
Maddrax

Von Sascha „Andro“ Vennemann
13. Juli 2006
„Vom Feeling her ein anderes Gefühl“
oder
„Das Wechselbad der Gefühle im Wechsel der MX-Zyklen“
Es hatte alles so beschaulich angefangen. Ein Pilot einer amerikanischen Fliegerstaffel gerät bei der Beobachtung des Abschusses eines Kometen, der die Erde zerstören soll, in ein Zeitphänomen und rauscht knapp ein halbes Jahrtausend später in den nächstbesten Gletscher.
Es gab keine Außerirdischen, keine hochentwickelten Meeresbewohner namens Hydriten, sondern nur Menschen und einige riesige Ratten und Insekten, denen man ordentlich was auf die Omme geben konnte. Wenn man sich das einmal rückblickend überlegt, hatte Maddrax als Serie damals am Anfang einen ziemlich großen Trash-Faktor. Auch einige Kritiker und Leser blieben zunächst skeptisch, ob mit mutiertem Viehzeugs und zurückgebliebenen Barbaren auf lange Sicht interessante Geschichten erzählt werden konnten. Nach dem die schöne barbusige Barbarin Aruula überzeugt werden konnte, dass Götter nicht einfach so vom Himmel fallen, war auch die weibliche Heldin der Serie gefunden, die sich neben der Hauptfigur Matthew Drax zu behaupten hatte.
Die Leser der ersten Stunde erinnern sich an die Rohheit, welche die Geschichten in Maddrax damals ausstrahlten. Die zerstörte postapokalyptische Welt hielt viele Gefahren bereit: Monströse Mutationen, Blutsauger, Wolfsmenschen und anderes Kroppzeug, das sich an klassischen Gruselwesen orientierten. Doch diese Welt gab auch dem zeitgereisten Menschen Drax die Chance, die Relikte der Vergangenheit, seiner Gegenwart, zu seinem Schutze einzusetzen. Unter dem Motto „Sei schlauer als der Hauer!“ konnte er mal mehr und mal weniger zum Bastelgott „McGywer“ beten und seinen dem gemeinen Barbaren überlegenen Intellekt nutzen. Technik war damals in der Serie noch relativ selten anzutreffen. Die Bunkerkolonien erhielten ihren ersten Auftritt zwischen den Bänden 10 – 20, und deuteten an, dass sich noch mehr im MX-Universum regen könnte. Einen roten Faden gab es damals nur dürftig: Matt und Aruula reisten durch Europa, auf der Suche nach Matts Fliegerstaffelkollegen und nach Überlebenden der Kometenkatastrophe. Der „Euree-Zyklus“ wird dieser Teil der Serie genannt. Er zeichnet sich durch seine ungeschliffene postapokalyptische Atmosphäre aus. Dieses hauptsächlich aus Reisebänden bestehende erste Jahr von MX ebnete den Weg und band eine treue Leserschaft an sich, die sich immer wieder erweiterte.
Kurz nach Band 20 kamen die ersten größeren Änderungen in die Serie. Die Protagonisten wurden zunächst für einige Bände getrennt und es gab immer wieder Solo-Abenteuer von Aruula, während sich Matt als Sklave auf dem Weg nach Amerika wiederfand. Der Weltrat- oder Meeraka-Zyklus bereitete sich darauf vor, aus den Vollen zu schöpfen. Denn dieser Weltrat war die neueste Bedrohung des MX-Universums. Neben Bösewicht Jacob Smythe (R.I.P.) waren es jetzt vor allem die allmachtshungrigen Amerikaner, die mit ihren gezüchteten Nord- und Ostmännern versuchten, weltweit Kontrolle über die Barbaren zu erlangen. Hier musste Matt sich durch intrigenverseuchte Gruppen manövrieren, mir Rebellen kooperieren und Stück für Stück aufdecken, wie weit die Verschwörung überhaupt reichte. Das Ganze gipfelte in dem Jubiläums-Zweiteiler in Band 50 und 51, als Matt zur ISS fliegt und von dort den Kratersee unter die Lupe nimmt. Hier liegt das nächste Ziel!
Mit der Einführung des Weltrates änderte sich zum ersten Mal die Art, wie man Maddrax las. Man hatte jetzt das Gefühl, die Serie versuche so etwas wie eine globale MX-Welt zu schaffen, in der kaum ein Ereignis ohne Folgen blieb oder auf einer anderen, noch weiterreichenden Tatsache beruhte. Europa war jetzt nicht mehr der alleinige Spielort. Geschehnisse dort wurden mit dem Weltrat verknüpft, die zunehmende Technisierung hielt Einzug in die Geschichten und es wurde nicht mehr nur mit Schwert und Armee-Waffe gekämpft, sondern hier fanden größere Konflikte ihren Ausdruck, inbegriffen kleinerer Reibereien und Machtspielchen in Amerika selbst. Die Romane wirkten zusehends enger miteinander verknüpft, und trotz der Einzelromane kam hier dann das Gefühl auf, eine große zusammenhängende Geschichte zu lesen. Dies hat sich bis heute nicht geändert.
