Sie sind hier: Startseite - Romanhelden - Perry Rhodan - Meister der Improvisation


Perry Rhodan

Meister der Improvisation oder der beste Zyklus aller Zeiten

von Uli Heise


Bei Umfragen nach dem besten Zyklus aller Zeiten innerhalb der Perry Rhodan Serie taucht mit schöner Regelmäßigkeit auf den vorderen Plätzen, wenn nicht gleich auf dem vordersten Platz, der Zyklus um die Meister der Insel (MdI, das war übrigens auch die Abkürzung für Ministerium des Inneren in der Sowjetzone) auf, also die Bände 200-299. Das war jetzt zufällig auch mein Einstieg in die Serie, so dass ich hier mit dem Abstand von mehr als 30 Jahren und einem hoffentlich gereiften Urteilsvermögen versuchen möchte, eine Bewertung dieses ersten „richtigen“ Zyklus vorzunehmen.

Vorspiel
Mit dem endgültigen Zerfall des Vereinten Imperiums nach der Zerstörung von Arkon III in Band 199 steigt das Solare Imperium in etwa 70 Jahren zur stärksten militärischen und wirtschaftlichen Macht der Milchstraße auf. Die fiesen Akonen – die wurden zur Zeit der Posbikrise 2113 durch einen fingierten Zwischenfall ins Bündnis mit Terranern und Arkoniden „gezwungen“, um ihnen dann fast 200 Jahre lang die Transformkanone und andere „Findungen“ der Terraner vorzuenthalten – sticheln mit den Tricks des militärisch Unterlegenen ein bisschen die Terraner. Ansonsten verhindert die Solare Abwehr das Zustandekommen einer einheitlichen Front gegen die Terraner. Eine erstaunlich ehrliche Beschreibung der Realpolitik des Jahres 2400.

Band 200-220
Da entdecken die Terraner den galaktischen Sonnensechseck-Transmitter und geraten auf die Straße nach Andromeda, vorerst allerdings nur in den Vorvorhof, in zwei künstliche Sonnensysteme zwischen den beiden Galaxien, errichtet von den geheimnisvollen Meistern der Insel (Der arkonidische Imperator wurde auch als Beherrscher der Öden Insel bezeichnet, was allerdings nur die Milchstraße meinte). Die Systeme Twin und Horror stecken voller Fallen, die natürlich von den heldenhaften Terranern gemeistert werden. Schließlich tauchen aus der fernen Vergangenheit die Methanatmer (Maahks) auf, die vor etwa 10.000 Jahren einen fürchterlichen Vernichtungskrieg mit den Arkoniden führten und verloren, nun im Sold der Meister der Insel zurückgekehrt.
Das war ein Auftakt, der mich damals faszinierte, während die ganzen Fallen mir heute wie eine unmotivierte Ansammlung „origineller“ Ideen vorkommen. Wie sich später herausstellt, wussten die MdI über die Milchstraße besser bescheid als die Terraner, warum sollten sie dann also irgendwelche Testfallen in ihre Transmitterstraße einbauen – eine simple Sperrschaltung hätte die Terraner oder andere Störenfriede draußen gehalten. Genau das machen die Terraner später nämlich selbst, um die Maahks auszusperren. Merkwürdig sind auch die Reichweitenangaben der Lineartriebwerke. Am Ende des Posbizyklus konnte eine terranische Flotte immerhin ca. 300.000 Lichtjahre weit zur Hundertsonnenwelt fliegen und auch wieder zurückkommen. Die verbesserten (?) Triebwerke des Jahres 2400 streiken nach 250.000 Lichtjahren, obwohl einige Aufklärungskreuzer volle 600.000 Lichtjahre zurücklegen können. Diese Unschärfe zieht sich durch den gesamten Zyklus.

