
Maddrax

Von Sascha „Andro“ Vennemann
13. September 2006
„Zoffen ist menschlich“
oder „ Warum die Zukunft nicht nur dunkel, sondern zappenduster ist “
Vielleicht geht es dem Nullachtfuffzehn-Leser ebenso wie mir: Ich schaue mir das Cover eines neuen MX-Bandes nicht unbedingt immer bis ins Detail an. Aber neulich war wieder einmal so ein Tag und mir fiel erneut den Untertitel meiner Lieblingsserie aus dem Bastei-Verlag auf: „Die dunkle Zukunft der Erde“. Nach der Lektüre des aktuellen Romans von Susan Schwartz „Der Prophet aus der Wüste“ könnte man den Untertitel ungefragt auch noch um „... und des Mars“ erweitern. Nicht nur, dass wir einen Piloten, der durch die Zeit geschleudert wurde seit mehreren Jahren begleiten, wie er über die zugewucherte und intrigante Erde spaziert. Nein, jetzt ist auch noch der Rote Bruder mit von der Partie wenn es darum geht, sich in menschen- bzw. marsianerfeindlichen Zukunftsvisionen zu ergehen.
Gerade dieser letzte Band hat mich ein wenig ins Grübeln gebracht und mir den Untertitel einmal mehr ins Gedächtnis gerufen. Zunächst war auf dem Mars in der Serie die Utopie vorherrschend, eine friedliche Gesellschaft hätte sich etabliert. Keine Kriege, kein Hunger, alles sei in bester Ordnung, nachdem in der Gründerzeit des noch spärlich besiedelten Mars einst der „Bruderkrieg“ das Volk spaltete. So von den mutmaßlichen Öko-Spinnern der Verbundenheit mit dem Roten Planeten getrennt, konnte man in friedlicher Koexistenz über die Jahre hinweg eine Gesellschaft aufbauen, die einfach zu schön zu sein schien, um wahr zu sein. Ätsch, denkt man sich, ist ja auch ein Roman, und Romane sind meist fiktiv. Knapp ein Jahr später, in just dem aktuellen Band, geht, nachdem sich die Tendenzen nach der Ankunft des als barbarisch titulierten Erdenmanns Matt Drax schon abzeichneten, die Marsgesellschaft komplett den Bach runter. Intrigen werden gesponnen, Leute umgebracht, ein Bürger- oder neuer Bruderkrieg scheint zum Greifen nahe oder zumindest in den Startlöchern zu stehen. Die Lichtgestalten der Lichtgesellschaft des Mars werden so dunkel wie die dunklen Waldelfenmarsianer aus dem Kronleuchter-Canyon.
Komisch, wann hatten wir das denn das letzte Mal in dieser Serie? Ich gehe zurück an den Anfang. In Band 1 „Der Gott aus dem Eis“ treffen wir bereits auf das erste organisierte Volk. Ob man es glaubt oder nicht, die Riesenratten alias Taratzen, heute fast aus der Serie verschwunden, offenbarten sich als erste organisierte Spezies neben dem postapokalyptischen Aruula-Clan. Immerhin eine Monarchie: Es gibt den Taratzenkönig, vermenschlicht durch rudimentäre Sprachkenntnis. Seine Schergen folgen dem schlauen Vieh, sind ihm ergeben. Ekelhaft, aber erfreulich homogen, wenn man sich weiterhin vor Augen führt, welche Spezies nicht vornehmlich anderen Mutationen, sondern sich selbst an die Gurgel geht. Allen voran: Der Mensch. 500 Jahre älter, 500 Jahre dümmer. Zumindest die, die sich an der Oberfläche tummeln und nicht gerade im Daa’muren-Strahlungsfreien Afrika leben. Man haut sich wie eh und je die Köppe ein. Der Natur des Menschen kann selbst ein außerirdisches Volk kaum etwas entgegen setzen. Egal, wo sich Matt zunächst rumtreibt, immer bekriegen sich die Barbaren, kaum irgendwo gibt es Wärme, Liebe, Harmonie. Das entspräche nicht dem Menschen an sich, selbst wenn der Papst und sämtliche Präsidenten-Klone das gerne so hätten. Dann, gen Ende der 10er Bände ein Lichtblick! Die Bunkerkolonien scheinen aus der Not heraus mit ihrer Friedfertigkeit wie glatzenbewehrte Engel. Aber nein, auch hier bilden sich Grüppchen, die sich einander nicht grün sind. Insbesondere Weltrat und Running Men meinen sich hier ab spätestens der 30er Bände ordentlich die selbstgeköchelte Suppe versalzen zu müssen.
Nicht mal die Fishmäcs, die Hydriten, die sonst so friedlichen Meeresbewohner, gönnen sich gegenseitig das Grüne auf dem Seetangbrötchen. Der mutierte Flipper wird nämlich vom freundlichen Delphin zur reißenden Bestie, wenn er aus Versehen mal am Krabbencocktail nippt. Die Mar’os-Jünger mit der vergrößerten Hirndrüse waren schon damals auf dem Mars kannibalisch veranlagt. Was kann es Schlimmeres geben, als reuelos seine Artgenossen aufzuessen?
Da lobe ich mir die Daa’muren. Die sind zwar zunächst die Superechsen schlechthin, bekommen aber im Studium der Primärrassenvertreter den mentalen Knacks ihres Studienobjektes telepathisch auf die eingebaute Festplatte gespielt und drehen seit dem am auf keinen Fall neu erfundenen Rad. Endlich mal ein Volk, das sich selbst so grün ist, wie die Kristalle in denen sie zunächst wohnen. Die kloppen sich nicht um die nächste Mahlzeit, die haben einen kollektiven Willen und ein gemeinsames Ziel. Leider kann man die Grünlinge mit dem Emotionen-Schwipps nach der gescheiterten (?) Wandler-Aktivierung kaum noch ernst nehmen, da sie sich am Gefühl des Gefühls an sich berauschen wie andere an gegorenem Brabeelensaft.
Kaum sind wir dann der Erde entronnen, da beginnt der so schmerzhafte Prozess der Werdung von Mensch zum Marsianer aus dem Spin Off „Mission Mars“ vergessen zu sein. Matt, diesmal quasi als Parallele zu Aruula in Matts mentaler Welt der ersten Bände, gilt unter den fortschrittlichen Marsbewohnern als Barbar und stürzt eine Gesellschaft in die nächste Umbruchphase. Keinen Frieden für den Roten Bruder. Die Utopie der perfekten Marsgesellschaft klappt zusammen wie ein Kartenhaus. Es wäre ja auch zu schön gewesen. „Die friedliche Zukunft der Menschheit“ steht nicht in dem Untertitel der Serie.
Da steht nämlich immer noch „Die dunkle Zukunft der Erde“. Maddrax begibt sich, ohne es zu wollen, in quasi-philosophische Gefilde, wenn sich, dem historischen Verlauf der Menschheitsgeschichte folgend, zurecht jedes Völkchen entzweit und einander ans Leder will. Vielleicht sollte es im Untertitel doch besser heißen: „Die dunkle Natur des Menschen“. Dabei sind wir Heftromanleser doch grundsätzlich ebenso harmonie- und liebesbedürftig wie unsere anderen menschlichen Artgenossen. Das Leben ist nun mal kein Andronenhof. Oder Arztroman. Gewöhnen wir uns dran!
© Sascha „Andro“ Vennemann
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