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»Kansas City A.D. 2006«

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Episode 2

 

»Lies mich, Freund, denn nur sehr
selten kehre ich zu dieser Welt zurück.«

 

Leonardo Da Vinci, Codex Madrid

Unsere Zeitreise ins Ägypten des Jahres 1923 verlief gänzlich anders, als wir es uns gedacht hatten.
Anstatt Howard Carters Entdeckung des Grabes von Pharao Tutenchamun persönlich beizuwohnen, gerieten wir unerwartet in einen kriegerischen Konflikt zwischen England und Ägypten.
Wir mussten feststellen, dass der Prototyp von Evans Zeitmaschine nicht ganz so ausgereift war, wie wir angenommen hatten, und wir mit dieser Maschine in eine Parallelwelt gelangt waren, wo die geschichtlichen Ereignisse etwas anders abgelaufen waren, als in unserer eigenen Welt.
Nach der Überwindung einiger für uns sehr gefährlicher und tödlicher Hindernisse, war es uns glücklicherweise gelungen, ins Jahr 2006 zurück zu kehren.
Doch nach unserer Rückkehr fingen unsere Probleme erst richtig an ...

Markus Becker, Der Zeitreisende

EPISODE 2

Kansas City A.D. 2006

Von Ingo Löchel

DIE RÜCKKEHR

Ein Sturm fegte über das Gelände der Avila Universität. Doch so plötzlich wie er gekommen war, so rasch verschwand er auch wieder.
Vier Gestalten standen nun dort, wo vor Sekunden noch ein Blitz in den Boden eingeschlagen war.
»Endlich zu Hause!«, rief eine junge Frauenstimme überglücklich.
Die drei jungen Männer blickten noch etwas benommen drein, stimmten aber einige Zeit später, jeder auf seine Art und Weise, in den Gefühlsausbruch von Claire Bancroft mit ein.
»Scheint so, als hätten wir es geschafft«, stellte Markus Becker, seines Zeichens Physik- und Gaststudent der Avila Universität, trocken fest. In seiner Stimme lag aber auch ein leichter Unterton, der nicht wirklich so recht glauben machte, dass seine Worte ganz der Wahrheit entsprachen.
Markus blickte auf den Glaszylinder, den seine rechte Hand nach wie vor mit festem Griff umklammert hielt. Dieser 15 Zentimeter breite und 30 Zentimeter lange Gegenstand war eine Zeitmaschine, mit denen es den vier Studenten der Avila Universität gelungen war, durch die Zeit zu reisen.
Doch diese Reise hatte so ihre Tücken.
Und ehrlich gesagt, glaubte Markus langsam nicht mehr daran, dass er wirklich nur eine reine Zeitmaschine in Händen hielt. Denn ihr vergangenes Abenteuer hatte seine Vermutung bestätigt, dass sie mit dieser Maschine nicht nur durch die Zeit, sondern auch in Parallelwelten reisen konnten, deren historischer Verlauf andere Wendungen genommen hatte als auf ihrer eigenen Welt.

So waren Claire, Dan, Ken und er zwar in das Jahr 1923 gereist, um der Ausgrabung Carters beizuwohnen, doch statt die Entdeckung des Grabes von Tutenchamun persönlich mit zu erleben, waren sie in einen Krieg zwischen England und Ägypten geraten. Die vier Timetraveller waren aus dieser gefährlichen Situation nur wieder lebendig herausgekommen, indem sie in letzter Sekunde die Zeitmaschine benutzt hatten.

Markus zuckte plötzlich zusammen, als irgendwo ein Hund aufheulte.
»Was war das denn?«, kommentierte der Sportstudent Dan Simon das Geheule.
Sekunden später wurden sie wieder und wieder von den unsäglichen Geräuschen berieselt.
Das Heulen des Hundes ging den vier Studenten durch Mark und Bein und Claire zuckte regelrecht zusammen, als das Heulen anstatt abzunehmen an Intensität eher zunahm.
»Was ist das bloß für ein Köter«, sagte sie. »Das hört sich nach einem riesigen Tier an.« Ihre Stimme klang verängstigt.
Unterdessen blickte Markus Becker gen Himmel und bemerkte: »Gut, dass wir heute keinen Vollmond haben. Sonst säßen wir ganz schön in der Scheiße.«
Ken und Dan sahen sich fragend an. Hatte Markus etwa einen Witz gemacht?
»Was meinst Du damit?«
Der Gaststudent sah kurz zu den beiden und erwiderte trocken: »Fängt mit einem großen W an.«
Bei Ken Okumoto schien der Groschen nach wenigen Sekunden gefallen zu sein und er winkte ab. »Werwölfe?« Er lachte kurz und humorlos auf. »Es gibt verdammt noch mal keine Werwölfe.« »Was soll denn jetzt der Quatsch?«, fragte Dan etwas genervt.
»Wenn ihr meint«, antwortete der Physikstudent zweideutig.
»Kommt. Lasst uns von hier verschwinden und zum Unigelände gehen. Das Heulen wird mir langsam unheimlich«, unterbrach sie Claire.
Dan nickte und folgte der jungen Studentin. Ken und Markus schlossen sich ihnen an.
Wenige Minuten später betraten sie zusammen das Hauptgebäude der Uni. Der Campus der Avila Universität befand sich mit zehn Gebäuden auf einem etwa 20 Hektar großen Gelände in einem schönen Vorort von Kansas City, in dessen Nähe einige Parks und ein kleines Einkaufszentrum lagen.
Die vier blickten sich um. Dabei schaute Ken Okumoto kurz auf seine Uhr und stutzte.
»Wir haben doch gleich 10.00 Uhr. Wo sind denn bloß die ganzen Studenten? Um diese Zeit ist hier doch meistens die Hölle los!«
»Stimmt. Vielleicht ist irgendetwas passiert.«
»Was soll denn hier schon passiert sein?«
»Was weiß ich«, erwiderte Claire. »Eine Bombendrohung, ein Amokläufer ...!«
»Auf unserer Universität?« Dan Simon lachte ungläubig. »Rede doch keinen Quatsch. Ich glaube, Claire, du schaust zu viel Fernsehen. Die vielen Berichte über Mord und Totschlag in den Nachrichten machen einen mit der Zeit etwas durcheinander!«
»Wie meinst du das?«, erwiderte die Geschichtsstudentin etwas pikiert.
Doch zu einer Antwort kam Dan nicht mehr. Als hinter ihm ein klirrendes Geräusch ertönte, drehte sich der Sportstudent um und sah Markus dabei zu, wie dieser gerade die Notfallaxt aus dem Glaskasten neben der Tür zum Notausgang entwendete.
»Was willst du denn damit?«
»Man kann nie wissen«, kommentierte Markus sein Tun. »Besser, wir sind bewaffnet. Wir sollten eigentlich etwas aus unserem Abenteuer in Ägypten gelernt haben. Oder etwa nicht?«
»Nämlich?«
»Immer mit dem Unerwarteten zu rechnen!«
Dan sah fragend zu Ken. »Was ist denn plötzlich in Markus gefahren?«
»Keine Ahnung«, erwiderte der Japaner, »so kenne ich ihn auch noch nicht, aber vielleicht denkt er noch an seinen Werwolf.«
»Leider habe ich meine Silberkugeln heute nicht dabei«, scherzte Dan.
»Kein Problem«, entgegnete Becker, der die Worte seiner Freunde gehört hatte, »Werwölfe kann man auch töten, indem man ihnen den Kopf abschlägt oder einfach den Schädel spaltet.«
Ken und Dan sahen sich an und verstanden die Welt nicht mehr. Markus hatte das ernst gemeint!
Der verstaute unterdessen die Zeitmaschine in einem Rucksack, den er irgendwo entdeckt und entleert hatte, nachdem er darin nichts Wichtiges gefunden hatte. Dann griff er mit seiner rechten Hand nach der Axt und folgte seinen drei Mitstreitern mit ernster und entschlossener Miene.

Nachdem die vier jungen Leute den größten Teil der Universität durchsucht hatten, stellte Claire schließlich resigniert fest: »Keine Menschenseele. Sind wir denn in der richtigen Zeit gelandet?«
Die Geschichtsstudentin sah Markus fragend an. Dieser zeigte der jungen Frau statt einer Antwort einfach nur das Display von Evans Zeitmaschine, die als Datum den 30. April 2006 zeigte. Markus stutzte kurz, was keiner seiner Freunde mitbekam. Laut sagte er: »Bist du nun zufrieden?«
»Nicht ganz«, erwiderte die junge Frau. »Als wir unsere Reise nach Ägypten antraten, war es Oktober. Das heißt also, wir sind sechs Monate zu früh zurückgekehrt.«
»Ist das so schlimm?«, unterbrach sie Dan.
»Das weiß ich nicht. Da musst du Markus fragen, der ist doch der Experte«, sagte Claire. Ihre Stimme klang etwas schnippisch.
»Und, ist es schlimm?«, wandte sich der Sportstudent an Markus. Der überlegte kurz und antwortete: »Nur, wenn wir uns plötzlich selbst gegenüberstehen sollten. Das müssen wir vermeiden. Am besten, wir tauchen irgendwo unter.«
»Ich wüsste da auch schon eine Lösung«, meinte Ken. »Wir könnten uns im Ferienhaus meiner Eltern verstecken.«
»Oder einfach noch einmal die Zeitmaschine benutzen und die sechs Monate in die Zukunft reisen.«
»Auch eine Möglichkeit, Claire«, sagte der Deutsche, »aber willst du das Risiko wirklich nochmal eingehen?« Die junge Frau schüttelte den Kopf.
»Aber wo verdammt noch mal sind denn die ganzen Leute? Keine Studenten und keine Professoren sind zu sehen, noch nicht mal eine Putzfrau ist hier zu finden. Auch Fred, der Hausmeister, scheint wie vom Erdboden verschwunden zu sein. Was ist denn hier bloß los?«, brach es dann aus ihr hervor.
Ken und Dan wussten keinen Rat und schauten sich gegenseitig fragend an. Nur Markus versuchte etwas anzudeuten. »Könnte es vielleicht sein ...«
Doch als Claire dieses Ich-will-es-nicht-wissen-Gesicht aufsetzte, verstummte er lieber. Warum sollte er sich auch mit der Frau herumzanken. Das brachte sowieso nichts und glauben würde sie ihm wahrscheinlich auch nicht.
»Was machen wir jetzt?«, fragte die junge Studentin ihre drei Mitstreiter.
»Keine Ahnung«, entgegnete Dan schulterzuckend.
»Vielleicht sollten wir erst einmal in Evans Labor zurückkehren und schauen, ob mit der Zeitmaschine noch alles in Ordnung ist.«
»Willst du damit etwa andeuten, Markus, dass du bei der Programmierung etwas falsch gemacht hast?«, entgegnete Ken.
»Nein, bei der Programmierung nicht. Aber wir sollten auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Außerdem erinnere ich euch an die Explosion. Vielleicht hat die Maschine dabei etwas abbekommen. Wir sollten auf alle Fälle auf Nummer sicher gehen.«
»Sind wir deshalb statt in Evans Labor auf dem Unigelände gelandet?«
»Schon möglich. Also gehen wir nun zum Labor oder hat einer von euch eine bessere Idee?«
Claire, Dan und Ken hatten im Grunde keine Einwände, denn keiner von ihnen mochte oder konnte einen besseren Vorschlag vorbringen.

Der Hund blieb plötzlich wie angewurzelt stehen und schnüffelte. Dabei zitterte dessen großgewachsene und muskulöse Gestalt leicht.
Seine zugekniffenen Augen öffneten sich wie auf eine Art Befehl und verwandelten sich in gelbglühende Murmeln, die eine gefährliche Aura verströmten.
Wenige Sekunden später war auch der übrige Körper des Hundes einer Verwandlung unterworfen.
Die Muskeln zuckten unkontrolliert.
Der Hund atmete dabei schwer und Schaum trat aus der Schnauze des Tieres. Doch nach einiger Zeit war alles wieder vorbei.
Nur das Aussehen des Tieres hatte sich jetzt stark verändert. Der Hund war nun mindestens um das Doppelte seiner Größe angewachsen.
Nachdem die Verwandlung ihr Ende gefunden und das Tier die neue Witterung aufgenommen hatte, setzte sich der mutierte Hund wieder gewandt in Bewegung.
Er stieß ein Heulen hervor, als wollte er seinen imaginären Artgenossen eine Nachricht zukommen lassen und stürmte los.
Die Jagd konnte beginnen.

»Müssen wir da wirklich wieder raus?«
Dan sah Claire fragend an. »Hast du etwa Angst?«
Die junge Studentin, die nicht auf den Mund gefallen war und sich auch sonst sehr gut zu wehren wusste, nickte ernst. »Ja, das seltsame Heulen des Hundes war mir doch ziemlich unheimlich. Was ist, wenn uns dieser Köter angreift?«
Der Sportstudent winkte ab und setzte sich mit seiner muskulösen Erscheinung gekonnt in Pose. Schließlich war er nicht umsonst einer der besten Sportler der Avila Universität und bei vielen Studentinnen heiß begehrt. »Und wenn schon, wir sind zu viert, Claire. Uns kann nichts passieren und außerdem«, erwiderte er und lugte dabei zu Markus rüber, »ist unser tüchtiger Freund aus Deutschland ja wie ein Wikinger bewaffnet. Was soll uns denn da noch passieren?«
»Wenn du meinst.« Claire war noch immer nicht ganz von der Notwendigkeit überzeugt. Sie trat aber dann doch mutig als erste durch die Tür des Ausgangs, die ihr Ken galant aufhielt, ins Freie.
»Siehst du, Claire, von einem Hund ist hier weit und breit nichts zu sehen, und auch das Heulen hat aufgehört.«
Die junge Studentin sah sich trotz Dans Worten etwas unsicher um, atmete mehrmals tief durch und schien danach ihr altes Selbstbewusstsein wiedergefunden zu haben.
»Dann geht mal voran, meine Herren.«
Dan und Ken ließen sich das kein zweites Mal sagen und übernahmen die Führung. Markus, der das ganze Schauspiel stumm betrachtet hatte, folgte ihnen als letzter.
Während sie sich in Bewegung setzten, fiel dem Physikstudent wieder ein, was der 30. April für eine Bedeutung hatte.
»Natürlich«, murmelte er. »Walpurgisnacht!«
Claire blieb wie angewurzelt stehen und drehte sich zu ihm um.
»Was hast du gerade gesagt?«
»Was meinst du?«
»Ich möchte wissen, was du gerade vor dich hin gemurmelt hast.«
»Ach so. Wir haben heute den 30. April und somit ist heute Walpurgisnacht. Du weißt über die Bedeutung dieses Tages Bescheid?«
Die Geschichtsstudentin nickte.
Schon als Kind war Claire Bancroft durch die Erzählungen ihrer Großeltern von Dämonen, Geistern und Hexen fasziniert gewesen. Das war auch einer der Gründe gewesen, warum sie später angefangen hatte, Geschichte zu studieren, besonders weil sie sich als Jugendliche viel mit dem Zeitalter der Inquisition und den Hexenverbrennungen beschäftigt hatte.
»Ja, weiß ich. Die Walpurgisnacht geht auf vorchristliche Wurzeln zurück. Es war ein heidnisches Frühlingsfest, wodurch auch böse Geister vertrieben werden sollten. Das Christentum übernahm dieses Fest vor über 1000 Jahren.« Claire überlegt kurz und fuhr dann fort: »Der Name des Festes geht auf die heilige Walpurga zurück und wird seitdem immer am Vorabend des Namensfestes der ehemaligen Äbtissin gefeiert, die die Schutzpatronin der Seefahrt und auch gegen böse Geister ist.«
Markus lächelte zum ersten Mal. »Du bist ja ein wahres Geschichtslexikon.«
Claire erwiderte sein Lächeln.
Unterdessen waren Dan und Ken auch auf die Unterhaltung der beiden aufmerksam geworden und blieben stehen.
»Was ist?«, fragte Dan, der sich zu den beiden umgedreht hatte, »Gehen wir weiter oder sind wir zum Quatschen hier?«
»Ist ja schon gut«, erwiderte Claire, für die das Gespräch mit Markus aber damit noch nicht beendet war. Sie nahm sich vor, es später entsprechend fortzuführen.
Doch bevor sich die vier jungen Leute wieder in Bewegung setzen konnten, veränderte sich die Situation schlagartig.
Ein schwerer Körper prallte gegen Ken und Dan und brachte sie zu Fall.
Als sich die beiden Studenten wieder aufrappeln wollten, schnappte die massige Schnauze eines riesigen Hundes, der wieder sicher auf seinen vier Pfoten gelandet war, nach ihnen.
Die beiden brachten sich mit einer raschen Bewegung vor den mörderischen Zähnen der Bestie in Sicherheit und gleichzeitig auch aus der unmittelbaren Gefahrenzone des Hundes.
Claire beobachtete unterdessen die Gestalt des riesigen Tieres, das sich zur ihr umgedreht hatte und sie aus seinen gelbglühenden und intelligenten Augen, die sie neugierig anblickten, fixierte.
»Was zum Henker ...«, murmelte Claire.
Doch die Worte blieben der Geschichtsstudentin regelrecht im Halse stecken, als der Hund erneut zum Sprung ansetzte und diesmal die junge Frau als sein neues Ziel auserkoren hatte.