Band 221-230
Dann unternehmen die Maahks auf Geheiß der MdI mit Hilfe von Multiduplikatoren einen Invasionsversuch gegen die Galaxis, der natürlich abgewehrt wird.
Diese Multiduplikatoren sind der Hammer: man kann beliebig viele Kopien eines Lebewesens oder auch Gegenstandes herstellen. Kopien, die man geistig sogar umdrehen kann, die perfekte Gehirnwäsche also. Ich schicke dem Gegner quasi dessen eigenen Leute zurück, und zwar in Massen. Der Plan der Maahks, mit Hilfe einer so genannten Impulsweiche die Sperrschaltung zu umgehen, klappt nur deshalb in letzter Minute nicht, weil sie sich auf ein idiotisches Spionagemanöver einlassen. Wenn ich sowieso mit unüberwindlichen grünen Schutzschirmen und Konverterkanonen die Galaxis überschwemmen will und kann, warum sollte ich dann noch irgendeine Agentenaktion starten, kurz vor Vollendung dieses Meisterplans?

Band 231-249
Schließlich gehen die Terraner in die Offensive über und besetzen ein aufgegebenes System der MdI, das Schrotschusssystem, um von da ein trojanisches Pferd in den richtigen Vorhof von Andromeda zu schicken, in die Zwerggalaxis Andro-Beta. Dort vertuschen sie mit Erfolg, dass sie Terraner sind, führen, wenn auch unbeabsichtigt die völlige Ausrottung der Twonoser herbei, und stiften die Maahks im anderen Vorhof Ando-Alpha zum Aufstand gegen die MdI an. Am Ende machen sie sich dann in Andro-Beta breit.
Die Transmitterstraße existiert ja nur zwischen Andromeda und der Milchstraße. Wenn also Störenfriede auftauchen, darf man jetzt dreimal raten, wo die wohl herkommen. Besonders nach dem missglückten Invasionsversuch kurz vorher. Aber die MdI blicken gar nichts, absolut gar nichts. Nach zehntausenden von Jahren schlägt halt doch der Alzheimer zu. Witzigerweise wird die Raumschiffkennung nach der äußeren Form des Schiffes durchgeführt, wie die Identifikation anhand der Silhouetten im ersten und zweiten Weltkrieg, statt das Spektrum der Energieabstrahlung von Triebwerken und Schutzschirmen zu verwenden. Der gute Karl-Herbert schrieb ja auch Seeromane...
Andro-Alpha ist ganze 150.000 Lichtjahre, Andro-Beta sogar nur 100.000 Lichtjahre von Andromeda entfernt, also durchaus innerhalb der Reichweite normaler Raumschiffe ohne irgendwelche Zusatztriebwerke. Trotzdem schaffen es die MdI nicht, mal kurz ihre hunderttausende von Duploraumschiffen vorbei zu schicken, um beide Vorhöfe gründlich zu säubern. Obwohl sie seit Jahrtausenden die Maahks mit Duplos unterwandert haben, werden sie aus dem Alphanebel rausgeworfen. Wahrscheinlich der angesprochene Alzheimer...

Band 250-263
Nachdem die Terraner volle zwei Jahre unbelästigt (!) im Betavorhof ihren Stützpunkt ausbauen können, den sagenhaften grünen Schutzschirm der Mahks zum HÜ-Schirm verbessern (das gelingt ja anderen Völkern in Jahrtausenden nicht), neue Raumschifftypen bauen (Ultraschlachtschiffe, Moskito-Jets), wird es ihnen langweilig und sie fliegen den Andromedanebel an. Dort müssen sie entdecken, dass das Haupthilfsvolk der MdI, die Tefroder, genauso aussehen wie Terraner. Schließlich werden sie in die Falle gelockt und 50.000 Jahre in die Vergangenheit versetzt.
Diese Falle ist unglaublich dämlich. Die Terraner werden zum wichtigsten Planeten in Andromeda gelockt, wo der einzige große Zeitransmitter, Vario, steht. Eine der Quellen der Macht der MdI. Anstatt die freche CREST einfach aus dem Raum zu blasen, es stehen ja immerhin die Energien einer Riesensonne zur Verfügung, findet eine Zeitversetzung statt. Die MdI haben ja immer noch nicht herausfinden können, wer die unverschämten Eindringlinge sind. Der Alzheimer sei gepriesen.

