
Jerry Cotton

Der G-man, der die Welt bewegte

# 71: Der Prostituierten-Killer, die Guten und der Gangsterboss
Jerry Cotton Band 2239: „Das Auge der Bestie“
Im Serienkiller-Subgenre haben es die Autoren wohl auf kaum eine andere Berufsgruppe so sehr abgesehen wie auf die Damen des horizontalen Gewerbes. Glaubt man den unzähligen Romanen aus diesem Bereich, dürften mittlerweile mehr Prostituierte abgeschlachtet als zu ihrem ursprünglichen Zweck genutzt worden sein – an allen Ecken und Enden werden die Frauen aufgeschlitzt, abgemurkst, zerhackt, zerstückelt, erdrosselt oder erwürgt. Da ist es nur eine natürliche Schlussfolgerung, dass das Ganze irgendwann auf Kosten der Logik geht, denn wenn man diesen Romanen nur einen Funken Glauben schenkt, müsste die Welt mittlerweile zur einer Hälfte aus lebenden und toten Prostituierten bestehen und zur anderen aus Menschen, die diese umbringen. Abgesehen davon, dass es gewisse Momente gibt, in denen man als Leser/in schlichtweg genervt ist von den vielen Tätern aus diesem Bereich.
Es gibt doch schließlich genügend Menschen aus den verschiedensten Alters- und Berufsgruppen mit den unterschiedlichsten Haut- und Haarfarben; warum also muss immer diese Gruppe leiden? Womöglich, weil der wohl bekannteste Serienmörder aller Zeiten, Jack the Ripper, diesen Opfertypen ausgewählt hat? Das Problem ist hierbei gar nicht mal nur, dass hier ständig Prostituierte getötet werden, sondern vielmehr die des Öfteren eher mangelhafte Qualität der Romane selbst, die nur allzu oft nach Schema F ablaufen – nicht, dass das andere Romane nicht auch täten, aber hier fällt das nun mal besonders auf.
Diese Art von Serienkillern wurde inzwischen in etlichen TV-Serien, Filmen, Romanheften, Taschenbüchern und Hardcovers von den schreibenden Tätern ins Rennen geschickt – logisch, dass da auch die Cotton-Serie keine Ausnahme machte. Im Laufe der Jahre wurden hier bis heute auch so viele Damen aus dem ältesten Gewerbe der Welt getötet, dass man sich allmählich fragt, woher die so zahlreich in New York auftauchenden Mafiabosse überhaupt noch die ganzen Prostituierten nehmen, mit denen sie Teile ihrer Einnahmen erwirtschaften.
Wie bei allen anderen Cotton-Romanen auch, gibt es bei diesem Romantyp natürlich auch zum Teil himmelweite Qualitätsunterschiede. Im guten Mittelfeld liegt hier die aktuelle (wegen der Feiertage übrigens bereits am Samstag erschienene) 2. Auflage Band 2239: „Das Auge der Bestie“. Natürlich sind auch die Elemente, mit denen der Autor seinen Roman mixt – der Serienkiller, die Guten und ein Gangsterboss – nicht gerade neu, aber immerhin so gemischt, dass man sich gut unterhalten fühlt: Jerry Cotton und Phil Decker jagen den „Würger von Manhattan“, wie ihn die Presse tauft – einen geistesgestörten Mörder von Prostituierten, der sich selbst „Lucifer“ nennt. Schließlich kommen die beiden FBI-Agenten dem Serienkiller auf die Spur…
Obwohl ich damals ziemlich schnell auf den Täter gekommen bin, überzeugt hier das Tätermotiv bzw. der Auslöser für die Morde – ganz im Gegensatz zu vielen anderen Romanen mit ähnlicher Handlung; einer der wenigen Cotton-Krimis dieser Art, an den ich im Nachhinein ziemlich gerne zurückdenke.
Fazit: Überm Durchschnitt und auf alle Fälle lesenswert.
Eine wirkliche Rakete aber gab es überraschenderweise in diesem Jahr mit Band 2596: „Der Barbier von Manhattan“ – ein exzellenter Serienmörder-Thriller; nicht nur der mit Abstand beste Prostituierten-Mörder-Krimi der Cotton-Serie, sondern wohl einer der besten mit dieser Thematik überhaupt. Jedem, der von den vielen belanglosen Romanen dieser Art genervt ist oder einfach mal einen sehr guten Roman lesen möchte, sollte hier unbedingt zugreifen. Auch wenn hier ebenso ein kleiner Zuhälter-Krieg mit hereinspielt, überzeugt dafür das Täter-Motiv umso mehr. Einer der besten Romane des Jahres 2007.
Nur 20 Ausgaben zuvor gab es kurioserweise den absoluten Tiefpunkt im Nuttenmörder-Gebiet, und zwar mit Band 2576: „Verräter sterben schnell“ – ein Heft, auf dessen Fortsetzung ich vergeblich wartete. (Ich habe zwar nicht alle Romane ab dieser Ausgabe gelesen, habe mir aber von anderen Lesern sagen lassen, dass der Serienmörder aus diesem Roman noch immer nicht gefasst wurde.)
Die nächste Jerry Cotton Kolumne erscheint wegen der Feiertage erst am Montag, 7. Januar 2008
Bildquelle: Bastei-Verlag, Bergisch-Gladbach
© Martin Palm
|