolle zu spielen scheint. Oder gar nicht existiert. Und das könnte ein großes Problem für die Zeitmaschine werden«, fügte Markus noch hinzu.
Die beiden anderen schauten Markus fragend an.
»Überlegt doch mal. Wenn Zeit hier keine Rolle spielt, wie soll ich das Ding dann programmieren? Die Zahlen, die ich eingebe, haben gar keine Bedeutung. Mal abgesehen davon, dass die Technik auch noch streikt.«
»Willst du damit sagen, dass es keinen Weg zurück gibt?« fragte Dan.
»Im Moment sieht es ganz so aus. Aber so schnell lasse ich mich nicht unterkriegen.« Woher Markus die Kraft nahm, unter diesen Umständen optimistisch zu bleiben, war ein Rätsel.

Nachdem Claire getrunken hatte, meldete sich sofort ihr Gewissen. Die anderen mussten genauso durstig sein wie sie, deshalb sprach sie Charon an, obwohl er gerade einen etwas abwesenden Eindruck machte.
»Wir müssen meine Freunde holen. Sie müssen auch trinken.«
Charon schien leicht zusammenzuzucken, doch er fasste sich sehr schnell und war wieder Herr der Lage.
»Immer mit der Ruhe. Du sagst mir jetzt erst einmal, wo sich die Zeitmaschine befindet und wie das Ding funktioniert. Vorher siehst du keinen deiner Freunde wieder.«
Die Studentin war verzweifelt. Mit dem, was sie ihrem Peiniger erzählen konnte, war der mit Sicherheit wieder nicht zufrieden. Und was er ihr dann antun würde, darüber wollte sie gar nicht nachdenken. Mit der Wahrheit kam sie vorhin nicht sehr weit, also probierte sie es nun mit einer Lüge.
»Die Zeitmaschine ist zu groß, die können wir nicht mit uns herumschleppen. Also haben wir sie bei unserer Landung versteckt. Und wie sie funktioniert, weiß ich nicht genau, ich habe beim Programmieren immer nur zugesehen.«
»Dann hast du hoffentlich genau aufgepasst, meine Liebe. Denn jetzt wirst du mich zu dem Versteck führen und dann sehen wir zu, dass wir von hier verschwinden.«
Claire glaubte, ihren Ohren nicht trauen zu können. Sie sollte mit dem da abhauen und ihre Freunde einfach hier lassen? Nie im Leben!
»Die Zeitmaschine funktioniert aber nicht. Glaubst du, wir wären sonst eine Sekunde hier geblieben?«
Der Zombie trat wieder gefährlich nahe an die junge Frau heran.
»Zeig mir einfach das Ding, dann sehen wir weiter.«
Nun saß Claire ganz schön in der Klemme. Wie sollte sie etwas finden, was nie versteckt wurde? Doch blieb ihr eine Wahl? Charon hatte seine Kraft bereits an ihr demonstriert, davon brauchte sie nicht noch eine Lektion. Wenn doch nur die Jungs da wären...
»Na, was ist? Beweg dich, und führ mich zu dem Versteck!«
Claire schaute sich um, da sie auf dem Weg hierher nur auf die Vegetation geachtet hatte, musste sie sich erst einmal orientieren. Aber die riesige Felswand, vor der sie bei ihrer Ankunft gelandet waren, war auch von hier aus gut zu sehen. Es sah allerdings nach einem verdammt weiten Weg aus. Aber was sollte sie machen? Ihr Bewacher wusste so gut wie sie, wo er die Fremden gefunden hatte, und dort in der Nähe vermutete er sicher auch das Versteck.
Also schlug Claire diese Richtung ein und trottete los. Der Einäugige folgte ihr kommentarlos. Claires Schritte wurden immer langsamer, weil sie auf dem Weg darüber nachgrübelte, wie sie sich aus dieser Situation retten konnte. Dem Zombie wurde das bald zu langsam und er schnauzte Claire an.
»Los jetzt, das geht auch schneller! Beweg dich!«
Die Studentin lief daraufhin ein wenig schneller, weil sie Angst vor erneuten Schlägen hatte. Doch die Felswand kam und kam nicht näher. So setzte sie wie eine Maschine immer einen Fuß vor den anderen, bis diese ihr irgendwann den Dienst versagten. Sie stolperte und fiel der Länge nach in den Dreck. Charon wollte schon laut losfluchen, doch der Schrei, den Claire von sich gab, hielt ihn davon ab. Unbewusst hatte sie versucht, ihren Sturz mit den Armen abzufangen. Der Schmerz durchzuckte ihren gebrochenen Arm wie ein Peitschenhieb und ihr wurde übel davon.
Selbst der Zombie sah, dass die Frau nun eine Pause brauchte und er hockte sich etwas abseits ebenfalls auf den Boden.

Markus hatte die Zeitmaschine nun wieder in den Händen und versuchte erneut, diese irgendwie in Gang zu bekommen. Doch es nutzte alles nichts, das Display war und blieb dunkel. Auch er sah nun ein, dass sie irgendwie Hilfe bekommen mussten. Woher, war und blieb aber zu diesem Zeitpunkt ein Rätsel. Oder...sollte er den anderen doch von seinem Verdacht erzählen? Er grübelte noch, als Ken ihn auf seine wechselnde Mimik ansprach.
»Sag mal, was geht in deinem Kopf vor? Man kann deine wechselnden Gedankengänge gerade sehr gut von deinem Gesicht ablesen.«
Vielleicht brauchte Becker noch genau diesen Impuls, um sich doch über seine Vermutung zu äußern.
»Nun, als wir vorhin in die Höhle kamen, da fiel mir einer von diesen Kerlen da drin auf. Ich war mir sicher, den schon mal irgendwo gesehen zu haben, doch in dem Augenblick wusste ich nicht, wo und wann. Dann hat der Einäugige mich abgelenkt, und ich habe dieses Deja Vu erst einmal verdrängt. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, wen ich vorhin zu erkennen glaubte.« Markus machte eine kurze Pause, sah seine beiden Gegenüber, die ihm ermunternd zunickten, an und fuhr dann fort.
»Wie ihr wisst, habe ich mich ausführlich mit Professor Evans und seiner Arbeit beschäftigt. Und so blieben mir auch die Gesichter seines Teams nicht unbekannt. Und einer von denen, ein Assistent von Evans, hieß Michael Miller. Und genau den glaube ich vorhin erkannt zu haben. Miller trug einen entscheidenden Anteil zum Bau der Zeitmaschine bei. Er war so etwas, wie der technische Leiter des Unternehmens.«
Diese Information mussten Simon und Okumoto erst einmal verarbeiten.
»Du meinst, da hinten könnte einer der größten Wissenschaftler vor sich hin vegetieren? Aber das macht doch keinen Sinn. Was macht der hier?« Dan wollte das alles nicht glauben. Doch Becker setzte sogar noch eins drauf.
»Das weiß ich nicht. Aber was mir nun auch endlich einfällt ist, wo ich den Einäugigen schon mal gesehen habe. Erinnert ihr euch an den Sturmtrupp in Evans Institut, als wir die Zeitmaschine das erste Mal benutzt haben? Und genau einer von denen ist unser Gastgeber hier.« Damit waren Ken und Dan nun komplett überrumpelt, doch nach kurzem Nachdenken konnten sie Markus nur noch zustimmen. Ja, das war einer von denen, die bei ihrem ersten Start in die Vergangenheit zugegen waren. Doch dieses Wissen warf nun sogleich die nächste Frage auf.
»Und wieso ist der dann hier? Das macht doch alles keinen Sinn.« Der Japaner war ratlos, genau wie Dan. Auch Markus konnte sich keinen wirklichen Reim auf seine Entdeckung machen, aber Zufall konnte das doch alles nicht sein.
»Vielleicht war unser Gerede von einem Schattenreich eben doch nicht so abwegig. Wer sagt uns denn, dass es so was nicht tatsächlich gibt? Wir müssen uns endlich von unserer Vorstellung einer Welt lösen, sonst werden wir immer vor den gleichen Problemen stehen.«
Kens Einwand war nicht ungerechtfertigt, und das wussten die anderen auch.
»Lasst uns doch mal überlegen, was es für einen Zusammenhang geben könnte, dass ausgerechnet diese beiden hier zu finden sind. Und noch dazu in diesem Zustand.«
Der Japaner sah seine Freunde fragend an.

Kansas City, 1994

Ich wurde mal wieder zu einem Einsatz gerufen.
Bei der Scheißkälte da draußen wollte ich mich lieber mit einer Flasche Whiskey ins Bett verkriechen, doch wenn man den Befehlen nicht folgte, konnte das sehr unangenehm enden. Das hatte ich schon mehrfach am eigenen Leib erlebt und einfach keine Lust, mein anderes Auge auch noch zu verlieren. Wäre ich vor ein paar Monaten nicht besoffen gewesen, hätte der Pockennarbige sicher nicht so aggressiv reagiert. Die Summe, die ich für den Verlust des Auges bekam, war nicht unerheblich, aber wie gesagt, sie ersetzte mir meine Sehkraft nicht.
Nun, ich raffte mich also auf, zog mir meinen Kapuzenparka über und ging zum verabredeten Treffpunkt. Wir sollten mal wieder den Professor in die Mangel nehmen. Eben der, den ich zu Anfang schon beschatten sollte. Irgend so ein Wissenschaftler, der eine Erfindung gemacht hatte. Und die wollte der Boss für sich. Was das genau war, wusste keiner von uns, außer vielleicht unser Bandenchef, der Pockennarbige. Und dieser Geheimniskrämer würde seinem Fußvolk nichts verraten. Der ließ lieber seine Fäuste sprechen.
Wir trafen uns im belebten Sterling Boulevard und von da aus nahmen wir die Verfolgung auf. Trotz der späten Stunde waren doch noch Autos unterwegs und Musik drang aus diversen Clubs. Selbst einige Passanten liefen uns über den Weg, doch sie machten meist einen Bogen um uns.
Unser Chef wusste die ungefähre Richtung, wo wir unser Zielobjekt finden würden. Und so rannten wir los und kamen immer mehr in die abseits gelegenen, jetzt unbelebten Seitenstraßen. Tatsächlich, da vorn lief jemand, der einen gehetzten Eindruck machte. Charly, der immer mit dem Jeep in der Nähe von uns war – man wusste ja nie, wann eine schnelle Flucht erforderlich war – spielte mit unserer Zielperson, indem er mit Vollgas auf sie zuraste. Wenn es unter der dünnen Schneedecke nicht eine Eisschicht gegeben hätte, wer weiß, ob der Einsatz an diesem Abend nicht ganz anders verlaufen wäre. Denn dann hätte der Jeep den Professor garantiert voll erwischt.
Doch so nahmen wir unter Führung des Narbengesichtigen die Verfolgung auf und erreichten den Professor ganz schnell. Dass dieses verhärmte Etwas überhaupt noch soweit laufen konnte, war mir ein Rätsel. Nun gut, Angst mobilisiert Kräfte, dass wusste ich selber nur zu gut.
Nachdem Pocke den Professor zu Boden geschlagen hatte, ging alles ganz schnell. Viele Worte wurden nicht gemacht, der Boss tauchte wie aus dem Nichts auf und zückte ein Messer. Das war’s dann. Für mich gab es eigentlich an diesem Abend nichts zu tun. Und warum der alte Sack unbedingt erledigt werden musste, wusste ich zu diesem Zeitpunkt auch nicht genau. Es ging scheinbar wirklich nur um eine Maschine.
Sollte das etwa...unmöglich...aber es würde Sinn machen...ging es da um eine Zeitmaschine?

