LOVE LETTER
Japan 1995 – Regie: Shunji Iwai – mit Miho Nakayama, Etsushi Toyokawa, Bunjaku Han, Katsuyuki Shinohara, Miki Sakai, Takashi Kashiwabara.
Romantik-Drama
Farbe – 116 Minuten.
Obwohl der Film schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, kann ich nicht umhin, dieses Werk noch zu besprechen, zumal ich ihn erst kürzlich zum ersten Mal gesehen habe. Wenn ein Film mich so fasziniert, dann kann ich nicht schweigen, egal wie alt er ist und woher er kommt.
Liebesdramen sind nicht jedermanns Sache. Deshalb sei jeder hier vorgewarnt, dem romantische Gefühle in Filmen fremd sind. Ebenso jene, die vor einem Film nicht weinen können, sei es aus Freude oder Trauer. Nennt mich weibisch, aber ich brauche solche Gefühle, sonst kann ich keinen Film, egal aus welchem Genre, richtig wahrnehmen.
Der Streifen erzählt eine Geschichte, wie sie wohl nur in Ostasien vorkommen kann, weil es dort keine solch strikten Namentrennungen zwischen männlich und weiblich gibt wie in der westlichen Welt.
Am Anfang lernen wir Hiroko Watanabe kennen, eine junge Frau, die vor zwei Jahren ihren Freund Itsuki Fujii verlor. Nach der Jahresfeier seines Todes stöbert sie mit seiner Mutter in alten Dokumenten herum, wo sie im Jahrbuch seiner alten Schule auf eine Adresse stößt, unter der Itsuki vermeintlich wohnte. Sie schickt auf blauen Dunst einen Brief dort hin, mehr aus Sentimentalität. Zu ihrer Verblüffung erhält sie eine Antwort – von Itsuki Fujii. Es stellt sich bald heraus, dass Itsuki eine junge Frau ist, die mit Hirokos Freund nicht nur zur Schule ging, sondern auch in der gleichen Klasse war. Es entwickelt sich eine Brieffreundschaft zwischen den Frauen. Hiroko beginnt etwas zu erfahren über jenen Mann, den sie zu heiraten gedachte, der aber immer etwas scheu und merkwürdig war. Itsuki berichtet ihr von der Schulzeit, in der Beide unter der Namensgleichheit zu leiden hatten, weil sie von den Mitschülern permanent gehänselt wurden und es zu peinlichen Verwechslungen kam. Aber Itsuki beginnt sich nun mittels der Briefe ihrer Vergangenheit zu stellen und über den Jungen nachzudenken, mit dem sie auf so seltsame Art verbunden war. Jahrelang verdrängte sie es, weil es ein schmerzlicher Teil ihrer Erinnerungen war. Aber nun beginnt sie die guten Seiten zu erkennen und gleichzeitig zu begreifen, dass sie eine große Zuneigung zu ihm hatte. Am Ende muss sie feststellen, dass sie ihn eigentlich geliebt hatte und – was sie nie erkannt hatte – dass er sie ebenfalls liebte. Für Hiroko bleibt die Erkenntnis, dass sie doch nicht die erste Frau in seinem Leben war. Aber gerade dass hilft ihr, mit sich und dem Verschiedenen ins Reine zu kommen, um sich ihrem neuen Freund hingeben zu können.
Schon die Story ist von einer wunderschönen Poesie, die streckenweise in traumhaften Bildern eingefangen wird. Das Ganze wird ruhig und mit sehr viel Gefühl erzählt, mit Hingabe gespielt. Was mir immer wieder bei derartigen Filmen aus Ostasien auffällt, ist, dass sie im Gegensatz zu westlichen Liebesfilmen nur selten richtig schnulzig und kitschig werden und nie vordergründig auf die Tränendrüsen drücken. Gerade Letzteres führt aber dazu, dass man bei diesen Streifen dann doch mehr Taschentücher verbraucht als bei den meist platten Filmen des Westens. Das gilt eben besonders für LOVE LETTER. Man wird emotional einfach gepackt von beiden Charakteren, die so gespielt und inszeniert sind, dass man als Zuschauer sich gleichermaßen mit Beiden auch identifizieren kann. Und es gibt diverse Szenen, die so groß und so schön, von so unglaublicher Erhabenheit, sind, dass sie den Betrachter ganz einfach umhauen, ohne dass die Szenen wirklich aufgesetzt sind. Sie sind ganz schlicht eine Konsequenz der Geschichte.
Wenn kurz vor Schluss Hiroko trotz widriger äußerer Umstände auf den Berg zu geht, bei dessen Besteigung ihr Freund gestorben ist, um eben diesen schreiend zu fragen, wie es ihm geht, dann sitzt man einfach nur ergriffen da und krallt seine Finger in die Armlehnen seines Sitzes. Und wenn dann Itsuki ganz am Ende die Verleihkarte des letzten Buches, das der Junge in der Schulbibliothek ausgeliehen hatte, umdreht, dann reicht selbst ein Bettlaken zum Auffangen der Tränen nicht mehr aus.
Der Film hat sich mit nur einer Aufführung in die Top Ten meiner persönlichen All-Time-Favourite-Films hineinkatapultiert. Danach habe ich ihn mir innerhalb von zwei Wochen sechs Mal angesehen. Und wenn ich ihn zum hundertsten Mal sehe, dann werde ich wohl immer noch ergriffen sein.
Der Film ist meines Wissens in Deutschland nicht erschienen, was sicherlich schade ist. Andererseits halte ich das Ding für unsynchronisierbar, da die Stimmen und die Betonungen der Schauspieler so immens wichtig für die Stimmung des Films sind, das eine Synchronisation vielleicht sogar alles zerstören könnte.
© Norbert Aichele
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