
Maddrax

Von Sascha „Andro“ Vennemann
3. Juli 2006
„Die Barbaren der Demokratie“
oder
„Warum Maddrax die geilsten Fans der Heftroman-Welt hat“
Man lese die Überschrift und frage sich erst einmal selbst, wie man dazu kam, Maddrax zu lesen und Maddrax zu lieben. Das ich, der ich als Jungspund von damals knapp 19 Jahren an Maddrax geriet, bei der Beantwortung dieser mir selbst gestellten Frage, höchst begeistert und subjektiv daher reden werde, bedarf der vorherigen Erwähnung. Da stehe ich also im Laden, kurz vor den Abitur-Prüfungen und suche eine leichte Lektüre für die Lernpausen. In einer verschämten hinteren Ecke des kleinen Schreibwarenhandels steht eines dieser schmalen Drehregale, in denen mancherorts die aktuellen Heftromane präsentiert werden. In der selben Ecke hängt, um die schimmelige Raufaser-Tapete des Ladens, der nicht mehr ist als die zu einem begehbaren Kiosk umgebaute Ruine einer Schreinerwerkstatt, zu verdecken, ein Werbe-Poster. „Maddrax – Die dunkle Zukunft der Erde“ steht da in verwitterten Lettern geschrieben, deren vermodernde Ästhetik durchaus mit dem ihnen umgebenden Geschäft harmoniert. „Jetzt neu! Aus dem Bastei-Verlag! Im Bahnhofsbuchhandel und in jedem gut sortierten Zeitschriftengeschäft!“ „Aha“, denke ich mir, „also werde ich hier wohl nicht fündig!“ Ein Heftroman soll es also sein, der für Entspannung vor der sechsstündigen Biologie-Klausur zum Thema „Evolution“ sorgen soll. Heftroman... In sowas habe ich doch als junger Bursche von 10 Jahren das erste Mal die Nase reingesteckt. Ein Perry Rhodan war’s, der mich mit seinen phantastisch gestalteten Covern lockte, und ich hatte doch auch schon einmal einen Perry Rhodan Film im Nachmittagsprogramm gesehen? Die Hefte lasen sich gut, ich hatte nur keine Ahnung, worum es ging. Dann folgten im unregelmäßigen Abstand Horror-Hefte aus der Grabbelkiste der lokalen Supermärkte. Ich erwischte den ersten Geister-Krimi meines Lebens: „Die Gruft der Grünen Spinnen“ von einem Autoren namens FAUSTUS. Bis heute ist mir der Roman lieb und heilig, denn er machte mir klar, wie viel Spass Horror-Romane auf dem beschränkten Raum von 64 Seiten doch bereiten können! Heute warte ich gebannt darauf, dass der Martin-Kelter-Verlag diesen Roman als Nachdruck in seiner noch recht jungen Geister-Krimi-Nachdruckreihe „Geisterfänger“ bringt – ein Traum ginge in Erfüllung, auch wenn ich mir inzwischen den Roman von einem freundlichen Antiquariat-Händler nachkaufen konnte, nachdem mein ursprüngliches Exemplar irgendwo verschwand.
Egal, das war alles vorher, jetzt gibt es „Maddrax“, ich muss es haben, ich bestelle mir das aktuelle Heft (das sich als Band 5 : „Festung des Blutes“ von Ronald M. Hahn herausstellt) und bin sofort hin und weg. Wer sich damals schon in den Bastei-Foren tummelte, der kennt meinen weiteren Werdegang. Mit dem Band 6 : „In der weißen Hölle“ von Michael J. Parrish finde ich meinen Nickname „Andronenreiter“ fürs Forum und werde dort von anderen Fans begrüßt. Viele sind älter als ich, lesen schon ihr Leben lang Heftromane, aber ich werde freundlich aufgenommen und fühle mich sofort wohl.
Und hier beginnt meine subjektive Beschreibung, warum MX, so die inoffizielle Abkürzung der Romanserie, die besten Vorraussetzungen hatte, DIE Kultserie zu werden, die sie heute geworden ist. Es kann, es muss, nicht nur an dem hervorragenden Konzept der Serie liegen, das alle möglichen Stile der phantastischen Literatur in sich vereint, es ist auch nicht allein das hervorragende Autoren- und Redaktionsteam, das sich liebevoll um seine geistigen Kinder kümmert und seinen Job mehr als nur erfüllt, sondern mit Passion bei der Sache ist - es ist vor allem auch die Fan-Basis! Die fühlt sich nämlich pudelwohl, denn man hört auf sie. Man hört auf uns, sage ich als Fanfamilien-Mitglied im Namen der zahlreichen mehr oder weniger organisierten Anhänger von MX.