Obwohl Claire wusste, dass sie sterben würde, wenn sie nichts unternahm, konnte sie kein einziges ihrer Glieder bewegen. Sie war wie gelähmt.
Die Zeit schien sich zu verlangsamen und auszudehnen, denn die junge Frau sah wie in Zeitlupe, wie der riesige Hund mit gefletschten Zähnen auf sie zuflog.
Claire sah schon ihr Ende kommen, als das Tier mitten im Sprung von Markus Axt getroffen wurde. Die metallene Klinge traf den riesigen Hund an der linken Seite und schleuderte ihn durch die Wucht des Wurfes zur Seite.
So schnell der massige Hund aber auch wieder auf den Beinen war, der Physikstudent war schneller und rannte dem Tier, ohne lange zu überlegen, entgegen.
Er nahm die Axt, die nicht in den Körper des Tieres eingedrungen, sondern anscheinend von dessen Haut abgeprallt war, vom Boden auf und griff den Hund an.
Markus deutete eine Finte mit der Axt an und traf das Tier am Hals. Es knurrte wild und seine Schnauze mit den rasiermesserscharfen Zähnen zuckte vor.
Doch der Physikstudent wehrte den Angriff mit der Axt geschickt ab.
Es ertönte ein metallisches Geräusch, als die Klinge auf die Zähne des riesigen Hundes traf.
Nachdem sein Angriff ohne Erfolg geblieben war, wandte das Tier eine andere Taktik an.
Statt Markus Becker mit seinen Zähnen zu zerreißen, versuchte es der mutierte Hund diesmal mit seiner massigen Gestalt und dem entsprechenden Gewicht seines Körpers, den Physikstudent zu Fall zu bringen.
Doch Markus war auf den Angriff vorbereitet, wich zur Seite aus und schlug zu.
Claire wollte ihren Augen nicht trauen, als sie sah, wie Markus, ohne mit der Wimper zu zucken, dem riesigen Hund mit der Axt den Schädel spaltete. Blut spritzte in hohem Bogen aus der aufklaffenden Wunde und besudelte den Deutschen bis ins Gesicht, woraufhin dieser zu einem Berserker wurde. Er zog die Axt mit einem Ruck zurück und trat mehrmals auf das bewegungslose Tier ein.
Dan und Ken hatten dem ganzen Treiben stumm zugesehen und beobachteten, wie Markus noch mehrmals wütend auf den Schädel des Hundes einschlug, bis von diesem nur eine breiige Masse übrig blieb.
»Da hast du aber ganze Arbeit geleistet«, kommentierte Dan das Ende des mutierten Tieres und sah angewidert auf dessen Überreste.
»Wo hast du denn gelernt, so mit der Axt umzugehen?«
Markus schien verlegen drein zu blicken, als schäme er sich für seine blutige Tat, fand aber dann die richtigen Worte. »Ich bin ein großer Fan von den Filmen mit Errol Flynn und Robert Taylor. Taylors Rolle als Ivanhoe und Quentin Durward haben mich schon immer ziemlich fasziniert. Noch heute schaue ich mir die beiden Filme sehr gerne an. Irgendwann lernte ich auf einem Filmfestival einen Stuntman kennen, der mir einige Tricks und Kniffe des Schwertkampfes und des Fechtens beibrachte.«
»Das heißt«, kommentierte der Sportstudent Markus Worte, »du kennst dich richtiggehend im Schwertkampf und im Fechten aus?«
»Ja, so könnte man sagen. Harry, der Stuntman, war ein ziemlich guter Lehrer. Er brachte mir eine Menge bei. Leider starb er vor einigen Jahren.«
Ken war währenddessen ziemlich überrascht. Der sonst eher introvertierte Physikstudent war für seine Art ziemlich redselig geworden.
»Vielen Dank übrigens, Markus«, unterbrach Claire die Unterhaltung zwischen Markus und Dan. Ihr Dank kam etwas verlegen.
Nachdem der Physikstudent sie vor dem mörderischen Hund gerettet hatte, tat es der Geschichtsstudentin ziemlich leid, dass sie sonst so schlecht über ihn geredet und gedacht hatte. Aber sie musste zugeben, dass sie ihn immer noch etwas seltsam fand. Die Art und Weise, wie er den Hund erledigt hatte, fand sie doch einigermaßen befremdlich.
Markus schaute sie fragend an.
»Wofür?«
»Na, dafür, dass du mir das Leben gerettet hast, Sir Markus!«
Markus nickte und lächelte, als wäre sein Eingreifen die natürlichste Sache der Welt gewesen.
»Es war mir eine Ehre, Lady Claire«, erwiderte er und deutete eine Verbeugung an.
»Ein gewöhnlicher Hund scheint das aber nicht zu sein! Schaut mal, wie groß dieses Vieh ist«, meldete sich Ken zu Wort.
Der Informatikstudent blickte mit einem Anflug von Abscheu auf die Überreste des Tieres.
»Sieht nach einer neuen Züchtung aus«, erwiderte der Sportstudent, »aber welcher Verrückte würde so einen riesigen Hund wohl züchten wollen. Der ist ja fast so groß wie ein Pferd.«
»Na, jetzt übertreibst du aber ein bisschen. Das Vieh hat eher die Größe eines ausgewachsenen Ponys oder Esels«, mischte sich Ken wieder ein.
»Frankenstein lässt grüßen.« Claire, der der Angriff des Hundes immer noch in den Knochen steckte, versuchte, die Situation etwas aufzulockern. Doch als sie erneut ein Heulen irgendwo in der Ferne vernahm, wurde ihr Gesicht von einer Sekunde zur anderen aschfahl.
»Ach du Scheiße, gibt es von diesen Riesenkötern etwa noch mehr Exemplare?«, fragte Ken, dessen Gesicht auch keine gesunde Hautfarbe angenommen hatte.
»Ich glaube«, meinte Markus trocken, »wir sollten lieber von hier verschwinden. Wenn noch mehr von diesen ... äh ... Hunden hier herumschleichen, sieht es für uns nicht so besonders gut aus.«
»Aber wo sollen wir uns denn verstecken?«, meinte Claire.
»Wir wollten doch sowieso in das ehemalige Labor von Evans zurückkehren. Ich denke mal, dort sind wir wohl relativ sicher. Das heißt, wenn wir vorher nicht von weiteren Riesenhunden angefallen und in Stücke gerissen werden!«
»Sehr witzig«, kommentierte Dan Markus’ Worte.
Doch sonst hatten Dan, Ken und Claire keine Einwände und so verließen die vier Timetraveller, so schnell sie konnten, das Uni-Gelände, um einer Begegnung mit weiteren Exemplaren dieser seltsamen Hunderasse aus dem Weg zu gehen.
Eines hatten sie in der Aufregung noch gar nicht bedacht. Wie kamen sie zu Evans Labor?

Nachdem sie sicher die Wornall Road, an die der Campus grenzte, erreicht hatten, fragte Ken seine drei Mitstreiter: »Wie wollen wir denn nun eigentlich zu Evans Labor kommen?«
Dan blickte den Japaner fragend an.
»Wie meinst du das?«
»Darf ich euch daran erinnern, dass Dans Wagen vor dem Labor steht. Und zu Fuß ist es dorthin viel zu weit.«
»Du meinst, als wir die Reise im Oktober nach Ägypten gestartet haben«, warf Claire ein. »Weiß aber einer von euch, wo ihr eure Autos am 30. April abgestellt habt?« Der Japaner schien durch die Worte Claires etwas verwirrt.
»Hatten wir an diesem Tag nicht beschlossen, blau zu machen und irgendwo hinzufahren?«, meinte Dan.
»Und du, Markus?« Der Physikstudent überlegte.
»Keine Ahnung, aber ich glaube, ich war auch nicht an der Uni.«
»Na toll. Weiß also dann vielleicht einer von euch, ob zu Evans Labor oder in dessen Nähe ein Bus fährt?«, hakte der Japaner nach.
»Mmh, keine Ahnung«, erwiderte Markus. »Ich bin lange nicht mehr Bus gefahren. Ich weiß nur, dass es hier in der Nähe eine Bushaltestelle gibt, ob aber ein Bus in Richtung Labor fährt, kann ich nicht sagen.«
Die drei jungen Männer schauten Claire an.
»Ihr braucht mich gar nicht so anzusehen. Mein Name ist Hase. Ich weiß leider auch nicht, ob dorthin ein Bus fährt. Aber es müsste doch herauszufinden sein.« Die junge Studentin blickte sich um. »Lasst uns mal schauen, ob wir nicht irgendeinen Passanten fragen können. Irgendeine Menschenseele wird doch wohl zu finden sein! Lasst uns einfach ein Stück gehen.«
»Eine gute Idee«, stimmte Ken der Geschichtsstudentin zu.
Als die vier die Wornall Road entlanggingen, hatten sie Glück im Unglück.
Sie sahen drei Jugendliche, die ihnen auf der gegenüberliegenden Seite entgegenkamen.
Sie waren zwar etwas seltsam, genauer gesagt in robenartige Gewänder, gekleidet, aber Dan entschied sich, sie trotzdem anzusprechen.
»Lass das lieber sein, Dan. Vielleicht sind das ja Satanisten oder schlimmeres!«
Der Sportstudent drehte sich mit gerunzelter Stirn zu Claire um.
»Also langsam glaube ich, dass du das falsche Studium gewählt hast. Du hättest lieber Parapsychologie oder etwas anderes Okkultes studieren sollen.«
»Parapsychologie hat nichts mit Okkultismus zu tun«, unterbrach ihn Markus.
»Habe ich dich nach deiner Meinung gefragt?« Dan Simon reagierte sichtlich genervt. Doch Sekunden später bereute er seine Worte schon wieder. »Entschuldigt bitte, aber die ganze Situation, in der wir uns zurzeit befinden, hat so etwas, als spielten wir die Hauptrollen in einer Art Horrorfilm.«
»Schon gut, Dan. Wir sind alle etwas aufgeregt.« Alle fühlten das gleiche wie Dan. Der Sportstudent nickte nur. Er wollte gerade Anstalten machen, auf die gegenüberliegende Straßenseite zu gehen, um die drei Jugendlichen, trotz der Einwände Claires, anzusprechen, als Ken ihn am Arm packte und zurückhielt.
»Das gibt es doch nicht«, murmelte der Informatikstudent sichtlich erschrocken.
»Was ist denn jetzt schon wieder?«, erwiderte Dan und wollte sich gerade von Ken losreißen, als er sah, was der Japaner meinte.
»Ach, du Scheiße!« Dem Sportstudent stockte der Atem. »Das sind ja wir!« Die drei Jugendlichen schienen die vier Studenten unterdessen noch gar nicht wahrgenommen zu haben.

Claire, Dan und Ken wollten ihren Augen nicht trauen, als sie in nicht allzu weiter Entfernung ihre Ebenbilder die Straße entlang gehen sahen.
»Verdammter Mist, da haben wir die Bescherung und du hast es die ganze Zeit gewusst und kein Wort gesagt«, meinte Dan wütend zu Markus.
Der Physikstudent hob beschwichtigend die Hände. »Immer mit der Ruhe, Dan. Ich habe überhaupt nichts gewusst. Reg dich erst einmal ab.«
»Du brauchst es gar nicht erst zu leugnen!«
Als von Markus keine Antwort kam, sagte Dan: »Los, sag schon was!«
»Ich habe es nur in Erwägung gezogen, dass wir eventuell ...«
»Bullshit! Du hast es gewusst, verdammt noch mal. Gib es endlich zu!« Der Sportstudent schien langsam die Geduld zu verlieren, seine Nerven lagen blank.
»Und wenn ich es gewusst haben sollte und es euch gesagt hätte, hättet ihr mir sowieso kein Wort geglaubt oder es nicht glauben wollen.«
»Wir haben definitiv ein Problem«, stellte Ken fest.
»Da hast du verdammt noch mal recht!« Der Sportstudent war nun richtig wütend. Doch in Wahrheit war er nicht auf den Deutschen sauer, sondern auf sich selbst. Weil er überhaupt bei der Zeitreise nach Ägypten mitgemacht hatte. Weil er geglaubt hatte, ungehindert durch die Zeit reisen zu können, ohne einen Preis dafür zahlen zu müssen.
Irgendwie gab es aber immer einen Pferdefuß.
»Die Frage ist nur«, unterbrach Ken seine Gedanken, »warum wir keinen Markus Becker sehen. Wir haben gerade UNSERE ‚Doppelgänger’ gesehen, aber keinen von DIR, Markus!«
Ken, Claire und Dan sahen den Deutschen irritiert und mit fragenden Blicken an.
»Ihr werdet auch keinen Doppelgänger von mir auf dieser Welt finden.« Markus biss sich auf die Lippe. So hatte er das gar nicht ausdrücken wollen, doch nun war es raus.
»Wie meinst du das?«, fragte Claire auch schon.
»Naja, vielleicht ist mein Doppelgänger bereits auf dieser Welt verstorben oder wurde nie geboren.« Der Deutsche stotterte mehr, als dass man seinen Worten Glauben schenken konnte.
»Nein, nein, lenke jetzt bloß nicht ab. Du hast mit deinen Worten etwas ganz anderes gemeint. Also, was ist los? Was verschweigst du uns?«, hakte die Geschichtsstudentin nach.
»Ganz einfach. Ihr habt eure ‚Doppelgänger’ gesehen. Scheinbar seid ihr in dieser Welt dicke Freunde, und ich gehöre nicht dazu. Wenn doch, wäre ich folglich bei diesen drei seltsamen Robenträgern dabei gewesen. Die Möglichkeit, uns selbst zu begegnen ist eigentlich sehr gering, aber eben nicht unmöglich. Und hier seid ihr mir vielleicht noch nie begegnet, deshalb ist es nur logisch, dass wir meinem Doppelgänger nicht begegnet sind.«
Markus verstummte für einige Zeit und schaute auf die gegenüberliegende Seite, wo die ‚Doppelgänger’ gerade dazu übergingen, sich ihre Kapuzen über den Kopf zu stülpen.
‚Hätten sie das nur schon einige Minuten früher getan’, dachte der Physikstudent bei sich, ‚dann müsste ich jetzt nicht über diese Sache diskutieren.’
»Vielleicht gibt es mich hier gar nicht«, sprach Markus weiter, »oder dem Markus Becker dieser Welt ist etwas zugestoßen. Nur eine kleine Abweichung im historischen Ablauf und schon existieren bestimmte Personen in einer Parallelwelt nicht. Das könnte hier durchaus passiert sein. Es gibt Hunderte, vielleicht sogar Tausende verschiedener Möglichkeiten, die der Grund sein könnten. Ebenso, wie es Hunderte oder Tausende Parallelwelten gibt. Und in einer von diesen befinden wir uns anscheinend gerade!«
Wie Claire waren auch Dan und Ken von Markus Worten nicht im Geringsten überzeugt,
ließen es aber vorerst darauf beruhen, denn im Moment hatten sie ganz andere Probleme.
»Verdammter Mist. Aber wie kommen wir in unsere richtige Welt und Zeit zurück? Irgendetwas scheint doch wohl mit dieser beschissenen Zeitmaschine von Evans nicht ganz zu stimmen.«
»Könnte sein«, erwiderte Markus, »oder aber, wir haben etwas ganz Entscheidendes
übersehen.«
»Und das wäre?«, meldete sich Dan wieder zu Wort.
»Das könnte uns nur Matthew Evans erzählen.«
»Aber Evans ist mausetot. Er ist ermordet worden, wie du weißt.«
»Auf unserer Welt, Dan. Auf dieser Welt könnte er durchaus noch am Leben sein und seinen Forschungen nachgehen. Wenn es euch hier gibt, warum nicht auch den Professor?« Markus versuchte, die angespannte Situation ein wenig zu entschärfen, indem er diese Hoffnung aussprach.
»Das wäre eine Möglichkeit.«
»Und darum gehen wir zum Labor zurück?«, fragte Ken.
»Ja, das ist zurzeit unsere einzige Option. Und jetzt suchen wir verdammt noch mal eine Busstation, damit wir endlich hier wegkommen!«
»Und was tun wir, wenn der Matthes Evans auf dieser Welt kein Wissenschaftler ist und von Zeitreisen, Parallelwelten und dem Bau einer Zeitmaschine überhaupt keine Ahnung hat?«
»Dann haben wir ein noch größeres Problem, Dan, und stecken ziemlich tief in der Scheiße«, erwiderte Markus Becker.
Sie gingen weiter und hatten endlich mal Glück. Es fuhr tatsächlich ein Bus in Richtung des Instituts, und wie es aussah, konnte man diesen sogar kostenlos benutzen. Erklärte das, warum hier so wenige Autos unterwegs waren?

