In einer dunklen Seitengasse der amerikanischen Millionenmetropole Kansas-City wird der Physiker und Nobelpreisträger Matthew Evans tot aufgefunden, er wurde scheinbar grundlos erstochen.
Zwölf Jahre später entdecken Claire Bancroft und Ken Okumoto, zwei Studenten der hiesigen Universität, bei Archivarbeiten in der Bibliothek, durch Zufall geheime Aufzeichnungen von Evans. Mit Hilfe des deutschen Gaststudenten Markus Becker, der auf dem Gebiet der Physik eine wahre Koryphäe ist, und dem Sportstudenten Dan Simon, einem Freund von Ken, wird schnell klar, dass es sich dabei um die Betriebsanleitung sowie um den Plan für das Versteck einer funktionstüchtigen Zeitmaschine handelt.
Von Neugier betrieben suchen die Vier diese Zeitmaschine und nehmen sie in Betrieb. Aber nach und nach stellt sich heraus, dass Zeitreisen nicht so einfach sind, wie die Betriebsanleitung Glauben macht, denn den Studenten gelingt zwar der Zeitsprung, jedoch gelangen sie bei ihrer Reise in Parallelwelten, die mit der ihnen bekannten Welt nicht immer viel gemeinsam haben. So, wie es die Viele - Welten - Theorie nahe legt.
Doch es kommt für die Helden noch schlimmer. Nach dem ersten Zeitsprung lässt sich die Maschine aufgrund des veränderten Raum-Zeit-Gefüges gar nicht mehr zeitlich programmieren, sodass unsere Helden gezwungen sind, in der jeweils gestrandeten Welt Hilfe zu finden.
Folgen wir also diesen vier Temponauten auf ihrer Reise durch Raum und Zeit.
Fantasie ist alles, was wir dazu brauchen, und wer weiß, vielleicht treffen unsere Enkel oder Urenkel eines Tages tatsächlich einmal auf Claire, Ken, Markus oder Dan ...

EPISODE 1
»Unternehmen Zeitsprung«
Von C.C. Slaterman

Vergangenheit,
Kansas City, Winter 1994
Der Mann wollte gerade die Fahrbahn überqueren, als das Auto plötzlich vor ihm auftauchte.
Es war ein großer japanischer Geländewagen. Er hielt genau auf ihn zu, nachdem er zuvor aus einer Parklücke ausgeschert war und dann die Geschwindigkeit erhöht hatte.
Der Fahrer trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Das Fahrzeug machte einen Satz vorwärts und schlingerte mit aufheulendem Motor über die verschneite Straße.
Die wuchtigen Winterreifen mit dem tiefen Profil wirbelten den Schnee auf und ließen ihn zur Seite spritzen.
Der Fußgänger reagierte sofort.
Mit einem Satz sprang er zurück auf den Gehsteig und drückte seine hagere Gestalt an die Wand eines Hauses, während der Wagen um Haaresbreite an ihm vorbei rauschte, um anschließend in irgendeiner Seitengasse der neunundvierzigsten Straße unterzutauchen.
Stockend atmete der grauhaarige Mann aus und versuchte mühsam, den Schauder zu unterdrücken, der seinen schweißnassen Rücken hinauf- und hinunter jagte.
Mitternacht war längst vorbei. Dennoch hetzten ihn seine Verfolger trotz der nachtschlafenden Zeit immer noch erbarmungslos durch das Gewirr der Straßen und Gassen von Kansas City.
Erneut warf er einen ängstlichen Blick über die Schulter.
Diesmal, darüber war er sich längst im klaren, diesmal würde es ihm nicht mehr gelingen, ihnen zu entkommen.
Seine Gedanken wirbelten durcheinander, als er aus den Augenwinkeln heraus die dunklen Schemen seiner Häscher zwischen den wuchtigen Häusern der Straße umher huschen sah.
Unheimliche, schattenhafte Gestalten, die ihm mit einer beinahe erschreckenden Ausdauer seit seiner Ankunft in der Stadt auf der Spur waren. Sein Plan war fehlgeschlagen und nun glaubte er, den heißen Atem seiner Verfolger bereits im Nacken zu spüren.
Obwohl der Wind eiskalte Luft durch die nächtlichen Straßen peitschte, rann der Schweiß in Strömen von seiner Stirn, lief ihm übers Gesicht und nässte seinen Hemdkragen.
Der Mann war fast am Ende seiner Kräfte.
Seine Handflächen waren feucht, das Herz in seiner Brust hämmerte hoch bis in den Hals und das Blut rauschte in seinen Ohren. Seine Knie zitterten vor Schwäche, und bei jedem Atemzug rasselten seine überanstrengten Lungen gleich einem altersschwachen Blasebalg.
Trotzdem lief er nun weiter. Der Flüchtende rannte die schneebedeckte, von unzähligen Fahrrillen durchzogene Straße entlang und taumelte auf den östlichen Stadtrand zu. Dorthin, wo er seinen Wagen im hintersten, dunkelsten Winkel eines verschwiegenen Parkplatzes abgestellt hatte. Der Lärm des nahen Sterling Boulevards mit seinen Automotoren und den schrill umherzuckenden Leuchtreklamen, den dröhnenden Musikbeats und den nach zweifelhaftem Vergnügen gierenden Menschenmassen der Millionenstadt drang nur noch schwach zu ihm herüber.
»Hilfe!«, keuchte er, aber niemand schien ihn zu hören.
Keine Menschenseele war auf den dunklen Straßen zu sehen.
Schlagartig wurde ihm wieder bewusst, wie entsetzlich allein er eigentlich hier in der großen Stadt war, und wie wenig Hilfe er erwarten konnte. Er stolperte weiter durch die dunkle Stadt, während die Verzweiflung immer mehr Besitz von ihm nahm. Es war kalt! Ganz Kansas City war schneeweiß überzogen. Der Mond hatte längst seinen höchsten Stand erreicht und prangte einer silbernen Scheibe gleich am sternklaren Himmel. Das kalte Licht ließ ihn die Umrisse der versteckt gelegenen Seitengasse erst im letzten Moment erkennen.
Er stolperte hinein.
Augenblicklich sah er den Unrat. Alte Lebensmittel, aufgeplatzte Mülltüten und unidentifizierbarer Abfall, dessen genaue Herkunft er lieber nicht wissen wollte.
Angewidert lief der Mann weiter.
Aber schon nach wenigen Augenblicken hielt er abrupt inne, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Sein Verstand weigerte sich zu begreifen, was seine Augen mit brutaler Deutlichkeit längst erkannt hatten.
Die kleine Seitengasse endete unvermittelt an einer Felswand.
»Guten Abend, Professor Evans!«
Der grauhaarige Mann wirbelte herum und seine Augen weiteten sich jäh, als er mit Entsetzen begriff, wie nahe sie ihm tatsächlich die ganze Zeit über gewesen sein mussten.
Bis zu diesem Augenblick hatte er noch beharrlich versucht, jegliche Gedanken an die Herkunft seiner Verfolger zu verdrängen, aber nun wurden seine schlimmsten Befürchtungen grausame Wahrheit.
Fassungslos starrte er seinen Häschern entgegen, die jetzt breitbeinig den Zugang zur Gasse versperrten. Er hatte bei ihrem Anblick plötzlich das Gefühl, als habe ihm jemand den Boden unter den Füßen weggezogen.
Sie waren zu dritt.
Männer mit harten Gesichtern. In ihren kalten, dunklen Augen lag die pure Lust am Töten. Ihre mitleidlosen Blicke schienen Evans förmlich zu durchbohren. Langsam gingen sie auf den Mann zu und blieben dicht vor ihm stehen.
Evans konnte ihren Atem als warmen Hauch auf seinem Gesicht spüren. »Was wollt ihr von mir? Los, verschwindet! Lasst mich endlich in Ruhe!«, stieß er aus.
Er versuchte zwar, seine Stimme fest und sicher klingen zu lassen, aber aus seiner Kehle kam nur ein jämmerliches Krächzen.
»Das Spiel ist aus, Professor!«
Es war offensichtlich, dass der hoch gewachsene Sprecher mit den stechenden Augen und dem sichelförmigen Schnauzbart der Anführer der Männer war. Eine Aura der Gewalt ging spürbar von ihm aus.
»Nein!«, flüsterte Matthew Evans und schüttelte sich vor Entsetzen.
In dem von unzähligen Pockennarben entstellten Gesicht des Anführers zuckte es kurz auf, und seine Augen musterten den Professor verächtlich.
»Jetzt hör mir mal gut zu, alter Mann! Wir hatten lange genug Geduld mit dir, aber damit ist nun Schluss. Also verrate uns lieber, was du hier in der Stadt zu suchen hattest.«
»Nichts!«
»Lüg mich nicht an, Evans! Kein normaler Mensch rennt um diese Uhrzeit wegen Nichts durch die Gegend. Also los, spuck’s aus. Was für ein Ding ziehst du hier ab? Warum zum Teufel bist du nicht im Institut, bei deiner Arbeit?«
»Das ... das geht euch überhaupt nichts an«, stotterte Evans.
Seufzend nahm der Pockennarbige die Hände aus den Taschen seiner schweren Winterjacke und schüttelte bedauernd den Kopf.
Dann schlug er unvermittelt zu.
Seine knochige Faust bohrte sich in den Leib des Professors und ließ diesen mit einem schmerzerfüllten Stöhnen zusammenklappen. Ein weiterer brutaler Hieb traf ihn seitlich am Kopf. Evans verlor das Gleichgewicht und krachte der Länge nach auf den hart gefrorenen Boden.
»Pass auf, du alter Narr!«, fauchte der narbengesichtige Mann gereizt. »Du weißt, wer wir sind, und du weißt auch genau, was wir von dir wollen. Also, fang an zu reden.«
»Ich rede nicht mit Verbrechern!«
Die genagelte Stiefelsohle des Schlägers zuckte vor und ein grausamer Schmerz explodierte in Evans Körper. Der Professor wälzte sich stöhnend auf den Rücken. Blut lief ihm übers Gesicht, und vor seinen Augen begannen feurige Kreise zu tanzen.
»Spiel jetzt bloß nicht den Helden,
Evans. Wir bringen dich schon noch zum Reden. Wir wissen ganz genau, dass du diese Maschine gebaut hast. Also, wo hast du das Ding versteckt?«
»Mit euren Plänen würdet ihr die ganze Welt ins Verderben stürzen. Aber das werde ich zu verhindern wissen.«
Der Narbengesichtige lächelte kalt. »Das meinst du, aber es hat sich in den letzten Monaten einiges geändert. Der Fortschritt hat auch vor unserem Institut nicht halt gemacht. Eine neue Zeit bricht an, und es kann nicht sein, dass die Geschicke unseres Landes von einem weltfremden Professor blockiert werden, dessen Ansichten schon seit Jahren hoffnungslos veraltet sind.«
Evans erhob sich taumelnd.
Schwankend stand er einen Moment lang da und stützte sich an einer Hauswand ab, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Während die Schmerzen ihm das Wasser in die Augen trieben, blickte er wie durch einen flimmernden Schleier zu den Männern.
»Was ihr Fortschritt nennt, ist in meinen Augen die Willkür einiger Weniger, die sich mit Hilfe des Projekts zu selbst ernannten Herrschern über die Menschheit machen wollen. Das werde ich nicht zulassen.«
»Mit dieser Meinung bist du aber glücklicherweise so gut wie allein«, sagte sein Gegenüber scharf und riss den Kopf hoch. Mit den wütend herabgezogenen Mundwinkeln und den zusammengekniffenen Augen hatte er etwas Diabolisches an sich. »Aber jetzt genug geredet. Mach endlich dein Maul auf! Erzähl uns, was wir wissen wollen, oder wir zwingen dich dazu.«
»Lasst mich in Ruhe!«, erwiderte Matthew Evans angesichts seiner hoffnungslosen Lage trotzig. »Solange ich lebe, werde ich nicht einmal daran denken, die Maschine oder die Pläne dafür euch Verbrechern zu überlassen. Also vergesst euer Vorhaben und verschwindet.«
Einen Moment lang herrschte eine eigentümliche Stille.
»Jetzt habe ich aber genug!«
Am Eingang der kleinen Gasse löste sich eine Gestalt aus dem Schatten der umliegenden Häuser. Eine entsetzliche Vorahnung ergriff Besitz von Evans. Irgendwie kam ihm die Stimme vertraut vor. Er konnte sie nur noch nicht richtig zuordnen. Plötzlich erinnerte er sich. Nacktes Grauen erfasste ihn und das Blut in seinen Adern schien zu stocken. Eine eiskalte Hand legte sich um sein Herz, und alle tief in seinem Innersten verborgenen Ängste und die Furcht vor dem nun Kommenden erfassten seinen hageren Körper.
Dieser vierte Mann, der sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte, drängte sich nun ungestüm nach vorne. Sein gebückt wirkender Körper straffte sich, und die vor ihm stehenden Männer wichen respektvoll auseinander.
Der Unbekannte trug einen knielangen Armeeparka mit einer weit geschnittenen Kapuze, die seinen gesamten Kopf bedeckte. Drohend baute er sich vor Evans auf.
Langsam streifte der Unbekannte seine Kapuze zurück. Namenloses Entsetzen erfüllte Matthew Evans, als sich die Gestalt vor ihm zu erkennen gab.
»Du?«
Der Unbekannte nickte, seine Hand zuckte vor. Die unterarmlange Klinge eines Messers fraß sich durch Fleisch, Knochen und Sehnen und durchbohrte den Leib des Professors.
Matthew Evans war schon tot, noch ehe sein hagerer Körper auf den Boden der Gasse aufschlug. Blut strömte aus ihm heraus und zeichnete ein hässliches Muster in den Schnee.
»Bist du verrückt geworden?« herrschte der Pockennarbige den Mörder an. »Wie sollen wir jetzt diese verdammte Maschine finden?«
Der Mann mit dem Messer machte eine verächtliche Handbewegung. »Das Institut ist nicht besonders groß. Keine Sorge, wir werden sie schon finden. Außerdem haben wir jetzt genügend Zeit. Evans kann uns nicht mehr in die Quere kommen.«

Gegenwart,
Kansas City, Oktober 2006
Dan Simon trommelte nervös mit den Fingerspitzen auf den Schreibtisch und wartete auf das Freizeichen des Telefons.
Zum wiederholten Male starrte er auf die übergroße Uhr der Universitätsbibliothek.
Bereits kurz nach drei, registrierte er missmutig. Eigentlich war sein Dienst seit über einer halben Stunde zu Ende, aber von seiner Ablösung war weit und breit nichts zu sehen.
Die Zeit brannte ihm unter den Nägeln, während die fingerdicken Zeiger einer großen Uhr mit monotonem Klacken unbarmherzig Sekunde um Sekunde immer weiter über die schwarzen Zahlen des Zifferblattes krochen.
»Jetzt geh schon ran, du blöde Kuh«, fluchte er genervt.
Er klemmte sich den Hörer zwischen Ohr und Schulter und versuchte nebenbei vergeblich, so etwas wie Ordnung auf dem mit Büchern, Zeitschriften und Dokumenten überladenen Schreibtisch zu schaffen. Die Avila University besaß zwar einen hervorragenden Ruf, aber dennoch flossen die Gelder nicht so reichlich wie in Harvard oder Yale. Deshalb gab es auf dem Campus einige Dinge, die von Studenten in Eigeninitiative übernommen werden mussten. Dazu gehörte unter anderem auch die Mithilfe in der Universitätsbibliothek. Für diesen Monat waren der Sportstudent Dan Simon in der Frühschicht und die Geschichtsstudentin Claire Bancroft mit der Spätschicht die Auserwählten. Aber gnädige Frau glänzte bereits an ihrem ersten Arbeitstag durch Abwesenheit. Dan war gespannt, was für eine Ausrede sich Claire ausgedacht hatte, um ihre Verspätung zu erklären.
Im Grunde genommen konnte er eigentlich einem schönen Mädchen nie so richtig böse sein, und Claire war ein besonders hübsches Exemplar dieser Gattung. Aber nicht heute, nicht um diese Zeit!
In knapp einer Stunde begann das letzte Training vor dem entscheidenden Spieltag um die Footballmeisterschaft, und Dan Simon konnte und wollte diesen Termin nicht verpassen. Schließlich war er Quarterback und somit Stütze des Kansas Avila University Teams.
Zehn Minuten später, Dan Simon spielte bereits mit dem Gedanken, Claire einfach zu erschlagen oder ihr zumindest den Hals ganz langsam gen Süden zu drehen, öffnete sich die schwere Eichenholztür und ein weibliches Etwas stolperte atemlos über die Schwelle des Bibliotheksaales.
»Na endlich«, knirschte Dan gereizt.
Claire Bancroft trug eine weiße Bluse, einen eng anliegenden, sandfarbenen Rock und eine passende Jacke. Das helle Kostüm und die wilde Flut ihrer schulterlangen, schwarzen Haare gaben der jungen Studentin ein unwiderstehliches Aussehen, das sogar Dan Simon veranlasste, seine morbiden Gedanken aufzugeben. Jedenfalls vorläufig.
»Sorry«, keuchte Claire Bancroft, und versuchte vergeblich mit den Händen ihren Rock glatt zu streichen. »Aber mein Wagen wollte einfach nicht anspringen. Ich musste mir schließlich ein Taxi nehmen. Es tut mir leid, dass ich gleich am ersten Tag zu spät komme.« Dabei bedachte sie ihn mit einem Augenaufschlag, der selbst einen Eisberg in der Antarktis zum Schmelzen gebracht hätte.
»Entschuldigung angenommen«, sagte Dan Simon leise und legte den Hörer wieder auf die Gabel zurück. Seine Stimme klang mit einem Mal weich und vertraulich. Mit einem Satz kam er hinter dem Schreibtisch vor und baute sich direkt neben Claire auf. »Ich habe heute leider nicht die Zeit, um dich großartig einzuweisen. Mein Team erwartet mich. Aber ich denke mal, du bist intelligent genug, deinen Dienst trotzdem ordentlich über die Runden zu bringen. Hübsch genug bist du ja, um das Geschäft hier anzukurbeln.«
Claire merkte, wie Ärger in ihr aufstieg, doch sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Sie trat einen Schritt zurück und bedachte Dan Simon mit einem kühlen Blick. Er war ein großer, muskulöser Mann. Sonnengebräunt, volles blondes Haar und blaue Augen. Er trug Jeans, Stiefel und ein verwaschenes Baumwollhemd. Sie kannten sich beide bereits seit der Junior-High, und eigentlich war Dan genau der Typ Mann, bei dem sie schwach werden konnte. Wäre da nicht immer sein unsägliches Machogehabe.
»Was muss ich tun?«, erwiderte sie spröde.
Dan Simon zeigte auf den hoffnungslos überladenen Schreibtisch.
»Das hier sind alles Bücher, Fachzeitschriften und verschiedene Pläne, die in den letzten zwei Semestern nicht oder nur selten ausgeliehen wurden. Du musst den ganzen Kram alphabetisch ordnen und ihn dann im Archiv, unten im Keller, einlagern. Ich weiß, das ist keine besonders angenehme Arbeit, aber wenn wir solche Platzhalter nicht regelmäßig aussortieren, wären wir hier drin schon bald unter dem Zeug begraben.« Dabei musterte er Claire Bancroft erneut und was er sah, gefiel ihm immer besser. Er spielte gerade mit dem Gedanken, sie zum Essen einzuladen, als ein gekünsteltes Hüsteln erklang.
»Störe ich?«, fragte eine Stimme missmutig.
Beinahe gleichzeitig drehten sich Claire und Dan Simon zur Eingangstür hin, in deren Rahmen ein Mann erschienen war. Mit energischen Schritten kam er auf die Beiden zu. Sein federnder Gang erinnerte an das Heranpirschen einer Raubkatze und seine leicht geschlitzten Augen taten ein Übriges dazu, diesen Eindruck noch zu verstärken. Ken Okumotos Vorfahren waren Japaner, lebten jedoch schon seit drei Generationen in den Staaten. Dennoch waren sie irgendwie Fremde geblieben. Gerade im patriotischen Mittelwesten spukte Pearl Harbor immer noch in den Köpfen der meisten Älteren herum.
Ken hatte die Beiden schon eine Zeitlang beobachtet.
Er kannte Dan Simons Art im Umgang mit Frauen, und je länger er dessen Getue mit ansah, umso ärgerlicher wurde er auf den Freund. Deshalb platzte er auch so unhöflich in ihre Unterhaltung. Verdammt, durchzuckte es ihn, als er näher kam, lass wenigstens von Claire deine Finger, Dan! »Hallo Claire«, sagte er leise, und seine Stimme klang belegt. Dan begrüßte er hingegen nur mit einem kurzen Nicken.
»Hallo Ken«, erwiderte die Frau lächelnd den Gruß. »Was treibt dich heute Nachmittag noch in die Bibliothek?«
Dieser zuckte hilflos mit den Schultern. »Unser allseits geschätzter Professor Salzman ist der Meinung, in seiner nächsten Vorlesung unbedingt noch einmal die Berechenbarkeitstheorie, insbesondere die Churchsche These behandeln zu müssen.«
»Aber das ist doch ein ganz alter Hut.«
»Eben und deshalb sollte ich meine Kenntnisse wieder einmal auffrischen. Ich hatte gehofft, in unserem Archiv noch die eine oder andere Abhandlung zu diesem Thema zu finden.«
»Na dann ist doch alles in bester Ordnung«, mischte sich Dan Simon in die Unterhaltung ein. Verständnislos starrten ihn die anderen beiden an.
»Nachdem die Lady hier fast eine Stunde zu spät gekommen ist, habe ich leider keine Zeit mehr, sie großartig einzuweisen«, begann er zu erklären. »Da unser lieber Ken aber mit dem Archiv bestens vertraut ist, kann er ja so nebenbei Claire helfend zur Hand gehen. Ich komme noch pünktlich zu meinem Training, und somit hat ein jeder noch etwas von diesem herrlichen Nachmittag.«
Dan Simon bedachte Ken mit einem spöttischen Lächeln, zwinkerte Claire noch augenfällig zu und verließ dann ziemlich rasch die Bibliothek.
»Mistkerl!«, fluchte Claire ihm hinterher. Dann machte sie sich seufzend an die Arbeit. Lächelnd registrierte sie, dass Ken tatsächlich mit anpackte.
Einige Minuten später stiegen beide, bepackt mit Büchern und Zeitschriften, das erste Mal die Treppe zum Keller hinunter. Dann nach links, einen schmalen Gang entlang, bis Ken schließlich vor einer Stahltüre anhielt, deren rostroter Anstrich auch schon bessere Tage gesehen hatte. Die Farbe war an vielen Stellen bereits abgeblättert, und ein muffiger Geruch lag in der Luft. Mit dem Ellbogen schob Ken den Riegel der Türe beiseite, öffnete sie mit einem leichten Tritt nach innen und drückte mit dem gleichen Ellbogen einen Atemzug später auf einen Lichtschalter. Augenblicklich erhellte das kalte Licht einer ganzen Reihe von Neonröhren die Szenerie.
Das Archiv war einfach und zweckmäßig eingerichtet. Sechs lange Stahlregale, die den Raum wie übergroße Metallbänder durchschnitten, waren exakt in gleichem Abstand zueinander ausgerichtet und jeweils mit fünf, beziehungsweise sechs Buchstaben fortlaufend im Alphabet nummeriert. Allerdings quollen die einzelnen Fächer der Regale bereits jetzt vor Büchern über. Die Studentin hatte nicht die geringste Ahnung, wohin mit der ganzen Papierflut, die noch auf dem Schreibtisch im Bibliothekssaal auf sie wartete.
»Das Archiv war ja gar nicht abgeschlossen«, bemerkte Claire verwundert.
Die schmalen Augen des Japaners verengten sich noch mehr, und ein Lächeln huschte über das sonst so ernste Gesicht.
»Das ist auch gar nicht nötig. Den Sicherheitsvorschriften ist bereits Genüge getan, wenn man die Tür zumacht. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, wer hier einbrechen sollte. Ich denke, mit einer Abhandlung über die Berechenbarkeitstheorie oder einem Handbuch zum Studienthema Informatik kann man in solchen Kreisen nicht unbedingt das ganz große Geld verdienen.«
Jetzt musste auch die Studentin lachen.

