
Jerry Cotton



Der Mann, den man Jerry Cotton nannte
von Wolfgang Brandt
Teil 3 - Wie Mitautoren von der Sisyphusarbeit Heinz Werner Höbers profitieren und Jerry Cotton von einem Indianer unterstützt wurde
H. W. Höber hatte mit Jerry Cotton seine wahre Berufung gefunden und schrieb Roman für Roman. Doch was er dabei erkannte, war, dass nur der Name Cotton etwas taugte. Vorheriges konnte er kaum nutzen. Also ran an die Arbeit und dem Jerry Leben einhauchen, so seine Devise. Denn wie sich der Erfinder die Charaktere der Protagonisten vorstellte, konnte die Romanserie nicht funktionieren. Cotton konnte doch nicht einfach allein agieren. Kriminalistische Arbeit ist Teamwork. Da mussten jede Menge Spezialisten mit Fachkenntnissen her. Für den Leser interessante und farbige Figuren.
Alles musste realistisch rüberkommen. Das Nachprüfbare musste stimmen, damit das nicht Nachprüfbare geglaubt wird; ein Credo des Verlages. Und so saß Höber in seinem Mansardenzimmer in Recklinghausen und maß mit einem Lineal die Entfernungen auf dem Stadtplan von Manhattan nach. Alles sollte stimmen, die Einbahnstraßenregelungen (wichtig für Verfolgungsjagden!), der Verlauf der 5th Avenue, der des Broadway. Und Höber arbeitete sich durch ein 14 Pfund schweres Handbuch, das ihm das FBI in Washington hatte zukommen lassen. Höber las alle erreichbare Literatur über New York und das FBI, recherchierte vor allem in Karten, Telefonbüchern und Speisekarten der Stadt.
Außer der prägnanten Zeichnung der Gestalt Jerry Cotton gelang es ihm, die Aktionsräume des FBI-Agenten so genau zu beschreiben, dass jeder, der eine dieser Geschichten gelesen hat, sich am Ort ihrer Handlungen zurechtfinden konnte, in New York und in jeder beliebigen Gegend, beispielsweise in Nevada. H. W. Höber hat den Cotton-Geschichten einen realistischen Rahmen und ein generelles Handlungsgefüge gegeben und damit Leitlinien aufgestellt, an denen sich heute noch viele Autoren orientieren. Denn die Protagonisten Jerry Cotton, Phil Decker und Mr. High sind unantastbar.
Manche von Höbers Geschichten spielen im ehemaligen Wilden Westen. Und ebenso treten dort manchmal auch Indianer auf. Als Beispiel für eine solche moderne Wildwestgeschichte sei die Erzählung „Drei... zwei...eins – tot“. H. W. Höber plante, sie den Countdown des Grauens (G-man Jerry Cotton, Heft 674) zu nennen. Sie spielt in Nevada und schildert die Verfolgung eines Mörders von New York bis in die Wüstenlandschaft dieses Staates. Neben dem riesigen, athletischen Sheriff Nat Hogan von Winnemucca/ Nevada, der an Old Firehand erinnert, und ähnlichen Gestalten tritt ein Indianer auf, der in der Wüstenlandschaft Nevadas jedem Weißen überlegen ist. Hier einige Auszüge aus der Erzählung, die auf verblüffende Weise an Szenen aus den Indianergeschichten Karl Mays erinnern:
‚"Hat man das Land neben der Straße abgesucht?“
Statt einer Antwort schob der Sheriff zwei Finger zwischen die Lippen und stieß einen scharfen, weithin hallenden Pfiff aus. Irgendwo in der Schwärze der Nacht wurde der Pfiff erwidert. Und wenig später trabte ein Mann die Böschung herauf und zu uns. Er trug hautenge schwarze Lewis-Hosen, ein buntes Hemd und eine kurze Joppe, die über seinem mächtigen Brustkorb offen stand. Ein Blick in dieses kantige dunkle Gesicht verriet mir, dass ich einen Indianer vor mir hatte.
“Das ist Mata-uh“, sagte der Sheriff. „Er arbeitet für mich. Wie sieht's aus Mata-uh?“
“Keine Spuren in der Wüste“, sagte der Indianer. „Jedenfalls nicht im Umkreis von zweihundert Yard.“
“Da haben Sie ihre Antwort, G-man.“
Ich nickte. Ein Indianer mochte kein geschulter Kriminalist sein, aber in einer Gegend wie dieser hier wog sein Wort ebensoviel. Wenn er sagte, dass es keinerlei Spuren gab, durfte man sich wahrscheinlich darauf verlassen.’
An andere Stelle tritt eine Affinität des Indianers zu Karl Mays Winnetou sehr deutlich hervor:
’Mata-uh wandte uns seinen scharf geschnittenen Indianerkopf zu.
“Sheriff hat hier gelegen“, erklärte er und zeigte in das Gebüsch am oberen Rand des Hanges. „Lange Zeit hier gelegen. Er hat zwei Zigaretten geraucht“ (…)
“Was hat der Sheriff getan, nachdem er da aus dem Busch herausgekrochen ist, Mata-uh? Können Sie das aus den Spuren lesen?“
Der Indianer (...) streckte den Arm aus und zeigte den Hang hinab. „Der Sheriff ist da hinabgeklettert. Sehen Sie denn nicht die Fährte?“
„Nein“, sagte ich wahrheitsgemäß.
“Oh“, sagte der Indianer und sah uns grinsend an. „Die Fährte ist aber ganz deutlich.“
“Für Sie, das will ich nicht bestreiten. Sehen wir uns da unten um.“’
Der Indianer wurde „Arbeitnehmer“ beim FBI und ist dort der eitelste Mann. Phil Decker sagt über ihn: „Wenn es möglich wäre, würde der sich die Schnürsenkel nach Maß anfertigen lassen.“
Mata-uh trägt nur maßgefertigte Hemden und Anzüge vom feinsten, die Farbe der Socken passend zur Krawatte. Das ist halt seine Art von Luxus. Sei es ihm gegönnt.
© Wolfgang Brandt
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