Die andern gehen duschen
Der Serie wurden immer wieder faschistoide Tendenzen nachgesagt, besonders in einer Zeit, in der alles, was nicht streng dogmatisch links war, sowieso faschistisch war. War damals auch immer das Totschlagsargument, um in jeder Diskussion zu siegen. Einfach dem Gegner faschistoide Tendenzen vorgeworfen und schon war der in einer Ecke, aus der er nicht mehr raus kam. Mit genügend Dreck werfen, dann bleibt schon was hängen, war schon immer eine beliebte Taktik.
Nur manchmal kamen einem da so Gedanken...
Als der böse Obmann Iratio Hondro, seines Zeichens „unberechtigter“ Zellaktivatorträger, in Band 198 auf Opposite ins Gras oder besser den Wüstensand beißen musste, war ein übler Diktator von den aufrechten Demokraten besiegt worden. Der Schurke war ja deshalb so furchtbar schurkisch, weil er seinen Leuten ein Gift verabreichen ließ, zu dem die so beschenkten regelmäßig ein Gegengift nehmen mussten, um nicht eines grässlichen Todes zu sterben. Es versteht sich von selbst, das natürlich nur der Obmann über ungehinderten Zugang zu dem Gift und dem Gegengift verfügte. Das verhinderte wirkungsvoll eventuelle Abwanderungstendenzen der eigenen Gefolgsleute.
Furchtbar schuftig, wie es sich für einen Serienschurken halt gehört, nicht wahr? Betrachten wir doch mal die gute Seite, die aufrechten Demokraten und Verfechter aller möglichen Freiheiten.
In Band 19 (K. H. Scheer: Der Unsterbliche) erreicht Perry Rhodan nach langer Schnitzeljagd Wanderer, die künstliche Welt des Unsterblichen ES, anfangs übrigens noch ER, aber nie SIE, um hier die das Geheimnis der Unsterblichkeit zu erlangen. Und das heißt:
„Eine Zelldusche, Sir...Sie erhalten pro Zelleinheit eine Konservierungs-Aufladung für den Zeitraum von genau zweiundsechzig Jahren Ihrer Zeitrechnung. Danach tritt ein sofortiger Zerfall ein, wenn Sie nicht vor Ablauf der Frist hierher zurückkommen, um sich einer erneuten Dusche zu unterziehen.“ (S. 63)
Und weiter im Text:
„’Die Anlagen des Planeten müssen auf Ihre persönlichen Individualschwingungen einjustiert werden... Übrigens steht es Ihnen frei, anderen Personen die Zellkonservierung zu gewähren. Sie können die vorhandenen Geräte beliebig einsetzen. Haben Sie besondere Wünsche?’
Rhodans Blick überflog die plötzlich gespannten Gesichter der Anwesenden. Mit einem bitteren Gefühl erkannte er, welche Gier in ihren Augen lag.
Es war aber wohl der natürlichste Effekt aller Zeiten. Wer hätte schon eine Zellerhaltung abgelehnt.
Rhodan erkannte in dem Augenblick, dass er seinen Mitarbeitern niemals mehr zu misstrauen brauchte. Nur er konnte ihnen Zutritt zum Physiotron gewähren.“ (S. 64)
Der erste Mitarbeiter war dann selbstverständlich sein alter Kumpel, der dicke Bully.
Nicht die Terraner verfügen über die Unsterblichkeit, sondern DER Terraner. Rhodan konnte nach Gutherrenart die Unsterblichkeit auf Zeit „verschenken“, was er dann in der Folge auch reichlich tat, allerdings nur an treue Gefolgsleute, wie zwei der ehemaligen Mutanten des Overhead feststellen mussten. Warum die dann undankbarer Weise später eine Revolte anzettelten und Terra an den arkonidischen Robotregenten verraten wollten, ist wirklich unverständlich – aber Rhodan hatte das ja schon geahnt und in weise Voraussicht das Duschen verboten...
Ich kann keinen so großen Unterschied zu den Methoden des Obmanns feststellen, was die Stärkung der Loyalität der Mitarbeiter betrifft, ja Rhodans Trick ist noch perfider, da die Leute freiwillig duschen wollen, während der Obmann seine Leute zwangsbeglückt, aber das Resultat läuft auf dasselbe hinaus.
Über dreihundert Jahre hat Rhodan ohne jede Mitsprache des terranischen Parlaments einen unsterblichen und loyalen Mitarbeiterstab aufgebaut. Das ging erst zu Ende, als ES die Biege machte und dabei Wanderer nebst Zellduschkabinen vernichtete. Da muss es ziemlich lange Gesichter in der terranischen Führungsmannschaft gegeben haben...
Die von ES ausgestreuten 25 Zellaktivatoren (sozusagen tragbare Dauerduschen oder Unsterblichkeits-Deos) wurden natürlich zum Großteil von Terranern gefunden und brav bei Rhodan abgegeben, der sie offensichtlich in altbewährter Manier nach Gutdünken verteilte, auch hier kein Wort von Mitbestimmung. Den ersten erhielt übrigens sein dicker Kumpel...aber das sagte ich ja schon mal.
Nach dem Abgang des bösen Obmanns wurde natürlich (!) in freier und geheimer Wahl Mory Abro gewählt, und zwar, wie sich später rausstellte, offensichtlich auf Lebenszeit, und die war lang, denn kurze Zeit später heiratete Rhodan die neue Obmännin (Obfrau?) und schenkte ihr den Zellaktivator ihres Vorgängers im Amte als Mitgift.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann duschen sie noch heute.