MADEINUSA
Peru/Spanien 2005
Regie: Claudia Llosa
mit Magaly Solier, Yiliana Chong, Carlos Juan de la Torre, Juan Ubaldo Husmán.
Farbe – 100 Minuten
Irgendwann kommt der Tag, wo es selbst einem wie mir, der von sich glaubt, alles gesehen zu haben, die Sprache verschlägt. Obwohl ich in keiner Weise ein religiöser Mensch bin, hat es mich schon etwas umgehauen, als ich diesen Film gesehen habe. Und ich kann mir vorstellen, dass unsere liebe Kirche mal wieder Amok gelaufen wäre (oder Herr Stoiber wieder nach einem Verbot geschrien hätte), wenn der Film von einem normalen deutschen oder amerikanischen Regisseur gewesen wäre und nicht das Regiedebut einer jungen peruanischen Regisseurin, die mit ihrem Film auf diversen Filmfestspielen schon Beachtung gefunden hätte.
Wir befinden uns in Manayaycuna, einem entlegenen kleinen Dorf in den Anden, an dem die Zivilisation weitestgehend vorbei gegangen ist, es gibt nicht einmal elektrischen Strom. Hier lebt das Mädchen Madeinusa, Tochter des Bürgermeisters. Ihre Mutter ist schon vor langer Zeit aus dieser Einöde geflohen und nach Lima, der Hauptstadt Perus, gegangen. Sie hat ihrer Tochter lediglich ein paar bunte Ohrringe hinterlassen, die Madeinusa hütet wie einen millionenschweren Schatz. Eines Tages kommt der junge Fotograf Salvador in das Kaff. Eigentlich ist er nur auf der Durchreise, doch widrige Umstände halten ihn hier fest. In ihm sieht Madeinusa die Chance, ihrer Mutter zu folgen. Aber erst einmal steht das Fest der `Heiligen Woche´ an. Während dieser Zeit, die eigentlich kein Fremder sehen darf, wird Jesus vom Kreuz genommen und ihm werden die Augen verbunden. Das ganze Dorf feiert ausgelassen und jeder darf tun und lassen was er will – Gott kann es ja nicht sehen. Da wird Ehebruch betrieben, ohne dass es Konsequenzen seitens der Ehegatten gibt (denn dieser treibt es inzwischen woanders), der Vater darf mal an die Tochter `ran etc. Es wird gesoffen und gefressen, bis man platzt. Madeinusa, gerade zur schönsten Jungfrau des Dorfes gekürt, lässt sich kurz mit Salvador ein, weil sie hofft, dass er sie mit nach Lima nehmen würde. Ihr Vater, der seit langer Zeit darauf wartet, in dieser Woche (die im übrigen nur drei Tage dauert) seine Tochter entjungfern zu können, ist entsetzt, nimmt sie aber trotzdem `ran. Danach zerstört er ihre Ohrringe, was Madeinusa dazu bringt, ihren eigenen Vater zu töten. Wohlgemerkt nur wegen der Ohrringe, die für sie das höchste Gut auf dieser Erde darstellen. Salvador wird Zeuge dieses Mordes. Um selbst den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, gelingt es ihr, ihm den Mord in die Schuhe zu schieben. Am Ende sitzt sie allein in dem Wagen, der sie nach Lima in eine ungewisse Zukunft bringt.
Der Film ist für manch Einen, selbst für mich, eine Art Kulturschock. Das zentrale Thema des Films ist die Zerrissenheit Madeinusas zwischen den Traditionen ihres Dorfes und den großen Hoffnungen, durch eine Flucht in die grosse Stadt eine Zukunft zu haben. Das ist eine emotionale Achterbahnfahrt für den Zuschauer, die exzellent von der Hauptdarstellerin Magaly Solier `rüber gebracht wird. Die einfache, eher noch einfältige Denkweise Madeinusas macht einem Angst. Was weiß dieses Mädchen schon von der Welt da draußen, wenn sie glaubt, dass das Signum `Made In USA´, welches sie im Hemd Salvadors zu sehen bekommt, ihr Name ist. Sie glaubt tatsächlich, dass er es ihretwegen trägt.
Hart wird es, wenn der Film sich dem Fest zuwendet, bei dem jegliche Moral über den Haufen geworfen wird. Für den Zuschauer wird es problematisch, da der Film keinerlei Distanz wahrt, die es erlaubt, das Geschehen von Außen zu beobachten. Obwohl explizite Szenen weitestgehend ausgespart werden, kann es einem schon zuweilen übel werden. Ich habe seit Langem nicht mehr so etwas Krankes oder Perverses gesehen, obgleich es eben nur angedeutet und nicht direkt gezeigt wird. Dass man es trotzdem hin nimmt, liegt wohl daran, dass der Film den Betrachter zu diesem Zeitpunkt längst gepackt hat und man vor allem an den Erlebnissen von Madeinusa Anteil nimmt. Das Ende schließlich ist nur konsequent und folgerichtig. Sie hat gar keine andere Wahl mehr.
Formal ist an dem Film eigentlich fast Nichts auszusetzen. Er ist ehrlich, schonungslos und zuweilen richtig dreckig. Die Erzählweise ist ruhig, sehr emotional. Es gibt keine hektischen Kamerafahrten, keinen technischen Schnickschnack. Hin und wieder ist er nur etwas unglücklich in seiner Schnittfolge. Manche Brüche sind etwas zu hart, sodass man zuweilen aus dem Rhythmus geworfen wird. Für Liebhaber hollywoodscher Hochglanzbilder ist der Film rein gar nichts. Er ist meist eher hässlich, hat nur selten schöne Bilder, die das Auge verwöhnen könnten. Er funktioniert auf rein emotionaler Basis und wer nicht in der Lage ist, in diese Welt einzusteigen, dem wird irgendwann einfach langweilig oder übel.
Dieser Film läuft in Deutschland nur in der Originalfassung mit Deutschen Untertiteln. Das muss auch so sein, wenn er funktionieren soll. Es ist eine angenehme Erfahrung, dass es noch Filmverleiher gibt, die den wahren Wert eines Filmes kommerziellen Erwägungen vorziehen.
© Norbert Aichele |