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Höllenjäger

Höllenjäger

Leseprobe "Höllenjäger Band 1 - Jenseitsgesänge"
(mit KOMPLETTEM Roman zum Download)

von Des Romero

Leseprobe:

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18. August 1991, Süd-Amerika

Der achtzehn Männer zählende Treck schob sich mit träger Langsamkeit durch den dichten Amazonasdschungel. Nur mühsam gelang es den Indios, sich mit ihren Macheten einen begehbaren Weg zu schaffen und dabei auch noch unsere umfangreiche Ausrüstung zu tragen. Es war heiß und extrem feucht. Für mich und meinen Partner O’Connor war es mehr als schwierig, den klimatischen Gegebenheiten zu trotzen. Schließlich waren wir Engländer. Begonnen hatte das Unternehmen in Georgetown. Dort hatten wir die Indios angeheuert, die sich für einen Hungerlohn als Arbeitskräfte anboten. Es waren durchweg junge, kräftige Männer, für die sich hier eine gute Gelegenheit geboten hatte, dem Teufelskreis von Arbeitslosigkeit und Kriminalität zu entfliehen. Zumindest für den Augenblick. Während ich die Lebensmittelvorräte eingekauft und unsere Steigausrüstungen ausgesucht hatte, war O’Connor unterwegs, um einen Jeep und einen Lkw zu organisieren. Damit wollten wir so nahe wie möglich an unser eigentliches Ziel heranfahren. Mit Hilfe des zuständigen Konsulats hatten wir alles bekommen, was wir des weiteren für unsere Expedition benötigten und nicht im Krämerladen nebenan erstehen konnten. Dazu gehörten die erforderlichen Visa und Genehmigungen sowie hochmoderne Funkgeräte, Kameraausrüstungen und Medikamente. Hinzu kamen luftdichte Minicontainer für Bodenproben und Artefakte. Bereits nach zweihundert Kilometern holpriger Fahrt über unwegiges Gelände waren wir gezwungen gewesen, die Fahrzeuge zurückzulassen und zu Fuß voranzugehen. Dabei kam uns die Körperkraft der eingeborenen Helfer zugute. Da sie an die subtropischen Klimaverhältnisse gewöhnt waren, bereitete ihnen auch das Tragen der schweren Ausrüstung kaum Probleme. Mittlerweile waren schon zwei Wochen vergangen. Ich stellte mit einiger Besorgnis fest, dass die Lebensmittelvorräte einschließlich des Trinkwassers etwas knapp bemessen gewesen waren. Es gestaltete sich stets recht schwierig, den Proviant für eine größere Gruppe über einen längeren Zeitraum vorauszuplanen. Außerdem musste ich mir eingestehen, dass ich keinerlei Erfahrung in dieser Hinsicht besaß. Bei meinen früheren Expeditionen, die mich in alle Länder der Welt geführt hatten, waren die Vorbereitungen immer schon vorher mit Unterstützung des Museums und der Konsulate getroffen worden. Diesmal waren O’Connor und ich für den gesamten Ablauf selbst verantwortlich. Das war aber nicht der einzige Unterschied zu vergangenen Forschungsreisen. Auch die Art der Auftragserteilung war ziemlich unkonventionell verlaufen. Seit etwa fünf Jahren arbeitete ich nun schon für das British Museum, und im Verlauf dieser für beide Seiten fruchtbaren Zusammenarbeit, hatte ich mehrere bedeutende Kunstschätze aus Asien sowie dem Nahen Osten sicherstellen können. Dabei hatte es sich immer so verhalten, dass das Museum die Expeditionen selbst in Auftrag gegeben hatte. Nun aber konnte ich nicht mit Sicherheit sagen, wer der eigentliche Nutznießer dieser Unternehmung war. Irgend etwas war dieses Mal anders, so anders, dass ich ein ungutes Gefühl in der Magengrube verspürte. Warum das so war, das vermochte ich nicht zu erklären. Die Museumsleitung, vor allen Dingen Gerald Forsythe, von dem ich mir einbildete, ihn recht gut zu kennen, war meinen Fragen ausgewichen und hatte mit mildem Lächeln Antworten gegeben,