DAS LABOR

Die Inneneinrichtung des Labors hatte sich frappierend verändert. Wie die vier Timetraveller feststellen mussten, waren die meisten modernen Gerätschaften bis auf wenige Ausnahmen gänzlich verschwunden und anderen seltsamen Geräten und magisch angehaucht aussehenden Utensilien gewichen.
Das Labor sah nun fast so aus, wie sich der Normalbürger wohl eine mittelalterliche Alchemisten- oder Hexenküche vorstellen würde.
Auch die Gestalt, die im großräumigen Labor hektisch tätig war, passte in diese neuen Räumlichkeiten. Lange Haare und ein zotteliger Bart, die einen Teil des fülligen Gesichtes verbargen, und eine stämmige, untersetzte Gestalt steckte in einem Anzug mit Weste, der allerdings auch schon bessere Tage gesehen hatte.
War das etwa der berühmte Wissenschaftler und Nobelpreisträger Matthew Evans?
Zum Zeitpunkt seines Todes hätte er zweimal in diese Gestalt gepasst, aber das Gesicht kam ihnen allen, besonders Markus, doch vertraut vor.
Der Mann hatte die vier Besucher bemerkt, drehte sich zu ihnen um und fixierte sie mit seinen hypnotisch dreinblickenden Augen.
»Wen haben wir denn da«, begrüßte er die vier Ankömmlinge freundlich, »unerwarteter Besuch?«
»Sind Sie Evans, Matthew Evans?«
»Ja, in Lebensgröße. Und mit wem habe ich das Vergnügen?« Bei dem Wort Vergnügen blickte er anzüglich zu Claire.
»Entschuldigen Sie bitte unsere Unhöflichkeit. Mein Name ist Markus Becker. Das hier sind meine drei Freunde Claire Bancroft, Dan Simon und Ken Okumoto. Wir sind Studenten von der Avila Universität.«
Als der Wissenschaftler das Wort Studenten und Avila Universität hörte, zuckte er beinahe unmerklich zusammen. »Sehr erfreut«, erwiderte Evans schnell..
»Ein ekelhafter Kerl«, murmelte die Geschichtsstudentin, der die Blicke des Wissenschaftlers nicht entgangen waren. Sie bereute ihre Worte aber Sekunden später wieder, denn dieser Evans hatte sie trotz ihrer leisen Stimme gehört.
»Wenn ich Sie durch meine Blicke beleidigt habe, Miss Bancroft, dann bitte ich Sie um Entschuldigung. Aber wenn man wie ich Monate nur im Labor verbracht hat, ist man über jede schöne Abwechslung höchst erfreut. Ich hoffe, Sie nehmen meine Entschuldigung daher an!«
Claire nickte nur und wurde ein wenig rot.
Evans fuhr unterdessen fort. »Nicht immer ist der erste Eindruck entscheidend. Auch wenn ich«, der Wissenschaftler drehte sich kurz um und schaute in einen kleinen Spiegel, der hinter ihm an der Wand des Labors hing, »nicht gerade vorteilhaft aussehe. Aber das lässt sich schnell ändern.«
Vor den Augen der verdutzten jungen Leute murmelte Evans einige für sie unverständliche Worte und Sekunden später hatte sich sein Äußeres deutlich zum Positiven verändert.
Die langen Haare waren kurzgeschnittenen gewichen und der einst üppige Bart war nun auf eine gut ausrasierte Länge gestutzt.
»Magie!«, sagte der Wissenschaftler, der die fragenden Blicke der vier Studenten wohl richtig gedeutet hatte.
»Magie?«, erwiderte Dan. »Das ist doch Blödsinn. Es gibt keine Magie. Sie als Wissenschaftler müssten es doch schließlich besser wissen.«
»Eben. Magie ist auch eine Wissenschaft. Vielleicht die älteste, die die Menschheit je benutzt und gekannt hat!«
»Das ist doch vollkommener Quatsch«, schaltete sich auch Ken ein.
Evans schien sich über die Worte der beiden Männer nicht im Geringsten zu ärgern, im Gegenteil, er schien sich eher darüber zu amüsieren. »Wenn Sie meinen, meine Herren. Sie kommen nicht zufällig vom Lande?«
»Wie meinen Sie das denn?«, erwiderte Dan, der sich durch die Worte Evans‘ etwas beleidigt fühlte, da er tatsächlich vom Lande kam.
»Jedes Kind in der Stadt weiß doch, dass es Magie gibt. Nur die Leute vom Land sind in dieser Hinsicht etwas rückständig.«
»Rückständig?« Dan wollte nicht glauben, was er da hörte.
»Ja, die ländliche Bevölkerung glaubt anscheinend immer noch, dass Magie nichts anderes ist als Beschwörung und Anbetung von Dämonen und bösen Geistern. Was natürlich kompletter Unsinn ist. Ich will aber nicht verhehlen, dass es auch Magier gibt, die ihre Fähigkeiten anwenden, um böse Dinge damit anzustellen, aber die sind glücklicherweise in der Minderzahl. Aber böse Menschen und Verbrecher gibt es auch unter der ‚normalen’ Bevölkerung, die nicht Magie praktiziert.«
Die Timetraveller schauten Evans fassungslos an.
»Und was passiert mit diesen bösen Magiern?«
»Hexern«, verbesserte Evans Dan.
»Wie?«
»Die bösen Magier werden Hexer genannt, Mister Simon.«
»Hexer?«
Evans nickte.
»Gut. Dann eben Hexer. Ist doch völlig egal, wie die Typen heißen. Und was geschieht nun mit diesen Hexern?«
»Es gibt Gesetze, die Magie unter Privatpersonen und von nicht autorisierten Personen verbietet und unter Strafe stellt. Besonders die Benutzung von negativer Magie, wie es die Hexer praktizieren. Bei auffälligen Verhaltensweisen schaltet sich zudem die IFBI ein.«
»Die was?«
»Na, die Inquisitionsabteilung des FBI. Also, mir scheint, dass ihr vier tatsächlich vom Lande kommt. Ihr wisst ja überhaupt nichts.«
Bei dem Wort Inquisition verzog Claire angewidert das Gesicht. »Die Menschen scheinen wohl nichts gelernt zu haben«, schaltete sich die Geschichtsstudentin daraufhin ein.
»Wie meinen Sie das, Miss Bancroft?«
»Hat die Inquisition in all den Jahrhunderten nicht schon genug Unheil und Leid über die Menschheit gebracht?«
»Ich stimme Ihnen da voll und ganz zu, aber die Spezialabteilung des FBI kann man nicht unbedingt mit der damaligen Inquisition vergleichen. Jedenfalls nicht im engeren Sinne.«
»Was heißt nicht im engeren Sinne?«, fragte Claire weiter.
»Na, es gibt zwar Gerüchte, dass Menschen für immer verschwunden sind, nachdem die IFBI sie verhaftet hat, aber das sind meiner Meinung nach eben nur Gerüchte, die sich nicht beweisen lassen.«
»Und wer hat diese Abteilung gegründet?«, fragte Markus Becker den Wissenschaftler.
»Das Weiße Haus.«
»Also der Präsident George Bush.«
»Bush wer?«, wollte Evans erstaunt wissen.
»Na, der Präsident der Vereinigten Staaten.«
Evans fixierte Dan. »Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen. Unser Land hat keinen Präsidenten.«
»Keinen Präsidenten? Was haben wir denn dann?« Dan wurde das alles langsam unheimlich.
»Eine Präsidentin. Im Weißen Haus sitzt eine Frau, genauer gesagt Hillary Clinton, die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika, wenn Sie es genau wissen wollen.«
»Aber ...«, wollte Dan einwenden.
»Nichts aber.« Evans schaute die Studenten an, als hätte er es mit Verrückten zu tun. »Darüber gibt es nichts zu diskutieren, meine Herren und meine Dame, Hillary Clinton ist die Präsidentin der USA! Wo leben Sie denn, etwa auf dem Mond?«
»So könnte man es sagen«, erwiderte Dan.
»Was meinen Sie denn damit schon wieder?«
»Ich glaube, Mr. Evans«, antwortete Claire, »wir müssen Ihnen da einiges erklären. Ich hoffe, Sie halten uns danach nicht tatsächlich für Verrückte, die aus der Irrenanstalt ausgebrochen sind!«

