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Filmrezensionen Horror / Grusel

HAPPY END
BRD 2005
Regie: Daniel Stieglitz
mit Matthias Scherwenikas, Katharina Schwarz, Brunhild Falkenstein, Erwin Leder, J.E. Rasch, Vroni Kindermann.
Farbe – 102 Minuten

Ein Film für 7000 Euro. Das ist ein Standard, auf dem sich die Amateurriege in diesem Lande bewegt (manche sogar schon darüber hinaus). Ein Amateurfilm also? Ja und nein. Es ist das Werk einiger Besessener der Kunsthochschule Kassel, die eigentlich einen 15minütigen Kurzfilm zum Thema Angst planten und es dann doch zu einem Spielfilm ausweiteten. Dafür konnten ein paar Schauspieler mit ein wenig Fernseherfahrung gewonnen werden, sowie Erwin Leder, der schon seit dreißig Jahren im Geschäft ist. Alle haben weitestgehend auf Gage verzichtet.
Leo ist Schriftsteller. Nachdem er einen Roman veröffentlicht hat (Kommentar des Friedhofswärters: „Meine Mutter hat Deinen Roman gelesen – und sie fand ihn Scheiße. Gott sei Dank hat meine Mutter keine Ahnung von Literatur“), fällt er in ein großes Loch. Ihm fällt Nichts ein. Also tut er das, was jeder ideenlose Schriftsteller tut: Er sorgt für einen Tapetenwechsel. Er zieht also in ein fremdes Mietshaus, in dem mit ihm nun vier Parteien wohnen. Zwei Personen sind sehr abweisend. Nur eine alte Dame zeigt Interesse an dem neuen Mieter. Seine langjährige Freundin ist von der neuen Wohnung gar nicht begeistert. Also bringt er das Ding erst einmal auf Vordermann. Vor ihm wohnte hier ein Mann mit seiner minderjährigen Tochter, die schon vor langer Zeit bei einem Autounfall ums Leben kamen. Aber da scheint es ein Geheimnis zu geben. Leo wird mit einigen merkwürdigen Sachen konfrontiert, die scheinbar Geistererscheinungen sind. Immer wieder spielt dabei das kleine Mädchen eine Rolle. Er findet eine Art Tagebuch von ihr, in der sie aus ihrem Leben mit ihrer imaginären Freundin erzählt. Leo beginnt zu forschen, auch aus eigenem Interesse, denn er wittert ein neues Buch. Er stellt fest, dass das Mädchen in psychiatrischer Behandlung war. Ihr Vater war ein Alkoholiker, doch weder beim Jugendamt noch bei Ärzten konnte man Misshandlungen des Mädchens feststellen. Die Nachbarn haben da ganz andere Erinnerungen. Sie sind es auch, die den Plan schmieden, mittels einer durchschnittenen Bremsleitung des Autos den Vater umzubringen. Dummerweise steigt das Mädchen mit ein. Leo kann das Puzzle zusammenfügen, doch ein Geheimnis bleibt noch offen…
Dieses Geheimnis zu schildern wäre das Falscheste, was man tun kann. Auch wenn manch ein Neunmalkluger hinterher sagen wird, dass er es geahnt hätte – ich würde es nicht glauben. Die Endlösung kommt so überraschend, dass es einen umhaut. Wie man überhaupt sagen muss, dass der Film mit einigen hübschen Ideen aufwartet. Ich will es mal so formulieren: Das Ding hat mich schlicht begeistert. Mit einfachsten Mitteln, ohne technischen Aufwand, wird hier ein erstaunlich hohes Maß an Atmosphäre und Spannung erzeugt. Dass der Film nur mit einfachem Videoequipment gedreht ist, sieht man ihm an und man braucht eine gewisse Zeit, um sich daran zu gewöhnen. Diese Zeit überspielt er mit einigen netten einführenden Gags. Der Hauptdarsteller Matthias Scherwenikas hat für mich das Zeug zu einer größeren Zukunft. Er muss den gesamten Film beinahe ganz allein tragen und meistert diese Aufgabe mit Bravour. Er hat die Ernsthaftigkeit, wo sie nötig ist und er hat die entscheidende ironische Distanz zu seiner Rolle, die es ihm erlaubt, auch mal eine augenzwinkernde Bemerkung zu machen, oder einen lockeren Spruch zu bringen, ohne dass er lächerlich wirkt. Man kauft ihm diese Rolle einfach ab. Er schafft es wirklich, das Interesse des Zuschauers aufrecht zu erhalten. Unterstützt wird er dabei von einer zwar unerfahrenen, aber dennoch sehr effektiven Regie und Kameraarbeit. Es gibt einige kleine Unlogiken in den Geisteraktivitäten, aber die sind verzeihlich. Diese Sachen dienen dazu, den Film lebendiger zu machen – und einige der Schockeffekte sind richtig gut gelungen. Die Story ist exzellent, recht gut durchdacht und vor allem gut aufgebaut. Der Zuschauer erfährt nie mehr als der Protagonist und erlebt so die Entdeckungen und Fehlschläge voll mit. Und spannend ist der Film allemal.
Hut ab, HAPPY END. Ist der beste Deutsche Horrorfilm seit ewigen Zeiten. Ich wünschte mir mehr Leute, die ihren eigenen Enthusiasmus so umsetzen könnten und dabei ihr Publikum ernst nehmen. Meist wird auf diesem Sektor (sprich Amateurfilm oder Semi-professioneller Film) nur dummdreistes, häufig schlecht gefilmtes und wenig durchdachtes blutiges Schlachten geboten. Daniel Stieglitz dreht derzeit seinen Abschlussfilm. Da darf man guter Hoffnung sein.

© Norbert Aichele

 

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