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die selbst einen Erstklässler stutzig gemacht hätten. Das Ziel unserer Reise allerdings war mir bekannt. Und es war ebenso mysteriös wie faszinierend! Das Sarisariñama-Plateau befand sich dort, wo der Dschungel am undurchdringlichsten war. Kein Wagen und kein Flugzeug konnte hierher vordringen. Der Urwald war zu dicht und unerforscht. Es existierten lediglich vage Vermutungen über die zu erwartenden Zustände. Das Plateau bestand an sich aus zwei gewaltigen, unergründlichen Schächten, die in bodenlose Tiefen hinabführten. Und genau dorthin sollten wir uns vorwagen. Was wir dort suchen sollten, wussten wir nicht. Es sollte alles mitgebracht werden, was von irgendeinem Interesse sein könnte. Das waren unsere – zugegebenermaßen recht nebulösen – Instruktionen, und ich hatte mich des Eindrucks nicht erwehren können, dass auch die Museumsleitung nicht recht glücklich darüber war. Ich vermutete eine finanzkräftige Klientel im Hintergrund, die sämtliche Aktionen dirigierte. O’Connor, der schweißdurchtränkt neben mir einherging, warf einen Blick auf den Kalender. Dann zog er eine Landkarte hervor, auf der unser Weg eingezeichnet war sowie der Fixpunkt der Expedition. Ich beobachtete, wie mein Partner mit dem Zeigefinger der Marschroute folgte und unbeholfen im Gehen einige Zahlen daneben kritzelte. Verstehend nickte ich ihm zu. In wenigen Tagen würden wir das Plateau erreicht haben. Der Gewölbekeller war kalt und nass Das brackige Wasser stand knöcheltief über dem modrigen Unrat, der einfach vor sich hinfaulte. Durch mehrere schmale Öffnungen in der kuppelförmigen Decke trat nebelhaft das Tageslicht. An einem zerbrechlich wirkenden Tisch saß eine gedrungene Gestalt, die abwesend den diffusen Lichtbahnen nachsah. Staub und der Rauch kürzlich erloschener Kerzen kräuselten sich in seltsamen Mustern der Rundbogendecke entgegen. Die Kreatur war bis auf einen unansehnlichen Stofffetzen, der notdürftig um die Hüften gewickelt war, völlig nackt. Ihre Extremitäten, ja, der gesamte Körper, waren auf schwer zu beschreibende Weise entstellt. Die Haut wirkte vertrocknet, die Gelenke unnatürlich verdreht und der Brustkorb eingedrückt. Wunden, die niemals verheilen würden, bedeckten den gesamten Leib. Dieses Wesen musste unglaubliche Schmerzen erlitten haben und auch jetzt noch erleiden. Jede noch so geringfügige Bewegung hätte es aufschreien lassen müssen; aber es hockte nur da – ohne Regung und lautlos. Der Verstümmelte konnte nicht mehr schreien, weinen oder schlicht wahnsinnig werden. Alle Gefühle in ihm waren abgestorben. Nur eine einzige Empfindung war so intensiv wie vor der Verunstaltung geblieben … der Hass! Dieser Hass und die unbegreifliche Macht menschenverachtender, finsterer Götter hielten den zerstörten Körper am Leben.
„Edward Jordan“, krächzte die Gestalt, und es klang wie das heisere Flüstern aus einem krebszerfressenen Kehlkopf,
„du hast mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin. Und du warst es auch, der mich zu dieser Expedition überredet hat. Du wolltest mich dabei haben, obwohl es mir an meiner Dozentenstelle in Cambridge besser ging denn je.“
Die Kreatur wollte vor Selbstmitleid schluchzen, aber sie hatte keine Tränen mehr.
„Du hattest Zweifel … damals. Doch deine Neugier war stärker, wesentlich stärker als die Angst vor dem Ungewissen. Deine Begeisterung riss mich mit, und selbst, wenn ich gewollt hätte, ich wäre nicht mehr umgekehrt.