Matthew Evans hatte den Worten der Geschichtsstudentin stumm, aber interessiert, zugehört und sie kein einziges Mal unterbrochen, was Claire schon etwas merkwürdig fand und in Erstaunen versetzte.
Den Angriff mit dem mutierten Hund und die Begegnung mit ihren Ebenbildern hatte sie allerdings ausgelassen. Evans brauchte schließlich vorerst nicht alles zu wissen.
»Ihr vier stammt also aus einer Parallelwelt. Und diese ... äh ... Zeitmaschine hat mein Namensvetter, der ermordet wurde, in eurer Welt hergestellt?«
»Genau«, erwiderte Claire, die überrascht war, wie ruhig der Wissenschaftler alles aufgenommen hatte.
»Dann ist es also doch möglich«, sagte Evans.
»Was ist möglich?«, fragte ihn die Geschichtsstudentin.
»Na, das Reisen durch die Zeit!« »Sie nehmen alles so ruhig auf. Ich hoffe, Sie halten uns nicht für komplett durchgeknallt?«
Evans lächelte. »Ich habe schon die merkwürdigsten Dinge erlebt, aber eure Geschichte ist trotzdem etwas Besonderes. Das muss ich ohne Umschweife zugeben.«
Evans haderte kurz mit sich, doch dann stellte er die Frage, die die Zeitreisenden befürchtet hatten. »Kann ich eure Zeitmaschine einmal sehen?«
Claire schaute zu Dan, Dan zu Ken und Ken schließlich zu Markus. Als alle stumm nickten, kramte Markus das Gerät aus seinem Rucksack hervor und legte es auf einen langen Tisch, der als einziger im Labor nicht von magischen und sonstigen geheimnisvollen Utensilien belegt war.
Evans ging in die Hocke und begutachtete einige Minuten lang stumm und sichtlich fasziniert die geheimnisvolle Maschine, die sein ‚Doppelgänger’ in einer anderen Welt, einer so genannten Parallelwelt, erschaffen hatte.
»Interessant«, murmelte der Magier. »Äußerst interessant. Darf ich sie anfassen?«
»Natürlich, Mister Evans«, antwortete Markus.
Evans berührte mit seinen Fingern vorsichtig den Glaszylinder und betrachtete fasziniert das Gewirr der Kabel im Inneren und das Gebilde, dass an das Aussehen einer futuristischen Glühbirne erinnerte.
»Und wie aktiviert man diese Zeitmaschine?«
Markus packte die Maschine mit seiner rechten Hand und zeigte mit der anderen auf die Tastatur mit dem Display darüber.
»Aha«, meinte Evans nur kurz. »Und statt in die Vergangenheit zu reisen, macht sie stattdessen beides. Sie reist zwar in die Vergangenheit, aber in eine Vergangenheit der vielen Parallelwelten, die nebeneinander und für uns Menschen unbemerkt existieren?«
»So könnte man es sagen«, erwiderte Markus Becker.
»Das heißt, entweder hat der Matthew Evans in eurer Welt etwas falsch gemacht, als er die Zeitmaschine baute oder aber das Reisen in Parallelwelten war von Anfang an von ihm beabsichtigt. Es könnte aber auch ein Nebeneffekt des Zeitreisens an sich sein.«
»Ein Nebeneffekt?«, fragte ihn Markus erstaunt. »Wie meinen Sie das?«
»Es gibt ja die verschiedensten Theorien über das Zeitreisen, aber um sie euch alle zu erklären, wäre ich wahrscheinlich Tage lang beschäftigt.
Wenn ich mir diese Zeitmaschine von Evans allerdings so betrachte, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass eine enorme Energie bei der Benutzung der Maschine freigesetzt wird. Dadurch könnte ein Riss in der Zeit entstanden sein, der es euch ermöglichte, in eine der vielen nebeneinander existierenden Parallelwelten zu reisen.« »Seien Sie mir nicht böse, Mister Evans. Das ist ja alles schön und gut, aber die Frage ist nach wie vor, was wir jetzt machen sollen. Wir wollen in unsere Welt und in unsere Zeit zurück, aber dadurch, dass die Maschine nicht richtig funktioniert und sie auch nicht richtig zu steuern ist ...«
»Ich verstehe, Mr. Simon«, erwiderte Evans. »Diese Glühbirne im Inneren der Maschine, was hat sie für eine Aufgabe?«
»Keine Ahnung«, erwiderte Markus.
»Sie erinnert mich an etwas«, sprach Evans weiter, »an etwas, das ich irgendwo schon einmal in irgend einem Buch gesehen habe. Kommt mal mit!«
Der Magier öffnete eine Tür zu einem weiteren, riesigen Raum, der mit Büchern regelrecht vollgestopft war.
»Meine geheime Bibliothek«, beschrieb Evans diesen Raum mit einem Anflug von Stolz. »Seit die Regierung viele Bücher verboten hat, ist es von größter Wichtigkeit, Exemplare dieser verbotenen Bücher zu retten, zumal sie ein immenses Wissen beinhalten.«
»Einen Computer besitzen sie wohl nicht?«, fragte Claire.
»Und Internet?«, meinte Ken.
»Nein, Computer und besonders das Internet können überwacht und angezapft werden. Und werden auch von der Regierung oder besser gesagt, von den Regierungsapparaten, überwacht. Ich vertraue da lieber auf meine guten alten Bücher und meine magischen Fähigkeiten, die mich bis jetzt noch nie im Stich gelassen haben. Aber lasst mich mal gerade etwas nachschauen.«
Evans kramte sich durch diverse Regale, wurde letztendlich und schon nach wenigen Minuten fündig.
»Hier habe ich es«, sagte Evans stolz und zeigte seinen Gästen ein in Leder gebundenes Buch, das schon ziemlich abgegriffen wirkte. »Nikolai Tesla’s verschollene Erfindungen«, las Evans laut vor und zeigte den Studenten eine Zeichnung aus dem Buch, die große Ähnlichkeit mit der futuristischen Glühbirne im Inneren ihrer Zeitmaschine hatte. »Nikolai Tesla war ein wissenschaftliches Genie. Er war es, nicht Edison, der das gebräuchliche Wechselstrom-System entwickelte. Und Tesla war es auch, und nicht Marconi, wie viele annehmen, der das Radio erfand. Tesla starb im Alter von 86 Jahren.
In seinem letzten Lebensjahr arbeitete er an der sogenannten Teleforce, der Fernkraft und der drahtlosen Energieübertragung durch die Erde. Sein Tod leitete ein Umdenken der amerikanischen Regierung ein. Nachdem die meisten von Teslas Aufzeichnungen und Papieren verschwunden waren, wurden bestimmte wissenschaftliche Forschungen verboten und gerieten unter die Kontrolle der Regierung und deren Geheimdienste.
Der letzte Wissenschaftler, der sich der Kontrolle der Regierung danach noch entziehen konnte, war Albert Einstein, doch dieser verließ mit vielen anderen Wissenschaftlern 1949 die USA und ging zurück nach Europa.
In den USA kam es danach zum Aufkeimen von okkulten Vereinigungen, die wie Pilze aus dem Boden schossen. Menschen, die ihre magischen und übersinnlichen Begabungen lange unterdrückt hatten, gingen an die Öffentlichkeit und gründeten die ersten Schulen der Magie.
Die Regierung reagierte darauf, in dem sie die IFBI, die Inquisitionsabteilung des FBI, gründete.
In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden dann die ersten Gesetze verabschiedet, um das Praktizieren von Magie in der Bevölkerung zu unterbinden, was zu erheblichen Unruhen in der Bevölkerung führte. Es kam daraufhin zu einer Verhaftungswelle, wie sie die USA noch niemals zuvor erlebt hatte.
Seitdem kontrollieren die Regierung, das FBI und die Geheimdienste des Landes die Bürger und vergeben Konzessionen nur an ausgesuchte Personen, die Magie ausüben dürfen. Und nur diese Personen dürfen diese dann auch praktizieren.«
»Und zu diesen ausgesuchten Persönlichkeiten gehören auch Sie, Mister Evans?«
»Das würde ich nicht gerade behaupten, Mister Becker, aber ich habe das Magister Magicus-Diplom und darf somit Magie ausüben, aber ...« Evans machte eine kurze Pause, als müsste er sich seine nächsten Worte genau überlegen.
»Aber?«
»Aber offiziell bin ich Professor für angewandte Magie in den Naturwissenschaften. Seit allerdings die Avila-Universität vor 5 Jahren geschlossen wurde, gehe ich meinen eigenen Forschungen nach.«
»Die Universität wurde geschlossen?« Dan sah Evans ungläubig an. »Warum das denn?«
»Laut Regierungsbehörden war die Universität die Keimzelle einer Hexenbewegung, die sich Ordo Hereticus nennt. Nachdem es dem FBI allerdings nicht gelang, diese Bewegung trotz langjähriger Verfolgung auszumerzen, wurde die Universität einfach geschlossen und die Studenten auf andere Universitäten im Lande verteilt.«
»Und was wurde aus dem Ordo Hereticus?«, wollte Claire wissen und dachte dabei an ihre drei Doppelgänger, die Kutten getragen hatten.
»Die Avila-Universität ist nach wie vor einer ihrer Stützpunkte. Besonders in der Nacht zur Walpurgisnacht sind sie dort aktiv. Gerüchte besagen, dass sie Kinder verschleppen und diese in seltsamen und blutigen Riten opfern.«
»Die Mitglieder dieser Bewegung tragen nicht zufällig grüne Kutten?«, fragte ihn Claire.
»Ja, warum fragen Sie?«
Die Geschichtsstudentin erzählte Evans von ihrer Begegnung mit drei Jugendlichen auf der Wornall Road, wobei sie das Phänomen der ‚Doppelgänger’ aber als solches ausließ.
»Das ist ja interessant. Vor allem um diese Uhrzeit. Um aber auf Ihre Frage zurückzukommen. Ja, die Mitglieder des Ordo Hereticus tragen grüne Kutten oder Roben. Die Farbe grün soll übrigens ihre Verbindung zur Natur und den Naturreligionen versinnbildlichen.«
»Und sind sie wirklich so gefährlich, wie die Regierung behauptet?«
Evans sah Claire einige Sekunden lang schweigend an.
»Die Regierung behauptet viel, wenn der Tag lang ist«, antwortete der Magister Magicus.
»Sie glauben also nicht daran?«
»Nein, die Regierung ist eine Meisterin darin, Halbwahrheiten und Falschmeldungen unter der Bevölkerung zu verstreuen. Und ihre ausführenden Organe sind da noch weit schlimmer. Aber was sollen wir uns länger über den Ordo Hereticus unterhalten. Wir müssen uns um euer Problem kümmern. Schließlich wollt ihr doch nicht euer Leben lang auf dieser Welt festsitzen, in die ihr nicht gehört. Oder?«
»Nein, bestimmt nicht«, erwiderte Dan, dem der Wissenschaftler überhaupt nicht geheuer war, zumal er zugegeben hatte, ein Magier zu sein, was an sich schon unglaubwürdig war.
»Gut, ich kenne da einen guten alten Freund, der sich mit den Forschungen Teslas lange Jahre beschäftigt hat und sich sehr gut damit auskennt. Nikola Tesla ist sozusagen eines seiner Steckenpferde. Wenn uns also einer helfen kann, dann er.«
»Dann lassen Sie uns gehen«, meinte Claire. »Ich will nicht länger als notwendig hier festsitzen. Ist es weit zu Ihrem Freund?«
»Nein, aber ich an eurer Stelle würde mich heute um diese Zeit nicht mehr auf die Straßen wagen«, bemerkte der Magier.
Die vier Zeitreisenden sahen Evans fragend an.
»Oder wollt ihr etwa den Suchern in die Hände fallen?«
»Den Suchern?« Wieder fragende Blicke, doch Claire stellte die Frage, mit der sie ins Blaue traf. »Sind das etwa pferdegroße Hunde mit leuchtenden Augen?«
»Na ja, so groß wie Pferde sind sie zwar nicht gerade, aber sonst habt ihr recht. Ihr seid ihnen also schon begegnet. Und seid noch am Leben? Erstaunlich.«
»Was sind diese Sucher?«, fragte Claire neugierig weiter.
»Die magische Forschungsabteilung des IFBI kreierte nach den Unruhen in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts diese genetisch und mit Magie veränderten Hunde, um die Feinde des Staates aufzuspüren. Was auch immer die Regierung darunter versteht. So zum Beispiel Privatpersonen, die sich ohne Erlaubnis der Regierung mit Magie beschäftigen oder sie praktizieren, aber auch diejenigen, die verbotene Technik benutzen.« Evans seufzte.
»Verbotene Technik? Ist hier denn überhaupt noch etwas erlaubt?«
»Ja und nein. Handys und so ein Kram sind verboten oder werden überwacht. Aber ich glaube, ihr bekommt wegen der vielen Verbote auch eine falsche Vorstellung von dieser Welt. Die Menschen hier kennen es nicht anders, für die sind diese Umstände normal.«
»Und was benutzt man stattdessen zum Telefonieren?«
»Das gute alte Telefon natürlich oder habt ihr auf eurer Welt etwa keine Telefone?«
»Natürlich haben wir die. Aber fast jeder hat auch ein Handy.« Dans Stimme klang fast schon beleidigt, denn für ihn war ein Leben ohne ein mobiles Telefon gar nicht mehr vorstellbar.
»Erstaunlich«, erwiderte Evans im sarkastischen Ton.
Claire blickte Dan böse an, der anscheinend etwas gegen den Magister Magicus hatte.
»Benimm dich«, sagte die Geschichtsstudentin leise zu Dan, der darauf aber nicht reagierte.
»Das heißt, der Sucher ist höchstwahrscheinlich deshalb auf uns aufmerksam geworden, weil wir mit der Zeitmaschine in diese Welt gekommen sind und damit eine unbekannte Technik benutzt haben.«
Der Magister Magicus nickte. »Ja, könnte durchaus sein, Miss Bancroft. Dieser Sucher muss die Spuren der fremden Energie eurer Maschine gespürt haben. Ihr müsst sie nicht vielleicht zufällig anfassen, wenn ihr durch die Zeit reist?« Evans legte den Kopf bei dieser Frage etwas schräg, was ihm einen lauernden Ausdruck verlieh.
»Doch, das müssen wir.«
»Dann haben wir ein weiteres Problem«, stellte Evans trocken fest.
»Und das wäre?«, fragte Dan scharf.
»Was werden die ... äh ... Kollegen des Suchers wohl machen, wenn sie ihren toten Kameraden finden? Eure Spur aufnehmen und bis hierhin verfolgen.«
»Aber wir haben doch den Bus genommen«, antwortete Claire.
»Das spielt für diese Wesen überhaupt keine Rolle. Die Sinne der Sucher sind äußerst empfindlich und außerdem haben wir heute Walpurgisnacht.«
»Was hat denn die Walpurgisnacht mit den Suchern zu tun?«, schaltete sich nun Ken ein.
»Sehr viel«, erwiderte Evans ernst. »In der Walpurgisnacht sind diese Viecher besonders aktiv und zudem schnüffeln die Inquisitoren des FBI besonders in dieser Nacht in der Stadt herum.
Und schnüffelnde Beamte des FBI kann ich in meinem Labor nun gar nicht gebrauchen.«
»Wieso, Mister Evans, haben Sie etwas zu verbergen?«, kam Dans Frage wie aus der Pistole geschossen.
»Hat das nicht jeder von uns, Mister Simon?«
Der Sportstudent blieb dem Magister Magicus eine Antwort schuldig, als unerwartet an die Tür zum Labor geklopft wurde.

Der FBI-Inquisitor William Taylor streichelte zärtlich den großen Hund, eine seltsame Mischung aus Dogge und Boxer, der ruhig neben ihm stand.
Die markantesten Markenzeichen des FBI-Agenten waren seine dunklen Augen mit dem stechenden Blick, der vielen seiner Mitmenschen Unbehagen bereitete, und sein pockennarbiges Gesicht.
Der Hund neben ihm jaulte kurz auf.
»Na, Ferox, hast du etwas entdeckt?«, sagte Taylor zu dem Tier und tätschelte dessen Kopf.
Der große Hund schien die Worte des 1,90 Meter großen Mannes verstanden zu haben, denn er blickte mit seinen intelligenten Augen zu seinem Herrchen auf und wedelte mit dem Schwanz.
Schon seit Monaten verfolgte Taylor die Spur einer Gruppe von Ritualmördern, die sich vom Ordo Hereticus abgespalten hatte und nun ihre eigenen, blutigen Werke vollbrachte.
Dem FBI-Agenten schauderte es, als er an die verstümmelten Leichen dachte, die seine Kollegen erst gestern am frühen Morgen in einem verlassenen Lagerhaus gefunden hatten.
Ein ihm unbekannter Informant hatte die Beamten auf die Leichen aufmerksam gemacht.
Taylor überprüfte seine Dienstwaffe, eine Sig Sauer SP 2022.
Die Waffe gehörte zwar nicht zur Standardausrüstung des FBI, aber sie ermöglichte ihm als Linkshänder eine individuelle Anpassung an seine Bedürfnisse, was die Ausstattung eines Schalldämpfers sowie Laser-und Lichtmodul mit einschloss.
Der FBI-Agent wechselte vorsichtshalber noch einmal das Magazin. Es war zu einer Art Macke von ihm geworden, halb leere Magazine in einer separaten Innentasche seiner Lederjacke zu sammeln.
Währenddessen bemerkte er drei Gestalten, die den ehemaligen Campus der Avila-Universität betraten.
»Da haben wir ja die Dreckskerle«, murmelte der FBI-Agent und folgte ihnen lautlos.

»Erwarten Sie noch weiteren Besuch?«, fragte Markus Evans.
»Nein, nicht das ich wüsste.«
Erst als es erneut klopfte, diesmal intensiver, setzte sich der Magister Magicus in Bewegung.
Evans öffnete vorsichtig die Tür und sah sich mit einem großgewachsenen, aber ziemlich dünnen Mann konfrontiert.
»Professor, was machst du denn hier?«
»Störe ich?«
»Nein, komm herein.«
»Ich ...«, doch der Neuankömmling schwieg abrupt, als er die vier jungen Leute bemerkte.
»Ich wollte nicht stören, Matthew.«
»Du störst nicht. Darf ich vorstellen, Claire Bancroft, Markus Becker, Ken Okumoto und Dan Simon. Novizen der Magie und angehende Magister Magicus.«
Evans zwinkerte den vier Zeitreisenden unbemerkt zu.
»Sehr erfreut, meine Herren, meine Dame. Darf ich dich kurz unter vier Augen sprechen?«
»Nun zier dich nicht so, Professor. Du kannst frei sprechen. Die vier werden nichts verraten, was auch immer sie von dir zu hören bekommen.«
Der Angesprochene nickte, zögerte aber und schien zu überlegen. Doch dann sagte er: »Das FBI schnüffelt mal wieder herum.«
»Das ist nichts neues, Professor. Das FBI steckt überall seine Nase rein, besonders dort, wo sie nicht hingehört.«
»Aber sie sind kurz davor, die Maschine zu entdecken!«
Evans blickte kurz zu seinen Gästen, die das Gespräch mit Interesse verfolgten.
»Das ist natürlich etwas anderes und weniger schön.«
Evans wandte sich an Claire, Dan, Ken und Markus. »Das heißt also, wir müssen uns doch auf den Weg machen. Ich hasse es, in der Walpurgisnacht durch die Straßen der Stadt zu schleichen. Aber bevor wir gehen, muss ich dir noch etwas über unsere vier Gäste im Vertrauen erzählen.«
Der Professor hörte interessiert zu, schaute dabei aber immer wieder zu den vier Zeitreisenden hinüber.
»Ist das wirklich wahr?«
Evans nickte.
»Willst du ihre Zeitmaschine sehen?«
»Nein, ich glaube dir schon. Dann könnten sie uns vielleicht auch bei unserem Problem ...«
»Später Professor. Erst müssen wir uns um das FBI kümmern und die Maschine in Sicherheit bringen!«

Inquisitor William Taylor zählte etwa ein halbes Dutzend Gestalten, die lässig mitten auf dem Campus-Gelände standen und sich unterhielten. Nachdem etwa eine halbe Stunde vergangen war, kamen weitere Gestalten in braunen Roben mit Bierkästen und weiteren alkoholischen Getränken bewaffnet dazu und sie begannen mit ihrer Party.
»Na, prima«, murmelte der FBI-Agent. »Da haben wir wohl die Falschen verfolgt und umsonst gewartet, Ferox.«
Der Hund blickte auf, begann aber augenblicklich zu knurren.
Taylor, der gerade im Begriff gewesen war, sich in Bewegung zu setzen, um zu seinem Auto zurückzukehren, blieb abrupt stehen und zog seine Waffe. Sekunden später war er auch schon von etwa 5 Personen umringt, die mit Messern bewaffnet waren.
»Was willst du hier, Schnüffler?«, begrüßten sie den FBI-Agenten.
»Immer sachte, meine Herren«, antwortete Taylor ruhig und zeigte ihnen seinen Dienstausweis. Dieser und seine Dienstwaffe schien die Gestalten, die sich irgendwelche Rauschmittel rein gepfiffen hatten, aber nicht im Geringsten zu beeindrucken.
»Auch FBI-Agenten, oder besser gesagt besonders FBI-Agenten, haben hier nichts zu suchen«, plusterte sich der Anführer auf. »Wir werden dir jetzt zur Strafe den Arsch aufreißen, das soll allen ...« Doch weiter kam er nicht, denn nun trat Ferox in Aktion und hatte ihn als sein erstes Opfer auserkoren.