Mit diesem Gedanken schreckte Charon aus seinen Erinnerungen auf.
»Sollte die da wirklich die Wahrheit gesagt haben?« In dem Untoten reifte langsam ein Gedanke heran, wie er sich diese Erkenntnis zu Nutze machen könnte.
Claire fühlte sich nach der kurzen Pause etwas erholter, und so stand sie schweigend auf, als ihr Begleiter sie zum Weitergehen aufforderte.
Die Felswand war immer noch weit weg, doch nun schlug Charon ein Tempo an, mit dem die Studentin gut mithalten konnte. Schweigend liefen sie nebeneinander her. Beide mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt.
Er überlegte, wie er sein neues Wissen am geschicktesten anwenden konnte, sie suchte nach einer Lösung ihres Problems mit der angeblich versteckten Maschine.
Und so näherten sie sich der Gegend, in der die Timetraveller vor unbestimmbarer Zeit in dieser Welt gelandet waren.

»Ich weiß nicht. Schattenreich, Untote, Zombies, das kenne ich alles nur aus Filmen und Büchern. Und da waren es immer die Ausgeburten der Fantasie gewisser Leute. Und nun soll ich mir das real vorstellen?« Dans Stimme klang sehr zweifelnd.
Markus hingegen hatte scheinbar keine Probleme, die Situation zu verarbeiten.
»Wenn das in der Höhle vorhin tatsächlich Miller war, dann schlage ich vor, dass wir ihm umgehend einen Besuch abstatten. Wenn uns hier einer helfen kann, dann er.«
»Und wie willst du das anstellen? Sobald wir die Höhle betreten, werden sich unsere Bewacher auf uns stürzen. Und ob meine Kampfkünste gegen so viele Gegner noch mal ausreichen, glaube ich nicht. Da sollten wir uns erst mal überlegen, wie wir an den Wissenschaftler herankommen.« Der Japaner wollte nicht noch einmal so überstürzt und unüberlegt handeln, denn er merkte, dass ihnen allen langsam die Kräfte schwanden.
»Das ist ein Problem, welches wir aber wirklich erst vor Ort bereden sollten. Vielleicht haben die Kreaturen längst vergessen, was ihre Aufgabe war. Und das sollten wir als erstes herausbekommen. Es sollte dafür genügen, wenn sich einer von uns am Eingang zeigt.«
Zu diesem Vorschlag Beckers nickten beide, und so machten sie sich wieder auf den Weg, den sie erst in aller Eile zurückgelegt hatten.
Etwa auf halber Strecke passierte es dann.
Der schleimig anmutende Himmel öffnete seine Pforten. Dass die Farbe von diesem merkwürdigen Grün zu einem düsteren Grau gewechselt hatte, bekamen die jungen Männer gar nicht mit. Sie bemerkten die Veränderung erst, als sie binnen weniger Augenblicke durchnässt waren. Doch das war nicht das Schlimmste daran.
Wie aus einem Mund fingen alle drei an zu jammern. Die Tropfen, die da vom Himmel fielen, brannten wie Feuer auf der Haut und verursachten Tausende kleiner Blasen.
»Legt euch auf den Boden und bedeckt die Gesichter!« Wieder war es der Deutsche, der zuerst reagieren konnte. Alle drei warfen sich hin und versuchten, jedes Stück nackte Haut zu schützen. Dan hatte es wegen seiner zerrissenen Kleidung am schwersten. Doch der Schauer ging so schnell vorbei, wie er gekommen war.
Alle drei standen wieder auf und schauten sich erschrocken an. Keiner von ihnen hatte den Regenschauer unbeschadet überstanden. Sie hatten alle Blasen im Gesicht und an den Händen.
»Mein Gott. So langsam glaube ich auch an die Theorie von einem Schattenreich. Das fühlte sich an wie Säure oder so etwas.« Dans Blick fiel bei diesem Satz auf eine kleine Pflanze und er fragte sich, wie die hier wachsen konnte.
Der Japaner rieb sich unterdessen leicht über das Gesicht. Als er die Feuchtigkeit spürte, die sich da an seinen Fingerspitzen sammelte, wurde er sehr nachdenklich.
»Das Zeug war auf alle Fälle keine Salzsäure. Es ist ziemlich ölig. Und ich glaube, dass es sehr heiß war, deshalb haben wir die Brandblasen. Aber wie ist so etwas möglich?«
Darauf wusste keiner eine Antwort. Sie wussten nur, dass sie den nächsten Schauer nicht im Freien verbringen sollten. Noch ein Grund mehr, in die Höhle zurück zu gehen.

Die Studentin und ihr Bewacher näherten sich immer mehr der Felswand. Sie hatte noch keine Idee, wo sie ein Versteck improvisieren sollte, dafür fehlte ihr einfach die Kenntnis über die nähere Umgebung ihres Landeortes. Zu diesem Zeitpunkt war sie noch so von Schmerzen gequält, dass sie sich auf gar nichts anderes konzentriert hatte.
Charon wurde langsam ungeduldig.
»Und, wo ist das Versteck?«
»Ich weiß es nicht so genau, du hast doch selbst gesehen, dass ich gar nicht Herr meiner Sinne war. Aber so viele Möglichkeiten gibt es hier nicht, da werden wir wohl suchen müssen.«
Das Auge des Untoten zog sich wieder beängstigend zusammen und Claire rechnete schon mit erneuten Schlägen. Doch dazu kam es nicht, da sie emsig anfing, jeden Busch umzubiegen und so zu tun, als suche sie tatsächlich nach der Zeitmaschine.
Der Einäugige sah sich das eine ganze Weile an, doch seine Geduld war schnell erschöpft.
»So, du willst mir also erzählen, dass sie Maschine zu groß zum Herumtragen sei und suchst hier hinter Grashalmen. Verarschen kann ich mich alleine! Und jetzt sieh zu, dass du fündig wirst, sonst lernst du mich erst richtig kennen.«
In der Studentin kroch die Angst wieder hoch, verzweifelt versuchte sie, sich aus ihrer Lage herauszureden.
»Na ja, so groß ist das Teil nun auch wieder nicht. Wir haben es vorsichtshalber versteckt, damit es nicht in die falschen Hände kommt. Wir wussten ja nicht, was uns hier erwartet.«
Charon hatte sich schon wieder drohend hinter der Studentin aufgebaut und wahrscheinlich reichte ein falsches Wort, und er würde zuschlagen.
»Dann sieh endlich zu, dass du die Maschine findest!«
»Hilf doch einfach beim Suchen!«
Wumm, schon spürte sie die Faust in den Nieren. Der Schlag kam so kräftig, dass sie in die Hocke ging, er war jedoch nicht so schlimm, dass ihr die Sinne schwanden. Der Zombie wusste genau, was er tat.
Als Claire am Boden hockte, machte sie eine ungeheuerliche Entdeckung. Wie kam ein Fetzen von Dans Hemd hierher? Sie waren zwar in die Nähe ihres Landeortes gelangt, doch dass es genau die Stelle war, wagte die junge Frau zu bezweifeln. Das konnte gar nicht sein, denn als ihre Freunde ihren Arm schienten, brachen sie Zweige von einem Busch. Und ein Gebüsch mit so starken Zweigen, wie sie einen am Arm trug, gab es in der näheren Umgebung nicht. Wo zum Teufel kam dann der Fetzen her?
Da machten sich erneut Zweifel in ihr breit. Sollte Charon doch Recht haben? Waren ihre Mitstreiter ohne sie verschwunden?
Claires Augen füllten sich mit Tränen. Tränen der Verzweiflung. Tränen der Wut.
Und zum Glück gewann die Wut Oberhand und der Kampfgeist der Studentin meldete sich zurück.
Sie drehte sich mit dem Stofffetzen in der Hand zu ihrem Bewacher um und grinste ihn höhnisch an.
»Damit dürfte dein Traum von der Zeitmaschine geplatzt sein. Meine Begleiter sind auf und davon. Dieses Stück Stoff ist das vereinbarte Zeichen.«
Wenn Claire nun geglaubt hatte, dass sie damit den Einäugigen zur Umkehr bewegen konnte, hatte sie sich fürs Erste gründlich geirrt.
»Sag mal, wie viele Ammenmärchen willst du mir eigentlich noch auftischen? Du willst mir hier weismachen, dass die Schlappschwänze, die du Freunde nennst, einfach abhauen und dich hier zurücklassen? Das glaubst du doch wohl selber nicht. Dass mindestens zwei von denen in dich verschossen sind, hast du gar nicht bemerkt, oder?«
Claire schaute dem Untoten sprachlos ins Gesicht. Hinter seiner Stirn musste mehr Intelligenz sitzen, als er bisher gezeigt hatte. Nun war absolute Vorsicht geboten. Und da sie nicht mehr weiter wusste, sprach sie nun doch die Wahrheit aus.
»Also gut. Ich glaube, ich habe dich unterschätzt. Die Zeitmaschine haben wir nie hier versteckt, ich wollte den Jungs nur Zeit verschaffen, um eine Lösung unseres Problems zu finden. Und das liegt darin, dass die Zeitmaschine defekt ist. Wir brauchen Hilfe, sonst sitzen wir auf ewig hier fest.«
»Na, dann passt ihr doch genau hierher. Hier sitzen alle fest.« Charons Stimme triefte nur so vor Hohn. Und das war fast noch schlimmer, als wenn er wieder zugeschlagen hätte.

