
Perry Rhodan

von Uli Heise
Und wenn sie nicht gestorben sind...
...so endet nahezu jedes Märchen. Und dies ist ein Märchen von Vorgestern. Wir schreiben das Jahr 1961 nach der vermuteten Geburt eines Zimmermanns irgendwo in einem öden Winkel der Welt, für den es sich wirklich nicht lohnt zu streiten.
Ein cholerischer Lektor eines deutschen Heftchenverlages schickte zwei der damals beliebtesten deutschen Schreiber so genannter Zukunftsromane in Klausur (Klaus ist übrigens auch heute noch angesagt bei Perry Rhodan), um eine neue Serie knallharter Weltraumabenteuer mit einem festen Helden zu starten. Über die genauen Umstände gibt es widersprüchliche Details der Beteiligten. Galt lange Zeit K. H. Scheer als der eigentliche Macher, so wird heute im dem epochalen Werk „Allmächtiger!“ (die neue Bibel zu PR) der notorische Gutmensch Clark Darlton, d. i. Walter Ernsting, zuerst aufgeführt, neben dem Abdruck eines interessanten Briefes aus dem Jahr 1967, in dem Walter nur von „Herrn Scheer“ spricht und von Teamarbeit, obwohl das damals noch nicht so hieß.
Mein Eindruck ist allerdings, dass K. H. zumindest in den ersten 100 Romanen klar die treibende Kraft war. Bei aller Wertschätzung von Walter, die Serie wäre wohl nicht so ein Erfolg geworden, wenn der Vater der Biberratte Gucky die Exposés geschrieben hätte. Das ist meine ehrliche Meinung. Ganz in echt...
Doch zurück zum Start der Mondrakete STARDUST mit dem Risikopiloten Perry Rhodan und seinem dicken Kumpel Bully an Bord. Nein, nicht DEN Bully aus Film und Fernsehen, sondern einen rothaarigen Trampel namens Reginald Stier. Perry findet auf der Kehrseite des Mondes die Prinzessin Thora von dem 34.000 Lichtjahre entfernten Planeten Arkon, die zusammen mit dem weisen und weißhaarigen Zauberer Crest in einem riesigen kugelförmigen Zauberschloss auf den Helden wartet. Gemeinsam suchen sie in einer wunderschönen Queste die Unsterblichkeit, gewinnen diese dann auch mit schlauen Tricks und dem Einsatz von Mutanten in schier unerschöpflicher Vielfalt gegen allerlei schleimige Echsen und geldgeile Handelsmonopolisten. Sie heiraten und Perry wird neuer Imperator von Arkon und damit Erbe des Universums - wegen der gewonnenen Unsterblichkeit muss ES sich für dieses Märchen allerdings einen anderen Schluss suchen.
Das gibt jetzt nicht ganz exakt den Handlungsablauf wieder, aber so hätte es durchaus kommen sollen und können, wenn die Serie nicht über die anvisierten dreißig bis fünfzig Hefte hinaus gekommen wäre. Das zeigt sich auch in einigen Dingen, die am Anfang großzügig in die Handlung eingebaut wurden, die später aber wieder entsorgt oder verniedlicht werden mussten, übrigens eine Tendenz, die in der Serie bis heute anzutreffen ist.
So herrscht anfangs das große Imperium von Arkon scheinbar über die gesamte Öde Insel, d. h. unsere Milchstraße, während mit dem unaufhaltsamen Fortschreiten der Handlung dieser Herrschaftsbereich auf einen immer kleineren Strandabschnitt zusammenschrumpft, weil die später auftauchenden neuen Völkerscharen halt auch irgendwo wohnen müssen.
Abschweifung an.
Mit Entfernungen war und ist das sowieso so eine Sache im Perryversum, da einerseits immer größere unendliche Abgründe von Raum und Zeit einen wohligen Schauer beim jugendlichen Leser hervorrufen sollen, aber anderseits die Raumschiffe zeitverlustfreie Hypersprünge über zehntausende von Lichtjahren durchführen und über diese Entfernungen auch noch ebenso ohne jeden Zeitverlust kommunizieren können. Durch die Technik der Hypersprünge ergibt sich übrigens noch ein Kuriosum, da alle Ziele, die mit einem Sprung erreicht werden können, aus Sicht der Reisezeit gleich weit entfernt sind - und das ist bei einem Sprung in Nullzeit eben keine Zeit! Start und Landungen nehmen ja unabhängig von der Sprungweite immer die selbe Zeit in Anspruch, was bei den wahnwitzigen Beschleunigungen, die Raumschiffe in zehn Minuten aus dem Stand heraus auf Lichtgeschwindigkeit bringen, in erster Annäherung etwa zwanzig Minuten sein sollte. Die gesamte Reisezeit kann nicht mehr als 20-30 Minuten betragen, und das für alle Ziele in Sprungreichweite von einigen tausend bis zehntausend Lichtjahren. Das entspricht eher der Reise mit einem Flugzeug als einer Schiffsreise. Wozu brauchen die Raumschiffe dann überhaupt noch Schlafkabinen?
Übrigens schrieb der Cheftechnokrat K. H. in Heft 120 u. a. „Die Reise hatte nicht länger gedauert als ein Clipperflug von Berlin nach Tokio im Jahre 1964.“ Mit der Reise war ein Flug über 51.000 Lichtjahre gemeint.
Abschweifung aus.
Die in großzügiger Zahl eingeführten Mutanten wurden später mehr und mehr aus dem Verkehr gezogen, zuweilen gleich im Dutzend, oder man vergaß halt, dass man für eine bestimmte Gefahr ja eigentlich genau den richtigen Mutanten im Ärmel gehabt hätte. Die in den ersten Heften nutzbringend eingesetzte Hypnoschulung, bei der sich der Schüler gewissermaßen im Schlaf den Stoff von vielen Jahren mühsamer konventioneller Büffelei in wenigen Stunden reinziehen konnte, hätte jegliche Form von Schule und Universität überflüssig gemacht. Aber über die Alltagsauswirkungen ihrer Erfindungen machen sich Science Fiction Schreiber selten Gedanken.
Mein absoluter Knüller ist allerdings der Hypnostrahler, mit dem der „Schütze“ anderen Personen den eigenen Willen aufzwingen kann. Eine sehr nützliche Sache für Helden, die mit List und Tücke gegen riesige Übermachten antreten müssen, aber irgendwie macht es viele Dinge auch sehr einfach, was den Spannungsaufbau nicht so richtig unterstützt. Dieses nützliche Gerät war die Allzweckwaffe der ersten Hefte und verschwand dann zu recht sang und klanglos in der Versenkung, wo es auch weiterhin in Frieden ruhen soll.
Obwohl, wenn ich’s mir so richtig überlege, hätte ich manchmal doch ganz gern so einen kleinen Hypnostrahler im Ärmel...
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