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Jerry Cotton

Jerry Cotton

Der G-man, der die Welt bewegte

# 48: Die letzte Fahrt im Jaguar
Über wertlosen Schrott, einen Sack Ziegelsteine und seelenlose Bürokraten

Dass herausragende Romane herausragend angekündigt werden, gab und gibt es sogar heute noch immer von Zeit zu Zeit in der Jerry-Cotton-Serie und in der Regel sind solche Ankündigungen auch gerechtfertigt, vor allem, wenn man an solch großartige Romane wie Band 2209: „Wir und der High-Tech-Killer“ in der Vergangenheit oder jüngst Jubiläums-Band 2600: „Das Phantom“ denkt. Band 2217: „Die letzte Fahrt im Jaguar“ war auch einer der Romane, die so großartig angekündigt wurden („Ein Cotton-Roman, den man gelesen haben muss“). Doch so großartig der Roman auch beworben wurde, so ungerechtfertigt ist diese hervorgehobene Ankündigung des Heftes.

Ein Punkt: Der Roman bietet keine Überraschungen. Nicht nur, dass der Titel schon den Paukenschlag am Ende verrät; bereits in der damaligen Vorschau (die Vorschau für den kommenden Roman war damals allerdings wesentlich länger als heute, weil darin – aufgrund der unterschiedlichen Auslieferung der Neuauflagen von Bundesland zu Bundesland – nur die 1. Auflage beworben wurde) wurde praktisch das Ende vorweggenommen: Bei der Independence-Day-Party des damaligen New Yorker Bürgermeisters Rudolf Giuliani wird die Tochter des Multimilliardärs George James Harding entführt – praktisch aus Jerry Cottons Armen. Ursprünglich als vorgetäuschte Entführung geplant, entwickelt sich bald aus dem Spaß blutiger Ernst – denn ein mächtiges Mafia-Syndikat spielt von nun auch mit. Und schließlich muss Jerry Cotton, warum auch immer, seinen Jaguar in die Luft sprengen. Ist eben nur ein Haufen wertloser Schrott. So wirkt es zumindest, wenn man Jerry Cottons Emotionen in dem Roman kurz und knapp zusammenfassen will.

Ich deutete es schon mal im Zuge der Jerry-Cotton-Jubiläumswoche und der Zerstörung des Jaguar XKR an (die übrigens in Band 2599: „Die Vigilanten von New York“ wesentlich überraschender kam, deshalb muss an der Stelle mal die aktuelle Besetzung der Cotton-Redaktion gelobt werden) und meine Wortwahl zeugt bereits davon: Dieser Roman zählt mit Sicherheit nicht zu meinen Lieblingen in der Jerry-Cotton-Serie. Man möge mich bitte nicht falsch verstehen: Ich bin für Veränderungen in der Cotton-Serie, denn ohne solche Veränderungen kann eine solche Serie nicht über einen langen Zeitraum in der heutige Zeit bestehen – das sieht man aktuell so manches Mal. Wenn die alte Knarre es nicht mehr bringt, wird das olle Ding eben ausgewechselt und wenn der alte Blechhaufen es nicht mehr tut, sprengt man ihn in die Luft. Es zählt allerdings die Art, WIE man etwas macht.

Michael J. Parrish wechselte in seinem genialen Dreiteiler "Mein letzter Fall" auf grandiose Art und Weise den stupsnasigen 38er Smith & Wesson Revolver gegen die SIG Sauer P 226 aus. Der Autor des vorliegenden Romans hat allerdings den Wechsel zwischen Jaguar E-Type und Jaguar XKR nicht wirklich gut auf die Reihe gebracht.

Der Roman ließ sich, wenn man die ersten langatmigen Seiten ignoriert, ja ganz gut an, aber dann tritt plötzlich dieses Mafia-Syndikat (wie neu! Wenigstens bei einer besonderen Nummer sollte man sich mal was anderes einfallen lassen...) in Aktion und von da an rutscht dieser Roman völlig ab. Es gibt leider sehr wenige Autoren, die es schaffen, einen Mafia-Roman glaubwürdig herüber zu bringen und dieser Autor gehört sicherlich nicht dazu. Einzig und allein Horst Friedrichs fiele mir da ein – auch wenn mir natürlich aufgrund der Masse an Cotton-Romanen nicht alle seine JC-Titel bekannt sind und ich deswegen nur von den mir bekannten ausgehen kann.

