Sie sind hier: Startseite - Romanhelden - Perry Rhodan - Der Versuch, keine Schema-Literatur zu schreiben





Der Versuch, keine Schema-Literatur zu schreiben

Ein paar Gedanken zum »Linguiden-Zyklus« von Tennessee

I

Der »Linguiden-Zyklus« zählt bei vielen Lesern zu den eher unpopulären Zyklen der PERRY RHODAN-Serie. Zu fantasylastig war vielleicht die linguidische Geschichte mit ihrer Kima-Strauch-Symbiose, zu wenig Konflikte, die den vorangegangenen »Cantaro-Zyklus« groß gemacht hatten, waren zu bestehen und der Abschluss des Zyklus’ mit der kuriosen Verleihung eines Zellaktivators an den Ennox Philipp kann mit gutem Gewissen als grandios vermurkst angesehen werden.
Ich muss gestehen: Ich gehöre wohl eher zu den unpopulären PERRY RHODAN-Lesern und halte den »Linguiden-Zyklus« in vielerlei Hinsicht für sehr gut gelungen, aber auch für ungewöhnlich für einen RHODAN-Zyklus. Ein ruhiger und in einigen Punkten fast herbstlich-melancholischer Zyklus präsentierte sich nach der »Cantaro-Wumme.«
Das Expokratenduo Mahr/Vlcek machte keine abenteuerliche Gefahrensituation zum Ausgangspunkt der Zyklenspannung, sondern eine ganz existenzielle, die Charaktere zutiefst persönlich treffende Erfahrung: ES verlangte die Unsterblichkeit zurück. Nur wenige Jahre sollten den Protagonisten noch bleiben, um Unerledigtes zu erledigen – eine Aufgabe, die zum UBI ES-Projekt wurde, der Suche nach der Superintelligenz, die ganz offensichtlich den Verstand verloren hatte.
Da im »Cantaro-Zyklus« zuvor einige der Unsterblichen den Tod gefunden hatten und mit Ras Tschubai und Fellmer Lloyd zwei weitere Charaktere aus der Frühzeit der Serie bereits im zweiten Band des »Linguiden-Zyklus« früh verstarben, war die Frage, welche Unsterblichen das Ende des Zyklus denn noch erleben würden, tatsächlich aktuell. Hinzu kamen die Linguiden, die von ES als neues favorisiertes Volk betrachtet wurden und die in ihrer friedensstiftenden Effizienz und buddhistischen Gutmütigkeit den bisherigen Aktivatorträgern tatsächlich so weit überlegen waren, dass man an der Redlichkeit von Perry Rhodan, Atlan oder Bully zweifeln konnte. Das Misstrauen, das gerade Atlan und Bully den linguidischen Friedensstiftern entgegenbrachten, verwandelte die Helden in fragwürdige Gestalten. Nicht nur, dass sie ihr Leben verlieren konnten, ebenso war ihre Reputation im Angesicht der gutmütigen Friedensstifter gefährdet.

Das klassische Schema von Gut/Böse, der mehr oder minder monströse Endgegner, der die PERRY RHODAN-Serie oft begleitet hatte, und der im »Cantaro-Zyklus« noch den Namen »Monos« trug, durchbrachen Mahr/Vlcek: Der »Linguiden-Zyklus« besaß keinen Bösewicht! Oder anders: Die Bösewichte, die dem Leser in diesem Zyklus begegneten, zeigten eine konzeptionelle Indifferenz, wie es bisher nur selten bei RHODAN geschehen war.
Die Linguiden? – Eine genetische Inkompatibilität zu den Zellaktivatoren sorgten für ihren Wahnsinn. Unzurechnungsfähig und Opfer der Taten einer verwirrten Superintelligenz. Taurec? - Reuig und geständig präsentierte er sich Perry Rhodan und lieferte ihm letztendlich die Ursachen für die Verwirrung ES’.
Die Nakken? - Ja, sie waren die Diebe der Zellaktivatoren und so verantwortlich für den Tod der Unsterblichen im »Cantaro-Zyklus«. Aber es war ihre Aufgabe, dies zu tun. Denn nur so war es ihnen möglich, die Superintelligenz zu heilen. Aus Tätern wurden Retter, die so auch den Protagonisten ihre weitere Existenz sicherten.

Letztendlich ist es so, dass der »Linguiden-Zyklus« das prägnanteste Beispiel ist, wie die PERRY RHODAN-Serie konzeptionell den Bereich der Schema- oder Trivialliteratur zu verlassen sucht. Vielleicht ist dies auch der Grund für die Unbeliebtheit des Zyklus: er passt nicht besonders gut in die Gewohnheit der Zyklen-Konzepte. Die militärischen und abenteuerlichen Konflikte weichen einer ruhigen und rätselhaften Suche nach den Ursachen von ES’ Verwirrung, die Begegnung mit der (später unsterblichen) favorisierten Konkurrenz der hauseigenen Superintelligenz trägt in sich verborgen die Auseinandersetzung mit der eigenen Position.
»Ich bedauere es, dass das Kima dir die Unsterblichkeit verwehrt,« resümiert Perry Rhodan letztendlich gegenüber der Linguidin Dorina Vaccer. Ein gehöriges Stück Größe, dass sich in der scheinbar kleinen Rätselstory des »Linguiden-Zyklus« verbirgt und der Figur Perry Rhodan, dem »Erben des Universums«, eine Facette von Demut hinzufügt.

