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Rezension - Unverstanden

Karen Slaughter
Unverstanden
Originaltitel: Martin Misunderstood
Übersetzung: Klaus Berr

Thriller, Taschenbuch
Blanvalet (Verlagsgruppe Random House), München, März 2009
176 Seiten / 6,95 €
ISBN: 9783442372812

Martin Reed ist ein Versager, wie er im Buche steht. Der Single-Mann wohnt bei seiner Mutter, die ihn pausenlos mit abschätzigen Scherzen triezt und ihm wegen seines blassen unförmigen Aussehens rät, zu Prostituierten zu gehen, um überhaupt mal zu Schuss zu kommen. Seine Arbeitskollegen in der Firma für Hygiene- und Industrietoilettenbedarf, in der er Verkäufer und zum Teil auch Buchhalter ist, nennen ihn Schlappschwanz, Trottel und Blödmann, kleben ihm riesige Dildos auf den Tisch und natürlich hat er das beliebteste Büro von allen – genau neben den Toiletten. Unique, seine kleptomanisch veranlagte, dunkelhäutige und beleibte Mitarbeiterin, deren Chef er eigentlich ist, kommandiert ihn herum und erniedrigt ihn, wie alle anderen auch, bei jeder sich bietenden Gelegenheit.
Eines Tages findet Martin sein Auto beschädigt vor: Die Stoßstange ist halb abgerissen. Bei der Untersuchung des Schadens schneidet sich Martin an den scharfen Bruchkanten und blutet auf das Metall. So beschmutzt er auch seinen Aktenkoffer, der sich nach der Behandlung mit chemischem Reiniger als 300 Dollar teures Lederimitat herausstellt. Martins Tag wird aber erst so richtig mies, als Detective Anther Albada vom Morddezernat auftaucht und Martin wegen des Mordes an seiner Kollegin Sandy verhaftet, die mit dem Auto dreimal brutalst überrollt wurde. Die Ermittlerin, deren lesbische Freundin, die vor zwei Jahren an Brustkrebs starb, nur eine Erfindung war, um lästigen Fragen der Polizei-Kollegen zu ihrem Privatleben zu umgehen, sieht sich mit einer eindeutigen Beweislage konfrontiert: Das Blut des Opfers ist auf Martins demoliertem Wagen, und der Aktenkoffer – neben dem Wagen die vermeidlich gesuchte stumpfe Hiebwaffe, die Sandy tötete – löst sich gerade wegen des Reinigungsmittels in seine Einzelteile auf. Zudem weigert sich Martin beständig zu sagen, was er am Abend der Tat getrieben hat. Als dann auch noch Unique bestialisch zugerichtet auf den Toiletten der Firma tot aufgefunden wird, gibt es für Martin Reed keinen Ausweg mehr ...

Die Novelle »Unverstanden« von Karen Slaughter lässt keinen Stein auf dem anderen. Genüsslich zelebriert die 1971 in Atlanta, Georgia geborene Autorin ihre Demontage eines Thrillers. Jede Figur, die vorgestellt wird, ist entweder grenzdebil, der absolute Loser, pervers, kriminell und/oder ein psychisches Wrack. Der hilflos jedes noch so fiese Mobbing ertragende Protagonist macht alles falsch und ist so ein nutzloses menschliches Wesen, dass man ihm den sofortigen Romantod wünscht. Immer weiter entwickelt sich die Story einer Existenz, die so daneben ist, dass sie hochgradig artifiziell wirkt, konstruiert bis zum Gehtnichtmehr. Jede Wendung, jedes Detail zu den Charakteren wirkt wie ein aufgeblasenes Klischee und nimmt dem Roman jedweden Realitätsanspruch.
Wie es sich für einen Thriller gehört, gibt es am Ende die wenig überraschende Auflösung (um bei den Klischees zu bleiben), und auch was Martin am Abend des ersten Mordes tat, überrascht den halbwegs aufmerksamen Leser nicht wirklich. Was bleibt, ist ein großes Gefühl des Unverständnisses, was denn das gewesen sein soll, was man da gerade gelesen hat. Insofern ist »Unverstanden« schon ein recht guter Titel für den Roman – denn genau das wird er größtenteils bei den Lesern sein.

»Unverstanden« ist irgendwie faszinierend. Die vom Verlag als »Thriller« bezeichnete Novelle ist eine Groteske, eine hochgradig konstruierte Story, deren kriminalistisches Grundthema dadurch in den Hintergrund gedrängt wird, dass die Charaktere völlig überzogen dargestellt werden und reagieren. Das macht – wenn man sich darauf einlassen kann – irren Spaß, ist aber weder besonders spannend, noch rechtfertigt es die Bezeichnung »Thriller« in irgendeiner Weise. Dennoch merkt man Karen Slaughter die diebische Freude an, die sie vermutlich beim Schreiben der Geschichte gehabt hat. Seine Figuren zu demontieren, sie bis aufs Äußerste zu zerstören, macht beim Schreiben Spaß, darf aber nicht zum Selbstzweck werden. Hier wandert Karen Slaughter auf einem schmalen Grat und kippt ein ums andere Mal auf die Seite, auf der die Handlung zugunsten fragwürdiger Sexeinlagen und anderen unterhaltenden Blödsinns auf der Strecke bleibt. Insofern ist »Unverstanden« sehr zwiespältig – auf der einen Seite sehr unterhaltsam, wenn man auf den seltsamen Humor der Geschichte klarkommt, andererseits ein unterirdisch schlecht konstruierter Krimi ohne Überraschungen oder spannende Wendungen, der nur von der Beklopptheit seiner Charaktere lebt. Das spiegelt sich auch in meiner Wertung weiter unten wider.

Zudem tritt Blanvalet mit der Veröffentlichung in die Fußstapfen des Ullstein-Verlages, der mit »Hell Island« von Matthew Reilly erst neulich ein knapp 100-seitiges Großdruck-Büchlein als Taschenbuch auf den Markt warf und dafür knapp 7 Euro verlangte. »Unverstanden« schlägt in dieselbe Kerbe. Zwar hat das Taschenbuch mit 176 Seiten fast doppelt so viel »Substanz«, allerdings ist die Schrift ebenfalls riesig, und den 163 Seiten des eigentlichen Romans folgt noch eine 13-seitige Leseprobe aus dem kommenden Slaughter-Thriller »Zerstört«, der im Juni 2009 erscheinen wird. Der an sich nett gemeinte Bonus wird hier zum Füllmaterial, um den wiederum überteuerten Preis von 6,95 Euro für eine längere Kurzgeschichte zu rechtfertigen – ein fragwürdiger Trend, der sich da in diesem Jahr auf dem Taschenbuchmarkt auftut. Zudem hätte ein zusätzliches Lektorat dem Roman gut getan. Einige Rechtschreibfehler haben sich in den Text eingeschlichen, und die Figur »Anther« wird munter mal mit »An« (richtig) und mal mit »Ann« (falsch) abgekürzt. Wenn man schon so viel Geld für so wenig Text auf den Ladentisch legt, dann doch wenigstens für einen sorgfältig Korrektur gelesenen.

Bewertung:



© Sascha Vennemann

 

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