
Jerry Cotton

Der G-man, der die Welt bewegte

# 43: Beweisvernichtung
Jerry Cotton Band 2212: „Das Geheimnis der Schwarzen Schlange“
„Ich faltete das Blatt wieder zusammen und steckte es in den Umschlag.
Wahrscheinlich hatte sich ein Nachbarskind einen Scherz erlaubt. Irgendein Lausebengel freute sich wohl diebisch, wenn er daran dachte, welchen Schrecken er einem Special Agent des FBI eingejagt hatte. Vielleicht hoffte er sogar, dass ich jetzt den ganzen Polizeiapparat in Gang setzen würde, um den geheimnisvollen Absender des rätselhaften Briefes zu ermitteln.
Ich lächelte. Sollte der Lausebengel ruhig seinen Spaß haben!
Als (…) ich auf meine Wohnung zuging, hatte ich den Brief bereits vergessen.“
Jerry Cotton Band 2212: „Das Geheimnis der Schwarzen Schlange“
So sehr ich die Zeit, in der Peter Thannisch noch für die Jerry-Cotton-Heftromane zuständig war, auch mag und so gern ich an die vielen guten Romane dieser Ära zurückdenke – leider gab es von Zeit zu Zeit auch ein paar schwarze Schafe (oder schwarze Schlangen, wie man’s nimmt), die so überhaupt nicht in das Bild des modernen Action-Romans, der sich getrost mit US-amerikanischen Erfolgs-Krimiserien wie „CSI“ und Co messen konnte, passen wollten. Band 2212: „Das Geheimnis der Schwarzen Schlange“ ist so einer.
Die Storyline um einen Gangsterboss namens Bongo, die mit Band 2212 beginnt, zieht sich durch mehrere Bände. Nach diesem Roman geht sie weiter mit Band 2213: „Als sie meine Leiche fanden“ und endet schließlich mit Nr. 2215: „Alle jagten Jerry Cotton“. Letzteren Roman habe ich gar nicht mehr angefasst und auch „Als sie meine Leiche fanden“ hörte ich zu lesen auf, als sich herausstellte, dass der auf Band 2212 aufbaute.
Im Prinzip teilt sich der Roman „Das Geheimnis der Schwarzen Schlange“ in zwei Handlungsstränge auf. Einmal ist da Hank Foxworth, der nach vielen Jahren Gefängnis wieder entlassen wird und an nichts anderes denken kann als an Rache – und wie es der Zufall so will, steht auch der heutige FBI-Agent Jerry Cotton auf dessen Todesliste. Der hat nämlich – damals noch ein Teenager – seinen Teil zu der Verhaftung von Foxworth beigetragen.
Und da ist der Gangsterboss Bongo samt mörderischem Anhang, der Jerry Cotton alles abgenommen hat – seine Brieftasche, Kreditkarten, Handy, Dienstausweis, Dienstwaffe. Mit dieser Story startet der Roman – nur knapp kommt Jerry mit dem Leben davon. Und kaum ist der Fall um Hank Foxworth abgeschlossen, wartet schon eine neue Aufgabe auf den G-man – denn Cotton wird jetzt wegen Raubüberfalls gesucht …
Dieser Roman ist für mich ein Paradebeispiel, wie man eine an und für sich durchaus interessante Story komplett verhunzen und in den Sand setzen kann. Geschichten, die sich mit der Vergangenheit einer der tragenden Hauptpersonen einer Serie befassen, haben mich seit jeher fasziniert – aber was man aus dieser Story gemacht hat, ist grauenvoll.
Abgesehen davon, dass die Story des Gefängnisinsassen, der nach 20 Jahren nichts Besseres zu tun hat, als sich an den Leuten zu rächen, die ihn in den Knast gebracht haben (und der damit riskiert, wieder dorthin zurück zu kommen), weder neu ist noch in diesem Heft sonderlich spannend erzählt wurde, erfahren wir auch aus Jerrys Vergangenheit nur Unwesentliches. Um genau zu sein: Außer, dass er sich – ganz der knallharte Law & Order-Bürokrat – schon immer Recht und Gesetz verpflichtet gefühlt hat, gibt es nichts Neues zu sagen.