In einer Mischung aus Lieblosigkeit, Fleiß und Disziplin klatscht der Autor die Story mehr schlecht als recht zu Papier und lässt den Leser dabei so richtig an seiner Lustlosigkeit teilhaben. Die Klischeesprüche aus Cottons Mund wirken so glaubwürdig wie eine fliegende Kuh und das ganze Heft entspricht irgendwo voll und ganz dem Klischee des klassischen Schundromans – irgendwo gegen Seite 60 hat der Schreiber des Heftes dann gemerkt: Oh, der alte Blechhaufen muss ja noch in die Luft gejagt werden. Jetzt aber rasch. Sind ja nur noch gut 3 bis 4 Seiten bis zum Schluss. Und dann macht es plötzlich bumm. Wie im Donald-Duck-Comic.
Ich gebe zu: Die letzten Seiten waren derart langatmig, dass ich zwischendurch nicht mehr jede Zeile genau gelesen habe (schließlich bin ich meiner Zeit auch nicht so böse), weshalb ich die Zusammenhänge, warum Cotton nun ausgerechnet den Jaguar in die Luft sprengen musste, bis heute nicht begriffen habe. Zumindest habe ich keinen glaubwürdigen Kontext gefunden. Eins weiß ich auf jeden Fall: Das hätte besser gelöst werden können, besser gelöst werden müssen.

Cottons Reaktion darauf, dass da gerade sein geliebter Jaguar – sein roter Flitzer, sein Schätzchen, sein Stolz, der ihn über Jahre hinweg begleitete! – in die Luft geflogen ist, ist so gefühlvoll und emotional wie ein Sack Ziegelsteine und die Klischeesprüche wirken so prosaisch und albern, dass sie vermutlich nicht mal in der Wanderfibel für abtrünnige FBI-Agenten stünden. Alles in allem wurde mir, wie gesagt, nur sehr unklar deutlich, warum Cotton seinen Jaguar in die Luft sprengen musste. Viel zu sehr bekommt man den Eindruck, der Autor habe diesen Roman nur widerwillig geschrieben und dann zum Schluss gemerkt, dass die Blechkarosserie ja noch in die Luft gejagt werden muss. Sorry, aber solche Aufträge sollte man meiner Meinung nach eher Leuten wie Michael J. Parrish überlassen, die mehr als nur einmal bewiesen haben, dass sie die Richtigen dafür sind, in der Serie wesentliche Veränderungen zu beschreiben.

Fazit: Diese Story ist nicht das Papier wert, auf dem sie gedruckt wurde und der Roman ist somit ein Musterbeispiel, wie ein gutes ansprechendes Heft auf keinen Fall aussehen sollte. Aber wahrscheinlich hat der Autor nur für die Zielgruppe geschrieben, dies dieses Heft – völlig zu Recht – in den Müll wirft. Da liegt es auch gut. Auch der Schreibstil reißt die Geschichte nicht wirklich raus. Das einzige, was an diesem Roman wirklich gut ist, ist das Cover. Aber das Problem stellt sich in der 2. Auflage nicht – da entschied man sich bereits vor einiger Zeit lieber für Titelbilder Marke Brechmittel.

Vermutlich versuchte der Autor, durch die ständige Glorifizierung und die heldenhafte, selbstlose Darstellung von Jerry Cotton, diesen menschlich und lebendig wirken zu lassen und wie einen authentischen FBI-Agenten darzustellen – dieser Versuch ging allerdings voll nach hinten los. Cotton wirkt in diesem Roman wie eins seelenloser Bürokrat, der stur seine Arbeit durchzieht, immer nur auf Regeln und Vorschriften bedacht (wäre er ein Deutscher, würde ich sagen, er würde wie ein klassischer deutscher Beamter wirken) und Mr. High ist dabei auch nicht viel besser – genauso wenig Phil. Man kann schon den Eindruck gewinnen, dieses Machwerk hätte 40 Jahre irgendwo rumgelegen und wäre dann so ohne weiteres veröffentlicht wurden. Grundsätzlich soll man ja nicht enttäuscht sein, dass es schlechte Romane gibt und gab – aber selten wurden diese so pompös angekündigt.

Abschließend bleibt mir als treuem Cotton-Leser nur zu sagen, dass dieses Heft wirklich kein Roman ist, den man gelesen haben muss – und eine solch schlechte Story sollte man, entgegen des Untertitels („Ein Fall, den ich nie vergessen sollte“) aber schleunigst vergessen. Nein, bisher hat mich keiner der Romane, in denen der Jaguar zerstört wurde, begeistert – und ich kann kaum sagen, welcher schlimmer war. Wahrscheinlich Band 2217, denn bei Band 2599: „Die Vigilanten von New York“ kam der Schluss bzw. die Verschrottung des Jaguars wenigstens überraschend – und sie war glaubwürdig und sinnvoll, auch wenn das erst im Folgeband 2600 erklärt wird …

Übrigens: Laut eines Artikels der Neuen Zürcher Zeitung (http://www.nzz.ch) vergingen viele Jahre und genauso viele Grundsatzdiskussionen in der Redaktion, bis man sich dazu durchgerungen hatte, den Jaguar E-Type gegen den XKR auszutauschen – ob’s das wert war?

Jerry Cotton Band 2217: „Die letzte Fahrt im Jaguar“ erscheint am 24. Juli 2007 als 2. Auflage zum Preis von 1,50 EUR

Die nächste Jerry Cotton Kolumne erscheint am Montag, 30. Juli 2007

Bildquelle: Bastei-Verlag, Bergisch-Gladbach

© Martin Palm

 

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