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Gunters Dunkle Welten

Rückblick auf Chris Schwarz und Jaqueline Berger

Teil 4: Von leichten Änderungen im Konzept, toten Helden und alternativen Enden...

Achtung: Dieser Teil enthält Angaben zu wichtigen Inhalten der Bände 3, 5 und 6. Wer diese Romane noch nicht kennt und sich die Spannung erhalten will, sollte nicht weiterlesen!

Chris Schwarz war geboren. Nicht nur, dass er das Licht der Welt erblickt hatte – nein, er war ein gesundes, strammes Baby, das von der ersten Minute an seinen Vätern Spaß bereitete.
Und doch, wie so oft, stellte sich nach der ersten Freude das Gefühl ein, dass man ein paar Dinge verändern könnte. Keine großen Sachen. Eher Feintuning. Oder – wie man heute sagt – pimp my Read. Dies wurde uns vor allem nach Band Drei der Serie klar.
Mit Das Richtschwert des Henkers war ein reinrassiger Geister-Jäger-Roman erschienen.
Der Geist eines mittelalterlichen Henkers ist in seinem Richtschwert gefangen, kann es aber in unserer Zeit verlassen und nimmt grausige Rache an den Menschen, weil ihn diese einst ermordet haben. Chris, eine Historikerin und seine Ex-Partnerin aus Polizei-Zeiten jagen den Geist und bringen ihn am Ende stilecht in einer Kirche zur Strecke. Der gesamte Band lebt von seinem Tempo, den recht detaillierten Beschreibung der Morde und der Spannung, wer als nächstes stirbt und ob oder wie der Geist am Ende sein Ende findet. Eine Legende lag dem Roman nicht zugrunde, dafür das real existierende Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber. Wir hatten diesem sogar einen Besuch abgestattet, um uns die Gegebenheiten vor Ort anzusehen.
Ein schöner Band, wie wir alle fanden. Flüssig geschrieben, gut zu lesen, mit Gänsehaut-Effekt. Aber gleichzeitig auch zu dicht am Geisterjäger-Genre. Er bot alles, was man in einem derartigen Roman erwarten darf, ging aber gerade deswegen an unseren Vorstellungen vorbei. Schließlich wollten wir keinen warmen Aufguss von Sinclair, Brent oder Ballard produzieren, sondern andere Wege gehen. Mehr Mystik, mehr Übersinnliches und weniger Geisterfängerei. Ein wenig durfte es gar an Akte X erinnern – die Grenzen zwischen Paranormalem und Normalem sollten verwischen.
In Band 4 setzte ich dieses Konzept das erste Mal um. Was zu Beginn des Romans wie ein Werwolf-Fall aussieht, geht nach und nach in eine völlig andere Richtung. Das Ende dürfte so manchen Leser überrascht haben. Gleichzeitig öffnete es jedoch auch den Weg für einen neuen Bereich innerhalb der Serie – der Mystery-Thriller hatte Einzug gehalten in Chris Schwarz.
Sowohl meinem Verleger als auch mir gefiel diese neue Variante sehr gut. Natürlich sollte sie nicht maßgeblich den weiteren Serienverlauf bestimmen. Aber sie hatte doch einige neue Wege geöffnet. Mit diesem Gedanken ging ich an Band 5/ 6 – dem ersten Doppelband der Serie.
Und der sollte alles verändern.
Als Plot für diesen ersten Doppelband hatte ich mir die Nibelungen vorgenommen. Ein Thema, welches man sicherlich in zwei (und mehr) Romanen behandeln kann. Jedoch sollte die eigentliche Sage im Hintergrund stehen. Wichtiger war mir, hier auf historische Begebenheiten einzugehen. Die Burgunden, die Römer und die Hunnen waren einst die Protagonisten in einem Drama, aus dem viele Jahrhunderte später die Sage entstand. Fakt ist, dass sich die Burgunden gegen die Römer erhoben, verloren und im Anschluss daran von den Hunnen – wohl im Auftrag der Römer – nahezu vernichtet wurden. Der Schatz, in der Sage Hort genannt, war in meiner Erklärung das Vermögen der Burgunden, welches sie vor der Schlacht gegen die Römer in Sicherheit gebracht hatten. Siegfried, Gunther und all die anderen sollten hingegen keine Rolle in meinem Doppelband spielen. Es hätte nicht zu unserem modifizierten Konzept gepasst.
