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Jerry Cotton

Jerry Cotton

Der G-man, der die Welt bewegte

# 33: Band 2600 – „Das Phantom“ (2)
Teil 2: Der Jubiläums Jerry-Cotton-Roman 2007

ACHTUNG, SPOILER!! DETAILS ZUM ENDE VON JERRY COTTON BAND 2599: „DIE VIGILANTEN VON NEW YORK“ UND TEILE DER ÜBERRASCHUNG AUS BAND 2600: „DAS PHANTOM“ SIND IN DIESEM BEITRAG ENTHALTEN – WER SICH ALSO NICHT SPANNUNGVERDERBEN WILL, SOLLTE DIESE KOLUMNE NOCH NICHT LESEN!!

Teil 2 der Jerry-Cotton-Kolumne zu Jubiläumsband 2600: „Das Phantom“.
Neben gestalterischen, äußerlichen Vorzügen kann der Roman auch in anderen Bereichen punkten: Es lässt sich nämlich eine deutliche Entwicklung der Charaktere verzeichnen. Jerry Cotton legt endlich einmal die Maske des arroganten Beamten ab und verhält sich deutlich teamfähiger. Auch Phil lässt seinen Emotionen endlich mal wieder freien Lauf und kann dadurch viele Sympathiepunkte für sich herausholen – die Rolle des steifen Bürokraten passt einfach nicht zu ihm. Längst vergessene Gefühle werden dabei wieder wach: Früher gab es immer mal wieder die Romane, in denen Jerry Cotton, Phil Decker und ihre Kollegen ein Team bildeten, an dem man gern mal teilgehabt hätte, und die Personen wirkten dabei auch nicht schablonenhaft, sondern wie echte Menschen – dieser Zustand ist in den letzten Monaten allerdings radikal zunichte gemacht worden. Dieser Roman hat gezeigt, dass es auch anders geht.
Von Jerry und Phil mal abgesehen, macht wohl aber Edward G. Homer, seines Zeichens Assistant Director des FBI und Leiter der Field Operation Section East, die größte Entwicklung durch: Die Person, die ursprünglich als der Kotzbrocken schlechthin eingeführt wurde und auf den Leser zuweilen so angenehm und beliebt wie eine Darmspiegelung wirkte, mausert sich langsam zum Sympathieträger – durch trockenen Humor, lustige Sprüche und ungeahnte Wesenszüge (vor allem sein Kommentar zu einer Zahnärztin war einfach herrlich!) entwickelt er seinen ganz eigenen Charme, sodass man sich nach dem Lesen von Band 2600 durchaus mehr von Homer wünscht.
Nicht nur das: Ab und an war es in der Vergangenheit so, dass sich Autoren mit ihren eigenen Figuren verhedderten, d. h. dass jemand zu Beginn eines Romans z. B. als besonders zurückhaltend beschrieben wurde, im weiteren Verlauf der Handlung dann allerdings das genaue Gegenteil offenbart oder sich in einer Weise verhält, die nicht zur anfänglichen Beschreibung passt. Solche Patzer wird man hier vergeblich suchen – ein gutes Beispiel ist dafür George P. Manlock. Apropos Manlock: Hier dürfen wir übrigens einen alten Bekannten von Mr. High kennen lernen, der für das NCIC (National Crime Information Center) arbeitet.

Auch ansonsten (um mal nicht nur von den Figuren an sich und der äußerlichen Gestaltung zu reden, sondern auch mal vom eigentlichen Inhalt des Romans) kann sich der Jubiläumsband sehen lassen, denn der Autor dieses Romans – Christian Schwarz (zu ihm mehr in einer der nächsten Kolumnen, siehe unten) – schlägt mit seinem neuesten Cotton-Roman völlig neue Wege ein und zeichnet damit ein authentisches Bild der wirklichen Ermittlungsarbeit des FBI. Nicht nur, dass die damit verbundene, nötige Teamarbeit einmal deutlich mehr in den Vordergrund tritt und das FBI diesmal nicht an einen Freizeitklub gelangweilter Mittdreißiger erinnert (die Schilderungen der Ermittlungsarbeit des FBI gingen in vielen Bänden der letzten Zeit doch arg ins Klischeehafte. Außerdem waren die Ermittler da nur selten übermüdet oder gar erledigt von der zähen Ermittlungsarbeit, was allerdings völlig unrealistisch ist. Das ist hier zum Glück anders) – auch die ganze Art, in der der Roman aufgezogen ist, ist diesmal anders als sonst. Denn wo früher womöglich nur nach dem engagierten Auftragskiller gesucht würde, kommt hier noch erschwerend hinzu, dass nicht nur die Identität des Profikillers im Dunkeln liegt, sondern auch sein Opfer gänzlich unbekannt ist.

Für den Leser wichtige Informationen werden übrigens glaubhaft in den Erzählfluss eingefügt. Oftmals glänzten Autoren in der Vergangenheit mit zusammenkonstruierten, unglaubwürdigen Dialogen, die zwar dem Leser für den Roman meist nötige Informationen liefern, dabei aber absolut sinnentleert wirken. Auch solche Störfaktoren fehlen gänzlich, da nötige Infos exzellent über Figuren wie Edward G. Homer oder George P. Manlock eingeführt werden (ein gutes Beispiel ist in dem Fall Homers Kommentar zur NSA).