Die drei jungen Männer liefen immer weiter in Richtung des Höhleneingangs, doch je näher sie kamen, umso vorsichtiger wurden sie. Etwa eine halbe Meile vorher bogen sie nach rechts und liefen einen weiten Bogen, um nicht zu früh von den Monstern da drinnen entdeckt zu werden. Die Situation war unberechenbar, da sie nicht wussten, wie ihre Bewacher reagieren würden, und ob der Einäugige mit ihrer Freundin schon zurück war.
Als sie noch ca. 50 Meter vom Eingang trennte, verstummten alle drei wie auf ein geheimes Zeichen und sie schlichen sich nah des Felsens an die Öffnung heran.
»Da drin ist es still wie in einem Grab«, flüsterte Markus. Ken und Dan nickten nur, ihnen war die Ruhe unheimlich. Was war passiert, seit sie die Flucht ergriffen hatten?
»Es hilft wohl nur eins, wir müssen nachsehen«, sagte Ken leise.
»Ja, aber vorsichtig.« Bei diesen Worten legte sich Dan schon auf den Boden und robbte sich das letzte kleine Stück zum Eingang. Am Boden liegend hoffte er, dass er nicht gleich von den Bewohnern gesehen werden würde.
Dan spähte durch die Öffnung zur Höhle und sah erst einmal gar nichts. Es war einfach zu dunkel, seine Augen mussten sich für einen Moment an das Zwielicht gewöhnen.
Doch nach einer Weile sah er immer noch nicht viel mehr als nackten Fels.
Er zog sich zurück, setzte sich auf und schaute ratlos zu den anderen beiden.
»Da ist irgendwas faul. Ich sehe nicht einen von diesen Zombies da drin. Nur, hier draußen sind sie auch nicht. Was hat das denn nun schon wieder zu bedeuten?«
Ken zuckte die Achseln und Markus fiel auch keine Antwort dazu ein. Doch er ergriff die Initiative.
»Wollen wir es riskieren und reingehen?«
»Haben wir denn eine andere Möglichkeit?«
Als ob sie es geplant hätten bezogen sie nun Stellung vorm Eingang und gingen dann rasch, einer nach dem anderen hinein.
Ihre Augen gewöhnten sich jetzt wieder sehr schnell an das grünliche Dämmerlicht und nun sahen sie auch, warum Dan niemanden erkennen konnte.
»Man könnte meinen, die fürchten sich. Seht euch das bloß mal an, wie die sich da hinten zusammengekauert haben.« Der Sportstudent sah mit Entsetzen auf die Unzahl von Zombies im hinteren Teil der Höhle.
Einzig Markus schien davon nicht beeindruckt zu sein. Er machte schon ein paar Schritte weiter ins Innere, drehte sich zu den anderen um und gab ihnen ein Zeichen, ihm zu folgen.
»Mach mal langsam, Markus. Wir können doch da nicht einfach hinmarschieren. Wer weiß, wie die dann reagieren?«
»Vielleicht haben sie uns noch gar nicht richtig wahrgenommen«, fügte Ken Dans Worten hinzu.
Aber Markus ließ sich von den Worten nicht aufhalten und ging einfach weiter.
»Wenn wir hier jemals wegkommen wollen, dann ist das jetzt unsere Chance«, sagte er im Gehen.
»Wollt ihr etwa warten, bis der Einäugige wieder kommt und sich hier aufspielt?«
Das war ein Argument, gegen das weder Simon noch der Japaner etwas erwidern konnten, und so folgten sie dem Deutschen dann doch.
»Und was erwartest du von denen? Sie werden uns auch jetzt nicht verstehen, geschweige denn antworten.«
»Vielleicht doch, Dan, denn ihr Anführer, der sonst hier die Befehle zu geben scheint, ist nicht da. Wir müssen es einfach versuchen.«
»Aber was hast du denn vor?«, fragte Ken.
»Ich habe euch doch vorhin erzählt, dass ich glaube, diesen Miller hier gesehen zu haben. Und genau den suche ich jetzt. Bleibt einfach in meiner Nähe, dann wird es schon gut gehen.«
Ken und Dan konnten weder in Markus’ Nähe bleiben, noch ging es gut.
Im Gegenteil.
Einen kurzen Moment nach den letzten Worten brach unter den Untoten die Hölle los.

»Aber wir müssen einen Weg nach Hause finden!« Claire war den Tränen wieder ganz nah und konnte sie nur mit Mühe zurückhalten.
»Pass mal auf, meine Liebe, ich sage es dir jetzt zum letzten Mal. Hier gibt es außer uns Kreaturen, Stein und Hoffnungslosigkeit nichts. Und wer einmal hier ist, der bleibt auch hier. Hast du das jetzt endlich kapiert?«
Claire nickte zwar, doch sie wollte es nicht glauben.
»Dann können wir auch genauso gut zurückgehen, damit ich sehe, ob meine Freunde noch hier sind.«
»Sicher sind die noch hier, die sitzen nach wie vor eingekreist von meinen Leuten. Auf die ist nämlich Verlass!«
Charon machte aber dennoch Anstalten, den Rückweg anzutreten, und ein kurzer Blick zum Himmel genügte, um Claire zur Eile anzutreiben.
»Los, los! Komm schon, wir müssen zurück. Gleich wird es sehr unangenehm hier draußen werden. Besonders für dich.«
»Wieder dieser hämische Unterton«, dachte Claire, »was führt der denn nun schon wieder im Schilde?«
Der Einäugige schritt zügig voran, zurück in Richtung der Höhle. Die Studentin hatte Mühe, mit dem Tempo mitzuhalten, denn sie war doch schon ziemlich erschöpft.
Ihrem Begleiter schien es egal zu sein, ob sie in seiner Nähe blieb, er hatte es nun sehr eilig.
Aber nutzen sollte es ihm nichts.
Er war kaum 100 Meter gegangen, als der Regen losbrach. Sofort hörte er Claires Schreie. Er drehte sich zu ihr um, sah, wie sie versuchte, ihr Gesicht zu schützen, und was danach in ihm vorging, kann niemand nachvollziehen. Charon rannte auf die junge Frau zu, riss sie zu Boden und legte sich auf sie. Mit seinem Körper schützte er den ihren vor den heißen Regentropfen, die sich sehr schnell in die Haut der Studentin gefressen und Blasen gebildet hatten.
So warteten beide den Schauer ab.

Kansas City 2006

Die Hinrichtung des Professors erschütterte mich im Nachhinein zum ersten Mal in meinen Grundprinzipien. Bisher hatten wir noch nie jemanden getötet. Zumindest nicht in der Zeit, in der ich zu Pockes Bande gehörte.
Ich zog mich wieder in meine vier Wände zurück und versuchte, mein Gewissen mit Alkohol zu betäuben. Tagsüber funktionierte das auch, redete ich mir ein, aber dafür erlebte ich Nacht für Nacht in meinen Alpträumen Evans Tod aufs Neue. Dazu trug sicher auch meine Unwissenheit bei, denn mir war immer noch nicht ganz klar, warum der Professor sterben musste. Darüber schwiegen sich die Bosse nach wie vor aus.
So vergingen viele Jahre, und die Einsätze wurden mit der Zeit weniger. Mit dem Geld, was sich in den letzten Monaten angesammelt hatte, ließ es sich auskommen. Hin und wieder ein Auftrag und dann dachte ich irgendwann, dass alles vorbei sei.
Seit fast 3 Jahren hatte ich nichts von Pocke gehört, doch dann passierte das, wovor ich mich die ganze Zeit gefürchtet hatte. Das Telefon klingelte. Der Ton ging mir durch Mark und Bein und ich ignorierte es am Anfang. Doch wenn ein Telefonklingeln in Telefonterror ausartet, hält man das nicht auf Dauer aus, und so nahm ich den Hörer nach geraumer Zeit doch zur Hand.
Melden brauchte ich mich nicht, denn sowie ich den Hörer am Ohr hatte, schrie mir auch schon eine Stimme wutentbrannt hinein.
»Setz deinen Arsch in Bewegung und komm zum Treffpunkt! Du hast genau 15 Minuten Zeit! Ansonsten...«
Das letzte Wort wurde nur noch durch das Telefon gezischt, dann legte der andere Teilnehmer auf. Ich bin mir nicht mal sicher, dass das der Chef war, so verzerrt klang seine Stimme vor Wut.
Die erste Minute verging, ohne dass ich zu irgendeiner Bewegung fähig war. Mein Alkoholpegel muss schlagartig in Richtung Null gerutscht sein, dann wurde mir die unausgesprochene Drohung erst bewusst, und ich rannte los.
Wahrscheinlich kam ich auch pünktlich an, denn der Pockennarbige sagte außer einem »Na endlich!« nichts weiter und unterwies uns in unsere neue Aufgabe.
Wir sollten das Institut von Evans, das etwas abseits der Universität lag, unter Beobachtung nehmen und sofort Alarm schlagen, wenn sich unbekannte Subjekte dorthinein begeben.
Das klang alles andere als gefährlich und spannend, doch wir hatten uns mit der ersten Zahlung, die wir angenommen hatten, zu absolutem Gehorsam verpflichtet. Und das scheinbar auf ewig. So trotteten wir los und belagerten den näheren Umkreis des Instituts.
Es dauerte auch gar nicht lange, als aus dem anliegenden Waldstück vier junge Leute auftauchten. Sofort wurde ein Handy gezückt und Pocke informiert.
Dann ging alles ganz schnell. Pocke fuhr mit Charly vor, instruierte uns, ihm unauffällig zu folgen, und wir stürmten das Institut.
Was dabei genau geschah, weiß ich nicht mehr, denn auf Grund des Gerangels und wahrscheinlich auch wegen des vielen Alkohols, den ich konsumiert hatte, lief ich den anderen zwar hinterher, hielt mich aber im Hintergrund. Eine Tür wurde aufgebrochen, oder besser eingeschlagen, es gab viel Geschrei und dann sah ich nur noch, wie sich die vier jungen Menschen in Nichts auflösten.
Und das war dann endgültig zu viel für mein Nervenkostüm und ich konnte nur noch schreien.
Ich hörte einen Schuss.
Und dann weiß ich nichts mehr.

So schnell, wie der Regen begonnen hatte, hörte er auch wieder auf.
Charon erhob sich und auch Claire rappelte sich wieder auf. Sie betrachtete die vielen kleinen Brandblasen auf ihrer Haut.
»Was war das denn? Das fühlte sich an wie kochendes Wasser.«
»Da hast du nicht ganz Unrecht. Wenn es hier regnet, geht man besser in Deckung, da man nie weiß, was da vom Himmel kommt. Es hatte genauso gut Hagel sein können, oder irgendwas Ätzendes. Letzteres vertragen selbst wir hier nicht gut, das frisst uns die Haut weg.«
Claire warf ihrem Gegenüber einen verstohlenen Blick zu und sah dabei auf seine Ohren. Charon merkte dies und fing mit einem knarzenden Geräusch an zu lachen.
»Nein, meine Liebe, da muss ich dich enttäuschen. Diese Narben sind noch ein Andenken an mein früheres Leben. Und wenn du es genau wissen willst, das waren mal Piercings, und mein Boss war der Meinung, dass die da nicht hingehören. Und weil er sauer auf mich war, hat er sie eigenhändig entfernt.« Bei diesen Worten griff sich der Einäugige unbewusst an sein rechtes Ohr und genoss sichtlich Claires Gesichtsausdruck, die sich gerade vorstellte, wie die Entfernung der Ringe und Stecker vonstatten gegangen war.
»Und jetzt haben wir hier genug Zeit vertrödelt. Auf geht´s, wollen wir doch mal sehen, wie es deinen Freunden so geht.« Mit diesen Worten setzte sich der Untote in Bewegung. Claire folgte ihm, doch das tat sie ganz automatisch. In ihrem Inneren war sie mehr als aufgewühlt. Sie wurde aus dem Verhalten Charons einfach nicht schlau. Jemand so Unberechenbares war ihr noch nie begegnet.
Nach einiger Zeit, die auch jetzt wieder nicht zu messen war, doch die Studentin war nun wirklich bald am Ende ihrer Kräfte, kamen sie endlich in Sichtweite des Höhleneingangs. Noch ein paar Meter weiter, und sie hörten die Geräusche, die aus dem Inneren der Höhle drangen.
»Was geht denn da vor? Los, beweg dich, da drinnen stimmt was nicht!« Charon sprach`s und rannte los. Claire taumelte, so schnell es ihr möglich war, hinterher.
In ihrem Inneren machte sich wieder eine wahnsinnige Angst breit.
Wie war es ihren Freunden ergangen?
Was war da drin los?
Waren die Jungs überhaupt noch da?

