Genshiken (Sammelbox)
DVD, PAL
Folgen 1-5, Episoden 1-12
Anime Virtual S.A. German Version
Studio: Kodansha
ca. 450 min
Ton: Deutsch, Japanisch, Französisch, deutsche, schwedische, französische, holländische und polnische Untertitel
2008 erschienen
FSK: ab 12 Jahren
Mit Bonusmaterial
Preis: 65, 95 €
Saki Kasukabe wechselt auf die Universität und läuft gleich am ersten Tag einem äußerst gut aussehenden jungen Mann über den Weg. Saki ist begeistert und versucht sofort, den jungen Mann für sich zu gewinnen. Im Gespräch ergibt sich, dass sich beide schon aus der Grundschule kennen – und Makoto Kosaka ein Otaku (Otaku = extremer Fan) ist! Das schockt Saki, denn Otakus sind nicht gerade beliebt und stehen in dem Ruf, mehr als eigenartig zu sein. Aber da Makoto so gut aussieht, will sie ihn nicht aufgeben. Allerdings kann sie weder verhindern, dass Makoto in den Manga- und Animeclub Genshiken eintritt, noch dass sich Makoto von seinen geliebten Mangas, Animes und Spielen abbringen lässt. So bleibt ihr nichts anderes übrig, als ebenfalls im Clubraum rumzuhängen oder zuzusehen, wenn Makoto wieder eins seiner Spiele ausprobieren will, denn sonst würden sie sich überhaupt nicht sehen. Sogar zu Cons (Conventions = Fantreffen auf Manga- und Animeausstellungen) geht sie mit – aber nichts und niemand bringt sie dazu, in den Club eintreten zu wollen! Überhaupt versteht sie nicht, was an zweidimensionalen Figuren so toll sein soll, dass man alles andere dafür stehen und liegen lässt und Unsummen von Geld ausgibt. Als einziges Mädchen im Clubraum muss sie sich außerdem immer wieder dagegen wehren, als sexy Cosplayerin (Cosplay = Verkleidung als Anime- oder Managafigur) Werbung für den Club zu machen. Als schließlich doch noch ein Mädchen in den Club eintritt, freundet sie sich mit ihr an, stellt aber fest, dass Kanako Ono genauso verrückt wie ihre männlichen Gegenstücke ist. Aber dann soll Genshiken wegen »zu wenig Aktivitäten« aufgelöst werden ...
Ein Anime über Animefans inklusive einem Anime im Anime und vielen Extras – was will ein Fan mehr? Zudem wird das Fansein gut abgebildet, wobei der Fokus allerdings leider auf den männlichen Fans und ihren (unrealistischen) Frauenträumen liegt. Die beiden Mädels werden entweder als intolerant gegenüber (männlichen) Fans oder als total verträumt und weltfremd dargestellt, wobei Kanako eine nette, aber willenlose Puppe ist, die alles macht, was man ihr sagt, was man besonders gut beim Cosplay sehen kann: Hierfür wirft sie sich, wenn vom männlichen Publikum gewünscht, in sexy Dresses und Posen. Saki dagegen kann nicht verstehen, wie frau sich für so was hergeben kann. Püppchen Kanako als weiblicher Otaku ragt, abgesehen vom Cosplay, eigentlich nur dadurch heraus, dass sie Fan von älteren, glatzköpfigen männlichen Manga- und Animefiguren ist, wobei man sich durchaus fragen kann, ob das nicht auch Männerträumen geschuldet ist, weil sich »mann« gerade im fortgeschrittenen Alter gern mit jungen, natürlich gut aussenden Frauen schmückt. Da kommt ein junges, hübsches Ding, das hässliche, ältere Männer mag, gerade recht, v.a. wenn man an die japanische Praxis denkt, dass Schülerinnen und Studentinnen ihren Körper an ältere Männer verkaufen, um sich von dem Geld teure, exklusive Sachen leisten zu können. Auffällig ist in diesem Zusammenhang auch, dass die beiden Mädels hübsch anzusehen sind, während das Aussehen der männlichen Otakus – sagen wir mal – von hübsch zu weniger hübsch schwankt. Eigentlich bestätigt dieser Anime nur das Vorurteil (?), dass Jungen/Männer, die keine Freundin haben, einen Ersatz brauchen. So füllt denn auch ein Gutteil des Schrankes, in dem die Animes der Otakus aus »Genshiken« aufbewahrt werden, die Erotikanimes und -games.