»Bevor wir das Labor allerdings verlassen, zieht ihr besser diese Roben über. Ich hoffe, sie passen«, sagte Evans und warf den Studenten die Kleidungsstücke entgegen, die der Magister Magicus irgendwo ,hergezaubert’ hatte.
»Weiß?«, fragte Claire.
»Ja, weiß ist die Farbe eines Novizen der Magie. So werden wir, falls wir aufgehalten werden sollten, keine Schwierigkeiten mit den Ordnungskräften bekommen.«
Nachdem sich die jungen Leute die Roben übergezogen hatten, verließen sie mit Evans und dem Professor an der Spitze das Labor.

Draußen herrschte unterdessen reges Treiben.
Die Walpurgisnacht schien zu einer Art Volksfest verkommen zu sein.
Überall sah man Jugendliche mit Bierflaschen bewaffnet durch die Straßen wanken, die grölend, falsch und schrill ihre Liedchen trällerten. Aber auch Sekt und Spirituosen gehörten zu den bevorzugten Getränken und ließen den Alkoholpegel zusehends steigen.
»Ein ziemlicher Volksauflauf«, meinte Markus.
»Ja, heutzutage nehmen die Menschen jede Gelegenheit wahr, um sich volllaufen zu lassen. Das ist in letzter Zeit bei den Jugendlichen besonders schlimm geworden. Ist das bei euch zu Hause denn viel anders?«, kommentierte Evans das Treiben.
»Nein, leider nicht«, musste Markus zugeben.
Dem Professor und Evans sowie den vier Studenten in den weißen Roben wurde von den feiernden Jugendlichen und Erwachsenen keine größere Beachtung geschenkt, waren sie doch durch andere Dinge abgelenkt.
So erreichten sie ohne Probleme den Land Rover des Professors, der in der Nähe des Labors geparkt war, und waren Sekunden später unterwegs, um die Maschine, wie sie der Professor genannt hatte, vor dem FBI in Sicherheit zu bringen.

Ferox Zähne hatten noch immer die Eier des Anführers im Griff, während Taylor die vier anderen Halbstarken mit seiner Pistole in Schach hielt.
»Ihr Pfeifen habt jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder, ihr werft alle Waffen, die ihr noch unter eurer Kleidung versteckt habt, zu Boden, oder ich loche euch alle für mehrere Jahre ein. Ihr wisst doch wohl, welche Strafe ein Angriff auf einen Agenten des FBI nach sich zieht?«
Die Angesprochenen blickten zu ihrem Anführer, dessen Gesicht aschfahl geworden war und auf dessen Stirn sich Schweißperlen gebildet hatten.
»Tut ...was ...er sagt«, kam es stockend aus seinem Mund.
Nach und nach entschieden sich die Halbstarken, dem Befehl ihres Anführers Folge zu leisten. So kamen diverse Waffen wie Messer, Schlagringe und sogar eine Pistole zum Vorschein, für die Taylor sie am liebsten in den Hintern getreten hätte.
Nachdem sie schließlich nicht mehr bis an die Zähne bewaffnet waren, war der Anführer an der Reihe. Taylor rief Ferox, der sich aber nur sehr widerwillig von seinem Zangengriff lösen wollte. Doch schließlich trottete er zu seinem Herrchen und nahm neben ihm Platz.
Nachdem sich auch der Anführer entwaffnet hatte, nahm der FBI-Agent noch die Personalien der fünf jungen Männer auf.
»Ihr geht jetzt alle schön in die Hocke und streckt eure rechten Arme aus.«
»Muss das sein?«, entgegnete einer der Jugendlichen.
»Wollt ihr unbedingt in den Knast?«
»Nein!«
»Dann haltet den Mund und tut, was man euch sagt. Und du, Ferox, passt auf, dass die Jungs keinen Unsinn machen!« Der Hund sah sein Herrchen verstehend an und lief langsame Kreise um die am Boden hockenden Jugendlichen.
Taylor holte einen kleinen Scanner aus der Innentasche seiner Lederjacke und fuhr jedem der fünf Jugendlichen über den rechten Unterarm. Jedem Bürger der USA wurde nach seiner Geburt eine Chipkarte dort implantiert, dessen Daten der Scanner nun las.
»Und was machen Sie jetzt mit unseren Daten?«, fragte der Anführer.
»Gar nichts. Das heißt, wenn ihr die nächsten Monate nicht wieder auffällig werdet. Ansonsten ... !« Taylor ließ seine weiteren Worte unausgesprochen. »Haben wir uns verstanden?« Die Jungs nickten und verließen wie begossene Pudel das Uni-Gelände.
»Die Frage ist vielmehr«, wandte sich Taylor an Ferox, »was machen wir mit diesem Waffenarsenal?«

DER PROFESSOR

»Wo fahren wir eigentlich hin?«, fragte der Sportstudent Evans.
»Da das FBI mit Sicherheit das Haus des Professors beobachten lässt, werden wir einen anderen Weg dort hinein nehmen müssen als üblicherweise durch die Eingangstür.«
»Und der wäre?«, wollte Dan weiter wissen.
»Lasst euch einfach überraschen!«
Nach einer etwa 20minütigen Fahrt erreichten sie ein altes Lagerhaus, in dem sie den Land Rover des Professor versteckten. Danach öffnete Evans einen Kanaldeckel, der sich im Inneren des Gebäudes befand und kletterte hinunter.
»Bring noch ein paar Taschenlampen mit, Professor«, rief der Magister Magicus von unten.
Der Professor murmelte etwas Undefinierbares vor sich hin, verschwand für kurze Zeit und kam mit fünf Taschenlampen zurück, von denen er vier den Zeitreisenden reichte.
Danach stieg er ebenfalls, gefolgt von Claire, Markus, Ken und Dan, in die Unterwelt von Kansas City hinunter.
Markus blickte sich um. »Was sind das für Gänge? Alte Arbeiterstollen?«
»Nicht ganz«, erwiderte Evans, der eine Fackel in Händen hielt. »Diese Gänge stammen noch aus der Zeit des Amerikanischen Bürgerkrieges. Wie ihr wisst, war Missouri nicht den Südstaaten beigetreten, sondern in der Union verblieben. Doch es gab nichtsdestotrotz noch viele Bewohner in Missouri, u. a. auch hier in Kansas City, die die Konföderierten unterstützten. Viele verloren dabei ihr Leben.«
»Und die haben sich hier verborgen?«, fragte ihn Claire, deren geschichtliche Neugierde geweckt war.
»Unter anderem. Hier sollen in diversen Nebengängen sogar Gräber vorhanden sein. Manche munkeln auch von geheimen Kammern, worin die Anhänger der Konföderierten Gewehre, Munition und Geld versteckt haben sollen.«
»Haben Sie schon mal danach gesucht?«
»Nein«, erwiderte Evans. »Die Toten soll man in Frieden ruhen lassen. Folgt mir!«

William Taylor wurde, während er zu seinem Auto zurück ging, böse von den Jugendlichen angeschaut. Aber sie machten einen Bogen um ihn, da sie großen Respekt vor Ferox hatten, den sie für einen Sucher hielten. Was der Hund jedoch nicht war.
»Ein bisschen Angst schadet diesen Rotzgören ganz und gar nicht, oder was meinst du?« Der Hund bellte als Antwort kurz auf, was zwei Jugendliche dazu veranlasste, zur Seite zu springen, da sie einen erneuten Angriff des Tieres befürchteten.
Der FBI-Agent grinste über die kleine Show, die Ferox und er abzogen hatten und genoss den kleinen Spaß sichtlich.
Nachdem er den Karton mit den Waffen der Jugendlichen im Kofferraum verstaut hatte, stieg er in den Wagen und wurde dort über Funk beauftragt, einen FBI-Einsatz zu unterstützen.
»Scheint eine große Sache zu sein«, sprach er zu seinem vierbeinigen Begleiter. »Schnall dich an, Ferox, es geht los.«
Der Hund, der auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte, gähnte nur als Antwort über den doch schon ziemlich abgestandenen und alten Witz Taylors.

Die Timetraveller betraten hinter Evans und dem Professor durch eine Geheimtür den Keller eines modern eingerichteten Hauses.
»Kein Licht«, warnte der Professor. »Wir gehen in die hinteren Räumlichkeiten. Dort sind keine Fenster!«
Alle folgten ihm und als der Professor die Tür eines Zimmers öffnete, gingen sie ohne zu zögern hinein. Keiner kam auf die Idee, dass es sich um eine Falle handeln könnte. Sie vertrauten Evans, der dem Professor vertraute, wurden aber schnell eines Besseren belehrt.
Als hinter ihnen die Tür zufiel und abgeschlossen wurde, ging ihnen das berühmte und berüchtigte Licht auf. Evans fuhr herum, aber es war bereits zu spät.
»Professor, was soll das!« In seiner Stimme schwang ein Anflug von Zorn, der sich noch steigerte, als er mit zwei gezielten Tritten die Tür malträtierte. Aber nichts geschah. Sie erbebte für einen Moment, blieb aber verschlossen.
»Du verdammter Bastard. Mach sofort die Tür auf!«
Statt einer Antwort erscholl hinter der Tür nur ein irres Kichern.
»MACH DIE TÜR AUF! SONST ...!«
»Was sonst?«, war die Stimme des Professors zu vernehmen. »Ihr werdet so lange da drin bleiben, bis ich die Maschine geholt habe und verschwunden bin. Das FBI wird sich danach um alles Weitere kümmern. Auch um euch. Besonders um euch!«
»Ich habe dich gewarnt, du hinterhältiges Schwein!« Evans war mehr als wütend, er bebte vor Zorn und ging einige Schritte von der Tür zurück. Dann deutete er den Zeitreisenden an, sich vorsichtshalber hinter ihn zu stellen.
Sekunden später brach die totale Zerstörung über die Tür herein.

Als William Taylor sein Ziel erreicht hatte, beobachtete er einige Zeit aus dem Wagen heraus, wie sich vier komplette Teams der Inquisitionsabteilung des FBI für ihren Einsatz bereit machten. Er erkannte auch einige Sucher und beschloss, das Ferox besser im Auto bleiben sollte, denn der Hund hatte sich noch nie sehr gut mit den Suchern vertragen. Was auf Gegenseitigkeit beruhte.
Ferox schaute Taylor beleidigt an, als dieser dem Tier klar machte, dass es den FBI-Agenten nicht begleiten durfte.
»Du brauchst mich gar nicht so anzuschauen. Du bleibst hier!«
Taylor stieg aus dem Wagen und schloss ihn ab. Eine Vorsichtsmaßnahme. Danach ging er zum Einsatzleiter, um sich über den bevorstehenden Einsatz zu informieren.
»Haben Sie vor, den Satan persönlich zu verhaften oder was soll diese ganze Zurschaustellung von Macht?«
Richard McEwan sah ihn böse an. »Sehr witzig, Agent Taylor! Wir haben den Anführer des Ordo Hereticus gestellt. In wenigen Minuten werden wir das Haus stürmen.«
»Und Sie sind sicher, dass er sich im Haus befindet? Ich sehe nämlich gar kein Licht. Und auch sonst könnte ich schwören ...«
»Halten Sie den Mund, Taylor. Ihre klugscheißerische Art finde ich schon seit langem zum Kotzen. Sie bleiben als Beobachter hier, während wir das Anwesen stürmen. Und kommen Sie uns bloß nicht in die Quere. Ich kenne Ihren Hang zum Querulantentum nur zu Genüge. Noch irgendwelche Fragen, Agent Taylor?«
William Taylor entschied sich, nichts mehr zu sagen, da er schon des Öfteren an der Intelligenz von so manchem Vorgesetzten gezweifelt hatte. Und das arrogant-unüberlegte Verhalten McEwans bestätigte ihn nur in seinen Vermutungen.
»Wie Sie wünschen!«, war sein ganzer Kommentar.
McEwans Augen funkelten ihn böse an, da ihm der sarkastische Unterton in Taylors Stimme nicht verborgen geblieben war.
»Gut. Und nun gehen Sie mir aus den Augen, Agent Taylor!«

Evans umwehte eine Aura der Macht. Das spürten sogar die Studenten, die völlige Laien in Sachen Magie waren. Die Luft um sie herum schien wie elektrisiert zu sein.
Dann geschah alles Schlag auf Schlag.
Der Magister Magicus hob abrupt seine Arme und ließ sie Sekunden später herunter sausen, bis sie etwa die Höhe der Türklinke erreicht hatten. Daraufhin schossen aus Evans Händen gleich mehrere Blitze, welche die Tür regelrecht in ihre Bestandteile zerlegten. Sekunden später war Evans auch schon unterwegs, um sich den Professor vorzuknöpfen, aber wie er resigniert feststellen musste, hatte dieser längst Fersengeld gegeben.

»Team Alpha und Beta vorwärts!«, ertönte die Stimme von McEwan durch die Lautsprecher.
Taylor sah sich das ganze Schauspiel aus seinem Wagen heraus an und fütterte nebenbei Ferox mit einem Hotdog, den er von einem seiner Kollegen geschnorrt hatte.
Während Team Alpha und Beta die Vorderseite des Hauses stürmten, erreichten Team Delta und Gamma unterdessen die Rückseite des Gebäudes.
Auch die Sucher waren nicht untätig, hatten sich in ihrer vollen Größe in Position gesetzt und bewachten von allen Seiten das Gebäude.
»Team Alpha Untergeschoss gesichert«, ertönte es über Funk.
Unterdessen war Team Beta bereits bis in die erste Etage des Hauses vorgedrungen.
»Feindberührung«, schallte die Stimme des Team-Leiters, als sie auf Widerstand trafen.

»Die kleine Ratte hat uns in eine Falle gelockt und uns das FBI auf den Hals gehetzt«, schimpfte Evans.
»Und warum das Ganze?«, fragte Claire.
»Um mich auszuschalten und sich die Maschine unter den Nagel zu reißen.«
»Verdammt noch mal, wer sind Sie, Mr. Evans?«, fragte Dan Simon in tiefster Abneigung.
»Das habe ich euch doch gesagt.«
»Nein, das haben Sie nicht«, erwiderte Claire. »Wir warten auf eine Antwort. Vorher rühren wir uns nicht von der Stelle.«
»Seid ihr nun völlig übergeschnappt? Die Inquisitoren des FBI werden uns in wenigen Minuten entdeckt haben und dann Gnade uns Gott!«
»Wir hören«, sagte die Geschichtsstudentin weiterhin stur.
Evans lenkte ein. »Also gut, also gut. Ich bin Matthew Evans.« Er machte eine bedeutungsvolle Pause, holte tief Luft und sagte: »Ich bin der Führer des Ordo Hereticus!«

Der Professor hastete durch die alten Gänge.
Es war zwar keine Glanzleistung gewesen, seinen alten Freund Evans in eine Falle zu locken und ihn dem FBI auszuliefern, aber es ging um mehr als um ihre Freundschaft.
Nachdem das FBI Evans und seine vier Begleiter verhaftet hatte, würden sie für immer von der Bildfläche verschwinden. Die Inquisitionsabteilung des FBI machte nie halbe Sachen.
Und der Professor hatte danach nicht nur die Möglichkeit, die Führung über den Ordo Hereticus an sich zu reißen, sondern auch die Maschine in seinen Besitz zu bekommen.
Der Professor rieb sich vor lauter Vorfreude die Hände und kicherte.
Es war ein wirklich hinterhältiger Plan gewesen, seinen alten Freund zu verraten, aber die Macht über Zeit und Raum ging vor und war wichtiger als alle Gefühlsduseleien.
Dass er Evans kennenlernte und sogar seine Freundschaft gewinnen konnte, hatte sich für den Professor nun mehr als bezahlt gemacht.
Er hatte die Luke zum Lagerhaus erreicht, stieg hinauf und verriegelte sie dann sorgfältig hinter sich. Damit sicherte er, dass ihm niemand mehr folgen konnte.
Nachdem er mit dem Land Rover hinausgefahren war, verschloss er auch noch das Tor zum Lagerhaus und fuhr in freudiger Erregung einem nur ihm bekannten Ziel entgegen.

