
Perry Rhodan

von Uli Heise
Die Zukunft ist gestern
Ich meine, dass Menschen immer auf die Lebensmitte fixiert sind, was ihre Erwartungen betrifft, und auf den Lebensanfang, was ihre Erinnerungen und Erfahrungen betrifft. In jungen Jahren als Kind oder Jugendlicher kann man doch kaum erwarten, was die Zukunft bringen wird. Voller Ungeduld sehnt man den nächsten Geburtstag, die Ferien oder Weihnachten herbei. Endlich erwachsen lebt man in einer schwammigen, ständigen Gegenwart, man muss ja schließlich seine Brötchen verdienen. In reifem Alter erwartet man nicht mehr viel Zukunft und schaut vornehmlich nach hinten. Als Figur auf dem Pfad des Lebens dreht sich die Blickrichtung langsam beim Vorrücken um 180 Grad. So zumindest meine Erfahrung.
Dies ist ein Märchen von Übermorgen...
Das sollten die Älteren noch aus dem Fernsehen kennen, aus dem Vorspann einer siebenteiligen Serie um die Abenteuer eines schnellen Raumkreuzers, der den Namen einer bekannten Sternkonstellation trug. Die Welt des Jahres 3000 sah dabei verdächtig nach der Nierentisch-Ära der späten Fünfziger und frühen Sechziger aus, obwohl sich die Macher schon einiges haben einfallen lassen, wie eigene Tänze, eine schwungvoll gebaute Raumschiffzentrale, neue Anwendungsmöglichkeiten für Bügeleisen und Plastikbecher (für Frankfurter eindeutig Feingerippte für den Genuss von Äpfelwein).
Was hat das denn alles mit Perry Rhodan zu tun, werden sich jetzt ungeduldig die ersten Leser fragen. Nun, einmal ist die große Weltraum-Serie um den Erben des Universums ein klares Produkt des Golden Age der Science Fiction, also der vierziger und fünfziger Jahre, und zum anderen orientiert sie sich wie ganz oben beschrieben: Mit den Mitteln der Gegenwart werden Ansichten der Vergangenheit in die Zukunft projiziert.
„Was die Verfasser hingegen tun, ist, uns eine Geschichte zu erzählen, die mit fremden Geschöpfen geschmückt ist, mit Schwertgeklirr, faszinierenden Gerätschaften und – vorzugsweise – schönen Prinzessinnen. Die Geschichte selbst ist in ihrer Art meist traditionell, und ihr Problem wird durch schnellen Witz, Mut und brutale Gewalt gelöst. Wenn das wie das Rezept für ein Märchen klingt, so ist bei Märchen anzumerken, dass sie uns verzaubern und unser Wahrnehmungsvermögen erweitern.“ (Brian W. Aldiss im Vorwort zu Titan-18, Galactic Empires 1/1, Heyne 3920).
Das Große Imperium von Arkon mit seinen prunkvollen Palästen in Trichterform, dem hochmütigen Hochadel, einer jahrtausende alten glorreichen Geschichte, mit seiner schieren Größe und Pracht – das war anfangs der Stoff, der die Leser begeisterte. Und nicht nur damals, die Renaissance des Großen Imperiums in der aktuellen Serie spricht für sich. Dieser Rückgriff auf die Vergangenheit, in die gute alte Zeit der Ritter und Piraten, wo Helden noch Helden waren, ohne Furcht und Tadel voll Pathos kein Klischee ausließen, ist ja auch im Kino zu beobachten. Sehr erfolgreich sogar.
Das Solare Imperium war nur ein leicht demokratisch verwässerter Abklatsch des Großen Imperiums, wobei die demokratischen Strukturen bewusst unklar blieben – wer wollte schon von Ausschusssitzungen, Presseaffären, Schmutzkampagnen und all dem anderen Beiwerk unseres demokratischen Gemeinwesens lesen, das stand ja schließlich jeden Tag in der Zeitung. Beschreibungen von politischen Parteien und Wahlen tauchen in größerem Rahmen erst im Altmutanten-Zyklus (Bände 570-599) auf, der 1972/73 erschien. Eine eindeutige Reaktion auf die Faschismusvorwürfe von „ernsthafter und wohlwollender“ Seite, die damals auf die Serie hernieder prasselten. Aber diese Art von Leuten hatten noch nie eine romantische Ader, nur eine sture und penetrante Besserwisserei, gepaart mit einer gerade zu diktatorischen moralischen Anmaßung, über die „richtige“ politisch-gesellschaftliche Einstellung zu verfügen. Witzigerweise sitzen einige dieser Moralapostel heute selbst an den früher so verdammten Futtertrögen, aber wes Brot ich es, des Lied ich sing, oder wer will schon die Hand beißen, die ihn füttert.
Wie auch immer, die vergangenheitsorientierten Handlungsstrukturen werden natürlich mit den Mitteln der Gegenwart beschrieben. Niemand kann ernsthaft für sich in Anspruch nehmen, tatsächlich in die Zukunft zu schauen. Deshalb rattern in den sechziger Jahren im Perryversum mechanische Relais in den wohnhausgroßen Positroniken, die mit Symbolfolien, vulgo Lochstreifen, gefüttert werden. Es ist halt die den Autoren und Lesern vertraute Welt, und in den Sechzigern hatte noch kein Mensch eine Vorstellung von Handys. Und wer weiß, was in zwanzig Jahren zum Alltag gehört, dann werden die Leute genauso über unsere Zeit schmunzeln, wie wir über die Nierentische im Weltraum.
Und ich liebe diesen wunderschönen, altmodischen Stil der klassischen Zeit des Solaren Imperiums. Wenn ich einen Western lese, erwarte ich ja auch keinen Internetanschluss in Dodge City. Deshalb war und bin ich gegen jede Modernisierung der alten Romane. In diesem Sinne zurück in die Zukunft!
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