Die Zeiger der Bibliotheksuhr standen auf zehn Minuten nach fünf Uhr, als die beiden Studenten ein letztes Mal den Weg ins Archiv antraten.
»Puh«, keuchte Claire. »Ich glaube, heute Abend kann ich mir die Schuhe im Stehen zubinden, so lange Arme habe ich von der Schlepperei.«
Dabei setzte sie vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Der Bücherstapel, den sie sich zum Schluss aufgebürdet hatte, verwehrte ihr nämlich ein freies Sichtfeld auf den weiteren Verlauf der Stufen.
»Denk positiv«, ermunterte sie Ken, der bereits am Ende der Treppe angelangt war.
»Das ist der letzte Stapel und dann kannst du bis Dienstschluss die Füße hochlegen. Ich glaube nicht, das heute noch jemand kommt und etwas ausleihen will. Wir haben schließlich Freitag und das Wochenende winkt.«
»Deswegen bin ich dir echt dankbar. Ohne deine Hilfe hätte ich das Ganze in der kurzen Zeit bestimmt nie bewältigen können«, erwiderte Claire mit freundlicher Stimme. Im Stillen jedoch verwünschte sie zum wiederholten Male Dan Simon, der ihr diesen undankbaren Job überlassen hatte. Entweder war der Kerl einfach nur faul oder aber er hatte es mit Absicht getan, wobei ihr ersteres am wahrscheinlichsten erschien.
In diesem Moment passierte es!
Vor lauter Bücher übersah Claire Bancroft, dass der Treppenverlauf vor den letzten drei Stufen einen scharfen Knick nach rechts machte.
Die Studentin geriet ins Straucheln, ein kurzer Schrei und einen Atemzug später krachte sie der Länge nach auf den kahlen Betonboden des Archivs. Der Aufprall war hart und trieb ihr fast die Luft aus den Lungen. Ein dumpfer, lähmender Schmerz breitete sich über ihre rechte Schulter aus, weil sie versucht hatte, damit den Sturz abzufangen. Für einen Moment blieb Claire wie benommen liegen. Dann hob sie den Kopf und blickte sich irritiert um.
Sofort war Ken an ihrer Seite.
Beinahe zärtlich umfasste er ihre Hände.
»Bist du verletzt?«, fragte er aufgeregt und in seiner Stimme lag aufrichtige Sorge.
Claire schüttelte den Kopf.
»Kannst du aufstehen, oder soll ich dir helfen?« erkundigte sich Ken.
Die Studentin nickte stumm und rappelte sich mühsam mit seiner Hilfe hoch. Dabei fiel ihr Blick auf die Bücher, die weit verstreut im Gang herumlagen.
»Schöne Bescherung, hoffentlich ist nichts beschädigt.«
»Typisch Claire«, sagte Ken mit tadelndem Tonfall. »Du hättest dir bei diesem Sturz den Hals brechen können, dein Kostüm ist ruiniert, aber stattdessen machst du dir Gedanken über ein paar Seiten bedrucktes Papier, das ohnehin kein Mensch mehr interessieren dürfte.«
»Da kennst du aber unseren Bibliotheksvorsteher schlecht«, entgegnete sie, befreite sich aus Kens Händen und begann unverzüglich mit dem Einsammeln der Bücher. Kopfschüttelnd sah ihr Ken einen Moment lang dabei zu. Claire war anscheinend ziemlich hart im Nehmen, denn bis auf ein leichtes Humpeln hatte sie die Folgen des Sturzes augenscheinlich gut überwunden.
Schließlich zuckte er mit den Achseln und machte sich daran, ihr zu helfen.
»Das ist ja ein Ding!«, sagte Claire plötzlich.
»Was?«, fragte Ken beiläufig, während er das letzte Buch vom Boden aufsammelte.
»Komm mal her, das musst du dir ansehen.«
»Gleich«, erwiderte er. »Ich will nur kurz deine Bücher ins Archiv bringen und dann…«
»Nein, sofort!«, unterbrach ihn Claire und ihre Stimme klang seltsam aufgeregt.
Seufzend legte Ken die eingesammelten Bücher auf den Boden zurück und drehte sich um. Dann ging er langsam auf Claire zu, die unentwegt auf ein Buch starrte, das sie in ihren Händen hielt. Das Exemplar war aufgrund seiner beträchtlichen Größe durch den Sturz anscheinend besonders in Mitleidenschaft gezogen worden. Mehrere Seiten waren eingerissen und zerknickt und der Einband der Rückseite hing in grotesker Weise vom Buchrücken ab.
»Der Buchdeckel war auf der Innenseite mit einem Stück Pappkarton zugeklebt«, sagte Claire beinahe verschwörerisch, als Ken vor ihr stand.
»Na und? Wahrscheinlich stammt dieser Wälzer noch aus der Gründungszeit der Universität und löst sich jetzt allmählich in seine Bestandteile auf. Irgendjemand hat das Buch dann mit Pappe zusammengeklebt, damit es nicht vollständig auseinander fällt.«
»Dieser jemand hat sich dabei aber sehr viel Mühe gegeben. Wenn das Buch nicht bei meinem unfreiwilligen Flugversuch kaputt gegangen wäre, hätte wahrscheinlich kein Mensch jemals diesen geklebten Buchdeckel entdeckt.«
»Mein Gott«, seufzte Ken. «Vielleicht hat es derjenige nur gut gemeint, was weiß ich. Seit wann interessierst du dich eigentlich für zusammengeklebte Bucheinbände?«
»Seit dieser jemand zwischen der Pappe und dem Buchdeckel ein paar handgeschriebene Heftseiten versteckt hat! Und das hat er bestimmt nicht nur so aus Spaß gemacht, denn diese Zettel sehen ziemlich geheimnisvoll aus. «
»Wie bitte?«, entgegnete Ken, dessen Neugierde jetzt geweckt war.
»Sieh dir doch das mal an«, sagte die Studentin und hielt ihm ein paar Blätter unter die Nase. Auf den ersten Blick erinnerte Ken das Gekritzel an die Schreibversuche seines dreijährigen Neffen. Nachdenklich studierte er die eng beschriebenen Papiere mit den verschiedenen Zeichnungen, auf die er sich absolut keinen Reim machen konnte.
Schließlich schüttelte er den Kopf.
»Also ich werde aus diesem Geschreibsel nicht schlau. Was ist das eigentlich für ein Buch, indem diese Blätter versteckt waren?«
»Dem Klappentext zufolge ist das Ganze eine wissenschaftliche Abhandlung über die Quantenmechanik, Autor ist ein gewisser Professor Matthew Evans.«
»Matthew Evans? Hm, irgendwie sagt mir der Name Evans etwas«, erwiderte Ken nachdenklich. Dabei starrte er angestrengt zu Boden, als wäre die Antwort auf dem kahlen Beton zu finden.
Plötzlich hellte sich sein Gesicht auf.
»Natürlich, Evans der Physiker, das Mathematikgenie, der Herr der Zahlen. Er war sogar für den Nobelpreis vorgeschlagen, aber bevor er ihn annehmen konnte, wurde er ermordet. Die Sache hat damals für ziemliche Aufregung gesorgt. Er hat meines Wissens sogar hier Vorlesungen gehalten, aber das ist schon eine Ewigkeit her.«
»Okay, und was machen wir jetzt?«, entgegnete Claire. »Sollen wir das Buch zurück ins Archiv stellen und so tun, als ob nichts geschehen wäre, oder melden wir die Sache der Schulleitung?«
»Keines von beiden«, sagte Ken bestimmend. »Irgend ein Gefühl sagt mir, das an der Geschichte mehr dran ist, als es augenscheinlich der Fall ist.«
»Wie meinst du das?«
»Niemand macht sich ohne Grund solche Mühe, um ein paar unbedeutende Notizzettel auf diese Art und Weise zu verstecken.«,
»Ich weiß nicht so recht«, erwiderte die Studentin zweifelnd.
»Lass uns die Zettel doch erst mal auf eigene Faust auswerten«, schlug Ken vor. »Wenn wir wissen, was das Ganze zu bedeuten hat, können wir ja immer noch entscheiden, was wir tun.«
Claire Bancroft wiegte den Kopf.
»Wie willst du das anstellen? Evans war ein Physikgenie und davon haben wir beide soviel Ahnung wie eine Kuh vom Sonntag. Wenn du wirklich wissen willst, was es mit diesen Papieren auf sich hat, musst du zwangsläufig einen der Professoren in die Geschichte einweihen. Am Ende sind dann womöglich noch wir die Dummen, oder wir machen uns vielleicht sogar strafbar. Nein Ken, ich finde das ist keine gute Idee.«
»Aber wenn wir die Papiere aus der Hand geben, sind wir draußen. Wenn die Geschichte tatsächlich ein Knaller ist, kräht später kein Hahn mehr nach uns.«
»Kein normaler Mensch kann uns helfen, dieses Gekritzel zu entziffern«, warf Claire ein. »Jedenfalls kenne ich keinen.«
»Aber ich!«, erwiderte der Informatikstudent wissend. « Ich sage nur Germany, wenn du weißt was ich ...«
»Das ist nicht dein Ernst«, unterbrach ihn Claire hastig. »Du meinst doch nicht etwa diesen seltsamen Deutschen, der hier ein Gaststipendium erhalten hat? Wie heißt er noch?«
»Markus«, antwortete Ken. »Markus Becker. Doch, genau den meine ich.«
Die Studentin sah jetzt alles andere als glücklich aus.
»Was willst du denn mit dem schrägen Vogel?«
»Lass dich durch sein Äußeres nicht täuschen, Markus ist eigentlich ganz okay. Vor allem aber ist er ein Ass in Physik und genau so jemanden brauchen wir jetzt. Ich bin sicher, dass er uns helfen wird, oder was denkst du?«
Die Studentin gab darauf keine Antwort. Aber ihr Gesicht war ein einziges Fragezeichen.
Die beiden einigten sich schließlich darauf, um 20 Uhr, nach Claires Dienstende, gemeinsam den merkwürdigen Deutschen aufzusuchen.
Bereite eine Viertelstunde vor acht löschte Claire die Lichter an ihrem Arbeitsplatz. Ken hatte recht behalten. Am Freitagabend besuchte tatsächlich kein Student auf dem Campus die Bibliothek. So hatte sie ausgiebig Gelegenheit, ihre Kleidung wieder einigermaßen auf Vordermann zu bringen. Auch wenn das Treffen mit Markus Becker nicht gerade ein gesellschaftliches Großereignis war, wollte Claire Bancroft dort nicht unbedingt mit einem schmutzigen Kostüm erscheinen. Sie war gerade dabei, das schwere Eingangsportal abzuschließen, als Ken Okumoto mit seinem altersschwachen Toyota vorfuhr. Wortlos schwang sie sich auf den Beifahrersitz und erst, als der Wagen schon rollte, fragte sie.
»Und, wo treffen wir ihn?«
»Im Harper´s Inn”, erwiderte Ken knapp.
»Diese Studentenkneipe, draußen am Riss Lake?«
Ken nickte.

