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Perry Rhodan

Stellen Sie sich mal vor

von Uli Heise


Mal ehrlich, wie stellen Sie sich Graf Dracula vor? Ich habe immer Christopher Lee vor Augen, was wohl vielen Leuten meiner Altersgruppe genauso ergeht. Oder wie sieht Conan, der Throne tretende Sandalenbarbar, aus? Natürlich wie Arnold „The Governator“, ist es nicht so? Nun werden Sie sich fragen, was soll denn das? Was hat das mit Perry Rhodan zu tun? Ich meine, eine ganze Menge.
In den in dieser Kolumne berücksichtigten etwa 650 Romanen aus der glorreichen Zeit des Solaren Imperiums wurden Personen, Raumschiffe, Rassen (ja, ich weiß, dass dieses Wort in Deutschland nur mit äußerster Vorsicht zu verwenden ist), Planeten und weiß der Kuckkuck noch in großer Zahl beschrieben. Und zwar in Wort und Bild, denn zusätzlich zu den Beschreibungen, die von den Autoren verbrochen wurden, gab es ja noch Johnny Bruck, der mit Titelbild und Innenillustrationen seinen Senf dazu gab. Jetzt darf man dreimal raten, was die Vorstellung prägt, 100 Seiten detaillierte Beschreibungen oder eine Zeichnung. Nun?
„Schon ihre schwarzbraune Schuppenhaut über den hageren Körpern bewies es...Sie hatten völlig haarlose, breitgedrückte Echsenschädel mit dünnen, messerscharfen Lippen und hervorstehenden, unmäßig großen Kugelaugen von erstaunlicher Beweglichkeit.“ So hat K. H. Scheer die Topsider bei ihrem ersten Auftritt in Band 10 beschrieben. Und noch einmal in Band 13: „Die großen schillernden Kugelaugen in einem flachen breitgedrückten Echsenschädel ohne jeden Haarwuchs wachten aufmerksam.“ Doch schon auf dem Titelbild von Band 12 sind die Topsider grünhäutig. Von Kugelaugen keine Spur und in späteren Zeichnungen werden die Schädel immer lang gestreckter, krokodilhafter in der Form. Und wie sehen Sie denn nun aus?
„Als er den fast viereckigen Riesen Topthor erblickte,...(der) war genauso breit und dick wie hoch.“ Clark Darlton in Band 32 über die Überschweren. Die Innenillustration von Bruck gibt diese Klötze sogar fast richtig wieder. Es geht doch, Jonny! Allerdings tauchten in späteren Heften zwar noch des Öfteren Überschwere und Ihre terranischen Pendants, die Epsaler, auf, aber keine Abbildungen mehr. Quadratische Gestalten wirken anscheinend nicht „fotogen“ genug. Kennen wir ja auch von magersüchtigen Modells, den modischen Hungerhaken, mit denen weltweit Kleider vorgeführt werden.
Die ebenfalls quadratischen Druuf lassen wir mal aus und kommen zu den fast quadratischen Ertrusern. Irgendwie hatte der gute Karl-Herbert eine ziemliche Affinität zu Quadraten, was immer das tiefenpsychologisch bedeuten mag. „Ich bin 2,51 Meter groß; in den Schultern 2,13 Meter breit und wiege 16,3 Zentner. Wenn ich mich auf anderen Welten befinde, muß ich einen Mikrogravitator tragen, der mir die gewohnte Schwerkraft von 3,4 Gravos vermittelt. Wenn ich durch ein Zimmer gehe, zittern die Fensterscheiben.“ So Melbar Kasoms bescheidene Beschreibung seiner Person in Band 150. Stellen wir uns mal vor, wie breit ein 1,80 Meter großer Terraner sein müsste, um von vorn ein ähnliches Erscheinungsbild abzugeben. Eine einfachere Dreisatzberechnung sollte uns auch nach dem Abschluss der Baumschule möglich sein, und ergibt nach Eva Zwerg 1,53 Meter Schulterbreite – ein ziemlicher Schrank. Doch alle Bilder von Kasom und anderen Ertrusern waren immer nur muskulöse Terraner mit Sichelkammfrisur, halt ein bisschen größer, aber auch hier keine Spur von Quadrat. Johnny Bruck mochte offensichtlich im Gegensatz zu K. H. Scheer keine Quadrate.
