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Rezension - Kolonie im Meer

John Wyndham, Carl Dietrich Carls
Kolonie im Meer


Science-Fiction, Hörspiel
DAV Der Audio Verlag, Berlin-Charlottenburg, Februar 2008
2 Audio-CD, 131 Minuten, 19,99 €
ISBN: 9783898137034

Während ihrer Hochzeitsreise beobachten Phyllis und Mike, britische Journalisten, von dem Ausflugsdampfer aus, wie mehrere Feuerbälle Kometen gleich, in den Atlantik stürzen. Diese Phänomene werden noch mehrfach gesichtet und erregen weltweite Aufmerksamkeit. Auch Mike und Phyllis klemmen sich hinter die Story und versuchen gemeinsam mit dem Wissenschaftler Dr. Bocker, die Ursachen für diese seltsame Invasion zu ergründen, denn dass es sich um eine solche handeln muss, beweist der Umstand, dass seit den Abstürzen der sonderbaren Feuerkugeln immer mehr Schiffe spurlos verschwinden. Zuerst werden die Russen verdächtigt, doch als diese zugeben ebenfalls zu den Geschädigten zu gehören, wird erstmalig eine extraterrestrische Bedrohung in Erwägung gezogen. Als schließlich die ersten Inseln angegriffen und entvölkert werden, bricht das Chaos aus. Die Wirtschaft bricht weltweit zusammen und die Menschheit kämpft ums nackte Überleben. Gegen eine unbekannte Macht aus dem Weltall – und gegen sich selbst …

Wendet man sich der klassischen Science-Fiction-Literatur zu, fallen häufig Namen wie Herbert George Wells, Jules Verne und vielleicht noch Stanislaw Lem. John Wyndham ist weitestgehend unbekannt, und doch ist er der Autor hinter dem Roman Die Triffids, der im Jahr 1961 unter dem Titel Blumen des Schreckens verfilmt wurde. Dies ist zugleich sein bekanntestes Werk, und doch hat er noch eine Vielzahl weiterer Storys und Romane verfasst, deren zentrales Motiv fast immer eine Invasion außerirdischer Aggressoren ist, was ihm häufig den Vorwurf einbrachte, H.G. Wells Krieg der Welten in immer neuen Variationen zu kopieren. Doch Wyndham ging die Thematik jedes Mal aufs Neue an, und verlieh seinen dystopischen Schreckensszenarien einen Hauch düsterer Authentizität durch die plastische Beschreibung der unmittelbaren Auswirkungen auf die Menschheit im Allgemeinen und die Protagonisten im Speziellen. Insbesondere Kolonie im Meer (The kraken wakes) ist hierfür ein Musterbeispiel, und was zu Beginn noch recht harmlos beginnt, steigert sich im Verlauf der Handlung zu einer Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes. Der WDR hat diese großartige Story im Jahr 1967 für das Radio vertont. Herausragende Sprecher, wie Hansjörg Felmy, Dieter Borsche, Xenia Pörtner und Christian Brückner wurden für die Hauptrollen verpflichtet und agierten mit einer Lebendigkeit und Inbrunst, wie man sie heutzutage in den sauber abgemischten Fließbandproduktionen nur noch selten findet. Auf zwei CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 131Minuten, was einem abendfüllenden Spielfilm entspricht, entfaltet sich im Kopf des Hörers eine beklemmend realistische Schilderung einer Invasion, wie sie durchaus denkbar wäre. Vor allem die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen werden in diesem Hörspiel eindringlich und glaubhaft dargestellt, dass einem Schauer über den Rücken laufen. Der wirklichkeitsgetreue Effekt, wie er seinerzeit von Orson Wells in seinem legendären Hörspiel The War of the Worlds bereits erzielt wurde, wird durch dadurch unterstützt, dass es praktisch keine Musikuntermalung gibt. Die Geräusche klingen so echt, wie man es von einer Tonbandaufnahme aus den späten Sechzigern erwarten darf, und wurden auch nicht künstlich aufgepeppt. Beispielhaft ist dabei eine Szene, in der ein Reporter live einen Angriff der Unbekannten dokumentiert. Das offene Ende, wie auch der abrupte Anfang des Hörspiels, wirkt auf den Hörer wie ein kalter Guss. So plötzlich er in das Geschehen hinein katapultiert wird, so schnell wird er auch wieder herausgerissen, immerhin mit der Gewissheit eines der intensivsten und realistischsten Science-Fiction-Hörspiele in deutscher Sprache erlebt zu haben. Das rechtfertigt auch den nicht gerade kleinen Preis.

Die äußere Gestaltung des Hörspiels ist minimalistisch und treffend. Viel Mühe wurde sich mit dem aufklappbaren Digipack gegeben, das von zahlreichen Unterwasserfotos geziert wird, die zwar nicht unmittelbar mit der Handlung zu tun haben, in ihrer Stimmung aber fabelhaft zu der Atmosphäre des Hörspiels passen. Das Booklet hat alles, was es haben sollte: ein Foto des Autors, nebst Vita, ausführliche Informationen zu den Sprechern und ein lesenswertes Essay zu der Original-Geschichte von John Wyndham.

Fazit:
Ein großartiges Science-Fiction-Hörspiel nach dem Klassiker von John Wyndham. Erschreckend realistisch, beklemmend inszeniert und so spannend wie ein Hollywood-Blockbuster.

Copyright © 2011 by Florian Hilleberg

 

© by 2011
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