Die Serienfigur Jerry Cotton und die Medien – das ist eine regelrechte Katz-und-Maus-Beziehung. Wenn Jerry mal nicht gerade mit einer Reporterin schläft oder die New Yorker Medienbranche dazu missbraucht wird, einen Täter mit gefälschten Presseinformationen aus der Reserve zu locken, wird der journalistische Bereich in der Regel mit recht abfälligen Worten bedacht. Man gewinnt als Leser den Eindruck, dass der mediale Berufszweig den grundehrlichen, guten FBI-Agenten stets nur das Schlechteste will. Kurzum: Schlechtere Menschen sind wohl nur noch die Verbrecher, die Cotton und Kumpane Decker Woche für Woche jagen. Außerdem wollen die beiden ja sowieso stets lieber im Hintergrund arbeiten, anstatt ihre Fotos in der Zeitung begutachten zu können.
Verständlich, dass bei dieser negativen Beziehung Mr. Highs neuer Auftrag nur noch Öl ins Feuer gießt. Das FBI-Hauptquartier in Washington möchte nämlich mit einer groß angelegten Presseaktion das öffentliche Image der Bundesbehörde wieder aufpolieren. Darum entschloss man sich dazu, Phil und Jerry einen Tag lang von zwei Reportern begleiten zu lassen. Damit denen nichts geschah, beauftragte John D. High die beiden Agenten mit einem uninteressanten Routine-Job. Doch was schief geht, geht schief: Die Aktion war alles andere als eine Routine-Aufgabe und schon bald schwebten Reporter wie Bundesagenten im Kugelhagel. Aber egal, wie bleihaltig die Luft wurde: Die Report halten drauf, um hautnah das exklusive Material einzufangen …
„Die Glorreichen vom FBI“ ist ein Paradebeispiel dafür, wie man eine vom Grundsatz her recht actionlastige Story so verpacken kann, dass sie zumindest in einigen Punkten für Cotton-Liebhaber zu einem unvergesslichen Ereignis wird. Das fängt schon mit den Namen der beiden Reporter an – die heißen nämlich Al Frederic und Ken Roycroft. Zwei Namen, die dem durchschnittlichen Cotton-Leser nicht wirklich viel sagen dürften und selbst mancher Cotton-Fan könnte sie bis dato allenfalls aus den Copyright-Angaben bei den Fotos im Mittelteil kennen.
Hinter dem Pseudonym Ken Roycroft verbirgt sich nämlich kein geringerer als Horst Friedrichs; der Cotton-Autor, der bis heute die mit Abstand meisten Romane zur Jerry-Cotton-Serie beigetragen und unter diesem Decknamen unter anderem Western- und Gruselromane verfasst hat und noch immer fleißig für die Cotton-Serie schreibt. Bei Al Frederic handelt es sich um seinen Bruder Holger, der selbst schriftstellerisch mal im Heftromanbereich aktiv war und im Bereich der 1800-er/1900er-Bände für etliche Cotton-Heft-Covers verantwortlich war.
Eine sehr phantasievolle, bemerkenswerte Nebenüberraschung, die damals sicher nur sehr, sehr wenigen Lesern aufgefallen ist und heute vermutlich gänzlich unter den Tisch fällt: Die ursprünglichen, in der Regel zum Roman passenden und optisch meist auf höchstem Niveau ausfallenden Titelbildmotive wurden mittlerweile durch nichts sagende oder extrem unästhetische Filmfotos ersetzt – und bei den aktuellen Fotos in der 1. Auflage im „Cotton aktuell“-Bereich ist mittlerweile ohnehin von keinem Ken Roycroft mehr die Rede.
Abgesehen von diesen kleinen Aufmerksamkeiten nebenbei, endet Jerry Cotton Band 2254 zudem mit einer tollen Schlussüberraschung, denn hier wird der erstmals am Ende des „Der Tag, an dem Phil Decker starb“-Mehrteilers angeschnittene Handlungsstrang fortgeführt. Ein komplexer roter Faden, der sich noch weit über hundert Bände durch die Serie ziehen wird und insbesondere neueren Lesern sehr zu empfehlen ist.
Fazit: Trotz einiger actionlastiger Szenen ein empfehlenswerter Roman von Jon-Bent-Erfinder Michael J. Parrish, den man sich nicht entgehen lassen sollte.
Jerry Cotton Band 2254: „Die Glorreichen vom FBI“ erscheint morgen, 8. April 2008 als 2. Auflage zum Preis von 1,60 EUR
Die nächste Jerry Cotton Kolumne erscheint am Montag, 14. April 2008
© Martin Palm