Band 264-279
In der Vergangenheit stellt sich heraus, dass die erste Menschheit, die Lemurer, die Milchstraße beherrscht haben, und von ihnen die ganzen humanoiden Völker abstammen. Die Lemurer sind allerdings in einem Vernichtungskrieg (es sind fast immer Vernichtungskriege, aus wirtschaftlichen Gründen führt anscheinend niemand Krieg) mit den Halutern verwickelt und fliehen in einer unglaublichen Völkerwanderung nach Andromeda, wo sie ihrerseits die Maahks ausrotten/vertreiben. Die Terraner treffen die ersten MdI in persona – Menschen. Mit Zellaktivator allerdings! Trotzdem können sie die Trottel natürlich überwinden und in die Gegenwart zurückkehren.
Die geheimnisvollen MdI stellen sich als ganz „normale“ menschliche Verbrecher heraus. Das nimmt das Geheimnisvolle aus der Sache, was ich beim ersten Lesen schon nicht toll fand. Die MdI verraten ohne Not die Position von Vario, dieser so genannte Meisterplan ist an Dämlichkeit kaum noch zu überbieten. Später stellt sich heraus, dass die MdI Stützpunkte in der Milchstraße unterhalten, also sehr wohl und gut über die Verhältnisse dort unterrichtet sind. Die CREST für ein Haluterschiff zu halten, kann nur mit dem schon erwähnten Alzheimer erklärt werden. Ich habe dann auch lieber den beginnenden Schwarm-Zyklus gelesen. Die zweite Hälfte des MdI-Zyklus fand ich damals schon höchst unbefriedigend. Aber es sollte noch viel schlimmer kommen.

Band 280-299
Zurück in der Gegenwart werden die Terraner mit einem Meisterplan nach dem anderen von den MdI belästigt, unter anderem durch eine Falschgeldschwemme, einen unglaublich komplizierten Bombenanschlag auf die terranischen Administratoren und einer Variante des Rinderwahns. In Andromeda tobt der Krieg zwischen den Maahks und den Tefrodern, wobei die Maahks die Initiative haben. Die Terraner schließen ein Bündnis mit den Maahks, zerstören mit Hilfe der Antisonne die Transmitterstraße, entdecken das Zentralsystem der MdI, zerstören es auch, besiegen nacheinander auch die letzten MdI und fliegen zurück in die Milchstraße.
Der Schluss des Zyklus ist schwach, sehr schwach. Die MdI unterhalten einen geheimen Stützpunkt auf Terra. Eine einzige Arkonbombe und der Käse wäre gegessen. Stattdessen ein schwachsinniger Meisterplan nach dem anderen, als hätte man sämtliche Bondbösewichte für die MdI rekrutiert. Allein mit Hilfe des Zeittransmitters hätte man die Terraner elegant ausschalten können. Wie es gemacht wird, wurde dann ja in der ersten Hälfte des Cappin-Zyklus von den Terranern selbst vorgeführt.
Die Auseinandersetzung zwischen den Tefrodern und den Maahks ist auch etwas merkwürdig, da die Maahks eigentlich keine Chance haben. Die Tefroder haben die bessere Technik und mit den Multiduplikatoren auch die totale Überlegenheit an Ressourcen, so schnell können sich auch Maahks nicht vermehren. Es ist völlig unklar, wie die Maahks die Positionen der Tefroderplaneten in der streng geheimen Zentrumszone herausgefunden haben, während sie selbst von MdI-Spitzeln durchseucht sind. Außerdem ist auch hier der Zeittransmitter nicht zu schlagen. Man findet in der Gegenwart die Industrieplaneten, um dann in der Vergangenheit dort Bomben abzulegen, die wiederum in der Gegenwart gezündet werden. Das vermeidet jedes Zeitparadoxon. Und wie schon gesagt, liegt der Alphanebel ja direkt vor der Haustür, ein kurzer Besuch mit 500.000 Duploraumern dürfte den Spuk ziemlich schnell beenden.
Das Finale ist dann nur noch schmerzhaft. Zitat aus Abenteuer Universum: das Perry-Rhodan-Archiv II zu Band 297:

Zufällig stößt Captain Mines Horan mit der Korvette IK-USO-42 in einem Seitenarm des Andromedanebels auf das Luum-System und erkennt sofort die Zentralwelt der Meister der Insel.