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Außerdem war es zu diesem Zeitpunkt bereits zu spät. Ohne, dass wir es bemerkten, hatte etwas Unheilvolles von uns Besitz ergriffen. Da war diese Kammer, und da gab es das – Relikt! Mein Gott! Warum haben wir es mitgenommen? Ich weiß … wir hatten keine Möglichkeit, es liegenzulassen. Ich hatte keine Möglichkeit! Und du warst so stark, so gereift, dass dir der bösartige Einfluss entging. Aber ich spürte ihn. Ich bemerkte die Veränderung, fühlte die Eiskrallen, die bereits meine Seele gepackt hielten.“
Bitteres Gelächter hallte hohl von den fäulnisfeuchten Gewölbewänden wider. Aber diesem Lachen fehlte echte Emotion. Es war leer und ohne wirkliche Bedeutung.
„Hatte ich eine Wahl?“, kreischte der Krüppel und gab sich selbst die Antwort.
„Nein, Edward. Ich war zu schwach, um zu widerstehen. Diese Gesänge … sie machten mich halb verrückt! Ich nahm das Relikt, heimlich und unbemerkt. Jahre nach unserer Rückkehr noch arbeitete ich an der Übersetzung der Inschrift. Und als ich gewahr wurde, welcher Schrecken sich zwischen den Zeilen verbarg, da schloss ich es fort und versuchte, es aus meiner Erinnerung zu verbannen! Aber … es war noch da! Und das Wissen um seine Existenz beraubte mich meiner Lebenskraft, schleichend anfangs, doch immer intensiver – bis ich ein willenloses Opfer seiner höllischen Einflüsterungen war und schließlich auf die Suche nach anderen hilflosen Opfern ging. Und das alles zu dem Zweck, Amalnacron aus den Dimensionen namenloser Furcht den Weg zur Erde zu ebnen!“
Der entstellte Gnom verhielt in seinem Monolog. Er hatte oft nach den Ursachen seiner Besessenheit geforscht, und tausendmal schon hatte er dieses Selbstgespräch geführt – das Extrakt seiner Überlegungen war stets dasselbe geblieben: der nagende Hass auf jene Person, die er für seinen körperlichen und geistigen Verfall letztlich verantwortlich machte.
„Du, Edward, wirst den Fluch am eigenen Leib verspüren, wirst mannigfaltige Tode sterben, bis du – vielleicht – irgendwann erlöst werden wirst. Du sollst den Schmerz und die Furcht mit mir teilen. Und mehr noch: du wirst das verlieren, was dir lieb und teuer ist! Dein Ende ist vorherbestimmt, es war es mit jenem Augenblick, da ich dir den verhängnisvollen Stein zukommen ließ. Du wirst sterben, mein lieber Freund. Langsam, sehr langsam und unter unbeschreiblichen Qualen. Doch du wirst sterben …“
Die Worte erstickten in einem furchtbaren Hustenanfall, der die Kreatur wie in Krämpfen schüttelte. Dann saß sie wieder apathisch an dem wurmstichigen Tisch und starrte ausdruckslos in unerreichbare Weiten. 25. August 1991, Süd-Amerika Wir hatten uns die Schächte monströs und beängstigend ausgemalt, doch die Realität übertraf bei weitem unsere Vorstellungen. Hätten wir nicht bei jedem Fußbreit, den wir voranmarschierten, mit dem Auffinden des Plateaus gerechnet, so wäre die Spitze des Zuges unweigerlich in den schwarzen Schlund gestürzt. Der Dschungel wies mit keinem Baum, mit keinem Strauch auf die gewaltige Öffnung hin. Der Urwaldbewuchs endete, wie mit dem Zirkel gezogen, direkt am drohenden Abgrund, als hätte jemand mit einer überdimensionalen Nadel ein Loch in den Dschungel gebohrt. Es war eine beeindruckende, aber gleichzeitig auch tödliche Laune der Natur.
„Wir sind da“, bemerkte ich lakonisch. Die Vorbereitungen zur Erkundung der geheimnisvollen Urwaldschächte konnten anlaufen. Die Indios hatten gute Arbeit