Harper´s Inn war ein lang gezogener Holzkasten irgendwo am nördlichen Rand der Stadt mit Blick auf den Riss Lake. Ken Okumoto lenkte seinen Wagen auf den kiesbedeckten Parkplatz neben dem Restaurant. Der Motor erstarb brummend und die Dunkelheit legte sich wie ein schwarzes Tuch über den Platz, als er das Scheinwerferlicht ausschaltete.
Kurz darauf betraten die beiden Studenten das Restaurant beinahe gleichzeitig.
Neugierig ließ Claire ihre Blicke durch den Gastraum schweifen. Es war ein langer Raum mit niedriger Holzdecke, der die Länge eines Eisenbahnwaggons hatte und genauso breit war. Das ganze war ziemlich spartanisch eingerichtet. Ein halbes Dutzend Lampen spendeten nur spärliches Licht. Eine schmale, mit unzähligen Postkarten und Stickern beklebte Theke, ein paar grob zurechtgezimmerte Tische, eingerahmt von ebensolchen Stühlen die aussahen, als sei Familie Holzwurm hier Stammgast und ein erbärmlich ausgestopfter Büffelschädel an der Nordwand vervollständigten bereits das Inventar.
Es waren nicht sonderlich viele Gäste anwesend.
Ken entdeckte Markus Becker an einem Tisch im hintersten Winkel des Lokals.
Der Deutsche hatte Steak und Bohnen, ein Schälchen mit Dosenpfirsichen und einen Krug Bier vor sich. Er sah genauso aus, wie sich Claire den Prototyp eines zerstreuten Physikgenies vorstellte. Groß, unglaublich hager, mit dünnem Haar und hellen, ständig umherhuschenden Augen hinter einer altmodischen Hornbrille.
Form und Schnitt seiner Kleidung sahen aus, als stammten sie noch aus dem Nachlass
seines Großvaters.
»Hallo Markus, dürfen wir uns setzen?«
Der Angesprochene nickte stumm.
Ken und Claire bestellten Kaffee, als ein Kellner auftauchte und warteten, bis Becker beim Nachtisch angekommen war.
»Sagt dir der Name Matthew Evans etwas?«, störte ihn Ken beim Pfirsichkauen.
In den Augen des Deutschen glomm so etwas wie Bedauern auf.
»Matthew Henry Evans, geboren am 14. Oktober 1935 in Kansas City im elterlichen Haus in der Ceder Street, ermordet am 3. Januar 1994 ebenfalls in Kansas City, in einer dunklen Seitengasse in der Nähe des Sterling Boulevard. Er war der jüngste Professor in der Geschichte der Kansas Avila Universität und der einzige Physiker im Staat Missouri, dem man bereits mit fünfundvierzig die Leitung eines eigenen Forschungsinstituts übertrug.«, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen. »Seid ihr beiden heute Abend extra hier raus gefahren, damit ich euch seinen Lebenslauf aufsage? Das hättet ihr im Internet einfacher bekommen können.«
Kopfschüttelnd widmete sich Becker wieder seinen Pfirsichen.
Ken verneinte dessen Frage, erklärte ihm ihr Problem und breitete schließlich nach einigem Zögern die obskuren Zettel auf dem Tisch aus.
Markus Becker hörte auf zu kauen.
Der Ausdruck auf seinem Gesicht veränderte sich abrupt, als er die Papiere genauer betrachtete. Sie sahen Beckers Augen immer größer werden, je länger er die Notizen studierte. Seine Stimme klang seltsam belegt, als er wieder sprach.
»Wo habt ihr das her?«.
»Aus einem Buch von Evans. Der Buchdeckel war dick mit Pappe überklebt und dazwischen fanden wir diese Papierfetzen«, sagte Claire.
»Papierfetzen?«, kreischte Becker und drohte überzuschnappen. Ein paar Studenten am Nachbartisch starrten neugierig herüber.
Der Deutsche blickte sich hastig um. Dann stand er unvermittelt auf und schien es plötzlich ziemlich eilig zu haben.
»Ich denke, es ist besser, wenn wir in eurem Wagen weiter darüber reden«, sagte er leise. Hastig stopfte er die Papiere in seine Hosentasche, legte ein paar Dollarnoten auf den Tisch, die den Gegenwert ihrer Bestellungen bei weitem überschritten und lief zielstrebig auf den Ausgang zu. Ken und Claire sahen sich einen Moment lang verständnislos an, dann folgten sie Becker und holten ihn erst auf dem Parkplatz wieder ein.
»Mann, was ist denn in dich gefahren?«
»Wo ist dein Auto?«
Ken deutete mit der Rechten auf den Toyota.
»Los, steigt ein. Wir fahren.«
»Wohin?«, wollte Claire wissen.
»Egal«, sagte der Deutsche hastig. »Hauptsache wir fahren und keiner außer uns hört zu.«
Als sie im Wagen saßen, warf Ken einen Blick in den Rückspiegel und erkannte, dass Markus Becker einen unglaublich verstörten Eindruck machte.
»Willst du uns nicht endlich erklären, was das Ganze soll?«
»Wisst ihr eigentlich, was es mit diesen Papieren auf sich hat?«
Ken blickte hilfesuchend zum Beifahrersitz hinüber, aber auch Claire zuckte nur ahnungslos mit den Achseln.
»Diese Papiere sind Matthew Evans Vermächtnis.«
»Und?«, fragte Ken schulterzuckend und lenkte den Wagen langsam über den Parkplatz.
Markus Becker atmete geräuschvoll aus, es klang wie das Pfeifen eines Dampfkessels.
»Es gab mal eine Zeit, da hat man halb Amerika auf den Kopf gestellt, um diese Papiere zu finden. Und jetzt kommt ihr zwei beide da einfach in diese Fressbude marschiert und sagt bitteschön, wir haben da was, das solltest du dir unbedingt anschauen, Markus. Mein Gott, das glaubt mir kein Mensch.«
Claire runzelte nachdenklich ihre Stirn.
»Was um alles in der Welt ist denn an diesen Zetteln so außergewöhnlich?«
»Diese Zettel, wie du sie nennst, sind nichts anderes als die Gebrauchsanleitung zum Bau einer Zeitmaschine. Mit einem kleinen Unterschied zu allem anderen, was bisher in dieser Richtung publik gemacht wurde. Diesmal funktioniert es tatsächlich!«
Vor Überraschung trat Ken auf die Bremse und alle drei wurden nach vorne gerissen und innerhalb von Sekundenbruchteilen wieder unsanft durch die Sicherheitsgurte auf ihre Sitze zurück gepresst.
»Was soll der Blödsinn?«, fuhr der Japaner den Deutschen ärgerlich an. »Ich denke, aus dem Märchenalter sind wir alle längst raus. Also erzähle uns hier nicht solch einen Quatsch.«
»Das ist kein Quatsch«, erwiderte Becker mit todernster Stimme, während Ken vom Parkplatz heraus auf die Straße in Richtung Innenstadt fuhr.
»Matthew Evans war alles andere als ein Träumer. Er war ein Zahlenmensch, ein Realist, was er anpackte hatte Hand und Fuß. Der Bau einer Zeitmaschine war sein Lebenstraum. Jeder, der ihn kannte, wusste, dass ihn lediglich die fehlende Finanzierung daran hinderte, dieses Projekt durchzuziehen. Erst durch sein Institut hatte er dann die Zeit und auch das Geld dazu, diese Forschungen voranzutreiben. Es war ein offenes Geheimnis, das sich später sogar das Militär für seine Arbeiten interessiert hat.«
»Das sind doch alles Hirngespinste«, lachte Ken.
»Das dachte die Welt vor sechzig Jahren auch, als ein paar Wissenschaftler davon redeten, dass der Mensch bald den Mond betreten würde«, entgegnete Becker.
»Das ist auch etwas ganz anderes«, mischte sich Claire Bancroft in die Diskussion ein.
»Der Mond, das ist etwas Reales, Existierendes. Den kann man sehen, aber eine Zeitmaschine, also ich weiß nicht. Außerdem, warum hat Evans dann seine Erfindung damals nicht der Öffentlichkeit präsentiert, wen sie denn funktionierte?«
»Ich denke mal, das gewisse Leute ganz andere Pläne mit der Maschine hatten. Evans hat mitgekriegt, dass ihm die Sache über den Kopf wächst, und bevor jemand mit dieser Maschine Gott spielen konnte, hat er sie und die Aufzeichnungen verschwinden lassen. Als er das Versteck nicht preisgab, hat man ihn ermordet. Das ist jedenfalls meine Version von der Geschichte. Die Story von dem Junkie, der ihn wegen ein paar Dollars in einer Seitengasse erstochen hat, nehme ich den Behörden bis heute nicht ab.«
»Für einen Deutschen, der erst das zweite Gastsemester hier absolviert, kennst du dich aber verdammt gut aus. Vor allem, wenn man bedenkt, wie lange das Ganze schon her ist.«
Markus Becker lächelte.
»Physik ist neben der Mathematik so ziemlich das Einzige, was mich wirklich interessiert, und Matthew Evans ist mein großes Vorbild. Ich würde ihn sogar auf eine Stufe mit Einstein, Newton oder Hawking stellen. Ich glaube, ich weiß inzwischen mehr über ihn und seine Arbeit als über mich selber.«
Ein, zwei Minuten lang war es seltsam still in dem Auto.
»Wie geht es jetzt weiter?«, fragte Ken schließlich, als er an einer roten Ampel halten musste.
»Wir fahren in Evans Institut und holen die Zeitmaschine aus ihrem Versteck.«
»Das geht mir jetzt aber doch alles etwas zu schnell«, mischte sich Claire ein.
»Sollten wir das Ganze nicht etwas gründlicher überdenken? Außerdem, es ist Freitagabend, eigentlich wollte ich das Wochenende mit einem Discobesuch beginnen und nicht in ein stillgelegtes Institut einbrechen.«
»Soll das heißen, dass dir das Herumgehopse in einem halbdunklen Tanzschuppen wichtiger ist als die Entdeckung einer bahnbrechenden Erfindung?«
»Natürlich nicht!«, erklärte Claire entschieden. »Ich meinte ja nur, das man so eine Sache nicht unbedingt so spontan wie wir jetzt entscheiden, sondern erst einmal eine Nacht darüber schlafen sollten.«
»Da stimme ich Claire allerdings zu. Außerdem, wie sollen wir das Ganze bewerkstelligen?«, erkundigte sich Ken. »Ich glaube nicht, das man uns so einfach in das Institut lässt. Zudem, woher willst du wissen, wo die Maschine versteckt ist, bist du etwa auch Hellseher?«
»Erstens ist das Institut vor etwas mehr als zehn Jahren geschlossen worden und heute nur noch eine Ruine, in der hin und wieder ein paar Jugendliche Saufpartys veranstalten. Und zweitens ist das Versteck der Maschine auf den Papieren, die ihr mir gezeigt habt, genauestens beschrieben. Aber okay, wenn euch die Sache zu heiß ist, lassen wir das Ganze. Setzt mich bitte zuhause ab.«
»Was hast du vor?«, fragte Ken.
»Ich weiß zwar nicht, was ihr heute Abend noch anstellt, ich für meinen Teil jedenfalls werde mir diese Chance nicht entgehen lassen. Ich würde gerne mein Bild nächste Woche auf der Titelseite des Time-Magazin sehen.«
Es folgte Stille.
Der Verkehrslärm der Millionenstadt rauschte an ihnen vorbei.
»Also, was ist? Seid ihr dabei?«, fragte Markus schließlich.
Als Claire zu Ken hinüber blickte, brauchte sie nur einen Augenblick um festzustellen, das sich der Japaner schon längst entschieden hatte.
Unwillkürlich seufzte die Studentin.
»Auf was habe ich mich da nur eingelassen?«, sagte Claire leise und wurde in ihrem Sitz immer kleiner, während Ken an den Fahrbahnrand fuhr und sich den Weg zu Evans Forschungslabor beschreiben ließ.
Kurze Zeit später verließ Okumoto mit seinem altersschwachen Kleinwagen den kaum befahrenen Highway und folgte den engen Kurven eines Waldpfades.
Der Mond stand wie eine silberne Scheibe fast senkrecht am Himmel und in der Ferne grollte dumpf der Donner eines sich rasch nähernden Herbstgewitters.
Der Wagen arbeitete sich ächzend einen Hügel hinauf und das Licht seiner abgeblendeten Scheinwerfer drang dabei durch das dichte Unterholz.
Ein Hase flüchtete.
Geblendet vom grellen Schein der Autolichter verschwand das scheue Tier hakenschlagend tiefer im Dunkel des Waldes.
»Halt da vorne an, den Rest des Weges müssen wir zu Fuß gehen«, sagte Markus unvermittelt.
Ken nickte, zog den Wagen scharf nach links und brachte das Auto schließlich auf einer kleinen Anhöhe inmitten von Kiefern und Tannen zum stehen. Er schaltete den Motor aus, die Scheinwerfer erloschen und die drei Studenten verließen beinahe gleichzeitig das Fahrzeug.
Ken öffnete die Heckklappe des Wagens und im Auto ging die Innenbeleuchtung an. Das matte Licht einer schwachen Glühbirne erhellte im Kofferraum eine Sporttasche, aus der er eine Stabtaschenlampe hervorzauberte.
Becker ging voran.
Für einen Mann seiner Statur und Größe sogar außergewöhnlich leise und geschickt. Nur spärlich beleuchtete der dünne Lichtkegel der Taschenlampe den schmalen Pfad, der sich in engen Kurven die Anhöhe hinabschlängelte.
Schweigend marschierten die drei abwärts.
Es donnerte wieder und als sie kurz darauf ihr Ziel erreicht hatten, fielen die ersten Regentropfen. Obwohl das Institut seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr genutzt wurde, waren jedenfalls die Straßenlaternen des Zufahrtweges noch an das städtische Stromnetz angeschlossen. Auch wenn die Steinwürfe einiger unbelehrbarer Zeitgenossen weit mehr als die Hälfte aller Strahler zerstört hatten, reichte das Licht der verbliebenen noch aus um Einzelheiten zu erkennen. Das umzäunte Institutgelände lag inmitten einer weiträumig gerodeten Lichtung. Ein mannshoher, grüner Maschendrahtzaun umgab das Anwesen. Verrostete Stacheldrahtrollen waren auf seiner Spitze montiert.
Der Zaun war von einer breiten Einfahrt unterbrochen, in der einst eine rotweiß gestrichene Schranke den Weg versperrte. Jetzt verrottete sie neben einem zerfallenen Pförtnerhäuschen. Einen Steinwurf weit vom Zaun entfernt stand zur Rechten hin ein zweistöckiges Backsteingebäude, in dessen Mauerwerk unzählige zerbrochene Milchglasscheiben im Licht glänzten.
Der Hauseingang war mit Brettern zugenagelt, überall wucherte Unkraut empor und das ganze machte einen verwahrlosten, baufälligen Eindruck.
Der Regen wurde nun stärker und Claire blickte irritiert auf den geteerten Weg der Einfahrt, der vom Institut aus schlangengleich in den Wald führte, in genau die Richtung, in der sie den Highway vermutete.
Fröstelnd schob sie eine nasse Haarsträhne aus ihrem Gesicht.
»Was ist das?« ,fragte sie Becker und deutete dabei mit ihrer Rechten unwillig auf den regennassen Asphalt.
»Eine Straße!«
»Das sehe ich selber. Jetzt nenn mir bitte einen Grund, warum wir nachts zu Fuß durch den Wald laufen, wenn wir genauso gut mit dem Wagen bequem bis vor die Haustüre hätten fahren können. Sieh dir bloß mal meinen Rock an!«
»Aus genau demselben Grund, aus dem ich unsere Ankunft nicht im Kansas City Telegraph veröffentlicht habe«, entgegnete der Physikstudent trocken.« Wenn wir die Straße genommen hätten, wären wir wahrscheinlich eher aufgefallen. Wir sind nämlich nicht die einzigen, die sich nach all den Jahren immer noch für das Institut interessieren.«
»Du meinst, hier suchen noch andere Leute nach etwas bestimmten?« wollte Ken wissen.
Markus Becker nickte.
»Einen habe ich schon des Öfteren hier herumschleichen sehen. So einen pockennarbigen Kerl, der sieht richtig unheimlich aus. Also dem möchte ich nicht unbedingt im Dunkeln begegnen«, erwiderte er und führte sie dabei auf einem ausgetretenen Trampelpfad um das Haus herum.
Kurz darauf kamen sie an eine schmale Steintreppe. Etwa ein Dutzend Stufen führten gut zwei Meter in die Tiefe und brachten sie vor eine mausgraue Stahltür, die einen kleinen Spalt weit geöffnet war. Behutsam schob Markus die Türe nach innen, dennoch klang das Quietschen der verrosteten Türscharniere überlaut durch die nächtliche Stille. Als sie in das Dunkel dahinter eintauchten, fühlte sich Claire Bancroft alles andere als wohl in ihrer Haut. Das spärliche Licht der Taschenlampe ließ vage erkennen, das sie sich in einer Art Keller oder Lagerraum befanden. Unzählige, hoch aufgestapelte Holzkisten, prall gefüllte Müllsäcke und allerlei Kartons standen überall herum.
»Hier entlang«, sagte Markus leise und führte sie mit beinahe traumwandlerischer Sicherheit durch den Keller, eine weitere Treppe hoch und schließlich in einen großen, kahlen Raum, in dem jeder ihrer Schritte gespenstisch widerhallte.
»Wartet hier kurz«, sagte er, knipste die Taschenlampe aus und verschwand in der Dunkelheit des Zimmers. Für einen Moment lang war es geradezu unheimlich still. Von draußen trommelte der Regen auf das Dach und ein gewaltiger Donnerschlag ließ die Fensterscheiben erzittern. Leise Furcht breitete sich in Claire aus. Sie hatte plötzlich ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend und fröstelte.
Im gleichen Moment durchbrach ein Geräusch die Stille, dass wie das Klacken eines Feuerzeugs klang. Gleich darauf erhellten zwei Sturmlaternen die Szenerie und tauchten den Raum in ein warmes, beinahe behaglich wirkendes Licht. Markus Becker entzündete eine weitere Lampe und eilte dann mit schnellen Schritten an die Fenster. Rasch zog er die Sichtschutzrollos, die erstaunlicher Weise noch vollkommen intakt waren, herunter, sodass kein Lichtschein nach draußen dringen konnte.
»Voilà!«, sagte er schließlich und breitete seine Arme aus. »Willkommen in Evans Labor.«
Zögerlich blickten sich Ken und Claire um. Die Wände des Raumes waren fast bis zur Decke hinauf weiß gekachelt. Ein langer Arbeitstisch aus kaltem Stahl nahm die gesamte rechte Seite des Labors ein. Über dem Tisch befanden sich zwei Schränke, deren Glasschiebetüren zerbrochen waren. In einem der Fächer lagen inmitten unzähliger Scherben die kümmerlichen Überreste eines Bunsenbrenners. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich ein Waschbecken, in dem sich schmutzige Laborutensilien stapelten, kleine Wannen aus Metall, ein Mörser, braune Chemikalienflaschen und zerbrochene Reagenzgläser. In der Mitte standen ein Tisch und drei Chromstühle, ein vierter Stuhl lag am Boden. Zwei seiner Metallbeine waren völlig verbogen. In einigen Ecken der Wände waren die Kacheln zersprungen, Schimmelpilze hatten sich ausgebreitet und ein leichter Geruch von Moder hing in der Luft.
»Du warst schon öfters hier«, stellte Claire nüchtern fest.
Markus Becker nickte.
»Ich denke, es wird Zeit, dass du uns gegenüber endlich mit offenen Karten spielst, Markus!«, sagte die Studentin. Ihre Stimme hatte dabei einen harten Klang angenommen.
»Wie meinst du das?«, erwiderte er unsicher und fuhr sich mit der Zunge nervös über die schmalen Lippen.
Draußen donnerte es wieder, diesmal lauter, bedrohlicher und im Raum herrschte plötzlich eine fast greifbare Spannung.