Alle Zombies, die sich irgendwie bewegen konnten, gingen wie eine Wand auf die drei Timetraveller los. Bevor die Studenten überhaupt wussten, was los war, waren sie schon komplett von allen Seiten umstellt und wurden immer weiter zusammengedrängt.
»Hey, hey, wir kommen mit friedlichen Absichten. Wir wollen nur mit euch reden.«
Kens Versuch, die Masse Untoter mit Worten aufhalten zu wollen, scheiterte kläglich. Einen Moment später wurden alle drei von jeweils mehren Gestalten gepackt, zu Boden gedrückt und mit eisernen Händen festgehalten.
Die jungen Männer schauten sich an und ohne Worte einigten sie sich auf Gegenwehr. Markus gab ein Zeichen und alle drei begannen gleichzeitig, sich aus den Griffen befreien zu wollen. Doch das war vergeblich. Selbst Ken konnte aus dieser Ausgangsposition nicht auf seine Kampfsportkunst zurückgreifen.
Und trotzdem geschah etwas, was den Studenten Hoffnung machte. Einige der Angreifer gaben Geräusche von sich, die darauf schließen ließen, dass vielleicht doch noch einige zum Sprechen in der Lage waren.
Und so fingen alle drei wieder an, auf die Untoten einzureden.
Zuerst führte das dazu, dass sie noch fester zu Boden gedrückt wurden, doch schon bald sah es danach aus, dass einige der noch besser erhaltenen Zombies anfingen zuzuhören.
»Wir wollen nichts Böses...wir wollen nur wieder nach Hause...ist hier ein Physiker unter euch...wisst ihr, was mit unserer Freundin passiert ist...kennt sich einer mit Zeitreisen aus...wo sind wir hier?
Das waren in etwa die Fragen, die Markus, Ken und Dan gleichzeitig an ihre Angreifer richteten. Ob da ein Wort dabei war, was verstanden wurde oder ob der Moment einfach nur durch den Gebrauch der Stimme kam, jedenfalls richtete sich einer der Höhlenbewohner plötzlich auf und fuhr mit seinem Arm durch die Luft. Das reichte anscheinend aus, um sich Respekt zu verschaffen, denn plötzlich schauten alle auf diesen Mann.
Die Studenten merkten, dass sich die Griffe um sie lockerten und nutzten den Moment sofort zum Gegenangriff. Sie sprangen auf, Ken nahm den stehenden Mann in einen Klammergriff und Markus ergriff das Wort. Zumindest versuchte er das, doch es brach ein Tumult unter den Bewohnern los, der seine Worte einfach verschluckte.
Also versuchte er es ebenfalls mit einer übertriebenen Geste und das Wunder geschah. Sofort trat Stille ein.
Markus wollte zum Sprechen ansetzen, doch da kam ihm jemand zuvor.

»Lass ihn sofort los!« Charons Stimme zischte laut durch den Raum.
Markus und Dan waren mindestens ebenso erschrocken wie ihr japanischer Freund und alle drei drehten sich wie auf ein Kommando zum Ausgang der Höhle um. Während der Rangelei mit den Untoten hatten sie es versäumt, ab und zu einen Blick in diese Richtung zu werfen und nun kam die Rückkehr der Studentin und ihres einäugigen Begleiters sehr überraschend für die Drei. Dem Deutschen wurde nun auch sehr schnell klar, dass eben kein Wunder geschehen war, sondern dass die Zombies wohl eher auf ein Zeichen ihres Anführers reagiert hatten.
Charon gab seinen Leuten ein Zeichen, dass sie die Studenten wieder einkreisen sollten, und ging langsam mit Claire, die er wieder am Arm gepackt hatte, auf die jungen Männer zu.
»Du da«, er zeigte auf Markus, »her mit der Zeitmaschine!«
Der Angesprochene zuckte die Achseln.
»Wovon redest du?«
Auf eine kleine Handbewegung hin packte einer aus dem Kreis den Physikstudent von hinten an den Schultern und bog dabei seine Arme mit auf den Rücken. Ein anderer untersuchte den Wehrlosen ebenso wie seinen Rucksack und holte den Glaszylinder hervor. Diesen hielt er seinem Anführer triumphierend hin.
Die Timetraveller staunten nicht schlecht über diese Zusammenarbeit der Untoten und langsam kam ihnen der Verdacht, dass ihr Hier sein deren scheinbares Dahinvegetieren ziemlich verändert hatte. Doch war wirklich nur ihre Anwesenheit der Grund dafür, dass die Bewohner in so relativ kurzer Zeit, keiner wusste wie viel Zeit vergangen war, doch mehr als ein Tag war sicher noch nicht vorbei, solche Fortschritte machten?
Der Einäugige besah sich die Zeitmaschine von allen Seiten.
»Und du willst mir wirklich erzählen, dass ihr mit diesem Ding den Weg hierher gefunden habt?« Seine Stimme troff vor Hohn, als er die Worte an Claire richtete.
»Wir sind damit hier gelandet, den Weg hierher haben wir bestimmt nicht freiwillig gewählt.«
»Willst du damit sagen, dass es euch hier nicht gefällt? Nun, dann solltet ihr euch schnell an eure neue Heimat gewöhnen, denn ich fürchte, dass ich dieses Ding hier behalten muss.« Bei diesen Worten grinste er die Studenten böse an.
»Dir wird die Zeitmaschine genauso wenig nützen wie uns. Sie funktioniert nicht!«, sagte Dan.
»Wer weiß? Vielleicht komme ich ja eher hinter das Geheimnis. Möglichweise habt ihr nur eine Kleinigkeit übersehen?«
»Ach ja? Und du glaubst nun, dass du diese Kleinigkeit kennst?« Der Sportstudent versuchte mit Worten, seinen Gegner aus der Reserve zu locken. Vielleicht wusste er tatsächlich etwas, und würde es doch noch offenbaren.
»Noch nicht. Aber vielleicht kenne ich jemanden hier, der mir weiterhelfen wird. Das ist eben euer Pech, dass ich hier zu Hause bin und ihr nicht.
Aber ich habe keine Lust, darüber zu reden. Ihr bleibt vorläufig, wo ihr seid und rührt euch nicht von der Stelle!« Bei diesen Worten machte er wieder ein paar Gesten und die vier Studenten wurden von den Untoten zu Boden gedrückt. Um sie herum bildete sich wie von selbst ein Kreis von Bewachern, und so schien erst einmal alle Hoffnung auf eine Flucht aus dieser trostlosen Welt erloschen zu sein.
Keiner der Timetraveller sagte etwas. Claire weinte leise vor sich hin, Markus zitterte vor Wut und die beiden anderen saßen einfach nur niedergeschlagen da.

Charon war in Gedanken versunken.
»Alleine werde ich dieses Ding hier nicht in Gang bekommen. Ich werde die Hilfe zumindest des Einen brauchen, denn wer weiß, ob sich Miller noch an irgendetwas erinnern kann, was mit dem Bau der Maschine zusammenhing. Wenn das zu lange dauert, krepieren die mir aber möglicherweise, dann komme ich hier nie weg.«
Da nahm ein Plan in ihm Gestalt an, schwierig, aber nicht unmöglich. Der ehemalige Söldner wusste ja nun, was die Lebenden zum Überleben brauchten...

Die Lebenden waren wieder etwas näher zusammengerückt und machten sich Gedanken, wie sie sich aus ihrer Lage befreien könnten.
»Solange der Kerl, der sich hier zum Anführer ernannt hat, in der Höhle ist, können wir gar nichts tun. Die anderen reagieren auf das kleinste Zeichen von ihm. Und auf einen erneuten Nahkampf können wir uns auch nicht einlassen. Das sind einfach zu viele.«
»Wir können doch aber nicht einfach nur hier herumsitzen und warten, Dan. Wir müssen doch etwas tun!« Claires Stimme klang immer noch weinerlich. Und sie hatte Schmerzen.
»Im Moment können wir aber nichts zun. Wir müssen abwarten, ob dieser widerliche Kerl die Höhle noch mal verlässt. Erst dann können wir versuchen, mit ein paar anderen hier Kontakt aufzunehmen. Als du draußen warst, haben wir das schon versucht, und ich glaube, es ist nicht unmöglich.« Markus Worte trösteten die junge Frau nicht.
»Was habt ihr denn getan, als ich weg war?«
Ken berichtete ihr, was sich während ihrer Abwesenheit ereignet hatte.
»Seltsam finde ich nur, dass wir dich da draußen nicht gesehen haben. Wenn man sich umschaut, meint man doch, das Tal vollständig überblicken zu können.«
»Hier ist so vieles seltsam, dass mich das nun auch nicht mehr wundert. Ich habe überhaupt kein Zeitgefühl mehr, und Weglängen scheinen hier doch auch anderen Gesetzen zu unterliegen.« Mit dieser Feststellung Claires war dieses Paradoxon erst einmal erledigt.
Es folgte langes Schweigen, denn alle vier hingen ihren eigenen Gedanken nach, und es dauerte nicht lange, da schliefen die Studenten einer nach dem anderen ein.