Wieso erkennt der gute USO Hauptmann, denn das ist der Captain übersetzt, sofort die Zentralwelt der MdI? Woher haben die Terraner denn diese Information? In einer Galaxis mit einigen hundert Milliarden Sonnen macht die Korvette zufällig genau dort und nicht irgendwo anders ein Orientierungsmanöver? Der Zufall wird manchmal ziemlich strapaziert, aber das schlägt dem Fass den Boden aus. Ich war selbst als unreifer Jugendlicher damals etwas angefressen ob dieses Finales. Selbstverständlich fliegen auch alle 500.000 Duploraumer in die Luft, weil der falsche Knopf gedrückt wird. Amen!
Ohne Alzheimer wären die MdI praktisch unbesiegbar. Zellaktivatoren geben einen langen Atem, was Planungen angeht. Die Kombination aus Multiduplikatoren und Zeittransmitter ist nicht zu schlagen, wenn sie richtig eingesetzt wird. Hier wurde ein unglaublich starker Gegner aufgebaut, der am Schluss an einem Nadelstich verreckt ist. Und warum konzentrieren die MdI immer alles an neuralgischen Punkten? Ein Zentralplanet mit dem dicken, roten Selbstvernichtungsknopf – warum nicht dezentralisiert und damit unangreifbar? Ähnliches gilt für Multidon, wo alle Multiduplikatoren gebündelt versammelt sind, damit die terranische Arkonbombe auch maximale Wirkung entfalten kann. Verteilt auf tausende von Planeten hätten die MdI mittels der Multiduplikatoren die Maahks und Terraner mit Raumschiffen zusch**ßen können.

Fazit
Die erste Hälfte des Zyklus weiß durchaus zu gefallen, besonders die Abenteuer der CREST II im Twin- und Horrorsystem. Alles ist noch mysteriös, die MdI sind möglicherweise gar nicht mehr existent, die Vorstöße der Terraner sind gewissermaßen noch reine „Entdeckungsfahrten“. Die zweite Hälfte wird dann leider immer mehr zu einem „normalen“ intergalaktischen Krieg, die Hintergründe entpuppen sich teilweise als banal, das Ende ist schlicht zusammengestümpert und irgendwie unbefriedigend.
Sehr gut fand und finde ich immer noch einige Nebenhandlungen, wie z. B. die Abenteuer des Don Redhorse, die sehr interessante und glaubwürdige Charaktere umfassten. Und William Voltz scheute sich nicht, die eingeführten Helden auch sterben zu lassen (siehe u. a. den Dreitöter oder meinen Lieblings-Sergeanten Brazos Surfat). Voltz und Ewers haben überhaupt den Zyklus getragen, ihre Romane sind für mich die Höhepunkte, während Mahr und Darlton dagegen stark abfallen. Scheer ist halt Scheer ;-)
Ich habe außerdem den Eindruck, dass am Anfang noch nicht feststand, wie es ausgehen soll. Es sind IMHO sowieso zwei verbundene Zyklen, wie der Zeitsprung zwischen 249 und 250, sowie der Titel von Band 250 „Die sechste Epoche“ nahe legen. Würde der Zyklus in dieser Form heute neu herauskommen, wäre er wahrscheinlich ein Flop.

© Uli Heise

 

© by 2006
nach oben Zurück Optimiert für 1024x768 Pixel
im IE & Mozilla Firefox