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geleistet. Binnen einer halben Stunde war das Zeltlager errichtet worden. Nahrungsmittel, Trinkwasser und die vielfältigen Ausrüstungsgegenstände lagen sauber und in sinnvoller Ordnung an den von mir vorgegebenen Stellen gestapelt. Ich hatte die sechzehn dunkelhäutigen Männer ausnehmend gelobt, und soweit sie meine Worte verstehen konnten, waren sie sehr angetan und zufrieden. Sie alle hatten schnell gelernt, und es war mehr als bedauernswert, dass sie womöglich nie Gelegenheit haben würden, ihr Talent und ihr Können nutzbringend einzusetzen. Wenn diese Expedition beendet war, würden sie aufs neue in ihren trostlosen Alltagstrott verfallen, bei dem sie in nicht allzu ferner Zukunft zwischen den Mühlrädern des Verbrechens und denen der Staatsmiliz zerrieben werden würden. All diese Gedanken gingen Gus O’Connor und mir durch den Kopf, als wir vorsichtig begannen, uns in die Tiefe abzuseilen. Ein bedrückendes Gefühl befiel meinen Freund, den Universitätsdozenten, wenn er über die Schulter in das gähnende Nichts blickte. Wir hatten zwar alle nur erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen ausgeschöpft, aber gegen den Zufall und das Unvorhersehbare vermochte sich kein Mensch abzusichern. Viele Stunden dauerte der Abstieg, und O’Connor konnte kaum mehr sagen, wie viel Zeit verstrichen war, seit die neugierig nachblickenden Gesichter der Indios im Dunkel am Rand der gewaltigen Öffnung verschwunden waren. Lichtlose Schwärze umfing uns. Ich konnte eigentlich nur wenige Meter unter O’Connor sein, doch zu sehen war er nicht. Nur andeutungsweise konnte ich seine Position anhand der überlauten Klettergeräusche bestimmen. Gus O’Connor spürte, dass seine Kraft immer schneller erlahmte. Und wieder vergingen … Stunden? – bis er in unbestimmter Ferne einen erleichterten Aufschrei registrierte. Meinen.
„Endlich festen Boden unter den Füßen!“, rief ich aufatmend.
„Gus, wir habens geschafft!“
Erst hier unten fiel uns auf, was wir oben im Urwald eigentlich schon hätten bemerken sollen. Nur – am Grunde des Schachts war es mit beinahe schmerzhafter Eindringlichkeit zu spüren: das absolute Fehlen von Geräuschen! Nichts verursachte auch nur den geringsten Laut. Zumindest oben am Rande des Abgrundes hätte es eine Vielfalt an Tönen geben müssen; das Zirpen von Grillen, das Zwitschern der Vögel. Das Laub der Bäume, das vom Wind bewegt wurde und das unter den Pfoten eines Tieres knackende Geäst. Es wurde uns bewusst, dass wir davon nichts, überhaupt nichts, wahrgenommen hatten. Das war der erste Auslöser beginnender Unruhe. Ich kramte zwei Stabtaschenlampen aus meinem Rucksack hervor. Eine reichte ich meinem Partner und ehemaligem Studienkommilitonen. Sekunden darauf wich die Dunkelheit den starken Lichtstrahlen, die gnadenlos Helligkeit verbreiteten. Die Stille aber blieb – und die Unruhe auch. Was sich dem Schein der Lampen offenbarte, war auf den ersten Blick wenig ungewöhnlich und aufregend. Der Grund des ersten Schachts war stellenweise moosbewachsen, allerdings ein fettes Moos, das auf seltsame Weise krank wirkte. Im allgemeinen fiel die Vegetation sehr spärlich aus. Was immer wir hier erwartet hatten an unbekannten, exotischen Tieren und Pflanzen – wir wurden enttäuscht. Was wir sahen, war von ernüchternder Durchschnittlichkeit. Gus O’Connor sah hinüber zu jener Stelle, an der sich mein Gesicht im Streulicht undeutlich aus der Düsternis schälte.