Diesen Moment nutzte der Anführer und sammelte rund zwei Dutzend brauchbarer Untoter um sich. Mit einem letzten Blick versicherte er sich, dass die Zeitreisenden wirklich schliefen und verließ die Höhle. Die Zombies trotteten willenlos hinterher.
Markus hatte das Geschehen mitbekommen, denn er war viel zu wütend über den Verlust der Zeitmaschine, als dass er einfach so einschlafen konnte. Er überlegte fieberhaft, was sie unternehmen konnten, um aus dieser aussichtslosen Lage heraus zu kommen, als er den Weggang der Gruppe um Charon bemerkte.
Das war die Gelegenheit.
Vielleicht die einzige.
Also riss er die Schlafenden unsanft aus ihren Träumen und erklärte ihnen, dass sie jetzt versuchen mussten, den Kontakt zu Miller herzustellen. War es Zufall, dass der ehemalige Wissenschaftler in der Höhle geblieben war?
Über das Warum dachte keiner nach. Markus ging zielstrebig auf genau den Mann zu, welchen er gleich bei der Ankunft hier zu erkennen geglaubt hatte.
Die anderen Bewohner leisteten keinen Widerstand. Mit ihrem Anführer hatten wohl auch alle seine Befehle die Höhle verlassen.
Der Deutsche machte sich zunächst mit Gesten bemerkbar.
Miller schaute auf, doch sein Blick blieb leer. Dann versuchte es Becker mit Worten.
»Dein Name ist Michael Miller, nicht wahr?
Keine Regung im Gesicht seines Gegenübers.
»Michael Miller, Assistent von Professor Matthew Evans. Ihr habt eine Zeitmaschine gebaut. Erinnerst du dich daran? Die größte Erfindung des 20. Jahrhunderts, und du warst dabei. Du, Michael Miller. Oder soll ich Mike sagen?«
Miller saß immer noch regungslos, doch in seine Augen trat ein leichter Glanz. Als ob sich Tränen sammeln wollten.
Nun sprach Ken weiter auf ihn ein.
»Mike, du musst dich einfach erinnern. Du bist unsere einzige Chance, wenn wir jemals von hier fort kommen wollen. Du hast die Zeitmaschine mit gebaut. Du weißt, wie sie funktioniert. Nur du kannst uns helfen.«
Die Timetraveller hatten sich unterdessen im Halbkreis vor Miller gesetzt und wer nicht zu ihm redete, beobachtete seine Reaktionen ganz genau.
»Ich sehe in deinen Augen, dass du uns verstehst. Bitte versuch doch, uns eine Antwort zu geben. Wenn euer Boss hier erst wieder da ist, haben wir vielleicht nie wieder die Gelegenheit, dich um Hilfe zu bitten.« Claire hatte entweder die richtigen Worte gefunden, oder Miller konnte die Worte nun erst verarbeiten, jedenfalls passierte fast genau das Gleiche, wie am Anfang bei Charon.
Miller holte Luft, sein Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung und Konzentration, und aus seinem Mund kam ein erstes kratzendes Geräusch. Die Studenten überlief es auch diesmal wieder eiskalt, denn es klang, als würde im Hals des Untoten irgendetwas zerbrechen.
Nach mehreren Versuchen waren die ersten Worte dann endlich zu verstehen.
»Woher...kennt ihr...mich?«
»Wir sind Studenten der Avila-Universität in Kansas City. Ich bin Gaststudent aus Deutschland und habe mich zu Hause schon ausführlich mit dem Leben und Werk von Professor Evans beschäftigt. Das hat mich so fasziniert, dass ich nach Amerika ging, um diese Studien zu vertiefen. Und bei all dem Material, was ich dazu sichten konnte, spielte ein wichtiger Assistent des Professors eine große Rolle. Michael Miller. Und anhand der Bilder, die mir zugänglich waren, habe ich dich hier erkannt. Zumindest hatte ich gehofft, dass du dieser Miller bist. Habe ich nun recht?«
»Ja. Doch ich weiß nicht«, Miller gab ein entsetzliches Husten von sich, »was ihr von mir erwartet. Ich weiß gar nichts mehr...«
»Das hat der einäugige Kerl zuerst auch gedacht. Unterdessen scheint er sich an eine ganze Menge erinnert zu haben. Ich habe, als ich mit ihm draußen war, viel mit ihm geredet, und dann war das so, als ob, wie soll ich sagen, wieder Leben in ihn gekehrt war. Doch auf eine wichtige Frage habe ich immer noch keine Antwort erhalten. Wir wissen bis jetzt nicht, wo wir hier eigentlich sind.«
»Das kann ich euch auch nicht sagen. Die einzige Frage, die ich habe, und darüber grübele ich insgeheim schon sehr lange, lautet: WARUM?«
»Warum was?«, fragte Claire.
»Das weiß ich nicht. Noch nicht. Aber ich hoffe, dass ich durch euch wieder lerne. Es ist eigenartig, aber«, wieder ein röchelndes Husten, »die Worte, die ich spreche, kommen von ganz allein. Es ist so, als wäre ich ganz lange in einem Alptraum gefangen gewesen.«
Markus schaute zu Boden, als er antwortete.
»Ich fürchte, dass der Alptraum noch lange nicht vorbei ist. Und dass er nun schlimmer wird als bisher. Es tut mir leid, doch daran haben wir nicht gedacht. Denn wir haben so eine Ahnung, wo wir hier sind, wissen es aber nicht. Doch wenn unsere Vermutung stimmt, dann wird es für dich keinen Weg aus dieser Hölle geben.«
»Was glaubt ihr denn, wo wir hier sind?«
»Willst du das wirklich wissen?«
Mike schaute verdutzt in die betretenen Gesichter der jungen Männer und in das fragende Gesicht der Frau.
»Was wisst ihr? Ich glaube, Mike und ich haben ebenfalls ein Recht darauf zu erfahren, was ihr unterdessen herausbekommen habt.« Claire hörte sich leicht ärgerlich an, doch sie war viel zu müde, um richtig wütend zu werden.
Die drei jungen Männer schauten sich an, nickten sich kurz zu und dann enthüllte Ken die vage Vermutung, zu der sie während ihres »Ausfluges« gekommen waren.
»Also, es mag sich nicht sonderlich glaubhaft anhören, doch wir denken, dass das hier eine Art Schattenreich ist. Eine Zwischenwelt für die Toten.«
Claire sah die drei Studenten der Reihe nach an und suchte nach einem Anzeichen, dass sie gerade mächtig auf den Arm genommen wurde, doch der Ernst in den Gesichtern ließ sie verstummen, noch ehe sie ein Wort hervorgebracht hatte.
Nach einer Weile fragte sie dann aber doch.
»Wie soll das möglich sein? Tote werden verbrannt oder beerdigt oder was weiß ich, aber sie verschwinden doch nicht einfach so in einer anderen Welt? Und überhaupt, so was denken sich doch nur Leute in ihren Gruselgeschichten aus. Ich kann das nicht glauben!«
»Claire, nach allem, was wir erlebt haben, sollte uns langsam klar werden, dass im Multiversum nichts, aber auch gar nichts unmöglich ist. Und nun sind wir in einer Welt, wo Menschen vegetieren, die doch tot sein müssten. Schau dich doch mal um. Aber in allen steckt noch ein kleines Fünkchen Leben, so, als würden sie auf etwas warten.«
»Aber worauf denn, Markus? Worauf kann man hier warten?«
»Auch da hätte ich einen Verdacht. Aber das ist nur so ein Bauchgefühl, dafür habe keinerlei Bestätigung. Außer...na ja, schaut euch einige der Anwesenden hier mal an. Irgendwie sehen viele von denen aus, als wäre bei ihrem Tod nachgeholfen worden.«
»Du meinst, ermordet?«, fragte Dan.
»Ja. Und dann führe ich meine Theorie fort. Ich glaube, dass immer genau die von hier verschwinden, deren Mörder überführt wurde. Das könnte die Unregelmäßigkeit dabei erklären«, führte Markus seine Gedanken weiter.
In den Gesichtern der anderen standen ungläubiges Staunen und Zweifel. Doch keiner sagte ein Wort, bis Miller sich räusperte und die Worte sagte, welche nun eigentlich keiner hören wollte.
»Damit könntest du absolut richtig liegen. Während du die Worte gesprochen hast, kamen in mir schreckliche Erinnerungen hoch. Ich weiß jetzt wieder, wie meine letzten Minuten im Labor aussahen und dass ich auf dem Weg zu meinem Auto eine wirklich schlimme Begegnung hatte. Ich war mal wieder der Letzte, räumte im Labor alles weg, unter anderem auch die noch nicht fertig gebaute Zeitmaschine, löschte das Licht, schloss alles ab und freute mich auf einen ruhigen Abend. Ich verließ also das Labor, ging hinaus auf den Parkplatz und plötzlich verstellten mir fünf oder sechs seltsame Gestalten den Weg. Sie hatten sich vermummt und einer sprach mich an. Er fragte ganz scheinheilig, ob ich nicht was vergessen hätte. Na ja, ihr könnt euch nun denken, was er wollte. Ich hatte eine furchtbare Angst und machte den schlimmsten Fehler meines Lebens, ich versuchte weg zu rennen. Weit kam ich nicht, da spürte ich, dass mich etwas mit unglaublicher Kraft zu Boden riss. Ich nehme an, es war das Geschoss einer Pistole. In diesem Augenblick kam ein Auto angefahren und die Männer rannten nun ihrerseits davon. Ich lag noch eine Weile zwischen parkenden Autos, mir war sehr kalt und dann weiß ich nichts mehr.«
»Das könnte meine Theorie bestätigen. Wenn dem wirklich so ist, dass das hier eine Zwischenwelt ist, dann haben wir ein Riesenproblem. Denn dann ist es tatsächlich so, dass die Zeit hier außer Kraft gesetzt ist.«
»Und was genau bedeutet das?«, fragte Claire.
»Wo es keine Zeit gibt, kann man sie auch nicht programmieren. Die Zahlen im Display sind Zeichen ohne Bedeutung«, antwortete Markus.
»Ja, so kann man es mit ganz einfachen Worten ausdrücken«, bestätigte Miller die Erklärung.
»Und nun?« Claires Stimme kam ganz leise. Sie kämpfte schon wieder mit Tränen der Verzweiflung.
»Ich weiß es nicht.« Auch Markus sah sehr niedergeschlagen aus, ebenso wie Ken und Dan.
Da meldete sich Michael Miller zu Wort.

Charon führte die Untoten in die Richtung, wo sich der Wasserlauf befand, an welchem er mit Claire gewesen war.
Die Lebenden brauchten Wasser.
Deshalb befahl er den Zombies, die ihn begleiteten, dass sie graben sollten. Er machte es kurz vor, zeigte in Richtung der Höhle und gestikulierte, dass das Wasser genau dahin fließen müsse.
Der Weg war weit, diese Arbeit würde sicher lange dauern. Doch das spielte hier ja keine Rolle. Der Einzige, dem alles viel zu langsam vorkam, war der Einäugige selber.
Er trieb die Grabenden immer wieder an, doch die blieben ganz stoisch bei ihrer Arbeit.
Und so schlängelte sich nach und nach ein weiterer schmaler Bach durch das Tal, der irgendwann den Eingang der Höhle erreichen würde.

