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John Sinclair

 

Zum 30jährigen Jubiläum:

Ein Interview mit John Sinclair

Langsam wird mir doch ein bisschen mulmig, als ich meinen Wagen in die Tiefgarage des Hochhauses in Soho lenke. Es ist früher Vormittag in London und viele Stellplätze sind frei. Auch neben einem Rover ist noch Platz. Dies könnte der Wagen des Mannes sein, den sie Geisterjäger nennen. Bis Mitte der 80er-Jahre fuhr er einen Bentley. Zwei sogar, doch wurden sie beide im Laufe der Zeit zerstört. Ist wohl Berufsrisiko, das man als Oberinspektor und Geisterjäger in Personalunion auf sich nehmen muss.
Ich parke neben dem Rover und kurz darauf fahre ich auch schon mit dem Aufzug nach oben.
Als ich in der achten Etage anhalte, aussteige und in den Gang hineintrete, öffnet sich bald eine Tür. Ein dunkelblonder Mann, den ich auf Mitte bis Ende dreißig schätze, tritt heraus.
„Hallo, Sie sind pünktlich“, begrüßt er mich.
„Guten Tag, Mr. Sinclair“, sage ich und reiche ihm die Hand. Ein fester Händedruck, dann gibt er die Tür frei und bittet mich herein.
„Entschuldigen Sie, dass es nicht so aufgeräumt ist, aber ich komme einfach nicht dazu.“
„Sie sind Junggeselle, das sieht man sofort.“
Er lächelt und deutet einladend auf das Sofa im Wohnzimmer.
„Danke, das Sie mir zum dreißigsten Dienstjubiläum ein Interview geben, Mr. Sinclair.“
„Bitte, bitte. Aber genau betrachtet ist es ja gar nicht das dreißigste Jahr.“ „Wie meinen Sie?“
„Nun, meinen ersten Fall hatte ich ja bereits 1973, noch genauer gesagt am 13.07.1973.“
„Sie meinen die Nacht, in der Sie zum ersten Mal Kontakt mit dem Übersinnlichen hatten, Mr. Sinclair.“
Das kann man so nicht sagen. Damals wurde ich das erste Mal dienstlich mit dem Übersinnlichen konfrontiert. Meinen ersten Kontakt mit dem Bösen hatte ich bereits Jahre zuvor. Als junge Studenten trafen Bill und ich auf einen Untoten im Haus unserer Vermieterin. Doch die Nacht des Hexers war mein erster Kontakt mit dem Paranormalen, den ich als Polizist hatte.“
„Erzählen Sie doch bitte etwas darüber.“
„Ich war ein junger Scotland Yard-Beamter und stand all dem, was heute mein alltägliches Leben bestimmt, mehr als skeptisch gegenüber. Doch dann wurde ich in Middlesbury in Schottland mit Zombies konfrontiert, Angeführt von Ivan Orgow, dem Hexer. Mein Weltbild geriet ins Wanken und ich geriet in einen Strudel der Ereignisse, der mich bis heute nicht mehr losgelassen hat. Und wohl auch nicht mehr loslassen wird, bis ich tot bin. Und wer weiß, was nach meinem Ableben geschieht ...“
„Auch Ihre Freunde, vor allem ihre ältesten und längsten, wurden von da an in Ihre Fälle gezogen.“
„Ja, es ließ sich nicht vermeiden. Und ohne ihre Hilfe würde ich heute auch nicht mehr hier sitzen und mit Ihnen reden. Bill Conolly, mein ältester Freund, war fast von Anfang an dabei. Aber auch Jane Collins und Suko sind schon lange in den endlosen Kampf Gut gegen Böse verwickelt.“
In dem Wissen, das Inspektor Suko gegenüber wohnt, frage ich nach ihm.
„Tut mir leid, aber Suko hält die Stellung beim Yard.“
„Ihr gemeinsamer Arbeitgeber. Ist es nicht eher ungewöhnlich, dass ein so weltlicher Arbeitgeber Sie derart stark unterstützt?“
„Das verdanke ich alles Sir James Powell. Der Superintendent ist oft der logistische Kopf hinter den vielen Aktionen. Ohne ihn wäre das alles gar nicht möglich.“
„Haben Sie nie überlegt, sich selbstständig zu machen? So wie Ihr Freund und „Kollege“ Tony Ballard?“
„Tony hat auch einen reichen Mann hinter sich, das müssen Sie bedenken.“
„Sicher, sicher. Bleiben wir bei ihren frühen Fällen. Langsam formierte sich ein Team um Sie, aber auch die Gegner fuhren schwerere Geschütze auf. Dr. Tod tauchte auf.“
„Richtig, aber ich konnte ihn vernichten. Vielmehr, er hat sich nach hartem Kampf selbst gerichtet.“
„Und danach tauchte schon ihr wohl beliebtester Gegner auf.“