In diesem Sinne entstand Band 5, an dessen Ende ein Cliffhanger stand – eine Szene, die den möglichen Tod einer Hauptdarstellerin andeutete. Zu diesem Zeitpunkt wollte ich jedoch noch keinen der Protagonisten sterben lassen. Band 5 erschien mir ein wenig früh. Wenn überhaupt, so meine damaligen Überlegungen, nach dem ersten Jahr.
Doch ein Aussage, die ich in einem Gruselforum las, setzte sich in meinem Kopf fest. Zusammengefasst stand da, wie langweilig es für die Leser doch sei, wenn die Freunde und Freundinnen der Hauptperson zwar ständig in höchste Gefahr geraten, am Ende aber doch gerettet werden.
Dies brachte mich dazu, umzudenken.
In Band 2 gerät Chris in Gefahr, in der Vergangenheit festzusitzen.
In Band 4 ist es seine Ex-Partnerin, die in höchste Gefahr gerät.
In Band 5 nun die nächste Hauptperson, deren Tod angedeutet wird.
Zeit, die Leser aus ihrer Sicherheit zu reißen. Ihnen vor Augen zu führen, dass jede Hauptperson (mit Ausnahme von Chris Schwarz vielleicht, da die Romane in der Ich-Form verfasst sind) jederzeit sterben kann.
So begann ich Band 6. Aber nicht jene Person vom Cliffhanger aus Band 5 war zum Tode verurteilt, sondern eine völlig andere – Nadine Weyer. Chris' Freundin von der ersten Stunde an, seine Vertraute und Helferin, die um ihn in Band 2 gezittert hatte, sollte im Verlauf der Geschichte umkommen.
Um ehrlich zu sein – so ganz geheuer war mir dabei nicht. Ein Teil von mir hielt die Idee für famos. Der andere Teil meinte, ich sei nicht ganz bei Trost.
Je weiter der Roman fortschritt, umso unsicherer wurde ich. Nadine sterben lassen oder nicht? Sollte bzw. konnte ich das wirklich tun?
Meine Frau wurde befragt.
Meine Kinder wurden befragt.
Meine Mutter wurde befragt.
Mein Verleger wurde nicht befragt.
Schließlich, als der Moment unausweichlich wurde, entschied ich mich dafür. Ein klarer Schlussstrich unter alle Zweifel. Nadine stirbt, fertig.
So geschah es. Eine wunderbare Szene, in der sie ihren Tod findet. Und eine noch rührendere Szene, als es Chris erfuhr. Gefolgt von einer Action-Szene zum Abschluss, die Auflösung und ein Schluss, der auch am Ende der Serie hätte stehen können.
Ich beendete den Roman morgens um sechs, ging ins Bett und war sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Als ich um eins aufstand, löschte ich den gesamten Teil mit Nadines Tod und schrieb ihn so um, dass sie am Ende überlebt.
Diese Version hatte bis um sieben oder acht am Abend Bestand. Dann wurde sie erneut gegen die ursprüngliche für Nadine letal endende Version ausgetauscht.
Dieses Spiel wiederholte sich mehrfach in dieser Nacht. Am Morgen dann, gegen sieben, ging die Mail mit dem fertigen Manuskript auf die Reise – Nadine Weyer war tot.
Nach Erscheinen des Romans waren die Reaktionen durchaus positiv. Überraschend, schockierend, ein guter Schachzug. So die Aussagen der Leser.
Auch ich selbst bin nach all der Zeit noch immer zufrieden mit dem Schluss von Band 6, meiner Entscheidung und dem, was daraus resultierte. Doch die kommenden, glücklicheren Zeiten für Chris und seine Freunde deuteten sich hier noch nicht an, wie das Ende des Romans zeigt:

Das Zimmer, das mir Pater Ägidius inmitten des Klosters in Himmerod zuwies, war nicht sonderlich groß, aber bequem. Ein Bett, Schrank sowie die Hygienezelle mit Toilette, Dusche und Waschbecken. Es würde einige Zeit meine Herberge sein, dass wusste ich, als er ging und die Tür hinter sich schloss.
Kein Telefon.
Kein Handy.
Keine Glotze.
Kein PC.
Nur ich, meine Erinnerungen und mein Schmerz. Dazu die Gemeinschaft der Brüder, die mir jederzeit zuhören würden, mir Nahrung gaben und mich auch seelisch auffangen wollte.

Ich enchan iv niht bescheiden, was sid er da geschach
wan riter vñ vrwen, wainen man da sach
darz die edeln chnehte, ir lieben frivnde tot
hie hat daz mer einende, ditze ist der Nybelvnge not

Im nächsten Rückblick lesen Sie:
Ein Neuanfang mit Band 7, ein geschickter Schachzug und Glück nach all der Tragik.

Mit SCHWARZen Grüßen

Ihr G. Arentzen

 

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