»Ich hätte da eine Idee. Eher eine vage Vermutung, aber vielleicht ist das eure einzige Chance. Wenn ich das richtig verstanden habe, liegt das Problem darin, dass ihr die Zeitmaschine nicht programmieren könnt, weil eine Basis dafür fehlt. Die Zeit. Richtig?«
Markus nickte.
»Also müssen wir hier irgendwie Zeit erzeugen.«
Die Augen der Timetraveller wurden immer größer.
»Wie soll das denn vonstatten gehen?« fragte Ken.
»Nun, wir müssen etwas geschehen lassen, was man zeitlich messen muss. Und es sollten alle hier irgendwie davon betroffen sein.«
In Dans Gesicht machte sich so etwas wie Verstehen breit. Der Sportstudent ahnte wohl als erster, was Miller ihnen damit sagen wollte.
»Im Sport wird oft die Zeit gemessen, beim Laufen zum Beispiel.«
Miller bestätigte das mit einen leichten Kopfnicken.
»Das wäre eine Möglichkeit. Aber ziemlich schwierig, wenn du dir die hier alle mal anschaust.« Er zeigte dabei in die Runde.
»Da wirst du keinen Laufwettbewerb starten können, aber vom Prinzip her hast du Recht.«
»Wir müssen also etwas tun, wobei alle mitmachen und beschäftigt sind. Doch was?« Auch Ken hatte den Sinn verstanden, und Claire und Markus schauten nun auch etwas verständnisvoller.
Es folgte ein kurzer Moment des Schweigens. Alle überlegten fieberhaft, was sie machen könnten.
Wieder war es Dan, der zuerst einen Vorschlag unterbreitete.
»Als wir hier ankamen, waren einige der Bewohner hier draußen im Tal. Wäre es nicht möglich, dass alle hier drinnen sich einfach in Bewegung setzten und das Tal durchqueren? Und wer sich nicht selbst fortbewegen kann, dem muss geholfen werden. So sind doch dann alle in Bewegung.«
»Ich fürchte, das wird nicht reichen. Welches Ziel soll dieser Weg denn haben? Und wie willst du da einen Zeitfaktor unterbringen?« Der Wissenschaftler zweifelte zwar, aber er lehnte die Idee auch nicht völlig ab.
»Hm, ich weiß ja nicht, ob das eine gute Idee ist oder viel zu gefährlich. Aber wie wäre es mit einer Art Verfolgungsjagd? Da muss doch eine Gruppe schneller sein als die andere. Ohne Zeit wären alle gleich schnell.« Claire sah die anderen bei ihren Worten fragend an und konnte selbst kaum glauben, dass sie zu diesem Thema einen Vorschlag machte. Ihr erschien das Ganze doch sehr unglaubhaft.
Nun war es Markus, der diese Idee aufgriff und am liebsten gleich mit der Umsetzung begonnen hätte.
»Klar, der Typ, der sich hier zum Anführer ernannt hat, ist mit einem ganzen Trupp da draußen. Wenn wir uns dem alle zeigen, wie wir die Höhle verlassen, wird er garantiert hinterher gerannt kommen. Und wenn nicht, müssen wir ihn jagen. Schließlich brauchen wir die Zeitmaschine, um überhaupt hier weg zu kommen, und die wird er uns bestimmt nicht freiwillig zurückgeben«
»Das sehe ich genauso. Der hat die Zeitmaschine, nur frage ich mich jetzt, wozu?«
»Ganz einfach, Claire, der weiß nicht, dass er tot ist. Wahrscheinlich hofft er, damit von hier verschwinden zu können. Doch wenn unsere Theorie stimmt, dann wird er keine Chance haben. Ob mit oder ohne Maschine«, antwortete Ken ihr.
»Langsam, langsam«, meldete sich Miller wieder zu Wort. »Die Idee ist vielleicht nicht schlecht, aber wie wollt ihr es denn anstellen, dass diese ganzen...Menschen euch folgen?«
»Die reagieren doch alle auf Bewegungen, oder?« fragte der Sportstudent.
»Alle? Nein, bestimmt nicht. Ist dir denn nicht aufgefallen, dass immer die Gleichen in Bewegung gerieten, wenn ihnen jemand ein Zeichen dazu gab?« antwortete der Wissenschaftler.
Jetzt, wo es ausgesprochen war, fiel es auch den Studenten auf. Alle, die in der Höhle geblieben waren, mit Ausnahme Millers, saßen, lagen oder standen noch fast genauso wie bei ihrer Ankunft an ihren Plätzen. Und das war ziemlich weit im Inneren der Höhle.
Seltsam, denn als die jungen Männer ihren Fluchtversuch unternommen hatten, sah es so aus, als wäre die ganze Höhle in Aufruhr geraten.
»Gibt es denn keine Möglichkeit, all jene hier zum Rausgehen zu bringen?« fragte Claire.
»Das wird sehr schwierig. Ich glaube, je länger man hier ist, umso weniger ist von einem Menschen übrig. Viele vegetieren nur noch bewegungslos vor sich hin. Ich weiß nicht, ob die überhaupt noch irgendetwas wahrnehmen«, sagte Mike. »Doch versuchen müsst ihr es, ich helfe euch, so gut ich kann.«
»Bevor wir aber irgendwas unternehmen, sollten wir mal nachsehen, ob die anderen da draußen noch weit genug weg sind«, wandte der Japaner ein. Während er die Worte sprach, ging er auch schon zum Ausgang und lugte vorsichtig hinaus.
»Keiner zu sehen. Ich möchte mal wissen, wo die hin sind. Und vor allem, was die da draußen wollen.«
»Das soll uns im Moment egal sein, Hauptsache, sie sind weg.« Becker wurde langsam ungeduldig, er wollte etwas tun. Und so fing er dann auch als erster an, mit ausgreifenden Armbewegungen auf den Ausgang zu zeigen. Dabei schaute er der Reihe nach jeden Untoten an.
Die anderen drei machten es ihm nach. Sie wedelten mit den Armen, immer und immer wieder. Doch es kam keinerlei Reaktion. Sie wollten schon resigniert aufhören, als sich Michael langsam erhob, und ebenso langsam zum Ausgang ging. Dort angekommen drehte er sich um, ging zurück, beugte sich zu einem anderen Bewohner hinab und versuchte, diesen auf die Beine zu bekommen. Das war schwierig, doch letztendlich schaffte er es. Miller ergriff den anderen am Arm und zog ihn Schritt für Schritt mit zum Ausgang.
Das wiederholte er noch ein paar Mal, und dann kam endlich Bewegung in die Masse.
»Hört nicht auf damit, zum Ausgang zu zeigen.« Millers Worte waren überflüssig, denn die Studenten sahen ebenfalls, dass sich etwas tat.
Nach und nach kamen alle zum Ausgang, und wer das nicht aus eigener Kraft konnte, wurde einfach mitgezerrt, so, wie die Studenten es vormachten. Einige blieben dennoch zurück und nachdem Mike den ersten Schritt hinaus wagte, folgten ihm die anderen. Als letzte verließen die Zeitreisenden die Höhle.
Ein Blick zurück hätte ihnen gezeigt, dass noch eine Person, die hätte mitgehen können, in einem hinteren Winkel saß, doch das wurde übersehen.
Markus erklärte nun noch einmal, um was es ging. Sie mussten alle zusammen versuchen, den Einäugigen und seine Begleiter aufzuspüren und sie zu verfolgen. Wenn das gelang, war der nächste Schritt, Charon die Zeitmaschine wieder abzunehmen und während sich die Untoten noch gegenseitig jagten, sollte der Versuch eines Starts der Zeitmaschine gelingen.
»Das hört sich verdammt einfach an. Aber denkt daran, die Untoten haben eine Mordskraft. Und ich werde keine Hilfe sein können«, wandte Claire noch ein.
»Es muss einfach gelingen. Ansonsten...« Der Deutsche vollendete den Satz nicht. Allen vieren war klar, dass sie auf dieser Welt nicht bleiben konnten, sie gehörten hier genauso wenig hin, wie Zombies in ihre Welt.
»Gut, dann los. Welche Richtung schlagen wir ein?«, fragte Dan.
»Wir müssen dort entlang.« Miller zeigte bei diesen Worten auf den Boden, und da sahen auch die anderen die Fußspuren.
Und so gingen die Timetraveller in Begleitung eines ermordeten Wissenschaftlers und ca. vier Dutzend Untoter in die angezeigte Richtung davon.
Nur Claire war diesen Weg schon einmal gegangen.

Der Einäugige versuchte immer wieder, die Grabenden bei ihrer Arbeit anzutreiben. Die jedoch verstanden den Sinn seiner Gesten diesmal nicht und setzten die Arbeit in genau dem Tempo fort, in dem sie begonnen hatten.
Und so wuchs der kleine Graben zwar langsam, aber stetig. Und ein Viertel der Strecke bis zum Eingang hatten sie schon zurückgelegt.
Da spürte Charon eine Veränderung. Irgendetwas stimmte nicht, doch er wusste nicht, was.
Ein Blick über das Tal hätte genügt, doch dass außer ihm und seinen Leuten noch jemand unterwegs sein könnte, kam ihm gar nicht in den Sinn.
So blieb sein Blick voller Ungeduld auf den Arbeitenden haften.

Die Verfolger näherten sich langsam aber stetig dem Teil des Tals, in welchem Claire mit Charon wegen der Suche nach Wasser unterwegs gewesen war. Die Studentin konnte das üppigere Grün der Pflanzen schon erahnen. Wegen der Schmerzen, die der gebrochene Arm ihr bereitete, war der Weg diesmal besonders qualvoll für sie. Es kam ihr so vor, als kämen die anderen nur wegen ihr nicht so schnell voran.
»Geht ihr voraus, ich kann einfach nicht schneller. Mein Arm...«, sagte sie zu ihren Freunden.
»Claire, wir müssen zusammen bleiben. Sowie wir die Zeitmaschine haben, versuchen wir, von hier weg zu kommen. Und da kann jede Sekunde zählen. Komm, stütz dich auch mich, dann geht es vielleicht besser.« Ken meinte es gut und die junge Frau nahm die Hilfe dankbar an.
Kaum waren sie ein paar Schritte weiter gegangen, gab Becker, der ganz vorn lief, ein Zeichen.
»Da vorn! Seht!«, sagte er.
Jetzt sahen es auch die anderen. In einiger Entfernung stand eine Gestalt. Es sah so aus, als schaute sie zu Boden.
»Nun wird sich gleich heraus stellen, ob unser Plan funktioniert«, meinte Dan.
»Zuerst einmal müssen wir darauf hoffen, dass die da nicht gleich weglaufen.« Bei diesen Worten wurden Markus’ Schritte immer größer.
Alle anderen passten sich dem Tempo an und so näherte sich die ganze Gruppe schnell der anderen.
Charon bemerkte die Herankommenden erst, als diese sich auf etwa 100 Meter genähert hatten. Da versuchte er, seine Leute auf sich aufmerksam zu machen, damit sie sich auf einen Kampf einstellen konnten. Das war aber nicht so einfach, weil die Untoten sich ganz auf ihre Tätigkeit konzentrierten. So ging er zu den einzelnen hin und schüttelte sie zum Teil recht unsanft an der Schulter und gab ihnen dann Zeichen, dass sie aufstehen und sich formieren sollten.
Als die Studenten mit ihrem Trupp heran waren, standen sie dem Einäugigen und seinen zwei Dutzend Gefolgsleuten gegenüber.
»Da bin ich aber mal gespannt, was das werden soll«, sagte Charon höhnisch. Er wusste um seinen Vorteil. Er hatte die Untoten hinter sich stehen, die nur auf seinen Befehl hörten und zudem auch noch viel kräftiger waren. Die Gruppe, die sich hinter den vier Lebenden versammelt hatte, war in seinen Augen nur der Abschaum. Zu nichts mehr zu gebrauchen. Zumindest glaubte er das.
»Das kann ich dir genau sagen«, erwiderte Markus. »Du hast etwas, was uns gehört. Und das wollen wir wieder zurück haben.«
»So, so. Wie kommt ihr darauf, dass das Ding euch gehört? Seid ihr sicher, dass ihr es nicht irgendwo geklaut habt?«
»Du bist der einzige, der hier was gestohlen hat, du Schwein. Und jetzt her damit!«
Bei diesen Worten der Studentin fing Charon laut an zu lachen.
»Immer noch die große Klappe. Du solltest es doch mittlerweile besser wissen, du kleine, verkrüppelte Schlampe.«
Das war zu viel für die jungen Männer. Sie stürzten sich zusammen auf ihren Gegner und wollten ihn zu Boden reißen. Da schrie Claire auf.
»Vorsicht! Die Zeitmaschine!«
Doch es war zu spät. Zu dritt schafften sie es, den Untoten von den Füßen zu holen, und plötzlich fanden sich alle vier am Boden wieder und schlugen gegenseitig auf sich ein. Obwohl die Timetraveller alle Kraft aufbrachten, die noch in ihnen steckte, merkten sie, dass sie dem Zombie nicht gewachsen waren. Hinter seinen Schlägen steckte eine solche Wucht, dass sie mit blanker Muskelkraft hier wohl nicht weiterkamen. So zogen sie sich dann einer nach dem anderen wieder zurück. Auch Charon rappelte sich auf und gesellte sich fürs erste wieder zu seiner Gruppe.
»Das war sehr unvorsichtig«, sagte Miller, »unterschätzt einen Feind niemals. Und lasst euch nicht von eurer Wut lenken. Damit kommt ihr hier nicht weiter.«
»Ach ja, und was sollen wir deiner Meinung nach tun?«, fragte Dan.
»Mit List könnte man vielleicht was ausrichten.«
»Aber wie?«
»Nun, eure Gegner sollen glauben, was ihr Anführer bestimmt vermutet. Dass der Haufen hinter euch nicht zum Kämpfen taugt. Doch da werden sie sich noch wundern...«
Die Studenten schauten etwas ratlos, da sie sich selbst nicht vorstellen konnten, wie so ein Kampf aussehen sollte. Der ursprüngliche Plan sah eigentlich nur eine Verfolgungsjagd vor. Aber nun hatte sich alles geändert, da die Timetraveller, mit Ausnahme von Claire vielleicht, nicht mit der enormen Kraft des Einäugigen gerechnet hatten.
Miller drehte sich aber schon zu den anderen Zombies um und machte Bewegungen, die sogar die Lebenden verstanden. Es waren eindeutige Anweisungen, die Gegner mit allen Mitteln nieder zu strecken. Der Wissenschaftler legte sich beide Hände an den Hals, boxte und trat in die Luft und tat so, als hielte er einen Gegner am Boden fest.
Die Untoten schauten sich das an, doch es gab in keinem Gesicht eine Regung.
»Glaubst du, dass das funktioniert?«, fragte Ken den Deutschen leise.
»Es muss. Sonst stecken wir mal wieder ganz schön in der Scheiße.« Markus drückte wieder einmal auf seine Art aus, was alle dachten.