»Genau so, wie ich es gesagt habe.«
Nach einem kurzen prüfenden Blick durch das Labor wischte Claire Bancroft mit der Hand den fingerdicken Staub längst vergangener Zeiten vom Arbeitstisch und setzte sich mit einer raschen Bewegung auf die stählerne Platte.
»Also, ich höre!«
»Ich verstehe dich immer noch nicht.«
Ken Okumoto stellte sich neben die Studentin. Er hatte die Arme demonstrativ vor der Brust verschränkt und taxierte den Physikstudenten abschätzend. Dabei starrte er Becker aus dunklen, glühenden Augen an. Becker spürte, wie sich unter diesem Blick seine Nackenhaare aufrichteten.
»Markus«, sagte der Japaner schließlich spröde, »wir kennen uns lange genug, also hör auf hier um den heißen Brei zu reden. Du kennst dich in diesem Gebäude besser aus als ich in meiner eigenen Hosentasche. Matthew Evans ist so etwas wie eine Leitfigur für dich, und du meldest dich extra aus dem fernen Germany in jener Universität zu Gastsemestern an, in der er ebenfalls studiert hat. Obwohl deine finanziellen Mittel es dir durchaus erlauben würden, einen Platz in dem um Klassen besseren Harvard zu belegen. Ein bisschen viel Zufall auf einmal, wenn du mich fragst. Also, was läuft hier ab?«
»Na schön«, sagte der Deutsche und nahm mit einer nervösen Geste seine Hornbrille ab. Nachdenklich starrte er einen Moment lang zu Boden, dann straffte sich seine Gestalt merklich und sein Gesicht wirkte plötzlich entschlossen.
»Was wollt ihr wissen?«
Claire warf Ken einen fragenden Blick zu. Er nickte aufmunternd.
»Seit wann weißt du von der Existenz dieser Zeitmaschine?«
»Seit dem Tag, an dem ich mich zum ersten Mal mit Evans Lebenswerk hier in Kansas City beschäftigt habe.«
»Deshalb hast du dir hier ein Stipendium verschafft. Sozusagen um direkt vor Ort nachzuforschen.«
Becker nickte.
»Was macht dich so sicher, dass die Sache diesmal funktioniert? Ich meine, es haben sich schon eine Menge kluger Köpfe an diesem Thema versucht. Aber bisher ist dabei nichts Wesentliches herausgekommen«, warf Ken ein. »Sozusagen viel Lärm um Nichts.«
»Ich wiederhole noch einmal, Evans war Realist, er wusste, wovon er sprach. Ich hatte die ganze Zeit über nicht den geringsten Zweifel an der Glaubwürdigkeit seiner Ausführungen. Seine verschollen geglaubten Aufzeichnungen, die ihr mir heute Abend vorgelegt habt, beweisen, dass ich recht hatte. Ist euch beiden überhaupt klar, um was es hier eigentlich geht? Wir sind kurz davor, die größte Sensation aller Zeiten zu entdecken. Eine Maschine, die es seinem Benutzer erlaubt, durch Raum und Zeit zu reisen.«
»Mit diesem Benutzer meinst du wohl dich?«
Markus Becker machte eine müde Handbewegung.
»Anfangs ja, das gebe ich ehrlich zu. Ich wollte unbedingt der Mann sein, der Evans Werk vollendet. Aber in der Zwischenzeit ist mir das Ganze über den Kopf gewachsen. Zu viele Leute haben in dieser Sache immer noch ihre Finger mit im Spiel. Alleine kommt man dabei nicht vorwärts.»
»Was sind das für Leute?«
Becker zuckte mit den Schultern.
»Skrupellose Geschäftemacher, neidische Kollegen, vielleicht sogar irgendwelche Leute von der Regierung. Ich weiß es nicht, ich weiß aber, dass sich in letzter Zeit auffällig viele Leute für dieses verlassene Institut interessieren.«
»Und wo ist diese Maschine nun?«, wollte Claire wissen.
Ein spöttisches Grinsen verzerrte Beckers Mundwinkel.
»Du sitzt drauf!«
Wie von der Tarantel gestochen schoss Claire Bancroft in die Höhe und sprang vom Tisch. Mit ungläubigem Erstaunen musterte sie den Stahltisch.
»Wo?«, fragte sie mit belegter Stimme.
Der Physikstudent deutete auf einen der oberschenkelstarken Tischfüße der stählernen Arbeitsplatte.
»Wenn die Aufzeichnungen stimmen, ist dieses Tischbein da innen hohl. Hier hat Evans seine Maschine versteckt. Das ganze ist so einfach und doch genial.«
»Auf was wartest du dann noch? Los, lass uns nachsehen«, drängte Ken.
Markus schien auf diese Situation bestens vorbereitet zu sein. Aus der Innentasche seiner Windjacke brachte er ein dunkles, flaches Lederetui zum Vorschein, das eine Unzahl verschiedenartiger Präzisionswerkzeuge enthielt. Nach einem kurzen Blick auf den Tisch wählte er einen kleinen Schraubenzieher aus. Mit fliegenden Fingern begann Markus den Tischfuß abzuschrauben. Claire und Ken hingen förmlich an seinen Händen. Als er die letzte Schraube gelöst hatte, hörte er Claire zischend einatmen. Das Tischbein war innen hohl, wie er es gesagt hatte. Markus Becker hob es hoch und neigte dabei langsam die Öffnung nach unten. Er spürte, wie alle die Luft anhielten und auf das starrten, was da langsam zum Vorschein kam.
Ein Zylinder aus Glas.
Beckers Hände zitterten, als er ihn vom Boden aufhob und genauer betrachtete. Der Glaszylinder war ungewöhnlich leicht, vielleicht fünfzehn Zentimeter dick und doppelt so lang. Im Innern war ein seltsames Gewirr aus Kabeln zu sehen und ein Gebilde, das an das Aussehen einer futuristischen Glühbirne erinnerte. Ein Schraubdeckel verschloss das eine Ende. Darunter kam eine achteilige Tastatur zum Vorschein. V1, V2, die Zahlen eins bis fünf und der Buchstabe T waren darauf zu lesen. Ein fingerbreites und ebenso langes Display war darüber angebracht.
»Und das soll funktionieren?«, fragte Ken zweifelnd. »Das Ding sieht aus, als hätte es Thomas Edison im Vollrausch erschaffen.«
»Lass es mich einmal so erklären. Denk dir einen großen, schweren Körper, beispielsweise die Sonne. Sie erzeugt durch ihre Masse eine Delle in Raum und Zeit und zieht dadurch andere Materie an. Die Schwerkraft verbiegt diesen Raum und mit ihm auch die Zeit.«
» Das hat, glaube ich, schon Einstein herausgefunden«, warf Claire ein.
»Richtig! Also, Tatsache ist, dass dieser Raum und die Zeit zusätzlich verdreht werden, wenn sich das Licht dreht. Eine von Evans Theorien besagt, dass, wenn ein Atom in den Bereich dieses Lichtkreises eintritt und sich dort auf eine Spiralbahn durch diese verdrehte Raumzeit hindurch bewegt, es sich dann, wenn es wieder herauskommt, in der Vergangenheit oder in der Zukunft befinden wird. Evans arbeitete daran, mit Röntgenlaser die Moleküle des menschlichen Körpers so zu beschleunigen, das sie in den Bereich dieses Lichtkreises eintreten können. Ich könnte euch jetzt noch etwas über Quantensprünge oder Teleportationsexperimente erzählen, aber das würde zu weit führen.«
»Dann schalte dieses verdammte Ding doch einfach mal an. Kriegst du das auf die Reihe?«
Markus Becker nickte.
»V1 eins bedeutet Power«, sagte er heiser. «So steht es jedenfalls in den Aufzeichnungen. Ich denke, ich drücke jetzt einfach mal auf diesen Knopf. Einverstanden?«
Claire und Ken sahen sich einen Moment lang stumm in die Augen, dann nickten sie beinahe gleichzeitig. Markus Becker vibrierte vor Erregung. Er holte tief Luft und sein Zeigefinger senkte sich auf die Taste. Niemand von ihnen wagte mehr zu atmen.
Die Taste wurde gedrückt und es geschah ...
n i c h t s!
Becker betätigte die Taste ein zweites und ein drittes Mal, aber das Ergebnis war stets das Gleiche.
Beinahe hilflos starrte er auf den Glaszylinder, dann auf Claire und Ken.
Alle drei konnten ihre Enttäuschung nicht verbergen.
»Und jetzt?«, fragte Claire mit erstaunlicher Ruhe.
»Ich muss irgendetwas übersehen haben. Das Beste wird sein, ich nehme die Maschine mitsamt den Papieren mit zu mir nach Hause und arbeite das Ganze noch einmal in aller Ruhe durch«, erwiderte der Deutsche und begann den Glaszylinder in der Innentasche seiner weit geschnittenen Windjacke zu verstauen.
»Ich denke, es wird besser sein, wenn Ken diese Maschine zu sich nach Hause nimmt«, sagte Claire. »Wir treffen uns dann immer bei ihm und versuchen gemeinsam, das Ding zum Laufen zu bringen. Irgendwelche Einwände?«
Ken griente, während Markus Becker widerstrebend den Glaszylinder aus der Hand gab.
»Ihr traut mir wohl nicht?«
Claire zeigte lächelnd ihre Zähne.
»Lass es mich einmal so ausdrücken. Ich schlafe wesentlich ruhiger, wenn ich weiß, dass diese Maschine bei Ken im Zimmer steht.«
»Also gut«, gab sich Markus geschlagen und übergab Ken das Objekt seiner Begierde.
Dann wandte er sich ab, blies die Sturmlaternen aus und fünf Minuten später machten sich die drei auf den Rückweg. Als die Studenten das Institut verließen, hatte der Wind die Richtung gewechselt und fegte ihnen den Regen jetzt in den Rücken. Blitze zuckten wie Feuerwerk über den nachtschwarzen Himmel und Donner grollte, als würde die Welt einstürzen. Mit weit ausgreifenden Schritten hasteten die Drei zurück in den Wald, wo ihr Wagen stand. Wahrscheinlich wären sie weit weniger sorglos gewesen, hätte einer von ihnen einen Blick zurück geworfen.
Erneut zuckte ein Netz von Blitzen durch den Regen und tauchte das Gelände in gleißendes Licht. Für einen Moment wurden die Umrisse einer Gestalt sichtbar, die an der Rückseite des Pförtnerhäuschens kauerte.
In seinem langen Regenumhang wirkte der Mann in der Dunkelheit wie eine Gestalt aus dem Schattenreich. Er war groß, mindestens einen Meter neunzig, hatte stechende Augen und einen sichelförmigen Schnurrbart. Sein pockennarbiges Gesicht verzerrte sich mit einem zufriedenen Lächeln, als er den Gegenstand erkannte, den Ken Okumoto in seinen Händen hielt. Lange starrte er den Studenten nach, während der Regen immer stärker wurde und den Boden um ihn herum langsam in grundlosen Morast verwandelte. Schließlich drehte er sich um und tauchte lautlos in der Dunkelheit unter.

Claire schaute auf die Uhr; es war kurz vor halb neun. Sie drückte das Gaspedal ihres Wagens weiter durch und die Tachonadel näherte sich zitternd der fünfzig Meilen Marke. Der Scheibenwischer surrte unablässig, dennoch konnte er die Wassermassen kaum bändigen, die ständig auf die Frontscheibe klatschten. Claire tastete im Dunkeln umher, bis sie den Einschaltknopf des Radios gefunden hatte. Eine sonore Männerstimme ertönte und berichtete über das seit Tagen andauernde Gewitter, angeblich die schlimmsten Niederschläge seit zehn Jahren in Kansas City. Aber die Worte prallten von ihr ab, wie der Regen vom Dach ihres Wagens. Vor vier Tagen hatten sie diese ominöse Zeitmaschine gefunden und seit vier Tagen versuchte Markus Becker vergeblich, die Apparatur wieder in Gang zu bringen.
Seit dieser Zeit drehte sich ihr ganzes Denken und Handeln nur um diese Maschine.
Nervös starrte sie in den Rückspiegel.
Sie versuchte, sich zu logischem Denken zu zwingen. Dabei wurde ihr bewusst, wie sehr sie die Maschine und der Gedanke an das, was wäre wenn, sie immer mehr zu beherrschen begann. Sie vernachlässigte ihren Freundeskreis, im Bibliotheksdienst unterliefen ihr Flüchtigkeitsfehler und, anstatt sich mit ihrem Geschichtsstudium zu beschäftigen, verbrachte sie die Nächte damit, in einer Junggesellenbude Ken und Markus bei ihren Versuchen über die Schulter zu starren. Beseelt von der Hoffnung, dass es endlich funktionieren würde.
Aber damit war heute Abend Schluss.
Sie fuhr von der Bibliothek aus auf direktem Weg nach Hause. Ein heißes Bad, ein Sandwich, dick belegt mit ihrem Lieblingskäse, und dazu dröhnende Heavy- Metal Rhythmen würden sie sicher auf andere Gedanken bringen. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ihre Eltern feierten im fernen Florida Silberhochzeit und deshalb würde die Musik heute bestimmt nicht nur mit Zimmerlautstärke durch das Haus klingen.
Claire setzte den Blinker und bog vom Sterling Boulevard in eine schmale Seitenstrasse ab. Sie nahm den Fuß vom Gas und steuerte den Wagen auf ein bescheidenes Haus im Kolonial-Stil zu. Doch schon im nächsten Moment riss das Schicksal sie jäh aus ihren Träumen von einem harmonischen Abend bei Musik und Käsesandwich.
In der von Kiefern gesäumten Auffahrt parkten mehrere Fahrzeuge. Ein kastenförmiger Dodge-Van mit dem Stadtwappen von Kansas City auf der Tür, zwei Streifenwagen und eine dunkle Limousine mit eingeschaltetem Blaulicht.
Claire schloss für einen Moment die Augen und versuchte sich einzureden, sie würde träumen. Aber als sie ihre Augen wieder öffnete, standen die Polizeiautos immer noch vor dem Haus ihrer Eltern. Ein Polizist in Uniform kam auf den Wagen zu, öffnete die Fahrertür und streckte ihr seine Hand entgegen.
»Mrs. Bancroft?«
»Ja.«
»Die Nachbarn haben uns gesagt, das sie normalerweise um diese Uhrzeit nach Hause kommen.«
»Was ist passiert?«, fragte Claire.
»Hier wurde eingebrochen. Lieutenant Marlow wird sie über alles genauer informieren. Er wartet im Haus auf sie.«
Claire stieg aus. Sie spürte, wie das Herz in ihrer Brust krampfhaft zu pochen begann, stützte sich am Arm des Polizisten und taumelte wie benommen an seiner Seite auf den Hauseingang zu. Drinnen waren sämtliche Lampen eingeschaltet und zwei zusätzliche Strahler des Erkennungsdienstes erhellten das Haus beinahe taghell. Claire blinzelte vom grellen Licht geblendet, dann sah sie sich um. Das Wohnzimmer bot einen Anblick von Chaos und Verwüstung. Die Sitzpolster des Sofas waren aufgeschnitten, Schubladen aus dem Wohnzimmerschrank herausgerissen und der Inhalt auf dem Fußboden verstreut. Der schwere Tisch aus Nussbaum war umgekippt, überall lagen Papier, zerschmettertes Porzellan und zerrissene Vorhangfetzen herum. Zwei Männer der Spurensicherung waren damit beschäftigt, nach Fingerabdrücken in diesem Durcheinander zu suchen.
»Mein Gott«, stammelte Claire beim Anblick des Infernos und registrierte aus den Augenwinkeln heraus, wie ein Mann auf sie zukam.
Er war ein knochig wirkender Endvierziger mit einem kantigen Schädel auf den hageren Schultern. Sein graues Haar war militärisch kurz geschnitten und seine klaren, blassblauen Augen musterten Claire nur flüchtig.
»Mrs. Bancroft?«, sagte er. »Ich bin Lieutenant Lee Marlow.«
Der Polizist schüttelte kurz Claires Hand. Sein Händedruck war hart, der ganze Mann schien nur aus Knochen und Sehnen zu bestehen.
»Ziemlich üble Sache«, sagte er knapp. »Haben sie irgendeinen Verdacht?«
Claire schüttelte den Kopf.
»Das ist das Haus ihrer Eltern. Besitzen sie irgendwelche Reichtümer?«
Sie warf ihm einen erstaunten Blick zu, dann starrte sie zu Boden.
»Pa hat vor einigen Jahren eine Erbschaft gemacht. Erst dadurch konnten sich meine Eltern dieses Haus leisten und gleichzeitig noch mein Studium finanzieren. Ich wüsste von nichts, was einen Einbruch erklären könnte.«
»Wir werden unser Möglichstes tun, um diese Sache aufzuklären«, versicherte Marlow.
Dreißig Minuten und unendlich viele Fragen später saß Claire alleine am Tisch in der Küche. Der Erkennungsdienst hatte seine Arbeit beendet, ihre Aussagen waren zu Protokoll genommen worden und die Polizei wieder verschwunden. Lieutenant Marlows Blick nach zu urteilen, war dieser Einbruch bei den Behörden bereits wieder als einer unter vielen abgehakt. Eine Tasse Kaffee vor sich, starrte Claire aus dem einzigen Fenster hinaus in den strömenden Regen, während tausend Dinge durch ihren Kopf gingen.
In diesem Moment klopfte es an der Tür.
Die Studentin zuckte zusammen. Zuviel hatte sich in der letzten Stunde ereignet, als dass sie jetzt überlegt reagieren konnte. Beinahe mechanisch stand sie auf und ging zur Haustür. Wieder pochte es an der Tür, energischer diesmal, drängender.
»Aufmachen, Polizei!«, forderte eine scharfe Stimme.
Widerwillig öffnete Claire. Der Mann machte alles andere als einen vertrauenserweckenden Eindruck auf sie. Das von Pockennarben zerfurchte Gesicht und seine dunklen, stechenden Augen verursachten Angst in ihr.
»Was wollen sie denn noch?«, fragte sie. »Ich habe Lieutenant Marlow doch bereits alles erzählt. Mehr weiß ich wirklich nicht.«
»Sind sie alleine?«, bellte der Mann anstelle einer Antwort.
»Selbstverständlich«, entgegnete Claire und spürte im gleichen Moment, dass etwas nicht in Ordnung war. Aber da war der Unbekannte bereits über die Schwelle getreten und sah sich neugierig um. Die Studentin hatte eine scharfe Erwiderung auf den Lippen, aber sie hatte kaum den Mund aufgemacht, als die Rechte des Mannes bereits nach ihrem Kinn griff. Wie eine Schraubzwinge umspannte seine Faust ihren Unterkiefer.
»Hör mir zu, du kleine Schlampe«, sagte er gefährlich leise und seine stechenden Augen musterten sie dabei völlig ausdruckslos. »Ich werde dir jetzt ein paar Fragen stellen und sollten mir deine Antworten nicht gefallen, werde ich verdammt unangenehm. Ich hoffe, wir haben uns verstanden?«
Claire versuchte vergeblich, sich seinem Griff zu entwinden.
Der Pockennarbige lachte heiser und packte nur noch fester zu. Er drehte ihr den linken Arm auf den Rücken und drängte die junge Frau ins Wohnzimmer zurück. Claire spürte Angst in sich aufsteigen. Immer wieder versuchte sie, sich aus dem harten Griff zu befreien. Doch gegen die Kraft des Mannes hatte sie keine Chance. Die Erkenntnis, das es aussichtslos war, brachte sie fast um den Verstand. Im Wohnzimmer angekommen, schleuderte sie der Mann auf das Sofa mit dem zerschnittenen Sitzpolster.
»Hinsetzen«, sagte er scharf.
»Aber ...«
»Ich sagte hinsetzen!«, wiederholte er gefährlich leise und in Claires Ohren klang dies weitaus bedrohlicher, als wenn er sie angeschrieen hätte. Ein Gefühl sagte ihr, das es besser war, wenn sie seiner Aufforderung nachkam.
»Was wollen sie von mir?«
Statt einer Antwort zog der Pockennarbige eine Pistole aus der rechten Tasche seines Regenumhangs. Dann holte er aus der Linken einen matt glänzenden Metallzylinder und begann ihn langsam auf die Pistole zu schrauben. Claire begriff, dass es ein Schalldämpfer war und ihr wurde beinahe schlecht vor Angst.
»Du weißt, was das ist?«, fragte er und richtete seine Pistole direkt zwischen ihre Augen. Die Mündung kam ihr fast so groß wie ein Ofenrohr vor und Claire nickte stumm.
»Okay, dann werde ich dir jetzt ein paar Fragen stellen. Überlege die Antworten genau, denn das Ding hier macht verdammt große Löcher. Also, du und ein paar von deinen Studentenfreunden seid vor vier Tagen im alten Institut eingestiegen. Dabei habt ihr etwas mitgenommen, was eigentlich mir gehört. Wo ist das Ding jetzt?«
Bevor die Studentin eine Antwort geben konnte, entsicherte der Mann seine Pistole und drückte den Lauf hart gegen ihre Stirn.
»Überlege dir jetzt gut, was du sagst. Hier ist es jedenfalls nicht versteckt. Wie du gesehen hast, habe ich mich heute bereits gründlich im Haus umgesehen.«
Diese Aussage kam für Claire nicht überraschend. Im Unterbewusstsein hatte sie so etwas bereits vermutet, seid der Mann das Haus betreten und sie gewaltsam ins Wohnzimmer gezerrt hatte. Was sie jedoch entsetzte, war die Tatsache, dass dieser Unbekannte sie anscheinend schon über längere Zeit hinweg heimlich beobachtet hatte.
Gehetzt flog ihr Blick durch den Raum. Fieberhaft suchte sie in Gedanken nach einem Ausweg. Der Unbekannte keuchte, Erregung hatte ihn erfasst. Er deutete Claires Zögern als einen Erfolg seines brutalen Vorgehens und vergaß einen Moment lang seine Umgebung.
In diesem Moment betrat erneut jemand das Haus.
Der Pockennarbige nahm es nicht sofort wahr.
Als er hinter sich schnelle Schritte hörte, war es bereits zu spät.
Eine eisenharte Faust grub sich in seine rechte Schulter und riss ihn mit beinahe spielerischer Leichtigkeit herum. Der Pockennarbige stieß einen krächzenden Überraschungsschrei aus.
Taumelnd wich Claire zurück.
Nur für einen Moment sah der Unbekannte einen hoch gewachsenen blonden Mann vor sich, dann löschte eine blitzartig zustoßende Faust im nächsten Moment dieses Bild völlig aus.
Der Hieb schleuderte ihn quer durch den Raum.
Durch den harten Aufprall lösten sich seine Finger um den stählernen Griff der Pistole und die Waffe schlitterte über den Boden.
»Dan!«, schrie Claire.
Der schrille Ruf lenkte den groß gewachsenen Sportstudenten für die Dauer eines Atemzuges ab, aber diese kurze Zeitspanne genügte dem Unbekannten, um auf die Beine zu kommen und seinerseits zum Angriff überzugehen.
Er schüttelte den Kopf, als könnte er damit den Schmerz des Schlages verdrängen. Seine Lider flatterten und auf seinem Gesicht lag plötzlich ein wölfisches Grinsen. Seine Faust zischte schattenhaft wie aus dem Nichts heran. Dan Simon erhielt einen Schlag voll auf den Mund und schmeckte Blut auf der Zunge, als er rücklings zu Boden fiel.
Dann wandte sich der Mann ab, rannte aus der Tür und verschwand in der Dunkelheit.