»Warum haben Sie uns das nicht gleich gesagt?«
»Warum hätte ich das tun sollen? Ihr seid Fremde für mich, mal abgesehen von dem, was ihr mir erzählt habt.«
»Und trotzdem wollten Sie uns helfen?«
»Ja, aber zum Diskutieren ist später noch Zeit. Oder wollt ihr dem IFBI in den Hände fallen?«
Da keine Antwort seitens der Zeitreisenden erfolgte, nahm Evans das als Zustimmung zum Handeln zur Kenntnis.
»Dan und Ken. Holt die beiden Feuerlöscher aus den Zimmern rechts und links von euch. Markus und Claire?«
»Ja?«
»Hinter euch befindet sich ein kleines Vorratslager, wo der Professor allerhand Krimskrams deponiert hat. Schaut dort mal, ob ihr irgendetwas findet, womit wir die FBI-Agenten für einige Zeit aufhalten können.«
Die Zerstörung der Tür hatte dem Magister Magicus einiges seiner magischen Kraft gekostet. Er brauchte jetzt etwas Zeit, um diese zu regenerieren, bevor er seinen Fluchtplan in die Tat umsetzen konnte.
Als Ken und Dan zurückkehrten, befahl er den beiden, sich links und rechts an der Treppe zu postieren.
»Wenn die FBI-Agenten die Treppen heraufkommen, nebelt ihr sie mit dem Inhalt der Feuerlöscher kräftig ein. Habt ihr verstanden?« Die beiden nickten stumm.
Unterdessen waren auch Markus und Claire wieder zurück. In ihren Händen hielten sie zwei Gläser mit Murmeln, die sie im Vorratsraum des Professors gefunden hatten. Zudem war Markus mit einer Steinschleuder bewaffnet.
Evans sah den jungen Mann fragend an. Dann ging ihm ein Licht auf.
»Sehr gut! Sobald Dan und Ken die Agenten mit den Feuerlöschern einnebeln, entleert ihr den Inhalt der Gläser auf der Treppe! Das sollte die FBI-Agenten für kurze Zeit aufhalten.«
Während Claire das Glas mit den Murmeln öffnete, verstaute Markus einige von ihnen in seiner Jacke. Die würde er später gut als Geschosse für die Steinschleuder verwenden können.

Während die ersten FBI-Agenten des Teams Alpha mit erhobenen Waffen die Treppe zur zweiten Etage erreichten, murmelte Evans einen Tarnspruch für sich und seine vier Mitstreiter.
Langsam, sich gegenseitig nach allen Seiten absichernd, erreichte Team Alpha schließlich die nächste Etage. Doch bevor sie wussten, wie ihnen geschah, traf sie der Schaum aus den beiden Feuerlöschern, die herunter kullernden Murmeln taten ihr übriges und die Agenten polterten die Treppen hinunter. Es brach vollständige Panik unter ihnen aus. Keiner wusste genau, was wirklich passiert war.
Dafür war ein Ächzen und Stöhnen zu vernehmen, als die Körper der FBI-Agenten auf den unteren Bereichen der Treppen und dem Boden der ersten Etage des Hauses aufschlugen.

»Prima gemacht«, sagte Evans stolz. »Und jetzt lasst uns von hier verschwinden!«
»Und wohin?«
»Hinauf zum Dachboden. Von dort aus gibt es eine hervorragende Fluchtmöglichkeit.«
Die Timetraveller sahen ihn fragend an, ganz und gar nicht überzeugt von seinen Worten.
Doch sie hatten keine andere Wahl, als Evans zu vertrauen und folgten dem Magister Magicus.
Als sie schließlich den Dachboden erreichten, staunten sie nicht schlecht. Er war vollkommen leer. Auf dem Boden befand sich aber ein riesiger weißer Drudenfuß, um den ein ebenso weißer Kreis gezeichnet worden war.
»Und was nun?«, fragte Dan Evans.
»Ihr stellt euch alle in die Mitte des Drudenfußes. Keiner darf den Kreis verlassen, sonst kann ich für nichts garantieren!«
»Und dann?«, fragte Dan misstrauisch.
»Lasst euch einfach überraschen. Und nun macht schon, wir haben nicht ewig Zeit.«
Zögerlich betrat einer nach dem anderen den Kreis.
Nachdem sich auch Evans in die Mitte des Drudenfußes begeben hatte, ging er in die Hocke und zeichnete mit den Fingern seltsame Symbole auf den Fußboden des Dachbodens.
»Fasst euch nun an den Händen und bildet einen Kreis um mich herum, aber schnell jetzt, wenn ich bitten darf. Die Agenten des FBI werden in wenigen Minuten hier herein gestürmt kommen und dann gibt es kein Entkommen mehr!«

»Feindkontakt!«, kam es durch den Lautsprecher.
Danach hörte McEwan nur noch die Schreie der Männer des Teams Alpha und ein Poltern und Krachen.
»Verdammt noch mal«, schrie er durch das Mikrofon zurück. »Was ist denn bei euch los? Meldet euch gefälligst!«
Doch McEwan erhielt keine Antwort. Daraufhin gab er Team Beta den Befehl, die zweite Etage des Hauses zu stürmen und schnellstmöglich bis zum Dachboden vorzudringen.

Agent Taylor hatte Ferox gerade das letzte Stück von der Wurst gegeben, als er mehrere intensive Lichtblitze durch die Fensterluken vom Dachboden des Hauses beobachtete.
»Ich glaube, alter Freund«, wandte er sich an seinen Hund, »McEwan hat es vermasselt.
Die beiden Einsatzteams werden vermutlich keine Menschenseele mehr im Haus antreffen. Der oder die Gesuchten sind gerade geflohen, wenn ich die Lichtblitze da oben richtig deute.«
Ferox gähnte desinteressiert, betrachtete aber mit Interesse die Sucher, die anscheinend nicht wussten, was sie machen sollten und um das Haus herumschlichen.
Auch der Einsatzleiter McEwan gab in dieser Situation kein gutes Bild ab. Er schien genauso kopflos zu sein wie all die übrigen FBI-Agenten.
Taylors Blick wanderte zu einem grünen Knopf, der seit dem Auftauchen der Lichtblitze aufleuchtete. Ein Zeichen dafür, dass in dem Haus unerlaubte Magie angewandt worden war.
»Jetzt sind wir an der Reihe, Ferox. Zurück zum Campus!«
Der Agent wusste, dass auf dem Gelände der Avila-Universität alle Fäden zusammenlaufen würden. Doch McEwan würde er davon nicht in Kenntnis setzen, denn der machte mit seiner arroganten Art sowieso nur wieder alles zunichte.
Er funkte die Zweigstelle des IFBI in Kansas City an und beorderte zwei Teams Inquisitoren zu einem von ihm bestimmten Treffpunkt.

SHOWDOWN

Die Zeitreisenden befanden sich zwar immer noch im Kreis des riesigen Pentagramms, aber nicht mehr auf dem Dachboden des Hauses vom Professor, wie sie überrascht feststellten.
»Wo sind wir hier?«, fragte Claire den Magister Magicus.
»Wenn alles geklappt hat, und das hoffe ich mal, dann befinden wir uns unter dem Hauptgebäude der Avila-Universität.«
»Und was wollen wir hier?«, fragte Dan, der seine Abneigung gegenüber Evans überhaupt nicht mehr verbarg.
»Na, wir suchen den Professor, um ihm die Maschine abzunehmen. Schon vergessen?«
»Und Sie glauben, das geht so einfach?« Auch Ken war misstrauisch.
»Nein, freiwillig wird er die Maschine nicht herausrücken, aber ich werde sie bekommen! Koste es, was es wolle!«
»Was ist an dieser Maschine eigentlich so wichtig?«, wollte Claire noch wissen.
»Die Maschine ist ein Prototyp, an dem ich fast 10 Jahre gearbeitet habe. Ich will nicht, dass sie in die falschen Hände gerät. Könnt ihr das verstehen?«

Der Professor hatte sich die grüne Kutte übergezogen und betrat mit den anderen Adepten des Ordo Hereticus ihren geheimen Tempel.
»Und Evans ist vom FBI wirklich geschnappt worden?«, fragte ihn der Präzeptor des Ordens.
»Ja, sie haben mein Haus gestürmt und ihn verhaftet. Ich konnte gerade noch fliehen, um euch zu warnen.«
Der Präzeptor nickte ernst.
»Glaubst du, dass sie auch von diesem Ort Kenntnis haben?«
»Evans wird dicht halten, aber irgendeiner muss uns ja wohl verraten haben. Daher ist es nicht unwahrscheinlich, dass das FBI über kurz oder lang auch hier auftauchen wird. Wir müssen unseren Tempel an einen anderen Ort verlegen.«
»Und an welchen Ort hast du dabei gedacht?«
»Wir müssen aus Kansas City verschwinden. Hier wimmelt es nur so vom FBI. Wie wäre es mit Chicago?«
»Wie kommst du gerade auf Chicago?«, fragte ihn ein weiterer hoher Würdenträger des Ordo Hereticus.
Der Professor lächelte hinterhältig. »Dort hat der Ordo Malleus seinen Stützpunkt, mit dem wir uns schon seit längerer Zeit hätten verbünden sollen, um unsere Feinde effektiver bekämpfen zu können.«
»Ein Vorschlag, den wir durchaus ins Auge fassen sollten«, erwiderte der Präzeptor. »Aber nun lasst uns mit unserer Beschwörung am Tag der Walpurgisnacht beginnen! Die Muttergottheit sei mit Euch!«
»Und mit dir«, erwiderten die Mitglieder des Ordo Hereticus. Nur der Professor hatte geschwiegen und bloß seinen Mund zum Schein bewegt, um nicht aufzufallen.
‚Und ihr mich auch‘, dachte der Professor. ‚Mochten diese alten Narren ruhig ihre überlieferten Beschwörungen vollziehen. Lange hatten sie sowieso nicht mehr zu leben.‘
Er nickte unterdessen drei Novizen, die in seiner Nähe standen, stumm zu und betrat danach mit den anderen Würdenträgern des Ordo Hereticus das Heiligtum des Tempels.

»Und wo sollen wir mit der Suche beginnen?«, fragte der Physikstudent Evans.
»Das dürfte nicht das Problem sein. Zurzeit wird sich der Professor im Inneren unseres Tempels aufhalten und mit den Würdenträgern des Ordens die Beschwörung zur Walpurgisnacht einleiten. Wahrscheinlich hat er den Vorsitz schon an sich gerissen, indem er meine Verhaftung kundgetan hat.«
»Ist er wirklich so dumm?«, unterbrach ihn Ken.
»Was heißt dumm, Mister Okumoto. An der Beschwörung müssen alle Würdenträger des Ordo Hereticus teilnehmen. Auch der Professor kann sich dieser Ehre nicht entziehen. Außerdem glaubt er, dass wir vom FBI verhaftet worden sind. Und beinahe hätte sein Plan ja auch funktioniert. Da er aber von unserer geglückten Flucht nichts weiß, werden wir ihn überraschen und überwältigen. Seid ihr dabei?«
Die Timetraveller nickten ernst. »Da Sie uns helfen, Mr. Evans, werden wir auch Ihnen helfen, das ist eine Selbstverständlichkeit«, erwiderte Claire. »Ich glaube, ich spreche da im Namen von uns allen.« Markus, Ken und auch Dan nickten zur Bestätigung.
»Dann lasst uns gehen!«

Die drei Novizen, denen der Professor ein Zeichen gegeben hatte, warteten einige Zeit, bis die Würdenträger mit dem Professor im Heiligtum verschwunden waren und folgten ihnen dann ins Innere. Unter ihren Kutten hatte jeder eine Maschinenpistole verborgen, die sie ohne Skrupel auch einsetzten würden, wenn der Professor das für richtig hielt.
»Was meinst du«, fragte Ken II, »werden wir die alten Männer umbringen müssen?«
»Ist gut möglich«, erwiderte Dan II ohne jede Gefühlsregung.
»Was quatscht ihr da so lange herum? Macht, dass ihr weiter kommt!«, befahl Claire II und heimste sich dabei einige böse Blicke ihrer beiden Kumpane ein.

Die Würdenträger meditierten in vollkommener Stille zur Muttergottheit und bemerkten dabei nicht, wie die drei Novizen das Allerheiligste betraten. Der einzige, der die Gefahr spürte, war der Präzeptor, der plötzlich die Augen öffnete.
»Was macht ihr denn hier?«
Weiter kam er nicht, denn ein Schlag traf ihn an der Schläfe und beförderte ihn ins Reich der Träume.
Der Professor sah angewidert auf die reglose Gestalt des Präzeptors. »Deine letzte Stunde hat geschlagen, alter Mann.« Er schaute zu Claire II, Dan II und Ken II und nickte ernst.
»Schießt sie alle nieder!«
Das ließen sich die drei Killer nicht zweimal sagen. Sie entsicherten ihre Maschinenpistolen, richteten sie auf die Würdenträger und drückten ohne die geringsten Skrupel ab.
Das Entsetzen in den Gesichtern der Würdenträger war maßlos, einige versuchten vergeblich zu fliehen, aber die Geschosse der Maschinengewehre waren schneller. Blut spritzte in alle Richtungen und einer nach dem anderen sackte in sich zusammen. Die Hinrichtung der Würdenträger des Ordo Hereticus dauerte nur ein paar Sekunden.
Dann war alles vorbei.
Die durchlöcherten Leichen lagen überall verstreut im Allerheiligsten, das der Professor durch seine blutige Tat entweiht hatte.
»Und was jetzt, Professor?«, fragte Claire II.
»Jetzt holen wir uns die Maschine und dann verschwinden wir von hier!«
Der Professor ging vorsichtig zur Statue der Muttergottheit und berührte mit den Fingern seiner rechten Hand den Sockel der majestätischen Figur. Es machte leise klick, als sich der Sockel an der Seite öffnete und der Professor einen Kasten in der Größe einer Zigarrenkiste herausholte, der in Aluminiumfolie eingewickelt war.
»Wir haben sie und jetzt lasst uns von hier verschwinden!«
»Das glaube ich nicht«, hörte der Professor eine ihm bekannte Stimme als Antwort.

Als Evans und seine Begleiter die Schüsse hörten, zuckten sie zusammen.
»Ihr geht zum Pentagramm zurück und wartet dort auf mich!«, sagte der Magister Magicus kurz angebunden.
»Aber ...«, wollte Markus erwidern.
»Nichts aber. Im Tempel wird geschossen und ich fürchte, dass ihr gegen Kugeln nicht gefeit seid. Oder?«
Als er keine Antwort erhielt, sah er dies als Bestätigung an. »Daher geht ihr zum Pentagramm zurück. Ich möchte schließlich nicht, dass euch etwas passiert.«
Ohne weitere Widersprüche zu dulden, verschwand Evans in Richtung des Allerheiligsten.