Speziell Fans realistischer Ermittlungsarbeit (wie ich) wird sich bei mancher Szene dieses Romans der Magen umdrehen und werden daran wohl eher weniger ihre Freude haben. Da ist zum Beispiel der oben stehende Auszug aus Seite 27, der mich, wenn ich ihn jetzt (gezwungenermaßen) wieder lese, erneut halb in den Wahnsinn treibt. Jerry Cotton hat gerade eine Drohung per Brief bekommen – in einer ungelenken Zeichnung wird ihm mitgeteilt: „Du bist der Nächste, Cotton!“. Doch dann ignoriert er diese Drohung einfach?! Ein G-man, der laut Romanserie fast mehr Gangster ins Gefängnis gebracht als Dan Brown Bücher verkauft hat, dürfte (sollte man jedenfalls meinen) doch mehr als einen Feind haben, der ihm den Tod wünscht – und deshalb eine solche Drohung nicht einfach in den Wind schlagen (jedenfalls nicht, wenn er den nächsten Tag noch erleben will).
Es ist zwar schon schlimm genug, dass Jerry Cotton einfach so Drohungen missachtet und sie als Dumme-Jungen-Streich deklariert – und man sich mit Fug und Recht fragen könnte, wie er mit dieser leichtfertig-dümmlichen Einstellung nur einen Tag als G-man überlebt haben konnte –, aber es kommt noch schlimmer, und zwar auf Seite 30. Da die Szene zu lang wäre, um sie hier komplett zu zitieren, an der Stelle ein kleiner Auszug:
„Als wir unser Büro erreichten, saßen unsere Kollegen Steve Dillaggio und Zeerookah (…) auf meinem Schreibtisch, hatten zwischen sich eine kleine Schachtel stehen, griffen abwechselnd hinein, nahmen etwas heraus und schoben es sich in den Mund.
„Du hast doch nichts dagegen, Jerry?“, fragte Steve kauend. „Eigentlich gehört es ja dir.“
(…) Zeery ergriff die Schachtel und hielt sie mir einladend entgegen. „Bedien dich! (…) Es gehört alles dir.“
(…) „Bärendreck“, sagte er [Phil] und verdrehte verzückt die Augen. (…)
„Friss mit!“, sagte Zeery und hielt mir wieder die Schachtel entgegen. „Du bist der Eigentümer. Das ist schließlich für dich abgegeben worden.“
„Schwarze Schlangen?“, fragte ich.
Ich riss Zeery die Schachtel aus der Hand.
„Nicht so gierig!“, tadelte Zeery. „Es ist noch genug für dich da.“ (...)
Die Dinger sahen tatsächlich aus wie winzige (…) Schlangen. „Das wurde für mich abgeben? (…) Von wem?“
„Keine Ahnung! (…) Irgendeine Sekretärin hat es hereingebracht. Ihr hat es irgendein Bote auf dem Flur in die Hand gedrückt mit den Worten, dass Agent Jerry Cotton schon sehnsüchtig darauf wartet.“
„Und ihr fresst das Zeug, das irgendein Unbekannter hier abliefert?“, fragte ich. „Es könnte vergiftet sein.“
„Quatsch!“, sagte Zeery. „Wer vergiftet schon Lakritze?“ (…) „Am Biss einer Lakritzschlange ist noch kein Mensch gestorben“, sagte Steve.“
Den Rest der Szene erspare ich an dieser Stelle. Angesichts dieser Szene (nach der ich das Heft wütend in die Ecke geschmissen habe) darf man sich wohl berechtigterweise fragen, wie Steve Dillaggio es mit einer solch hirnverbrannten Einstellung geschafft hat, Mr. Highs Stellvertreter zu werden – mutwillige Beweisvernichtung dürfte eigentlich nicht auf der Liste der Anforderungen an einen Assistant Special Agent in Charge stehen.
Dieses Verhalten wirkt doch arg befremdlich – vor allem, weil man diese Patzer nicht auf charmante sondern ganz und gar unsympathische Art und Weise rüberbringt. Die sonstige Überkorrektheit der Agenten wirkt da doch, wenn man sich diese Passagen so anschaut, in so manchem Roman im Nachhinein arg unangebracht. Zumal, wie gesagt, die restliche Story bis Seite 30 auch nicht allzu viel Besserung bietet. Dafür ist sie zu lasch. Nicht empfehlenswert – Spannung, Atmosphäre und Unterhaltungswert sind da nur sehr eingeschränkt vorhanden.
Jerry Cotton Band 2212: „Das Geheimnis der Schwarzen Schlange“ erscheint am 19. Juni 2007 als 2. Auflage zum Preis von 1,50 EUR
Die nächste Jerry Cotton Kolumne erscheint am Montag, 25. Juni 2007
Bildquelle: Bastei-Verlag, Bergisch-Gladbach
© Martin Palm
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