Daniel Simon parkte seinen beigefarbenen Lincoln im Hinterhof eines ziemlich alten, aber urgemütlich scheinenden Wohnblocks Ecke Pershing Road, Pennway Street.
Er schaltete die Lichter aus, lehnte sich im Sitz zurück und entspannte sich einen Moment lang. Dabei schien er dem Regen zu lauschen, der leise auf das Autodach plätscherte.
»Alles okay?«, fragte Claire Bancroft, die neben ihm auf dem Beifahrersitz saß.
Dan nickte, während er vorsichtig mit der Zunge über seine aufgeschlagenen Lippen fuhr. Dabei zuckte er merklich zusammen.
»Ich habe mich wie ein Anfänger benommen«, stöhnte er leise. »Ich hatte den Kerl schon am Boden und dann lasse ich mich ablenken wie ein kleiner dummer Schuljunge.«
»So etwas darfst du nicht sagen«, erwiderte Claire sanft. »Immerhin hat der Kerl die Flucht ergriffen. Ich darf gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn du nicht eingegriffen hättest.«
Die Studentin schüttelte sich, als könnte sie dadurch die Ereignisse der letzten Stunden von sich abstreifen.
»Gehen wir?«, fragte sie und er nickte.
Die beiden stiegen langsam aus dem Wagen und Dan schaute zum obersten Stockwerk hinauf, wo Kens hell erleuchtetes Wohnzimmerfenster annehmen ließ, das er zu Hause war.
Sie betraten das Gebäude und liefen einen endlos scheinenden, um tausend Ecken gewundenen und mit Teppichboden ausgelegten Gang entlang zu einem Aufzug, der wahrscheinlich genauso alt war wie das Haus selber. Die beiden Studenten betraten die Kabine und während Dan die Tür hinter sich schloss, drückte Claire einen Knopf und der Aufzug rumpelte und ächzte, als er in den achten Stock hochfuhr. Oben angekommen, gingen sie zum Ende eines schmalen Ganges und die Studentin klopfte an die Tür.
Die Abdeckung über dem Türspion wurde entfernt und ein dunkles, weit aufgerissenes Auge glotzte heraus. Dann öffnete sich die Tür, die von innen mit einer Kette gesichert war.
»Was will der denn hier?«
In der Stimme von Markus Becker lag unverhohlene Ablehnung.
»Ich dachte, die ganze Sache bleibt unter uns drei.«
»Es gab Ärger«, entgegnete Claire. »Ganz gewaltigen Ärger sogar. Ohne Dan Simons Hilfe wäre ich jetzt wahrscheinlich nicht hier.«
Becker nahm die Sperrkette ab.
»Okay«, sagte er. «Dann kommt rein, aber schnell.«
Der Deutsche führte die beiden durch eine schmale, halbdunkle Diele in ein großes Wohnzimmer, das mit zwei, drei niedrigen, schwarz lackierten Tischen und Kommoden und unzähligen Kissen ausgestattet war. Japanische Schilfmatten bedeckten den Boden und in der Luft lag der Duft von Weihrauch. An den Wänden hingen Seidenrollen in leuchtenden Farben herab. Lediglich das grelle Licht einer mehrstrahligen, chromblitzenden Metalllampe schien nicht so recht in das asiatische Design des Zimmers zu passen.
Ken Okumoto saß in Jeans und hellem T-Shirt im Schneidersitz vor einem Tisch in der Mitte des Raumes. Dabei starrte er scheinbar fasziniert auf ein gläsernes Gebilde, das vor ihm auf der Tischplatte lag.
»Was soll das?«, fragte er unwirsch, ohne dabei den Blick von der Tischplatte zu nehmen.
»Warum hältst du dich nicht an unsere Vereinbarungen? Du weißt schon, was ich meine.«
»Du kannst ruhig offen reden, Dan weiß Bescheid. Ich habe ihm alles erzählt.«
Ken starrte die junge Frau an, als ob sie den Verstand verloren hätte.
»Ich dachte, es war ausgemacht, dass die Sache unter uns bleibt.«
Bevor Claire darauf eine Antwort geben konnte, mischte sich Dan ein.
»Das mag schon stimmen, aber ich denke, es war bestimmt nicht ausgemacht, dass ein Fremder in Claires Wohnzimmer auftaucht, ihr eine Knarre an den Kopf hält und damit droht, ihr das Hirn aus dem Schädel zu blasen, wenn sie nicht das Versteck dieses Dingsda preisgibt«, entgegnete er sarkastisch. Im gleichen Augenblick umringten Ken und Markus die Studentin und starrten sie erschrocken an.
»Um Gottes Willen«, stöhnte Markus.
»Was ist denn passiert?«, fragte Ken.
»Was für Leute sind das, die sonst noch von dieser Maschine wissen?«, antwortete Dan mit einer Gegenfrage.
Markus zuckte mit den Schultern.
»Ehemalige Mitarbeiter vom Institut, Geschäftsleute«, meinte er. »Vielleicht sogar jemand aus Evans Bekanntenkreis. Warum fragst du?«
»Das war nicht die Tat eines Einzelnen oder eines neidischen Kollegen. Die Sache war von langer Hand vorbereitet. Wir haben es hier mit jemandem zu tun, der über jeden eurer Schritte genauestens informiert ist. Wahrscheinlich wurdet ihr schon über einen längeren Zeitraum hinweg beobachtet.«
»Du meinst, wir wurden regelrecht ausspioniert?«, fragte Markus ungläubig.
»Genau«, erwiderte Dan Simon. »Der Kerl hat euch beim Institut beobachtet, wie ihr das Ding da weggeschleppt habt. Er hat genau gewusst, wann Claire in der Bibliothek arbeitet und ist dann zu diesem Zeitpunkt in ihr Haus eingebrochen. Als er nicht gefunden hat, was er suchte, wartete er, bis die Polizei abgezogen war und dann knöpfte er sich noch mal Claire vor. Dabei war der Kerl in der Wahl seiner Mittel nicht gerade zimperlich. Ich kam gerade vom Training, als ich bei Claire vorbeifuhr. Wäre die Haustüre nicht soweit offen gestanden, wäre ich wohl vorbeigefahren.«
»Wie sah der Mann aus?«
Während Claire den Unbekannten beschrieb, wurden Markus Augen immer größer.
»Das ist er«, sagte er zustimmend. »Das ist der Mann, der schon seit Tagen hier in der Gegend herumschnüffelt.«
»Bullshit!«, fluchte Ken. «Ausgerechnet jetzt.«
»Wie meinst du das?«
Markus Becker räusperte sich und deutete stolz auf das Glasgebilde auf dem Tisch.
»Ich habe es geschafft«, sagte er heiser. »Ich habe es tatsächlich geschafft. Ich habe dieses verdammte Ding zum Laufen gebracht!«
Dabei leuchteten seine Augen wie die eines kleinen Jungen am Heiligabend bei der Bescherung. Claire und Dan schwiegen einen Moment lang, um ihre wirbelnden Gedanken zu ordnen, dann bestürmten sie ihn mit beinahe tausend Fragen gleichzeitig.
»Nein«, antwortete Becker schließlich.« Ich war noch nicht in der Zukunft. Ich habe die Maschine allerdings auch noch nicht bis zum Maximum getestet. Das erschien mir in Kens Wohnung nun doch zu gefährlich.«
»Markus hat die Befürchtung, dass, wenn er die Maschine auf volle Leistung stellt, dann der Röntgenlaser, beziehungsweise der entstandene Lichtkreis hier im Haus eventuell Schäden verursacht. Oder neugierige Nachbarn aufmerksam werden«, erklärte Ken.
»Wo willst du dann testen?«, wollte Claire von Markus wissen.
»Wenn uns niemand beobachtet, wäre Evans ehemaliges Labor der einzig richtige Ort dafür. Das Institut liegt abseits der Stadt und selbst wenn bei dem Experiment irgend etwas schief geht, kräht in dem verfallenen Gemäuer kein Hahn danach, wenn plötzlich irgendwo eine Wand eingestürzt ist. Ich sage das nur mal so als Beispiel, ich hoffe natürlich nicht, das so etwas überhaupt passiert.«
»Dann halte hier keine Volksreden, Mann«, stöhnte Dan voller Ungeduld. »Pack den ganzen Krempel zusammen, lass uns losfahren und dieses Ding endlich ausprobieren.«
»Nun mal langsam, Dan«, sagte der Physikstudent und rückte seine Hornbrille auf der Nase gerade. »Diese Maschine und auch das Experiment an sich benötigen ein gewisses Fingerspitzengefühl. Das hier funktioniert nicht so wie beim Football, wo man mit dem Kopf durch die Wand gehen kann, um Entscheidungen zu erzwingen.«
Dan schüttelte unwirsch den Kopf.
»Das ist mal wieder typisch Gelehrter. Mathe, Physik und Geschichte sind vielleicht nicht so mein Ding, aber dafür fehlt euch der totale Bezug zum wirklichen Leben.«
»Was soll das denn nun wieder heißen?«
»Meinst du, der Typ, der Claire die Pistole an den Kopf gehalten hat, besitzt so etwas wie Fingerspitzengefühl? Wenn der dahinter kommt, wo die Maschine ist, wird er Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um in ihren Besitz zu kommen. Dabei wird er auch vor Mord nicht zurückschrecken. Darüber müsst ihr euch mal im klaren sein.«
Bevor einer der anderen darauf etwas erwidern konnte, klopfte jemand an die Tür.
Unwillkürlich verstummten die vier und sahen sich fragend an.
»Wer kann das sein?«, zischte Dan leise.
Ken Okumoto zuckte hilflos mit den Achseln.
Es klopfte wieder und als die Studenten immer noch keine Reaktion zeigten, hämmerte dieser Jemand ungeduldig mit der Faust gegen die Tür. In der Wohnung nebenan rief eine Stimme etwas, das nach Frühschicht, Schlafen und Ruhestörung klang. Für einen Moment lang setzte das Klopfen aus, um im nächsten Moment mit geradezu ohrenbetäubender Intensität wieder von neuem zu beginnen. Die Stimme versprach einen Anruf beim nächsten Revier um die Ecke, eine Frau kreischte, ein Hund begann zu bellen und auf der Straße jaulte eine Polizeisirene. Einen Augenblick später hörten die Studenten, wie jemand hinter der Tür fluchte und dann den Gang entlang in Richtung Aufzug zu rennen begann.
»Ich denke, wir sollten Dans Rat befolgen«, sagte Claire in die anhaltende Stille hinein.
Die anderen nickten.
Zehn Minuten später drängte sich Dan Simons Lincoln durch den dichten Verkehr der Millionenstadt.

Die Lichter der entgegenkommenden Fahrzeuge erschienen im Regen als verschwommene gelbrote Flecken. Automotoren dröhnten, Regen prasselte und es dauerte etwas mehr als eine halbe Stunde, bis die Innenstadt von Kansas City endlich hinter ihnen lag. Erst dann befanden sie sich auf dem Highway, der direkt zum Institut führte. Der Wagen wurde schließlich langsamer, bog dann nach links in einen kaum erkennbaren Waldweg ein, der sich wenig später in eine gut ausgebaute Straße verwandelte.
Urplötzlich erschienen die Umrisse des Instituts vor ihnen in der Dunkelheit.
Kurz darauf hielt Dan den Lincoln vor den Stufen zum Eingang des weitläufigen Forschungslabors an.
Die Studenten eilten die breite Steintreppe zum Eingang hoch. Im Labor angekommen, machte Becker Licht, stellte die Maschine behutsam auf der Stahlplatte des Arbeitstischs ab und legte Evans Aufzeichnungen daneben.
»Dann wollen wir mal«, sagte der Deutsche und die anderen starrten bis auf Dan erwartungsvoll auf das unscheinbare, gläserne Gebilde.
Ihre erste Reise sollte sie in das Ägypten des Jahres 1923 führen. In jene Zeit, in der ein britischer Archäologe namens Howard Carter gemeinsam mit Earl George Edward Carnavon das sagenumwobene Grabmal des Tutenchamun entdecken sollte. Das Ganze war Claires Vorschlag gewesen und sie hatten die ganze Herfahrt darüber diskutiert. Sie hatten alle irgendwelche Ideen, aber schließlich setzte sich Claires Plan durch.
Als Markus mit dem Experiment der Zeitreise begann, spähte Dan zum wiederholten Mal angestrengt hinter dem Sichtschutz von Evans ehemaligem Labor hinaus ins Freie.
»Was starrst du denn die ganze Zeit aus dem Fenster?«, zischte Markus gereizt, als er kurz den Kopf hob. »Ich aktiviere gleich die Maschine und dann sollten wir alle unsere Hände auf das Glas legen, um so nahe wie möglich am Lichtkreis zu sein. Also komm jetzt endlich her, verdammt noch mal. Du machst mich noch ganz nervös mit deinem ständigen aus dem Fenster glotzen.«
»Du wirst gleich noch nervöser werden, wenn ich dir sage, dass uns jemand gefolgt ist. Zwei Autos kommen hier her«, entgegnete Dan scheinbar gelassen.
Innerlich allerdings waren seine Nerven zum Zerreißen gespannt, als er die beiden Wagen beobachtete, die den Highway verlassen hatten und sich unaufhaltsam dem Institut näherten.
»Scheiße«, fluchte Markus. »Wie viel Zeit haben wir noch?«
»Höchstens fünf Minuten«, schätze Dan und wandte sich an Claire.
»Los, schließ die Tür ab, das wird sie etwas aufhalten.«
Mit einem flauen Gefühl im Bauch beobachtete er, wie die Fahrzeuge das Gebäude erreichten und vor dem Eingang anhielten. Sechs Männer in dunklen Anzügen stiegen aus den Autos. Die Motoren liefen weiter und im Licht der eingeschalteten Scheinwerfer versammelten sich die Männer um den Kofferraum des vordersten Wagens.
Sein Magen verkrampfte sich plötzlich und Dan spürte, wie kalter Schweiß auf seine Stirn trat, als er im matten Schein der Autolichter erkennen konnte, wie eine pockennarbige Gestalt mehrere Gewehre aus dem Kofferraum nahm und die Waffen an die umstehenden Männer verteilte.
Sekunden später betraten sie geschlossen das Institut. Deutlich hörte man das Klappern ihrer Absätze durch die kahle Eingangshalle, die sich genau ein Stockwerk unterhalb des Labors befand. Knappe Befehle hallten durch das Gebäude, Türen wurden aufgerissen, Flüche gemurmelt, Türen wieder zugeschlagen.
»Ich bin gleich soweit«, sagte Markus gepresst.
»Wir haben auch nicht mehr viel Zeit«, erwiderte Dan.
Der Deutsche nickte, sein rechter Zeigefinger schwebte zitternd über der Taste mit der Eins, während Schweißperlen auf seiner Stirn erschienen und sein Gesicht wie ein silbrig glitzerndes Netz überzogen. Er hörte, wie sich die Männer der verschlossenen Labortür näherten.
»Noch zwei Minuten!«, schrie Dan.
Beckers Nerven waren zum Zerreißen gespannt. In Gedanken überflog er noch einmal Evans Aufzeichnungen. Er durfte jetzt keinen Fehler machen, wenn die Verfolger jetzt gleich das Labor betraten. Einen zweiten Versuch würde es dann mit Sicherheit nicht mehr geben. Er musste es einfach riskieren, denn sie hatten nichts mehr zu verlieren, aber alles zu gewinnen.
Die ersten Stiefeltritte hämmerten gegen die Tür, Holz knirschte.
»Höchstens eine Minute noch!«
Markus Becker drückte die Taste bis in ihre Fassung zurück, als die Tür zum Labor aufsprang und eine pockennarbige Gestalt auf der Schwelle erschien.
Das Gerät begann zu dröhnen, die Temperatur im Raum sank schlagartig ab und die vier Studenten legten ihre Hände auf das Glas der Zeitmaschine.
Vor ihren Augen verschwammen das Labor, das Institut, selbst die Welt wurde zu einem Nichts und um sie herum herrschte plötzlich Dunkelheit. Im nächsten Moment begann die Finsternis zu weichen und spiralförmige Farbwirbel explodierten vor ihren Augen. Ihr Bewusstsein wurde ins Nirgendwo getragen. Dort, wo alle auf der Erde geltenden Naturgesetze außer Kraft getreten waren. Es gab kein heiß oder kalt, kein oben oder unten, kein hell oder dunkel. Selbst die Zeit schien jegliche Bedeutung verloren zu haben.
Um sie herum war eigentlich nur das Nichts.
Plötzlich war wieder Gegenwart!
Dan spürte es als erster. Er konnte wieder sehen, er spürte wieder festen Boden unter den Füßen und er besaß wieder einen Körper, seinen Körper. Allmählich kehrten seine Sinne zurück, er konnte auch wieder hören. Besonders Kens aufgeregte Stimme.
»Es hat funktioniert! Mein Gott, es hat tatsächlich funktioniert!«
Jetzt sah es Dan auch.
Sie befanden sich nicht mehr im Labor. Auch das Institut gab es nicht mehr, vielmehr standen sie alle bis zu den Knöcheln in heißem Sand im Kreis herum und hielten ihre Hände aufeinander gelegt um das Glas der Zeitmaschine. Soweit das Auge reichte, gab es nur Sand, Steine und Hitze. Die Sonne stand wie eine weiß glühende Scheibe fast senkrecht am stahlblauen Himmel und ihre Strahlen brachten die Luft beinahe zum Kochen. Das umliegende Land war menschenleer, nur im Osten zog am Horizont ein einsamer Vogel seine Kreise.
»Du kannst mich jetzt loslassen, ich stehe nicht so auf Händchen halten unter Männern«, sagte plötzlich eine Stimme neben Dan. Der Student blickte an sich hinunter und erst jetzt wurde er sich darüber bewusst, dass er noch immer Beckers Hand mit seinen Fingern umklammert hielt. Rasch ließ er die Hand des Deutschen los.
»Wo sind wir hier?«, fragte er, während seine Augen über den heißen Sand glitten.
»In der Wüste, irgendwo in Ägypten im Jahr 1923«, erwiderte Becker nach einem kurzen Blick auf die Zeitmaschine.
»Bist du dir da sicher?«, fragte Ken ungläubig.
»Natürlich«, erwiderte Markus im Brustton felsenfester Überzeugung. »So haben wir doch die Maschine programmiert, erinnerst du dich nicht mehr daran?«
»Na prima, das hast du ja toll hinbekommen«, sagte Ken sarkastisch. »Da besitzen wir eine Zeitmaschine, die es uns erlaubt, alle möglichen Orte dieser Welt zu jedem nur erdenklichen Zeitpunkt anzusteuern und wo landen wir? Mitten in der Wüste, ohne Wasser, ohne Ausrüstung, einfach ohne alles. Dämlicher ging es wohl wirklich nicht.«
»Hört ihr beiden jetzt endlich auf zu streiten?«, mischte sich Claire Bancroft ein. »Schließlich waren Ort und Zeitpunkt ja meine Idee. Ich wollte unbedingt dabei sein, wenn Carter und Carnavon die Grabanlagen von Tutenchamun entdecken. Außerdem, wenn die Situation wirklich gefährlich werden sollte, kann uns Markus ja jederzeit woanders hin teleportieren. Dass es funktioniert, haben wir ja gerade erlebt.«
Dan Simon nickte.
»Genau, und jetzt spart euch euren Atem. Den werdet ihr alle noch gut brauchen können, wenn wir das Land erkunden.«
»Wohin?«, fragte Markus.
»Da entlang!«, erwiderte Dan knapp und deutete mit vor gerecktem Kinn auf eine Hügelkette im Süden. »Dort können wir im Schatten rasten, bis die größte Tageshitze vorüber ist. Vielleicht kann man von dort oben aus mehr erkennen, eine Stadt, einen Fluss oder so etwas Ähnliches.«
Als die Sonne ihren Zenit überschritten hatte und die Hitze kaum noch auszuhalten war, tauchten die ersten Hügel vor den Studenten auf. Aber bevor sie die Felsen erreicht hatten, zerrissen Schussdetonationen jäh die Stille. Die Vier verharrten einen Moment lang auf der Stelle, dann rannten sie einen flachen Hang hinauf und verhielten atemlos auf der felsigen Anhöhe. Unter ihnen erstreckte sich eine lang gezogene Talsenke, die fast nur aus Sand und Steinen zu bestehen schien. Nur hier und da ragten karge, sonnenverbrannte Büsche und Gräser aus dem unwirtlichen Boden empor. Durch dieses Tal jagten fünf Reiter in der für Beduinen typischen Kleidung. Sie trugen dunkle Turbane und waren alle mit Krummsäbel und Gewehren bewaffnet. Hinter einem mannshohen Felsquader entdeckten die Studenten zwei Europäer in scharlachroten Uniformen. Sie hielten Gewehre in den Fäusten und schossen auf die angreifenden Ägypter.
Eines der Pferde brach plötzlich in vollem Galopp zusammen. Markus sah, wie es sich überschlug und den Reiter durch die Luft schleuderte. Er krachte hart zu Boden, raffte sich benommen wieder auf und wollte zu seinem Pferd laufen. Da traf auch ihn eine Kugel. Er wurde von der Wucht des einschlagenden Geschosses einmal um die eigene Achse herumgewirbelt, stürzte schreiend zu Boden und blieb schließlich reglos im Sand liegen. Claire wandte sich stöhnend ab und drückte ihr Gesicht schutzsuchend an Dans Brust. Unterdessen fächerten die anderen Ägypter auseinander und eröffneten nun ihrerseits das Feuer. Ein wahrer Kugelhagel ging auf die Deckung der beiden Rotröcke nieder.
Die Soldaten hatten eigentlich keine Chance.
Die Einheimischen waren in der Überzahl und entkommen konnten sie ihnen sowieso nicht, neben den Felsen lagen nämlich ihre Pferde im Sand, tot!
»Wir müssen ihnen helfen«, sagte Dan und deutete auf die beiden Soldaten.
»Bist du verrückt?«, zischte Markus aufgebracht. »Was geht uns denn eine Schießerei zwischen Soldaten und einem Haufen mordlustiger Eingeborener an. Wir haben im Moment ganz andere Probleme. Machen wir lieber, dass wir von hier verschwinden.«
»Du kannst die beiden doch nicht ihrem Schicksal überlassen. Markus, das da unten sind Europäer, zivilisierte Menschen wie du und ich. Bei Gott, ich werde nicht zulassen, dass sie in die Hände dieser Wilden fallen.«
»Und wie willst du diese Eingeborenen verjagen? Willst du mit Sand schmeißen?«
»Nicht ganz«, erklärte Dan und zog zum Erstaunen aller eine Pistole mit aufgeschraubtem Schalldämpfer hinter seinem Rücken aus dem Hosenbund hervor.
»Eine Walther PPK!«, stammelte Ken ehrfürchtig.
»Wo in aller Welt hast du diese Waffe her?«, wollte Claire wissen.
»Erinnerst du dich noch an den Einbrecher in deinem Haus?« antwortete Dan.
Inzwischen hatte die Schießerei ihren Höhepunkt erreicht und einer der beiden Soldaten wurde getroffen. Eine Kugel bohrte sich in seine linke Schulter. Er taumelte aus seiner Deckung hoch und presste eine Hand auf die Wunde. Im selben Moment trafen ihn beinahe gleichzeitig vier oder fünf weitere Geschosse und der Mann fiel nach hinten um.
»Diese Schweine!«, schrie Dan und riss die Pistole hoch.
»Bist du verrückt geworden?«, brüllte Becker und schlug Simons Waffenhand zur Seite.
Dabei löste sich ein Schuss, die Kugel streifte einen Felsen und jaulte als Querschläger gefährlich nahe am Rücken von einem der Ägypter vorbei. Der Mann schrie etwas und der Angriff der Einheimischen geriet ins Stocken. Die Männer fuchtelten wie wild mit ihren Waffen umher und deuteten immer wieder auf die Studenten auf dem Hügel. Einen Moment schienen sie unschlüssig über das Ziel ihres nächsten Angriffs zu sein, und genau diese Zeitspanne nutzte der überlebende Soldat aus und feuerte gnadenlos in den Pulk der Ägypter.
Bereits mit der ersten Kugel holte er einen der Reiter aus dem Sattel. Auf seiner hellen Leinenkleidung breitete sich ein dunkler Fleck aus, der Mann riss beide Arme in die Höhe und kippte dann einfach aus dem Sattel. Mit dem zweiten Schuss traf er einen anderen mitten in die Brust. Während das Pferd verschreckt weiter trabte, sank der Mann ganz langsam auf den Hals seines Tieres, verharrte dort einen Herzschlag lang und fiel dann leblos zu Boden.
Die beiden letzten Überlebenden rissen ihre Pferde herum und sprengten in wilder Flucht aus dem Tal.