Mit diesem Roman wird (jedenfalls scheinbar) jene „neue Konstellation“ eingeführt, von der bereits im Interview mit Cotton-Redakteur Florian F. Marzin die Rede war. Diese nennt sich „ENA“ und ist (vermutlich) verantwortlich für den geplanten Anschlag. Dass dieser am Schluss verhindert werden konnte, ist übrigens auf der einen Seite durch die umfangreichen Ermittlungsarbeiten und auf der anderen Seite durch Zufall so gekommen – wobei sich auch hier zeigt, dass der Autor wirklich Ahnung hat von dem, was er da macht: Der Zufall driftet nicht ins derart klischeehafte ab wie in so manchem Roman der vor Monaten eingestellten Krimiserie „Chicago“. Und noch eine Überraschung: Der Auftragskiller wurde nicht, wie man womöglich erwarten würde, von Titelheld und Allround-Talent Jerry Cotton aufgedeckt, sondern von FBI-Kollegin June Clark.

Allgemein mangelt es dem Roman nicht an Realitätsnähe – wo man in Band 2500 auf Gedeih und Verderb mit der Holzhammer-Methode etwas so genannte „Realitätsnähe“ ins Spiel bringen wollte, muss der Autor keine alteingesessenen, beliebten Figuren aus völlig unzureichenden Gründen auf dem Papier töten.
Sehr oft wurden in der Vergangenheit nämlich Profikiller erwähnt, die so gut in ihrem Geschäft waren, dass sie sich nicht mehr vor Aufträgen retten konnten – und trotzdem so dämlich waren, einfachste Fehler zu machen oder in die simpelsten Fallen zu tappen. Auch hier schlägt der Roman außer Art, denn der Auftragskiller wurde am Ende nicht wirklich geschnappt. Zwar konnte die Person, unter deren Namen er operierte, enttarnt werden – die wahre Identität des Killers wurde allerdings nicht aufgeklärt, was in diesem Falle allerdings nicht stört, sondern im Gegenteil darauf hindeutet, dass es noch einmal ein Wiedersehen mit dem „Phantom“ gibt. Das lässt auch einmal das Bild des Profikillers etwas realistischer wirken – denn in diversen Romanen waren die mehr ein Wegwerfprodukt, schon fast ähnlich wie bei Serienkillern.

Erfreulich: Indirekt wird auch geklärt, wer Jerrys Jaguar geklaut bzw. verschrottet hat. Diesmal stand dahinter zum Glück nicht so ein – wie ich finde – unsinniger Grund wie in Band 2217: „Die letzte Fahrt im Jaguar“.

Einzig eine Sache ist unklar: Wie schon in einer der letzten Cotton-Kolumnen erwähnt, schrieb Cotton-Redakteur Marzin in einem Thread des Bastei-Forums, dass es in Band 2600 „in Bezug auf den Senior“ zu „einer überraschenden Wendung“ käme (O-Ton: „Im Band 2600 kommt es dann in Bezug auf den Senior zu einer überraschenden Wendung.“) – nur, worin besteht denn nun jene „überraschende Wendung“? Gut, der Senior wurde zwar ein paar Mal kurz erwähnt, dabei wurde jedoch nicht klar, ob der Senior überhaupt mit den Ereignissen dieses Romans unmittelbar in Verbindung stand – und schon gar nicht, in welchem Zusammenhang zur „ENA“. Daran soll’s aber nicht scheitern. Vielleicht war damit ja auch gemeint, dass nun neben dem Senior noch eine ganz andere Terrororganisation mitspielt. Nach Jon Bent, Jeff Patrick, der Domäne und dem „Senior“ ist dies wohl ein weiterer Dauergegner in der Cotton-Serie.

Alles in allem ein Lichtblick, der hoffen lässt, dass diese Serie nicht ganz verloren ist – im Gegenteil, ein Lichtblick, der mir zeigt, dass noch viel mehr ungeahntes Potenzial in der Serie im Allgemeinen und den Figuren im Speziellen vorhanden ist. Es müssen nur die richtigen Autoren schreiben.

Kleiner Tipp für die, denen Band 2600 gefallen hat: Noch bis heute ist Band 2203: „Annie und der Foto-Killer“ von Martin Barkawitz als 2. Auflage erhältlich. Ein sehr empfehlenswerter, unterhaltsamer Roman, in dem Jerry Cotton – ähnlich wie in Band 2600 – sehr sympathisch rüberkommt und mehr das gesamte Team zählt. Außerdem gepaart mit jeder Menge Humor und guten Sprüchen. Außerdem noch im Handel: Jerry Cotton Classic Band 78: „Hyänen für den Henker“, ein Roman, der das Feeling der frühen Jahre im Cotton-Kosmos richtig gut vermittelt. Beide sind sehr zu empfehlen.

Mit dieser Ausgabe der JC-Kolumne endet die Jubiläums-Woche um Band 2600 – an dieser Stelle vielen Dank fürs Lesen, ich hoffe, es hat genauso viel Spaß gemacht wie das Schreiben!

Die nächste Jerry Cotton Kolumne erscheint am Montag, 30. April 2007

Bildquelle: Bastei-Verlag, Bergisch-Gladbach

© Martin Palm

 

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