Die Bände 50 – 100 widmeten sich im Großen und Ganzen dem Wettlauf der verschiedenen Parteien zum Kratersee. Dort wurde ein großes Geheimnis der Serie vermutet, und dieses trieb auch den Hauptcharakter Matthew Drax an, sein Schicksal weiter zu ergründen. Sämtliche Parteien des vorangegangen Zyklus begannen einen Wettlauf zum Kratersee, und so langsam erweiterte sich der konzeptionelle Überbau der Serie – denn die Daa’muren traten nun endgültig aus dem Hintergrund ins Rampenlicht. Der Komet, mit dem die Serie begann, entpuppte sich mit Band 100 als Raumarche außerirdischer Wesen. Matt machte sich zum Staatsfeind Nummer Eins durch einen Tritt in die Eier, Aruula plagte eine seltsame pflanzliche Schwangerschaft und alle drehten noch mehr am Rad als sonst schon. Und man war sich sicher, da wird was ausgebrütet!
Nach den relativ geschlossen wirkenden Weltrat-Bänden wurde durch die Maßgabe, den Kratersee zu erreichen, ein kleiner Schritt zurück gemacht. Öfter einmal fand man sich an die Anfangszeit der Serie erinnert, die Einzel-Reisebände auf dem Weg zum Kratersee gehörten zwar irgendwie zusammen, wirkten aber lockerer arrangiert, und auch viel breiter gefächert als die ersten 50 Bände. Das lag vor allem an der Fülle von Personen, Spielorten und Handlungssträngen, die noch bis Band 150 weiterlaufen sollten und dem treuen Leser ein großes warmes Nest bauten, in das er sich alle 14 Tage fallen lassen konnte. Viel der Faszination der 100 Bände zwischen MX 50 und 150 machte diese unglaublich verzweigte und vielseitige MX-Zeit zu den wohl bisher besten zwei Serienjahren (MX 50 – 100).
Der Daa’muren-Zyklus von Band 100 bis Band 150 spaltete die Leserschaft durch eine teilweise verschleppende Storyline, und einiger inkonsequenter Darstellungen der neuen Bedrohung durch die zunächst übermächtig wirkenden und dann doch so menschlich-zu-verletzenden fleischgewordenen Daa’muren. Im Nachhinein gestaltet sich der Daa’muren-Zyklus für den Leser der ersten Stunde ein wenig als Geduldsprobe. Zwar gab es tolle in die Gesamthandlung eingebettete Einzelromane, die aber an der grundsätzlich schleppend vorangehenden Sammlung von Alt-Atombomben seitens der Außerirdischen, gepaart mit der Mobilmachung sämtlicher Erdvölker zur entscheidenden Schlacht am Kratersee, nicht viel herausreißen konnten. Durch die jetzt zu vielen und zu üppigen Handlungsstränge wirkte der Zyklus ein wenig aufgebläht und mit 50 Bänden mindestens 20 Bände zu lang. Mit Band 150 wurden dann notwendige Einschnitte gemacht: Handlungsfäden gekappt, Charaktere entsorgt, der krasse Bruch, der Matt zum Mars und Aruula auf der Suche nach einem brennenden Felsen zurücklässt.
Der Daa’muren-Zyklus hielt für alteingesessene Fans die ein oder andere negative Überraschung bereit. Die Mobilmachung der Welt bildete zwar den dicksten roten Faden der Serie bis dato, lies aber wenig Spielraum für Bewährtes und Gewohntes. Zusätzliche Technisierung ließ das postapokalyptische Flair teilweise sehr vermissen, die Serie trat inhaltlich auf der Stelle, so der Eindruck. Die Horror- und Fantasy-Komponente des MX-Konzeptes blieb zugunsten der Sci-Fi-Elemente zusehends auf der Strecke. MX hatte erneut sein Gesicht gewandelt, aber diesmal blieben viele mit dem Wunsch nach dem ursprünglichen MX-Feeling zurück und akzeptierten diese neue Wendung nicht als positives Serienelement.
Und jetzt? Mit Band 150 ist das MX-Universum erstens bereinigt, und zweitens erweitert worden. Das Konzept der Trilogien aus dem Spin-Off „Mission Mars“ hat Einzug in die Serie gehalten, die jetzt zweigleisig mit den Hauptcharakteren und den Spielarten der Serie fährt. Diese inhaltlich Trennung bietet Chancen für das Erzählen von noch nicht bekannten Geschichten, führt aber auch zu einer Enthomogenisierung der Serie, die jetzt gespalten wirkt, und dann um Band 180 herum wieder zusammengeführt werden soll (wenn ich die Ankündigungen des zuständigen Lektors und Redakteurs Michael Schönenbröcher richtig deute). Wieder einmal zeigt sich MX von einer ganz anderen Seite. Wie werden die Leser diesen aktuellen Zyklus nach Abschluss beurteilen? Das Wechselbad der Gefühle, die Spielarten wie sich MX anfühlen kann, der beständige Wandel der Serie, halten diese gesund und interessant. Mal mehr und mal weniger. Maddrax bot bisher alle 50 Bände vom Feeling her ein anderes Gefühl. Das ist, wenn nicht sogar bewundernswert, auf jeden Fall erwähnenswert. Hiermit geschehen!
Gruss, Sascha „Andro“ Vennemann
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