„Beliebt?“ Der Geisterjäger runzelte die Stirn.
„Verzeihen Sie die Wortwahl, aber würden Sie vom Schwarzen Tod erzählen?“
„Als ich ihm zusammen mit Will Mallmann in Deutschland das erste Mal begegnete, konnte ich nicht ahnen, was für ein Dämon er ist und welche Macht er hat. Er hat viele Menschen getötet, wir sind selbst oft nur knapp mit dem Leben davon gekommen.“
„In die gleiche Zeit fielen auch die ersten Kontakte mit den Atlantern.“„Ja, ich hatte die Ehre diesen Kontinent und einige seiner Bewohner kennen zu lernen. Ganz besonders muss ich da an Myxin, den Magier denken. Bei der Vernichtung des Schwarzen Tods spielte er eine große Rolle. Wenn auch aus Eigennutz, denn er stand noch auf der schwarzen Seite. Myxins schwarze Vampire griffen die Diener des schwarzen Tods, lebende Skelette, an. Beide Gruppen wurden dabei vernichtet.“
„Und der schwarze Tod?“
„Im ewigen Eis der Antarktis konnte ich ihn vernichten. In einer Urwelt unter dem Eis, auf dem Friedhof am Ende der Welt.“
„Mit der Aktivierung des Kreuzes und dem silbernen Bumerang. Kann ich ihn mal sehen?“
„Tja, wenn ich nur wüsste wo er ist... “ Der Geisterjäger sieht aus, als würde er angestrengt nachdenken.
„Aber das Kreuz....“
Ich brauche nicht weiter zu sprechen, John Sinclair legt eine Hand auf sein Hemd. „Ich trage es immer bei mir.“
„Erzählen Sie mir davon.“
Langsam zieht er es an der Kette aus dem Hemdkragen hervor. Ein silbernes Kreuz, etwa so groß wie seine Hand. Die Enden sind abgerundet, auf ihnen befinden sich von oben anfangen im Uhrzeigersinn blickend die Buchstaben M – R – U – G. Die Zeichen der vier Erzengel Michael, Raphael, Uriel und Gabriel. Auch die Initialen JS sind zu sehen. Dazu viele Zeichen aus verschiedenen Mythologien.
„Der Prophet Hesekiel stellte es her, vor vielen tausend Jahren in babylonischer Gefangenschaft. Es hatte viele Besitzer. König Salomo, Richard Löwenherz, Hector de Valois... aber ich werde sein letzter sein. Was danach kommt, weiß ich nicht. Ich erhielt es von Vera Monössy. Es ist meine mächtigste Waffe.“
Andächtig sehe ich es an und es kommt mir vor, als würde ich etwas von der Magie fühlen, die von dem Kreuz ausgeht. Dann lässt er es wieder im Hemd verschwinden.
„Was wollen Sie noch wissen?“
„Erzählen Sie, wie es weiter ging. Nach der Vernichtung des Schwarzen Tods wurde es ja nicht ruhiger in ihrem Leben.“
„Im Gegenteil. Asmodina, die Tochter des Teufels, trat an seine Stelle. Und sie brachte Dr. Tod zurück, der die Mordliga gründete. Lady X, erst Terroristin, dann Vampirin, Xorron, der Herr der Zombies und Ghouls, Marvin Mondo, ein verrückter Wissenschaftler, Lupina, Herrin der Werwölfe, Tokata, der Samurai des Satans und Vampiro-del-mar, Kaiser der Vampire. Jetzt stand wirklich alles, was die Hölle aufbieten konnte, gegen mich. Es dauerte wieder lange Zeit, bis ich sie vernichten konnte. Diesmal führte mich der Weg sogar in die Hölle.“
„Aber sie konnten sie vernichten. Und dazu unzählige Vampire, Werwölfe, Zombies, Dämonen...“
„Hören Sie auf, das sind nur Teilerfolge. Die Hölle lässt sich nicht vernichten.“
„Vernichtet wurde allerdings Atlantis. Und das ist noch nicht mal die einzige fantastische Welt, die Sie betreten haben. Denken Sie nur an Aibon und Avalon.“
„Ja, ich weiß.“
„Sie sagen das so, als wäre das was Alltägliches.“
„Für mich ist es das ja auch irgendwie. Aber darf ich mal eine Frage stellen?“
Ich nickte.
„Woher wissen Sie so viel über mich?“
„Ich habe Erkundigungen bei einem Kollegen eingeholt.“
„Dann können Sie eigentlich nur Bill Conolly meinen.“ „Richtig, er kennt mich schon einige Zeit, darum war er auch recht gesprächig. Aber kommen wir mal von ihren Freunden zu ihrer Familie. Wie ist der Familienmensch John Sinclair?“
„Im Grunde habe ich ja keine Familie mehr. Meine Familie sind meine Freunde.“