Und das Bild der handelnden Figuren wurde fast ausschließlich durch die Abbildungen geprägt, der Mensch ist eben ein Augentier. Da konnten die Autoren noch so viel über Quadrate sinnieren, der Fan sah die einfach nicht. Die früher und jetzt wieder erhältlichen Figuren, seien sie von Schulze, Hummel oder anderen Herstellern, geben die bildhaften Darstellungen wieder, und nicht die textlichen Beschreibungen – da haben es Autoren wirklich schwer.
Die Vorstellungskraft hat die Autoren auch in anderen Fällen im Stich gelassen. Im selben Band, in dem der Trampel Melbar Kasom in die Serie stampfte, tauchte ein grünhäutiger siganesischer Giftzwerg namens Lemy Danger auf. 22,21 Zentimeter groß, in den Schultern 63,32 Zentimeter breit und satte 852,18 Gramm schwer. Im Band 150 schreibt der Karl-Herbert übrigens das erste Mal 63,32 Millimeter Schulterbreite – da wäre der gute Lemy ein Strich in der Landschaft gewesen. In den frühen sechziger Jahren gab es halt noch keine Taschenrechner, man verwendete noch Rechenschieber und Logarithmentafeln für die höhere Mathematik, wozu man aber per Kopfrechnung die Vor- und Nachkommastellen bestimmen musste.
Und da hatte sich der Technikpedant Scheer das eine oder andere Mal doch verrechnet. Die Siganesen waren zum Zeitpunkt ihrer Serieneinführung etwa ein Zehntel so groß wie ein Terraner, d. h. 15-20 Zentimeter, Lemy Danger war eine Ausnahme und galt als Riese unter seinen Artgenossen. Da sie die gleichen Körperproportionen haben, sollten sie ein Tausendstel des Volumens eines Terraners haben, und bei gleicher Zusammensetzung auch über ein entsprechendes Gewicht von etwa 50-100 Gramm verfügen. Herr Danger ist jedoch um eine Zehnerstelle zu schwer, und müsste etwa die zehnfache Dichte eines Menschen haben – und damit kommen wir in die Nähe von Blei, denn Stahl hat ca. die achtfache Dichte. Der Schwimmsport kann auf Siga nicht besonders verbreitet sein, da bleierne Enten auch einen solchen Auftrieb haben...
In Band 307 leistete sich Roi Danton, Perry Rhodans Sohn in Frauenkleidern, einen kleinen Scherz, der ihm ziemliche Schmerzen bereitet haben dürfte:
“Zwei Siganesen, nicht größer als fünfzehn Zentimeter, waren eifrig damit beschäftigt, die Fingernägel des Königs zu polieren.
Die umweltangepassten Zwerge, gekleidet wie Schiffsoffiziere zu Nelsons Zeiten, trugen an ihren winzigen Füßen weiße Safran-Lederpölsterchen, die sie mit artistischer Gewandtheit über Rois Nägel geleiten ließen. Sie sprangen von Finger zu Finger, holten weit aus und polierten dann, dass ihnen der Schweiß unter den weißen Perücken hervor rann.“
Das kann jeder für sich nachmachen, dazu braucht man nur zwei Bleifiguren von fünfzehn Zentimeter Höhe, mit denen man einem Freund auf den Händen rumstochert, was fast so gut ist wie der Messertrick aus Aliens.
Trotz Taschenrechnern und Computern lassen die heutigen PR-Autoren fünf auch mal grade sein. Ein wunderschönes Beispiel liefert Robert Feldhoff in Band 2030 „Radio Freies Ertrus“: Perry Rhodan schaltet in der mörderischen Schwerkraft von 3,4 Gravos seinen Schwerkraftneutralisator aus, um aufrecht stehend sogar noch eine flammende Rede zu keuchen. Most impressive! Nehmen wir mal ein Körpergewicht von 80 kg für Rhodan an, dann wiegt er auf Ertrus satte 272 kg, d. h. er muss nach dem Abschalten zusätzlich zu seinem gewohnten Körpergewicht noch 192 kg ertragen. Das Gewicht seiner Ausrüstung ist hier noch gar nicht berücksichtigt! Das muss mir Robert bei Gelegenheit mal vorführen...

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