
Jerry Cotton

Der G-man, der die Welt bewegte

# 65: Prison Break
Band 2233: „Der Mann, der Riker’s Island knackte“
Nicht selten kommt es schon mal vor, dass sich hinter einer belanglosen Vorschau ein unglaublich starker Roman versteckt – wie zuletzt in der 2. Auflage zum Beispiel bei Band 2231: „Das Siegel des Todes“. Den Umkehrschluss gibt es leider auch, nämlich dass sich hinter einer verheißungsvollen Ankündigung nicht viel mehr als heiße Luft versteckt. So auch in Band 2233: „Der Mann, der Riker’s Island knackte“.
Dabei ist die Ausgangssituation gar nicht mal so schlecht. Dieser Roman schließt sich direkt an den weitaus besseren Band 2189: „Höllenflug“ (siehe mehr dazu in Jerry Cotton Kolumne 14) an. Neben der Rache von Pedro Sanguinar an Jerry Cotton in dem Mehrteiler „Mein letzter Fall“ (siehe Band 2161 – 2164) und den etlichen Auftritten von Jon Bent gab es zu dem Zeitpunkt nämlich noch einen weiteren Gegner, der noch einmal in der Serie auftauchten sollte bzw. sich seine Wunden leckte und auf Rache sann: Thomas McAuley, der der Drahtzieher der Flugzeugentführung in besagtem „Höllenflug“ war und zum Ende des Romans spurlos verschwand – und das für eine lange Zeit, denn sage und schreibe über ein Jahr lang hörte man nichts mehr von ihm (sodass ich mich damals zuweilen schon fragte, ob die Autoren diese Storyline einfach vergessen hatten – ähnlich wie später auch beim „Senior“, zwischen dessen einzelnen Auftritten zum Teil ebenfalls sehr viel Zeit verstrichen ist).
In Band 2233 kehrte er nun allerdings zurück – und zwar, um seine Freunde, die man damals verhaftet hatte, wieder aus dem Gefängnis herauszuholen. Um dieses Ziel zu erreichen, war ihm quasi jedes Mittel recht – Erpressung und Entführung mit inbegriffen …
… und das ist im Wesentlichen auch schon der Inhalt des Romans, denn viel zu erzählen gibt es da nicht. Wir erfahren zwar etliche Einzelschicksale, wodurch McAuley letztlich jenen ultimativen Gefängnisausbruch (oder „Prison Break“, wie es wohl heutzutage nicht zuletzt durch die bei RTL derzeit ausgestrahlte Krimi-Fortsetzungsserie heißen würde) durchziehen will, aber was sich hier auf dem Papier nach sehr viel anhören mag, ist in der Realität dann doch eher mager.
Der Roman kommt schlicht und ergreifend zu schleppend in Gang. Es dauert über die Hälfte des Romans, bis Jerry Cotton und Phil Decker überhaupt in dem Fall eingeschaltet werden – das ist meiner Meinung nach eindeutig zu lange; jedenfalls dann, wenn man ansonsten in erster Linie mit den Machenschaften der Gangster im Hintergrund konfrontiert wird. In heutigen Cotton-Heften ist es zwar so manches Mal eine echte Erholung, wenn man Jerry Cottons arrogantes Geschwafel nur in geringen Mengen ertragen muss, aber so wenige Ermittler-Szenen sind doch etwas zuviel (oder eher zu wenig) des Guten; zumal Cotton ja damals Gott sei Dank noch nicht permanenter Unsympathieträger war wie in manch aktuellem Roman. Zwar bleiben einem dafür langwierige Verhöre und Befragungen erspart; die Spannung in weiten Teilen aber auch.
Davon abgesehen ist auch der Plan, mit dem McAuley seine Kumpane aus dem Knast wieder rausholen möchte, nicht allzu spektakulär. Hier ein bisschen Erpressung, da eine Entführung und schon sitzt das Ganze. Mag in der Realität vielleicht möglich sein, liest sich auf dem Papier allerdings relativ unspannend.
Fazit: Ein netter Zeitvertreib für zwischendurch – aufgrund der fehlenden Action und Dramatik allerdings nicht mehr als ein ganz kleiner Appetitanreger, der nicht an die Glanzstücke der letzten zwei Wochen (Band 2231: „Das Siegel des Todes“ und Band 2232: „Die Geisel des ‚Generals’“) anknüpfen kann und ebenfalls nicht so stark ist wie der Vorgänger-Band „Höllenflug“. Aus der Knastausbruch-Thematik hätte man meines Erachtens mehr machen können (wer einen wirklich exzellenten Cotton Knast-Thriller lesen will, sollte übrigens unbedingt das 1998 erschienene Taschenbuch 443: „Die Verdammten von Block 13“ lesen – ein echter Top-Roman). Immerhin spricht das für die Klasse der Jon-Bent-Romane, denn es beweist letztlich, dass man nur mit einem wiederkehrenden Gegner nicht zwingend überragende Stories produziert.
Jerry Cotton Band 2233: „Der Mann, der Riker’s Island knackte“ erscheint morgen, 13. November 2007 als 2. Auflage zum Preis von 1,50 EUR
Die nächste Jerry Cotton Kolumne erscheint am Montag, 19. November 2007
Bildquelle: Bastei-Verlag, Bergisch-Gladbach
© Martin Palm
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