
John Sinclair

Johns furchtbare Niederlage
Vor wenigen Stunden habe ich seit gut einem halben Jahr mal wieder einen John-Sinclair-Roman gelesen. Hin und wieder lese ich halt immer noch gerne diese Serie, welche die Erste war - mein Anfang im Heftromanbereich.
Von Zeit zu Zeit finden sich ja doch noch gute Romane unter den vielen Geschichten, die man nicht unbedingt lesen muss, um den äußerst ausgedünnten roten Faden folgen zu können. Die handelnden Personen sind größtenteils noch die gleichen wie vor gut zwanzig Jahren, und auch die Themengebiete sind nicht groß verändert. Einfach das MdW ... das Monster der Woche.
Dieses Mal war es die Ankündigung, die ich jede Woche genau wie die Leserseite lese, die mich überzeugt hat, den Roman zu beginnen.
Die Vorschau für den Roman wirbt mit Justine Cavallo und den Halbvampiren. Jane Collins mischt mit, und was mich noch mehr begeisterte, war folgender Satz: »Was wir dann in dieser Walpurgisnacht erlebten, zählte ich zu meinen größten Niederlagen ...«
Zusammen mit dem Titel Hängt die Hexe höher konnte man hier doch einiges erwarten. Immerhin war auf eine Sache bisher relativ gut Verlass: Wenn Jason Dark von einer herben Niederlage sprach, dann passierte wirklich etwas. Denn Niederlagen erlebt unser guter Geisterjäger ja nun nicht gerade viele.
Welche Erwartung ich hatte, ist, glaub ich, jedem klar. Ich rechnete mit dem Tod von Jane Collins. Das wäre wirklich mal ein Hammer. Ich persönlich kann mich nicht erinnern, dass mal jemand aus dem Sinclair-Team, also dem engsten Kreis um John, wirklich gestorben wäre. Klar, Marek und Lady Sarah Goldwyn hatte es erwischt, aber die standen nie täglich an der vordersten Front wie z. B. Jane Collins oder Bill Conolly, die nun schon seit über 30 Jahren Seite an Seite mit dem Sohn des Lichts gegen die Mächte der Finsternis ankämpfen.
Doch wie heißt es so schön im Film Hot Shots, wenn ich einmal aus einem netten Dialog von Topper Harley zitieren darf:
»Hey, Topper! Was liest du da?«
»Große Erwartungen.«
»Und?«
»Hab mir mehr davon erhofft.«
Diese vier Zeilen beschreiben mein Gefühl perfekt. Es ist kein großer Spoiler, wenn ich verrate, dass Jane am Ende doch nicht stirbt. Dabei sieht es lange gut aus für die blonde Bestie, Justine Cavallo. Ihre Pläne scheinen aufzugehen. Eine Gruppe örtlicher Hexen, eher normale Frauen, die ihre Naturverbundenheit und die Walpurgisnacht feiern wollen, sind die erwählten Opfer. Sie stehen chancenlos den Halbvampiren gegenüber und auch John Sinclair und Jane Collins sehen ihre Felle davonschwimmen.
Dabei versucht Grace Golding wirklich alles, um die Blutsaugerin aufzuhalten. Darunter auch die Attacke mit heiligem Wasser aus einem Rasensprenger ... nun ja, was Jason Dark sich dabei gedacht hat ... ich weiß ja nicht so recht ...
Ich musste darüber genauso lachen wie Justine Cavallo. Nicht mal ihren Hosen wurden nass, da sie wieder in ihrem geliebten Lederoutfit auftrat.
Der Roman bietet durchaus Spannung, eine Justine Cavallo in Hochform und einen netten Aufbau. Eine gehängte Frau auf einem Friedhof, eine Hexe, die ihre Vermieterin hypnotisiert und deshalb von mir zuerst auf die Liste der Verdächtigen geschrieben wurde. Dazu lässt Jason Dark all das weg, das sonst den Lesespaß trübt. Niemand stampft wütend auf den Boden auf, niemand sagt ständig »Verdammt!«, und die Formulierung »Das muss man so sehen« wird auch nicht benutzt.
Ca. 60 Seiten arbeitet alles auf die schlimme Niederlage hin. Zweimal zwingt mich das klingelnde Telefon, die Lesefreude zu unterbrechen und ich würge die Anrufer ab. Zweimal greife ich schnell wieder nach dem Heft und rase durch den Text. Und am Ende ... das war es?! Das war die schlimme Niederlage?!
Achtung, haltet euch fest! Sonst zieht es euch den Boden unter den Füßen weg!
John wird von Justine Cavallo niedergeschlagen! Punkt. Ende. Mehr kommt nicht.
Assunga kommt, Justine verschwindet - Feierabend.
John verschläft alles. Gute Idee, hätte ich vielleicht auch tun sollen. Was für eine Chance wurde hier wieder einmal vertan. Dabei sollte man als langjähriger JS-Leser eigentlich wissen, dass sich nicht viel tut. Vor allem nicht im Sinclair-Team. Das ist der Unterschied zu anderen Serien wie z. B. Professor Zamorra. Wenn wir dort den virtuellen Friedhof betreten, muss man schon einige Blümchen mitbringen.
Mir gehen rückblickend einige verschenkte und vergessene Themen bei John Sinclair durch den Kopf. Sollte ich die Zeit haben, werde ich mich bemühen, diese wieder zu vergegenwärtigen und folgende Kolumne ins Leben zu rufen:
»Dies wäre ihr Leben gewesen! Eine Abhandlung über die vergessenen Figuren und Themenstränge in der Serie Geisterjäger John Sinclair.«
Demnächst dann mehr in diesem Kino.
Bildquelle:
Copyright © 2011 by Oliver Müller
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