Berlin, Februar 1902
Geheimrat Holstein hatte ihnen einen Unterschlupf verschafft, nachdem Piscators Privatwohnung und sein Büro nicht mehr sicher genug waren. Der Professor hatte sich gegen den Umzug gesträubt und fühlte sich in der stillgelegten Fabrik nicht sonderlich wohl. Für ihn war es eine völlig übertriebene Maßnahme, so wie Tage zuvor, als Seyferd ihn aus der Universitätsbibliothek gezerrt hatte, weil er angeblich in Todesgefahr sei. Er hatte sich schließlich von dem Blut an Seyferds Hinterkopf überzeugen lassen, aber auf die Zeitungsmeldung über mehrere Tote in einer Kutsche im Tiergarten, die seine Geschichte bestätigte, wartete er vergeblich.
Sie hatten das oberste Stockwerk des turmähnlichen Bürotraktes bezogen, das alle umliegenden Gebäude auf dem Fabrikgelände überragte. Die großen Fenster ließen viel Licht herein und boten eine wenig erbauliche Aussicht auf die halb verfallenen Fertigungshallen. Die Etage war schlicht eingerichtet, das Büromobiliar noch vorhanden und lediglich um zwei Feldbetten ergänzt worden. Piscator hatten die lose Tapete, die undichten Fenster und der Rattendreck die Laune verdorben. Mit dem Fuß stieß er einen gewaltigen vertrockneten Haufen an, den unmöglich eine Ratte ausgeschieden haben konnte und tippte auf menschliche Fäkalien. Währenddessen zählte er auf, welche Bücher er sich für seine Suche beschaffen musste und welche Vorteile sie gegenüber thematisch ähnlichen Büchern besaßen. Seyferd hatte sich an den nächstbesten Schreibtisch gesetzt, seine Füße auf eine offene Schublade gelegt und die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Er gähnte.
»Langweile ich Sie etwa?«, fragte Piscator.
»Würde Sie dies vom Weiterreden abhalten?«
»Sie halten mich wahrscheinlich für einen arroganten Klugscheißer.«
»Noch dazu für einen Gedankenleser.«
Piscator ging nicht darauf ein, sondern stolzierte weiter durch ihre neue Behausung und schien sie in Gedanken bereits einzurichten.
»Na prima, jetzt sind wir eine Junggesellengemeinschaft wie Holmes und Watson. Wie lange werden wir wohl hier hausen müssen, Seyferd? Ich möchte in mein Haus zurück.«
»Die Hälfte der Berliner Bevölkerung lebt in düsteren Hinterhofwohnungen, die nicht ein Zehntel dieses Raumes besitzen.«
»Falls Sie es noch nicht bemerkt haben, ich gehöre zur anderen Hälfte der Bevölkerung.«
»Ich denke, nicht länger als zwei, drei Wochen. Aber da gehe ich wirklich vom schlimmsten Fall aus.«
Seyferd hatte sich einen dicken Mantel auf dem Schwarzmarkt besorgt. Ihr Raum hatte der Kälte nicht viel entgegenzusetzen und sie konnten den ganzen Tag über beidhändig Holz in den Ofen werfen, ohne den Raum weiter als in einem Radius von zwei Metern aufzuheizen. Piscator trug fast seine komplette Kleidung übereinander und blies sich ständig wärmend in die Hände. Trotz der Handschuhe wurden seine Finger langsam unbeweglich durch die Kälte.
Das Rohr an der Wand begann zu vibrieren. Was das Versteck auszeichnete, abgesehen von der Größe, war die Rohrpostanlage. Auf diese Weise hielt Holstein mit ihnen Verbindung und konnte ihnen neue Informationen schicken. Ein Telefon war gut für Gespräche, aber wenn man Texte, Dokumente oder Bilder verschicken wollte, ging nichts über die Rohrpost. Selbst kleinere Gegenstände ließen sich mühelos befördern. Die Geräusche wurden immer beunruhigender, als würde etwas Großes und Bedrohliches versuchen, sich durch die schmale Öffnung in ihre Wohnung zu zwängen. Dann fiel ein Behälter in die Ablage.
»Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, wie das damals war, als man oft über eine Woche auf die Post warten musste. Heute schreibt man eine Rohrpost, schickt sie los und kurz darauf hat man die Antwort«, pries Piscator die Segnungen des Fortschritts.
Es war eine Nachricht des Auswärtigen Amtes. Bei den Vorbereitungen für die feierliche Eröffnung der elektrischen Hoch- und Untergrundbahn war das Zeichen entdeckt worden. Im letzten Dezember hatte man die Arbeiten beendet und im Januar bereits eine erfolgreiche Probefahrt durchgeführt.
