
Perry Rhodan

von Uli Heise
Wie fing es für den Zeilenschinder an?
Es begann 1970 in vorpubertärer Frühzeit, im zarten Alter von 12 Jahren, also als Frühzünder, um einen Insider-Zahlmeister-Gag anzubringen, mit einem bunten Heftchen, bei dem die Farben Rot und Blau vorherrschten, und das nicht nur in der graphischen Gestaltung:
Band 208 "Die blauen Herrscher" von Kurt Brand, „Die Herren der Rot-Etage lauern auf ihre Opfer – auf die Menschen der CREST“ - O Gott damals konnte ich das Kalauerpotential dieser Kombination von Titel und Autor noch nicht so recht ermessen, war aber vom Titelbild mächtig beeindruckt. Zwei Soldaten in grüner Uniform, die mir heute mit geschultem Blick irgendwie amerikanisch erscheinen, damals wohl einfach interessant waren, zeigten in aufdringlicher Manier mit dem nackten Zeigefinger auf einen kränklich aussehenden Typen, dessen Hals Verrenkungen vollbrachte, wie seinerzeit Kanzlerkandidat R. Barzel kurz nach seinem gescheiterten Misstrauensantrag.
Das Grün entsprach nicht der in späteren Heftchen mit „Lindgrün“ angegebenen Uniformfarbe des Solaren Imperiums, die ich mir jahrzehntelang nicht visualisieren konnte, da versagte alle Fantasie. Immerhin bescheerte dieser unvorstellbare Farbton Herman Ritter einen laufenden Witz für einen ganzen Con, zumal die in diesem spektralen Horror gehaltenen und mit viel Liebe von enthusiastischen Fans handgeschneiderten Uniformen total bescheuert aussahen – die grässlichsten Schlafanzüge, die mir je unter die triefenden Augen gekommen sind.
Doch davon ahnte ich damals noch nichts, sondern war ganz weg dem Schund, denn drinnen war als kleines Schmankerl auch die Risszeichnung eines Drei-Mann-Zerstörers mit starrer Neutronen-Impulskanone im Bug und einem Impuls-Strahltriebwerk im Heck, alles unglaublich beeindruckende, wenn auch unverständliche Begriffe.
Genauso unverständlich war auch der Inhalt des übrigens letzten Romans, den Kurt Brand für die Serie geschrieben hat, ich begann also mit einem Endpunkt. Seltsame Mutanten (?) mit noch seltsameren Fähigkeiten, denn unter einem Späher hatte ich mir bis dahin eher einen Indianer vorgestellt, der hier beschriebene war jedoch ein dicker gemütlicher Japaner, dafür gab es aber noch einen echten Indianer – Don Redhorse! Das war nicht das einzige Ausrufezeichen in diesem Glanzstück deutscher Romanschreibkunst, es gab Sätze wie „Der Stern gebar Sterne! Winzige Sterne, die nach allen Seiten davonflogen und eine grelle Leuchtbahn hinter sich ließen...Wie groß der Stern wurde, und wie viel kleine Sterne er gebar!“
Der Brandsche Schreibstil gebar jede Menge Ausrufezeichen, die ich später noch in großer Menge zu lesen bekam, an anderer Stelle sollte es dann jedoch ein Fragezeichen sein, aber das ist eine andere Baustelle. Ganz zu schweigen davon, dass in einer Hohlwelt wohl kaum mit einem Sternenhimmel zu rechnen ist...
Zurück zur Geschichte: Die Helden waren in einer Hohlwelt mit mehreren Etagen gefangen, die nach Farben unterschieden wurden. Sie waren auf der Flucht aus der Grün-Etage, wo Wesen lebten, deren Geisteskräfte gewaltig waren: „Schiff läuft Gefahr, zerstört zu werden! Die CREST II war ein Terkonit-Gigant von 1500 Metern Durchmesser!“ Da waren sie wieder, die Brandschen Interpunktionen! Die dramatische Flucht führte nach dem explosionsartigen Durchbrechen einer 33 Kilometer dicken Felsdecke direkt in den Rotlichtbezirk der Hohlwelt Horror, wo die Helden den drei „Blauen Herrschern“ als Spielball dienten, bis die einzahnige Biberratte Gucky und der schwarze vierarmige Gigant Icho Tolot mit Hilfe eines doppelköpfigen Zündermutanten dem Treiben ein Ende setzten.
Das war farbenprächtiger starker Tobak! Ich war angefixt, besonders als ich feststellte, dass der Roman eine überarbeitete Zweitauflage war, und es demzufolge noch eine unbearbeitete (?) Erstauflage geben musste. Per Zufall war ich an den Anfang des MdI-Zyklus geraten, schnell waren die Hefte zurück bis Band 200 beschafft, während in der Erstauflage gerade der Aufbruch der MARCO POLO stattfand (Band 450), den ich mir parallel rein zog, übrigens ein technokratischer Höhenflug von KH Scheer, dessen DIMESEXTA-Triebwerk mir schwer das noch unreife Hirn vernebelte. Von Freud wusste ich da noch nichts...
Ja so war das damals und fürs erste ist Schluss.
|