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„Ich frage mich langsam wirklich, was wir hier sollen, Ed.“
Ich nickte nachdenklich und setzte zu einer Erwiderung an.
„Ich will dir nicht widersprechen … aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir doch noch fündig werden. Wir haben uns nur noch nicht richtig umgesehen.“
In der Sprechpause, die ich einlegte, setzte ich zu dem aussichtslosen Versuch an, das Dunkel hinter den Scheinwerferkegeln auszuloten. Mein einziger Eindruck war ein hässlicher Druck in der Magengegend.
„Gus, ich habe ein seltsames Gefühl bei der ganzen Angelegenheit.“
Ja … Gus O’Connor lauschte in sich hinein. Du hast recht. Da ist etwas – oder jemand? Es lag in der modrigen Luft. Erst ganz schwach und kaum vernehmbar. Aber je mehr er sich auf die Totenstille konzentrierte, desto klarer wurde es. Ein einziger Laut nur, ein Sirren möglicherweise. Ein Ton, der sich auf schwachem Lufthauch fortbewegte, aber nicht verebbte.
„Ein Singen“, flüsterte O’Connor
„Was sagst du, Gus?“
„Hörst du es nicht? Dieses – verdammt, ich kann es kaum beschreiben. Es ist so fremd, so widernatürlich. – Hör doch!“
Unwillkürlich hielt ich die Luft an. Lange, lange Sekunden vernahm ich nichts als meinen eigenen Herzschlag. Dann aber bemerkte ich es schließlich. Meine Augenbrauen zogen sich zusammen, den Kopf neigte ich lauschend zur Seite.
„Ich höre tatsächlich ein Singen. Es ist … so fern, kommt jedoch näher. Langsam, unerträglich langsam.“
„Ich habe mich geirrt“, schüttelte O’Connor plötzlich den Kopf. In seiner Stimme lag nicht die kühle Ernüchterung einer Fehlinterpretation, sondern heißer, unfassbarer Schrecken.
„Es ist kein Gesang! Dazu ist es zu unmelodisch.“
Das Grauen erhielt neue Nahrung, wurde gespeist von jener Schwärze, die unsere Lampen nur notdürftig erhellen konnten.
„Himmel, Ed! Es ist entsetzlich! Ein Crescendo aus furchterregenden Misstönen! Niemals zuvor habe ich etwas Vergleichbares gehört!“
Panik schwang in seiner Stimme mit.
„Lass uns verschwinden, Ed, sonst werde ich verrückt!“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Tut mir leid, aber außer dem feinen Singen kann ich nichts hören. Reiß’ dich zusammen, Gus. Deine Nerven spielen dir einen Streich.“
O’Connor ließ die Worte auf sich einwirken, ließ sie sein Gehirn durchströmen. Er spürte ihre reinigende Wirkung – und der teuflische Gesang reduzierte sich auf ein fast unhörbares Summen. Er schüttelte sich, als würde er frieren, wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn und brachte ein Lächeln zustande.
„Die Nerven“, keuchte er,
„das wirds gewesen sein.“
Ich ging auf diese Ausrede nicht weiter ein.
„Wir gehen nach rechts weiter. Ich möchte so viel wie möglich von diesem Areal erkunden.“
Gus O’Connor umklammerte die Stablampe mit eisernem Griff, als wolle er sie nie mehr loslassen. Schweigend folgte er mir. Das regelmäßige, monotone Stampfen schwerer Gebirgsstiefel in brackigem Wasser war das einzige definierbare Geräusch, das O’Connor wahrnahm. Er war so sehr darauf fixiert, dass er jegliches Zeitgefühl verloren hatte.