»Heute ist der 15., heute soll die Eröffnung der Untergrundbahn stattfinden. Sie werden alle da sein, Staatsminister von Thielen, der Kriegsminister, der Kultusminister, der Minister des Inneren, der Polizeipräsident, die Oberbürgermeister von Berlin und Charlottenburg und angeblich sogar der Kanzler selbst. Ich habe die gesamte Liste nicht im Kopf, aber es werden sicher so an die drei Dutzend hochrangige Persönlichkeiten sein. Die Fahrt beginnt um 11 Uhr am Potsdamer Platz.«
Piscator knöpfte seine Weste zu, richtete den Knoten der Krawatte und griff nach seiner Melone. Seyferd warf sich den schweren Mantel über und füllte seine Taschen mit Munition. Sie rannten die Treppen nach unten ins Erdgeschoss. In der nächstgelegenen Halle parkte ihr Dienstfahrzeug. Ein himmelblauer Mercedes-Simplex, das einzige Exemplar auf Berlins Straßen. Der Wagen hatte etwa den Gegenwert eines Landgutes und war ein Prototyp, den Holstein als Gefälligkeit von Daimler erhalten hatte. Sie knöpften ihre Mäntel zu und streiften die Schutzbrillen über. In dem offenen Wagen waren sie schutzlos dem kalten Winterwetter ausgeliefert. Seyferd rutschte hinter die Lenksäule, löste die Handbremse und gab Gas. Die riesigen, vergoldeten Azetylen-Scheinwerfer beleuchteten ihren Weg durch die düstere Fertigungshalle, bis sie das Gelände durch ein Tor auf der Rückseite verließen, direkt an der Spree, wo sie vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen blieben. Seyferd bog auf die Straße und beanspruchte sofort die gesamten 45 PS des Wagens, während Piscator die Hüte auf ihren Köpfen festhielt.
Die Passanten sammelten sich neugierig um den Eingang des Unterpflasterbahnhofs am Potsdamer Platz. Bis Seyferd und Piscator ankamen, dann nämlich wendete sich der männliche Teil der Schaulustigen ihrem Gefährt zu und drängte heran. Seyferd schob sich, dicht gefolgt von Piscator, durch die Menge. Er wies einen Wachtmeister mit erhobenem Ausweis an, ein Auge auf ihr Fahrzeug zu haben, dann betraten sie den unterirdischen Bahnhof. Eifrige Wachtmeister stellten sich ihnen in den Weg und traten ebenso geschwind zur Seite, als sie den Ausweis sahen. Piscator hatte selten so viele gewichste Stiefel und Schnurrbärte an einem Ort gesehen. Man hatte die Stahlträger neben der Bahn festlich mit Girlanden geschmückt und alles wartete auf das Eintreffen der hohen Gäste. Abseits am Rand des Tunnels standen einige Polizisten und beratschlagten ihr weiteres Vorgehen. Seyferd kannte einige von ihnen, manche nickten ihm grüßend zu, andere wandten sich demonstrativ ab. Er hatte sich mit seiner Einstellung genügend Feinde gemacht.
»Walter, bist du das«, scholl es jovial aus dem Tunnel heraus. Seyferd kniff die Augen zusammen und erkannte erfreut seinen ehemaligen Kollegen Emil Leschke. Der Kriminalkommissar war ein gutmütiges Schwergewicht, das sich von den Verbrechen und dem Leid, das ihm täglich begegnete, die gute Laune nicht verderben ließ. Sein Backenbart verdeckte beinahe den steifen Hemdkragen und sein Wanst spannte die Weste unter dem Jackett. Sie klopften sich gegenseitig ausgiebig auf die Schultern und freuten sich aufrichtig über ihre unverhoffte Begegnung. Leschke führte sie einige Meter in den Tunnel hinein, bis zu der Stelle, wo das geheimnisvolle Zeichen, von zwei Lampen beleuchtet, an der Tunnelwand prangte.
»Verstehe ich das richtig, wir sollen wegen dieser Schmiererei die geplante Fahrt absagen? Zwei Sonderzüge stehen für die Minister bereit. Kannst du dir auch nur annähernd ausmalen, welche Folgen das hätte?«
»Nicht so große, wie wenn den Ministern etwas passiert«, sagte Piscator hinter ihnen.
»Sie meinen, Anarchisten könnten einen Anschlag auf die Untergrundbahn planen?«, fragte Leschke, zum ersten Mal ohne ein Grinsen.
Piscator hatte nicht den Begriff Anarchisten verwenden wollen, aber da es die Bedeutung seiner Erklärung nicht sonderlich verfälschte und den Mann vielleicht eher zur Eile trieb, nickte er. Leschke ließ das Zeichen bestimmt ein Dutzend Mal fotografieren und den Polizeizeichner mehrere Skizzen anfertigen, um auch wirklich jedes Detail erfasst zu haben.
»Das ist Phosphor, jemand gibt sich große Mühe, dass sie auch bemerkt werden.«
»Also, Professor, was halten Sie davon?«, fragte Seyferd.
»Schwer zu sagen. Es ist zwar identisch, aber diesmal nicht verbunden mit einem Unglück.«
»Vielleicht steht uns das noch bevor.«
»Wir hatten Fachleute in den Tunneln, die nach Schäden oder etwas Verdächtigem suchten. Erfolglos«, erklärte der Kommissar und kratzte sich am Kopf, »wir können die Fahrt nicht aufhalten, ohne konkrete Hinweise auf eine Gefahr. Die erste Bahn wird pünktlich losfahren und die zweite folgt ihr im Abstand von zehn Minuten, es bleibt also nicht viel Zeit.«
»Wir müssen tiefer in den Tunnel hinein«, sagte Seyferd.
»Das fürchte ich auch.« |