Charon stand währenddessen vor seiner Gruppe und gestikulierte wild. Dabei sah er in viele verständnislose Gesichter. Für die Untoten war die Welt aus den Fugen geraten, sie wussten nicht, was hier vor sich ging. Doch sie würden gehorchen. Wie immer. Für sie bestand das Ausführen eines Befehls eigentlich nur in der Nachahmung dessen, was der Anführer vormachte, doch dabei war dieser momentan sehr gründlich.
Und so gingen sie zum Angriff über. Langsamer zwar, als von der Gegenseite erwartet, aber dafür um so heftiger.
Sie stürzten mit brachialer Gewalt los und trampelten die ersten der Gegner einfach nieder.
»Zieht euch zurück, ihr habt keine Chance im Kampf!«, schrie der Wissenschaftler den Zeitreisenden zu. Doch außer Claire wollte davon keiner was hören. Die Frau lief schnell aus der Gefahrenzone, sich ihrer hilflosen Situation durchaus bewusst. Dafür sorgten schon die Schmerzen.
Die drei Männer jedoch stellten sich dem Kampf. Ken konnte anfangs noch mit seiner japanischen Kampfkunst auftrumpfen, doch in dem wirren Durcheinander roher Gewalt war das bald nicht mehr möglich. So verteidigten sie sich ebenfalls mit Fäusten und Tritten.
Die Studentin sah mit Schrecken, wie die Leiber übereinander herfielen. Es war schwierig für sie, Freund und Feind auseinander zu halten.
Sie sah, wie Markus von zwei Angreifern bedrängt wurde, seine Fäuste schlugen in wilder Panik um sich. Landete er einen Treffer, schlug sofort der andere auf ihn ein. Bald sah es so aus, als ob er immer langsamer reagierte und nur noch versuchte, sich zu schützen. Er hatte etliche Schläge eingesteckt, sodass seine Nase blutete und er eine Platzwunde oberhalb der Schläfe hatte. Das Blut lief ihm ins Auge, was seine Sicht beeinträchtigte und er nur noch die Arme vorm Gesicht verschränkte.
Ken hingegen versuchte seine Gegner wieder mit schnellen gezielten Tritten auszuschalten, was ihm bei zweien auch schon gelungen war. Die lagen ein Stück abseits, einer mit einem merkwürdig verdrehten Arm, der andere völlig benommen von einem Tritt ins Gesicht. Doch auch Kens Kräfte erlahmten sehr schnell und bei Dan sah es auch nicht gut aus.
Er lag am Boden und wurde von mehreren Gegnern traktiert.
Das alles passierte so schnell, dass Miller einen Augenblick brauchte, um eingreifen zu können.
»Wir müssen die Lebenden schützen! Verteidigt sie, los, drängt die Angreifer zurück!«, schrie er auf einmal. Doch seine Worte gingen unter oder wurden, was wahrscheinlicher war, gar nicht verstanden. Dann griff er ins Geschehen ein und suchte sich keinen Geringeren als Charon zum Zweikampf aus. Wäre der einmal ausgeschaltet, würden sich seine Anhänger vielleicht auf ihn selbst fixieren. Und- der Einäugige war noch im Besitz der Zeitmaschine.
Der Wissenschaftler griff den ehemaligen Söldner von hinten an. Ein Faustschlag in die Nieren, ein Tritt in die Kniekehlen, und es sah fast so aus, als wäre das schon der Sieg.
Doch dabei hatte Miller nicht an die anderen Untoten gedacht. Charon muss ihnen irgendwie noch Zeichen gegeben haben, denn nun stürzten sich einige auf ihn und schlugen ihn zu Boden. Charon hingegen stand wieder auf, als wäre nichts geschehen. Sein Blick suchte nach der Frau.
Die Studentin war jedoch so verzweifelt auf ihre Freunde konzentriert, dass die gar nicht mitbekam, wie er sich ihr von der Seite näherte. Erst als sie den eisernen Griff an ihrem gesunden Oberarm spürte, wurde ihr die Gefahr bewusst. Sie stieß einen schrillen Schrei aus, der ihren Freunden durch Mark und Bein ging.
Charon zeigte mit dem Finger auf Ken, Dan und den Wissenschaftler und setzte dann mit einer Geste dran, diese drei am Boden zu halten, und bei Markus gab er zweien seiner Leute ein Zeichen, dass sie mit ihm folgen sollten. Und sofort zerrte er Claire herum und lief schon mit ihr davon.
»Nein«, schrie sie, »lass mich los, du Ekel!« Doch sie hatte gar keine andere Chance, als mitzulaufen, wenn sie nicht am Boden hinterher geschliffen werden wollte.
Markus fügte sich in sein Schicksal, er war einfach noch zu benommen von den Schlägen, die er eingesteckt hatte.
Doch die anderen drei setzten sich mit allen verbliebenen Kraftreserven zur Wehr. Und irgendwie muss es Miller gelungen sein, den Untoten einen Befehl zu geben, denn der Kampf stockte plötzlich und keiner wusste mehr so genau, auf wen er einprügeln sollte.
Währenddessen liefen die Flüchtenden immer weiter und der Einäugige holte dabei die Zeitmaschine hervor.
»Du wirst mir jetzt ganz genau sagen, wie das Ding funktioniert. Mal sehen, vielleicht nehme ich dich ja mit auf die Reise.« Ein hässliches Grinsen untermalte diese Worte an die junge Frau.
»Niemals«, keuchte sie, »selbst wenn ich wüsste, wie das geht...Aahh!« Charon hatte seinen Griff verstärkt, sodass Claire glaubte, er hätte ihr den Arm ausgerissen.
»Überleg es dir gut. Ich verschwinde hier, aber ob mit oder ohne dich, liegt an dir.«
»Du Schwein, mit dir gehe ich nirgends freiwillig hin.«
»Gut. Dann bleib hier und verrotte so elendig wie die anderen!«
Unterdessen war der Vorsprung auf etwa hundert Meter angewachsen, sodass sie ihr Tempo etwas drosseln konnten.
Becker hing halb bewusstlos zwischen den beiden Zombies, als Charon sich ihm zuwandte.
»Du, Klugscheißer, dann wirst du mich eben hier wegbringen. Kannst dir damit deine Fahrkarte aus der Hölle verdienen!« Das hämische Lachen bei diesen Worten weckte in Markus noch mal einen kurzen Widerstand und er spuckte in Richtung des Anführers.
Sie liefen noch ein Stück, dann passierte das Unglaubliche.
»Hey, ich hab’s mir überlegt. Es reicht, wenn die anderen hier bleiben. Ich geh mit.«
Claire stockte der Atem, ihre Augen wurden riesig und sie fand keine Worte.
»Na, wenigstens einer von euch scheint seinen Verstand noch gebrauchen zu können. Los, sag mir, was ich machen muss!«
»Das geht nicht. Die Maschine kann nur ich programmieren.«
»Willst mich wohl für dumm verkaufen, was? Du wirst mir jetzt sagen, wie das geht, sonst lernst du deine Begleiter erst richtig kennen.« Charons Auge funkelte wütend.
»Aber es geht nicht. Ich muss programmieren.« Schon traf ihn eine Faust in den Magen. Becker sackte zusammen, wurde aber festgehalten und weiter gezerrt.
Unterdessen überlegte Claire krampfhaft, was sie tun könnte, um den Abstand zu den Verfolgern wieder verringern zu können.
»Ich muss mal«, sagte sie.
»Was?«
»Ich muss mal.«
»Da hast du dir einen denkbar ungünstigen Moment ausgesucht, meine Liebe. Vergiss es!«
»Hey, soll ich mir vielleicht in die Hose pinkeln?«
»Na und, wen interessiert das? Wirst es wohl müssen.«
Damit konnte sie Charon also nicht zum Anhalten bewegen. Sie hatte eigentlich nur eine Wahl. Sie musste sich auf den schmalen Grat begeben und so tun, als würde sie doch kooperieren.
»Gut. Ich helfe dir«, sagte sie plötzlich.
»Was hast du gesagt?«, meldete sich da der Deutsche.
»Sei still. Wer wollte denn zuerst die anderen hier im Stich lassen? Nun bin ich es eben.«
Markus konnte nicht glauben, was er da hörte. Oder hatte Claire die gleiche Idee wie er? Wollte sie auch nur versuchen, die Zeitmaschine wieder zu erlangen? Doch was dann?
Nun versuchte er, das Tempo zu drosseln und täuschte eine Ohnmacht vor. Er ließ sich einfach fallen und die beiden Handlanger des Einäugigen mussten sein ganzes Gewicht tragen.
»Wo will der Einäugige eigentlich hin?«, fragte sich Claire. Sie sah jetzt, dass er in Richtung der Stelle lief, wo sie angekommen waren. »Doch warum dahin? Danach kam doch nur noch die Felswand.« Die Studentin ahnte, dass dort noch mehr sein musste als nur Felsen, doch eine genauere Vorstellung hatte sie nicht.
Sie drehte sich kurz um, um nach den anderen zu schauen und erschrak heftig, als sie sah, wie weit sie denen schon voraus waren. Wenn die Zeitmaschine jetzt programmiert werden würde, hätten Ken und Dan keine Chance mitzukommen. Es schien da hinten immer noch kleine Rangeleien zu geben, was sie natürlich aufhielt.
Dann standen sie vor der Felswand. Der untere Teil sah ja noch begehbar aus, doch weiter oben war nur noch der nackte Fels. Plötzlich bog der Untote nach links ab und wurde immer schneller. Kurz darauf fand sich Claire nach einem heftigen Ruck im Dunkeln wieder. Hinter ihr stolperten die drei anderen, den Deutschen noch immer mitschleifend, ebenfalls in die Dunkelheit.
Die Augen gewöhnten sich wieder sehr schnell an die neuen Lichtverhältnisse und nun sah die junge Frau, dass sie in einer kleinen Felsengrotte standen. Nicht größer als ein normales Zimmer. Ansonsten aber eben so trostlos wie die große Höhle.
»Willkommen in meinem Reich. Ihr seid die ersten, die hiervon erfahren. Aber ihr werdet auch die Letzten sein.« Dabei lachte der Kerl so widerlich, dass Markus seine vorgetäuschte Ohnmacht einfach abbrechen musste, um zu sehen, was genau vor sich ging. Sein Blick suchte den der Freundin, doch sie war ganz auf ihren Entführer konzentriert.
Der hielt die Zeitmaschine immer noch in den Händen. Und da bemerkte Becker das Unfassbare. Im Inneren der Maschine flackerte ganz leicht ein Licht. Kaum wahrnehmbar, doch eindeutig da. Claire musste das ebenfalls bemerkt haben, denn auch sie starrte genau darauf.
»So, du kleine Schlampe. Und nun raus mit der Sprache. Was muss ich tun?« Charons Stimme hörte sich nun sehr ungeduldig an. Ein falsches Wort würde ihn sicher wieder seine Fäuste gebrauchen lassen.
»Gib her, dann zeig ich es dir.«
Die Ohrfeige kam wie aus dem nichts.
»Du sagst mir jetzt, was ich machen muss, sonst kannst du schon mal Abschied von dem da nehmen!« Er zeigte auf Markus, und Claire fing an zu zittern. Was sollte sie bloß tun?
»Drück zuerst die Taste V1«, sagte sie. Ihre Stimme versagte ihr beinahe den Dienst.
Charon betätigte die Taste, und es war einfach nicht zu fassen, doch das Display leuchtete auf.
Beckers Augen wurden immer größer und er versuchte, sich aus dem Griff seiner Bewacher zu befreien. Das war aber vergeblich, denn sie hielten ihn sehr gut fest.
»Weiter, was nun?«
»Du musst das Datum eingeben.«
»Na und wie?« Der Einäugige wurde immer ungeduldiger.
»Das weiß ich nicht. Markus hat die Maschine immer programmiert.« Diesmal sah Claire die Ohrfeige zwar kommen, doch es tat deshalb nicht weniger weh.
Da meldete sich der Deutsche zu Wort.
»He, sie weiß es wirklich nicht. Und überhaupt, was willst du mir der. Wir zwei zusammen könnten das ganze Multiversum bereisen. Komm schon, ich weiß wenigstens, wie ich uns von hier wegbringen kann.«
Charon wurde zunehmend ratloser. Dass die Frau ihn nicht anlog, konnte er erkennen, doch was genau wollte der andere?
Er hatte keine Wahl. Das war hier und jetzt seine einzige Möglichkeit, von hier zu verschwinden. Und dazu brauchte er Hilfe.

