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Jerry Cotton

Jerry Cotton

Der G-man, der die Welt bewegte

# 63: Das Siegel des Todes
Auf keinen Fall verpassen: Jerry Cotton 2. Auflage Band 2231

Es gibt Dinge, die man im Laufe der Jahre so oft erwähnt, dass man sich schon regelrecht den Mund fusselig redet. Das ist zum Beispiel bei den von mir nahezu ständig in aktuellen Romanen geforderten privaten Nebenhandlungen so: Kaum eine Jerry-Cotton-Rezension, in der fehlender Witz und Humor nicht bemängelt werden muss. Zum Glück stehe ich damit nicht alleine da: Ein häufig von sehr vielen Fans bemängeltes Kriterium bei der Cotton-Serie ist inzwischen die nicht vorhandene Sympathie zu den Hauptfiguren.

Wie ich in der letzten Cotton-Kolumne schon geschrieben habe, ist zwar die Qualität der Fälle wieder deutlich angestiegen – das bedeutet aber noch lange nicht, dass die Charaktere deshalb sympathischer geworden sind. Ganz im Gegenteil – die agieren nach wie vor in der Regel relativ blass und farblos; von ein paar Ausnahmen mal abgesehen. Ein Grund hierfür dürften wohl die vielen Wechsel im Autorenteam der Serie gewesen sein; viele neue Autoren scheinen zum Teil echte Probleme mit den Hauptfiguren zu haben.

Fast alle Romane von Annie-Geraldo-Erfinder Martin Barkawitz zeichnen sich durch glaubwürdige Charaktere aus. Diese Stories haben das, was man sonst etwas unbeholfen als „das gewisse Etwas“ bezeichnet: Es ist nicht so, dass jeder Fall die Offenbarung ist/war – aber hier zeigt sich ganz deutlich der Unterschied zwischen heutigen und früheren Romanen. Selbst wenn damals mal die Hauptstory nicht so gelungen war – beispielsweise in Band 2228: „Die Pforte des Todes“ – war der Roman deshalb nicht schlecht, denn dafür hat das Zusammenspiel der Charaktere meistens Spaß gemacht; vom hohen Unterhaltungswert mal ganz abgesehen. Wenn in aktuellen Romanen der Fall schlecht ist, ist in der Regel auch der ganze Roman von unterdurchschnittlicher Qualität – eben weil das Besondere an den Romanen fehlt.

Bisher hatte Barkawitz für die Serie einige Glanzstücke geschrieben. Allen voran natürlich die „Annie Geraldo“-Trilogie in Band 2186 – 2188; die drei Romane, zu denen er von den Lesern wohl das meiste Lob einfuhr. Aber auch andere Hefte wie etwa Band 2198: „Unser Job in Belgrad“ und der Berlin-Krimi in Band 2216: „Unser Einsatz in Berlin“ sind echte Top-Romane der Serie. Noch einmal gesteigert hat er das alles mit Band 2231: „Das Siegel des Todes“. Hier treffen nicht nur ein tolles, sympathisches Team und glaubwürdige und liebenswerte Hauptfiguren, sondern auch atemberaubende Action und Dramatik aufeinander:

Prinz Fahrid, der Thronfolger eines kleinen arabischen Wüstenstaats, besuchte New York und brachte ein archäologisches Fundstück von unschätzbarem Wert mit, dass er dem Metropolitan Museum of Art für eine Woche zur Verfügung stellte: das Spiegel von Al Rasr. Ausgerechnet Jerry Cotton und Phil Decker sollten auf das Siegel und den Prinzen aufpassen. Dieser wurde von der Presse passenderweise „Prinz Terminator“ genannt, da er in seiner Heimat die Opposition mit Folter und Mord brutal unterdrückt. Das Ganze sollte sich zu einem regelrechten Höllenjob entwickeln – denn Terroristen und raffinierte Gangster hatten es auf das Siegel abgesehen und wollten den Prinzen töten …

Ich hatte es ja schon einmal geschrieben: Vorschauen sind ein großes Problem in der Cotton-Serie. Entweder sie sind so spannend gestaltet wie ein Waschmittelwerbespot – so wie aktuell des Öfteren – oder sie spoilern rund 90 % des Inhalts. Schade, dass man ausgerechnet bei diesem Roman im Vorschautext soviel gespoilert hat, sodass die Überraschung zum Ende hin womöglich bei nicht jedem Leser voll und ganz aufgegangen ist (glücklicherweise hatte ich, als ich den Roman in 1. Auflage las die Vorschau nicht gelesen …).

Nur so viel: Dieser Roman ist sein Geld wirklich wert und selbst wenn die oben stehende Kurz-Vorschau noch nicht auf eine allzu überraschende Story hindeuten mag, sollte man ihn sich nicht entgehen lassen – sowohl wegen des Kriminalfalls als auch wegen der Romanfiguren. Das Zusammenspiel der Personen ist einfach perfekt und die Nebenhandlung zwischen Phil und Jerry sorgt für eine wunderbare Stimmung. Die Freundschaft der beiden steht hier einfach im Vordergrund: Sobald es dem einen schlecht geht, ist der andere für ihn da. Fairerweise muss hier dazugesagt werden, dass auch früher nicht jeder Autor diesen Ton hundertprozentig getroffen hat – hier spielt Barkawitz wirklich in seiner eigenen Liga; Vergleichbares hat wohl so oft in erster Linie nur Michael J. Parrish zustande gebracht. Denn zwar gab es früher weitaus mehr Romane in diesem mit als heute; dennoch sticht „Das Siegel des Todes“ selbst da hervor. Das Ganze gewürzt mit einem tollen Kriminalfall ergibt einen großartigen Cotton-Krimi, wie man ihn sich nur wünschen kann; eben so sympathische oder gar farbenfrohere Figuren findet man wohl nur in der US-amerikanischen Erfolgs-Krimiserie „Navy CIS“.

Alles in allem sind das die Stories, von denen man nicht genug kriegen kann – da ist es nur natürlich, dass Barkawitz aktuell nicht (mehr) aktiv für „Jerry Cotton“ schreibt. Glücklicherweise ist er mit einem ebenfalls sehr gut (wenn auch anders als bei Cotton) gestalteten Ermittler-Team zurück, und zwar in seiner E-Book-Krimiserie „EU Undercover“ beim VPH-Verlag – eine Serie, die mich als alten Skeptiker und Liebhaber von Printmedien von der Qualität elektronischer Bücher auf jeden Fall überzeugt hat und die ich an dieser Stelle nur wärmstens empfehlen kann.

Fazit: Es ist von Natur aus bei einer über 3000 Romane schweren Serie höchst kompliziert, die besten Titel herauszufiltern. „Das Siegel des Todes“ gehört aber auf jeden Fall in eine Top 30 der besten Cotton-Hefte der Bände 2000 – 2600. Solche Romane sind der Grund, warum selbst heute noch viele Leser der Zeit hinterher trauern, in der Peter Thannisch als Cotton-Redakteur aktiv war und in der von Autoren wie Martin Barkawitz oder Michael J. Parrish (Erfinder von Jon Bent und Co) etliche Romane erschienen …

Jerry Cotton Band 2231: „Das Siegel des Todes“ erscheint morgen, 30. Oktober 2007 als 2. Auflage zum Preis von 1,50 EUR

Die nächste Jerry Cotton Kolumne erscheint am Montag, 5. November 2007

Bildquelle: Bastei-Verlag, Bergisch-Gladbach

© Martin Palm

 

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