Der neue Tag begann erneut mit Regen.
Nur mühsam drangen die Strahlen der Morgensonne durch die Fenster einer Penthousewohnung am nördlichsten Ende von Kansas City.
William Taylor rutschte unruhig auf seinem Wohnzimmersessel hin und her. Seine Finger hatten sich um die Armlehnen des Möbelstücks gekrallt, Schweiß glitzerte auf seinem pockennarbigen Gesicht und seine Augen flackerten.
Er war nicht alleine in dem Zimmer.
Eine gedrungene Gestalt, eingehüllt in einen weiten Armeeparka, lief nervös vor ihm
auf und ab.
»Kein Grund für deine Unruhe«, sagte Taylor leise. »Ich habe alles unter Kontrolle. Es kann eigentlich gar nichts mehr schief gehen, schließlich haben wir ja die Papiere.«
Fauchend hob die Gestalt den kapuzenbedeckten Schädel und bedachte den Pockennarbigen mit einem mörderischen Blick.
»Du verdammter, hirnloser Narr. Nichts hast du unter Kontrolle, gar nichts. Alles, was nur hat schief gehen können, ist letzte Nacht schief gegangen.«
Taylor erschauerte unter diesen Worten und wurde aschfahl.
»Schon seit Monaten jagen wir hinter Evans Geheimprojekt her. Dann gelingt es uns endlich, das Versteck der Zeitmaschine in Erfahrung zu bringen, und was machst du?«
Die Gestalt wartete nicht auf eine Antwort, sondern zischte stattdessen bösartig weiter.
»Anstatt sich dezent im Hintergrund zu halten, zu beobachten und im geeigneten Moment zuzuschlagen, trampelst du wie ein verrückt gewordener Büffel mit ein paar von deinen schießwütigen Neandertalfreunden durch das Institut und hetzt uns beinahe noch die Polizei auf den Hals.«
»Aber wir haben doch Evans Aufzeichnungen bekommen.«
»Du Idiot!«
Der Mann sprang vor und seine Augen funkelten den Pockennarbigen hasserfüllt an. Er streckte seine Hand nach vorne und sein gekrümmter Zeigefinger zuckte dabei immer wieder vor Taylors Brust auf und ab.
»Mit ein bisschen mehr an Hirn hätten wir aber die Maschine bekommen. So müssen wir uns jetzt mühsam durch die Aufzeichnungen arbeiten und wer weiß, vielleicht gelingt es uns gar nicht, die Maschine nachzubauen. Der einzige Mensch, der im Moment hier in der Gegend dazu in der Lage wäre, heißt Markus Becker. Nur befindet sich der zurzeit mit ein paar Studienkollegen auf Zeitreise. Aber das hast du ja bereits mit eigenen Augen beobachten können, du Vollidiot!«
William Taylor wurde immer bleicher in seinem Sessel, indessen der andere sich förmlich in Rage redete.
»Unsere ganzen Pläne geraten in Gefahr und wenn uns jetzt auch noch dank deinem Herumgeballer die Polizei in die Quere kommt, können wir endgültig einpacken.«
Taylor lächelte gequält.
»Keine Angst, das mit den Bullen kann ich jederzeit ausbügeln.«
Mit aller Kraft schlug der Mann im Armeeparka Taylor den knochigen Handrücken über den Mund. Der Pockennarbige fiel beinahe aus seinem Sessel, dunkles Blut sickerte aus seinen aufgeplatzten Lippen, während der andere sich drohend vor ihm aufbaute.
»Erzähl hier keinen Mist. Dein Gesicht ist doch seit der Sache mit der Studentin jedem Polizisten bekannt. Was willst du da schon ausbügeln? Jetzt verschwinde. Mach, dass du mir aus den Augen kommst. Ich muss nachdenken.«
Wut verzerrte Taylors Gesicht.
»Das kannst du nicht mit mir machen. So springt niemand mit Will Taylor um, auch wenn du eine große Nummer an der Universität bist.«
»Du armer Irrer. Glaubst du wirklich, dass du von so großer Wichtigkeit bist, dass du es wagen kannst, dich meinen Befehlen zu widersetzen? Nein Will, und wenn du es ganz genau wissen willst, du bist ein Nichts. Eine ganz kleine Figur in diesem Spiel, in dem es um weit mehr als die Erfindung eines spleenigen Professors geht. Und jetzt tue gefälligst, was ich sage, oder ...«
»Oder was«, schrie Taylor vor Wut. Die Finger seiner Rechten schlossen sich um den Griff der Pistole in seiner rechten Jackentasche, und von wildem Zorn erfüllt trat er auf den anderen zu.
Dessen spöttisches Lachen traf ihn wie ein Peitschenhieb mitten ins Gesicht, und völlig außer sich zerrte er an dem Griff seiner Waffe. Im nächsten Moment verharrte er regungslos und starrte mit vor Entsetzen geweiteten Augen auf das schmale Messer in der Hand seines Gegenübers, indessen er den scharfen Stahl an seiner Kehle spürte.
Erst jetzt wurde Taylor bewusst, das da etwas an seinem Hals entlang rann.
Es war Blut, sein Blut und augenblicklich verspürte er auch den feinen Schmerz.
»Jetzt verschwinde«, sagte der Mann mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. »Oder mein kleines Messerchen wird unsere Partnerschaft ziemlich schnell beenden.«
Widerwillig fügte sich der Pockennarbige.
Mit hochrotem Kopf verließ Taylor die Wohnung, während er vermeinte, die brennenden Blicke des Anderen in seinem Rücken zu spüren. Rasch drückte er die wuchtige Haustüre hinter sich ins Schloss, während Schweiß auf seiner Stirn perlte. Ein seltsames Unbehagen hatte von ihm Besitz ergriffen. Wie immer, wenn er sich in der Nähe dieses Mannes aufhielt.
In Gedanken verfluchte William Taylor zum wiederholten Mal jenen Tag, an dem er sich mit diesem verrückten Professor eingelassen hatte.

Der Soldat richtete sich hinter seiner Deckung auf.
Er war groß, hager und überraschend jung. Dennoch machte er den Eindruck, dass er sich durchaus behaupten konnte. Er trug einen weißen Tropenhelm, unter dem dichtes rotes Haar hervorquoll. Sein sonnenverbranntes Gesicht besaß trotz seiner Jugend bereits einige scharfe Falten und seine Augen waren schmal vom ständigen Blinzeln in der Sonne. Die Abzeichen auf den Schulterstücken seiner scharlachroten Uniform wiesen ihn als Gefreiten der britischen Armee aus. Nachdenklich musterte er die Studenten. Dabei zeigte der Lauf seines Gewehres genau auf Dan Simon, der die Gruppe jetzt anführte.
Erst als dieser den Soldaten in seiner Muttersprache begrüßte, senkte sich die kreisrunde Mündung der Waffe zu Boden.
»Hallo«, sagte Dan unsicher. »Das war wohl ziemlich knapp. Waren das Banditen?«
Der Soldat grinste.
»So kann man diese verdammten Ägypter auch bezeichnen. Ich denke, ich sollte mich erst einmal für eure Hilfe bedanken, bevor wir weiterreden. Ich heiße übrigens Patrick, Patrick Murdock.«
Die vier ergriffen nacheinander die ausgestreckte Rechte des Soldaten und stellten sich ihrerseits vor. Als Claire die Hand des Engländers schüttelte, starrte dieser die junge Studentin an, als gäbe es etwas völlig Außergewöhnliches an ihr zu sehen.
»Wohl noch nie eine Frau gesehen, was?«, fragte Claire ein wenig von oben herab, weil ihr die starren Blicke des Soldaten unangenehm waren.
»Doch«, erwiderte der Soldat rasch. »Allerdings war noch keine dabei, die so angezogen war. Solche wie euch habe ich noch nie gesehen, ihr seid schon seltsame Vögel. So wie ihr ausseht, kommt ihr wohl gerade von einem Kostümball. Allerdings wüsste ich keinen Grund für irgendwelche Partys, dazu ist die Lage einfach zu beschissen.«
»Was meinst du damit?«, wollte Dan wissen.
» Na der Krieg«, sagte der Soldat. »Dieser ganze, verdammte Scheißkrieg, verstehst du?«
»Überhaupt nicht«, sagte Dan.
»Patrick meint sicherlich die Nachwirkungen der Unruhen von 1919«, mischte sich Claire in die Unterhaltung ein, schließlich war Geschichte ihr Studienfach. »Damals haben die Engländer verhindert, dass eine Delegation ägyptischer Nationalisten an der Pariser Friedenskonferenz teilnehmen konnte. Es kam zu Streiks und Gewalttaten im ganzen Land. Auf internationalen Druck setzte der britische Hochkommissar Allenby schließlich durch, das Ägypten seine Selbstständigkeit erlangte. Sicherlich gab es hier und da ein paar Schießereien, aber von einem regelrechten Krieg zu sprechen, halte ich für etwas übertrieben. Seltsam, Ägypten ist doch seit dem letzten Jahr ein unabhängiger Staat und die Unruhen müssten meines Wissens nach längst beendet sein.«
Ungläubig musterte Murdock die Studentin. Misstrauen flackerte in seinen Augen auf und seine Hände klammerten sich wieder fester um das Holz seiner Waffe.
»Für so ein junges Mädchen redest du aber einen verdammt großen Haufen Unsinn. Was soll der Quatsch mit der Unabhängigkeit und den beendeten Unruhen? Weißt du nicht, was hier los ist?«
Claire Bancroft schüttelte irritiert den Kopf. Das jungenhafte Gesicht des Soldaten wirkte plötzlich energisch und in seinen Augen brannte ein wildes Feuer.
»Zwischen England und Ägypten herrscht Krieg, falls du es vergessen haben solltest. Diese verdammten Beduinen wollen uns fertig machen, und wenn nicht bald neue Verstärkung aus der Heimat eintrifft, jagen sie uns noch alle ins Meer zurück. Ich ...«
»Moment mal«, unterbrach Claire unvermittelt den weiteren Redefluss des Briten. In Gedanken hatte sie kurz ihren Wissensstand über Geschichte rekapituliert und allmählich breitete sich ein merkwürdiges Gefühl in ihrer Magengegend aus.
»Was für einen Krieg meinst du eigentlich?«
»Was soll die Fragerei?«
Claire schluckte unwillkürlich. So langsam breitete sich das merkwürdige Gefühl über ihren ganzen Körper aus. Ein Anflug von Angst machte sich in ihr breit.
»Was für einen Tag haben wir heute?«, fragte sie beinahe zögerlich.
»Warum?«
»Was für einen Tag?«, ihre Stimme klang jetzt beinahe flehend.
»Der dritte Juli 1923, verdammt, was ist eigentlich mit euch los?«
Etwas wie Ärger schimmerte in den dunklen Augen des Soldaten.
Claire zuckte hilflos mit den Schultern und starrte ihre drei Begleiter hilfesuchend an.
»Ich weiß nicht, wovon Patrick hier redet. Jedenfalls steht von einem Krieg zu dieser Zeit in keinem Geschichtsbuch der Welt etwas darüber. Es gab nie einen Krieg zwischen England und Ägypten, versteht ihr?«
Von Ken erfolgte keine Antwort. Der Japaner kam lediglich zu dem Schluss, das verdammt wohl das Lieblingswort des Soldaten sein musste, er benutzte es beinahe in jedem Satz. Dan schielte unablässig auf die Pistole, die er immer noch in der Rechten hielt. Es war offensichtlich, dass ihn die Gegenwart der Waffe nervös machte.
Nur Markus Gesicht veränderte sich zusehends.
Auf seinen Wangen erschienen rote Flecken, die wie im Fieber glühten und hinter der Hornbrille begannen seine Augen seltsam zu glitzern.
»Ich glaube, ich verstehe so langsam.«
Dabei schüttelte er vielsagend den Kopf und starrte betreten zu Boden.
»Ich hoffe, Evans hat sich geirrt«, sagte er leise zu sich selbst. Nur der Tonfall seiner Stimme verriet, unter welch enormer Anspannung er im Moment stand.
»Was willst du damit sagen?«, fragte Claire.
»Evans war der Meinung, dass es passieren kann, dass die Vergangenheit, in die man reist, in einer Parallelwelt angesiedelt ist. Ich hoffe bei Gott, das dies nicht der Fall ist.«
»Wieso?«
»Weil es dann für den Reisenden angeblich unmöglich ist, wieder in seine ursprüngliche Version der Gegenwart zurückzukehren.«
»Willst du damit sagen, das wir von jetzt an ziellos in irgendwelchen Welten herumirren und niemals mehr nach Hause zurück können?«
Die Stimme der Studentin klang jetzt schrill und sie bedachte Markus mit einem Blick, als wolle sie im nächsten Moment in Panik ausbrechen.
»Scheiße!«, fluchte Dan, als er langsam die ganze Tragweite von Markus Befürchtungen begriff. »Ich habe gewusst, dass es bei dieser ganzen Sache einen Haken gibt. Es ist bisher alles viel zu glatt gelaufen.«
Ken schwieg betreten. Er schien von dem, was er gehört hatte, sichtlich getroffen zu sein.
Patrick Murdock starrte die Studenten an, als wären sie Wesen von einem anderen Stern.
»Ich weiß zwar nicht, wovon ihr da redet, aber wir sollten lieber zusehen, dass wir wieder zur Garnison zurückkommen. Womöglich sind noch mehr von diesen Kameltreibern in der Nähe. Also los, holt eure Pferde, oder seid ihr mit einem Automobil da?«
»Weder noch«, antwortete Dan beiläufig. «Wir sind zu Fuß unterwegs.«
Dann starrte er wieder auf den Deutschen in der vergeblichen Hoffnung, aus seinem Mund zu hören, das alles nur ein einziger großer Irrtum war.
Aber die Dinge entwickelten sich völlig anders.
Das scharfe Knacken von Murdocks Gewehrschloss ließ die vier erstarren. Er zielte mit der Waffe genau auf Simons Kopf und Dan starrte entsetzt in die kreisrunde Mündung.
»Lass die Pistole fallen!«
»Was soll dass denn wieder heißen?«, fragte Dan überrascht.
»Lass die verdammte Pistole fallen«, entgegnete der Soldat scharf und sein Gesicht verhärtete sich. Erst als die Waffe mit einem dumpfen Laut in den Wüstensand fiel, entspannte sich Murdocks Miene wieder.
»Würdest du uns dein Verhalten bitte erklären«, forderte Ken den Soldaten auf.
»Da, wo ihr herkommt, gibt es nichts als Sand und Steine. Die nächste Ortschaft ist fast zehn Tagesritte von hier entfernt und in der Hand der Ägypter. Freunde, ich werde das Gefühl nicht los, dass ihr vier da verdammte Spione seid. Ihr werdet jetzt eure Taschen leeren und den Inhalt in den Sand legen. Dabei macht keiner von euch eine falsche Bewegung, verstanden? Ich habe nämlich einen verdammt nervösen Zeigefinger.«
Während er sprach, wanderte die Mündung seines Gewehrs zwischen den Studenten umher. Misstrauisch beobachtete er die Gruppe nun genauer.
»Das Beste wird sein, ich nehme euch merkwürdige Gestalten mit zur Garnison. Eigentlich ist ja so ziemlich alles an euch merkwürdig. Euer Auftauchen, euer Aussehen, aber egal«,
der Soldat spuckte aus. »Soll sich Colonel Sutherland weiter über euch den Kopf zerbrechen.«
Dann deutete er mit dem Gewehrlauf in östliche Richtung.
»Nachher geht es da lang. Los jetzt, Taschen leeren und bewegt euch gefälligst ein bisschen schneller. Ich will noch vor Mitternacht die Garnison erreichen.«
Angesichts der schussbereiten Waffe beeilten sich die Vier, Murdocks Befehl nachzukommen.
Autoschlüssel, Kleingeld, Taschentücher und zwei Mobiltelefone fielen zu Boden. Alles Dinge des täglichen Bedarfs und für Menschen des einundzwanzigsten Jahrhunderts selbstverständlich.
Aber nicht für Patrick Murdock.
Er stieß einen leisen Schrei der Überraschung aus und deutete aufgeregt mit der Rechten auf Claires Handy, das silbern im Wüstensand glänzte.
»Verdammt, was ist das?«
Für den Bruchteil einer Sekunde zeigte sein Gewehrlauf zu Boden.
In diesem Moment handelte Ken.
Ohne Vorwarnung stürzte er auf Patrick zu. Der Soldat riss seine Waffe hoch und stieß mit dem Gewehrlauf zu. Doch Ken drehte sich mitten im Sprung zur Seite, sodass der Stoß, der seinem Bauch galt, ins Leere fuhr und schon im nächsten Moment krachte sein rechter Fuß in Patricks Rippen. Staunend beobachteten die anderen, wie er einen Herzschlag später wieder mit gespreizten Beinen dastand, und auf Murdocks hingestreckten Körper hinunterstarrte.
»Verdammt, was war das?«, stöhnte der Soldat mit schmerzverzerrtem Gesicht.
»Kung Fu!«, sagte Ken und half Patrick lächelnd beim Aufstehen.
»Ich denke, wir sollten die Waffen jetzt aus dem Spiel lassen und uns wie zivilisierte Menschen unterhalten.«
»Genau«, sagte Markus, «und ich bin der Meinung, dass es eine Menge zwischen uns zu bereden gibt, oder?«
Der Soldat nickte gequält, doch sein Gesicht war ein einziges, großes Fragezeichen.