Miller hatte es irgendwie geschafft, dass sich alle Kämpfenden nach und nach auf ihn fixierten. Und so versuchte er, die Verfolgung aufzunehmen. Es kam jedoch zu kleineren Zwischenfällen, als ein paar von Charons Gefolgsleuten immer wieder auf die Lebenden einschlagen wollten. Der Wissenschaftler ging jedes Mal dazwischen und sorgte dafür, dass den Timetravellern nichts passieren konnte, doch es hielt sie auf. Der Abstand zu den Flüchtenden wurde immer größer. Doch Miller erkannte auch, dass sie auf diese Weise so etwas wie einen zeitlichen Ablauf inszenierten. Sein Plan könnte bis dahin funktionieren, aber was, wenn die Zeitmaschine zu früh funktionierte?
»Los, wir müssen uns beeilen. Ihr müsst schnell zu der Maschine, sonst könnte es zu spät für euch sein.« Die Studenten mobilisierten ihre letzten Kräfte und fielen in einen Laufschritt. Die Untoten machten das natürlich nach und so kamen sie alle jetzt etwas schneller vorwärts.
Dann bemerkte Ken plötzlich, dass vor ihnen niemand mehr zu sehen war.
»Wo sind die denn hin?« Auch Dan blickte sich suchend um.
»Wie vom Erdboden verschwunden, das gibt es doch nicht«, sagte er.
»Wir müssen vorsichtig sein. Vielleicht ist es eine Falle«, warnte Mike sie. Dabei drehte er sich zu den anderen um, winkte zwei der Untoten heran und gab den anderen ein Zeichen, dass sie stehen bleiben sollten.
Zu fünft schlichen sie nun weiter. Und fanden kurz darauf eine schmale Öffnung im Gestein.
Die Wortfetzen, die aus dieser Öffnung drangen, ließen keine weiteren Überlegungen zu.
»...weiß wenigstens, wie ich uns von hier wegbringen kann.«
Ken und Dan stürmten in die Höhle, sahen zuerst nur das schwache Leuchten der Zeitmaschine und stürzten sich beide darauf. Der Einäugige war zu überrascht von diesem Angriff, dass er erst merkte, dass er die Maschine nicht mehr in den eigenen Händen hielt, als er sie unter Kens Shirt verschwinden sah.
Miller hatte unterdessen Beckers Bewachern befohlen, diesen los zu lassen und wies ihnen den Weg nach draußen.
Claire war noch immer in der Gewalt des ehemaligen Söldners.
So standen die sechs in der kleinen Höhle und hofften alle auf die große Chance, von dieser Höllenwelt zu verschwinden.
»Gib mir die Maschine«, sagte Markus zu Ken.
»Nein«, schrie Claire dazwischen, »er wird allein abhauen. Mit dem da!« Sie zeigte auf Charon.
»Was? Bist du verrückt? Das habe ich doch nicht ernst gemeint.«
»Ach ja? Das hat sich eben aber noch ganz anders angehört.«
»Claire, Markus muss die Maschine jetzt programmieren, bevor die Bewohner hier wieder in ihr zeitloses Dasein zurückfallen. Ihr müsst euch beeilen.« Miller befürchtete, dass die Energie jetzt schon zu schwach war.
»Und wenn es nicht anders geht, dann nehmt den da mit.« Dabei blickte er Charon zornig an.
Der ergriff die Gelegenheit, verstärkte den Griff an Claires Schulter, was sie laut aufstöhnen ließ, und trieb nun ebenfalls zur Eile an.
»Ihr macht jetzt genau, was ich sage. Ansonsten breche ich der kleinen Schlampe hier noch den anderen Arm.« Bei diesen Worten drehte er den gebrochenen Arm auf Claires Rücken, was sie unter Schreien kreidebleich werden ließ.
Als die jungen Männer das sahen, bedurfte es keiner weiteren Worte mehr.
Ken gab Markus die Maschine, der hämmerte in Rekordzeit die Zahlen und Buchstaben in die Tasten und hatte den Finger schon auf dem Timer-Knopf.
»So, Hände auf die Maschine, und...«
»Warte«, sagte Ken. »Danke, Mike.«
»Schon gut. Und nun macht schon.« Miller sah auf einmal sehr traurig aus. Doch er wusste, dass er nicht mitgehen konnte. Uns so hoffte er, dass mit den Lebenden auch alle Erinnerungen aus dieser toten Welt verschwinden würden.
Charon und Claire berührten den Zylinder als Letzte, dann drückte Markus den Timer-Knopf.
Zuerst geschah gar nichts, dann wurde es entsetzlich kalt. Und endlich stellte sich das den Timetravellern schon bekannte und doch immer noch unangenehme Gefühl eines Zeitstrudels ein.
Doch es geschah noch etwas. Und das war entsetzlicher als alles, was die Studenten jemals gesehen hatten.
Der Körper des Einäugigen wurde im Zeitstrudel förmlich in tausend Stücke gerissen. Lediglich die rechte Hand krallte sich noch immer an dem Glaszylinder fest.

Miller taumelte aus der kleinen Höhle ins Freie und sah in lauter ratlose, zum Teil ängstliche Gesichter. Die Untoten standen da und wussten nicht, was nun zu tun war. Sie befanden sich außerhalb ihrer Höhle und waren es gewohnt, dass sie draußen geführt wurden.
Da erkannte der Wissenschaftler, dass die Rolle des Anführers nun ihm zufallen würde und so gab er seine erste Anweisung in dieser neuen Rolle.
Er zeigte in Richtung ihrer Höhle und ging los. Alle anderen folgten ihm.
Irgendwann saßen sie wieder in ihrer vertrauten Umgebung und warteten.
Worauf? Das wusste keiner.

Ganz hinten in der Höhle des Schattenreiches machte sich bei der Ankunft ihrer Bewohner auf dem Gesicht eines unscheinbaren Mannes so etwas wie ein Lächeln breit.
Er hatte sich die ganze Zeit über versteckt gehalten, denn er wusste, dass er mit seinem Erscheinen nur Hoffnungen geweckt hätte, die er nicht erfüllen konnte.
In all den Jahren hier hatte er seine Erinnerungen verloren geglaubt, und es waren auch jetzt nur Bruchstücke, die davon wiedergekehrt waren.
Doch nun wusste Matthew Evans endlich, dass Zeitreisen möglich waren.

Fortsetzung folgt...

Vorschau auf Episode 4

Die Zeitreisenden sind wieder in eine zivilisierte Welt zurückgekehrt. Doch ist es ihre Eigene? Sie landen genau dort, wo innerhalb kurzer Zeit eine Katastrophe ihren Lauf nimmt und bangen davor, mit hinein gezogen zu werden. Mutationen bedrohen das Leben einiger Menschen...

Erwartet mit Spannung die am 1. November
erscheinende 4. Episode.

Der Titel lautet:
"Ameisen"
von William T. Minor & Gloomy Tomb

 

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