II

Ein in einigen Punkten »herbstlich-melancholischer« Zyklus nannte ich zu Beginn den »Linguiden-Zyklus«. In der Tat geschieht in diesem Zyklus etwas, dass ich in der PERRY RHODAN-Serie zuweilen arg vermisse. Nicht ganz zu Unrecht wurde der verstorbene Expokrat Robert Feldhoff kritisiert, dass er seine Nebenfiguren zu schnell entsorge, dass sie einfach aus der Handlung verschwänden, ohne dass der Leser weiß, was mit ihnen geschehen war. Auch bei den »Linguiden« war für einige der Nebenfiguren die Zeit ihrer Handlungsrelevanz abgelaufen: Nikki Frickel, Salaam Siin, Beodu, Stalker, Sato Ambush, Notkus Kantor – eine kleine Liste von Charakteren, die die Serie seit zuweilen 400 Bänden begleitet hatten. Eine lange Zeit, denkt man in den Kategorien der aktuellen Erstauflage.
Das Verschwinden dieser Nebenfiguren ist nicht darum so schmerzlich, weil sie verschwinden, sondern weil sie keine stillschweigende Entsorgung, sondern einen wehmütigen Abschied erfahren. Kantor und Beodu sterben im Einsatz: während Kantors Geist in den Schaltkreisen NATHANS verlischt, verblutet Beodu kläglich auf der Suche nach ES. Die beiden Gefährten aus Estartu, Salaam Siin und Stalker, kehren in ihre Heimat zurück und die Autoren Feldhoff und Ellmer geben dem Sänger und dem Intriganten einen gefühlvollen und würdigen Abschied. Feldhoff zieht zu seiner Figur Salaam Siin den Kreis, indem er ihm parallel zu seinem Erstauftritt mit der »Harmonie des Todes« nun den »Gesang des Lebens« antönen lässt und summiert in diesem Gesang Siins Erlebnisse auf seinen Reisen mit den Galaktikern. Ellmer erhöht den Intriganten Stalker zum Ritter in der traurigen Gestalt, der unerkannt und ungewürdigt als aufdringlicher Bote ESTARTUS in der lokalen Gruppe wirkte und am Ende von der Superintelligenz selbst verschlungen wird. Nikki Frickel und Sato Ambusch schließlich erreichen mit den ehemaligen Aktivatorträgern den Planten Wanderer. Ausgewählt als Kandidaten für die Unsterblichkeit werden sie jedoch von ES abgelehnt und anschließend Teil der Hefthistorie.

Gerade die Nebenfiguren werden von vielen Lesern als bedeutender Teil des Perryversums verstanden. Sie bilden zusätzliches Identifikationspotential, sind punktuelle oder kontinuierliche Begleiter der Haupthandlungsträger und fügen der Handlung Dynamik hinzu. Dabei ist zu bemerken, dass diese Figuren selbst über kaum oder nur ein nur geringes Maß an Eigengeschichte verfügen, die letztendlich handlungsrelevant ist. Biographie oder Charakter der Figuren sind zwar Teil des Perryversums, jedoch nicht so explizit ausformuliert, dass sie tatsächlich handlungsfortlaufende Bedeutung hätten. Diesem Mangel an ausformulierter Tiefe und vortextlicher Biographie steht ihre Handlungspräsenz gegenüber. Sie sind Teil abenteuerlicher Spannungsmomente, Assistenten der »großen Charaktere«, ohne jemals selbst so groß zu werden. Da die PERRY RHODAN-Serie sich fast nur aus abenteuerlichen Spannungskonzepten heraus bildet, bilden diese Nebenfiguren das perfekte Sidekick-Personal.
Im »Linguiden-Zyklus« geschieht es nun, dass Mahr/Vlcek diesem Personal einen eigenen kleinen Handlungsmoment spendieren, Ereignisse, die über das rein abenteuerliche hinausgehen und tatsächlich den Charakter der Figur ansprechen: verweigerte Unsterblichkeit, Resümee eigener Reisen, Offenbarung verborgener Aufgaben. Hinzu kommt, dass sich diese Figuren im Laufe der Zeit natürlich eine eigene Handlungsbiographie »erarbeitet« haben. Noch immer wissen wir nicht, wie Nikki Frickel als kleines Mädchen war und wie ihre Mutter hieß, aber wir kennen sie als Chefin der PIG, der Überlebenden der SORONG oder Gegenpart Dao-Lin H’ays. Die Ansammlungen abenteuerlichen Handlungsgeschehens erhalten plötzlich eine zusätzliche Facette in der Biographie der Nebenfiguren, die tatsächlich eine existenzielle ist: Sato Ambush wird die Unsterblichkeit zugunsten Myles Kantors verweigert, Stalker offenbart sich als missverstandener Bote einer Superintelligenz, Beodu stirbt allein und verlassen in der Fremde ...
Die Bereicherung von eher abenteuerlich agierenden (Neben)Personen durch emotional-existenzielle Momente gerade im Augenblick ihres Abschieds führt zu eben jener melancholisch-herbstlichen Stimmung im »Linguiden-Zyklus«. Auch das macht ihn so ungewöhnlich.

Derzeit erscheint in der 5. Auflage der »Cantaro-Zyklus«. Von den Lesern, die diesen Zyklus damals in der Erstauflage verfolgten, wird er als einer der spannendsten Zyklen gewürdigt, was er ohne Zweifel auch war. Im verlagseigenen Forum rezipieren derzeit einige Leser den »Cantaro-Zyklus« Heft für Heft und überraschend für mich sind heutige Stimmen noch nicht so begeistert von den »Cantaro« wie die damaligen. Es wird noch ein gutes Jahr dauern, dann ist dieser Zyklus beendet. Dann folgen »die Linguiden«. Damals kein großer Erfolg. Ich bin auf die heutigen Stimmen gespannt.

Copyright © 2010 by Tennessee


© by 2010
nach oben Zurück Optimiert für 1024x768 Pixel
im IE & Mozilla Firefox