
Jerry Cotton

Der G-man, der die Welt bewegte

# 39: Unter Mordverdacht
Will Cotton steht unter Mordverdacht – ist er das Opfer einer Verschwörung?
Wer dachte, man habe sich mit dem am letzten Dienstag als 2. Auflage nachgedruckten Band 2209: „Wir und der High-Tech-Killer“ (der noch bis einschließlich heute im Handel erhältlich ist), verausgabt und jetzt würde erst einmal eine Durststrecke in Form mehrerer nicht allzu guter Romane folgen (keine Angst, die kommt noch), sieht sich getäuscht – denn auch Band 2210: „Fluchtpunkt L. A.“ bietet spannungsmäßig wirkliche Höchstleistungen.
Kurz zum Inhalt von Nr. 2210: Will Cotton ist zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden – zehnjähriger Zwangsarbeit im Bundesgefängnis von Gila Bend (ob der Autor mit Absicht den Namen dieses Gefängnisses verwendet hat?), Arizona. Der Grund: Ein Videoband, auf dem zweifelsfrei zu erkennen ist, wie Will bei einer Geiselbefreiung zwei unschuldige Menschen plus Geiselnehmer über den Haufen geschossen hat („Er benimmt sich wie Rambo auf Urlaub“ – Zitat von Seite 7). Nur Jerry glaubt noch an Wills Unschuld und quartiert sich in Los Angeles ein – und trifft schließlich auf einen alten Bekannten …
In diesem Roman zeigen sich, wenn man genau darauf achtet, viele Details und Feinheiten, auf die der Autor (mal wieder Michael J. Parrish, wie bereits bei Band 2209) eingeht – z. B., wer im Ernstfall wirklich zu einem hält. In Will Cottons Fall war – eigentlich ganz untypisch für die des Öfteren doch recht schwarz-weiß gestaltete Heftromanwelt – die Anzahl der Personen sehr überschaubar. Ein Beispiel (er sitzt gerade in Untersuchungshaft und spricht mit seiner Partnerin Donna Sullivan darüber): „Was ist mit den Kollegen?“
„Was erwartest du? (…) Sie meiden mich. Es ist als, wollten sie ihre Wut an mir auslassen, jetzt, da du nicht mehr da bist.“ (…)
„Ich habe diese Frauen nicht erschossen! Kannst du mir das nicht einfach glauben?“
„Das würde ich gern. (…) Aber so wie die Dinge liegen…“
Nun stellt sich die Frage – wer will Will so etwas antun? Und vor allem: warum? Nur so viel – in diesem Roman ist nicht unbedingt die Frage entscheidend, wer nun der Täter ist, sondern vielmehr was bzw. wer sein eigentliches Ziel ist …
Unterm Strich gewinnt man mit der Zeit den Eindruck, der Autor wolle so viel Action, Dramatik und Spannungselemente wie möglich in diesen Roman packen – was ihm auch exzellent gelungen ist. Darüber hinaus wird aber auch der Humor nicht vernachlässigt – wenn Jerry beispielsweise zum ersten Mal bei Will übernachtet. Dazu muss gesagt werden: Jerry hatte bis zu dem Zeitpunkt keine Ahnung was ihn in der – wie Cotton junior es ausdrückte – „Wohngemeinschaft“ seines Neffen erwartet. Nur so viel: Wills Behausung samt Mitbewohnerinnen ist wirklich filmreif. Oder um es mit Jerrys Worten zu sagen: „Schnell nahm ich einen Schluck Cola, um mich abzukühlen.“
Alles in allem ein weiteres Cotton-Highlight, das selbst den überaus starken Band 2209, in dem High-Tech-Terrorist Jon Bent seinen ersten Auftritt hatte, noch um einiges zu übertreffen vermag. Übrigens: Wer noch mehr Spannung im Stil von Band 2210 erleben möchte, sollte am kommenden Sonntag unbedingt um 20.15 Uhr die Sat.1-Krimiserie „Navy CIS“ einschalten. In dieser Folge steht nämlich Teammitglied Tony unter Mordverdacht – ähnlich wie bei „Fluchtpunkt L.A.“. Nur mit dem Unterschied, dass die NCIS-Episode „In der Falle“ noch einen zusätzlichen Whodunit-Überraschungseffekt bietet und es sich sehr schwer gestalten dürfte, den Täter vor seiner Enttarnung herauszufinden (ich hatte mit dieser Person beim ersten Mal sehen nicht gerechnet – erinnerte mich stark an die Auflösung eines sehr guten Cotton-Romans). „Navy CIS“ kann ich allgemein jedem Freund von Kriminalfällen, deren Lösung häufig, wenn überhaupt, nur teilweise vor Schluss geknackt werden können, ans Herz legen (auch wenn es natürlich nicht für alle, aber dennoch für viele Folgen gilt) – die Fälle sind nämlich obendrein stets gewürzt mit mehr Humor als jeder Fun-Freitag von Sat.1 oder RTL je wird bieten können, auch wenn die witzigen Sprüche durch den Anlass dieser bestimmten Folge ein wenig ins Hintertreffen rückten – wohl auch, um der Story entsprechend Platz einzuräumen.
Wer die actiongeladenen Thriller (z. B. von Michael J. Parrish) der Cotton-Zeit, in der Peter Thannisch noch Heft-Lektor war, mag, wird „Navy CIS“ lieben – zumal, nebenbei bemerkt, man sich bei „Jerry Cotton“ freuen könnte, wenn die Hauptpersonen nur annähernd so bunt, individuell, facettenreich, menschlich und glaubwürdig wie so mancher Charakter von NCIS wären. Aber das nur am Rande.
Jerry Cotton Band 2210: „Fluchtpunkt L.A.“ erscheint am 5. Juni 2007 als 2. Auflage zum Preis von 1,50 EUR
Die nächste Jerry Cotton Kolumne erscheint – wegen des einjährigen -Jubiläums – morgen (Dienstag, 5. Juni 2007)
Bildquelle: Bastei-Verlag, Bergisch-Gladbach
© Martin Palm
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