
„Das Verbrechen lag bereits ein halbes Jahr zurück, aber erst jetzt fand man die Leichen. Fünf Menschen, kaltblütig hingerichtet und verstümmelt, damit eine Identifizierung nicht mehr möglich war. Und nicht nur in New York, auch in anderen Staaten der USA fand man ähnlich zugerichtete Körper. Phil und ich nahmen die Ermittlungen auf und trafen auf einen Zeugen, der uns von einem geheimnisvollen Zug erzählte, der quer durch die USA fuhr – ein Phantom-Zug, das rollende Hauptquartier einer mysteriösen Mordorganisation, die sich die „Domäne“ nannte. Als Phil und ich der Spur folgten, gerieten wir in einen Hinterhalt und die „Domäne“ schlug eiskalt zu. Wir konnten ja nicht ahnen, dass wir einen Verräter in den eignen Reihen hatten …“
Mit diesen Worten wurde den Lesern der Jerry-Cotton-Serie einer der bis heute wohl beliebtesten Zyklen der gesamten Krimiserie angekündigt – nämlich der rote Faden rund um die Terror-Organisation „Domäne“. Wie auch der Handlungsstrang um High-Tech-Terrorist Jon Bent sollte sich diese Gruppe an Bösewichten über hundert Romane lang in der Serie halten (von Band 2272 – 2374). Der erste Roman dieser Storyline bestätigt gleichzeitig auch das Sprichwort, dass große Ereignisse ihre Schatten voraus werfen, denn ohne von der Domäne zu wissen wurden die Leser schon dutzende Bände zuvor mit der Verbrecherorganisation konfrontiert – nämlich als erstmals bekannt wurde, dass es in den Reihen des FBI einen Verräter gab bzw. gibt (übrigens wieder mal ein Beispiel für die exzellente Zusammenarbeit des Jerry Cotton Teams, da sicher einiges an Organisationstalent dazu gehört, solche gewaltigen Handlungsfäden zu koordinieren).
Doch so packend dieser Einstieg auch klingt, so mäßig fällt der 1. Teil im Vergleich zur aufgebauten Erwartungshaltung aus. Natürlich soll das nicht heißen, der Roman „Die unbekannte Macht“ wäre nicht spannend oder gar unterdurchschnittlich, aber man hätte aus dem gegebenen Material meines Erachtens durchaus mehr machen können. Das erleichtert zwar Lesern, die bislang noch überhaupt nichts von Domäne und Co gehört haben, den Einstieg in diese Storyline, ist aber für diejenigen, die bereits durch Romanen wie z. B. „Die Glorreichen vom FBI“ (Band 2254) mit der Domäne vertraut sind, teilweise nicht ganz so spannend. Denn so manche Zutaten, aus denen Band 2272 geformt wird, sind nicht grade neu: Schrecklich zugerichtete Leichen, schmierige Zeugen und Anschläge auf Bundesbeamte – das hat man doch irgendwo schon mal gehört.
Doch der Domäne-Zyklus ist nicht umsonst derart berühmt bei den eingefleischten Cotton-Fans, weshalb es also auch in diesem Roman einige Lichtblicke machen, die ihn zu einem lesenswerten Krimi machen: Nämlich die Domäne selbst und der mysteriöse Touch, der sie umgibt, wenn der auch hier noch nicht vollständig zur Geltung kommt. Und nicht zuletzt das ungewöhnliche Wiedersehen mit Jon Bent zum Ende des Romans hin, was allerdings nichts mit der eigentlichen Handlung zu tun hat (d. h. es handelt sich dabei auch um keinen Spoiler, sondern nur um eine gelungene Szene im Roman). Der wartet übrigens noch auf seine Hinrichtung, der wir im bald erschienenden Band 2280 (passenderweise „Todesstrafe für Jon Bent“ betitelt) beiwohnen werden.
Fazit: Trotz Füll-Szenen ein sehr lesenswerter Cotton-Roman – und für diejenigen, die viele der kommenden Romane in der 2. Auflage voll und ganz genießen wollen, sowieso Pflichtlektüre.
Jerry Cotton Band 2272: „Die unbekannte Macht“ erscheint morgen, 12. August 2008 als 2. Auflage zum Preis von 1,60 EUR
Die nächste Jerry Cotton Kolumne erscheint am Montag, 18. August 2008
Bildquelle: Bastei-Verlag, Bergisch-Gladbach