Der Professor fuhr herum, doch seine drei Novizen waren schneller und eröffneten sofort das Feuer auf Evans. Der Magister Magicus war vorgewarnt und so erreichten die Projektile aus den Maschinenpistolen nie ihr Ziel.
Sie hieben etwa einen Meter vor Evans in eine unsichtbare Wand ein, blieben dort für Sekunden stecken und fielen dann klirrend zu Boden.
Als die drei Novizen im Begriff waren, ihre leeren Magazine zu wechseln, wurden ihre Waffen plötzlich glühend heiß und sie ließen sie vor lauter Schreck und Schmerzen fallen.
Doch Evans war noch lange nicht mit ihnen fertig. Mit einer Geste, die einem Dirigenten zu Ehren gereicht hätte, riss er die Arme hoch und schleuderte die drei Killer mit magischer Kraft zu Boden, wo sie regungslos liegen blieben.
Nachdem die Gefahr, die von Claire II, Dan II und Ken II ausging, vorerst aus der Welt geschafft war, wandte sich der Magister Magicus dem Professor zu.
»Warum?«, fragte Evans ihn.
»Warum was?«, kam dessen Gegenfrage in gehässigem Ton.
»Warum hast du mich verraten?«
»Das war nichts Persönliches, Matthew, aber du warst einfach im Weg. Jetzt, wo die Würdenträger alle tot sind, werde ich den Orden übernehmen und mit der Macht über Zeit und Raum über diese Stadt herrschen. Und jetzt geh mir aus dem Weg.«
Evans schüttelte den Kopf.
»Na gut, Matthew, alter Freund, dann muss ich andere Seiten aufziehen!«
Die drei Novizen nicht untätig geblieben. Sie waren aus ihrer Scheinbewusstlosigkeit ‚erwacht’, zogen Dolche, die sie unter ihren Roben verborgen hatten, und griffen Evans an.
Doch sie kamen nicht weit.
Eine Murmel traf mit mörderischer Wucht das Gesicht von Dan II und bevor sich die anderen beiden versahen, wurde auch Ken II von einer Murmel aus Markus Steinschleuder niedergestreckt.
Claire II schaute überrascht auf ihr Ebenbild und die ihrer beiden Kumpane.
»Aber das ist unmöglich«, murmelte die Mörderin.
»Und du kleine Schlampe«, sagte Claire Bancroft zu ihrer ‚Doppelgängerin’, »wirfst jetzt das Messer auf den Boden, sonst trete ich dir kräftig in den Hintern!«
Claire II war von dem Anblick noch so überrascht, dass sie ohne Widerstand die Waffe aus der Hand gleiten ließ. Mit einem gezielten Kinnhaken streckte Claire Bancroft ihre Doppelgängerin nieder.
»Guter Schlag«, kommentierte Markus ihre Tat. Claire grinste.
»Ich habe doch gesagt, ihr sollt beim Pentagramm warten«, sagte Evans, der den Professor fest im Griff hielt.
»Seien Sie froh, dass wir das nicht getan haben«, erwiderte Markus, »sonst wären Sie jetzt vermutlich tot.«
»Was machen wir mit denen da?«, fragte Ken und zeigte auf die Killer.

Agent Taylor wartete bereits seit etwa 30 Minuten, als die beiden Einsatzteams der IFBI eintrafen.
»Das hat aber lange gedauert«, begrüßte er das Dutzend Männer und Frauen. »Habt ihr unterwegs etwa ein Kaffeekränzchen gehalten?«
»Sehr witzig«, erwidert Inquisitorin Deborah Soisson, seine Ex-Freundin, die er nicht unbedingt erwartet hatte. »Wir haben so schnell gemacht, wie wir konnten. Weißt du eigentlich, was auf den Straßen los ist?«
»Ja, aber quatschen können wir später. Wir besprechen jetzt erst einmal den Einsatz. In genau 10 Minuten geht es nämlich los, meine Damen und Herren!«
‚Taylor, du verdammter, Arsch’, dachte Deborah bei sich. ‚Du hast dich überhaupt nicht verändert.’
»Und jetzt hört mal alle zu. Laut meinem Informanten befindet sich unter dem Hauptgebäude der Avila-Universität die Zentrale des Ordo Hereticus.«
Durch die Teammitglieder ging eine Welle des Erstaunens. Damit hatte niemand gerechnet. Unbehagen machte sich breit, denn die Gerüchte über die Untaten des Ordens hatten natürlich auch die Mitarbeiter des IFBI erreicht. Und als Opfer auf deren Altar wollte hier keiner enden. Es war zwar immer von Kindern, die geopfert werden, die Rede, aber man wusste ja nie. Da war äußerste Präzision angesagt.
Taylor deutete auf einen Plan, den er über die Kühlerhaube seines Wagens gelegt hatte.
»Wir werden von dieser Seite in die unterirdische Anlage eindringen! Weiteres erfahrt ihr dann dort. Alles verstanden?«

Evans hielt das rechte Handgelenk des Professors mit eisernem Griff fest umklammert.
»Wenn du nicht sofort die Maschine los lässt, breche ich dir das Handgelenk!«
»Einen Teufel wirst du tun.« Der Professor war sich sicher, dass Evans ihm nichts tun würde, wurde aber Sekunden später eines Besseren belehrt. Der Ellbogen des Magister Magicus schoss nach oben und hielt für Sekunden vor dessen Gesicht inne. Dann sauste er plötzlich mit voller Wucht auf das Gesicht des Professors zu.
Dieser schrie vor Schmerz auf.
»Du verdammtes ...« Der Rest seiner Worte ging in einem weiteren Schmerzensschrei unter.
»Du hast mir die Nase gebrochen, du verdammtes Schwein!«, wimmerte der Professor.
»Sehr richtig und wenn du mir nicht augenblicklich die Maschine aushändigst, werde ich dir jeden der 206 Knochen in deinem Körper brechen!«
Wieder verstärkte er den Griff um das rechte Handgelenk, das verräterisch knackte, bis der Professor schließlich aufgab. Das viele Blut, das ihm aus dem Gesicht tropfte, trug wohl zu diesem Entschluss bei.
»Ich wusste doch, dass du vernünftig bist.« Evans nahm dem Professor die Schachtel aus der Hand und wandte sich an die Studenten. »Lasst uns von hier verschwinden. Wir haben, was wir brauchen!«
»Und was ist mit mir?«, fragte der Professor kleinlaut. Evans fixierte ihn.
»Du bist ein Verräter und Mörder. Doch ich kann mich jetzt mit dir nicht weiter aufhalten.«
Der Magister Magicus schaute auf seine Uhr. »Das FBI wird bald hier sein. Die werden sich schon um dich kümmern.«
»Warte!« Der Professor wollte den Magister Magicus zurückhalten, doch dieser schüttelte dessen Hand ab und trat seinem Widersacher zwischen die Beine.

Als Taylor die Tür zum Geheimgang öffnete, wusste er, dass ihm sein Informant die Wahrheit gesagt hatte.
Dann müsste auch der Plan stimmen, den er ihm gegeben hatte. Der FBI-Agent reichte Deborah eine Kopie.
»Du gehst mit deinem Team in diese Richtung. Solltet ihr auf Widerstand treffen, dann habt ihr den Befehl, alle zu liquidieren. Und ich meine alle!«
Deborah nickte.
Auch dem Anführer des anderen Teams gab er eine entsprechende Kopie und dieselben Befehle.
»Frank, du gehst in die andere Richtung und säuberst das Terrain.«
»Alles klar«, erwiderte der Anführer des zweiten Teams.
»Dann los!«
Nachdem beide Teams verschwunden waren, schaute Taylor zu Ferox.
»Nun sind wir an der Reihe, alter Freund!«
Taylor schraubte den Schalldampfer auf den Lauf seiner Sig Sauer und ging seinem eigenen Ziel entgegen.

Evans und die Zeitreisenden waren wieder zum überdimensionalen Pentagramm zurückgekehrt und verschwanden so, wie sie gekommen waren.
Diesmal war ihr Ziel das Labor des Magister Magicus, wo sie hofften, wenigstens für kurze Zeit in Sicherheit zu sein.

Der Professor rappelte sich langsam und vor Schmerzen stöhnend auf. Er musste erst sein Gleichgewicht finden, bevor er etwas sicherer auf den Beinen war.
Er kochte vor Wut. Alles war schief gelaufen, aber er hatte noch einen letzten Trumpf im Ärmel.
Er schaute auf seine drei Mitverschwörer, die immer noch bewusstlos am Boden lagen.
»Schwächlinge«, murmelte er und entschied, sich von diesem nutzlosen Ballast zu trennen.
Dabei fiel ihm eine Brieftasche auf, die auf dem Boden des Heiligtums lag. Er ging sehr vorsichtig in die Hocke, um seine Schmerzen nicht allzu groß werden zu lassen, und nahm sie in die Hand. Der Professor klappte die Brieftasche auf und inspizierte den Inhalt.
»Na, was haben wir denn da«, murmelte er in freudiger Erregung. Er hatte die Brieftasche von einem der Weißgewandeten gefunden und die konnte er sicher noch sehr gut gebrauchen.
Der Professor wollte das Allerheiligste gerade verlassen, als ein Mann mit einem Hund das Innere des Tempels betrat.
»IFBI. Keine Bewegung!«
Der Professor erstarrte. Das hatte ihm jetzt gerade noch gefehlt. Agent Taylor betrat mit erhobener Waffe das Allerheiligste des Ordo Hereticus. Seine Blicke fielen auf die Schweinerei, die sich ihm bot.
‚Ein richtiges Schlachtfeld’, dachte er bei sich, während er einem großgewachsenen, aber sehr dünnen Mann, dessen Nase ziemlich lädiert wirkte, befahl, stehen zu bleiben.
»Ferox. Pass auf, dass der böse Mann keine Dummheiten macht!« Der Hund hatte die Worte seines Herrchens verstanden und knurrte, was den Professor davon überzeugte, keinen Muskel zu bewegen.
Taylor untersuchte die Leichen der Würdenträger, bemerkte dabei aber nicht, dass die drei Novizen wieder aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht waren.
Als Ferox zu knurren begann, war es allerdings schon zu spät. Mit einem Schrei stürzte sich Dan II auf den FBI-Agenten. Nur um Haaresbreite verfehlte dessen Dolch die Schulter Taylors, der sich zur Seite hatte fallen lassen und einige Meter über den Boden rollte.
Dann war er jedoch wieder auf den Beinen, ging in die Hocke, hob die Waffe und drückte zweimal ab.
Und der FBI-Agent zielte sehr gut. Beide Kugeln trafen den Angreifer. Dan II wurde mitten in die Brust getroffen und zu Boden geschleudert, wo er sterbend liegen blieb.
Der Professor war aus seiner Erstarrung erwacht und fixierte Ferox, der im Begriff war, ihn anzuspringen, da er wohl erkannt hatte, dass die größere Gefahr von diesem Mann ausging.
»Tötet den Hund«, befahl er Claire II und Ken II, die gerade dabei waren, Taylor mit ihren Maschinenpistolen niederzumähen zu wollen.
Während Ken II den Abzug betätigte und mit einer Salve den FBI-Agenten eindeckte, erschoss Claire II Ferox, der mitten im Sprung getroffen wurde.
Der Professor nahm sofort die Chance zu Flucht wahr, trat aber dem Hund noch mit einem gezielten Tritt zum Abschied in den Bauch. So wollte er wohl die Schmach, die ihm Evans bereitet hatte, ein wenig abbauen und seine Wut darüber loswerden. Egal, an wen, und so traf es den fast toten Hund. Doch dieser Tritt sollte sich noch bitter rächen, denn Ferox wurde damit aus seiner Bewusstlosigkeit zurückgeholt.
Taylor, der hinter einer Säule in Deckung gegangen war, sah dies und drückte zweimal ab.
Eine Kugel verfehlte den Professor knapp an der Schulter, die andere traf aber ihr Ziel und fuhr in dessen Gesicht. Doch der Mann lief immer noch weiter.
Nun deckte auch Claire den FBI-Agenten mit einer Garbe aus ihrer Maschinenpistole ein. Wieder musste Taylor hinter der Säule in Deckung gehen. Dann sprang er allerdings vor, rollte sich über den Boden ab und nahm hinter einer weiteren Säule Deckung, während hinter ihm die Kugeln in den Boden einschlugen.
Er lugte hinter der Säule hervor, nahm noch einmal Deckung und eröffnete danach seinerseits das Feuer.
Er drückte zweimal ab. Die Kugeln fetzten in den Oberkörper von Ken II und löschten auch dessen Leben für immer aus. Als Claire II sah, dass ihre beiden Komplizen nicht mehr am Leben waren, suchte sie ebenfalls hinter einer Säule Deckung. Sie schaute über ihren Rücken und sah, wie der Professor aus dem Allerheiligsten floh.
»Feiger Bastard«, murmelte sie und schoss eine Garbe aus ihrer Maschinenpistole hinter ihm her, die ihn aber verfehlte. Dabei bemerkte sie nicht, wie sich der verletzte Ferox lautlos an sie heranschlich.
Erst als sich seine Zähne um ihren Hals legten, wurde ihr die Gefahr bewusst, doch da war es bereits zu spät.
Kein Laut war zu hören, als Ferox ihr den Kopf mit einem Biss vom Rumpf trennte.