„Gut, aber reden wir über ihre Herkunft. Sie kommen aus Schottland, aus Lauder genauer. Und ihre Eltern lebten auch bis zu ihrem Tod da.“
„Ja.“
„Sie wollen ungern darüber reden?“
„Es ist immer noch schwer für mich. Zwar ist seit ihrem Tod schon wieder viel Wasser die Themse herunter geflossen, aber wenn seine Eltern ermordet werden, kommt man wahrscheinlich nie darüber weg.“
„Aber sie hatten ja auch noch eine Schwester.“
„Halbschwester, genauer gesagt. Mein Vater hat wohl Jahre lang ein zweites Leben neben der Normalität geführt. Er war Mitglied der Illuminaten. Lucy, meine Halbschwester, ebenfalls. Und Horace F. Sinclair ist tot, genau wie sie. Ihn kann ich nicht mehr fragen. Ich kann also fast nur darauf hoffen, dass ich irgendwann von den Illuminaten mehr erfahre. Ob mir das dann gefallen wird, ich kann es nicht sagen. Aber ich will wissen, welche Geheimnisse mein Vater vor mir hatte.“
„Wie sieht es mit der Gründung einer eigenen Familie aus? Wollen Sie Kinder?“
„Ich habe beschlossen, vorerst keine Kinder zu haben. Und mit welcher Frau?“
„Nun ja, da gab es doch einige Frauen in ihrem Leben. Jane Collins, Glenda Perkins, Nadine Berger... um nur einige zu nennen.“
„Das stimmt, aber ich könnte keiner Frau zumuten, Kinder mit mir zu haben. Das Kind wäre doch ein Primärziel für die Dämonen.“
„Bill Conolly hat einen Sohn.“
„Ja, Johnny – mein Patenkind. Und auch er musste schon viele schwere Prüfungen bestehen. Und denken Sie einmal nach, wie viele Freunde ich schon verloren habe.“
„Frantisek Marek, den Pfähler, Sarah Goldwyn, Abbe Bloch, Will Mallmann... Wobei Will Mallmann ja nicht wirklich tot ist.“
„Ich möchte nicht sagen, dass er lebt. Will Mallmann ist tot, das ist Dracula II.“
„Einer Ihrer aktuellen Erzfeinde.“
„Ja. Und dann gibt es noch Justine Cavallo.“
„Stufen Sie sie als Feind ein?“
„Das ist eine schwierige Frage für mich. Sie ist eine Blutsaugerin, allerdings hat sie mir auch schon oft das Leben gerettet.“
„Und Sie ihr.“
„Ja, das muss ich wohl zugeben. Aber dieser Zustand, dass sie bei Jane Collins wohnt, das kann nicht ewig so bleiben. Eine Lösung habe ich allerdings zurzeit nicht.“
„Hm, die nächste Frage muss Ihnen schon seltsam vorkommen, aber vermissen sie nicht die spektakulären Fälle? So wie früher? Als Dämonen wie der Schwarze Tod ihr Feind war, die Mordliga, als es sie nach Atlantis verschlug. Heute sind es doch eher, ja, kleinere Gegner. Sie tauchen auf und Sie vernichten sie.“
„Ich kann mich sicher nicht beschweren, dass mein Leben nicht spannend genug ist.“
„Na ja, aber stellen Sie sich mal vor, ihre Abenteuer würden als Buch gedruckt werden.“
John Sinclairs Lachen unterbrach mich. „Wer soll denn so was lesen? So etwas Unrealistisches glaubt doch kein Mensch. Nein, nein, dazu wird es wohl nicht kommen.“
„Warum geben Sie mir dann überhaupt dieses Interview?“
„Ehrlich gesagt, das frage ich mich auch.“
Eine kurze Pause entstand zwischen uns. Dann brach ich das Schweigen mit einer Frage.
„Wie stellen Sie sich die Zukunft vor?“
„Mir zu wünschen, dass die Hölle aufhört Jagd auf mich und meine Freunde zu machen, ist so unrealistisch wie Schnee in der Hölle, darum tue ich es auch erst gar nicht. Aber ich würde mir schon wünschen, dass meine Freunde, die Templer in Alet-les-Bains in Ruhe leben könnten. Die Rätsel um meinen Vater möchte ich gerne lösen. Saladin, der Hypnotiseur, muss ausgelöscht werden, genauso wie Will Mallmann endlich seine Ruhe finden muss. Die Angelegenheit mit Justine Cavallo muss geregelt werden. Und auch Asmodis hat sich langsam wieder zurückgemeldet.“
„Sie sehen also keine ruhige Zukunft für sich?“
„Die wird es wohl nie geben.“
„Mr. Sinclair, ich danke Ihnen.“

© Oliver Müller

Bildquellen:

- diverse John Sinclair Heftromane
- “Der Geisterjäger und seine Freunde“

 

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