Warum? Keine Ahnung, es passiert einfach. Michael Schönenbröcher alias Mad Mike liest meinen Nicknamen im Forum, findet in gut und nicht viel später tritt der erste „Andronenreiter“ als Figur in einem der Romane auf. Ein ganzes Völkchen mit dem von mir erfundenen Namen erhält Einzug in die Serie! Zusätzlich bilde ich mir ein, auf einem Cover (MX 20 – „Zug der Verlorenen“ von Michael J. Parrish) einen Andronenreiter zu erkennen, der meinem Antlitz nachempfunden ist (was zugegebenermaßen mehr Zufall und Wunschdenken meinerseits als Absicht der Macher ist). Im Forum lerne ich weitere bekloppte Leute kennen, die sich mit den Romanen auseinandersetzen, wir formieren uns zum ersten Maddrax-Online-Fanclub IFC, der sich in den ersten Zügen der Serie im Forum des Fans „Kellermeisters“ trifft und das dortige Gästebuch in abendlichen Sitzungen zum Chat umfunktioniert. Was dann folgt sind die ersten Real-Life-Treffen dieser seltsamen Truppe, die sich aus Mitgliedern sämtlicher Geschlechter, Alter, Berufs- und Sozialgruppen zusammensetzt und komischerweise miteinander klar kommt. Reine Fantreffen außerhalb des Rahmens des Buchmesse-CONs folgen, Ehepartner, Lebensgefährten, neue Freunde aus dem Forum sind ohne Probleme in den verrückten Haufen integrierbar. Es wird sich mit einer Homepage engagiert (www.aruula.de), in den Foren mitdiskutiert, Lob und Kritik geübt, getreten und gestreichelt. Und die Autoren und Macher danken es uns. Der IFC hält namentlich als Zombie-Töter-Mob in Bernd Frenz’ legendärem MX-L.A.-Dreiteiler (MX 52 – 54) Einzug. Wir Fans aus dem Bastei-Forum dürfen mitentscheiden, welches Cover den Roman MX 71 - „Die Menschenfalle“ von Claudia Kern zieren wird. Ich finde die Figur des Rochens Thgáan faszinierend und möchte, dass seine Rolle ausgebaut wird – es gibt ihn bis heute in der Serie, obwohl er laut Planung eigentlich nur eine unbedeutende Rolle spielen sollte! Auf unseren Treffen erleben wir viele Autoren der Serie als Menschen zum Anfassen und dürfen sie im weitesten Sinne als Freunde betrachten, die erkennen, dass uns ihre Phantasien sehr am Herz liegen. Und immer wieder hat diese eingeschworene, tolerante Fan-Gemeinde das Gefühl, an „ihrer“ Serie mitwirken zu können. Und sie kann es.
Wieso kam diese besondere Konstellation gerade bei MX zustande? Keine Bastei-Heftserie, die nach MX startete, hat meines Wissens einen REAL LIFE Fanclub auf die Beine stellen können, sondern sich nur auf maximal einen oder zwei Online-Fanclubs berufen können. „TORN – Wanderer der Zeit“ und „BAD EARTH“ sind unter diesen Ausnahmen zu finden. Ein persönlicher Kontakt zu Michael J. Parrish, dem Autor von TORN, findet nicht statt. Manfred Weinland, Hauptinitiator und Autor von BAD EARTH, steht Fans in entsprechenden Foren Rede und Antwort, Interaktivität bei der Gestaltung der inzwischen eingestellten Heftserie BE gab es allerdings kaum. STERNENFAUST geht erstmals in eine ähnliche Richtung wie MX, Fan-Ideen werden interessiert verfolgt, Anregungen aufgenommen und adaptiert in die Serie übernommen – sehr zum Wohlwollen der Leser.
Das MX-Fandom lobt sich deswegen meines Erachtens eigentlich viel zu wenig. Wir sind die demokratischen Barbaren, die chaotische und kaum zu durchschauende Bande, der man die Chance einräumt, an der Lieblingsserie aktiv durch Diskussionen und Beiträge teilzuhaben – und wir haben sie schon öfter, auch verlagsintern bei Bastei übergreifend, zu nutzen gewusst. Maßgeblich darf sich sicher der MX-IFC dafür verantwortlich fühlen, dass Stephanie Seidels zunächst unveröffentlichter „Vampire“-Roman doch noch erschien, und zwar als Bastei-Online Special zu Halloween 2003 und auf Drängen der von dem Talent der damals noch neu im Team aufgenommenen Stephanie faszinierten Fans, gerichtet an die persönlich beim Bucon 2003 anwesende Entscheidungsträgerin von der Verlagsseite! Diese Interaktivität, die konstant gute Qualität der Romane, die inhaltliche und stilistische Mixtur und ein Kollektiv aus Machern und Fans, dass sich untereinander wohlgesonnen ist und sich mir Respekt behandelt – macht MX zu geilsten Heftroman-Serie der Welt. Mit den geilsten Fans. Mit uns.
Gruss, Sascha „Andro“ Vennemann
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