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Jerry Cotton

Jerry Cotton

Der G-man, der die Welt bewegte

# 1: Das G-man-Experiment
Von Gangster-Chefs und Diamanten-Haien
29. Mai 2006

 

"Heute nennen mich meine Freunde wenigstens Jerry, aber früher riefen mich alle bei meinem vollen Namen: Jeremias. Schon als ich noch in Harpers Village im Staates Connecticut in die Dorfschule ging, zogen mich meine Kameraden mit diesem Namen auf, denn zu allem Unglück heiße ich auch noch Cotton, und das bedeutet Baumwolle.

Nie habe ich einen Menschen mehr gehasst als meine Patentante Henny. Sie war es, die mir diesen scheußlichen Namen verpasste …"

Jerry Cotton in Bastei Kriminalroman 68:
„Ich suchte den Gangster-Chef“, März 1954

 

Jerry Cotton - Ich suchte den Gangster-ChefMit diesen Zeilen wurde der Grundstein der erfolgreichsten Krimiserie aller Zeiten gelegt. 1953 hatte Delfried Kaufmann, Waschmittelvertreter der Firma Henkel, Gustav Lübbe den Vorschlag für „G-man Jerry Cotton“ gemacht, woraufhin ihm dieser einen Brief zurück schrieb, dass ihm die Idee gefiel und er innerhalb des Bastei-Kriminalromans alle 6 Wochen einen neuen Jerry Cotton-Roman bringen wollte. Diesen Brief, der mit den hoffnungsvollen Worten „hoffentlich gelingt auch das G-man-Experiment“ endete, ließ Kaufmann Jahre später einrahmen und schenkte ihm Gustav Lübbe zu dessen 75. Geburtstag.

Aus einer Geldnot heraus schrieb Delfried Kaufmann auf einer Vorkriegsschreibmaschine der Firma „Bing“ seinen ersten Cotton-Roman auf seinem Küchentisch in Essen im Sommer 1953.

Nachdem der Verlag, für den Delfried Kaufmann bereits einige Kriminalheftromane des englischen Whodunnit-Genres geschrieben hatte, den Jerry Cotton Roman jedoch ablehnte, wandte sich Kaufmann an Lübbe. Nach eigenen Angaben musste Delfried Kaufmann wohl zur damaligen Zeit „ohne es zu realisieren einen gewissen Ruf bei Heftromanverlegern gehabt haben“. 1953 besuchte ihn Gustav Lübbe, um mit ihm über die Mitarbeit an zwei Serien zu verhandeln. Kaufmann gab Lübbe das Manuskript seines ersten Jerry Cotton Romans mit; dieser kaufte den Roman an und veröffentlichte ihn als Bastei-Kriminalroman 68, für damalige 50 Pfennig. Etwa ein dutzend Romane später, als sich für Kaufmann der Absprung ins normale Berufsleben bot, sah dieser seine Schriftstellerkarriere als obsolet an. Dennoch schrieb er weitere Romane für die Cotton-Serie und trägt sogar heute noch gelegentlich ein Heft zur Cotton-Serie bei – unter anderem sogar das Jubiläums-Heft 2000 („Die Stunde nach Mitternacht“).

Jerry Cotton - Ich jagte den Diamanten-HaiSchon von Anfang an erschienen die Jerry Cotton Romane unter der Autorenangabe „von G-man Jerry Cotton“. Bereits während der Zeit im Bastei-Kriminal-Roman schrieben an der Serie weitere Autoren mit: Heinz Werner Höber (dazu später mehr) und Kurt Reis. Mit letzterem hatte Delfried Kaufmann auf einem Spaziergang darüber gesprochen, mit einem Jeremias Baumwolle die Krimigattung auf die Schippe zu nehmen. Bereits nach einigen Ausgaben, mit Nummer 165: „Ich gewann das tödliche Spiel“, wurde Jerry Cotton aus dem Bastei Kriminal-Roman ausgekoppelt und als eigenständige Serie mit Band 1 – „Ich jagte den Diamanten-Hai“ (von Delfried Kaufmann) ab dem 10. März 1956 mit den klangvollen Worten „G.-man Jerry Cotton machte sich selbstständig“ fortgeführt.

In viele Sprachen wurde die Serie inzwischen übersetzt (sogar ins Chinesische – und auch für ein paar Romane ins Englische), doch in Amerika ist Jerry Cotton gänzlich unbekannt. Doch beim FBI ist er trotzdem bekannt, obwohl es ihn als FBI-Agenten, der in New York City (und wenn nötig in allen anderen Teilen der Welt auch) ermittelt, nicht gibt. Denn in den 50er und 60er Jahren schickten die Fans Körbe weise Post nach Amerika – sie wollten Jerry Cottons Adresse, diesen G-man kennen lernen und es wurden sogar Heiratsanträge an Jerry Cotton nach Amerika geschickt.

Wurde zuerst den Lesern vom damaligen FBI-Chef John Edgar Hoover freundlich geantwortet, dass es einen G-man Jerry Cotton nicht gäbe, ließ man später sogar Antwortkarten mit dem Satz „G-man Jerry Cotton is a fictional Agent“ drucken. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wurde Jerry Cotton zur Legende.

 

Martin Palm

 

In der nächsten Jerry Cotton Kolumne auf geht es um Neuauflagen, Taschenbücher und eine unstillbare Lesergemeinde.

Bildquelle: Bastei-Verlag, Bergisch-Gladbach

© Martin Palm

 

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