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Längst schon hatte er das Interesse an unserer eigentlichen Aufgabe verloren. Innerlich murrend trottete er gleich einem verstandlosen Herdentier hinter mir her. Er war derart in dumpfes Brüten versunken, dass er auf mich auflief, als ich unvermutet stehenblieb.
„Da ist was“, erklärte ich mit unverhohlener Aufregung.
„Direkt vor uns.“
O’Connor musste zweimal hinschauen, bevor er etwas erkennen konnte. Unstet flackerte der Lichtstrahl seiner Handleuchte über roh bearbeiteten Stein. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, und er vermeinte, eine Art Portal auszumachen.
„Ein Tor“, flüsterte ich gebannt. Und doch hallten meine Worte wie Donnerhall nach.
„Wahrscheinlich der Eingang zu einer geheimen Kammer.“
Ich war außer mir.
„Das muss es sein, wonach wir suchen.“
Nicht der leiseste Hauch eines Zweifels beschlich mich, wie jemand – sei es die Museumsleitung oder ein anderer, zwar zwielichtiger aber geldstinkender, Auftraggeber – hatte wissen können, was wir hier vorfinden. Oder dass wir überhaupt etwas vorfinden. Mein Partner wirkte unentschlossen, als ich zielstrebig auf die Öffnung zuschritt. Niemand konnte vorausahnen, was uns dort erwartete. Keines Menschen Fuß – so spekulierte ich – hatte jemals den Grund dieses Schachts betreten. O’Connor mutmaßte, dass dies auch eine besondere Bewandnis hatte. War es Vorsehung oder war es Intuition … Wir spürten beide die drohende Gefahr, die uns wie der Kokon einer gefräßigen Spinne einhüllte.
„Warte, Ed!“, rief Gus mir zögernd hinterher, doch ich war bereits in dem Spalt verschwunden.
„So spät noch auf, mein Junge?“
Richard Jordan schrak zusammen. Nach dem Abendessen hatte er eine Weile vor sich hingedöst, dabei eine Zigarette geraucht. Seine Mutter hatte sich in den Living-room zurückgezogen und studierte einige Zeitschriften. Die plötzlich aufgeklungenen Worte hatten Richard ruckartig aus seinem Dämmerzustand gerissen.
„Mrs. Penworth!“, stellte er erleichtert fest.
„Sie sind die letzte, mit der ich gerechnet habe …“
„Das habe ich gemerkt“, sagte die Frau mit sanfter Stimme und streichelte Richards Kopf.
„Aber Mrs. Penworth!“
Diesmal lag ein milder Vorwurf in der Stimme des jungen Mannes.
„Sie behandeln mich immer noch wie ein kleines Kind.“
Martha Penworth zog ihre Hand zurück.
„Entschuldige bitte, Richard“, sagte sie stockend. Wesentlich fröhlicher fügte sie hinzu:
„Ich habe dich eben immer noch als den kleinen Rabauken in Erinnerung, der du einmal warst.“
Richard musste unwillkürlich lächeln. Martha Penworth war so etwas wie der gute Geist des Hauses. Ein Urgestein. Seit er denken konnte, hatte sie schon im Dienste seiner Eltern gestanden. Sie gehörte einfach zur Familie und hatte bereits bei seinem Großvater, Douglas Jordan, die Rolle der Haushälterin bestritten. Das allerdings lag weit zurück. Martha Penworth ging mittlerweile hart auf die Achtzig zu. Aber sie war, das musste Richard sich eingestehen, die letzte Person, die er auf Erden missen wollte. Als er noch ein Kind war, hatte sie seine Erziehung entscheidend beeinflusst Jetzt stellte sie für den 27-Jährigen eine

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Vertrauensperson dar, mit der er über alles und jeden reden konnte. Sie machte ihm die Anwesenheit in diesem Haus, gerade wegen der ständigen Konflikte mit seinem Vater, erträglich. Deshalb nahm er es ihr nie übel, wenn ihre angeborene Fürsorge manchmal mit ihr durchging. Diese Frau war die Güte in Person, und sie hatte kein ungerechtes Wort verdient.
„Ich bin beinahe eingenickt nach dem Essen“, beruhigte er die Haushälterin.
„Sie wissen ja, Mrs. Penworth: voller Bauch studiert nicht gern.“
„Du arbeitest sowieso zu viel, Junge. Irgendwann muss man neben dem Studium auch mal abschalten können. Dir geht das Lernen doch ziemlich leicht von der Hand.“
Richard lächelte geschmeichelt.
„Ohne Fleiß kein Preis.“
„Wo ist eigentlich dein Vater?“, wechselte Mrs. Penworth nach sekundenlangem Schweigen das Thema.
„In der Bibliothek, schätze ich.“
„Ist auch egal“, wiegelte die alte Frau ab.
„Da möchte ich ihn nicht stören. Ich kann ihn auch morgen noch wegen einiger Urlaubstage ansprechen. Aber nun, denke ich, werde ich mich ebenfalls zur Ruhe begeben.“
Martha Penworth hauchte Richard einen Kuss auf die Stirn.
„Gute Nacht, mein Junge.“
Richard erwiderte den Gruß und blickte der gutmütigen Haushälterin freundlich nach. Die Gespräche mit ihr gehörten zu den positiven Augenblicken in seinem Leben. Martha Penworth strahlte mit jeder Faser ihrer Persönlichkeit eine angenehme Wärme aus, die sich sofort auf den jungen Mann übertrug. Wenn es sich ergeben sollte, dachte er in einem plötzlichen Hochgefühl, dann werde ich auch mit meinem Vater wieder ins Reine kommen.
„Vielleicht ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt dafür“, sprach er seine Gedanken laut aus und ließ sie wie das Cognac-Aroma aus einem frisch gefüllten Schwenker auf sich wirken. Schließlich stand Richard auf und verließ die Küche in Richtung der Bibliothek.