Evans wickelte in seinem Labor den Gegenstand aus der Alufolie. Zum Vorschein kam eine kompakte Zigarrenkiste. Als er diese öffnete, blickten die Zeitreisenden auf einen Gegenstand, der große Ähnlichkeit mit ihrer Zeitmaschine hatte.
»Was ist das?«, fragte Markus Becker erstaunt.
»Das ist meine Version von einer Zeitmaschine!«
»Sie haben auch eine?« Dan konnte es nicht fassen.
»Ja, das habe ich!«, antwortete Evans stolz.
»Aber warum haben Sie uns nichts ...«
»Davon erzählt?«
Markus Becker nickte.
»Ich musste erst vollkommen sicher sein, dass ihr die seid, die ihr vorgabt zu sein.«
»Und jetzt sind Sie es?«
»Ja!«
Die Timetraveller betrachteten den zylindrischen Körper der Maschine. Im Gegensatz zu ihrer Version der Zeitmaschine besaß diese aber keine Tastatur und kein Display.
»Wie wird sie gesteuert?«, fragte der Physikstudent.
»Durch die Gedanken des jeweiligen Benutzers bzw. der jeweiligen Benutzer. Die Maschine wird mit dem oder den Zeitreisenden auf psychischer Ebene verbunden. Egal, was passiert oder wo sich die Zeitreisenden gerade aufhalten, die Zeitmaschine wird nie ohne die Person oder die Personen, die die Zeitreise angetreten haben, zurückkehren.«
»Und was passiert, wenn einer der Zeitreisenden sterben sollte?« Claire ahnte Schlimmes.
»Das ist natürlich etwas anderes. Wenn einer der Zeitreisenden stirbt, wird automatisch die Verbindung mit der Maschine aus deren Datenbank gelöscht.«
»Also ist eine Trennung von der Zeitmaschine nur durch den Tod möglich?«
»So ist es. Und nun gebt mir bitte eure Zeitmaschine.«
»Das werden wir nicht!«, sagte Dan erregt.
»Ihr wollt doch in eure Zeit und Welt zurück. Oder etwa nicht?«, fragte Evans verständnisvoll.
»So ist es«, kam die einstimmige Antwort.
»Aber mit der korrekten Steuerung scheint es wohl bei eurer Zeitmaschine zu hapern. Es gibt daher nur eine einzige Lösung.«
»Die Verschmelzung beider Zeitmaschinen zu einer einzigen Zeitmaschine«, unterbrach ihn Markus Becker.
Claire, Dan und Ken sahen den Physikstudent erstaunt und zugleich auch beunruhigt an.
»Aber das ist unmöglich. Wie sollten die beiden Zeitmaschinen miteinander verschmolzen werden?«, fragte Dan.
»Durch Magie wäre es möglich, Mister Simon.«
»Magie. Das ist doch Bullshit.«
»Du scheinst immer noch nichts gelernt zu haben, Dan. Evans ist ein Magister Magicus.
Er hat uns schon mehr als einmal bewiesen, dass er die Magie beherrscht. Geht das nicht in deinen Dickschädel rein?« Markus wurde langsam ungeduldig, aber Dan weigerte sich immer noch, das scheinbar Unmögliche als gegeben hinzunehmen. Allerdings hielt er seine Zweifel mittlerweile selbst für unnötig, doch er gefiel sich in dieser Rolle und hielt sie noch ein wenig aufrecht.
»Ist es möglich, Mister Evans?«
»Ja, Markus. Und es ist die einzige Möglichkeit, die ihr habt, um von dieser Welt hier weg zu kommen. Sonst werdet ihr für immer hier bleiben müssen. Und das würde euch ganz bestimmt nicht gefallen!«
»Zieht diese Geräte über den Kopf«, befahl Evans und reichte den jungen Leuten Teile, die wie futuristische Kopfhörer aussahen.
»Und was sollen wir damit?«
»Die Gehirnscanner sind mit meiner Zeitmaschine verbunden. Sie messen eure Hirnströme und noch andere Faktoren, die bei jedem Menschen individuell sind.«
Claire stutzte.
»Keine Angst«, sprach Evans weiter, »euch wird nichts passieren. Der Scan wird in wenigen Minuten abgeschlossen sein, aber danach fängt erst die eigentliche Arbeit an.«
»Nämlich?«, fragte Dan immer noch patzig.
»Die Verschmelzung von meiner und eurer Zeitmaschine in eine ganz neue und effektivere. Können wir beginnen, meine Dame, meine Herren?«
Claire, Dan, Ken und Markus zogen sich die Geräte über den Kopf und nickten schließlich, obwohl ihnen ganz und gar nicht wohl bei der Sache war.
»Gut, wenn ich JETZT sage, schließt ihr die Augen. Wenn ich dann FERTIG rufe, seid ihr erlöst und könnt sie wieder öffnen. Habt ihr verstanden?«
»Ja«, riefen alle vier.
»Gut. Achtung. JETZT!«
Claire, Dan, Ken und Markus schlossen augenblicklich die Augen und verspürten Sekunden später eine Art Ziehen an den Schläfen, das sich bis zur Nasenwurzel ausbreitete.
»FERTIG!«, rief Evans plötzlich und sie öffneten überrascht wieder ihre Augen.
»Das ging aber schnell«, sagte Ken und massierte sich die Schläfen, wo er immer noch einen gewissen Druck verspürte. »Hat auch wirklich alles geklappt?«
»Ja, alles bestens. Das seltsame Gefühl, das ihr übrigens gerade verspürt, geht bald vorbei.
Und nun brauche ich noch eine kleine Hautprobe von jedem von euch, die ich ebenfalls zur Wiedererkennung für meine Zeitmaschine benötige. Irgendwelche Einwände?«
»Wenn Sie die nicht für irgendwelche genetischen Versuche missbrauchen, soll mir das recht sein«, scherzte Ken.
»Keine Angst, Mister Okumoto. Das habe ich nicht vor. Sinn der Sache ist, dass kein Unbefugter mehr die Maschine benutzen kann und ihr damit auf der sicheren Seite seid. Jedenfalls, was die Zeitmaschine betrifft. Seid ihr bereit für die Verschmelzung der beiden Maschinen?«
Die Verschmelzung der Zeitmaschinen war nach etwa 15 Minuten abgeschlossen.
Schweiß perlte auf Evans‘ Stirn, doch er schien mit sich und dem Ergebnis sichtlich zufrieden zu sein.
»Es hat funktioniert«, sagte der Magister Magicus stolz.
Als Markus die neue Maschine näher in Augenschein nahm, sah er, dass der Schraubverschluss mit dem Display und der Tastatur im Inneren verschwunden war. Stattdessen waren dort nun drei Knöpfe. Auch die Größe der Zeitmaschine hatte sich verändert. Sie war um mindestens 10 cm geschrumpft. Das Innere der Maschine war jedoch unverändert geblieben. Jedenfalls soweit Markus das auf den ersten Blick feststellen konnte.
Im Inneren sah er die verwinkelten Kabel und die futuristische Glühbirne, die aber nun in einem blauen, intensiven Licht flackerte.
Markus blickte auf. »Und wie funktioniert sie?«, fragte er Evans.
»Die Zeitmaschine ist nun mit eurem Geist verbunden. Ihr braucht jetzt keine Knöpfe, Tasten oder irgendwelchen Schalter mehr zu benutzen. Alles geht durch Konzentration und ... wie soll ich es sagen ... Gedankenübertragung vonstatten. Ihr müsst nur an die Zeit und den Ort denken, wo ihr hinwollt. Aber alle zusammen. Einer muss dabei die Maschine in der Hand halten. Dann sollte euch die Zeitmaschine hoffentlich dahin bringen, wo ihr hinwollt.«
»Hoffentlich?«, fragte ihn Dan.
»Na, ich konnte es leider noch nicht ausprobieren. Diese Zeitmaschine ist ein Prototyp. Etwas ganz Neues, gefertigt aus zwei unterschiedlichen Techniken, die sich aber hervorragend ergänzen werden. Vertraut mir!«
»Und was hat es mit diesen drei Knöpfen für eine Bewandtnis?«, fragte Claire.
»Der rechte, wie ihr seht, leuchtet zurzeit blau. Das bedeutet, dass die Maschine betriebsbereit und die Kraftquelle der Zeitmaschine aufgeladen ist. Wenn der grüne, mittlere Knopf aufleuchtet, heißt das, dass sie sich gerade wieder neu auflädt. Das macht sie automatisch. Ohne euer Zutun.« »Und der hier, dieser rote Knopf?«, wollte Markus wissen.
»Wenn dieser Knopf aufblinkt, ist die Kraftquelle der Maschine erschöpft. Ihr müsst sie dann mindestens zwei Tage in Ruhe lassen, damit sich die Batterie der Zeitmaschine wieder aufladen kann. Und diese Zeit müsst ihr unbedingt einhalten. Solltet ihr sie früher benutzen, könnte die Maschine Schaden nehmen, der nicht mehr zu reparieren wäre. Habt ihr alles verstanden?«
Die Timetraveller bejahten.
»Gut, dann heißt es wohl Abschied nehmen. Ihr müsst versuchen, in eure Welt zurückzukehren und ich muss mich um den Professor kümmern.«
Claire, Dan, Ken und Markus schwiegen. Das klang fast wie ein Rauswurf.
»Was schaut ihr denn so traurig? Einmal ist es immer an der Zeit, um Abschied zu nehmen. Und besser jetzt, als wenn ihr die Chance vertut. Möglicherweise wimmelt es hier auch bald von FBI-Agenten.«
Die Geschichtsstudentin war die erste, die sich von Evans verabschiedete. Sie umarmte ihn herzlich. Danach waren Markus und Ken dran, die dem Magister Magicus freundschaftlich die Hand reichten.
Schließlich raffte sich auch Dan, der Sportstudent, auf.
»Ich kann Sie zwar immer noch nicht ausstehen, aber vielen Dank, dass sie uns geholfen haben.« Dann zwinkerte Evans zu. Der grinste schelmisch zurück.
»Das ist doch schon mal ein Anfang, Mister Simon.«
»Werden wir es schaffen, in unsere Welt zurückzukehren?«, fragte Ken noch.
»Ihr dürft die Hoffnung nicht aufgeben. Denkt daran, ihr müsst euch auf eure Welt konzentrieren. Es ist sehr hilfreich, wenn ihr dabei etwas in den Händen haltet, was von dieser Welt stammt. Und nun viel Glück.«
Die vier Zeitreisenden schlossen die Augen und konzentrierten sich auf die Zeitmaschine, während Markus sie in Händen hielt.
Zuerst passierte – nichts. Sie schauten erst sich, dann Evans, fragend an. Der nickte ihnen nur zu und beim nächsten Versuch umgab die Zeitmaschine ein blaues Licht, das schließlich auch die Körper von Claire, Dan, Ken und Markus umschloss.
Sekunden später waren die Timetraveller verschwunden, einem unbekannten Schicksal entgegen.
Ihre Reise durch die Zeit hatte erneut begonnen.

Der Professor hastete durch die unterirdische Anlage des Ordo Hereticus. Er spürte, dass dieser FBI-Agent ihm dicht auf den Fersen war.
Doch er hegte keinen Groll gegen diesen Mann, er tat schließlich nur seine Pflicht.
Sein ganzer aufgestauter Hass galt allein Matthew Evans, der seine ganzen Pläne zunichte gemacht hatte.
Aber glücklicherweise besaß der Professor noch einen Trumpf im Ärmel oder besser gesagt gleich zwei, den Prototyp seiner eigenen Zeitmaschine und die Brieftasche von Dan Simon, mit dessen Hilfe er von dieser Welt verschwinden und auf einer anderen Welt seine Pläne in die Tat umzusetzen gedachte.
Nachdem er einen der vielen ‚Notausgänge’ erreicht hatte und hinter sich verschloss, atmete er erleichtert aus.
Danach machte sich der Professor auf den Weg zu seinem Labor, von dessen Existenz nur er und sonst keiner wusste.

Der Professor betrachtete den Ausweis von Dan Simon und lächelte. Dabei glitzerten seine Augen hasserfüllt.
Die Verletzung, die der FBI-Agent ihm zugefügt hatte, schmerzte noch immer. Er fuhr sich mit der rechten Hand über sein Gesicht und fühlte die Verletzung, die höllisch brannte, als er mit den Fingern darüber strich.
»Das wirst du mir büßen, Evans«, murmelte er.
Nachdem er seine Hand von seinem eigenen Blut gesäubert hatte, holte er den Prototyp seiner Zeitmaschine aus einem sicheren Versteck innerhalb seines Labors hervor.
Danach drückte er einen der vier Knöpfe und strich mit der Maschine über Dans Ausweis.
Ein Summen war zu hören, als die Maschine die Spuren auf dem Ausweis und dessen Eigenschaften analysiert hatte.
Auf einem kleinen Display erschien eine Zahl, die der Professor mit einem der mittleren Knöpfe bestätigte.
Nachdem der Knopf eingerastet war, leuchtete der daneben gelb auf, Zeit für den Professor, sich für die Reise in eine andere Welt bereitzumachen.
Er verstaute einige Wertsachen und Gegenstände in einem kleinen Koffer und drückte danach den gelben Knopf.
»Au revoir, öde Welt«, murmelte er noch, bevor er sich in Luft auflöste.

Evans verließ sein Labor, das er einige Zeit aus Sicherheitsgründen nicht mehr betreten durfte. Er musste vorsichtig sein.
Als er gerade im Begriff war, die Tür abzuschließen, ertönte hinter ihm: »FBI! Keine Bewegung!«
Evans drehte sich langsam um und sah sich mit vier Gestalten konfrontiert, die ihre Waffen auf ihn gerichtet hatten. Diesmal schien ihn das Glück verlassen zu haben.
»Matthew Evans. Wir verhaften sie wegen dem Einsatz von staatsfeindlicher Magie!«
Die Inquisitoren des FBI hielten seltsam geformte Waffen in den Händen, dessen Projektile ihn, wenn sie trafen, für kurze Zeit jeglicher Magie berauben würden.
Evans gab jedoch noch lange nicht auf.
Er sprang vor. Dabei schossen Energieblitze aus seinen Händen, die zwei der Inquisitoren des FBI niederstreckten. Die anderen beiden fegten zwei weitere Blitze zur Seite.
Doch der Magister Magicus wusste, dass er gegen die Übermacht keine Chance hatte, denn weitere Inquisitoren tauchten in der Dunkelheit auf, die Sekunden später von Scheinwerfern erhellt wurde.
Seine Situation schien aussichtslos.
Eine letzte Hoffnung keimte in ihm auf.
Er lief zurück in sein Labor und versperrte die Tür hinter sich. Für Sekunden schloss er die Augen. Hatte er noch eine Chance oder war alles verloren?
Er konzentrierte sich.
Da war sie.
Eine Restenergie der Zeitmaschine.
Würde es klappen?

»Ich freue mich, Präzeptor, dass wir zu einer Einigung gekommen sind«, sagte FBI-Agent Taylor und beobachtete, wie seine Inquisitoren die Tür von Evans Labor mit einer eisernen Ramme bearbeiteten.
Der alte Mann nickte. »Was blieb mir auch anderes übrig. Sie halten ihr Wort?«
Taylor blickte neben sich, wo sein Hund Ferox, zwar noch etwas schwach auf den Beinen, aber geheilt, Platz nahm.
»Sie haben meinem Hund das Leben gerettet, das vergesse ich Ihnen nie. Verlassen Sie einfach Kansas City und Sie werden von uns nicht mehr behelligt werden. Ich werde dafür sorgen, dass Ihre Daten gelöscht werden. Darf ich?«
Der Präzeptor nickte.
Taylor fuhr dem alten Mann mit dem Scanner über den rechten Unterarm. Es war eine Art Zischen zu hören, als das Gerät das eingepflanzte Implantat im Arm für immer zerstörte.
»Nun sind Sie ein freier Mann, Präzeptor!«

Als hinter ihm die Tür zu seinem Labor barst und die ersten FBI-Agenten ins Innere des Raumes stürmten, überlegte Evans nicht lange, murmelte einige unverständliche Worte und wurde Sekunden später von dem Zeitstrudel erfasst.
‚Es funktioniert’ waren die letzten Gedanken des Magister Magicus, bevor ihn der Strudel davontrug.
Alles, was er hinterließ, war ein halbes Dutzend verdutzt dreinblickender Inquisitoren des FBI, die fassungslos auf die Stelle schauten, wo vor Sekunden noch Matthew Evans gestanden hatte.

Kansas City, Anno Domini 1990, Die Heimat der Timetraveller

Ein greller Lichtblitz zuckte über den Campus der Avila-Universität.
Danach war das Gelände für Sekunden in ein helles Licht getaucht, das aber schnell wieder verblasste. Zurück blieb die verletzte Gestalt des Professors, der sich mühsam erhob. Er schüttelte sich und versuchte sich zu erinnern, wo er war.
Als er seine verkohlte Zeitmaschine neben sich am Boden liegen sah, kam die Erinnerung abrupt zurück.
Seine Zeitmaschine war zerstört. Aber auch sein kleiner Koffer hatte die Reise nicht ohne Blessuren überstanden.
Er blinzelte und überlegte fieberhaft.
In weiter Ferne hörte er die Sirenen eines Krankenwagens. Oder war es die Polizei? Der Professor wusste es nicht. Er hatte die Signale noch nie richtig unterscheiden können.
Er musste auf jeden Fall so schnell wie möglich von hier weg, oder bestand vielleicht eine andere Möglichkeit?
Plötzlich nahm ein teuflischer Plan in seinen grauen Zellen Gestalt an.
Es würde bestimmt jemanden an der Avila-Universität geben, der ihm ähnlich sah. Diese Person musste er finden, sie verschwinden lassen und ihren Platz einnehmen.
Danach würde er sich seiner neuen Aufgabe widmen, die darin bestand, den Matthew Evans auf dieser Welt zu suchen und ihm seine Zeitmaschine abzunehmen.
Wenn er sie auch hier nicht freiwillig hergeben würde, musste er wohl oder übel Gewalt anwenden. Matthew Evans musste er sowieso töten wie auch alle anderen Matthew Evans, die auf Parallelwelten existierten.
Er berührte sein verletztes Gesicht und sein Schrei aus Wut, Verzweiflung und Schmerz gellte durch die Nacht.

Fortsetzung folgt ...

 

Vorschau auf Episode 3

Von einem Zeitsprung in ihre Zeit und Welt sind die vier Timetraveller weit entfernt.
Entgegen der Hoffnung, die der Parallelwelt-Professor Evans nach der Verschmelzung der Zeitmaschinen gemacht hat, landen die Studenten nun in einer Welt, die für ihr Überleben zu einer echten Herausforderung wird.
Denn wo nichts ist, kann eigentlich auch nichts leben ...

Erwartet mit Spannung die am 1. September
erscheinende 3. Episode.

Der Titel lautet:
"Todeshölle - Höllentod "
von Gloomy Tomb

 

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