Die gelblichen Mauern der Garnison ragten drohend in den ägyptischen Abendhimmel. Keine tausend Schritte weiter im Osten duckten sich die schäbigen Häuser einer jämmerlichen Siedlung in den heißen Wüstensand.
Der ganze Ort bestand nur aus einer handvoll flacher Hütten, die aus Lehmziegeln und Kistenbrettern gebaut worden waren. Es gab ein paar unbefestigte Strassen, auf denen Kinder, Esel und Kamele in stiller Eintracht miteinander spielten und die laue Abendluft war erfüllt mit den typischen Geräuschen und Gerüchen arabischer Dörfer. Das Schrillen von Zikaden mischte sich mit dem Singsang fremdartig klingender Stimmen und über dem ganzen Ort lag der Geruch von scharf gebratenem Essen, orientalischen Gewürzen und den beißenden Ausdünstungen ungewaschener Menschen und Tiere.
Das Dorf lag mitsamt der Garnison malerisch eingerahmt zwischen Olivenhainen und einer Gruppe aus schlanken Dattelpalmen.
Aber die vier Studenten hatten im Moment keine Zeit für die Schönheit dieser Oasenlandschaft. Zu ungeheuerlich war das, was sich nach der Unterredung mit Patrick herausgestellt hatte. Es gab keinen Zweifel an der Richtigkeit seiner Aussagen, warum sollte der Soldat seine Lebensretter auch belügen.
Wie benommen stolperten die Studenten hinter dem Soldaten her.
Gewiss, die Zeitreise hatte funktioniert, aber sie befanden sich nicht mehr auf der alten, ehrwürdigen Mutter Erde. Stattdessen waren sie in einer Parallelwelt irgendwo in den unendlichen Weiten des Universums gelandet und die Chance, überhaupt jemals wieder in ihre alte Welt zurückzukehren, war nach Markus ersten Überlegungen praktisch null.
Anstatt den Ausgrabungen am Grabmal Tutenchamuns beizuwohnen, waren sie in einer Gegenwelt gelandet, in der ein imaginäres England mit Ägypten um einen Landstrich kämpfte, der Britisch-Nordostafrika hieß. Dieser Kolonialbesitz verschaffte England absolute Kontrolle über das nahe Meer mitsamt dem Schiffsverkehr. In dieser Zeit anscheinend ein immenser politischer und vor allem wirtschaftlicher Faktor. Ägypten nahm diesen Zustand, wenn auch zähneknirschend, hin, bis vor knapp zwei Jahren Hassan El Aruk die politische Bühne betrat. Der jüngste Neffe des ägyptischen Königs war von brennendem Hass auf alle Nichtgläubigen erfüllt und binnen kurzer Zeit gelang es ihm, die kriegerischen Wüstenstämme der Tuareg, den Mahdi des Sudan und große Teile der ägyptischen Bevölkerung hinter seinen Zielen zu einen, zum ersten Mal in der Geschichte.
Kurz darauf zeigte er den Engländern recht deutlich, was er von ihrer Anwesendheit in Ägypten hielt. Das Resultat war das Massaker von Al-Marib.
Dann tauchten Namen wie Safaga, Wadi Tokar und Nafud auf und Berichte von verkohlten Leichen, erschlagenen Frauen und Kindern und Männern, die man kopfüber mit den eigenen Gedärmen an die Stämme von Dattelpalmen gebunden hatte, machten die Runde.
Die britische Regierung spielte das Geschehen zuerst herunter, aber als man im Kriegsministerium endlich reagierte, war es zu spät. Bis auf ein paar vereinzelte Stützpunkte und den großen Städten war das ganze Umland binnen weniger Monate unter der Kontrolle von Aruks fanatischen Horden.
Den ganzen Weg über zermarterten sich die vier die Köpfe über einen Ausweg aus dieser Misere. Als Claire während des Marsches die anderen betrachtete und ihre starren Gesichter sah, wusste sie, dass sie alle von einer Lösung so weit entfernt waren wie vom Mond.
Niedergeschlagen senkte sie den Kopf und während sie weiterlief, begannen ihre Augen feucht zu schimmern.
Patrick Murdock führte sie zielstrebig auf den Stützpunkt zu, um dessen Gelände bis auf die schmale Zufahrtsstrasse ein knapp meterhoher Stacheldrahtzaun gezogen war. Dazwischen ragten verschieden große Holzpfähle aus dem Sand, die zum Teil mit Metallbändern verstärkt waren und einzig und allein dazu dienten, einen Angriff motorisierter Einheiten abzuwehren. Die Garnison selber glich einem Quadrat, wo sich an jeder Seite ein Wachturm mit schmalen Schießscharten befand.
Keuchend stolperten die fünf auf den Stützpunkt zu.
Von dort ertönte ein schmetterndes Hornsignal.
Knappe Befehle hallten durch den Abend und die wuchtigen Torflügel des hölzernen Eingangsportals schwangen krachend auseinander. Im nächsten Moment spuckten die gelbfarbenen Ziegelsteinmauern der Garnison gut zwei Dutzend bewaffnete, sich im Laufschritt nähernde, Infanteristen der königlich britischen Armee aus.
Mit unbewegten Gesichtern bildeten sie einen waffenstarrenden Kreis aus blitzenden Säbeln und schussbereiten Gewehren um die erschöpfte Gruppe.
Einen Moment lang herrschte eine eigentümliche Stille.
Nur das Keuchen der Menschen und das blecherne Tönen einer Trompete hinter den Mauern waren zu hören.
Über den hoch aufragenden Bauten der Garnison ging langsam die Sonne unter und ein paar dreizackige Banner flatterten träge im Abendwind.
Patrick Murdock salutierte stramm und meldete sich dem Sergeanten des Empfangskomitees mit Rang und Namen. Dieser musterte die Gruppe neugierig und nickte dabei stetig mit seinem grauhaarigen Haupt, indes der Gefreite seinen Bericht abgab.
»Mitkommen!«, plärrte er schließlich und deutete mit seinem Gewehr zur Garnison hin. Die fünf ergaben sich in ihr Los, und als sie sich dem großen offenen Tor näherten, fühlten sich Dan und Markus alles andere als wohl in ihrer Haut.
Claires Anfangseuphorie über die Zeitreise war längst dem nagenden Zweifel über ihr weiteres Schicksal gewichen, nur Ken ertrug mit asiatischer Gleichgültigkeit scheinbar gelassen die ganze Szenerie.
Überall in der Garnison herrschte ein hektisches Treiben.
Alle Männer die herumliefen waren schwer bewaffnet.
Vor einem Ziegelbau überprüften ein paar Soldaten ein schweres MG, und überall auf den Wehrgängen der Palisaden wurden Gewehre und Munitionskisten bereitgestellt.
»Was ist denn hier los?«, fragte Dan einen Soldaten der neben ihm herlief.
Aber dieser antwortete nicht.
Stattdessen meldete sich wieder der Sergeant von vorhin zu Wort.
»Schnauze halten und mitkommen!«
Vor einem einstöckigen Gebäude mit Wellblechdach ließ der Sergeant anhalten. Mit der flachen Hand versuchte er den Wüstenstaub aus seiner Uniformhose zu klopfen, aber bereits nach kurzer Zeit gab er dieses Vorhaben wieder auf und betrat das Haus.
Wenig später kehrte er mit einem Mann zurück, der eine Offiziersuniform trug und eine Reitgerte in der Rechten hielt.
Der Mann war groß, Anfang Fünfzig und an den Schläfen schon ziemlich ergraut. Aber er hatte ein hageres, scharf geschnittenes Gesicht mit hohen Wangenknochen und großen dunklen Augen. Auf seiner tadellos sitzenden Uniform und auf den blank gewichsten Stiefeln war kein Staubkorn zu sehen. Während er die Studenten schweigend musterte, wippte er mit den Zehen auf und ab und klopfte dabei mit der Reitgerte unentwegt an den rechten Stiefelschaft.
»Ich bin Colonel Sutherland, der kommandierende Oberbefehlshaber dieses Stützpunktes. Nach allem, was ich bisher über sie gehört habe, sind sie mir wohl einige Erklärungen schuldig. Es wird wohl das Beste sein, wenn wir uns in meinem Quartier etwas eingehender unterhalten. Darf ich bitten!«
Dabei deutete er mit der Spitze der Reitgerte auf seine Unterkunft. Der Offizier ging voraus und hielt ihnen höflich die Tür auf. Das ganze Haus bestand anscheinend nur aus einem einzigen, riesigen Raum. Ein glatter, aus Lehm und Sand festgestampfter Boden bildete den Grund für das Zimmer. Die Wände waren bedeckt mit buntbemalten Schildern und altertümlichen Waffen, einer Karte der näheren Umgebung und einer schon etwas verblichenen britischen Flagge. In der Mitte des Raumes standen ein halbes Dutzend hölzerne Stühle vor der mit Papieren und Dokumenten bedeckten Platte eines wackligen Tisches und irgendwo im Hintergrund führten ein paar Stufen direkt zu einem offenen Kamin, neben dem das Bett von Sutherland aufgeschlagen war.
Ein einzelner wurmstichiger Schrank vervollständigte das karge Mobiliar des Hauses.
Einen Moment lang war das Ticken einer Uhr auf dem Kaminsims das einzige Geräusch in dem Raum.
»Zuerst einmal ein paar grundsätzliche Dinge vorab«, sagte Sutherland. »Wie sie vielleicht wissen, befinden wir uns mitten in einem Kriegsgebiet.«
Dann knallte er die Spitze seiner Reitgerte auf einen imaginären Punkt der Karte an der Wand und starrte von einem Gesicht zum anderen.
»Hier sind wir, An-Atbara, oder besser gesagt, am Ende der Welt.«, während der Colonel sprach malte er mit seiner Reitgerte unsichtbare Kreise um jenen Punkt auf der Karte.
»Um uns herum gibt es nichts als Wüste, Sand und Steine. Dennoch warten da draußen Hunderte von fanatischen Ägyptern darauf, uns die Kehle durchzuschneiden. Im Dorf nebenan, wo meine einheimischen Kundschafter wohnen, laufen Nacht für Nacht immer mehr von ihnen zum Feind über. Wir rechnen beinahe stündlich mit einem Angriff. Sie sehen, ich habe also Probleme genug am Hals. Und jetzt tauchen sie auch noch auf. Einen ungeeigneteren Zeitpunkt hätten sie sich dafür wohl nicht aussuchen können. Zu diesem Thema, denke ich, besteht wohl einiger Erklärungsbedarf von ihrer Seite aus. Also, ich höre!«
»Wir sind Wissenschaftler«, erwiderte Markus schnell.
In Sutherlands Gesicht arbeitete es. Sekunden starrte er die Gruppe an. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, schien er mit dieser Aussage nicht ganz zufrieden zu sein.
»Sie lügen!«, zischte er ärgerlich.
»Gefreiter Murdock erwähnte in seinem Bericht, dass sie keinerlei Ausrüstungsgegenstände bei sich trugen, lediglich ein paar seltsame Gegenstände und eine Pistole. Sie verfügen über keine Transportmittel und führen kein Wasser mit sich, und das mitten in der Wüste. Könnten sie mir das bitte erklären?«
Dabei war deutliches Misstrauen in seinem Tonfall zu hören.
»Wir sind Wissenschaftler«, wiederholte Markus hartnäckig. «Neutrale, amerikanische Wissenschaftler und sie haben keinerlei Befugnisse uns hier zu verhören.«
Dabei starrte er dem Colonel direkt in die Augen, aber dieser wich seinem Blick nicht aus.
»Das sehe ich etwas anders. Aber gut, vorläufig sind sie willkommen und können sich frei bewegen. Aber sie bleiben hier in der Garnison, bis ihre Herkunft endgültig geklärt ist. Haben sie mich verstanden?«
»Bei diesem Angriff, wie stehen da die Chancen?«, wollte Dan stattdessen wissen.
Colonel Sutherlands Stimme klang gepresst, als er antwortete.
»Wir sind hoffnungslos unterbesetzt. Es mangelt an Fahrzeugen, Proviant und der notwendigen Artillerie. Mein Kommando umfasst, wenn ich die Schreibstube, das Küchenpersonal und die derzeit unter Arrest stehenden Soldaten mit einbeziehe, knapp zweihundert kampffähige Männer. Nach Schätzungen unserer Kundschafter hat der Feind eine Stärke von zwei bis dreitausend Mann. Man muss keine Militärschule besucht haben um zu erkennen, dass unsere Lage, mit Verlaub gesagt, ziemlich prekär ist.«
»Verstärkung?«
Sutherland winkte ab.
»Nach einem Sabotageakt auf die Flugzeugstaffel können wir frühestens in drei Tagen mit Entsatz rechnen. Ob wir uns so lange halten, ist allerdings fraglich.«
Dan starrte den Offizier eindringlich an.
»Und was jetzt?«
Sutherlands Gestalt straffte sich.
»Ich bin Soldat, ich habe meine Befehle aus dem Hauptquartier. Dieser Stützpunkt ist unter allen Umständen zu halten. Was sie anbelangt, verhalten sie sich möglichst unauffällig. Denn sobald ich zu der Überzeugung komme, dass sie feindliche Spione sind, werde ich sie ohne zu zögern augenblicklich exekutieren lassen. Haben sie mir nicht doch noch etwas zu sagen?«
Wie auf einen geheimen Befehl hin schüttelten die vier beinahe gleichzeitig die Köpfe.
Was sollte man diesem Mann auch erzählen?
Dass man mit Hilfe einer Zeitmaschine an diesen Ort gereist war, dass man aus einer Parallelwelt kam, in der es bemannte Raumflüge, Computer und Handys gab oder dass man aus dem Jahr 2006 stammte?
Genauso gut hätte man diesem Soldaten auch erklären können, dass man vom Mars kam, das Ergebnis wäre wohl das Gleiche gewesen. Man hätte sie für verrückt erklärt, zumindest eingesperrt oder womöglich sogar auf der Stelle standrechtlich erschossen. Also hielten es die Studenten für besser vorläufig zu schweigen, bis man sich eine plausible Geschichte zusammengereimt hatte.
»Wie sie wollen«, sagte Sutherland sichtlich enttäuscht. »Meine Ordonnanz wird sie jetzt in ihre Quartiere begleiten und dafür sorgen, dass sie etwas zu Essen und zu Trinken erhalten. Vielleicht wollen sie ja dann mit mir reden, wenn sie sich etwas frisch gemacht haben.«
Dann ging er zur Tür, öffnete sie und bellte einen Befehl in die hereinbrechende Dunkelheit.
»Sergeant Wood, zeigen sie den Herrschaften ihre Quartiere!«
Einen Moment später brachte sie ein schlaksiger Soldat in einer viel zu weiten Uniform zur Nordwand der Garnison. Das Gästehaus bestand aus einem großen Wohnzimmer und einer schmalen Schlafkammer und war spartanisch ausgestattet. Aber wer den Weg hierher fand, legte ohnehin keinen allzu großen Wert auf Komfort. Rasch einigte man sich darauf, dass Claire die Schlafkammer und die drei Männer das Wohnzimmer als Quartier benutzen sollten. Wenig später erschien die Ordonnanz erneut und brachte eine Kanne mit gesüßtem Tee und ein Tablett mit Brot, Datteln und etwas Käse.
»Jetzt sind wir endlich wieder unter uns«, bemerkte Dan erleichtert, als er die Tür hinter dem Soldaten schloss. Alle Augen richteten sich erwartungsvoll auf Markus.
»Also los, aktiviere die Maschine und dann lass uns schnellstens von hier verschwinden.«
»Wir sollten es uns nicht zu einfach machen. Wir müssen diesmal gut überlegen.«
»Was gibt es da zu überlegen?«, erwiderte Dan scharf und sah den Deutschen mit grimmiger Miene an. »Willst du die Hände in den Schoß legen und tatenlos zusehen, wie dieser Aruk spätestens Morgen einen nach dem anderen von uns zur Hölle schickt?«
»Natürlich nicht, aber vielleicht erinnerst du dich noch an unser erstes Mal. Da standen wir auch unter Zeitdruck und es hat nicht so geklappt, wie wir uns das vorgestellt haben. Eigentlich hat fast nichts geklappt. Was, wenn wir beim nächsten Mal in einer Welt landen, die meinetwegen radioaktiv verseucht ist? Dann gibt es überhaupt kein zurück mehr.«
»Markus hat recht«, sagte Ken.
»Mir ist das langsam völlig egal«, sagte Claire mit leiser Stimme, in der ein unüberhörbarer Klang von Niedergeschlagenheit und Resignation lag. »Ich will einfach nur noch nach Hause.«
»Was willst du jetzt tun?«
»Irgendetwas mit dem Röntgenmolekularbeschleuniger scheint nicht zu stimmen. Ich werde noch mal verschiedene Tests durchführen müssen. Wir müssen einfach das Risiko der nächsten Zeitreise so klein wie möglich halten.«
»Na hoffentlich lässt sich Aruk auch so viel Zeit«, brummte Dan.
»Ich schlage vor«, mischte sich Ken in den Disput der beiden ein, «nachdem ja keiner von uns Markus bei den Tests wirklich helfen kann, dass Claire sich jetzt hinlegt und wir beide, Dan und ich, abwechselnd je eine Wache übernehmen.«
Verwirrt runzelte der Sportstudent die Stirn.
»Was zur Hölle sollen wir denn in einer Garnison inmitten zweihundert schwer bewaffneter Soldaten deiner Meinung nach bewachen?«
»Die Tür zu unserem Quartier natürlich«, erklärte Ken süffisant, »Oder was willst du Sutherland und seinen Soldaten sagen, wenn sie plötzlich hier auftauchen und Markus an der Zeitmaschine herumschrauben sehen? Das er gerade dabei ist, das Weihnachtsgeschenk für seine Neffen zusammenzubasteln?«
»Okay, okay«, sagte Dan beschwichtigend und blickte nachdenklich hinter Claire her, die mit gesenktem Kopf auf ihre Kammer zusteuerte.
»Wer übernimmt die erste Wache?«