Ansonsten gehen allerdings die Meinungen von dem, was man unter einem Fan zu verstehen hat, im Westen und in Japan auseinander. Hier umfasst der Begriff »Otaku« v.a. die Manga- und Animefans, die diesen Begriff voller Stolz verwenden, in Japan versteht man darunter extreme, weltfremde Fans aller Sparten, und der Begriff ist im Gegensatz zum Westen somit negativ besetzt. Außerdem reicht im Westen die Spannbreite der Fans (nicht nur von Manga- und Animefans) von losem Fantum über tolerante, weltnahe Fans bis hin zu extremen, weltfremden und/oder z.T. sehr engstirnigen Fans (die zum Glück in der Minderzahl sind). Wenn man weibliche und männliche Fans vergleicht, stellt sich meiner Erfahrung nach heraus, dass die weiblichen Fans tendenziell (also nicht immer) kommunikativer und weltnäher als ihre männlichen Gegenstücke sind – aber da darf man mir gerne widersprechen!:)
Dem Fantum sowohl im Osten als auch im Westen gemeinsam ist allerdings, dass es sich nicht nur auf eine Sache beschränkt, wobei der einzelne Fan natürlich auch seine Vorlieben hat. So gehören nicht nur die Mangas und Animes dazu, sondern auch das Merchandise zu den beliebten Mangas und Animes, PC-, Video-, Konsolen- und sonstige Spiele, Cosplay (Schneidern von Kostümen, Sich-Verkleiden in eine Animefigur und Präsentation der Kostüme vorzugsweise auf einem offiziellen Fantreffen), das Zeichnen von Doujinshi (Fanzeichnungen zu beliebten Mangas und Animes), das Bauen und Anmalen von Modelkits, überhaupt das Kreativsein, indem man malt, zeichnet, schreibt, sich Kostüme schneidert und sich außerdem über seine Lieblingsserien, -spiele usw. austauscht – oft mit überraschenden Sachkenntnissen der Materie und z.T. tiefgehenden Analysen und Interpretationen über den gerade konsumierten Anime oder Manga. Da wird jeder Deutschlehrer blass vor Neid, wenn er daran denkt, dass er nicht einmal ein Viertel dieses Potentials zum Analysieren und Interpretieren für seine Stunden nutzen kann.
Das generelle Fansein (sieht man einmal vom Fokus auf männliche Fans ab) spiegelt der Anime sehr gut wider, aber auch, wie Außenstehende auf Fans reagieren. Und da ist der Unterschied zwischen Osten und Westen nicht sehr groß. Fans müssen sich immer mit Vorurteilen und Unverständnis herumschlagen, v.a. dann, wenn sie Fans einer kaum bekannten Nischenkultur sind.
Der Soundtrack ist fröhlich-lustig, die Zeichnungen gelungen. Hierbei fallen aber Unterschiede zu »Genshiken« selbst und dem Anime im Anime, »Kujibiki Unbalance«, auf: Genshiken pflegt einen eher realistischen, mehr ins Detail gehenden Zeichenstil, während die Zeichnungen für Kujibiki sehr einfach und comichaft gehalten sind, heißt: Das Kindchenschema des Gesichtes kommt mit riesigen Kulleraugen und winzigen Nasen und Mündern voll zum Tragen; man setzt auf einfache Linienführung und die Farbgebung ist nicht so ausdifferenziert wie bei Genshiken. Da wird schon durch die unterschiedlichen Zeichenstile deutlich, dass Genshiken an der Realität angelehnt ist, während Kujibiki nur dazu da ist, (männliche) Fanträume zu verwirklichen. Wobei man positiv anmerken kann, dass die weiblichen Figuren von Kujibiki wenigstens keine Hungerhaken mit Riesenbrüsten sind, sondern dass gerade die untere Hälfte des weiblichen Körperbaus vom Becken an rundlich gezeichnet wurde und die Brust eher proportional aussieht. Auch die Story von Kujibiki ist wie die Zeichnungen eher simpel gestrickt: Ein Mädel verliebt sich in einen netten, aber verhuschten Jungen und kann (bzw. will) diese Gefühle nicht zeigen, sodass sich automatisch Verwicklungen für eine Liebesstory ergeben.
An Extras erwartet den Fan ein bunter Strauss an Bonusmaterial wie z.B. Sticker, der Anime im Anime »Kujibiki«, Postkarten, Pappfigürchen zum Basteln, Interviews mit den Synchronsprechern und Machern zu Genshiken und Kujibiki und ein über 20-seitiges, bebildertes Booklet mit Infos zu Genshiken und Fantum.
Fazit:
Für männliche Otakus top, da das Fansein aus männlicher Perspektive geschildert wird. Weibliche Otakus dagegen finden sich in diesem Anime kaum wieder, da die Frau wieder einmal nur als Objekt männlicher Begierde fungiert und weibliche Vorstellungen und Wünsche deshalb so gut wie gar nicht berücksichtigt werden.
© Ulrike Dansauer |