25. August 1991, Süd-Amerika, Sarisariñama-Plateau, Mitternacht

Kaum, dass ich das Portal durchschritten hatte, traf es Gus O’Connor wie mit einem Keulenschlag. Eine satanische Dissonanz schlug über ihm zusammen, gleich einer titanischen Woge ungebändigten Wahnsinns. O’Connor knickte in den Knien ein, als hätte ihn jemand körperlich niederzustrecken versucht. Was sich Stunden zuvor noch als zaghaftes Summen geäußert hatte, brach diesmal mit brachialer Gewalt über ihn herein und ließ ihm nicht die geringste Chance zur Gegenwehr. Da war auf einmal wieder dieser arhythmische, auf nicht zu beschreibende Weise verzerrte Gesang. Eine Melodie, die kein gesunder Geist hätte ersinnen können, ertränkte jeden vernunftorientierten Gedanken meines Freundes. Die Stabtaschenlampe entglitt seinen fieberfeuchten Fingern. Polternd fiel sie zu Boden, und noch während sie rollte, zeigten sich in ihrem zitternden Lichtkegel beängstigende Formen und Figuren. Der unbeschreibliche Gesang wurde lauter, drängender. Gus O’Connor stand unter einem unerklärlichen Bann. Etwas schien ihn zu beeinflussen, ihm seinen Willen aufzuzwingen. Und es war so überfallartig auf ihn eingestürmt, dass seine geistige Widerstandskraft zusammenfiel, als wäre sie ein schwankendes Kartenhaus im Herbstwind.
„Gus, das musst du dir ansehen!“

