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Jerry Cotton

Jerry Cotton

Der G-man, der die Welt bewegte

# 95: Status Quo – Die 1. Auflage
Ein Kommentar zu einem neuen Jerry Cotton Roman

Manch Leser der Jerry-Cotton-Kolumne wird sich bereits gewundert haben, weswegen in letzter Zeit fast ausschließlich die 2. Auflagen bewertet wurden, während das aktuelle Geschehen in der 1. Auflage kaum noch Beachtung fand. (Und wer gelegentlich mal in meinem Krimi-Blog http://www.krimi-kritiker.blog.de unterwegs war/ist, wird vielleicht auch hier die Jerry-Cotton-Vorschau vermissen.) Das hat natürlich alles seinen Grund, da ich die neuen Romane im Augenblick schlicht und ergreifend nicht mehr lese. Das liegt allerdings nicht nur an Zeitmangel und Vergleichbarem, sondern ganz einfach daran, dass ich lange Zeit einfach keine Lust mehr hatte, die neuen Romane zu lesen.

Trotzdem habe ich mal wieder Lust gekriegt, einen Blick in die neuen Romane zu riskieren. Immerhin hat sich ja in letzter Zeit – wie bereits in meinem Blog diskutiert wurde –, einiges getan in der Serie. Was für mich Grund genug war, noch mal einen Versuch zu wagen, und zwar mit Band 2662: „Schicksalsstunde in New York“, der vor wenigen Wochen erschienen ist:

„Kaum bei ihrer Mutter in New York angekommen, wird die 18jährige Jenny Boulder entführt. Phil und ich glaubten, es mit einem gewöhnlichen Fall von Kidnapping zu tun zu haben - soweit man bei einer solchen Sache überhaupt von gewöhnlich sprechen kann. Dann aber häuften sich die Eigentümlichkeiten und bald stellten wir fest, dass die Entführung Jennys ihren Grund in einer Geheimdienstoperation hatte, die fünfzehn Jahre zurücklag...“

Leider trug dieser Roman nicht gerade dazu bei, meine Laune in puncto Erstauflage zu bessern. Obwohl die Story wegen des Bezugs zu den Geheimdiensten noch recht passabel klingt, liegt das Problem dieses Romans in diesem Fall aber weniger in seiner Story als vielmehr im Schreibstil des Autors, der mich schon nach den ersten Seiten extrem auf die Palme gebracht hat. Kostprobe gefällig?

Auf Seite 13 ist Simon Boulder gerade so einem Mordanschlag entgangen. Logischerweise ist der Mann also nicht in der allerbesten Verfassung, als er per Handy seinen ehemaligen Vorgesetzten Lane Johnson anruft. Aber als er dann mit ihm telefoniert, legt er auch voll los: In einer annähernd perfekten Zusammenstellung – soweit meine mehr oder weniger bescheidenen Deutschkenntnisse das erkennen – aus Subjekt, Prädikat, Objekt und ähnlichem wiederholt er das zuvor Geschehene:

„’Ich traf mich vor dem Museum mit Fjodor. Plötzlich fuhr ein Ford heran, und der Beifahrer zielte mit einer Pistole auf mich. Es gelang mir, Fjodor in die Schussbahn zu zerren, und dann bin ich abgehauen.’“

Leider ist dieses Beispiel im Vergleich zu den ersten Seiten des Romans noch relativ minderwertig (noch authentischer ist da z. B. die Frau, deren Tochter kurz vorher entführt wurde und die nun aber dazu in der Lage ist, superpräzise und sprachlich hervorragend formulierte Aussagen über deren Lebenslauf zu machen). Es wäre ja noch halbwegs logisch, wenn sich nur eine Person einer etwas gewählteren Sprache bedient, aber dass in dem Roman nicht nur der Erzähler sowie Simon Boulder, sondern quasi alle Figuren einen solchen Sprachstil pflegen, ist nicht nur unglaubwürdig und unrealistisch, sondern auch noch extrem nervtötend und stört/stoppt auf die Dauer den Lesefluss.

Atmosphäre kommt da kaum noch auf – kein Wunder, immerhin bemüht sich der Autor auch nicht grade, beim Leser ein inneres Bild von der Szenerie aufzubauen, sondern rattert stur seine Story herunter, sodass man das Gefühl hat, hier hätte jemand ein von vornherein vorgegebenes Exposé lieblos abgearbeitet.

Es mag vielleicht sein, dass nur ich diesen Eindruck habe, aber die knisternde Stimmung früherer Romane – in denen die Stories nicht nur aus langweiligen Verhören, eintönigen Gesprächen zwischen Gangstern/Opfern und ein wenig Rumgeballer bestand – ist wohl unwiderruflich verloren. Und wenn Jerry und Phil zwischendurch in den neueren Romanen mal einen Kaffee trinken gehen, ist das trotzdem noch immer was völlig anderes als wenn es eine durchgehende Storyline gibt, die nebenbei im Hintergrund läuft (und das nicht zwingend nur über einen, sondern auch mal über mehrere Romane) …

Ob sich die Kriminalfälle selbst gebessert haben oder nicht, kann ich – da ich besagten Roman nicht zu Ende gelesen habe – nun leider nicht beurteilen, aber selbst wenn, haben auch hier die früheren Romane im Bereich von Band 2000 – 2500 bewiesen: Selbst schlechte Fälle können locker durch einen passenden, spannenden Schreibstil und die richtige Cotton-Atmosphäre ausgeglichen werden. Aber da rede ich mir seit Ewigkeiten den Mund fusselig.

Zumindest einige dieser Elemente lassen nach wie vor stark zu wünschen übrig, sodass die Heftroman-1.-Auflagen wohl eher eine Seltenheit in der JC-Kolumne bleiben werden. Trotzdem heißt das allerdings nicht, dass die neuen Romane schlecht sein müssen: Was man durchaus feststellen kann ist, dass die Serie einen neuen, ganz anderen Stil gefunden hat. Ob einem der gefällt, bleibt dem Geschmack jedes einzelnen Lesers überlassen. Ich habe da nach wie vor meine Probleme …

Die nächste Jerry Cotton Kolumne erscheint am Montag, 21. Juli 2008

Bildquelle: Bastei-Verlag, Bergisch-Gladbach

© Martin Palm

 

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