Nach und nach wurde es ziemlich kühl.
Die Hitze war gewichen und die typische Kälte der Wüstennacht setzte ein. Claire fröstelte, während sie nachdenklich in ihrem Quartier auf und ab lief. Obwohl sie erschöpft war, fand sie genauso wenig Schlaf wie die anderen Menschen der Garnison. Zuviel war in den letzten Stunden geschehen, der Name El Aruk hing unheilvoll über dem ganzen Stützpunkt. Während draußen Soldaten umherliefen, laut redeten oder fluchten, versuchte sie zur Ruhe zu kommen und ihre Gedanken zu ordnen.
Irgendwann in der Nacht ging ein Ruck durch ihren Körper und ihre Schultern strafften sich merklich. Ihre Tränen waren versiegt. Das Bewusstsein, das sie die deprimierende Situation, in der sie sich befand, weder durch Mutlosigkeit noch durch Tränen ändern konnte, veränderte ihren Willen und der Gedanke an eine bessere Zukunft wurde stärker als je zuvor.
Claire verließ ihre Kammer und schloss leise die Tür.
Im Türrahmen zum Wohnzimmer erkannte sie die Umrisse von Ken. Dan und Markus hatten sich anscheinend hingelegt, jedenfalls war das gleichmäßige Atmen zweier Männer zu hören.
»Na, kannst du auch nicht schlafen?«, flüsterte Ken.
Claire schüttelte den Kopf.
»Und, wie weit seid ihr?«
»Fast fertig. Die beiden haben sich kurz hingelegt. Vor allem Markus war zum Schluss beinahe völlig erledigt. In zwei, drei Stunden soll ich sie wecken. Dann starten wir einen neuen Zeitsprung, immer vorausgesetzt, dieser El Aruk lässt uns bis dahin in Ruhe.«
»Wohin soll es diesmal gehen?«
»Nach Hause, nach Kansas City ins Jahr 2006. Ich denke, darin sind wir uns wohl alle einig.«
Nach diesen Worten konnte Ken, zum erstenmal nach vielen Stunden, Claire wieder lächeln sehen. Er ging auf sie zu und reichte ihr die Hand.
»Wollen wir uns in der Zeit noch ein bisschen die Füße vertreten?«
Sein offener Blick offenbarte keinerlei Hintergedanken, dennoch spürte Claire, dass er sich für sie interessierte. Dabei musste sie sich eingestehen, dass ihr diese Tatsache keineswegs unsympathisch war. Sie nickte und hatte plötzlich das Bedürfnis, in die Arme genommen zu werden, sich an ihn anzulehnen und so gingen beide kurze Zeit später Hand in Hand durch die nächtliche Garnison.
Inzwischen war es weit nach Mitternacht. Die Geräusche des letzten Wachwechsels vor Sonnenaufgang hallten durch die Dunkelheit. Befehle wurden gerufen, das Stampfen gleichmäßiger Schritte war zu hören und das Knirschen von Sand unter den Stiefelabsätzen der Soldaten. Unbehelligt erreichten sie die Palisadengänge am Haupttor.
Fahles Mondlicht lag über dem Land und die umliegenden Hügel und Sanddünen waren nur als große, schwarze Flecken zu erkennen. Dennoch blickten beide in die Nacht hinaus und kurze Zeit später war jeder von ihnen in Gedanken an einem ganz anderen Ort.
Später einmal konnte keiner von beiden mehr genau sagen, wie lange sie dort gestanden hatten, jedenfalls wurde es langsam hell. Ein erstes Licht kündigte das Herannahen des neuen Tages an. Irgendwo schrie ein Nachtvogel und holte sie mit schrillen Lauten jäh in die Wirklichkeit zurück. Als die Beiden den Vogel erneut schreien hörten, kam ein Soldat der Wache auf sie zu und reichte ihnen zwei Blechtassen mit heißem dampfenden Kaffee.
»Ihr geht jetzt besser wieder in euer Quartier zurück«, sagte Patrick Murdock.
»Ich habe so ein komisches Gefühl, als ob dieser Vogel gar kein Vogel ist, sondern zwei Beine hat, ein Gewehr in der Hand hält und wie ein verdammter Ägypter aussieht.«
Ken nickte.
Es war jetzt kurz vor Sonnenaufgang und als Claire mit der Kaffeetasse in der Hand den Kopf hob und ein letztes Mal über das Land blickte, sah sie südlich der Garnison auf einer flachen Sanddüne den ersten Mann stehen.
Der Kerl hatte sein Gesicht mit Farbe oder Dreck beschmiert und auf seinem Schädel thronte ein riesiger, dunkler Turban. In den Händen hielt er einen altertümlichen Schießprügel, der dennoch irgendwie bedrohlich aussah. Der Mann sagte kein Wort, aber sein ganzes Wesen strahlte fast spürbar pure Gewalt und Mordlust aus. Einer der Wachposten begann zu schreien und kurze Zeit später herrschte ein Höllenlärm im Stützpunkt. Ein Hornsignal schmetterte, Befehle wurden gebrüllt und Soldaten hasteten umher, indes Claire am südlichen Ende der Garnison weitere Männer auftauchen sah.
Erst zwei, dann vier, zehn, zwanzig, Hunderte!
Mit abenteuerlich aussehenden Fuhrwerken, die ganz offensichtlich aus Teilen von Dutzenden ausgemusterten Armeefahrzeugen zusammengesetzt waren, tauchten sie in einer weit auseinander gefächerten Linie vor der Garnison auf. Dazwischen waren immer wieder Reiter auf Kamelen oder Pferden zu sehen.
Einem brodelnden, wütenden Menschenknäuel gleich schoben sie sich unaufhaltsam vorwärts und schrieen dabei wie leibhaftige Dämonen, die von der Hölle ausgespuckt worden waren.
Neben ihnen erschien plötzlich ein Sergeant mit einem MG über den Schultern und richtete die schwere Waffe am Boden aus. Mit einem knappen Befehl beorderte er Murdock an seine Seite, kniete sich hinter die Waffe und schob den Lauf zwischen die Palisaden über dem Haupttor. Sofort begann er zu schießen, während ihm Patrick Murdock daneben mit fahrigen Händen den Munitionsgurt zuführte. Dabei fluchte er lauthals vor sich hin, ganz offensichtlich um damit seine Angst zu betäuben.
Ken sah, wie die Geschossgarben vor ihnen in den Hügeln und Dünen einschlugen, Sandfontänen aufwirbelten, wie die Ägypter brüllend in Deckung gingen und wieder aufsprangen und wie einige von ihnen still liegen blieben. Der Sergeant schoss, bis der Lauf der Waffe zu glühen begann, aber dennoch waren die Angreifer näher gerückt, es hatte sogar den Anschein, als hätte ihre Zahl zugenommen.
In der Zwischenzeit waren die Kanonen im Stützpunkt ausgerichtet und die Geschütze donnerten und spuckten Tod und Verderben über die Mauern. Die Luft war erfüllt von krachenden Kanonen, Gewehrfeuer, schreienden Männern und wiehernden Pferden und Kamelen. Rauch wogte über dem Stützpunkt und dem umliegenden Land.
»Geschützpanzer!«, hallte plötzlich die schrille Stimme Murdocks durch den Gefechtslärm. «Die Schweine haben Geschützpanzer.«
Mit vor Entsetzen geweiteten Augen erkannte Ken, wie eine Handvoll gepanzerter Fahrzeuge allmählich im Rücken der Angreifer erschienen, sandfarbene kettenradbetriebene Ungeheuer mit langen Geschützrohren. Mit beinahe entsetzlicher Langsamkeit kamen sie allmählich zum Stehen, ihre Türme drehten sich auf der Suche nach lohnenden Zielen hin und her und schließlich spuckten sie ihre Granaten fast gleichzeitig gegen das Haupttor.
»Weg hier!«, schrie Ken, packte Claire an der Hand und riss sie förmlich vom Palisadengang die Treppe herunter in den Hof. Im gleichen Augenblick verwandelte sich das Tor hinter ihnen in eine berstende, Feuer speiende Hölle aus brüllenden Soldaten, verbogenen glühenden Metallteilen und auseinander geplatzten Lehmziegeln. Die Druckwelle der Explosion riss sie fast von den Beinen. Sie liefen so schnell sie konnten, während Granatfeuer mit grellen Lichtblitzen über ihnen explodierte und Kugeleinschläge links und rechts die Erde durchpflügten. Sie liefen so lange, bis sie eine Stimme aus dem Inferno anrief und sie keuchend stehen blieben.
Der hasserfüllte Klang der Stimme traf sie wie ein Faustschlag aus dem Nichts.
»Stehen bleiben!«, schrie Colonel Sutherland.
Sein Feldhut war fort, sein Gesicht von Pulverrauch, Schweiß und Blut verschmiert und seine Haare standen ihm wirr vom Kopf. Die einstmals so tadellos sitzende Uniform war an mehreren Stellen zerrissen. Blut strömte aus einer Wunde hoch in der Schulter und rann unablässig über seinen linken Arm. Dennoch hielt er sich aufrecht, fuchtelte wie ein Verrückter mit seiner Reitgerte vor ihren Augen herum und brüllte aus Leibeskräften.
»Das habt ihr euch wohl so gedacht, hier einfach abzuhauen. Ihr elenden Spione, ich habe von Anfang an ein komisches Gefühl bei euch gehabt.«
Dann warf er die Reitgerte zu Boden und zerrte unbeholfen an seiner Pistolentasche, die hoch an der rechten Hüfte saß. Aber bevor es ihm gelang, die Waffe endgültig aus dem Halfter zu zerren, zischte ein knorriger Ast scheinbar aus dem Nirgendwo heran und das Holz zerplatzte geradezu beim Aufprall in seinem Genick. Ken und Claire konnten förmlich die Knochen krachen hören. Die Wucht des Aufschlages riss den Kopf des Colonel mit elementarer Gewalt zur Seite. Er verdrehte die Augen und fiel wie ein leerer Getreidesack einfach zur Seite.
Aus dem pulvergeschwängerten Morgendunst schälte sich die Gestalt von Dan Simon.
»Himmel noch mal«, schrie der Sportstudent.
»Wo habt ihr beiden denn gesteckt? Ich suche euch schon seit einer halben Stunde.«
Völlig aufgeregt musterte er die Beiden, aber als sein Blick ein Stück tiefer glitt und er bemerkte wie sie Hand in Hand vor ihm standen, verfinsterte sich seine Miene für einen Moment lang. Trotz der Gefahr, in der sie alle schwebten, schien er einen Moment lang nachzudenken und kam schließlich zu dem Schluss, dass er mit Ken unbedingt einige Dinge ausführlicher besprechen musste.
»Ach so ist das, jetzt verstehe ich.«
Bevor Ken oder auch Claire irgendetwas darauf erwidern konnten, hatte sich Dan bereits wieder umgedreht.
»Los jetzt, kommt mit. Markus hat die Maschine programmiert. Es wird Zeit, das wir von
hier endlich verschwinden.«
Gemeinsam rannten sie zu ihrem Quartier zurück, während um sie herum geschossen, geschrieen und gestorben wurde. Staub und Rauch trieben durch die Garnison.
Ein Soldat stellte sich ihnen in den Weg.
Er schrie wild und versuchte sein Gewehr in Anschlag zu bringen. Aber bevor er die Waffe auf die drei richten konnte, holte Ken aus und ein wuchtiger Kung-Fu Tritt schleuderte den Soldaten zu Boden. Er stürzte rücklings gegen einen Holzstapel und das Gewehr entglitt seinen Händen. Dann hatten sie freie Bahn.
Markus Becker erwartete sie bereits völlig aufgelöst.
Hektische rote Flecken zierten sein Gesicht, Schweiß glänzte auf seiner Stirn und über seine Hornbrille hinweg, die jetzt ziemlich schräg auf dem Nasenrücken hing, starrte er sie ungeduldig aus weit aufgerissenen Augen an.
»Jetzt wird es aber Zeit, verflucht noch mal«, schrie er gegen den Lärm der Kanonen und Gewehre an und zog im nächsten Moment unwillkürlich den Kopf zwischen die Schultern, als ein Geschützeinschlag in unmittelbarer Nähe das ganze Haus förmlich erzittern ließ.
»Die Zeitmaschine ist programmiert. Wir sollten endlich zusehen, dass wir von hier verschwinden, die Ägypter scheinen sich so langsam auf uns eingeschossen zu haben. Was um Gottes Willen habt ihr denn die ganze Zeit über gemacht?«
»Händchen gehalten«, entgegnete Dan zynisch und fing sich dafür von Claire einen Blick ein, der selbst die Hölle hätte einfrieren lassen.
»Was?«, fragte Markus, der ganz offensichtlich den Sinn von Simons Bemerkung nicht verstand. »Egal, jetzt aber schnell, legt eure Hände auf das Glas. Ich aktiviere die Maschine.«
Draußen hörte man Menschen schreien, Geschützdonner kam immer näher und die Luft war erfüllt von Pulverdampf, Rauch und dem Geruch von verbranntem Fleisch.
Markus drückte einen Knopf an der Maschine nach unten.
Bläuliches Licht von unfassbarer Helligkeit hüllte die vier ein.
Die Luft in dem Raum wurde kälter.
Eine erdbraune Gestalt mit wallenden Gewändern stand plötzlich groß und schwer im Türrahmen. Er hielt sich mit beiden Händen am Türpfosten fest, eine Maschinenpistole baumelte vor seiner Brust hin und her und er starrte knurrend auf die Studenten. Dann stieß er einen schrillen Schrei aus, lies die Türpfosten los und kam langsam auf sie zu.
Es wurde immer kälter.
Verwundert blieb der Ägypter stehen, als er begriff, dass sein Atem bei jedem Luftzug zu kaltem Hauch gefror. Die Luft wurde kalt, so kalt, dass einem fast das Blut in den Adern zu Eis erstarrte. Dann begannen plötzlich die Vorhänge zu flattern, die Fenster begannen aufzufliegen und zuzuknallen und die Zimmerdecke begann einzustürzen.
Im nächsten Moment versank die Welt in einem Reigen aus blitzenden Farbrädern und explodierenden Sternen.

Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen legte William Taylor den Telefonhörer wieder zurück auf die Gabel.
So langsam begann ihn die Sache endlich zu interessieren, sogar sehr zu interessieren. Wenn nur die Hälfte von dem stimmte, was ihm der verrückte Profes-sor soeben erzählt hatte, dann begann sein Traum von einem sorgenfreien Leben allmählich Gestalt anzunehmen. Dass dabei einige Menschen ihr Leben lassen sollten, interessierte William Taylor im Moment so viel, wie wenn in Ägypten ein Sandkorn in der Wüste vom Wind davongetragen wurde.
Fortsetzung folgt ...

Vorschau auf Episode 2
Die vier Timetraveller kehren in das Jahr 2006 zurück, merken aber sehr schnell, dass
etwas nicht stimmt, denn die Universität ist verlassen und auf dem Gelände werden sie von
einem seltsamen Wesen angegriffen, das von Markus Becker, ohne mit der Wimper zu zucken, mit einer Axt erschlagen wird..
Claire, Dan und Ken sind darüber etwas irritiert und müssen immer mehr feststellen, dass Markus nicht der ist, der er vorgibt zu sein.
Nachdem das Wesen erledigt ist, fliehen die Studenten in das ehemalige Labor von Matthew Evans, doch das Labor ist nicht leer.
Die vier Timetraveller sind in einer Parallelwelt gelandet, die nur noch dem Namen nach etwas mit Amerika zu tun hat. Und doch ist vieles nicht so undenkbar, wie die Timetraveller am Anfang glauben ...
Erwartet mit Spannung die am 1. Juli erscheinende 2. Episode mit dem Titel
"Kansas City A. D. 2006"
von Ingo Löchel