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Mein Ruf schien aus unendlicher Ferne an sein Ohr zu dringen. Wie durch einen Wattebausch waren die Worte zu ihm vorgedrungen. Trotzdem nahm er alle zur Verfügung stehende Willenskraft zusammen und folgte der Richtung, aus der meine Stimme ihn erreicht hatte.
„Dort vorne befindet sich eine steinerne Tafel mit Schriftsymbolen. Glaube ich. Ich werd’ aber nicht schlau draus.“
Unschlüssig presste ich die Lippen fest zusammen.
„Das ist nichts, was ich in irgendeiner Form zuordnen könnte.“
Gus O’Connor gewann die Kontrolle über seine Sinne langsam wieder. Meine Stimme schien in der Lage, den verhängnisvollen Bann zu brechen – oder zumindest zu unterbrechen. Daher wollte er sich vollständig auf mich konzentrieren, um den unheilvollen Einfluss zu unterdrücken. Trotz allem fiel es ihm sehr schwer, seine Aufmerksamkeit der Schrifttafel zuzuwenden. Er focht einen schlimmen inneren Kampf aus. Aber für den Moment gewann er die Oberhand.
„Himmel! Das soll eine Sprache sein?“, dozierte O’Connor.
„Du weißt, ich beherrsche eine Menge ausgefallener Sprachen, bis hin zu den Kelten und Sumerern, aber das … das …“
Er wirkte plötzlich … abwesend.
„Was ist los?“, fragte ich alarmiert.
„Das sieht bald nach einer Warnung aus“, konstatierte Gus wie aus der Pistole geschossen, ohne eine Erklärung dafür zu geben, woher dieses unvermittelte Wissen stammte.
„Es war jemand, der genau wusste, dass irgendwann Menschen hierher gelangen würden.“
Fasziniert hörte ich der Übersetzung O’Connor zu. Mein Wissensdurst war erheblich größer als die in meinem Hinterkopf pochende Frage, warum mein Partner derart fundierte Kenntnisse einer Sprachform besaß, die er Minuten zuvor nicht einmal als solche identifiziert hatte. Diese Begabung schien sich von Wort zu Wort zu steigern, und der Schwall seiner Worte überforderte irgendwann meine Auffassungfähigkeit. Als er schließlich endete, hallte das Gesagte noch eine Weile in mir nach. Die Botschaft indes, die dort eingraviert war, ließ mich schaudern. Meine Miene verdüsterte sich.
„Wir lassen alles, wie es ist und machen uns an den Aufstieg“, erklärte ich knapp.
„Hier gibt es nichts für uns zu holen. Das werden wir auch der Museumsleitung begreiflich machen. Beeilen wir uns besser, Gus. Ich … ich spüre die Anwesenheit von etwas … Fremdem. Und ich habe Angst davor.“
Trotzig warf O’Connor einen flüchtigen Blick in das Rund der spartanisch eingerichteten Kammer. Das einzige, was ihm auf Anhieb ins Auge fiel, war ein altarförmiges Gebilde, in das etwas eingebettet war, klein und unscheinbar. Doch instinktiv fühlte er, dass es sich um etwas Bedeutendes handeln musste.
„Ich habe dieses … Ding auch gesehen.“
Mit ausgestrecktem Zeigefinger deutete ich auf den Altar, der in einer Einbuchtung eine Art Kristall beherbergte. Er schimmerte unergründlich und in seinem Innern schien es zu brodeln, als wollte etwas ausbrechen und wartete nur auf den geeigneten Moment.
„Wir werden es hier lassen! Wir klettern nach oben und vergessen, was wir gesehen haben!“
Da hörte Gus O’Connor auch wieder den Gesang. Wie Totenchöre, die aus eisigen Gräbern nach seinem Verstand griffen, ihn kneteten und ihm die Form gaben, die ihren unheiligen Zwecken am besten diente. Ein verträumtes Lächeln

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umspielte O’Connor Züge. Was war so Furchtbares an diesem Stein? Ob er ihn nahm oder ein anderer. Wo lag der Unterschied? Seine Gefühle und Wünsche standen in heftigem Widerstreit. Doch die … – Gesänge? – in seinem Kopf taten ein Übriges, den letzten Rest Vernunft und Willenskraft beiseite zu schwemmen. Ich verschwendete keinen überflüssigen Gedanken mehr an den Kristall und machte auf dem Absatz kehrt. Meine Stablampe begann zu flackern. Ich wusste nicht, ob ich genügend Batterien mit mir führte, um uns für den Aufstieg Licht zu verschaffen. Wenn alle Stricke rissen, würden wir es wie beim Abseilen halten und uns im Dunkeln voranbewegen. Vor der Kammer angekommen, drehte ich mich herum und stellte beruhigt fest, dass mein Kamerad mir folgte. Gemeinsam machten wir uns unverzüglich an den beschwerlichen Weg nach oben. Zurück ans Tageslicht und fort von diesem Ort unterschwelligen Grauens. Mir schienen ständig Klauenhände gewahr, die mich hinabziehen wollten zu schrecklichen Kreaturen, deren einzige Freude meine Qualen sein würden. Der Gedanke allein verursachte bei mir eine Gänsehaut und spornte mich zu sportlichen Höchstleistungen an. Selbst wenn ich es zu diesem Zeitpunkt tatsächlich vermutet hätte, mir wäre niemals aufgefallen, dass mein Partner und bester Freund in unregelmäßigen Zeitabständen nervös unter seine Steigkombination griff, nur um mit triumphierender Genugtuung nach einem unregelmäßig geformten, eigentümlich pulsierenden Mineralstein zu tasten …

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© Des Romero

 

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